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Full text of "Philologus"

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Philologus 


J?arbart)  Collrgr  itbrarp 

KMOM  TMK 

PRICE  GREENLEAF  FUND 

Kcsiduary  legacy  of  $71 1,563  from  E.  Pricc  Greenleaf.  • 
of  Boston,  nearly  one  half  of  the  incotnc  from  . 
wliich  is  applied  to  Üic  cxpenses  of  the  '  \ 
College  Library. 


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I 


I 


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PHJLOLOGUS 

ZEITSCHRIFT 

FÜR 

DAS  CLASSISCHE  ALTERTHUM 

BEGRÜNDET 
von  F.  W.  SCHNEIDE  WIN  und  E.  t.  LEUTSCH 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

OTTOCBUSIUS 

IN  MÜNCHEN 

Supplementband  X. 


LEIPZIG 

DIKTERICH'SCHE  VERLAGSBUCHHANDLUNG. 

THEODOR  WEICHER 

1907. 


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1 


I 


Druck  ron  H.  Laupp  jr  in  TiibmKea 


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Inhalt  des  zehnten  Supplementbandes. 

Seite 

Untersuchung  zur  Geschichte  von   Kran.    Von  J.  Marguart.  II 

(Schluß)   1 

;  Die  Ueberlieferungsgeschichte  des  Horas.  Von  Fr.  Vollmer  .  .  259 
T)e  Senecae  Hercule  Qetaeo.  Scripsit  Aemiliiis  Ackermann  .  .  .  323 
Das  Aualeben  des  Clauselgesetzes  in  der  römischen  Kunatprosa. 

Von  77t.  Zklinski    .    ...  429 

r>ie  Philoatrate.    Von  Karl  Munscher   .    .  469 

Untersuchungen   über   die    Lucianische  Vita  Demonaetis.  Von 

K.  Funk  ,  ,  ,  ,  .  .  ,  ,  .  .  ,  .  .  ..  ,  ,  .  .  h£l 

Zum  Sprachenkampf  im  römischen  Reich.   Von  Ludwig  Hahn  .  675 


>o<zie 


PHILOLOGÜS 


ZEITSCHRIFT 


FÜR 


DAS    CLASSISCHE  ALTERTUM 


fRÜNDET 


F.  W.  8CHNEIDEWIN  und  E.  v.  LEUTSCH 


HERAUSGEGEBEN 


VON 


OTTO  CRUSIUS 

IN  MÜNCHEN 


Supplementband  X,  Heft  1. 


LEIPZIG, 
DIETEBICH  SCHE  VERLAGSBUCHHANDLUNG. 


InsehtraKse  10. 

1905. 


Erstes  Heft 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.   Von  J.  Marquart.  II. 


Ausgegeben  am  10.  Juli  1905. 


Von  demselben  Verfasser  erschien  früher: 

Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 

(Separatabdruck  aus  dem  54.  und  55.  Bande  des  Philologus.) 

Heft  1.   8°.    VI  u.  72  S.   Geh.  M.  1.80. 

Vergleiche :  Berliner  philologische  Wochenschrift  1897  No.  38.  — 
Lusac's  Onental  List. 

Fundamente  israelitischer  und  jüdischer 
Geschichte. 

8°.   VIH  u.  75  S.   Geh.  M.  3.—. 

Vergleiche:  Deutsche  Litteraturzeitung  1898  No.  3.  —  Theol. 
Rundschau  I,  2.  —  Göttingsche  Gelehrte  Anzeigen  1897  No.  8. 

Chronologische  Untersuchungen. 

(Separatabdruck  aus  dem  VII.  Suppl.-Bd.  des  Philologus.) 

Vergleiche:  Berl.  phil.  Wochenschrift  1900  No.  35.  —  Orienta- 
lische Utteraturzeitung  1900  No.  4  u.  5.  —  Book  Circular  New  Serie* 
No.  7.  —  Neue  Phil.  Rundschau  1900  No.  7. 

Die  Chronologie  der  alttürkischen 
Inschriften. 

*8°.   VII  u.  112  S.   Geh.  M.  4.—. 

Vergleiche:  Göttingische  Gelehrte  Anzeigen  1899  No.  5.  -- 
Jahresberichte  der  Geschichtswissenschaften.  —  Byzantinische  Zeitschrift 
Bd.  VIII  Heft  25.  —  Revue  critique  1899  No.  4.  —  Museum  1899  No.  6/7. 


I 


•  I 

*  *      '«  I 


I.  Die  Namen  der  Magier. 

In  der  syrischen  Schatzhöble  wird  erzählt,  wie  die  Magier 
bei  der  Erscheinung  des  wunderbaren  Sternes  voll  Bestürzung  in 
ihren  gelehrten  Büchern  forschten  und  nun  im  Orakel  des 
N  i  m  r  o  d  l)  fanden ,  dass  ein  König  in  Juda  geboren  werden 
würde.  Sofort  verliessen  sie  den  Osten  und  zogen  mit  Geschenken 
an  Gold,  Weihrauch  und  Myrrhen,  die  sie  in  den  Bergen  von 
Nod  geholt  hatten,  zum  neuen  Könige,  um  ihm  ihre  Huldigung 
darzubringen.  „Die  folgenden  aber  sind  diejenigen,  welche  Opfer 
darbrachten,  Könige  und  Söhne  von  Königen:  Hormtzkar  (Hör- 
mizdü&)*)  von  Mä^özde8),  der  König  von  Persien,  der  den  Titel 
.König  der  Könige'  führte  und  in  Adonmgän*)  unten5)  resi- 
dierte; Azdeger*) ,  der  König  von  Sabä,  und  Pcauoazd1) ,  der 
König  von  Schebä,  das  im  Osten  liegt.  Und  als  sie  sich  an- 
schickten hinaufzusteigen,  geriet  in  Bestürzung  und  Schrecken  das 
Reich  der  Riesen8)  —  es  war  aber  ein  sehr  starkes  Heer  —  so 
dass  auch  alle  StUdte  des  Ostens  vor  ihnen  in  Furcht  gerieten. 
.  .  .  .  Magier  aber  wurden  sie  genannt  wegen  der  Magiertracht, 


*)  Die  arabische  Übersetzung  S.  tTo,  5:  „in  dem  Orakel,  welches 
Jüntön,  der  Sohn  des  Nüh,  dem  Nimrod  gegeben  hatte,  als  er  mit  ihm 
zusammentraf*. 

*)  BA  JJPDWO» ,  S  ,  V  V?pMOO) . 

3)  BS  ««tjQSUD,  Ar.  ^&*wOj*jP .  Thntsächlich  ist  der  Ausdruck 
-ijOaaDJ  unübersetzbar.   S.  u.  S.  6  f. 

4)  SV  ^OK)jJs,  A  ^JOjJZ),  B  ^J0}j2>;  vgl.  Lagarde, 
Mitteil.  III  73. 

*)  Ar.  ^yUI  JjU  j. 

•)  A  r^W,  Ar.  ^Is^jt,  v.  1.  \j>*j,  d.  i. jlsOjl. 

*)  B  JOVÄ,  Ar.  0!3jASf  v.  Lj£,  . 

^  D.  i.  Kana'an,  wo  einst  die  Riesen  gehaust  hatten.    S.  u.  S.  3. 

Marqiurt,  Untersuchungen.  11.  1 
PhUologM  8upi»lementband  X,  Er«t««  Heft. 

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2 


J.  Marqaart, 


i 


mit  welcher  die  Heidenkönige  bekleidet  waren,  welche,  wenn  sie 
ein  Opfer  veranstalteten  oder  ihren  Göttern  Spenden  darbrachten, 
zwei  Trachten  anlegten,  die  des  Königtums  innen  und  die  des 
Magiertums  aussen*1). 

Diese  Erzählung  geht  natürlich  aus  von  der  messianischen 
Psalmstelle  72,  10: 

w«h  ttmw  d^«t  sj^n  "ob» 

•t      t  i  •        ••:        ~  :  -  ••»- 

Hier  ist  also  das  den  Spätem  unverständliche  Tariiä  auf  Persien 
(Pars)  bezw.  das  Partherreich  bezogen  worden. 

Vom  dritten  Könige  erzählt  die  erweiterte  Recension  A  noch 
folgendes:  «Als  der  Sohn  des  Königs  von  Schebä  noch  ein  kleiner 
Knabe  war,  brachte  ihn  sein  Vater  zu  einem  Rabbi,  und  er  lernte 
die  Schriften  der  Hebräer  besser  als  alle  seine  Gefährten  und 
Volksgenossen ;  und  er  sagte  zu  seinen  Dienern,  dass  auch  in  allen 
Geschlechtsregistern  geschrieben  stehe,  dass  der  König  in  Bethlehem 
geboren  werden  solle"2).  Und  als  die  Magier  dem  Messias  Opfer 
darbrachten  und  den  Lobgesang  der  Engel  hörten,  die  bei  ihm 
auf-  und  niederstiegen ,  sagt  Parwazdätf  zu  seinen  Gefährten : 
„Jetzt  weiss  ich,  dass  die  Prophezeiung  des  Jesaias  wahr  ist 
Denn  als  ich  in  der  Schule  der  Hebräer  war,  las  ich  im  Jesaias 
und  fand  darin  folgendes:  .denn  ein  Kind  ist  uns  geboren*  etc. 
(Jes.  9,  6)8). 

Drei  Magier  mit  ganz  ähnlichen  Namen  kennt  die  Schatz- 
höhle schon  zur  Zeit  des  Nimrod.  Es  heisst  nämlich  von  Salomo : 
„Er  baute  Tadmor  in  der  Wüste4),  und  führte  dort  grosse 
Wunderwerke  aus.  Und  als  Salomo  an  den  Fuss  des  Gebirges 
gekommen  war,  das  Sä'lr  heisst,  fand  er  dort  den  Altar,  welchen 
Paiicarzkar5),  Bcuwarzani*)  und  Ja*dwBrx)  erbaut  hatten.  Diese 
hatte  nämlich  Nimrod  der  Riese  zu  Bal'am,  dem  Priester  des 
Berges  geschickt ,  weil  er  von  ihm  gehört  hatte ,  er  verlege  sich 
auf  die  Sternbilder;  als  sie  nun  an  den  Fuss  des  Sä'Ir  gekommen 

')  Die  Schatzhöhle  hrsg.  u.  Uber»,  von  C.  Bezold  S.  8  ff . 
TPa,  10  ff.  —  S.  57.  58  der  Übersetzung. 

*)  s.  rn,  s—8. 

3)  s.  rff ,  10  ff.  =  S.  59  d.  Üb*. 

*)  2  Chron.  8,  4.  Jos.  df*.  8  §  154. 

»)  B  •♦DJOÄ,  SV  W~2>,  Ar.  v.  1.  ^y, 

fl)  BSV  ~J*OÄ,  fehlt  bei  Ar. 

")  B  ?OJJ-,   VA  fcyp,   S  iojJJ;   Ar.  \j>j\,  v.  1.  c,U,yt, 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  B 


waren,  bauten  sie  dort  einen  Altar  der  Sonne1);  und  da  ihn 
Salomo  sah,  baute  er  dort  eine  Stadt,  und  nannte  sie  Heliopolis 
di.  i.  Sonnenstadt"  *).  Diese  eigentümliche  Korabination  wird  da- 
durch verständlich,  dass  der  Moabiterkönig  Balaq  als  König  der 
Riesen  galt  (Ja'qübT,  Hist.  I  fv;  Qazwlni  I  ff1)  und  mit  der 
Landschaft  Belqä'  *UM  zusammengebracht  wurde«).  Auch  liegt 
wobl  eine  Verwechselung  des  Gebirges  Se'Tr  mit  dem  SanTr 
(Hohel.  4, 8),  einer  Kette  des  Antilibanos  nördlich  von  Damaskus,  vor. 

Diese  Stelle  steht  mit  einer  früheren  im  Zusammenhang,  wo 
es  heisst:  „In  den  Tagen  des  Ar'ü  (i3n,  'Payav)  machten  sich 
die  Mecräer  d.  i.  die  Ägypter  den  ersten  König,  namens  Pontos, 
der  Über  sie  68  Jahre  herrschte.  In  den  Tagen  des  Ar'ü  herrschte 
(gleichfalls)  ein  König  in  Schebä  und  Ophir  und  in  Hawüä.  Es 
regierten  nun  in  Schebä  60  Töchter  von  Schebä,  und  viele  Jahre 
lang  herrschten  in  Schebä  Weiber,  bis  zur  Regierung  des  Salomo, 
des  Sohnes  Davids.  Über  jlie  Söhne  OphTrs4)  herrschte  aber  der 
König  Lephörön5),  der  Ophir  aus  goldenen  Steinen  erbaute; 
denn  alle  Steine  in  Ophir  sind  von  Gold.  Und  über  die  Söhne 
Hawilä's  herrschte  der  König  Hatoil*),  der  Hawilä  erbaute"6). 

Unter  Re'ü  herrschte  also  noch  ein  König  in  Schebä,  später 
aber  Frauen  bis  auf  Salomo,  zu  welchem  die  Königin  von  Schebä 
kam  (S.  U. ,  4).    Unter  Schebä  versteht  der  Verfasser  nicht 

Südarabien,  das  alte  Reich  von  Saba,  sondern  Indien,  wie 
aus  dem  Beisatz  .welches  im  Osten  liegt"  (S.  fH,  12)  hervor- 
geht. Man  bezeichnete  Südarabien  und  das  gegenüberliegende 
Abessinien  als  ,  äusseres  Indien*  (rj  ££aj  'Ivdict,  India  citerior)  im 
Unterschiede  vom  .inneren"  oder  eigentlichen  Indien  (tj  kvdoTegut 
7v<f/a,  India  ulterior).  Schon  bei  Rufinus  (h.  e.  I  9)  begegnen 
wir  aber  einer  Verwechselung  dieser  beiden  Begriffe.  Er  behauptet, 
noch  India  ulterior  sei  vor  den  Zeiten  Konstantins  noch  keine 
apostolische  Predigt  gekommen  und  definiert  dasselbe  als  zwischen 
India  citerior  (dem  glücklichen  Arabien)  und  Parthien  in  der 
Mitte  gelegen,  sed  longo  interior  tractu.  Allein  gleich  nach- 


»)  Vgl.  Num.  23,  1  ff.  7.  14.  28  ff;  24,  17. 
*)  Vgl.  Iva,  10  ff.  —  S.  43  d.  Übs. 

*)  Vgl.  Grünbaum,  Neue  Beiträge  zur  semitischen  Sagenkunde 
S.  181,  185. 

4)  A  am  Rande:  .das  ist  Ilmd  (Indien)". 

*)  Ar.  .j y±j>\ ,  v.  1-  l™  äthiopischen  Klemens  heisst  der 

König  von  Sebä,  der  auch  Ophir  erbaut,  Famos  =  aus  y')}*?*' 

Als  ursprüngliche  Form  vermutet  deshalb  Bezold  S.  77  Anm.  112  der 
Übersetzung  mit  Recht  ,£9Q&/  statt  >oia2l\,  also  ein  Eponymos 
von  VȀo/. 

•)  S.  IfA,  5-14.  Irl,  6-13  =  S.  30/31. 

1# 


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4 


J.  Marquart, 


her  wird  Frumentius  als  der  erste  Apostel  jener  Lander  genannt, 
der  aber  vielmehr  in  Abessinien  das  Evangelium  gepredigt  hat. 
Dasselbe  wird  dann  von  Sokrates,  Sozomenos  und  Theodoret  wieder- 
holt. Kosmas  Indikopleustes  in  seiner  Topographia  Christiana  ver- 
steht unter  dem  „inneren  Indien*  immer  Südarabien,  wogegen 
Johannes  von  Ephesos  den  König  der  Homeriten  ^JQuj  (1.  ^  -« 
=  Jlfivov,  acc.)  richtig  als  König  der  ^«jocod/  =  twv  $£(o 

'Ivdwv  bezeichnet1).  In  den  apokryphen  Apostelgeschichten  aber 
begegnet  uns  jene  Verwechselung  auf  Schritt  und  Tritt2). 

Man  sieht  nun  unschwer,  dass  die  Namen  «jjia*S  und 
11JOV2)  (so  die  vollständigere  Form)  auf  dieselbe  Grundform  zurück- 

6*141 

gehen.  Beide  lassen  sich  ohne  Mühe  in  }«jo;ä  bezw.  }«j*o;S 
Farr-ioindäö''7)  „vom  Glück  erlangt*  oder  „Glück  erlangt  habend* 
verbessern,  dies  ist  aber  nur  eine  Art  Übersetzung  von  Gundafarr, 
in  den  Thomasakten  ^SUJQ^für  v2>«JO^),  gr.  fovvÖd(fogogy  auf 

den  Münzen  YvdoyiQQTjg,  I'ovöocfdQTjg^  ind.  Gomdafarna,  Guda- 
phara,  Gadaphara  etc.5),  ap.  Winda(h)-farnä,  gr.  Ivracfgivtjg  für 
'Ivxct(piQvr}q  (Her.  y  70.  78.  118  ff.),  Ktes.  AracpigvTjg  statt  *A vra- 
(pigvrjg,  aw.  *  Windai  -  hwardnanh  „die  Majestät  erlangend*'). 
Der  Name  Gundaphar  ist  noch  nach  der  Kompositionsweise  der 
alten  Sprache  gebildet  und  war  deshalb  gleich  sehr  vielen  anderen 
parthischen  Namen,  besonders  der  älteren  Zeit,  den  Persem  der 
Sasanidenzeit  noch  weit  weniger  verständlich  als  der  grösste  Teil 
der  altgermanischen  Namen  den  Deutschen  im  18.  und  14.  Jahr- 
hundert. Man  suchte  sich  deshalb  dieselben  mundgerecht  zu 
machen,  indem  man  sie  etymologisierte,  wobei  es  natürlich  bei  der 
grossen  Verschiedenheit  der  Wortbildung  und  Kompositionsweise 
der  alten  bildungsreichen  Sprache  von  derjenigen  der  modernen 

»)  Assemani,  B.  O.  I  359.    Vgl.  Gutschmid  bei  Nüldcke, 

Gesch.  der  Perser  und  Araber  186  N.    Gemeint  ist  »*3 . 

*)  Vgl.  R.  A.  Lipsius,  Die  apokryphen  Apostelgeschichten  1  285. 
II  2,  59.  64.  132  f. 

'  »)  Der  Name  ist  belegt  bei  Tab.  I  Hv.,  11.  14.  16  (a.  13  II.)  mit 

der  Var.  JLXJ^Lä  Farr-ä-tcindäS  bei  Ibn  al  A%?ir  III  TTo,  23,  die  mit 

3li>Jütj9  bei  Ist.  Jf/\,  4.  Ibn  Hauq.  1*.1,  ann.  b  identisch  ist.  Vgl. 

G.  Hoffmann,  Auszüge  aus  syr.  Akteu  pers.  Märtyrer  297;  F.  Just i, 
Iranisches  Namenbuch  S.  90  a.  91  b.  98  b. 

*)  Wright,  Apocryphal  acts  of  the  Apostles  I  S.  y^JO,  3. 

6)  Die  Münzen  bieten  im  griechischen  Texte  bald  TNJO<PEPPOT. 
bald  rüNJO<PAFOT,  rONJA<PAPOT.  S.  Percy  Gardner,  The 
coius  of  the  Grcek  and  Scythic  kings  of  Baetria  and  India  in  the  British 
Museum  p.  103—106,  PI.  XXII,  5—13.  Die  Kharosthilegende  zeigt 
neben  GadapJiarata  (gen.),  Gudapharasa  d.  i.  *  Gudapliarrassa  auch  die 
genauere  Namensform  Gomdafarna.  Vgl.  Otto  Franke,  ZDMG.  50, 
603;  G.  Bühler   Indiau  Antiquary,  May  1896.  p.  141  N.  5. 

•)  Vgl.  G.  II  off  man  n,  Auszüge  aus  syr.  Akten  pers.  Märtyrer  287. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Erau. 


Dialekte ,  die  den  Flexionsreichtuin  jener  zum  grossen  Teil  als 
unnützen  Ballast  über  Bord  geworfen  hatten,  an  mannigfachen 
Mißverständnissen  nicht  fehlen  konnte. 

Der  in  Farr-windäd  steckende  Gundaphar,  der  Herrscher  des 
Sakcnreiches  im  westlichen  Indien  und  in  Ariana,  stammte  ans 
dem  parthischen  Adelshause  der  Suren  und  war  ein  Zeitgenosse 
des  Partherkönigs  Gotarzes  IL ,  der  sich  nach  seiner  Vertreibung 
im  Jahre  42  n.  Chr.  in  sein  angestammtes  Fürstentum  Hyrkanien 
und  Karmanien  zurückgezogen  hatte1).  Wahrend  in  den  Thomas- 
akten der  indische  König  Gundaphar  als  Beschützer  des  Apostels 
Thomas  gopriesen  wird,  erscheint  Gotarzes  als  hartnäckiger  Feind 
der  neuen  Lehre  und  eifriger  Verteidiger  des  alten  Glaubens,  wes- 
halb er  schlechtweg  den  Namen  Mazdai  führt,  der  ihn  als  eifrigen 
Mazdaverehrer  bezeichnet2).  Gundaphar  ist  auch  in  den  syrischen 
Alexanderroman  verflochten  worden.  In  einem  im  griechischen 
Texte  (Pseudo-Callisthenes  ed.  C.  Müller  3,  17)  fehlenden  Stücke 
des  Briefes  Alexanders  an  Aristoteles  wird  erzählt,  wie  Alexander 
von  Prasiake  nach  10  Tagen  zu  einem  hohen  Berge  kommt,  wo  an 
einem  Flusse  ein  mächtiger  Gott  in  Gestalt  eines  Drachen  (nät/a) 
hauste.  Alexander  vernichtet  den  Drachen  mit  Hilfo  derselben 
List,  die  Daniel  gegen  den  Drachen  angewandt  hatte,  und  kommt 
dann  zu  einem  hohen  Gebirge,  von  welchem  der  Fluss  Birastös 
(p.  106,  2   rpni\cr>'t  ^  3  p.  198,  13        -  Korv^ :   lies  Jp-^on^-^ 

BtdaGTtjg,  Ptol.  VII,  1  p.  447, 18  Biödaniß)  entspringt.  Der  ganze 
Berg  bestand  aus  Saphir  und  hatte  Überfluss  an  Quellen  und  Wasser- 
sprudeln. Hier  gründete  Alexander  die  Stadt  „Alexaudria,  die  Königin 
der  Berge*  —  ohne  Zweifel  *A\&$ctvdQtict  ij  ngog  Kavxdoq)*)  — 
und  Hess  seine  Truppen  da  zurück,  er  selbst  aber  zieht  mit  zwanzig 
seiner  Freunde  aus  und  gelangt  zunächst  nach  Qätön  ^LJjD,  wo  er 

drei  Tage  rastet.  Ich  vennute,  dass  dies  derselbe  Ort  ist  wie 
Cartana  oppidum  sub  Caucaso,  quod  postea  Tetragonis  dictum 
PI  in.  h.  n.  6,  92.  Von  da  marschiert  er  10  Tage  auf  gebirgigem 
Pfade  durch  wasserreiche  Gegenden  und  dann  weitere  15  Tage 
durch  eine  Wüste,  bis  er  zu  den  Grenzen  von  (Jin  gelangt.  Als  er 
den  Hof  des  Königs  von  (JJin  erreicht,  gibt  er  sich  für  Pithäös,  den 
Gesandten  des  Königs  Alexander  aus  und  wird  von  Gurulajthar, 
dem  Heerführer  des  Königs  verhört  (S.  195,  5).  Reich  beschenkt 
kehrt  er  alsdann  wieder  zu  seinem  Heere  zurück.  Die  vorliegende 
Erzählung  versteht  unter  dem  König  von  yin  offenbar  den  Kaiser 


*)  Siehe  meine  Beiträge  zur  Geschichte  und  Sage  von  Eran 
ZDMG.  49,  641. 

*)  Siehe  vorläufig  meine  Chronologie  der  alttürkisehcu  Inschriften 
S.  67  Anm.  3. 

z)  Wie  der  Fluss  Bidaste»  zeipt,  hat  hier  eine  Vermischung  zwi- 
schen Alexandreia  Bukephalos  am  Ilydaspes  (  Vüauta)  und  Alexandreia 
am  Kaukaisos  stattgefunden. 


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ö  J.  Marquart, 

von  China.  Ursprünglich  war  aber  wahrscheinlich  nicht  dieser 
gemeint,  sondern  der  König  der  Kusan,  der,  wie  Sylvain 
Levi  aus  chinesischen  Übersetzungen  buddhistischer  Legenden 
nachgewiesen  hat1),  in  Nachahmung  des  chinesischen  Kaisertitels 
,  Himmelssohn "  (Cien-tzo)  sich  den  Titel  devaputra  oder  voll- 
ständiger Cenasthäna-devaputra,  chinesisch  abgekürzt  öen-ton, 
pers.  jyjJu  baypür,  sogdisch  jyJd  fayfür*),  arm.  Cen-bakur*) 

beilegte.  Der  Sakenkönig  Gundaphar  wurde  also  zunächst  zum 
Heerführer  des  Grosskönigs  der  Kusan  (Jüe-öi)  degradiert,  welcher 
das  Reich  der  Saken  vernichtet  hatte. 

Der  Name  ^jfOÄ  ist  augenscheinlich  von  den  Schreibern 
nach  dem  bereits  verdorbenen  MÜjio*2>  (aus  j^uo^S)  gemodelt  und 

"4*1  t'  *  *         -»-I  •  1 

zunächst  aus  ^D^fsojiooj  verstümmelt  worden.  Er  entspricht  offen- 
bar dem  ersten  der  drei  Magierkönige  ^oj-^o^oOf  oder  jjj^iooi  . 
Mit  dem  diesem  Namen  beigegebenen  Zusatz  ^jjoixoj  ist  nichts  an- 
zufangen;  er  ist  schlechterdings  unübersetzbar.   Ich  vermute,  dass 

*)  Sylvain  LcWi,  Dcux  pcuples  meconnus.  M&anges  de  Harlez 
182  s.  Notes  Bur  les  Iudo-Scythcs.  Journ.  as.  1896,  2,  452.  457.  469. 
472;  1897,  1,  23  Note  2.  Zuerst  findet  sich  der  Titel  iletxtputra  auf 
Münzen  des  Kusan königs  JKuyula  Kara  Kaphsa  (Cunningham.  Num. 
Chron.  1892,  66.  PI.  IV,  9),  der  wohl  mit  Kozulo-Kadphizes  identisch  ist. 

*)  Dies  ist  im  Persischen  der  ständige  Titel  des  Kaisers  von  China. 

Vgl.  al  ChuwärizmT,  MafätTh  al  'ulilm  ed.  van  V loten  S.  Hl,  2.  II*.,  7 

(wo  zu  lesen  ist  äJ|  xjJciuJb  ^1  y  j^)-   Bei  Tab.  I  Mi,  11 

heisst  es:  „Fre<?ün  machte  den  Tue  zum  König  über  die  Gegend  der 
Türken,  Chazaren  und  Oin,  und  man  nannte  dieselbe  Üb  ljyo  Ctn 

bayü*,  wofür  cod.  Spr.  30  richtiger  ^jyo  =  Cin  bayapuhr  hat. 

Der  Kaiscrtitcl  ist  also  irrtümlich  als  Landesname  aufgefasst  worden. 
Die  Form  /ci  fay  wird  von  den  Wörterbüchern  für  feryanisch  er- 
klärt; s.  iförn,  Neupersische  Schriftsprache  §  35,  2  S.  78  (SA.  aus 
dem  Grundriss  für  iranische  Philologie  Bd.  I,  2,  Lieferung  1). 

Nach  Ernst  Kuhn,  Barlaam  und  Joasaph  8.  37  hätten  schon 
die  Vorfahren  der  Arsakiden  in  ihrer  östlichen  Heimat  den  chine- 
sischen Kaisertitel  „Himmelssohn*  angenommen  und  ihn  als  baypür, 
fuyfür  nach  dem  Westen  übertragen.    Erst  von  letztcrem  wäre  das 

(ievajnUra  der  Ku&ankönige  und  weiterhin  das  "INnT  *nn£  = 
/*  yivovs  fteov  der  Sasaniden  ausgegangen.  Diese  Auffassung  ist  in- 
dessen völlig  unhistorisch. 

s)  Moses  Xor.  Geogr.  ed.  Soukry  p.  46,  12  —  62  der  Übersetzung. 
Baknr  ist  die  armenische  Form  des  parthischen  Namens  Jluxopog,  den 

man  sich  als  zurechtlegte  und  daher ,  da  jj  in  manchen  Dia- 

lekten auch  König  bedeutete  (al  Chuwärizmi  1H ,  1.  If.,  7;  Berünl, 
Chronologie  rT"»,  9),  mit  ^ähjmfir  „Königssohn*  übersetzte.    So  heisst 

z.  B.  der  persische  König  Säpür  II.  bei  Prokop  Pers.  1,  5  p.  26  Dtutov- 
Qioe,  in  der  entsprechenden  Stelle  des  Faustos  Byz.  4,  20  dagegen  Sapuh. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran, 


7 


der  ursprÜDgliche  Text  lautete:  ^jj»  oofj  .(Hormizkar)  d.i.  Mazda? . 
Die  Lesart  ;opo*oO)  Hormizkar  lasst  sich  vom  iranischen  Stand- 
punkte aus  nicht  rechtfertigen,  wogegen  ^OJOVÄ  Perözkar  = 
np.  ßj^jfg  ,  victor*  einen  guten  Sinn  gäbe.  Das  Ursprüngliche 
wird  aber  ^Öj^ioot  Hormizdfarr  „von  Hormizd  Glück  besitzend* 
sein,  wovon  Hormizdäd  lediglich  erleichternde  Korrektur  ist.  Man 
hat  sich  also  nicht  daran  gestört,  dass  Mazdai  in  den  Thomasakten 
als  Feind  des  Christentums  erscheint,  und  ihn  ganz  naiv 
unter  die  drei  Magier  aufgenommen.    Ein  oder  er- 

scheint auch  in  den  arabisch  -  persischen  Arsakidenlisten ,  unter 
welchem,  wie  später  gezeigt  werden  soll,  gleichfalls  Gotarzes  II.  zu 
verstehen  ist.  Die  Residenz  des  Königs  in  Adorbaigän  würde  aller- 
dings besser  auf  Gotarzes'  Vorgänger  und  Schwager  Artabanos  II. 
passen,  einen  Sprössling  des  alten  Königshauses  von  Atropatene,  der 
aber  in  weiblicher  Linie  von  den  Arsakiden  abstammte.  Nachdem 
er  zunächst  die  Krone  seines  Erbreiches  Medien  gewonnen  hatte, 
wurde  er  später  auf  den  Thron  des  Königs  der  Könige  berufen, 
und  ward  so  der  Begründer  der  weiblichen  Arsakidenlinie.  Freilich 
war  Atropatene  gerade  dasjenige  Land,  das  —  abgesehen  von 
Pars  —  unter  einer  altpersischen  Dynastie  am  längsten  von  der 
unmittelbaren  Herrschaft  der  Parther  freiblieb.  Seitdem  aber 
Artabanos  den  Thron  von  Ktesiphon  bestiegen,  ward  es  ein  gut- 
parthisches  Land  und  erscheint  in  der  arabisch -persischen  Über- 
lieferung als  ein  Hauptgebiet  der  Pahlawlk's.  Wie  lange  es  nachher 
noch  ein  eigenes  Königreich  geblieben  ist,  lässt  sich  bis  jetzt  nicht 
bestimmen;  ebensowenig  vermögen  wir  zu  sagen,  ob  in  der  That 
jemals  Ganzak,  die  Hauptstadt  von  Atropatene ,  den  Grosskönigen 
als  zeitweilige  Residenz  gedient  hat,  da  unsere  Quellen  sich  nur 
auf  die  Periode  vor  dem  Aufkommen  der  weiblichen  Arsakiden- 
linie beziehen1).    Der  Ausdruck  „in  Ä^orwlgän  unten*  [k*J&.  &>] 

ist  vielleicht  mit  Nöldeke  (briefliche  Mitteilung)  durch  die 
Annahme  zu  erklären,  dass  dem  Verfasser  eine  Karte  vorlag,  in 
welcher  Süden  (mit  Indien)  oben  und  Norden  (mit  Adorbaigän) 
unten  war,  wie  in  den  arabischen  Karten. 

Über  das  oben  erwähnte  Orakel  des  Nimrod  erhalten  wir 
II  tri,  16 — in  =  I  33  Auskunft3):  „In  den  Tagen  Nimrods  des 
Riesen  wurde  ein  Feuer  gesehen,  das  aus  der  Erde  aufstieg. 
Und  Nimrod  stieg  hinab,  sah  es  und  betete  es  an  und  setzte 
Priester  ein,  die  dort  dienen  und  Weihrauch  hineinwerfen  sollten. 


*)  Strab.  tn  13,  1  p.  522  sagt,  dass  die  Partherkönige  im  Sommer 
io  Ekbatana  und  im  Winter  in  Scleukeia  am  Tigris  residierten. 

*)  Die  folgende  Erzählung  ist  benutzt  von  Ja'qübi,  Hist.  I  f.,  in 

der  arabischen  Catene  bei  Lagarde,  Materialien  zur  Geschichte  und 
Kritik  des  Pentateuchs  I  S.  96,  sowie  bei  Eutychius  ed.  Pocock  I  62.  64. 
Vgl.  Grünbaum,  Neue  Beiträge  zur  semit.  Sagenkunde  94  f. 


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8 


J.  Marquart. 


Seit  dieser  Zeit  begannen  die  Perser  das  Feuer  anzubeten  (138) 
bis  auf  den  heutigen  Tag.  [Es  fand  aber  der  König  Sisän ') 
eine  Wasserquelle  in  Ä^orbTgän  *) ,  und  machte  ein  weisses  Pferd 
und  stellte  es  daran  auf;  und  diejenigen,  welche  sich  badeten, 
beteten  dieses  Pferd  an.  Von  da  an  begannen  die  Perser  dieses 
Pferd  anzubeten.]8)  Nimrod  aber  ging  nach  Nöqdörä4),  d.  i.  Nöd, 
und  als  er  zum  See  Ökras5)  kam,  fand  er  dort  den  Jöntönfi),  den 
Sohn  des  Nöfc. 

Er  stieg  nun  hinab  und  wusch  sich  in  jenem  See,  und  opferte 
und  betete  den  Jöntön  an.  Jöntön  sprach  zu  ihm:  Du  bist 
König  und  betest  mich  an?  Nimrod  erwiderte  ihm:  Deinetwegen 
bin  ich  hierher  herabgekommen.  Er  verweilte  nun  bei  ihm  drei 
.führe,  und  Jöntön  lehrte  den  Nimrod  Weisheit  und  das  Buch  der 
Offenbarung  und  sprach  zu  ihm :  Komm  nicht  wieder  zu  mir !  Und 
als  er  vom  Osten  heraufgekommen  war  und  begann,  dieses  Orakel 
anzuwenden,  verwunderten  sich  viele  über  ihn.  Als  aber  Jaz&ar7), 
jener  Priester,  der  jenem  Feuer  diente,  das  aus  der  Erde  hervorkam, 
sah,  (140)  wie  Nimrod  in  jenen  alten  Bahnen  der  Offenbarungen  sich 
bewegte,  bat  er  jenen  Dew,  der  um  jenes  Feuer  erschien,  sie 
möchten  ihn  die  Weisheit  Nimrods  lehren.  Und  wie  es  die  Ge- 
wohnheit der  Dewe  ist,  diejenigen  welche  sich  ihnen  nahen,  durch 
die  Sünde  zu  verderben,  sprach  jener  Dew  zu  jenem  Priestor: 
Kein  Mensch  vennag  Priester  und  Magier  zu  sein,  ehe  er  sieh 
nicht  mit  seiner  Mutter  und  mit  seiner  Schwester  begattet,  Jener 
Priester  aber  that,  wie  ihm  der  Dew  gesagt  hatte8).  Von  da  an 
begannen  die  Priester  und  Magier  und  Perser,  ihro  Mütter  und 
Schwestern  und  Töchter  zu  nehmen.  Und  dieser  Priester  Jazsar 
begann  zuerst  die  Stellung  des  Horoskops  anzuwenden  und  die 
Schicksale  und  Lose  und  Zufalle  und  die  Zuckungen  der  Glieder 


J)  Ar.  (j»L*,  v.  1.  ^y^x        v)y„**.;  im  Clem.  Aeth.  Säsf  im 
äthiopischen  Adambuch  (Trumpp,  Abh.  der  bair.  Ak.  XV,  III.)  Saittän. 

Vgl.  Lagarde,  Mitteil.  III  63.  * 
a)  Nur  A  und  Ar. 

•)  So  B;  die  übrigen  Jfo*0CL,  JvDO*,  Ar.  ^.^XsLi,  (V), 

•)  So  B;  Ar.  (P),  =  ;  die  übrigen  £0^, 

Clem.  Aeth.  Teräwes  =  (j^jbt. 

°)  A  am  Rande:  Diesen  Jöntön  zeugte  Nöh  nach  der  Siutflut  und 
ehrte  ihn  hoch  und  schickte  ihn  nach  Osten,  das»  er  dort  wohne. 

')  So  B;  S  V  V*P/;  A  V^./,  Ar.  ^ÄOjl,  v.  1. 

^ju&IvXjI;  Lagarde,  Mat.  96  j»L^3  ^jLä-AjI. 
*)  A:  ,Und  Idääer  der  Priester  that  so*. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


9 


und  derartige  Dinge  der  Chnldäerkunst.  Dieses  ist  aber  eine  Trug- 
lehre  der  Dämonen,  und  jene  welche  ihr  dienen,  werden  mit  den 
Dämonen  ihre  Strafe  empfangen  am  Tage  des  Gerichtes.  Jenes 
Orakel  des  Ninirod  aber  hat  (142)  keiner  von  den  rechtgläubigen 
Lehrern  verworfen,  denn  auch  diese  haben  es  benutzt.  Die  Perser 
aber  nannten  es  Orakel,  und  die  Römer  Astronomia*. 

Den  Inhalt  jenes  Orakels  selbst  erfahren  wir  aus  Salomon, 
dem  Metropoliten  von  Baera  (um  1222),  der  vielfach  aus  sehr 
alten  Quellen  schöpfte  und  in  seiner  „Biene"  Kap.  37  folgende 
„Prophezeiung  des  ZarädöSt  über  unsern  Herrn*  mitteilt1): 

„  Dieser  ZaräJöst  ist  Barü£  der  Schreiber.  Als  er  an  der 
Wasserquclle  Glösa  von  Horm  sass,  wo  das  königliche  Bad  errichtet 
worden  war,  sagte  er  zu  seinen  Schülern,  dem  König  Gusnasp 
und  Säsän'2)  und  MahimaS:  Höret,  meine  Söhne  und  Geliebten, 
denn  ich  will  euch  ein  Geheimnis  offenbaren  über  den  grossen 
König,  der  künftig  in  der  Welt  aufstehen  wird.  Am  Ende  der 
Zeit  und  bei  der  Endzers Wirung  wird  ein  Kind  im  Schosse  einer 
Jungfrau  empfangen  und  in  ihren  Gliedern  gebildet  werden, 
ohne  dass  ihr  ein  Mann  genaht  ist*.  Es  wird  alsdann  seine 
Kreuzigung,  Erhöhung  und  Wiederkunft  verkündet.  Darauf  fingt 
Gusnasp:  „Dieser,  von  dem  du  diese  Dinge  sagst,  woher  hat  er 
seine  Macht?  Ist  er  grösser  als  du?  oder  bist  du  grösser  als 
er?"  ZaräduSt  erwidert:  „Er  ist  aus  meinem  Geschlecht  ent- 
sprossen- Ich  bin  er,  und  er  ist  ich,  und  er  ist  in  mir  und  ich 
in  ihm.  Wenn  sich  der  Beginn  seiner  Ankunft  zeigt,  werden 
Zeichen  am  Himmel  gesehen  werden ,  und  sein  Lieht  wird  das 
des  Himmels  übertreffen*.  Er  ermahnt  seine  Schüler  sodann,  auf 
diese  Zeichen  zu  achten,  und  wenn  der  Stern  erscheine,  Gesandte 
mit  Geschenken  an  ihn  zu  schicken.  „Dieses  sind  die  Dinge, 
welche  von  diesem  zweiten  Bal'am  gesagt  wurden ,  und  Gott  hat 
ihn  nach  seiner  Gewohnheit  gezwungen,  dies  zu  verdolmetschen; 
oder  er  stammte  aus  einem  Volke,  das  mit  den  Prophezeiungen 
über  unsern  Herrn  Jesus  Christus  bekannt  war,  und  zeigte  sie 
vorher  an*. 

Die  geheimnisvolle  Prophezeiung  des  ZaräduSt  bezog  sich  also, 
wie  man  sieht,  auf  die  Geburt  des  Sausjant  vor  der  Welterncuerung 
am  Ende  der  Tage :1).  Am  Ende  eines  jeden  der  drei  letzten  Jahr- 
tausende der  Welt  wird  eine  im  See  Kusava  in  Sagistän  badende 
Jungfrau  schwanger  von  dem  dort  aufbewahrten  Samen  Zara#ustras. 
So  werden  Ux&jat  ^ta ,  Ux&jat-rmnö  und  Saosjant  geboren  wer- 
den, von  denen  jeder  am  Ende  seines  Jahrtausends  die  in  Ver- 


J)  The  Book  of  the  bee,  ed.  E.  A.  Wallis  Budge  S. 
81  der  Übs.  * 
*)  v.  1.  vfT>.fT>. 

3)  S.  bereits  Ernst  Kuhn,  Eine  zoroastrische  Prophezeiung  in 
christlichem  Gewände.    Festgrusa  für  Roth  S.  217  ff. 


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I 


10  J.  Marquart, 

fall  geratene  Mazda -Religion  wiederherstellen  wird.  Der  letzte, 
Saosjaüt,  wird  die  Auferstehung  und  das  mit  der  Welterneuerung 
und  der  Ausrottung  des  Bösen  beginnende  selige  Zeitalter  herbei- 
führen1). Diese  Lehre  der  Magier  kannte  schon  Theopompos  (fr.  71 
bei  Laert  Diog.  prooem.  p.  2),  und  es  spricht  nichts  dagegen, 
dass  die  Sage  von  der  wunderbaren  Geburt  des  Saosjafit  ebenso 
alt  ist.  Die  Christen  haben  diese  Kunde,  wie  schon  E.  Kuhn 
(a.  a.  0.  219  f.)  vermutet  hat,  wohl  der  apokryphen  Schrift 
Hystaspes  entnommen,  welche,  wie  wir  aus  Justin  und  Lactantius 
schliessen  dürfen,  sicher  die  Prophezeiung  vom  Ende  der  Welt 
enthalten  hat1).  Wie  die  Schatzhöhle  selbst  angibt,  war  jenes 
Orakel  des  Nimrod  schon  früher  auch  von  orthodoxen  Theologen 
benutzt  worden.  Seine  Aufnahme  durch  die  Christen  setzt  aber 
voraus,  dass  zur  Zeit  derselben  noch  chiliastische  Hoffhungen  und 
Erwartungen  weite  Kreise  beherrschten. 

Unter  dem  König  Gu&nasp  ist  natürlich  Gvätäsp  (lies 
^CDkAQ^)  oder  Wi&täspa,  der  Beschützer  ZarafluStras  zu  ver- 
stehen.   Die  Quelle  GlöSä  de- Horm  ist  offenbar  identisch  mit 

dem  See  Okras,  an  welchem  Nimrod  den  Jöntön  traf  und  dessen 
Unterweisungen  genoss.  Wahrscheinlich  ist  davon  aber  auch  die 
Quelle,  welche  Slsän  nach  dem  nur  in  A  sich  findenden  Zusatz 
in  ÄJorbaigan  entdeckt,  nicht  verschieden.  Das  an  derselben  auf- 
gestellte und  göttlich  verehrte  weisse  Ross  ist  ohne  Zweifel  ein 
Symbol  des  Feuers  Aim-guSnasp  (Hengstfeuer),  d.  i.  des  Blitzes, 
das  in  Ganzak  (Tacht-iSulaimän)  östlich  vom  Urmiasee,  der  süd- 
lichen Hauptstadt  von  Atforbaigän  verehrt  wurde.  Die  genannte 
Quelle  kann  also  kaum  etwas  anderes  sein,  als  der  innerhalb  der 

Stadt  Ganzak  gelegene  See  Öaecasta  (öest),  nach  welchem  die 
Stadt  bei  den  An,ben>  ^  genannt  wird  % 

Wie  hier  erscheint  Wistäspa  auch  in  der  romantischen  Ge- 
schichte aus  Chares  von  Mitylene  (bei  Athen.  13,  35  p.  575)  als 
König  von  Medien  bis  zu  den  kaspischen  Thoren.  MahimaÖ 
ist  ohne  Zweifel  Zara#u§tras  leiblicher  Vetter  und  erster  Schüler 
Mai8jöi-m&nha,  der  Spitäma  (Jas.  51,  19;  jt.  13,  95).  Man  hat 
also  opQ**2D  zu  schreiben  für  t*>.r^v> .    Unter  onrr»  oder   on>  rp 

kann  dann  nur  Gämä&pa  (Jasna  Dügämä&pd)  der  Sohn  des  Hwogwa 
verstanden  werden,  der  weise  Minister  des  WiStäspa,  der  erste  am 
Hofe  des  WiStäspa,  der  die  neue  Lehre  annahm  und  welchem 


»)  Vgl.  Darmestete r,  Le  Zcndavesta  II  521  n.  1 12,  III  p. LXXIX ; 
Bundah.  XXXII,  8—9. 

*)  Justin,  apol.  1,  20.  44;  Lactant.  Inst  VII  16.  Vgl.  Wind i sch- 
ul an  n,  Zoroastrische  Studien  293. 

*)  Vgl.  G.  Hoffmann,  Auszüge  aus  syr.  Akten  pers.  Märtyrer 
248.  250  ff.   Bei  Tab.  I  1H ,  12  cod.  Tn  heisst  der  See  ß  = 

War4  Im. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  Von  Eran.  H 

Zaratfustra  seine  Tochter  Pouru&sta  vermählte  (Jasna  46,  17. 
49,  9.  51,  18.;  jt  5,  68.  13,  103.  23,  2.  24,  3).  In  der  Schatz- 
höhle S.  U*a,  2  =  31  erscheint  Slsän1)  als  Minister  des  Nimrod 

und  erhalt  den  Beinamen  JtaOJ  »der  Weber*.    Wie  Slsän  in  der 

erweiterten  Becension  der  Schatzhöhle  in  A<Jorbaigän  auftritt,  so 

lässt  Mas'üdl  (Murug  II  127)  den  Gäniäsp  aus  Atforbaigän  stammen: 

•Nach  dem  Tode  des  Zarädu&t  nahm  der  weise  Gämäsp2)  seine 
Stelle  ein ,  der  aus  Adorbaigän  stammte.  Er  war  der  erste 
Mob  ad,  der  nach  Zarädu&t  unter  ihnen  auftrat,  indem  ihn  der 
König  BiStasp  für  sie  bestellt  hatte*. 

Jetzt  ist  es  auch  möglich,  den  Namen  des  dritten  Magier- 
königs zu  erkennen.   Der  Priester  ;r)f  ist  natürlich  kein  anderer 

als  ZaraOustra,  und  die  Änderung  in  y->K»*/f       ^  und  ^£o^ 

bei  A  und  dem  Araber  rein  willkürlich.  Die  nächstliegende  Ver- 
besserung ist  «jljij  ,  vgl.  die  armenische  Form  ZradaSt  aus  *Zura~ 

daöt  und  die  Verderbnis  von  «^pv  Abdagases  in  ,~  *t-sv  (V ater 

des  'Awitfä)  und]  %,»^v  ,  .f^pv  in  der  Addailegende  ed.  Phillips 

p.  18,  4.  Allein  mit  diesem  Namen  hängt  der  des  dritten  Magiers 
aufs  engste  zusammen: 

8.  in,  11  ^J)/8),  A  jv^pA 

S.  »va,  13  B  jojp,  S  *ojp,  VA  fcyp. 

S.  JPa ,  13  B  ^tp,  S  ^p,  V  ^tp/,  A 

• 

Nun  hat  bereits  Cure  ton  (Spicil.  Syr.  81)  bemerkt,  dass  Thcodoret 
den  Urheber  des  htcaetwada&a  (der  Ehe  mit  den  nächsten  Bluts- 
verwandten) Zagadtjg  nennt:  *j4XXd  xaxct  rovg  ZagäSov  ndXat 
ilkgoai  noXtTtvöfitvoi  vojiovg,  xai  fitjrgäßt  xai  aösXtyalg 
adiwg  xai  ftivroi  xai  &vyaTgdai  fAiyvvpiVoi ,  xai  hvoftov 
rijv  nagavofiiav  rofit^ovreg4).  Die  Namensform  Zagabi\g  für 
Zara^uStra  begegnet  aber  auch  sonst,  so  z.  B.  in  den  Anathcnia- 
tismen  gegen  die  Manichäer:  dva&tfiaTt^w  ZagaÖrjv^  öv  o  Mavr\g 
ttedv  iXtyt  ngo  avrov  fpav&ra  nag  'IvSoig  xai  Ilkgcaiq,  xat 
fjXtov  äntxaXw  avv  ai/ry  xai  rag  Zagadeiovg  övof*a£o- 
uivag  tvxagb).  Das  Ursprüngliche  ist  also  vielleicht  «jtorij. 
Möglicherweise  hat  aber  die  ursprüngliche  Quelle  mit  verschiedenen 
Nitmensformen  abgewechselt:  v^pjCjtpj?)»  OWJ  (}10J?)  und 

*)  Ar.  .,L»Li«, 

*)  cod.  L4  und  D  ^1*13-,  ed.  ^1313-,  lies  ^L«L>-. 
*)  Die  Varr.   des  Arabers  führen  auf  jl^-jjt 

*)  'EU**,  na&w.  £«ji«w*vtixi7.  Ilspi  *6no>t>  ed.  Gaisf  ord  p.  351. 
a)  S.  Windischmann  a.  a.  0.  264  N.  3. 


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12  J  Marquart, 

de  Lagarde,  Miiteil.  III  72  f.  hat  also  mit  Recht  gegen 
die  Identifikation  der  drei  Magiernamon  mit  denen  der  sasanidischen 
Könige  Jazdegerd  IL,  Hormizd  III.  und  Pöröz  (438— 484) ') 
protestiert.  Freilich  sind  seine  eigenen  Winke  noch  viel  bedenk- 
licher und  reine  Irrlichter.  Er  erwartet  für  „Jazdegerd*  einen 
äthiopischen  Namen,  und  sieht  in  den  Magiern  die  Vertreter  von 
Sem,  Cham  und  Japhcth. 

Jetzt  kann  es  uns  nicht  mehr  schwer  fallen,  auch  die  übrigen 
Magierverzeichnisse  zu  analysieren  und  in  ihre  Elemente  zu  zer- 
legen. Man  findet  sie  zusammengestellt  bei  Albr.  Wirth,  Aus 
orientalischen  Chroniken  S.  202  ff.  und  E.  Nestle,  Marginalien 
und  Materialien  S.  67  ff. 

Nach  dem  syrischen  Lexikographen  Bar  Bahlül3)  stammten 
die  Magier  aus  Persien ,  von  den  Söhnen  des  4Elam ,  Sohnes  des 
§em.  Sie  waren  berühmte  Fürsten  und  vornehme  Männer  des 
Landes  Persien,  hatten  aber  auch  viel  Volk  und  eine  Gelcitstruppe 
von  mehr  als  1000  Mann  bei  sich,  so  dass  Jerusalem  in  Be- 
stürzung geriet,  als  sie  anlangten a).  Bar  Bahlül  gibt  nun  zunächst 
zwei  CI nippen  von  Namen  der  Magier: 

I.  ^ÖOA  'Prüfern 

^OIOO)  Hörnum 


rt- 


nach  andern 

1 1 .  )o  OO)  ^JQ^  G  äSafarhöm 

kjuu^V  ArtaMast 
j;2£SS.O  j?Q  ^\    Leßüda  und  Alpcrä. 

Hier  ist  ohne  weiteres  deutlich,  dass  ^o;\  auf  oir>Q>\ 
(ursprünglich  ^;qS/),  den  König  von  Ophir  (oben  S.  3  u.  Anm.  5) 
zurückgeht.    Dasselbe  gilt  für  Jjadk.  (aus  Ji^QiM  und  JyQ^ 

^OtOOf  ist  einfach  Verschrei  bung  für  ^^dioO)  —  Ilormizd, 
eine  Abkürzung  von  HormizdäJ;  --^  ist  lediglich  Verstümmelung 
von  kftJu^V  ArtaMast,  und  unter  diesem  Könige  ist  der  Freund 
des  „Gottesvolkes*,  der  Gönner  des  Ezra  und  Nehemja  zu  ver- 
stehen.   Den  Namen  jQOOfVSjO^ haben  wir  wohl  in  zwei  Namen 

»)  Nöldeke,  Lit.  Cbl.  1888  Sp.  234.  —  Als  ich  die  thöriehte 
Anmerkung  2  bei  Wirth,  Aus  oricntal.  Chroniken  203  schrieb,  war 
mir  die  Scnatzhöhle  nicht  zugänglich,  und  ich  kannte  die  Namen  nur 
aus  B  u  d  g  e ,  The  book  of  the  bee  S.  84  n.  2. 

*)  Ed.  Rubens  Duval  col.  1002  f. 

3)  Dieser  Passus  findet  sich  wörtlich  schon  bei  Jakob  von  Edessa. 
(t  708).    S.  Eb.  Nestle,  Marginalien  und  Materialien  71/72. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  13 

VÄJQ^  und  )000)  zu  zerlegen.    Der  letztere  erinnert  an  das 

)oojoO)  im  vierten  Verzeichnis,  ist  aber  vielleicht  gleichfalls  nur 

eine  Verstümmelung  von  Horrtiizd. 

HL  Auf  persisch  sollen  die  Namen  der  Magier  lauten: 
Heh-ämaS  (er  kam  gut),  ZüB-ämaö  (er  kam  schnell)1),  und 
Lhrust  ämaö  (er  kam  heil). 

IV.  Zum  Schluss  gibt  Bar  Bahlül  eine  Liste  von  zwölf 
Namen,  die  sich  auch  bei  Ps.  Dionysius  von  Telmabre,  Dionysius 
BarcalTbl  (f  um  1171),  Michael  Syrus  und  Salomo  von  Bacra  und 
in  einer  „ Weissagung  des  Propheten  Daniel"  findet9).  Sie  wird 
etwa  folgendermassen  herzustellen  sein: 

«)joo-^ifio  v2>  5)j!pok>o)J  P  r*>*& 

Zahrwendäö  bar  Artaßan  1  AkdüjäS  . 
Hormüdäd  bar  Sanaprüq  )  Hadwendäö  bar  Artaßan )  ~ 

8)«&fJQ^«3  7)J2lqd&jlO     WeMäftj)  bar  Gundefar 

I0)jDO1O^>»        ^y^V  bar  Mihröq 

Diese  vier  brachten  Gold. 


I! 


1)  Var.  jäJjOJ. 

*)  Dionvsii  Telmahbarensis  Chronicon  ed.  Tullberg,  Upsala 
1849  p.  74.  Nestle,  Porta  linguao  syr.^p.  85.  The  book  of  the  bee 
p.  93  (~  84  der  Übs,).  Die  armenische  Ubersetzung  des  Michael  war 
mir  nicht  zugänglich.  Die  Liste  in  der  , Weissagung  des  Propheten 
Daniel*  teilt  Budge,  The  book  of  the  bee  p.  84  n.  2  der  Üb»,  mit. 
Ich  bediene  mich  folgender  Abkürzungen: 

D  =  Dionysius  Barcalibi. 

Dion.  =  Ps.  Dionysius  von  Telmalire. 

J):in.  =  Weissagung  des  Daniel. 

RB  =  Bar  Bahlül. 

S  =  Salomo  von  Bacra. 

m 

5)  S  JjJOIJ,  Dan.  J^OW?,  D  JjiOJO». 
*)  D  ^jV,  Dan.  ^Joö. 

6)  Dion.  J^OIOOJ ,  D  om. 

,;)  So  S  cod.  C;  v.  1.  JOO^CD,  y^V^OD,  Dan.  y^O'^DD . 
om.  D. 


*)  D  BB  *SkmJO ,   Dion.  .2>JNjl(V ,   S  ^mn,C^, 


Dan. 


*)  D  Dion.  VÖJO^,  Dan.  Jä^JQ^. 
•)  Dan.  yt^A 

»)  Dion.  JOOIO*» ,  BB  ^pOJOpD  f  D  ^pJOpO . 


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14  J.  Marquart, 

*)jOj10       ')?tJOij    ZancandäS  bar  Wareäd 
O*tcoo       ^OOfuV    Arlhü  bar  Jfesrü 
5)&-Q~       4)Käju^V     Arta^ait  bar  Hawilafr 
^^♦JUJL  ;2>  6)  ylQOXtO^Jt/    Aötön'abödan  bar  SiSrön 
Diese  vier  brachten  Myrrhen. 

9))0O|00f  p  8)jDO§o^»    ^iÄro?  bar  Höhäm 
n)^*~j       ,0)aVJU./    -djiire*  bar  (**Ä£än 
,s)v^2>       ")**JJ$.     (Wenä§  bar  Baladan 
15)^^3  ^  ,4)*jjopo    Meröda%  bar  Baladän 
Diese  vier  brachten  Weihrauch. 

Woher  Wütäsp  (GuStäsp)  und  Gundafar  stammen,  haben  wir 
bereits  gesehen,  ebenso  kann  über  die  Herkunft  des  Hormizdü) 
kein  Zweifel  bestehen:  es  ist  der  erste  der  drei  Magier  in  der 
Schatzhöhle.  Dann  erkennt  man  aber  unschwer,  dass  i«joiotJ  zu- 
nächst nach  Nr.  5  zurechtgemacht  ist  aus  l«JOJO)  (BB)  und  dieses 

»)  Dan.  J^oto)) ,  Dion.  BB  poi) ,  D  ^ojj . 

*)  S  v.  1.  jjotO»  JOJWO,  Dan.  Jo*0,  D  J^O,  Dion.  JOJO,  BB 

■)  S  OO^/. 

«)  S  Dan.  Dion.  fcjuju^V  ,  D 

")  S  J^Ao.,  D  BB  j^O.,  v.  1.  fe^JU.,  Dan. 

«)  S  v.  1.  ^QVNa/,  Dan.  ^jZüJW,  Dion.  D 

BB  v|QOJfc^/. 

*)  BB  v.  1.  ^^u#,  D  ^^ä.,  Dan.  £UO;*JL. 
*)  Dion.  jOOlOpD,  BB  )OOJO>»,  D  JOOJOJ». 
*)  Dion.  )0»OOi ,  S  )OOtO»,  Dan.  )Q-0)Q~, 
10)  D  Dion.  A^u*/. 

n)  Dan.  ^a-y,  D  äJj,  BB  v.  1.  S 
ir)  S  Dan.  **^?^»  Dion.  J  oder  «*-*»}^. 
»-)  Dan. 

**)  D  BB  ^OJpD. 

'    S  ^«V*,  v.  1.  vjJlO,  ^-S,  Dion.  BB  D^O. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  15 


dem  }jo«&  bezw.  }+io;&  Farr-windtid  der  Schatzhöhle  entspricht. 
Die  Willkür,  mit  der  diese  Namen  mit  einander  in  ein  genealogisches 
Verhältnis  gesetzt  werden,  darf  uns  nicht  irre  machen.  Artabän 
ist  wohl  der  historische  König  Artabanos  II.,  der  Zeitgenosse  des 
Gundaphar;  Sanatrüq  aber  ist  der  armenische  König,  unter  welchem 
die  Apostel  Thaddaeus1)  und  Bartholomaus  das  Martyrium  er- 
litten haben  sollen.  Sein  Name  wird  in  den  apokryphen  Apostel- 
geschichten meist  in  greulicher  Weise  verunstaltet,  z.  B.  Astreges, 
Astriages  und  gar  Astyages2),  bei  Salomon  von  Bacra  S.  ^Lo, 

**£floiooj  u.  ä.  Er  regierte  nach  Mar  Abas  von  167 — 196  n.  Chr, 

und  erbaute  sich  einen  Palast  in  Mcur  oder  Mcurk*  am  Euphrat3), 
in  dessen  Trümmern  späterhin,  als  man  die  Pfeiler  jenes  Palastes 
für  die  Pforte  des  Königs  der  Perser  verlangte,  eine  Säule  ge- 
funden worden  sein  soll  mit  einer  griechischen  Inschrift,  welche 
ein  Verzeichnis  der  armenischen  und  parthischen  Könige  enthielt4). 
Diese  Erzählung  knüpft  an  den  grossen  Streifzug  des  Königs 
§äpür  IL  nach  dem  westlichen  Armenien  im  Jahre  359  an,  auf 
welchem  derselbe  bis  nach  Mzur ,  Daranaie  und  EkeJeac4  ge- 
kommen sein  soll5).   Das  Grabmal  des  Königs  befand  sich  in  der 

»)  Mos.  Xor.  2,  34;  Faust.  Byz.  3, 1.   Vgl.  Dashian,  Die  edesse- 
nische  Abgarsuge.  WZKM.  1890,  S.  144  ff. 

*)  Lipsius,  Die  apokryphen  Apostelgeschichten  I  147.  210  ff.; 
II  2,  55.  66  f.  104.   Vgl.  auch  Justi,  Iran.  Namenbuch  282. 


•)  Faust.  Byz.  4,  14  S.  115 


Mar  Abas  bei  Sebeos  ed.  Patkanean  S.  1,  wo  Z.  9  für 
'/»  IT^/'Ak  ^»"iftpfr  zu  lesen  ist  'fr  Vi  ^rl'0  .f^'L"'^!'  «in  der  Stadt 
Mcur*.  Erst  dem  Ps.  Moses  2,  36  S.  113  ist  es  vorbehalten  geblieben, 
ihm  die  Wiederherstellung  von  Mcbin  (Nisibis)  zuzuschreiben,  das  er 
aus  Mar  Abas  (S.  9,  2.  9,  wo  zu  lesen  'fr  1T*7*««/  für  'fr  \J>froAa«,)  als 
Residenz  des  ersten  armenischen  Arsakiden  Arsak  des  Jüngeren  kannte. 
»Aber  was  immer  für  Thaten  des  Sanatruk  geschehen  sein  mögen,  so 
haben  wir  doch  keine  der  Erwähnung  wert  gehalten  ausser  den  Grün- 
dungen der  Stadt  Mcbin  (Überarbeitung  von  Faust.  4, 14  S.  115).  Denn 
nachdem  sie  von  einem  Krd beben  verschüttet  war,  Hess  er  sie  zerstören 
und  prächtiger  wieder  auibauen  und  von  neuem  mit  einer  Mauer  und 
einem  Vorwerk  umgeben.  Sich  selbst  liess  er  in  der  Mitte  als  Bild- 
säule aufstellen,  e*ine  Drachme  in  der  Hand  haltend,  was  etwa  andeutet, 
dass  zur  Erbauung  dieser  Stadt  alle  Schätze  aufgebraucht  wurden  und 
nur  diese  einzige  übriggeblieben  war". 

IT^rA*  ist  also  im  Auszuge  aus  Mar  Abas  nachträgliche  Korrektur 
nach  dieser  Stelle  des  Moses.  Damit  fallt  die  Schwierigkeit,  für  Sanatruk 
den  Besitz  der  Festung  Nisibis  zu  erweisen  (ZDMG.  49,  650  f.),  weg. 

Über  Mcw,  arab.  j^j*  J<^>,  welches  dem  östlich  vom  Euphrat 
gelegenen  Teile  des  Landes  Mucri  bei  Salmanassar  II.  entspricht,  vgl. 
H.  Geiz  er,  Georgias  Cyprius  p.  183  s.   Kiepert,  Die  Landschaft« 

frenze  des  südlichen  Anneniens.  Monatsber.  d.  Berl.  Akad.  1873,  S.  201. 
bn  Serapion  ed.  Guy  le  Strange.   JKAS.  1895,  13.  64. 

6)  Faust.  4,  24  S.  141.  Vgl.  Amm.  Marceil.  19,  6,  1,  wouach 
Säpflr  auf  diesem  Zuge  unter  andern  befestigten  Plätzen  auch  Ziata 

castellum  einnahm,  syr.        Land,  Anccd.  Syr.  II  61,  12  (Nöldeke, 


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16  J.  Marquart, 

Festung  Ani  (Kamach)  am  Euphrat,  der  Nekropole  der  armenischen 
Könige1),  und  war  so  fest,  dass  es  allein  der  Zerstörung  durch 
die  Perser  entging. 

Suidas  hat  aus  einem  unbekannten  griechischen  Historiker-) 
eine  Notiz  über  unsern  König  aufbewahrt,  die  ihn  in  sehr  günstigem 
Lichte  darstellt:  ^avaTgovxtjg  'ÄQfUviwv  ßaaiXevg^  og  to  p&v 
öwfia  %vfi(i&xQov  et£8,  tyiv  yvwurjv  Sh  fiiyag  ixvyxavtv  etg 
änavra,  oi>x  ?"x*o*ra  ök  elg  xd  ipya  xa  noXiftia. 
köoxu  8k  xai  rot  dixaiov  (pvXa%  ccxQißi)g  ysvka&aiy  xal  xd 
elg  rrjv  diaixav  ha  xai  xoig  xgaxtöxoig  *  EXXqvwv  ts  xai 
' Poffiaitov  xexoXaffuivog. 

Ps.  Moses  Chor.  2,  36  lässt  den  Sanatruk  auf  der  Jagd  durch 
einen  Pfeil  getötet  werden  zur  Strafe  für  die  Martern ,  die  er 
seiner  Tochter  Sanducht  bereitet  hatte.  In  der  That  aber  fiel  er 
im  Jahre  196  n.  Chr.  im  Kampfe  gegen  die  Alanen  oder  Mazk'itfk1, 
die  unter  ihrem  König  Wsnasp  burhap  einen  Einfall  in  Armenien 
gemacht  hatten  8).'^  Es  ist  übrigens  zu  beachten,  dass  hier  Sanatruk 
nicht  selbst  als  einer  der  Magier  erscheint,  sondern  nur  als  Vater 
eines  derselben. 

Der  Vater  von  Nr.  5,  jojJO  niit  mannigfachen  Varianten, 
verdankt  seinen  Namen  dem  Magier  jojj-  der  Schatzhöhle,  d.  i. 

ursprünglich  Zarädust,  aber  auch  der  scheinbar  ganz  tadellos 
persische  Name  ZarwandäÖ*)  ist  lediglich  aus  einer  hand- 

schriftlichen Variante  jenes  10}J*,  OWJ  zurechtgemacht.  HawilaO' 
ist  natürlich  der  König  des  goldreichen  llawila  (oben  S.  3), 
als  dessen  Produkte  Gen.  2,  11  ausserdem  nbia  und  der  äoJiam- 
Stein  genannt  werden.  Von  den  Späteren  (schon  Jos.  UQX-  1»  147) 
wird  Hawila  ebenso  wie  Ophir  nach  Indien  verlegt.  Im  zweiten 
Teil  des  Namens  ^jft^v  ioK *  f ;  ^%f>^ v   bezw.  yJQ^J  erkennen 

wir  dann  leicht  den  König  von  Ophir,  <moOi\  bezw.  ^ho2)f 
wieder  5). 

Sisrön  ist  dem  König  tiirsön*)  von  Bela*  ent- 


VVZKM.  X  169),  später  ^J}  JxCQ~ ,  arab.  ol^  qA3>,  arm.  Karberti, 

das  heutige  Cliarput. 

»)  Faust.  4.  24  S.  112.  Vgl.  3,  12.  Agatbang.  bei  Langlois  I  167  b. 

2)  Petros  Patrikios,  an  den  man  zunächst  denkt,  kann  es  wegen 
des  Jzvpfizxqov  uicht  sein,  ebensowenig  Kassios  Diou. 

•  ^  S.  meine  Chronologie  der  alttürkischen  Inschriften  S.  92.  Bei- 
träge zur  Geschichte  von  Eran.  ZDMG.  49,  649  f. 

*)  Vgl.  Justi,  Namenbuch  383/84. 

ft)  Doch  wäre  es  auch  möglich,  dass  der  in  Verbindung  mit  dem 
Satrapen  Sisines  von  Arbiija  genannte  *,ST"OhinO  JSa&QaßovQlvi^  (eig. 
^m-inil)  Ezra  5,  3  zu  Grunde  läge  und  die  LA.  vJQ^jfe^t/  vor- 
zuziehen wäre. 

w)  V  ^tJUJi ,  A  ^OD .  Ar.  ^JLo . 


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Untersuchungen  cur  Geschichte  von  Erau. 


17 


Dommen,  der  nach  der  Schatzhöhle  S.  b.  ,8  (=36  der  Übs.)  sich 
mit  dem  König  Bera1  von  Sodom,  Bar&a'  von  Gomorrha,  Jebüs, 
dem  König  von  Damaskus  (Darmesuq),  Boqtor,  dem  König  der 
Wüste  und  andern  Königen  bei  Melchisedek  versammelte  und 
demselben  die  Stadt  Jerusalem  erbaute  (vgl.  Gen.  14,  2).  Wir 
werden  uns  also  nicht  mehr  wundern,  wenn  wir  nicht  bloss 
Artachsast,  den  Beschützer  Ezras  und  Nebemjas,  sondern  auch  eine 
Reihe  anderer  Freunde  des  „  Gottesvolkes  *  unter  die  Magier  ver- 
setzt sehen,  wie  AchMreÜ  (AchäawarS),  den  Judenfreund  des 
Estherbuches,  Qarden&ch  d.  L  2axtgSov6g  (Asarfoaddon) ,  unter 
welchem  der  Jude  Achikar  assyrischer  Finanzminister  wurde  und 
dessen  Oheim  Tobit  nach  Ninive  kam  (Tob.  1,  21.  22  ed.  Swete), 
und  vor  allen  Merodakh  bar  Baladän,  d.  i.  pfctba  ]z  pttba  *pn& 
Jes.  39,  1  =  2  K.  20,  12,  den  chaldäischen  König  Marduk-abal- 
iddina,  den  Zeitgenossen  des  Messiaspropheten  Jesaja,  welcher  an 
den  judäischen  König  ChizqTja  eine  Gesandtschaft  mit  reichen 
Geschenken  schickte  und  ihm  eine  Allianz  gegen  Assyrien  anbot. 
Die  Lesart  Mardüx  bar  Bei  denkt  dagegen  an  den  Gott  Bel- 
Marduk  selbst  und  passt  nicht  in  den  Zusammenhang  dieser  Liste. 
In    no»r».v>  Nr.  9  habe  ich  schon  vor  Jahren  Mahrawöh 

=  aw.  Mä&rawäka  erkannt1).  Vielleicht  haben  wir  als  ur- 
sprüngliche Lesart  jooio^i»  Manharwäk  anzunehmen,  was  der 
gewöhnlichen  Transskription  des  aw.  mäßra  im  Pahlawi,  man&ar, 
noch  näher  käme.  Die  richtige  Etymologie  von  )oojooj  hat 
Justi  gefunden9):  es  ist  Hu-wahm  =  aw.  *hu-tcaJnna  „sehr 
fromm*.  Das  Awesta  kennt  einen  Mät^rawäka,  Sohn  des  Säimuzi, 
der  als  aexhrapaiti  (herpat)  und  ha?niÖpaü£  bezeichnet  und  als 
Bekam pfer  der  Ketzer  gepriesen  wird  jt.  13,  105,  ausserdem  wird 
ein  Wahmag-^äta,  Sohn  des  Mä#rawäka  genannt  jt.  13,  115.  Diese 
beiden  Personen  sind  in  späterer  Legende  offenbar  zusammen- 
gefallen, der  Name  Huwahm  entspricht  dem  aw.  Wahmae<)äta  „in 
Lobpreis  (Gottes  von  Seiten  der  Eltern)  geschenkt*  (Justi).  Es 
steht  nichts  der  Annahme  im  Wege,  dass  in  apokryphen  Evangelien 
so  gut  wie  Madjamäh  (Maidjöimänha)  auch  der  Ae#rapaiti  Mä#ra- 
wäka  in  Verbindung  mit  messianischen  Prophezeiungen  Zoroasters 
genannt  war. 

In  oc^»V  möchte  ich  den  Namen  des  Ahnherrn  der  edesse- 

nischen  Königsfamilie,  &Ji{  Arjü   „Löwe*   erkennen8).  Dann 

stünde  oyQQD  Xesrö  für  'Oagorjg  (sonst  gleich  Xoöqotjq,  Chosrau), 

wie  nach  Prokop.  Pers.  I  17  p.  85  ein  alter  König  von  Edessa 
in  der  Partherzeit  hiess,  nach  welchem  die  Landschaft  Osroe*ne 


»)  Bei  Albr.  Wirth,  Aus  orientalischen  Chroniken  206/7. 
*)  Iran.  Namenbuch  140  a. 


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benannt  wurde1).  Freilich  lautet  der  syrische  Name  von  Edessa 
~0»*o/  Orhäi,  und  Ps.  Dionysios  von  TellmafcrS  S.  65  nennt 
deshalb  als  Eponymos  der  Stadt  den  Orhäi  bar  flewja.  Allein 
dies  brauchte  den  Verfasser  unserer  Liste  nicht  zu  stören. 

Der  Name  Aräak  bot  sich  natürlich  von  selbst  Dagegen 
möchte  ich  im  Namen  seines  Vaters  j3okH~tt  Mihröq  nicht  den 
awestischen  Magiernamen  Mä&rawäka  erkennen.  Vielmehr  er- 
blicke ich  darin  nur  eine  der  vielen  Verschreibungen  des  Namens 
JOO't^J-QD,  vielleicht  auf  eine  Nebenform  joofOp^D  *Sanahrük 

zurückgehend  *). 

Es  hat  sich  also  herausgestellt,  dass  der  historische  König 
Oundafarr  in  sämtlichen  Verzeichnissen  den  Mittelpunkt  bildet, 
auch  in  demjenigen,  welches  im  Westen  die  Oberhand  gewonnen 
hat  und  nachweisbar  zuerst  in  den  Excerpta  Latina  Barbari  er- 
scheint8), wahrend  die  übrigen  Namen  aus  verschiedenen  Legen- 


»)  Vgl.  Gutschmid,  Untersuchungen  über  die  Geschichte  des 
Königreichs  Osroene  S.  10. 

*)  Etymologie  und  LautverbiiltuisBe  dieses  Namens  sind  noch  un- 
klar. Der  erste  Partherkönig  dieses  Namens  (76—67  v.  Chr.)  wird  von 
Ps.  Lukian,  Makrob.  15  SivctxQoxXfjs ,  von  Pblegon  fr.  12  bei  Phot. 
cod.  97  =  Müller,  FHG.  III  606  Zivcctqovxtis ,  von  Appian  Mithr.  104 
£ivtqUi\$  genannt.  Der  zweite  Partherkönig  8.,  der  beim  Partherfeld- 
zug des  Trajan  regierte  und  a.  116  n.  Chr.  vertrieben  wurde,  heisst  bei 
Malalai  S.  270  EavaxQovxiof  (aus  Arrian).  Der  König  von  Armenien 
endlich,  von  welchem  oben  die  Rede  ist,  2kcvccrQovxri$ ,  wird  von  Kass. 
Dion  75,  9,  6  als  Vater  des  OboXdyaiaos  (Walars)  bezeichnet.  Die  Syrer 

schreiben  JOO^JlCD  oder  OV^JLflD,  die  Armenier  Sanatruk  und  die 

persisch-arabischen  Quellen    *  JxL»  (mit  u)  Tab.  I  aI*.,  6,  arabisiert 

^•>joL~.   Vgl  Just i,  Namenbuch  282.   Ps.  Mos.  Chor.  2,36  8.  114 

leitet  Sanatruk  vom  Namen  seiner  Amme  Sanot  und  dem  arm.  turk* 
.Geschenk"  ab.  Die  ursprüngliche  Sage  sprach  aber  offenbar  von 
einer  von  den  Göttern  gesandten  weissen  Hündin ,  welche  das  Kind  in 
Obhut  nahm,  woraus  erst  der  Rationalismus  des  Moses  eine  Frau  ge- 
macht hat,  wie  Her.  cc  110.  Dies  setzt  eine  Nebenform  #«an-  ,Hund*  zu 

aw.  spart-  (gen.  süno)  voraus,  wie  np.         zu  med.  cnocxu,  späh  (Hamza 

bei  Jäqüt  III  f\,  17  ff.  =  I  nt\  21  ff),  skythisch  cnaya  bei  Hesych.: 

itccycciri  xvtov  qxv&igtI,  wofür  zu  lesen:  (c)ndyu-  h  xte>v  cx. 

*)  Bei  Schöne,  Eusebii  Chron.  I  App.  p.  228:  Magi  autem  voca- 
bantur  Bithisarea  Melichior  Gathaspa.  In  diesem  Oatlia»]XM  hat  be- 
kanntlich zuerst  Gutschmid,  Die  Königs» amen  in  den  apokryphen 
Apostelgeschichten.  Rh.  Mus.  1864  S.  162  =  Kl.  Sehr.  II  334  den  Ounda- 
farr erkannt  Der  Armenier  Wardan  folgt  derselben  Tradition;  bei 
ibm  heissen  die  Magier: 

Mefk*on  der  Perser; 

f\,$M»uufMti»  Dagpar  (v.  1.  I»*»/»«»««^!»/»  Darcupar)  der  Inder; 
Bntdasar  Arab. 

Es  ist  zu  lesen  Gadaspar  —  radacnaQ.    Vgl.  Baum- 

Partner,  ZDMG.  40  ,  508  N.  1.  Da  in  anderen  Verzeichnissen  einer 
er  drei  Könige  Malachath,  Malgalat,  Magalach  heisst,  was  nuntius 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


19 


den,  namentlich  aber  aus  der  Schatzhöhle,  zusammengetragen  und, 
soweit  sie  ursprünglich  historisch  sind,  den  verschiedensten  Zeit- 
altern angehören.  Viele  Namen  sind  aber  auch  reine  Erfindung, 
und  sämtliche  dieser  angeblichen  Magier  sind  sehr  willkürlich 
geordnet  und  miteinander  verbunden  worden. 

Sehr  merkwürdig  ist  es,  dass  die  Addailegende  auf  die  Zu- 
sammenstellung dieser  Verzeichnisse  gar  keinen  Einfluss  ausgeübt 
hat :  weder  von  Narse,  dem  König  der  A#öräje,  d.  i.  dem  jüdischen 
König  Izates  von  Adiabene  und  seinen  Fürsten,  noch  dem  später 
an  seine  Stelle  getretenen  Abgar  Ukkämä  von  Orhäi  findet  sich 
in  den  Verzeichnissen  die  geringste  Spur.  Die  Erklärung  für  diese 
auffällige  Thatsache  muss  ich  einer  andern  Gelegenheit  aufsparen. 
Soviel  aber  ist  ohne  weiteres  klar,  dass  die  Thomasakten  in  Edessa 
weit  früher  bekannt  gewesen  sein  müssen  als  die  Edessa  ursprüng- 
lich fremde  Addailegende. 

Hoffentlich  bleiben  nun  die  vielgereisten  Magier  von  den 
Geisterbeschwörungen  der  Theologen  und  Orientalisten  etwas  ver- 
schont und  dürfen  sich  der  wohlverdienten  Ruhe  in  der  rheinischen 
Kathedrale  erfreuen. 

2.  Alexanders  Marsch  von  Persepolis  nach  Heräi 

Nach  der  Verbrennung  von  Persepolis  und  der  Ernennung 
eines  neuen  Satrapen  von  Pars  rückte  Alexander  nach  Medien 
vor,  wo  Dareios,  wie  er  hörte,  sich  aufhielt.  Dareios  hatte  be- 
schlossen in  Medien  (Ekbatana)  zu  bleiben,  so  lange  Alexander 
bei  Susa  oder  Babylon  verweilen  würde,  und  dort  abzuwarten, 
ob  etwa  ein  Umschwung  des  bisherigen  Glückes  Alexanders  ein- 
treten würde,  aber  nach  Parthyaia  und  Hyrkanien  und  weiter 
nach  Baktrien  zu  ziehen,  wenn  jener  gegen  ihn  anrücken  sollte. 
Während  er  nun  die  Frauen  und  den  Tross  zu  den  Kaspischen 
Thoren  vorausgesandt  hatte,  war  er  selbst  mit  der  Truppen  - 
macht,  die  sich  wieder  um  ihn  gesammelt  hatte,  in  Ekbatana 
geblieben.  Auf  die  Nachricht  davon  zieht  Alexander  gegen 
Medien  und  unterwirft  auf  dem  Marsche  dahin  die  flauet i- 
Taxat  und  setzt  über  sie  einen  Satrapen.  Als  er  aber  auf  dem 
Marsche  die  Nachricht  erhält,  Dareios  habe  beschlossen  ihm  zum 
Kampfe  entgegenzuziehen,  da  er  Verstärkungen  von  Skythen  und 
Kadusiern  erhalten  habe,  lässt  er  den  Tross  nachfolgen  und  das 
übrige  Heer  gefechtsbereit  vorrücken.  Am  12.  Tage  kommt  er 
nach  Medien  (d.  h.  von  Persepolis  aus  zur  Grenze  von  Medien 


(^Kbn)  bedeuten  soll,  so  wird  man  den  Namen  Melichior,  Melchior 

damit  zusammenzubringen  und  als  „Bote  des  Lichtes"  (des 

durch  den  Stern  angekündigten  Messias)  oder  „mein  Bote  ist  das  Licht11 
aufzufassen  haben.  Bei  letzterer  Auffassung  würde  der  Name  des 
Magiers  eine  Art  Programm  des  Lichtkönigs  enthalten. 


* 

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20  J-  Mtrquart, 


und  Paraitakene).  Dort  erfährt  er,  Dareios  besitze  keine  schlag  - 
fähige  Streitmacht,  noch  seien  Hilfsvölker  der  Kadusier  oder 
Skythen  eingetroffen ,  sondern  Dareios  habe  sich  zur  Flucht  ent- 
schlossen.' Darauf  rückt  Alexander  mit  noch  grösserer  Eile  vor, 
und  als  er  noch  drei  Tagemärscbe  von  Ekbatana  entfernt  ist, 
kommt  Bistanes,  ein  Sohn  des  Ochos  zu  ihm  und  meldet,  Dareios 
sei  seit  fünf  Tagen  auf  der  Flucht. 

Dareios  hatte  also  Ekbatana  bereits  verlassen,  als  Alexander 
noch  acht  Tagemarsche  von  demselben  entfernt  war,  und  als 
dieser  an  der  modischen  Grenze  von  dem  Entschluss  des 
Dareios,  zu  fliehen,  Kunde  erhielt,  war  derselbe  bereits  seit  drei 
Tagen  aus  der  medischen  Hauptstadt  entwichen.  Die  modische 
Grenze  war  also  fünf  Tagemärsche  von  Ekbatana  entfernt  und 
der  gesamte  Marsch  von  Persepolis  bis  Ekbatana  betrug  17  Tage- 
märsche.  Wie  wir  unten  sehen  werden,  befand  sich  die  medische 
Grenze  wahrscheinlich  bei  der  Stadt  Rapsa.  Von  hier  bis  nach 
Persepolis  rechnet  nun  die  Karte  des  Castorius  86  Parasangen  oder 
12  Tagereisen  a  7  Parasangen,  bis  Ekbatana  aber  nur  30  Par. 
oder  fünf  schwache  Tagereisen  ä  6  Par.1)  Alexander  kann  also 
bei  der  Unterwerfung  der  Paraitaken  keinen  irgendwie  nennens- 
werten Umweg  gemacht  haben,  vielmehr  führte  seine  Route^  direkt 
durch  ihr  Gebiet 

In  Ekbatana  entlässt  Alexander  die  thessalisehen  Reiter  und  di*1 
übrigen  Bundesgenossen  in  die  Heimat  und  befiehlt  dem  Parmenion 
mit  den  Söldnern,  den  Thrakern  und  der  übrigen  Reiterei,  ausser 
den  Hetairen,  am  Lande  der  Kadusier  entlang  nach  Hyrkanien  zu 
ziehen.  Für  Kleitos,  der  krank  in  Susa  zurückgelassen  worden 
war,  hinterliess  er  die  Ordre,  sobald  er  von  Susa  nach  Ekbatana 
käme,  mit  den  6000  Mukedonen,  die  zur  Bewachung  der  in  der 
Burg  von  Ekbatana  hinterlegten  Schätze  aus  den  persischen  Königs  - 
Schlössern  zurückgelassen  wurden,  nach  Parthien  zu  ziehen.  Er 
selbst  aber  zog  mit  der  Reiterei  der  Hetairen,  den  Aufklärungs- 
und Söldnerreitern  unter  Erigyios,  sowie  der  makedonischen  Pha- 
lanx und  den  Bogenschützen  und  Agrianern  in  Eilmärschen  gegen 
Dareios,  und  erreichte  am  11.  Tage  Ragai,  von  wo  die  Kaspischen 
Thore  in  diesem  Tempo  in  einem  Tagmarsch  zu  erreichen  waren. 
Dareios  hatte  jedoch  den  Pass  bereits  hinter  sich,  doch  hatten  ihn 
schon  viele  verlassen  und  sich  aufgelöst,  um  ihre  Heimat  zu  er- 
reichen, nicht  wenige  ergaben  sich  auch  dem  Alexander.  Da  dieser 
die  Unmöglichkeit  einsieht,  den  Dareios  sofort  zu  ergreifen,  so 
hält  er  in  Ragai  fünf  Tage  Rast,  um  seinen  erschöpften  Truppen 
Ruhe  zu  gönnen. 

Plutarch,  der  hier  einer  Quelle  folgt,  welche  die  Ergreifung 

~  . 

')  Über  die  genaueren  topographischen  Details  kann  ich  für  vor- 
liegenden Zweck  auf  Toniascheks  Abhandlung  Zur  historischen  Tomo- 
graphie von  Persien  I.,  SBWA.  Bd.  102,  S.  145  ff.  (1883)  verweise^ 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


21 


des  Dareios  durch  Bessos  schon  in  Ekbatana  erfolgt  sein  Hess, 
und  sich  auch  sonst  mit  der  romantischen  Gruppe  berührte,  in 
Einzelheiten  aber  noch  viel  genauer  war  als  diese,  erzahlt  (Alex.  42), 
dass  Alexander  auf  die  Nachricht  von  der  Ergreifung  des  Dareios 
durch  Bessos  die  Thessaler  in  die  Heimat  entliess  und  ihnen  noch 
2000  Talente  über  den  schuldigen  Sold  auszahlen  Hess,  dann  aber 
die  Verfolgung  fortsetzte,  die  langwierig  und  beschwerlich  ge- 
wesen sei,  da  er  in  11  Tagen  3300  Stadien  durchritten  habe. 
Die  meisten  aber  wären  ermattet,  zumal  in  der  wasserlosen  Wüste 
(  vgl.  Arr.  y  20,  1).  Allerdings  hat  die  Quelle  Plutarchs  die  11  Tage 
von  Ekbatana  bis  Ragai  und  den  Marsch  von  da  bis  zur  Auf- 
findung der  Leiche  des  Dareios  zusammengeworfen  und  rechnet 
jene  11  Tage  bis  zur  Katastrophe  des  Dareios.  Es  kann  aber 
nicht  zweifelhaft  sein,  dass  die  Angabe  sich  ursprüngHch  nur  auf 
den  Marsch  von  Ekbatana  bis  Ragai  bezogen  haben  kann.  Alexander 
hätte  also  damals  tägHch  300  Stadien  zurückgelegt;  der  ganze 
Weg  von  Ekbatana  nach  Raj  hätte,  wenn  man  den  Parasang  nach 
seinem  Normalwert  zu  80  Stadien  rechnet,  110  Parasangen  oder 
15  ll%  Tagereisen  ä  7  Par.  betragen. 

Allein  die  arabischen  Itinerare  bemessen  die  Entfernung  von 
Hamadän  nach  Raj   auf  nur  62  (Ibn  Rusta  Hv,  11  ff.)  oder 

64—65  Par.1)  =  9  Tagereisen  a  7  Par.  Alexander  müsste  also 
einen  ganz  ungeheuren  Umweg,  zuerst  in  nördlicher  Richtung  etwa 
bis  Zängän,  und  weiter  über  Eazwln  gemacht  haben,  was  um  so  un- 
erklärHcher  wäre,  da  er  doch  das  grösste  Interesse  daran  hatte,  den 
Dareios  auf  der  geradesten  und  schnellsten  Route  zu  erreichen.  Wir 
müssen  also  zuerst  einen  festen  Massstab  für  die  Märsche  Alexanders 
gewinnen.  Es  ist  hier  auszugehen  von  der  Lage  der  Stadt  Heka- 
tompylos.  Diese  lag  nach  dem  Geschichtsschreiber  der  Parther, 
Apoüodoros  von  Artamita,  1260  Stadien  östlich  von  den  Kaspischen 
Thoren  (Strab.  ut  9,  1  p.  514),  und  diese  Angabe  wird  gestützt 
durch  die  Lage  von  Tayij  (so  ist  zu  lesen  für  TAPH.\  welches 
nach  demselben  Schriftsteller2)  1400  Stadien  von  den  Kaspischen 
Thoren  entfernt  war  (Strab.  ta  7.  2  p.  508),  also  140  Stadien  nörd- 
Hch  von  Hekatompylos  lag.  Tage  war  nach  Strabon  (d.  i.  Apollodor) 
eine  hyrkanische  Königsburg8);  Antiochos  d.  Gr.  rückt  von 
Hekatompylos,  das  mitten  in  Parthyene  lag,  nach  Hyrkanien  vor 
und  kommt  zuerst  nach  Tayai  (Polyb.  i  28,  7.  29),  das  demnach 
bereits  zu  Hyrkanien  gehörte.  Hekatompylos  muss  also  in  der 
Nähe  von  Tayat  gelegen  haben.    Die  Burg  Tdytj ,  arab.  vJjUaJt  f 

war  noch  in  der  ältern  Chalifenzeit  berühmt :  es  war  ein  ungemein 


»)  IlNkChordadbih  H ,  3  ff.  Qod.  f.. ,  6  ff. 

*)  Dass  diese  Notiz  aus  Apollodor,  nicht,  wie  Behr,  De  Apollo- 
dori  Artamiteni  reliquiis  p.  11  s.  meint,  aus  Eratosthenes  stammt,  be- 
weist schon  das  Vernältms  zu  der  Entfernung  von  Hekatompylos. 

■)  Über  den  Beisatz  iuxqöv  hnl?  tty  öaXccvtris  Id^o^hov  s.  unten, 


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22 


J.  Marquart, 


festet  Schloss  in  Tabaristan,  in  welchem  sich  der  Spahpet  im 
Jahre  141  H.  (758/59)  vor  den  Arabern  verschanzte1),  und  da* 
den  persischen  Königen  als  }>a£o(fvXaxtov  gedient  haben  sollte: 
Manös&hr  soll  es  zuerst  dazu  gemacht  haben2). 

Die  Lage  des  Schlosses  Tdyri  ist  uns  nun  bekannt:  es  ist 
unzweifelhaft  das  heutige  Täk  (bei  Melgunoff,  Das  südliche 
Ufer  des  Kaspischen  Meeres  148  f.  2b&),  5  miles  nördlich  von 
Däm/än  auf  dem  Wege  in  das  'AlTcäsmä-Thal,  51/,  Farsang  sw. 
von  Deh-i  Mollä8).  Daraus  muss  sich  auch  die  Lage  von  Heka- 
tompylos  ungefähr  feststellen  lassen:  140  Stadien  oder  43/s  Par. 
südlich  von  Täk  führen  uns  genau  zu  den  Ruinen  zwischen  Frät 
und  Damian  (16  -f-  5  miles  s.  von  T&k),  wo  General  Houtum- 
Schindler  (Zeitschr.  der  Gesellschaft  für  Erdkunde  1877,  217) 
das  alte  Hekatompylos  ansetzt 

Völlig  abweichend  von  Apollodor  gibt  aber  Eratosthenes  die 
Entfernung  der  Stadt  Hekatompylos  von  den  Kaspischen  Thoren, 
d.  h.  offenbar  vom  Beginn  derselben,  auf  1960  Stadien  an  (Strab.  ta 
8,  9  p.  514).  Diese  Zahl  lässt  sich  kontrollieren  durch  eine  andere 
Angabe,  wonach  man  von  den  Kaspischen  Thoren  bis  Alexandreia 
im  Areierlande  d.  i.  Herät  (in  runder  Summe)  6400  Stadien  zahlte. 
Da  Eratosthenes  von  Hekatompylos  bis  Herät  4530  Stadien  rechnet, 
so  ergäbe  sich  als  Gesamtsumme  6490  Stadien,  d.  i.  gerade  um  100 
zu  viel.  Plin.  h.  n.  6,  44  (vgl.  61)  gibt  die  Entfernung  zwischen 
Hekatompylos  und  den  Kaspischen  Thoren  nach  Diognetos  und 

Baiton,  den  Bematisten  Alexanders  auf  CXXX1II  p.  an.  Da  sich 
nun  aus  dem  Verhältnis  der  weiteren  Angaben  des  Plinius  zu 
denen  des  Eratosthenes  ergibt,  dass  derselbe  bei  der  Reduktion  in 
normaler  Weise  8  Stadien  auf  die  römische  Meile  rechnete4),  so 
folgt  notwendig,  dass  die  Zahl  133  falsch  sein  muss.  Schreibt  man 

dagegen  CCXXXIII  p. ,  so  erhält  man  genau  1864  Stadien5): 
1860  -|-  4530  =  6390.  Bei  Eratosthenes  ist  also  1860  herzustellen, 
und  es  ist  klar,  dass  er  hier  einfach  den  Bematisten  gefolgt  ist. 


')  Tab.  m  Ifv ,  8.  Ihn  al  Faq.  H. ,  8. 

«)  Ibn  al  Faq.  H. ,  8.  3.  Berüni  rf  1 ,  3  ff.  ManöScihr  ent- 
spricht in  dieser  Sage  dem  Partherkönig  Mithradates  I.  der  Geschichte, 
welcher  in  Hyrkanien  residierte  und  dort  an  seinem  Hofe  den  ge- 
fangenen Demetrios  1.  Nikator  in  freier  Haft  hielt. 

*)  S.  Tomaschek,  Zur  hist.  Topographie  von  Persien  I  82. 

*)  Genau  acht  Stadien  auf  die  römische  Meile  ergeben  die  Strecken 
Alexandreia  Areion  —  Prophthasia  (1600  Stadien,  199  mp.)  und  Ara- 
chotoi  —  Ortospana  (2000  Stadien,  250  mp.).  Für  die  Strecke  Heka- 
tompylos —  Alexandreia  Areion  (4530  Stadien,  575  mp.)  dagegen  würde 
man  565  mp.  erwarten,  und  die  565  mp.  von  Prophthasia  nach  Ara- 
chotoi  seteen  4520  statt  4120  Stadien  voraus. 

ft)  Dagegen  sagt  Ammian  28,  6,  43:  et  Hecatompylos?  a  cuius 
finibus  per  Caspia  litora  adusque  portarum  angustias  stadia  quadra- 
ginta  numerantur  et  mille.   Diese  würden  180  mp.  entsprechen. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


23 


Ffir  dieselbe  Strecke,  cL  h.  vom  Beginn  der  Kaspischen  Thore 
bis  Dämayän,  rechnen  nun  die  arabischen  Geographen  46  Para- 
sangen (s.  u.)  oder  6  Vi  Tagereisen  zu  7  Par.  Stellt  man  also 
beide  Angaben  einander  gegenüber,  so  ergibt  sich,  dass  hier  der 
arabisch -persische  Parasang  =  40,435  Stadien  der  Bematisten 
ist.  Das  hier  zu  Grunde  gelegte  Stadion  kommt  also  dem  des 
Eratosthenes  (=  157,5  m.),  welcher  40  Stadien  auf  den  ägyptischen 
Schoinos  von  6300  m.  rechnete1),  äusserst  nahe. 

Die  1260  Stadien  des  Apollodoros  von  Artamita  dagegen  er- 
geben genau  42  Parasangen  zu  80  Normalstadien.  Wendet  man 
nun  diese  Erkenntnis  auf  den  lltägigen  Marsch  von  Ekbatana 
nach  Ragai  mit  einer  Länge  von  3300  Stadien  an,  so  ergibt  sich 
als  dessen  wirkliche  Länge  81  */j  Par.  d.  i.  11  Vi  gewöhnliche 
Tagereisen  ä  7  Par.  gegenüber  den  62  oder  64 — 65  Par.  der 
arabischen  Geographen.  Die  heutige  Route  von  Hamadän  nach 
Teheran  betragt  sogar  nur  188  Miles  =  47  Par.  (Houtum- 
Schindler,  Zeitschr.  d.  Ges.  für  Erdkunde  1879,  S.  114).  Die 
damalige  Route  müsste  also  thatsächlich  einen  beträchtlichen  Um- 
weg von  16 — 19  Par.  gemacht  haben,  da  man  sogar  von  Hamadän 
über  Qazwln  nach  Raj  nur  40  +  27  =  67  Par.  rechnete.8) 

Die  Karte  des  Castorius  rechnet  von  Hecantopolis  d.  i.  'Ex- 
(ßar)czva  i}  nohg  nach  Europos  (Raj),  wenn  die  Zahlen  richtig 
überliefert  sind,  92  Masseinheiten.  Tomaschek  sieht  darin 
Parasangen,  allein  schon  Konrad  Miller,  Die  Weltkarte  des 
Castorius  109  hat  Zweifel  hieran  geäussert  und  vermutet,  dass 
wir  vielleicht  den  Schoinos  des  Isidor  von  Charax  =  25  Stadien 
=  3  röm.  Meilen  zu  Grunde  zu  legen  haben.  Gehen  wir  nun 
mit  Tomaschek  davon  aus,  dass  die  80  Schoinen  des  Isidoros 
für  die  Strecke  von  XaXa  (Holwän)  bis  Hamadän  den  61  Para- 
sangen der  arabischen  Itinerare 8)  für  dieselbe  Strecke  entsprechen, 
welch  letztere  Zahl  auch  die  Quelle  der  Karte  des  Castorius  ge- 
boten hatte,  so  ergeben  92  Schoinen  gerade  70  Parasangen  = 
2835  Stadien,  oder  10  gewöhnliche  arabische  Tagereisen  ä  7  Par., 
11  >/i  kleine  Tagereisen  a  6  Par.  Damit  ist  Millers  Vermutung 
aufs  glänzendste  bestätigt.  Die  Route  führte  wohl  zuerst  nord- 
östlich durch  die  Landschaft  2iyQUtvit%  im  Mittelalter  Charrakän 


5  Vgl  Pr.  Hultsch,  Griechische  und  römische  Metrologie2  60  f. 
und  N.  6. 

«)  Ibn  Chord.  M,  12.  TP,  9.  Ibn  Rusta  Hv,  11.  W,  2. 

•)  So  Ihn  Chord.  11,  8  ff.  fl,  8  ff.    Bei  Ibn  Rusta  Ho,  7  ff.  sind 

mehrere  Zahlen  in  Unordnung. 

4)  Vgl.  Strabon  uc  13,  8  p.  525:  fioxtt  dk  fUyustov  tlvai  päxoc 
x^g  Mr\diag  tb  &nb  zijg  toi  Zccyoov  vntQ&iaeatg,  rptto  nateltai  Mr\dixi) 
xilri.  (lg  Ka&nLovg  niXag  9ut  xi^g  StvQuevfjg  oxaöuov  xsxoosxatpllmv 
txatöv.  Die  ganze  Entfernung  vom  Passe  von  Holwän  bis  zu  den 
Kaspischen  Thoren  wird  also  hier  auf  4100  Stadien  =  136  Parasangen 
attischen   Stadien    geschätzt,    wovon    nach   Apollodoros  von 


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24 


J.  Marquart, 


(jetzt  Karayän),  nach  Kazwin,  und  von  da  80.  nach  Ragai.  Die 
auf  der  Tabula  50  ((txoivot)  d.  i.  88  Par.  von  Hamadän  ver- 


Artamita  500  Stadien  16  Par.  a  SO  Stadien  auf  die  Strecke  von 
Ragai  bis  zu  den  Kaspischen  Thoren  entfallen  (s.  o.).  Die  arabischen 
Geographen  rechnen  für  diese  Strecke  18  Parasangen  oder  zwei  Tage- 
reisen (s.  u.).  Da  nun  an  der  zweiten  Stelle  Apollodoros  von  Artamita 
ausdrücklich  citiert  wird,  so  ist  es  mehr  als  wahrscheinlich,  dass  auch 
die  entere  Angabe  Uber  Poseidonios  auf  ihn  zurückgeht,  was  schon 
aus  dem  angewandten  Massstabe  zu  schliessen  wäre.  Die  nach  Abzug 
jener  500  Stadien  übrigbleibenden  3600  Stadien  ergeben  120  Parasangen, 
die  sich  aufs  genaueste  mit  den  Angaben  der  arabischen  Geographen 

decken:  von  Mäh  -  Druwäspän  ^LyJ^jM*  (nach  einem  Perser  Mäh- 
Druwäsp  wwJj jil* ,  Dihqän  von  Bäbil  Mahrüd  a.  76/77  H.  benannt, 
Tab.  II  111,  10.  1fr,  4),  dem  ersten  Orte  jenseits  des  Passes  von  Holwän, 
bis  Raj  rechnet  Ibn  Chordädbih  57  +  64  -=  121  Par.  (Ibn  Chord.  11,  8  ff. 

vgl.  Qod.  11a  ,  4  ff.  Ibn  Rusta  tlö ,  7  ff.  Moq.  Wo ,  6  ff.).  Apollodor 

kannte  also  bereits  dieselbe  Strasse,  welche  später  die  arabischen  Geo- 
graphen beschrieben,  haben. 

Die  Landschaft  Eiy^itcvri  wird  bei  Ptol.  6,  2  p.  391  f.  SiyQucvixrj 
genannt.  Es  heisst  hier  in  der  Beschreibung  Mediens:  (xarivovöi)  tu 
fÜv  ('.  vuTniixioTt-Qu  roß  ZdfQOv  öQOvg  Saydortoi  ,  ind-'  or;  ixxixaxcti 
li(%Qi  rfjs  IlaQ^iag  ij  X<oQop,i&Qr\vr}  &Qxuxa>TtQav  t%ov6a  rf]v  'EXv\uttdu. 
(L  deXvpatdcc) ,  tu  fUv  rtQÖg  avaxolccg  xaxixovai  TdnovQOi-  anb 
lum^tpaiKg  tlol  rgg  X(OQ0iu&Q7ivf)s  ot  re  Sidixeg  xal  i)£iyQiavixi] 
xal  r\  'Payucvrj.  Die  JZuyaQTim  stammen  aus  veralteter  Quelle  und  sind 
richtig  bei  Arbela  und  weiter  östlich  anzusetzen  (s.  meine  Untersuchungen 
z.  Gesch.  von  Eran  I  60  N.).  Unter  XG*QO\u&Qr\vt  kann  im  Sinne  des 
Ptolemaios  nur  die  Elburzkette  verstanden  werden,  die  sonst  den  Namen 
naQccrocc&Qag  (bei  Ptol.  nctQxod&Qag)  führt.  JeXvfiatg  d.  i.  Delum  bildet 
eigentlich  nur  einen  Teil  aerselben.  XiyQucvixrj  entspricht  wohl  un- 
gefähr der  heutigen  Provinz  Kazwin,  dem  Dastabh  (pers.  Dait-i  paj 
„Ebene  am  Gebirgsfuss»)  der  Sasaniden-  und  älteren  Cbalifenzeit.  Die 
Eidtxsg  sind  dann  wohl  weiter  westlich  zu  suchen. 

Die  Landschaft  EiyQictvr)  bezw.  ZiyQiavixrj  verdankt  ihren  Namen 
wohl  ebenfalls  einem  Volksstamme.  Plinius  h.  n.  6,  118  erwähnt  nämlich 
in  anderer  Gegend  zwei  Volksstämme  Silices  und  SUrae  nebeneinander, 
deren  Namen  unmittelbar  an  die  Eitiixtg  und  die  Landschaft  ZiyQtaprj 
erinnern.  Der  Text  lautet:  „Gurdiaeis  vero  iuncti  Azoni,  per  quos  Zerbis 
fluvius  in  Tigrim  cadit,  Azonis  Silices  montani  et  Orontes,  quorum  ad 
occidentem  oppidum  Gaugamela,  item  Suae  in  rupibus.  Supra  Silicas 
Sürae,  per  quos  Lycus  ex  Armenia  fertur.  ab  Sitris  ad  hibernum 
exortum  Azochis  oppidum,  mox  in  campestribus  oppida  Diospege, 
Polytelia,  Stratonicea,  Anthemus". 

Die  Sitze  dieser  beiden  Stämme  lassen  sich  nun  mit  einiger 
Sicherheit  bestimmen.  Der  Zerbis  ist  der  kleine  Zäb,  kurdisch  Zerb 
(Kiepert,  AG.  §  128  N.  3.  Nouvelle  carte  g4ne*rale  des  provinces 
asiatiques  de  l'Empire  ottoman ,  1883) ,  dessen  Deide  UauptquellflUsse 
weit  von  einander  entspringen.  Der  eine,  Kelur  genannt,  kommt  aus 
der  Landschaft  Lähigän,  messt  südöstlich  und  vereinigt  sich  unweit 
Alot  mit  dem  Fluss  von  Bänä  (BeröH),  und  strömt  nun  nach  Westen. 
Der  südlichste  Hauptarm  entspringt  auf  der  Ostseite  des  Awroman-dagh 

und  vereinigt  sich  mit  dem  nördlicheren  Cämi-Qyzylgik,  der  einen  nörd- 
lichen Nebenfluss,  den  Sirwänfluss,  aufnimmt,  in  der  Nähe  von  Machüd  j 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  25 


zeichnete  Station  Spane  fallt  wohl  in  die  Nähe  von  Kazwin.  Was 
nun  die  für  den  Marsch  Alexanders  angenommene  Summe  von 
3300  Stadien  anlangt,  so  ist  zunächst  zu  betonen,  dass  Plutarch 


der  vereinigte  Südarm,  auch  Siwäbfluss  genannt,  vereinigt  sich  alsdann 

mit  dem  Kelur  oder  Altun-su  bei  §inek  (G.  Hoffmann,  Auszüge  aus 
syr.  Akten  pers.  Märtyrer  257  f.).  Über  den  Azoni  sitzen  die  Silices 
und  Orontes,  und  westlich  von  diesen  ist  Gaugamela  am  Gömalfluss, 
dem  westlichen  Hauptarm  des  Chäzir,  bei  den  Alexanderhistorikern 
Bovfuoöog  (Arr.  y  8,  7)  oder  Bumelus  (Curt.  4,  9,  10).  Der  Gömalfluss  ist 
benannt  nach  einem  grossen  Dorfe  Gaumal  der  Provinz  Margä  im  NO. 

des  Elfefgebirges ,  bei  Jäqüt  J^«y>t  bei  Thomas  von  Marga,  The  Book 

of  Governors  ed.  E.  A.  Wallis  Budge  p.  164,  1  (mir  nicht  zugänglich) 
Gögmal  (vgl.  G.  Hoffmann,  Auszüge  194.  Th.  Nöldeke,  Lit.  Cbl. 

1893.  Sp.  1752).  Es  ist  ohne  Zweifel  identisch  mit  Tel  &>mel,  nördlich 

vom  Öebel  Maqlüb,  auf  Kieperts  Karte.  Die  Orontes  und  Silices 
sind  also  östlich  vom  Chäzir  anzusetzen,  und  zwar  letztere  wohl  noch 
Uber  den  grossen  Zab  hinaus.  Suae  ist.  wie  der  Satzbau  an  die  Hand 
gibt,  ebenfalls  eine  Stadt,  und  wohl  identisch  mit  Zovqu  bei  Ptol.  6, 1 
p.  889,  14  unter  88°  L.  46°  40'  Br. 

Der  Lycus  ist  der  grosse  Zab  (Arr.  y  15,  4).  Derselbe  fliesst  zuerst 
sudlich  durch  die  Landschaft  Albäg,  nimmt  dann  den  Nebib-cai  auf 

and  fliegst  nun  sw.  an  Gülamerk  vorbei.  In  der  Landschaft  Tijäri 
wendet  er  sich  östlich,  nimmt  den  von  Amädlja  kommenden  Ghäranuss 

und  bei  Rizän  den  durch  die  Vereinigung  der  Flüsse  von  &emd!nän 

und  Nauca  gebildeten  Fluss  von  Sirwän,  endlich  im  Gebiete  der  Zibärl- 
Kurden  den  Rawändiz-cai  auf,  dann  schlägt  er  wieder  eine  südwestliche 
Richtung  ein.  Die  Sitrae  sind  also  nach  Plinius  in  dem  thatsächlich 
•  hemals  zu  Armenien  gehörigen  Ursprungsgebiet  des  Grossen  Zäb,  der 

Landschaft  Albäg  (armen.  Gross-Albak,  dem  heutigen  türkischen  (»,LJi 

entsprechend,  und  Klein-Albak  mit  dem  Hauptorte  Gülamerk)  zu  suchen. 

Die  Namen  Uidixeg  und  Ziyoucvixj  südlich  von  XmQOfu&QT]vrj 
sind  offenbar  von  den  Silices  und  Sitrae  des  Plinius  (d.  i.  2IAIKEZ 
und  ZITPAI,  verlesen  für  2IJIKES  und  ZirPAI)  nicht  verschieden. 
Wir  haben  aber  nicht  den  geringsten  Anhalt  zu  der  Annahme,  dass 
die  Sitze  dieser  beiden  Völkerschaften  sich  ununterbrochen  vom  Strom- 
gebiete des  Grossen  Zäb  bis  an  den  Elburz  erstreckt  hätten.  Vielmehr 
werden  wir  uns  daran  erinnern  müssen,  dass  nach  Strabons  Aussage 
Abteilungen  der  Amarder,  Tapuren,  Kvqtiol  und  anderer  Nomaden  - 
Stämme  sowohl  im  nördlichen  Atropatene  als  im  Zagros  und  Niphates 
(armen.  Npat)  sowie  in  Pars  zersprengt  wohnten  (ta  13,  3  p.  523). 
Marder  kennt  auch  Ptolemaios  in  Armenien  (5,  12  p.  860,  12)  und  naen 
ihnen  ist  die  Landschaft  Mardastan  in  der  Provinz  Waspurakan  be- 
nannt (Ps.  Moses  Geogr.  ed.  Soukry  p.  32).  Ebenso  gab  es  Asagarta 
in  der  Gegend  von  Arbela  und  im  Osten.  Und  in  weicher  Weise  die 
ehemals  weit  verbreitete  Nation  der  Matiener,  nach  denen  der  See  von 
Urmia  im  Altertum  den  Namen  ,der  raantianische"  erhielt,  in  histori- 
scher Zeit  zersprengt  war,  hat  jüngst  Th.  Beinach  lichtvoll  aus- 
einandergesetzt (Revue  des  (Hudes  grecques  1894,  313 — 318).  Wir  werden 
also  in  den  Silices  und  Sitrae  (r.  Zlyoai)  des  Plinius  am  Grossen  Zäb 
und  den  £idixtg  und  den  Einwohnern  von  Ziygucvix^  südlich  von 
Xb)Qoiii&Q7}vi)  (Elburz)  je  zwei  von  einander  räumlich  getrennte  Ab- 
teilungen aerselben  Völkerschaften  zu  erkennen  haben. 


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I 


26  J.  Marquart, 

hier  einer  Quelle  der  romantischen  Klasse  folgt,  die  jene  Zahl 
wohl  kaum  aus  den  ßrjfiavtarai  geschöpft  haben  wird.  Sie  wird 
vielmehr  einfach  auf  die  Weise  entstanden  sein,  dass  der  Verfasser 
den  Tagemarsch  durchschnittlich  zu  300  Stadien  annahm.  Viel- 
leicht sind  aber  in  jenen  11  Tagen  auch  noch  mehrere  Rasttage 
enthalten.  Noch  einfacher  wäre  die  Differenz  zwischen  Plutarch 
und  der  Tabula  zu  erklaren,  wenn  wir  annehmen  dürften,  dass 
Alexander  unterwegs  noch  Kämpfe  zu  bestehen  gehabt  hätte,  wo- 
durch Abweichungen  von  der  Heerstrasse  unvermeidlich  gewesen 
wären.  Freilich  ist  davon  nichts  berichtet.  Ich  trlaube  aber  trotz- 
dem,  dass  wir  an  der  Identität  der  Route  Alexanders  mit  der  der 
Tabula  nicht  zu  zweifeln  brauchen. 

Fassen  wir  nun  das  Resultat  unserer  bisherigen  Untersuchung 
zusammen,  so  ergibt  sich  uns,  dass  Alexanders  Marschleistungen 
wohl  den  Hellenen,  die  an  Marsche  von  nur  150  Stadien  und 
Tagereisen  von  200  Stadien  gewöhnt  waren  (Her.  «  58.  8  101)1), 
als  Wunder  der  Schnelligkeit  erscheinen  mussten,  und  auch  uns 
noch  in  Anbetracht  des  zu  durchziehenden  schwierigen  Terrains  — 
der  Weg  führte  teilweise  durch  wasserlose  Wüste  —  und  der 
Jahreszeit  hohe  Achtung  abnötigen.  Allein  vom  Standpunkt  des 
heutigen  preussischen  Infanteristen  oder  gar  der  arabischen  Reiter- 
geschwader  müssen  sie  beträchtlich  von  ihrem  bisherigen  Nimbus 
verlieren. 

Kehren  wir  nunmehr  zu  Alexander  zurück,  den  wir  in  Ragai 
verlassen  hatten.    Hier,  in  der  letzten  Stadt  Mediens,  ernennt  er 

den  Perser  Oxodates  (ap.  WcwhtSöta  »von  Wachsu  geschaffen)*  *) 



»)  Vgl.  Fr.  Hultsch  a.  a.  O.  51  N.  1. 

■)  Bei  Curt.  6, 2, 11  und  8, 3, 17  Oxydates.  Justi,  Iran.  Namenbuch 
233  Ubersetzt  „zum  Wachstum  geschaffen*.  Das  Wort  waaSu  enthalten 
auch  die  Namen  'OfcvdQtrif  =  *Wax#u-warta  .von  Wachsu  beschützt* 
(von  W.tDar  ,  wehren*),  sowie  der  auf  einer  Goldmünze  vorkommende 

Name  eines  Satrapen  "HTHöm  WaxSu-warja  (Num.  Chron.  1879  ,  8. 
PI.  I,  2,  von  P.  Gardner  ganz  falsch  gelesen),  der  unter  Antiochos  H. 

Theos  (um  250  v.  Chr.)  wahrscheinlich  in  Hyrkanien  (Tl,  Abkürzung 

von  13*11  Wjrkän)  den  Königstitel  angenommen  haben  muss.  Der  Name 
Waxäu-warja  bedeutet  .erwünschtes  Wachstum  besitzend*.  Wachsu  war 
der  Name  des  Genius  des  Wassers  (Apäm  napät  oder  ArdwTsüra?)  und 

besonders  des  Oxusstromes  bei  den  Chwärizmiern  (BSrünl  PPv)  und  er- 
scheint als  OAXj)0  Oaxio  auf  einer  Ku&änmünze  bei  Cunningham, 
Coins  of  the  Kushans.  Num.  Chron.  1892,  p.  121.  PL  XXIIL  12.  Vgl. 
die  Beschreibung  p.  156:  ,This  figure  differs  entirely  rrom  OX{>0  [OaJo] 

als  well  as  from  OK{>0  [okSo  «=  skt  uktan,  der  Nandistier  des  &va], 
so  that  there  is  no  possibility  of  the  legend  being  blundered.  The 
figure  is  that  of  an  old  man  nolding  a  long  seeptre  in  his  right  hand, 
and  carrying  what  looks  like  a  dolphin  or  fish  in  his  left 
hand.  If  I  could  be  sure  as  to  the  fish  or  dolphin,  I  should  be 
inclined  to  aeeept  the  figure  as  the  god  of  the  ,Occan* 
[von  mir  gesperrt].  —  Den  Namen  des  Oxus  tragen  auch  die  von 
Ptol.  6,  12  p.  422,  28  an  die  sogdischen  Berge  versetzten  t>£vdpaavoi 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


27 


zum  Satrapen  von  Medien,  das  ja  nun  im  Grossen  und  Ganzen 
för  unterworfen  gelten  konnte,  worauf  er  selbst  d>e  kni  JlaQ- 
xtvaiovg  zieht.  Am  ersten  Tage  soll  er  bis  zu  den  Kaspischen 
Thoren  gekommen  sein,  welche  von  jeher  die  Grenze  zwischen 
den  Provinzen  Medien  und  Parthien  gebildet  hatten,  am  zweiten 
passiert  er  das  Defile  und  durchzieht  das  Kulturgebiet  von  Chwär 
jenseits  desselben,  das  bereits  zur  Provinz  Parthien  gehörte  *). 

Ihn  Chord.  rt,  12  ff.  rechnet  von  Raj  nach  Mufaflijaläbäd 

4  Par.,  dann  ^JS  Käsp  6  Pars.,  dann  Afritfin  8  Par.,  dann 

Chwär  6  Par.    Istachn  Ho,  3  ff.  nennt  folgende  Stationen:  Raj 

1  Tag  Afriain  1  Tag  Kuhandih  (das  alte  Dorf)  1  Tag  Chwär. 

Auch  Ihn  Rusta  nennt  AiVT^ün  unmittelbar  hinter  Raj.  Bs 
ist  nach  ihm  9  Par.  von  Raj  entfernt.    Daraus  folgt  zunächst, 

dass  bei  Ihn  Chord.  herzustellen  ist:  *UiU3  ^yXiJÄ   J!  ^J>\ 

Die  Summe  von  24  Par.  bei  Ibn  Chord.  stimmt  zu 

Istachrl's  8  Tagereisen,  nur  dass  bei  Ibn  Chord.  grosse  Tagereisen 
a  8  Par.  angenommen  werden. 

Ibn  Rusta  h1,  6  ff.  beschreibt  den  Weg  folgendermassen : 
„Von  Raj  nach  Afriäün  ^.Osj/i  9  Par.  Der  Weg  führt  durch 
das  Kulturland  von  Raj,  bis  man  zum  Dorfe  Karmäna  (Garmäba 
wLe^?)  kommt;  rechts  und  links  vom  Wege  sind  Berge,  und 

man  kommt  an  laufenden  Kanälen,  gegen  80  an  der  Zahl,  vorbei 
—  (daher)  der  Name  Hadtäö-röösn  (die  80  Flüsse)  —  die  man 
sämtlich  überschreitet,  bis  man  zum  Dorfe  Afrl^ün  kommt.  Von 
Afriäün  nach  Chwär  sind  zweimal  8  Par.  (d.  h.  2  Tagereisen  ä 
8  Par.)*).  Der  Weg  fuhrt  eine  Zeit  lang  durch  Kulturland,  dann 
durch  Wüste,  bis  man  zu  einem  Dorfe  am  Eingange  eines  Passes 
kommt,  das  Klsp  (1-  s-**«*^)  heisst  und  wo  früher  die  Station 
war.  Heutzutage  wird  aber  dort  nicht  mehr  Halt  gemacht,  sondern 
die  Karawanen  gehen  daran  vorbei  nach  Chwär  und  marschieren 
durch  einen  Engpass  von  5  Par.  Länge*. 

Die  Entfernung  von  zweimal  8  Par.  zwischen  Afrldün  und 
Chwär  stimmt  mit  dem  wiederhergestellten  Texte  des  Ibn  Chordä#bih 
äberein.    Das  Dorf  (ebenso  Jäq.  IV  rrT,  2)  oder  Käsp 

am  Eingange  der  5  Par.  langen  Kaspischen  Thore3)  entspricht 


(so  1.  mit  codd.  B  E  Pal.  1)  d.  i.  *Wax$u-drajana  v Anwohner  des 
Oiuaaee«*,  sowie  die  Oxyttagae  Plin.  h.  n.  6,  48,  bei  Solin  c.  49,  .1 
Oxistacae  am  See  Oaxus. 

l)  Plin.  6,  44.;  Mox  eiusdem  Parthiae  amoenissimus  situs  qui 
Tocatur  Choara.   Uber  Strab.  ta  9,  1  p.  514  s.  u. 

«)  Cod.  iUiU  iLoLS  J,Ji  J\  ^jJsjj«  Der 

Ausdruck  ist  schlecht,  kann  aber  nicht  anders  aufgefaßt  werden. 

*)  Nach  Isidor  von  Charax.  <sxu&\l<>1  IIccq&ixoL  §  7,  hatten  die 
Thore  ihren  Namen  von  dem  Gebirgszug,  durch  den  sie  führten.  Das 


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28 


J.  Marquart, 


völlig  dem  Kuhan-dih  8jJ!^/  des  Istachrl,  sowie  dem  heutigen 

Aiwän-i  Keif,  das  von  Qy&läq,  dem  alten  Chwär  22  miles  oder 
ö'/j  Par.  entfernt  ist.    Zur  Zeit  des  Ibn  Rusta  hielten  aber  die 


hier  genannte  Dorf  Käap  oder  Kern  hatte  noch  in  der  älteren  Chalifeu- 
zeit  den  alten  Namen  bewahrt.  Plin.  5,  99  leitet  den  Namen  des  Kaspi- 
schen  Gebirges  von  einem  Volke  der  Kaspier  her.  Dies  sind  gewiss 
die  Käanioi  Her.  y  92  und  Plin.  6,  114:  habet  ergo  ipsa  (Media)  ab 
ortu  Caspios  et  Parthos.  Bei  Herodot  stehen  die  Kaoniot  neben  den 
Jagtlxai,  die  nach  Ptol.  6,  2  p.  392,  4,  wo  ^  Jaostttg  %Aqcc  unter  dem 
'Icc<s6vtov  ÖQog  ö.  von  'Pavucvrj  verzeichnet  wird,  ebenda  anzusetzen  sind, 
und  den  Ilavaixca  d.  i.  den  'Aitaaiaxat ,  die  wir  schon  um  230  v.  Chr. 
in  den  Steppen  westlich  vom  Oxos  finden  Polyb.  i  48,  Strab.  «r  8,  8 
p.  513  (wo  auch  für  ATTA2IOI  zu  lesen  ist  APAZI\AK}AI),  Steph. 
Byz.  s.  v.  'Anaoucxcci,  bei  Ptol.  6,  12  p.  422,  25  (wo  sie  aber  ganz  falsch 
an  die  oxischen  Berge  versetzt  sind,  wie  die  'laxioi  und  Taxogoi  d.  i. 
die  Jüe-ci  an  den  nördlichen  Abschnitt  des  Jaxartes)  Iluaixai,  bei 
Plin.  6,  50  und  Mela  3,  39  Pestici,  Mela  3,  42  Paesicae.  Spuren  jenes 
ehemals  weitverbreiteten  Urvolkes  finden  wir  ferner  an  der  Süd  Westküste 
des  nach  ihnen  benannten  Meeres,  am  Unterlauf  des  Araxes,  von  wo 
sie  sich  später  mehr  nach  dem  Binnenland  in  die  Gegend  der  Stadt 

P'aitakaran  (arab.  ^ JüLxaJ*)  zurückzogen  (s.  K.  J.  Neu  mann,  Patrokles 

und  der  Oxos.  Hermes  Bd.  19,  173):  ebenso  weist  der  Name  des  Käsp- 
rött  des  Flusses  von  Tos-Mäahäd,  Bundahifin  p.  53,  3  (West,  PT.  I 

81  f.),  jetzt  KäSäf-rttd,  im  Epos  Käsak-röt  (arab.-pers.  t5*jJS  Tab.  I 

1.1 ,  9.  1a.  ,  7)  auf  jenes  Volk.  Wir  finden  sie  aber  insbesondere  östlich 

von  Baktrien:  Her.  y  93  steuern  sie  mit  den  Saken,  i\  67  werden  sie 
hinter  Gandärern  und  Jadixut  (d.  i.  *Dadika,  Darden)  aufgeführt.  Sie 
trugen  Pelzröcke  und  führten  einheimische  Rohrbogen  und  kurze 
Schwerter  als  Waffen.  Nach  r\  86  dienten  sie  auch  als  Reiter  und 
folgen  auf  die  Baktrier.  Sie  müssen  also  damals  noch  im  Besitz  von 
Ebenen  gewesen  sein,  und  wir  werden  sie  nicht  allzuweit  von  Baktrien 
suchen  dürfen.  Aus  Ktesias  erfahren  wir,  dass  sie  eine  besondere 
Ra*se  von  Kamelen  züchteten,  deren  Haare  der  milesischen  Wolle 
an  Zartheit  gleich  geachtet  wurden,  so  dass  die  daraus  hergestellten 
Stoffe  den  Priestern  und  Vornehmen  als  Kleidung  dienten  (Apollon. 
hist.  mirab.  20  aus  Ktesias'  10.  Buche.  Aelian  bist.  an.  17,  34).  To m a - 
schek,  Kritik  der  ältesteu  Nachrichten  Uber  den  skythischen  Norden 
I  35  (SBWA.  Bd.  116,  15,  1888,  S.  749)  will  auch  bei  Plin.  6,  55  (ab 
Attacoris  gentis  Thuni  et  Focari,  et  iam  Indorum  Casiri  introrsus  ad 
Scythas  versi  humanis  corporibus  vescuntur)  CASPII  für  CASIRI  lesen, 
obwohl  letzteres  auch  6,  64  in  der  Schreibung  Cotriri  wiederkehrt,  und 
sieht  in  den  heutigen  Buri§  in  4en  Hochthälern  Hunza  und  Napar 
nördlich  von  Gilgit  den  einzigen  Überrest  dieser  Urbevölkerung.  Viel- 
leicht dürfen  wir  auch  in  den  bei  Her.  i]  86  neben  den  Pankaniern 
genannten  Kuoniot,  falls  die  LA.  richtig  ist,  einen  nach  SO.  ver- 
schlagenen Rest  derselben  Bevölkerung  erblicken. 

Ein  ebenso  versprengtes  vorarisches  Volk  sind  die  Tapuren.  Der 
Alexanderzug  zeigt  sie  uns  im  Elburz  etwa  nördlich  von  Semn  n. 
Später  nehmen  sie  auch  die  Sitae  der  Marder  beim  heutigen  Ämul 
ein  (s.  u.).  Eine  andere  Abteilung  dieses  Volkes  sass  zwischen  den 
Hyrkaniern  und  Areiern  (Strab.  uc  8,  8  ja.  514),  und  an  diese  erinnerte 
wohl  noch  der  Rustak  Tabarän  bei  Sarachs,  sowie  labarän  oder 


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r 


» 


Untersuchungen  zur  Geschichte  yon  Eran.  29 

Karawanen  nicht  mehr  in  Käsp ,  sondern  in  einem  Karwänseräi 
2  Par.  weiter  westlich,  8  Par.  von  Afrldün,  so  dass  die  ganze 
Strecke  folgendermassen  lautet: 

Ibn  Chord.:  Ibn  Rusta: 

Raj  Raj 

Afrldün  8  Par.  Afritfün  9  Par. 

Mufadcjal  äbäd  4    w  Neue  Station    8  w 

Käsp  (Kuhan-dih)  6    „  Kesp  (2)  1  fi 

Chwär  6    „  Chwär  (6)  /  • 

~24  Par.  25  Par" 

MuqaddasT  f..,  11  nennt  folgende  Stationen:  Raj  1  Tag 
Killn  ijdsS  1  Tag  Kes  (=  Kesp)  1  Tag  Chwär.  Hier  ent- 

spricht also  Kilm  dem  Afrl<5ön  der  älteren  Geographen.  Jener 
Ort  ist  aber  heute  noch  bekannt  und  liegt  gegen  Warämin  zu, ' 
woraus  sich  auch  für  Afrt<5un  eine  benachbarte  Lage  ergibt.  Bis 
zum  Orte  Käsp  am  Eingange  der  Kaspischen  Thore  rechnete  man 
also  18  bezw.  19  Par.  oder  zwei  (starke)  Tagereisen.  Damit  stimmt 
die  Angabe  <Jes  Apollodoros  von  Artamita  fast  völlig  dberein,  wo- 
nach Ragai  von  den  Kaspischen  Thoren  500  Stadien  =  16*/s  Par. 
entfernt  war  (Strab.  ta  13,  6  p.  524  hn.).  Heute  rechnet  man 
allerdings  von  den  Ruinen  von  Raj  bei  §äh  'Abdul  'Azlm  bis  zum 
Beginn  des  Sär-darra-  Passes  nur  52  miles  =  14  Par.  oder  zwei 
Tagereisen1).    Die  Differenz  erklärt  sich  daraus,  dass  die  von 


TabaräUf  die  Hauptstadt  der  Provinz  Tos  (beim  heutigen  Mäshäd). 
Vgl.  meine  Assyriaka  des  Ktesias  614  N.  383.  Unters,  zur  Gesch.  von 
Eran  S.  70  N.  76  (Pbilolorus  Bd.  55,  238).  Sie  waren  aber  ohne  Zweifel 
in  historischer  Zeit  überall  von  den  Ariern  aus  den  Ebenen  in  die  ent- 
legeneren Gebirgsthäler  zurückgedrängt  worden.  Auch  östlich  von  der 
Wüste  von  Margiana  waren  sie  verbreitet  (Ptol.  6,  10  p.  418.  Dionys. 
itiotr\y.  782  ff.) ,  wohl  im  heutigen  BädchTz.  Nach  Strabon  ta  13,  3 
p.  523  gab  es  sogar  im  nördlichen  Atropatene  Horden  dieser  räuberischen 
Nomaden,  wie  auch  der  Amarder  und  Kyrtier  (Kurden),  und  es  scheint, 
dass  auch  der  Zagros  und  Niphates  versprengte  Abteilungen  dieser 
Nationen  beherbergten,  wenn  Strabons  Ausdruck  nicht  auf  die  speziell 
genannten  Kvgrtoi  und  Maqlloi  zu  beschränken  ist:  %  dk  nooaaQxxiog 
doavi)  xal  xoa%sla  xal  i/w;roa,  Kaöovclcav  xaxoixia  x&v  6qhv&v  xal 
'A{iÜQÖmv  xal  Tanvocav  xccl  KvqxIodv  xal  &llcov  xotovxav,  ol  (itxavdaxai 
tlol  xal  Irjoxoixoi.  xal  yäo  6  Zdyoog  xal  b  Nupdxr\g  xaxfonag^iva 
fyovoi  xä  ibvr\  xavxa,  xal  ol  iv  rg  Tleooldi  Kvgxioi  xal  Mdgdoi  (xal 
yuQ  ovxto  Xiyovxai  ol  "Aiucodoi)  xal  ol  iv  xfj  'Aojuvia  pi%Qi  vvv  öfuo- 
v4(uog  HQoeayoQfv6pLtvoi  xi)g  avxijg  tlaiv  idiag.  Darnach  wird  man  es 
wägen  dürfen,  auch  die  von  Ptolemaios  6,  14  p.  427, 19  östlich  von  den 
Tdnovoa  öoji  und  den  Zvrißoi  Extöai  angesetzten  Tanovoatoi  als  einen 
weit  nach  Osten  verschlagenen  Bruchteil  derselben  Nation  aufzufassen. 
Tomaschek,  Kritik  der  ältesten  Nachrichten  Uber  den  akythischen 
Norden  II  51  (SBWA.  1888  Bd.  117,  1)  versetzt  die  Tdnovoa  öoij  nörd- 
lich vom  Sir-darjä,  vom  Kurama-tau  bis  zum  Catqal-tau. 

^  Tomaschek  a.  a.  O.  12.    S.  79  dagegen  gibt  derselbe  nur 


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30  J-  Marquart, 

den  arabischen  Geographen  beschriebene  Route  eine  mehr  südliche 
Richtung  hatte.  Allein  schon  a  priori  werden  wir  anzunehmen 
haben,  dass  die  Route  Alexandere  eher  mit  der  des  Apollodoros 
und  der  arabischen  Geographen  als  mit  der  heutigen  überein- 
stimmte. Behalten  wir  nun  im  Auge,  dass  des  Apollodoros 
1260  Stadien  a  Vso  Pftr-  von  den  Kaspischen  Thoren  bis  Heka- 
tompylos  nur  42  Par.  gegenüber  den  46  der  arabischen  Geographen 
und  der  Bematisten  ergeben,  so  muss  auch  zwischen  den  500  Stadien 
=  168/8  Par.  gegenüber  den  18  (19)  Par.  der  Araber  ein  be- 
stimmtes Verhältnis  obwalten.  Wir  dürfen  also  für  die  Bematisten 
18  Par.  zu  Grunde  legen  und  erhalten  so  für  die  Entfernung 
Ragai  —  Kaspische  Thore  eine  Länge  von  720  Stadien.  Dass 
Alexander  diese  an  einem  Tage  durcheilt  haben  sollte,  ist  ganz 
undenkbar,  und  wir  müssen  anerkennen,  dass  hier  die  Angabe 
Arrians  falsch  ist.  Aus  den  vorangehenden  wie  aus  den  folgen- 
den Untersuchungen  ergibt  sich,  dass  wir  uns  von  den  Märschen 
Alexanders  keine  gar  zu  übertriebenen  Vorstellungen  machen  dürfen. 
Auch  wenn  Alexander  diese  Strecke  in  zwei  Tagen  zurücklegte, 
war  dies  für  eine  Armee  eine  ganz  anerkennenswerte  Leistung. 
Der  zweite  (richtig  dritte)  Marschtag  führte  nach  Tomaschek 
über  Chwar  bis  Aradan  und  hatte  eine  Länge  von  34  Miles  = 
9  Parasangen. 

An  der  Grenze  des  Kulturgebiets  von  Chwär  kommen  zu 
Alexander  Bagisfcmes,  ein  vornehmer  Babylonier  und  Artibelos1), 
einer  der  Söhne  des  Satrapen  von  Babylon  Mazdai,  und  melden, 
dass  Dareios  von  dem  Hazarapet  Nabarzanes,  dem  Satrapen  von 
Baktrien,  Bessos  und  von  Brzavanta,  dem  Satrapen  von  Arachosien 
und  Drangiana  festgenommen  worden  sei  (Arr.  y  19 — 21,  1). 

Eine  völlig  abweichende  Darstellung  finden  wir  bei  Curtius, 
der  hier  für  uns  der  einzige  vollständige  Vertreter  der  romantischen 
Gruppe  ist.  Nach  ihm  hatte  Dareios  in  Ekbatana  zuerst  be- 
schlossen, nach  Baktrien  zu  gehen,  änderte  aber  dann  seinen  Plan, 
da  er  fürchtete,  der  Schnelligkeit  Alexanders  doch  nicht  entfliehen 
zu  können,  obwohl  dieser  noch  1500  Stadien  entfernt  war, 
itaque  proelio  magis  quam  fugae  se  praeparabat 
(5,  8,  1.  2 ;  vgl.  9,  18).  Er  fordert  also  in  einer  Rede  seine  Leute 
auf,  nochmals  das  Glück  der  Waffen  zu  versuchen.  Curtius  ver- 
legt nun  gleich  hierher  den  Beginn  der  Meuterei  des  Bessos  und 
Nabarzanes.  Diese  widersetzen  sich  dem  Plane  des  Dareios,  eine 
neue  Schlacht  zu  liefern,  und  fordern  den  Rückzug  nach  Baktrien 


»)  Arr.  v  21.  1  'AinLfaloq,  £  6,  4  'Agtißoljie.  Das  Richtige  ist 
'AQtlßriXoe,  Der  Name  ist  babylonisch  =  Ar  du  Bei  ,  Diener  des  BeK 
Curtius  5,  13,  11  gibt  dem  Manne  den  Namen  Brochubelus,  was  nicht 
wohl  etwas  anderes  sein  kann  als  ein  Schreibfehler  für  Orodubelw  i  vgl. 
Terioltes  IX,  8,  9  für  Terid(a)tes,  TTjOMJarrj?  Diod.  17,  81,  2.  Unter- 
suchungen I  70).  Wie  rasch  übrige us  die  in  Babylon  begüterten  vor- 
nehmen Perser  babyionisiert  wurden,  dafür  liefert  eine  vom  1.  Dum 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  31 


und  die  einstweilige  Übergabe  der  königlichen  Gewalt  an  den 
Satrapen  Bessos.  Da  Dareios  sich  ausser  Stande  sieht,  seinen 
Plan,  dem  Feinde  entgegenzuziehen,  auszuführen,  so  bleibt  er  zu- 
nächst völlig  fassungslos  und  unthatig  in  Ekbatana  (9,  13).  Am 
folgenden  Morgen  jedoch  machen  ihm  Bessos  und  Nabarzanes  ihre 
Aufwartung  und  der  König  lässt  sich  zur  Flucht  bewegen  (10,  15: 
Alexandri  manus,  quas  solas  timebat,  eflfugere  properabat). 

Auf  dem  Marsch  gewinnt  die  Gefahr  für  den  König  greif- 
bare Gestalt,  vergeblich  bittet  ihn  aber  Patron,  der  Führer  der 
hellenischen  Söldner,  sich  seinem  Schutze  anzuvertrauen.  In  der 
folgenden  Nacht  wird  er  von  Bessos  und  Nabarzanes  gefangen 
genommen,  mit  goldenen  Ketten  gefesselt1)  und  auf  der  Flucht  mit- 
geschleppt. Dies  geschah  nach  Justin  11,  15,  1  in  vico  Parthorura 
Thara.  Artabazos  mit  den  treugebliebenen  Persern  und  den 
Hellenen  zieht  nach  Parthiene,  die  Perser  aber,  nunmehr  fuhrerlos 
und  durch  die  Versprechungen  des  Bessos  geködert,  folgen  den 
Baktriern  und  holen  sie  am  dritten  Tage  wieder  ein8).  Sobald 
Alexander  erfuhr,  dass  Dareios  von  Ekbatana  aufgebrochen  sei, 
gab  er  den  Marsch  dahin  auf  und  setzte  die  Verfolgung  energisch 
fort  In  Tabai,  einer  Stadt  an  der  Grenze  von  Paraitakene,  er- 
führt er  durch  Überläufer,  dass  Dareios  in  wilder  Flucht 'Baktra 
zueile.  Certiora  deinde  cognoscit  ex  Bagistane  Babylonio :  <non> 
equidem  vinetum  regem,  sed  in  periculo  esse  aut  mortis  aut 
vineulorum  adfirmabat  (18,  1 — 3). 

Diese  Darstellung  des  Curtius  wird  man  zunächst  so  ver- 
stehen, dass  die  Gefangennahme  des  Dareios  auf  dem  Marsche  von 
Ekbatana  nach  Ragai  erfolgt  sei  Alexander  aber,  der  nach  ihm 
nicht  nach  Ekbatana  gekommen  ist,  sondern  gleich  auf  die  Nach- 
richt von  der  Flucht  des  Dareios  den  Marsch  dahin  aufgab,  hätte 
wohl  die  direkte  Route  von  Paraitakene  nach  Ragai  über  Kasan 
und  Qomm  eingeschlagen. 

des  Jahres  IV  des  Xerxes  (AkkaSiaräi)  datierte  Vertragstafel  einen 
merkwürdigen  Beleg.  Es  wird  auf  derselben  ein  gewisser  Kibi-Bel  ge-. 
nannt,  der  Sohn  eines  Persers  Mardinija,  der  bereits  selbst  auch  einen 
babylonischen  Namen  angenommen  hatte  (J.  Oppert,  Revue  des 
«Hudes  juives  1894,  p.  34).  Nichts  hindert,  in  diesem  Mardinija  den 
bekannten  Mardunija,  den  Sohn  des  Gaubruwa  zu  sehen,  der  uns  als 
in  Babylonien  ansässig,  bei  dem  Aufstand  der  Babylonier  unter  Xerxes 
entgegentritt  (Ktes.  ecl.  21.  Vgl.  meine  Assyriaka  des  Ktesias  624  f.) 
und  in  der  Schlacht  bei  Plataiai  a.  479  fiel. 

')  Der  Satz  Ne  tarnen  honos  .  .  .  sequebantur  (5,  12,  20)  ist  an 
falsche  Stelle  geraten  und  gehört  hinter  §  16:  rex  curru  .  . .  inponitur. 

*)  Damit  kann  nicht  der  dritte  Tag  seit  der  Ergreifung  des 
Dareios  gemeint  sein,  sondern  nur  seit  dem  Aufbruch  von  Ekbatana. 
Denn  nachdem  Alexander  von  Bajristanes  erfahren  hat,  dass  Dareios 
zwar  noch  nicht  gefesselt  sei,  aber  in  grösster  Gefahr  schwebe,  legt  er 
in  zwei  Tagen  1000  Stadien  zurück  und  holt  die  Verschworenen  ein 
(13,  6  ff.).  An  dem  verhängnisvollen  Tage,  der  der  Flucht  vorausging, 
war  Alexander  noch  1500  Stadien  entfernt  (8.  2),  am  Morgen  der  Flucht 
aber  hatte  sich  die  Entfernung  ohne  Zweite!  bedeutend  verringert. 


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32 


J.  Marquart, 


Die  Stadt  Tabae  ist  nach  Curtius  offenbar  nicht  identisch 
mit  dem  Orte,  wo  Alexander  zuerst  die  Flucht  des  Dareios  erfuhr, 
sondern  nördlich  von  diesem  zu  denken.  Nun  ist  aber  TABAE 
eine  Verlesung  für  rABAI,  und  dieses  war  die  Hauptstadt  der 
Landschaft  Gabiene,  die  im  weiteren  Sinne  zur  Provinz  Paraitakene 
gehörte  (vgl.  Diod.  i&  26,  1.  5.  34,  7)  und  seit  der  seleukidischen 
Satrapieneinteilung  eine  Provinz  von  Elyraaia  bildete  (Strab.  ig 

1,18  p.  745).  Gabai  entspricht  dem  arabisch -persischen  ^>  öa/*, 

der  Altstadt  von  Ispahän,  wie  C.  F.  Andreas  zuerst  gesehen 
hat Es  befand  sich  daselbst  ein  achaimenidischer  Palast  (Strab. 
u  8,  3  p.  728).  Das  eigentliche  flaQmxaxijvr]^  dessen  Name  sich 
in  dem  des  Distriktes  Faraidän  (volkstümliche  Form  Päria), 

arab.  ^ju^J  FariSin,  einmal  auch  ^jjc^t*)  am  Oberlauf  des 

Zajända-rüd  nw.  von  Ispahän  erhalten  hat,  erstreckte  sich  offenbar 
nördlich  und  nw.  von  Ispahän.  Die  Grenze  gegen  Medien  bildete, 
wie  es  scheint,  die  Stadt  'Pat//a,  welche  nach  C.  F.  Andreas 
dem  heutigen  Gulpäig&n  (arab.  ^üüby?-  OarpäSakän)  oder  besser 

dem  heutigen  Sähwärdi  im  nördlichen  Teile  des  Distriktes  Faraidän 
entspriöht  *).  Gabai  lag  nur  gegen  Osten  in  Paraetacene  ultima, 
indem  schon  in  der  altern  Partherzeit  die  Städte  Issatis  (Jezd, 
arab.-per.  »2f  Ka&a  d.  i.  Haus)  und  Kalliope  den  Parthern  ge- 
hörten4). Wenn  also  Gabai  in  der  guten  Überlieferung  des 
Ptolemaios  und  Aristobulos  genannt  war,  so  kann  dies  nur  in  dem 
Bericht  über  die  Unterwerfung  der  Paraitaken  und  die  Einsetzung 
des  Satrapen  Oxathres  (Arr.  y  19,  2)  gewesen  sein.  Nach  der- 
selben erfahrt  aber  Alexander  zunächst  den  Entschluss  des  Dareios, 
eine  neue  Schlacht  zu  wagen ,  und  erst  an  der  medischen  Grenze 
hört  er,  dass  Dareios  sich  zur  Flucht  entschlossen  habe. 

Man  sieht  also,  wie  sehr  die  richtige  Aufeinanderfolge  der 
Ereignisse  bei  Curtius  verschoben  ist    Die  beiden  Überläufer 

*)  Bei  G.  Hoff  mann,  Auszüge  aus  syr.  Akten  per.  Märtyrer 
S.  132  N.  1130. 

*)  Tab.  I  IfP. ,  9  antworten  die  Araber  den  Persern  auf  deren 

Friedensanerbietuneen :  ,Nie  wird  zwischen  uns  und  euch  Friede 
sein,  bis  wir  den  Honig  von  Afridln  essen  mit  Citronen  von  Kulrä4. 
Dass  hier  von  dem  Gau  der  Provinz  Ispahän  und  nicht  von  dem 
unten  behandelten  Dorfe  die  Bede  ist,  ergibt  sich  daraus,  dass  als 

Heimat  des  vorzüglichen  Honigs,  des  sogenannten  »medischen*  (^£«5Ut), 

Ispahän  galt  (Ibn  Rusta  lov,  4.  Ibn  al  Faq.  Hl,  8). 

s)  Pauly •  Wisso waa  s.  v.  Andriaka.  Vgl.  Tomaschek,  Zur 
histor.  Topographie  von  Persien  I  24  ff. 

*)  Plin.  h.  n.  6,  44:  duae  urbes  ibi  Parthorum  oppositae  quondam 
Medis,  CaUiope  et  alia  in  rupe  Issatis.  Vgl.  6, 113.  Polyb.  10  fr.  Vor 
der  Eroberung  Mediens  durch  Mithridatcs  I.  hatten  sie  als  parthische 
Vorposten  gegen  das  seleukidische  Medien  gedient. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


33 


Busxdvrjg,  der  dem  Alexander  drei  Tagereisen  südlich  von  Ekba- 
tana  meldet,  dass  Dareios  bereits  fünf  Tage  auf  der  Flucht  sei 
(Arr.  y  19,  4.  5),  und  Bayiöxavrjg,  der  ihm  zwei  Tagemärsche 
östlich  von  Ragai  die  Gefangennahme  des  Dareios  meldet  (Arr.  y 
21,  1),  sind  bei  Curtius  zusammengeworfen,  und  die  Ereignisse 
von  der  Flucht  bis  zur  Gefangennahme  des  Dareios,  die  bei  Arrian 
einen  Zeitraum  von  nahezu  30  Tagen  in  Anspruch  nehmen1),  sind 
bei  ihm  ganz  dramatisch  auf  einige  Tage  zusammengedrängt.  Der 
Grund  der  Verschiebung  lasst  sich  aber  hieraus  nicht  erkennen. 
Dieselbe  erklärt  sich  nur  daraus,  dass  der  Verfasser  durch 
geographische  Vorstellungen  beeinflusst  war.  Die  beiden  Haupt- 
städte Mediens,  Ragai  und  Ekbatana,  sind  nämlich  bei 
ihm  völlig  zusammengeworfen.  Bei  Strabon  ig  1 ,  17 
p.  744  finden  wir  sodann  folgende  Grenzbestimmungen :  xccvxrj  6h 
(rr)  IJsq6£Si)  owuitxti  ^  IIccQaixccxrjvi)  vtal  f\  Koääala 
K  cconl&v  nvXöbv,  6qhvcc  xccl  XyöxQixa  z&vri.  tij  6h  £ovölöi 
fi  EXvftcctg  xai  avxr\  xqaitia  t\  noXXi}  ycccl  XytiTQiMj'  xjj  6h 
,EXvftat6i  xa  mqi  xbv  ZdyQOv  xai  ^  Mrj6la.  Den  Landschaften 
Paraitakene  und  Kossaia  wird  also  eine  Ausdehnung  bis  zu 
den  Kaspischen  Thoren  gegeben  und  nach  ta  13,  6  p.  524 
bilden  Parthyaia,  die  Berge  der  Kossaier  und  die  Paraitakener  die 
Ostgrenze  von  Gross-Medien2).  Diese  Angaben  gehen  wohl  ohne 
Zweifel  in  letzter  Linie  auf  Eratosthenes  zurück.  Dann  folgt  aber 
unmittelbar,  dass  die  Quelle  der  Erzählung  des  Curtius  jünger 
als  Eratosthenes  sein  muss,  was  auf  Agatharchides  vortrefflich 
passt.  Zur  Erklärung  der  hier  der  Landschaft  Paraitakene  gegebenen 
östlichen  Ausdehnung  darf  vielleicht  an  das  oben  erwähnte  AfrT^Ün 
zwischen  Raj  und  den  Kaspischen  Thoren  erinnert  werden 8).  Der 

Name  ^^Juyl  oder  ^jjoj^  geht  wohl  auf  *para-ita  „umflossen* 

zurück,  dessen  Ableitung  üaQaixdTiai  =  para-ita-ka  (als  Vor- 
name) oder  na$aixccx,r\vri  (mit  hellenischer  Endung)  uns  in  den  ver- 
schiedensten Gegenden  Irans  als  Landschaftsname  begegnet.  Die 
betreffenden  Landschaften4)  sind  sämtlich  von  zahlreichen  Flüssen 
oder  Kanälen  bewässert.  Der  Name  Afridvm  oder  richtiger 
PareSün  bezeichnete  also  wohl  ursprünglich  das  von  80  Kanälen 

')  Flucht  8  Tagereisen  von  Ekbatana  -|-  Rast  in  Ekbatana 
11  Tage  bis  Ragai  -f  5  Tage  Rast  -f  2  Tage  bis  zur  Ankunft  des 
Ragistanes. 

*)  xovtoig  ti  9r\  ictpOQi&rca  itQÖg  fto  (i)  iLsydXr\  Mrftioc)  xai  ixt  tofff 
naQ€cixaxT\vols ,  ol  övvarcxovct  HiftGaig  6qhvo\  xal  ccbxol  xccl  IjjaxQixoi. 

*)  Es  ist  zu  beachten,  dass  die  Alexandergeschichte  auch  einen 
Stamm  der  Tapuren  neben  Kossaiern  in  der  Nachbarschaft  der  Persis, 
also  im  Zagros  kennt  (Arr.  7,  23,  1),  wodurch  Strabons  Angabe  ta  13,  3 
p.  523  (oben  S.  29  Anm.)  bestätigt  wird.  Es  lag  natürlich  nahe  genug, 
diese  Tapuren  mit  denen  nordöstlich  von  Ragai  zu  verbinden. 

*)  1)  nordlich  von  Pars,  2)  in  Drangiana,  das  spätere  Sakcnland 
Zccxaoxdvri,  3)  am  obern  Oxos,  das  mittelalterliche  Chottal. 

Marqaart,  Untersuchungen.  II.  3 


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J.  Marquart, 


des  Gagarüd  (pers.  HastäJ-rödän)  befiruchtete  Kulturland  südöst- 
lich von  Raj       Die  Schreibung  ^         findet  sich  bei  Tab.  I 

ffr. ,  9  auch*  für  den  gewöhnlich  ^jJuj»  genannten  Rustäk  von 

Ispuhän,  welcher  den  Namen  der  Provinz  nccQaitccxrivfj  bewahrt  hat. 

Wenn  sich  aber  Paraitakene  bis  zu  den  Kaspischen  Thoren 
erstreckte  und  Gabai  in  Paraetacene  ultima  lag,  so  hatte 
Alexander  freilich  von  da  nicht  mehr  weit  bis  zu  dem  Orte,  wo 
Dareios  gefangen  genommen  worden  war.  Dieser  heisst  bei  Justin 
Thara  und  wird  als  vicus  Parthorum  bezeichnet.  Da  Curtius 
die  Ergreifung  des  Dareios  bereits  in  der  ersten  Nacht  nach  dem 
Aufbruch  von  Ekbatana  (praktisch  =  Bagai)  geschehen  sein  lässt, 
so  kann  unter  Thara  kaum  ein  anderer  Ort  gemeint  sein  als 
Choara9),  die  erste  Stadt  in  Parthien  (Plin.  6,  44).  Freilich 
brauchte  Alexander  nach  Arrian  von  Ragai  bis  dahin  bezw.  zu  dem 
3  Fars.  weiteren  Aradän  zwei  Tage.  Von  diesem  Gesichtspunkte 
aus  erklärt  sich  die  völlige  Umarbeitung  der  ursprünglichen  Be- 
richte. Der  romantische  Bericht  hat  also  den  Ort  der  Ergreifung 
des  Dareios  mit  der  Stadt,  in  deren  Nähe  Alexander  von  derselben 
benachrichtigt  wurde,  verwechselt.  Trogus  schrieb  wohl  CHARA, 
und  eine  ganz  ähnliche  Form  findet  sich  bei  Orosius  1,2,16: 
der  Kaukasus  heisst  a  fönte  Tigridis  usque  ad  Charras  civitatem 
inter  Massagetas  et  Parthos  mons  Ariobarzanes;  a  Chams  civitate 
usque  ad  oppidum  Catippi  inter  Hyrcanos  et  Bactrianos  mons 
Memarmali  etc.  Ariobarzanes  ist  aw.  Hara  bdrdzaitü,  der  heutige 
Alburz,  es  kann  also  mit  Charrae  hier  nur  die  Stadt  Choara  am 
Ende  der  Kaspischen  Thore  gemeint  sein3).  Vielleicht  ist  mit 
Rücksicht  auf  obige  Stelle  des  Justin  auch  bei  Plin.  6,  44  (oben 
S.  27  Anm.  1)  für  amoenissimus  situs  qui  vocatur  Choara  zu 
lesen  a.  vicus  q.  v.  Ch. 

Nachdem  Alexander  die  Gefangennahme  des  Dareios  erfahren, 
beeilte  er  sich  noch  mehr  und  nahm  nur  die  Hetairen,  die  Auf- 
klärungsreiterei und  die  kräftigsten  und  leichtesten  Fusssoldaten 
mit ;  nicht  einmal  die  unter  Koinos  zum  Fouragieren  ausgesandten 

')  Ein  anderer  Ort  namens  lag  auf  dem  Wege  von 

Tabasain  durch  die  Wüste  nach  Tureiz,  20  Fars.  östlich  vou  Tabasain 

Ibn  Chord.  öf,  3,  wahrscheinlich  in  einer  Oase. 

*)  Ganz  mechanisch,  ohne  Rücksicht  auf  die  Eigeuart  der  Quelle, 
sucht  diesen  Ort  Tqmaschek,  Zur  hist.  Topographie  von  Persieo 
I  80  zu  bestimmen.  Uberaus  naiv  ist  dagegen  der  Versuch  von  Adolf 
Sonny,  Jahrbb.  f.  Phil.  u.  Pädagogik  1891,  Bd.  143,  278  ff,  der  in 
den  drei  Namen  'Pdyai  (Arrian^,  Tabae  (Curtius)  und  Thara  (Justin) 
eine  und  dieselbe  Ortlichkeit  sieht  Er  steht  würdig  neben  Krauths, 
dieselbe  Zeitschrift  zierender  Entdeckung  der  .verscholleneu  Länder 
des  Altertums*. 

»)  Vgl.  über  diese  Stelle  meine  Schrift:  Eriinsahr  nach  Ps.  Moses 
Chorenac'i. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  35 


Reiter  wartete  er  ab.  Über  die  Zurückbleibenden  setzte  er  den 
Krateros  mit  dem  Befehle,  in  massigen  Tagem&rschen  zu  folgen. 
Alexander  marschierte  die  ganze  Nacht  und  den  folgenden  Morgen 
bis  gegen  Mittag,  und  dann  nach  kurzer  Rast  wiederum  die  ganze 
Nacht  hindurch  bis  Tagesanbruch,  und  erreicht  nun  das  Lager, 
von  welchem  Bagistanes  nach  Ergreifung  des  Dareios  aufgebrochen 
war.  Hier  erfahrt  er,  dass  Bessos  die  Gewalt  ergriffen  habe,  dass 
aber  Artabazos  und  die  hellenischen  Söldner,  nicht  im  stände,  das 
Geschehene  zu  hindern,  von  der  Heerstrasse  abgebogen  seien  und 
für  sich  nach  den  Bergen  zu  marschieren.  Trotz  der  Erschöpfung 
der  Pferde  und  Mannschaften  setzt  Alexander  den  Gewaltmarsch  die 
Nacht  und  den  folgenden  Tag  bis  zum  Mittag  fort,  bis  er  zu  einem 
Dorfe  kam,  wo  die  Verschworenen  am  vorhergehenden  Tage  gelagert 
hatten.  Hier  erfuhr  er,  dass  die  Barbaren  beschlossen  hätten,  des 
Nachts  zu  marschieren. 

Seit  der  Ergreifung  des  Dareios  waren'  mindestens  5 — 6  Tage 
verflossen1),  die  genügt  hätten,  den  Verschwornen  einen  tüchtigen 
Vorsprung  zu  sichern.  Allein  die  mit  der  Ergreifung  des  Dareios 
ausgebrochene  Revolution  und  die  dadurch  hervorgerufene  Un- 
schlüssigkeit hatte  offenbar  noch  ein  längeres  Verweilen  im 
Lager  nach  dem  Weggang  des  Bagistanes  zur  Folge.  Auf  diese 
Weise  war  viel  kostbare  Zeit  verloren  worden. 

Alexander  erkundet  nun  von  den  Eingebornen  einen  kürzern 
Weg,  der  aber  durch  wasserloses  Land  führe,  und  da  er  einsieht, 
dass  das  Pussvolk  seinem  Gewaltritt  nicht  würde  folgen  können, 
so  lässt  er  gegen  500  Reiter  absitzen  und  macht  dafür  die  Offiziere 
und  die  tüchtigsten  Leute  des  Fussvolks  in  ihrer  Infanteriebewaflnung 
beritten.  Dem  Nikanor  und  Attalos,  den  Führern  der  Hypaspisten 
und  Agrianen  befahl  er,  die  Zurückgebliebenen  ebenfalls  in  möglichst 
leichter  Rüstung  auf  der  Heerstrasse  heranzuführen,  das  übrige  Fuss- 
volk sollte  in  Schlachtordnung  nachfolgen.  Er  selbst  brach  mit 
den  500  „ Doppelkämpfern*  und  der  Reiterei*)  gegen  Abend  auf 
und  legte  die  ganze  Nacht  hindurch  gegen  400  Stadien  zurück, 
bis  er  gegen  Morgen  auf  die  ungeordnet  und  unbewaffnet  mar- 
schierenden Barbaren  stiess.    Die  meisten  wandten  sich  alsbald 

')  2 — 3  Tage  Marsch  des  Bagistanes  vom  Ort  der  Festnahme  des 
Dareios  bis  zum  Lager  Alexanders  -f-  2  Tage  Marsch  Alexanders  bis 
zum  Ort  der  Festnahme  des  Dareios  -f  1  Tag  bis  zum  letzten  Lager 
der  Verschwornen. 

*)  Arrian  y  21 ,  7  ff.  erwähnt  die  Reiterei  nicht  besonders.  Dass 
aber  Alexander  auf  seinem  Gewaltritt  die  Reiterei  bei  sich  hatte,  würde, 
wenn  es  sich  nicht  von  selbst  verstünde,  sowohl  aus  der  Pointe  jener 
Massregel  (er  will  auf  die  Mitwirkung  der  Infanterie  uicht  verzichten, 
da  diese  aber  zu  Fuss  nicht  mehr  zu  folgen  vermag ,  so  lässt  er  sie  in 
ihrer  eignen  Bewaffnung  aufsitzen)  als  auch  aus  dem  Fehlen  der 
Reiterei  unter  den  .Zurückgebliebenen  folgen.  Die  Romantiker  sind 
hier  also  genauer.  Uberhaupt  ist  Arrian's  Auszug  hier  ganz  besonders 
liederlich. 

8* 


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36 


J.  Marquart, 


zur  Flucht,  sobald  sie  Alexander  in  Sicht  bekamen,  nur  wenige 
ermannten  sich  zur  Abwehr,  nahmen  aber  gleichfalls  Reissaus, 
nachdem  einige  gefallen  waren.  Als  Alexander  bereits  nahe  war, 
stiessen  Nabarzanes  und  Barsaentes  den  Dareios  nieder,  der  bald 
darauf  verschied,  und  flohen  mit  600  Reitern.  Da  die  Feinde 
nach  allen  Richtungen  auseinanderstoben  und  seine  Leute  völlig 
erschöpft  waren,  sah  Alexander  die  Unmöglichkeit  ein,  die  Verfolgung 
fortzusetzen.  Er  wartete  also  die  Ankunft  der  zurückgelassenen 
Truppen  ab  und  sandte  den  Leichnam  des  Dareios  zur  Beisetzung 
in  den  Königsgräbern  nach  der  Persis. 

Darauf  ernannte  er  den  Parther  Amminapes1)  zum  Satrapen 
der  Parther  und  Hyrkanier  und  erwartete  die  Ankunft  der  bei  der 
Verfolgung  zurückgelassenen  Abteilungen  des  Heeres.  Nachdem 
er  diese  an  sich  gezogen,  rückte  er  gegen  Hyrkanien  vor. 

So  der  lakonische  Bericht  des  Arrian.  Nach  Curtius  dagegen 
legt  Alexander,  nachdem  er  von  Bagistanes  erfahren  hat,  dass 
Dareios  zwar  noch  nicht  gefesselt  sei,  aber  in  höchster  Gefahr 
schwebe,  in  einem  Gewaltmarsch  bei  Tai?  und  Nacht  500  Stadien 
zurück  und  erreicht  das  Dorf,  wo  Dareios  gefangen  worden  war. 
Bald  darauf  treffen  zwei  Überläufer  Orsilos  und  Mithracenes  ein 
mit  der  Meldung,  die  Perser  seien  nur  mehr  500  Stadien  entfernt. 
Gegen  Abend  bricht  nun  der  König  mit  6000  auserlesenen 
Reitern  und  300  Doppelkämpfern  auf,  indem  er  die  Phalanx  mit 
dem  Befehle,  so  schnell  wie  möglich  zu  folgen,  zurückliess. 
Unterwegs  soll  er  nach  Justin  11,  15,  4  multa  et  periculosa 
proelia  bestanden  haben.  Nachdem  er  300  Stadien  zurückgelegt, 
kommt  ihm  Brochubelus,  der  Sohn  des  Mazaios,  der  ehemalige 
Satrap  von  Syrien,  entgegen  mit  der  Nachricht,  Bessos  sei  nicht 
mehr  als  200  Stadien  entfernt  Sein  Heer ,  das  ungeordnet  und 
unvorbereitet  marschiere,  scheine  nach  Hyrkanien  marschieren  zu 
wollen.  Nun  gieng  es  im  gestreckten  Galopp  auf  die  Feinde. 
Beim  Herannahen  Alexanders  suchten  Bessos  und  seine  Mit- 
verschwornen  den  Dareios  zu  bewegen,  zu  Pferde  zu  steigen  und 
sich  mit  ihnen  durch  die  Flucht  zu  retten.  Da  er  sich  aber  dessen 
weigerte,  stiessen  sie  ihn  nieder  und  flohen  nach  verschiedenen 
Richtungen,  Bessos  nach  Baktrien,  Nabarzanes  nach  Hyrkanien. 
Artabazos  mit  den  treugebliebenen  Persern  und  den  hellenischen 

*)  Bei  Arrian  y  22,  1  liest  man  'AfLuivdonris,  allein  die  Form  des 
Curtius  6,4,25  Minapis  weist  darauf  hin,  dass  dessen  Gewährsmann 
im  zweiten  Teil  nicht  ap.  aspa  gefunden  hat.  Im  ersten  Teil  erkennt 
man  aw.  xoahma  .Lobpreis*;  vgl.  aw.  Wakmac-däta  oben  S.  17,  Me- 
dates  Curt.  5,  3, 4. 12. 15,  Madhrig  Diod.  17, 67, 4  «=  OiftnraJTjs  Ps.  Call. 
H  11  cod.  A?  (Ausfeld,  Zur  Kritik  des  griech.  Alexanderromans, 
Karlsruhe  1894,  S.  24),  Amedincs  Curt.  7,5,4.  Der  zweite  Teil  ist 
wohl  ap.  napä  „Enkel,  Sprössling" ;  v^l.  'Ag-vuitrig  Xen.  Hell,  cc  3,  12 
und  dazu  yAQ-t6%\ir\g  Her.  rj  73,  *AQ-7tccxT\s  Plut.  Artox.  30,  JTapa-jrtTcf 
Xen.  Hell.  4 ,  1 ,  39.  40.  Vgl.  auch  den  Namen  der  Stadt  Mtvaizuc  in 
Baktrien  Ptol.  6,  12  p.  421,  4  Wilberg. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  37 

Söldnern  hatte  sich  schon  nach  der  Ergreifung  des  Dareios  nach 
Parthiene  gewandt  (5,  12,  18).  Die  ihrer  Führer  beraubten 
Barbaren  lösten  sich  planlos  auf,  nur  500  Reiter  hatten  sich 
versammelt,  noch  unsicher,  ob  Widerstand  oder  Flucht  vor- 
zuziehen sei.  Sobald  Alexander  die  Demoralisation  des  Feindes 
sah,  sandte  er  den  Nikanor  mit  einem  Teil  der  Reiterei  aus,  um 
die  Flucht  zu  verhindern,  und  folgte  selbst  mit  den  Übrigen. 
Ungefähr  3000 ,  die  Widerstand  versuchten ,  wurden  getötet ,  der 
Rest  aber  wie  eine  Viehherde  herbeigetrieben,  da  der  König  dem 
Blutvergiessen  Einhalt  zu  thun  befahl  Dem  Alexander  selbst 
hatten  kaum  3000  Reiter  zu  folgen  vermocht,  die  Gesamtmasse 
des  Trosses  aber  fiel  den  langsamer  Nachrückenden  in  die  Hände. 
Die  Pferde,  die  den  Wagen  des  Dareios  zogen,  waren  jedoch  von 
der  Heerstrasse  abgewichen  und  nach  vier  Stadien  in  einem 
Thale  vor  Erschöpfung  stehen  geblieben,  wo  der  Wagen  von 
einem  Makedonen  aufgefunden  wurde. 

Unter  den  Gefangenen  befanden  sich  gegen  1000  adlige 
Perser,  worunter  des  Dareios  Bruder  Oxathres1).  Alexander 
ernannte  hier  den  Perser  Oxydates,  der  von  Dareios  zum  Tode 
verurteilt  worden  war  und  noch  in  Fesseln  lag,  zum  Satrapen 
von  Medien  und  marschierte  dann  nach  Parthiene. 

Von  jetzt  ab  stehen  uns  ausser  dem  Bericht  des  Curtius 
auch  ausführlichere  Erzählungen  des  Trogus-Justin  und  Diodor 
zur  Verfügung.  Da  letzterer,  wie  wir  sehen  werden,  die  ur- 
sprüngliche Reihenfolge  der  gemeinsamen  Quelle  am  treuesten 
bewahrt  hat,  so  werden  wir  ihm  fortab  folgen. 

Auf  der  Verfolgung  des  Dareios  waren  Alexander  grosse 
Schätze  in  die  Hände  gefallen,  vor  allem  der  Königsschatz  von 
Ekbatana  im  Betrage  von  8000  Talenten2).  Nach  dem  Tode  des 
Dareios  entlässt  Alexander  nun  die  Thessaler  und  übrigen  hellenischen 
Bundesgenossen8),  indem  er  ihnen  den  vollen  Sold  bis  zu  ihrer 
Rückkehr  in  die  Heimat  auszahlen  Hess,  ausserdem  aber  jedem 
Reiter  ein  Talent,  jedem  Fussgänger  10  Minen  schenkte4).  Von 


«)  Vgl.  Plut.  Alex.  43.   Diod.  t£  77,  4. 

*)  Diod.  i£  74,  5;  ebenso  Strab.  t*  8, 9  p.  731.  Dagegen  7000  Talente 
nach  Aman  y  19,  5. 

*)  Plut.  Alex.  42  folgt  einer  ältern  Gestalt  der  romantischen  Version : 
die  Thessaler  werden  entlassen,  nachdem  Alexander  die  Kunde  von  der 
Ergreifung  des  Dareios  durch  Bessos  erhalten  hat.  Darauf  haben 
aber  Alexanders  Truppen  erst  noch  die  Strapazen  einer  1 1  tägigen  Ver- 
folgung durchzumachen,  auf  welchersie  3300  Stadien  zu  Pferde  zurücklegen, 
bis  sie  die  Leiche  des  Dareios  erreichen.  Nach  Arrian  aber  wurden 
die  hellenischen  Bundesgenossen  bereits  in  Ekbatana  entlassen.  Die 
11  Tagesritte  des  Plutarch  gehen  offenbar  auf  die  11  Tagemärsche 
Alexanders  von  Ekbatana  bis  Ragai  (Arr.  y  20,  2)  zurück. 

*)  Nach  Arrian  y  19,  5  und  Plut.  Alex.  42  gab  er  ihnen  ausser 
dem  Sold  noch  2000  Talente. 


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- 


38  J.  Marqüart, 

denen  aber  die  weiter  dienen  wollten ,  gab"  er  jedem  3  Talente. 
Im  ganzen  wurden  so,  mit  Einrechnung  der  Schmucksachen  und 
Trinkgefasse,  13  000  Talente  an  die  Soldaten  verteilt,  noch  mehr 
aber  war,  wie  man  vermutete,  unterschlagen  und  geraubt  worden 

Nach  dem  Tode  des  Dareios  ergriff  die  Makedonen  eine 
ganz  ähnliche  Stimmung  wie  die  Deutschen  nach  der  Gefangen- 
nahme Napoleons  bei  Sedan;  sie  glaubten  den  Feldzug  beendet 
und  die  Rückkehr  in  die  Heimat  nahe,  zumal  sie  Alexander  bei 
der  Nachricht,  dass  Dareios  selbst  in  Gefahr  schwebe,  zur  äussersten 
Anstrengung  angefeuert  hatte  durch  die  Aussicht:  „ Maximum 
opus ,  sed  labor  brevissimus  superest.  Darens  haud  procul, 
destitutus  a  suis  aut  oppressus:  in  illo  corpore  posita 
est  nostra  victoria  et  tanta  res  celeritatis  est  praemium 
(Curt.  5,13,4).  In  dieser  Hoffnung  wurden  sie  noch  bestärkt 
durch  die  Kunde,  dass  die  hellenischen  Bundesgenossen  in 
die  Heimat  entlassen  würden.  Der  hinreissenden  Beredsamkeit 
Alexanders  gelang  es  indessen,  seine  Makedonen  von  der  Not- 
wendigkeit der  Fortsetzung  des  Kampfes  und  der  Vernichtung 
der  Mörder  des  Dareios  zu  tiberzeugen  und  so  brach  er  mit 
seinem  Heere  gegen  Hyrkanien  auf.  Am  dritten  Tage  lagerte  er 
in  der  Nähe  der  Stadt  Hekatompylos  *) ,  und  gönnte  seinen 
Truppen  mehrere  Tage  Rast,  da  diese  Stadt  mit  allen  Lebens- 
bedürfnissen reichlich  versehen  war. 

Es  ist  ohne  weiteres  klar,  wie  dramatisch  hier  alle  effekt- 
vollen Motive  zusammengedrängt  sind.  Schon  in  Ekbatana  fassen 
Bessos  und  Genossen  den  Plan,  den  Dareios  zu  beseitigen,  und 
bereits  in  der  ersten  Nacht  nach  dem  Aufbruch  von  der  niedischen 
Hauptstadt  wird  er  von  ihnen  festgenommen  und  fortgeschleppt. 
Nachdem  Alexander  erfahren  hat,  dass  Dareios  in  Gefahr  schwebt, 
erreicht  er  in  einem  Tage  den  500  Stadien  entfernten  Ort,  wo 
Dareios  gefesselt  worden  war,  und  in  einem  weiteren  Marsche 
von  500  Stadien  gelangt  er  zur  Leiche  des  Dareios.  Diese 
Ereignisse,  die  bei  Arrian  4  Tagemärsche  ausfüllen,  sind  also 
hier  auf  zwei  Tage  zusammengedrängt  Da  Alexander  nach  dem 
Tode  des  Dareios  einen  Satrapen  von  Medien  ernennt,  so  wird 
wohl  vorausgesetzt,  dass  er  sich  noch  auf  medischem  Boden  befand. 
Nach  Arrian  y  20,  3  erfolgt  die  Ernennung  des  Oxydates  aller- 
dings in  Ragai.  Auch  der  dreitägige  Marsch  bis  nach  Hekatompylos, 
das  nach  Diodors  Darstellung  offenbar  in  Parthien  und  in  der 
Nähe  der  Grenze  Hyrkaniens  gedacht  ist,  sowie  der  Ausdruck  des 
Curtius  6,  2,  12  hinc  in  Parthienen  perventum  est 
weisen  darauf  hin,  dass  nach  der  Vorstellung  der  Quelle  Alexander 


l)  Vgl.  Justin  12,  1,  1.  Curt.  6,  2,  10  schätzt  die  Beute  auf 
26000  Talente,  wovon  12000  (r.  13000)  unter  die  Soldaten  verteilt 
wurden,  par  huic  pecuniae  summa  custodum  fraude  eubtracta  est. 

*)  Über  Hekatompylos  s.  S.  39  ff.  44. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  39 

sich  bei  der  Auffindung  der  Leiche  des  Dareios  noch  nicht  auf 
parthischem  Boden  befand.  Dabei  ist  aber  merkwürdig,  dass  die 
Anzahl  der  Märsche  Alexanders  von  Gabai,  wo  er  zuerst  die 
Flucht  des  Dareios  erfahrt,  bis  nach  Hekatompylos  wahrscheinlich 
mit  den  6  Gewaltmärschen  von  Ragai  bis  zur  Auffindung  der 
Leiche  des  Dareios  nach  Arrian  übereinstimmt.  Die  Entlassung 
der  Bundesgenossen,  die  bereits  vor  einem  Monat  in  Ekbatana 
stattgefunden  hatte,  wird  hier  zu  einem  Momente  höchster 
Spannung  verwertet,  in  welchem  der  siegreiche  König  nach 
beispiellosem  Glücke  fast  an  der  Vollendung  seiner  Sieges- 
laufbahn  gehindert  worden  wäre. 

Curtius  lässt  den  Alexander  nach  der  Auffindung  der  Leiche 
des  Dareios  nach  Hekatompylos  in  Parthiene  gelangen  und  verlegt 
hieher  die  Entlassung  der  hellenischen  Söldner  und  die  Hoffnung 
der  Makedonen  auf  sofortige  Heimkehr.  Von  da  gelangt  er  am 
dritten  Tage  durch  Parthiene  an  die  Grenzen  von  Hyrkanien. 
Allein  dass  jene  Szene  ihre  richtige  Stelle  im  Sinne  der  Urquelle 
nur  unmittelbar  nach  dem  Tode  des  Dareios  haben  kann,  wo  sie 
bei  Diodor  richtig  steht ,  folgt  aus  ihrer  Begründung.  Curtius 
oder  sein  Gewährsmann  hat  also  die  Urquelle  eigenmächtig  ver- 
schlimmbessert. Dass  natürlich  letztere  auch  nicht  den  Beisatz 
zu  Hekatompylos  enthalten  konnte :  condita  a  Graecis,  ist 
selbstverständlich.  Dadurch  wäre  ja  bereits  die  ganze  Erzählung 
jedem  denkenden  Leser  als  widersinnig  hingestellt  worden.  Diese 
Notiz  ist  wohl  einer  Chorographie  entnommen.  Die  Bemerkung 
über  den  skythischen  Ursprung  der  Parther  (vgl.  4,  12,  11), 
näherhin  ihre  Abkunft  von  den  europäischen  Skythen  stammt 
aus  Agatharchides  *). 

Die  Vorlage  des  Trogus  11,  15,  1  lässt  den  Dareios  bereits 
auf  parthischem  Gebiet  gefangen  genommen  werden  und  verlegt 
folgerichtig  auch  jene  Erregung  unter  den  Makedonen  infolge 
ihrer  Erwartung  der  Beendigung  des  Krieges  nach  Parthien  (12, 3, 1), 
nennt  aber  den  Namen  der  Stadt  Hekatompylos  nicht  Sie  hat 
also  die  Hauptquelle  Agatharchides  wie  so  häufig  aus  einer 
Nebenquelle  verbessert. 

Da  es  den  Romantikern  darauf  ankam,  die  Ereignisse  nach 
rhetorischen  Gesichtspunkten  zu  gruppieren,  wobei  sachliche  und 
geographische  Bücksichten,  wie  wir  bereits  gesehen,  völlig  in  den 
Hintergrund  traten,  so  können  wir  von  der  Behauptung,  dass 
Alexander  von  der  Auffindung  der  Leiche  des  Dareios  noch 
3  Tage  bis  Hekatompylos  gebraucht  habe,  völlig  absehen.  Soviel 
ist  klar,  dass  die  Urquelle  dieser  Darstellungen  von  der  Geographie 
von  Parthien  eine  ebenso  mangelhafte  Vorstellung  hatte  wie  von  der 
von  Paraitakene.    Denn  Hekatompylos  lag  ja  im  Herzen  von 


»)  Vgl.  meine  Untersuchungen  zur  Gesch.  von  Eran  I  35. 


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40 


J.  Marquart, 


Parthien  (iv  fiiay  ty  IlaQ&vriVTj  Polyb.  *  28,  7  a.  209),  und  war 
die  Hauptstadt  der  Landschaft  KömiS,  arab.  ^ytj^i^  gr.  ÄwjMtfijvij, 

welche  den  Mittelpunkt  der  alten  Provinz  Parthien  und  in  der  seleu- 
kidischen  Satrapieneinteilung  eine  der  sechs  Provinzen  bildete,  in 
welche  das  alte  Parthien  zerlegt  worden  war.  Die  Landschaft  KömiS 
gilt  noch  bei  dem  Armenier  Sebeös  (7.  Jh.)  als  Stammsitz  der 
Parther  oder  Palhav1).  Medien  aber  reichte  vom  Passe  von 
IJolwän  bis  zu  den  Kaspischen  Thoren2). 

*)  Seb.  57.  58/59.  Vgl.  mein  Eränsahr  nach  der  Geographie  des 
Ps.  Moses  Chorenac'i  8.  71. 

*)  Strab.  ta  3,  8  p.  525.  Aman,  Ta  pexa  'AXifavdgov  §  35  in 
C.  Müller's  Arrian  p.  245. 

Ein  Muster  von  Unklarheit  und  Unkritik  ist  SpiegePs  Exkurs 
„Parthien"  (Eranische  Altertumskunde  II  630—632).  Er  hat  nicht 
einmal  gesehen,  dass  des  Ptol.  TlaQxavxixriv^  und  Xogoav^  einfach 
VerbaDhornungen  von  Isidoros'  yAnavaqxxixy\vx\  und  Xoa%r\vr\  sind. 
Die  Stelle  des  Strab.  ut  9 ,  1  p.  514  beruht  ja  allerdings  z.  T.  auf 
Irrtum  und  lässt  an  Klarheit  des  Ausdruckes  zu  wünschen  übrig.  Es 
ist  deshalb  sehr  zu  bedauern,  dass  sich  durch  Spiegel's  Bemerkung: 
„auch  sagt  er  (Strabon),  dass  Choarene  und  Komisene  erst  später  zu 
Parthien  hinzugefügt  worden  sei"  auch  Gutschmid,  Gesch.  Irans 
S.  43  f.  zu  der  Annahme  verleiten  liesB,  Komisene  und  Choarene  hätten 
früher  zu  Medien  gehört.  Sie  gl  in  in  der  neuen  Ausgabe  von 
Spruner  -  Menke's  historischem  Atlas  ist  ihm  darin  Hindlings 
gefolgt.  Strabon  behauptet  zunächst:  *H  dh  IlaQfrvaia  vcoXXr^  uir 
oirx  toxi-  ovvsxilei  yovv  ftfra  x&v  'Tqxccv&v  [xara]  xä  Tltgaixa  xal 
luxct  xavxa  x&v  Maxsd6v(ov  xqaxovvxmv  inl  %q6vov  itoXvv.  iCQÖg  dk  t# 
a(uxQ6xr]xi  daesta  xal  6quv^  toxi  xal  änoQog,  maxk  $Ut  xovxo  dpou«» 
dit^t&ct  xbv  iavx&v  oi  ßctatXeig  6%%0Vy  oii  dvvafiivrig  X(>£q>Eiv  xfig  %caqag 
oitf  iitl  hixq6v  älXä  vvv  xfi^rixai.  Allein  die  Meinung,  dass  Parthien 
in  persischer  Zeit  kleiner  gewesen  sei  als  später,  ist  falsch.  Die  An- 
fänge des  parthischen  Reiches  der  dänischen  Parner  waren  allerdings 
klein,  und  dieses  beschränkte  sich  ursprünglich  auf  die  Landschaft 
TlttQ&vri'irii  mit  der  Stadt  Niactx,  wo  die  Gräber  der  parthischen 
Könige  lagen  (Isidor  von  Charax,  Iha&nol  U<xp<fhxol  §  12.  Vgl. 
Tomaschek,  Zur  histor.  Topographie  von  Persien  I  74).  Strabon 
fährt  dann  fort:  fi^orf  <P  ioxl  xfjg  ilaQ&vr\vfig  rj  xs  Ka>iiißr\pr)  xal  i} 
A'wp^yrj,  övtdbv  <f£  xi  xal  xa  itvX&v  Kaöituov  xal  'Pay&v  xal 

Taitvgtov  ovxa  xf]g  Mr\diag  tcqoxsqov,  toxi  d*  'Ana^tia  xal  'HpaxlfMK, 
it6Xeig  izsqI  xag  'Pdyag.  Zunächst  sind  die  Worte  a%edbv  ii  xi  xal  xa 
\ii%QL  Ttvläv  Kaaiciav  neben  ij  Xchq^vti  sachlich  eine  Tautologie,  da  ja 
die  Landschaft  Xwptjvtj  (Chwär)  westlich  bis  zu  den  Kaspischen  Thoren 
reichte.  Wenn  also  Strabon  gut  berichtet  war,  so  muss  der  Text,  wie 
er  vorliegt,  notwendig  verdorben  sein.  Es  wird  zu  lesen  sein  xal  17 
Xa>QT}vii  pi%Qi  iivXmv  Kaonlcov ,  6%tdbv  dl  xi  xal  xä  <C\i>i%Qi> 
'Payav  xal  TaitvQav  6vxa  xqg  Mr\diag  itodttQOV,  ixt,  d'  'Aitdptuc  xal 
'JfyaxJUta  xxX.  Die  Worte  Bvxa  xf^g  Mr\diag  ic^xsqov  würde  vom  rein 
grammatischen  Standpunkte  aus  gewiss  niemand  auf  ij  r«  Kaiuaqvi] 
xal  1]  Xaaorivj,  sondern  nur  auf  das  letzte  Glied  6x*dbv  di  xi  xal  xä 
o.  P.  xal  T.  beziehen,  und  von  den  Gebieten  westlich  von  den 
Kaspischen  Thoren  bis  Raj  und  nördlich  bis  zu  den  Tapuren  ist  die 
ehemalige  Zugehörigkeit  zu  Medien  auch  sachlich  korrekt.  Denn  die 
Tapuren  wohnten  im  2.  Jh.  v.  Chr.  nicht  mehr  in  den  Bergen  nördlich 
von  Semnän,  sondern  hatten  seit  der  Verpflanzung  der  Marder  nach 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


41 


Für  uns  handelt  es  sich  nur  um  die  Frage,  ob  Alexander 
in  der  That  in  der  Nähe  von  Hekatompylos  die  Leiche  des 
Dareios  aufgefunden  und  darauf  mehrere  Tage  daselbst  gerastet 
hat.  Aman  berichtet  allerdings  nichts  von  einer  mehrtägigen 
Bast  nach  dem  Tode  des  Dareios.  Allein  da  Alexander  vor  dem 
Weitermarsch  die  Ankunft  der  bei  der  Verfolgung  zurückgelassenen 
Truppen  abwartete,  so  musste  er  notwendig  mehrere  Tage  Halt 
machen,  da  Erateros  mit  dem  Fussvolk  schon  am  zweiten  Tage 
nach  dem  Aufbruch  aus  Ragai  mit  dem  Befehle,  in  massigen 
Marschen  zu  folgen ,  zurückgelassen  worden  war  (Arr.  y  21,4). 
Der  Auszug  des  Arrian  ist  also  hier  sehr  unvollständig.  Die 
Hauptfrage  ist  demnach  die:  wie  weit  ist  Alexander  auf  seinen 
6  Marschen  von  Ragai  bis  zur  Auffindung  des  toten  Königs 
gekommen  ? 

Mordtmann  hat  nun  von  numismatischen  Erwägungen 
aus,  die  aber  in  keiner  Weise  überzeugend  sind,  Hekatompylos 
beim  heutigen  Sährüd,  1  Fars.  sw.  von  Bistäm,  gesucht1),  und 
lässt  den  Dareios  in  der  Nähe  dieser  Stadt  ermordet  werden. 
In  letzterer  Annahme  folgt  ihm  auch  Tomaschek,  obwohl  dieser 
an  der  Lage  von  Hekatompylos  bei  Dämayän  festhält.  Seine 
Berechnungen  sind  indessen  verfehlt.  Als  die  grösste  Leistung 
auf  der  ganzen  Verfolgung  galt  offenbar  der  letzte  Ritt  von 
400  Stadien  (Arrian  3,  21,  9),  wobei  aber  nicht,  wie  Tomaschek 
will,  Normalstadien  (er  rechnet  33  Stadien  auf  den  Parasang), 
sondern  Itinerarstadien  zu  Grunde  zu  legen  sind,  von  denen 
40,  435  auf  den  Farsang  gehen  (s.  o.  S.  23).  Derselbe  betrug 
also  rund  10  Fars.  Der  Weg  von  den  Kaspischen  Thoren  (d.  h. 
von  deren  Beginn)  bis  nach  Hekatompylos  betrug  nun  nach  den 
Bematisten  1860  Stadien  =  46  Farsangen.  Über  diese  Route 
sind  wir,  abgesehen  von  modernen  Reisenden,  durch  Ibn  Rusta 
gut  unterrichtet    Derselbe  gibt  von  der  Strecke  von  Chwär  am 

Charax  in  der  Nähe  der  Kaspischen  Thore  durch  den  Arsakiden 
Phradates  I.  deren  Sitze  um  Ämul  eingenommen.  Der  Elburz  (Oq- 
&oxoQvßctmoi)  aber  gehörte  nach  Her.  3 ,  92  zur  medischen  Satrapie. 

Spätestens  unter  Konig  Phradates  I.  gehörten  aber  jene  beiden 
Gebiete  zu  Parthien,  also  lange  vor  der  Eroberung  des  Übrigen  Mediens 
durch  Mithridates  I.  (um  145  v.  Chr.),  wie  eben  aus  der  Nachricht 
über  jene  Verpflanzung  der  Marder  hervorgeht.  Ja  die  Städte  KaXXi6itr] 
und  Issatis  (Jezd),  citra  deserta  ab  occasu  (Plin.  h.  n.  6,  113), 
oppositae  quondam  Medis  (Plin.  h.  n.  6,44)  gehörten  schon  im 
Jahre  209  den  Parthern  (Polyb.  10,  31,  15  aus  Steph.  Byz.  s.  v. 
Kalli6nr\). 

Im  einzelnen  können  wir  die  successive  Eroberung  der  einzelnen 
Provinzen  des  alten  Parthien  durch  die  Parner  nicht  verfolgen.  Doch 
spricht  nichts  gegen  die  Annahme,  dass  die  Arsakiden  nach  der  Be- 
wältigung der  Könige  Andragoras  von  Parthien  (Justin  41,4,7)  und 
W  axfiu  war  ja  von  Hyrkanien  (Justin  41,  4,  8j  vgl.  oben  S.  26  Anm.  2) 
ihre  Residenz  in  Hekatompylos  aufschlugen. 

')  Hekatompylos.   Sitzungsber.  d.  bair.  Akad.  1869,  1,511  ff. 


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42 


J.  Marquart, 


Ausgange  der  Kaspischen  Pforten  bis  zur  Ostgrenze  von  KomiS 
folgende  Beschreibung  (p.  m ,  12flf.): 

„Von  Chwär  nach  Qacr  al  milb  {Diz-i  namah)  sind  7  Fars. 
Der  Weg  fuhrt  durch  Kulturland,  bis  man  zu  einer  Brücke  über 
ein  trockenes  Flussbett  kommt  und  sie  überschreitet,  dann  von 
da  nach  Qacr  al  m\\\.  Von  Qacr  al  müh  nach  Ra's  as  kalb 
(Hundskopf)  7  Fars.  Der  Weg  führt  durch  Salzboden  ,  welchen 
eine  Heerstrasse  durchzieht,  bis  man  zu  einer  Brücke  kommt, 
welche  man  überschreitet  und  weiterzieht,  bis  man  zu  einem 
Dorfe  kommt  namens  Mardkustän.  Dort  ist  ein  Schloss  gleich 
einem  Leuchtturme,  auf  welchem  ein  Wächter  ist,  der  diesen 
Weg  bewacht.  Dann  steigt  man  bald  auf-  bald  abwärts, 
wobei  man  rechts  und  links  Berge  hat,  bis  man  zu  einem  Dorfe 
kommt  namens  Ra's  al  kalb.  Und  von  Ra's  al  kalb  bis  Simnän 
sind  8  Fars.  durch  ebenes  Land,  wobei  man  rechts  Wüste  und 
Berge  und  links  Wüste  hat,  bis  man  nach  Suhr  darra1)  kommt, 
und  von  da  dann  nach  der  Stadt  Semnän.  Von  Semnän  nach 
Ächurin  sind  9  Fars.  Der  Weg  fuhrt  durch  eine  gleichmässige 
Ebene ,  dann  kommt  man  zu  einem  Defile ,  das  man  betritt  und 
4  Fars.  weit  passiert,  wobei  man  zu  einem  Ribät  kommt  namens 
Äbi-Ähuwän,  dann  zieht  man  vorbei  zu  einem  Dorfe  namens 
AchurTn.  Von  Ächurin  zum  Dorfe  Doja  5  Fars.  Der  Weg  fuhrt 
durch  ebenes  Land  bis  Dih-i  däja,  wo  die  Station  ist.  Von 
Dih-i  däja  nach  Dämayän,  der  Hauptstadt  von  Qümis,  4  Fars. 
Der  Weg  führt  durch  ebenes  Land,  bis  man  nach  Qümis  kommt. 
Das  meiste  was  (hier)  verkauft  wird,  sind  die  weissen  Stoffe  zum 
Kopfbund.  Von  Qümis  nach  al  Haddäda  7  Fars.  Der  Weg  führt 
durch  dessen  Kulturland,  bis  man  zu  einem  Ribät-  und  Ruinen 
kommt.  Man  sagt,  dass  es  Häuser  seien,  die  durch  ein  Erdbeben 
verschüttet  worden  seien.  Dann  zieht  man  rechts  und  links 
zwischen  Dörfern  hin,  bis  man  nach  al  Haddäda  kommt.  Von 

al  Haddäda  nach  Ba<?a§  (Bioas  J*\j)  7  Fars.    Der  Weg  führt 

durch  ebenes  Land  rechts  und  links  und  zusammenhängende 
Dörfer,  bis  man  nach  BadaS  kommt,  um  welches  rings  Saatfelder 
und  Gärten  sind." 

Bioa§  lag  2  Fars.  östlich  von  Bistäm 2).  Es  ist  dem  Namen, 
vielleicht  auch  der  Sache  nach  identisch  mit  Bixd^u  in  Areia, 
das  Ptol.  6,  17  p.  433,  12  unter  103°  40'  L.  und  88°  Br.  setzt3). 

Ibn   Rusta's   Beschreibung    verhält    sich   zu   den  übrigen 


x)  cod.  sy         lies        ^ ,  Qod.  P.l,  3  heute  Surchalr. 

*)  Tomaschek,  Zur  histor.  Topographie  von  Pereien  II  77. 

3)  Ptol.  rechnet  auch  die  Nioatot  und  'AaraBjivol,  die  Bewohner 
der  parteiischen  Provinzen  Nr\auiu  und  'A&tavrivtf  (6,9  zu  Hyrkauien 
gerechnet,  6,  5  p.  400,  2  in  Taßi.Tivrj  verstümmelt)  zu  Areia. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


43 


arabischen  Itineraren  (Ibn  Chord.  PP?  14  ff.  Qod.  P.|?  1 
Moq.  Tvl,  13  ff.)  folgendermassen : 


Ibn  Chord.  und 
Qodäma: 

Chwär 


Istach  ri : 
Chwär 


Ibn  Kusta: 

Chwär 
Brücke 

Qacralmilh7Fare.    Qacralmilh7Fars.    Qarjat  aJ  milh  1 T. 
Brücke 

Diz-i  Mardkustän 
Ra's  al  kalb  7Fars.    Ra's  al  kalb  7  Fars.    Ra's  al  kalb  1  Tag 

(Surch  4  F.) 
Simnan  8  Fars.  (4)    Simnan  1  Tag 


Suhx  darra 
Simnän  8  Fars. 

En^pass  4  Fars. 
_  Äbi-Ähuwän 
Ächurfn  9  Fars. 
Dih-i  däja  5  Fars 


'Ali  äbäd  1  Tag 
Ächurin  9  Fars.      Garmgüi  1  Tag 
(Qarjat  däja  4  F.) 
Damayän  4  Fars.    Qümis  8  Fars.  (4)    Dämayän  1  Th# 
Ribät  u.  Ruinen 

al  Haddäda  7  Fars.    al  Haddäda  1  Tag 

(^U^y  Gözi- 

stän  4  Fars.) 
Bitfaä  (Gutfaä         Bitfas  1  Tag 


al  Haddäda7Fars. 


ff.  Ist.  Po»,  4  ff. 


Moqaddasl: 
Chwär 

Qarjat  al  milh  IT. 

Ra's  al  kalb  1  Tag 

Simnän  1  Tag 

Ribät  1  Tag 
Garmgüi  1  Tag 

Dämayän  1  Tag 

al  Haddäda  1  Tag 


Bifei  7  Farsang 


1  Tag1) 


L^)Ä)7(3)F. 


Aus  diesen  Itineraren  ersieht  man,  dass  in  arabischer  Zeit 
der  Weg  vom  Ausgang  der  Kaspischen  Thore  bis  nach  Dämayän, 
der  Hauptstadt  von  Qümis  auf  39  bezw.  40  Fars.  oder  6  Tage- 
reisen ä  6*/2  Fars.  geschätzt  wurde.  Dazu  kommt  die  6  Fars.  oder 
1  Tagereise  betragende  Strecke  vom  Eingang  der  Kaspischen 
Thore  bis  nach  Chwär,  woraus  sich  für  die  ganze  Strecke  vom 
Beginn  der  Kaspischen  Thore  bis  nach  Dämayän  39  (40)  -f-  6  =  45 
(46)  Fars.  oder  7  Tagereisen  ergeben,  welche  den  1860  Stadien 
der  Bematisten  von  den  Kaspischen  Thoren  bis  Hekatompylos 
genau  entsprechen  und  welche  Alexander,  wenn  er  die  Leiche 
des  Dareios  bei  Hekatompylos  fand,  in  5  Tagemärschen  durch- 
messen hätte.  Daraus  ergäbe  sich  eine  durchschnittliche  Marsch- 
leistung von  372  Stadien  oder  71/,  Fars.  pro  Tag,  also  immerhin 
betrachtlich  mehr  als  für  die  Strecke  von  Ekbatana  nach  Ragai, 
für  welche  durchschnittliche  Märsche  von  300  Stadien  voraus- 
gesetzt werden.  Auch  Arr.  y  25,  6  wird  ein  Marsch  von  300  Stadien 
schon  als  eine  grosse  Leistung  betrachtet.  Jenen  7  Tagereisen 
sind  aber  noch  die  2  Tagereisen  oder  18  (19)  Fars.  von  Raj  nach 
Käsp  zuzurechnen,  welche  Alexander  angeblich  an  einem  Tage, 


*)  Ebensoviel  betrug  die  Entfernung  von  al  Haddäda  nach  Bistum, 
p.  l"vP,  3. 

«)  So  ist  zu  lesen  für  bezw.  der  Hs. 


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44 


J.  Marquart, 


•   

nach  unserer  Meinung  dagegen  in  zwei  Tagen  zurückgelegt  hat. 
Nach  Mordtraann's  und  Tomaschek's  Ansicht  dagegen 
soll  Alexander  die  ganze  77  (Ibn  Chord.)  bezw.  79  (Ibn  Rusta) 
Fars.  oder  11  Tagereisen  betragende  Strecke  von  Raj  bis  BidaS 
in  der  Nähe  von  Sährud  in  6  Tagen  durchmessen  haben1)! 

Soviel  ich  sehe,  spricht  also  nichts  dagegen,  dass  Alexander 
in  der  That  in  der  Gegend  von  Hekatompylos  den  toten  König 
der  Könige  einholte.  Seine  beiden  letzten  Märsche  führten  ihn  von 
Semnän  rechts  durch  Sandsteppe  über  das  Dorf  rAlah  und  die 
Quelle  Garmäb,  weiter  über  Doseir  und  Frät  nach  Dämayän. 
Wahrscheinlich  war  das  in  der  Nähe  gelegene  Hekatompylos 
schon  in  achaiinenidischer  Zeit  die  Residenz  des  Satrapen  von 
Parthien  gewesen,  und  es  ist  daher  ganz  natürlich,  dass  Alexander 
den  Aufenthalt,  den  er  machen  musste,  dazu  benützte,  um  den 
neuen  Satrapen  gleich  in  seine  Hauptstadt  einzuführen  und  ihm 
Achtung  zu  verschaffen.  Man  darf  hiergegen  nicht  einwenden, 
dass  Hekatompylos  nach  Appian  Syr.  51  eine  Gründung  des 
Seleukos  Nikator  sei,  womit  Curtius*  Bezeichnung  condita  a 
Graecis  übereintrifft  Denn  dass  die  Stadt  schon  zu  Alexanders 
Zeit  bestanden  haben  und  von  ihm  berührt  worden  sein  muss, 
ergibt  sich  daraus ,  dass  sie  von  Baiton  und  Diognetos ,  den 
Bematisten  Alexanders  in  ihren  Berechnungen  der  Märsche  des- 
selben genannt  war  (Plin.  n.  h.  6,  61.  44).  Es  kann  sich  demnach 
unter  Seleukos  nur  um  eine  Neugründung  gehandelt  haben,  wie 
bei  Ragai  -  EvQcmog ,  Merw  -  *Avxt6%tut ,  etc.  Freilich  haben  die 
Romantiker  augenscheinlich  den  Aufenthalt  Alexanders  in  dieser 
Stadt  nach  dem  spätem  Besuche  Antiochos*  d.  Gr.  (Polyb.  t  28,  7. 
29,  1)  und  unter  dem  Gesichtspunkt  der  nachmaligen  Hauptstadt 
des  Partherreiches,  das  bestimmt  war,  die  Herrlichkeit  des  iranischen 
Reiches  wieder  aufzurichten  und  der  Monarchie  der  Nachfolger 
Alexanders  in  Syrien  den  ersten  Stoss  zu  versetzen,  weiter  aus- 
geschmückt (Curt.  6,  2,  12  ff. ,  vgl.  Justin.  11,  15,  1).  Für  die 
Bedeutung  der  Stadt  in  seleukidischer  und  der  altern  parthischen 
Zeit  spricht  die  Thatsache,  dass  dort  von  allen  Seiten  die  Wege 
zusammenliefen,  wovon  die  Stadt  ihren  Namen  hatte  (x&v  de 
diodav  <töv>  tptqovömv  inl  ndvtag  xovg  tÜqi%  xonovg  ivxaxföu 
av^nntxovaS)v  caib  xoü  av(ißalvovxog  8  xonog  eüt]<pe  x^v  ngoaij- 
yoQlav  Polyb.  t  28,  7).  Später,  offenbar  zur  Zeit  der  über 
Hyrkanien  und  Karmanien  gebietenden  Dynastie  des  Gotarzes,  die 
sich  unter  Volagases  I.  unabhängig  machte,  bildete  die  140  Stadien 
weiter  nördlich  gelegene  hyrkanische  Königsburg  Tage  den 
Mittelpunkt  des  Strassennetzes 2).    Bei  den  Persern  gilt  Dämayän 


»)  Ibn  al  Faq.         18  gibt  fälschlich  die  Entfernung  von  Raj 

nach  Dflmayüu  auf  80  Fars.  an. 

*)  Karte  des  Castorius  Segm.  XII,  2  ed.  Miller  (Nagae).  Geogr. 
Rav.  p.  47,2  (Age).    48,5  (Thage).    Vgl.  Tomaschck  a.a.O.  79. 


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Untereuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


45 


stets  als  die  Hauptstadt  von  KömiS,  also  als  Nachfolgerin  von 
Hekatompylos.  Die  Städteliste  von  Iran  §  19  spielt  auf  eine 
liegende  an,  nach  welcher  Az-i  dahäk  der  Usurpator  (jkU)  die 
funftürmige  Hauptstadt  von  Kömi§  zu  seinem  Harem  (sapstän) 
machte.  Da  Az-i  dahäk  im  iranischen  Epos  der  Vertreter  der 
Seleukidenherrschaft  ist,  so  sieht  man,  dass  der  seleukidische 
Ursprung  (richtiger  Neugründung)  der  Stadt  nicht  völlig  vergessen 
war.  Wir  verdanken  dem  arabischen  Dichter  und  Belletristen 
Abu  Dulaf  Mis'ar  b.  al  Muhalhil  (um  941  n.  Chr.)  folgende  Be- 
schreibung  der   Stadt  (bei  Jäq.  H  öH):    „Dämayän   ist  eine 

obstreiche  Stadt,  deren  Früchte  prima  sind  und  deren  Wohlgerüche 
bei  Tag  und  Nacht  nicht  aufhören.  Es  gibt  daselbst  ein  von 
den  Kisras  herrührendes  wundervolles  Wasserschloss ,  dessen 
Wasser  aus  einer  Höhle  im  Berge  kommt  und,  sobald  es  von 
dort  herabgeflossen  ist,  in  120  Kanäle  geteilt  wird  für  120  Rus- 
täqe,  wobei  kein  Anteil1)  den  andern  übertrifft,  und  es  ist  nicht 
möglich,  es  auf  etwas  anderes  als  diese  Wasserversorgung  anzu- 
passen. Es  ist  in  hohem  Grade  merkwürdig;  ich  habe  in  den 
übrigen  Ländern  seinesgleichen  nicht  gesehen  noch  ein  schöneres 
in  Augenschein  genommen.  Und  es  gibt  daselbst  ein  Dorf,  das  Dorf 
der  Kameltreiber  genannt,  wo  sich  eine  Quelle  befindet,  aus  welcher 
Blut  hervorsprudelt.  Hieran  ist  nicht  zu  zweifeln,  weil  es  alle  Eigen- 
schaften des  Blutes  vereinigt.  Wenn  Quecksilber  darein  geworfen 
wird,  so  wird  es  sofort  zu  trockenem  hartem  mannigfach  ver- 
wertbarem Stein.  Dieses  Dorf  ist  auch  unter  dem  Namen  rangän 
bekannt.  In  Dämayan  gibt  es  eine  vorzügliche  Apfelsorte,  die 
von  KömiS  (al  qwrnisi)  genannt,  schön  rot,  die  nach  dem  fIräq 
exportiert  wird;  und  es  gibt  dort  Alaun-  und  Salzbergwerke, 
aber  keinen  Schwefel,  dagegen  Gruben  von  reinem  Gold". 

Für  den  nun  folgenden  Marsch  über  das  Gebirge  nach  der 
Ebene  von  Hyrkanien  sind  unsere  Berichte  so  summarisch,  dass 
es  fast  unmöglich  scheint,  von  dem  Verlauf  desselben  eine  Vor- 
stellung zu  gewinnen.  Ich  stelle  zur  rascheren  Übersicht  die 
beiden  Berichte  Arrians  und  der  Romantiker  einander  gegenüber. 

Aman  y  23—24.  Curt.  6,  4-5,  23.   Diod.  17,  75.  76. 

Nachdem  die  auf  der  Ver- 
folgung zurückgelassenen  Truppen 
sich  eingefunden  hatten,  verliess 
Alexander  die  Strasse  nach  Cho- 
räsän  und  rückte  gegen  Hyrkanien, 


—  Es  scheint,  dass  dabei  Hekatompylos  gar  nicht  mehr  berührt  wurde. 
Nur  so  erklärt  sich  die  auffällige  Thatsache,  dass  Isidor  von  Charax, 
«Tufriiol  Tlap&ixoi  §  9  in  Komisone  keine  einzige  Stadt  kennt, 
o 

»)  L.  (HHÄ  . 


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46 


J.  Marquart, 


Aman  y  23—24. 

da  er  erfahren  hatte ,  dass  die 
hellenischen  Söldner  des  Dareios 
sich  in  die  Berge  der  Tapuren 
geflüchtet  hatten,  und  er  diese 
sowie  die  Tapuren  erst  nieder- 
werfen wollte.  Er  teilte  jetzt 
sein  Heer  in  drei  Corps :  er  selbst 
wählte  mit  dem  leichtesten  und 
zahlreichsten  Teil  den  kürzesten, 
aber  auch  beschwerlichsten  Weg, 
den  Krateros  sandte  er  mit  seiner 
und  des  Amyntas  Phalanx  und 
einer  Anzahl  von  Bogenschützen 
und  wenigen  Reitern  gegen  die 
Tapuren ,  Erigyios  aber  sollte 
mit  den  Söldnern  und  der  übrigen 
Reiterei  auf  der  längeren  Heer- 
strasse den  Tross  und  die  Bagage 
hinüberführen.  Nachdem  man 
die  ersten  Berge  passiert  hatte, 
wurde  gerastet. 

Darauf  zog  der  König  mit 
den  Hypaspisten  und  den  leich- 
testen der  makedonischen  Phalanx 
sowie  einigen  Bogenschützen  auf 
schwierigem  und  gefährlichem 
Pfade  voraus,  <pvkaxag  xwv 
S6a>v  KUTakiTicov  Tva  öcpa- 
ktgov  xi  avT<o  iyalvero , 
a>£  n^i  xolg  in  o  n  iv  o  i  g  xct' 

ix  i  IVO    Itti&OlVTO    Ol  XCC  OQTI 

i%ovxzg  röv  ßccQßdgav .  Als 
er  mit  den  Bogenschützen  die 
Engpässe  überwunden  hatte,  la- 
gerte er  in  der  Ebene  an 
einem  nicht  bedeutenden 
Flusse.  Hier  erschien  vor  ihm 
Nabarzanes,  der  Hazarapet 
des  Dareios,  sowie  Phrataphernes, 
der  Satrap  von  Hyrkanien  und 
Parthien  mit  andern  vornehmen 
Persern,  um  sich  zu  ergeben. 
Wie  die  spatem  Verhältnisse 
lehren,  wurde  Phrataphernes,  viel- 
leicht   während   der   15  tagigen 


Curt.  6,  4—5,  23.   Diod.  17,  75.  76. 


Nach  der  Rast  in  Hekatom- 
pylos  Hess  Alexander  den  Krateros 
mit  seinen  eigenen  und  des  Amyn- 
tas Truppen,  600  Reitern  und 
600  Bogenschützen  zum  Schutze 
der  Provinz  Parthien  gegen  einen 
Einfall  der  Barbaren  [d.  h.  wohl 
der  Tapuren]  zurück  und  befahl 
dem  Erigyios,  das  Gepäck  auf 
ebenem  Wege  hinüberzufuhren. 
Er  selbst  rückte  mit  der  Phalanx 
und  der  Reiterei  150  Stadien 
vor  und  lagerte  alsdann  in  vatte, 
qua  Eyrcaniam  adeunl,  in  der 
Nähe  eines  grossen  Felsens,  an 
dessen  Fuss  ein  beträchtlicher 
Fluss  namens  HxißoCxrjg  aus  einer 
Höhle  hervorbrach.  Wir  werden 
die  Beschreibung  desselben  unten 
näher  mitteilen. 


Am  vierten  Rasttage 
traf  ein  Brief  des  Nabar- 
zanes ein,  worin  dieser  sich 
wegen  seiner  Teilnahme  an  der 
Ermordung  des  Dareios  ent- 
schuldigte und  im  Falle  der 
Amnestie  die  Sache  des  Bessos 
zu  verlassen  versprach.  Hierauf 
brach  man  auf  und  quadrato 
tum  agmine  ibat,  specula- 
tores  subinde  praemittens, 
qui  explorarent  loca.  So 


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UnterBuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


47 


Arrian  y  23—24. 


Curt.  6,  4—5,  23.   Diod.  17,  75.  76. 


Rast  in  Zadrakarta  (vgl.  Justin  zog  man  auf  fast  unwegsamem 

12,  4,  12),  in  seiner  Satrapie  Pfade,  auf  dem  die  Urwalder 

bestätigt  und  die  Ernennung  des  von  Mäzandarän  und  Sturzbäche 

Amminapes   wieder   rückgängig  und  tiefe  Schluchten  den  Marsch 

gemacht.    Alexander  hielt  hier  vielfach  hemmten,  20  Stadien 

4  Tage  Hast  und  erwartete  weit,  bis  man,  ohne  einem  Feinde 

die   auf  dem  Marsche  Zurück*  zu   begegnen ,   endlich  in  eine 

gebliebenen.  kultiviertere    Gegend  gelangte. 


Von  da  rückte  er  auf  Zadra-  Darauf  kam  man  zur  Stadt 

karta,  die  Hauptstadt  Hyrkaniens  Arvae,  wo  Krateros  und  Erigyios 

zu,  und  auf  dem  Marsche  dahin -)  eintrafen,  die  Phradates,  den 

vereinigte   sich  das  Korps  des  Satrapen  der  Tapuren,  mit- 

Krateros  wieder  mit  ihm,  das  brachten.     Derselbe   wurde  zu 

zwar    die   hellenischen    Söldner  Gnaden  aufgenommen  und  erhielt 

des  Dareios  nicht  getroffen,  aber  die   Statthalterschaft    über  die 

die   ganze   Gegend,   soweit    es  Tapuren  zurück,  wahrend  über 

dieselbe  durchzogen  hatte,  teils  Hyrkanicn  Minapis,  der  unter 

mit  Gewalt,  teils  durch  freiwillige  Ochos   als  Verbannter   an  den 

Ergebung  der  Bewohner  unter-  Hof   Philipps    gekommen  war, 

worfen  hatte.    Dann  traf  auch  gesetzt  wurde. 

Erigyios  mit  dem  Tross  und  der  Alexander  unterwarf non  Hyr- 

a#a£c  em"  kanien   und   die  umwohnenden 

Wenig  später  erschien  aber  Ar-  Völkerschaften ,  und  schon  hatte 

tabazos  nebst  dreien  seiner  Söhne,  man  das  äusserstc  Ende  Hyrkaniens 

sowie  eine  Abordnung  der  hei-  betreten,  als  Artabazos  mit 

— —  •  seinen  9  Söhnen  und  den  Ver- 

')  So  richtig  B.  Niese,  Gesch.  wandten  des  Dareios,  sowie  einer 


Alexander  unterwarf  nun  sämt- 
liche Städte  Hyrkaniens  bis  zum 
Kaspischen  Meere  und  durchzog 
das  Land  bis  zu  den  sog.  „  glück- 
lichen Dörfern"  (Diod.  17,  75,  4), 
die  an  Lebensmitteln  ÜberÜuss 
hatten  und  sich  besonders  durch 
die  Menge  an  Obstbäumen  und 
köstlichen  Trauben  auszeichneten. 
30  Stadien  weiter  kam  Phrata- 
phernes  zum  Heere  und  ergab 
sich  und  die,  welche  nach  dem 
Tode  des  Dareios  geflohen  waren, 
dem  Sieger. 


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48 


J.  Marquart, 


Aman  y  23—24. 

lenischen  Söldner  und  W  ä  t  a  - 
f  r  a  6  ä  t  a  (AvxoyQadavrig) ,  der 
Satrap  der  Tapuren.  Letzterer 
erhielt  seine  Satrapie  zurück, 
Artabazos  und  seine  Söhne  wurden 
ehrenvoll  aufgenommen,  den  Ge- 
sandten der  hellenischen  Städte 
aber  wurde  bedeutet,  mit  ihnen 
sei  keine  Kapitulation  möglich, 
sondern  sie  müssten  sich  auf 
Gnade  und  Ungnade  ergeben, 
was  sie  dann  zusagten. 


Alexander  errichtete  hier  ein 
Stand  lager1)  und  zog  an  der 
Spitze  der  Hypaspisten,  der  Bogen- 
schützen und  Agrianer,  der  Pha- 
langen des  Koinos  und  Amyntas, 
der  Hälfte  der  Hetairen  und 
der  neuformierten  Akontisten  zu 
Pferd  gegen  die  Marder.  Er 
durchzog  den  errössern  Teil  ihres 
Gebietes  und  tötete  viele  auf 
der  Flucht,  manche  auch  die 
Widerstand  versuchten,  und  nahm 
viele  gefangen.  Seit  Menschen- 
gedenken war  kein  Feind  in  ihr 
Land  eingedrungen  wegen  der  Un- 
wegsamkeit desselben  und  wegen 
der  Armut  und  Wehrhaftigkeit 
der  Marder,  und  deshalb  hatten 
sie  sich  auch  keines  Einfalles 
Alexanders  versehen,  zumal  er 
ja  schon  weiter  vorgerückt  war. 
So   wurden  sie  denn  gewisser- 


')  Dies  ergibt  sich  aus  c.  24,  4. 


Curt.  6,  4—5,  23.   Diod.  17,  75.  76. 

men.  Als  man  darauf  lagerte, 
wurden  die  mit  Artabazos  ge- 
kommenen Griechen  vorgelassen. 
Sie  erklarten,  sich  nur  ergeben 
zu  wollen,  wenn  auch  den  Ge- 
sandten der  Lakedaimonier  und 
Sinopeer,  die  an  Dareios  geschickt 
worden  waren,  Sicherheit  gewährt 
würde.  Allein  es  wurde  ihnen 
bedeutet,  sich  auf  Gnade  und 
Ungnade  zu  ergeben,  was  sie 
nach  langem  Zaudern  endlich 
annahmen.  So  erschienen  denn 
die  1500  Söldner,  wozu  noch 
90  früher  an  Dareios  geschickte 
Gesandte  kamen,  im  Lager.  Sie 
wurden  begnadigt  und  mussten 
unter  Alexander  weiterdienen,  die 
übrigen  wurden  entlassen  mit 
Ausnahme  der  Lakedaimonier, 
welche  in  Gewahrsam  gehalten 
wurden. 

Hierauf  durchzog  Alexander 
die  Küste  Hyrkaniens  und  fiel 
ins  Land  der  Marder  ein,  die 
allein  keine  Gesandten  geschickt 
hatten.  Der  König  Hess  den 
Tross  mit  einer  Bedeckung  zurück 
und  marschierte  die  Nacht  hin- 
durch, bis  man  bei  Tagesanbruch 
den  Feind  in  Sicht  bekam.  Dieser 
hatte  die  Zugänge  des  Landes 
mit  8000  Mann  besetzt,  allein 
der  König  griff  sie  an  und  hieb 
die  meisten  nieder,  die  übrigen 
aber  verliessen  die  besetzten  Hügel 
und  flohen.  Alexander  verheerte 
nun  ihr  Gebiet,  allein  das  Innere 
des  Landes  bot  dem  Marsche 
eines  Heeres  die  grössten  Schwie- 
rigkeiten. Hohe  Gebirge  und 
unwegsame  Wälder  und  Felsen 
umsäumten  es,  in  der  Ebene  aber 
hatten  die  Einwohner  die  dicht 
verwachsenen  Wälder  künstlich 
noch  unzugänglicher  gemacht.  Es 


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Untersuchungen  zar  Geschichte  von  Eran.  49 

Arrian  y  23—24.  Curt  6,  4—5,  23.   Diod.  17,  75.  76 

massen  unversehens  überfallen  gab  nur  ein  Mittel,  sich  mit 
und  gefangen.  Viele  von  ihnen  dem  Schwert  einen  Weg  durch 
aber  flohen  in  die  hohen  und  das  Dickicht  zu  hauen,  was  frei- 
steil abfallenden  Berge  ihres  Ge-  lieh  sehr  umständlich  war.  Dabei 
bietes,  in  der  Annahme,  dass  lauerten  ihnen  die  Eingebornen 
Alexander  hieher  nicht  vordringen  wie  richtige  Jäger  Völker  überall 
werde.    Als  er  aber  auch  dahin  im  Dickicht  auf  und  belästigten 

von  da  aus,  einer  regulären  Truppe 
unerreichbar,  durch  ihre  Geschosse 
die  Makedonen.  Zuletzt  Hess 
Alexander  den  Wald  von  seinen 
Soldaten  umzingeln,  um,  wo  es 
möglich  wäre,  einzudringen.  Al- 
lein sehr  viele  verirrten  sich  und 
einige,  darunter  auch  das  Leibross 
des  Königs,  derBukephalas  wurden 
abgeschnitten.  Der  Verlust  seines 
Streitrosses  versetzte  den  König 
in  die  äusserste  Wut,  und  es 
scheint,  dass  die  Romantiker 
hierin  die  ersten  Anzeichen  seines 
gleich  darauf  ausbrechenden  Cä- 
sarenwahnes erblickten.  Er  drohte 
dos  Land  völlig  zu  Grunde  zu 
richten  und  den  ganzen  Stamm 
der  Marder  auszurotten,  wenn 
sie  das  Pferd  nicht  zurückgäben, 
und  machte  sich  auch  alsbald 
daran,  die  Drohungen  auszuführen. 
Er  liess  die  Wälder  niederhauen 
und  die  durch  verschlungenes 
Geäst  unwegsame  Ebene  mit  Erde, 
die  von  den  Bergen  herbeigeschafft 
wurde,  aufschütten.  Schon  war 
das  Werk  bis  zu  einiger  Höhe 
gediehen ,  als  die  Barbaren  an 
der  Möglichkeit,  ihr  Land  zu 
vorrückte,  schickten  sie  Gesandte  behaupten,  verzweifelnd,  das  Pferd 
und  übergaben  sich  und  ihr  mit  kostbaren  Geschenken  her- 
Land,  worauf  sie  Alexander  Auto-  beiführten  und  sich  ergaben, indem 
phradates,  dem  Satrapen  der  sie  Geiseln  stellten.  Der  König 
Tapuren  unterstellte.  unterstellte  sie  darauf  dem  Phra- 

Alexander  kehrte  darauf  ins  dates  und  kehrte  am  5.  Tage 
Standlager  zurück  und  fand  hier  ins  Standlager  zurück.  Den  Ar- 
die  hellenischen  Söldner  vor,  1500  tabazos  entliess  er  sodann  nach 
an  der  Zahl,  sowie  die  Gesandten  Hause.  Nun  kam  man  zur  Haupt- 

Marquart,  UnteTauchungen.  II.  4 


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50 


J.  Marquart, 


Aman  y  23—24.  Cort.  6,  4—6,  28.  Diod.  17,  75.  76. 

von  Sparta,  Athen,  Sinope,  Kai-  stadt  von  Hyrkanien,  wo  der 
chedon,  die  an  Dareios  gesandt  Palast   des  Dareios1)  gewesen 
worden   waren   nnd   sich  nach  war.     Hier  erschien  Nabar- 
dessen Tode  den  Griechen  an-  zanes,  nachdem  er  Verzeihung 
geschlossen  hatten.  Die  Gesandten  erhalten,  mit  ungeheuren  Ge- 
von  Sparta  und  Athen  wurden  schenken,  worunter  der  Eunuch 
festgenommen  und  in  Gewahrsam  Bagoas,  der  Geliebte  des  Dareios 
gehalten,  die  von  Sinope  und  und  später  des  Alexander. 
Kalchedon  entliess  er,  weil  ihre 
Städte  persische  Unterthanen  ge- 
wesen   waren  und  nicht  zum 
hellenischen  Bunde  gehört  hatten. 
Ebenso  wurden  von  den  Söldnern 
die,  welche  vor  dem  hellenischen 
Bündnis  in  persische  Dienste  ge- 
treten waren,  freigegeben,  die 
andern  nrussten  in  seine  Dienste 
Übertreten.  Hierauf  zog  er  nach 

Zadrakarta,  der  grössten  Stadt  ~  ')  D;  L  ™hl  des  Dareios  IL 
„  .  .  '  ,P  .,  ,  Ochoe,  der  vor  seiner  Throubestei- 
Hyrkaniena,  wo  die  Residenz  der  gung  Satrap  von  Hyrkanien  gewesen 
Hyrkanier  war.  war  Ktes.  Fers.  44. 

Von  Damayän  aus  war  der  natürliche  Weg  Alexanders  nord- 
wärts über  Tak  durch  das  f  All- £ä&mä- Thal.  Die  Streitmacht  des 
Krateros  muss  wieder  eine  Strecke  westwärts  gezogen  sein ,  da 
die  Griechen,  welche  sie  aufsuchen  sollte,  schon  von  dem  Orte 
aus,  welchen  Alexander  am  vierten  Tage  nach  dem  Aufbruch 
aus  Ragai  erreichte,  d.  h.  etwa  von  Semnän  (Hjfuva)  aus  sich 
nordwärts  in  die  Berge  der  Tapuren  gewandt  hatten.  Diese  sind 
also  nördlich  von  Semnän  im  Sawäd-küh  und  weiter  östlich  zu 
suchen.  Die  längere  Heerstrasse,  auf  welcher  Erigyios  die  Bagage 
hinüberführt»,  kann  nur  über  Sährüd  geführt  haben. 

Weit  schwieriger  ist  es  aber,  den  Sammelpunkt  der  drei 
Heersäulen  auf  der  Nordseite  der  Elburzkette  zu  bestimmen.  Für 
die  Charakteristik  der  Urquelle  des  Diodor  und  Curtius  ist  es 
von  Wichtigkeit,  dass  sie,  wie  man  sofort  sieht,  die  beiden  Rasten 
Alexanders  zu  Beginn  und  nach  Beendigung  des  Gebirgsüberganges 
zusammengeworfen  hat,  so  dass  die  Beschreibung  des  Verlaufs 
desselben  ganz  unbrauchbar  geworden  ist.  Die  Rehabilitierung 
des  Nabarzanes  ist,  entsprechend  der  Schwere  seines  Verbrechens, 
sehr  psychologisch  und  ganz  in  der  Weise  eines  modernen  Romans 
in  zwei  successive  Akte  zerlegt.  Nach  Curtius  wäre  es  dem 
Krateros  und  Erigyios  auch  geglückt,  den  Satrapen  der  Tapuren, 
Phradates  in  ihre  Gewalt  zu  bekommen.  Auch  hier  sehen  wir 
wieder  das  Bestreben  obwalten,  die  Ereignisse  mehr  nach  rheto- 
rischen als  nach  rein  sachlichen  Gesichtspunkten  zu  gruppieren 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  51 

und  zu  gestalten.  Vor  allem  ist  hier  4er  Irrtum  jener  Quelle 
zu  beseitigen,  dass  Alexander  schon  vor  dem  Zuge  gegen  die 
Marder  ganz  Hyrkanien  durchzogen  und  dessen  sämtliche  Städte 
bis  zur  Küste  des  Kaspischen  Meeres  sowie  die  benachbarten 
Völkerschaften  unterworfen  (DiocL  17,  75,  8.  76,  1)  und 
beim  Eintreffen  des  Artabazos  unmittelbar  vor  der  Errichtung 
des  Standlagers  bereits  ultima  Hyrcaniae  d.  i.  nach  dem 
Zusammenhange  die  jenseitige  Grenze  von  Hyrkanien  erreicht 
hatte  (Curt.  6,  5,  1).  Diese  Auffassung  beruht  lediglich  auf  einem 
Miss  Verständnis  des  Ausdrucks  ultima  Hyrcaniae  =■  xa 
iö'fuxa  xfis  rTQxavlas,  der  im  Sinne  der  zeitgenössischen  Quellen 
den  Beginn  des  hyrkanischen  Gebietes  bezeichnete,  wo  Alexander 
nach  Überwindung  des  Gebirges  rastete  (Arrian  y  23 ,  4) ,  nicht 
aber  dessen  Ende.  Allgemein  nimmt  man  nun  an,  dass  Alexander 
und  vor  allem  Erigyios  direkt  nach  Zadrakarta,  das  man  ein- 
stimmig beim  heutigen  Astaräbäd  sucht,  gezogen  sei.  Alexander 
wäre  über  T&k,  Kalätä  und  Cär-deh  durch  den  Engpass  §am§Ir- 
bur  nach  dem  Thale  Öaman  säwar  und  von  da  über  den  Berg 

Gihän-Bumä  auf  steil  sich  hinabwindendem  Pfade  nach  Astarabäd 
gelangt5).    Den  Erigyios  lässt  man  meist  den  grossen  Umweg 

über  Bistäm,  Gägerm  und  KälpüS  im  Gebiet  der  Göklän-Turk- 
menen  (etwa  15  Fars.  von  Astarabäd)  einschlagen*),  wo  freilich 
der  leichteste  Übergang  über  das  Elhurzgebirge  ist8).  Allein 

Gägerm  an  uer  Strasse  nach  Ohorasan  ist  von  Dämayän  aus 
bereits  ein  so  vorgeschobener  Posten,  uass  es  als  höchst  unwahr- 
scheinlich erscheinen  muss,  dass  Alexander  gerade  seinen  Tross 
selbst  einem  fliehenden  Feinde  so  stark  exponiert  hätte.  Für 
weit  wahrscheinlicher  müsste  es  gelten,  dass  Erigyios  von  Sähröd 

vielmehr  über  das  Gebirge  GalälT  nach  Kalätä,  von  da  über  TäS 
und  den  Berg  Öalöalijän  nach  Bälä-Sähküh  und  weiterhin  über 
den  Kamm  des  Elburz  nach  Zijärät  und  Astaräbäd  marschiert 
wäre.  Alexander  hielt  nach  Überwindung  der  Passe  an  einem 
nicht  bedeutenden  Flusse  in  der  Ebene,  also  nach  dieser  Auf- 
fassung in  der  nächsten  Nahe  von  Astaräbäd  4  Tage  Hast.  Nach 
dem  Aufbruch  aus  dem  Lager  marschiert  er  auf  Zadrakarta,  und 
auf  dem  Wege  dahin  vereinigen  sich  mit  ihm  zunächst  das  Korps 
des  Krateros,  welches  die  Berge  der  Tapuren  durchzogen  hatte, 
und  bald  auch  die  Abteilung  des  Erigyios.  Nach  dieser  Annahme 
müsste  also  die  Division  des  Krateros,  die  von  Däma^ün  wieder 
2  Tagemärsche  bis  Semnän  hatte  zurückmarschieren  müssen  und 
von  da  über  Gör-i  särld  und  Peröz-köh  den  Weg  durch  das 

')  Vgl.  G.  Melgunoff,  Die  südlichen  Ufer  des  Kaspischen 
Meeres  144f.  138. 

*)  Spiegel,  Eran.  Altertumskunde  II  536  N.  2.  Droysen, 
Geach.  des  Hellenismus  P,  1,  382  N.  2. 

»)  Melgunoff  a.a.O.  148. 

4* 


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52 


J.  Marquart, 


Thal  des  Talär  nach  'Ali  äbäd  eingeschlagen  und  hier  die  Strasse 
über  Sari  und  Gäz  nach  Astaräbäd  erreicht1),  also  den  weitesten 
Weg  zurückgelegt  hätte,  vor  der  Vereinigung  mit  Alexander  be- 
reits Zadrakarta  passiert  haben. 

Diese  Auffassung  ist  indessen  mit  der  Darstellung  Arrians 
unvereinbar.  Sowohl  aus  Arrians  wie  aus  Curtius'  Bericht  geht 
klar  hervor,  dass  keine  der  drei  Abteilungen  Zadrakarta  vor  dem 
Zuge  gegen  die  Marder  erreicht  hatte.  Die  Vereinigung  der 
drei  Heersäulen  muss  also  westlich  von  Astaräbäd  stattgefunden 
haben,  und  da  die  Abteilung  des  Erigyios  zuletzt  eintraf,  so  muss 
das  hernach  errichtete  Standlager  dem  Endpunkt  ihres  Weges 
am  nächsten  liegen.  Daraus  ergibt  sich,  dass  Erigyios  nur  beim 
heutigen  Gäz  die  Küste  erreicht  haben  kann,  und  dass  sein  Weg 
von  Sährüd  über  Tä§  (6  Fars.),  von  da  über  den  Berg  Öalcalijän 
nach  Bälä  §ähkü,  weiterhin  über  das  Thal  Öaman  säwär  nach 
Rädkän  (6  Fars.)  und  von  da  über  Barkuläh  (1  Fars.)  nach  Gäz 
(4  Fars.)  führte.  Von  Gäz  bis  Sahrüd  rechnet  man  heute  im 
ganzen  19  Fars.  *).  Dazukommt  noch  die  Strecke  von  &ährGd  bis  zu 
den  Ruinen  von  Hekatompylos  bei  Frät ,  welche  26  -f  16  +  16 
=  58  miles  oder  141/,  Fars.  =  2  Tagereisen  beträgt,  im  ganzen 
also  5  Tagereisen.  Melgunoff  brauchte  in  schlechter  Jahreszeit 
von  Gäz  bis  Sährüd  5  Tage. 

Alexander  muss  demnach  noch  weiter  westlich  die  Küste 
erreicht  haben ,  etwa  bei  Pul-i  Nlkäh.  Er  zog  also  von  Heka- 
tompylos zunächst  nördlich  nach  Tak,  von  wo  der  Weg  durch 
eine  Schlucht  links  von  diesem  Dorfe  und  dann  durch  eine  ge- 
birgige Gegend  weiterführt  Nach  Überschreitung^  der  ersten 
Berge  lagerte  man,  vermutlich  beim  Engpass  Cäsmä-i  'AIl 
Melgunoff  gibt  von  diesem  Wege  folgeude  Beschreibung 
(S.  144):  «Drei  Farsakh  von  Tok  ist  ein  Schwefelquell  mit 
klarem  und  frischem  Wasser,  von  wo  aus  man  die  damganischen 
Salzseen  sehen  kann.  Der  Weg  fuhrt  denn  immer  weiter  durch 
Schluchten,  in  denen  man  bei  jedem  Tritte  ein  hohles  metallenes 
Dröhnen  hört,  bald  stärker,  bald  schwächer,  welches  von  früheren 
unterirdischen  Kanälen  herrühren  soll,  durch  welche  einmal  das 
Kaspische  Meer  mit  dem  persischen  Meerbusen  in  Verbindung 
gestanden  haben  soll ;  andere  meinen ,  es  rühre  von  den  in  den 
Bergen  lagernden  Metallen  her.  Nachdem  man  einen  Hügel  und 
ein  altes  Karawanserai  am  Fusse  desselben  hinter  sich  hat,  kommt 
man  durch  ein  Thal  nach  Tschaarde  oder  Tschahoideh  jO^U^.51), 

welches  vier  Farsakh  von  dem  Schwefelquell  entfernt  ist.  Das 

»)  Vgl.  J.  G.  Droysen,  Gesch.  des  Hellenismus  I«,  1 ,  382  N.  2. 

*)  Melgunoff,  Die  südlichen  Ufer  des  Kaspischen  Meeres  S.  127 ff. 

3)  Auf  dem  vom  kriegstopographischen   Bureau  in  Taschkent 

bearbeiteten  Blatt  XVIII  der  Karte  deß  asiatisehcu  Kussland  ÖahacUn  - 
deh  ^araiap-jexi. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  53 

Dorf  Tschahorde  liegt  in  einer  von  drei  Seiten  mit  hohen  Bergen  um 
gebenen  Aue,  mitten  zwischen  Gärten,  und  besteht  eigentlich  aus  vier 
Dörfern.  ...  In  den  nahen  Bergen  hausen  Tiger,  Panther  und  der- 
gleichen Von  Tok  bis  Tschahorde  rechnet  man  7  Farsakh"  u.  s.  w. 

Diodor  und  Curtius  lassen  Alexander  allerdings  bereits 
150  Stadien  von  Hekatompylos  Rast  machen,  in  valle,  qua 
Hyrcaniam  adeunt,  wie  Curtius  (6,  4,  3)  sagt.  „Nemus  praealtis 
densisque  arboribus  umbrosum  est  pingue  vallis  solum  rigantibus 
aquis,  quae  ex  petris  imminentibus  manant*.  In  der  Nähe  war 
ein  grosser  Felsen,  an  dessen  Fuss  ein  beträchtlicher  Fluss  namens 
£t iß o Irr^g  (Curtius  Ziobetis  für  Ziboetis,  * SdbawaHS)  aus  einer 
Höhle  hervorbrach.  Derselbe  floss  zuerst  8  Stadien  in  ungestümem 
Gefälle  dahin,  und  teilte  sich  dann  bei  einem  zitzenförmigen 
Felsen,  an  dem  er  sich  brach.  Unter  diesem  befand  sich  ein 
gewaltiger  Schlund ,  in  welchen  der  Fluss  mit  mächtigem  Getöse 
hinabstürzte  und  300  Stadien  weit  unterirdisch  floss,  bis  er 
wieder  zu  Tage  trat  und  sofort  in  einem  nunmehr  13  Stadien 
breiten  Bette  dahinfloss ,  das  aber  bald  wieder  eingeengt  wurde. 
Endlich  fiel  er  in  einen  andern  Fluss  namens  Ridagnus.  Die 
Eiugebornen  behaupteten ,  dass  solche  die  beim  Eingang  dieser 
Höhle  hinabgelassen  würden,  beim  Wiederaustritt  des  Flusses 
wieder  zum  Vorschein  kämen.  Alexander  habe  dann  zwei  Leute 
in  den  Schlund  hinabwerfen  und  konstatieren  lassen,  dass  sie  am 
bezeichneten  Orte  wieder  herausgeworfen  worden  seien. 

Die  angegebene  Entfernung  führt  uns  unzweifelhaft  nach 
Tak.    Es  ist  deshalb  gewiss  nicht  zufällig,  dass  Ibn  al  Faqlh1) 

dasselbe  Phänomen  von  Täq  öUaJt  berichtet.   Seine  Beschreibung 

lautet :  „Täq  ist  ein  schwer  zu  begehender  Tunnel  an  einer  Stelle 
des  Berges,  den  selbst  ein  Fussgänger  nur  mit  Anstrengung 
passieren  kann.  Dieser  Tunnel  gleicht  einem  kleinen  Thore. 
Wenn  man  ihn  betreten  hat,  schreitet  man  darin  etwa  eine 
Meile  in  tiefer  Finsternis  voran,  dann  kommt  man  heraus  zu 
einem  weiten  Ort  ähnlich  einer  Stadt,  den  die  Berge  von  allen 
Seiten  umringen,  und  zwar  Berge,  die  niemand  zu  besteigen  ver- 
mag wegen  ihrer  Höhe,  und  wenn  ihm  das  auch  glücken  würde, 
so  vermöchte  er  nicht  abzusteigen.  Auf  dieser  Flur  sind  Höhlen 
und  geräumige  Kammern,  deren  Ende  man  teilweise  nicht  erreichen 
kann.  In  der  Mitte  derselben  befindet  sich  eine  wasserreiche 
Quelle,  die  aus  einem  grossen  Felsen  hervorsprudelt  und  deren 
Wasser  wieder  in  einen  andern  Felsen  hinabsinkt,  der  etwa 
10  Ellen  vom  andern  entfernt  ist,  und  niemand  kennt  nachher 
den  Verbleib  ihres  Wassers.  In  den  Zeiten  der  Könige  der 
Perser  pflegten  diesen  Tunnel  zwei  Mann  zu  bewachen,  die  eine 

»)  Bei  Jäq.  III  fi.,  10 ff.  Vgl.  die  abgekürzte  Bearbeitung  Bibl. 
Geogr.  V  PI.,  9-12. 


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54 


J.  Marquart, 


Strickleiter  bei  sich  hatten,  die  sie  hinabliessen*  vom  Orte,  wenn 
einer  von  ihnen  hinabsteigen  wollte,  lange  Zeit  hindurch1).  Ünd 
beide  hatten  alles  was  sie  brauchten,  bei  sich  auf  viele  Jahre. 
Die  Lage  bezüglich  dieses  Tunnels  und  dieses  ya{o<pvX6xtov  blieb 
ununterbrochen  in  dem  beschriebenen  Zustund,  bis  die  Araber  die 
Herrschaft  antraten.  Da  begehrten  sie  hinaufzusteigen ,  es  war 
aber  zu  schwierig,  bis  al  Mäzijär  die  Herrschaft  von  Tabaristan 
antrat.  Der  fasste  diesen  Ort  ins  Auge  und  lag  eine  Zeit  lang 
vor  ihm,  bis  die  Hoffnung,  ihn  zu  besteigen,  sich  ihm  geebnet 
hatte.  Da  stieg  ein  Mann  Von  seinen  Leuten  hinauf.  Als  er 
nun  angelangt  war,  Hess  er  Stricke  herunter  und  lies«  Leute 
hinaufklettern,  darunter  den  al  Mazijar  selbst  Schliesslich  richtete 
er  seine  Aufmerksamkeit  auf  die  Gelder,  Waffen  und  Schütze, 
die  in  jenen  Höhlen  und  Kammern  waren.  Da  betraute  er  mit  der 
Bewachung  von  all  dem  Leute  von  seinen  Vertrauten  und  gieng  weg. 
Der  Ort  blieb  nun  in  seiner  Gewalt,  bis  er  gefangen  wurde,  und  die 
mit  dessen  Bewachung  Betrauten  entweder  kapitulierten  oder 
starben.    Der  Weg  ist  abgeschnitten  bis  zu  diesem  Zeitpunkte.* 

Dass  Curtius-Diodor  und  Ibn  al  Paqih  dieselbe  örtlichkeit 
im  Auge  haben,  ist  unverkennbar.  Wenn  die  Entfernung  zwischen 
den  beiden  Felsen  bei  erstem  auf  3  Stadien  anstatt  auf  10  Ellen, 
wie  bei  Ibn  al  Faqih  angegeben  wird,  so  kann  dies  um  so 
weniger  gegen  die  Identität  entscheiden ,  als  Curtius  die  Breite 
des  Bettes  des  wieder  zu  Tage  getretenen  Flusses  auf  13  Stadien© 
angibt,  wahrend  doch  der  Euphrat  nach  Xenopbon  nur  4  Stadien, 
der  Maiandros  nur  2  Plethren  breit  war  (Anab.  1,  2,  5.  4,  11). 
Däss  man  zu  Alexanders  Zeiten  zu  Wissen  glaubte,  wo  der  in 
den  Felsschlund  versunkene  Fluss  wieder  zum  Vorschein  komme, 
im  9.  Jh.  n.  Chr.  aber  diese  Kunde  verschollen  war ,  hat  gleich- 
falls nichts  zu  bedeuten.  Natürlich  kann  aber  Alezanders  Heer 
nicht  an  der  Stelle  jenes  Phänomens  selbst  gelagert  haben,  sondern 
nur  unten  im  Tbale;  höchstens  eine  kleine  Sicberungsabteilung 
kann  dasselbe  erkundet  haben.  Ich  glaube  aber,  dass  die  ganze 
Beschreibung  dieses  Ortes  gar  nicht  ursprünglich  der  Alexander  - 
geschiente  angehört,  sondern  einem  Bericht  über  Antiochos  des 
Grossen  Feldzug  im  J.  209  entlehnt  ist,  welcher  thatsächlieh  von 
Hekatompylos  aus  nach  Tayal  gelangte  und  hier  seine  Dispositionen 
für  den  Marsoh  über  das  Gebirge  traf  (Polyb.  10 ,  29 ,  3).  Dafür 
sprechen  besonders  die  150  Stadien  von  Hekatompylos  bis  zu 
jenem  Lagerort,  welche  genau  der  aus  Apollodoros  von  Artamita 
zu  erschiiessenden  Entfernung  zwischen  Hekatompylos  und  Tup] 
=  140  Stadien  =  rund  5  Fars.  entsprechen,  aber  hinter  der  nach 
dem  sonstigen  Wegmass  der  Bematisten  zu  erwartenden  Anzahl 
(ca.  200  Stadien)  erheblich  zurückbleiben.    Im  Unterschiede  von 


l)  Der  Auszug:  „vom  Gipfel  de»  Berge«  zu  denen,  welche  zu 
ihnen  hinaufsteigen  wollten;  sonst  gab  es  absolut  keinen  Weg  dahin«. 


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Untersuchungen  zar  Geschichte  von  Eran. 

den  Bematisten  und  Alexanderhistorikern  rechnete  aber  Polybios 
uach  attischen  Stadien  zu  185  m. 

Ihn  al  Faqih  weiss  noch  eine  andere  merkwürdige  Natur- 
erscheinung aus  der  Umgebung  von  Täq  zu  berichten :  „Sulaimän 
b.  'Abdallah  erzählt,  dass  neben  diesem  Täq  etwas  wie  ein  Laden 
sei,  und  dass,  wenn  jemand  zu  ihm  komme  und  ihn  mit 
Menschenkot  besudle ,  oder  mit  sonstigem  Schmutze ,  sich  alsbald 
mächtige  Wolken  erheben  und  auf  ihn  herabregnen,  so  dass  sie  ihn 
waschen  und  reinigen  und  jener  Schmutz  davon  abgeht.  Das  ist  in 
der  Stadt  bekannt,  indem  es  deren  Einwohner  wissen  und  keine  zwei 
von  den  Einwohnern  dieser  Gegend  an  dessen  Richtigkeit  zweifeln, 
und  es  bleibt  kein  Schmutz  daran  weder  Sommers  noch  Winters1)." 

Berüni,  der  dieselbe  Sage  erwähnt2),  nennt  den  Ort  „Laden 
Salomos  des  Sohnes  Davids"  und  sagt,  dass  er  in  der  Höhle 

Tspahbeoan   ^Ü^aopI    im   Berge   Täq   in   Tabaristän  liege8). 

Nun  erzählt  Melgunoff  S.  144:  „ln  der  Nähe  von  Tscbahorde 
[7  Fars.  von  Tok]  ist  ein  Brunnen,  Tscheschmebad  oLx^-i^s-, 

Windbrunnen  genannt.  Die  Perser  glauben,  dass,  wenn  man 
irgend  etwas  Unreines  hineinwirft  oder  ein  Ungläubiger  ihn 
berührt,  sich  plötzlich  ein  Sturm  oder  Gewitter  erhebe.  Aga 
Mohammed  Khan,  erzählt  man,  wollte  die  Wahrheit  dieser  Tradition 
erproben,  aber  in  einem  Augenblicke  wurde  sein  ganzes  Heer 
durch  einen  starken  Sturm  niedergeworfen.  •  Wenn  die  örtlich- 
keiten auch  nicht  genau  stimmen,  so  ist  es  doch  dieselbe  Sage, 
die  also  auf  eine  weiter  abliegende  Lokalität  übertragen  ist. 

Hinter  Kaläta  verliess  Alexander  die  Strasse,  welche  rechts  über 
öahär-deh  und  weiter  dnrch  den  Pass  §amsirbur  nach  Öaman-eäwar 
und  von  da  einerseits  über  Rädekän  nach  Gäz,  andererseits  nach  Asta- 
räbäd  führte,  und  zog  links  auf  der  Strasse,  die  auf  der  oben  S.  52  Anm.  3 
erwähnten  russischen  Karte  des  asiatischen  Busslands  verzeichnet  ist, 
über  Namäkä,  Badali,  Nabend i  nach  Pul-i-Nlkäh,  wo  er  in  der  Ebene 
am  Ufer  des  Nlkäh  Rast  hielt4).  Der  Weg  Alexanders  war  also 
in  der  That  nicht  viel  kürzer,  dagegen  allerdings  weit  beschwer- 
licher als  der  des  Erigyios.  Leider  fehlt  uns  jede  Angabe  darüber, 
wie   lange  Alexander   zu  dem  Gebirgsübergang  gebraucht  hat. 


>)  Jiq.  III  fil,  4ff.   Bibl.  Geogr.  Arab.  V  H..  13—16. 

*)  Chronologie  S.  tfl,  3  (=235  der  Übersetzung  Sachau'«). 

.  -  °  - 

J)  Dies»1  Höhle  ..JlXaajwoJ  ist  natürlich  nicht  zu  verwechseln 

mit  der  gleichnamigen  Stadt,  die  nur  2  Meilen  vom  Meere  entfernt 

war,  Ihn  al  Faq.  IM*1,  10.  7. 

*)  Es  ist  anzuerkennen,  dass  Niese,  Gesch.  der  griech.  und 
raakedon.  Staaten  I  10b  N.  1 ,  sich  der  Schwierigkeiten  des  herkömm- 
lichen Ansatzes  des  Lagerortes  bei  Zadrakarta  voll  bewusst  geworden 
ist.   Freilich  liegt  San,  an  das  er  denkt,  wieder  zu  weit  westlich. 


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J.  Marquart, 


Von  da  schlug  er  den  Weg  östlich  der  Küste  entlang  über  A&räf 
und  Gäz  nach  Zadrakarta  ein.  In  der  Nähe  von  Asräf  haben 
wir  die  svöalfwvsg  xöficu  zu  suchen ,  deren  üppige  Vegetation 
so  hoch  gepriesen  wird  (Diod.  17,  75,  4—7  vgl.  Curt  6,  4,  21.  22). 
„Durch  ihre  malerische  Lage  und  den  Reichtum  der  Vegetation 
zeichnet  sich  die  Stadt  vor  allen  andern  Städten  an  der  südlichen 
Küste  des  Kaspischen  Meeres  aus,  dennoch  aber  ist  der  Distrikt 
Aschref  einer  der  ärmsten  in  der  ganzen  Provinz  Mazanderan*  J). 
Zunächst  traf  nun  von  Westen  her  das  Korps  des  Krateros  ein, 
und  bei  Gäz  langte  auch  Erigyios  mit  der  Bagage  an.  Als  dann 
auch  Artabazos  und  die  Abgesandten  der  hellenischen  Söldner 
eintrafen,  wurde  gehalten.  Artabazos  und  die  hellenischen  Söldner, 
die  ja  einen  beträchtlichen  Vorsprung  hatten,  da  sie  schon  von 
Seninän  aus  sich  in  die  Berge  gewandt  hatten  und  deshalb  von 
dem  Korps  des  Krateros  nicht  mehr  erreicht  worden  waren,  hatten 
den  Satrapen  der  Tapuren ,  Wätafradata  veranlasst,  mit  ihnen 
nach  Hyrkanien  zu  ziehen  und  standen  offenbar  bereits  östlich 
von  Zadrakarta.  Der  Ort  des  Standlagers,  das  heutige  Gäz,  besitzt 
eine  strategisch  sehr  wichtige  Lage ,  da  er  die  Verbindung 
zwischen  Tabaristän  und  Gurgän  beherrscht.  Von  Gäz  rechnet 
man  6  Fars.  nach  Astaräbäd  (Melgunoff,  Die  südlichen  Ufer 
des  Kaspischen  Meeres  112).  Hier  muss  die  alte  Stadt  Tarne* 
^Ji^tSj  oder  Tameäa  »>&A*!nt  gelegen  haben,  welche  in 

der  Sasaniden-  und  ältern  Chalifenzeit  eine  wichtige  militärische 
Rolle  spielte.  Sie  war  7  Fars.  von  Astaräbäd  entfernt  (Ibn  al 
Faq.  H**.,  6)  und  lag  an  der  Grenze  zwischen  Tabaristän  und 

Gurgän8).  Genau  war  die  Grenze  bei  Ribät-i  Ächor  zwischen 
Tameä  und  Astaräbäd  (Ibn  Rusta  Ifi,  11).    Bei  Tamesa  befand 

sich  eine  vom  Gebirge  bis  zum  Meere  reichende  Backsteinmauer, 
welche  Chosrau  Anösarwän  zum  Schutze  des  Landes  gegen  die 
Einfalle  der  Türken  erbaut  hatte8).  Köhijär,  der  Bruder  des 
Spähpets  Mähjazdjär*)  zerstörte  im  Auftrage  des  letztem  Stadt 
und  Mauer  von  TameS,  um  den  dort  angesiedelten  Arabern  ihren 
Stützpunkt  zu  entziehen.  Darauf  Hess  Sarchästän 6) ,  der  Wezir 
des  Mähjazdjär,  die  Mauer  des  Chosrau  wiederherstellen  und 
noch  ins  Meer  hinein  erweitern  und  mit  Türmen  verstärken  und 
errichtete  ein  festes  Lager,  um  den  Truppen  des  Emirs f  Abdallah  b. 
Tähir  den  Zugang  zum  Lande  zu  verwehren.  Die  einstige  Bedeutung 

»)  Melgunoff  S.  149. 
*)  Ibn  al  Faq.  f.P,  19.   Ibn  Ruuta  \o.,  2. 
»)  Ibn  Rusta  Id.,  4 ff.  =  Ibn  al  Faq.  P.f.  7 ff.    Tab.  III  Ifvo. 
*)  So  Bai.  irf,  14.  m,  7 ff.  .den  Ized  Mäh  zum  Helfer  habend"; 
gewöhnlich  abgekürzt  JjjLo . 

B)  Tabaristanisch  für  ^ÜUJjJ^i-  (Cahir  eddin). 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  57 


von  Tamesa  tritt  noch  in  der  Überlieferung  des  iranischen  Epos 
bei  Firdausl  zu  Tage,  bei  welchem  es  als  Residenz  des  Fredün 
erscheint1),  welcher  hier  dem  Partherkönig  Mithridates  I.  entspricht. 

Der  Feldzug  gegen  die  Marder  führte  Alexander  bis  in  die 
Gegend  von  Amul,  das  von  denselben  seinen  Namen  hat.  Amul 
ist  die  regelrechte  neupers.  Form  des  alten  Volksnamens  Mdqdoi 
oder  "AjjueQÖoi ,  ap.  *Mrda  oder  *Ämrda.  Unter  dem  Namen 
"AfUiQdoi  lernte  Patrokles  dieses  Volk  am  östlichen  Ufer  des  unteren 
Spetf-röd  (Qyzyl-Özän)  kennen.  Ihr  Gebiet  wird  ganz  so  geschildert 
wie  noch  in  der  Chalifenzeit  Tabaristän,  dicht  bewaldet  und  un- 
wegsam ,  mit  vielen  Schluchten  und  hohen  Bergen.  Manches 
arabische  Heer  wurde  hier  mit  blutigen  Köpfen  heimgeschickt, 
und  auf  Macqala  b.  Hubaira,  der  unter  Mu'äwija  bei  einem  Ver- 
suche, in  Tabaristän  einzudringen,  in  dessen  Engpässen  den  Unter- 
gang gefunden  hatte,  ward  das  Sprichwort  gemünzt:  „bis  Macqala 
aus  Tabaristän  zurückkehrt''  *).  Der  Partherkönig  Phradates  I. 
unterwarf  die  Marder  wiederum  und  verpflanzte  sie  nach  der 
Stadt  XaQai  in  der  Nähe  der  kaspischen  Thore8).  Ihre  Sitze 
nahmen  alsdann  die  Tapuren  ein,  von  denen  das  Land  später  den 

Namen  Tabaristän  (Münzen  pf^SlSJp  Tapurstän)  erhielt.  Ein 

anderer  Stamm  des  weitverzweigten  Volkes  der  Marder  wohnte  in  der 
Nähe  des  Oxus,  und  zwar  nicht  bloss  an  dessen  Mündung4),  sondern 
auch  viel  weiter  Östlich5),  wo  noch  im  Mittelalter  die  Stadt  Amul 
oder  Amiu,  chin.  Mu*)  (heute  öärgüi)  ihren  Namen  bewahrt  hatte. 

Dass  wir  die  Sitze  der  Marder  bei  Amul  und  das  Standlager 
Alexanders  bei  Tames  richtig  bestimmt  haben ,  wird  durch  die 

')  In  Rücke  rt  's  Übersetzung  Bd.  I  72.  115  130.  Freilich  findet 
sich  in  den  arabisch-persischen  Renexen  des  Chotfäi-nämak  keine  Spur 
davon.  —  Vgl  noch  über  Tamesa  Spiegel,  Eran.  Altertumskunde  I  69 
N.  1.  Cahir  eddin  \Xi.  Dorn,  Auszüge  aus  muhamraedanischen Schrift- 
stellern S.  37.  73. 

•)  Bai.  tTo,  4—10. 

*)  Justin  41,  5,  9.  Isidor  v.  Charax,  cra&itol  IIccQ&ixot  §  7  bei 
C.  Müller,  Geogr.  Gr.  min.  I  251.    Vgl.  oben  S.  25  Anm.  und 

mein  „Eransahr"  S.  135  f.  und  Anm.  7. 

*)  Mela  3,  39:  intus  sunt  ad  Caspium  sinum  Caspii  et  Amazones 
sed  quas  Sauromatidas  adpellant,  ad  Hyrcanium  Albani  et  Mochi  (Mükän) 
et  Hyrcani,  in  Scythico  Amardi  et  Pestici  et  iam  ad  fretum 
Derbices. 

3,  42:  Jaxartes  et  Oxos  per  deserta  Scythiae  ex  Sugdianorum 
regionibus  in  Scythicum  (sinum)  exeunt ,  ille  suo  fönte  grandis ,  hic 
incursu  aliorum  grandior,  et  aliquamdiu  ad  occasum  ab  Oriente  ad 
septentrionem  converso  inter  Araardos  et  Paesicas  os  aperit.  Die 
Paesicae  oder  Pestici  (Plin.  6,  50)  sind  die  'Anctataxat  des  Polybios 
1 48  und  Strab.  tot  8,  8  p.  513,  die  JlavffiW  Her.  y  92.  S.  oben  S.  28  Anm. 

*)  Plin.  h.  n.  6,  47 :  Ab  huius  (Margianae)  excelsis  per  iuga  Caucasi 
protenditur  ad  Bactros  usque  gens  Mardorum  fera,  sui  iuris. 

*)  S.  meine  Chronologie  der  alttürkischen  Inschriften  S.  64 f. 


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58  J.  Marquart, 

Angabe  des  Curlaus  auft  schönste  bestätigt,  dass  Alexander  am 
5.  Tage  nach  der  Unterwerfung  der  Marder  da»  Standlager  wieder 
erreichte  (6,5,22  inde  quinto  die  in  stativa  revertitur). 

Die  beiden  Rezensionen  des  Istachrt  PH  geben  folgende  Itinerare 

von  Ämul  nach  der  Hauptstadt  von  Gurgan: 

u  ß  (C,  E>  0  und  L) 

Amol 

Mela       2  Fars.  V 

5  1  mar*. 

Särija      1  marh. 
Bärist      1  marfe.        Nämija  >)     1  mark 
Abädän    1     ,  «5wt-W2)    1  * 

Tamesa    1     „  Tamisa       1  „ 

Astaräbätf     1  mar^. 

Eibät  rjafe    1  , 

Gurgän         1  , 

Das  erstere  Itinerar  ist  von  Särija  ab  von  Muqaddasi  ("vf,  14  ff. 

aufgenommen  worden,  das  zweite  findet  sich  teilweise  bei  Ibn  al 
Faq.  n%  5  wieder,  wo  es  folgendermassen  lautet: 

Nämija  8  Fars.4) 

Tames  6  , 

Astaräbäd  7  , 

Sahristän  14  „ 

(35  Fars.) 

Dass  hier  Ibn  al  Faqlh  das  richtige  bat  und  Nämija  naher 
bei  TameS  lag,  scheint  sich  schon  daraus  zu  ergeben,  dass  Mihrawän, 
welches  in  cod.  C  des  Istachri  dessen  Stelle  einnimmt,  10  Fars. 
von  Särija  entfernt  war  (Ibn  al  Faq.  r\P,  13).    Eben  darauf 

führt  Ibn  al  Faqlh's  Bemerkung  r.r,  12:  »Zwischen  Särija, 
Nämija  und  TameS  sind  20  Fars.*.  Diese  Angabe  ist  freilich 
sehr  ungenau  ausgedrückt,  kann  aber  doch  nur  den  Sinn 
haben,  dass  man  von  Särija  über  Nämija  nach  Tarnet  20  Fars. 
rechnete,  während  er  8.  r.P,  13  (daraus  Jäq.  III  ofv,  16)  die 

Entfernung  zwischen  Särija  und  TamöS  (also  wohl  auf  direktem 


1)  C  ^j^.  Diese  Stadt  hatte  eine  Kanzel  und  lag  nach  Ibn 
al  Faq.  IM",  13  10  Fars.  von  Sarija. 

2)  Cod.  F  *X~Ü,  *£-Jjoci. 
s)  B  J  Jui^l 
*)  J  ,10«. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  59 

Wege)  nur  auf  16  Fars.  angibt  Nämija  war  nur  ein  Dorf1),  das 
seinen  Namen  (wli,  arabisiert  aas  np.  ^li,  phl.  namik  .nam- 
haft*,  oder,  falls  jUj  zu  lesen,  np.  ^b,  pnL  bämtk  «glänzend", 

aw.  bärnja)  in  historischer  Zeit  nicht  rechtfertigte.  Es  wird  mit 
Tames  zusammen  in  der  Eroberungsgeschichte  (a.  30  H.)  ge- 
nannt4). 

Sollte  dagegen  ^»JjL  derselbe  Ort  sein  wie  das  heutige 
D01"^  u^j+tJ  Lhnräs  östlich  von  Asrftf  an  der  Grenze  der 
Kreise  Kulbäd  und  Aßraf8),  so  hätte  Istachrl  die  richtige  Reihen- 
folge bewahrt.  Wenn  aber  damit  auch  Jäqüt's  xjf  tjt;.**)  identisch 

sein  soll,  so  mnss  seine  Angabe,  dass  es  nur  Fars.  von  Astaräbäd 
entfernt  sei,  notwendig  falsch  sein. 

Neuere  Reisende  geben  folgende  Route  von  SärX  nach  Asta- 
räbäd 6): 

Sari 

ASräf  8  Fars. 

Kulbär  5  „ 

Sär  mahallä  7  , 

Astaräbäd  8  „ 

Von  Ämul  gab  es  auch  einen  direkten  Weg  nach  Särija,  der 
Turunga  nicht  berührte,  sondern  in  einer  Tagereise  nach  Mämatlr 

jflvLe.  und  von  da  in  einer  weiteren  Tagereise  nach  Sari  führte 

Muqaddasl  r\r,  18  hat  hier  wieder  Verwirrung  gestiftet.  Sein 
Itinerar  lautet: 

Ämul 

Mämatlr  1  mark- 

Särija  1  p 

Beginn  der  Grenze    8  , 
Allein  Turunga  lag  ja  vor  Sarija.    Es  muss  also  richtig 


*)  Bai.  rTf ,  ult  Nach  Tab.  I  l^v,  14  war  es  keine  Stadt, 
sondern  eine  wüste  Ebene. 

*)  Die  Vermutung  Wüstenfelds  (Jäqüt  V  298),  dass  iU-«U 

mit  ij^Jo  identisch  und  nur  eine  falsche  Schreibung  statt  iU**rfU 

|  vielmehr  &*»*U]  sei,  ist  also  abzulehnen. 
*)  Melgunoff,  S.  161. 
«)  Jäq.  IV  IM,  7. 

()  Mordtmann,  Hekatompylos.  SB.  derbair.  Akad.  1869,  1,  535. 
•)  Ist.  Nv,  2  =  Ibn  Hauqal  fvo,  12. 


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60 


J.  Marquart, 


beissen:  ^\  3\  |  id*y  J\   jJl  ^  j^Lfc 

gJt  äOsy  iü,U  ^Jt  ^  |  Kl>y 

Ebenso  unrichtig  ist  die  Angabe  des  Ibn  al  Faqlh  f-P.  15: 

„Die  Hauptstadt  und  zugleich  die  grösste  Stadt  von  Tabaristän 
ist  Amul,  wo  die  Stadthalter  residieren,  dann  Mämatlr,  die  6  Fars. 

von  einander  entfernt  sind,  dann  Turunga  Ä-jSy,  eine  kleine  Stadt. 

die  6  Fars.  von  Mämatlr  entfernt  ist,  dann  Särija."  Turunga 
muss  in  der  Nähe  von  Mämatlr  gelegen  haben  und  kann  nur  von 
Amul  6  Fars.  entfernt  gewesen  sein.  Heute  rechnet  man  von 
Amul  nach  BärfurüS,  dem  alten  Mämatlr,  7  Farsach  subuk  = 
1  Tagereise,  und  von  da  nach  SärS  7  Fars.1),  BalätfurT  bei  Ibn 
al  Faqih  H*\  14  (=  Jäq.  III  0.f ,  12)  gibt  die  Entfernung 
zwischen  Ämul  und  Särija  auf  13  Fars.  an2). 

Wir  erhalten  demnach  folgende  zwei  Itinerare: 

Amul  Amul 

aJU/>        2  Fars. 

Mämatir  6  Fars.  (1  marh.)  g^fji  8(?) 

Särija      1  marl?.  Särija       1  mar^. 

1     »  1     i»  1  oder 

^Ubt     1     „  Nämija 8)  8  Fars.  (1  marWj  umgekehrt 

Taraesa   1     „  Tames      6     „     (1     .  ) 

Astaräbä£      7  Fars.  (1  marfo.) 
Ribät  Hafc    1  marli.  1  ^  parg 
Gurgän         1     „  / 

Die  Entfernung  von  Ämul  bis  Tamesa  beträgt  also  genau 
5  Tagereisen,  und  von  da  hatte  man  noch  eine  Tagereise  bis 
Astaräbäd  (Zadrakarta). 

Tomaschek  identifiziert  die  von  Curtius  genannte  Stadt 
Arvae,  bei  welcher  die  Wiedervereinigung  mit  den  Corps  des 
Krateros  und  Erigyios  stattfand,  mit  dem  von  Ptol.  6,  9  unter 
98°  L.  40°  30'  Br.  aufgeführten  ZoQßa.  Ist  diese  Gleichsetzung 
richtig,  so  wäre  Zdqßa  der  antike  Name  von  Tamesa. 

Antiochos  d.  Gr.  scheint  im  Jahre  209  im  wesentlichen  den- 


irs. ) 

\  1  mar^. 


»)  Melguuoff  a.  a.  O.  S.  176. 

*)  Wenn  Jäq.  III  I.,  9  dafür  18  Fars.  gibt,  so  hat  er  die  bei  Ibn 
al  Faq.  T.P,  16  nicht  angegebene  Entfernung  Turunga-Särija  (1  Tage- 
reise) fälschlich  dazugerechnet. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  61 


selben  Weg  gemacht  zu  haben  wie  Alexander.  In  Tagai  ward 
er  von  den  Eingeborenen  über  die  Schwierigkeit  der  zu  passierenden 
Gegend  unterrichtet,  bis  man  zu  den  Übergängen  des  Labos-  oder 
Labutasgebirges  gelange,  die  nach  Hyrkanien  fuhren.  Er  teilte 
nun  sein  Heer  in  3  Abteilungen  und  gab  jeder  eine  Anzahl 
leichtbewaffneter  Truppen  und  Pioniere  bei,  welche  im  Notfall 
die  von  den  Feinden  besetzten  Höhen  erklimmen  und  die  Wege 
in  Stand  setzen  konnten.  Die  Schwierigkeiten  des  Weges  stellten 
sich  aber  als  viel  bedeutender  heraus,  als  der  König  sie  sich  vor- 
gestellt hatte.  Die  Länge  des  Aufstieges  betrug  gegen  300  Stadien 
(=  10  Fars.),  währenddessen  der  Weg  grösstenteils  durch  die 
tiefe  Schlucht  eines  Gebirgsbaches  führte,  welche  häufig  durch 
herabgestürzte  Felsblöcke  und  Baumstämme  versperrt  war;  wo 
dies  nicht  der  Fall  war,  hatten  die  Eingeborenen  künstliche  Ver- 
haue hergestellt  und  den  ganzen  Hohlweg  entlang  die  geeignetsten 
Vorsprünge  besetzt,  von  denen  aus  sie  das  makedonische  Heer 
belästigen  konnten.  Allein  die  Massregeln  des  Königs  bewährten 
sich,  und  als  es  beim  ersten  Wachtposten  zum  Zusammenstoss  mit 
der  ersten  Division  unter  Diogenes  kam,  erkletterten  die  Leicht- 
bewaffneten des  Diogenes  ohne  weiteres  die  Seitenwände  der 
Schlucht  und  gewannen  so  einen  höheren  Standpunkt  als  die  Feinde, 
denen  sie  mit  ihren  Geschossen,  besonders  mit  den  Schleudern, 
sehr  zusetzten.  Hatten  sie  dann  dieselben  von  ihren  Posten  ver- 
trieben, so  erhielten  die  Pioniere  Gelegenheit  den  Weg  ungestört 
in  Stand  zu  setzen.  Auf  diese  Weise  gelang  es  der  Armee  des 
Antiochos,  die  Engpässe  sicher,  wenn  auch  langsam  und  mit 
grossen  Schwierigkeiten  zu  überwinden,  bis  man  endlich  am  achten 
Tage  die  Höhen  des  Labos  erreichte.  Darunter  ist  wohl  die  letzte 
Gebirgskette  zu  verstehen,  welche  man  auf  dem  Wege  nach 
Hyrkanien  zu  übersteigen  hat.  Hier  hatten  sich  die  Feinde  ge- 
sammelt, entschlossen,  den  Makedonen  den  Übergang  zu  wehren, 
und  es  entspann  sich  ein  heisses  Gefecht,  in  welchem  Antiochos 
jedoch  dank  der  Tüchtigkeit  seiner  Leichtbewaffneten,  welche  eine 
grosse  Umgehung  ausgeführt  und  die  überragenden  Punkte  im 
Rücken  der  Feinde  besetzt  hatten,  Sieger  blieb.  Der  Feind  wandte 
sich  zur  Flucht,  der  König  Hess  aber  die  Seinigen  von  der  hitzigen 
Verfolgung  durch  Trompetensignale  zurückrufen,  da  er  in  ge- 
schlossener Ordnung  nach  Hyrkanien  hinabziehen  wollte.  Darauf 
zog  er  nach  Tapßga}-,  einer  unbefestigten  Stadt,  die  aber  einen 
ziemlichen  Umfang  hatte  und  einen  Palast  besass,  und  hielt  dort 
Rast.  Da  aber  die  meisten  der  aus  der  Schlacht  geflohenen  Feinde 
sowie  die  Einwohner  der  Umgegend  sich  nach  der  nicht  weit  von 
Tambrax  gelegenen  Stadt  Sigvy^  zurückgezogen  hatten ,  welche 
wegen  ihrer  Festigkeit  und  ihrer  sonstigen  günstigen  Lage  ge- 
wissennassen die  Residenz  von  Hyrkanien  war,  so  beschloss  er 
diese  gewaltsam  zu  nehmen.  Die  Stadt  war  von  einem  dreifachen 
Graben  umgeben,  jeder  wenigstens  30  Ellen  breit  und  15  Ellen 


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62  J.  Marquart, 

tief.  An  den  Rändern  einee  jeden  lagen  doppelte  Wälle,  und 
zuletzt  ein  mächtiges  Vorwerk.  Die  Parther  wehrten  sich  tapfer, 
allein  der  Übermacht  des  Königs  gelang  es  schliesslich,  die  Graben 
aufzufüllen  und  die  Mauern  durch  Minen  zum  Einsturz  zu  bringen. 
Nun  töteten  die  Parther  die  in  der  Stadt  ansässigen  Hellenen, 
plünderten  die  wertvollsten  Geräte  und  versuchten  sich  während 
der  Nacht  durchzuschlagen.  Allein  als  der  König  dies  gewahr 
wurde,  schickte  er  ihnen  den  Hyperbasis  mit  den  Söldnern  nach, 
welcher  die  Feinde  wieder  in  die  Stadt  zurücktrieb.  Als  nun 
die  Infanterie  durch  die  Bresche  eindrang,  verzweifelten  sie  am 
weiteren  Widerstand  und  ergaben  sich. 

Leider  lassen  sich  die  beiden  Städte  TapßQce};  und  EiQvyt, 
bis  jetzt  nicht  mit  irgend  welcher  Sicherheit  identifizieren.  Es 

gab  wohl  eine  sehr  feste  Burg  Tabarak  auf  dem  Gipfel 

eines  kleinen  Berges  in  der  Nähe  von  Raj,  rechts  von  der  Strasse 
nach  Chorasan,  die  vom  Selgukensultan  Tognil  b.  Arslan  im 
Jahre  588  H.  zerstört  wurde  (Jaq.  III  e.Vj  19  ff.),  dagegen  ist  in 

Hyrkanien  und  Tabaristän  weder  heute  noch  im  Mittelalter  ein 
ähnlicher  Name  zu  finden.    Cahlr-eddln  p.  10,  14  gibt  allerdings 

an,  dass         im  Dialekt  von  Tabaristän  »Berg*  bedeute.  Man 

kann  vermuten,  dass  Tambrax  beim  heutigen  Sari  lag,  dann  hätten 
wir  £i't>vyj;  etwa  in  dem  westlich  von  Sarija  ge- 

Ugenen   Ort  oder  ^  der  arabischen  Geo- 

graphen  zu  suchen,  der  eine  Kanzel  besass.  Dorn,  Caspia  49 
stellt  rar  Sirynx  auch  den  x^j  «5o  .jj  Türeng-täpä  (Fasanenhügel) 

im  Gebiete  von  Astaräbäd  zur  Verfügung,  wo  man  viele  Alter- 
tümer gefunden  hat.    Jedenfalls  hat  der  Name  £lqvyl  mit  San 

<^L*,  arabisiert  K^U,  nichts  zu  thun.  Denn  wie  der  dazu  er- 
fundene Eponymos  aj^L*  bei  CahTr-eddln  p.,  8  etc.  beweist,  ist 
ÜSH  dialektische  Umbildung  von  Särüi  Der  Name  Särüi  oder 
älter  OsjjU  Sürük  aus  Sarbük  ist  aber  ursprünglich  ein  Appella- 
tivum  mit  der  Bedeutung  „Burg*  oder  „Palast*1).   Die  appella- 

J)  Zum  Übergang  von  ü  in  f  vgl.  Horn,  Neupers.  Schriftsprache 
S.  27  §  5,  6.  —  vjjj;l~Jl  hieaa  ein  uralter  auf  Tahmörup  ssurück ge- 
führter Palast  in  Ispahän  Ihn  Rusta  lir,  1 ,  bei  JJainza  f.,  8.  Kv,  8. 
11a.  5  v.  u.  M1?  4  v.  u.  Fihxwt  rf>,  16.  27.  Ifl,  14  *j*jU.  sowie  die 
Burg  von  Uamadän,  in  welcher  man  das  von  öam  gegründete 
Wara  erblickte,  Jäq.  IY  1Ar,  3.  Ibn  al  Faq.  H1,  Ifl,  rff,  wo- 
für! Jäq.  m  lf  18  Fgl.  IV  lAr,  9.  14   die  neupers.  Form  j^U 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  63 

tive  Bedeutung  des  Namens  T«pßoa£  würde  es  erklären,  wes- 
halb derselbe  später  durch  ein  anderes  Appellativum  ersetzt  worden 

wäre.    Haben  wir  dagegen  «5^^  mit  dem  heutigen  LlmrSs 

gleichzusetzen,  so  könnte  Tambrax  mit  dem  mittelalterlichen 
Nämija  zusammenfallen. 

Strabon  ut  7 ,  2  p.  508  schreibt  TaAAfatoq  für  TaMß(uxHa 
(acc.)1).  Wenn  er  aber  zum  ßcca&Eiov  Tayn  (s.  o.  S.  21)  bemerkt: 
Z  <ptasi  fiLXQbv  ütcIq  r^g  OaXattrig  [d^v^ivov,  so  beruht 
dies  auf  einer  Verwechslung  mit  r«pj?fa{,  wie  die  Entfernung 
Tage's  von  den  Kaspischen  Thoren  unwiderleglich  beweist.  Neben 
diesen  beiden  nennt  er  noch  zwei  andere  hyrkanische  Städte 
Zauaounnj  und  Kccqtcc.  Letzteres  durfte  dem  Za$Qaxa(na  Arrians 
entsprechen,  Zapaotavij  aber  ist  dieselbe  Stadt,  die  von  Ptol.  6,  9 
p.  416,  11  £a(Kt(iccvvr}  geschrieben  und  an  die  hyrkanische  Küste 
unter  94°  15'  L.  40°  30'  Br.  gesetzt  wird.  Bei  Plin.  6,  118  ist 
der  Name  in  Maria  verstümmelt.    Dorn,  Caspia  54  N.  1.  120 

denkt  für  Zu^iccvri  an  jU^-ä8),  eine  Stadt  in  den  Qären-bergen, 

1  Tagereise  von  Särrja  Ist  ?.o,  11.  f.v,  2,  was  aber  mit  den 

Daten  des  Ptol.  nicht  stimmt. 

Nachdem  Alexander  in  Zadrakarta  15  Tage  Rast  gehalten 
hatte ,  welche  mit  Opfern  und  gymnisehen  Spielen  zu  Ehren  der 
Götter  ausgefüllt  wurden,  brach  er  wiederum  nach  dem  Land  der 
Partbyaier  auf.    Nachdem  er  diese  unterworfen  hatte,  setzte  er 


angibt.    U^U  scheint  auch  der  Name  der  Stadt  ijäjt  in  Sagi- 

stan  gewesen  zu  sein  (Mas.  VIII  42  cod.  A).  Eine  ältere  Form 
ist  erhalten  im  Namen  der  Burg  von  Karcha  de  Böth  Selöch  in 

Garamaea,  aQD^D  Sarbüi  (G.  Hoffmann,  Auszüge  S.  45.  269),  die 
identisch  ist  mit  dem  im  gnostisohen  Hymnus  bei  Wright,  The 
apocryphal  acts  of  the  apostles  I  p.  0^9,  6.  *Q^9,  15.  14  ge- 
nannten y^OVOD  Sarbüg.  Die  älteste  Form  ist  also  offenbar  * Sarbuk 

oder  *Särbü!c.  Nun  heisst  es  im  Bund.  29. 14  (West,  PT.1 120):  ,The 
enclosure  formed  by  Jam  is  fin)  the  middle  of  Pars,  in  Sruvä  (T  D  pahl. 
Srübäk);  thus,  they  say,  that  what  Jim  formed  (Jam-kart)  is  below 

Mount  Jamakän  (TD  Öamakän)'.  Ich  vermute  deshalb,  dass  ^Jl^O  ein 

Fehler  ist  für  *^ar^c-   Der  Übergang  von  b  in  die  Spirans  (J 

nach  r  ist  regelmässig,  wie. der  entsprechende  des  g  in  y  (Mary).  Vor 
ü  fällt  das  p  leicht  aus,  z.  B.  Merhuzan,  Mehruzan,  Meruzan  — 
Mt&QoßovtdvTig-,  vgl.  Mehkndak,  Mehundak  =  Mihrevandak ,  *Mi&ra- 

ßandaka.  —  S.  jetat  auch  mein  „EränSahr  nach  der  Geographie  des 
Ps.  Moses  Chorenac'i  134f. 

»)  Vgl.  Dorn,  Caspia  129. 

*)  Jäq.  III  HT*  schreibt  unrichtig  Jl%+&  . 


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64 


J.  Marquart, 


ihnen,  wie  Justin  12,4,12  berichtet,  einen  vornehmen  Perser 
zum  Satrapen,  von  welchem  die  nachmaligen  Könige  der  Parther 
abstammten.    Wir  machen  auch  hier  wieder  die  Beobachtung, 
dass  der  Gewährsmann  des  Trogus  seine  Hauptquelle  selbstständig 
verbessert.    Es  war  ihm  bekannt,  dass  in  parthischer  Zeit  die 
Städte  Arsace  (Aoödx  Aäak)  in  der  östlich  an  Hyrkanien  stossenden 
parthischen  Landschaft  Acxav7\vri  und  Nloauc  in  der  Landschaft 
Parthyene  (s.  u.)  die  wichtigsten  Orte  von  Parthien  waren,  und 
er  hielt  sich  zu  der  Annahme  berechtigt,   dass  es  schon  in 
achaimenidischer  Zeit  so  gewesen  sei.    Demnach  war  die  Unter- 
werfung der  Provinz  Parthien  erst  mit  der   Sicherung  dieser 
Landschaften  beendigt.   Der  Auszug  des  Justin  ist  freilich  offenbar 
lückenhaft  und  verwirrt.    Der  Text  lautet:  Parthis  deinde 
domitis  praefectus  his  statuitur  ex  nobilibus  Per- 
sarum  Andragoras;  inde  postea  originem  Parthorum 
reges   habuere.     Allein  Andragoras   war  der  seleukidische 
Satrap  von  Parthien ,  welcher  im  Jahre  250  v.  Chr.  (L.  Manlio 
Vulsone  M.  Atilio  Regulo  coss. ,  lies  C.  Atilio  Regulo) l)  sich  in 
seiner  Provinz  selbstständig  machte  und  Goldstatere  zum  Zeichen  der 
Suveranetät  mit  dem  Typus  des  Viergespanns  schlagen  Hess2),  aber 
nach  der  Niederlage  des  Seleukos  Kallinikos  gegen  die  Galater 
um  235  den  dänischen  Parnern  des  Arsakes  erlag  (Justin  41 ,  4, 
4 — 7).    Hier  bezeichnet  Justin  den  Arsakes  als  vir  incertae 
originis,  allein  es  ist  nicht  zu  zweifeln,  dass  sein  Gewährsmann 
an  der  ersten  Stelle  thatsächlich  den  Arsakiden  einen  altadeligen 
persischen  Stammbaum  geben  wollte.   Statt  Andragoras  muss  also 
ursprünglich  ein  anderer  Name  dagestanden  haben,  und  zwar 
höchst  wahscheinlich  Phradates.     Dieser  fuhrt  nach  Curt.  4, 
12,  9  in  der  Schlacht  bei  Gaugamela  die  Kaspier,  6,  4,  24  wird 
er  als  praefectus  Tapurorum  bezeichnet  und  6,  5,  21  werden  auch 
die   besiegten  Marder  seiner  Verwaltung  unterstellt    8,  3,  17 
wird  Phrataphernes,  welcher  mit  der  Verwaltung  von  Hyrkanien. 
der  Marder  und  Tapuren  betraut  wird,  und  9,  10,  17  als  Satrap 
der  Parthyaier  auftritt,   als  Nachfolger  des  Phradates 
bezeichnet,  den  er  gefangen   zu  Alexander  schicken  soll  (vgl. 
Arrian  4,18,2).    Später  wird  Phradates  hingerichtet,  weil  er 
im  Verdachte  stand,  nach  dem  Königtum  zu  streben  10,1,39. 
Es  ist  demnach  klar,  dass  Curtius  den  Phradates  auch  als  Satrapen 
von  Hyrkanien  und  Parthien  betrachtet  haben  muss.    Der  Name 
Phradates,  eine  Abkürzung  von  Avxo(p^ctödvi\q  =  ap.  Wätafraöäta 


l)  Vgl.  Droysen,  Gesch.  des  Hellenismus  III4,  1,  364  N.  1. 
365  N.  23. 

*)  Siehe  P.  Gardner,  Numismatic  Chronicle  1379  p.  8ff.  The 
coins  of  the  Greek  and  Scythic  Kings  of  Bactria  and  India  in 
the  British  Museum.  London  1^86  p.  1.  PI.  1  1.2.  Henry  H. 
Howorth,  The  initial  coinage  of  Parthia.  Num.  Chron.  1890 
p.  33-41  (töricht). 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  65 

.von  Wäta  (dem  Windgott)  geschaffen  • ,  der  im  arsakidischen 
Königshaus  vom  vierten  Partherkönige  an  öfter  vorkommt,  gab 
aber  dem  Gewährsmann  des  Trogus  Veranlassung,  der  von 
Agatharchides  erfundenen  Genealogie  der  Arsakiden,  welche  auf 
einen  Sohn  des  Artaxerxes  Mnemon  zurückführte1),  eine  andere 
gegenüberzustellen,  welche  den  unbestreitbaren  Vorzug  hat,  dass 
sie  sowohl  in  der  Chronologie  als  in  den  geschichtlichen  Ver- 
hältnissen sich  innerhalb  der  Grenzen  des  Wahrscheinlichen  halt. 

Von  Parthien  gelangt  Alexander  zu  den  Grenzen  von  Areia 
{Haranoa)  und  nach  Hovala,  der  ersten  Stadt  von  Areia,  wo 
Satibarzanes ,  der  Satrap  der  Provinz  sich  zur  Huldigung  einfand 
und  in  seiner  Satrapie  bestätigt  wurde.  Der  König  gab  ihm 
gegen  40  Lanzenreiter  unter  Anaxippos  mit,  um  beim  Durchzug 
des  Heeres  durch  das  Land  der  Areier  dieses  zu  schützen.  Daraus 
geht  hervor,  dass  Alexander  zunächst  beabsichtigte,  die  süd- 
östlichen Satrapien  Areia,  Drangiana  und  Arachosien  zu  durch- 
ziehen und  zu  sichern,  um  sich  erst  dann  gegen  Bessos  zu  wenden. 
Da  erschienen  aber  einige  Perser  bei  ihm  mit  der  Nachricht, 
«lass  Bessos  die  königlichen  Abzeichen  und  den  Thronnamen 
Artaxerxes  angenommen  habe  und  über  die  nach  Baktra  geflohenen 
Perser  sowie  zahlreiche  Baktrianer  verfüge;  auch  erwartete  er 
skythische  Bundesgenossen.  Diese  Botschaft  bewog  Alexander, 
der  nunmehr  seine  gesamte  Streitmacht  wieder  beisammen  hatte, 
nachdem  Philippos  auch  die  in  Medien  zurückgebliebenen  thessa- 
lischen  Freiwilligen,  sowie  die  berittenen  Söldner  herangeführt 
hatte,  seinen  Plan  zu  ändern  und  unverzüglich  auf  Baktra  zu 
marschieren. 

Man  identifiziert  ZovoCcc  jetzt  gewöhnlich  mit  dem  mittel- 
alterlichen  Tos  ^jb,  arm.   Tos  in  der  Nähe  von  Ma&häd. 

Freilich  stehen  dieser  Gleichung  lautliche  Bedenken  entgegen,  die 
ich  nicht  zu  beheben  weiss.  Man  müsste  annehmen,  dass  eine 
griechische  Umformung  in  Anlehnung  an  den  Namen  des  be- 
rühmten £o$(Sa  stattgefunden  hätte.   Umgekehrt  haben  die  Araber 

den  Namen  von  Söätar,  Sostrate  d.  i.  £&at^d  xs  in  jJ~J  Tustar 

arabisiert2).  Ist  die  Gleichung  richtig,  so  lässt  sich  wenigstens 
soviel  erkennen,  dass  Alexander  von  Zadrakarta  aus  auf  direktem 
Wege  am  Gurgän-rüd  entlang  nach  Gurgän  und  von  da  über 
Samalgän  und  Bugnürd  ins  Atrekthal  gelangte,  wo  die  zur 
achaimenidischen  Satrapie  Parthien  gehörige  seleuMdisch-arsakidische 

Provinz  Iftfravi/vi/,  arab.  Ustuwä  lag.    Ihr  Hauptort  war 

im  Mittelalter  Chabücttn,  heute  Chücän.  Von  da  gelangte  er 
über  den  Köh-i  Allähu  akbar  ins  Thal  des  Käschäf-rüd,  im 

')  S.  diese  Unten.  I  29  ff. 

*)  Vgl.  mein  „Erän&ahr"  S.  144  Anm.  8. 

Marquart,  Untersuch ungea.  II.  5 


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66 


J.  Marquart, 


Bundahisn  XX  30  Käsp,  im  Epos  Käsak-röt,  arab.-pers.  Jkyjf 
(Tab.  I  Hf  9.        7)  genannt1). 

Die  eigentliche  Landschaft  IlaQ&vrivy  mit  dem  avlmv  IlaQ&ccv, 
dem  heutigen  Därrä  Gäz  und  der  Ebene  Nr\<sctla  (ap.  Nisäja)  beim 
heutigen  Asxäbäd,  sowie  die  Landschaften  'AnavccQxuwivy  mit 
Abeward  und  Margiana  mit  dem  uralten  Marw  hat  Alexander 
aber  auf  seinem  Zuge  nicht  berührt.  Die  Gründung  der  Stadt 
Alexandropolis  bezw.  die  Umnennung  des  alten  Nisaia  in  Parthyene  *), 
sowie  die  Neugründung  von  Marw  unter  dem  Namen  Alexandreia  •) 
muss  also  zu  einer  spätem  Zeit  stattgefunden  haben,  wahrschein- 
lich wahrend  des  Winterlagers  in  Zariaspa  329/28  v.  Chr.,  wo 
sich  auch  der  Satrap  Phrataphernes  von  Parthien  einfand,  der 
den  von  Bessos  ernannten  Satrapen  von  Parthien  Barzanes  ge- 
fangen herbeiführte  (Arr.  4,  7,  l)4).  Mit  der  nicht  lange  vor 
Alexanders  Tode  erfolgten  Sendung  des  Herakleides  nach  Hyrkanien, 
um  Schiffe  für  eine  Entdeckungsfahrt  auf  dem  Kaspischen  Meere 
zu  bauen  (Arr.  7,  16,  1 — 4),  wird  man  diese  Gründungen 
keinesfalls  in  Verbindung  bringen  dürfen.  Dass  aber  die  Makedonen 
thatsächlich  auch  nach  Nisaia  gekommen  sind,  ergibt  sich  aus 
der  Bemerkung  des  Strabon  ux  7 ,  3 ,  dass  der  Ochos  durch  jene 
Landschaft  fliesse,  die  ebenso  wie  die  Behauptung,  dass  der  Ochos 
und  Oxos  gleich  dem  Jaxartes  ins  Kaspische  Meer  münden 
(m  7,  4  p.  510),  auf  Polykleitos  von  Lansa  zurückgeht'). 

Die  Karte  des  Castorius  nennt  nach  NAGAE  d.  i.  Thagae,  Täk 
folgende  Stationen:  XX  Catippa.  XX  fociana.  X  Stai.  XXXV  Saphani. 
Tomaschek  setzt  Catippa,  wofür  Orosius  1,  2,  16  Catippi  liest, 
nach  Astaräbäd,  fociana  (Geogr.  Rav.  2,  3  p.  48,  6  Gugitana),  das 
er  mit  Ptolemaios'  Tavtudva  (6,  17  p.  433,  25)  identifiziert,  nach 
dem  Karwanserai  Öandä-äbäz  an  der  Vereinigung  der  Quellen  des 
Gurgän-rüd.  Allein  Tatnudva  liegt  bereits  in  Areia,  unter  106  0  30'  L. 
und  36°  Br.  Catippa  ist  wohl  identisch  mit  Ptolemaios'  KACAIIH 
(für  KAQAI1H?)  unter  95°  30'  L.  40°  20'  Br.  Die  Form 
Catippa  erinnert  an  Xenippa  Curt.  8,  2,  14  (aus  aw.  achSaena 
„ braun",  phl.  chaä&n,  np.  cAoim,  und  äp-  , Wasser"?)  und  beruht 
wohl  gleich  diesem  auf  Hellenisierung.  Orosius  liest  von  seiner 
Karte  ab,  dass  der  Kaukasus  von  den  Tigrisquellen  bis  zur  Stadt 

l)  S.  o.  S  28  Anm. 

*)  Plin.  6,  113  regio  Nisiaea  Parthyenes  nobilis,  ubi  Alexandro- 
polis a  conditore.  Vgl.  Isidor  von  Charax,  ffrafyxol  JIap#.  §  12:  iv- 
ttü&tv  iTapö'vTjvij ,  c%otvoi  ns  ,  ccbXav  Jlap^aC.  Niaa  ^  it6Xig  &nb 
c%oiv<ov  gy  Ivfra  ßaGiXixal  tutpal.  "EXXtivtg  ik  Niaaiccv  Ifyovaiv.  Wie 
die  verwandten  Stellen  lehren,  ist  zu  schreiben  Niaäx  n6Ug.  Bei 
Plinius  vermute  ich  deshalb  regia  Nisaea  Parthyene«  nobilis. 

*)  Plin.  h.  n.  6,  46. 

*)  Vgl.  Droysen,  Gesch.  des  Hellenismus  III  2,  215. 

a)  Vgl.  Arnold  Behr,  De  Apollodori  Artamiteni  reliquüs  atque 
aetate.   Argentorati  1888  p.  15.  17.  vgl  11  f. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  67 

(Jkarrae  d.  i.  Chwär  inter  Massagetas  et  Parthos  Arwbarzanes 
heisse ;  a  Charris  civitate  usque  ad  oppidum  Catippi  inter  Hyrcanos 
et  Bactriano«  mons  Memarmali,  ubi  amomum  nascitur;  a  quo 
proximum  iugum  mons  Parthau  dicitur;  ab  oppido  Catippi  usque 
ad  vicum  Safrim  inter  Dahas,  Sacaraucas  et  Parthyenas  mons 
Oscobares,  ubi  Ganges  fluvius  oritur  et  laser  nascitur.  Wie  die 
uns  erhaltene  Karte  des  Castorius  zeigt,  stehen  die  auf  derselben 
verzeichneten  Flüsse,  Gebirge  und  Völkernamen  unter  sich  und 
mit  den  Stationen  meist  in  gar  keiner  Beziehung.  Wir  sehen 
aber  soviel,  dass  auf  das  Gebirge  nördlich  von  Chwär  bereits  der 
Käme  des  Götterberges ,  *Harabrzatis ,  aw.  Netra  cter*zaiti,  np. 
Alburz  übertragen  war.  Für  die  genauere  Lokalisierung  dieses 
Gebirges  kommen  jedoch  die  in  der  Nähe  desselben  verzeichneten 
Massageten  und  Parther  nicht  in  Betracht;  erstere  werden  von 
PtoL  6,  10  p.  418  nach  Margiana,  unter  die  Derbikker  gesetzt. 
Weiterhin  werden  wir  etwa  festhalten  dürfen ,  dass  das  Gebirgs- 
system ,  welches  sich  von  Hyrkanien  gegen  Baktrien  und  Areia 
hin  erstreckt,  den  Namen  Memarmali  oder,  wie  die  Kosmographie 
des  sog.  Aethicus  (bei  Alex.  Biese,  Geographi  latini  minores 
p.  94 ,  22)  richtiger  hat ,  Menalius  führte  *).  Dieser  Name  wird 
von  arkadischen  Kolonisten  in  Erinnerung  an  ihren  heimatlichen 
Berg  Mainahn  aufgebracht  worden  sein.  Vielleicht  haben  wir 
diesen  Gebirgszug  mit  dem  Maenacha  des  Awestä  (ZamjSd  jt.  4) 
zu  identifizieren.  Ein  Abschnitt  dieses  Gebirgssystems  war  als 
mens  Parthau  bezeichnet,  d.  i.  ohne  Zweifel  die  Gebirgsketten, 
welche  das  Thal  des  obern  Atrek  und  des  Käschäf-rüd  ein- 
schliessen.  Noch  weniger  hat  der  Oscobares  mit  der  über  ihm 
verzeichneten  Route  Catippi- Safri  und  den  darüber  verzeichneten 
Völkern  Dahae  und  Parthyenae  zu  thun  —  diese  gehören  viel- 
mehr in  die  Nähe  des  mons  Partium  —  dagegen  gehören 
allerdings  die  Sacaraucae  in  sein  Bereich,  wie  ich  anderswo  zeige. 

Der  Ort  Safri,  bei  Isidor  Zctyql,  in  der  Tabula  Saphani 
(Geogr.  Rav.  p.  47 ,  22  Sapbar)  ist  wohl  identisch  mit  Zicpd^ 
das  Ptol.  unter  107°  15'  L.  38°  15' Br.  in  Areia  verzeichnet. 
Man  hat  zu  beachten,  dass  er  die  'Aazaßrjvol  und  Nusaioi  ebenso 
wie  die  MccaScoQavol  (in  Mazdörän)  in  den  Norden  von  Areia 
versetzt. 

Alexander  hatte,  wie  wir  gesehen,  zunächst  den  Plan,  von 
Tos  über  MäShäd  nach  Herät  zu  ziehen,  als  er  sich  durch  die 
Nachrichten  über  Bessos  bestimmen  Hess,  unverzüglich  auf  Baktra 
zu  marschieren.  Er  zog  also  das  Thal  des  Käschäf-rüd  entlang 
nach  Pul-i  chärün,  um  von  da  aus  zunächst  das  obere  Marw 
(Marw-i  röt,  j.  Muryäb-i  bälä)  zu  erreichen.    Auf  dem  Marsche 


l)  Memarmali  ist  aus  falscher  Auffassung  einer  Korrektur  menanius>j 
entstanden. 

5* 


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68 


J.  Marquart, 


dahin  erhielt  er  aber  die  Nachricht,  dass  Satibarzanes  die  make- 
donischen  Posten  getötet  habe,  die  Areier  bewaffne   und  in 

von  Haraiwa  zusammenziehe.  Sobald 
Alexander  ans  dem  Bereich  der  von  Norden  nach  Herät  fahrenden 
Strassen  sei,  wolle  er  von  da  mit  seiner  Streitmacht  zu  Bessos 
stossen.  Nun  gab  der  König  alsbald  den  Marsch  nach  Baktra 
auf  und  zog  an  der  Spitze  zweier  Phalangen,  der  Bitterschaft 
und  der  Lanzenreiter  sowie  der  Bogenschützen  und  Agrianer  in 
Eilmärschen  gegen  die  Areier,  während  er  die  übrigen  Truppen 
unter  dem  Befehle  des  Krateros  zurückliess.  In  zwei  Tagen  legte 
er  gegen  600  Stadien  zurück  und  gelangte  in  die  Nähe  von 
Artakoana,  allein  auf  die  Nachricht,  dass  Alexander  schon  in  der 
Nähe  sei,  entfloh  Satibarzanes  mit  wenigen  Reitern1),  da  die 
Mehrzahl  seiner  Soldaten  ihn  auf  der  FJucht  verliess,  sobald  auch 
sie  erfahren  hatten,  dass  Alexander  anrücke.  Dieser  verfolgte 
nun  die,  welche  ihre  Dörfer  verlassen  und  sich  dem  Abfall  an- 
geschlossen hatten,  in  ihre  Schlupfwinkel  und  begann  hier  die 
Reihe  jener  fürchterlichen  Strafgerichte,  durch  welche  er  sich 

unstreitig  einen  Platz  neben  einem  Sulla  und  Gingiz-chan  erworben 
hat.  Was  nicht  dem  Schwerte  zum  Opfer  fiel,  ward  zu  Sklaven 
gemacht. 

Diodor  und  Curtius  lassen  ihn  dabei  ein  unnahbares  Felsen - 
nest  erobern.  Die  Beschreibung  dieser  Heldenthat  bei  Curt.  6,  6, 
26—82  stimmt  überraschend  mit  der  Erzählung  der  Einnahme 
einer  festen  Stadt  durch  Alexander  im  syrischen  Alexanderroman 
(ed.  Budge  S.  203,  lOff.  =  114  der  englischen  Übs.),  nur  dass  die- 
selbe hier  nach  Söd  d.  i.  Sogdiana  verlegt  ist.  Die  Stelle  fehlt 
in  den  uns  erhaltenen  griechischen,  lateinischen  und  armenischen 
Texten,  muss  aber  aus  dem  Griechischen  übersetzt  sein.  Ich 
stelle  die  charakteristischen  Züge  der  beiden  Berichte  (den 
syrischen  nach  Budge's  Übersetzung)  neben  einander: 

Cnrt.  6,  6,  26  ff.  Bndge  p.  203,  10  ff. 

Alexander  bemüht  sich  zuerst,  Alexander  sieht  im  Lande 

einen  Weg  gangbar  zu  machen:  Söd  einen  grossen  Fluss,  der 

deinde ,  ut  occurrebant  inviae  nach  Südwesten  fliesst  und  schwer 

cotes  praeruptaeque  rupes,  inritus  zu  überschreiten  ist.    Von  Ge- 

labor  videbatur  obstante  natura,  sandten  erfahrt  er  nun,  dass  alle 

In   seiner  Verlegenheit  kommt  Vornehmen  des  Landes  an  einem 

ihm  aber  das  Glück  zu  Hilfe.  Orte  sich  aufhielten.    „Und  mit 

Vehemens  favonius  erat,  et  mul-  50  Reitern  gieng  ich  voraus  in 

tarn   materiam  ceciderat  miles,  der  Nacht,  um  zu  gehen  und 

aditum  per  saxa  molitus.    Haec  den  Weg  auszuforschen  und  die 

vapore    torrida    iam    inarserat.  Stadt  zu  sehen.    Denn  es  war 

Ergo  adgeri  alias  arbores  iubet  Nacht  und  wir  kannten  die  Ge- 

*)  Nach  Diod.  c.  78,  2  und  Curt.  6,  6,  22  mit  2000  Reitern. 


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Untersuchungen  wir  Geschichte  von  Eran. 


69 


Curt.  6,  6,  26  ff.  Budge  p.  203,  10  ff. 

et  igni  dari  alimenta:  celeriter-  wohnheit  der  Gegend  nicht,  und 
que  stipitibus  cumulatis  fastigium  deshalb  war  ich  auch  furchtsam, 
montis  aequatum  est.  Tunc  un-  Da  gieng  ein  qundaqör  weg 
dique  ignis  iniectus  cuncta  con-  und  erforschte  den  Weg,  kehrte 
prehendit.  Flammam  in  ora  hos-  zurück  und  kam  zu  mir  und  sagte 
tium  ventus  ferebat,  fumus  ingens  zu  mir:  Der  Weg  ist  leicht  und 
velut  quadam  nube  absconderat  die  Stadt  ist  nicht  gross.  Da- 
caelum.  Sonabant  incendio  silvae  rauf  zogen  ich  und  meine  Truppen 
atque  ea  quoque,  quae  non  incen-  gegen  jene  Stadt  Und  ich  Hess 
derat  miles,  concepto  igne  proxima  die  Hörner  blasen  und  die  Truppen 
quaeque  adurebant.  Barbari  sup-  die  Stadt  umringen.  Und  ich 
pliciorum  ultimum,  si  qua  inter-  Hess  viel  Holz  herbeibringen  und 
moreretur  ignis,  effugere  temp-  rings  um  die  ganze  Stadt  ein 
tabant ,  sed  qua  flarama  dederat  Feuer  anzünden,  und  die  Truppen 
locum,  hostis  obstabat.  Varia  ausserhalb  des  Feuers  stehen, 
igitur  caede  consumpti  sunt :  alii  Und  ich  befahl ,  jeden ,  der  aus 
in  medios  ignes,  alii  petris  prae-  der  Stadt  fliehen  würde,  zu  töten, 
cipitavere  se,  quidam  hostium  Als  die  Leute  in  dieser  Stadt 
manibus  obtulerant,  pauci  semi-  den  Schall  der  Hörner  hörten, 
ustulati  venere  in  potestatem.      kamen  sie  aus  den  Häusern  heraus 

und  sahen  das  Feuer  rings  um 
die  Stadt,  und  einige  von  ihnen 
wollten  fliehen.  Als  sie  aber 
aus  der  Stadt  flohen,  und  von 
der  Hand  meiner  Truppen  starben, 
da  kam  ihr  Haupt  und  die  Vor- 
nehmen (204)  in  jener  Stadt 
heraus  aus  der  Stadt  und  riefen 
mit  lauter  Stimme:  „ König  Ale- 
xandras, wende  deinen  Grimm 
in  Versöhnung  und  gebiete  deine 
Diener  nicht  zu  töten".  Darauf 
Hess  ich  sie  vor  mich  kommen, 
und  als  sie  gekommen  waren, 
befahl  ich  sie  in  Gewahrsam  zu 
nehmen. 

• 

Nach  Curtius  hätte  Alexander  inzwischen  den  Krateros  zur 
Belagerung  von  Artakoana  zurückgelassen,  wohin  sich  13  000  Be- 
waffnete geflüchtet  hatten.  Nach  der  Bückkehr  Alexanders  von 
seiner  Blutarbeit  hätte  sich  die  Festung  alsbald  ergeben,  als  er 
Miene  machte,  die  Belagerungstürme  heranzuführen.  Allein  diese 
Darstellung  ist  mit  der  Erzählung  Arrians  unvereinbar,  der  von 
einer  Belagerung  der  Hauptstadt  überhaupt  nichts  weiss.  Die 
Situation  ist  sehr  ähnlich  wie  bei  der  Züchtigung  der  sieben  Städte 
von  Sogdiana,  Arr.  4,  2,  1.  Curt  7,  6,  10,  wo  Alexander  in  der 


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70 


J.  Marquart, 


That  den  Krateros  zur  Belagerung  von  Kyropolis,  der  be- 
deutendsten derselben,  aussendet,  während  er  selbst  sich  gegen 
die  fünf  zunächstliegenden  Platze  wendet  und  dieselben  ausmordet 
Wir  werden  später  sehen,  dass  die  im  syrischen  Alexanderroman 
erzählte  Episode  in  der  That  dem  Strafgericht  gegen  die 
sieben  sogdischen  Städte  entspricht,  und  ich  glaube  daher,  dass  die 
von  Curtius  und  Diodor  berichtete  Geschichte  ursprünglich  nur 
eine  Variante  der  sogdischen  Blutthat  ist,  die  dann  von  einem 
Romantiker  bei  der  Eroberung  von  Areia  verwandt  worden  ist. 

Wie  weit  Alexander  bereits  nach  dem  Osten  vorgerückt  war, 
als  er  seinen  Vormarsch  gegen  Baktra  einstellte  und  sich  gegen 
Herät  wandte ,  lässt  sich  aus  unsern  Berichten  nicht  entnehmen. 
Jedenfalls  kann  er  aber  Marw-i  röS  noch  nicht  erreicht  gehabt 
haben.  Denn  wäre  er  von  Bälä-Muryäb  her  gegen  Herät  an- 
gezogen, so  hätten  ihm  die  Begleiter  des  Satibarzanes  auf  ihrer 
Flucht  nicht  entgehen  können.  Er  muss  also  von  Westen  her 
gegen  die  Stadt  gerückt  sein.  Der  König  wird  demnach,  um 
die  Wüste  zwischen  Tegend  und  Muryäb  zu  vermeiden,  von  Pul-i 
chätün  südöstlich  zum  Egri-gök,  einem  linken  Nebenfluss  des 
Kusk-rüd  an  der  heutigen  afghanisch-russischen  Grenze  gezogen 
sein.  In  der  Gegend  von  Ak-robät  oder  Öokan  Sor  erfuhr  er 
den  Abfall  des  Satibarzanes  und  zog  sofort  südwärts  durch  das 
Quellgebiet  des  Egri-gök  über  die  Berge  von  Herät,  wohl  über 
Cälmä-säbz  nach  Nauchän  gegenüber  von  Birnäbäd.  Wie  die 
600  Stadien  unterzubringen  sind,  welche  Alexander  in  2  Tagen 
zurücklegte,  ist  schwer  zu  bestimmen.  Offenbar  sind  sie  nur  bis 
zu  dem  Punkte  gerechnet,  wo  Alexander  die  Thalebene  des 
Hare-rüd  erreichte.  Jedenfalls  war  aber  Alexander  von  der 
Langsamkeit  und  Bedächtigkeit  weit  entfernt,  die  seine  modernen 
Erben  in  Moskau,  freilich  keineswegs  immer  zum  Nutzen  der 
von  ihnen  vertretenen  Kulturaufgabe,  auszeichnet,  und  er  hätte 
in  diesem  Schneckentempo  wohl  auch  sein  Ziel  nie  erreicht. 
Satibarzanes  ist  wohl  nicht  auf  der  Strasse  von  Herät  über 
Marw-i  röd  nach  Balch  geflohen ,  sondern  auf  dem ,  schwierigen 
Weg,  der  von  Herät  ostwärts  dem  Thal  des  Har6-rüd  entlang 
ins  Gebirge  und  vom  Quellgebiet  des  Flusses  über  die  Bisse 
des  Hindukus  in  die  Thäler  des  Dehäs  (Balchäb)  und  Sari-pul 
(des  Flusses  von  Schibergän),  sowie  über  Bämijän  in  die  Thäler 
der  Flüsse  von  Chulm  und  Qunduz  führt. 

Eratosthenes  berechnet  den  ganzen  Weg  von  Hekatompylos 
bis  'MtiMqtut  ^  iv  'A9ttoiq  auf  4530  Stadien  (Strab.  ««8,9 
p.  514),  womit  Plinius*  575  mp.  bis  auf  10  röm.  Meilen  über- 
einstimmen. Es  wird  also  zu  schreiben  sein  DLXV.  Die  Entfernung 
der  Provinz  Areia  von  Hyrkanien  wird  auf  etwa  6000  Stadien 
geschätzt  (ta  10,  1  p.  516),  eine  Angabe,  die  auf  einer  Ver- 
wechslung mit  der  Distanz  von  den  Kaspischen  Thoren  bis  nach 
Alexandreia  Ar.  (6400  Stadien  ut  8,9  p.  514)  beruhen  muss. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  71 

Die  Länge  von  Areia  wird  auf  2000  Stadien  angegeben,  die  Breite 
in  der  Ebene  auf  300  Stadien.  4580  Stadien  würden  etwa 
113  Fars.  und  16  arabischen  Tagereisen  a  7  Pars,  entsprechen. 

3.  ÜaQaxod&Qag,  IlaQonaviaadai,  Paraöäta. 

IlaQaxoa&QaQ  ist  der  Name  des  Alburzgebirges  bei  ßtrab. 
ta  8,  1  p.  511 :  xaXnxat  6h  tö  (ii%(ft  öevqo  (bis  zum  Flusse  Ochos- 
Tegend  und  £*$viog)  iatb  tfjg  'A^uviag  dunnvov  %  fuxqbv  ano- 
Utnov  Jla^oa^cj.   Vgl.  8,  8  p.  514. 12,  4  p.  522.  14, 1  p.  527. 

Dazu  verhält  sich  der  Pahlawiname  Pataichwdri-gar)1)  wie 
P&düä  zu  aw.  Bora- öäta,  d.  h.  PataSchwär  ist  die  Übersetzung 
von  nuQazod&QCcg . 

de  Lagarde,  Beitrage  zur  baktrischen  Lexikographie  51. 
Mitteilungen  I  148  erklärt  PeSxwar  [so!]  oder  Padaschwar(-gar) 

[so!]  als  .das  vor  Xwar  [lies  Chwär  ^  i.  i. 

gelegene  Land*.  Die  Pahlawlform  von  Chwär  ist  aber  Chwärth 
(Bundah.  XII  2  West),  das  auf  ap.  *Hu-aftra  zurückgeht8). 
Letztere  Form  setzt  in  der  That  ffaiago noch  voraus, 
während  bereits  Strabon  ta  9,  1  p.  514  (aus  jüngerer  Quelle)  die 
Landschaft  Xw^vri,  Isidor  von  Charax  Xoa^v^1)  nennen,  und 
die  Stadt  bei  Plin.  6,  44  Choara,  bei  Oros.  I  2,  16  Charrae 
heisst.     Der  persische  Stamm   (richtiger  Sippe)  Pätühuwariä 


*)  Derselbe  findet  sich  auch  bei  Ihn  al  FaqTh  P.P,  ult.,  wo  für 

das  £^£li>Jj  oder  ^yA\JJ^  der  Hss.  j^JjjZkXi}  herzustellen 
ist;  vgl  Ihn  Chord.  K1,  1.   Ebenso  ist  als  Titel  des  Mäzijär  Tab.  III 

TU,  11  »U^^t^i^j  oder  »U^^jI^ÄvXj  Irttwär-  oder  Paöaxwär- 

garSäh  für  v>Läji>  berzustellen.    Die  Form  PatäaAar  bei 

Ps.  Mos.  Chor.  2,  53  ist  wohl  sicher  in  Butizahor  zu  ändern ;  vgl.  z.  B. 

arm.  Nüiorakan,  arab.-pers.  e>L^lÄlJ,  ^l^dtfdl,  pers.  »jjJai.  — 

Vgl.  weiter  Uber  den  Namen  de  Lagarde,  Beiträge  zur  baktrischen 
Lexikographie  51  ff.  Spiegel,  Eran.  Altertumskunde  1,  61.  197. 
JubM,  Beiträge  zur  Geogr.  des  alten  Persiens  2,  3.  Nöldeke,  Bezzen- 
bergers  Beitrage  IV  47  N.  2.  de  Lagarde,  Mitteilungen  I  148. 
HI  260  N.  1.  288  N.  1  und  jetzt  Hubschmann,  Armen.  Gramm. 
I  1,  66. 

*)  Heute  Qyiläq  Chwär  oder  ejj  »i^y  östlich  von  den  Kaspischen 

Thoren.  Vgl.  W.  Tomaschek,  Zur  hist.  Topographie  von  Persien 
I  80  —  WSB.  Bd.  102,  222. 

«)  Darmesteter,  Etudes  iran.  II  85. 191. 

*)  Bei  Ptol.  6,  5  p.  400, 1  zu  XöQoavy  verdorben  und  an  falsche 
Stelle  geraten. 


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72  Marquart, 

(eine  patronymische  Vrddhibildung ,  vgL  ap.  Märgawa1)  und  die 
Patttä'arra  der  Sargoninschriften  (in  Medien)  haben  also,  wie 
ich  bereits  Assyriaka  S.  647  N.  559  betont  habe,  mit  Pataschwärgar 
nichts  zu  thun*). 

Von  der  jüngern  Form  geht  der  Name  Xcooofuxf^tfvij  aus, 
welchen  jenes  Gebirge  bei  Ptol.  g  2  p.  391 ,  28  führt.  Ich  weiss 
für  den  zweiten  Teil  keine  sichere  Erklärung.  Sollte  am  Ende 
gar  der  Name  des  in  Baj  ansässigen  Geschlechtes  Mihrän  darin 
stecken,  also  Ckwär~i  Mi&ren 8)  (mit  m edischer  Imäla  für 
Mifrrän) ? 

Der  Name  Allntrz,  aw.  Hara  bzrdzaM,  erscheint  zuerst  bei 
Orosius  1.  L  in  der  Form  Ariobarzanes 4) ,  einer  Angleichung  an 
den  bekannten  Personennamen,  statt  'AQoßaQ^axig . 

Der  Name  des  Gebirges  IlaQvdd^fjg  =  arm.  Parchar  in  der 
Nähe  des  Pontos  braucht  mit  IlaQcexoa^Qag  keineswegs  formell 
identisch  zu  sein,  sondern  kann  ganz  wohl  auf  ap.  *paru  Jwu>aftra 
zurückgehen,  wie  La  gar  de  behauptet  hatte6).  Die  Wiedergabo 
des  ap.  dr  durch  dp  hat  ihr  Analo^on  in  Msya<stö(p\q  Her.  rj  72, 
falls  dies  =  bagaci&ra ,  sowie  in  'Ot-ivdfxtg  (lies  'OjzitiQccg)  Ktes. 
ecl.  496)y  mit  falschem  Nasalstrich  für  Deinons  'OjjaOptfs  Plut. 
Artox.  1.  5,  wie  in  CExwdutvog  für  COxvöutvog,  Diod.  iß  71,1 


*)  In  Nriaalot  tnnoi  Her.  y  106.  tj  40.  t  20  d.  i.  ap.  *Naisäjä(h) 
a*pä(h)  Rosse  von  Nisaja  liegt  eine  ähnliche  Vrddhibildung  vor.  Von 
hier  aus  wurde  das  e  =  ai  der  Vrddhi  bei  den  Hellenen  auch  auf 
den  Namen  der  Landschaft  Ubertragen :  N^aaiov  itsdLov  Her.  7j  40 

ap.  Nisäja  (von  W.  «,  xeto&ai  -f  n»),  arab.-pers.  Lo  Ibn  al  Faq. 

5.  t*A. ,  13.  Jäq.  IV  vva,  7.  Ahnlich  KüruS,  hebr.  gr.  Küqos 

zu  Kuru-f  der  Monatsname  BägajädLs  nach  dem  darin  gefeierten  Fest 
des  Baga  (*bagajäda ,  sogdisch  ^jLXää)  •=  Mitfra ,  später  M&Qtxxaya 
Mihragän. 

*)  Gegen  de  Lagarde,  MitteU.  I  148.  IU  260  N.  1.  288  N.  1. 

•)  Im  gössen  Bundahiin  31,  36 ff.  (West,  Pahlavi  Texts  I  139 f.) 
ist  von  drei  Paaren  die  Rede,  die  von  Säm  abstammen.  Eines  der- 
selben, namens  Chusrau,  erhält  hier  merkwürdigerweise  die  Regierung 
von  Raj.  Ein  anderes  Paar  wird  Märgandak  genannt,  welchem  das 
Königreich,  Wald-  und  Bergdistrikte  von  Padaickwärgar  gegeben 
werden.  Sollte  für  Märgandak  vielleicht  Mihri(w)andak  zu  lesen 
sein?  Dies  ist  der  Beiname  eines  Mihrän  (s.  Just i,  Iranisches  Namen- 
buch unter  Mi^räna  Nr.  13,  S.  214*>),  sowie  des  Bahrain  (Üöbfn  (s.  eb. 
S.  868 b  unter  Werebraghna  Nr.  23,  sowie  Hübschmann,  Arm. 
Gramm.  I  1,  52}.  T)ie  richtige  Pahlawischreibung  wäre  freilich 
Mi&re-bandak;  vgl.  auch  die  Schreibung  Mäh-LuruUik  Bund.  33,7  bei 
West  a.  a.  O.  p.  147. 

*)  Vgl.  Tomaschek  a.  a.  O.  S.  82  =  224. 

5)  Vgl.  jetzt  H.  Hübschmann,  Armen.  Gramm.  I  1,  66f. 

«)  'Adqaicavav  (acc.)  bei  Isidor  von  Charax  =  ap.  Ätrpäwna  (gen.) 
ist  dagegen  anders  zu  beurteilen. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  73 

Zoyiucvog,  Pausan.  6,  5,  7  Soydiog  d.  L  ap.  *SugucUjal).  Es  bleibt 
aber  unsicher,  ob  man  JJa^vaS^r\g  als  *paru-hädr  =  *paru-chädr 
aufzufassen  hat,  so  dass  wir  bereits  die  in  armen.  Parchar  vor- 
liegende Vertretung  von  ap.  huw  durch  armen,  ch  (bezw.  h)  zu 
erkennen  hätten,  oder  aber  als  *pcar-huwädr  mit  Abfall  des 
Stammvokals  des  ersten  Kompositionsgliedes,  wie  in  IlaQfilatig 
(Ktes.  ecl.  3.  52)  =  ap.  *Paru-misa  (vgl.  Wahu-misa,  Beh.  2,  49  ft., 

'Q.filarig  Plut.  Artox.  4),  QaqZiQig  =  np.  -f^-jS. 

Dagegen  liegt  die  Präposition  para-  auch  vor  in  Pa-ar-ti- 
pa-ra-e-sa-cm-na,  welches  in  der  babylonischen  Version  der  Inschrift 
von  Behistün  1.  6  das  ap.  Gandära  wiedergibt.  Es  ist  abzuteilen 
Par-uparaesana  d.  i.  ap.  *Para-upari8cuna  „das  yor  (d.  h.  südlich 
von)  dem  üparisaina-gebirg  gelegne  Land*.  Das  Silbenzeichen 
ra-  hat  hier  offenbar  den  Lautwert  r  oder  wozu  e  das  phone- 
tische Komplement  bildet.  Das  Gebirge  Uparisaina  erscheint  als 
&ata  upatrisaena  im  Jasna  10,  11.  Es  heisst  hier,  die  Vögel 
hätten  den  Hauma  zu  dem  Gebirge  Sata-upairi-saena  gebracht, 
was  Barth  olomae,  K.  Z.  29,  487  mit  „die  Überadlerscharten  * 
übersetzt  Es  folgen  noch  mehrere  Gebirgsnamen ,  die  jedoch  bis 
jetzt  nicht  lokalisierbar  sind3).  Auch  jt.  19,  3  erscheint  das 
Gebirge  §ata  npairi-saena  in  der  Umgebung  von  lauter  bis  jetzt 
nicht  identifizierbaren  Namen.  Im  Mihr  jaSt  13. 14  dagegen  heisst 
es  von  Mithra:  „Und  von  dort  (der  Hara  borazaiti)  wirft  der 
Heilbringendste  seine  Blicke  auf  den  Wohnsitz  der  Arier;  da  wo 
die  mächtigen  Fürsten  die  zahlreichen  Truppen  ordnen;  da  wo 
die  hohen  weidereichen,  wasserreichen  und  nahrungspendenden 
Berge  das  Vieh  mehren;  da  wo  die  tiefen  Seen  mit  Salzwasser 
liegen ;  da  wo  die  grossen  Ströme  ihre  Wogen  herabwälzen,  gegen 
oata3)  und  Pouruta  f  gegen  Mouru  und  Haröfu,  gegen  Qavoa 
in  Suyda  und  OhwGxris&m* . 

Ein  Blick  auf  die  Karte  zeigt,  dass  unter  der  Hara  barazaiti 
hier  die  Paropamisoskette  zu  verstehen  ist  Soll  mit  dem  Satz 
„gegen  Öata  und  Pouruta*  etc.  die  Richtung  der  Ströme  be- 
zeichnet werden,  so  ist  die  Hara  barazaiti  zugleich  als  deren 
Ausgangspunkt  zu  betrachten,  mit  Ausnahme  des  Stromes  von 
Soyd.  Das  hier  genannte  §.ta  entspricht  dem  §ata  upairi-saena 
der  beiden  andern  Stellen.  Wennschon  das  daneben  stehende 
Fvwruta  sich  lautlich  nicht  völlig  mit  den  von  Ptolemaios  6,  18 


*)  Ein  pleonas tucher  Nasal  findet  sich  auch  im  kappadokischen 
Monatsnamen  Sov^qcoqv  aus  &tt&Q7\0QT\  —  Ch#a&r$  warft.  Dagegen 
fehlt  der  NasaLstrich  in  Araq>i^vris  Ktes.  ecL  14  (lies  'Avta<piQvr\g\  Her. 
'IrcacpQtvris  —  ap.  Windafarnä. 

*)  taerö  -J-  barösraiano  Ubersetzt  Bartholomae  „die  Spitzen, 
welche  die  Sterne  auf  dem  Haupte  tragen*. 

*)  So  ist  zu  lesen  für  Aisata.  , 


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74 


J.  Marquart, 


p.  435,  8.  20  p.  437,  27  im  nördlichen  Arachosien,  am  Südabhang 
des  Paropamisos ,  angesetzten  JIaQovriwC  deckt,  nach  denen  die 
TJaQo-vrjtä  oft}  6,  18  p.  434,  29  benannt  sind1),  so  ist  doch  un- 
verkennbar, dass  es  etwa  im  heutigen  Ghör  zu  suchen  ist.  Für 
Sata  ergäbe  sich  etwa  die  Lage  des  Köh-i  Bäbä,  der  Bergketten 
bei  Bämijän.  Freilich  liegen  die  Quellen  des  Oxus,  der  nach 
Chw&rizm  fliesst,  noch  viel  weiter  östlich  in  Badachsän  und  im 
Pamir,  aber  jenem  Gebirgssystem  entströmen  die  Flüsse  von 
Herät  und  Marw  wie  die  von  Balch,  Käbul  und  Kandahar.  Der 
arabische  Geograph  al  Ja'qöbl  sagt:  „Aus  dem  Gebirge  von 
Bämijän  kommen  zahlreiche  Quellen.  Von  diesen  fliesst  ein  Strom 
nach  Qandahär  in  einer  Weglänge  von  einem  Monat;  ein  Fluss 
geht  aus  einem  andern  Engpass  nach  Sagistan  in  einer  Weglänge 
von  einem  Monat,  ein  anderer  Fluss  wendet  sich  nach  Marw  in 
einer  Wegstrecke  von  30  Tagen,  ein  anderer  Fluss  strömt  nach 
Balch  in  einer  Wegstrecke  von  12  Tagen,  noch  ein  anderer  Fluss 
endlich  nach  Ghwärizm  in  einer  Entfernung  von  40  Tagen.  All 
diese  Flüsse  kommen  aus  dem  Gebirge  von  Bämijän  wegen  seiner 
grossen  Erhebung2)."  Unter  dem  Flusse,  der  nach  Chwärizm 
fliesst,  ist  hier  wohl  der  Fluss  von  Qunduz  (Aq  Sarai)  zu  ver- 
stehen, der  gleichfalls  in  den  Bergen  von  Bämijän  entspringt  und 
nachdem  er  unterhalb  von  Qunduz  den  durch  mehrere  Nebenflüsse 
verstärkten  Fluss  von  Tälakän  aufgenommen  hat,  unweit  der 
Vereinigung  des  Pang  und  Wachsäb  in  den  Oxus  mündet.  Er 
wird  hier  oflFenbar  als  der  eigentliche  Quellfluss  des  Oxus  be- 
trachtet. Bei  den  Arabern  heisst  dieser  Fluss  KiLiJi  und 
in  seinem  Unterlauf  pUyail  ^gj  »Löwenfluss*.  Auch  das  Bundahisn 

(XX,  16.  17.  21.  22  bei  West,  P.  T.  I  79.  80)  lfisst  die  Flüsse 
von  Harew,  Marw,  Balch  und  den  HStumand  von  Sagistän  auf 
dem  Apärsen-Gebirge  entspringen. 

Der  Name  Üpavri'Saena ,  ap.  *Upari-saina  hat  sich  noch 
bis  mindestens  ins  7.  Jh.  n.  Chr.  lebendig  erhalten.  Als  der 
chinesische  Pilger  Hüan-cuang  im  Jahre  644  vom  Nordosten  des 
Königreiches  Fo-U-Hsa-fang-na  aufbrach,  das  Henry  Yule 
mit  dem  Gebiete  der  ParäcYs  in  der  Umgegend  von  Parwän 
gleichsetzt  (JRAS.  1878,  104  N.  1  278),  „il  franchit  des  montagnes, 

*)  An  der  ersten  Stelle  lesen  die  meisten  Hss.  nach  Wilberg 
und  Grashoff  JIap<rt»)Tcu,  die  Übrigen  nagauiraiy  Jlaooiqrat,  JTapa^rrca, 
6,  20  ist  TlaQyvf{xai  and  TlaqyvlxKi  die  Lesart  der  Hss.,  wofür  Grae- 
hoff  IlaQovfjtat  in  den  Text  gesetzt  hat.  Auch  in  Areia  nctQu  tovg 
JJaQonaviaddas  wird  6, 17  p.  433, 4  eine  Völkerschaft  TLaQOVxat  genannt, 
wofiir  Grashoff  gleichfalls  TIuQovf[Xcu  vermutet  Allein  Uagotnat 
würde  besser  zu  dem  vourtUa  des  Awentä  passen.  Der  Name  pärwata 
von  ind.  parwata  , Gebirge*  bedeutet  .Gebirgsbewohner'. 

*)  Ja'qübl,  Geogr.  ed.  de  Goeje  S.  tVI,  9 — 13. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  ron  Eran.  75 


passa  des  ri vieres,  et,  apres  avoir  traverse  plusieurs  dizaines  de 
petites  villes  situees  sur  les  frontieres  da  royaume  de  Kia-pi-che 
(Kapica),  ü  arriva  a  un  grand  passage  de  montagne,  appelä  P*o- 
lo-si-na  (VarasSna),  qni  fait  partie  des  grandes  raontagnes  neigeoses. 
.  .  .  Lee  faucons  eux-memes  ne  sauraient  les  franchir  au  vol; 
ils  marchent  pas  ä  pas,  et  reprennent  leur  essor"  etc.  Nach  drei 
Tagen  erst  kam  man  auf  die  Passhöhe,  und  ebenso  lange  dauerte 
der  Abstieg  zum  Königreiche  'An-ta-lo-po  (Andaräb)  am  Fusse 
des  Gebirges1). 

Das  Gebirge  Po-h-si  na  ist  also  speziell  diejenige  Kette  des 
Hindukus,  welche  die  Thäler  des  Pangsir-  und  Ghörbandflusses  von 
dem  von  Andarab  trennt  Po-h-si-na  gibt  so  genau  wie  möglich 
die  sanskritisierte  mitteliranische  Form  von  Uparisaina 
wieder,  welche  *Parasena  oder  * Varasena  =  pahl.  Apars&n, 
Avarain  bezw.  *  Parsal  lauten  musste  *).  Die  Anekdote,  dass  sogar 
den  Falken  der  Pass  zu  schwierig  sei,  soll  offenbar  den  Namen 
desselben  (ȟber  den  Adlern*  bezw.  nach  der  Bedeutung  des  ent- 
sprechenden indischen  Wortes  sjena  „über  den  Falken")  erklären. 
An  den  Namen  Uparisaina  knüpft  auch  die  von  Diodor  17,  83,  1 
berichtete  Sage  an:  xcrtct  9t  fiioov  xov  Kccvxacov  iföxi  nkxQtt  dexa 
axtx&Uw  fypvact  t^v  ntqliUTQOv,  xixxdqmv  dh  axaöUav  xb  Ctyoc, 
h  y  xai  xt>  Tl^o^dicag  öitrjkcuov  ideUvv^  vnb  x&v  iyxmqUav  %al 
y  xoü  pv&oloyri&ivxog  atxoü  xotxrj  xal  xa  x&v  ösafi&v 
(typtta8).  Dass  die  Hellenen  hier  an  ihre  Prometheussage 
erinnert  wurden,  ist  begreiflich.  Wahrscheinlich  war  aber 
der  Adler,  dessen  Sitz  hier  gesucht  wurde,  der  mythische 
Vogel  Svmury  (Saena  maroyd) ,  der  auf  dem  Alburz  in  der 
Nähe  von  Hindustan  horstete  und  den  kleinen  Zäl  aufzog4). 
Dem  ap.  *  Uparisaina ,  mitteliranisch  *Paraen  entspräche  genau 
ein  griechisches  *J7aoo*ifv6e,  wofür  wir  aber  bei  Dionys.  ntotrjy.  787, 
der  hier  wie  gewöhnlich  aus  veralteter  Quelle  schöpft,  die 
mit  Bücksicht  auf  den  heimischen  Musensitz  hellenisierte  Form 
Ilaqvtiaög  und  bei  Aristoteles  Metereolog.  1,  13  die  entsprechende 


*)  Hiouen-thsang,  Memoire«  trad.  par  Stan.  Julien  II  p.  190s. 
Sam.  Beal,  Chinese  Buddhist  travellere  to  the  West  II  286. 

*)  Belegt  ist  in  den  Parsenschriften  nur  die  entere  form  (ge- 
schrieben Apärsen),  die  aber  im  7.  Jahrh.  ohne  Zweifel  bereits  Vamen 
oder  Parten  mit  Abfall  des  anlautenden  a  gesprochen  wurde.  Wahr- 
scheinlich war  aber  der  Name  im  persischen  Dialekte  nicht  mehr  im 
lebendigen  Gebrauch,  sondern  ist  lediglich  Transskription  des  Awesta- 
wortes.  —  Vgl.  schon  Alex.  Cunningham,  The  ancient  geography 
of  India  19.  Da  ich  aber  auf  diese  Gleichung  Wert  lege,  so  will 
ich  ausdrücklich  betonen,  dass  ich  erst  nachträglich  die  Übereinstimmung 
mit  Cunningham  bemerkte,  nachdem  meine  obige  Ansicht  längst 
fest  stand. 

*)  Vgl.  Curt.  7,  3,  22.   Strab.  uc  5,  5  p.  505/6.  ts  1,  8  p.  688. 

«)  Schahname  VII  83. 100. 130,  Ubs.  von  Rückert  1 138. 139.  Hl. 


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76 


J.  Marquart, 


attische  IlaQvaaaog  treffen.  Der  geläufige  griechische  Name  Ila^o- 
ndpuaog  ist  zunächst  mit  Anlehnung  an  den  griechischen  Flussnamen 
IIa  ata  6g  aus  IIctQOTCccviGog  *)  und  dieses  aus  *TIuQOTC(x{Q)viOog  ent- 
standen, das  selbst  wieder  eine  unter  dem  Einflüsse  der  altern 
Form  üaQvijöog  vollzogene  Umbildung  von  Para^partsatna, 
mp.  *Par-apar-sSn  ist.  Das  Ethnikon  ücc^onafucddai  ist  also 
eine  selbständige  griechische  Bildung. 

Während  aber  IlaQaxod&Qag  das  Gebirgsland  nördlich 
von  Chwär  bezeichnet,  ist  Para-uparisaina  der  Name  der  Thal- 
landschaft  Gandhära  südlich  vom.Uparisainagebirge. 

Mit  der  oben  besprochenen  Präposition  para-  =  np.  pU 
„vor"  ist  auch  der  Beiname  Haofcjanha's,  des  ersten  Herrschers 
von  Iran,  Para-iäta  gebildet.  Derselbe  ist  stehendes  Epitheton 
des  Haosjanha  jt  5,  21.  9,  3.  15,  7,  Wend.  20,  1.  2  dagegen  wird 
er  auf  die  Heroen  der  Vorzeit  im  allgemeinen  angewandt.  Allein 
die  spezielle  Beziehung  auf  Haosjanha  ist  offenbar  das  Ursprüngliche 
und  da  kann  er  nichts  anderes  bedeuten  als  »der  Erstgeschaffene', 
der  erste  Mensch.  Haosjanha  ist  der  Begründer  der  Souveränetät, 
der  dahjupaüi- Würde ,  während  sein  Bruder  Wehkart  {Wikart) 
„der  gutgeschaffene*  (aw.  wahrscheinlich  *  Wohu-daia)  als  Ur- 
heber des  Dihq  an  Standes  (aw.  wahrscheinlich  vispaiti)  und 
des  geregelten  Ackerbaues  gilt:  „the  original  establishment  of 
law  and  custom;  that  of  vülage,  superintendence  (dtfiänkänih), 
for  the  cultivation  and  nourishment  of  the  world,  dependent  upon 
Vaegergö*  the  Pesdädian ;  and  that  of  monarchy,  for  the  protection 
and  government  of  the  creatures,  upon  Hö&äng  the  Pesdädian'  *). 
Auf  Webkart  führten  die  Dihqäne  des  Sawäd  ihren  Stammbaum 

zurück,  welche  unter  den  von  Eri6  im  Sawäd  eingesetzten 
Sahrigän  (i^UJiJl)  =  äöi&rapaüi  standen  und  in  fünf  Klassen 
zerfielen»). 

Wenn  im  Dlnkart  auch  Wehkart  das  Epitheton  Peidäi  erhält, 
so  ist  das  ungenau,  und  die  Erklärung  dieses  Beinamens  im 
Kommentar  des  Wendidäö*  20,  1 :  „parce  qu'ils  ont  les  premiers 
mis  en  vigueur  la  loi  de  la  royaute*  (dät-i  chwatäih),  ist  sprach- 
lich falsch,  wie  alle  Erklärungen,  welche  darin  das  Wort  data 
»Gesetz11  sehen.    So  heisst  es  bei  Tab.  I  Ivl:  „Man  berichtet, 


l)  Diese  Form  findet  sich  bei  Ptol.,  sowie  bei  den  röm.  Geographen 
(Plin.  6,  48),  während  Diodor,  Arrian,  Strabon  IlaQoitduujoSy  TlaQOTtcciH- 
aädai  vorziehen,  Curtius  Parapamisus ,  Parapamisadao.  Bei  Justin 
12,  5,  9.  13,  4,  21  hat  Gutschmid  Parapamesos  Parapamesadae  her- 
gestellt.   Vgl.  Kiepert,  Lehrbuch  d.  alten  Geographie  §  62  S.  59. 

*)  Dlnkart  VUI  13,  5  Waegeret  PeädäSe.  West,  Pahlavi  Texts 
IT  26.501  nach  Darmesteter,  Le  Zendavesta  IT  371  n.  26.  Dlnkart 

VII  1,  16—18.  V  4,  2  bei  West,  P.  T.  V  8.  128.    Ilamza  M,  14. 

Bemni  PW,  ffo, 

*)  Mas'üdi,  Murüg  II  240. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  77 

dass  er  (O&hang)  der  erste  war,  welcher  die  Rechtsordnungen 
und  Strafen  festsetzte  und  davon  den  Beinamen  PSi  däö  führte, 
der  auf  persisch  bedeutet:  „der  erste,  welcher  nach  Gerechtigkeit 
Urteil  sprach*.  Denn  peä  bedeutet  „der  erste*  und  däS  bedeutet 
Gerechtigkeit  und  Rechtsprechung 

Aus  diesem  Missverständnis  in  Verbindung  mit  der  Stelle 
Wend.  20,  1.  2,  wo  das  Wort  im  Plural  steht1),  ist  die  Dynastie 
der  PZädädür  entstanden,  die  sich  meines  Wissens  zuerst  bei 
al  ChuwärizmT,  Mafätlfo  aMüm  1A,  10  ff.  und  BerünT,  Chronologie 

«,  ».r,  U*1,  t.1,  U  findet.  Nach  der  gewöhnlichen  Ansicht  rech- 
nete man,  wie  BSrünT  angibt,  zu  den  Pesdädiern  die  Könige 

Hösang,  Tahmöralr ,  Garn,  Aldahäk  und  Fredfin.  Ein  anderes 
System  aber,  dem  auch  al  ChuwärizmT  folgt,  fasste  unter  jenem 
Namen  alle  mythischen  Herrscher  von  Gajömarö  bis  auf  Karsäsp 
zusammen. 

4.  Ober  einige  skythisch-iranische  Völkernamen. 

Die  Versuchung  liegt  nahe,  auch  den  Namen  des  Königs- 
stammes der  iranischen  Skythen  oder  Skoloten,  Tla^aXarai  (Her.  <J  6) 
als  paraÖäta  „die  Erstgeschaffenen"  aufzufassen.  Hier  wurde 
das  Wort  aber  keinen  zeitlichen,  sondern  einen  politischen  und 
sozialen  Vorrang  bezeichnen.  Allein  der  Lautwandel  von  aw.  d 
in  skyth.  I  ist  sehr  bedenklich  und  müsste  erst  durch  andere 
Beispiele  belegt  sein.  Zudem  wird  es  durch  eine  Reihe  anderer 
Namen  nahegelegt,  -tat  als  Endung  abzutrennen. 

Nach  Herodot  trieben  die  Massageten,  welche  jenseits  des 
Araxes  wohnten  (a  201),  keinen  Ackerbau,  sondern  lebten  von 
Fischen,  von  welchen  der  Araxes  wimmelte,  und  der  Milch  ihrer 
Herden*).  Der  Araxes  bildete  nach  ihm  ein  Mündungsdelta  von 
40  Armen,  von  welchen  nur  ein  einziger  sich  ins  Kaspische 
Meer  ergiesse  —  nämlich  der  von  Herodots  Gewährsmann  mit 
dem  ostiranischen  verbunden  gedachte  armenische  Araxes  —  die 
übrigen  aber  ig  Skia  %t  xal  xsvayta  ixSidoi'  iv  xotdi  av&Qomovg 
Tuczoutfjo&cei  Uyovöi  i%&tig  cbftovg  ftrtopivovc,  icdijti  öh  vop,i%ovxug 
XoüG&ai  tpamitov  dig^iadi  (a  202).  Damit  sind  die  Wohnsitze  der 
Massageten  oder  eines  Teiles  derselben  deutlich  in  die  Nähe  des 
Aralsees  verlegt.  Noch  klarer  geht  dies  aus  der  Beschreibung 
Strabons  hervor,  welcher,  wenn  auch  durch  mehrere  Mittelglieder, 
auf  dieselbe  Quelle  zurückgeht  wie  Herodot,  nämlich  Hekataios. 

')  Möglieherweise  sind  aber  die  dort  im  Plural  stehenden  Epitheta 
der  Helden  der  Vorzeit  nach  Art  der  lat.  Plurale  Catones,  Scipiones 
.Leute  wie  CatoB  aufzufassen,  zumal  der  Kommentar  jedes  derselben 
auf  einen  speziellen  Helden  bezieht. 

*)  &1X  &itb  xirpritov  £<feovai  xal  l%ftv<ov  61  <J1  ucp&ovot  atpi  ix 
toO  '4pcc£*<»  noraftoü  nctQayLvovxcti  •  yukaxxonfaai  J*  slal. 


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78 


J.  Marquart, 


Nach  ihm  münden  die  übrigen  Arme  des  Araxes  eig  rr)v  alXr\v 
x^v  itqbg  ixQxxotg  ftakattctv,  die  Bobben,  in  deren  Felle  sich  die 
Bewohner  kleiden,  werden  ausdrücklich  als  vom  Meere  stammend 
bezeichnet1). 

Die  Fischnahrung  galt  demnach  als  eine  bemerkenswerte 
Eigentümlichkeit  der  Massageten,  und  nach  dieser  sind  sie  that- 
sächlich  benannt.  Maaaaylxat  gehört  zu  aw.  mcutjö  (skt.  matsja) 
„Fisch* ,  das  in  Wirklichkeit  massjö  gesprochen  wurde ,  woraus 
sich  die  neueren  Formen  (np.  mäht,  kurd.  mäst)  erklaren.  Die 
Verdopplung  wird  in  der  Awestäschrift  nicht  geschrieben.  Vgl. 
Bartholomae,  Grundriss  der  iran.  Phil.  I  §  5  N.  5.  Von 
massja  ist  zunächst  mittelst  des  Suffixes  -ka1  osset.  äa  das  Sub- 
stantiv *ma88ja-ka,  *massja-ga  gebildet,  wozu  MaGöaykcu  der  mit 
der  ossetischen  Pluralendung  -tlä  versehene  Plural  ist2). 

Ebenso  zu  erklären  sind  die  Namen  Bvoaayi-xai  Her.  d  22. 122, 
Plin.  6, 19;  Zavgoyuu-xcti  Hvgpa-xcci  ZaQpa-xai  d.  L  *8auru-ma  (mit 
u-  Epenthese) ,  *lSar-ma ,  vgL  aw.  oahrtma ;  Tvotyi-xai  Strab.  £ 
3,  17  p.  806,  ein  Überrest  der  Skythen  am  Tyras8);  'lo^upa-xui 
(Ptol.)  oder  'la^a^-xai  Skymn.  879 ff.,  %ißa-xai  Hekat.  fr.  166, 
Mela  1,  114  Ixamatae  etc.,  Plin.  6,  21  Mazamacae  vgl.  Ps.  Mos. 
Chor.  Geogr.  p.  86  Soukry  Nachca-mcUeankf  =  *Ia£a(uxxai*)\ 
StOafuc-rai ,  2avöccQa-xcci  Latyscheff  I  16  B,  9;  Mvqyi-xai 
Hekat  fr.  155  (falls  nicht  TvQccyi-xai  zu  lesen  ist);  Maxvxi-xai 
ib.  fr.  156;  Ncnta-xcu  Apollon.  Rhod.  Argon.  758,  vgl  Steph. 
Byz.  Ncattg-  xoSfu;  E%v&tttg.  6  oüxt/Ttöp  Najuxxrjg  Ncmlxi\g 
neben  Nwtai  Diod.  2 ,  43 ,  4 ,  Napaei  Plin.  6 ,  50 ,  Inapaei  §  22, 
Naprae  §  20 6),  Napaei  Ammian.  Marcell.  22,  8,  33,  im  Alexander- 
roman I  2  cod.  A  und  L  Aanaxsg  (neben  BovOtioqoi)  ;  Sarge -tae 
Ammian  22,  8,  38,  2a<yycawi  Ptol.  8,  5,  23,  Sardetae  für 
Sarge  tae  Karte  des  Gastorius  Segm.  IX  3  ed.  Miller.  Vor 
allen  aber  gehört  hieher  der  einheimische  Name  der  Skythen, 
2x6koxot  Her.  S  6.  Der  reine  Stamm  desselben  liegt  vor  im 
Namen  des  £co/o-pitus  Justin  2,4,1,  der  mit  seinem  Bruder 
Plinos  aus  der  Heimat  vertrieben  nach  Themiskyra  am  Thermodon 
auswanderte.  Plinos  für  *IIctX-lvog  ist  hier  der  Vertreter  der 
ndkot;  vgl.  Ptacia  Plin.  4,  86  =  üccXaxiov  Strab.  f  4,  7 
p.  312,  wahrscheinlich  benannt  nach  Ilak-coiog,  dem  Sohne  des 
taurischen  Königs  Skiluros  Strab.  £  3,  17  p.  306.  4,3  p.  809  8). 

»)  Strab.  ia  8,  6.  7  p.  513. 

*)  Diese  Etymologie,  die  ich  selbstfindig  gefunden  habe,  vertritt 
bereit«  Tomaschek,  Kritik  der  ältesten  Nachrichten  über  den  sky- 
thischen  Norden  II  47  vgl.  34. 

3)  Vgl.  MUllen hoff,  Deutsche  Altertumskunde  III  86. 

*)  Vgl.  Mulle n hoff  a.  a.  O.  32* 

»)  Vgl.  Müllenhoff,  D.  A.  1H  28*.  89. 

•)  Vgl.  Müllenhoff  a.  a.  O.  IH  58. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  79 


Scolo-pitus  ist  gebildet  wie  'Aqui-itsl&rig  Her.  d  76.  78,  £ita{fycc- 
ntixhjg  König  der  Agathyrsen  Her.  d  78,  ein  Skythe  d  76, 
und  wäre  also  richtig  Scolo-pithes  zu  schreiben.  Ebenso  erkennt 
man  den  Volksnamen  im  Namen  des  skythischen  Königs  £y.vkr\g 
Her.  6  76.  78,  sowie  in  Kola-£aig,  dem  Namen  des  jüngsten  der 
drei  Söhne  des  skythischen  Urkönigs  Ta^y ixaog,  von  welchem  die 
königliche  Horde  der  IIuquXccxui  abstammte  Her.  d  5.  7 1).  kqIcc- 
steht  neben  scolo-  wie  IUkoi  Diod.  2 ,  48 ,  4 ,  Palaei  Plin.  h.  n. 
6,  50  neben  Spali  Jordan.  Get.  c.  4,  Satharchei  Spalaei  Plin.  6,  22, 
und  wie  aw.  sta&ra  Spitze  jt  12,  25  neben  tacra ,  aL  spdsas 
neben  pdvjati,  gr.  cxiyog  neben  riyoc  u.  8.  w.  Vgl.  Bartholom aeT 
KZ.  29,  487. 

Dass  obige  Auffassung  der  skythischen  Namen  auf  -rat  richtig 
ist2),  beweist  die  Glosse:  xag  6¥Apa£6vag  lucXiowsi  Hxv&tu  OioQrcaxa, 
Övvocx&i  dl  tÖ  ovopa  xoüxo  xccxcc  EkkccÖcc  yXcbooav  ccvöqoxtovoi'  oioq 
yao  y.akiovüi  &v6q€c  ,  t6  dh  nccxa  xxelvuv  Her.  d  110.  Hier  ist 
also  der  Name  Olöqjtccxcc  offenbar  eine  Pluralform,  als  deren 
Singular  wir  zunächst  oloona-  anzusetzen  haben  oioo  d  i  *icoir 
ist  durch  aw.  urfra  „Mann,  Held",  skt.  u>ird,  pahl.  urfr  hinlänglich 
gedeckt.  Vielleicht  haben  wir  für  das  Skythische  eine  Nebenform 
»womi-,  *wair-  anzusetzen.  Der  Begriff  des  Tötens  muss  also 
in  PA  liegen.  Damit  ist  allerdings  vom  iranischen  Standpunkte 
aus  nichts  zu  machen,  es  wäre  aber  der  Glosse  genügt,  ^wenn  wir 
OIOPr<  N>A TA  =  *waira-(jna-ta  (vgL  twr*dra-yna  .  Warth  ra- 
töter*)  lesen  dürften.  Die  Annahme  einer  Verderbnis  aus 
Olo(>Zaxcc  (r  aus  Z),  das  dann  direkt  =  aw.  wira-ljan  jt  13,  87 
wäre,  scheint  mir  dagegen  zu  kühn. 

Wie  ZxoXo-xot  etc.  ist  nun  auch  na^U-xai  zu  beurteilen: 
-xai  ist  Pluralendung,  parala-  der  Stamm.  Wir  können  nun 
wenigstens  6in  sicheres  Beispiel  nachweisen,  in  welchem  l  im 
Alanischen  durch  Dissimilation  aus  n  entstanden  ist:  die  alanischen 
I^ü&Xavol  werden  in  dem  Ehrendekret  der  Chersonesiten  für 
Diophantos  (ca.  107  v.  Chr.)  Z.  22  *Ptv^tvaXoi,  genannt8),  bei 
Ptol.  8,5  p.  201,  24  'PsvxavciXot  (statt  *Ptv!-avaXoi)  neben  fito£o 
Xarol  p.  200,  27.     Gleich  andern  skythischen  Völkernamen4) 

l)  Vgl.  auch  Stein  zu  Her.  4,  6. 

*)  Wie  ich  nachträglich  aus  dem  Referate  von  J.  Hanusz, 
WZKM.  I  156/57  sehe,  hat  schon  Wsewolod  Miller,  Die  epi- 
pniphischen  Spuren  des  Iraniertums  im  Süden  Busslands  (Journal  des 
Ministeriums  für  Volksaufklärung,  St.  Petersburg  1886,  Oktober, 
B.  232—283  [nus.])  die  skythisch-sarmatischen  Stammnamen  auf  -rat 
vermittelst  des  ossetischen  rluralsuffixes  auf  -tä  erklärt,  in  welchem  er 
ein  ural-altaisches  Element  vermutet.  Er  vergleicht  dazu  die  finnisch- 
ugrischen  Plurale  auf  -t-. 

*)  Dittenberger,  Sylloge  inscriptionum  ßraec.  no.  252.  L&ty- 
s  che  ff,  Inscriptiones  graec&e  orae  septentrionahs  Ponti  Euxini  n.  185. 

4)  Z.  B.  Kovcnf)6g  Latyscheff  H  100  zu  Kovaibipol ;  vgl.  meine 
Osteuropäischen  und  ostasiatischen  Streifzüge  S.  55  Anm.  2.  Ndßafrg 


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80 


J.  Marquart, 


wird  auch  dieser  als  Personenname  verwandt  und  erscheint  in  der 
Form  fRva/vaJU>s  auf  den  Inschriften  (Latyscheff  II  296  N.  88). 
Beide  Formen  gehen  offenbar  auf  ein  iranisches  rauchsnäna 
zurück.  Auf  den  skythischen  Namen  PriGnivÜiaXoq  aus  Olbia 
Latyscheff  1104  N.  68,  alanisch  Bespendial  (a.  406)  Gregor. 
Turon.  2,  9  will  ich  mich  nicht  berufen,  da  noch  keine  plausible 
Etymologie  desselben  gefunden  ist1).  Dagegen  steht  ebenso  neben 
dem  persischen  Stamm  üccv^ucXatoi  Her.  a  125  die  Station 
Pantyene  Tab.  Peut.  Segm.  XII  2,  Geogr.  Rav.  p.  52,  7 
Patienas*).  Auch  den  Namen  ^AXoywvtj  Ktes.  ecl.  44  möchte 
ich  jetzt  durch  Dissimilation  aus  *wana(h)-gauna  =  aw.  *wanat- 
gawna  „Gestalt  ersiegend*  (vgl.  'Ova-yiqvijg  =  *icana(h)-farna 
„die  Majestät  ersiegend*)  erklären. 

In  diesen  Zusammenhang  gerückt  erscheint  es  selbst  möglich,  dass 
der  parthische  Königsname  Volagases,  "»»ab*)  WalagaS,  zu  betonen 
Waldyaä,  woraus  phl.  Wcdachö,  arm.  Walari,  eine  ähnliche  Bildung 
und  Bedeutung  aufweist:  vxUa-gaä  =  aw.  *wanat-gaäa.  Vgl.  den 
etwas  altern  gleichfalls  parthischen  tTiAoq>iifws »  rovöayuQrjg. 
Gomdafarna  etc.  =  WindcUjiYfarr,  Gundafayfarr,  ap.  Winda(hy 
farnä  (oben  S.  4  und  Anra.  5).  Das  zweite  Element  ist  np. 
gai  1)  pulcer,  bonus,  2)  modus  incedendi  cum  venustate  et  fastu 
et  hilaritate  (Vullers),  das  auch  in  dem  parthischen  Namen  Abda- 
gases%  sowie  in  den  skythischen  Namen  raöCyaoog  Latyscheff 

Lat.  II  447  =  aw.  Nawäita  eb.  S.  55  Anm.  3.  .Sccppara?  Lat.  II  402; 
SavQOiukrK-,  2x6£og  Lat.  II  404  d.  i.  *ShOa,  die  einheimische  Form 
des  den  Griechen  in  Rleinasien  bekannt  gewordenen  Stammnamens 
Exv&ai,  assyr.  Aiküqäja  (unten  S.  111). 

*)  Vgl.  dazu  Müllenhoff,  DA.  III  113.  206.  Justi,  Iran. 
Namenbuch  260  b. 

*)  Vgl.  auchTomaschek,  Zur  histor. Topographie  von  Persien  1 34. 

*)  Es  sind  zwei  Personen  dieses  Namens  bekannt,  a)  Der  Bruders» 
söhn  des  Gundafarr:  Genitiv  ABAATAEDT ,  kharosthi  Atoadagasasa, 
Hawadagcufasa  auf  den  sakiscu-parthischen  Münzen  Gardne  r,  The  coins 
of  the  Greek  and  Scythic  Kings  of  Bactria  and  India  p.  107/8,  PI.  XXIII 
1 — 3.  Alex.  Cunningham,  Numism.  Chronicle  1890,  p.  117 — 121. 
Hör  nie,  Copper-coins  of  Abdagases,  Proc.  JRAS.  Beng.  1895,82 — 84. 
Im  Evangelium  loannis  de  transitu  Mariae  bei  Tischendorf,  Apo- 
calypses  apocryphae  p.  101  entspricht  ihm  Accßddviie,  der  Schwester- 
sohn des  Königs  von  Indien  (für  Aß9dvr\<s  oder  syr.  yt^X  ■=  pers. 

Abdän,  ein  Hypokoristikon  auf  -än);  vgl.  Sylvain  L<Wi,  Notes  sur  les 
Indo  Scythes.  Journ.  as.  1897,  1,  35.  b)  Der  Vater  des  Sinnakes:  Tac. 
ann.  6  ,  36.  37.  43.  44  Abdagaeses,  Jos.  dcgX-  "1  333  f.  'Aßiayci<tTjgy 

syr.  Q\  (arm.  W^^Jr/ulf  Abdecke)  und  ,  ~«Jt 

Addailegende  ed.  Phillips  p.         4.  1  (oben  S.  11)  für 

Abdachi  oder  -*it"NN.  AbdarS  aus  *AbddyaS  (wie  WatarU, 

WalachS  aus  WaldyaH),  gewöhnlich  j+«QX  (Hypokoristikon,  fälschlich 

von  jenem  unterschieden)  p.  4.  V&^>  12.  )0,  23,  von  aw.  abdat 
phl.  avd  „wunderbar". 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  81 

II  447,  'Oo<Si[yao]og  ib.  446  (beide  aus  Tanais),  Ovatyaaog  ib. 
I  55  (Olbia)  und  vielleicht  in  Ova-y[a]aig  ib.  H  389,  parthisch 
Vagasis  Justin  41 ,  6 ,  7  vorkommt.  Vgl.  meine  Beiträge  zur 
Geschichte  und  Sage  von  Eran;  ZDMG.  49,  636  Anm.  4  und 
J  u  s  t  i ,  Iranisches  Namenbuch  495.  Dahin  gehört ,  wie  ich 
glaube ,  auch  der  skythische  Name  des  Kaukasus ,  Orou-casim 
(lies  -gasiiu)  id  est  nive  candidum  Plin.  6 ,  50.  Ist  die 
vorgeschlagene  Etymologie  von  Volagases  richtig,  so  bildet  dieser 
Name  einen  weiteren  Beweis  für  die  enge  Verwandtschaft  der 
dänischen  Parner,  des  Kriegsadels  der  Parther,  mit  den  Skythen 
und  Sarmaten. 

Der  parthische  Satrap  Eika%r\gy  ZiXXccw^g  von  Mesopotamien, 
der  beim  Feldzug  des  Crassus  neben  dem  Surenas  genannt  wird, 
ist-  tbatsächlich ,  wie  eine  eingehende  Quellenkritik  zeigt,  mit 
diesem  identisch.  Der  Sieg  über  Crassus  findet  bei  Zivvicv.cc 
statt  (Strab.  iq  1,  23  p.  747.  Plut.  Crass.  29),  das  wohl  erst  nach 
dem  Sieger  benannt  ist ,  vielleicht  allerdings  schon  nach  dem 
frühern  Statthalter  von  Mesopotamien  Mi&QidaTrjg  Ztvaxrjg  a.  88 
v.  Chr.  Jos.  aq%.  13  §  384.  Ich  sehe  daher  in  2iku*r\g  bezw. 
EdXaKr\g  nur  eine  Nebenform  von  Zivuxr\g,  Zivvaxrig,  dem 
eigentlichen  Namen  des  Surenas.  Der  von  Tacitus  (ann.  6,31. 
32.  36)  erwähnte  täinnaces,  der  Sohn  des  Surena  Abdagaeses 1), 

wird  in  der  Addailegende  ^  rt tnr>  (p.  y^J,  l)2)  oder 

)t.r> >  ^  JO-U3D  (p.  )0,  23)  genannt,  sein  clort  neben  ihm  auf- 
tretender Verwandter  Abdus*)  heisst  hier  p.  ^,  10  (neben  ^j/ 
d.  i.         Izal).  2  16  in  r>^>\  verstümmelt. 

Nach  diesen  mehr  oder  weniger  sicheren  Beispielen  dürfte 
es  nicht  als  zu  gewagt  erscheinen ,  Ilacyakd-tai  auf  ap.  parana 
„ früher*  zurückzuführen.   In  der  Karte  des  Castorius  Segm.  XI  4  V 
erscheint    der  Name   in   der   Form   PARALOCAE  •  SCYTHAE, 
von  einer  Form  *parala-k,  wie  der  Personenname  ISauronya-ces 

(Ammian.  27, 12,  4. 16.  30,  2,  4),  georg.  JSaurrna-g,  arm.  X\ncj$tfiuff 

x)  S.  meine  Beiträge  zur  Geschichte  und  Sage  von  Eran.  ZDMG. 
49,  636. 

*)  An  dieser  Stelle  wird  in  Wirklichkeit  sein  Sohn  JjlSQ^ 
<t^v  ° 1  ^  genannt.  T^eböbenä  (durch  Dissimilation  für 
*Nebö-bmn)  „Nebo  hat  geschaffen*  ist  hier  aramäische  Übersetzung 
des  parthischen  Tiridate».  p.  V^i,  ^  der  Name  in  **2QZb/  ver- 
dorben.   Ttr  =  Merkur  (Nabu),  der  Stern  der  Schreiber  Berün!  l*Hy:2. 

*)  Hypokoristikon  auf  -ü  für  gemeiniranisch  -üi,  -ö  nach  skythischer 
Weise  von  Abdagases.  Vgl.  TovQiovas*  Strab.  tct  11,  2  p.  517  und 
meine  Bemerkungen  Unters,  zur  Gesch.  von  Eran  I  70.  55u  der  Bildung 
überhaupt  W.  Sc hulze,  KZ.  33,376.   Justi,  Iran.  Namenbuch  525. 

Marqu»rt,  Untenaohtragen.  U.  6 


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82 


J.  Marquart, 


Surmak  Ps.  Mos.  Chor.  3,  68.  64.  66  neben  dem  Volksnaraen 
ZccvQO(jut-xai. 

[Anders  als  in  den  obigen  Beispielen  ist  wohl  das  /  im 
Namen  der  Alanen  zu  erklären,  das  durch  die  einmütige  Be- 
zeugung der  griechisch  -  lateinischen ,  chinesischen,  armenischen 
und  arabisch-persischen  Litteratur  völlig  sicher  steht.   Die  Formen 

lauten  'Mavol,   Alani,   A-lan-na,  Wjufitp*  alLän  aus 

pers.  Alan.  Wir  können  ein  solches  Wort  aber  noch  als  Appellativ 
im  Armenischen  nachweisen,  welches  dasselbe  aus  dem  Parthischen 

entlehnt  haben  muss.  Ugfär  Alan  allein  findet  sich  als  Eigen- 
name eines  Arcruniers  bei  fcazar  P'arpec'i  (Venedig  1892) 
S.  17.  139.  206.  644,  und  als  zweiter  Teil  des  zusammengesetzten 
Namens  S>ufüqauqufü  Zand- al an  „aus  dem  ostanischen  Hause* 
taz.  196.   Besonders  wichtig  ist  aber  \\j[ufiiuynqtuü  Alana-jozan, 

ein  Heerführer  des  Königs  Säpür  Tl.,  „ welcher  ein  Bahlav  war 
aus  dem  Hause  der  Arschakunier*  Faust.  Byz.  4,  38  S.  156. 
Ps.  Moses  Chor.  3,  34  S.  221  nennt  ihn  Jj^uättunqu/u  Alanaozan 
(v.  1.  W^fusiänqusL  Alanozan),  ein  Pahlavik,  welcher  ein  Ver- 
wandter des  (armenischen  Königs)  ArSak  war.    Alana-jozan  ist 

gebildet  wie  Razmiozan  d.  i.  pers.  *razm'Jözän  „Kampf  suchend*. 
Vgl.  Hübschmann,  Arm.  Gr.  I  17.  69.  Hübschmann  hat 
aber  übersehen ,  dass  das  Wort  sich  auch  in  zwei  armenischen 
Appellativa  findet.  Bei  Faustos  Byz.  4,  2  S.  68  erhält  das 
armenische  Adelshaus  der  Mamikonier  unter  einer  Menge  anderer  auch 

die    Epitheta    tuqufütuqijßß    UMqufütuq-ftiuu^p  u»ph-mJ£uytulMf> 

i[iupi^iäustfuJijft^p ,  von  denen  nur  das  dritte  rein  armenisch  ist: 

„Adlerstandarten  führend*.  Die  drei  übrigen  Ausdrücke  sind 
sämtlich  ana|  Xsyofuva,    Die  beiden  ersten  haben  als  zweites 

Kompositionsglied   die   Wörter  »Volk ,   Geschlecht*  und 

t (Lehnwort  aus  iranisch  drafäa,  drafl)  „Banner" ;  warbnaka- 

nüÜ  setzt  als  erstes  Glied  ein  Adjektiv  *toarznak  voraus, 
das  aus  pahl.  *warzänak  oder  *warzenak,  arm.  *warzinak 
verkürzt  ist1),  von  np.  warg  „Grösse,  Würde*,  phl.  warz 
(Horn,  Grundriss  der  Neupers.  Etymologie  Nr.  1077).  Die  drei 
letzten  Ausdrücke  sind  also  Synonyma,  und  daraus  ergibt  sich, 
dass  alän  ein  Appellativum  (vermutlich  Adjektiv)  mit  der 
Bedeutung  „siegreich,  ruhmvoll,  würdig*  oder  ähnlich  gewesen 
sein  muss8).    Der  Volksname  Alanen  wird  demnach  ein  Ebren- 


*)  Zum  Ausfall  des  a  vgl.  die  Geschlechtenamen  Wahn-unüc'  zu 
Wahan  «=  Wahagn,  aw.  Wmdrayna,  Bagrai-uni  zu  Baga-rat.  S.  diese 
Untere.  I  45  Anm.  3. 

*)  Das  grosse  Venediger  Wörterbuch  denkt  an  die  Alanen  oder 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


83 


name  sein,  den  sich  das  Volk  selbst  beilegte  und  der  eine 
Gruppe  verschiedennamiger  iranischer  Nomadenstämme  der  kaspisch- 
pontischen  Steppen  zu  einer  politischen  Einheit  zusammenfasste. 
Der  Name  ist  augenscheinlich  jüngerer  Bildung  als  die  zahlreichen 
älteren  Stammnamen,  die  meist  mit  den  Suffixen   -ma  (Plur. 
-fjuc-Tai)  und  -ka,  -ga  (Plur.  -xcn,  -cae,  -yi-xai)  gebildet  sind. 
Dies   wird    nun   vollständig  durch  die   historischen  Zeugnisse 
bestätigt.    Aus  dem  Hou-Han-su  erfahren  wir,  dass  die  A-lan-na 
früher  An-te'ai  (gewöhnlich  Jen-ts'ai  gelesen)  hiessen  und  später 
ihren  Namen  geändert  hatten1).    Die  Alanen  werden  zuerst  im 
Jahre  35   n.   Chr.    von  Josephos   erwähnt2);   allein   die  alte 
lateinische  Übersetzung  liest  Scythas,  was  Naber  ohne  weiteres 
in  den  Text  aufgenommen  hat,  ohne  den  Leser  auch  nur  mit 
einer  Silbe  über  die  Lesart  der  freilich  weit  jüngeren  griechischen 
Handschriften  zu  unterrichten.    Da  aber  auch  Tacitus  ann.  6,  33 
im  gleichen  Zusammenhang  nur  von  Sarmaten  redet,  so  ist  es  aller- 
dings möglich,  dass  das  JAkavol  der  griechischen  Hss.  auf  eine  im 
Hinblick  auf  itok.  'Iovö.  7  §  244,  wo  auf  die  frühere  Stelle 
verwiesen  wird,  vorgenommene  Emendation  eines  Lesers  zurück- 
geht8).   Die  nächste  sichere  Erwähnung  der  Alanen  findet  sich 
bei    Lukan   Pharsal.   VIH   223    (zwischen   60—65).     In  den 
An  ts'ai,   was  nach  dem  H6u-Han-su  der  frühere  Name  der 
Alanen    war,    haben    Fr.   Hirth    und   A.    v.  Gutschmid 
unabhängig  von  einander  die  Aorsen  erkannt4),  die  zuletzt 
im  Jahre  49  n.  Chr.  in  der  Geschichte  auftreten,  und  zwar  ganz 
in  denselben  Sitzen,  die  später  die  Alanen  inne  haben5). 

Strabon  unterscheidet  von  den  Aorsen  am  Tanais  die  obern 
Aorsen,  die  viel  mächtiger  waren  als  jene  und  deren  Sitze  wir 


Alvank4  oder  alauni  „Taube" ,  und  verweist  auf  ««^f  S?""«""*-*:  An 
und  für  sich  liegt  sogar  die  Vermutung  nahe,  dass  «n«A«ff<«^ 
durch  das  folgende  ^r^^k^bl^  glossiert  sei,  da  die  ganze  Stelle 
von  Glossen  durchsetzt  ist.   Der  Vollständigkeit  halber  will  ich  noch 

auf  die  persische  Glosse      =  Stärke  in  der  Erklärung  des  Namens 

Alexander  =  <JsJ^       [müsste  mindestens  jXXj«,       =  pahl.  *ÄUtk 

Sandar  sein]  bei  Dinaw.  H*  aufmerksam  machen.    Vgl.  Nöldeke, 

Beiträge  zur  Geschichte  des  Alexanderromans  36. 

*i  Höu-Han-su  bei  Fr.  Hirth  .Über  Wolga-Hunnen  undHiung-nu. 
SB.  der  bayer.  Akad.  1899  Bd.  II  Heft  II  S.  250.  Ma  Twan-lin  bei 
Abel  Re*musat,  Nouv.  me"l.  asiat.  I  239. 

«)  Jos.  &QX.  18  §  97  ed.  Niese. 

a)  Umgekehrt  Gutschmid,  Gesch.  Irans  S.  121  Anm.  1. 

*>  Fr.  Hirth,  China  and  the  Roman  Orient  1885  p.  139  n.  1. 
Gutschmid,  Gesch.  Iran»  68 ff. 

8)  Tac.  ann.  12,  15  ff. 

6* 


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84 


J.  Marquart, 


uns  im  Norden  und  Osten  des  Kaspischen  Meeres  bis  zum 
Aralsee  zu  denken  haben,  wo  zu  Alexanders  Zeit  noch  Massageten 
und  Daher  hausten 1).  Die  obern  Aorsen  gelten  als  das  Stammvolk 
der  Aorsen  am  Tanais  und  der  Siraken  am  Achardeos3). 
Ptolemaios  nennt  jene  ^Ahxvoocoi  ,  die  westlichen  setzt  er  nach 
dem  europäischen  Sarmatien8).  Nach  dem  Reisebericht  des 
Generals  Cang-k'ien  (126  v.  Chr.)  bei  Sse-ma  Ts'ien  liegt  das 
Land  der  An-ts'ai  „an  einem  grossen  See,  der  keine  Ufer  hat 
und  den  man  deshalb  für  das  Nordmeer  hält*.  Ich  glaube,  dass 
hier  eine  Verwechslung  des  Aralsees  mit  der  Maiotis  vorliegt, 
wie  sie  auch  den  Alexanderhistorikern  passiert  ist4).  Die  Gleich- 
setzung dieses  Meeres  mit  dem  Nordmeer  erinnert  allzu  merk- 
würdig an  die  von  Patrokles  aufgebrachte  und  von  Eratosthenes 
in  die  Wissenschaft  eingeführte  Lehre  von  dem  nach  Norden 
offenen  Kaspischen  Meer  und  seiner  Verbindung  mit  dem  nördlichen 
Ocean,  um  an  blossen  Zufall  zu  glauben.  Vgl.  übrigens  auch 
Hekataios  von  Abdera  fr.  6  a  bei  Plinius  h.  n.  4 ,  94 :  septen- 
trionalis  oceanus.  Amalchium  6)  eum  Hecataeus  appellat  a  Parapaniso 
amne,  qua  Scythiam  adluit,  quod  nomen  eins  gentis  lingua 
significat  congelatum.    Über  diesen  Parapanisos  unten. 

Um  die  chinesische  Bezeichnung  Jen-tsai  oder  An-ts'ai 
l|h  lautlich  mit  den  "Aoqooi  des  Strabon  und  Tacitus  in  Über- 
einstimmung zu  bringen,  nimmt  Hirth  an,  dass  das  schliessende  n 
des  ersten  Zeichens  das  dem  Chinesischen  fehlende  r  wiedergeben 
solle,  und  beruft  sich  auf  einige  andere  Fälle,  in  denen  er  nachweisen 
will,  dass  finales  n  ein  fremdes  r  wiedergebe6).  Dies  wird  indes 
neuestens  von  Schlegel  bestritten,  welcher  nur  finales  t  als 

l)  Arr.  4 ,  16,  4.  17,  1.  7.  3,  11,  3.  28,  8.  10.  5,  12,  2.  Strab.  ta  8,  2 
p.  511.  8  p.  518. 

■)  Strab.  ta  5,  8  p.  506:  ol  6*  itpttfig  vopddeg  oi  y.txa^h  xqg 
Mat&xiöog  xal  xfjg  Kaöniag  Nccßiavol  (1.  Ndßafcoi?)  xal  TIav&avol  xal 
7)dt]  tu  x&v  Hioaxtov  xal  'Aöqoav  tpvXa.  doxovet  6*  oi  "Aoqgoi  xal  ol 
Eigaxtg  tpvyüdsg  ilvat  x&v  avtaxioca  xai  itooGäoxxioi  (1.  itooGaQxxUov) 
{LalXov  'AöqOoiv.  Aßiaxog  y\v  ovv  6  x&v  £iq&xg>v  ßaGtXevg,  r)vixa 
'PaovuxTis  xbv  Bogtioqov  fix* »  övo  iivQiädccg  htniviv  toxtXXt,  Snadivrig 
6'  6  x&v  'A6q6g>v  xal  etxooiv,  ol  6i  ava>  "Aoqgoi  xal  nXelovag  xal  yuo 
imxQuxovv  nXtiovog  yfjg  xal  g^&6v  xi  xi^g  Kacnuov  naoakiag  xf)g 
nXnaxr\g  rtQ%ov,  cbcxe  xal  ivmoQivovxo  xa^ioig  xbv  'Ivdixbv  <poQxov 
xal  xbv  BaßvX&viov  naoa  r*  'Aofuvltov  xal  Mrjdav  diadt%Ofitvoi ' 
iXQvaotpOQOvv  61  Suc  xi]v  evnoQiav  •  oi  phr  ovv  "Aoqgoi  xbv  Täva'iv 
naooixovaiv ,  oi  Zi^axtg  ik  xbv  'A%aodiov ,  og  ix  xov  Kavxäaov  Qttov 
ixdiötoGiv  etg  xr\v  Mauaxiv. 

8)  Ptol.  6,  14  p.  426,  22.  3,  5  p.  201,  14. 

*)  Vgl.  Strab.  ta  9,  3  p.  515.    Curt.  VI  2,  13-14. 

5)  Lies  Amaechium  =  aw.  *kam-(wcha ,  von  aw.  aecha ,  up.  jach 
„£«>".   Vgl.  Horn,  Noupere.  Etymologie  S.  252  N.  8. 

*)  1.  1.  p.  139  n.  1.    Wolga-Hunnen  und  Hiung-nu  S.  251. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


85 


Wiedergabe  eines  fremden  r  zulassen  will  und  die  von  Hirth 
zu  gunsten  seiner  Theorie  angeführten  Beispiele  An-si  —  *Ar- 
$ak,  An-Jcu  =  'O^otj  ,  babyl.  Arku,  l*an-töu  —  mp.  JIap#av, 
ap.  Par&awa  anders  erklärt1).  Was  dagegen  unsern  Fall  angeht, 
so  ist,  wie  mir  Schlegel  erklärt,  die  alte  Aussprache  des 

Zeichens         i&ni  oder  am,  cantones.  »m,  was  nie  at  =  ar 

gesprochen  werden  konnte.    ^  gibt  skt.  cä  wieder,  so  dass  die 

alte  Aussprache  *Am-ca  oder  *7em-ca  wäre.  An  der  sachlichen 
Identität  dieses  Namens  mit  den  "Aoqooi  der  Griechen  kann 
trotzdem  kein  Zweifel  bestehen ,  und  ich  muss  daher  die  Lösung 
dieser  Schwierigkeit,  welche  der  lautlichen  Gleichsetzung  beider 
Namen  entgegensteht,  den  Sinologen  überlassen. 

Um  die  einheimische  Form  des  Namens "Aoqöoi  zu  finden,  müssen 
wir  ausgehen  von  einer  andern,  uns  bei  den  römischen  Geographen 
überlieferten  Form  jenes  Völkernamens.  Plinius  sagt  nämlich 
6 ,  38  bei  der  Beschreibung  des  sinus  Scythicus  des  kaspischen 
Meeres :  utrimque  enim  accolunt  Scythae  et  per  angustias  intei 
se  commeant  hinc  Nomades  et  Sauromatae  multis  nominibus, 
illinc  Abzoae  non  paucioribus.  Dieses  unverstandliche  ABZOAE 
hat  bereits  Tomaschek2)  stillschweigend  in  ARZOAE  verbessert. 
Zum  sachlichen  Verständnis  der  Stelle  ist  es  zu  empfehlen, 
sich  die  Karte  Orbis  habitabilis  ad  mentem  Pomponii  Melae  in 
Konrad  M i  1 1  e r ' s  Mappae  Mundi  Heft  VI  Taf.  7  anzusehen. 
Gleich  darauf  heisst  es  bei  Plinius  6 ,  39 :  Supra  maritima  eius 
(Albanorum)  Udinorumque  gentem  Sarmatae,  Ütidvrsi,  Aroteres 
praetenduntur .  quoruni  a  tergo  indicatae  iam  Amazones  et 
Sauromatides.  Hier  ist  Utidorsi  verlesen  aus  Ovxoi  (=  Ovdai 
bei  Ptol.),  "Aoqöoi  ^Aqoxiiqis.  Unter  dem  Namen  Aorsi  erwähnt 
er  sie  auch  4 ,  80 ,  eine  weitere  Form  haben  wir  6 ,  48 :  Gandari 
Pari<c>ani  Zarangae  Arasmi  Marotiani  Arsi  Gaeli  quos  Graeci 
Cadusios  appellavere ,  Matiani ,  wenn  Reinach's  Vermutung 
zutrifft ,  dass  Marotiani  in  Maeotiani  zu  verbessern  sei 8).  In 
diesem  Fall  wären  die  Arsi  natürlich  die  Aorsen.  Doch  bleibt 
die  Möglichkeit,  dass  Arsi  aus  <P>arsi  =  TldgiStoi  Strab.  «7,1 
»  p.  508   verdorben  ist    Aber  die  ungewöhnliche  Form  Arzoae 

wird  bestätigt  durch  die  Kart«  des  Castorius,  welche  an  zwei 
Stellen  (Segm.  IX  5  und  X  1)  ARSOAE  verzeichnet.  Arzoae  oder 
Arsoae    setzt    ein    iranisches    *arz-awa    voraus,    das    zu  np. 

't,  -A  „Wert*,  aw.  ardgah- ,  phl.  arz,  arzän  (Horn,  Nr.  67 


*)  G.  Schlegel,  The  secret  of  the  Chinese  method  of  transcribing 
foreign  sounds  p.  17. 21.  Reprinted  from  the  T'oung-Pao,  Serie»  II  Vol.  J. 

*)  Kritik  der  ältesten  Nachrichten  über  den  skvthischen  Norden 
U  37.   SBWA.  Bd.  117,  1888,  Nr.  1. 

*)  Th.  Reinach,  Un  peuple  oublid,  les  Matienes.  Revue  des 
etudes  grecques  1894  p.  313  n.  1. 


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86  J.  Marquart, 

bis)  gehört1),  gebildet  mit  einem  Suffix  awa- ,  au-  (vgl.  skytb. 
Mä^davog  Latyscheff  II  275  no.  451,  15  aus  Tanais  a.  228 
n.  Chr.),  das  wohl  mit  dem  hypokoristischen  Affix  -wag,  -oi, 
skytbisch  -ovg  identisch  ist.  Vgl.  Justi,  Iran.  Namenbuch  525. 
Als  einheimische  Form  von  "AoqGoi  erhalten  wir  nun  ohne  Mühe 
ein  Compositum  *ku-arz,  das  sich  zu  Arzoae  verhält  wie  z.  B. 
Su-gambrt  zu  Qambrivii,  Wisi-gothae  zu  Gutones T).  Die  Trans- 
skription ist  ähnlich  wie  in  "AoQvog,  das  auf  iranisches  *ku-warna 
„ wohlbewehrt "  (W.  war  , wehren")  zurückgehen  muss,  und 
zunächst  durch  das  Streben  nach  Dissimilation  zu  erklären. 
Ähnlich  haben  wir  "Azoaaa  =  aw.  Hutaosa;  ^A^vqyioi  Her.  7,  64, 
'AiLÖQyr\q  1)  König  der  Saken  Ktes.  ecl.  3,  2)  Enkel  des  Hystaspes, 
Satrapen  der  Baktrier  und  Saken  Thuk.  8 ,  28 ,  lyk.  Humrkkä 
Stele  von  Xanthos  Süds.  50,  umrggazn  Nords.  50,  neben  'Opdqyr\$ 
1)  König  der  Saken  Polyain.  7,  12,  2)  König  der  Maqa&ol  jenseits 
des  Tanais  (Iaxartes)  Chares  von  Mitylene  bei  Athen.  13,  35 
p.  575,  sämtlich  =  ap.  (Sakä)  Haumawaryä.  Nicht  ganz  gleichartig, 
aber  ebenfalls  beizuziehen  ist  die  Wiedergabe  von  anlautendem 
toä  durch  av  in  Avxoq>Qaöäxtjg,  lyk.  Walaprddata,  auf  stachrischen 
Münzen  rn-cm  =  ap.  Wätafradäfa;  Avro-ßouiuxug  =  ap.  *Wüta~ 
baugaka  Xen.  Hell.  2,  1,  8;  Aino-ßa^jg  Arr.  7,  6,  5  =  ap.  *Wäfa> 
pa-ra  (Hypokoristikon  mit  Suff,  -ra  zu  *  Wäta-pOta).  Daneben  hat 
aber  wie  in  "AoQvog  so  auch  in  "AoqGoi  griechische  Volksetymologie 
die  Transskription  beeinflusst,  indem  man  den  Namen  an  oQöog  Angriff 
(in  öqoo-kortog)  anschloss.  Vgl.  die  zahlreichen  etymologischen 
Spielereien ,  welche  die  hellenischen  Geographen  gerade  in  den 
Kaukasusgebieten  und  Iran  verbrochen  haben,  z.  B.  Wgcuo/,  Hvlo%oi, 
Alviavtg,  IIccqquOioi  (Strab.  ta  2,  12  p.  495/96.  7,1  p.  508), 
'AQfävtoi  (Strab.  uc  14,  12  p.  530),  "Ij%fe. 

Es  ergibt  sich  somit,  dass  auch  der  Name  Aorser,  ebenso 
wie  Alanen,  eine  ehrenvolle  Selbstbezeichnung  ist,  welche  sich 
das  Volk  bezw.  der  führende  Stamm  wahrscheinlich  bei  der 
Begründung  einer  grössern  politischen  Einheit  beilegte.  Für  die 
Datierung  dieses  Ereignisses  besitzen  wir  bis  jetzt  nur  einen  terminus 
ante  quem  in  dem  Reisebericht  des  Öang-k'ien  (ca.  126  v.  Chr.), 
da  sämtliche  griechische  Bericht«  über  das  Ende  der  hellenischen 
Herrschaft  in  Sogdiana  und  Baktrien  für  uns  verloren  sind.  Da 
die  obern  Aorsen  sich,  wie  wir  gesehen  haben,  östlich  bis  zum 
Aralsee  erstreckten ,  wo  die  Alexanderbistoriker  und  selbst 
Eratosthenes  noch  Massageten  und  Daher  kennen,  so  ist  Ammians 
Angabe,  dass  die  Alanen  —  d.  h.  die  Aorsen  unter  ihrem  neuen 
Namen  —  Nachkommen  der  alten  Massageten  seien8),  gar  nicht 

')  Es  darf  indessen  nicht  verschwiegen  werden ,  dass  das  ent- 
sprechende ossetische  Wort  ary  =  skt.  argha  (Hübschmann,  Ety- 
mologie und  Lautlehre  des  Ossetischen  S.  23  Nr.  31)  lautet. 

2)  Vgl.  Streitberg,  Indogerm.  Forsch.  IV  300—809.  . 

3)  Ammian.  Marceil.  23,  5,  16.  31,  2,  12.  Vgl.  Kassios  Dion  69,  15. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


87 


so  unwahrscheinlich,  wenn  man  sie  anf  die  führende  Horde  dieses 
Volkes  beschränkt,  welches  infolge  seiner  politischen  Expansion 
die  alteren  iranischen  Nomadenstämme  der  aralo-pontischen  Steppen 
aufgesogen  hatte.  Der  Name  „Fischesser  *  pasate  nur  auf  einen 
Teil  der  alten  Massage  ten,  wie  ein  Blick  auf  ihre  Wohnsitze  und 
Lebensweise  zeigt,  und  wir  wissen  auch  nicht,  ob  das  Volk  jenen 
ihm  von  seinen  Nachbarn  beigelegten  Namen  selbst  angenommen 

hatte.  Über  die  \TUJ1^at-fip  Mazfcutk1,  die  wir  im  4.  Jahrh. 
im  Östlichen  Kaukasus,  am  Westufer  des  Kaspischen  Meeres 
finden,  wird  anderswo  ausführlich  gehandelt  werden. 

Neben  der  Pluralendung  -rat  finden  wir  im  Skythischen 
auch  noch  Spuren  einer  älteren  Pluralbildung.  Herodot  4,  52 
spricht  von  einer  überaus  bitteren  Quelle,  welche  vier  Tagfahrten 
vom  Meere  in  den  Upanis  münde,  und  obwohl  unbedeutend,  das 
Wasser  des  mächtigen  Upanis  untrinkbar  mache.  Uxi  &k  rj  xoijVq 
avxr\  iv  ovqoiOi  gcopqs  xijg  xe  ooorijocov  2*v&i<ov  xai  'Akafrvcav  • 
ovvoita  6h  rjj  xoiyvfl  xal  o&sv  qiu  xm  %<oq(o  axv&iüxl  (Ahv  'E^afinatog, 
xaxä  de  xyv  'fUAf/voov  yXäxsoav  Iqai  66ol.  Dieser  Ort  lag 
zwischen  Borysthenes  und  Upanis.  Der  Skythenkönig  Ariantas 
hatte  daselbst  einen  kolossalen  ehernen  Mischkessel  aufstellen 
lassen  (Her.  4,  81).  Stein  erklärt  den  Namen  des  Ortes  daraus, 
„dass  er  ein  Knotenpunkt  aller  Verkehrsstrassen  war,  deren 
Sicherheit,  nach  antiker  Sitte,  unter  den  Schutz  der  Götter 
gestellt  war*.  Eine  Etymologie  des  Namens  versuchte  Müllen  - 
hoff,  DA.  III  104 f.  „Das  E,  schreibt  er,  wird  auch  hier  ein 
privatives  a  sein  und  in  dem  wort  der  begriff  ,unverletzt, 
unverletzlich1  liegen,  wie  in  unserm  »heilig1  (vgl.  altpers.  akhsatft 
von  khshan  verwunden).  .  .  .  wie  im  pehlevi  und  im  neupers. 
pai  aus  pädha  fuss  entstand,  so  kann  auch  im  scytbischen 
pai  aus  path  altpers.  pathi  pfad  geworden  sein ,  nahe  liegt  sonst 
auch  zd.  paya  weide ,  trift ,  wonach  die  paradiese  ^tarpäya, 
Mähpäya  (Spiegel  parsigramm.  s.  180)  benannt  sind".  Torna- 
schek,  Kritik  der  ältesten  Nachrichten  über  den  skvthischen 
Norden  ü  62  (SBWA.  Bd.  117,  1888,  N.  I)  spricht  das 
unbedenklich  nach  und  erklärt  i£afiizaioQ  =  e-k&an-pay  [so!] 
«unverletzliche  Weide*.  In  der  Inschrift  Dar.  Pers.  I  23  findet 
sich  allerdings  der  Ausdruck  hjä  duwaistam  sijätis  achäatä,  der 
aber  noch  nicht  sicher  erklärt  ist. 

Allein  wenn  hier  achSatä  in  der  That  das  Fem.  eines  Part. 
Pass.  der  Wurzel  skt.  kpan,  aw.  chäan  „verletzen*  -f-  a  priv. 
ist,  so  beweist  dies  gerade  die  Unmöglichkeit  von  Müllenhof f's 
Erklärung  des  skythischen  l£ap-:  es  müsste  mindestens  H^cm- 
(durch  Assimilation  aus  *i£ccr-)  lauten. 


Zonaraa  11,24  (vol.  m  75  ed.  Dindorf).  S.  darüber  vorläufig  diese 
Unters.  I  48  Anm.  16. 


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88 


J.  Marquart, 


Müllenhoff  hat  ganz  richtig  gesehen ,  dass  der  Begriff 
odoi  in  -itatog  stecken  müsse,  woraus  sich  ergibt,  dass  wir  den 
Begriff  „ heilig"  in  £|aft-  zu  suchen  haben.  Es  ist  nun  schon 
mehrfach  darauf  hingewiesen  worden,  dass  die  skythischen  Namen 
vielfach  die  dem  Ossetischen,  dem  heutigen  Nachkommen  des 
Alanischen  eigene  Konsonantenumstellung  zeigen.  Bereits  Müllen- 
hoff (DA.  III  121)  fiel  diese  Metathesis  in  den  tanaitischen 
Namen  auf  -t-af&og  auf,  worin  er  aw.  ap.  chsadra  „ Herschaft* 
erkannte,  und  er  verglich  dieselbe  mit  ähnlichen  Erscheinungen 
im  Neupersischen.  Wsewolod  Miller  hat  dann  die  sprach- 
wissenschaftliche Erklärung  für  dieses  Phänomen  gegeben ,  indem 
er  zeigte,  dass  die  altiranischen  Lautgruppen  <9r  und  ehr  im 
Skythischen  zu  rt,  rck  werden,  wie  im  Ossetischen1). 

In  gleicher  Weise  wird  im  Ossetischen  nun  auch  altiranisches 
8p  in  fs  verwandelt ,  z.  B.  jäfa  Stute ,  aw.  ospa ;  äfsad  Heer, 
aw.  späda'1).  Nach  dieser  Begel  müsste  das  altiranische  Wort 
für  „  heilig",  aw.  sp9nta,  medisch  atpevda-  (in  Zq>Bvda-6ccrrjg, 
lyk.  Spp7ita-za) ,  altpers.  *sanda-  in  Zavd-dm^g ,  San-tak-sat-ru 
(unten  S.  105  Anm.  5)  im  Ossetischen  *äfsand  lauten.  Ein  solches 
Wort  findet  sich  nun  freilich  meines  Wissens  im  Ossetischen  nicht 
mehr,  wird  aber  für  das  Skythische  sehr  wahrscheinlich  gemacht 
durch  die  Notiz  bei  Steph.  Byz.:  *Pe vöctQTaxrj  •  Xocpog  iv  2%v&la. 
fisza  t6  Xtyofievov  oQog  uyiov,  wo  ^PsvöaQxäxrj  in  *Psvda(>xdxr)  zu 
verbessern  ist.  Der  zweite  Teil  gehört  wohl  zu  osset.  art 
„brennendes  Feuer,  Flamme"  ,  aw.  ätarv  (gen.  ä&rö)  „Feuer* 
Hübsch  mann  a.  a.  0.  S.  24  Nr.  36,  im  ersten  Teil  ist  *fsänd 
„heilig"  nicht  zu  verkennen.  Der  ganze  Name  ist  also  *fsänd- 
ort- ah  Ort  des  heiligen  Feuers.  In  ähnlicher  Weise  werden  wir 
auch  den  Stammnamen  Psacae  Plin.  h.  n.  6 ,  50 ,  Psaccani  der 
Karte  des  Castorius  Segm.  IX  3.  4  auf  ein  skythisches  *äfsak 
=  medisch  andxa,  np.  sag  „Hund*  zurückführen  dürfen. 

Wenden  wir  uns  nun  wieder  zu  i^aft- ,  so  fällt  es  uns  wie 
Schuppen  von  den  Augen,  dass  hier  dasselbe  Wort  *äfsänd-, 
*äfsand-  vorliegt.  Wir  machen  aber  zugleich  mehrere  wichtige 
lautgeschichtliche  Beobachtungen. 

1)  Das  erste  Kompositionsglied  hatte  bereits  den  auslautenden 
Stammvokal  a  verloren,  der  auslautende  Doppelkonsonant  nd 
bezw.  nt  musste  sich  deshalb  dem  anlautenden  p  der  folgenden 
Silbe  assimilieren  und  in  den  Labial  m  übergehen. 

2)  Die  genaue  Transskription  wäre  also  *iycc(i-ncciog  d.  i., 
wie  die  älteste  Orthographie  der  Inschriften  zeigt,  *i<paa(i-natog. 


l)  In  der  S.  79  Anm.  2  zitierten  Schrift,  die  ich  leider  nur  aus 
der  Anzeige  J.  Hanusz's  kenne. 

*)  Hüb  sc  hm  hu  n,  Etymologie  und  Lautlehre  des  Ossetischen 
S.  108  §  35«. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  89 


Allein  ein  solches  Wort  wäre  gegen  den  griechischen  Spracbgeist, 
welcher  zwei  derartige  unmittelbar  aufeinanderfolgende  labiale 
Lautgruppen  nicht  duldet.  Es  findet  deshalb  eine  Dissimilation 
statt,  und  an  Stelle  der  labialen  Gruppe  *F  d.  i.  G>2  tritt  die 
gutturale  S  d.  i.  XZ. 

Da  der  Name  i^afi-naCog  durch  einen  Plural  glossiert  wird,  so 
muss  auch  in  -naiog  eine  skythische  Pluralform  stecken.  Wir  werden 
eine  Form  *pahaja  =  ap.  *pa&cy'ah  (zu  ap.  pa&i  „Pfad*), 
aw.  *pa&ajö  ansetzen  dürfen.  Dasselbe  skythische  Wort  für  „Weg" 
erkenne  ich  auch  im  Stammnamen  'Aoymnaloi  (Her.  4,  23), 
wofür  einige  Handschriften  sowie  Zenob.  5,25JOoy£(iitaloi  lesen,  Plin. 
6,  19.  35  und  Mela  1, 116  Arimphaei  (einer  etymologischen  Spielerei 
zuliebe ,  die  den  Namen  mit  den  'Phtaut  ooi}  zusammenbrachte) '). 
Die  ursprüngliche  Form  wird  also  Agytfinatoi  lauten.  Herodot 
berichtet  über  dieses  Volk:  xovxovg  ovdiig  clöm&h  avftQtoKGiV 
igoi  yuQ  Xiyovxai  uvtu'  ovöi  xi  ccqijiov  ünXov  ixxiaxat.  xai 
tovto  piv  xotüi  nsQioixiovöi  ovxoi  tiai  oi  xixg  diatpooccg  diaiQiovxeg, 
xovxo  öh  og  av  q>evy<ov  xaxagyvytj  ig  xovxovg,  vd  ovdtvbg 
aduUtxui.  oüvopa  de  ag>i  iaxl  Aoynvnaloi.  (tix$l  vvv  x&v 
(pctkccxQ&v  xovxtov  TtoXXri  n£Qi(pavelr)  xr\g  %(aor)g  icxi  xai  x&v 
Ijuffgoröc  i&viw  xai  yaq  Exv&iiov  xtvlg  catixviovxui  ig  avxovg, 
xcbv  ov  %ccXetc6v  i<Sxi  nv&io&ai  xai  ^EXX^vcav  xfbv  ix  Boova&iveog 
xt  ipxoqlov  xai  x&v  aXXtav  Ilovxixdbv  i^noo(<ov.  £xv&ioav  6h  dt 
av  iXdcoOt  ig  avxovgf  di  inxa  iq^rivicav  xai  öi  inxa  yXcoGcicav 
dutno^GCovxai.  (*izQi  ftiv  6ij  xovxcov  yivartxttai,  xb  dh  xSyv 
q>aXc£KQcbv  xaxvitto&t  ovösig  azoeximg  olös  (pgaoai.  Das  Merk- 
würdigste in  dieser  Schilderung  ist  ohne  Frage  die  Bezeugung  eines 
Asylrechts  und  einer  Art  Gottesfriedens  zum  Schutze  des 
Handelsverkehrs,  der  unter  der  Garantie  des  Völkerrechts  stand, 
wie  bei  den  hellenischen  Festspielen  oder  auf  dem  Markte  von 
Ukäc.  Tomaschek  gefct  noch  weiter  und  sagt:  »Wir  sehen 
eine  feste  Regierung,  welche  den  Handel  schützt  und  den 
Verkehr  überwacht*.  Er  sieht  in  den  'Agyi^naloi  „Inhaber  des 
tamgha,  mit  Vollmacht  versehene  Beamte  des  fern  in  der  Gobi 
oder  an  der  Selengga  sitzenden  Türken-  [d.  h.  Hiung-nu]  herrschers, 
Rechtsprecher  und  Entscheider  (jarghufo),  Ordner  des  Karawanen- 
Verkehrs,  welche  die  fremden  Graste  in  Grenzposten  empfingen* 2). 
Ob  er  freilich  Recht  hat  mit  seiner  Behauptung,  dass  die 
'Agyifntaioi  im  Altai  zu  suchende  Vorposten  der  Hiung-nu  gewesen 
seien,  ist  eine  offene  Frage,  aber  seine  Charakteristik  derselben 
als  Ordner  des  Karawanen  Verkehrs  ist  völlig  zutreffend:  sie  sind 
die  Wächter  und  8chützer  der  Strassen,  und  dieser  Begriff  ist, 
wie  ich  glaube,  in  ihrem  Namen  ausgedrückt,  der  ohne  Zweifel 

»j  Vgl.   Uber   dieses  Volk  Müllen  hoff,    DA.  III  9  ff.  47  ff. 
Tomaschek,  Die  ältesten  Nachrichten  Uber  den  skyth.  Norden  II  54—65. 

*)  A.  a.  0.  S.  62f. 


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90 


J.  Marquart, 


skythisch -iranischen  Ursprungs  ist.  Das  erste  Element  desselben 
aQyifi-  ist  also  wohl  ein  Participium  Praes.  auf  -n£,  -nd,  das  sich 
vor  dem  folgenden  Labial  in  m  verwandeln  musste,  wie  in  ££aju- 
für  *äfsand,  und  wir  haben  es  mit  einem  partizipialen  Compositum 
zu  thun  nach  dem  Typus  aw.  >rindat  -  posana  Schlachten 
gewinnend1),  ap.  Winda(h)'farnä,  Döraja(h)-wahui.  Das  Wort 
aQytti-  finden  wir  auch  in  'AQylp-naoa ,  dem  skythischen  Namen 
der  himmlischen  Aphrodite  (Her.  4 ,  59) ,  die  wir  als  Göttin  der 
Fruchtbarkeit  aufzufassen  haben  (vgl.  Her.  1 ,  105).  Im  zweiten 
Teil  dieses  Namens  erkennt  man  unschwer  osset  fuss  D  fiss  T 
Schaf  (Hübschmann  a.  a.  0.  S.  68  Nr.  295),  aw.  pasu  Vieh, 
so  dass  *A(yyip-ita<sa  =  skyth.  *argmd-pas  etwa  „ das  Vieh  schützend* 
bedeutet  haben  muss.  Auch  hier  beobachten  wir  wiederum,  dass 
das  altiranische  Wort  pasu-  im  Skythischen  bereits  den  auslautenden 
(unbetonten)  Stammvokal  verloren  hatte,  da  a  offenbar  bloss 
griechische  Femininendung  ist  Das  skythische  CtQyifi-  =  *argvnd 
stelle  ich  zu  gr.  a^xio)  .abwehren,  schützen*,  lat.  arceo,  arm.  argel 
»Hindernis",  np.  arg  „Zitadelle*  (Hübschmann,  Arm.  Gr.  I  423. 
Horn,  Neupers.  Etymologie  18  Nr.  73).  In  dem  Vokal  i  der 
Endung  darf  man  wohl  den  Charakter  des  Causativums  sehen.  Da 
die  Skythen  ein  Nomadenvolk  waren,  dessen  hauptsächlichster 
Besitz  in  seinen  Herden  bestand,  so  werden  wir  uns  nicht 
wundern,  dass  der  Name  ihrer  Göttin  der  Fruchtbarkeit  eine 
Beziehung  auf  jene  aufweist.  Wenn  ich  mich  nicht  täusche, 
entstammt  auch  rovtoovqoq,  der  Name  des  skythischen  Apollon, 
derselben  Begriffssphäre:  in  -GVQog  hat  man  längst  aw.  süra 
stark  gesehen,  yono-  nehme  ich,  wenn  auch  nicht  ohne  Bedenken, 
=  aw.  gae&a ,  ap.  gai&a  (Beh.  I  65)  Herde.  Freilich  weiss  ich 
für  die  Transskription  von  skyth.  ai  durch  gr.  oi  kein  anderes 
Beispiel,  da  oloq  =  *w<rir-  nicht  ganz  sicher  ist 

Die  Richtigkeit  der  obigen  Deutuifg  des  skythischen  -naiog 
wird  bewiesen  durch  eine  andere,  bisher  arg  misshandelte  Glosse. 
Nach  Angabe  der  Issedonen  wohnten  über  diesen  die  einäugigen 
({lovvöcp&cdfxot)  Menschen,  wie  die  Hellenen  durch  Vermittlung 
der  Skythen  gehört  hatten ,  xccl  ovvofid^ofisv  avtovg  g%v&i<stX 
'AQtpaanovg'  agificc  yao  xakiovct  Znvftai,  öitov  tih  &q>dakp6v 
(Her.  4,  27).  Neu  mann,  Die  Hellenen  im  Skythenlande  I  195 
hat  den  skythischen  Ursprung  der  Etymologie  bezweifelt,  Zeuss 
dagegen2)  hält  sie  für  eine  „philologische  Fabelei*  und  lässt  die 
Wahl  zwischen  zwei  Erklärungen:  entweder  'Agi-paoitol,  „zum 
häufigen  ort  und  dem  persischen  Volksnamen  Mdöniot  (Her.  1,  125), 
oder  Agip-ctojvol ,  mit  dem  häufigen  asp*.  Sein  gegen  Herodots 
Deutung  angeführter  Grund,  dass  der  Name,  wenn  er  eine  Wurzel 
cnov  enthalten  hätte,  mindestens  'A^ifiaanovol  oder  'Agipacnvol 

')  Jackson,  Avesta  grammar  p.  243,44  §888. 

*)  Zeuss,  Die  Deutschen  und  ihre  Nachbarstämme  299  Anm. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  91 


wiedergegeben  sein  müssfce,  ist  indessen  ganz  hinfallig,  und  die 
zur  Stütze  dieser  Behauptung  angeführten  Beispiele  sind  gänzlich 
unbeweisend.  Enthielt  der  Name  als  zweiten  Bestandteil  ein  Wort, 
das  die  Ionier  durch  citoü  wiedergaben,  so  bildeten  sie  naturgemäss 
vom  Nominativ  Aoi^adnoHig  einen  Plural  Agifiaonoi .  Die  Frage 
kann  also  nur  sein,  ob  die  überlieferte  Accentuirung  richtig  und 
der  Name  statt  als  iävtovov  nicht  vielmehr  als  nsoiöTrobut vov  zu 
sprechen  ist.  Aber  die  Endbetonung  beweist  auf  alle  Fälle,  dass 
die  Griechen  in  dem  Namen  nicht  das  ihnen  aus  einer  grossen 
Anzahl  von  Personen-  und  Stammnamen  geläufige  iranische  aspa 
„Ross*  gesehen  haben.  Dies  lässt  sich  übrigens  schon  daraus 
schliessen,  dass  der  Name  im  Griechischen  kein  a-Stamm  ist,  wie 
die  Namen  auf  -aspa  (-acjwjc,  -cusnai)  fast  durchweg,  sondern 
ein  o-8tamm. 

Ganz  in  Zeuss'  Fusstapfen  wandelt  Müllenhoff.  Bei  Herodot, 
„der  in  geographischen  und  geschichtlichen  dingen  sich  arge 
nachlässigkeiten  zu  schulden  kommen  liess,  darf",  wie  der  Ver- 
fasser meint,  „ungenauigkeit  in  sprachlichen  noch  weniger  befremden, 
da  er  selbst,  der  scythischen  spräche  unkundig,  von  der  aussage 
der  Olbiopoliten  abhängig  war,  die  volkssage  aber  allenthalben 
gesuchter  und  verkehrter  deutungen'  voll  ist  (J.  Grimm  kl. 
Schriften  I  304)."  Als  ein  bezeichnendes  Beispiel  einer  solchen 
gesuchten  Deutung  gilt  ihm  'Agiftaanol.  Zwar  erkennt  er  selbst 
an,  dass  aw.  dhrima  „Einsamkeit*,  wozu  er  aus  Justi's  Handbuch 
der  Zendsprache  S.  31  „zd.  arm&shad  ,einsam  sitzend' ,  osset. 
tagaur.  ärmägt  adv.  ,bloss,  allein'"  vergleicht,  auf  ein  adj.  *arima 
=  fiovog  schliessen  lasse,  und  für  tsit&ü  „Auge"  hatte  schon 
Jakob  Grimm,  Gesch.  der  deutschen  Sprache  233  an  unser 
„spähen"  erinnert,  was  Müllenhoff  näher  ausfuhrt:  „Wurzel  qpa<; 
=  spak,  lat.  specto,  ahd.  spehSn:  man  vergleiche  anzog  specus, 
pehl.  pdi,  zd.  paqa  (statt  paku)*.  Trotzdem  verwirft  er  Herodo ts 
Deutung  und  behauptet,  'A^ifiaoitol  sei  „ohne  zweifei  nichts 
anderes  als  ein  compositum  von  zd.  airyama  folgsam  und 
a<4pa,  a$p  ross,  und  der  name  bedeute  folgsame  pferde  habend"  1). 

Noch  willkürlicher  geht  Tomaschek  zu  Werke.  Er  fälscht 
die  Glosse  aitoü  „Auge"  geradezu  in  artog,  das  er  für  aw.  spas 
m.  „Späher"  (nom.  spa£)  nimmt,  und  modifiziert  Müllenhoffs 
Deutung  dahin,  dass  Aoipaanol  „Besitzer  von  wilden,  von  Steppen- 
rossen" (von  aw.  atrwia  „Einsamkeit,  Einöde")  bedeute2). 

Allein  an  Herodots  Erklärung  ist  nicht  zu  rütteln.  Schon  der 
Umstand  hätte  die  Kritiker  vorsichtig  machen  müssen,  dass  auch 
das  indische  Epos  und  schon  Skylax  und  Megasthenes  ein  fabel- 
haftes Volk  von  Einäugigen  (ekalöcana)  sowie  zahlreiche  Barbaren- 


»)  DA.  IU  105  f. 

r\  Kritik  der  ältesten  Nachrichten  über  den  skythischeu  Norden 
I  47  ==  SBWA.  Bd.  116,  1888,  S.  761. 


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J.  Marquart, 


Völker  mit  ähnlichen  Spottnamen  kennen1).  Herodots  anov  d.  i. 
spou  (mit  dem  im  Ionischen  und  auch  noch  lange  im  Attischen 
erhalten  gebliebenen  Diphthong  ou,  der  sich  auch  im  Alt- 
lateinischen und  Gallischen  vorfand  und  wohl  denselben  Laut 
hatte  wie  das  heutige  schwäbische  ou  aus  ahd.  ü,  nicht 
wie  das  alamannische  und  mittelfränkische  (ribuarische)  au  = 
ahd.  ou,  got.  au)  gibt  zunächst  skythisches  spohu,  *spaJm 
wieder,  das  älteres  *&pafru  s=  ap.  *8pafru,  aw.  *spasu  voraussetzt, 
offenbar  ein  Neutrum  auf  -u  von  der  W.  spas  „schauen,  bewachen", 
wie  aw.  Inn-  „Knie",  skt.  ydnu-;  vgl.  auch  die  Feminina  aw. 
dazu- .  skt.  bähü-  „Arm*,  nasu-  „  Leichnam  •  ,  tanu- ,  skt.  tanu- 
„  Körper*.  Wir  haben  hier  somit  ein  Beispiel,  in  welchem  skyth. 
Ä  aus  &  zwischen  Vokalen  iranischem  8  =  idg.  k  1  entspricht  — 
also  eine  sehr  bemerkenswerte  Übereinstimmung1  mit  dem  Alt- 
persischen2).  Skyth.  arima-  ist  jedenfalls  zu  aw.  atrima-  zu 
steilen,  dass  mit  gr.  fyi;fioc,  skt.  Irma  zusammenhängt a).  Darme  - 
steter  übersetzt  airime-gütüm  Wend.  9,  133.  137.  141.  14,  21 
durch  „lieu  de  reclusiou,  d'isolement",  dagegen  das  damit  zusammen- 
gehörige airimüahhaöö  Jt.  13,73,  armae-äaiSf  Js.  62,8  soll 
ebenso  wie  armaesta  Wend.  6,  30.  Jt.  5 ,  78.  6,2.  8,  41  ,  phl. 
armfit  bedeuten  „qui  ne  bouge  pas*  4).  Allein  das  ist  jedenfalls 
nicht  der  Wortsinn  dieser  Adjectiva,  die  nur  bedeuten  können 
„in  der  Einsamkeit  sitzend  bezw.  stehend".  Wenn  diese  Ausdrücke 
nicht  bloss  von  den  während  des  Zustandes  der  Unreinigkeit  von 
der  Berührung  mit  andern  abgesperrten  Personen,  sondern  auch 
von  stehenden  Gewässern  gebraucht  werden,  so  ist  ja  bekannt 
genug,  dass  alle  abflusslosen  Gewässer  in  Iran  in  Sümpfen  in 
der  W  ü  s  t  e  enden.  Man  wird  also  aus  dem  aw.  Neutrum 
afrima  ein  Adj.  *arima  „ einsam"  ableiten  können,  von  wo  aus 
der  Bedeutungsübergang  zu  „ vereinzelt ,  einzig"  mdit  mehr  sehr 
weit  ist.  Im  Ossetischen  bleibt  allerdings  aw.  ft,  im  Unterschied 
vom  Skythischen  und  Neupersischen,  auch  zwischen  Vokalen  als 
tL  erhalten,  z.  B.  fäVän  »Breite",  nw.  pafrana;  dig.  atä  „so", 
aw.  a&ab).    Für  „Weg,  Strasse"  gebraucht  das  Ossetische  das 

»)  M.  Bh.  III  297  v.  16137.  I  p.  748.  Skyl.  von  Karyanda  bei 
Tzetzes,  Hist.  VII  v.  688.  Vgl.  Rein  hold  Issberne  r,  Inter  Scylacem 
Carvandensem  et  Herodotum  quae  sit  ratio.  DU«.  Berlin  1888  p.  5. 
Megasthenes  bei  Strab.  p  1,  9  p.  70.  i*  1,  57  p.  711.  Gellius  IX  4. 
Vgl.  Lassen,  Ind.  Altertumskunde  II2  656  Anm.  1.  —  Dagegen  darf 
man  sich  nicht  auf  die  ehawilövana  des  Waräbamihira.  Brhat-Sainhitä 
XIV  23  transl.  by  H.  Kern  (JRAS.  V,  1870,  p.  85)  berufen,  die  in 
den  Nordwesten  (neben  die  Sülika  (Sogdiauer),  Langhälse,  Langgesichter 
und  Langhaarigen)  verlegt  werden,  da  dieselben  wahrscheinlich  aus 
griechischer  Quelle  stammen. 

2  Vgl.  Hlibschinanu,  Pers.  Stud.  210 ff. 

*)  Den  Hinweis  auf  das  indische  Wort  verdanke  ich  Prof.  Kern. 
«)  Le  Zendavesta  II  83  n.  97.  524  n.  125. 

»)  Hübschmanu,  Etymologie  und  Lautlehre  des  Ossetischen 

S.  96  §  20,  b. 


r 

d  by  Qpogle 


Untersuchungen  rar  Geschichte  von  Eran.  93 

Wort  digor.  fandag,  tagaur.  fändäg  =  aw.  parttan,  skt  pant'an l). 
Allein  wir  dürfen  nicht  vergessen,  dass  das  Ossetische  ja  nicht  die 
Tochter  des  Skythischen,  sondern  einer  Schwester  desselben,  des  Ala- 
nischen ist,  das  nicht  einfach  mit  jenem  identisch  gewesen  sein  wird. 

Obige  Beispiele  liefern  uns  auch  den  Schlüssel  zum  Ver- 
ständnis anderer  skythischer  Namen,  wie  'l^aft-ßo-Offtoc  Latyscheff 
II  427  bis  und  Ska(x-cpcoxavog  ib.  II  447.  Letzterer  Name  ist  von 
besonderer  Wichtigkeit,  da  sein  erstes  Element  £urp-  =  *chsijani- 
unzweideutig  ein  Part.  Praes.  der  W.  ch&i  „herrschen"  ist  und  so 

t  meine  Auffassung  des  Namens  'Aiyca-j-Cctg  (auch  in  ^Aqxaliaaccxa 

Strab.  ut  14,  6  p.  529  d.  i.  *Artaehäya8-öät  .Freude  des  Artaxias', 
der  altern  Form  des  Stadtnamens  'AQtd£ara,  ArtaSat),  später  'Aqtcc- 
£ijc,  arm.  W^tuius^u  ArtaUs  stützt.  Da  Artaxias  sich  um 
189  v.  Chr.  gegen  die  Seleukiden  empörte,  so  ist  es  sehr  wohl 
möglich,  dass  man  damals  im  mazdajasnischen  Kleinasien  noch  den 
richtigen  Nominativ  eines  Part.  Praes.  bilden  konnte  und  bildete. 
Ilaben  sich  doch  altpersische  Namen  in  Kappadokien  und  besonders 
im  pontischen  Königshaus  bis  in  die  römische  Zeit  herein  erhalten, 
nachdem  sie  in  Pars  selbst  längst  ausgestorben  waren.  Einmal 
geprägt,  wurde  der  Name  Arta-chäqjqs  ^Aqra^Cag  aber  in  dieser 
Form  weiter  vererbt,  geradeso  wie  die  kappadokisch •  iranischen 

>  Monatsnamen,  und  hat  dieselbe  auch  als  Lehnwort  im  Armenischen 

behalten2).  Eine  Form  der  Wurzel  chh'  liegt  auch  im  Namen 
Ebi"y6öig  (A%ai{dvov)  Latyscheff  II  446.  455  vor,  dessen  zweiter 
Teil  als  erstes  Element  in  IboWavos  und  r&öl-yccoog  vorkommt  und 
von  Justi,  Namenbuch  495  durch  osset.  gliiod  Ochse  erklärt  wird. 

Wir  werden  von  vorne  herein  erwarten  dürfen,  das  auslautende 
nt  bezw.  nd  des  ersten  Gliedes  in  derartigen  partizipialen  Composita 
vor  dentalem  Anlaut  des  zweiten  Gliedes  in  der  Form  n,  vor  voka- 
lischem Anlaut  in  der  vollen  Form  nd  bezw.  nt  auftreten  zu  sehen. 
Ersteres  ist  in  der  That  der  Fall,  z.  B.  in  \Tdav#votfoc  Her.  4,  76. 
120.  126  f.,  Megasthenes  bei  Strabon  te  1,  6  p.  687  =  *idant-  aus 
*widant-  mit  Schwund  des  anlautenden  w,  wie  im  Ossetischen8); 
vgl.  aw.  vridat-  in  Widat-ga  Fraward.  jt.  127,  Wida£hwar9nö  ib., 
pers.  'ntonrig  Ktes.  bei  Diod.  2,  5, 1  =  ap.  *WidaiJi)-a8pa,  Aman 
Ind.  5,  5  schreibt  jenen  Namen  in  seinem  Citat  aus  Megasthenes 
'IM&vqisig,  das  mehr  zu  ap.  medisch  Wtnda{hyfcarna%  parthisch 
*Tvöo~(ptQpYig  (oben  S.  4  und  Anm.  5)  stimmt,  in  seinen  Parthika 
dagegen  'Iavövoog*).  Vor  vokalischem  Anlaut  finden  wir,  ganz 
der  awestischen  Bildung  entsprechend,  Bavdd-a<Sitog  (ein  Jazyge) 
Kass.  Dion.  71,  16,  1  =  aw.  *wanat-aspa  „siegreiche  Rosse  be- 
sitzend' Müllenhoff,  DA.  IH  119.  Justi,  Namenbuch  347. 


')  Hubschmann  a.  a.  0.  8.  64  Nr.  272. 

*)  Siehe  diese  Unters.  I  71. 

»)  Wb.  Miller  nach  Hanusz,  WZKM.  I  155. 

*)  Siehe  diese  Untere.  I  32. 


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94 


J.  Marquart, 


Von  hier  aus  wird  vielleicht  mit  der  Zeit  auch  einiges  Licht 
auf  die  rätselhafte  Geographie  der  hyperhoreischen  Geschichten  des 
Hekataios  von  Abdera  fallen.  Nach  diesem  führte  der  nördliche 
Ozean  vom  Flusse  Parapanüos  an,  da  wo  dieser  Skythien  bespült, 
den  skythischen  Namen  Amalchios  (richtig  AMAIXIOC)  d.  i.  ge- 
froren (*ham-aichtfa,  oben  S.  84).  Einen  Fluss  jenes  Namens 
suchen  wir  bei  den  griechischen  Geographen  freilich  vergebens, 
und  das  Nächstliegende  w&re  daher  die  Annahme,  dass  der  Fluss- 
name dem  des  Paropanisosgebirges  entlehnt  sei,  wie  Müllenhoff 
meint1).  Ich  halte  es  in  der  That  sehr  wohl  für  möglich,  dass 
Hekataios,  ein  Zeitgenosse  Ptolemaios'  I.,  in  erster  Linie  einen  vom 
Paropanisos  kommenden  Fluss,  nämlich  den  durch  den  Alexander- 
zug bekannt  gewordenen  Xo&awrig  d.  i.  den  Swät-Pangkora  im  Auge 
hatte,  indem  er  das  an  diesem  zu  suchende  sagenhafte  Nysa  mit 
den  Hyperboreern  der  hellenischen  Sage  verknüpfte,  die  man  bis 
zum  Nordmeer  reichen  liess,  und  jenen  Fluss,  gewisse  Andeutungen 
des  alten  Hekataios  umdeutend,  in  die  Nähe  von  Skythien  ver- 
setzte9). Damit  ist  jedoch  noch  keineswegs  erklärt,  wie  der  nörd- 
liche Ozean  einen  skythischen  Namen  führen  konnte.  Vielmehr 
werden  wir,  da  der  Name  des  gefrorenen  Meeres  unzweifelhaft  eine 
skythisch- iranische  Glosse  ist,  auch  dieses  Meer  selbst,  welches  den 
realen  Hintergrund  der  phantastischen  Schilderungen  des  Hekataios 
gebildet  haben  muss,  samt  jenem  Flusse  im  Bereiche  der  pontischen 
Skythen  suchen  müssen.  Sollte  der  Name  Parapanisos  etwa  mit 
einem  ähnlich  klingenden  eines  ganz  anderswo  gelegenen  Flusses 
vermengt  worden  sein?  Er  erinnert  in  seinem  zweiten  Teile  an 
den  mehrfach  vorkommenden  Flussnamen  Upanis,  attisiert " Titavig. 
Freilich  der  aus  Herodot  bekannte  Fluss  dieses  Namens,  der  heutige 
Bug,  kann  hier  nicht  in  Betracht  kommen,  allein  denselben  Namen 
führte  auch  der  heutige  Kuban  *),  und  hier  lassen  uns  die  physischen 
und  klimatischen  Verhältnisse  begreifen,  auf  welche  Weise  sich 
Hekataios  seine  Vorstellungen  gebildet  hat.  Schon  Herodot  4,  28 
berichtet  über  die  ausserordentliche  Kälte  in  Skythien :  8vc%tl^og 
81  afari  rj  xcnaU%fclaa  itaaa  x6qt\  otfrw  Sri  Tt  *v^a  X0*>S  fdv 
dura  tc&v  pjvöv  acpo^xog  olog  yLvtxai  *(>vp6g,  iv  xoioi  titinq  h%iag 
nr\\hv  ov  noiytsng,  tcvq  8i  avaxafov  noi^aug  DnjAov]:  r)  de  &d- 
Xaöou  [d.  i.  die  Maiotis]  nv\yvvxcci  xal  6  BdönoQog  nag  6 
KifxulQiog,  %al  inl  rotf  xqvOxaXkov  ol  ivxbg  <1%>  xutpqov  £xv&ca 
xaxotxrjiUvot  axQoxtvovxat  xal  xotg  ccuu^ag  indavvovct  niqr\v  ig 
xovg  Hn'öovg.  o$xa>  fikv  d^  xovg  öxrcb  fiijvag  Sucxtliti  %etfubv 
xovg  8  littXotrcovg  xiaasoag  i/wjrfa  ctvxtöi  icxL  So  übertrieben 
und  ungenau  diese  Schilderung  auch  ist,  so  erklärt  sie  uns  doch, 
wie  sich  die  Vorstellung  bilden  konnte,  dass  die  Maiotis  sich 
bis  in  die  Polarregion  erstrecke  und  mit  dem  nördlichen  Ozean 


*)  DA.  I  424. 

«)  Strab.  ta  2,  9  p.  494.  10  p.  495. 


*)  Siehe  Nachtrag. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


95 


zusammenhänge  *).  Dass  die  Maiotis  bis  zum  kimmerischen  Bosporos 
zufriere,  berichtet  auch  Strabon2).  Am  deutlichsten  war  diese 
Naturerscheinung  gerade  beim  Ausfluss  der  Maiotis  in  den  Pontos 
zu  beobachten,  und  es  ist  daher  verständlich,  warum  Hekataios 
das  gefrorne  Meer  der  Skythen,  das  er  mit  dem  nördlichen  Ozean 
gleich  oder  in  Verbindung  setzte,  beim  Flusse  Parapanisos  d.  i. 
dem  Kuban  beginnen  Hess,  der  gegenüber  Pantikapaion  seine 
Arme  in  den  Pontos  und  die  Maiotis  sendet.  Parapanisos 
bedeutete  vielleicht  »der  jenseitige  (östliche)  Upanis"  im  Unter- 
schiede  von  dem  gleichnamigen  westlichen  Flusse;  vgl.  skt.  para 
entfernter,  jenseitig,  osset  fcdlag  gegenüberliegend  (Hübschmann, 
Etymologie  und  Lautlehre  des  Ossetischen  S.  65  Nr.  274,  3).  Da 
der  Kuban  im  nordwestlichen  Kaukasus  entspringt  und  am 
Nordfusse  desselben  dahinfliesst,  so  ist  es  wohl  denkbar,  dass  die 
Begleiter  bezw.  Gescbichtschreiber  Alexanders,  welche  den  Namen 
des  Kaukasus  auf  den  HindukuS  übertrugen  und  im  Jaxartes 
den  Tanais  wiederzufinden  glaubten,  auch  durch  den  einheimischen 
Namen  des  indischen  Kaukasos  an  den  grossen  nordkaukasischen 
Fluss  erinnert  wurden  und  so  Hekataios'  Parapanisos  dazu  beitrug, 
dass  der  altere  Name  IlaQvi\c6q  für  *IluQiSf\v6s  durch  die  jüngeren 
Formen  üu^OTtavioog  Ilcc^onoifwsog  verdrängt  wurde  —  also 
v  umgekehrt  als  Müllenhoff  sich  die  Entwicklung  vorstellte. 

Hekataios  hatte  ferner  von  einer  von  den  Hyperboreern 
bewohnten  Insel  'EXti^ouc  gesprochen,  die  über  dem  Fluss 
Ku^afißwucg  im  Norden  liegen  und  nicht  kleiner  als  Sizilien  sein 
sollte.  Nach  diesem  Flusse  hiessen  die  Bewohner  KaQa^ßvxm. 
Aus  Plinius  ersehen  wir,  dass  Hekataios  den  Fluss  Karambykas 
auf  den  Ausläufern  der  Bipäen8)  entspringen  liess,  an  welche  er 
die  mit  den  Hyperboreern  in  Verbindung  gebrachten  Arimphaeer 
(Herodots  'AQyiiataioi)  setzte.  Auf  Hekataios  geht  wohl  auch  in 
letzter  Linie  die  Verlegung  der  Issedonen  nach  dem  Westen,  in 
die  Nahe  der  Maiotis  und  des  Kaukasus  zurück4).  Über  den 
KccQaiißxnucg  wage  ich  noch  keine  bestimmte  Vermutung  aus- 
zusprechen, so  lange  nicht  klar  ist,  was  der  fabelhaften  Insel 
EUiout  zu  Grunde  liegt     Ich  bin  aber  überzeugt,   dass  wir 


*)  Siehe  meine  Osteuropäischen  und  ostasiat.  Streifzüge  S.  162. 

*)  Strab.  ut  2 ,  8  p.  494 :  pt%Qi  yctQ  ösüqo  (bis  zum  kimmerischen 
Bosporos)  xal  6  xQvaxcdlog  ötaxeLvsi,  itrftxo\t,lvr\g  xfjg  Mctimxidog  xccrä 
xoyg  XQVfioiig  mors  ite£BV(öfrai.  £  8, 18  p.  307 :  tmv  dh  itäyav  i\  acpodgdxrig 
fuuiaxa  ix  x&v  4fvy,ßatv6pxa>v  Ttsgi  xb  tfröpa  xtfg  Maimxidog  öfjXog  taxiv, 
ccfucj-tvexcci  yctQ  6  diaitlovg  ö  slg  ^avay6geucv  ix  xov  TIccvxixcMcdov, 
aaxt  xal  nXovv  slvai  xal  ödöv.  Plin.  4 ,  87 :  Haec  ibi  latitudo  Asiain 
ab  Europa  separat,  eaque  ipsa  pedibus  plerumque  pervia  glaciato  freto. 
Uber  das  Zufrieren  des  kimmerischen  Bosporos  und  des  nördlichen 
Teiles  des  Azowschen  Meeres  vgl.  die  von  Stein  zu  Her.  4,  28 
angeführten  Worte  Neumanns,  Die  Hellenen  im  Skythenlande  I  65. 

*)  Siehe  die  Stellen  bei  Müllenhoff,  DA.  I  424*. 

*)  Plin.  6,  21.   Mela  2,  2,  13.   Anders  Müllenhoff,  DA.  III  53. 


i 


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96 


J.  Marquart, 


dieselbe  nicht  irgendwo  hoch  im  Norden  suchen  dürfen.  Auf 
alle  Fälle  dürfte  die  Übereinstimmung  des  zweiten  Teils  von 
KctQafißvxaQ  mit  dem  Namen  des  Flusses  Bvxrig  oder  Buces 
westlich  von  der  Maiotis,  welcher  in  den  lacus  Buces  d.  i.  das 
Faule  Meer  (Siwasch)  mündet 1),  kein  blosser  Zufall  sein.  Freilich 
kann  der  unbedeutende  Bykes,  in  dem  man  wahrscheinlich  die 
heutige  Nogaika,  nach  andern  die  Molocuaja  woda  zu  erblicken 
hat 2),  sachlich  mit  dem  Karambykas  des  Hekataios  nichts  zu  thun 
haben,  zumal  hier  auch  eine  bedeutendere  Insel  völlig  fehlt. 
Dagegen  würde  sich  Hekataios'  Darstellung  am  einfachsten 
erklären,  wenn  wir  unter  dem  KaQa(ißvxag  einen  der  beiden 
Hauptarme  des  vielnamigen  Kuban  verstehen  dürften.  Vgl. 
Mela  1,  112:  obliqua  tunc  regio  et  in  latum  modice  patens 
inter  Pontum  Paludemque  ad  Bosphorum  excurrit;  quam  duobus 
alveis  in  lacum  et  in  mare  profluens  Goracanda  paene  insulam 
reddit.  Nach  dem  südlichen ,  in  eine  Lagune  und  durch  diese 
in  den  Pontos  mündenden  Arme  des  Goracanda  war  der  Ort 
KoQoxovddfxrj  benannt3).  Das  Land  am  Kuban  war  nachmals 
von  den  KaSak  (Öerkessen)  bewohnt,  deren  ausserordentliche 
Körperschönheit  und  Anmut  schon  den  Arabern  Bewunderung 
abnötigte.  Der  ritterliche  Sinn  der  Öerkessen  wird  noch  heute 
von  allen  Reisenden  gepriesen.  Im  10.  Jahrhundert  waren  sie 
berühmt   wegen  ihrer  unübertrefflichen   Leinen industrie 4) ,  und 

KJ  V 

noch  bis  in  unsere  Zeit  galt  die  Obstzucht  im  Cerkessenland  als 
musterhaft.  Es  bliebe  daher  vor  allem  aufzuhellen ,  wie  sich 
Hekataios  das  Verhältnis  zwischen  seinen  beiden  Flüssen  Parapanisos 
und  Karambykas  gedacht  hat.] 

5.  Ober  einige  Inschriften  aus  Kappadokien5. 

In  der  Gegend  westlich  von  Kaisärije  hat  Herr  Anastasios 
M.  Levidhis  in  Zindzi-därä  am  Argaios  mehrere  merkwürdige 
Inschriften  aufgefunden,  von  denen  er  Abschriften  an  Herrn 
Dr.  Zimmerer  geschickt  hat. 

Levidhis  gibt  von  dem  Fundgebiet  seiner  Inschriften  folgende 
Beschreibung,  die  ich  möglichst  mit  seinen  eigenen  Worten 
wiedergebe : 

Der  Flecken  Arebsun  —  auf  Kiepert's  Nouvelle  carte 


')  Mela  2,  2.    Plin.  4,  84.  88.   Ptol.  3,  5  p.  199,  6.  18. 

»)  Siehe  Tomaschek,  Pauly-Wissowa's  RE.  III  15  s.  v.  Bykes. 

s)  Strab.  t«,  2,  8.  9  p.  494. 

J)  Vgl.  Mas'üdT  II  45  ff. 

&)  Dieser  Aufsatz  ist  zu  Weihnachten  1898  fertig  gestellt  worden 
als  Beitrag  zu  dem  Reise  werk  von  Roman  Obernummer  und 
Heinrich  Zimmerer,  Durch  Syrien  und  Kleinasien  (Berlin  1899). 
konnte  dann  aber  in  demselben  nicht  mehr  aufgenommen  werden. 


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Untersuchungen 


Geschichte  von  Eran. 


97 


generale  des  provinces  asiatiques  de  l'Empire  ottoman  (1884) 
Yarapison,  bei  Levidhis  hellenisiert  'Aqaßiöaog,  das  alte  Zo$o7taoa6$ 
in  der  <pi$twf\yi*  MovQucvij  (Morimene)  PtoL  5,6  p.  841 , 26  *) 
—  liegt  am  linken  Ufer  des  Halys  und  ist  von  KävSähir 
4  Standen  entfernt.  Es  ist  der  Sitz  des  Qäimrnaqäms  des 
gleichnamigen  Qazä  (vno6u)£x*i<stg),  das  im  N.  vom  Sandzak  Jozgat, 
im  0.  vom  Sandzak  Kmsärije,  im  W.  von  den  Sandzaks  Aq-serai 
und  Qyr-äary  (Kur-seher,  alt  Garsavira-Archelais)  und  im  S.  vom 
Qazä  Nav^&ir  n»d  dam  Sandzak  Kigde  (naeh  L.  das  alte  J£a*>«) 
begwnzt  wird«).  In  kirchlicher  Beziehung  untersteht  der  Bezirk 
4er  Jurisdiktion  des  Metropoliten  von  Ikonion ,  politisch  ist  er 
unmittelbar  vom  Sandiak  Nigde,  mittelbar  vom  Wüäjet  Konia 
abhängig.  Der  Ort  gewährt  einen  hübschen  Anblick,  besitzt 
Pachtgüter  und  Weinberge  und  400  türkische  und  4&0  griechisch- 
orthodoxe  Häuser.  Die  Orthodoxen,  Kolonisten  von  Savatra3), 
reden  ein  verdorbenes  Griechisch;  ihre  alte  Kirche,  anf  den 
Namen  des  hj.  Demetrios  geweiht  und  in  Felsen  gehauen,  ist 

man  baut  jetzt  anf  ihrer  Statte  eine  neue 
ans  Steil.  Bei  der  Kkche  haben  sie  eine  neuerbaute  Schule,  in 
wekfeer  jetst  provisorisch  Gottesdienst  gehalten  wird.  Heben 
dieser  gibt  es  eise  Koapnjijialschule  und  eine  Klemkinderschnle; 
als  Mädchenschule  dient  ein  Privathans.  Das  alte  Regierungs- 
gebäude dient  jetxt  als  Apotheke,  das  neugebaute  enthalt  alle 
Bureaux  der  Regierung  und  in  der  Nähe  das  Post-  nad  Tele- 
graphenamt,  welches  vpr  knrzeni  auf  kaiserlichen  Befehl  entstanden 

ist     Bei   denselben  ist  das   Mäktäb-i  ru&dijä  (-*ix£. 

oder  die  Schule  der  Jünglinge,  und  bei  diesem  eine  alte  Mädrasä 
(67tov$aö%tjQiov)  mit  einer  ansehnlichen  Bibliothek  von  türkischen 
Büchern,  eine  Stiftung  des  aus  diesem  Flecken  gebürtigen 
Silähdär  Qara  Wezir  Mähämäd  Pascha,  welcher  das  kleine 
Dorf  unter  dem  Namen  Gul-Sähri  (f  Rosenstadt*)  zu  einem 
Flecken  erhob  u#d  darin  im  J.  1193  JJ.  einen  schönen  heiligen 
Bezirk  (tiu*voc,  Jar»w»)  mit  ejnem  Turme  und  einer  Kuppel 
gründete.  Die  Säulen  dieses  Qaram  und  seiner  Vorhalle,  sämtlich 
aus  Marmor,  wurden  aus  den  6  Stunden  entfernten  Ruinen  einer 
zerstörten  Stadt  übergeführt,  auf  welcher  jetzt  das  Dorf  Kostasyn 
liegt,  unter  dem  eine  vollständige  kappadokische  Stadt  und 
Kirche  an  der  Oberfläche  liegt. 

Um  Arebsun  gibt  es  sehr  viele  alte  TroglodytendÖrfer.  Von 
diesen  sind  zu  nennen  Kdrotdia-iar ,  l1^  Stunden  von  Arebsun. 

*)  Vgl.  W.  M.  Ramsay,  The  hiaiorical  geograpby  of 
Minor  p.  287.   R.  Geogr.  Soc.  Supplementary  papers  Vol.  IV. 

*)  Im  Säl-nämä  bei  Kiepert,  Nouvelle  carte  generale 
Arebsun  und  Aq-serai  nicht  als  eigene  Qasi's  aufgeführt. 

*)  Vgl.  Ramsay  1.  1.  348. 

Marqu»rt,  Untwiuohong«.  H.  7 


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98 


J.  Marquart, 


Aus  einem  Hügel  in  der  Nähe  dieses  Dorfes  wurden  die  unten 
zu  besprechenden  Inschriften  nach  Arebsun  gebracht,  und  Levidhis 
zweifelt  nicht  daran,  dass,  falls  jener  Hügel  ausgegraben  würde, 
noch  andere  ähnliche  Inschriften  zu  Tage  kommen  würden;  ferner 
westlich  davon  das  Dorf  Basan-samid ,  mit  .alten  Zisternen  und 
Höhlen  Wohnungen ;  nach  Norden  das  Dorf  Agri-K'ojü  mit  alten 
Höhlen,  genannt  Gjawur-ini;  das  2  Stunden  entfernte  Awrän- 
bumu  mit  einer  griechischen  Felseninschrift  und  einer  Höhlung, 
in  welcher  Bienen  eine  Unmenge  Honig  gesammelt  haben ;  Satan- 
8ar  mit  alten  Ruinen  und  Pfeilern;  Sol-channy  mit  Ruinen 
namens  Zijarät  d.  i.  Verehrung;  Salanda  jenseits  des  Halys,  von 
wo  die  Einwohner  des  zum  Flecken  Indzä-su  gehörigen  Quartiers 
Salanda  verpflanzt  worden  sind,  mit  sehr  vielen  Höhlen  Wohnungen 
und  einem  Hügel  namens  KejiSlik,  d.  i.  Wohnung  der  Mönche; 
Diämäl  mit  dem  Berg  Chyrka1),  einem  erloschenen  Vulkan  mit 
sehi*  grossem  Krater,  und  mit  den  Ruinen  einer  Burg  byzantinischer 
Zeit;  Barach,  wo  sich  ein  Grabstein  mit  Inschrift  gefunden  bat 
(s.  u.);  Tallar,  wo  zwei  Marmorsteine  mit  Inschriften  gefunden 
sind.    Tatlar  ist  ausserdem  bemerkenswert  wegen  seiner  vul- 
kanischen porösen  Steine,  wegen  der  Bruchstücke  von  schwarzem 
Basalt,  ferner  durch  seine  merkwürdigen  Höhlen,  die  späteren 
ausgegrabenen  Wohnungen,  die  alten  auf  die  Hellenen  zurück- 
gehenden  Gräber,   die   wahrscheinlich   zur   Zeit   der  Christen- 
verfolgungen als  Zufluchtsstätte  dienten2). 

In  der  Umgebung  von  Kostasyn  liegt  Stwasa  Zyßccact,  nach 
L.  das  alte  S^ßc«sa8),  das  unter  und  auf  der  Oberfläche  viele 
alte  Ruinen  besitzt.  Hier  befinden  sich  auf  einem  Felsen  die 
Reliefbüste  eines  Mannes  und  die  Ruinen  einer  byzantinischen 
Kirche ,  deren  Altarraum  noch  vorhanden  ist ,  indem  die  Kuppel 
desselben  auf  sechs  behauenen  Pfeilern  ruht,  die  Bilder  aber,  die 
aus  dem  Jahre  718  n.  Chr.  datieren,  schön  erhalten  sind4).  Neben 
Siwasa  ist  eine  Felskette  von  porösem  Gestein,  und  auf  einem 
dieser  Felsen  befindet  sich  eine  schwer  lesbare  griechische  Inschrift, 
sowie  eine  Grabschrift  unter  der  Erde.  Zwei  Stunden  sw.  von 
Kostasyn  liegt  das  türkische  Dorf  Dadasyn  mit  vielen  alten 
Ruinen  und  einer  byzantinischen ,  kreuzförmig  gebauten  Kirche 
mit  fünf  Kuppeln,  die  auf  sechs  Pfeilern  ruhen.    In  der  Nähe 


l)  [Vgl.  Roman  Oberhummer  und  Heinrich  Zimmerer, 
Durch  Syrien  und  Kleinasien  S.  143.  220.] 

■)  [Vgl.  Oberhummer  und  Zimmerer  a.  a.  0.  238f.,  welche 
den  Namen  Tatlarm  schreiben.] 

■)  S.  aber  Ramgay  a.  a.  0.  339 f.,  welcher  zeigt,  dass  Thebasa 
zu  Lykaonien  gehörte,  und  ea  in  der  Gegend  von  Kara-bunar  auf 
dem  Wege  von  Aq-serai  nach  Qaraman  sucht. 

*)  [Vgl.  die  Beschreibung  bei  Oberhummer  und  Zimmerer 
S.  232  f.,  wo  der  Ort  Soasa  heuwt.l 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


99 


des  Dorfes  Kälnsin  ist  ein  Hügel  Ar&il-höjügi  genannt,  unter 
welchem  sich  in  Stein  gehauene  Höhlen  befinden,  von  denen  die 
meisten  abgesondert  sind.  An  der  Kuppel  einer  dieser  Höhlen 
ist  eine  grosse  Öffnung  mit  einem  steinernen  Verschluss1). 

Südöstlich  von  Arebsun  finden  sich  Holztürme  (futawot), 
in  welchen  ausser  alten  in  Fels  gehauenen  Wohnungen  auch  in 
Fels  gehauene  Tempel  vorkommen,  wie  in  Acyk-sarai*),  Görenie, 
Soandos  [Nav-Sähir]  u.  a.  Einer  derselben  heisst  zweistöckige  Kirche 
der  Erzengel  (ta^idffxai).  Dort  sah  unser  Gewährsmann  am  Giebel 
y  der  Kuppel  des  Altarraumes,  wo  sich  auch  Heiligenbilder  erhalten 

haben_,  eine  schwer  lesbare  griechische  Inschrift  mildem  Datum 

Z*PKA  €  SN  IC  MHJSI  AÜPIAIO  HS  KC.  Bezieht 
man  dieses  Datum  auf  die  Weltära  (6721),  so  entspricht  es  dem 
Jahre  1218  n.  Chr.  Sollte  aber  der  erste  Buchstabe  ^  nicht 
zum  Datum  gehören ,  sondern  Abkürzung  für  slg  rot  hr\  sein ,  so 
erhielte  man  *PKA  =721  n.  Chr.  Letzteres  hält  der  Entdecker 
für  wahrscheinlicher,  da  das  folgende  bedeute  t{xog)  iv{(Saq%foCitog) 
'/7j(j(ot5)  fiijvt  'AtcqiXIco  tlg  rag  xe.  Ahnliche  Inschriften  sah  er 
nämlich  auch  in  Göreme  und  Soandos,  und  die  Heiligenbilder 
zeigen  nach  ihm,  dass  sie  Werke  des  8.  Jahrhunderts  sind. 

Westlich  davon  befindet  sich  eine  Öffnung,  in  welcher  eine 

>  Felsenhöhle  ist  mit  Arbeitshütten  auf  beiden  Seiten,  und  ein 

sogenannter  finsterer  Markt,  und  dabei  ein  in  Fels  gehauenes 
Fort  mit  vielen  Stockwerken  auf  einem  Felsen,  Sorgun- Kalesi 
genannt;  dann  viele  alte  in  Stein  gehauene  Wohnungen,  und  bei 
denselben  aus  Stein  gehauene  Denkmäler  auf  einem  Felsen. 

Das  Gebiet  der  im  Vorstehenden  beschriebenen  Ruinen  fällt 
—  mit  Ausnahme  von  Salanda  —  vollständig  innerhalb  der 
alten  Strategie  Morimene  (Ptol.  MovQtuvij  d.  i.  MURI[M]ANA). 
deren  Umfang  Ramsay  1.  1.  p.  287 — 296  zu  bestimmen  gesucht 
hat  (vgl.  auch  die  Karte  zu  p.  196).  Morimene  hat  ebenso  wie 
die  Strategien  Garsauritis  und  Tyanitis,  soweit  die  geschichtliche 
Kunde  reicht,  stets  zur  Satrapie  Kappadokien  gehört,  im  Gegensatz 
zu  dem  östlich  daran  grenzenden  Kilikien.   Nördlich  von  Morimene. 

*-  in  dem  später  von  den  gallischen  Trokmern  besetzten  Lande,  also 

im  Gebiete  der  grossartigen  Ruinen  von  Boghaz-köi  und  Üjük, 
sassen  die  wahrscheinlich  mit  den  Paphlagonen  näher  verwandten 
Matiener8),  eine  im  Westen  zurückgebliebene  Abteilung  eines 
Volkes ,  dessen  Hauptmasse  sich  ehemals  weit  nach  Osten  ver- 
breitet hatte4).    Die  Grenze  zwischen  ihnen  und  den  Phrygern 


*)  Nach  Leon  Diakonos  p.  85  hiessen  die  frühem  Bewohner  dieser 
Gegend  Troglodyten.    Vgl.  Ramsay  a.  a.  O.  p.  293. 

«)  [Über  diesen  Ort  Oberh  ummor  und  Zimmerer  S.  144f.  248.] 

•)  Her.  1,  72.  7,  72.   Hekat.  fr.  189. 

*)  Vgl.  Th.  Rein  ach,  ün  peuple  oublie',  les  Matienes.  Rev. 
de»  e'tudea  grecques  1894,  316.   [S.  aber  unten.] 

7* 


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100 


J.  Marquart, 


bildete  der  Halys,  Auf  beiden  Seiten  des  Mittellaufes  desselben, 
d.  h.  soweit  er  eine  ostwestliche  Richtung  bat,  wohnten  die 
Kiliker.  Darnach  könnte  es  scheinen,  als  ob  auoh  Moriinene  zum 
Gebiete  der  Kiliker  gehört  hätte.  Allein  dies  würde  allem,  was 
wir  über  die  politische  Entwicklung  des  Landes  ermitteln  können, 
zuwiderlaufen.  Dagegen  finden  wir  in  späten  byzantinischen 
Bistumslisten  einen  der  Metropolis  Mokissoe  (Kir  Seher)  unter- 
stehenden Bischofssitz  Mcmavif  aufgeführt,  dessen  Name  sich  in 
dem  heutigen  Dorfe  Macan,  wenige  englische  Meilen  östlich  von 
Navsähär  erhalten  bat,  neben  einer  der  auffallendsten  Gruppen 
von  in  Felsen  gehauenen  Häusern,  Kirchen  und  Gräbern,  die  in 
Kleinasien  existieren  Der  Schhiss  drangt  sich  ohne  weiteres 
auf,  dass  sich  in  diesen  Merrtavtj  (Macan)  die  Erinnerung  an  die 
Matiener  erhalten  bat,  und  dass  diese  einst  nicht  bloss  das  Land 
östlich  vom  Halys,  soweit  er  eine  südnördlicbe  Richtung  hat, 
etwa  bis  zur  Einmündung  des  Delidze-Irmak ,  sondern  auch  das 
Gebiet  zu  beiden  Seiten  des  Halys  von  da  an  t  wo  er  eine  nord« 
westliche  Richtung  einschlägt  (etwas  oberhalb  von  Arebsnn)  bis 
zu  dem  grossen  Knie  bei  Ihikur-agha,  wo  er  sieb  direkt  nach 
Norden  wendet,  inne  gehabt  haben.  Wenn  dies  Land  auch  spater 
zu  Kappadokien  gerechnet  wurde  (Her.  5,  52),  so  war  es  zur  Zeit 
des  Kroisos  von  Matienem  bewohnt  und  nicht,  wie  Pteria,  von 
Kappadoken. 

Im  Osten  stiess  Moriinene  an  die  Strategie  Kilikien  am 
Argaios  mit  der  Hauptstadt  Md&nut*  d.  i.  wohl  ,die  Mazda- 
stadt ■ «).  Die  armenische  Pom  UW<«£  Maiate  würde  ein 
grieeb.  *M&Zax*  voraussetzen  und  ist  wahrscheinlich  nach  dem 
Moc6%  =  yffü  der  LXX  gemodelt.  Diese  Landschaft,  assyr. 
Ckilaku,  war  einer  der  Gaue  von  TabaL  das  etwa  den  beiden 
Kappadokien  der  hellenistischen  Zeit  entspricht,  und  bildete  den 
Ausgangspunkt  des  spatern  kilikischen  Reiches  *).  Das  Königreich 
Chiluki  wird  zuerst  von  Salmanasssar  II.  im  Jahre  85$  v.  Chr. 
genannt.  Sargon  unterstellte  Cbilakku  dem  Tabalüer  Ambaris, 
dessen  Vater  ChullT  den  tabaläischen  Gau  Bit  BuritiS  beherrscht 
hatte,  Hess  ihn  dann  aber,  als  er  sich  mit  Urs*  von  Urarti  und 
Mitä  von  Muski  in  Verbindungen  einliess,  mit  seiner  Familie  und 
den  vornehmen  eres  Ii  an  oes  nach  Assyrien  aeportieren  und 
siedelte  Assyrer  im  Lande  an  und  machte  es  zur  Provinz4). 
Sanherib   hatte  später  gegen   die  Bergbewohner  von  Chilakki 


*)  S.  Ramsay  1.  L  295.    [Oberhummer  und  Zimmerer 
a.  a.  O.  182.2451] 

«)  Strab.  iß  1,4  p.  534.  2  ,7  p.  587/38.    Über  den  Umfang  von 
Kilikia  vgl.  Ramsay  t  I.  808ff. 

*)  S.  jetzt  H.Winckler,  Altor.  Forsch.  II.  Reihe  Heft  3,  S.  117 ff. 

«)  Sargon,  Prunk  inschr.  29-82.  KB.  II  57.  Vgl.  Winckler,  Altor. 
Forsch.  I.  Reihe  S.  365.  D.  Seihe  S.  121. 


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Untersuchungen  xur  4JrescMchte  von  Eran.  101 


au  kämpfen,  nennt  aber  keinen  König  des  Landes.  Doch  tritt 
uns  ein  solcher,  namens  Sandasarrne ,  wieder  beim  Beginne 
der  Regierung  Asurbanipals  ($68)  entgegen,  welchem  er  seine 
Huldigung  in  Nuyve  darbrachte1).  In  4dese  .Zeit  fallen  die  An- 
fange des  spätem  kilikischen  Grossreiches ,  das  sich  bald  auch 
südlich  vom  Tauros  über  die  alte  Landschaft  Qu%  (Qäwe  Salm. 
Obel.  101,  KB.  I  140,  hebr.  nnp  1  Kön.  10,  28)*)  mit  der 
Hauptstadt  Tarsos  (Tom")  ausdehnte.  Es  war  für  den  neuen 
Staat  eine  Lebensfrage,  sich  die  Küste  von  Que*  und  damit  den 

:  Anteil  am  Seehandel  zu  sichern.    Dies  führte  aber  naturgemäss 

dazu ,  dass  die  Könige  von  Kilikien  ihre  Residenz  vom  Argaios 
nach  dem  weit  kultivierteren  Tarsos  verlegten. 

Das  Königreich  Kilikien  lag  nach  Her.  5,  52  zwischen  Kappa- 
dokien  und  Armenien  und  reichte  bis  zum  Euphrat.  Der  Haiys 
floss  m  seinem  Oberlauf  durch  kilikisches  Gebiet  (Her.  1 ,  72). 
Darnach  umfasste  Kilikien  die  Landschaften  Melitene,  Kilikien 
am  Argaios  zu  beiden  Seiten  des  Halys,  Kataonien  nördlich  und 
KtXixUt  ittöuxg,  das  alte  Qu6,  sowie  KiXtxla  ^  roo^na  oder  Ktr}xlg 
südlich  von  Tauros8).  Nach  Strabon  hätten  auch  Akilisene 
<Eke*eac'  mit  der  Hauptstadt  Erez-Erzingjan)  und  die  Gegend 
um  den  Antitauros*),  d.  i.  die  hocharmenischen  Landschaften 

^  Mzur  (Mov&ityw)  und  Paranah  vor  der  Erhebung  des  Zariadris 

und  Artaxias  (um  190  v.  Chr.)  zu  Kataonien,  d.  h.  ehemals  zu 
Kilikien  gehört5).  [Doch  ist  es  zweifelhaft,  ob  die  Nachricht 
von  einer  ehemaligen  politischen  Zusammengehörigkeit  dieser 
Landschaften  in  dieser  Form  chronologisch  genau  ist.  Durch 
Ihn  Serapions  Beschreibung  des  Euphratlaufes  wissen  wir  nämlich 
jetzt  ,  dass  das  vielerörterte  Land  Mu-U8-[uz- ,  t*y-)ro",  welches 
Tiglatpileser  I.  (um  1020)  sich  rühmt  bezwungen  zu  haben  und 
das  Salmanassar  II.  (860  —  825)  nach  den  Beischriften  des 
schwarzen  Obelisken  zweihöckerige  Kamele,  Rinder  des  Flusses 
Irkea,  Elefanten  und  Affen  (?)  als  Tribut  brachte«),  genau  dem 
Gebiet  des  Antitauros  nördlich  von  Malafcja  entsprach,  welcher 
den  Namen  Muzür-  Gebirge  führte  und  sich  nicht 

t  bloss   westlich   vom  Euphrat  bis  zur  Wasserscheide  zwischen 

Baphrat  und  Halys  erstreckte,  sondern  auch  einen  Teil  des 
Gebirgslandes  im  Süden  des  Euphrats  etwa  bis  Erzingjän  umfasste 7). 


*)  Aiurb,  II  7&-80.  £B.  II  178. 

*)  Fr.  Hommel,  Gesch.  Babyloniens  und  Assyriens  S.  610  N.  8. 

*)  Vgl.  Ed.  Meyer,    Gesch.   des  Königreichs  Pontos  8.  15. 
B.  Niese  bei  Jensen,  Hittiter  und  Armenier  (1897)  S.  195 f. 

*)  VgL  W.  Fabricius,  Theophanes  von  Mitylene  8.  138/39. 

»)  Strab.  i«  14,  5  p.  528. 

•)  TiglatpiL  I  Kol.  V  67-81.  Salm.  H  Obel.  KB.  134.35. 150/51. 
•)  Ibn   Serapion,    Description   of  Mesopotamia   and  Baghdäd, 
written  about  the  year  900  AD.   Ed.  mth  translation  and  notes  by 


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102 


J.  Marquart 


Der  Name  des  Landes  Muzri,  welches  uns  noch  im  9.  Jh.  v.  Chr. 
als  politische  Einheit  begegnet,  hatte  sich  also  als  geographischer 
Begriff  noch  mindestens  bis  ins  9.  Jh.  n.  Chr.  erhalten. 

Als  nördlichsten  Zufloss  des  Euphrats  von  Westen  nennt 
Ibn  Serapion  den  iL^J  ^j,  der  im  Gebirge  ^y1)  Muzür  im 

Gebiete  der  Stadt  Abrlq  (Tf^ixif,  Diwrigi)  entspringt  und  eine 
Tagereise  unterhalb  Kamach  in  den  Euphrat  mündet.  Tomaschek 
versteht  unter  diesem  Fluss  den  heutigen  Quru-cai  oder  den 
Fluss  von  Armidan  und  Hassanowä.  Nach  ihm  kommt  der  Fluss 
von  Abrlq,  der  bis  zu  seiner  Mündung  von  einem  Gebirgszug 
begleitet  wird  und  angeblich  kurz  unterhalb  der  Festung  Abrlq 
den  Fluss  von  Zamra  aufnimmt ,  der  etwas  oberhalb  (?)  der 
Quelle  des  Lüqija  im  Muzür-Gebirge  entspringt.  Unter  dem 
Flusse  von  Abrlq  ist  der  heutige  Sary;öiöek-su  zu  verstehen,  der 
an  Diwrigi  vorbeifliegst ,  über  den  Lauf  des  Flusses  von  Zamra, 
dem  heutigen  Zimarra,  ist  Ibn  Serapion  aber  falsch  berichtet  und 
lässt  ihn  irrig  in  den  Fluss  von  Abrlq  anstatt  unmittelbar  in 
den  Euphrat  münden.   Der  nächste  westliche  Zufluss  des  Euphrat, 

der  Lpjt  ^  d.  i.  der  heutige  Ango-su  von  Arabgir*)  entspringt 

im  Gebirge  von  Abrlq,  wenig  oberhalb  der  Kreuzung  der  von 
Malaga  kommenden  Heerstrasse,  und  mündet  5  Fars.  unterhalb 
(richtig:  5  mll  oberhalb)  der  Einmündung  des  Arsanäs  in  den 

Euphrat.    Dann  folgt  der  iü.L>j>.         der  im  Muzur-Gebirge 

in  der  Nähe  der  Festung  Charsana  (Xa^aucvov  udaxqov)  auf 
romäischem  Gebiete  entspringt  und  nachdem  er  den  aus  einem 

Berge  in  der  Gegend  von  Abrlq  kommenden  c^iit  ^ji  auf- 
genommen ,  10  Fars.  unterhalb  des  Nahr  Angä  in  den  Euphrat 
fallt    Es  ist  der  heutige  Quru-cai  entlang  der  nach  Sebasteia 

(Siwäs)  führenden  Heerstrasse,  der  \£>yu\  ^gj  sein  linker,  vom 
Öicek-dagh  kommender  Zufluss. 

Als  Zuflüsse  des  Arsanäs  (Arsanias,  arm.  Aracani)  werden 

genannt  der  ^ujJ!         .Wolfsfluss*   und  der   JaäJÜJ!  ^j. 


Guy  le  Strange.  JRAS.  1895  p.  11.  13.  80.  31.  54f.  315.  Vgl.  dazu 
die  Anmerkungen  von  Guy  le  Strange  p.  57 f.  63 ff.  und  W.  Toma- 
schek, Historisch-Topographisches  vom  obern  Euphrat  und  aus  Ost- 
Kappadokien.  Festschrift  für  H.  Kiepert  S.  138—140.  Diese  Arbeit 
war  mir  hier  in  Leiden  nicht  erreichbar,  so  wenig  als  Kiepert1» 
Nouvelle  Carte  ge'ne'rale  des  provinces  asiatiques  de  TEmpire  ottoman, 
und  ich  war  daher  auf  die  Notizen  angewiesen,  die  ich  mir  früher  daraus 
gemacht  hatte. 

»)  In  der  Hs.  immer  ohne  Punkt. 

*)  Taylor,  J.  R.  Geogr.  Soc.  1868  p.  313.  Vincent  W.  Yorke, 
Geogr.  Journ.  1896,  2  p.  230  f. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  li-ran. 


103 


Jener  entspringt  in  einem  Gebirge  in  der  Gegend  von  Qällqalä 
(Karnoj  k'atak',  Erzerum)  und  mündet  angeblich  kurz  oberhalb 
SimSäy  (Arsamosata)  in  den  Arsanäs.  Der  Nahr  asSalqif  ent- 
springt im  Muzür-  Gebirge,  fliesst  an  zahlreichen  Burgen  vorbei 
und  mündet  eine  Meile  unterhalb  der  Stadt  sim§äy  und  des  sie 

umgebenden  Gebirges.   Guy  le  Strange  sah  in  dem  v^^lJJl  ^ 

den  heutigen  Gunek-su,  allein  es  ist,  wie  Tomaschek  erkannt 
hat ,  der  »andere  Gailfluss*  der  Geographie  des  Ps.  Moses 
ChorenacH  (p.  30  ed.  Soukry),  der  die  Landschaft  Chorzain  im 
sog.  Vierten  Armenien  mit  dem  Hauptort  Kotoberd  (Burg  Kot) 
oder  Kei,  das  spatere  Bistum  Ke-r1)  durchströmte,  der  Li£ik-su 
der  qacaba  Qyyy  (aus  dem  armenischen  Genitiv  Keli)  oder 
der  Perl-su,  der  nach  Außiahme  des  Muzür- cai  auch  diesen 
letztern  Namen  führt  und  gegenüber  Charäba  (Arsamosata)  bei 
der  Münde  des  §aich-qätün-su  am  Ausgange  Anzitene's  gegen 
Bafohowit  in  den  Muräd-su  fallt.  Der  Nahr  asSalqifc  ist  nach 
Tomaschek  sicher  der  heutige  Singit-  (Süngüt)  oder  Aq-su,  der 
als  Chozät-su  im  Muzür-tagh  entspringt  und  westlich  von  Pertek 
(arm.  berdak  .Schlösschen")  in  den  Muräd-su  mündet.  Der  in 
der  Provinz  Hoch-Armenien  entspringende  und  nach  Süden 
fliessende  Gail  kann  dann  nur  der  eben  genannte  Muzür-cai  sein, 
ein  bedeutender  Zufluss  des  Peri-su,  der  im  Muzür-tagh  entspringt. 
Der  Muzür-tagh,  d.  h.  der  östlich  vom  Euphrat  gelegene  Abschnitt 

des  j+j*  J        bildete  ehemals  den  zur  Provinz  Hoch-Armenien 

gehörigen  Gau  Mzur,  das  xkCfue  Mov^ovq&v2).  König  §äpür  II. 
erreichte  denselben  auf  seinem  Raubzug  im  Jahre  359  über 
Aiznik',  Gross- Cop'k* ,  Angel- tun,  den  Gau  Anzit  und  Cop'k* 
öahuni,  und  rückte  von  da  weiter  nach  Daranale"  mit  der  Haupt- 
stadt Am  (Kamach)  und  Ekeieac'  (Aküisene) 8).  Vielleicht  hängt 
damit  auch  der  Name  der  Residenz  des  Königs  Sanatruk  (167 — 196), 
Mcwrk,  zusammen4),  obwohl  dieselbe  nach  der  Beschreibung 
des  Faustos  am  Zusammenfluss  der  beiden  Euphratarme,  also  im 
Gau  Cop'k'  Öahuni,  der  Satrapie  Tjfoqpifi^'  in  der  spätem 
r  romäischen  Provinz  Armenia  IV  zu  suchen  ist5).    Nachdem  der 

hair  mardpet  (Eunuchenoberst)  seine  Dörfer  im  Gaue  Taraun 
besucht  und  darauf  einen  Zusammenstoss  mit  dem  Oberpriester 
NersSs  in  AStisat  (Surb  karapet)  gehabt  hatte,  „gieng  der  hair 
weg  von  den  heiligen  Orten  und  stieg  hinab  zum  Ufer  der 
Stromschnellen  des  Euphrat,  zu  den  Thälern  des  dichten  Waldes, 

»)  Vgl.  H.  Geizer,  Georgias  Cyprius  p.  181  82. 
*)  Vgl.  dazu  H.  Geizer,  Georgius  Cyprius  p.  183s. 
^  Fauat.  Byz.  4,  24  p.  141. 
4)  Oben  S.  15  und  Anm.  4. 

a)  Vgl.  über  die  Grenzen  dieser  Provinz  H.  Geizer,  Georgius 
Cyprius  p.  XLVI  ss.  LXI.  178. 


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104 


zum  Zusammenfluß  der  beiden  Ströme,  in  ein  Kohr-  und 
ßoifwBradoTndickklit,  an  welchem  von  den  Alten  her  eine  Gründung, 
eine  Stadt  war,  welche  der  Konig  Sanatruk  gegründet  hatte, 
welcher  Ort  Mcurk*  adt  Namen  genannt  wurde*  1).  Hier  verfiel 
der  harr  dann  der  Rache  des  &avasp,  eines  Sprösslings  des  auf 
sein  Anstiften  einst  ausgerotteten  ai*cruuischen  Geschlechtes.  Nach 
dieser  Erzählung  inuss  die  Stadt  Mcurk'  an  der  Einmündung  des 
Aracani  in  den  fhiphrst  gelegen  haben,  also  gegenüber  dem 
römischen  Daskusa.  Nach  der  Geographie  des  Ps.  Moses  Chor, 
p.  80,  18  mündete  der  Aracani  bei  der  Stadt  hasat-arii  *). 

Doch  mag  nun  eine  Beziehung  zwischen  den  Namen  der 

Stadt  McwrK  \f&m^ß  in  Cop'k'  Sahuni  und  des  Gaues  X^l^-f 

in  Hoch-Armenien  anzunehmen  oder  mag  die  Ähnlichkeit  nur 
eine  zufallige  sein :  soviel  ist  unzweideutig ,  dass  sich  der  Name 
des  alten  Landes  Muzri  in  dem  des  Gaues  Msntr  und  dem  Begriffe 
nach  vollständiger  in  dem  des  Gebirges  Afuzur  d.  i.  des  Antitauros 
mindestens  bis  ans  Ende  der  Ohalifenherrschaft  erhalten  hatte. 
Pur  die  Beantwortung  der  Frage,  wie  lange  die  politische  Einheit 
dieses  Gebietes  gedauert  hat,  fehlt  es  indessen  bis  jetzt  an  sicheren 
Anhaltspunkten  und  muss  daher  von  Strabons  Angabe  einstweilen 
abgesehen  werden.] 

Die  Bildung  eines  grössern  Reiches  in  den  Taurnslaudern  gieng 
wahrscheinlich  von  einem  gewissen  Mukallu  aus,  der  zuerst  unter 
Asarhaddon  Melidi  (Malaga)  bedrängt  und  dann  den  Assvrern 
entrissen  hatte,  worauf  er  sich  mit  ISkallü,  dem  Fürsten  von  Tabal 


l)  Faust.  By*.  4,14  8.118  (Venedig  1889) :         fVw  «G*/»*-**^ 

ufteif^nfh  y*frm_f^p  k^li"  L»B-gloi»  übersetzt  dem  Sinne  nach  ganz 
richtig:  ,et  de  roaoaux  abondants  au  confluent  des  deux  ameres", 
Lauer  ist  aber  das  Missgeschick  passiert,  im  französischen  rmeau 
ein  -Rosengebusch*  zu  vermuten.  Daher  seine  Übersetzung:  .in  ein 
Wäldchen  von  Rosenstöcken  und  Schlehendornen".  —  Aus  den  obigen 
Worten  des  Fatistos  ist  durch  Kombination  mit  Mar  Abas  B.  7  die 
oben  S.  15  Anm.  4  übersetzte  Stelle  des  Ps.  Moses  2, 86  herausgesponnen. 

8  LwtU'  (zu  loi»  «Licht")  muss  der  Name  -einer  Gottheit  gewesen 
sein.  Vgl.  das  Verzeichnis  anderer  mit  -arvb  oder  -jarii  zusammen- 
gesetzter Ortsnamen  bei  Hübschmann,  Arm.  Gr.  125.  113,  wozu  vor 
allen  noch  Xa}tojaH^  oder  XaftojaritU:  bei  Brosset,  Hist.  de  la 
G^orgie.  Addition«  et  e'claircissements  p.  178,  KalT-i6guf<sa  in  Klein- 
Armenien  Ptol.  5,  6  p.  840  ,  6  unter '69°  S6'  L.  41°  15'  Br.,  ~Tix-clqi<I66$ 
in  Melitene  ib.  p.  841 .,  1,  Zmn-oQusros  ib.  p.  840,  27  (unter  «9°  45'  L. 
89°  45'  Br.  bezw.  70°  L.  40°  Br.),  AvTce^-agittav  Prokop,  de  aedif.  3,4 
p.  253,  15  nachzutragen  wären.  Zur  Erklärung  dieses  Elements  s.  meine 
Bemerkung  Uber  ßaga-jaHi  diese  Unters.  1  65.  Sollten  KaXnoQieoct 
und  GhaltojaHnh  „Ort  der  Verehrung  des  (aus  den  Inschriften  von 
Wan  bekannten)  Gottes  Chaldi"  bedeuten? 


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Untersuchungen  tur  Öeschichte  von  Eran. 


105 


verband,  um  die  assyrische  Provinz  Qu6  anzugreifen  (um  675). 
Hier  war  kurz  vorher  {677)  der  König  Sanduarri  von  Kundi 
(fvtwla)')  und  Sizu  (8te,  byz.  2**#v  im  Taurus) *),  der  sich  mit 
'Abd  Milk&t  von  Sidon  gegen  Assyrien  verbanden  hatte,  von  den 
Assyrern  überwältigt  und  hingerichtet  worden  3).  Beim  Regierungs- 
antritt Asurbanipals  (668)  schliesst  Mukallu  Frieden  mit  Assyrien. 
Dabei  ist  merkwürdig,  dass  auf  der  nach  662  geschriebenen  Tafel 
K.  2675,  Bs.  22  ff.4)  der  Name  seines  Landes  nicht  ausgefällt 
ist,  entweder  weil  ihn  der  Schreiber  nicht  wusste,  oder  aber,  was 
wahrscheinlicher  ist,  weil  er  im  Zweifel  war,  welchen  Titel  er 
dem  Mukallu  geben  sollte.  Auf  dem  um  649  abgefassten  Prisma 
B  Kol.  II  65  (KB.  n  170/71  N.  1)  und  dem  lange  nach  dem 
Falle  von  Babylon  (648)  geschriebenen  Rassamzylinder  KoL  II  68 
wird  er  dagegen  als  «König  von  Tabal*  bezeichnet,  offenbar 
entsprechend  den  damaligen  politischen  Verhältnissen.  In  der 
Zwischenzeit  muss  er  sich  also  auch  in  den  Besitz  dieses  Centrai- 
landes von  Kleinasien  gesetzt  haben.  Dabei  war  ein  Zusamrnen- 
stoss  mit  San  das  arme  von  Kilikien  bezw.  dessen  Nachfolger 
unvermeidlich.  Wer  von  beiden  in  diesem  Duell  Sieger  blieb, 
wissen  wir  vorläufig  nicht;  da  aber  das  nachmalige  Reich  der 
Syennesis  sich  nach  der  Landschaft  Chilaku  (Kilikien),  nicht 
Tabal  benannte,  so  spricht  die  Wahrscheinlichkeit  für  Sandasarme 
bezw.  seine  Erben,  die  demnach  als  die  eigentlichen  Gründer  der 
KiiiKiscnen  trrossmacnt  zu  oetracnten  waien. 

Vermutlich  hängt  die  Verlegung  der  Residenz  nach  dem 
Süden  des  Tauros  mit  den  Kimmerierstürmen  zusammen.  Diese 
Verschiebung  des  politischen  Schwerpunktes  brachte  es  mit 
flieh,  dass  die  Herrschaft  über  die  Lander  nördlich  vom  Halys 
aufgegeben  werden  musste.  Wir  erfahren  dann,  dass  der  Kim- 
merierfurst  Tuktamtne  (* Dugd&nu ,  Avydaiug),  welcher  ßardeis 
erobert  hatte,  in  Kilikien  seinen  Untergang  fand  —  wobei 
vielleicht  an  das  alte  Kilikien  am  Argaios  zu  denken  ist  —  so 
dass   sein  Sohn  Santachia^ra   (assyr.  Scm-dak- iat-ru6)  sich 

»)  VgL  W.  Max  Müller,  Studien  aur  rorderasiat.  Gesch.  59. 
Aütteil.  der  Varderasiat.  Ge«.  1898  Heft  8.    Hugo  Winckler,  Altor. 


II  118. 
*)  Sachau,  ZA.  VH  92. 
*)  KB.  U  127. 

«)  KB.  H  170/71  N.  2.  Vgl.  Winckler,  Altor.  Forsch.  I  479ff. 
Über  den  tenninus  post  quem  für  die  Abfassung  jener  Tafel  siehe 
jneine  Chronologischen  Untersuchungen  S.  78  =  Philologus,  Suppl. 
Bd.  Vn  7X2. 

*)  Der  Name  bedeutet  r reine  Herrschaft  besitzend*  =aw.  *&p&}tö- 
rJn&rö;  vgl.  den  per».  Namen  £avd6*7]s  Her.  7,  194  =  ap.  *Santa-tt<ika 
fHeiligea  verkündend*,  woau  £ar<5cwxij  Wut.  Them.  13  das  Femininum 
ist  (die  Form  Ma*tfa*7j  bei  Diod.  Mt  58  ist  unursprunglieh) ,  und  arm. 
Sondaramet  „Unterwelt*  (neben  Spandaramet  =  Jt6w<sos),  kuppadokiseh- 


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106  J.  Marquart, 

bewogen  fühlte,  dem  König  Asurbanipal  seine  Huldigung  an- 
zubieten *).  Dieser  grosse  Erfolg  über  die  gefürchteten  Kimmerier 
hat  gewiss  viel  dazu  beigetragen,  das  Ansehen  des  Königs  von 
Kilikien  zu  heben  und  seinen  Staat  zu  einer  Lydien  und 
Babylonien  gleichberechtigten  Grossmacht  zu  erheben.  Später 
blieb  dann  der  Name  Kilikien  speziell  an  dem  alten  Que*  südlich 
vom  Tauros  haften.    Zur  Zeit  des  Satrapen  Datames  (karisch 

1  T H  H  Tardamü  (oder  Tidramü  *4id<Q>dnrig?)i)  finden 
wir  in  Kataonien  einen  besondern  Fürsten  Aspis8)  (Nep.  Dat.  4), 
der  in  seinen  Bergen  dem  Grosskönig  zu  trotzen  wagte  und  ver- 
mutlich von  der  alten  Dynastie  der  Syennesis  abstammte,  Kilikien 
am  Argaios  aber  war  die  Hyparchie  des  Karers  Kamissares4)  und 


per«.  Sandara,  Zovdccqa  (Monatsname)  =  ap.  *Santa-äramatü  gegenüber 
aw.  Sp»nta  -  ärmaiü.  Vgl.  auch  per«.  Oapaoiog  Her.  7,  194  = 
t&jäm-äsiia,  aw.  *Sjäm-ä*pi.  Das  Kimmerische  stimmt  also  hier 
in  bemerkenswerter  Weise  zum  Altpersischen  und  stellt  sich  in 
Gegensatz  zum  skythischen  *äfsand,  aw.  «/»nto,  medisch  e<ptvda- 
(oben    S.  88).    Medische   Formen    sind    dagegen   lyk.  Sp^taza 

(Münzen)  —  aw.  *tip9nta-8a  „von  heiligem  Geschlechte  *  und  der  dem 
Magier  Ganmäta  von  den  Magiern  beigelegte  posthume  Name  Utpsvda- 
daxr\s  =  aw.  Spontö-däta  (s.  diese  Unters.  I  68  N.  71 ,  Fundamente 
israelitischer  und  jüdischer  Geschichte  48  N.  3).  Auch  der  Name 
des  Kimmerierkönigs  Teuipä  ist  iranisch  und  entspricht  dem  pers. 
Tiaome  Her.  4,  43.  7,  79.  9,  76  =  ap.  *Tatc-ä*pa,  med.  *Twyaapa 
„kräftige  Rosse  besitzend". 

*)  Strab.  cc  2,  21  p.  61.  Plut.  Mar.  11  (aus  Poseidonios).  Sonnen- 
orakel aus  Asurbanipal«  Zeit  hg.  von  Arthur  Strong,  Journ.  as. 
1893,  1,  375.  VeL  diese  Unters.  I  59  N.  45  (wo  aber  die  Kombination 
mit  dem  vermeintlichen  Namen Iribatuktü zu  streichen  ist).  H.  Winckler, 
Berl.  Philol.  Wochenschr.  1895  Sp.  1435,  Altor.  Forsch.  II  253  f. 
Messerschmidt,  Die  Inschrift  der  Stele  des  Nabunaid  S. 43.  Mitteil, 
der  Vorderas.  Ges.  1896,  1.  C.  F.  Lehmann,  ZA.  1896,  335 f. 

*)  Für  das  unbekannte  *  Tidramü  ist  der  geläufige  Name  'Agod^g 
eingesetzt  worden  bei  Polyain,  Strateg.  7.  28,  2.  JIJ<P>AMHC 
wird  für  JIJAAHC  herzustellen  sein  bei  [Aristot]  Oecon.  p.  1350  b. 
Vgl.  diese  Unters.  I  9  Anm.  32. 

*)  Vgl.  die  Namen  der  „chettitischen*  Fürsten  Kundafjn  und 
KuMaSpi  von  Qummuch  (unter  Salmanassar  II.).  Es  gehörte  eine 
völlige  Unkenntnis  der  iranischen  Sprachgeschichte  und  die  den 
Assyriologen  eigene  Naivetät ,  über  alles  sich  ein  Urteil  anzumassen, 
dazu,  in  diesen  beiden  Namen  ein  neup.  (!)  Ouitäsp  =  ap.  WiHaspa 
und  *Gundäsp  —  ap.  *  Windäspa,  aw.  *  Windat-a*pa  finden  zu  wollen 
(Lenormant  etc.). 

«)  Justi,  Berl.  PhiloL  Wochenschr.  1897  Sp.  1173  (vgl.  Iran. 
Namenbuch  154/55)  bestreitet  die  karische  Nationalität  des  Ramissares 
und  will  den  Namen  aus  dem  Iranischen  erklären  und  mit  arm.  Kamsar 
(Eponymos  des  Geschlechtes  Kamsarakan)  Mos.  Chor.  2,73.87  gleich- 
setzen. Viel  näher  liegen  aber  doch  Namen  wie  Meya<HKXQr\q  Apollodor 
bibl.  3,  14,  3,  1  §  181,  'AßdiooÜQrjs  Fürst  von  Sophene  Babelon,  Les 
rois  de  Syrie,  (TArm^nie  et  de  la  Commagene  p.  CXCIV,  211,  pl. 
XXIX  3—5. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  107 

seines  Sohnes  Datanies1):  von  hier  aus  vereinigt  dieser  dann 
nach  und  nach  Kappadokien  und  einen  Teil  von  Kilikien  zu 
einer  ansehnlichen  Herrschaft,  die  nach  seinem  Tode  auf  seinen 
verräterischen  Sohn  Sisines  und  dessen  Nachkommen,  die  Dynastie 
der  Ariarathiden  übergieng.  Von  nun  an  blieb  die  Landschaft 
von  Mazaka  offenbar  mit  Kappadokien  vereinigt;  denn  wir 
finden  keine  Spur  davon ,  dass  sie  etwa  zu  irgend  einer  spätem 
Zeit  von  Kilikien  losgetrennt  worden  wäre. 

Nach  dem  Jahre  401  war  die  Dynastie  des  Syennesis  von 
Kilikien  wahrscheinlich  infolge  der  zweideutigen  Haltung  desselben 
im  Aufstande  Kyros'  III.  abgesetzt  und  durch  einen  persischen 
Satrapen  ersetzt  worden.  Die  Namen  der  kilikischen  Satrapen 
in  der  ersten  Hälfte  des  4.  Jhs.  (bis  auf  Mazdai)  sind  uns  aber 
bis  jetzt  nicht  bekannt. 

Allein  noch  in  der  ersten  Hälfte  des  3.  Jhs.  scheint  Kataonien 
zu  Kilikien  gehört  zu  haben,  und  wird  erst  von  Ariarathes  III. 
(ca.  255 — 220  v.  Chr.),  der  zuerst  den  Königstitel  annahm,  mit 
Kappadokien  vereinigt2).  Wahrscheinlich  erhielt  es  seine  Ge- 
mahlin Stratonike,  eine  Tochter  Antiochos'  H.  Theos  (261—246), 
als  Mitgift8). 

Kappadokien  wird  ebenfalls  ursprünglich  nur  einen  der 
Gaue  von  Tabal  gebildet  haben.  Salmanassar  H.  spricht  von 
24  „ Königen"  der  Tabal,  ein  Beweis,  dass  in  Tabal  eine  grosse 
Anzahl  von  Häuptlingen  sass.  Kappadokien  ist  ursprünglich 
das  Gebiet  zwischen  dem  Unterlauf  des  Halys  und  dem  Iris, 
speziell  aber  das  Irisbecken.  Der  Name  ist  bis  jetzt  in  den  In- 
schriften der  AssyrerkÖnige ,  auch  in  den  Briefen  der  Statthalter 
und  in  den  Sonnenorakeln  aus  der  Zeit  des  Asarhaddon  und 
Asurbanipal,  wo  wir  ihn  doch  erwarten  würden,  nicht  gefunden 
und  begegnet  uns  auf  zeitgenössischen  Denkmälern  zuerst  in  den 
Inschriften  des  Dareios  (Katpatuka).  In  der  Geschichte  kommt  er 
zuerst  im  Jahre  546  bei  der  Erzählung  vom  Sturze  des  lydischen 
Reiches  durch  Kyros  vor  (Her.  1,  71  f.).  Die  Hauptfestung  des 
Landes  war  damals  Pteria  in  der  Nähe  von  Sinope4),  das  man 


*)  So  dürften  die  vielgequälten  Worte  des  Nepos  Dat.  1:  pater 
eius  Camisares  .  .  .  habuit  provinciam  partem  Ciliciae 
iuxta  Cappadociam,  quam  incolunt  Leucosyri  am  wahr- 
scheinlichsten zu  interpretieren  sein  {gegen  Ed.  Meyer,  Gesch.  des 
Königreichs  Pontos  S.  27  und  diese  L  ntersuchungen  I  S.  9).  Kilikien 
am  Argaios  bildete  in  der  That  einen  Teil  der  Satrapie  Kilikien  und 
lag  neben  dem  von  den  „Leukosyrern*  bewohnten  Kappadokien 
nördlich  von  Kataonien  und  besonders  im  Iris-Tal. 

*)  Strab.  iß  1,  2  p.  534. 

3)  Vgl.  Th.  Reinach,  Trois  royaumes  de  l'Asie  mineure  p.  18. 

«)  Her.  1,  76:  i]  dl  üxsgiri  toxi  x^g  %m^r\s  xavxrp  laxvgoxccxov, 
%arä-£iv mit noltv  xty  iv  Ei^tlva  Ttovxtp  xy  x«tfirfvij. 


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108 


J.  AUrquart. 


fälschlich  in  den  Ruinen  tob  BoghSz-kfti  gesucht  hat  Die 
Stadt  mnss  aber  viel  nördlicher  und  nicht  allzuweit  von  der 
Halysmündung  gelegen  haben.  Th.  Bei  nach  glaubt,  Pteria  sei 
in  der  Umgebung  von  Amaseia  zu  suchen,  das  seinen  Namen 
wahrscheinlich  dem  Kroisos  verdanke,  der  die  Stadt  nach  der 
Eroberung  Kappadokiens  seinem  Bundesgenossen  Amasis  von 
Ägypten  zu  Ehren  benannt  habe.  Die  Landschaft  von  Amaseia 
hiess  rafrwwjvij,  woraus  sich  als  persischer  Name  der  Hauptstadt 
mit  grosser  Wahrscheinlichkeit  Tafcnc«  =  mp.  Oangaki  arm. 
ffaneak  „Schatzhaus*  ergibt1).  Weiter  südöstlich  lag  rb&qw? 
am  Iris,  ein  naXaibv  ßaüUitov  (Strab.  tß  3,  15  p.  547),  die 
Hauptstadt  der  Satrapen  von  Kappadokien  im  4.  Jahrhundert, 
welche  hier  Drachmen  mit  dem  Typus  des  Zeus  von  Graziura 
("tfTd  b*3)  und  aramäischer  Aufschrift  schlugen.  Der  Name  ist 
gebildet  wie  ra^ßa-viou  oder  Garsaura  im  sw.  Kappadokien  und 
Anna- vir  in  Armenien. 

Die  Griechen  der  ältera  Zeit  nennen  die  Kappadoken  £vqiot 
oder  2a>qoi.  Pindar  sagt  von  den  Amazonen  am  Thermodon: 
£vqlov  tvQvctlyyutv  ÖUnov  cxqccxov  (Strab.  t/5  3,9  p.  544),  und 
Sophokles  zählt  nebeneinander  auf  K6l%og  xt  XaldaUg  xt  x«t 
Zvqiov  i&vog  (Steph.  Byz.  s.  v.  XaXdalot).  Xanthos  der  Lyder 
Hess,  wie  wir  aus  Nikolaos  von  Damaskos  ersehen,  Gyges'  Vor- 
fahren Daskyios  II.  vor  den  lydischen  Herakliden  tig  £v$ovg 
robg  iv  tw  JlöVr»  fathQ  Etwbw\g  olxotivtag  fliehen  (Nik.  Dam. 
fr.  48  heiDindo'rf,  Hißt  Gr.  min.  I  82,  6.  8). 

Schon  frühzeitig  werden  die  Kappadoken  als  »weisse  Syrer* 
AtvHOGVQot  bezeichnet,  wie  man  glaubt,  zum  Unterschiede 
von  den  Syrern  in  Mesopotamien  und  dem  Westeuphratgebiete 
(mrw  -O*,  Arbaja)  d.  i.  den  Aramüern.  Diesen  Namen  scheint 
schon  Hekataios  gebraucht  zu  haben  (Steph.  Byz.  s.  v.  Tstqla  und 
Xadiala),  ausdrücklich  bezeugt  ist  er  sodann  für  Ephoros  (Steph. 
Byz.  s.  v.  TißaQavCa,  vgl.  Skymn.  v.  917),  und  auch  Agatharchides 
hatte  ihn  verwandt  (Cur!  6,  4,  17.  Nep.  Dat.  1).  Bei 
den  Spätem  aber,  wie  bei  Strabon,  beruht  er  lediglich  auf 
gelehrter  Überlieferung  und  entbehrt  der  realen  Existenz.  Er 
ist  hier  völlig  synonym  mit  Kappadoken  und  wird  daher  dem 
spätem  politischen  Sprachgebrauche  entsprechend  auch  auf  die 
Kappadoken  am  Tauros  ausgedehnt.  Allein  die  Erklärung  des 
Namens  Aivxoövqoi  als  9 weisse  Syrer"  beruht  lediglich  auf 
griechischer  Volksetymologie :  wäre  derselbe  eine  original  griechische 
Bildung,  so  würde  er  als  Gegensatz  „schwarze  Syrer*  verlangen, 
welche  nicht  existieren2).    Im  ersten  Teil  des  Wortes  steckt 


*)  Vgl.  Th.  Beinach,  Revue  des  Stüdes  grecques  1894,  316 
n.  3.  4. 

*)  Dies  hat  Strabon  sehr  wohl  gefühlt,  weshalb  er  solche 
schwarze  Syrer  konstruiert.   Strab.  iß  8,  9  p.  544:  xal  yuQ  irt  x*i  v*v 


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Untersuchungen 


Geschichte  von  Eran. 


109 


vielmehr  der  Name  eines  Stamme«,  welcher  in  der  alten  Liste 
Her.  7,  72  in  der  Form  Atyveg  zusammen  mit  MrtmjiW, 
Mccptavivvoi  und  £vqioi  genannt  wird.  Awxöovqoi  ist  also 
eigentlich  ein  Kompositum  *=  Afyveg  wul  Zv^sot 1). 

Herodert  7,  68  erklart  Evqioi  als  hellenische  Bezeichnung 
der  Assyrer  (Aoöv^tot)^  und  so  ist  es  erklärlich,  dass  man  auch 
den  Namen  der  pontischen  £vfnot  oder  Hvqoi  von  den  Assyrern 
ableitete.  So  führt  denn  in  der  fälschlich  unter  dem  Namen  des 
Skylax  von  Karyanda  laufenden  Küstenbeschreibung  (Ol.  105  = 
360—656  y.  Chr.)  §  88  die  Küste  vom  Thermodon  bis  Harmene 
den  Namen  ^AaavoUt,  und  dies  wird  dann  von  den  gelehrten 
alexandrinischen  Dichtern  weiter  ausgesponnen  (vgl.  auch  Arrian 
fr.  48.  49  bei  Eustath.  zu  Dionys.  nsQujy.  772.  378).  Häufig  be- 
gegnet insbesondere  die  Angabe,  dass  Sinope  in  Assyrien  liege. 
Dies  sind  aber  zweifellos  lediglich  gelehrte  Kombinationen,  ans 
dem  lebendigen  Gebranch  war  der  Name  längst  geschwunden*). 

Aus  Herodots  Darstellung  1 ,  72  geht  deutlich  hervor ,  dass 
Kannadoxai  {Katpatuka)  der  seit  der  persischen  Eroberung 
bekannt  gewordene  persische  Name  des  Volkes  war,  und  dieser 
hat  seit  dem  Ende  des  5.  Jahrhunderts  die  ältere  griechische 
Bezeichnung  Evqioi  völlig  verdrängt8).  Da  aber  der  Name 
'AggvqIcc  oder  vielmehr  EvqIoc  später  vorwiegend  gerade  an  der 
Gegend  von  Sinope  haftete,  so  wird  diese  Thatsacbe  nur  so 
erklärt  werden  können,  dass  die  griechischen  Kolonisten  von 
Sinope  den  Namen  eines  ihnen  zunächst  wohnenden  Kusten- 
stammes  auf  die  weiter  im  Binnenlande  wohnenden  gleichartigen 
Stämme  oder  Gaue  übertrugen*),  ein  Vorgang,  der  sioh  ja  fort- 


Atvxöovgot  xaXovvrcci  (oi  KuTtnudoxtg),  Evotov  xal  rüv  f£<»  roD  TavQOv 
Xtyott^vojv  xeexet  Si  ri}v  itobg  roirc  ivxbg  xoü  Tccvqov  aJrptQiGiv,  ixeivav 
txixtMuviitvcov  xijv  %q6clv  xtyhxtav  dh  firj,  toia4xi\v  rfjv  ijtmw^ucv 
ytvlofrui  avvißt].  tS  1,2  p.  737 :  ol  yoüv  KccnndSoxtg  ajupöre^oi, 
ot  xt  itobg  tco  Tcc4oa>  xal  ol  itobg  t«5  JTdvra»,  ^4%oi  p$v  Atvx6ovooi 
xtdo&raa,  &g  bvxmv  xtv&v  Ztiotov  xal  y^Xdvtav  ohxoi  b*  $ialv  ol 
ixtbg  toQ  Tcc4qov. 

l)  Man  höre  dagegen  Winckler,  Altor.  Forsch.  I  462:  ,in 
Kappadokien,  das  nach  altem  babylonischem  wie  späterem  (EvqoC) 
Sprachgebrauch  mit  unter  den  begriff  Suri  fiel,  finden  Bich  die 
AivxoovQOt-  das  sind  keine  „weissen  Syrer*  —  schon  Strabo  meint, 
es  gäbe  ja  doch  keine  schwarzen  —"es  ist  die  LuWabevölkerung 
von  Suri*. 

*)  Vgl.  Nöldeke,  'AcavQiog,  üvqio^,  2voog.   Hermes  V  (1871),  443  fF. 

*)  Ktesias  braucht  nur  mehr  den  Namen  Kaititaöoxui ,  kann  sich 
aber  doch  von  der  altern  Vorstellung,  dass  die  kappadokische  Küste 
von  Syrern  bewohnt  gewesen  sei,  nicht  völlig  emanzipieren  und  lässt 
daher  den  Sardanapal  seine  Kinder  su  dem  Statthalter  Kottas  von 
Paphlagonien  in  Sicherheit  bringen  (Diod.  2,  26,  8.  Athen,  iß  38 
p.  529  b,  wo  cfc  Nlvov  auf  Verwechslung  beruht  für  *fc  ZkvAmrp  oder 
tig  n.u<piayopiun). 

4)  Früher  dachte  man  an  eine  assyrische  Oberherrschaft  ober 


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110 


J.  Marquart, 


während  wiederholt  und  dem  eine  ganze  Menge  von  Völkernamen 
ihren  Ursprung  zu  verdanken  hat  Katpatuka  muss  dann  ur- 
sprünglich der  Name  des  am  weitesten  nach  Osten  gelegenen 
Gaues  gewesen  sein.  Einen  Fluss  Cappadox  kennt  die  Karte 
des  Castorius  Segm.  XI  3  (und  daraus  der  Anonymus  von 
Ravenna  II  15  p.  90,  2)  als  rechten  Nebenfluss  des  Euphrat 
zwischen  Samosata  und  der  Singa-brücke  (arab.  x^u*  y*z>)  in 
Kommagene.    Es  ist  der  heutige  Gök-su1). 

H.  Winckler  sucht  zu  beweisen,  dass  das  Gebiet  nördlich 
vom  Halys,  sowie  die  Landschaften  im  Norden  des  rauhen  Kilikien 


diese  Gebiete,  die  sich  aber  bei  genauerer  Prüfuug  der  assyrischen 
Inschriften  als  unhaltbar  herausgestellt  bat.  Auch  die  neuerdings 
gefundenen  assyrischen  Keilschrifttafeln  aus  der  Gegend  von  Kaisäriie 
können  daran  nichts  ändern,  da  die  Landschaft  von  Kaisärije  gerade 
nicht  zum  Gebiete  der  Evqioi  gehörte.  Winckler  bringt  den  Namen 
mit  dem  babylonischen  Ländernamen  Suri  zusammen,  welcher  in 
altbabylonischer  Zeit  (besonders  in  dem  sogenannten  astrologischen 
Werke,  das  aus  der  Zeit  des  Königs  Sargon  von  Agade  um  2700  v.  Chr. 
stammen  will)  und  in  der  archaisierenden  Sprache  Nabünäids  die 
Länder  im  Norden  von  Babylonien  zu  bezeichnen  scheint  und  bei 


wird  Suri  immer  mit  Ansau  (Susiana)  zusammen  genannt,  wie  aber 
Winckler  daraus  ableiten  will,  dass  auch  Kappadokien  „nach  altem 
babylonischem  wie  späterem  {Evqoi)  Sprachgebrauch  mit  unter  den 
begriff  Suri  fiel"  (Altor.  Forsch.  Heft  5,  462),  wird  andern  ebenso  schwer 
begreiflich  sein  wie  mir.  Wenn  Winckler  ferner  schreibt:  „Anzan 
u  Suri  entspricht  den  ländern  von  Medien  bis  nach  Klein -Asien 
hinein  [von  mir  gesperrt],  nördlich  vom  gebiete  der  babylonischen 
kultur  und  südlich  von  Gutium.  also  etwa  entsprechend  dem  spätem 
Mederreich,  das  hier  einen  uralten  Vorgänger  hat.  es  hat  Syrien 
den  namen  gegeben,  identisch  damit  ist  es  nicht,  mit 
Assur  hat  weder  Syria  noch  Suri  etwas  zu  thun*  [von  mir 
gesperrt],  so  wird  man  dieses  Orakel  nur  mit  Kopfschütteln  lesen  können. 
In  dem  krampfhaften  Bestreben,  die  Welt  durch  immer  verblüffendere 
Behauptungen  in  Atem  zu  erhalten,  Ubertrifft  also  Winckler  die 
etymologischen  Spielereien  der  Alexandriner  bei  weitem.  Trotz  aller 
pseudohistorischen  Kombinationen  schimmert  bei  diesen  doch  immer 
wieder  die  Thatsache  hindurch,  dass  der  Name  Zvqioi  von  der  Küste 
von  Sinope  ausgegangen  ist. 

')  S.  Wil  h.  Tomaschek ,  Historisch-Topographisches  vom  oberen 
Euphrat  und  aus  Ost-Kappadokien.  Festschrift  nir  H.  Kiepert  S.  142  f. 
Vgl.  Plin.  h.  n.  6,  6:  nunc  est  colonia  Sinope  a  Cytoro  CLXIHI. 
flumen  Varecum,  gens  Cappadocum,  oppidum  Caturia  Zaceplum  etc. 
Hier  werden  die  Cappadoces  also  in  die  Nähe  des  Iris  bezw.  von  Sinope 
verlegt.  Mit  seiner  Angabe  6,  9 :  Cappadociae  pars  praetenta  Armeniae 
maiori  Melitene  vocatur,  Commagenis  Cataonia,  Phrygiae  Gassauritis, 
Sargaurasana,  Cammaneni,  Galatiae  Morimene,  ubi  disterminat  eas 
Cappadox  omni*,  a  quo  nomen  traxere  antea  Leucosyri  dicti  ist  nicht 
viel  anzufangen.  Denn  wenn  der  Kappadox  Morimene  und  Galatien 
trennt,  so  kann  mit  demselben,  schon  wegen  der  Bezeichnung  amnis, 
nur  der  Halys  gemeint  sein,  nicht  etwa  der  in  den  Tuz-gjöl  mündende 
Fluss  von  Aq-serai  oder  der  von  Koc  Hicär. 


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Untersuchungen  lur  Geschichte  ron  Eran.  Hl 


vielleicht  mit  Einschluss  von  Lykaonien  zur  Zeit  Sargons  (von 
717  bis  etwa  707)  in  der  Hand  des  Königs  Mitä  von  Muski 
waren1).   Das  wäre  also  genau  das  Land  der  Matiener  oder  viel- 
mehr die   spatere   Satrapie  Kappadokien,  die  auch  noch  die 
Landschaften  Morimene,  Garsauritis  und  Tyanitis  südlich  vom 
Halys  umfasste*).    Freilich  will  Winckler  jenen  König  auch 
noch  mit  Phrygien  ausstatten  und  in  ihm  den  König  Mtöag  von 
Phrygien  sehen,  der  nach  Strab.  a  3,  21  p.  61  (aus  Poseidonios) 
bei  einem  Einfall  der  Kimmerier  sich  durch  Trinken  von  Stierblut 
getötet  haben  soll.    Allein  diese  Identifikation  würde  zugleich 
die  der  Muski  mit  den  Phrygern  voraussetzen  und  den  Schwer- 
punkt des  phrygischen  Reiches  von  den  Städten  des  Gordios  und 
Midas  nach  Pteria  bezw.  Üjük  und  Boghaz-köi  verlegen,  was 
allem  widerspricht  was  uns  über  die  Geschichte  jenes  Reiches 
überliefert  ist.    Winckler's  Hypothese  von  der  Gründung 
des  phrygischen  Reiches  durch  die  vom  Euphrat 
nach  Westen  gedrängten  Muski  wird  wohl  ausserhalb 
seiner  engeren  Gefolgschaft  nicht  viele  Gläubige  finden.  Wenn 
wir  zur  Zeit  Tiglatpilesers  I.  (um  1020  v.  Chr.  nach  Lehmann) 
Scharen  eingedrungener  Muski  in  Qummuch  am  Euphrat  antreffen 
—  der  König  schätzt  ihre  Zahl  auf  20  000  Mann  —  die  aber 
von  Tiglatpileser  vernichtet  wurden,  und  erst  unter  Sargon  Muski 
am  Halys  begegnen,  so  wird  dies  ähnlich  zu  beurteilen  sein  wie 
bei  den  östlichen  und  westlichen  Matienern,  nur  dass  bei  diesen 
die  Hauptmasse  weit  nach  Osten  vorgedrungen  war,  während  bei 
den  Muski  der  Kern  des  Volkes  noch  weit  im  Westen  stand, 
und  nur  einige  Gefolgschaften  als  Wikinger  bis  zum  Euphrat 
vorgedrungen  waren,  ganz  wie  bei  den  Germanen  während  der 
Völkerwanderung.    Die  Muski  hätten  dann  mit  den  kaukasischen 
M6<J%oi  wohl  nichts  zu  thun  und  Josephos  behielte  gewissermassen 
Recht,  wenn  er  die  yon  der  Bibel  mit  den  Kappadoken  gleich- 
setzt31), obwohl  sein  Grund,  der  Namensanklang  von  -patt  an 
Mafaxa  schon  darum  hinfällig  ist,  weil  Mazaka  gerade  nicht  zum 
ursprünglichen  Kappadokien  gehörte. 

Die  weitern  Schicksale  des  Reiches  der  Muski  sind  uns  bis 
jetzt  nicht  bekannt.  Teile  des  Gebietes  nördlich  vom  Halys 
werden  späterhin  Kkallü,  dem  König  von  Tabal,  und  dann 
Mukallu,  dem  Begründer  des  kilikischen  Reiches,  gehorcht  haben. 
Allein  dasselbe  war  naturgemäss  den  Einfällen  und  Verheerungen 

»)  Altoriental.  Forsch.  II.  Reihe  Bd.  I  Heft  3,  131  ff. 

«)  Wenn  wir  umgekehrt  bei  Winckler  S.  186  lesen,  dass  die 
Grenze  von  Muski  „also  von  Norden  nach  Slideu  um  das 
spätere  Kappadokien  herumläuft",  so  ist  dies  wieder  ein 
Beweis  für  die  leider  so  häufige  Flüchtigkeit  des  allzu  produktiven 
Verfassers. 

»)  Jos.  &q%.  a  §  125.  Philostorg.  hist.  eccl.  9,  12.  Vgl.  Ramsay 
a.  a.  O.  303. 


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I 

112  J-  Marquart, 

der  Kimmerier  (Gimirräja)  und  Skythen  in  viel  höherem  Masse 
ausgesetzt  als  das  Reich  Kilikien.  War  ja  doch  das  Hauptlager 
der  Kimmerier,  welche  ich  als  Verwandte  4er  JZavQOptxutt 
ywuixoxQccTovfi-Bvoi  betrachte  (vgl.  Diod.  ß  45,  1),  bei  Themiskyra 
am  Thermodem,  und  ihre  Herrschaft  niuss  doch  nachhaltige 
Spuren  hinterlassen  haben,  wenn  noch  die  christlichen  Armenier 
im  5.  Jh.  ganz  Kappadokien  mit  dem  Namen  Gamirk'  .Kimmerier* 
nennen1).  Die  Skythen  aber  (assyr.  As-g*-za-aia %)  oder  A6-ku> 
f»4|a  d.  i.  Aäcugaia  mm  iran.  *Skuva,  hebr.  t»»»  für  roa»), 
die  Besieaer  der  Gimiräia.  betrachteten  sich  als  Rechtsnachfolger 
derselben,  bis  sie,  als  sie  den  Assyrern  gegen  die  Koalition  der 
Meder  und  Babylonier  zu  Hilfe  kommen  wollten,  von  Kyaxares 
aufs  Haupt  geschlagen  wurden  (um  607).  Nach  dem  Falle 
Ninives  aber  fiel  das  bisher  von  den  Skythen  beherrschte  Gebiet 
bis  zum  Halys  ohne  weiteres  den  Niedern  an  heim. 

Wie  diese  das  neue  Gebiet  organisierten,  darüber  wissen 
wir  nichts.  Nach  dem  Sturze  des  Astyages  waren  die  Perser 
die  Rechtsnachfolger  der  Meder  geworden,  und  Kyros  war  nicht 
gewillt .  auf  eines  seiner  Rechte  zu  verzichten.  Als  Kroisos  sich 
anschickte .  sich  des  herrenlosen  Landes  zu  bemächtigen .  fand  er 
denn  auch  Widerstand,  obwohl  Herodot  anzudeuten  scheint,  dass 
die  Kappadoken  selbst  nur  gezwungen  sich  daran  beteiligten8). 
Das  Land  oder  der  modische  Statthalter  desselben  scheint  sich 
demnach  alsbald  nach  Astyages'  Sturze  dem  Kyros  freiwillig 
unterworfen  zu  haben.  Jedenfalls  setzt  die  Erzählung  Herodots 
voraus,  dass  beim  Anmärsche  des  Kroisos  ein  Statthalter  des 
Kyros  daselbst  gebot.  Nach  der  Niederwerfung  des  lydischen 
Reiches  fassten  die  Perser  sämtliche  Länder  von  der  Grenze 
Kleinarmeniens  bis  zum  Hellespont,  welche  bei  ihrer  Eroberung 
keine  selbständige  staatliche  Existenz  mehr  besassen .  zu  einem 
einzigen  Verwaltungsgebiete  zusammen  und  unterstellten  es  einem 
Satrapen,  der  seinen  Sitz  in  Daskyleion  am  Hellespont  hatte  und 
auch  die  Oberaufsicht  über  den  Dynasten  von  Paphlagonien  führte. 
Der  Grieche  nannte  es  deshalb  die  daskylitische  Satrapie,  die 


*)  Die  armenische  Form  Gamirk1  setzt  nicht  die  im  gr.  KifiadgiOL 
und  in  der  gewöhnlichen  assyrisch -babylonischen  Form  Gimirräja 
vorliegende  Namensform  mit  /  in  der  ersten  Silbe  voraus,  sondern  eine 
solche  mit  o  in  erster  Silbe,  die  in  der  That  auch  im  Assyrischen  als 
mät  (ia-mir  (schon  unter  Sargon)  erscheint.    Vgl.  P.  S.  B.  A.  1895, 

p.  222.  226.  Das  Ta^p  =  "1733  der  O  hat  längst  de  Lagarde 
verglichen. 

J  Vgl.  H.  Winckler,  Altor.  Forech.  VI,  484 ff.  Ich  glaube 
den  Namen  der  Aakucäia  noch  in  dem  tanaitischen  Personennamen 
JLxo£oe  Latyscbeff  lf  404  wiederzuerkennen  (oben  S.  79  Anm.  4). 
Der  Name  der  in  Kleinasien  zuerst  bekannt  gewordenen  Sxv&ai  ist 
erst  von  den  Milesiern  auf  die  gleichartigen  pontischen  2x6Xo-xoi  über- 
tragen worden. 

3)  ZvQiovg  rt  oidlv  iopxag  akiovg  avaarctxovs  ixoir\os  Her.  1,  76, 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


113 


*•  Perser    nach    dem   ihnen   zuerst   bekannt  gewordenen  Gebiete 

Katpatuka.  Es  versteht  sich  von  selbst,  dass  dieses  weite  Gebiet 
zum  Zwecke  der  Verwaltung  wieder  in  kleinere  Distrikte,  so- 
genannte Hyparchien,  zerlegt  werden  musste. 

Bei  Ktesias  (Pers.  ecl.  16)  begegnet  uns  zum  erstenmal  ein 
Satrap  von  Kappadokien,  Ariaramnes,  der  unter  Dareios  I.  eine 
Bekognosziernngsfahrt  nach  dem  Skythenlande  gemacht  haben  soll. 
Derselbe  ist  indessen  höchst  wahrscheinlich  nur  aus  der  Zeit  des 
Verfassers  in  die  Vergangenheit  projiziert,  und  wir  werden 
sicherer  gehen  mit  der  Annahme,  dass  dieser  Satrap  erst  etwa 

►  unter  Dareios  II.  gelebt  hat,  und  Kappadokien  erst  um  diese 

Zeit  zu  einer  besondern  Satrapie  erhoben  wurde  *).  Die  Erzählung 
des  Ktesias  zeigt  den  Satrapen  noch  im  Besitz  der  pontischen 
Küste,  die  im  Jahre  401  den  Persern  verschlossen  war.  Aus 
Anab.  1 ,  2 ,  20  erfahren  wir ,  dass  das  Gebiet  von  Java  d.  i. 
Dvana  =  Tvava,  assyr.  (Ethnikon)  2unäja(?)2)  zu  Kappadokien 
gehörte,  und  im  Epilog  der  Anabasis  wird  Kappadokien  und 
Lykaonien  als  eine  Satrapie  betrachtet,  als  deren  Satrap  Mithridates, 
wahrscheinlich  der  Freund  des  Kyros  (Anab.  2,5,  35.  3,  3,  2.  4. 
6.  3,  4,  2)  genannt  wird.  Ausser  dem  Gebiete  der  Matiener,  das 
wahrscheinlich  die  Strategie  Morimene  südlich  vom  Halys  ein- 
schloss,   umfa88te  Kappadokien  jetzt   also   noch  einen  weitern 

5»  Landstrich  im  S.  des  Flusses,  der  im  W.  von  der  Salzwüste 

Axylos,  im  S.  und  0.  vom  Königreich  Kilikien  begrenzt  wurde. 
Es  sind  die  spätem  Strategien  Garsauritis  und  Tyanitis.  Dass 
aber  diese  auch  noch  in  späterer  Zeit  eine  gewisse  Sonderstellung 
einnahmen ,  beweisen  einige  Kupfermünzen ,  besonders  zwei  des 
kappadokischen  Fürsten  Ariaramnes  (APIAo).  Allein  diese  Gebiete 
haben,  wie  wir  oben  sahen,  wahrscheinlich  bereits  dem  Könige 
Mit!  von  Muski  gegen  Ende  des  8.  Jhs.  v.  Chr.  gehorcht. 

Wir  sehen  somit,  dass  das  Gebiet  nördlich  vom  Halys  ein- 
schliesslich der  Landschaften  Morimene,  Garsauritis  und  Tyanitis 
im  S.  des  Flusses  und  die  Länder  südlich  des  Halys  oder  das 
Königreich  Kilikien  mindestens  vom  letzten  Viertel  des  8.  Jahr- 
hunderts bis  tief  ins  3.  Jh.  v.  Ch.  hinein  eine  getrennte  politische 

r  Entwicklung  durchgemacht  haben.   Wenn  daher  Strabon  berichtet: 

x^v  61  Kanrcaöoidav  tlg  6vo  aaxoaittCag  ptqia^tusav  intb  x&v 
TIiQöatv  naqakaßovxtg  Ma%$66vtg  ittoui6ov  xcc  piv  ix6vxeg  xa  d' 
unovxtg  tlg  ßaöiXsUtg  avxl  öaxQanHÖbv  ntoioxacav.  cSv  t^v  piv 
16 log  KaicitaSordav  &v6(juz6av  xal  nobg  tq>  Tavqm  xal  Jla 
(t£yaXr}v  Kcntita6o%lav ,  ot  61  x^v  itgbg  x&  II6vxat  Kanna6oxlav9)y 
so  ist  diese  Behauptung  streng  historisch  falsch.   Die  Übertragung 


»)  Vgl.    J.   Marquart,    Die  Assyriaka    des  Ktesias.  PhUol. 
8uppl.  Bd.  VI,  2.  8.  627. 

•)  Tigl.  Pil.  III  Ann.  53.   K.  B.  II  81. 
•)  Strab.  iß  1,  2  p.  533. 


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114 


J.  Marquart, 


des  Namens  Kappadokien  auf  das  sog.  „ eigentliche"  oder  Gross- 
kappadokien  (richtiger  Neukappadokien) ,  dessen  Mittelpunkt  die 
durch  Datames  mit  Kappadokien  vereinigte,  ehemals  zu  Kilikien 
gehörige  Landschaft  Kilikien  am  Argaios  bildete,  beruht  darauf, 
dass  die  Dynastie  des  Datames  nach  der  Katastrophe  Ariarathes 
I.  (822  v.  Ch.)  sich  hier  eine  neue  Herrschaft  gründete,  während 
Alt-Kappadokien  am  Pontos  von  der  Dynastie  der  Pharnaspiden 
von  Kios  okkupiert  wurde.  Es  liegt  aber  Strabons  Angabe  die 
richtige  Thatsache  zu  Grunde,  dass  das  „ eigentliche"  oder  Neu- 
Kappadokien  aus  lauter  ehemaligen  Gebieten  des  alten  Königreichs 
Kilikien  gebildet  war,  während  Kappadokien  am  Pontos  der  alten 
Satrapie  Kappadokien  entsprach.  Darauf  deuten  vielleicht  auch 
seine  Worte:  xai  ^  KccmzadoKlcc  <f  fori  nokviUQijg  xi  xcci  ov%vag 
StSey (tivrj  (xetecßoXdg1). 


')  Diodor  31, 19  kennt  bekanntlich  eine  lange  Reihe  von  Königen 
Kappadokiens,  die  angeblich  schon  in  achaimenidischer  Zeit  regiert 
haben  sollen,  mit  folgendem  gefälschtem  Stammbaum: 

>- 

1.  QaQvuxTis  "Axooaa  Kambyses 

,       ~  I 

2.  rcdlog  Kvros 

I  , 

3.  Zuitfig 

4.  'AQTdnvT)9 

5.  'Avayäg  ä,  einer  der  7  Perser 

6.  AvayCtg  8 


7.  JardyLf]<s  *AQtfivatog 

8.  'AQidiivTig  50  J. 


9.  'AQUtQocfrrig  a  'Oioqp^rrjg,  Heerführer  in  Ägypten 

unter  Ochos 

■  

10.  'AniMQäd"r\g  ßy  adoptiert  'Ayoar\g 

von  seinem  Oheim 

11.  'AQicvvris     2  Söhne 

12.  'AQutQa&rig  y,  Gem.  Stratonike,  T.  des  Antiochos  n.  Theos  a.  257. 

Dieser  Stammbaum  ist  bereits  in  diesen  Unters.  I  1—28  analysiert 

worden.  Dazu  ist  noch  hinzuzufügen,  dass  Sisines  ("^nn),  des  Datames 

Sohn,  und  sein  mütterlicher  Grossvater  Mt#eopa?£avt]s  (lies  Mi&qo- 

ßov£dvt)gy  "»maUTO;  vgl.  über  beide  Namen  diese  Unters.  1  68f.  und 
meine  Fundamente  israelitischer  und  jüdischer  Geschichte  S.  51 — 54) 
auch  vom  Verfertiger  der  Korrespondenz  zwischen  Sisines,  dem 
Satrapen  von  *Abar  Nahrä,  und  Dareios  (Ezrä  5,3—6,13),  die  in 
einem  Erlass  des  Dareios  zu  gunsten  der  Juden  gipfelt,  verwandt 
worden  sind.  Der  Verfasser  konnte  selbstverständlich  den  zu  seiner 
Zeit  Uber  'Abar  Nahra  waltenden  Satrapen  Mazdai  nicht  brauchen, 
er  sich  nicht  verraten  wollte,  und  so  griff  er  zum  Satrapen 
idokiens,  den  er  in  die  Zeit  Dareios'  I.  verlegte  und  zum  Satrapen 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  H5 

Über  die  ethnographischen  Verhältnisse  von  Kappadokien 
berichtet  uns  Strabon,  dass  das  ganze  Gebiet,  welches  im  S.  vom 
küikischen  Tanros,  im  0.  von  Armenien  und  Eolchis  und  den 
dazwischenliegenden  fremdsprachigen  Völkerschaften,  im  N.  vom 
Schwarzen  Meere,  im  W.  von  den  Paphlagonen,  Galatern,  Lyka- 
onern  und  den  Einwohnern  des  rauhen  Eilikiens  begrenzt  werde, 
von  einer  gleichsprachigen  Bevölkerung  bewohnt  war.  Kai 
avx&v  61  rdbv  Spoylmxxcov  —  so  fahrt  er  fort  —  ot  rcukaiol  xovg 
Kaxaovag  xaO'  ccdxovg  txaxxov ,  avxtductQovvxeg  xotg  KccTtntddo^iv 
&g  ixtQOtdvici ,  tucI  iv  t]J  diccgiAtu  ijast  x&v  iöv&v  Luxct  rr^v 
KaitTtadonlctv  ixfösoccv  v^v  KaxaovCuv ,  tXxct  xbv  E/vcpQaTriv  xccl  xct 
xfyuv  t&vri,  &<SXi  xal  t^v  Mskixr\v}\v  inb  xy  KaxaovCa  xaxxuv,  j) 

von  *  Abar  Nahrä  machte.  Die  ganze  Korrespondenz  ist  also  im  4.  Jh. 
gefälscht.  Wollte  man  dennoch  einen  echten  Kern  derselben  annehmen, 
ao  wäre  man  zu  der  Hypothese  gezwungen,  dass  im  ursprünglichen 
Texte  der  richtige,  aus  einer  Keilschrifttafel  vom  16.  TaSrit  des  3.  Jahres 
des  Dareios  bekannte  Name  des  damaligen  Satrapen  von  Babylon  und 

'Abar  Nahrä,  iniDK*  =  babyl.  Ui-ta-an+u  (KB.  IV  S.  804/5)  d.  i.  ap. 
Uitäna  gestanden  habe,  den  der  Uberarbeiter  nicht  verstanden  und  in 
den  Namen  des  zu  seiner  Zeit  regierenden  Satrapen  von  Kappadokien 

^3Pn  geändert  hätte.  Mithrobuzanes ,  des  Datames  Schwiegervater, 
welcher  dessen  Reiterei  befehligte,  gieng  in  einem  schwierigen  Feldzug 
mit  seinen  Truppen  zum  Feinde  Uber,  allein  Datames  setzte  ihm  nach 
and  wusste  es  aurch  ein  geschicktes  Manöver  zu  bewerkstelligen ,  dass 
die  Feinde  sich  von  den  Überläufern  verraten  glaubten  und  nun  auch 
ihrerseits  auf  sie  einhieben.  So  zwischen  zwei  Feuer  geraten,  erlitten 
die  Verräter  trotz  aller  Tapferkeit  gewaltige  Verluste,  und  mehr  als 
10000  sollen  die  Walstatt  bedeckt  haben  Darauf  liess  Datames  durch 
Trompetensignal  seine  Soldaten  von  der  Verfolgung  zurückrufen. 
Von  den  übrig  gebliebenen  Reitern  zog  sich  ein  Teil  zu  Datames 
zurück  und  erbat  Verzeihung,  die  übrigen  aber  verhielten  sich  abwartend, 
da  sie  nicht  wussten,  wohin  sie  sich  wenden  sollten,  und  wurden 
zuletzt,  gegen  500  Mann  stark,  von  Datames  umzingelt  und  nieder- 
geschossen (Cornel.  Nepos,  Dat.  6.  Diod.  15,  91).  Nach  Diodor  erfolgt 
der  Abfall  des  Mithrobuzanes  in  dem  Kriege  gegen  des  Königs 
Feldherrn  Artabazos ,  nach  Nepos  dagegen  in  einem  Feldzuge  gegen 
die  aufrührerischen  Pisider,  die  bereits  des  Datames  Sohn  Arsideus 
getötet  hatten.  Das  nächstliegende  wäre  nun  anzunehmen,  dass  Mithro- 
buzanes bei  seinem  vereitelten  Verratsversuche  gefallen  sei,  allein 
weder  bei  Diodor  noch  bei  Nepos  findet  sich  eine  ausdrückliche  Angabe 
über  sein  Schicksal.  Dagegen  schliesst  sich  bei  Nepos  unmittelbar  an 
den  Verratsversuch  des  Mithrobuzanes  die  Erzählung  vom  Abfall  des 
Sysinas,  des  ältesten  Sohnes  des  Datames.  Ich  halte  es  deshalb  für 
möglieh,  da*K  Mithrobuzanes  begnadigt  worden  oder  entkommen  ist 
und  sein  Enkel  Sisines  mit  ihm  gemeinschaftliche  Sache  gemacht  hat. 
Dass  dieser  zum  Lohn  für  seinen  Verrat  später  die  Satrapie  seines 

Vaters  erhielt,  wird  durch  die  Münzen  mit  der  Legende  100 
-»  inoirjae  Ltoivrfi  bewiesen.  Der  ebenfalls  durch  Münzen  mit  aramäischer 
Aufschrift  bezeugte  Ariarathes  I.  (rnvut)  kann  nicht  etwa  ein 
Bruder  von  ihm  sein,  sondern  gehört  derselben  Generation  an  wie 
Datames,  da  er  im  J.  404  geboren  ist.  Er  wird  also  ein  Schwager  des 
Datames  sein. 

8* 


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116 


J.  Marquart, 


futa^v  xttxai  rennt)  g  xt  %ai  rov  Ev<pQctxov  awdnxovaa  xy  Kofi- 
furyrjvy  ....  oüxs  ö1  ix  xr)g  SuxXhxov  Suxcpoyäg  xtvog  iv  xovxoig 
nqbg  xovg  üXXovg  Kccmtddoxag  ix(paLVO{Uvf\g  ofat  Ix  x&v  &XX<ov 
i&v&v  &avpa6xbv  n&g  r}<pduiöxcu  xtXitog  xä  arjfuta  xrjg  aXXoe&vlag ,). 
Das  Richtige  ist  vielmehr,  dass  die  Namen  Kaxdoveg  und 
Kcatnddoxtg  nur  Gau- ,  nicht  Völkernamen  sind.  Da  diese 
Stamme  aber  so  lange  Jahrhunderte  hindurch  eine  getrennte 
politische  Existenz  fährten,  so  kann  ihre  ethnologische  Einheit 
nicht  ein  Produkt  der  politischen  Entwicklung  sein,  sondern  muss 
bereits  vor  dem  Ende  des  8.  Jhs.  bestanden  haben.  In  dieser 
Zeit  treffen  wir  aber  sowohl  nördlich  wie  südlich  vom  Halvs 
das  Volk  der  Tabal  oder  Tibarener,  deren  Name  sich  in  späterer 
Zeit  freilich  nur  im  äussersten  Norden  und  Süden8)  des  einst 
von  ihnen  besetzten  Gebietes  erhalten  hat  Mit  grösserer  Be- 
rechtigung dürfte  man  demnach,  wie  es  scheint,  die  Bevölkerung 
der  beiden  Kappadokien  unter  dem  Namen  Tabal  oder  Tibarener 
zusammenfassen 8).  Freilich  wissen  wir  über  die  ethnographische 
Stellung  der  letztern  sehr  wenig;  die  von  ihnen  berichtete 
Männercouvade 4)  zeigt  nur  soviel,  dass  sie  noch  auf  einer  sehr 
niedern  Kulturstufe  stehen  geblieben  waren.  Auch  die  von  de 
L  a  g  a  r  d  e  zusammengestellten  kappadokischen  Glossen  lehren  uns 


Mit  Hilfe  der  Bruchstücke  der  Historiker,  besonders  bei  Cornelius 
Nepos,  und  der  Münzen  liisst  sich  demnach  etwa  folgendes 
der  Satrapen  von  Kappadokien  in  persischer  Zeit  herstellen: 


Korjrlas, 
Dynast  von 
Paphlagonien 


ÖTVi 

I 

Thuys 


Scythissa  Camisares. 

Hyparch  von  Küikien 
am  Argaios 


1.  'AQUCQ(tlLV1]g  I. 

um  410?  (Ktes.) 

2.  Mifroidaxris 
401  (Xen.) 


3.  Datames  (TO-nn) 
Satrap  von  Kappadokien,  f  362 


4.  Sysinas  ("JOO,  "Onn,  Arsideus^ 
ZieivTjs)     f  um  368 


I 


280. 


Tochter    5.  AQiaQÜ&T}C  ä 

(p-iv-in)  404— 
322,  mit  seiner 
ganzen  Familie 
 *  gekreuzigt 

Mt&Qoßovtärrig, 
f  334 


6.  'AQutQ(x&j]g  ß  802 — ( 
')  Strab.  iß  1,  1.  2  p.  533. 

*)  Noch  Cicero  (ad  fam.  15,  4)  erwähnt  die  Tibarani  als  ein 
wildes  Bergvolk  in  der  Nähe  der  Eleutherocilices. 

■)  Vgl.  Ed.  Meyer,  Gesch.  des  Königreichs  Pontos  S.  14. 
Geizer,  Kappadokien  und  seine  Bewohner.  AZ.  1875,  14 — 26. 
Schräder,  Keilinschriften  und  Geschichtsforschung  155 — 162. 

«)  Apoll.  Rhod.  B  1011  ff.   Zenob.  paroem.  5,  35. 


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i 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


117 


r  über  den  Charakter  der  kappadokischen  Sprache  so  gut  wie 

nichts.  Von  viel  grösserer  Wichtigkeit  für  die  Feststellung  der 
ethnologischen  Zugehörigkeit  der  „  Kappadoken  *  wäre  die  Be- 
antwortung der  Frage,  in  welchem  Verhältnis  die  Tabal  zu  den 
Chettitern  stehen,  deren  Reich  im  zweiten  Jahrtausend  sich  ohne 
Zweifel  bis  in  die  Halyslandschaften  erstreckt  hat.  Gerade  in 
Kataonien  hat  sich  ja  eine  ganze  Reihe  der  sog.  chettitischen 
Inschriften  gefunden,  wenn  sie  auch  in  Alt- Kappadokien  — 
abgesehen  von  Boghaz-köi  und  Üjük  im  Matienergebiet  —  bis 
jetzt  völlig  fehlen.  Waren  die  Tabal  etwa  ein  eingedrungenes 
Eroberervolk,  das  sich  als  wenig  zahlreicher  Herrenstand,  als 
eine  Art  Kriegsadel  inmitten  einer  allophylen  altchettitischen 
Bevölkerung  bis  ins  7.  Jahrhundert  behauptete,  ähnlich  wie  die 
Chettiter  in  den  nordsyrischen  Staaten?  Dann  würde  sich  sehr 
leicht  erklären,  dass  die  Tabal  im  grössten  Teile  von  Kappadokien 
schon  zur  Zeit  Ezekiels  spurlos  verschwunden  sind  (Ez.  32 ,  26) : 
sie  waren  eben  in  der  alteinheimischen  Bevölkerung  aufgegangen, 
so  gut  wie  die  Chettiter  in  den  Aramäern  von  Nordsyrien,  oder 
wie  die  Goten,  Franken,  Langobarden  in  den  Romanen.  Jedenfalls 
weisen  die  Ortsnamen  auf  -vöog,  -vice  und  -tftfoc,  -ca  auf 
einen  alten  Zusammenhang  des  Grundstockes  der  kappadokischen 
Bevölkerung  mit  der  von  Westkleinasien  (Kilikien,  Pisidien,  Lykien, 
Karien  etc.),  die  wiederum,  wenn  Bugge's  Hypothese  sich 
bestätigt1),  mit  den  Armeniern  nahe  verwandt  ist  So  deckt  sich 
z.  B.  der  südkappadokische  Ortsname  titunda2)  völlig  mit 
dem  pamphylischen  "Aaitevdog,  auf  Münzen  Eörftduvg  d.  i. 
Estvfdijns  =  'A<S7tivdtoq  *). 

Darnach  müssen  wir  erwarten,  im  Kappadokischen  eine  mit 
dem  Lykischen  verwandte,  vielleicht  indogermanische  Sprache  zu 
finden  *).  Die  fremdartigen  Elemente,  vor  allem  die  eigentümlichen 
Zahlwörter,  wie  lingri  6 ,  tatli  7 ,  matli  8 ,  welche  sich  in  einem 
nördlich  vom  Tauros  gesprochenen  neugriechischen  Dialekte  vor- 
finden6), können  dann  nicht  aus  der  altkappadokischen ,  sondern 
höchstens  aus  der  Sprache  der  in  die  Berge  des  Tauros  zurück- 
gedrängten Tibarener  stammen6).    Dagegen  versprechen  die  von 

»)  Vgl.  S.  Bugge,  Lykische  Studien  I  S.  8 ff.  70 ff.  (Viden- 
skabsselßkabets  Skrifter.  II.  Hist.-filos.  Kl.  1897  Nr.  7.  ChriBtiania.1897). 
[Vgl.  aber  jetzt  die  lichtvolle  Abhandlung  Vilh.  Thomsen's:  Etudes 
lyciennes  I.  Extrait  du  Bulletin  de  l'Acad.  royale  des  Sciences  et  des 
lettres  de  Danemark  1899.] 

•)  Tiglp.  III  Ann.  53.   ELB.  II  81. 

«)  Vgl.  Bugge  a.  a.  0.  S.  13. 

«)  Ebenso  Six  brieflich. 

»)  Karolidis,  Mova.  xal  ßißX.  IV  47ff.  Vgl.  Tomaschekr 
Die  alten  Thraker  I  3.  Kretscnmer,  Einleitung  in  die  Geschichte 
der  griechischen  Sprache  399. 

•)  Nach  Tomaschek  a.  a.  0.  sind  sie  freilich  „offenbare  Über- 
bleibsel der  uralten  kappadokischen  Sprechweise". 


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J.  Marquart, 


Chantre  in  Boghaz-köi  ausgegrabenen  Keilschrifttafelchen  für 
unsere  Frage  von  grosser  Wichtigkeit  zu  werden1). 

Ich  wende  mich  nun  zu  den  von  Levidhis  mitgeteilten 
Inschriften.  Leider  hat  er  von  denselben  nur  Abschriften,  keine 
Abklatsche  oder  Photographien  angefertigt    Es  sind  folgende: 

1.  Arebaun  (Zoropassos). 

„Flache  eines  Granitsteins,  7  Spannen  lang,  8  Spannen  breit 
und  8  Zoll  hoch.  In  der  Mitte  die  Sonne  mit  Strahlen,  im 
Mittelpunkte  derselben  eine  Traube,  an  der  Spitze  ein  Adler  mit 
geöffneten  Flügeln,  die  mit  dem  Kopf  und  dem  Schwänze  zu- 
sammen die  Form  eines  Kreuzes  bilden,  und  bei  dem  Adler  ein 
Ibis  mit  langem  Schwanz,  unterhalb  des  Schwanzes  6  Vertiefungen*). 
Rings  um  die  eine  Seite  ein  Lorbeerkranz,  ein  Schaf,  eine  Ziege, 
ein  Löwe,  ein  Kamel,  ein  Büffel,  ein  Habicht,  der  einen  Hasen 
ergreift8),  und  auf  der  andern  Seite  zwei  Menschen  in  Vorder- 
ansicht, samtlich  in  Belief,  und  eine  dreizeilige  Inschrift* 

Dieselbe  läuft  von  rechts  nach  links  und  enthält  59  bezw. 
60  erhaltene  Zeichen,  von  denen  3  in  der  Zeichnung  punktiert 
sind.    Man  sieht  sofort,  dass  man  aramäische  Schrift  vor  sich 

hat;   das   f| ,   JJ ,         H    sind   vollkommen   deutlich.  Allein 
1,  ■)  und  ^  lassen  sich  gar  nicht  auseinanderhalten,  auch 
■»  und  i  sind  nicht  sicher  zu  scheiden.   Die  Abschrift  ist  offenbar 
viel  zu  ungenau,  um  als  Basis  für  eine  Entzifferung  dienen  zu  können. 

Dreimal  findet  sich  ein  Zeichen        ,  das  ich  für  eine  Ligatur  ansehe. 

Dieser  und  der  folgende  Stein  stammen  von  dem  oben 
erwähnten  Hügel  beim  Dorfe  Karadza-sar. 

2.  Arebsun. 

Abgerundeter  zerbrochener  Syenitstein.  Derselbe  zeigt  ein 
Pferd  und  einen  Kranz  mit  Binden,  in  dessen  Mitte  einen  Stern, 
nach  rechts  eine  Ente 4),  nach  links  zwei  geschlossene  Hände,  deren 
Finger  leicht  zu  unterscheiden  sind. 

a.  Quer  darüber  findet  sich  eine  vierzeilige  Inschrift  von 
108  erhaltenen  Zeichen.  Ein  Buchstabe  scheint  zerstört  zu  sein. 
Die  vierte  Zeile  erreicht  den  rechten  Rand  nicht 


l)  Vgl.  vorläufig  Sayce,  Proceed.  of  the  Soc.  of  Biblical 
Archaeology  Nov.  1898.  [Soeben  läuft  die  Notiz  durch  die  Zeituugeu, 
das»  nach  einer  Mitteilung  Levidhis'  kürzlich  auch  in  einem  Hügel 
bei  Kaisarije,  in  der  Nähe  der  türkischen  Dörfer  Baier  und  Karomb, 
neben  andern  Spuren  des  Altertums  Grabmäler-Inschriften  mit  keilschrift- 
ähnlichen Zügen  auf  kleinen,  viereckigen,  luftgetrockneten  und  ge- 
brannten Ziegeln  gefunden  worden  seien.  Die  Umschau,  14. 
Juli  1900,  Nr.  29  Sp.  575/76]. 

*)  [Vgl.  Smirnow  bei  Lidzbarski  a.  a.  O.  S.  62.] 

")  [Seite  b:  Smirnow  a.  a.  O.  S.  61.] 

*)  Levidhis  schreibt  vtaoct  für  vf\aaa.  [Auch  Lidzbarski  S.  64 
A.  3  erklärt  den  Vogel  für  eine  Ente.] 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  H9 


b.  Dieser  gegenüber  findet  sich  eine  zweite  vierzeilige  In« 
schrift  von  80  Zeichen,  bei  welcher  die  3  letzten  Zeilen  den 
rechten  Rand  nicht  erreichen. 

Beide  Inschriften  scheinen  demnach  rechtsläufig  zu  sein, 
wenn  anders  der  Stein  nicht  rechts  beschädigt  ist,  obwohl 
die  aramäischen  Zeichen,  soweit  sie  sich  identifizieren  lassen, 
linksl&ufig  gezeichnet  sind.  Auf  der  andern  Seite  des  Steines 
sind  fünf  Fische,  ein  Wolf,  zwei  Menschen1)  und  andere  Buch- 
staben derselben  Art  eingemeisselt.  Ausser  den  in  der 
ersten  Inschrift  vorkommenden  Zeichen   findet   sich   hier  eine 

Anzahl  neuer,  wie  A,  TT,  V>  1>  'S,  N  <,  fay  H  und 
vor  allem  die  griechischen  Buchstaben  K  und  X.  Allein  die 
Buchstaben  scheinen  hier  viel  nachlässiger  gearbeitet  zu  sein  als 
auf  dem  ersten  Steine.  Da  aber  unser  Gewährsmann  von  der  Schrift, 
die  er  vor  sich  hatte,  begreiflicherweise  keine  Ahnung  besass  und  sogar 
an  die  Möglichkeit  denkt,  dass  es  Hieroglyphen  sein  könnten,  so 
ist  es  selbstverständlich,  dass  seine  Abschriften  dieser  ihm  gänzlich 
unbekannten  Charaktere  notwendig  unbrauchbar  sein  müssen,  so 
gut  wie  z.  B.  die  älteren  Abschriften  etruskischer  Inschriften, 
und  eine  Reproduktion  derselben  hätte  keinen  Zweck  gehabt. 
Dies  soll  natürlich  kein  Tadel  gegen  den  um  die  Geschichte 
seiner  Heimat  so  verdienten  und  unermüdlich  thätigen  Priester  sein. 
Es  verdient  noch  erwähnt  zu  werden,  dass  eine  Mischung  ara- 
mäischer und  griechischer  Zeichen  auch  auf  Münzen  von  Side  in 
Pamphylien  nachgewiesen  ist  Vgl.  J.  P.  Siz,  Monnaies  grecques, 
inedites  et  incertaines.    Extrait  du  Num.  Ghron.  1897  p.  5flf. 

Diese  8  Inschriften  wurden  schon  am  21.  Januar  1897 
(a.  St.)  an  Dr.  Zimmerer  gesandt.  Leider  haben  es  auch 
Dr.  Zimmerer  und  Dr.  Oberhummer  auf  ihrer  Reise  versäumt, 
Abklatsche  von  denselben  zu  nehmen.  [Die  beiden  Steine  haben 
bereits  eine  kleine  Geschichte.  Sie  sind  jetzt  nach  Konstantinopel 
geschafft  worden  und  aus  den  Abklatschen  und  Photographien, 
die  Lidzbarski  von  dort  erhalten  hat,  ergibt  sich,  dass  die 
selben  weit  mehr  Inschriften  enthalten  als  man  nach  Levidhis' 
Angaben  annehmen  würde.  Sobald  Lidzbarski  von  allen  Seiten 
der  Steine  Abklatsche  und  Photographien  erhalten  hat,  wird  er 
das  ganze  Material  publizieren.  Einstweilen  sehe  man  seine  Mit- 
teilungen Ephemeri8  der  semitischen  Epigraphik  IIS.  59 — 74. 

Damit  der  Leser  einen  Begriff  von  dem  Grad  der  Zuverlässigkeit 
von  Levidhis*  Kopien  erhält,  habe  ich  mich  nachträglich  entschlossen, 
dieselben  hier  mitzuteilen.    (Siehe  S.  120.) 


*)  [Vgl.  Smirnow  a.  a.  O.  S.  63  unten.] 


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120 


J.  Marquart, 


a 


3 


So  ^ 


CO 


1  I 


II 


ff 


v 


3  ^ 


f 


I 


Ff  3 


p  -  ^  £ 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  121 


Nr.  1  ist  von  Lidzbarski  a.a.O.  S.  71  Nr.  2.  S.  72/73 
nach  einem  Abklatsch  publiziert  worden.  Aus  seiner  Abbildung 
ersieht  man,  dass  es  sich  tbatsächlich  um  zwei  verschiedene 
Inschriften  in  verschiedenem  Duktus  handelt.  Man  erkennt 
65  Zeichen ,  von  denen  die  der  ersten  und  dritten  Zeile  voll- 
kommen  klar  zu  lesen  sind.  Zeile  1  liest  L.,  zum  Teil  in  Über- 
einstimmung mit  Glermont-Ganneau: 

eobn  «an  b-a  •  inh  •  nm  -na*  •  nx 

und  übersetzt :  „ .  .  .  gemacht  bei  der  Vermahlung  Bels ,  des 
Grossen,  des  Königs*.  Zeile  2  ist  ziemlich  beschädigt  und 
erlaubt  noch  kein  zusammenhängendes  Verständnis;  doch  erkennt 
man  im  Anfang  das  Wort  iTtrrn«  Ahuramazda.  Zeile  3  zeigt 
in  dreimaliger  Wiederholung  das  Wort  vn  •  inNiio  Mow-atr-o\a)re. 
Dieses  lässt  eine  doppelte  Deutung  zu :  als  Dwandwa-Compositum 
=  „des  Magiers  und  Feuerhüters*  (www  +  atrdarö)  oder  als 
Tatpurusa  =  „des  Hüters  des  Magierfeuers*  (mowütr  4-  däre). 
Letztere  Auffassung  wird  durch  die  Interpunktion  mehr  em- 
pfohlen. Dann  wird  aber  bereits  hier  die  Beziehung  der  drei 
Hauptfeuer  auf  die  drei  Stände  (Ädwr-fambag ,  das  Magierfeuer, 
in  Kärijän  in  Pars,  ÄSur-gusna&p,  das  Kriegerfeuer,  in  Gangak  in 
Atropatene  xmäÄöur-Burzinmihr  in  Rewand  beiNesapür) ')  implicite 
vorausgesetzt  Das  Wort  mowätr-dära  ist  ein  Compositum  von 
mowätr-  -f  dära,  wie  firnmo  frata-dara  auf  den  stachrischen 
Münzen  =  ap.  frdta  „Feuer*  (in  (P^ocva—tpi^vrjg ,  QQaxu-yovvr\\ 
arm.  hrat  (Justi,  Iran.  Namenbuch  105a)  +  dära,  ^tnmrnö 
ia&r-d^ay-äriy  pahlawik  (atropatenisch)  ymrniDn  chäa&r-d(ä)r-in 
(Inschrift  von  Hägläbäd),  np.  äahrijär  =  ap.  *chsa&ra-ddra.  Die 
Form   mow   für   moy   aus   *mauyu  finden   wir  in  dem  Titel 

dhtfuiU- ^tuUr^k-pXuM uj f.- ui   Eli§6  124,    ifntJtiflM  utUt^h-p&uiuflrui 

Lazar  P'arp.  262,  in  den  Akten  der  Märtyrer  von  Karcha  de 

Selöch  bei  Moesinger,  Monum.  Syr.  V^JiJQX),  Payne- 

Smith  1435  pffcJttD,  lies  pjMJO»;  vgl.  G.  Hoff  mann, 

Auszüge  S.  50  N.  458.  Die  Genitivform  stimmt  ,  zu  den  kappa- 
dokischen  Monatsnamen  Mi&w ,  Suv&Qiofpi  d.  i.  *Sa^o^  = 
Chiaäre  warje.] 

3.  B {Unguis. 

Der  Fundort  dieser  Inschrift  ist  von  Zindü-därä  (QXaßutval 
nach  L.)  30  Stunden  entfernt,  Lage  und  Name  werden  aber  von 
L.  nicht  näher  angegeben.  Der  Ort  wird  wie  folgt  beschrieben: 
9Es  ist  eine  natürliche  Brücke,  die  eine  Länge  von  100  m  und 
anfangs  eine  ebensolche  Breite  hat,  die  sich  dann  verengt.  Auf 
dieser  Brücke  befinden  sich  mit  Cement  gebaute,   in  Ruinen 

liegende  Mauern.   Gegen  Osten  ist  eine  Stelle,  die  mir  die  Stelle 

 .  

»)  Vgl.  G.  Hoff  mann,  Auszüge  281—298.  296—297. 


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122  J.  Marquart, 

eines  Tempels  zu  sein  schien,  mit  zwei  durch  Menschenhand 
aufgerichteten  und  skalpierten  Felsblöcken.  Auf  einem  derselben 
sind  zwei  Lager  für  umgestürzte  Säulen  oder  Standbilder  aus- 
gehauen, in  der  Mitte  aber  sind  zwei  Tafeln  eingemeisselt ,  eine 
über  der  andern,  auf  welchen  in  15  cm.  grossen  Buchstaben  zwei 
Inschriften  stehen,  die  eine  in  griechischen,  die  andere  in 
tkappadokischen*  Buchstaben." 

a.  Die  griechische  Inschrift  steht  auf  der  ersten  Tafel  und 
umfasst  6  Zeilen: 

CArrAPLOC  Zayyaqiog 

MAU  NO  Y  Mca&vov 

CTPATHrOC  ctQOTriybQ 

APIAPAMI  '^moa^] 

C  •  MAr-  CYCS  •  g .  pfyiog) 

MIOPHi  •  MLft<y$ . 

b.  Die  „kappadokische*  Inschrift  steht  auf  der  zweiten  Tafel. 

nAHjiffA  711^^^7*1  

Dieser  Fels  war  verdeckt  von  Felsen  und  Schutt,  die  von 
dem  darüberliegenden  Hügel  herabgerutscht  waren.  Nachdem  L. 
aber  bis  Mannshöhe  gegraben  hatte,  fand  er  diese  Inschriften. 
Die  „kappadokische"  Inschrift  setzt  sich  noch  weiter  fort,  allein 
ein  grosser  Stein ,  der  vom  Hügel  herabgestürzt  war ,  hielt  den 
übrigen  Teil  bedeckt  und  L.  hatte  nicht  die  nötigen  Hilfsmittel 
bei  sich,  um  den  Stein  zu  sprengen;  er  meint  jedoch,  zur  Not 
könnte  er  mit  Pulver  gesprengt  werden,  wozu  wir  allerdings 
nicht  raten  möchten. 

ZctyuQiog  findet  sich  als  Personenname  CIG.  4083  (aus  Pessinüs) 
[,  ZctyaQig  bei  J.  G.  C.  Anderson,  Exploration  in  Galatia  eis 
Halym.  JHS.  1899  p.  308  nr.  250].  Den  Namen  Maucvrjg  kann 
ich  nicht  belegen,  dagegen  sind  McaÄ6txr\g  (Vater  eines  Menophilos 
aus  Eusebeia;  Inschrift  des  1.  Jhs.  v.  Chr.  aus  Anisa  bei 
E.  Curtius,  Monatsber.  d.  Berl.  Ak.  1880,  646  und  sonst)  = 
Mäh- data  „vom  Mond  geschaffen*  ,  Mai^ßov^ävrjg  (Inschrift  von 
Komana,  BCH.  1883,  130)  und  Maupaxr\g  (Grabinschrift  von 
Tokat  CIGr.  m  nr.  4184  =  Athen.  Mitth.  XIV,  316  und  in  Delphi, 
Wescher  et  Foucart,  Inscript.  recueillies  a  Delphes  1868  p.  112 
n.  189,  5,  [als  Frauenname  Maupdrug  in  Hghin  J.  G.  C.  Anderson, 
A  summer  in  Pbrygia.  JHS.  1898  p.  123  nr.  71])  =  Möhpäta 
„vom   Mond   beschützt"   bekannt1).     Vgl.  Justi,  Namenbuch 


>)  TJ.  G.  C.  Anderson,  JHS.  1898  p.  123  sieht  in  Mai-  den 
Namen  der  vorzugsweise  im  kappadoki sehen  Komana  verehrten  Göttin 
M&.  Vgl.  aber  das  Verhältnis  zwischen  Maiduxr\t  und  dem  Namen 
seines  Sohnes  Mr\v6<piXos  in  der  angeführten  Inschrift  aus  Anisa.] 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


123 


185  b.  188  a.  *AQiaQdfivtjg  wird  von  Ktesias  bereits  ein  an- 
geblicher persischer  Satrap  von  Kappadokien  unter  Dareios  I. 
genannt1),  und  so  hiess  bekanntlich  der  zweite  Fürst  des  wieder- 
hergestellten Ariarathidenhauses.  Der  Name  kommt  auch  auf  der 
Nordseite  des  Pontos,  in  Pantikapaion  vor  (Bas.  Latyscheff, 
Inscriptiones  Graecae  orae  septentrionalis  Ponti  Euxini  II  nr.  141). 
Dass  der  Magier  einen  iranischen  Namen  trägt,  ist  nur  billig. 
Für  den  Mithraskult  in  Kappadokien  verweist  unser  Gewährsmann 
noch  auf  seine  (neugriechisch  geschriebene)  Kirchengeschichte  von 
Kappadokien  S.  80 — 83,  sowie  auf  die  jetzt  CIL.  m  6772 
publizierte  lateinische  Inschrift. 

Bei  der  aramäischen  Inschrift  fällt  sofort  des  D  ins  Auge; 
der  folgende  Buchstabe  ist  n.  Wir  müssen  also  hier  den  Namen 
Matavr\$  erwarten,  persisch  wohl  ytm  *Mähtfän;  der  Buchstabe 
A  bezeichnet  demnach  hier  wie  auf  den  Goldstateren  des  Wachsuwarja 
(ca.  250  v.  Chr.)2)  und  auf  den  stachrischen  Münzen  aus  dem 
2.  Jh.  v.  Chr.  *)  das  Jod.  Dürften  wir  annehmen,  dass  die  Inschrift 
in  aramäischer  Sprache  abgefasst  ist,  so  müssten  wir  vor  dem 

^  das  Wort  4if        erwarten,  allein  der  Buchstabe  vor  »  ist 

nach   der  Abschrift  entschieden  kein  ^ .    Der  erste  erhaltene 

Buchstabe  nach  rechts  ist,  wie  mir  auch  Six  und  Nöldeke 
vorschlagen,  wohl  ein  o,  was  besonders  durch  die  Varianten  der 
Sisines-Münzen   empfohlen   wird4).     Der   dritte  Buchstabe  vor 

*f|    ist  ein  durch  Ligatur  mit  einem  vorhergehenden  i  oder  A 

verbundenes  n  6).  Wir  erhalten  dann  für  den  Anfang  der  Zeile  die 
Lesung  .  .  .  -v-rtD  (?  -iaso.  In  den  5  letzten  Buchstaben  muss 
das  Äquivalent  für  6rQccvr)y6g  stecken.  An  dieser  Inschrift  können 
wir  uns  so  recht  überzeugen,  wie  unzulänglich  diese  Abschriften 
sind  und  sein  müssen.  In  der  Lücke  rechts  mag  noch  eine 
Weiheformel  gestanden  haben.  Eine  noch  verschüttete  Zeile 
muss  die  Übersetzung  der  3  letzten  Zeilen  des  griechischen 
Textes  enthalten  und  würde  uns  vor  allem  die  auch  für  die 
Münzschrift  so  wichtigen  Buchstaben  •»  und  a,  sowie  i  und  « 
liefern.    Diese  Inschrift  wurde  von  Levidhis  zuerst  an  Herrn 


*)  S.  o.  8.  118. 

")  Num.  Chron.  1879,  p.  4.   PI.  I  nr.  2.  3. 

*)  Z.  B.  Levy ,  ZDMG.  XXI  (1867)  Taf.  I  (8.  460)  Nr.  2. 

«)  Vgl.  J.  P.  Six,  Num.  Chron.  1894,  802  -805. 

*)  [Six  wollte  ihn  als  D  auffassen.  Ein  ähnlicher  Buchstabe 
findet  sich  zweimal  in  einer  der  von  Lidzbarski  veröffentlichten 
Inschriften  von  Arebsun  a.  a.  O.  S.  71  Nr.  1:  Z.  1  in  dem  Worte 

in  •  nnn«  und  Z.  2  in  dem  Worte  •  "»  •  nn.    Ich  glaube ,  dass  wir  X 

zu  lesen  haben ,  also  in^irnN  =  ap.  *achtara-bi&ra  „vom  Samen  der 

Sterne";  vgl.  mSTW»  Amra-tära  „von  Mithras  Samen"  CIS.  II  1,  1 
p.  97  nr.  102.] 


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124 


J.  Marquart, 


Karolidis  in  Athen  and  am  27.  April  (9.  Mai)  1898  auf  seine 
Bitte  an  Dr.  Zimmerer  abgeschickt. 

4.  Barach. 

Grabstein  mit  der  Inschrift: 

£xccxlcc  A6(iva  tylaßim  lovXutvm  ccvöqI  i^rjöxm  xal  Hxdxtog 
Oalö^og  KunovXucvbg  (?)  xai  MuqkoXXos  t<5  tccvx&v  iiccxqi. 

Nur  in  Kursive  und  ohne  alle  weiteren  Angaben  mitgeteilt. 

Die  Richtigkeit  des  Namens  MAPKOAAOC  bezweifle  ich;  es 
wird  wohl  einfach  MAPKCAAÜC  auf  dem  Steine  stehen.  Ein 
Cognomen  Capulianus  ist  mir  unbekannt  Ich  vermute  KAI 
IOYAIANOC  für  KAfl 0 YAlANOC.  Dann  sind  Statins 
Phaedrus,  Julianus  und  Marcellus  die  Söhne  der  Statia  Domna 
und  des  Flavius  Julianus. 


5.  Tatlar. 

Marmorstein  mit  der  Inschrift: 

Tlxog  xai  ^AitoXkovioq  Zoaudiovg  AUvta  tw  äffw^/tw  tucxqI 
xcri  "Ily  (itixqI  xuqiv  fxvijfxrjg. 

Nur  in  Kursive  und  ohne  weitere  Angaben. 

Die  Namen  JUvog  und  "Rtj  sind  mir  sonst  nicht  bekannt. 
Die  Ausdrucksweise  der  Inschrift  ist  merkwürdig ,  aber  nur  so 
zu  erklären,  dass  der  Vater  zwei  Namen  trug,  einen  barbarischen 
und  einen  hellenischen. 

6.  Tatlar. 

Marmorstein  mit  der  Inschrift: 

IIojtTuavioq  27jpoxAa>. 

Nur  in  Kursive  und  ohne  weitere  Angaben. 

Nr.  4 — 6  sind  schon  am  21.  Januar  1897  a.  St.  an 
Dr.  Zimmerer  gesandt  worden. 

7.  Zweisprachige  Inschrift  »auf  Felsen  auf  kleinen  erloschenen 
Kratern  • ,  9  Stunden  von  Zindzi-därä,  da  wo  am  Wege  die 
erloschenen  Krater  des  Argaios  gefunden  worden  sind: 

AON  TIN  8  EPrOAABX  Aoyylvov  i^yokaßoH 

BHQ   Brja  

 CHAlS  ....  Bajariklov 

KE  .  BOHQH  T(ä  xi(u ,  jSoif*«  ty 

Vi  ri  Q  l  •••Pb  tzht  •••  >PP*f  t 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  yon  Eran. 


125 


Unter  den  Felsen,  welche  diese  Inschriften  tragen,  haben 
sich  7  alte  Gisternen  gefunden.  Levidhis  glaubt  deshalb,  dass 
der  in  der  griechischen  Inschrift  genannte  Longinos  ein  Unternehmer 
war,  welcher  den  Bau  dieser  Cisternen  und  des  dabeiliegenden 
Bassins  übernommen  hatte  und  dazu  die  Hilfe  des  Herrn  erflehte. 

Die  Zeichen  der  „kappadokischen  Inschrift*  sind  grösstenteils 

armenisch,  und  zwar  im  sogenannten  Bolorgir,  wie  [>>  mrt  " » 

t-t  pi        «*»  Daneben  finden   sich  aber  wieder  Zeichen, 

die  so  wie  sie  dastehen,  keine  armenischen  Buchstaben  sind.  Hier  wie 
bei  der  folgenden  Inschrift  bezweifle  ich,  dass  die  Sprache  armenisch 
ist   Auch  hier  kann  die  Abschrift  einen  Abklatsch  nicht  ersetzen. 

8.  Siwghin  (vielleicht  alt  ZaßayTjva). 

Hier  ist  auch  Levidhis  die  Ähnlichkeit  der  Buchstaben 
mit  den  armenischen  aufgefallen,  und  er  zweifelt  daher,  ob  die 
Inschrift  „kappadokisch*  ist. 

Ausser         f>%  4t         ©   finden   sich   hier   die  kursiven 

Zeichen  f %  ©_»  «*»  "t  daneben  aber  auch  unarmenische  Zeichen. 

wie   \  ,  und  im  Anfang  drei  griechische  Buchstaben. 

9.  <t>lATOYKAAM20 
MlCX/IPIXBWAOrQKP  KO 
&CT<1>  +  AM  OYS 

N 

TOPP 

Bei  dieser  Inschrift  wie  bei  Nr.  11  enthalte  ich  mich  jeder 
Vermutung. 

Bei  Nr.  9 — 11  fehlt  jede  Angabe  der  Herkunft  etc. 
10. 


CIAAHL 

rhlK 

MAPKON 

MArm 

.  AlO  YZ 

.  N01K1 

.  MOB  HP 

.  TINEA 

M&qnov 
r\atov  Z 

d)ytvia 


Mccyrig 
i]v  oirtl 
[a?  .  . 


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126 


J.  Marquart, 


Ein  Ort  'Hn\d\yam  ist  mir  allerdings  nicht  bekannt.  Vgl. 
aber  die  Ortsnamen  Saßäyqva  in  Laviansene  (Ptol.),  HaSäyrfva 
(Ptol.)  oder  Eoßayrjva  (Sterrett,  Epigraphical  Journey  in  Asia 
Minor  p.  232)  in  Sargarausene ,  'Eßayrjva  oder  £eßayrjvet  in 
Kilikia  (Ptol.,  vgl.  Bamsay  p.  305),  Euagina  (Tab.  Pent),  Ptol. 
5,4  p.  329,  23  Qovßüxtiva  lies  <bovßayr\va  in  Galatien  (ans 
Fnagina  für  Euagina  und  'Eßayrjva  kontaminiert)1). 


11. 


[Ähnliche  Kreuze  finden  sich  auf  Grabsteinen  aus  dem 
alten  Prasmon  und  dem  Dorfe  Emir  Ghazi  in  Galatien.  Vgl. 
J.  G.  C.  Anderson,  Exploration  in  Galatia  eis  Halym.  JHS. 
1899  p.  60.  57  nr.  2.] 

Nr.  7 — 11  wurden  am  27.  April/9.  Mai  1898  an  Dr.  Zimmerer 
geschickt. 

Ausser  obigen  Inschriften  hat  Levidhis,  wie  er  berichtet, 
gegen  1000  griechische  und  lateinische  Inschriften  in  Kappadokien, 
Lykaonien  und  den  umliegenden  Gegenden  gesammelt,  die  z.  T. 
von  europäischen  Reisenden  inzwischen  herausgegeben  sind ,  z.  T. 
aber  sich  noch  unediert  in  seiner  Hand  befinden.  Seine  hand- 
schriftlichen Materialien  würden  nach  seiner  Angabe  vier  volle 
Bände  füllen.  Möchte  er  uns  vor  allem  Abklatsche  oder  Photo- 
graphien von  seinen  »kappadokischen*  Inschriften  senden! 


6.  Die  Chronologie  des  Kambyses  und  der  Lügenkönige 
und  der  altpersische  Kalender. 

Bekanntlich  sagt  Her.  y  66.  67,  dass  Kambyses  gestorben  sei 
ßaaiktvöavxa  <<.'  r  xa  ndvxa  iitxa  exea  xai  it&vxs  nrjvag,  .  .  .  6  dh  drj 
Mdyog  %t\tvxi]Oavxoq  Kafißvasta  aSe&g  ißaolkevat  fiijvag  inxä  xovg 
iniXolitovg  Kafißvay  ig  xä  6xxa>  ixea  xrjg  nkriqmCiog. 

*)  Vgl.  Ramgay  p.  70.261. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran 


127 


Das  bisher  so  schwierige  Problem  der  Chronologie  des  Kam- 
byses  und  des  Magiers  ist  jetzt  bedeutend  vereinfacht  worden, 
seitdem  Prasek  und  P eiser  erkannt  haben,  dass  die  babylonischen 
Vertragstafeln,  welche  nach  Kambyses  als  König  von  Babylon  zu 
Lebzeiten  seines  Vaters  Kuras,  Königs  der  Länder  datiert  sind, 
nicht,  wie  man  bisher  annahm,  ins  letzte  (neunte),  sondern  in  das 
erste  Jahr  des  Kyros  nach  der  Eroberung  Babylons  zu  setzen 
sind1).  Darnach  wurde  Kambyses,  wie  Weissbach  zeigt,  am 
3.  Nisan  des  Jahres  1  des  Kyros,  Königs  der  Länder  zum  Unter- 
königs von  Babylon  gekrönt,  und  erscheint  als  solcher  noch  am 
20./X.  seines  1.  Jahres.  Am  17./I.  des  folgenden  Jahres  erscheint 
dagegen  bereits  wieder  Kyros  als  König  von  Babylon. 

Der  letzte  Vertrag  aus  der  Regierung  des  Kyros  datiert  vom 
27./TV.  des  9.  Jahres,  der  erste  des  Kambyses  vom  12./VL  seines 
Antrittsjahres.  Die  drei  letzten  Daten  aus  der  Regierung  des 
Kambyses  sind  vom  IV.,  vom  3./VIII.  und  vom  27./XI.  des 
8.  Jahres,  so  dass  es  scheint  als  habe  man  dem  Kambyses  im 
Widerspruch  mit  Herodot  eine  Regierung  von  81/,  Jahren  bei- 
zulegen. Allein  Prasek  a.  a.  0.  S.  19  f.  (angeführt  von  Weiss- 
bach  ZDMG.  51,  664)  hat  bereits  betont,  dass  die  ununter- 
brochenen Datierungen  seit  dem  23./I.  des  8.  Jahres  aufhören, 
während  die  drei  übrigen  weit  auseinanderliegen  und  ganz  ver- 
einzelt sind.  In  dem  Texte,  welcher  das  Datum  IV.  Monat  des 
8.  Jahres  enthält,  bezieht  sich  dieses,  wie  Weissbach  zeigt,  auf 
den  Vertragstermin ,  während  die  Abfassung  desselben  in  den 
VIII.  Monat,  wahrscheinlich  des  vorhergehenden  (7.)  Jahres  fällt, 
in  dem  Vertrag  vom  3./VIII.  dagegen  ist  die  Jahreszahl  ver- 
stümmelt und  wohl  5  zu  lesen.  Somit  bleibt  das  Datum  vom 
27./XI.  des  8.  Jahres  als  singulare,  aus  besonderen  Verhältnissen 
zu  erklärende  Ausnahme  übrig  und  darf  chronologisch  nicht  be- 
rücksichtigt werden.  Aus  diesem  Sachverhalt  hat  Weissbach 
bereits  geschlossen,  dass  sich  den  Vertragstafeln  und  der  Inschrift 
von  Behistün,)  zufolge  für  Kambyses  eine  Regierungszeit  von 
7  Jahren  61/»  Monaten  ergäbe. 

In  der  Inschrift  von  Behistün  berichtet  Dareios,  dass  der 
Magier  sich  am  14.  Wijachna,  der  dem  babylonischen  Adar  (XII.) 


*)  Peiser,  Mitteilungen  der  Vorderasiatischen  Gesellschaft  (MVG.) 
n,  1897,  S.  229  ff.  V.  PräSek,  Fors  chungen  zur  Geschichte  des  Alter- 
tums I.  Kambyses  und  die  Überlieferung  des  Altertums.  1897.  Letztere 
Schrift  ist  auf  der  hiesiir  en  [Tübinger]  Iii  1)1  iothek  ebensowenig  vorhanden 
als  Strassm aier's  Babylonische  Texte.  Vgl.  dazu  F.  H.  Weiss- 
bach, Zur  Chronologie  des  Kambyses,  ZDMG.  51,  1897,  S.  661  ff., 
dem  ich  obige  Angaben  entnehme. 

•)  Dies  bezw.  ...  ßestün  aus  *Bajistan  ist  die  lautgesetz- 

Üche  dialektische  Form  ftlr  das  alte  Bay  Lavava  f  Bayastäna,  Bayttän. 
Vgl.  ^  Rqj:  Rayä,  Sutän,  arab.-pers.  ^U**>\~  Sagistän  =  Za- 
xaörar  r(. 


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128 


J.  Marquart, 


entspricht,  vom  Berge  Arkadrü  in  der  Landschaft  PiSijähuwädä 
aus  empört  habe.  „Darauf  ward  das  ganze  Volk  aufrührerisch,  von 
Kambyses  gieng  es  zu  jenem  über,  sowohl  Pars  als  Medien  und  die 
übrigen  Provinzen.  Er  ergriflf  die  Herrschaft,  am  9.  Garmapada. 
Darauf  starb  Kambyses  durch  eignen  Tod*  (Beb.  I  35 — 43). 
Über  die  Zeit,  welche  zwischen  der  Erhebung  des  Gaumäta  am 
14.  Wijachna  und  seiner  offiziellen  Thronbesteigung  verstrichen  ist, 
lasst  sich  der  Inschrift  nichts  Sicheres  entnehmen,  allein  wir  be- 
sitzen bekanntlich  datierte  Kontrakte  aus  seiner  Begierungszeit, 
welche  zuletzt  von  Weissbach,  Zur  Chronologie  des  falschen 
Smerdis  und  des  Darius  Hystaspis  ZDMG.  51,  511  ff.  erörtert 
worden  sind.  Drei  von  den  bis  jetzt  bekannten  Texten  sind  vom 
Antrittsjahre  des  Barzija  datiert,  und  zwar  vom  II.,  6./JJI.  und 
10./VI. ,  die  10  übrigen  Täfelchen  datieren  nach  dem  Jahre  1 
und  reichen  vom  19./I.  bis  l./VII1). 

Es  ist  dabei  auffällig,  dass  sich  unter  den  13  Täfelchen  kein 
einziges  aus  einem  der  letzten  5  Monate  findet.  Da  nun  Herodot 
und  die  spätem  Griechen  dem  Gaumäta  übereinstimmend  7  Monate 
geben,  so  hat  Oppert  gewiss  mit  Recht  geschlossen,  dass  in 
diesem  Falle  Antrittsjahr  und  Jahr  1  zusammenfallen,  und  da  die 
drei  Texte,  welche  vom  Antrittsjahre  datieren,  sämtlich  aus  Babylon 
selbst  stammen ,  so  erklärt  er  jene  Differenz  einleuchtend  durch 
die  Annahme ,  dass  man  in  der  Provinz  die  Regierung  des 
Barzija  von  seiner  Erbebung  am  14.  Wijachna  (Adar)  an  rechnete, 
so  dass  die  Zeit  vom  14.  Adar  bis  zum  1.  Nisan  als  sein  Antritts- 
jahr und  die  Zeit  vom  1.  Nisan  bis  zu  seinem  Tode  als  sein  1.  Jahr 
galt,  während  man  in  Babylon  selbst  anfangs  den  Tag  seiner 
feierlichen  Krönung  am  9.  Garmapada  zum  Ausgangspunkte  nahm, 
so  dass  das  am  1.  Nisan  begonnene  Jahr  als  sein  Antrittsjahr 
gerechnet  wurde2).  Dabei  erhebt  sich  gleich  die  Frage,  was  wir 
unter  der  „Ergreifung  der  Herrschaft"  im  Gegensatze  zur  „Er- 
hebung" näherhin  zu  verstehen  haben.  Dies  kann,  wie  mir  scheint, 
nicht  zweifelhaft  sein:  nur  die  Einnahme  der  Hauptstadt  von 
Anzan,  dem  Stammlande  des  Kyros8),  und  damit  die  Gewinnung 
der  ältesten  Provinz  des  Reiches  kann  einen  solchen  Ausdruck 
rechtfertigen. 


*)  [Dazu  kommen  jetzt  noch  zwei  Tüfelchen  aus  Philadelphia 
vom  13./ VI.  und  15./ VI.  de«  Jahres  1.  Vgl.  Weissbach,  ZDMG. 
55,  207.) 

*)  J.  Oppert,  Le  Canon  des  dates  babyloniens.  Comptes  rendus 
de  l'Acad.  des  Inacript.  et  belies  lettre«  1892,  p.  410  ss.;  Les  inscriptions 
du  Pseudo  -  Smerdis  et  de  Pusurpateur  Nidintabel,  fixant  le  Calendrier 
perse.  Actes  du  VIII«  Congres  des  Orientalisten.  Section  semitique  B, 
Leide  1893,  253—264.  Vgl.  meine  Fundamente  israelitischer  und  ju- 
discher Geschichte  S.  50  Anm.  1. 

•)  Nabonäidcylinder  I  28  -34.  NabQnäid-Kyros-Chronik  II  3—4. 
KB  III  2,  99.  131. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  129 

Wenn  wir  also  bereits  einen  Vertrag  vom  19./L  des  Jahres  1 
des  Barzija  besitzen  und  auf  einem  andern  noch  am  23./L  nach 
dem  Jahre  8  des  Kambyses  datiert  wird,  so  folgt  daraus,  dass 
am  19.  Nisan  des  8.  Jahres  des  Kambyses  Barzija  bereits  in 
einem  Teile  Babyloniens  als  König  anerkannt  war,  während 
man  in  einem  andern  Teile  noch  am  23.  desselben  Monats  an 
Kambyses  festhielt.  Da  nun  der  A^aru  (=  Oürawähara)  und  der 
Simanu  (=  ©äigar&S)  bereits  ihre  inschriftlich  bezeugten  alt- 
persischen Äquivalente  haben 1) ,  so  ergab  sich  daraus ,  dass  der 
persische  Garmapada,  in  welchem  Gaumäta  offiziell  den  Thron 
bestieg,  dem  babylonischen  Nisan  entsprechen  muss*).  Dazu 
stimmt  auch  der  Name:  garma-pada  —  Fuss  oder  Boden  der 
Hitze  im  Gegensatz  zum  Kopf  oder  Gipfel  der  Hitze  (*garma- 
sara)  im  Ab  und  Tammüz.  Justi,  ZDMG.  51,  247  hat  den 
Namen  richtig  mit  gr.  niöov,  iat  peda  Pussspur  zusammen- 
gebracht, aber  unrichtig  aufgefasst. 

Das  letzte  Tafelchen  aus  Barajas  Regierung  ist  vom  l./VTL 
seines  1.  Jahres,  am  10.  Bägajädis  wurde  Gaumäta  ermordet. 
Daraus  habe  ich  früher  geschlossen,  dass  der  BägajädiS  dem  baby- 
lonischen TiSrit  (VIL)  entsprechen  müsse  ,  und  diese  Gleichung 
dann  weiter  gestützt  durch  den  Nachweis,  dass  der  Bägajädis 
der  Monat  des  Opfers  des  baga  %ta  #jo%ifv  d.  i.  des  Mithra  ist, 
welcher  bei  den  Sogdiern  nach  demselben  Feste,  dem  späteren 
Mtkragan  MtÖQweava,  den  Namen   ^büti  Vayakän  führte4). 

Oppert  und  Justi6)  haben  dann  ebenfalls  die  Identität  des 
BägajädiS  und  Tisrit  behauptet,  die  Weissbach  neuerdings  be- 
streitet, offenbar  ohne  meinen  Artikel  im  Philologus  Bd.  55,  231  f. 
zu  kennen. 

Nach  der  Ermordung  des  Gaumäta  warf  sich,  wie  Dareios 
angibt,  in  Susiana  A&rina  und  in  Babylon  Nidintu-Bel  unter  dem 
Namen  Nabü-kudurri-ucur  zum  König  auf  (Beh.  I  72 — 81).  Wir 
besitzen  Urkunden  aus  der  Regierung  dieses  Nabukudurucur ,  in 
welchen  Itti-Marduk-balätu ,  Sohn  des  Nabu-ache-iddin  ans  dem 


l)  Vgl.  meine  Assyriaka  des  Ktesias.  Philologus  Suppl.-Bd.  VI,  2, 
S.  634  und  Anm.  490  und  jetzt  Weissbach,  ZDMG.  51,  511  N.  1. 

*)  Die  Assyriaka  des  Ktesias  S.  633.  Unters,  zur  Gesch.  von  Eran 
I  63  =  Philologus  Bd.  55,  231. 

*)  S.  Assyriaka  des  Ktesias  S.  638.  Diese  Schrift  ist  im  Februar- 
Mürz  1892  der  Tübinger  philosophischen  Fakultät  als  Dissertation  vor- 
gelegt und  im  Laufe  dieses  Jahres  gedruckt  worden.  Ich  konnte  also 
damals  Opperts  Kongressvortrag,  der  im  Jahre  1893  erschien,  selbst- 
verständlich noch  nicht  kennen,  und  sehe  mich  genötigt  zu  betonen, 
dass  meine  Untersuchungen  von  Opperts  Darlegungen  völlig  un- 
abhängig sind. 

<)  Unters,  z.  Gesch.  von  Eran  I  64. 

6)  Actes  du  VIII«  Congres  des  Orientalistes,  Sect  s^mitique  B,  256. 
Justi,  ZDMG.  51,  234.  247. 

PhUologxu  BopplomentUnd  X,  EntM  Heft.  9 


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130  J-  Marquart, 

Hanse  Egibi  als  Zeuge  auftritt,  welcher  zuletzt  am  14./XII.  des 
1.  Jahres  des  Dareios  erscheint.  Dieselben  erstrecken  sich  vom 
10./ VII.  bis  zum  20./IX.  des  Antrittsjahres  des  Nabu-kudur-ucur. 

Ob  zwei  andere  Texte,  welche  vom  14./VI.  und  16./V11  des 
Jahres  1  des  Nabu-kudurri-u9ur  datiert  sind  und  in  denen  Marduk- 
nacir-aplu,  der  Sohn  des  genannten  Itti-Marduk-balätn  als  Zeuge 
fungiert,  der  Zeit  dieses  oder  des  zweiten  falschen  Nabu-kudur- 
ucur,  des  Armeniers  Aracha  angehören,  bleibt  vorläufig  unsicher1). 
Doch  ist  mir  ersteres  unwahrscheinlich.  Man  müsste  nämlich  in 
diesem  Falle  ebenfalls  annehmen,  dass  das  Anfangsjahr  und  Jahr  1 
zusammenfielen,  wofür  indessen  hier  die  thatsächliche  Unterlage, 
nämlich  der  wirkliche  Regierungsantritt  kurz  vor  oder  unmittelbar 
nach  dem  Neujahr  fehlt.  Ist  nun  der  BägajädiS  dem  TiSrit  gleich- 
zusetzen, so  muss  sich  Nidintu-Bel,  entgegen  der  Angabe  des 
Dareios,  bereits  vor  der  Ermordung  des  Gaumäta  gegen  diesen, 
nicht  erst  gegen  Dareios,  empört  haben,  da  bereits  am  10./VJJ.. 
und  wenn  jene  beiden  Tafelchen  aus  dem  1.  Jahre  des  Nabu- 
kudurucur  in  seine  Zeit  fallen  sollten,  bereits  am  14./VL  nach 
Nabukudurucur  datiert  wird. 

Sehen  wir  nun  zu,  wie  sich  dazu  die  für  Kambyses  und 
den  Magier  überlieferten  Zahlen  und  Daten  verhalten.  Die  Datie- 
rungen aus  Kambyses'  Regierung  laufen  ununterbrochen  vom 
12./VI.  des  Antrittsjahres  bis  zum  23./I.  des  8.  Jahres,  allein  be- 
reits am  14.  Wijachna  (Adar,  XII.  des  7.  Jahres)  erhebt  sich  der 
M agier,  und  am  9.  Garmapada  (=  Nisan)  besteigt  er  offiziell  den 
Thron.  Vom  ersten  Datum  des  Kambyses  bis  zum  9.  Garmapada 
=  Nisan  des  8.  Jahres  erhalten  wir  somit  7  Jahre  und  7  Monate 
(6  Monate  [29/30—11  =]  18/9  |  8  =  26/7  Tage),  bis  zum 
letzten  Datum  des  Kambyses  7  Jahre  7  Monate  und  11/12  Tage 
gegenüber  Herodots  7  Jahren  und  5  Monaten.  Bis  zur  Erhebung 
des  Magiers  dagegen  beträgt  die  Summe  allerdings  nur  7  Jahre 
und  6  Monate  (6  Jahre  -f-  6  Mon.  18/9  Tage  +  11  Mon.  13  Tage). 
Von  der  offiziellen  Thronbesteigung  (9.  Garmapada  =  Nisan)  bis  zu 
seiner  Ermordung  (10.  BägajädiS  =  TiSrit)  würde  die  Regierungs- 
zeit des  Magiers  genau  6  Monate  betragen,  von  seiner  Erhebung 
an  gerechnet  dagegen  6  Monate  und  25/6  Tage  (29/30 — 18  = 
16/7  -f-  9).  Überdies  war  das  Jahr  7  des  Kambyses  angeblich  ein 
Schaltjahr,  wie  auch  das  Anfangsjahr  des  Dareios,  welches 
mit  dem  Jahre  des  Barzija  und  dem  8.  Jahre  des  Kambyses  zu- 
sammenfällt2). 


*)  Weissbach  S.  515. 

*)  Oppert,  ZDMG.  51,  155.  156.  [Vgl.  jetzt  über  diese  beiden 
angeblich  aufeinanderfolgenden  Schaltjahre  r7 eis sb ach,  ZDMG.  55, 
208,  und  besonders  F.  X.  Kugler,  ZA.  XVII.  1908,  S.  213—217.  220 ff., 
welcher  nachweist,  dass  in  der  astronomischen  Tafel  Strassmaier, 
Cambyses  Nr.  400  keine  gleichzeitige  Urkunde,  auch  keine  einfache 
Abschrift  einer  Bolchen,  sondern  eine  weit  spätere  Überarbeitung  alter 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  131 


All  das  ist  indessen  nicht  imstande,  Herodots  Ausdruck  zu 
erklären,  dass  die  7  Monate  des  Magiers  das  8.  Jahr  des 
Kambyses  vollmachten.  Nach  älterer  babylonischer  Rech- 
nung zählte  Kambyses  nur  7  Jahre,  da  die  ö1/^ — 7  Monate  seines 
Antrittsjahres  chronologisch  dem  Jahre  9  des  Kyros  eingerechnet 
wurden.  Die  spätere  babylonische  Rechnung  dagegen,  welche  in 
der  Perserzeit  die  Usurpatoren  nicht  anerkennt,  rechnet  das  Jahr 
des  Barzija  und  Nabukudurriucur  (Nidintu-Bel) ,  das  Anfangsjahr 
des  Dareios  (vom  1.  Nisan  522  bis  letzten  Adar  521)  konsequent 
dem  Kambyses  zu,  so  dass  dieser  8  Jahre  erhält.  So  Berossos 
bei  Alexander  Polyhistor  (Euseb.  Chron.  I  29,  84  Schöne)  und 
der  Ptolemäische  Kanon.  Allein  die  Angabe  Herodots  setzt  ein 
Jahr  voraus,  das  nicht  mit  dem  Nisan,  sondern  mit  dem  TiSrit 
begann.  Das  Richtige  hat  bereits  Floigl  geahnt1),  der  freilich 
darin  irrt,  dass  er  schon  das  altpersische  Jahr  für  ein  Sonnen- 
jähr  von  12  X  30  -f-  5  Tagen  hält,  aber  insofern  der  Wahrheit 
sehr  nahe  kommt,  als  er  das  altiranische  Jahr  mit  dem  Herbst- 
äquinoktium beginnen  lässt.  Er  beruft  sich  dafür  auf  eine  Tra- 
dition, welche  diesen  Jahresanfang  als  frühere  Einrichtung  bezeugen 
soll,  hütet  sich  aber  wohlweislich,  für  diese  Behauptung  einen 
Beleg  zu  geben2).  Vermutlich  ist  er  dem  D.  Petavius  gefolgt,  der 
in  seinem  Rationarium  temporum  Lib.  I  15  voraussetzt,  dass  der 
Anfang  des  persischen  Jahres  auf  den  Anfang  des  September  ge- 
fallen sei,  und  bemerkt :  Quid  in  causa  Persis  fuerit  cur  in  Calendas 
Septembris  epocham  figerent,  nemo  quod  sciam,  causam  exponit. 
Diese  Annahme  des  Petavius  beruht  aber  auf  einem  gröblichen 
Missverständnis  einer  Stelle  des  ai  Faryänl  (p.  5  ed.  Golius),  wie 
schon  Thomas  Hyde  gezeigt  hat8),  und  bezieht  sich  überdies 
auf  das  später  bei  den  Persern  übliche  jungawestische  Jahr4). 
Als  Epoche  des  letztern  galt  aber  das  Frühlingsäquinoktium6). 

Begann  das  altpersische  Jahr  mit  dem  BägajädiS  =  Tisrit, 
so  laufen  die  Jahre  des  Kambyses  vom  l./VII.  des  9.  Jahres  des 


Beobachtungen  vorliegt  nnd  die  Angabe,  dass  das  7.  Jahr  des  Kambyses 
einen  zweiten  Adar  gehabt  habe,  gleich  andern  Fehlern  der  Tafel 
irrigen  Theorien  des  Bearbeiters  ihren  Ursprung  verdankt.  Man  braucht 
sich  daher  nicht  weiter  dabei  aufzuhalten,  dass  die  Tafel  nicht  bloss 
einen  Ajaru  (Rs.  Z.  3),  Abu  (eb.  Z.  8.  10)  und  Ululu  (eb.  Z.  8)  des  8., 
sondern  sogar  noch  einen  Ajaru  des  9.  Jahres  (Z.  11)  kennt.] 

>)  V.  Ploigl,  Cyrus  und  Herodot  S.  79  A.  3.  83  A.  3. 

*)  Bei  Brissonius,  De  regio  Persarum  principatu,  findet  sich 
keine  Silbe  Uber  das  altpersische  Jahr,  obwohl  er  über  die  Feste  der 
Perser  handelt.  * 

*)  Historia  religionis  veterum  Persarum  ed.  2,  Oxonü  1760,  p.  184. 

*)  Dieselbe  Verwechslung  des  altpersischen  mit  dem  jungawesti- 
schen  Jahre  lässt  sich  noch  Oppert,  ZDMG.  52,  269  zu  schulden 
kommen. 

5)  BerflnT,  Chronologie  S.  fo,  2  f.  =  55,  5  ff.  der  Übs. 

9* 


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1 


132  J.  Marquart, 

Kyros  bis  zum  29./30.  XI.  des  7.  Jahres  des  Kambyses  nach 
alter  babylonischer  Rechnung.  Der  Monat  Wijachna  (Adar),  in 
welchem  sich  Gaumäta  erhob,  wird  bereits  diesem  angerechnet, 
wie  ja  auch  die  babylonischen  Texte,  welche  sein  1.  Jahr  nennen, 
voraussetzen.  Kambyses  regiert  also  nach  persischer  Rechnung  in 
der  That  7  Jahre  und  5  Monate,  der  Magier  vom  Wijachna  (Adar) 
des  7.  bis  zum  29./30.  YI.  des  8.  Jahres  des  Kambyses  genau 
7  Monate  und  wird,  wie  Herodot  sagt,  im  achten  entlarvt 

Der  1.  BägajädiS  ist  das  altpersische  Neujahr;  der  Zeitpunkt 
der  Ermordung  des  Usurpators  war  mit  Bedacht  gewählt  worden : 
unmittelbar  danach  wurde  das  uralte  5  tagige  Fest  bagajäda  „das 
Opfer  des  Baga*  d.  i.  des  Mithra  gefeiert,  woraus  in  der  grie- 
chischen Überlieferung  durch  Miss  Verständnis  das  Fest  (iayo<p6vuc 
geworden  ist1).  Diesen  altpersischen  Namen  des  Mithra  bewahrt 
noch  der  Name  des  Dorfes  Bagajaric  in  Dergan,  wo  ein  altes 
Heiligtum  des  Gottes  Mirh  =  Mithra  stand8),  das  schon  in 


*)  Her.  3,  79.  80,  ebenso  Ktes.  eel.  15. 

*)  Agathang.  598/94  =  Lag.  68,  1—8:  «Er  kam,  gelangte  zum 
mihrischen  Tempel,  des  sogenannten  Sohnes  des  Aramazd,  ins  Dorf  das 
sie  das  Bagajaric  {pagqjarti-nj  nennen  nach  der  parthischen  Sprache*. 
Nach  Moses  Chor.  II  14,  der  sich  auf  eine  angebliche  Tempelgeschichte 
des  Priesters  UHup  von  Ani  beruft,  soll  Tigran  eine  Statue  des  He* 
phaistos  (Mihr)  in  Bapajaring  errichtet  haben.  Vgl.  dazu  Carriere, 
Los  huit  sanctuaires  de  l'Annenie  payenne.    Paris  1899,  p.  12  ss. 

Nach  Agathangelos  gehörte  der  Name  Bagajarü  der  parthischen 
Sprache  an.   Andere  Namen  derselben  Bildung  sind  (vgl.  S.  104  A.  2) : 

Chaitojarii  im  Gebiete  von  Karin  fStepb.  Asolik  III  15  S.  192. 
43  S.  278;  Aristakes  15. 

Tir-aTÜ  im  Gau  Bagrevand  Joh.  Kath.  37;  Steph.  AsoKk  II  2 
S.  81,  in  der  Katholikosliste  'der  z/iijy7j«xis  bei  Combefis,  Graecolat. 
patr.  bibl.  novum  auctar.  II  289  Kovh<tQixtr\  (lies  KovxttQixSrj). 

Mkn-arini  Lazar  Parp.  S.  470  (=  Langlois,  Coli.  II  888  a),  etwa 
2  Par.  von  Du  in  Basean. 

Zü*-arü  Seb.  77  in  Haäteank'  bei  Steph.  AsoHk  n  2  S.  86  und 
in  der  Jiifynffis  p.  281  im  selben  Zusammenhang  Kt'ridf  Kixglgt  Joh. 

Eph.  VI  14.  27  J-^JO  typt**,  gr.  Krtagifav  Prokop,  de  b.  Pers.  II  24 

p.  261,  17;  de  aedif.  m  2.  8.  p.  248, 15.  250,  25.  251,  11. 

Kukaj-arü  Mos.  Chor.  III  65  S.  265.  Kovxaotfav  Prokop,  de  aedif. 
III  4  n.  254,  1,  KovßagCtSr]  (lies  Kovxaolx^)  Jifo.  p.  289. 

Ltuat'-aTÜ  Stadt  am  Zusammenfluß  des  Aracani  und  Euphrat 
Mos.  Chor.  Geo^r.  S.  80. 

AvruQ-uQ^mv  Prokop,  de  aedif.  III  4  p.  358,  15  (westlich  von 
Baißtftd&v) :  xal  xö  AvoIoq^ov  itvtvtcacaro  nenovt]xös  i^dr\  avv  %& 
AvtaQaQ^cav. 

Danach  werden  wohl  auch  noch  folgende  Ortsnamen  aus  Klein- 
armenien hierher  zu  stellen  sein: 

KaXx-i6giaaa  69°  50'  L.  41°  15'  Br.  Ptol.  5,  6  p.  340,  6  ed.  Wilberg 
[=  p.  885,  8  ed.  C.  Müller],  aber  auf  der  Tab.  Peut.  XI,  1  ed.  K.  Miller 
Calcortüsa. 

Tn-a(fiaa6g  in   Melitene   69°  45'  L.  39°  45'  Br.    ib.  p.  341,  1 
[=  p.  887,  11  ed.  Müller]. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


133 


ach&menidischer  Zeit,  jedoch  erst  nach  dem  Zuge  der  Zehntausend 
gegründet  sein  muss1).    Auch  noch  in  späterer  Zeit  scheint  man 


Zmn-aoiaxog  70°  L.  40°  Br.  ib.  p.  840,  27  [=  p.  887,  10  ed.  Müllerl. 

Olotoedariza  Itin.  Anton,  p.  81.  96.  102  ed.  Parthey  &  Pinder  (v.  l. 
olotoaelariza ,  olutoaelariza ,  olutoelariza ,  olocedariza,  olotedariza,  ole- 
toedariza  etc.),  24  mp.  von  Nikopolis  auf  der  Strasse  nach  Satala. 

Aladalearua  Not  dign.  Or.  XXXVIII  17,  identisch  mit  dem 
vorigen. 

B<teyotddQi£cc  Strab.  tj*  3,  28  p.  555,  ein  Schloss  in  Kleinarmenien, 
neben  Hivoota  erwähnt;  vielleicht  identisch  mit  Olotoedariza  und  Av- 
ruQaQitav,  falls  es  aus  BAOTOIddoi£a  entstellt  ist.  Vgl.  W.  Fabricius, 
*  Theophanes  von  Mitylene  S.  180.  Die  Grundform  wäre  dann  etwa 
*]YUotd-arii,  woraus  *WUur-arüf  in  hellenischem  Munde  AvxaQ-aoji<ov 
entstanden  wäre.  [Steckt  derselbe  Ortsname  etwa  auch  in  dem  Zuta- 
rimaj  (für  IjutariÖaj?)  bei  Uchtanes  II  1  Bd.  II  5  (Brosset,  Deuz 
histor.  arme'n.  p.  279):  .Dieser  (der  nestorianische  Chuiik  Kis)  kam  zu 
jenem  (dem  Katholikos  Kiuron  von  Iberien)  aus  dem  Reiche  der  Römer, 
aus  dem  Gau  von  Kolonia,  dem  Wohnsitze  nach  aus  dem  Dorfe,  das 
Zutarimaj  heisst,  nahe  bei  Nikopolis,  und  beide  sind  am  Ufer  des 
Flusses  Gajl,  wie  früher  gesagt  worden  ist*  V 

Die  Form  Chattojarii  rät,  in  diesem  Namen  wie  in  Bagajarii 
und  Kukajarii  genetivische  Komposita  zu  sehen;  ein  solches  steckt  . 
auch  in  syr.  ^ertüiät  aus  altarm.  *&amaj-iat.  Dann  erhält  man  als 
zweites  Kompositionsglied  arü,  womit  der  angeblich  parthische  Ur- 
sprung dahinfällt.  Die  in  Frage  stehenden  Namen  sind,  soweit  durch- 
sichtig, mit  Götternamen  zusammengesetzt:  Bagaj-arib  zu  ap.  baga  = 
Mithra,  CliaHoj-afü:  zu  Chaldis,  dem  Gotte  und  Eponymos  der  Chalder. 
Auch  in  Tvr-arii  wird  der  Gott  7Vr,  bei  Agath.  584  gen.  Tiur  stecken. 
Freilich  erwartete  man  dann  *Trarii\  vgl.  Trpatuni  von  *Tirpät, 
Trdat  aus  Teigtddxris ,  in  byzantinischer  Orthographie  Tr}Qi&cctT}g  — 
ap.  Tiri-däta.  Der  Umstand  aber,  dass  es  ausser  dem  bekannten 
Hagajartö,  Bagariä  in  Dergan  noch  zwei  andere  Orte  dieses  Namens  nw. 
von  Ani-Kamach  j^ibt,  lässt  daran  zweifeln,  ob  das  erste  Kompositions- 
glied baga-  wirklich  von  vornherein  den  iranischen  Gott  Mithra  und 
nicht  vielmehr  einen  echt  armenischen  Gott  bezeichnete,  der  erst 
nachträglich  des  Namensanklangs  wegen  mit  Baga-Mithra  verselbigt 
worden  war.  Einen  ähnlichen  Vorgang  haben  wir  ja  ohne  Zweifel  bei 
der  armenischen  Anahit,  die  ihrem  Wesen  nach  eine  nationalarmenische 
Göttin  ist,  die  nur  den  Namen  der  persischen  Anähita  angenommen 
hat.  In  diesem  Falle  läge  es  nahe,  an  den  phrygischen  Bayalog  =  Zeus 
(vgl.  Kretscbmer,  Einleitung  in  die  Geschichte  der  griechischen  Sprache 
198  f.)  zu  erinnern.  Doch  ist  dies  zweifelhaft,  zumal  wenn  Bayalog  zu 
gr.  <pi}y6g  .Eiche*  gehört,  husat1-  gehört  zu  lojs  .Licht*  und  ist  ge- 
bildet mit  Suffix  -at\  wie  arc-at*  „argentum*.  Vgl.  auch  H.  Hübsch  - 
mann,  Die  altarmenischen  Ortsnamen  S.  284.  287.  289—293.  379  f.] 

l)  Der  Kult  des  Mithra  wurde  nebst  dem  der  Anähita  zuerst  unter 
Artaxerxes  II.  offiziell  eingeführt  Vgl.  dessen  Inschriften  von  Susa 
und  Hamadän,  sowie  Beross.  fr.  16  bei  Klemens  Alex.  Protrept.  I  5, 
wonach  jener  in  allen  wichtigeren  Satrapienhauptstädten  Statuen  der 
Anähita  aufstellen  liess.  Zu  Xenophons  Zeit  waren  Karin  und  Dergan 
noch  im  Besitze  der  Chalyber  und  Mosynoiken,  welche  vom  persischen 
Satrapen  von  Westarmenien  Tiribazos  unabhängig  waren  (Xen.  anab. 
4,  5,  34.  6,  5;  7,  8,  25),  dagegen  ist  es  sicher  unrichtig,  wenn  es  nach 
dem  Resume'  Strabons  über  die  Entwicklung  der  beiden  armenischen 
Königreiche  scheint,  als  ob  Karin  und  Dergan  erat  nach  der  Erhebung 


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134 


J.  Marquart, 


Mithra  =  Apollon  als  den  baga  d.  i.  den  Spender  xar'  il-o- 
%ijv  betrachtet  zu  haben,  wie  der  Name  Bhagadatta  für  den 
griechisch  -  indischen  König  Apollodotos  im  Mahäbhärata  zeigt1). 
Die  persische  Übersetzung  des  chinesischen  Kaisertitels,  tfim  tze 
„Himmelssohn",  indisch  devaputra,  der  seit  Kaniska  auch  von  den 
Kuschankönigen  usurpiert  worden  war,  durch  »*-Jb  baypür, 
sogdisch  jjÄas  vayvür  scheint  ebenfalls  auf  die  alte  Bezeichnung 
des  Mithra  als  baya  im  Sogdischen  zurückzugehen.  Die  Bedeutung 
des  Mihragän  als  ehemaligen  Neujahrsfestes  spricht  sich  auch  darin 
aus,  dass  man  an  demselben  den  Trägern  der  Regierungsgewalt 
Ehrengeschenke  darzubringen  pflegte,  geradeso  wie  dies  beim 
Nauröz  üblich  war2).  Schon  Strabon  ux  14,  9  p.  530  weiss,  dass 
der  Satrap  von  Armenien  seinen  jährlichen  Tribut  von  2000  nisä- 
ischen  Fohlen  dem  Grosskönig  auf  das  Fest  Mi^qanava  abzuliefern 
hatte,  nach  welchem  der  Monat  bei  den  Armeniern  Mehekan 
heisst8).  Speziell  aus  Balch  ist  uns  ein  solcher  Fall  aus  dem 
Jahre  82  H.  (652/53  n.  Chr.)  nach  dem  Abschluss  der  Kapitulation 
mit  den  Arabern  berichtet,  obwohl  dies  Gebiet  seit  Alexander  d.  Gr. 
niemals  mehr  einen  integrierenden  Teil  von  EranSahr  gebildet 
hatte  und  die  offizielle  Religion  daselbst  um  diese  Zeit  die  Lehre 
Buddhas  war4). 

Das  Mihragänfest,  das  am  Tage  Mihr  (16.)  des  Monats  Mihr 
gefeiert  wurde,  war  nach  iranischem  Glauben  von  Fre<5ün  ein- 
gesetzt worden  zur  Erinnerung  daran,  dass  an  diesem  Tage  Käwe 
sich  gegen  den  Tyrannen  Azdahäk  Bewarasp  erhoben  und  ihn  ver- 
trieben hatte,  worauf  er  das  Volk  aufforderte,  sich  um  das  Käwe- 
banner  zu  scharen  und  dem  rechtmässigen  Thronerben  Fredün  zu 
huldigen.  An  diesem  Tage  sollen  auch  die  Engel  herabgekommen 
sein,  um  dem  Frgdün  zu  helfen.    Daher  ward  es  Brauch  in  den 


des  Artaxias  den  Chalvbern  und  Mosvnoiken  entrissen  und  armenisch 
geworden  wären  (Strab.  uc  14,  5  p.  528).  In  dieser  Stelle  sind  zwei 
ganz  verschiedene  Dinge  vennengt :  die  allmähliche  Armenisierung  der 
ehemals  von  fremden  unabhängigen  Stämmen  besetzten  Landschaften, 
und  das  politische  Wachstum  der  neuen  armenischen  Reiche.  Dernau 
und  Karin  waren  schon  vor  Artaxias  von  Kleinarmenien  aus  armenisiert 
worden,  worauf  auch  Strabons  Worte  hindeuten:  Kagrivltiv  xal  Ah$- 
^Tjnjv,  a  rg  fuxpä  'Aq\uvUc  iorlv  Oftopa  i)  xal  fi^pTj  ccbrfjg  icrt  (schreibe 
ijv?) ,  aber  allerdings  von  Artaxias  seinem  Königreich  Grossarmenien 
einverleibt  worden.  Die  alten,  vielleicht  erst  ironisierten  und  dann 
schon  vor  Artaxerzes  II.  vorhandenen  Heiligtümer  der  Anahit  in  Erez 
und  des  Mihr  in  Bagajaric"  beweisen  aber,  dass  Kleinarmenien  wie 
Dergan  im  4.  Jahrhundert  wieder  den  Persern  gehorchten. 

»)  Gutschmid,  Beitrage  zur  Geschichte  des  alten  Orients  75. 

«)  Berünl  H1,  4—5  =  204,  4  ff.  der  Übersetzung. 

*)  [Ich  kann  jetzt  nachweisen,  dass  der  ehemalige  Jahresanfang 
mit  dem  Mehekan  sogar  noch  im  armenischen  Sprachgebrauch  des 
5.  Jahrhunderts  Spuren  hinterlassen  hat.] 

*)  Tab.  i  n.r,  9  ff. 


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Untersuchungen  jsur  Geschichte  von  Eran. 


135 


Häusern  der  Könige,  dass  bei  der  Morgendämmerung  ein  tapferer 
Krieger  im  Hofe  des  Palastes  aufgestellt  wurde,  der  in  den  höchsten 
Tönen  rief :  „Ihr  Engel,  kommt  herab  zur  Welt,  schlaget  die  Dewen 
und  Übeltäter  und  vertreibt  sie  von  der  Welt!*  An  diesem  Tage 
pflegten  die  Könige  der  Sasaniden  sich  mit  einer  Krone  zu  krönen, 
an  welcher  ein  Bild  der  Sonne  und  ihres  Kreislaufs  angebracht 
war.  Die  Spekulation  der  Priester  hat  noch  manche  symbolische 
Gedanken  mit  dem  Mihragän  verknüpft.  Besonders  ansprechend 
ist  die  Deutung,  welche  in  demselben  ein  Abbild  von  der  Auf- 
erstehung und  dem  Weltende  sah,  wie  im  Nauröz  ein  Abbild  des 
Weltanfangs.  Am  21.  des  Monats  (Räm-Röz)  wurde  das  grosse 
Mihragän  gefeiert  zur  Erinnerung  an  die  Fesselung  des  Aidahäk 
durch  Fredün1).  Zarafrustra  soll  verordnet  haben,  dass  das  Mihragän 
und  Räm-Röz  gleichmässig  in  Ehren  gehalten  werden  sollten. 
Deshalb  habe  man  beide  Tage  als  Festtage  gefeiert,  bis  Hormizd 
b.  Säpür  ,der  Held*  (Hormizd  I.  272 — 273)  auch  die  zwischen- 
liegenden Tage  zu  Festtagen  erhob,  wie  er  es  mit  den  beiden 
Nauröz  gemacht  hatte.  Später  hätten  die  Könige  und  das  Volk  von 
Iran  die  ganze  Zeit  vom  Mihragän  bis  30  Tage  später  als  Festtage 
gefeiert,  indem  sie  dieselben  unter  die  verschiedenen  Klassen  der 
Bevölkerung  verteilten,  von  denen  jede  ihr  Fest  5  Tage  lang  feierte. 

Diese  Erklärung  der  5tägigen  Dauer  des  Festes  ist  natürlich 
unhistorisch.  Dagegen  ist  es  nach  andern  Analogien  wahrscheinlich, 
dass  der  Tag  Mihr  (16.)  in  älterer  Zeit  den  Abschluss  des  Festes 
bildete,  und  dasselbe  somit  vom  12 — 16.  Mihr  dauerte.  Soviel  ist 
aber  klar,  dass  die  uns  historisch  bekannte  Zeit  des  Festes  an  den 
Tag  Mihr  gebunden  ist  und  somit  die  Sitte,  die  einzelnen  Monats- 
tage unter  den  Schutz  besonderer  Genien  zu  stellen  und  nach  diesen 
zu  benennen,  voraussetzt,  von  welcher  die  Inschriften  des  Dareios 
noch  keine  Spur  zeigen.  Es  ist  daher  nicht  unmöglich,  dass  es, 
wie  Herodot  behauptet,  im  6.  Jahrhundert  am  Jahrestage  der  Er- 
mordung des  Magiers  selbst  (10.  BägajädiS)  gefeiert  wurde,  obwohl 
ebensogut  denkbar  ist,  dass  diese  Angabe  nur  auf  der  falschen 
Auffassung  des  Namens  *bagajüda  als  paycxpovia  beruhte  *).  Nach 
dem  Falle  des  Gaumäta  dauerte  die  Aufregung,  wie  Herodot  sagt, 


*)  Berum  HT ,  9  ff.  Mas'üdf,  Murflg  II  114.  Hl  404.  Nach  anderer 
Version  war  da«  Mihragän  selbst  dem  Gedächtnis  der  Fesselung  des 

Aidahäk  geweiht;  s.  Tab.  I  R".,  9:  ^  v-JLc  ^jJt  fJfS\  J,t 
r^Jl  ^LJt  J^li  w*liuaJt  oyXtf\ 

*)  Her.  3,  79:  ravtr^v  ttJv  i]^iQr\v  &eQaite6ovöi.  TliQGai  xoivy  ud- 
lioxa  x&v  ijutQtaiv,  xal  iv  airtfj  6qxt\v  \uyäXx\v  &vayovoi,  ?/  x&dnrat  vnb 
ntffcimv  fucyoq>6via '  iv  x$  Mdyov  oü&tva  ££*0Tt  <pavf}vat  ig  xb  <p&f, 
täla  xax*  oixovf  iwvxobg  oi  Mäyoi  lypvoi  %$\v  i^iqx\v  tavrrjv. 


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136  J.  Marquart 

noch  über  5  Tage1).  In  der  That  waren  am  16.,  wenn  das  Fest 
am  12.  begann,  seit  der  Ermordung  des  Usurpators  7  Tage  ver- 
flossen. Herodot  3,  79  bezeichnet  die  fucyo(p6vuc  als  das  grösste 
Fest  der  Perser.   In  Chwärizm  entsprach  dem  persischen  Mihragän 

das  Fest  Öire-Röi        (Jjftr?*>  welches  am  13.  gefeiert  wurde*), 

also  dem  vorauszusetzenden  Beginne  des  altpersischen  bagajäda 
noch  näher  stand.  Am  21.  (Räm-Roä)  wurde  gleichfalls  ein  Fest 
gefeiert.  Merkwürdigerweise  erfahren  wir  nichts  über  ein  ent- 
sprechendes Fest  bei  den  Sogdiern,  nach  welchem  doch  der  Monat 
benannt  sein  muss. 

Die  Bedeutung  der  That  des  Dareios  in  ihrer  Wirkung  auf 
die  religiösen  Vorstellungen  des  Volkes  wird  also  durch  die  Um- 
stände für  uns  erst  recht  klar.  Er  fühlte  sich  ohne  Zweifel  als 
ein  neuer  Frgtfün,  welcher  dem  in  Gaumäta  wiedererstandenen 
Drachen  Dahäka,  der  Verkörperung  aller  Ungesetzlichkeit  und  Ge- 
waltthat,  den  Kopf  zerschmetterte.  Freilich  erschien  Gaumäta 
seinen  Standesgenossen ,  den  Magiern  in  ganz  anderem  Lichte. 
Ihnen  war  er  der  Vorkämpfer  für  die  reine  Mazdalehre,  wie  sie 
die  Magier  Mediens  weiter  ausgebildet  hatten,  und  im  Kampfe 
für  diesen  Glauben  war  er  als  Märtyrer  gefallen,  wie  einst  Kawi 
WiStäspa's  herrlicher  Sohn  Sp9ntödätai  deshalb  fuhrt  er  in  der 
von  den  Magiern  beeinflussten  Tradition  geradezu  den  Namen 
ZyivöaödrriQ  (Ktes.  Pers.  10— 15)8). 

Jetzt  können  wir  versuchen,  den  wirklichen  Verlauf  der  Be- 
gebenheiten wiederherzustellen.  Gegen  Ende  seines  8.  Jahres  als 
König  von  Babylon,  also  wohl  im  Frühling  530,  zog  Kyros  nach 
dem  Osten  des  iranischen  Hochlandes,  um  hier  die  von  den  Persern 
unter  der  gemeinsamen  Bezeichnung  Saka  zusammengefassten  räu- 
berischen Steppennomaden,  vor  allem  die  Fischesser  (Maaoayhat, 
ap.  *rnafrijaka,  aw.  *massjaka1  skyth.  *mas8jagä-tfä)  um  den  Aral- 
see zu  Paaren  zu  treiben,  welche  die  benachbarten  Kulturoasen  von 
Chwärizm,  Sogd  und  Margiana  mit  ihren  Raubzügen  heimsuchten. 
Allein  in  der  Steppe  zwischen  Oxus  und  Jaxartes  ist  der  grosse 
König  im  Vorsommer  530,  etwa  im  Simannu  (öäigarfiüs)  oder 
Düzu,  dem  Schicksal  erlegen4).  Am  12./ VI.  war  die  Kunde  von 
der  Katastrophe  bereits  in  Babylon  eingetroffen.  Auf  jenem  ver- 
hängnisvollen Zuge  hatte  sich  nach  der  ältern  Sage  vor  allen 
Kyros'  jüngerer  Sohn  Bardifa6)  ausgezeichnet,  welchem  es  allein 


l)  Her.  3,  80 :  Ine Ire  dh  xaxiotri  6  &6Qvßo$  xttl  inrbg  nivxs  i]^iQi(ov 
iyivtxo  xxX. 

*)  Böranl  rn.  13—14  =  224,  22  ff. 

8)  S.  meine  Fundamente  israelitischer  and  jüdischer  Geschichte 
S.  48  Anm.  3. 

*)  [Über  da«  angebliche  10.  Jahr  des  Kyros  s.  Weissbach, 
ZDMG.  55,  210.1 

6)  Die  genaue  altpersische  Form  ist  wohl  Bfdija^  die  medische 
hat  sich  bekanntlich  im  babylonischen  Namen  des  Usurpators  Gaumäta, 


! 


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UnterBuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  137 


von  sämtlichen  Persern  gelungen  war,  den  von  der  Königin  der 


Barzija  =  aw.  *b»r9zja  erhalten.  Der  Name  hat  scheinbar  die  Form 
eines  Ethnikon,  wie  Kambutf-ija,  Küru-i  (mit  Vrddhi,  zu  Äurti-),  Zoy- 
duxv6g  bezw.  26ydiog  (Pausan.  6.  5,  7) ,  Ktes.  Pen.  44 — 48.  51  Zexvv- 
Sucv6g  mit  falschem  Nasalstrich  für  Hoxvöuxvdg  =  ap.  *Sugud-ija,  und 
vielleicht  'AutQyrig  Thuk.  8,  28,  lykisch  Humrkka  Xanth.  Süds.  50  (im 
Akkusativ  humrkka),  ,milyisch*  umrggazn  Nords.  50,  dessen  Grossvater 
Wistäspa  Satrap  der  Bäk  tri  er  und  Saken  gewesen  war  Diod.  11, 
69,  2.  Thuk.  1.  115.  Ktes.  Pers.  20,  weshalb  die  Vermutung  nahe  liegt, 
dass  er  nach  den  Sakuh  Haumawa[rgäh\  (AiivQytoi)  benannt  ist,  wie  der 
Sakenkönig  'Au4gyr}g  Ktes.  Pers.  8.  7.  8  und  der  von  Dareios  bekriegte 
Sakenkönig  'OuuQyijg  Polyain.  7,  12  (oben  S.  86;  Justi,  Iran.  Namen- 
buch 14/15  erklärt  den  Namen  als  altp.  *humarga  .schöne  Wiesen  be- 
sitzend*). 

Mit  den  Habirdip,  auch  Hal-birdi  (Beh.  II  7.  III  50),  ALla-bir-di 
NR.  17,  altsusisch  Hat-Habirdipe  (Sutruk-Nachunte  C  24  bei  Weiss- 
bach, Anzanische  Inschriften  und  Vorarbeiten  zu  ihrer  Entzifferung 
S.  19  =  Abhandlungen  der  sächs.  Ges.  d.  Wiss.  Phil.-hist.  Kl.  XII  2 
S.  135:  vgl.  dazu  Weiss b ach,  Neue  Beiträge  zur  Kunde  der  susischen 
Inschriften  S.  26.  37  =  Abh.  d.  sächs.  Ges.  d.  Wiss.  Phil.-hist.  Kl.  XIV,  7 
S.  754.  765:  Jensen,  ZDMG.  1896,  S.  246;  Hüsing,  Elamische  Studien 
S.  17  =  MV  AG.  III,  1898  8.  295)  in  Susiana  hat  der  Name  Bardija 
nichts  zu  thun,  wie  die  medische  Form  zeigt;  ebensowenig  mit  den 
Mdo&oi  (Her.  1,  125.  Strab.  uc  13,  3.  6  p.  523.  524.  t*  3,  1  p.  727  u.  a.) 
in  der  nach  ihnen  benannten  persischen  Landschaft  Mapdvij?»},  die  bis 
zum  Meere  reichte  Ptol.  6,  4  p.  398,  2.  Denn  die  Md^doi  waren  unter 
diesem  Namen  oder  unter  der  Nebenform  "A^agdoL  auch  im  nördlichen 
und  östlichen  Iran,  in  Armenien  (vgl.  den  Gau  Marda-stan  in  der 
Provinz  Waspurakan  Ps.  Mos.  Chor.  Geogr.  p.  32,  28  =  48  d.  Übs.  und 
den  Gau  Mard-ali  in  der  Provinz  Taruberan  eb.  31, 12)  so  gut  wie  in 
der  Umgegend  von  Ämul  (*Ämrdä)  in  Tabaristän  und  von  Amul  am 
Oxua  verbreitet  (vgl.  oben  S.  29  A.  57),  und  ihr  Name  Mard  lebt 
noch  bei  den  arabisch-persischen  Genealogen  als  der  des  Stammvaters 

der  Kurden  fort  (Mas'üdl,  Kitäb  attanblh  a1,  9.  Murüg  III  250,  7),  die 

sowohl  in  Penis  (in  den  Jt^^t  J'CtOJ  )|r>*^  a.  424)  wie  in 

Armenien  neben  ihnen  genannt  werden  (vgl.  Th.  Nöldeke,  Kardü 
und  Kurden.    Festschrift  für  H.  Kiepert  S.  78  f.). 

Aischylos  Pers.  774  nennt  den  Usurpator  Maydog,  wofUr  ein 
Scholion  im  Mediceus  Mägdig  lesen  möchte.  Der  Schöll ast  selbst 
nennt  den  Bruder  des  Kambyses  nach  unbekannten  Quellen  Meodiag 
=  Brdija,  und  eine  verwandte  Form,  nämlich  Mfydig  setzt  auch 
Herodots  Zpigdig  voraus.  Dieselbe  lag  wohl  auch  dem  Pompeius 
Trogus  vor,  dessen  Mergidem  (Akk.)  nur  auf  Dissimilation  für  *Merdidem 
=  Migdiv  beruhen  wird.  Auf  die  medische  Form  Brzija  scheint  da- 
gegen ein  bisher  missverstandenes  Bruchstück  des  Hellanikos  zurück- 
zuweisen. Am  oberen  Seitenrande  (vor  v.  749)  findet  sich  im  Mediceus 
das  Scholion:  KvQog  Ttgätxog  ngoaixx^aaxo  THoGutg  xr\v  &g%r\v  Mjöcav 
t  tpeMptvog  Kvqov  vibg  Kau^vffjjs,  adeXtpol  dh  xaxä  'ElXavixov  Mc?a- 
migy  Mtg<ptg.  Das  Scholion  will  die  Verse  769 — 777  (nach  der  Zählung 
Wecklein' s)  erklären,  in  denen  wohl  von  Kyros  und  seinem  Sohne 
Kambyses,  sowie  von  dem  Usurpator,  der  den  Namen  des  Bruders  des 
Kambyses  (MaQdog)  annahm,  die  Rede  ist,  aber  nichts  von  einem 
Bruder  des  Kyros  erwähnt  wird.  Das  Scholion  ist  also  notwendig  ver- 
dorben Uberliefert  und  herzustellen :  Kvqov  vibg  A'aftßvtfijp,  (Kaußvoovy 
dh  adti<pbg  xaxä  'EXXavixov  Mdocctpig    xci    Mtotpig.    Diesem  Scholion 


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138  J.  Marquart, 

Fischesser  gesandten  Bogen  bis  auf  zwei  Pingerbreiten  zu  spannen *). 
Dies  verschaffte  ihm  späterhin  im  Volksmunde  den  Beinamen  Tanu- 
wazrka  (Ktes.  Tawoga^xifc)  »von  gewaltigem  Körper *,  welcher 
ihn  dem  Heros  SijäwarSan  der  Heldensage  an  die  Seite  stellte, 
an  den  er  auch  durch  seinen  tragischen  Tod  in  der  Blüte  der 
Jugend  erinnert.  Die  Volkstümlichkeit,  welche  Bardija  so  erlangt 
hatte,  erregte  die  lebhafte  Eifersucht  und  Besorgnis  des  neuen 
Königs.  Ob  Kyros  vor  seinem  Tode  in  der  That  den  Bardija 
zum  Prinzstatthalter  (ösanovriv)  der  Baktrier,  Choramnier,  Parthier 
und  Karmanier  ernannte,  wie  Ktesias  behauptet,  lässt  sich  mangels 
anderweitiger  Nachrichten  nicht  mit  voller  Bestimmtheit  ent- 
scheiden. An  und  für  sich  wäre  es  sehr  wohl  denkbar,  dass  er 
auf  diese  Weise  für  einen  wirksameren  Grenzschutz  sorgen  wollte, 
indem  er  die  militärische  und  Steuerkraft  dieser  vier  Provinzen  in 
einer  Hand  vereinigte.  Allein  die  ganze  Episode,  deren  Abschluss 
jene  Angabe  bildet,  leidet  an  einer  Reihe  von  Anachronismen 


verdankt  dann  weiter  der  unechte  Vers  780:  fttrog  dh  MdQcc<ptgy  ißdopo? 
d'  'AQTC£<p(f{vT}s  seinen  Ursprung.  MÜQacptg  und  Miqtpis  sind  also  zwei 
aus  den  alexandrinischen  nlvccxeg  in  ein  Lexikon  übergegangene  Les- 
arten des  Namens  des  Bardija  bei  Hellanikos.  Das  Richtige  ist  wohl 
*M<x^(piS,  eine  Umschreibung  welche  die  spirantische  Aussprache  des 
d  nach  r,  also  Bardija  voraussetzt,  wobei  die  Spirans  6  durch  <p 

statt  &  wiedergegeben  ist;  vgl.  phl.  Fretön,  neup.  .^sXjJ*  =  *Qrai- 

tauna.  Vielleicht  geht  jene  Form  aber  auch  von  einer  kleinasiatischen, 
der  armenischen  verwandten  Aussprache  *Ürzya  mit  z  (dz)  aus. 

Ein  ähnliches  Beispiel  Air  die  Ersetzung  einer  dentalen  durch 
eine  labiale  Aspirata  bezw.  Spirans  scheint  bei  Strab.  ut  14,  5  p.  528 
vorzuliegen,  wo  unter  den  von  Zariadris  seinem  Reiche  hinzugefügten 
Provinzen  neben  Sophene  und  'Odoiucvrig  auch  Ajupioativ^  genannt  wird. 
So  las  Steph.  Byz.  s.  v.  "Aatpusoa,  während  die  Hss.  dx«rtjy/)s,  die  Aid. 
äuia-nv^g  bieten.  C.  MU Herstellte  dafür  'Av&wrivfjs  her  nach  *Avlixi\vi\ 
Ptol.  5,  13,  8,  allein  diese  Änderung  ist  zu  gewaltsam.  A^tti\c\riv4\ 
geht  nicht  auf  Anzü,  Hankit* ,  assyr.  Enzüi  zurück,  sondern  auf  die 
in  den  assyrischen  Inschriften  mit  letzterem  wechselnde  Nebenform 
Enzi  [vgl.  Max  Streck,  ZA.  XIII,  91—94].  Die  gleichbedeutenden 
Nebenformen  Enzite  und  Enzi  wurden  später  so  differenziert,  das  erstere 

auf  das  Thal  Hanzit'  am  JajiJL$  _jü,  die  zweite  auf  das  Gebiet  des 

Flusses  von  Simsät  (Arsamosata) ,  des  heutigen  Muräd-su,  beschränkt 
wurde,  das  xaXbv  xtdiov  des  Polybios  (8,  25,  1),  armen.  Anzean-zor. 
Vgl.  Tomaschek,  Historisch -Topographisches  vom  oberen  Euphrat 
und  aus  Ost-Kappadokien.   Festschrift  für  H.  Kiepert  S.  138. 

AKI£r\vfjg  der  Hss.  ist  also  zunächst  aus  ABiai\vfig  und  dies  aus 
!4/i<9)*0Tjyi)s  verdorben.  'Autp-ia-riv^  steht  allerdings  für  ^Av^-tc-nv^ 
und  setzt  einen  armenischen  Akk.-Lokativ  plur.  *Anzi-s  voraus,  wofür 
später  die  abgeleitete  Nebenform  Anze-an  (mit  Suffix  -an,  wie  Äwr«-an, 
Öaoi-avfi  von  (Pdat?)  gebräuchlich  ist,  wie  AxiA-io-rivil)  =  *AJciU~*t 
altarm.  gen.  abl.  Ekei-eac\  "Avtaa  =  *Ani-z  ist. 

*)  Die  Geschichte  ist  später  nach  Afrika  übertragen  und  in  den 
äthiopischen  Feldzug  des  Kambyses  eingereiht  worden  Her.  3,  30.  Die 
weitere  Ausführung  dieser  Andeutungen  muss  einem  andern  Orte  vor- 
behalten bleiben. 


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I 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  139 


and  trägt  völlig  den  Stempel  ktesianischer  Komposition.  Bei 
Ktesias  vertritt  die  Stelle  des  verhängnisvollen  Massagetenfeldzuges 
ein  solcher  gegen  die  Derbiker  oder  TsQßusool  d.  h.  die  Bettler1). 
Diese,  von  indischen  Hilfsvölkern  mit  Kriegselefanten  versehen, 
bringen  der  persischen  Reiterei  eine  schwere  Niederlage  bei,  wobei 
Kyros  selbst  von  einem  Inder  tödlich  verwundet  wird.  Da  er- 
schienen zur  rechten  Zeit  20  000  sakische  Reiter  unter  ihrem 
König  *A\iOQyt)g  ( Hauma  warga) ,  welche  den  Persern  zu  einem 
entscheidenden  Siege  verhalfen.  Vor  seinem  Tode  ernannte  Kyros 
seinen  alteren  Sohn  Kambyses  zu  seinem  Nachfolger,  den  jüngeren 
Tanyoxarkes  setzte  er  zum  steuerfreien  Herrscher  der  Baktrier, 
Choramnier,  Parthier  und  Karmanier  ein,  wahrend  er  seine  beiden 
Stiefsöhne  Spitakes  und  Megabernes,  die  Enkel  des  Mederkönigs 
Astyages,  zu  Satrapen  der  Derbiker  und  der  schon  früher  unter- 
worfenen Barkanier  machte.  Die  Dienste  des  Sakenkönigs  wusste 
er  so  zu  schätzen,  dass  er  diesen  und  seine  eignen  Erben  eidlich 
verpflichtete,  sich  gegenseitig  Freundschaft  zu  halten  (Ktesias 
ecl.  6—8). 

Es  ist  nicht  schwer  einzusehen,  dass  die  Unterwerfung  der 
im  10.  und  11.  Buche  des  Ktesias  genannten  Völker,  der  ge- 
rechten dvQßaioi  zwischen  Baktrien  und  Indien8),  der  wilden 
Xa>Qcc{ivaioi3) ,  der  Kaspier  und  Derbiker  erst  von  Dareios  auf 
Kyros  übertragen  ist.  Zu  dem  von  Dareios  übernommenen  Be- 
stände des  Reiches  gehörten  Gandära,  sowie  die  Saka  und  OataguS 4). 
Die  Eroberung  von  Gandära  durch  Kyros  wird  indirekt  durch  die 
Angabe  bestätigt,  er  habe  die  Stadt  KapUa  in  Capisene  im  .Tor- 
bandthale  zerstört5).  Über  die  Lage  von  öatagufc  wird  später  die 


*)  Ktesias  selbst  schrieb  TsgßiaaoL  Die  beiden  Namensformen 
gehen  auf  zwei  verschiedene,  aber  gleichbedeutende  altiranische  Grund- 
formen *drgv>-ika  und  *drgw-iiija  mit  sonantischem  r  zurück,  wodurch 
das  anlautende  t  bei  Ktesias  erklärt  wird.  Es  sind  dies  keine  eigent- 
lichen Volksnainen,  sondern  Schimpfnamen  mit  der  Bedeutung  .Bettler-, 
womit  die  Iranier  im  Naturzustand  zurückgebliebene  Reste  der  Ur- 
bevölkerung bezeichneten,  die  sich  vor  ihnen  in  die  Gebirge  zurück- 
gezogen hatten.  Damit  sind  sowohl  die  weite  Verbreitung  dieses  Volkes 
als  die  verschiedenen  Namensformen,  unter  denen  es  in  der  Uberliefe- 
rung auftritt  —  ausser  den  erwähnten  noch  Drebices  Plin.  h.  n.  6.  48, 
Jseßlxxai,  Jegxtßioi,  Jqißvxss  Ptol.  VI  2  p.  391  —  hinlänglich  erklärt. 
Natur  lieh  ergibt  sich  hieraus  von  selbst,  dass  die  in  verschiedenen  Ge- 
birgsgegenden erwähnten  Derbiker  durchaus  nicht  sämtlich  ein  und 
derselben  ethnischen  Gruppe  anzugehören  brauchen  und  man  zu  der 
Erwartung  berechtigt  ist,  .die  einzelnen  Zweige  jeweils  unter  anderen 
Namen  wiederzufinden.  Ahnlich  verhält  es  sich  mit  dem  Namen 
"AvuQULxai  und  wohl  auch  mit  den  so  weit  verbreiteten  Kdamot  und 
MccqSoi. 

*)  fr.  32  bei  Steph.  Byz.  s.  v. 

")  fr.  34  bei  Steph.  Byz.  s.  v. 

4)  Beh.  I  16—17.  II  7-8. 

•)  Plin.  h.  n.  6,  92. 


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140 


J.  Marqnart, 


Rede  sein.  Unter  den  Saka  sind  hier  die  sogenannten  »Haama- 
bereiter*  Haumawairgah]1)  zu  verstehen,  die  von  den  spitz- 
mützigen  Saken  (Sakäh  tigrachaudoJi)  jenseits  des  Jaxartes,  welche 
in  der  spatern  Regierungszeit  des  Dareios  unterworfen  wurden1), 
scharf  zu  trennen  sind ,  obwohl  schon  Herodot  7,  64  beide  zu- 
sammengeworfen hat.  Die  erstem  waren  von  Kyros  nach  den 
Baktriern  unterworfen  worden,  wie  auch  die  Barkanier,  nach 
Etesias  (ecl.  3.  4)  vor,  nach  Herodots  Quelle  (1,  153)  richtiger 
nach  dem  Falle  von  Sardeis.  Sehr  schwierig  ist  es,  die  Wohn- 
sitze der  Sakäh  Haumawargäh  zu  bestimmen,  die  nicht  bloss  von 
Dareios  (Beh.  I  16.  Dar.  Pers.  I  18.  NR  a  25/26),  sondern  auch 
von  Hekataios  mit  Gandhära  verbunden  worden  waren.  Dieser 
sagt  nämlich  in  einem  Fragment:  KaOnaitvQos,  xohg  ravoa^xif, 
Zxv&üv  toxy.  Die  seltsame  Bezeichnung  der  Stadt  Kaspapyros 
als  Küste  der  Skythen  (Saken)  wird  später  erörtert  werden, 
soviel  ist  aber  auch  ohnedies  klar,  dass  auch  hier  die  Saken 
nördlich  von  Gandhära  gedacht  sind.  Nach  Ktesias  soll  Kyros 
am  dritten  Tage  nach  seiner  Verwundung  gestorben  sein  8),  wonach 
die  Buken  in  unmittelbarer  Nähe  des  Schauplatzes  der  Schlacht 
gegen  die  Derbiker  gewohnt  haben  müssten,  allein  auf  jene  Zeit- 
bestimmung ist  nichts  zu  geben,  da  der  Feldzug  <?egen  die  Derbiker 
bei  Ktesias  poetisch  zugespitzt  ist  Sonst  erscheinen  die  Saken 
in  enger  Verbindung  mit  den  Satrapen  von  Baktrien4)  und  gelten 
im  persischen  Heere  als  Kerntruppe6).    Tomaschek  sucht  sie 

in  den  heutigen  Landschaften  äuynSn  (arab.  c)Uää  äupnäri)  und 
Rösnän  am  oberen  Oxus  (Pang)6),  womit  aber  schwer  vereinbar 
ist,  dass  Hellanikos  ^AfivQytov  als  Ebene  der  Saken  bezeichnet 
hatte 7). 

Die  Kaspier  sind  im  Verzeichnis  der  Steuerbezi rlce  (Her.  3,  93) 
nach  der  Quelle  B  mit  den  Saken  als  15.  Bezirk  zusammengeordnet; 
im  Kataloge  des  Xerxesheeres  werden  sie  unmittelbar  hinter  den 
ravduQioi  und  4udlxm  (7,  67),  an  einer  andern  Stelle  (7,  86) 
neben  den  Baktriern  aufgeführt,  was  auf  das  Land  der  sog.  Kätirs 
oder  Sijäh-pöS  sw.  von  Citräl,  die  bei  den  Indern  Kamböga 
heissen,  passt.  Die  Kaspier  trugen  Röcke  von  Schaffellen  und 
waren  mit  einheimischen  Rohrbogen  und  Dolchen  bewehrt  Noch 


*)  [Vgl.  Uber  den  Namen  W.  Foy,  ZDMG.  54,  359.] 
•)  Beh.  V  21  ff.  NR.  a.  25-26. 

•)  xa&ca  efaas  ixeXefar\os  xqIxji  voxsqov  &%b  xoti  XQavpaxog  ^i^t. 
4)  Her.  9,  113.  7,  64.  Arrian  7,  10,  5. 

R)  Her.  1, 134.  8,  113.  9,  31.  71.  Arrian  3,  13.  Vgl.  Duncker,  GA. 
4,  569. 

2 Tomaschek,  Centraiasiat.  Stud.  I  26.  48  f.  51.  II  10.  15  f.  = 
Bd.  87,  90.  112  £115. 

')  Hellan.  fr.  171  bei  Steph.  Byz.  s.  v.  'A^gyiov  ntdiov  Zaxcbv. 
'EXXdvixoe  Zxtöaig. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  141 

heute  kleiden  sich  die  Käfir  in  Ziegenfelle1).  Über  ihre  Be- 
stattungsgebräuche wird  berichtet,  sie  hatten  ihre  Eltern,  sobald 
sie  das  siebzigste  Lebensjahr  überschritten,  eingeschlossen  und 
so  verhungern  lassen  und  alsdann  in  der  Einöde  ausgesetzt3). 
Hierauf  beobachteten  sie  sie  von  ferne  und  priesen  sie  glücklich, 
wenn  sie  sahen,  dass  sie  durch  Vögel  von  der  Bahre  herabgerissen 
wurden,  weniger  jedoch,  wenn  dies  durch  wilde  Tiere  oder  Hunde 
geschah,  und  wurden  sie  überhaupt  nicht  berührt,  so  hielten  sie 
sie  für  unselig8).  Diese  Bestattungsweise  erinnert  zum  Teil  an 
,  die  der  Baktrier,  welche  die  durch  Krankheit  und  Alter  Ge- 

schwächten besonders  dazu  aufgezogenen  Hunden  vorwarfen4),  ist 
jedoch  humaner  als  diese5).    Die  Sitte  der  Kaspier,  die  Toten  in 

*)  Lassen,  Ind.  Altertumskunde  1*514. 

*)  Damit  ist  zu  vergleichen  die  Erzählung  des  Ktesias  ecl.  5  Uber 
den  Tod  des  Astyagea. 

")  Strab.  ut  11,  3  p.  517.  11,  8  p.  520.  Dass  die  östlichen  Kaspier 
gemeint  sind,  wird  dadurch  nahegelegt,  dass  ihre  Bestattungsweise  an 
der  ersten  Stelle  mit  der  der  Baktrier  verglichen  wird.  Da  dieselbe 
aber  bei  Euseb.  »?<wr.  siayy.  I  4,  7  (nach  Bardaicän?)  mit  jener  der 
Hyrkanier  zusammengestellt  wird  und  Strabon  p.  520  vor  ihnen  von 
den  T spuren  handelt,  ist  es  ebensogut  möglich,  dass  die  Kaspier  im 
Süden  des  Kaspischen  Meeres  gemeint  sind  oder  wenigstens  Strabons 
p  Gewährsmann  (Poseidonios)   die  aus  einer  alten  Quelle  stammende 

Nachricht  auf  jenen  Stamm  bezogen  hat.  Letzteres  ist  mir  das  Wahr- 
scheinlichere. 

*)  Strab.  ut  11,  3.  Im  Buche  der  Gesetze  der  Länder  ist  dies  auf 
die  Meder  bezogen. 

*)  Die  Kaspier  waren  auch  humaner  als  die  Hjrkanier,  welche 
(die  Greise)  lebend  den  Vögeln  und  Hunden  vorwarfen  Euseb.  TtQon. 
ti>ayy.  I  4,  7.  Man  hat  daher  kein  Recht,  sie  mit  den  kannibalischen 
Derbikenij  Issedonen,  Tibetern  und  Massageten  auf  eine  Linie  zu 
stellen,  wie  Tomas  chek  thut  (Kritik  der  ältesten  Nachrichten  über 
den  skythischen  Norden  I  85  f.  46.  62  f.).  Plin.  h.  n.  6,  55  sagt  aller- 
dings :  Ab  Attacoris  gentis  Thuni  et  Focari  (1.  Funi  et  Thocari)  et  iam 
Indorum  Casiri  introrsus  ad  Scythas  versi  humanis  corporibus  vescun- 
tur,  allein  diese  indischen  Kannibalen  dürfen  nicht  zu  CASPII  ge- 
macht werden,  da  ihr  Name  bei  Plin.  6,  64  als  Cosiri  wiederkehrt.  Die 
Hypothese ,  dass  die  Kdonioi  die  Urbevölkerung  des  HindukuS  dar- 
stellen ,  als  deren  einzige  Reste  die  beherzten  BuriS  oder  Kan£üti, 
afghanisch  Chagüna  zu  betrachten  seien,  die  sich  bis  zum  heutigen 
Tage  in  den  Thälern  von  Hunza,  Nagar  und  Jasin  erhalten  haben  und 
eine  isolierte  Sprache,  das  Burusaskl  sprechen,  die  wie  das  Baskische 
bis  jetzt  an  keine  bekannte  Sprachgruppc  angeknüpft  werden  kann 
(Tomaschek  a.  a.  0.  I  42.  62  f.  II  52).  hängt  somit  in  der  Luft. 
Dagegen  kehrt  die  Sitte  der  Kaspier,  die  Toten  in  der  Einöde  den 
Vögeln  auszusetzen,  im  Lande  des  Taxiles  wieder,  wo  der  Tote  den 
Geiern  vorgeworfen  wurde  Strab.  t«  6,  62  p.  714.  Vgl.  Lassen  II*  154. 
Da  wir  die  Bedeutung  und  einheimische  Form  des  Namens  Kccamoi 
nicht  kennen,  so  wissen  wir  nicht,  ob  die  östlichen  Kaspier  mit  den 
gleichnamigen  Stämmen  im  Süden  und  Südwesten  des  Kaspischen 
Meeres,  per».  Kä*p  =  arisch  *  Konica  neben  Käs-ak  (vom  Volksnamen 
abgeleitete  Ortsnamen,  oben  S.  27  A.  3,  also  wohl  Vrddhiformen ?), 
wie  vispa  neben  toua-,  irgend  etwas  zu  thun  haben. 


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142 


J.  Marquart, 


4er  Einöde  auszusetzen,  hat  sich  aher  bis  heute  bei  den  Käfirs 
erhalten,  welche  die  Toten  in  hölzernen  Särgen  auf  den  Gipfeln 
der  Berge  aufstellen1).  Gehören  die  Kaspier  nach  Kafiristan,  so 
müssen  auch  die  Sitze  der  Saken  westlich  von  &uynän,  etwa  in 
Mungän,  Sangllß  und  Zebak  im  Gebiete  der  Quellflüsse  des  Kokca 
gesucht  werden,  wo  noch  heute  sogenannte  „Pämirdialekte*  ge- 
sprochen werden.  Einen  naturwissenschaftlichen  Anhaltspunkt  für 
die  Bestimmung  des  Landes  der  Kaspier  bieten  die  Angaben  des 
Ktesias  über  die  weissen  hornlosen  kaspischen  Ziegen  sowie  die 
dortigen  Kameele,  deren  Haare  an  Weichheit  selbst  die  milesische 
Wolle  übertrafen:  alyeg  6h  KaOitiai  ylvovxai  ksvxal  16%vq&$  xal 
xeQormv  de  ayovoi,  fiixqal  xb  (Uyi&og  xccl  aipal.  Kä^rjXoi  0  &qi&- 
poüvxai  itXelovg,  at  fiiyusxat  xaxcc  xovg  mnovg  xovg  piyufxovg, 
tüxqtxsg  ayav.  KAxaXal  yao  efoi  6(p6öoa  at  xovxwv  xql%tg  &g  xal 
xotg  Mikrjatoig  igtoig  avxtxqlvta&ai  xi)v  ftaXaxStrjra '  ovxoüv  ix 
xovxcov  ot  Uqetg  iödijxa  a^upiivvwxai  xal  ot  xobv  Kaontmv  nXovGub- 
xaxol  xb  xal  ßvvaxaoxaxot^).  Es  ist  zu  wünschen,  dass  Forscher,  die 
in  der  Lage  sind  an  Ort  und  Stelle  Erkundigungen  einzuziehen 
—  ich  denke  vor  allem  an  M.  A.  Stein  —  diesen  Wink  nicht 
tibersehen  mögen8). 

Weit  roher  und  ursprünglicher  als  die  Kaspier  waren  die 
Derbiker.  Dürfen  wir  die  Schilderung,  welche  Strabon  nach  viel 
älterer  Quelle  von  diesem  Volke  gibt,  auf  die  Tsoßiaool  des 
Ktesias  beziehen,  so  wurden  bei  diesen  die  Männer,  welche  das 
siebzigste  Jahr  überschritten,  geschlachtet  und  von  den  nächsten 
Verwandten  verzehrt;  alte  Frauen  wurden  erdrosselt  und  dann 
begraben,  auch  die  vor  dem  siebzigsten  Jahre  Verstorbenen  wurden 
nicht  verzehrt,  sondern  begraben4).  Die  Übereinstimmung  dieser 
Bräuche  mit  denen  der  Massageten 5)  ist  wohl  für  Ktesias  mit  die 
Hauptveranlassung  gewesen,  den  letzten  Feldzug  des  Kyros  von 
den  Massageten  zu  den  Derbikern  zu  verlegen 6).   Sie  trugen  zum 

»)  Lassen,  Ind.  Alt.  Ia  520. 

*)  Ktes.  bei  Aelian.  hist.  an.  17,  34;  kürzer  bei  Apollon.  bist 
mirab.  20. 

*)  Dürfte  man  annehmen,  dass  Ktesias  sich  einer  Verwechslung 
schuldig  gemacht  habe  und  jene  geschätzte  Wolle  nicht  von  Kamelen, 
sondern  von  den  kaspischen  Ziegen  gewonnen  wurde,  so  könnte  nur 
die  Wolle  der  Schalziege  Ladakhs  gemeint  sein  (vgl.  Lassen  I*  46  f. 
868.  II  569)  und  die  Sitze  der  Kaspier  wären  viel  weiter  östlich,  näm- 
lich im  westlichen  Himälaja  zu  suchen.  Allein  eine  solche  Verwechslung 
ist  um  so  unwahrscheinlicher,  als  die  Ausdrucksweise  des  Ktesias  voraus- 
setzt, dass  die  kaspisehen  Stoffe  als  Handelsartikel  nach  Persien  kamen 
und  hier  der  milesischen  Wolle  scharfe  Konjcurrecz  machten.  Er  hatte 
somit  Gelegenheit,  sie  selbst  zu  sehen.  Überdies  ist  die  Lanze  des 
persischen  Mannes  schwerlich  je  so  weit  östlich  vorgedrungen. 

*)  Strab.  wr  11,8  p.  520. 

»)  Her.  1,  216.  Strab.  ia  8,  6  p.  513  (beide  aus  Hekataios). 
*)  Vgl.  Euseb.  itQon.  tiayy.  I,  4,  7.  wo  Massageten  und  Derbiker 
(nach  Bardaicän  bezw.  Poseidonios)  direkt  gepaart  sind. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


143 


Teil  noch  Lanzen  mit  im  Feuer  gehärteter  Spitze  x),  wie  die  Oreiten 
in  Gadrosien*).  Diese  Derbiker,  welche  von  den  Indern  Hilfs- 
truppen  erhalten,  müssen  in  der  Nahe  des  oberen  Indus  gesucht 
werden,  können  also  nur  von  Gandhära  aus  bezwungen  worden 
sein.  Sie  darf  man  mit  Recht  als  Rest  einer  unarischen  Ur- 
bevölkerung ansprechen8). 

Die  Unterwerfung  der  dvqßaioc  hängt  mit  der  Eroberung 
des  oberen  Industhaies  bis  zur  grossen  Beuge  oberhalb  Bungi  ein- 
schliesslich der  von  den  Dardstämmen  bewohnten  Gebiete  von 
£ilas  und  Gilgit  zusammen,  die  unter  Dareios  erfolgt  ist4)  und 
an  die  sich  die  Entdeckungsfahrt  des  Skylax  von  Kaiyanda  auf 
dem  Indus  anschloss. 

Für  die  wilden  Xoqdfivtoi  oder  XmQtefivalot  (Steph.  Byz.)  würde 
man  vielmehr  das  Kulturvolk  von  Chwärizm  erwarten.  Allein 
wahrscheinlich  bildete  dieses  Land  bereits  zu  Ktesias'  Zeit  wie 
später  beim  Alexanderzuge  ein  unabhängiges  Reich.  Dass  der 
Name  Xto^afivalot  nicht  anzutasten  ist fi),  zeigt  auch  der  Chirograph 
bei  Mela  I  2  §  18.  Plin.  6,  47,  wo  das  Volk  Cbo^r>araani  bezw. 
Comani  heisst6).  Sie  stehen  bei  Mela  neben  den  Paropanisaden, 
werden  also  wohl  in  der  Nähe  des  HindukuS  zu  suchen  sein,  wie 
sicher  die  TsQßixteol  und  die  Baqxdvioi,  über  welche  bereits 
Astyages  nach  der  Eroberung  von  Baktrien  zum  Statthalter  er- 
nannt worden  sein  soll7).   Die  Provinz  Baktrien  schloss  Margiana 


M  Curt.  3, 2,  7.  Die  hier  beschriebene  Heeresmusterung  des  Dareios 
(vgl.  Diod.  17,  31 ,  1 — 2)  ist  eingestandenermaßen  der  des  Xerxes  nach- 
gebildet (vgl.  c.  2,  2),  und  «war  unter  Benutzung  des  Ktesias.  Der  Ver- 
fasser bat  die  streitaxtbewehrten  Bccqxclvioi  in  die  Nähe  der  Hyrkanier 
versetzt  und  in  den  Derbikern  des  Ktesias  die  in  Margiana  wohnende 
Gruppe  dieses  Volkes  gesehen.    S.  Assyriaka  des  Ktesias  S.  609  f. 

*)  Nearch  bei  Arrian  Ind.  24,  3.  Vgl.  Tomasch ek.  Topogra- 
phische Erläuterung  der  Küstenfahrt  Nearchs  S.  18  =  SBWA.  Bd.  121 
Nr.  8,  1890. 

8)  Dagegen  werden  die  Kannibalen,  welche  Megasthenes  im  in- 
dischen Kaukasos  kennt,  tibetische  Hitnfilajubewohner  Bein,  da  er  unter 
dem  Namen  Kaukasos  den  Paropanisos,  Emodos  und  Imaos  zusammen- 
fasse S.  Strab.  15,  1,  56  p.  710:  cptjffl  (Msyaa&hr\<s)  roh«  xbv  Kavxuoov 
olnoihnag  iv  t&  tpaveqfo  yvvuigL  ulaytoftai  xccl  6ccQX0<paysTv  xu  rcov 
övyyevcbv  aöa^iaroc. 

*)  Her.  8,  94.  98. 102.  Dar.  Pen».  I  17.  NR.  a  25. 

*)  XaQapvaloi  ist  die  Umschreibung  eines  altpersischen  *hwe- 
ärämna-,  gebildet  von  ä~räman~ -\-  hu-  und  in  die  a  -  Deklination  über- 
geführt, wie  ap.  Arij-ärämna-.    Der  Name  bedeutet  also  .fröhlich» 

m  > 

und  verhält  sich  zu  np.  pj>  aus  churam  =  altp.  *hu-rama-  wie  skt. 

turäman  zu  turamja-;  vgl.  Hübschmann,  Pers.  Studien  55.  Ktesias 
hatte  ausführlich  von  diesen  Wilden  gehandelt  und  ihre  Behendigkeit 
hervorgehoben  (Steph.  Byz.  s.  v.). 

•)  S.  Unters,  zur  Gesch.  von  Eran  I  31  A.  136. 

*)  Ktes.  ecl.  8.  5.  fr.  32  bei  Tzetz.  chil.  I  1,  82  f.  Eransahr  S.  220  ff. 


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144 


J.  Marquart, 


ein,  ebenso  wie  zu  Parthien  von  jeher  auch  Hyrkanien  gerechnet 
wurde  (Beh.  m  10—21.  II  92—98).  Im  Anfange  der  Regierung 
des  Dareios  finden  wir  sowohl  in  Parthien  wie  in  Baktrien  eigne 
Satrapen,  die  ohne  Zweifel  schon  von  Kambyses  eingesetzt  waren: 
dort  gebot  Dareios'  Vater  WiStäspa1),  in  Baktrien  ein  Perser 
DädrSis.  Eine  Satrapie  Karinamen  aber  hat  es  unter  Kyros  über- 
haupt noch  nicht  gegeben,  vielmehr  ist  dieselbe  erst  im  Laufe 
des  fünften  Jahrhunderts  entstanden.  Zunächst  wurde  unter  der 
Regierung  des  Dareios  die  bis  dahin  zu  Pars  gehörige  Landschaft 
Jutijä  mit  dem  Vororte  Krmäna*)  infolge  ihrer  Teilnahme  am 
Aufstande  des  Wahjazdäta  (Beh.  8,  23)  von  Pars  losgetrennt  und 
mit  Asagarta  (Köhistän),  Zraüka,  den  Saficcvatot  (Arachosien), 
Muka  (Mvxoi)  und  den  Inseln  des  erythräischen  Meeres  zu  einer 
Satrapie  vereinigt  (Her.  3,  93),  wodurch  sie  des  dem  Stammlande 
Pars  vorbehaltenen  Privilegs  der  Steuerfreiheit  verlustig  gieng. 
Doch  auch  jetzt  behielt  sie  den  alten  Namen  Jutijä  (Ofcuu)  bei, 
unter  welchem  sie  noch  im  Katalog  des  Xerxesheeres  (Her.  7, 
68.  86)  erscheint8).  Erst  später  übertrug  man  den  Namen  der 
Hauptstadt  auf  die  Landschaft;  daher  die  reofumo*  (Kftnäna)*) 
gleich  den  Asagarta  als  besonderer  persischer  Stamm  Her.  1,  125. 

Nach  alledem  wird  man  gut  thun,  auf  die  Angabe  des  Ktesias 
über  das  angebliche  Vizekönigtum  des  Tanyoxarkes  zu  verzichten, 
zumal  Dareios  in  seiner  Inschrift  mit  keiner  Silbe  andeutet,  dass 
Bardija  eine  derartige  Stellung  innegehabt  habe,  ebensowenig  wie 
Herodot.  Dazu  kommt,  dass  Ktesias'  Darstellung  des  Ausgangs 
des  Kyros  mit  Zügen  aus  Herodots  Roman  über  das  Ende  des 
Kambyses  ausgestattet  worden  ist:  die  tödliche  Schenkelwunde 
Ktes.  ecl.  6  vgl.  Her.  3,  64,  Vermächtnis  an  die  Erben  bezw.  die 
Perser,  Verheissung  von  Segen  für  die  Ausführung,  Androhung 
des  Fluchs  für  die  Missachtung  desselben  Her.  3,  65.  Ktes.  ecl.  8  5). 
Ich  habe  daher  schon  früher  vermutet,  dass  das  angebliche  Vize- 
königtum des  Tanyoxarkes-Bardija  in  Ostiran  dem  Kyros'  HI.  in 
Kleinasien  nachgebildet  sei6).    Diese  Erfindung  lag  um  so  näher, 


»)  Bei  Her.  8,  70.  72  ist  Par&atca  mit  Pärsa  W^ecci  verwechselt. 

*)  In  diesem  Sinne  ist  der  Name  KctQ\utvla  bei  Berossoe  aufzu- 
fassen. Dieser  hatte  berichtet,  Kyros  habe  dem  Nabünäid  nach  der 
Einnahme  von  Babylon  Karmanien  als  Aufenthaltsort  angewiesen  (Jos. 
gegen  Apion  I  153),  Abydenos  aber  macht  daraus,  Nabfloftid  sei  eum 
Fürsten  von  Karmanien  eingesetzt  worden  (Euseb.  Chron.  I  30 
Aucher  =  I  41,  35—86  Schöne). 

•)  Her.  7,  86:  &s  6'  ccfaas  Kdanioi  xal  Jlaptxaviot  iaad%axo 
dfiouog  xai  iv  r&  nety.   Für  KAZTlIOl  ist  zu  lesen  KAI  OTTIOI. 

*)  Die  Umschreibung  des  k  durch  y  erklärt  sich  durch  das  folgende 
semantische  r.  Ebenso  wird  ßapxarto«,  Barütni  (=  BAPTANOU)  neben 
*Pcrgenii,  Pariani  (=  ILAPrANOIT)  zu  beurteilen  sein. 

6)  Vgl.  aber  auch  Beh.  IV  86—45.  52—59.  67-80.  86  ff. 

•)  Die  Assyriaka  des  Ktesias  S.  619  f. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  145 


als  in  der  That  im  5.  Jahrhundert  eine  ganze  Reihe  von  Mit- 
gliedern  des  Königshauses  die  Würde  eines  Satrapen  von  Baktrien 
bekleidet  haben.  Ganz  seltsam  und  unwahrscheinlich  nehmen  sich 
die  angeblichen  Satrapen  der  Derbiker  und  Barkanier  aus.  Sollten 
die  diesbezüglichen  Angaben  des  Ktesias  irgendwelchen  tatsäch- 
lichen Hintergrund  haben,  so  könnte  es  sich  nach  Analogie  des 
Schicksals  des  Kroisos1)  und  Nabünatd8)  nur  um  Verbannungs- 
orte handeln,  welche  Kyros  und  sein  Sohn  dem  entthronten 
Mederkönig  und  seinen  Enkeln  angewiesen  hatten.  Doch  sind 
die  Behauptungen  des  Ktesias  auch  in  dieser  Modifikation  un- 
wahrscheinlich. 

Ehe  Kambyses  gegen  Ägypten  zog  (Frühling  525),  Hess  er 
seinen  Bruder  durch  den  Hazarapet  PrSxaspes  ermorden,  nach  einer 
Version  auf  der  Jagd  bei  Susa,  nach  anderer  Angabe  wäre  er  ins 
erythräische  Meer  (den  persischen  Golf)  gestürzt  worden;  vermut- 
lich war  er  also  schon  vorher  avdcitacxog  auf  einer  Insel  dieses 
Meeres  (vgL  Her.  3,  98.  7,  80).  Zum  Majordomus  bestellte  Kambyses 
vor  seinem  Aufbruche  für  die  Zeit  seiner  Abwesenheit  einen  Magier 
Gaumäta  *).  Sein  persischer  Titel  lautete  *paH'chiajak-vnd'^a  = 
aw.  *pati~x8ajat-wi8'<i1  bei  Dionysios  von  Milet  IlaN^ov^Tjg  lies 
IlaTIiovfrris  (Scbol.  zu  Her.  3,  61),  bei  Her.  8,  61  u.  s.  w.  JTim- 
&£fhiQ  für  IlaT&Cdyg,  wovon  uns  bei  Herodot  8,  61.  63.  65,  22  die 
genaue  griechische  Übersetzung  fuksdeavbg  oder  hrlxQonog  rStv  olxicov 
vorliegt.  Herodot  hat  hier  drei  Quellen  verarbeitet,  von  denen  eine 
(Dionysios  von  Milet)  den  Magier  mit  seinem  Titel  Haxi&ifh\gy  eine 
zweite  mit  seinem  usurpierten  Namen  Mitidug,  ionisiert  E^Ugöig 
nannte,  wie  schon  Aischylos  {MdqSog).  Dies  hat  dann  der  Vater 
der  Geschichte  in  der  Weise  auszugleichen  gesucht,  dass  er  zwei 
Magier  annimmt,  von  denen  der  eine,  der  eigentliche  Träger  der  ge- 
raubten Krone,  namens  2^6ig^  nur  der  Strohmann  des  Majordomus 
ist4).  Auch  der  Gewährsmann  des  Pompeius  Trogus  hat  mehrere 
Quellen  herangezogen,  darunter  eine  sehr  alte,  welche  noch  den 

*)  Ktes.  ed.  4.   Justin.  I  7,  7. 

*)  Siehe  S.  144  Anm.2.  In  der  Nabünäid-Kyros-Chronik  Kol.  III  16 
(KB  III  2,  185)  wird  nur  die  Gefangennahme  des  babylonischen  Königs 
erwähnt,  über  seine  weiteren  Schicksale  ist  dagegen  im  erhaltenen 
Teile  der  Tafel  nicht  die  Rede.  Die  Bemerkung  des  Abydenos: 
f\,iuptr$  mtpuiut  j*v2jfu*u(i$Ulb  ^muiftkuij  „der  König  Dareios  ver- 
bannte (ihn)  aus  dem  Reiche  (oder:  der  Provinz)"  ist  rätselhaft.  Jeden- 
falls ist  die  Inschrift  von  Be  bist  «In  der  Annahme,  dass  Nabanäid  im 
Anfang  der  Regierung  des  Dareios,  also  17—18  Jahre  später,  noch  am 
Leben  gewesen  sei,  wenig  günstig. 

*)  Sowohl  die  Inschrift  von  Behistün  wie  Aischylos  und  Ktesias 
kennen  nur  emen  Magier. 

«)  Am  nächsten  berührt  sich  damit  das  Chron.  Pasch,  p.  270  ed. 
Bonn. ,  wo  die  beiden  Brüder  Medios  xai  /larfarns  heissen.  Bei 
Hermodoros  ist  J7«£arr]g  zum  Haupte  einer  Magierschule  geworden 
(Assyriaka  S.  591),  wozu  S.  136  zu  vergleichen  ist. 

riiilologna.Sapplementband  X,  Erstes  Heft.  10 


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146  J-  Marquart, 

wahren  Namen  des  Magiers,  Gometes  =  Gaumäta,  kennt  —  schon 
Dionysios  von  Milet  wusste  ihn  nicht  mehr  — ,  während  eine 
andere,  ohne  Zweifel  bedeutend  jüngere,  für  denselben  einen  neuen 
Namen  Oropastes  =  ap.  *Akura-upastäh  »den  Ahura  zum  Bei- 
stand habend*  erfand,  der  in  der  That  für  einen  Magier  vorzüglich 
passte.  Trogus*  Gewährsmann  hat  diese  beiden  Versionen  nach 
dem  Vorbilde  Herodots  gleichfalls  in  der  Weise  auszugleichen  ge- 
sucht, dass  er  den  Oropastes,  der  dem  ermordeten  Mergia  überaus 
ähnlich  war,  von  seinem  Bruder  Gometes,  einem  der  Freunde  des 
Kambyses,  welcher  die  Ermordung  des  Mergis  ausgeführt  hatte 
(vgl.  Ktes.  ecL  10),  auf  den  Thron  erhoben  werden  lässt  (Justin.  I  9). 

Auf  die  Eroberung  Ägyptens  und  Äthiopiens  einzugehen  ist 
hier  nicht  der  Ort.  Allein  ein  Ereignis,  das  bereits  von  der 
ägyptischen  Überlieferung  absichtlich  verdunkelt  worden  ist  und 
dessen  richtige  Einreihung  für  die  Beurteilung  des  Kambyses  und 
seines  Verhaltens  gegenüber  den  Ägyptern  von  grosser  Wichtig- 
keit ist,  verdient  hier  kurz  erörtert  zu  werden.  Nach  der  Ein- 
nahme von  Memphis  wird  der  König  Psammenit  trotz  des  Frevels, 
welchen  die  Besatzung  gegen  das  Parlamentärschiff  des  Kambyses 
begangen  hatte,  von  diesem  begnadigt,  IW«  xoQ  Xoutov  öiatrSxo 
Igcov  ovdh/  ßlawv.  Herodot  meint  sogar,  wenn  er  es  verstanden 
hätte,  sich  ruhig  zu  verhalten,  so  würde  ihm  auch  persischem 
Brauche  gemäss  die  Verwaltung  von  Ägypten  übertrugen  worden 
sein,  vvv  dh  (ir}%ctv(&(Uvog  ncout  6  ypafifirjvirog  tXaßt  tbv  fu6&6v' 
catiaxag  yäo  Aiyvnxlovg  tfkco '  bttlxt  dh  imxiGxog  iyivsxo  imb  Kafx- 
jStiffgw,  aljicc  xccvqov  ituov  caii&avs  nuqcc^ri^u.  oihm  oixog 
htkevvriot  (Her.  8,  15). 

Die  Zeit  dieses  Aufstandsversuches  bleibt  bei  Herodot  un- 
bestimmt Es  leuchtet  aber  von  selbst  ein,  dass  derselbe  unmittel- 
bar nach  der  Eroberung,  wahrend  die  Perser  noch  im  Lande 
standen,  heller  Wahnsinn  gewesen  wäre.  Im  Anschluss  daran  er- 
zählt Herodot  die  angebliche  Verbrennung  der  Mumie  des  Amasis 
in  Sais.  Dies  war  indessen  keineswegs  national  ägyptische  Über- 
lieferung, wie  Herodot  selbst  zugibt.  Die  Ägypter  erzählten  viel- 
mehr, Amasis  habe,  durch  ein  Orakel  über  das  seinem  Leichnam 
drohende  Unheil  unterrichtet ,  dasselbe  durch  die  Verordnung  ab- 
zuwenden gesucht,  dass  in  seiner  Grabkammer  der  Thüre  zunächst 
ein  Privatmann  bestattet  werde,  er  selbst  aber  höchstens  in  einem 
Winkel  derselben.  Herodot  hält  diese  Geschichte  zwar  für  un- 
historisch und  prahlerische  Ausschmückung  seitens  der  Ägypter, 
allein  sie  entspricht  vollkommen  den  ägyptischen  Verhältnissen, 
und  besonders  in  politisch  bewegten  Zeiten  griff  man  zu  der- 
artigen Mitteln,  um  die  Leichen  der  Könige  vor  den  Grabräubern 
zu  schützen.  Man  denke  nur  an  den  Mumienschacht  von  Deir 
el  bal?rl  und  den  berühmten  Gräberdiebprozess  unter  Ramses  IX.1) 


*)  Er  man,   Ägypten   und    ägyptisches  Leben   im  Altertum 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  147 


Die  Perser  und  vollends  der  König  Kambyses  haben  gewiss  mit 
der  Schändung  der  Leiche  des  Amasis  nichts  zu  thun,  dagegen 
ist  es  sehr  wohl  denkbar,  dass  die  Grabrftuber  die  Verwirrung, 
welche  die  feindliche  Okkupation  hervorrufen  musste,  zu  ihrem 
lichtscheuen  Handwerk  benutzten  und  man  in  Voraussicht  dessen 
die  Leiche  des  verstorbenen  Königs  bei  Zeiten  in  Sicherheit  ge- 
bracht hatte.  Die  andere  Version,  welche  die  Mumie  des  Königs 
durch  die  Perser  verbrannt  werden  lässt  und  gegen  die  religiösen 
Vorstellungen  der  Perser  sowohl  wie  der  Ägypter  verstösst,  ist 
dagegen  offenbar  eine  Erfindung  der  ägyptischen  Hellenen, 
weiche  die  Nationalägypter  an  Gehässigkeit  gegen  Kambyses  noch 
überbieten. 

Nach  der  Rückkehr  des  Perserkönigs  vom  Zuge  gegen  Äthio- 
pien verlegt  Herodot  die  Verwundung  des  Apis,  allein  die  Motivie- 
rung dieses  Frevels  ist  so  absurd  wie  nur  möglich.  Nach  dieser  Un- 
that  verfiel  Kambyses,  wie  die  Ägypter  erzählten,  alsbald  in  Wahn- 
sinn ,  und  so  verübte  er  dann  eine  ganze  Menge  anderer  Frevel, 
zuerst  die  Ermordung  seines  Bruders  Bardija  —  die  in  der  That 
schon  vor  dem  Zuge  gegen  Ägypten  stattgefunden  hatte  — ,  dann 
die  Misshandlung  seiner  Schwester  und  Gemahlin,  die  Erschliessung 
des  Sohnes  des  Prexaspes.  Er  schlug  seine  Residenz  in  Memphis 
auf  und  Öffnete  hier  die  Grabkammern  der  alten  Nekropole,  drang 
in  den  Tempel  der  Ptafc  und  der  Kabeiren  ein  und  verhöhnte 
die  Götterbilder. 

Wie  schon  die  Erzählung  von  der  Verwundung  des  Apis 
zeigt,  an  deren  Geschichtlichkeit  kaum  zu  zweifeln  ist1),  lässt  die 
Überlieferung  den  Kambyses  seit  seiner  Rückkehr  aus  Äthiopien 


8.  189  ff.;  Maspero,  Hist.  ancienne  des  peuples  de  l'orient  classique 
II  588  ss. 

J)  Dass  der  im  Epiphi  des  6.  Jahres  des  Kambyses  bestattete 
Apis  in  der  That  erst  kurz  vorher  geboren  war  und  eines  gewaltsamen 
Todes  gestorben  ist,  wird  besonders  durch  das  Fehlen  der  sonst  üb- 
lichen Angaben  Uber  sein  Geburtsjahr  und  sein  Lebensalter  nahegelegt. 
Auch  der  Umstand,  dass  die  Inschrift  im  Gegensatze  zu  den  übrigen 
offiziellen  Apis-Grabschriften  schlecht  und  flüchtig  gearbeitet  ist,  weist 
auf  aussergewöhnliche  Verhältnisse  hin.  Leider  ist  dieselbe  auch  sehr 
verwittert  und  nur  unvollkommen  verständlich.  Der  nächstfolgende 
Apis,  der  im  4.  Jahre  des  Dareios  starb,  soll  am  28.  Tybi  des  Jahres  5 
des  Kambyses  geboren  sein.  Danach  wäre  er  also  noch  zu  Lebseiten 
des  vorhergehenden  Apis  geboren  worden,  was  den  religiösen  Vor- 
stellungen, der  Ägypter  vollkommen  widerspricht.  Wiedemann,  Ge- 
schichte Ägyptens  von  Psammetich  I.  S.  280  f.  sieht  in  dem  Geburts- 
datum dieses  Apis  eine  Fiktion  des  Dareios,  durch  welche  derselbe 
unter  geflissentlicher  Ignorierung  des  von  Kambyses  getöteten  Stieres 
unmittelbar  an  den  diesem  vorangegangenen  angeschlossen  werden 
sollte.  Letzterer  war  aber  zu  einer  Zeit  gestorben ,  ab  Kambyses 
noch  als  loyaler  Pharao  regierte  und  die  ägyptischen  Kultgebräuche 
respektierte.  Auf  diese  Weise  hätte  man  zugleich  die  Ermordung  eines 
heiligen  Tieres  durch  einen  Vorfahren  des  Dareios  sehr  geschickt  um- 
gangen, deren  Erwähnung  sehr  peinlich  gewesen  wäre. 

10* 


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148 


J.  Marquart, 


in  ein  völlig  anderes  Verhältnis  zu  den  Ägyptern  treten  als  vorher. 
Wenn  man  auch  noch  soviel  als  Übertreibung  oder  als  von  ihm 
nicht  gewollte  Ausschreitungen  seiner  Soldateska  streichen  will, 
so  bleibt  doch  noch  genug  übrig,  um  zu  zeigen,  dass  Kambyses 
in  der  That  religiöse  Gefühle  der  Ägypter  verletzt  haben  muss. 
Wie  ist  dieser  Umschlag  der  Stimmung  zu  erklären  ?  Wohl  kaum 
aus  seiner  Missstimmung  über  das  Misslingen  des  äthiopischen 
Feldzugs;  denn  trotz  des  Unfalles  des  nach  der  Ammonsoase  ab- 
gesandten Korps  hatte  Kambyses  im  wesentlichen  seinen  Zweck, 
die  Unterwerfung  von  Äthiopien,  erreicht1).  Die  einzig  befrie- 
digende Erklärung  für  jene  veränderte  Haltung  des  Kambyses 


*)  Her.  8, 26  weiss  nur  von  der  Verschüttung  des  nach  der  Ammons- 
oase ausgesandten  Korps,  dessen  Stärke  er  freilich  mit  gewaltiger  Uber- 
treibung  auf  50000  Mann  angibt,  durch  einen  Sandsturm.  Kambyses 
mit  dem  Hauptheere  wurde  nach  ihm  in  der  Sandwüste  durch  Mangel 
an  Lebensmitteln,  welcher  bereits  Fälle  von  Kannibalismus  unter  seinen 
Truppen  hervorgerufen  hatte,  zur  Umkehr  genötigt,  ohne  sein  Ziel,  die 
langlebigen  Athiopen,  erreicht  zu  haben,  und  gelaugte  nach  starken 
Verlusten  nach  Theben.  Allein  gegen  diese  Darstellung  erheben  sich 
grosse  Bedenken.  Denn  einmal  führte  ihn  der  Weg  nach  seinem  natür- 
lichen Ziele,  Meroe,  der  Hauptstadt  des  Äthiopenreiches,  gar  nicht  durch 
die  libysche  Sand  wüste,  sondern  durch  das  Nilthal;  sodann  hatte  Kam- 
byses den  Zug  keineswegs  angetreten,  ohne  Fürsorge  für  die  Verpflegung 
des  Heeres  zu  treffen,  wie  Herodot  behauptet.  Er  liess  vielmehr  bei 
Premnis  am  Nil ,  unterhalb  Abu  Simbel  und  der  Katarakte  von  Wadi 
Haifa  Proviantmagazine  anlegen,  deren  Stätte  noch  in  der  Kaiserzeit 
unter  dem  Namen  „Markt  des  Kambyses*  oder  Kaußvoov  ta^utla  be- 
kannt war  (Plin.  h.  n.  6,  29  §  181.  Ptol.  4,  7  p.  301 ,  29}.  Da  man  sich 
diesen  Namen  später  nicht  mehr  zu  erklären  wusste,  übertrug  man  die 
Katastrophe  der  nach  der  Ammonsoase  abgesandten  Heeresabteilung 
auf  das  Hauptheer  und  lokalisierte  sie  an  jenem  Orte;  Strabon  t£  1,  54 
p.  820  bemerkt  nämlich  gelegentlich  der  Expedition  des  Petronius  im 
Jahre  24  v.  Chr.:  ix  de  *Pll\j>ios  fptsv  sie  IIq^viv  iQvpvr\v  noXiv, 
dielfräiv  rohe  &ivae,  lv  ole  6  Kapßveov  xorcs%&i<!fhri  argarbg  i^aitoovxoe 
itvipov. 

Kambyses  mag  also  wohl  durch  die  Strapazen  des  Marsches  und 
mangelhafte  Verpflegung  viele  Leute  verloren  haben;  allein  dass  er 
sein  hauptsächlichstes  Ziel,  die  Hauptstadt  des  Äthiopenreiches  beim 
heutigen  Meraui  am  Berge  Barkai  wirklich  erreicht  hat,  berichten 
nicht  bloss  Strab.  t£  1,  5  p.  790  und  Jos.  &q%.  2,  10,  2  §  249  (aus 
Nikolaos  von  Damaskos^),  sowie  Diodor  1,  33;  es  ergibt  sich  noch  viel 
sicherer  daraus,  dass  die  Äthiopen  noch  zu  Herodots  Zeit  dem  Gross- 
könig ihren  Tribut  zahlten  (Her.  3,  97).  In  der  That  finden  sich  unter 
den  Vertretern  der  Völkerschaften  ues  Reiches  in  den  Reliefe  der 
Empfangshalle  von  Persepolis  und  Naqsch-i  Rustam  auch  Gestalten, 
welche  durch  das  dicke,  krause  Haar,  die  aufgeworfene  Nase  und  das 
Tierfell  um  die  Schultern  als  Neger  gekennzeichnet  sind.  Vgl.  Duncke  r, 
GA.  4,  419  f.  Die  Darstellung  Herodots  hat  das  südliche  Meroe  im 
Auge,  dessen  Trümmer  sich  beim  heutigen  Begerawiie  oberhalb  der 
Einmündung  des  Atbara,  Uber  30  Meilen  Luftlinie  südlich  von  Napata 
finden  und  wo  sich  wahrscheinlich  nach  der  Einnahme  von  Napata 
durch  die  Perser  ein  neues  Äthiopenreich  erhoben  hatte.  Vgl.  Duncker 
a.  h.  O.  418  N.  1.  Der  gerade  Weg  nach  dieser  Stadt  verlässt  allerdings 
bei  Korosko  den  Nil  und  führt  mitten  durch  die  nubische  Wüste  und 


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I 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  149 

den  Ägyptern  gegenüber  bietet  vielmehr  der  Aufstandsversuch 
des  Psammenit,  der  nur  wahrend  der  äthiopischen  Expedition,  als 
der  grösste  Teil  des  persischen  Heeres  nach  Äthiopien  gezogen 
war,  verständlich  ist.  Psammenit  hat  also  auf  die  Kunde  von 
dem  Unfälle  des  persischen  Heeres,  welchen  das  Gerücht  sicherlich 
weit  übertrieben  hatte,  die  Ägypter  zur  Erhebung  aufgefordert,  wie 
einst  unter  Asurbanipal  die  Fürsten  Neko,  Sarludari  und  Paqruru 
im  Bücken  des  assyrischen  Heeres,  das  gegen  Taharqa  nach  Theben 
marschiert  war,  einen  Aufstand  geplant  und  mit  Taharqa  ein 
Bündnis  zu  schliessen  versucht  hatten1).  Allein  bald  erschien 
Kambyses  an  der  Spitze  der  vermeintlich  im  Sande  begrabenen 
Perser  und  hielt  ein  furchtbares  Strafgericht  ab.  Dies  ist  die 
„Zeit  des  grossen  Unglückes,  das  über  das  ganze  Land  kam  und 
das  schwerer  war  als  irgend  ein  früheres  Unglück  in  Ägypten*, 
von  welchem  die  Statue  des  Wja-rJor-suten-Net  erzählt2).  Dass 
Kambyses  zu  einem  solchen  Strafgerichte  berechtigt  war,  hat  die 
ägyptische  Überlieferung  dadurch  verdunkelt,  dass  sie  den  Auf- 
standsversuch des  Psammenit  schon  vor  dem  Zuge  gegen  Äthiopien 
erzählt,  wo  er  ganz  widersinnig  ist,  und  sich  auf  diese  Weise  die 
Möglichkeit  geschaffen,  den  persischen  Eroberer  als  einen  blutdür- 
stigen und  wahnwitzigen  Tyrannen  hinzustellen.  Die  unleugbaren 
p  und  auffälligen  Übereinstimmungen  des  „Epileptikers"  Kambyses 

(Her.  3,  38)  mit  dem  König  Schaul  von  Benjamin  weiter  zu  ver- 
folgen ist  nicht  dieses  Ortes8). 

Infolge  der  langen  Abwesenheit  des  Königs  in  Ägypten 
.wurde  das  Volk  feindlich,  hernach  ward  die  Untreue  (dranga, 
eig.  ,Lügel)  zahlreich  sowohl  in  Persien  als  in  Medien  und  den 
übrigen  Provinzen*.  Diese  lakonischen  Worte  befriedigen  unsere 
Neugier  leider  allzu  wenig,  doch  darf  man  ihnen  wohl  entnehmen, 
dass  sich  inzwischen  die  östlichen  Provinzen  ungebührlich  ver- 
nachlässigt fühlten  und  sich  in  der  Verwaltung  manche  Miss- 
bräuche eingestellt  haben  mochten,  da  man  den  Arm  des  Königs 
fern  wusste.  Von  der  dadurch  hervorgerufenen  Missstimmung  hatte 
Kambyses  ohne  Zweifel  Kunde  erhalten,  weshalb  er  von  Ägypten 
aufbrach,  um  nach  der  Hauptstadt  zurückzukehren.  Als  er  aber 
noch  auf  dem  Marsche  war,  erhob  sich  der  Magier  (14.  Wijachna), 
der  sich  die  herrschende  Unzufriedenheit  zu  Nutze  machte,  und 
erliess  überallhin  die  Aufforderung  an  die  Untertanen,  sich  um 
.  das  Banner  des  Helden  Bardija  zu  scharen.    Nach  Herodots  Dar- 

erreicht  den  Nil  erst  wieder  bei  Abu  Hamid,  indem  er  so  die  gewaltige 
Kurve  abschneidet,  welche  der  Nil  von  hier  an  beschreibt. 

*)  Chronologische  Untersuchungen  S.  75.   K.  2675  Z.  36—66  bei 
Winckler,  Unters,  zur  altoriental.  Gesch.  S.  103—105. 

^Wiedemann,  Geschichte  Ägyptens  von  Psammetich  I.  bis 
auf  Alezander  d.  Gr.  S.  208. 

*)  Nach  manchen  Neueren  war  bekanntlich  auch  der  Apostel 
8chaul  von  Benjamin  mit  Epilepsie  behaftet. 


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150  J-  Marquart, 

Stellung  war  Kambyses  erst  bis  nach  Agbatana  in  Syrien  gelangt, 
als  der  Bote  des  Usurpators  ihn  erreichte  und  auch  seinem  Heere 
die  Proklamation  verkündigte,  worauf  Kambyses  an  demselben  Orte 
nach  ca.  20  Tagen  an  den  Folgen  einer  zufälligen  Verwundung 
stirbt.  Dass  diese  Ortsangabe  falsch  sein  muss,  ist  unschwer  ein- 
zusehen. Denn  bei  der  Ankunft  in  Syrien  hatte  der  König  noch 
nicht  den  geringsten  Grund  zur  Verzweiflung  und  zum  Selbstmorde 
—  welchen  Herodo ts  Darstellung  freilich  verschleiert  — ,  da  die 
Entscheidung  bei  den  iranischen  Kernprovinzen  lag.  In  der  That 
fasste  er  nach  Herodot  selbst  sofort  den  Entschluss,  in  grösster 
Eile  gegen  den  Magier  nach  Susa  zu  ziehen,  wo  sich  der  Vater 
der  Geschichte  die  Residenz  denkt  Der  Tod  des  Kambyses  im 
syrischen  Agbatana  hängt  eng  zusammen  mit  dem  Orakel  von 
Buto,  welches  die  Katastrophe  des  Königs  als  eine  Strafe  der  Götter 
für  die  Verwundung  des  Apis  stempelte  (Her.  8,  64).  Die  ganze 
Erzählung  ist  also  augenscheinlich  von  ägyptisch-hellenischer  Tra- 
dition beeinflusst. 

Allein  die  Eigentümlichkeiten,  welche  die  Erzählung  bietet, 
lassen  sich  nicht  einfach  durch  die  Annahme  erklären,  dass  die- 
selbe ägyptischen  Ursprungs  sei.  Die  ägyptische  Tradition,  welche 
dem  Kambyses  durchweg  sehr  feindselig  ist,  hatte  absolut  keinen 
Grund,  dessen  Selbstmord  zu  verhüllen;  im  Gegenteil  hätte  der- 
selbe den  Ägyptern  eine  willkommene  Gelegenheit  geboten,  ihrem 
Bachedurst  und  ihrer  Schadenfreude  gegen  den  verhassten  König 
noch  mehr  die  Zügel  schiessen  zu  lassen.  Wohl  aber  hatte  man 
in  Persien,  wo  das  Religionsgesetz  auf  die  Erhaltung  des  Lebens 
den  höchsten  Wert  legte  und  den  Selbstmord  aufs  schärfste  ver- 
dammen musste1),  allen  Anlass,  das  tragische  Ende  des  Königs 
nach  Kräften  zu  verschleiern,  das  die  Perser  durch  ihren  Abfall 
zum  Magier,  der  so  grosses  Unheil  über  das  Land  gebracht  hatte, 
selbst  mit  verschuldet  hatten.  Die  Erzählung  von  der  Schenkel- 
wunde ist  also  persischen  Ursprungs,  wie  sie  sich  denn  bei 
Ktesias  Pers.  12  ganz  ebenso  findet,  und  von  den  Ägyptern  ledig- 
lich übernommen  worden.  Hier  ist  sie  dann  mit  der  Verwun- 
dung des  Apis  durch  Kambyses  in  ätiologischen  Zusammenhang 
gebracht  worden.  Ganz  ebenso  ist  z.  B.  die  ägyptische  Version 
über  die  Veranlassung  zum  Zuge  des  Kambyses  gegen  Ägypten 
offenbar  von  der  ausdrücklich  als  persisch  bezeugten  Tradition 
(Her.  3, 1.  2)  ausgegangen2).  Daraus  ergibt  sich  aber  ohne  weiteres, 


>)  Vgl.  Duncker,  GA.  IV  488. 

•)  Nach  der  persischen  Version  soll  Kambyses  von  Amasis  eine 
Tochter  desselben  Für  sein  Harem  verlangt  haben,  und  zwar  auf  An- 
stiften eines  ägyptischen  Arztes,  welchen  Amasis  dem,  Kyros  gesandt  . 
habe,  als  dieser  von  ihm  den  besten  Augenarzt,  den  Ägypten  besitze, 
verlangt  habe.  Schon  dieser  Bericht  ist  nicht  einheitlich,  sondern  ver- 
einigt bereits  zwei  ältere  Erzählungen.  Die  eine  gab  offenbar.. als  Ver- 
anlassung zu  dem  Bruche  an,  das«  Kyros  den  besten  Augenarzt  Ägyptens 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  151 


-dass  auch  der  Todesort  des  Karnbyses,  Agbatana  (selbstverständlich 
das  niedische)  aus  persischer  Überlieferung  stammt. 

Die  Frage  ist  daher:  woher  ist  das  syrische  Agbatana  in 
<lie  vorliegende  Erzählung  gekommen  ?  Die  Antwort  ist  scheinbar 


verlangt,  Amasia  ihn  aber  nicht  geschickt  habe,  worauf  Kambyses 
die  Rache  vollzogen  habe,  nachdem  sein  Vater  durch  den  Tod  daran 
verhindert  worden  war.  Die  andere  Erzählung  nannte  als  Motiv  den 
Betrug  mit  der  Haremsdame. 

Amasis  wollte  seine  Tochter  nicht  als  Konkubine  ausliefern,  wagte 
\  aber  auch  nicht  die  Forderung  oÖ'en  abzulehnen,  sondern  sandte  eine 

Tochter  des  frühern  Königs  Apries,  namens  Nitetis.  Diese  entdeckte 
dem  König  den  Betrug  und  stachelte  ihn  zur  Rache  am  Mörder  ihres 
Vaters  an. 

Es  ist  freilich  absurd,  wenn  die  persische  Uberlieferung  die  Nitetis 
eine  Tochter  des  Apries  nennt,  der  schon  570  gestorben  war!  Allein 
darum  wird  die  Sache  selbst  keineswegs  unwahrscheinlich.  Solche 
Düpierungen  mit  falschen  Prinzessinnen  kamen  im  diplomatischen  Ver- 
kehr des  Orients  in  alter  wie  in  neuer  Zeit  vor  oder  wurden  wenigstens 
für  möglich  gehalten,  am  Nil  so  gut  wie  in  Persien  und  am  Hoangho. 
Ein  sehr  interessantes  Beispiel  dafür  ist  ein  Brief  des  Königs  Nibmuaria 
(Amenophis  DIL)  an  den  König  Kadasman  -  Bei  von  Kara-Duniias 
(Babylonien}:  s.  HugoWinckler,  Die  Thon  tafeln  von  Tell-el-Amarna 
Nr.  1,  10—44.  KB  V.  Ein  anderer  Brief  zeigt,  dass  man  sich  unter 
Umstünden  mit  irgend  einem  schönen  Weibe  zufrieden  gab,  das  man 
*  für  eine  Prinzessin  ausgab,  wenn  eine  solche  verweigert  wurde:  »Nun 

hast  du,  mein  Bruder,  nicht  (sie)  geben  zu  wollen  [gesagt],  da  ich,  um 
deine  Tochter  zu  heiraten,  an  .dich  schrieb,  mit  den  Worten:  .von 
jeher  ist  eine  Königstochter  von  Ägypten  niemandem  gegeben  worden'. 
Warum  das?  Du  bist  König  und  kannst  nach  deinem  Willen  handeln. 
Wenn  du  sie  gibst,  wer  soll  dann  etwas  (dagegen)  sagen?  Als  man 
mir  dieses  (deine  Antwort)  gesagt  hatte,  da  schrieb  ich  damals:  ,es 
gibt  erwachsene  Töchter  und  schöne  Weiber.  Wenn  irgend  ein  schönes 
Weib  da  ist,  schicke  es.  Wer  Bollte  sagen:  sie  ist  keine  Königstochter?' 
Wenn  du  aber  überhaupt  keiue  schickst,  dann  wirst  du  nicht  auf 
Brüderschaft  und  Freundschaft  bedacht  sein*  (eb.  Nr.  8,  4 — 15).  Nach 
diesem  Rezepte  hat  offenbar  auch  Amasis  gehandelt,  nur  ohne  dass 
Kambyses  damit  einverstanden  gewesen  wäre.  Nitetis  war  natürlich 
weder  eine  Tochter  des  Apries,  noch  des  Amasis,  sondern  irgend  eine 
schöne  Haremsdame,  die  für  eine  Prinzessin  ausgegeben  wurde.  Vgl. 
dazu  die  ganz  ähnlichen  Fälle  bei  Prise  fr.  33  und  Balä*.  195,  12  ff., 
wo  der  Sasanide  Porös  den  Hephthalitenkönig  und  Chosrau  Anösarwän 
den  Chagan  der  Westtürken  in  derselben  Weise  düpiert. 

Die  Ägypter  Ubernahmen  die  persische  Erzählung,  änderten  sie 
aber  dahin  ab,  dass  bereits  Kyros  von  Amasis  jene  Tochter  des  Apries 
erhalten  habe  und  dieselbe  hernach  die  Mutter  des  Kamby  s es  cre  worden 
sei.  Auf  diese  Weise  stammte  also  Kambyses  in  weiblicher  Linie  von 
den  Söhnen  des  Bö*  seibist  ab,  war  demnach  gegenüber  dem  Usurpator 
Amasis  der  eigentliche  Träger  der  Legitimität.  Diese  Erzählung  faud 
sich  auch  bei  Deinen  und  Lykeas  von  Naukratis  (Athen.  13,  10  p.  560). 
Doch  protestiert  bereits  Herodot  mit  Recht  gegen  dieselbe  und  deckt 
ihre  Ungereimtheiten  auf.  Dieser  kennt  dann  noch  eine  dritte  Er- 
zählung, welche  die  persische  und  ägyptische  Version  verbindet  und 
den  Keim  zu  dem  Hasse  des  Kambyses  gegen  Ägypten  in  der  Eifer- 
sucht seiner  Mutter  Kassandane,  der  rechtmässigen  Gemahlin  des  Kyros, 
gegen  ihre  ägyptische  Nebenbuhlerin  Nitetis  sucht. 


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152 


J.  Marqu&rt, 


sehr  leicht:  durch  das  Orakel  von  Buto.  Um  aber  eine  befrie- 
digende Antwort  auf  jene  Frage  geben  zu  können,  müssen  wir 
zunächst  wissen,  wo  dieses  syrische  Agbatana  lag,  was  immerhin 
nicht  ganz  leicht  ist.  Denn  mit  dem  Städtchen  Barccveux,  wie- 
Steph.  Byz.  glaubt,  das  den  Namen  der  Landschaft  Ba&an  im 
Ostjordanlande  bewahrt  hatte,  hat  der  Name  nichts  zu  thun,  so 
wenig  als  mit  Batava  am  Euphrat1)  d.  i.  Batnae  in  der  Gegend 
von  Anthemusias  Kass.  Dion  68,  23,  2.  Hierokles  p.  714.  Prokop, 
b.  Pers.  II  12  p.  209,  17.  de  aedif.  II  7  p.  280,  22.  Zosimos  3, 
12,  2.  Geogr.  Rav.  2, 18.  Steph.  Byz.  s.  v.  Baxvai  etc.  Vgl.  C.  Müller 
zu  Isidoros  v.  Charax  ota&fiol  IlecQ&Mol  §  1.  Geogr.  Gr.  min.  I  246. 
Auch  die  Deutung  auf  Hamäth  in  Syrien,  ass.  ffamattu,  Amattu, 
an  welches  Gutschmid*)  dachte,  ist  abzulehnen,  obwohl  jene 
Stadt  an  der  grossen  Heerstrasse  lag,  die  von  Gaza  der  philistä- 
ischen  und  phönikischen  Küste  entlang  nach  Tyros  und  von  da 
über  Damaskos  ins  Thal  des  Orontes  führte,  um  dann  bei  Apameia 
nordöstlich  über  Chalkis  und  Aleppo  zum  Euphrat  abzubiegen. 
Jedenfalls  ist  dabei  der  Ort  "Ayut&a,  der  nach  Steph.  Byz.  zu 
seiner  Zeit  "Axfia&a  hiess,  aus  dem  Spiele  zu  lassen,  da  derselbe 
nicht  in  Syrien,  sondern  in  der  Provinz  Arabia  lag*).  Sach- 
gemäßer ist  die  Kombination  der  Quelle  des  Josephos  aq%.  11 
§  30  (wohl  Nikolaos  von  Damaskos),  welche  den  Kambyses  in  Da- 
maskos, der  Hauptstadt  der  Provinz  'Abar  nahrä  (Arbäja)  sterben 
lässt.  Doch  ist  dies  natürlich  lediglich  Verbesserung  Herodots, 
nicht  Überlieferung.  Bei  Josephos  vit.  §  54.  56.  57  wird  aller- 
dings ein  Ort  'Eußatava  erwähnt,  der  aber  in  Batanea  (Ba&an),  also 
im  Binnenlande  gelegen  haben  muss  und  daher  ebenfalls  nicht 

passt.  Es  liegt  diesem  Namen  wohl  syr.  JK-n^v  „vestigium*  zu- 
grunde. Dagegen  nennt  Plinius  h.  n.  5,  75  eine  Stadt  Acbatcma  auf 
dem  Karmel,  in  der  Nähe  der  Küstenstrasse.  Seine  Worte  lauten: 
Fuit  oppidum  Crocodilon,  est  flumen,  memoria  urbium  Dorum, 
Sycaminum,  promunturium  Carmelum  et  in  monte  oppidum  eodem 
nomine,  quondam  Acbatana  dictum.  Dass  Plinius'  Gewährsmann 
diesen  Namen  aus  einer  alten  Quelle  hatte,  beweist  nicht  nur  seine 
Bemerkung,  dass  der  Name  jetzt  verschollen  sei,  sondern  auch  die 
altertümliche  Namensform,  die  ein  Späterer  sicher  der  seit  Alexan- 
der d.  Gr.  gebräuchlichen  Benennung  der  berühmten  medischen 
Hauptstadt  Exßaxava  angenähert  hätte,  so  gut  wie  Josephos. 

*)  Steph.  Byz.  s.  v.  Ayßaxuva'  no%L%viov  Svglag^  'HQodotog  tgltat. 
ol  dh  vü>v  Bccxavetav  airc^v  xaXoüei.  Derselbe  8.  v.  Bataviar  öwoixla 
ZvqUcs,  ii  xal  Batuvia  ivix&g.  i&u  xal  Batava  itobg  x&  Ebwoccxri. 
Vgl.  Stein  zu  Her.  8,  64. 

*)  Gutschmid,  Neue  Beiträge  zur  Geschichte  des  alten  Orients 
S.  96.  Duncker,  GA.  IV  484/85. 

•)  Steph.  Bvz.  8.  v.JÄpa&a-  oidst^gtog,  r^g  'Agaßlag  rroplo?,  äiteo 
äia  roti  i  vüv  Xiyovoiv  "Axiuc&u.  xixXr^tai  <M  &nb  rfjg  ^afiftov.  tpaoi 
yuQy  rb  itoXb  tfjg  Agußlag  4>itb  tfjg  'EQV&Q&g  itdXai  xataxXvfcG&ai. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


153 


Ist  es  aber  denkbar,  dass  dieser  obskure  phönikische  Küsten- 
ort in  Ägypten  allgemein  bekannt  war,  sodass  das  Heiligtum  von 
Buto  ihn  in  einem  Orakel  verwenden  konnte?  Wir  dürfen  diese 
Frage  getrost  verneinen.  Die  Erzählung  ist  in  ihrer  vorliegenden 
Form  deutlich  das  Produkt  mehrfacher  Überarbeitung.  Das  Orakel 
entnahm  der  auf  ägyptischen  Boden  verpflanzten  persischen  Tradi- 
tion den  Namen  9Ayßdtava  (ap.  Haymatäna,  babyl.  Agamtunu,  jüd.- 
aram.  KriTanfit)  und  verstand  darunter,  wie  alle  Welt,  die  medische 
Hauptstadt.  Die  ägyptischen  Priester  behaupteten  nun,  ihre  Gott- 
heit hätte  dem  Kambyses  geweissagt,  er  werde  in  Agbatana  sterben; 
Kambyses  habe  sich  dabei  beruhigt  in  dem  Gedanken,  er  werde 
in  glücklichem  Greisenalter  in  seiner  Residenz  sterben1), 
während  das  Orakel  andeuten  wollte,  dass  er  daselbst  in  der 
Blüte  seiner  Manneskraft  ein  klägliches  Ende  nehmen 
werde.  Das  syrische  Agbatana  ist  erst  von  einem  Hellenen 
hineingebracht  worden,  welcher  in  der  Geographie  der  syrischen 
Küste  und  Ägyptens  ebensogut  Bescheid  wusste  wie  in  den 
ägyptischen  Sagen  und  Gebräuchen.  Ein  solcher  Mann  war  aber 
Hekataios  von  Milet,  der  in  seiner  yijg  izegtodog  auch  die  Städte 
Phönikiens  behandelt  (fr.  254 — 262)  und  speziell  auch  die  Stadt 
Buto  mit  ihrem  Orakel  der  Leto  und  der  schwimmenden  Insel 
des  Apollon,  Chembis,  geschildert  hatte*).  Auf  diese  Weise  sollte 
zugleich  die  Pointe  des  Orakels  mehr  zugespitzt  werden,  indem 
der  Nachdruck  auf  den  vermeintlichen  Irrtum  in  der  örtlich  - 
keit  statt  in  der  Art  des  Todes  gelegt  wurde. 

Wir  dürfen  also  als  beglaubigten  Inhalt  der  ältesten  Über- 
lieferung annehmen,  dass  Kambyses  in  der  medischen  Hauptstadt 
Agbatana  seinen  Tod  fand.  Ich  habe  früher  der  Darstellung  des 
Ktesias  (ecl.  12)  den  Vorzug  gegeben,  welcher  den  Tod  des  Königs 
nach  Babylon  verlegt,  in  der  Erwägung,  dass  Kambyses  vor  allem 

>)  Her.  3,  64:  o  p£v  dii  iv  total  Mt]dixoToi  'Ayßcccdvoiöi  i66x$i 
relfvt^asiv  yriQcci6s>  iv  total  ol  t\v  tu  Ttdvxa  itQTjypucrcc.  Auch 
bei  Ezra  6,  2  wird  Haymatana  (Achmethä)  als  eigentliche  Residenz 
seit  der  Eroberung  Babylons  bis  in  die  ersten  Jahre  des  Dareios,  also 
unter  Kyros,  Kambyses  und  Gaumäta  gedacht,  während  Babylon  als 
zweite  Hauptstadt  gilt.  So  wohl  auch  Strassmaier,  Cyrus  227,  6  = 
KB.  IV  276  Nr.  XVI. 

Damit  hängt  wohl  irgendwie  auch  der  Einflusa  zusammen,  den 
der  Magier  Gaumäta  (oben  5.  146)  und  allem  Anseheine  nach  auch  die 
streng  mazdajasnische  Lehre  der  Magier  auf  Kambyses  gewonnen 
hatten  und  der  dazu  führte,  dass  er  dem  Greuel  des  babylonischen 
und  ägyptischen  Götzendienstes  gegenüber  nicht  immer  den  einem 
Herrscher  geziemenden  Respekt  zu  Dewahren  verstand.  [Hatte  Kam- 
byses eine  Vorliebe  für  Haymatana  und  für  medisches  Wesen,  so  könnte 
dies  für  Win  ekle r's  Hypothese  (Altorient  Forsch.  II  2,  1900.  S.  214) 
sprechen,  dass  unter  Därejawal  dem  Meder  (Dan.  5,  31.  9,  1)  Kambyses 
als  Unterkönig  von  Babylon  im  ersten  Jahre  seines  Vaters  Kyros, 
Königs  der  Länder  (oben  S.  127)  zu  verstehen  sei] 

*)  Hekat.  fr.  284.  Vgl.  Herod.  2,  156,  der  gegen  ihn  polemisiert. 
S.  hierüber  Diels,  Herodot  und  Hekataios.   Hermes  XXH. 


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154  J.  Marquart, 

daran  liegen  musste,  sich  die  zweite  Hauptstadt  mit  ihren  reichen 
Hilfsquellen  zu  sichern.  Das  Umsichgreifen  des  Abfalls  auch  in 
Babylonien  hätte  ihn  dann  in  den  Tod  getrieben1).  Allein  wie 
sich  jetzt  herausstellt,  waren  jene  Schlussfolgerungen  irrig.  Die 
Angabe  des  Ktesias  beweist  wohl  eine  richtige  Kombination  gegen- 
über der  Version  Herodots,  stammt  aber  nicht  aus  sicherer  Über- 
lieferung. Jetzt  wird  der  Gang  der  Ereignisse  erst  recht  ver- 
stündlich. Der  Magier  hatte  sich  auf  dem  Berge  ArkadriS  in 
der  Landschaft  Pihjühuwädä  zum  Könige  ausrufen  lassen,  welche 
auch  im  Aufstande  des  zweiten  falschen  Bardija,  Wabjazdäta,  eine 
Bolle  spielte  (Beb.  III  42),  indem  derselbe  nach  einer  unglück- 
lichen Schlacht  von  hier  aus  den  Aufstand  neu  zu  entfachen 
suchte.  Diese  Landschaft  scheint  also  für  die  Perser  eine  be- 
sondere, durch  die  Überlieferung  geweihte  Bedeutung  gehabt  zu 
haben  und  Oppert  war  daher  von  einem  richtigen  Gefühle  ge- 
leitet, wenn  er  in  Pisijähuwädä  den  alten  Vorort  der  Persis, 
TlaGctQyudctt,  erkennen  wollte,  worin  ihm  Spiegel  folgt9).  Wenn 
er  aber  beide  Namen  auch  lautlich  gleichsetzt,  so  ist  dies  offenbar 
verkehrt.  Ilaöa^yddcci  ist  der  Name  des  vornehmsten  Graues  der 
Perser,  auf  das  Richtige  führt  uns  aber  die  Angabe  des  Ktesias 
bei  Nikol.  Dam.  fr.  65,  wonach  TIa6a^ya6ai  eigentlich  der  höchste 
Berg  im  Rücken  der  Stadt  hiess8).  Hierher  bringt  Kyros  im 
entscheidenden  Kampfe  gegen  Astyages  die  Frauen  und  Kinder 
aus  der  Stadt  in  Sicherheit.  Dieser  Behauptung  dürfen  wir 
wenigstens  soviel  entnehmen ,  dass  der  Stamm  seinen  Hauptort 
nach  dem  Berge,  an  dessen  Nordseite  er  sich  angesiedelt,  benannt 
hatte.  Dass  die  Stadt  IJaacc^yccöai ,  wo  sich  zu  Alexanders  Zeit 
das  Grab  des  Kyros  befand,  in  der  heutigen  Ebene  von  Murghäb 
am  Pul  war  gelegen  haben  muss,  hat  Stolze  gezeigt4).  Der  Berg, 
welchen  die  Erzählung  des  Ktesias  im  Auge  hat,  kann  daher  nur 
der  Köh-i  Pärüh  sein,  welcher  die  Ebene  von  Murghäb  im  Süden 
abschließt  und  den  Fluss  zwingt,  sich  durch  die  Passe  von  Slwand 
sein  Bett  zu  graben.  Dies  ist  der  Berg  Arkadrü  des  Dareios, 
und  vom  Namen  dieses  Berges  ist  der  Name  IJaöaQydöcci  abzu- 
leiten: *pa83rkadriä  oder  *pasarkadrqfah  „die  hinter  (pasä) 
dem  ArkadriS"  cL  i.  nördlich  von  diesem  Berge.  Auch  der  einsäge 
persische  Stammname,  dessen  altpersische  Form  überliefert  ist, 
Pätishuwarü  =  IlatiusxoQug  (Strab.  «  3,  1  p.  727),  ist  offenbar 
von  einem  Orts-  oder  Landschaftsnamen  abgeleitet  PisijcJiuwäda. 
war  der  Name  der  Ebene  von  Murghäb6). 

*)  Die  Assyriaka  des  Ktesias  S.  621. 

■)  Oppert,  Le  peuple  et  la  langue  des  Medes  p.  110.  117  n. 
Spiegel,  Die  altpere.  Keilinschr.'  228. 

»)  HiBt.  Gr.  min.  I  60,  27.  61,  20.  22.  Die  Stadt  selbst  ist  in  dieBer 
Erzählung  namenlos. 

*)  Verhandlungen  der  Ges.  für  Erdkunde.  1888.  S.  288  ff. 

ft)  Ptolemaios  6,  8  p.  415,  9  setzt  die  IlaaaQydSai  (cod.  B  Ilucaq- 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


155 


Nachdem  Gaumäta  den  Vorort  des  Hauptstammes  der  Perser 
gewonnen  hatte,  wird  es  ihm  rasch  gelungen  sein,  die  Huldigung 
der  übrigen  persischen  Stämme  zu  erlangen,  sodass  er  seine  Hand 
nach  dem  Nachbarlande  der  Persis,  Susiana  mit  Anzan,  dem 
Stammlande  der  ältern  Linie  der  Achaimeniden,  ausstrecken  konnte. 
Am  9.  Garmapada  zog  er  daselbst  ein  und  liess  sich,  sei  es  in 
der  Hauptstadt  von  Anzan,  der  Residenz  der  Vorfahren  des  Kyros, 
sei  es  auf  den  Ruinen  der  alten  Reichshauptstadt  Susa1)  zum 
König  der  Lander  proklamieren. 


4ayou)  an  die  karmanische  Rüste  neben  die  XtXavoanxyoi ,  ein  Irrtum, 
der  mit  der  falschen  Position,  welche  er  den  Städten  TlacaQyud«  (98°  L. 
80°  30*  Br.)  und  rdßcu - Ispahan  (98°  40'  L.  30°  10'  Br.)  anweist,  zu- 
sammenhängt. Vgl.  Eränsahr  S.  29  A.  3.  Dass  mit  der  Notiz  des 
Plin.  h.  n.  6,  99:  flumen  Sitioganus,  quo  Pasargadas  septimo  die  navi- 
gatur  nichts  anzufangen  ist,  hat  Stolze  a.  a.  O.  269  gezeigt  Der 
Sitioganus,  an  der  Mündung  jetzt  Mänd  genannt,  trägt  den  Charakter 
eines  über  Felsblöcke  dahinrauschenden  Bergwassers,  welches  selbst 
für  die  kleinsten  Kähne  unbefahrbar  ist.  Schon  sein  starkes  Gefalle 
Kchloss  jede  Schiffbarkeit  aus.  Es  muss  also  irgend  ein  Mißverständnis 
des  Onesikritos,  der  Quelle  des  Plinius,  vorliegen.  [Tomaschek, 
Topographische  Erläuterung  der  Küstenfahrt  Nearehs  S.  60  f.  —  SBWA. 
Bd.  121,  1890,  Nr.  8  hält  die  Angabe  allerdings  nicht  für  ganz  unmög- 
lich, jedoch  unter  der  Voraussetzung,  dass  Pasargadai  mit  H.  Kiepert 
V  in  Pasä  gesucht  werde.]    Noch  dunkler  ist  eine  andere  Stelle  des 

Plinius  6, 115/16:  praeterea  habet  (Persis)  in  extremis  finibus  Laodiceam 
ab  Antiocho  conditam.  Inde  (von  Laodicea)  ad  orientem  Magi  optinent 
FrasargüUi  castellnm,  in  quo  Cyri  sep ulchrum  est,  et  horum  Ecbatana 
oppidum  translatum  ab  Dario  rege  ad  montes.  Lag  Laodikeia  an  der 
West-  oder  Ostgrenze  der  Persis?  Der  Name  Fr  (Margida  ist,  wenn 
richtig  Uberliefert,  von  Pasargadai  verschieden  und  kann  nichts  mit 
diesem  zu  thun  haben.  Sollte  also  der  blosse  Namensanklang  dazu 
geführt  haben,  hierher  das  Grab  des  Kyros  zu  verlegen?  Dagegen 
spricht  aber  Strab.  is  3,  1  p.  727  (Mdyoi  neben  'Axcctfuvldai  und  Uaxsi- 
<s%OQtig  in  Persis).  Und  wo  haben  wir  die  offenbar  ebenfalls  östlich 
von  Laodikeia  gelegene  Magierstadt  Ekbatana  zu  suchen? 

-)  [Anzan  oder  Anian,  das  bald  als  Land,  bald  als  Stadt  be- 
zeichnet wird,  war  auch  nach  der  Eroberung  von  Haymatäna  zunächst 
die  Residenz  des  Kyros  geblieben  (Nabünäid- Kyros -Chronik  II  4). 
Leider  ist  die  genauere  Lage  dieses  uralten  Fürstentums  und  Beiner 
Hauptstadt  bis  jetzt  noch  gänzlich  unbekannt,  doch  muss  diese  allem 
Anschein  nach  östlich  bezw.  südöstlich  von  Susa  im  Gebirge  gesucht 
werden.  Hoffentlich  glückt  es  de  Morgan ,  sie  wieder  aufzufinden  und 
redende  Zeugen  über  aas  Walten  des  Kyros  und  seiner  Vorfahren  sowie 
der  alten  patesi's  ans  Licht  zu  bringen.  Jensen,  ZDMG.  55,  1901. 
S.  229  A.  2  erklärt  Anzan  für  die  Hauptstadt  von  Elamtu,  während 
Susa  (.Su^tin,  Susi,  &uian)  ursprunglich  der  Vorort  der  Landschaft 
Bora? tu  war,  doch  ist  die  von  ihm  in  Aussicht  gestellte  Begründung 
dieser  These  m.  W.  bis  jetzt  nicht  erschienen.  Allerdings  erscheint 
auch  in  der  Seleukidenzeit  'EXvftaf?  wieder  als  eine  von  Susiana  ver- 
schiedene, Östlich  von  diesem  gelegene  Provinz;  vgl.  G.  E[pffmann, 
Auszüge  aus  syrischen  Akten  persischer  Märtyrer  131  ff.  Überdies  ist 
zu  beachten,  dass  das  Königreich  Anzan  und  Susa  sich  bedeutend 
weiter  nach  Osten  und  Südosten  erstreckt  haben  muss  als  die  achaime- 
nidische  Satrapie  Susiana,  und  noch  einen  Teil  des  spätem  Pars  um« 


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156 


J.  Marquart, 


Welchen  Weg  Kambyses  nach  seiner  Ankunft  am  Enphrat 
eingeschlagen  hat,  lässt  sich  nicht  mit  Sicherheit  erkennen.  Wäre 
er  den  Enphrat  abwärts  nach  Babylon  gezogen  and  hätte  hier 
die  Kunde  vom  Aufstände  des  falschen  Bardija  erhalten,  so 
wäre  es  schwer  verständlich,  weshalb  er  dann  nicht  sofort  nach 
Susiana  marschierte,  sondern  nordöstlich  nach  Hamadän  abbog. 
Es  bleibt  daher  das  überwiegend  Wahrscheinliche,  dass  er  vom 
Euphrat  an  denselben  Weg  zog  wie  später  Alexander  und  über 
Charrän  und  Nisibis  nach  Assyrien  marschierte,  wo  er  die  von 
Sardeis  nach  Susa  fuhrende  Königsstrasse  erreichte.  Es  ist 
möglich,  dass  er  bereits  bei  seiner  Ankunft  am  Dijälä,  etwa  in 
der  Gegend  von  Chosrau's  II.  Residenz  Dastagerd  beim  heutigen 
Sahrabän,  die  Kunde  von  der  Erhebung  seines  angeblichen  Bruders 
erhielt  und  sich  nun  entschloss,  vor  allem  den  Pass  von  JJolwän, 
welcher  den  Zugang  zum  ganzen  iranischen  Hochlande  beherrscht, 
unverzüglich  in  seine  Gewalt  zu  bringen  und  die  modische  Haupt- 
stadt zu  besetzen,  ehe  noch  die  Proklamation  des  Usurpators 
auch  hier  ihre  Wirkung  ausgeübt  hatte.  Gelang  es  ihm,  Medien, 
dies  Kernland  des  iranischen  Reiches,  das  seine  Selbstständigkeit 
noch  keineswegs  vergessen  hatte,  in  der  Treue  festzuhalten,  so 
mussten  ihm  die  Persis  und  Susiana  mit  verhältnismässig  leichter 
Mühe  wieder  zufallen.  Doch  ist  auch  denkbar,  dass  er  von  An- 
fang an  Agbatana,  iv  xotöC  ol  i\v  xcc  itavxa  nrfyfurta  (Her.  S,  64), 
als  Ziel  ins  Auge  gefasst  hatte.  Von  Galülä,  7  Par.  nördlich 
von  Dastagerd,  rechnete  man  bis  Hamadän  71  (Ihn  Rusta)  bezw. 
78  Par.  (Ibn  Chordädbih)  oder  10 — 11  Tagereisen.  In  Hamadän  er- 
schien ein  Bote  des  Usurpators  mit  einem  Erlasse  desselben,  worin 
er  der  Bevölkerung  anzeigte,  dass  Bardija  der  Sohn  des  Küruä  am 
9.  Garmapada  in  Susiana  die  Herrschaft  über  die  Länder  ergriffen 
habe,  und  zum  Abfall  von  Kambyses  aufforderte.   IstachrT  |1v,  1  ff. 

(Ibn  Hauq.  fö1,  3)  rechnet  von  Hamadän  über  Nihäwand  auf 

direktem  Wege  nach  GundeSäpür  in  Chüzistan  70  Par.  =  10  Tage- 
reisen. Die  Lage  von  Gunde&äpür  wird  nach  Rawlinson  und 
de  Bode  durch  die  Ruinen  von  §ähäbäd  zwischen  Susa  und 


fasste,  da  der  König  Silchak  In-SuMnak  in  Bändär  Buslr  in  der  Nähe 
des  mittelalterlichen  R&Sahr,  südwestlich  von  KäzerQn  gebaut  hat. 

Die  Tiefebene  von  Susiana  mit  der  von  Asurbanipal  gründlich 
zerstörten  Hauptstadt  Susa  gehörte  bis  auf  Nabflnäi'd  zum  neubaby- 
lonischen  Reiche,  wie  zwei  dort  gefundene  Inschriften  Nabukodrosors 
(Scheil,  Textes  e*laraites-sem.  Se*r.  I  124.  H  pl.  18  nr.  4  =  Mem.  de 
la  Delegation  en  Perse  t  II.  IV)  und  eine  ebendaher  stammende  In- 
schrift Amel-Marduks  beweisen;  vgl.  Scheil,  Textes  eUamites-auzanites 
Se*r.  II  p.  XXIII  =  Mim.  d.e  la  D&e'gation  en  Perse  t.  V.  Unter  Kvros 
lag  die  Stadt  des  Gottes  SuSinak  ebenso  wie  A&Sur  noch  in  Ruinen 
(Kyroscylinder  Z.  80,  vgl.  van  Hoonacker,  Mdlanges  Charles  de 
Harlez  p.  825—829  und  Dieulafoy,  L'acropole  de  Suse  p.  47) ,  aus 
denen  sie  erst  Dareios  wieder  erstehen  liess  und  zu  neuem  Glänze 
erweckte.] 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  157 


Süstar  bezeichnet.  Vgl.  Nöldeke,  Gesch.  der  Perser  und  Araber 
S.  41  N.  2.  Ein  Eilbote  konnte  jenen  Weg  trotz  des  schwierigen 
Geländes  vielleicht  in  der  Hälfte  dieser  Zeit  zurücklegen.  VgL 
die  von  Floigl,  Cyrus  und  Herodot  S.  82  Anm.  1  angeführten 
Beispiele.  Allein  auch  jetzt  war  Karabyses  keineswegs  gewillt, 
dem  Usurpator  ohne  Kampf  das  Feld  zu  räumen.  Er  teilte  den 
vornehmsten  Persern  mit,  dass  der  angebliche  Bardija  ein  Be- 
trüger sei  und  er  selbst  seinen  Bruder  habe  töten  lassen 1).  Allein 
er  fand  keinen  Glauben  (Her.  3,  66):  der  Abfall,  der  in  Medien 
einen  besonders  gut  vorbereiteten  Boden  vorfand,  griff  auch  hier 
rasch  um  sich,  und  ohne  Zweifel  genoss  Bardija  auch  im  Heere 
des  Kambyses  zahlreiche  Sympathien.  Als  dieser  sich  daher  an- 
schickte, nach  Susiana  gegen  den  Empörer  zu  ziehen,  weigerten  ihm 
die  Truppen  den  Gehorsam.  Da  übermannte  den  unglücklichen 
König  die  Verzweiflung,  so  dass  er  von  allen  verlassen  in  den 
Tod  gieng*).  Auch  in  Babylonien  wurde  der  falsche  Bardija 
sogleich  anerkannt,  als  sein  Bote  mit  dem  Erlasse  und  der  Nachricht 
von  der  Einnahme  Susianas  eintraf:  schon  am  19./L  datiert  man 
nach  Barzija,  also  nur  10  Tage  nach  der  „Ergreifung  der  Herrschaft", 
und  so  lange  brauchte  der  Bote  wohl  von  Susa  nach  Babylon. 

Der  Zusammenhang  der  Begebenheiten  ist  also  auch  auf 
Grund  der  Überlieferung  sehr  wohl  verständlich,  ohne  dass  man 
zu  willkürlichen  Annahmen,  z.  B.  dass  Kambyses  von  Leuten  des 
Magiers  ermordet  worden  sei8),  zu  greifen  brauchte. 


*)  Natürlich  ist  es  unhistorisch,  dass  Prexaspes  alsbald  die  wahre 
Persönlichkeit  des  Betrügers  durchschaut  und  den  König  darüber  auf- 
geklärt habe,  worauf  Kambyses  in  einer  Versammlung  der  Notabein 
diesen  noch  vor  seinem  Tode  den  ganzen  Sachverhalt  darlegen  konnte. 
Diese  Erzählung,  welche  die  nachmalige  Entlarvung  des  Magiers  (c.67ff.) 
vorwegnimmt  und  Überflüssig  macht,  setzt  bereits  die  Meinung  voraus, 
dass  Sft^Qdif  der  Eigenname  des  Magiers  gewesen  sei  (Her.  3,  61.  63. 
64:  ivftavru  &%ovaavxu  Kafißvoecc  rb  Z^QÖiog  o%vo\lo.  hvtys  i\  &krftiir\ 
rüv  xs  \6ymv  xai  to0  ivvnvtov.  65).  Sicherlich  hätte  Prexaspes  auch, 
falls  Kambyses  ihn  als  Werkzeug  der  Ermordung  des  Bardija  be- 
zeichnet hätte,  den  Notabein  gegenüber  nach  Lage  der  Dinge  die  That 
geleugnet;  vgl.  c.  67.  74.  Eine  derartige  Haltung  wäre  mit  dem  weiteren 
Verlaufe  der  Begebenheiten  am  besten  vereinbar.  Die  gegenwärtige 
Erzählung  Her.  8,  62 — 63  ist  aufgebaut  auf  der  falschen  Annahme, 
Bardija's  Tod  sei  erst  während  Kambyses1  Abwesenheit  in  Agvpten 
erfolgt.  Nur  unter  dieser  Voraussetzung  war  Kambyses'  Zweifel,  ob 
Prfxaspes  seineu  Auftrag  wirklich  ausgeführt  hatte,  möglich. 

Noch  dramatischer,  aber  darum  keineswegs  wahrscheinlicher  ist 
das  mit  dem  Tode  besiegelte  Bekenntnis  des  treuen  Prexaspes,  das  der 
Entlarvung  des  Magie»  unmittelbar  vorangeht,  ohne  doch  auf  diese 
irgend  welchen  Einflues  zu  üben  Her.  3,  74  -  75. 

*)  Die  Inschrift  von  Bebistün  I  43  sagt,  dass  sich  Kambyses  erst 
nach  der  offiziellen  Thronbesteigung  des  Gaumäta  tötete. 

*)  Arthur  Lincke,  Forschungen  zur  alten  Geschichte  I.  Zur 
Losung  der  Kambysesfrage.  Leipzig  1891,  dem  sich  leider  auch  F.  Justi, 
<irundriss  für  iran.  Philologie  II  425  f.  anschließt. 


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158 


J.  Marquart, 


„Als  Kambugija  den  Bardija  getötet  hatte,  da  wusste  das 
Volk  nichts  davon,  das  Bardija  getötet  worden  sei"  (Beh.  I  31/32). 
Nach  dem  Tode  des  Eambyses  führte  Gaumäta  in  Pars  ein 
Schreckensregiment,  das  sich  naturgemäss  hauptsächlich  gegen  den 
Adel  richtete  (Beh.  I  63  ff.) ').  „Das  Volk  fürchtete  den  Gaumäta 
wegen  seiner  Härte;  er  hätte  wohl  viele  Leute  (Edelinge)  getötet, 
welche  den  früheren  Bardija  gekannt  hatten:  deshalb  hätte  er  die 
Leute  getötet,  .damit  sie  mich  nicht  erkennen,  dass  ich  nicht 
Bardija  des  KüruS  Sohn  bin'.  Niemand  wagte  (daher)  etwas  zu 
reden  über  Gaumäta  den  Magier  bis  ich  kam1").  Der  Potentialis 
des  Präteritums  ist  hier  als  Kachsatz  eines  zu  ergänzenden  irrealen 
Bedingungssatzes  aufzufassen.  Dareios  will  durch  denselben  eine 
Vermutung  über  die  Ursache  der  so  befremdlichen  Thatsache  aus- 
sprechen, dass  die  persischen  Adligen  sich  trotz  der  scharfen  Mass- 
nahmen des  Gaumäta  ruhig  verhielten. 

Der  bisherige  hazarapet  (Gardeprüfekt)  Prexaspes  wurde  ab- 
gesetzt und  der  Schutz  des  Herrschers  Eunuchen  übertragen 
(Her.  3,  77).  Allein  trotz  dieser  Massregeln  fühlte  sich  der  neue- 
Herrscher  unter  den  Persern  nicht  sicher,  bei  denen  es  Her- 
kommen war,  dass  der  König  sich  dem  Volke  häufig  zeigte  und 
deren  feudale  Verfassung  den  Häuptern  der  vornehmsten  Adels- 
häuser das  Recht  verlieh,  jederzeit  beim  König  Zutritt  zu  ver- 
langen. So  verlegte  der  Magier  bald  seine  Residenz  nach  seiner 
modischen  Heimat9).  Zur  Zeit  seiner  Ermordung  befand  er  sich  in 
der  Burg  SikajahuwatiS  in  der  Landschaft  Nisäja.  Nach  der  Dar- 
stellung Diodors  (17,  110  vgl.  Arr.  7, 13, 1)  hätte  man  das  Nt{Caiov 
neSlov  (Her.  7,  40),  wo  die  berühmten  nisäischen  Bosse  zu  vielen 

»)  Auch  Her.  3,  67  sagt:  &<tre  &no&av6vroQ  avxoü  (voO  Mayov) 
ttö&ov  £%nv  itavxag  xohg  Iv  x%  'Aalt/  ndge^  avx&v  IIe<fo£mv. 

»)  Beh.  I  51— 54.  Vgl.  Her.  3,  68:  üxt  xs  o4>%  i£t<potxa  ix  xfjg  &%qo- 
noHog  xal  Sri  o6x  ixaXst  lg  ötyiv  imvx&  oidivct  xcbv  Xoyiftmv  ütQfflmv. 

*)  Der  Gegensatz  des  Gaumäta  gegen  den  persischen  Adel  und 
sein  Bestreben,  die  Macht  desselben  au  untergraben  [vgl.  Justi, 
ZDMG.  53,  1899,  S.  89  ff.  Foy,  eb.  54,  1900,  S.  841-355],  ergab  sich 
aus  seiner  usurpierten  Stellung  von  selbst.  Dagegen  ist  die  Zerstörung 
der  Verehrungsstätten  in  Pärs  nur  zu  erklären  aus  dem  Eifer  des 
Magiers  für  die  strenge  Zarathustralehre  gegenüber  den  in  manchen 
Beziehungen  laxeren  Gepflogenheiten  der  mazdajasnischen  Perser,  wie 
750  Jahre  Bpäter  bei  ArdaäTr.  Vgl.  Fundamente  israelitischer  und 
jüdischer  Geschichte  48  A.  3.  Unter  den  Verehrungsstätten  (äjaclana) 
sind  wohl  Feuertürme  zu  verstehen,  bei  Ktes.  ecL  13  Uq6v,  dagegen  in 
der  entsprechenden  Szene  bei  Her.  8,  74.  75  xvQyog. 

[Was  soll  man  nun  dazu  sagen,  wenn  der  Historiker  Winckler 
(Altor.  Forsch.  U  2,  1900,  S.  209)  seinen  Adepten  verkündet:  „der 
,  Magier1  hat  deutlich  eine  der  priesterschaft  feindliche  politik  verfolgt, 
er  war  von  einer  Volksbewegung  getragen,  welche  sich  gegen  die 
Orientaliairung  des  Peraertums  —  also  gegen  adel  und  hierarchie  — 
richtete,  und  hat  sein  ziel  durch  steuerenasse  und  Zerstörung  von  tem- 
peln  zu  erreichen  gesucht".  War  etwa  die  Einführung  der  Eunuch en- 
wirtschaft  auch  gegen  die  .Orientaliairung  des  Persertums*  gerichtet?! 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  159 


Tausenden  weideten,  auf  dem  Wege  von  Bccytatavtj  (Behistün) 
nach  Hamadän,  7  Tage  von  letzterer  Stadt  entfernt  zu  suchen. 
Alexander  soll  hier  80  Tage  verweilt  haben.  Allein  die  Ent- 
fernung vom  Berge  Behistün  bis  Hamadän  betrug  nur  29  Par. 
oder  4  Tagereisen1).  Strabon  sagt  dagegen,  dass  man  die  Fohlenau 
(ktift&v  titttoßorog)  passiere,  wenn  man  aus  der  Persis  und  Babylon 
zu  den  Easpischen  Thoren  reise9).  Allein  der  gewöhnliche  Weg 
von  Pärs  nach  den  Kaspischen  Thoren  führt  über  Ispähän,  Käschän 
und  Qumm  nach  Raj,  dieser  kann  also  hier  offenbar  nicht  gemeint 
sein,  sondern  nur  eine  Route,  die  sich  mit  der  von  Babylon  durch 
den  Pass  von  IJolwän  nach  Choräsän  fuhrenden  Strasse  kreuzte. 
Man  könnte  daran  denken,  dass  dem  Gewiihrsmanne  Strabons  das 
Itinerar  Alexanders  von  Persepolis  über  Ispähän  (Gabai)  nach 
Ekbatana  und  von  da  nach  Raj  und  die  an  der  Strasse  Persepolis^ 
Ekbatana  gelegene  Station  Nisaci  vorgeschwebt  habe  und  er  der 
Ansicht  war,  dass  Alexander  bereits  bei  der  Verfolgung  des  Dareios 
an  der  berühmten  nisäischen  Ebene  vorbeigekommen  sei.  Allein  in 
diesem  Falle  würde  er  sich  mit  sich  selbst  wie  mit  der  Überliefe- 
rung in  schreiendem  Widerspruche  befinden.  Denn  er  spricht  aus- 
drücklich von  einem  modischen  Nisaia,  während  das  nur  24  Par. 
nördlich  von  Persepolis  *)  gelegene  Nisaci  noch  zu  Pärs  gehörte  und 
von  der  Straße  von  Babylon  nach  den  Kaspischen  Thoren  weit 
ablag.  Wohl  aber  lag  an  der  8trasse  von  rjolwän  nach  Hamadän, 
aber  vor  Behistün  eine  berühmte  Ebene  mit  einer  starken  Festung, 

die  „Schlosswiese*  KaIäJI  ^y>  oder  einfach  „die  Wiese*  ge- 
nannt, wo  noch  in  der  Chalifenzeit  die  Kriegsrosse  der  Chalifen 
weideten4).  Dieser  Ort  lag  nur  10  Par.  von  IJolwän,  51  (nach 
Ibn  Busta  48)  6)  Par.  d.i.  7  Tagereisen  von  Hamadän.  „Von 
Marg  al  Qal'a  nach  azZubaidlja  sind  7  (1.  9)  Par.  Der  Weg  führt 
zwischen  Bergen  und  fortlaufenden  Dörfern  entlang,  bis  man  an 
den  Fuss  des  Passes  kommt.  In  der  Nähe  des  Passes  ist  ein  Dorf 
namens  Ächurin,  eine  Gründung  der  Sasaniden,  dessen  Bewohner 
Kurden  sind.  Es  befindet  sich  daselbst  ein  Feuertempel,  den  die 
Magier  hoch  in  Ehren  halten  und  aus  den  entferntesten  Ländern 


>)  Ibn  Rusta  111,9  ff.  Ibn  Chord.  11,  11—13.  H,  8—11. 
*)  Strab.  ut  13,  7  p.  525. 

Siehe  Tomaschek,  Zur  histor.  Topographie  von  Persien 

«)  Tab.  m  HT1,  11  a.  222  H. 

»)  S.  Ho,  15  ist  die  Entfernung  zwischen  Marg  al  qal'a  und 
azZubaidlja,  äju^*,  in  iüt^J»  zu  verbessern,  wie  auch  Ibn  Hauqal 

hat.  Jäq.  II  Tlv,  5  gibt  8  Par.,  Muq.  1  Tagereise.  Ebenso  ist  S.  1*1*1 ,  9 
(Entfernung   von   QarmähTn    nach   adDukkän)    mit    Ibn  Chordädbih 
1  für  1  211  lesen. 


J.  Marqaart, 


von  Zeit  zu  Zeit  besuchen.  Dann  gelangt  man  zu  einem  Dorfe 
namens  Qacr  JazTd,  das  4  Par.  von  Marg  al  Qal'a  entfernt  ist, 
dann  erklimmt  man  den  Pass  und  steigt  nach  az  Zubaidlja  hinab*. 

Qacr  Jazld  beisst  sonst  jkJt  d.  L  pers.  tazar,  ap.  taiaram  „Palast*. 
Nach  Mis'ar  b.  al  Muhalhil  bei  Jäq.  HI  oPv,  9.  IV  HP,  3  war  es 

der  Kreuzungspunkt  der  Strassen  nach  Choräsän,  Mäsabadän  und 
MLhragän  qaäaq.  Hier  mündete  also  die  Heerstrasse  ein,  welche 
von  Susiana  nach  Ekbatana  führte,  wie  man  auch  aus  Tab.  I  rill, 

6.  12  ff.  ersehen  kann.  Der  Ort  muss  deshalb  in  der  Nähe  des 
heutigen  Härünäbäd  gelegen  haben.  Marg  al  Qal'a  kann  aber 
nicht,  wie  Tomaschek  ohne  weiteres  annimmt,  identisch  sein 
mit  der  berühmten  „Ammenau*  oder  richtiger  der  „nährenden 
Au*  ^y»  ^to  dqji  marg  Dln.  ö1,  20,  wo  Bahräm  Gör  umkam1). 

Denn  diese  örtlichkeit  lag  ganz  in  der  Nahe  von  Hamadän,  wie 
sich  aus  Ibn  al  Athlr  XII  15,  15  ergibt;  vgl.  eb.  X  198.  476. 
XI  15,  15.  19.  Ich  glaube  daher,  dass  bei  Strabon  &  xijg  71«^- 
alÖog  ein  Versehen  ist  für  ix  rtjc  £ovcidog,  und  Diodor  die 
nisäische  Ebene  fälschlich  Östlich  statt  westlich  von  Baytxsxdvr] 
verlegt.    Dann  stimmt  die  Entfernung  von  Ekbatana  vorzüglich. 

Wir  hätten  also  das  Nisäja  der  Inschrift  von  Behistün  in 
der  Ebene  von  Marg  al  Qal'a  zu  suchen,  und  die  Landschaft  würde 
sich  mit  der  partbischen  Provinz  Untermedien  bei  Isidor  von  Charax 
ganz  oder  teilweise  decken3).  Die  Burg  (didü)  SikajahuwatiS  könnte 
mit  der  Festung  jUläJt         selbst  oder  mit    ilaiJ  Tazar  identisch 

sein.  In  diesem  Falle  hätte  der  Magier  seine  Residenz  mit  Ab- 
sicht so  gewählt,  dass  er  dem  Passe  von  IJolwän  möglichst  nahe 
war  und  auf  diese  Weise  die  Strassen  nach  Ekbatana  und  den 
östlichen  Provinzen  wie  nach  Babylon  und  Susa  jederzeit  be- 
herrschte. Es  gab  allerdings  auch  eine  Landschaft  Nüä  im  nörd- 
lichen Medien,  die  in  der  Sasanidenzeit  ein  Rustäk  der  Provinz 

o  - 

Hamadän  war,  aber  unter  Tähir  b.  al  H  usain  samt  j^UL*  zu 
Qazwln  geschlagen  wurde8). 

l>  Vgl.  Nöldeke,  Geschichte  der  Perser  und  Araber  S.  103 
Anm.  3.   Tomaschek,  Zur  hist.  Topographie  von  Persien  I  8. 

9)  [Ob  die  von  Tiglatpileser  III.  erwähnte  Stadt  oder  Landschaft 
Ntää  besw.  Ni-ia-ai  (vgl.  Streck,  ZA.  XV,  328  f.  338)  mit  unserem 
Aüäja  identisch  ist  oder  nicht,  lässt  sich  weder  bejahen  noch  ver- 
neinen, so  lange  die  mit  ihr  zusammen  genannten  Städte  und  Land- 
schaften Blt-lätar,  Zakruti,  Gizinikissi  und  Cibur  nicht  anderweitig 
nachgewiesen  sind.  Mit  Fagtexa,  Ganzak,  wie  Streck  will,  hat  Ginnt- 
hissi  jedenfalls  nichts  zu  thun.  Ganhak,  pers.  Gan§ak  „Schatzhaus41,  ist 
achaimenidischen  Ursprungs  und  kehrt  in  verschiedenen  Landschariten 
als  Bezeichnung  der  Landeshauptstadt  wieder.] 

*)  Ibn  al  Faq.  PH,  5.        13,  vgl.  arRuhnl  bei  Jaq.  IV  wa,  7. 

Vgl.  Tomaschek,  Zur  hist.  Topographie  von  Persien  I  11.  Wohin 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


161 


Der  Schauplatz  der  Ermordung  des  Magiers  ist  bei  Herodot 
die  (spätere)  Hauptstadt  Susa.  Nach  einer  verblassten  Erinnerung 
scheint  es,  dass  Dareios  aus  Parthien,  der  Provinz  seines  Vaters  — 
Herodot  8,  70.  72  nennt  dafür  fälschlich  Persis  —  direkt  nach  der 
medischeu  Burg  gekommen  ist  und  sich  hier  mit  den  andern  Ver- 
geh wornen  getroffen  hat.  Die  Ausfuhrung  des  Planes  ward  durch 
das  Mihragänfest  wesentlich  erleichtert:  dies  war  das  einzige  Fest 
im  Jahre,  an  welchem  sich  der  König  der  Könige  öffentlich  be- 
trinken durfte1).  Eine  der  bei  Herodot  zusammengearbeiteten 
Versionen  über  den  Sturz  des  Magiers  schrieb  das  Hauptverdienst 
an  der  That  dem  Intaphrenes  (Windahfarnäh)  und  dem  späteren 
hazar&pet  (Gardekommandeur)  1Aanudf£vr^g  (Aspacanäh)  zu,  welch 
letzterer  bei  ihm  für  den  Ardurnanis  der  Inschrift  von  Behistün 
eingetreten  ist,  wogegen  eine  andere  Quelle  den  Hauptanteil  für 
Dareios  selbst  und  seinen  Schwiegervater  Gobryas  in  Anspruch 
nahm  (Her.  3,  78).  Für  die  erstere  Version  tritt  vor  allem  Aischylos 
ein,  welcher  aus  den  Sieben  neben  Dareios  nur  den  9A(fta<p^ivrig 
d.  i.  Windah-fornäh »)  hervorhebt  (v.  776—781): 

itifuttog  Sh  MccgSog  ^o§w,  alojyvy\  nar^a 
&q6vousi  x  a^xaloiar  t6v  Sh  ahv  i6la> 
*A(na<p(>ivrig  hxuvsv  fa&Xbg  iv  S6(Wig 
l-bv  ikvdQccöiv  q>CXousiv,  olg  r6ö*  1\v  %(>iog, 
Kaya'*) 

Auch  Hellanikos  muss  einer  ähnlichen  Erzählung  gefolgt  sein, 
sonst  hätte  die  Bemerkung  des  Scholiasten  zu  V.  778  keinen  Sinn: 
xovtov  'EXXdvtxog  Aaq>iqvr\v  xaXit.  Hellanikos  schrieb  wohl  9ISa- 
tytovriq  =  *Widah-farnäh,  eine  Nebenform  zu  Windah-famäh.  Die 
Inschrift  von  Behistün  4,83  nennt  ebenfalls  den  Windahfarnäh,  Sohn 
des  Wajaspära  an  erster  Stelle,  bei  Ktes.  Pers.  14  steht  er  un- 
mittelbar vor  Dareios  selbst,  welcher  den  Schluss  der  Liste  bildet. 


.-vu.iuKLii  23,  6,  80  die  Heimat  der  niKäischen  Rosse  verlegt,  ist  unklar, 
ebenso,  ob  er  sich  die  Ländereien  der  Magier  in  deren  Nähe  denkt. 
Seine  Worte  lauten:  edunt  apud  eos  prata  virentia  fetus  equorum 
nobilium,  qnibus,  ut  scriptores  antiqui  docent  nosque  vidimus,  ineuntes 
proelia  vin  summates  vehi  exultantes  solent,  quos  Nesaeos  appellant. 
abundat  aeque  civitatibus  ditibua  Media  et  vicis  in  modura  oppidorum 
exstruetis  et  multitudine  incolarum.  utque  absolute  dicatur,  uberrimum 
est  habitaculum  regum.    In  hin  tractibiis  Magorum  agri  sunt  fertiles. 

»)  Duris  von  Samos  fr.  18  bei  Athen.  X  45  p.  434  D.  Bei  Ktesias 
ed.  14  ist  es  nicht  Bakchos,  sondern  Aphrodite,  die  dem  Magier  ver- 
derblich wird:  die  Verschworenen  dringen  ein,  während  er  ein  Schäfer- 
stündchen mit  einer  babylonischen  Odaliake  hält. 

■)  Die  Form  'AQTuyQ&wp  steht  zunächst  für  'Avxatpiwris ,  wie 
Ktesias  geschrieben  hatte  (der  Nasalstrich  ist  in  unsern  Hss.  weg- 
gefallen). Aischylos  hat  letztern  Namen  durch  den  ihm  geläufigen 
(Tgl.  V.  21)  ersetzt.  Die  Wiedergabe  von  anlautendem  ap.  uri  durch 
&  wie  in  'Aoxd&xris  V.  22  =  ap.  Wiitäspa. 


Über  den  unechten  Vers  780  oben  S.  138  A. 


11 


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162  •  J-  Marquart, 


Auf  dieses  sein  Verdienst  um  die  Wiederherstellung  der  legitimen 
Monarchie  gestützt,  mag  sich  Windahfarnäh  Freiheiten  heraus- 
genommen haben,  die  dem  Dareios  als  mit  der  Würde  des  König- 
tums unverträglich  erschienen  und  seinen  Untergang  herbeiführten 
(Her.  3,  118  ff.)-  Angenommen  der  verhängnisvolle  Vorfall  habe 
sich  so  zugetragen  wie  ihn  die  Sage  schilderte,  so  konnte  ihn  der 
König  allerdings  als  Attentatsversuch  aufTassen  oder  wenigstens 
zu  einem  solchen  stempeln,  und  jedenfalls  gab  ihm  derselbe  einen 
erwünschten  Vorwand,  das  herkömmliche  Recht  der  persischen 
Stamm fureten,  jederzeit  unangemeldet  beim  König  Zutritt  zu  ver- 
langen, abzuschaflen ,  das  die  Wiederholung  eines  ähnlichen  An- 
schlags wie  der,  welchem  er  selbst  die  Krone  verdankte,  und  damit 
eine  abermalige  Thronumwälzung  gar  zu  leicht  zu  machen  schien. 
Dagegen  ist  Herodots  Zeitbestimmung  der  Katastrophe:  atixfact 
futa  t^v  htavdözaaiv  jedenfalls  unhistorisch:  sie  kann  natürlich 
erst  nach  der  Beendigung  der  verschiedenen  Aufstände,  von  denen 
Herodot  nichts  weiss,  und  wird  wahrscheinlich  erst  nach  der  Ein- 
meisselung  der  Inschrift  von  Behistün  stattgefunden  haben.  In 
der  gegenwärtigen  Erzählung  Herodots  ist  Windahfarnäh  ganz  durch 
0  tan  es  in  den  Hintergrund  gedrängt  worden,  dessen  Haus  nach 
dem  Untergange  der  Familie  des  Windahfarnäh  die  erste  Stelle  nach 
dem  Königshause  einnahm1). 

Schon  vor  dem  Sturze  des  Gaumäta  hatte  Babylon  seine 
Herrschaft  abgeschüttelt  und  wieder  einen  eignen  König,  einen 
angeblichen  Sohn  des  Nabünäld,  aufgestellt:  [am  10.  Tisrit,  also 
an  demselben  Tage,  an  welchem  Gaumäta  getötet  wurde,  wofern 
sich  der  altpersische  Kalender  damals  mit  dem  babylonischen 
deckte,  datierte  man  bereits  nach  Nabü-kudurri-ucur.  Dem  Bei- 
spiele der  Babylonier  folgte  alsbald  Susiana,  wo  sich  A&rina 
(elamitisch  HaSSina),  der  Sohn  des  ük-ba-tar-ra-an-ma2)  zum  König 

])  Phantasien  bei  P.  Rost,  Unten,  zur  altorient.  Gesch.  S.  107 ff. 
=  Mv  AG.  1897,2  S. 21  Off.  H.  Winckler,  Altor. Forsch. III,  1898,138ff. 
[3,  1901,  467  f.  An  letzterer  Stelle  erklärt  der  Verf.  Uüanni,  den  Statt- 
halter von  Babylon  und  ebir  näri  d.  i.  ?n?13  *13*f  Arbäja  (Strass- 
m  ai er.  Inschriften  von  Darin«  Nr.  82  Z.  2  vom  16./VTL  3  des  Dareios 
bei  Peiser,  KB.  IV  305)  für  „e  inen  von  den  grossen  adligen  —  den 
angeblichen  ,sieben  mördern'  des  .Magier»',  unter  welche  Darius  das 
reich  verteilen  musste.  sein  anteil  betrug  den  gesamten  umfang  des 
weiland  neubabylonischen,  chaldäischen  königreiches'.  Winckler  ver- 
wechselt also  den  sonst  unbekannten  Satrapen  von  Babylon  U8-ta-an-ni 
d.  i.  ap.  Citäna,  gr.  'Otfr^yijff,  'Oo&ävr\s  oder  Wiitäna,  gr.  Taz<kvr\s 
(Her.  7,  77),  'Itfravrje  Arr.  7,  6,  4  mit  dem  den  Griechen  wohlbekannten 
Jiutäna ,  der  mit  der  Unterwerfung  von  Samos  betraut  wurde  Her.  3, 
141  ff.  Vgl.  diese  Unters.  I  12—14.  Die  Verwechslung  dieser  beiden 
Personen  wird  dadurch  um  nichts  entschuldbarer,  d&ss  die  Namen 
schon  von  Trogus  Pompeius  (Just.  I  9,  14  ff.)  vermengt  worden  sind.] 

•J  So  in  der  elamitischen  Version  I  57.  (H)aiima  ist  regelmässige 
elamitische  Umschreibung  von  ap.  Ä&rina,  das  mit  Suffix  4na  gebildet 
ist  von  aw.  ätari,  gen.  0»rö  .Feuer*  (vgL 'ftcfr-fcnp  u.  a.),  der  Sohn  ist 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


163 


aufwarf  (Beh.  I  72—81.  IV  10—15.  Beh.  C.  D.),  allein  dieser 
Aufstand  war  von  sehr  kurzer  Dauer.  Die  Herrschaft  des  A&rina 
hatte  noch  so  wenig  Wurzel  gefasst,  dass  die  Susianer  auf  die 
blosse  Aufforderung  hin  ihren  neuen  König  an  Dareios  aus- 
lieferten1), ein  Beweis  dafür,  dass  jener  erst  seit  kurzem  den 
Thron  der  alten  Könige  von  Susa  bestiegen  hatte.  Um  das  un- 
rühmliche und  der  grossen  Vergangenheit  des  Landes  wenig  wür- 
dige Ende  dieses  und  des  zweiten  susianischen  Aufstandes  historisch 
gerecht  zu  würdigen,  muss  man  übrigens  berücksichtigen,  dass 
seit  der  Eroberung  von  Anzan  durch  CiSpis,  den  Urgrossvater 
Kyros'  IL2),  zahlreiche  Perser  daselbst  ansässig  waren,  die  seit- 
dem die  herrschende  Klasse  bildeten  und  natürlich  sofort  der 
Partei  des  Dareios  beitraten.  Die  Inschrift  erzählt  den  Aufstand 
des  Afrrina  vor  dem  des  Nidintu-Bel,  aber,  wie  ich  glaube,  nur 
deshalb,  weil  er  vor  diesem  beendigt  wurde,  als  der  Wieder- 
hersteller der  achämenidischen  Monarchie  noch  in  Medien  weilte. 
Dieser  hatte  nach  der  Beseitigung  des  Gaumäta  zunächst  noch 
lungere  Zeit  in  Medien  zu  thun,  um  seine  Herrschaft  zu  befestigen 
und  ein  Heer  aus  dieser  Provinz  sowie  aus  Pars  an  sich  zu  ziehen, 
ehe  er  an  die  Bekämpfung  des  babylonischen  Prätendenten  denken 
konnte.  Von  grosser  Wichtigkeit  war  es,  dass  die  Vizekönige  des 
Ostens,  DädrSiS  in  Baktrien  und  Wiwäna  in  Arachosien,  dem  neuen 
König  der  Könige  ohne  Anstand  huldigten  und  dieser  das  wichtige 
Parthien,  mit  welchem  damals  auch  Haraiwa  (Herät),  Zranka 
Prangiana)  und  Asagarta  (Köhistän)  verbunden  waren8)  und  dus 
somit  die  Verbindungen  zwischen  West-  und  Ostiran  beherrschte, 
in  zuverlässigen  Händen  wusste.  Vom  21.  Kislev  (IX.)  =  Adri- 
jädija  existiert  noch  ein  Täfelchen  des  Nabü-kudurri-ucur,  aber 
schon  am  27.  desselben  Monats  erzwingt  Dareios  den  Übergang 
über  den  Tigris  und  schlägt  die  Babylonier  auf  dem  rechten 
Tigrisufer.  Nur  5  Tage  später,  am  2.  Anämaka  =  T^bet  (X.), 
erringt  Dareios  den  zweiten  Sieg  bei  Zäzäna  am  Euphrat  (Beh. 
I  83 — 96  =  bab.  Z.  81 — 87),  worauf  sich  Nidintu-Bel  mit  wenigen 


also  bereits  ironisiert,  während  der  Vater  noch  einen  echt  elamitischen 
Namen  (ironisiert  Upadarmä)  trägt.  Es  ist  übrigens  zu  beachten,  dass 
ÄJhrina  neben  Frada  von  Margiana  der  einzige  Prätendent  ist,  der  sich 
nicht  für  eine  andere  Person  ausgab  oder  Abstammung  von  einer 
früheren  Dynastie  behauptete,  also  nicht  , gelogen •  hat.  Dies  scheint 
darauf  hinzudeuten,  dass  er  wirklich  einem  alten  einheimischen  Adels- 
geschlecbte  angehörte. 

l)  Beh.  I  82/83:  «Darauf  sandte  ich  nach  Susiana  (nämlich  einen 
Herold,  der  unter  dem  Schutze  des  Völkerrechts  stand;  vgl.  die  Boten, 
die  der  Magier  in  die  Provinzen  und  zum  Heere  des  Kambyses  ge- 
sandt hatte  Her.  3,  61/62);  jener  Äfrrina  ward  gebunden  zu  mir  ge- 
führt; ich  Hess  ihn  töten.* 

•)  Kyroscylinder  Z.  21.  Schräder,  Keilinschriftliebe  Bibliothek 
HI  2  S.  125 

»)  Vgl.  Beh.  I  18-15.   Dar.  Pers.  1 12-15. 

11* 


164 


J.  Marquart, 


Reitern  nach  Babylon  wirft.  «Darauf  gieng  ich  nach  Babylon; 
durch  die  Gnade  Ahuramazdäh's  nahm  ich  sowohl  Babylon  ein 
als  jenen  Nadintabaira  gefangen,  dann  tötete  ich  jenen  Nadinta- 
baira  in  Babylon*  (Beh.  II  1 — 5).  Wie  lange  sich  Babylon  nach 
der  Schlacht  bei  Zäzäna  noch  gehalten  hat,  ist  ans  dieser  sum- 
marischen Erzählung  nicht  zu  entnehmen  und  war  bisher  auch  auf 
anderem  Wege  nicht  genau  festzustellen1).  Bei  den  Ausgrabungen 
der  babylonischen  Expedition  der  Deutschen  Orient  -Gesellschaft 
im  Jahre  1901  ist  nun  ein  Täfelchen  zum  Vorschein  gekommen, 
das  Vermerke  über  Mehllieferungen  enthält,  die  vom  6.  Tebet  bis 
6.  Öabat  des  Anfangsjahres  des  Dareios,  Königs  von  Babylon  und 
Königs  der  Lander,  ausgeführt  wurden.  Das  Täfelchen  ist  wahr- 
scheinlich am  6.  Öabat  oder  an  einem  der  nächstfolgenden  Tage 
geschrieben.  Daraus  ergibt  sich  aber,  dass  Babylon  wahrscheinlich 
noch  im  febet,  also  fast  unmittelbar  nach  der  Schlacht  bei  Zäzäna, 
von  Dareios  eingenommen  worden  ist.  Die  angeblich  20  Monate 
dauernde  Belagerung  der  Stadt  durch  Dareios,  von  welcher 
Herodot  erzählt  und  bei  welcher  Zopyros  eine  Bolle  gespielt 
haben  soll3),  zerfällt  somit  völlig  in  nichts8).  Allein  der  König 
blieb,  wie  wir  sehen  werden,  noch  lange  nach  der  Einnahme  der 
Stadt  in  Babylonien.  Was  ihn  hier  zurückgehalten  hat,  wissen 
wir  bis  jetzt  nicht 

Während  Dareios  in  Babylonien  war,  wurden  folgende  Länder 
von  ihm  abtrünnig:  Pars,  Susiana,  Medien,  Assyrien,  Armenien, 
Parthien,  Margiana,  0ataguS  und  die  Saka.  Die  Reihenfolge  dieser 
Aufzählung  ist  nicht  chronologisch,  sondern  rein  geographisch. 
Dies  ergibt  sich  vor  allem  daraus,  dass  Assyrien  vor  Armenien 
steht,  obwohl  es  während  des  Aufenthaltes  des  Dareios  in  Baby- 
lonien gar  keinen  aktiven  Anteil  an  den  nationalen  Erhebungen 
nahm,  sondern  nur  im  zweiten  Stadium  des  armenischen  Auf- 
standes den  Schauplatz  einer  Schlacht  zwischen  Wahumisa  und 
den  Armeniern  bildete  (Beh.  II  53 — 54) 4).  Pars  steht  als  Stamm - 

*)  Die  älteste  bis  jetzt  bekannte  Urkunde  aus  der  Regierung  de« 
Dareios  trägt  das  Datum  20./XI.  des  Antrittsjahres ,  aber  keine  Drts- 
Hngabe  (Stra8smaier,  Inschriften  von  Darius  Nr.  1);  die  betreffenden 
Verträge  stammen  fast  sämtlich  aus  Abu  Habba  =  Sippar.  Dann  folgt 
ein  aus  Babylon  selbst  datiertes  Täfelchen  vom  Monat  Simanu  (HI.) 
des  1.  Jahres  des  Dareios  (Strassmaier,  Inschr.  von  Darius  Nr.  17). 

«)  Vgl.  meine  Assyriaka  des  Ktesias  625  f. 

«)  Siehe  F.  H.  Weissbach,  Babylonische  Miszellen  8.  48  f.  = 
Wissenschaftliche  Veröffentlichungen  der  Deutschen  Orient-Ges.  Heft  4, 
Leipzig  1903.  Ders.,  ZDMG.  51,  1897,  S.  518.  —  Danach  kann  also 
auch  das  Täfelchen  vom  27./XI.  des  8.  Jahres  des  Kambyses  (Strass- 
maier, Inschriften  von  Cambyses  Nr.  412)  nicht  mehr  in  die  Zeit 
der  angeblichen  Belagerung  Babylons  gesetzt  werden.  Weissbach, 
ZDMG.  55  ,  208  vermutet  einen  Fehler  entweder  des  Tafelschreibers 
oder  des  Herausgebers. 

4)  Der  Aufstand  der  Asagarta  in  Assyrien  brach  erst  kurz  vor 
oder  nach  dem  Falle  des  Frawartis  aus  (II  78—91). 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  165 


land  an  der  Spitze,  trotzdem  die  Schilderhebung  des  Wahjazdata 
ohne  Zweifel  eine  der  spätesten  unter  den  in  jener  Periode  aus- 
gebrochenen Empörungen  ist  Allein  auch  die  summarische  Zeit- 
bestimmung ^während  ich  in  Babylonien  war"  ist  wohl  nicht  ganz 
wörtlich  aufzufassen.  Der  zweite  Aufstand  ist  nach  der  Reihen- 
folge des  Ausbruchs  der  des  Frawarttä  in  Medien.  Gegen  ihn 
entsendet  Dareios,  obschon  seine  aus  Persern  und  Medern  be- 
stehende Streitmacht  selbst  klein  war,  eine  Heeresabteilung  unter 
dem  Befehle  des  Persers  Widrna,  eines  der  sieben  Verschworenen. 
Dieser  stösst  auf  ein  von  einem  Offiziere  des  FrawartiS  befehligtes 
Heer  und  liefert  den  Medern  schon  am  27.1)  Anamaka  (X.)  ein 
siegreiches  Treffen  bei  der  Stadt  Ma-ru-iS *)  in  Medien,  worauf  er  sich 
in  der  Landschaft  Kampanda  festsetzt  und  die  Ankunft  des  Königs 
abwartet  (II  13—29  =  elam.  H  7—21).  Die  Landschaft  Kampanda, 
bei  Isidor  von  Oharas  Xapßaoijvq,  wo  die  Stadt  BayUstava2)  und  das 
Gebirge  Cambandus8)  oder  Cambades4)  lagen,  reichte  gegen  Osten 
bis  ganz  in  die  Nähe  der  Stadt  Kinkiwar  (KoyxoßdQ)6).  Man  hat 
über  diesen  und  andere  Siege  der  Heerführer  des  Dareios,  welche 
die  Sieger  zur  Unthätigkeit  verurteilt  hatten,  vielfach  gespottet, 
aber  sehr  mit  Unrecht:  den  nächsten  Zweck,  zu  welchem  er  aus- 
gesandt war,  hatte  Widrna  vollkommen  erreicht,  nämlich  die  die 
Strasse  nach  Babylon  beherrschenden  Zagrospässe  in  seine  Gewalt 
zu  bringen  und  damit  eine  etwaige  Diversion  der  Meder  zu  Gunsten 
der  Babylonier  zu  vereiteln.  Zu  einem  Marsche  auf  Hamadän 
war  er  mit  seinem  Häuflein  ohne  Zweifel  viel  zu  schwach.  Wie 
gefährlich  für  Dareios  damals  das  Erscheinen  eines  neuen  Feindes 
in  seinem  Bücken  hätte  werden  können,  leuchtet  von  selbst  ein. 
Diese  Erwägungen  zwingen,  wie  ich  meine,  zu  dem  Schlüsse,  dass 
der  König  den  Widrna  abgesandt  hat,  ehe  noch  die  aufständischen 
Meder  die  Zagrospässe  besetzt  hatten.  Die  Länge  der  grossen 
Heerstrasse  von  Baghdäd  über  rjolwän  nach  Kinkiwar  beträgt 
nach  den  arabischen  Geographen  88  Par.  oder  121/,  Tagereisen. 
Rechnen  wir  dazu  noch  die  3 — 4  Tage,  welche  zwischen  dem 
Tigrisübergang  und  der  Schlacht  am  Euphrat  liegen,  so  erhalten 
wir  im  ganzen  15 — 16  Tage  vom  Euphrat  bis  nach  Kampanda. 
Dabei  ist  jedoch  zu  berücksichtigen,  dass  wir  einem  Heere,  zumal  in 
jener  Zeit  und  im  Gebirge,  sicherlich  keine  durchschnittliche  tägliche 
Marschleistung  von  7  Par.  beilegen  dürfen.  Aus  alledem  wird  man 
schlie8sen  müssen,  dass  Widrna  sofort  nach  der  siegreichen  Schlacht 

»)  So  die  elamitische  Übersetzung. 

■)  Isidor,  oxa&^l  üaQ&.  §  5  BAÜTANA  aus  BATKZyTANA, 

*)  Plin.  h.  n.  6,  134  mons  Cambalidus  qui  est  Caucasi  ramus  nö. 
von  Mesabatene  d.  i.  Ku^pu  Aldos,  verlesen  aus  Ka^irßdNSof. 

4)  Plin.  h.  n.  5, 98  Cambades,  ein  Ast  des  Taurus,  wie  der  Oroandet- 
Elwend  und  Niphates. 

5  Isidor,  ota&pol  IIa&.  §  5—6  bei  C.  Müller,  Geogr.  Gr. 
min.  I  250. 


166 


J.  Marquart, 


bei  Zäzäna  (2./X.)  oder  jedenfalls  spätestens  nach  der  Einnahme 
von  Babylon,  falls  diese  bereits  um  den  6./X.  erfolgte,  abgesandt 
worden  ist  und  25  Tage  später  den  Medern  eine  Schlacht  geliefert 
hat.  Frawartis  muss  sich  demnach  unmittelbar  nach  dem  Abzüge 
des  Dareios  aus  Medien  empört  haben,  noch  ehe  dieser  den  Dijälä 
erreicht  hatte.  Dasselbe  ergibt  sich  mit  noch  grösserer  Sicherheit 
für  den  Aufstand  des  Martija  -  UmmanniS  in  Susiana  (II  8 — 18). 
Über  dessen  Unterdrückung  erzählt  der  König:  »Damals  war  ich 
(im  Begriffe)  gegen  Susiana  zu  marschieren *).  Darauf  [bekamen 
die  Susianer  Furcht]  vor  mir,  ergriffen  jenen  Martija,  der  ihr 
Oberster  war,  [und  töteten  ihn]".  Danach  hat  man  sich  den 
Verlauf  offenbar  so  vorzustellen,  dass  Dareios  auf  dem  Marsche 
von  Hamadän  nach  Babylonien  die  Nachricht  vom  Aufstände  des 
Martija  erhielt,  worauf  er  den  Weitermarsch  nach  Babvlonien  so- 
fort  unterbrach  und  sich  (etwa  von  Kirmänsähän  oder  Härünäbäd) 
gegen  Susa  wandte,  um  zunächst  seine  Flanke  zu  sichern.  Er 
kam  aber  gar  nicht  bis  nach  Susa  oder  Anzan,  da  die  Susianer 
auf  die  Kunde  von  seinem  Anzüge  den  Usurpator  selbst  beseitigten, 
worauf  er  den  Marsch  nach  Babylonien  fortsetzen  konnte;  der 
Zeitverlust  kann  daher  nur  gering  gewesen  sein.  Dareios  hätte 
somit,  wenn  er  genau  historisch  berichten  wollte,  sagen  müssen: 
.Als  ich  im  Begriffe  war,  gegen  Babylonien  zu  ziehen,  erhielt  ich 
die  Nachricht,  dass  Susiana  von  mir  abtrünnig  geworden  sei.  Darauf 
schickte  ich  mich  an  gegen  Susiana  zu  marschieren,  worauf  die 
Susianer  vor  mir  Furcht  bekamen  und  den  Martija  ergriffen  und 
töteten.  Alsdann  setzte  ich  meinen  Marsch  gegen  Babylonien  fort. 
Als  ich  den  Nadintabaira  bei  Zäzäna  geschlagen  hatte,  erhielt  ich 
die  Nachricht,  dass  sich  FrawartiS  in  Medien  empört  habe.  Als  ich 
noch  nicht  nach  Babylonien  gekommen  war,  hatte  er  6ich  empört* 
Im  Frühling,  wohl  im  Garmapada  (I.)  seines  ersten  Regierungs- 
jahres, sendet  der  König  den  Armenier  Dädr&s  gegen  die  aufstän- 
dischen Armenier.  Nach  den  Erfolgen,  die  dieser  errang,  ist  es 
freilich  nicht  wahrscheinlich,  dass  er  über  ein  beträchtliches  Heer 
verfügte:  nach  drei  Siegen  in  Armenien,  bei  Zuzza  am  8./II.,  bei 
der  Festung  Tigrä  am  18./II.  und  bei  der  Festung  Uhjäma  am 
9./III. ,  sah  er  sich  schliesslich  gezwungen ,  hier  auf  Dareios  zu 
warten  bis  er  nach  Medien  kam  (II  29 — 49).  Da  er  auch  im 
Spatherbste  dieses  Jahres,  als  Dareios  den  Perser  Wahumisa  mit 
einem  neuen  Heere  nach  Armenien  sandte,  nicht  imstande  war 
diesem  die  Hand  zu  reichen,  so  kann  jenes  nur  bedeuten,  dass 
er  sich  vor  der  Übermacht  der  Aufständischen  in  die  Festung 


J)  [adayemj  adam  .  aSnaij  .  äham  .  abij  .  Hürnig"  am  .  pasäicah  . 
hacümuh  .  [atar«a*(?)  .  Huicag]ijüh  .  awam  .  Martyam  .  agrbäia*  . 
hjmäm  .  nui&ätah  .  äW»  .  [utüsim  .  aicäga\na>K  Über  attnmj  vgl. 
Bartholomae,  ZDMG.  48,  666.  Grdr.  f.  iran.  Phil.  I  18  §  31:  146 
§  260  e. 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


167 


Ühjäma  werfen  musste.  Als  Wahumisa  gegen  Armenien  rückte, 
zogen  ihm  die  Aufstandischen  bis  nach  der  Landschaft  Izzila  in 
Assyrien  entgegen,  wo  er  ihnen  am  15./X.  ein  siegreiches  Treffen 
lieferte,  das  sie  zum  Bückzuge  nach  Armenien  zwang.  Die  Land- 
schaft Izzila  ist  vermutlich  das  Gebirge  lzdlü.  der  Syrer  d.  i. 
der  heutige  Tür  'Abdln1).  Der  Schauplatz  dieser  Schlacht  gibt 
uns  auch  Ausschluss  darüber,  welchen  Zweck  der  Aufstand  der 
Armenier  verfolgte.  Dass  sie  sich  damals  ebensowenig  wie  in 
späteren  Jahrhunderten  dazu  aufzuschwingen  vermochten,  „für  ihr 
eigenes  Land  zu  leben  und  zu  sterben",  geht  aus  dem  gänzlichen 
Schweigen  des  Dareios  über  einen  Anführer  unzweideutig  hervor. 
Wenn  sie  aber  südwärts  nach  Assyrien  vordrangen,  so  ist  klar, 
dass  ihr  Ziel  Babylonien  war.  Sie  müssen  also  von  hier  aus  be- 
wogen worden  sein,  sich  gegen  den  neuen  König  der  Könige 
zu  erheben  und  den  eben  unterworfenen  Babyloniern  zu  Hilfe 
zu  kommen.  Auf  engere  Beziehungen  Armeniens  zu  Baby- 
lonien weist  ja  auch  der  Umstand,  dass  nach  dem  Abzüge  des 
Dareios  aus  Babylonien  ein  Armenier  die  Babylonier  abermals 
zum  Aufstande  bewegt.  Dagegen  ist  die  Annahme,  dass  der  arme- 
nische Aufstand  mit  dem  des  FrawartiS  zusammenhänge ,  durch 
nichts  gerechtfertigt.  Nach  einem  zweiten  Siege  Wahumisa's  in 
der  Landschaft  Autijära  in  Armenien  am  30./IL  des  folgenden 
Jahres,  des  zweiten  des  Dareios,  kam  der  Krieg  zum  Stillstand: 
„dort  erwartete  mich  dann  Wahumisa  in  Armenien,  bis  ich  nach 
Medien  kam*  (II  49 — 63).  Damit  war  in  der  That  die  drohende 
Gefahr  eines  Vordringens  der  Armenier  nach  Babylonien,  das  aller 
Voraussicht  nach  ein  Wiederaufflammen  des  babylonischen  Auf- 
standes im  Gefolge  gehabt  und  alle  bisherigen  Erfolge  in  Frage 
gestellt  hätte,  beseitigt,  und  jetzt  erst  konnte  der  König  sich  der 
Aufgabe  zuwenden,  Medien,  das  Kernland  von  Iran  wieder  in  seine 
Gewalt  zu  bringen.  Allein  erst  im  Sommer  oder  Herbst  verliess 
er  Babylonien. 

Inzwischen  hatten  sich  aber  sehr  bedeutsame  Ereignisse  im 
Osten  abgespielt:  die  Parther  und  Hyrkanier  hatten  sich  auf  die 
Seite  des  FrawartiS  geschlagen,  in  Margiana  hatte  Fräda  den  Ver- 
such gemacht,  das  alte  ostiranische  Königreich  zu  erneuern,  und 
im  Stammlande  Pars  selbst  hatte  Wahjazdäta  aufs  neue  den 
Schatten  des  Bardija  erweckt  und  das  Volk  dem  Sohne  des  KüruS 
begeistert  zugejauchzt  „Es  ward  von  mir  abtrünnig,  gieng  zu 
jenem  Wahjazdäta  über,  er  ward  König  in  Pars.  Darauf  entsandte 
ich  ein  persisches  und  medisches  Heer,  das  bei  mir  war.  Ein 
Perser,  Artawrdija  mit  Namen,  mein  Diener,  ihn  machte  ich  zu 
ihrem  Obersten  —  das  übrige  persische  Heer  zog  hinter  mir  her 
nach  Medien  — ;  darauf  zog  Artawrdija  mit  dem  Heere  nach  Pars.' 

Für  die  Herstellung  eines  pragmatischen  Zusammenbanges  ist 


*)  Im  persischen  und  babylonischen  Text  ist  der  Name  zerstört. 


168 


J.  Marquart, 


es  von  grandlegender  Wichtigkeit,  diesen  Aufstand  chronologisch 
richtig  einzureihen.  Das  von  Artawrdija  geführte  Heer  lieferte 
dem  Wahjazdäta  am  12.  öurawähara  (IL)  ein  siegreiches  Treffen 
bei  der  Stadt  Rachä  in  Pars.  Das  Jahr  der  Schlacht  ist  nicht 
angegeben.  Es  erhebt  sich  daher  zunächst  die  Frage,  ob  Arta- 
wrdija vom  König  erst  bei  seinem  Abmärsche  nach  Medien  im 
Sommer  oder  Herbste  des  zweiten  Jahres  (nämlich  zwischen  dem 
30. /II.  und  dem  26.  Adukanis),  was  nach  dem  Texte  das  Nächst- 
liegende wäre,  oder  etwa  schon  im  Frühling  dieses  Jahres  (im 
Garmapada)  nach  Pars  geschickt  worden  ist.  Bei  ersterer  An- 
nahme würde  die  Schlacht  bei  Rachä  erst  ins  dritte  Jahr  des 
Dareios  fallen,  bis  dahin  wäre  also  der  Feldherr  völlig  unthätig 
geblieben,  in  schreiendem  Gegensätze  zu  der  adlergleichen  Besch- 
neit des  Königs  selbst,  der  alsbald  nach  seiner  Ankunft  in  Medien 
dem  FrawartiS  eine  Entscheidungsschlacht  geliefert  und  noch  im 
selben  Jahre  dem  medischen  Aufstande  ein  Ende  gemacht  hatte. 
Ich  stimme  daher  Weissbach's  Ansicht  (ZDMG.  51,  519)  bei, 
dass  Artawrdija  nach  Persien  zog,  bevor  der  König  Babylon  ver- 
liess,  und  die  Schlacht  bei  Rachä  ins  zweite  Jahr  gehört.  Nach 
derselben  hatte  sich  der  Usurpator  mit  wenigen  Reitern  nach 
Pisijähuwädä  geworfen  und  brachte  von  da  ein  neues  Heer  zu- 
sammen1), mit  dem  er  später  abermals  gegen  Artawrdija  zog. 
allein  in  der  Schlacht  beim  Berge  Prga  am  6.  Garmapada  ward 
Wahjazdäta  aufs  Haupt  geschlagen  und  geriet  selbst  samt  seinen 
vornehmsten  Anhängern  in  Gefangenschaft  (III  21 — 52).  Hier 
könnte  man  in  der  That  an  der  Gleichsetzung  des  Garmapada 
mit  dem  Nisan  stutzig  werden,  da  es  Befremden  erregen  muss, 
dass  zwischen  der  ersten  und  zweiten  Schlacht  10  volle  Monate 
verstrichen  sein  sollen.  Diese  Schwierigkeit  würde  wegfallen, 
wenn  der  Garmapada  mit  Rawlinson,  Unger,  Justi  dem  babylo- 
nischen Abu  (V.)  gleichzusetzen  wäre.  Allein  Artawrdija  mag 
gute  Gründe  gehabt  haben,  den  geschlagenen  Prätendenten  nicht 
in  dem  durch  schwer  zugängliche  Pässe  geschützten  Lande  der 
Pasargaden  selbst  aufzusuchen.  Seine  Lage  war  ja  überhaupt 
eine  sehr  schwierige,  da  er  die  Perser  gegen  ihre  eigenen  Lands  - 
leute  führen  musste,  und  wenn  der  König  kluger  Weise  auch  die 
unter  seinen  Fahnen  fechtenden  Meder  als  Gegengewicht  gegen 
die  Perser  seiner  Streitmacht  einverleibte,  so  konnte  er  dooh  dem 
angeblichen  Sohne  des  Kyros  gegenüber  nicht  durchaus  auf  die 
Treue  dieses  Heeres  rechnen. 

Dass  Artawrdija  aber  in  der  Zwischenzeit  keineswegs  unthätig 
geblieben  war,  beweist  der  Schauplatz  der  zweiten  Schlacht,  sofern 
der  Berg  Prga  bei  der  heutigen  Stadt  Forg  in  der  Nähe  der 


»)  Uber  äjaaatä  vgl.  Foy,  KZ.  35,  33.  Bartholomae.  BB. 
XIV  246  f.  Fr.  Müller,  WZKM.  VH  253.  0.  Hoffmann,  BB. 
XVHI  285  f. 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


Grenze  zwischen  Pars  und  Kermän  zu  suchen  sein  wird.  Hieraus 
folgt  m.  E.,  dass  Artawrdija  inzwischen  den  grössten  Teil  von 
Pars  einschliesslich  der  Landschaft  Jutijä  oder  Jantijä1)  d.  i.  der 
nachmaligen  Provinz  Krmäna  unterworfen  hatte. 

Wahjazdäta  hatte  aber,  selbstverständlich  vor  der  Ankunft 
des  Artawrdija,  ein  Heer  nach  Arachosien  gesandt,  welches  dem 
dortigen  Satrapen  Wiwäna  zwei  Schlachten  lieferte,  die  erste  am 
13.  Anämaka  (X.)  bei  der  Festung  Käpisakänis,  die  zweite  am 
7.  Wijachna  (XII.)  in  der  Landschaft  Gandumawa.  In  beiden  ge- 
schlagen floh  der  Feldherr  des  Wahjazdäta  mit  wenigen  Reitern 
nach  der  Festung  ArSädä  in  Arachosien,  ward  aber  hier  von 
Wiwäna,  der  ihm  auf  dem  Fusse  folgte,  ergriffen  und  getötet 
(II  52 — 75).  Es  handelt  sich  zunächst  darum,  den  Kriegsschau- 
platz dieser  Episode  etwas  genauer  festzustellen.  Da  von  ArSädä 
ausdrücklich  angegeben  wird,  dass  es  in  Arachosien  lag,  so  werden 
die  beiden  andern  örtlichkeiten,  bei  welchen  eine  nähere  Be- 
stimmung fehlt,  ausserhalb  des  eigentlichen  Arachosien  in  einer 
der  zur  Satrapie  Arachosien  gehörigen  Provinzen  zu  suchen  sein. 

.  Als  solche  kommen  nach  Beh.  I  16 — 17  Gandira,  Saka, 
öatagus  und  Maka  in  Betracht.  Da  nun  in  der  Übersicht  Beh. 
II  7/8  auch  ein  Aufstand  der  0atagus  und  Saka  erwähnt  wird, 
von  dem  in  der  Erzählung  sonst  keine  Andeutung  zu  finden  ist, 
und  0atagus  unter  den  genannten  Landschaften  —  abgesehen  von 
Maka,  von  welchem  aber  kein  Aufstand  gemeldet  wird  —  Pärs-Ker- 
raän  am  nächsten  lag,  80  kann  es  kaum  zweifelhaft  sein,  dass  die 
aracbosische  Expedition  des  Wahjazdäta  mit  dem  erwähnten  Auf- 
stande in  engster  Beziehung  steht  und  Käpisakänis  und  Gandu- 
mawa in  Öatagus  lagen.  Auch  in  der  Inschrift  I  von  Persepolis 
erscheint  öatagui  noch  unzweifelhaft  mit  Arachosien  verbunden. 
Der  Schluss  dieser  Liste  (Z.  17 — 18)  lautet:  ©atagus  Hara^u- 
watis  HinduS  Gandärab  Sakäh  Makah.  Diese  Stellung  ist  nicht 
zufallig,  sondern  lässt  uns  eine  durch  die  inzwischen  erfolgte  Er- 
oberung des  oberen  Induslandes  veranlasste  administrative  Ver- 
änderung erkennen.  Lassen  wir  nämlich  die  beiden  letzten  Namen, 
welche  die  äusserste  Nordost-  und  Südostgrenze  des  Reiches  be- 
zeichnen, beiseite,  so  erhalten  wir  zwei  genau  geschiedene  Gruppen 
8atagus-HarabuwatiS  und  Hindus  -  Grandära.  Das  Indusland  war 
also  wohl  mit  Gandhära  zu  einer  neuen  Satrapie  vereinigt  worden. 
So  erklärt  es  sich,  warum  öataguS  von  Gandära  getrennt  ist. 

Man  hat  sich  daher  zu  denken,  dass  der  zweite  falsche  Bardija 
wie  der  erste  überallhin  Boten  aussandte  mit  der  Aufforderung, 
dem  Sohne  des  Kürus  zu  huldigen.    Die  Öatagus  folgten  diesem 


1)So  ist  su  lesen,  wenn  Weissbach  den  Namen  im  elamitischen 
Text  III  1  mit  Recht  su  J[a-u\-ti-ja-a$  statt  I-[u-]ti-ja-ai  ergänzt. 
Herodote  Oimoi  wurde  sich  dem  nicht  widersetzen,  da  ionisches  ov 
<L  L  ou  auch  ap.  au  wiedergeben  kann  (Assyriaka  S.  637). 


170 


J.  Marquart, 


Kufe,  vermutlich  weil  der  Held  Bardija  von  den  Feldzügen  des 
Kyros  her  bei  ihnen  populär  war,  worauf  der  neue  König  eine 
Streitmacht  zu  ihrer  Unterstützung  aussandte.  Um  den  Verlauf 
dieser  Expedition  militärisch  und  topographisch  zu  begreifen,  ist 
es  indessen  vor  allem  nötig,  die  damalige  Verteilung  der  ost- 
iranischen  Satrapien  zu  kennen.  Diese  lässt  sich  aus  Beh.  I  16 
und  Dar.  Pers.  I  15 — 17  mit  genügender  Sicherheit  ableiten.  In 
diesen  Aufzählungen  bilden  Asagarta,  Par&awa,  Zranka  und  Ha- 
raiwa1),  sowie  Huwärazmija,  BächtriS  und  Suguda  je  zwei  beson- 
dere geschlossene  Gruppen,  woraus  Bich  ergibt,  dass  dem  Satrapen 
von  Baktrien  das  ganze  Stromgebiet  des  Oxus,  dem  von  Parthien 
aber  ausser  Parthien  und  Hyrkanien  und  dem  Stromgebiete  des 
HarS-röd  auch  noch  das  Mündungsland  des  Hedmand,  das  ge- 
priesene Kulturland  Zranka  (Drangiana,  Slstän)  unterstand,  das 
ganz  ebenso  im  Süden  die  Brücke  zwischen  den  durch  die  grosse 
Wüste  getrennten  Ländermassen  West-  und  Ostiran  bildete,  wie 
Parthien  im  Norden  (S.  163).  Um  den  @atagu&  die  Hand  reichen  zu 
können,  musste  das  Heer  des  Wabjazdäta  Slstän  passieren ;  dies  war 
aber  selbstverständlich  nur  ausführbar,  falls  der  Heerbann  des 
Satrapen  von  Parthien  anderweitig  in  Anspruch  genommen  war, 
da  die  Expedition  sonst  einen  Feind  in  ihrem  Rücken  gelassen 
und  sich  der  Gefahr  ausgesetzt  hätte,  von  ihrer  natürlichen  Opera- 
tionsbasis abgeschnitten  zu  werden. 

Daraus  folgt,  dass  die  Parther  und  Hyrkanier  damals  bereits 
von  ihrem  Satrapen  Wistäspa,  dem  Vater  des  Dareios,  abgefallen 
waren  und  sich  für  den  angeblichen  Chsa&rita,  den  Erneuerer  des 
Reiches  des  Huwachstra,  erklärt  hatten,  dessen  Dynastie  sie  eine 
dankbare  Anhänglichkeit  bewahrten2).    WiStäspa  hatte  daher  alle 

»)  Die  Gruppe  Ä**f*rta  )  ^«"ka    bcsteht  a        ei  paraueien 
'  rtf    Parttawa  j  iiaraiwa  *  ' 

von  Sud  nach  Nord  laufenden  Reihen.    Asagarta  (das  mittelalterliche 

Köhistän)  und  Paröawa  entsprechen  zusammen  dem  Lande  Pohla to 

nach  der  Bestimmung  arRuhni's  (ZDMG.  49,  630  ff). 

*)  Dies  lehrt  die  Erzählung  des  Ktesias  bei  Diod.  2,  84.  Anonym, 
de  mulier.  c.  2.  [Demetr.l  swpl  lepip't  las  §  218  ff.  Nik.  Dam.  fr.  8  bei 
Dindorf,  Hist.  Gr.  min.  I  12—13. 

Die  Thatsache,  dass  sich  die  Parther  und  Hyrkanier  für  den  an- 

geblichen  Chäadrita  erklärten,  beweist  übrigens  schlagend,  dass  die 
arkanier  und  Derbikcr,  über  welche  Megaoernes  und  Spitakes,  die 
Sohne  des  Spitamas  und  Enkel  des  Astyages,  seit  dem  Tode  des  Kvros 
als  Satrapen  geherrscht  haben  sollen  (S.  139.  145),  nicht  in  der  Mähe 
der  Hyrkanier  gewohnt  haben,  geschweige  denn,  dass  die  Barkanier 
mit  den  Hyrkaniern  identisch  sein  können.  Denn  sonst  hätten  die 
Parther  und  Hyrkanier  doch  sicherlich  einen  der  beiden  Enkel  des 
letzten  Mederkönigs  auf  den  Schild  erhoben,  statt  sich  dem  unbekannten 
Frawartis,  der  seine  angebliche  Abstammung  vom  modischen  Königs- 
hause gar  nicht  näher  nachzuweisen  vermochte  und  bis  auf  den  König 
Huwachstra  zurückgehen  musste,  anzuschlieasen.  Ob  es  wirklich  um 
jene  Zeit  einen  mediseben  Prinzen  Chsatfrita  gegeben  oder  Frawartis 
den  Namen  in  Erinnerung  an  KaHaritu,  den  Präfekten  von  Kaxkassi 


Untersuchungen  rar  Geschichte  von  Eran. 


171 


Hände  voll  zu  thun,  um  die  Kaspischen  Thore  zu  sperren  und 
die  Vereinigung  der  Parther  mit  den  Medern  zu  hindern. 

Für  die  Bestimmung  der  Lage  von  öataguS  bietet  den  ein- 
zigen greifbaren  Anhaltspunkt  Herodo ts  Verzeichnis  der  Steuer- 
bezirke (3,  91),  wo,  allerdings  an  ganz  unpassender  Stelle,  zwischen 
Ägypten  und  Susiana,  die  Zaxxayvdm  mit  den  ravöaQtoi,  Jadtxtu 
und  AnaQvxai  als  VII.  Steuerbezirk  zusammengefasst  werden.  Wir 
haben  uns  hier  nicht  über  den  streng  historischen  Wert  dieses 
Verzeichnisses  zu  äussern,  das  augenscheinlich  aus  mehreren,  schon 
Husserlich  durch  besondere  Formeln  unterschiedenen  älteren  Quellen 
nicht  gerade  geschickt  zusammengearbeitet  ist.  Dies  thut  indessen 
seiner  Wichtigkeit  als  topographische  und  ethnologische  Quelle 
keinen  Eintrag.  Die  Grundlage  bildete  ein  altes,  auf  die  frühere 
Zeit  des  Dareios  bezügliches  Verzeichnis  (A),  das  mit  Ionien  be- 
gann und  in  dem  die  Steuerquoten  durch  die  Formel  ausgedrückt 
waren:  catb  xoü  deivog  öuva  7tQOd^t£  (<poQog  r\v)  xakavxa.  Dieser 
Katalog  war  aber  an  mehreren  Stellen  beschädigt:  vor  Medien  war 
Armenien,  hinter  Medien  Parthien  mit  Hyrkanien  und  Areia  aus- 
gefallen, die  auf  Baktrien  (XII)  und  iloxrvix^  (XIII)  bezüglichen 
Angaben  waren  verstümmelt1).  Man  versuchte  daher,  dies  wertvolle 
Dokument  aus  anderen  Quellen  so  gut  es  gehen  wollte  zu  ergänzen, 
und  so  ist  die  gegenwärtige  Verwirrung  zustande  gekommen.  Die 
Parther,  Chorasmier,  Sogder  und  Areier  können  niemals  einen 
Steuerbezirk  gebildet  haben:  noch  die  Grabinschrift  des  Dareios 
zu  Naq&  i  Rustam  zählt  die  Länder  Parftawa  und  Haraiwa  einer- 
seits, Bächtrifc,  Suguda  und  HuwärazmiS  andrerseits  als  zwei  deut- 
lich unterschiedene  Gruppen  d.  h.  Satrapien  auf,  obwohl  sie  sonst 
den  inzwischen  eingetretenen  administrativen  Veränderungen  Rech- 
nung trägt  Wenn  im  Heere  des  Xerxes  die  Parther  nicht  mit  den 
Hyrkaniern  und  Areiern,  sondern  mit  den  Chorasmiern  zusammen 
denselben  Führer  haben,  so  beruht  dies  auf  einem  sehr  verständigen 
taktischen  Prinzip.  Bei  grösseren  Feldzügen,  bei  welchen  Truppen 
aus  verschiedenen  Satrapien  zur  Verwendung  kamen,  bildete  nicht 
die  Satrapie  schlechtweg  den  Korpsverband,  sondern  die  einzelnen 
Völker  wurden  je  nach  der  Übereinstimmung  ihrer  nationalen  Be- 
waffnung, Fechtart  und  Sprache  zu  neuen  taktischen  Verbänden 

und  Führer  der  Liga  gegen  Asarhaddon  (vgl.  Streck,  ZA.  XV  820. 
360  t)  frei  erfunden  hat,  wissen  wir  nicht.  In  den  Ländern  des  Hindu- 
kul,  die  niemals  zum  medischen  Reiche  gehört  hatten,  waren  die  an- 
geblichen Enkel  des  Astyages,  wenn  sie  noch  am  Leben  waren,  aller- 
dings kalt  gestellt. 

5  Die  Worte  AlyX&v  sind  sicher  verdorben;  welcher  Name 

aber  für  Alytibv  herzustellen  ist,  ist  nicht  mit  Sicherheit  auszumachen: 
schwerlich  £6ydmvy  ich  vermute  eher  (2J)iy(vvyva>v\  vgl.  Strab.  ut  11,  8 
p.  520  und  Ktesias  bei  Steph.  Byz.  p.  565,  8:  JZiyvwoi,  7(6Xig  Aiyrrtrlav, 

nuQlninv.  ol  xoXlvcu  £lyvvvoty  wo  A1PTTITISLN 
eine  allerdings  Hchw'er  begreifliche  Verderbnis  aus  EirTNN&N  sein 
wird.    Vgl.  Müllenhoff,  DA.  HI  1  ff. 


172 


J.  Marqu&rt, 


zusammengestellt,  mochten  sie  sonst  auch  verschiedenen  Satrapien 
angehören  *).  Die  Hyrkanier  und  Areier  unterschieden  sich  in  der 
Ausrüstung  von  den  Parthern  und  erhielten  darum  eigene  Führer 
(Her.  7,  62.  66).  Weshalb  auch  die  Sogdier  einem  besonderen  Be- 
fehlshaber unterstellt  und  nicht  mit  den  Baktriern  vereinigt  wur- 
den, ist  nicht  deutlich;  noch  zu  Alexanders  Zeit  fochten  sie  im 
Heere  des  Bessos,  des  Satrapen  von  Baktrien  (Arr.  3,  8,  3),  doch 
besass  die  Provinz  ihre  eigene  Residenz  (Arr.  3,  80,  6.  4,  5,  8), 
wie  auch  Hyrkanien  (eb.  8,  25,  1)  und  Drangiana  (eb.  8,  25,  8). 
Dass  die  nomadischen  Saken,  die  sich  von  den  ansässigen  Iraniern 
nicht  bloss  in  Tracht  und  Bewaffnung,  sondern  ohne  Zweifel  auch 
in  Dialekt1)  und  Sitten  unterschieden,  mit  den  Baktriern  zusammen 
die  Leibtruppen  des  Satrapen  Wistäspa  bilden  (7,  64),  hat  jeden- 
falls einen  besonderen  historischen  Grund8).  Ebenso  ist  nichts 
dagegen  einzuwenden,  dass  die  Parther,  Ghorasmier,  Sogder,  Gan- 
darier und  Dadiken  wegen  ihrer  mit  der  baktrischen  überein- 
stimmenden Rüstung  zusammengestellt  werden  (7,  66),  und  es  ist 
augenscheinlich,  dass  der  Redaktor  des  Verzeichnisses  der  Steuer- 
bezirke unter  dem  Einflüsse  dieser  Stelle  steht,  wenn  er  Parther, 
Chorasmier,  Sogder  und  Areier  zu  einem  Bezirke  vereinigt4).  Ver- 
bindet man  nun  die  im  Nominativ  stehenden,  aus  anderer  Quelle 
(B)  stammenden  Namen  der  Bezirke  VII,  XI,  XV— XVII  und  XX, 
indem  man  die  jetzt  hinter  Ägypten  eingeschobenen  Namen  des 
VII.  Bezirks  vor  'Ivöol  stellt,  so  erhält  man  eine  in  sich  ge- 
schlossene geographische  Reihenfolge,  die  am  Kaspischen  Meere 
{Kutsitioty  Flava  Ixat,  Jage  trat)  beginnt  und  in  der  Nähe  des  Indus 
endet.  Die  FIoxtvixti  des  XIII.  Bezirks  ist  offenbar  dieselbe  Land- 
schaft, die  noch  an  zwei  andern  Stellen  (3,  102  und  4,  44)  bei 
Herodot  vorkommt  und  in  der  Nähe  der  Stadt  Kaspatyros  oder 
Kaapapyros  nicht  weit  von  der  Mündung  des  Käbulflusses  in  den 
Indus  6)  zu  suchen  ist,  wie  ihre  Stellung  zwischen  Baktrien  und  dem 
vierzehnten  Bezirke  beweist,  der  die  Sagartier,  Zranka,  &au#vaiot 
(Arachosien),  Ovxtot  (Jutijä)  und  Mvxot  (Maka)  umfasste  und  bis 
zum  erythräischen  Meere  reichte,  d.  h.  der  Satrapie  Arachosien. 


*)  Da»  klassische  Beispiel  bildet  die  Vereinigung  der  Phrvger 
und  Armenier  Her.  7,  78. 

*)  Nach  dem  oben  (S.  142)  Bemerkten  hätte  das  altertümliche 
MungT  mit  seinem  Unterdialekt,  dem  im  Thale  Lud-Chö  oder  Jidok 
auf  der  Südseite  des  Hindukus  gesprochenen  Jidyäh,  den  nächsten  An- 
spruch, als  Abkömmling  der  alten  Sprache  der  Sakäh  Haumawargah 
su  gelten. 

*)  Vgl.  Her.  9, 113.  1, 153. 

*)  Auf  die  weitere  Un Wahrscheinlichkeit  des  „Satrapien Verzeich- 
nisses', dass  die  Baktrier  360,  die  IlaQtxdvtot  und  AMlomg  gar  400, 
die  Parther,  Chorasmier,  Sogder  und  Areier  dagegen  susammen  nur 
300  Talente  aufgebracht  haben  sollen,  gehe  ich  hier  nicht  ein. 

»)  S.  XL 


Untereuebungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


173 


Die  Frage,  wie  es  kam,  dass  mit  dieser  Provinz  IlaxrvVwq  die 
Armenier  nebst  den  benachbarten  Stammen  bis  zum  Schwarzen 
Meere  verbunden  wurden,  ist  nicht  ganz  leicht  zu  beantworten. 
Die  einfachste  Lösung  wäre  die  Vermutung,  die  Quelle  A  habe 
zwei  gleichnamige  Landschaften  IIcntTvixq  aufgeführt,  von  denen 
die  eine  in  der  That  mit  den  Armeniern  zusammen  einen  Steuer- 
bezirk gebildet  und  in  der  Quelle  ihre  richtige  Stelle  vor  Medien 
gehabt  hätte,  aber  von  dem  Redaktor  mit  dem  indischen  iTttxrvtxq 
identifiziert  und  deshalb  samt  Armenien  hinter  Baktrien  gerückt 
worden  wäre.  Jenes  westliche  Ilccxxvtxtj  wäre  in  der  heutigen 
Gebirgslandschaft  Bohtün  zu  suchen1).  Gegen  diese  Annahme 
lässt  sich  nicht  einwenden,  dass  ja  dieses  Gebiet  bei  Herodot 
sonst  durch  den  Namen  Mcctinvy  vertreten  sei2);  denn  diese 
Schwierigkeit  Hesse  sich  durch  die  Benutzung  ungleichaltriger 
Quellen  erklären.  Allein  der  Landschaftsname  Bohtün  hat  kein 
hohes  Alter,  sondern  ist  seinerseits  von  dem  des  Kurdenstammes 

^3?  Bochtl  abgeleitet,  der  noch  nicht  einmal  den  älteren  ara- 

bischen  Geographen  bekannt  ist.  Dies  gilt  sogar  von  Mas'üdl, 
der  doch  der  Geschichte  der  Nomadenstämme,  und  zwar  auch  der 
iranischen  und  unter  letzteren  wieder  besonders  der  Kurden,  ein 
eigenes  Studium  gewidmet  hat  und  gerade  über  diese  sehr  gut 
Bescheid  weiss  *).  Der  Stammvater  der  Kurden  ist  nach  ihm  Kwd 
b.  Mord4) ,  worin  sich  eine  überraschende  Kunde  von  dem  alten 
Zusammenhange  der  räuberischen  und  nomadischen  "AiuxqSoi  oder 
MaQÖoi  und  Kvquoi  im  Zagros  erhalten  hat5).  Allein  obwohl 
er  selbst  mit  der  Topographie  des  heutigen  Bohtän  ganz  gut  ver- 
traut ist  und  in  der  Nähe  des  Gebietes  von  al  Maucil  und  des 

Gabal  al  GüdT  christliche  Kurden,  die  Jakobiten  und  ^AjS.üL 

Qüraqän  kennt  %  finden  sich  unter  den  zahlreichen  von  ihm  auf- 
geführten Kurdenstämmen  *)  die  BochtT-Kurden  nicht.  Über  das  erst- 
malige Auftreten  dieses  Stammnamens  in  der  Geschichte  schweigt 
sich  Hartmann  aus,  spricht  sich  aber  S.  103  ausdrücklich  gegen 
den  Zusammenhang  desselben  mit  Herodots  JIoxtvmmj  aus.   In  der 

>)  Nöldeke,  Neusyr.  Gramm.  XVIII  n.  2.  Vgl.  Kiepert,  AG. 
§  81  A.  1.   Hartmann,  Bohtän  S.  108  =  MV  AG.  1897,  S.  43. 

•)  Her.  1,  202.  189.  5,  49.  52.  Vgl.  einstweilen  Eränäahr  S.  221  A.  1. 

•)  Murög  III  246—254.   Kitäb  at  tanblh  aa,  14—1.,  4. 

4)  Oben  S.  137  A. 

•)  Ganz  genau  so  werden  MccqSoi  und  Kvqtiot  gepaart  bei  Strab.  uc 
13,  3  p.  523.  ib  3, 1  p.  727;  vgl.  noch  Polvb.  5,  52,  5.  Liv.  37,  40.  42,  58 
und  über  die  Form  Kvqtioi  Nöldeke,  Kardü  und  Kurden;  Festschr. 
f.  Kiepert  S.  78. 

•)  Vgl.  auch  die  Rahzäti-Kxuden  am  (assyrischen)  Chäbur 

Tanblh  of ,  10. 

*)  Murüg  m  254.   Tanblh  aa,  19— a1,  3. 


174 


J.  Marquart, 


That  würde,  von  den  historischen  Bedenken  ganz  abgesehen,  schon 
die  anlautende  Media  jene  Gleichung  lautlich  sehr  zweifelhaft  er- 
scheinen lassen.  Aller  Wahrscheinlichkeit  nach  ist  das  Ethnikon 
bochii  aber  erst  von  einem  Personennamen  abgeleitet,  und  da 
bieten  sich  von  selbst  die  mit  -bucht  zusammengesetzten  Namen, 
wie  fö-bucht,  Bucht- ml  etc.  Bei  der  Ableitung  fiel  der  andere 
Teil  des  Kompositums  natürlich  ab. 

Ist  somit  eine  Landschaft  Hanxv'ix1^  im  Westen  nicht  nach- 
weisbar, so  muss  die  nachgewiesene  Verschiebung  der  Armenier 
eine  andere  Ursache  haben.  Ich  glaube  dieselbe  zu  finden  in  den 
Namen  der  £aya.qxioi  (Asagarta)  und  Mvxoi.  Wir  können  min- 
desten zwei  Völker  jenes  Namens  nachweisen,  von  denen  das  eine 
zu  den  östlichen  Ländern  gerechnet  und  neben  ParOawah  gestellt 
wird  (Dar.  Pers.  I  15),  während  das  andere  den  nördlichen  Zagros, 
etwa  das  heutige  Bohtän,  und  das  anstossende  assyrische  Gebiet 
mit  der  Hauptstadt  Arbela  inne  hatte 1).  Die  Mvxoi  (auch  7,  68) 
entsprechen  fragelos  den  Maka  der  Inschriften  (Beh.  117.  Dar. 
Pers.  I  18)  in  Mokrän,  den  Mäkara  der  Inder,  von  welchen  der 
mittelpersische  Landschaftsname  Mäkurän ,  Mukur&n,  Mukrün 
abgeleitet  ist,  scheinen  aber  von  dem  Bearbeiter  der  Verzeichnisse, 
wie  schon  die  abweichende  Namensform  andeutet,  mit  den  von 
Hekataios  in  der  N&be  von  Armenien  genannten  Mvxoi  kombiniert 
worden  zu  sein').  Auf  die  Frage,  ob  unter  den  Mvxoi  des 
Hekataios  die  Völkerschaft,  welche  der  Landschaft  Mukan,  arab. 
.jUj*,  der  heutigen  Steppe  Muyan  südöstlich  vom  Araxes  den 

Namen  gegeben  hat  *),  oder  die  Bewohner  der  armenischen  Provinz 
MoW  im  Südwesten  des  Wansees4)  zu  verstehen  seien,  braucht 
hier  nicht  eingegangen  zu  werden.  Zu  diesen  Übereinstimmungen 
kommt,  dass  auch  der  Name  OvtLot  sein  Gegenstück  in  Armenien 
hatte:  es  gab  hier  am  Unterlaufe  des  Araxes  eine  Landschaft  Oteneh\ 
die  in  Arzach  oder  P'ajtakaran  gelegen  haben  muss  und  geographisch 
offenbar  von  Uli  am  Kur  zu  trennen,  aber  vielleicht  mit  der 
Landschaft  Ovixla  der  Alexanderhistoriker  Medios  und  Kyrsilos 
identisch  ist,  die  in  oder  in  der  Nähe  von  P'ajtakaran  zu  suchen  ist*). 


l)  Beh.  II  79—91.  IV  20—28.  Beh.  G.  Ptol.  VI  2  p.  891,  26-27 
(nach  archaischer  Quelle).   Vgl.  einstweilen  diese  Unters.  I  60  A. 

")  Hekat  fr.  170  bei  Steph.  Byz.  s.  v.  Mvxoi-  Mvoe  *eol  ov  'Excr- 
ralog  iv  'Aolq  mix  Mvx&v  ig  'Aqü&cc  itotccpdv*. 

3)  EränSahr  125.   ZDMG.  49,  683. 

4)  Steckt  in  den  Afoschmt  des  Plin.  h.  n.  6,  28  arm.  Mokk*,  acc 
Mokt?  Ammian  schreibt  Moxoene  mit  Vokalassimilation  nach  syr.  Bc& 
Molesäfa  wie  Rufus  Festus  Madaena  =  syr.  Bifr  Mädäß. 

8)  Plin.  h.  n.  6,  42:  reliqua  vero  fronte,  aua  tendit  ad  Caspium 
mare,  Atrapatene  ab  Armeniae  Otene  regione  discreta  Araxe. 

•)  Ich  will  hier  nur  darauf  hinweisen ,  dass  die  Stadt  Alvia,  die 
wahrscheinlich  mit  dem  Gau  Hani  in  P'ajtakaran  zusammenhängt  (so 
Andreas),  in  Uitia  lag  Strab.  uc  7,  1  p.  508. 


tTntereuchuugen  zxit  Geschichte  von  Eran. 


175 


Indem  also  der  Bearbeiter  die  Zayuqxiot  des  vierzehnten 
Steuerbezirks  mit  den  Asagarta  des  Zagros  zusammenbrachte  und 
die  Maha  irrig  mit  den  nordwestlichen  Mvxol  des  Hekataios  zu- 
sammenwarf, ward  er  dazu  verleitet,  auch  die  Armenier  in  ihre 
Nähe  zu  bringen. 

Dagegen  ist  jetzt  unverkennbar,  dass  sich  der  die  Sattagyden, 
Gandarier,  Dadiken  und  Aparyten  umfassende  siebente  Bezirk  des 
Interpolators  sachlich  mit  der  Provinz  TZiorxrvftci}  (XIII.)  der  altern 
Quelle  deckt.  Die  Gandarier  und  Dadiken  werden  auch  im  Xerxes- 
heere  zusammengeordnet;  sie  trugen  baktrische  Rüstung  (7,  66), 
im  Unterschiede  von  den  eigentlichen  Indusanwohnern.  Die  Gan- 
darier, ap.  Gandära,  ai.  Oandkära  im  untern  Käbnlthale  sind 
bekannt.  In  /Saäbutt,  sehe  ich  eine  indische  Dialektform  *Dadtka 
(mit  Suffix  -ika,  vgl.  Jackson,  Awesta  Gram  mar  §  839)  =  Darda, 
Darada.  Die  Dardstämme  nennen  sich  selbst  £m,  ihre  Sprache  &lnä 
und  erstrecken  sich  bis  zur  Indusbeuge  und  bis  Gilgit  und  Jasin. 
Die  *Anaqyxai  decken  sich  mit  dem  Lande  Pöurula  des  MihrjaSt1). 
Auch  Ptolemaios  kennt  an  der  Grenze  von  Areia  gegen  das  Land 
der  Paropanisaden,  also  etwa  am  Oberlaufe  des  HärT-rüd  westlich 
vom  Köh-i  Bäbä,  einen  Stamm  IJaQoihai a). 

Die  OataguS  erscheinen  noch  in  der  Grabinschrift  des  Dareios 
von  NaqS-i  Rustam,  und  zwar  in  folgender  Völkerreihe:  Zrankah 
—  Hara^uwatiS  —  ©ataguS  —  Gandärab  —  HinduS  —  Sakäh 
Haumawfrgäh]  —  Sakäh  tigrachaudäh.  Drangiana,  das  noch  in  der 
Inschrift  I  von  Persepolis  mit  Parthien  und  Haraiwa  vereinigt 
erscheint,  war  demnach  seither  mit  Arachosien  verbunden  worden. 
Wenn  dagegen  die  ©atagus  im  Gegensatz  zur  genannten  Inschrift 
unmittelbar  vor  Gandära  und  Hindus  gestellt  werden,  so  erklärt 
sich  dies  am  besten  bei  der  Annahme,  dass  sie  jetzt  mit  diesen 
beiden  Landern  zusammen  einen  Verwaltungsbezirk  ausmachten. 
Aus  Herodot  und  der  Inschrift  von  Naq8-i  Rustam  ergibt  sich 
somit,  dass  die  öataguS  nördlich  von  Arachosien  und  westlich 
von  Gandhära,  also  etwa  im  Köh-i  Bäbä  und  am  Oberlaufe  des 
Helmand  zu  suchen  sind.  Über  die  den  Schluss  bildenden  Saken 
ist  schon  oben  gehandelt 

Nach  Dareios  werden  die  ÖataguS  nicht  mehr  erwähnt  Im 
Xerxesheere  vertreten  ihre  Stelle  die  JTaxrvec,  ein  Volk  mit 
eigner  Rüstung:  77<4xrvcc  dh  (JuJvQvoyoQOi  xs  f\Gav  (d.  h.  sie  trugen 
Röcke  aus  Schaf-  oder  Ziegenfellen)  nal  x6^a  im%<&Quc  tl%ov  %al 
iy%Ei(>l6ux  (Her.  7,  67).  Auch  dieser  Volksname  ist  in  der  späteren 
geographischen  Literatur  verschollen,  wird  aber  in  der  Umschreibung 
?ßt.ij§  P'ok-tat  noch  je  einmal  im  Ts'ien  Han-su  und  im  Höu 


»)  Oben  S.  73  f. 

*)  Ptol.  6,  17  p.  433.  4  ed.  Wilberg  und  Graahoff:  xatxiypvot,  <M  tfjg 
ÄQtlag  .  .  .  tä  dk  naQa  xotog  Ila^onaviaadug  TlaQovrai  (v.  1.  JTapatrcot, 


176 


J.  Marquart, 


Han-su  erwähnt  Im  erstem  Werke  heisst  es  von  A-jih>ian-U 
d.  L  Arachosien,  benannt  nach  der  Hauptstadt  *AUi-6vÖQtia  'Jqa- 
%<or&v\  „The  country  joins  Ke-pin  on  the  east,  Po-taou  [Fok-tat] 
on  the  north,  and  Le-keen  and  Teaou-che  on  the  west" 1).  Ki-pin, 
eigentlich  eine  Transskription  von  Ka&mtra  bezw.  pr&kr.  *Ka,4vira, 
bezeichnet  hier  das  Sakenreich  im  Pari  gab,  über  Li-kan  und  T*iau- 
Äih  vgl.  Hirth,  China  and  the  Boman  Orient  p.  146.  172.  Das 
Höu  Han-Su  erzählt  von  Kiu-tsiulc'ioh,  dem  Gründer  des  Ku&an- 
reiches:  „Er  fiel  ein  ins  Land  der  An-silc  (Arsakiden);  er  be- 
mächtigte sich  des  Gebietes  von  Ko-hu,  vernichtete  auch  P'ok-tat 
und  Ki-pin  und  ward  vollkommen  Herr  dieser  Länder"2).  Ko-hu 
=  Kdßovqa,  Kabul  vertritt  hier  das  Königreich  Gandhära,  steht 
demnach  zwischen  P'ok-tat  und  Ki-pin  in  der  Mitte.  Daraus  er- 
gibt sich,  dass  P*ok-tat  westlich  oder  südwestlich  von  Kabul  zu 
suchen  ist.  Aus  Herodot  ist  aber  zu  entnehmen,  dass  ndxxvtg, 
im  Gegensatze  zu  den  rein  geographischen  Bezeichnungen  Hara- 
huwatü  und  (aw.)  Haehunant,  ein  echter  Volksname  war,  der  in 
älterer  Zeit  eine  umfassendere  Bedeutung  hatte  und  auch  die 
Arachosier  einschloss.  Diese  werden  in  dem  Verzeichnis  der  Steuer- 
bezirke (3,  93)  und  in  der  legendenhaften  Erzählung  Her.  3,  117 
unter  der  epischen  Bezeichnung  ßafucvatoi  d.  i.  ap.  *&ämäna  — 
aw.  Säma  aufgeführt8),  wären  aber  im  Kataloge  des  Xerxesheeres 
gar  nicht  vertreten,  wenn  sie  nicht  unter  den  Ildxrveg  einbegriffen 
wären.  Auf  ein  grösseres  Volk  lässt  auch  der  Umstand  schliessen, 
dass  die  Rüstung  der  Paktyer  der  persischen  gegenübergestellt 
wird4).  Dazu  stimmt  sehr  gut,  dass  auch  den  früher  zu  Pars 
gehörigen  Ointoi  (Jutijä  im  späteren  Kermän),  Mvxoi  (Maka)  und 
IIctQixavuyi  dieselbe  Rüstung  wie  den  Paktyern  zugeschrieben  wird 
(7,  68) 5).    Die  beiden  letzteren  Völker  waren  südliche  Nachbarn 

*)  Ts'ien  Han-Su  Kap.  96  a,  ubs.  von  Wylie,  Journ.  of  the 
Anthropol.  Inst.  X,  1881,  p.  38. 

*)  Hdu  Han-Su  Kap.  118  fol.  11,  Übersetzung  von  Prof.  de  Groot: 
vgl.  E.  Specht,  Etudes  sur  l'Asie  centrale  p.  9.  Eränsahr  S.  203 
A.  3.  208. 

•)  S.  meine  Abhandlung  .Wehröt  und  ArangV 

*)  Dagegen  kommt  der  rein  geographische  Charakter  des  Namens 
Harahuwatti  auch  darin  zum  Ausdruck,  dass  er  später  auf  eine  Stadt 
und  einen  kleinen  Bezirk  im  Garmslr  beschränkt  wird :  'AQa%<ox6g  Ptol. 
6,  20  p.  438,  8  XoQo%oafi  *6Xig  Isidor,  von  Charaz  ara&ttol  IlaQ&.  §  19 
=  Horoxtcat  (mit  regressiver  Vokalassimilation,  wie  in  mp.  Ohormizd, 

geschrieben  JpDtOjo/  =  ap.  Ahuramaxdäh,)  l„QDoi  Bochwat  a.  544 

Synodicon  orient.  p.  88, 17.  22.  28.  29.  89, 1  =  843/44  ed.  Chabot,  arab. 

^ys>j,  f^y^-   Die  Stadt  heisst  später  ^t^u  Pcmj-wäj,  an  dessen 

Stelle  im  10.  Jahrhundert  das  ein  manzil  entfernte  JUt  Tigin- 
äbäd  tritt 

•)  Her.  7,  85:  tlol  dh  vtvkg  foftad«?  &v&qcottoi  ZccyaQXtoi  xal»6- 
\itvoi,  fövoe  pkv  IIiQGixbv  xal  <pajv%  (ergänse  mit  Stein  %^\uvov 


Unterrachungen  rar  Geschichte  von  Eran. 


177 


Ton  Arachosien.  Ich  glaube  daher,  dass  ÖataguS  hundert  Rinder 
besitzend*1)  die  persische  Bezeichnung  eines  nördlich  von  Ara- 
chosien wohnenden  Stammes  der  Paktyer  war,  and  dass  dieser 
Yolksnarae  selbst  bei  der  Auflösung  des  baktrisch  -  hellenischen 
Reiches  auf  einen  vom  Königreich  bezw.  der  Satrapie  Arachosien 
unabhängigen  Stamm  beschränkt  wurde. 

Mit  der  Selbstbezeichnung  der  Afyänen,  P^xtün  bezw.  PaMün, 
plur.  Paätäna,  deren  Sprache  Paxtö  bezw.  Pa$tö  heisst,  hat  der 
Name  ILixTvtg  nichts  zu  thun.  Paxtün  ist  nur  nordafyinische  Aus- 
sprache, das  Ursprünglichere  ist  die  südafyänische  Form  Paätün,  die 
ein  älteres  PaitOn  oder  *ParStOn  voraussetzt,  da  afy.  i  auf  iran.  i 
bezw.  &v,  r*,  ri  zurückgeht2).  Aus  dem  Gesagten  geht  aber  des 
weiteren  hervor,  dass  auch  sachlich  zwischen  den  Ilaxxvsg  und  den 
P'itün  keinerlei  Beziehung  besteht    Der  Name  Xo^xoaS,  Iqöcw 

Rochwat,  6y^J}  Hochöd,  Rochag  allein  würde  zu  dem  Be- 

weise genügen,  dass  man  in  Arachosien,  wenigstens  im  Garmsir, 
nicht  Afyänisch  sprach.  Gegen  die  verbreitete  Annahme,  die  Afyänen 
seien  aus  dem  rör  gekommen,  hat  Raverty  mit  Recht  energisch 
protestiert  und  betont,  dass  dieselben  bei  ihrem  Eintritte  in  die 
Geschichte  Östlich  von  laznln  wohnten  und  sich  noch  um  369  H. 
(979/80)  nicht  nordwärts  vom  Flusse  Kurma  (Kuram)  ausgebreitet 
hatten8).  Wann  und  woher  sie  dahin  gekommen  waren,  ist  freilich 
gänzlich  unbekannt.  In  laznln  war  seit  der  Hephthalitenherrschaft 
mehr  und  mehr  die  persische  Verkehrssprache  eingedrungen,  die 
einheimische  Mundart,  das  ZäwulT,  war  aber  zu  Mahmuds  Zeiten 
sicher  weder  indisch  noch  afyänisch,  sondern  wird  sich  an  die  im 
Süden  und  Westen  angrenzenden,  bis  jetzt  unbekannten  Mundarten 
angeschlossen  haben*).  Dagegen  könnten  die  Pastun  möglicher- 
weise in  dem  Stamme  der  TlaoOiTirai  stecken,  welchen  PtoL  6,  18 


JlfpffrxfJ?),  axsvrjv  dk  jura&fr  fyovoi  ne-xotr)(iivriv  tfjg  ts  üegüMfjg  Kai 
xfje  ncatrvixfig.  Es  ist  wohl  zu  beachten,  dass  hier  von  bedeutenderen 
nationalen  Unterschieden  innerhalb  der  Iranier  die  Rede  ist.  Wie  Ton 
Dareios  die  Landschaft  Jautijä  d.  h.  die  spätere  Provinz  Kermän  und 
noch  in  dem  Verzeichnisse  der  persischen  Stämme  Her.  1,  125  die  r*p- 
\utviot  d.  L  *Krmäna  (oben  S.  144)  j  so  werden  hier  und  in  dem  er- 
wähnten Verzeichnis  auch  die  nomadischen  Asagarta  (vgl.  Dar.  Pers.  1 15. 
Her.  8,  93)  im  heutigen  Köhistan  der  persischen  Nation  zugerechnet. 

*)  So  Bartholomae,  Idg.  Forsch.  XII,  1901,  S.  130  A.  2. 

•>  Vgl.  W.  Geiger,  Etymologie  und  Lautlehre  des  Afghanischen 
8  19,  2.  8  S.  51  =  Abh.  d.  bayer.  Akad.  I.  CL  XX.  Bd.  1.  Abth.  S.  217. 
Grdr.  f.  iranische  Phil.  I  2,  S.  209  §  6. 

*)  Minhäj-i  Siräj,  The  Tabaqät-i  Näcirl  transl  by  H.  G.  Raverty 
pawim,  bes.  p.  320  n.  4.  1082  n.  2.  1202/3  n.  XIV.  Desselben  Ver- 
fassers Notes  on  Afghanistan  sind  mir  leider  nicht  zugänglich. 

*)  Ist        2  (=  Uf.  m,  6)  beschränkt  sich  auf  die  Bemerkung, 

die  Sprache  des  För  sei  verschieden  von  der  Sprache  der  Chorasanier 
d.  h.  der  neupersischen  Verkehrsp räche  der  Sanianidenzeit. 

Philölojpn  8applement«band  X,  Eritei  Heft.  12 


178  J«  Marquart, 


p.  435,  8  ed.  WUberg  im  südlichen  Teile  des  Paropanisadenlandes 
ansetzt:  *ctxi%ov<Ji  6h  xijg  %6qag  xä  phy  aqxxixct  Bcolixai,  xä  6h 
otaptxa  JAqiCx6q>vXoi  %al  afaobg  üaQOioi,  xä  6h  fi£ö*t?pßptva 
IlaoGirjxai *),  xä  6h  ävaxokixä  'Aiißdxai.  Für  Bmktxcti  ist  KaßoJuxat 
herzustellen,  'Afißdxcci  in  Aa^ßdyai  zu  verbessern,  wofür  VII  1,  42 
weniger  falsch  Aa^ßdxai  geschrieben  ist  Beide  Verderbnisse  er- 
klären sich  leicht.  Das  Land  der  Paropanisaden  schloss  also  im  Norden 
das  Gebiet  von  Kabul  und  im  Osten  das  der  Lampäka  (Lamyän) 
ein,  die  IIa()<Jir}xai  würden  demnach  in  der  That  etwa  in  das 
Stammland  der  Afyänen  östlich  von  Jaznin  und  südlich  vom  oberen 
Kuram  fallen.  Dasselbe  Volk  könnte  mit  den  IIcuyyvr)xut  gemeint 
sein,  welche  Ptol.  6,  20  p.  487,  27  ins  nördliche  Arachosien  setzt: 
xaXotivxai  6h  ot  fihv  xä  &QXXi%ä  xfjg  geSparc  %ccxi%ovxsg  Ilaayvfjxai*), 
ot  6h  {m  avxovg  .Eväpoi8),  tu&  ofle  'PamXoVxtu  xal  ^Enquxai. 
Diese  Völkerreihe  ist  nämlich  ganz  willkürlich  nach  Arachosien 
versetzt  worden  und  gehört  in  Wirklichkeit  in  das  Gebiet  zwischen 
Arachosien  bezw.  Gedrosien  und  dem  Indus,  wie  die  Emqtixca4) 
und  £v6qoi5)  beweisen.  Die  IIaqI\)^xai  kämen  somit  auch  hier 
etwa  in  das  Gebiet  südlich  vom  Kuram,  und  die  Änderung  in 
HuqOw\xai  oder  JJaq€lf]xat  ist  mindestens  ebenso  leicht  als 
Grashoff' 8  Konjektur  TlaqOvi\XM.  Dagegen  ist  in  der  Grenz- 
beschreibung p.  434,  80:  ot  IlaQoitccviactöai  ittqiootfcovxai  .  .  . 
oatb  6h  tuoriiißQlag  'Aoccxtoola  vuxxä  xi)v  in&vyvvovaav  xä  h%d- 
fisva  nioaxct  yqa^^v  ötä  x&v  I7orpovrjTc5v6)  hq&v  eine  Änderung 
unnötig,  da  parte  ata  im  Indischen  „Gebirge*  bedeutet  und  der 
Name  des  Stammes  mit  dem  des  Gebirges  nicht  zusammenzuhängen 
braucht.  Höchstens  wird  umgekehrt  die  Schreibung  des  Gebirgs- 
namens  bei  den  Abschreibern  die  des  Stammnamens  beeinflusst  haben. 

Aus  diesen  Darlegungen  folgt  von  selbst,  dass  der  Name 
der  Landschaft  JTaxrvMtij  mit  der  nach  Hekataios  in  Gandhära 
gelegenen  Stadt  KaonaxvooQ  bezw.  Kaaitanvqoq ,  wo  die  Ent- 
deckungsfahrt des  Skylax  auf  dem  Indus  ihren  Anfang  nahm 
(Her.  4,  44)  und  in  deren  nördlicher  Nachbarschaft  die  gold- 
suchenden Inder  d.  h.  die  Darden  wohnten  (Her.  8,  102),  mit  dem 

x)  A  IJaQdulxa^  P  IlaQar\lxui. 

*)  TlaQyvlxca,  F. 

»)  Zidooi  A  D  M,  Zi&qoI  F. 

*)  Vgl.  Plin.  h.  n.  6,  94:  flumen  Eorum,  gens  Orbi,  flumen  navi- 
eabile  Pomanus  Pandarum  finibus,  und  die  'Stytlxai  Plin.  h.  n.  6,  95  etc. 
Tomaschek,  Topographische  Erläuterung  der  Küstenfahrt  Nearchs 
S.  18  f.  =  SBWA.  Bd.  121,  1890,  Nr.  8. 

5)  Plin.  h.  n.  6,  92:  Syndraci,  Dangalae,  Parapinae  (E  parapiane), 
Cataces,  Maai.  S.  dazu  Tomaschek,  Zur  historischen  Topographie 
von  Persien  I  56  =  SBWA.  Bd.  102,  1883  ,  8.  198  und  über  die 
Uödgca  Diod.  17,  102,  sonst  £6ydot  genannt  Aman  6,  15,  4,  Lassen 
II2  183  A.  1.  Mc  Crindle.  Tne  invasion  of  India  by  Alexander  the 
Great  •  854. 

•)  na9owix&v  A B  DF  Latt.,  IlaQovtx&v  E  Pal.  1,  FlaQOvijT&p  vulgo. 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


179 


Volksnamen  Ildxxvsg  in  keinem  Zusammenhange  stehen  kann.  Es 
muss  hier  vielmehr  ein  einheimischer  Landschaftsname  zu  Grunde 
liegen,  und  zwar  kann  m.  E.  nur  die  Landschaft  Pufkaloicatt  am 
Unterlaufe  des  Käbulflusses  mit  dem  gleichnamigen  Vororte,  der 
alten  Hauptstadt  von  Gandhära  in  Betracht  kommen,  deren  Ruinen 
Sir  A.  Ounningham  bei  HaStnagar  am  linken  Ufer  des  unteren 
Swät,  etwa  17  miles  nö.  von  Pesäwar  festgestellt  hat1).  Ich 
sehe  also  in  Uaxtvixi/  eine  griechische  Umbildung  einer  alten 
Präkritform  * Pukldicdawati ,  päli  PiiJMalaoti  =  skt.  Pufkala- 
tcati,  Puskaräwati.  Was  zunächst  die  Endung  -*xij  betrifft,  so 
ist  dieselbe,  wie  schon  der  Accent  beweist,  offenbar  rein  griechisch 
und  nicht  mit  dem  indischen  und  iranischen  Suffix  -%ka  (vgl. 
Jackson,  Awesta  gram  mar  §  889)  zusammenzustellen;  JZkxtiüx^ 
steht  auf  gleicher  Linie  mit  ähnlichen  dem  Herodot  geläutigen 
Ausdrücken,  wie  2xv&ixv)  2,  22  oder  einfach  2?xu#ixij  4,  5. 

22  etc.,  ntfautii  1,  126.  4,  39  neben  Tlt^alg  %a>w  3,  97  etc., 
Avötti  yij  1,  79  etc.  Der  griechische  Berichterstatter  scheint  den 
Namen  in  Puk  kh alaw- ati  abgeteilt  zu  haben,  so  dass  v  als  Wieder- 
gabe von  aw  erscheint,  wie  in  IIuq&vcuoi  =  Par&atoa  u.  a.  Das 
o  für  u  der  ersten  Silbe  würde  sich  dann  durch  Vokaldissimilation 
erklären,  wie  in  "Axoaoa  —  aw.  Hutaosa,  'AfidQyrig,  'Afxv^yioi  und 
umgekehrt  ^Ofuc^ytig  =  ap.  Haumawrga  u.  a.  Die  Aspiration  der 
Präkritform  wird  auch  in  den  späteren  genaueren  griechischen 
Umschreibungen  nicht  berücksichtigt*).  Nur  für  das  t  statt  /,  r 
weiss  ich  keine  phonetische  Erklärung.  Man  wird  daher  anzu- 
nehmen haben,  dass  Skylax  selbst  JZorxAtrt'xq  bezw.  IIctxQvixri  ge- 
schrieben hatte,  dass  aber  derjenige,  welcher  zuerst  die  Original- 
berichte des  Skylax,  Hekataios  und  etwaiger  unbekannter  Ge- 
währsmänner zusammenarbeitete,  den  Namen  jener  Landschaft 
mit  dem  Volksnamen  üuxxvsg  verknüpfte  und  nach  diesem  in 
TTaxrwxij  veränderte,  wie  er  es  auch  mit  den  Maka  gemacht  hat8). 

*)  A.  Cunfefengham,  The  ancient  geographv  of  India  p.  41— 51. 
Mc  Crindle,  The  invasion  of  India  by  Alexander  the  Great  .New 
ed^  Westminster  1896,  p.  59  n.  5.  Vgl.  A.  Foucher,  Bull,  de  l'Ecolo 
d*Extr.-Orient  I  834  ss. 

*)  Mit  Ausnahme  von  Ptol.,  der  die  Stadt  zweimal  in  ganz  ver- 
schiedenen Positionen  verzeichnet  hat,  das  erste  Mal  p.  4§8,  2  als 
fnndlff  (mit  zurückgeworfener  Aspiration)  unter  118°  15'  L.  32°  10*  Br. 
in  Aracbosien(!),  das  zweite  Mal  VII  1,  44  als  ÜQoxXals  nach  dem 
Periplus  des  erythräischen  Meeres  unter  124°  20'  L.  33°  20'  Br.  in 
Gandhära.  Ganz  ähnlich  differieren  die  beiden  Positionen,  welche  er 
der  Stadt  NavXißLg  anweist:  unter  117°  L.  35°  80*  Br.  im  Lande  der 
Paropanisaden  (VI  18  p.  435  ,  20)  und  unter  124°  20*  L.  83°  20*  Br. 
in  Gandhära,  sowie  die  Positionen  von  'AQatcox6s-XoQO%oad  (118°  L. 
80°  20*  Br.)  und  ^{a^sta-Kandahär  (114°  L.  81°  Br.). 

')  Es  ist  dabei  vielleicht  nicht  bedeutungslos,  dass  dem  Herodot 
bezw.  seinen  Gewährsmännern  der  Wortstamm  naxtv-  aus  näherer  Um- 
bekannt war:  IJaxx&ns  ein  Lyder  Her.  1,  161  (unter  Kyros): 
Stadt  auf  der  thrakischen  Chersones  eb.  6,  86. 

12» 


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180 


J.  Marquart, 


Von  der  Landschaft  PuskalawatI  und  ihrer  Hauptstadt,  wo  der 
Sitz  der  Verwaltung  war,  erhielt  dann  auch  der  ganze  Steuerbezirk 
den  Namen,  ähnlich  wie  die  Satranien  Daskvleion  und  Sardeis 
(ap.  ^porcto  =  lydisch  5Wf<o>c  d.  i.  ♦CWdt). 

Kehren  wir  jetzt  zu  der  nach  Arachosien  gesandten  Expedition 
des  zweiten  falschen  Bardija  zurück,  so  ist  nunmehr  klar,  das  ihr 
Verlauf  nur  unter  der  Voraussetzung  verständlich  ist,  dass  der 
Satrap  Wiwäna  bei  ihrem  Anmärsche  mit  den  aufrührerischen 
OataguS  im  Kampfe  lag  und  dadurch  ausser  stände  war,  jener  in 
Arachosien  entgegenzutreten.  So  kam  es  im  Lande  der  8atagu§ 
selbst  zum  Kampfe,  wobei  es  dem  Batrapen  gelang,  die  Ver- 
einigung derselben  mit  den  Persern  zu  verhindern  und  letztere 
zum  Bückzuge  nach  Arachosien,  also  nach  Süden,  zu  zwingen. 
Darauf  mögen  sich  die  öataguS  (und  wohl  auch  die  Saka)  wieder 
freiwillig  unterworfen  haben.  Ich  habe  früher  die  Landschaft 
Qandumatoa  zweifelnd  mit  dem  Orte  ^^OuLt1)  zusammengestellt, 

wo  nach  Ibn  al  Paqlh  der  Gaifcün  (Oxus)  oder  vielmehr  der  eigent- 
liche Fluss  von  Balch,  der  Dehäs  entspringt  *).  Ich  halte  diese  Ver- 
mutung jetzt  für  ganz  wahrscheinlich.  Ibn  al  Faqlh  sagt:  .Der 
Gai^ün  kommt  von  einem  Orte  (oder  Bezirk)  namens  lUwiärän. 
Das  ist  ein  Gebirge,  das  an  die  Gegend  von  Sind,  Hind  und 
Kabul  grenzt,  und  von  ihm  kommt  eine  Quelle,  die  an  einem 
Orte  namens  randumin  entspringt".  Rewsärän  war  ein  Gebirgs* 
distrikt  in  der  Nähe  von  Bämijän,  und  westlich  von  Bämijän  im 
Bezirke  Flrüzbahär  am  Nordabhange  des  Köh-i  Bäbä  entspringt  in 
der  That  der  Fluss  von  Balch.  randumin  wird  daher  im  Fürsten- 
tum RewSärän  gelegen  haben,  also  eben  in  der  Gegend,  wohin 
wir  für  €>atagu§  durch  andere  Indizien  gefuhrt  wurden.  Da  aber 
nach  den  obigen  Ausfuhrungen  die  Festung  KäpiSakäniS,  wo  die 
erste  Schlacht  gegen  Wiwäna  stattfand,  offenbar  noch  östlicher 
oder  nördlicher  lag  als  Gandumawa,  so  ist  ein  Zusammenhang  mit 
der  von  Kyros  zerstörten  Stadt  Capisa,  ai.  Kapida,  im  Thale  des 
I^örbandflusses  *)  nicht  mehr  schlankweg  von  der  Hand  zu  weisen. 
Käpi&akäniS 4)  ist  offenbar  eine  Vrddhibildung.  -känii  ist  wohl 
dasselbe  Wort,  das  z.  B.  in  .^lä^i  Nö-kün  „Neustadt",  der  Haupt- 
stadt des  Bezirkes  Tos  (Ja'qÜbT,  Geogr.  Pw,  20.  IVa,  12)  vorliegt 

und  „Stadt,  Dorf",  ursprünglich  „Haus"  bedeutete;  eine  Nebenform 
mit  spirantischem  Anlaut  ist  np.  chän,  chäna  „Haus*  =  mp.  chün, 
chanak.  Vgl.  Horn,  Grdr.  der  neup.  Etymologie  Nr.  465.  käniä 


*)  So  lies  mit  c. 

*)  Ibn  al  Faqih  bei  Jäq.  II  tvt,  12.   Vgl.  Eränäahr  218  f.  227. 
*)  S.  Eriniahr  S.  280  ff. 

4)  Wäre  der  Name  vom  np.  käbüia  Carthamus  tinctorius.  Saflor 
abgeleitet  (Juati  a.  a.  0.  246),  so  konnte  er  selbstverständlich  mit 
«kt.  kapita  nichts  zu  thun  haben. 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  181 


ist  also  synonym  mit  sogdisch  -kat,  -ka&,  -kand  »Dorf,  Stadt", 
np.  kad,  kada,  mäzand.  kata  (Ihn  al  Paq.  M,  15)  „Haus";  all 

diese  Ausdrücke  sind  von  der  Wurzel  khan-  „graben"  abgeleitet 
und  bedeuten  ursprünglich  „Grube",  „eine  in  den  Erdboden  ein- 
gegrabene Wohnung",  wie  solche  noch  beute  in  Persien  und  im 
Kaukasus  üblich  sind.  Vgl.  Fr.  Müller,  WZKM.  VI  355.  Spiegel, 
Eran.  Altertumskunde  III  675.  Auch  in  den  Pärnirgebieten,  zumal 
in  Wachän,  wohnte  man  dem  rauhen  Klima  entsprechend  in  Höhlen 
oder  wohl  richtiger  in  solchen  Erdwohnungen.  Vgl.  Eränsahr 
S.  223  f.  244  ff.  Was  die  Umschreibung  betrifft ,  so  wäre  zur 
Wiedergabe  des  skt  4  der  diesem  lautlich,  nicht  etymologisch 
am  nächsten  stehende  iranische  Zischlaut  d  gewählt  worden,  ge- 
radeso wie  auch  Berum,  India  IH,  1  ^oLT  lies  \J*jJS  käpü 
schreibt. 

Da  die  Entsendung  jenes  persischen  Hilfskorps,  wie  oben  be- 
merkt, yor  der  Ankunft  des  Artawrdija  in  Pars  erfolgt  sein 
muss,  so  gehören  die  Schlachten  bei  KäpiSakäniS  und  Gandumawa 
noch  ins  erste  Jahr  des  Dareios.  Dasselbe  gilt  von  der  ersten 
Schlacht  des  WiStaspa  gegen  die  aufständischen  Parther  und  Hyr- 
kanier  bei  der  Stadt  Wispahudzatis  *)  in  Parthien  am  22./XII.  (Beh. 
II  92—98).  Auch  der  Sieg  des  DädrSiS,  des  Satrapen  von  Baktrien, 
über  die  Margianer  am  28.  Ätfrijädija  (IX.)  und  die  Niederwerfung 
des  Aufstandes  des  Fräda  (Beh.  III  10—21)  werden  noch  ins  erste 
Jahr  fallen. 

In  seinem  zweiten  Regierungsjahre  brach  Dareios  endlich  von 
Babvlonien  nach  Medien  auf  und  zwar  vorsichtigerweise  mit  einem 
ausschliesslich  aus  Persern  bestehenden  Heere  (Beh.  HI  82),  nach- 
dem er  die  unter  seinen  Fahnen  fechtenden  Meder  dem  gegen  die 
aufständischen  Perser  gesandten  Artawrdija  mitgegeben  hatte. 

In  Kampanda  verstärkte  er  sich  durch  die  dort  stehende 
Streitmacht  des  Widrna  (H  27 — 29).  Dass  er  vor  dem  Zusammen  - 
stosse  mit  dem  Feinde  auch  die  in  Armenien  stehenden  Truppen 
des  Dädr&iS  und  Wahumisa  an  sich  gezogen  haben  sollte,  ist  aus 
militärischen  und  topographischen  Gründen  unwahrscheinlich. 
Vielmehr  wird  der  Ausdruck  „dann  erwartete  mich  DädrSiS  bezw. 
Wahumisa,  bis  ich  nach  Medien  kam*  nur  besagen,  dass  Dareios 
erst  nach  der  Niederwerfung  des  FrawartiS  in  der  Lage  war, 
seinen  beiden  Feldherren  in  Armenien  Entsatz  zu  bringen  und 
den  dortigen  Aufstand  zu  beenden.  Der  König  von  Medien  zog 
ihm  entgegen,  und  bei  der  Stadt  KunduruS  kam  es  am  26.  Adu- 
kaniS  zur  Schlacht,  in  welcher  FrawartiS  aufs  Haupt  geschlagen 
wurde.  Seine  Niederlage  war  so  entscheidend,  dass  er  mit  wenigen 
Reitern  nach  der  Landschaft  Ragä  floh.  Wahrscheinlich  hoffte  er 


i)  So  (Afi-Ü-pd-u-za-H-ii)  der  elamitische  Text  H  70.  Es  scheint 
also  im  per».  Texte  (W*upau»Utii)  nichts  zu  fehlen. 


182 


J.  Marquart, 


dort  ein  neues  Heer  aufzubringen  oder  sieb  von  da  eventuell  zu 
den  ihm  ergebenen  Parthern  und  Hyrkaniern  durchzuschlagen. 
Allein  Dareios  sandte  ihm  eine  Truppenmacht  nach,  FrawartiS 
geriet  in  Gefangenschaft  und  ward  an  den  Hof  gebracht  und  als 
Aufrührer  in  der  Hauptstadt  Hagmatäna  gekreuzigt  (II  64 — 78). 
Ein  Datum  wird  wiederum  nicht  angegeben.  Das  Heer  selbst 
oder  ein  Teil  desselben,  aus  lauter  Persern  bestehend,  hatte  Be- 
fehl, von  Ragä  sofort  nach  Parthien  weiterzumarschieren  und  zu 
WiStäspa  zu  stossen.  Mit  diesen  Verstärkungen  rückte  letzterer 
gegen  die  Aufständischen  und  schlug  sie  am  1.  Garmapada  bei 
der  Stadt  Patigrabanä  in  Parthien  (III  1—10).  Damit  war  der 
Aufstand  in  Parthien  beendet. 

Wäre  zu  erweisen,  dass  der  Garmapada  dem  babylonischen 
Abu  (August  -  September)  entspreche,  so  könnte  der  persische 
Monat  Adukanii  in  der  That  nur  mit  dem  Düzu  (IV.),  wie 
Unger  und  Justi  annehmen,  oder  mit  dem  Nisan  (I.)  identifiziert 
werden,  da  der  Aiaru  und  Simanu  bereits  vergeben  sind.  Nach- 
dem aber  die  Gleichung  Garmapada  =  Nisan  mit  zwingender 
Notwendigkeit  festgestellt  ist,  so  kann  der  AdukaniS,  entsprechend 
der  raschen  Folge  der  Ereignisse  nach  der  Ankunft  des  Dareios 
in  Medien,  nur  wenige  Monate  vor  den  Nisan  fallen,  und  es 
kommen  daher  für  ihn ,  da  Kislimu ,  Tet)it;u  und  Addaru  schon 
ihre  bezeugten  altpersiscben  Äquivalente  haben,  nur  der  Arach- 
samna  (VIII.)  und  der  &aba(u  (XI.)  in  Betracht.  Ist  das  erste 
Glied  des  Monatsnamens  Margazana  im  armenischen  Margac1 
(gen.  plur.)  =  np.  BaJiman  erhalten  und  jener  Monat  daher  mit 

dem  Saba^u  gleichzusetzen 1) ,  so  käme  auch  letzterer  in  Wegfall 
und  es  bliebe  für  den  Adukanii,  wie  Oppert  will,  nur  der 
Arachsamna  übrig.  Allerdings  ist  der  Name  Margazana  nur  in  der 
elami tischen  Übersetzung  III  48  erhalten,  wo  er  Mar-ka-za-na-ai 
geschrieben  wird,  was  noch  verschiedene  andere  altpersische  Re- 
stitutionen zulässt,  da  m  auch  für  w?,  k  für  g  und  z  für  c  oder 
£  stehen  kann.  Die  genaue  altpersische  Form  ist  daher  nicht 
mehr  festzustellen.  Doch  sind  wenigstens  die  Lesungen  Mrga-zana 
(zu  aw.  m9r*ya  »Vogel*)  und  Wrka-zana  (zu  aw.  wdhrka  ,Wolf*) 
ausgeschlossen,  da  in  diesem  Falle  im  Elamitischen  Mirkazanaä  (vgl. 
Mirkanijap  =  ap.  WrJcäna,  ionisch  *TQHavioi)  zu  erwarten  wäre  *). 
Dagegen  spricht  gerade  die  von  Justi  aufgestellte  Etymologie 
von  Adukanii  mit  Entschiedenheit  für  die  Gleichsetzung  dieses 
Monats  mit  dem  Arachsamna  und  dem  awestischen  Apäm  napät. 
Nach  Justi8)  ist  Adukani  (mit  Vrddhi ,  wie  bügajädiS  und 


*)  Unters,  zur  Gesch.  von  Erän  I  64  und  A.  58.  Vgl.  Justi, 
ZDMG.  51,  1897,  249. 

*)  Vgl.  zur  Wiedergabe  des  sonantischen  r  im  Neuelamitischen 
W.  Foy,  ZDMG.  54,  356—360. 

•)  ZDMG.  51,  245. 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  r>ran. 


183 


aw.  mßzdajasni)  der  Monat  der  Kanalgrabenden,  von  aw.  adv, 
ädu  „Kanal ,  KahrSz".  Nach  der  mazdajasnischen  Legende  feierte 
man  aber  am  10.  Abän  das  Fest  Abänagän  zur  Erinnerung  daran, 
dass  Zau-i  Tümäspän  an  diesem  Tage  den  Thron  bestiegen  und 
befohlen  hatte,  die  Kanäle  wieder  auszugraben  und  in  guten  Stand 
zu  setzen,  welche  der  Dämon  Fräsijäk  während  seiner  Usurpation 
d.  k  während  der  Glut  des  Hochsommers  hatte  verschütten  lassen 1). 
Die  Übereinstimmung  des  AdukaniS  mit  dem  Monat  des  Wasser- 
genius Apäm  napät  im  Sinne  der  mazdajasnischen  Überlieferung 
und  damit  mit  dem  babylonischen  Arach-samna  (November-De- 
zember) ist  somit  evident.  Die  Schlacht  bei  KunduruS  hat  danach 
im  Arachsamna  des  zweiten,  die  bei  Patigrabanä  am  Neujahrstag 
des  dritten  Jahres  stattgefunden,  und  Dareios  ist  erst  Ende  Ti&rit 
(VII.)  des  Jahres  2  aus  Babylonien  abgezogen,  nachdem  er  da- 
selbst etwa  23  Monate,  nämlich  seit  dem  Ende  des  9.  Monats 
seines  Antrittsjahres  verweilt  hatte8).  Welche  Umstände  ihn  so 
lange  dort  festgehalten  haben,  nachdem  doch  Babylon  schon  im 
X.  Monat  des  Antrittsjahres  gefallen  war,  wissen  wir  bis  jetzt  nicht. 
Jedenfalls  fällt  in  diese  Zeit  auch  die  Neuordnung  der  Verhält- 
nisse der  zur  Satrapie  Babylonien  gehörigen  Provinz  Ebir  näri 
(mn3  "133?)  oder  ap.  Arb&ja  d.  i.  Syrien  mit  Phönikien  und 
Palästina,  sowie  die  Regelung  der  Judenfrage. 

Nach  dem  Falle  des  FrawartiS  erhob  öi-dTantachma  bei  den 
westlichen  Asagarta  in  Assyrien  die  Fahne  des  Aufruhrs  und  gab 
sich  für  einen  Nachkommen  des  Mederkönigs  HuwachStra  aus. 
Allein  die  Stellung  des  Dareios  war  jetzt  bereits  so  gefestigt, 
dass  er  es  wagen  konnte ,  die  eben  niedergeworfenen  Meder  aus- 
zuheben und  einen  Meder  Tachmaspada  an  der  Spitze  eines  per- 
sischen und  modischen  Heeres3)  gegen  den  König  von  Asagarta 
auszusenden.  Öifrrantachma  ward  geschlagen  und  geriet  in  Ge- 
fangenschaft und  ward  in  Arbela,  der  Hauptstadt  von  Assyrien 
gekreuzigt  (II  78 — 92).   Ein  Datum  wird  leider  nicht  angegeben. 

Während  Dareios  in  Persien  und  Medien  war,  wurden  die 
Babylonier  zum  zweiten  Male  abtrünnig.  Der  Armenier  Aracha, 
Sohn  des  Haldita,  gab  sich  in  der  Landschaft  Dubäla  für  Nabü- 
kudurri-ucur,  den  Sohn  des  NabünäYd  aus,  und  alsbald  gieng  das 
babylonische  Volk  zu  ihm  über,  er  nahm  Babylon,  er  ward  König 
von  Babylon.  Dareios  betraute  den  Meder  Windahfarräh 4)  mit  der 


*)  Vgl.  Bexünl,  Chronol.  I*ff ,  5 — 6.   Weiteres  hierüber  anderswo. 

*)  Das  Antrittsjahr  des  Dareios  war  ein  Schaltjahr.  S.  oben 
S.  180  A.  2. 

•)  Der  babylonische  Text  Z.  61  spricht  nur  von  einem  mo- 
dischen Heere. 

*)  Im  persischen  Texte  III  88  ist  der  Name  WUnd*faräh  ge- 
schrieben, doch  sind  die  beiden  letzten  Buchstaben  etwas  verwischt; 
Z.  87  steht  WHndP\far]äh ,  doch  ist  der  senkrechte  Keil  des  r  noch 


184 


J.  Marquart, 


Aufgabe,  den  Aufstand  niederzuwerfen.    Am  22.  Margazana  ward 


deutlich;  Z.  85  ist  der  Name  gänzlich  zerstört.  Die  elamitische  Über- 
setzung hat  III  40  Mi-[in-aa-bar-na\ ,  Z.  41/42  [Mi^lin-da-bar-na, 
Z.  42/43  Mi-m-  \  da-bar-na,  im  babylonischen  Text  Z.  86—87  ist  die 
entsprechende  Partie  zerstört.  Sind  Rawlinsons  Angaben  durchaus  zu- 
verlässig, so  können  die  altpersischen  Zeichen  nur  Windahfarräh  ge- 
lesen werden ,  also  bereits  mit  derselben  Assimilation  der  Gruppe  m 
su  rr,  die  ca.  570  Jahre  später  auf  den  Münzen  des  gleichnamigen 
indoparthischen  Königs  durch  die  Schreibungen  TNAOQEPPOT, 
rONJOQAPOT,  rÖNJAQAPOT,  kharostrl  Gadapharasa,  Gada-  • 
pliarcua  d.  i.  Gandapharrassa,  Gundapharras8a  (gen.)  wiedergespiegelt 
wird  (oben  S.  4  A.  5).  Da  derselbe  Name  Beh.  IV  83  für  einen  Perser 
Wiindafarnah  geschrieben  wird  und  es  sich  an  unserer  Stelle  um  einen 
Meder  handelt,  so  läset  dieser  That bestand  m.  E.  nur  die  Deutung  zu, 
dass  Dareios  hier  absichtlich  die  medische  Form  einmeisseln  liess, 
während  der  elamitische  Ubersetzer  auch  hier  die  ihm  geläufigere  alt- 
persische  Form  einsetzte.  Der  Verlost  des  entsprechenden  babylonischen 
Textes  ist  daher  um  so  mehr  zu  bedauern,  als  dieser  bekanntlich  mehr- 
fach medische  Namensformen  (Barzija  =  ap.  Brdya,  Ar-ta-mar-zi-ia 
cL  i.  med.  Ar  teuer  zi ja  =  ap.  Artawrdija,  Za-'a-tu-'  —  ap.  Däduhja)  be- 
wahrt hat.  In  den  assyrischen  Inschriften  begegnen  wir  niedischen 
Namen  wie  A-ü-ar(ri?)-pa-ar-nu,  .  . . . -bar-nu  (unter  Sargon),  j$i-dir  pa~ 
ar-na,  K-pa-ar-na  (unter  Asarhaddon),  Pa-ar-nu-at-ti  =  ap.  farnahu- 
teatii  (Ortsname,  unter  Sargon).  Vgl.  H.  Winckler,  Untersuchungen 
zur  altor.  Gesch.  S.  111.  119  f.  P.  Kost,  Untersuch,  zur  altor.  Gesch. 
S.  78.  83. 115.  G.  HUsing,  ZDMG.  54,  126.  Streck,  ZA.  XV,  356  ff. 
Man  sprach  demnach  schon  im  8.  Jahrhundert  auch  in  Medien  nicht 
mehr  chwamah-.  wie  im  Awestädialekt,  sondern  famah-t  das  hier  aber 
bereits  zu  Dareios  Zeit  zu  farrah-  geworden  war.  Daraus  folgt,  dass 
die  Sprache  des  Awestä  nicht  altmedisch  sein  kann,  wie  Justi  will, 
wenn  sie  auch  später  bei  den  medischen  Magiern  als  heilige  Sprache 
Eingang  fand.  Dies  Resultat  ist  nicht  ganz  bedeutungslos.  Denn  wenn 
uns  in  der  griechisch -römischen  Uberlieferung  durchweg  nur  ipctQva- 
als  erstes  und  -q>iqvr\s  bezw.  in  den  nordpontischen  Kolonien  -xpttqvog 
als  zweites  Glied  altiranischer  Namen  entgegentritt,  niemals  aber  ein 
*xvaQva-t  #roaova-  oder  *%OQva-  bezw.  -^0(fvt]f  =  aw.  ckwar»nanh  be- 
gegnet, so  Konnte  man  diese  befremdliche  Thatsache  zur  Not  auf 
Rechnung  der  persischen  Vermittlung  setzen.  Die  lykischen  Denk- 
mäler sind  leider  zu  dürftig,  um  für  diese  Frage  etwas  auszutragen. 
Von  besonderem  Interesse  wäre  der  lykische  Name  Qarfinaka  (Tituli 
Asiae  min.  I  48  p.  51,  Xanthos:  q[a]rnnaka  pssureh  tideimi;  ib.  nr.  51. 
Xanthos:  fite  ne  qarnnaka  tuwe[tej  |  antbeh  tideimi  ehbi  |  wezzeüm 
tehlusej,  falls  er  sich  als  iranisch  erweisen  Hesse,  da  er  dann  als  un- 
zweifelhafter Repräsentcut  eines  aw.  * Chwarna-ka  zu  gelten  hätte; 
do«h  wird  jenes  dadurch  sehr  zweifelhaft,  dass  die  Namen  der  Väter 
(pssuri  und  qntbi)  nicht  iranisch  scheinen.  Für  Pärs  wird  die  neu- 
persische Form  farr  zuerst  bezeugt  durch  Poseidonios  bei  Strab.  4,  27 
p.  785,  der  auf  eine  gleichzeitige  oder  jedenfalls  nicht  viel  ältere  Fürstin 
dieses  Landes  namens  #apfipiff  =  np.  Fatrt^iQir  anspielt,  deren  Namen 
er  fälschlich  mit  dem  achaimenidischen  Hafvftmc  =  ap.  Paruiijätii 
.viel  Freude  besitzend  *  identifiziert. 

Bei  den  ältern  Griechen  (nachweislich  bei  Aischylos»)  und  Herodot) 


a)  'AgracpQtrug  AischyL  Pere.  21.  776;  vgl.  Tw]<r«w&'f]v  CIA  I  64 
aus  Ol.  92/93.   Herodot  passim. 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  185 

Babylon  eingenommen  und  Aracha  mit  seinen  vornehmsten  An- 
hängern hingerichtet  (III  75 — 91). 


wird  altpersisches  -farnah,  wenn  es  als  zweites  Glied  zusammengesetzter 
Namen  auftritt,  durch  -<pgivr\g  wiedergegeben  —  anders  dagegen  als 
erstes  Kompositionsglied»).  Diese  Umschreibung  beruht  ohne  Zweifel 
zunächst  auf  volksetymologrischer  Anlehnung  an  gr.  -(pgtveg,  wie  z.  B. 
Herodot  (8,  62)  bei  ngri&aoitne  an  ionisch  ngfötg  erinnert  wird,  sie 
durfte  aber  ursprünglich  durch  eine  kleinasiatische  Aussprache  mit 
semantischem  r  veranlasst  sein,  wie  in  lyk.  Cizzaprnna  Xanthos -Obelisk 
Nords.  Z.  11.  14.  15,  Zisaprnna  eb.  Z.  1  =  TioaacftQvr^, 

Eine  parthische  Aussprache  *frana-  ist  aus  den  beiden  Eigen- 
namen Bag^atpgdvr\g  bei  J ose p hos  (40  v.  Chr.)  und  Qgavt.*dxing  bei 
Strabon  (39  v.  Chr.)  nicht  abzuleiten,  wie  ich  früher  glaubteb).  Erstere 
Form  wird  nämlich  durch  die  handschriftliche  Überlieferung  nur  im 

Sachen  Kriege  als  die  ursprüngliche  erwiesen,  in  der  Archäologie 
egen  findet  sie  sich  konsequent  nur  in  der  HandschriftenklaBse 
JWP  (letztere  Hs.  hat  genauer  Ba£ucpgdvTis),  während  die  übrigen, 
darunter  L  (=  codex  Leidensis  F  saeculi  fere  XI  membranaceus) ,  die 
Epitome  und  die  alte  lateinische  Übersetzung,  vielmehr  auf  Bccgfaqtga- 
Vuuvng  fuhren.   Die  varietas  lectionis  ist  näherhin  die  folgende: 

n6l.  lovd.  a  248.  ßccgtatpgdvov  P  ßagtccydvov  MLVRC  breua- 
Lat.    barzafrane  Heg.    ßccg£ct(pdgvov  ed.  pr. 
249.    Ba^atpgdvr\v  P  A    ßag^a(pdm\v  MLC    ßag{a<pdvri  V  R 
'ctnem  Lat. 

§  255.  ßagfatpgdvriv  PA  ßag^atpdvnv  MLVBC  brazafranem 
Lat.    barzafranen  Heg. 

*  433.    Batatpgavrig  P  A  Ezc.  Peiresc.    ßagZatpdvng  MLVRC 
ine»  Lat.    barzafranes  Heg. 
agr.  id  330.    äag£aq>gapdvrig  L    ßagZacpagnav^g  FV  ßa^awag- 
fuxv7]t  K  Photius  biol.  p.  815  barzaframane*  Lat.  ßag^acpgdvrig  AMW 
ßa^atpgdvr\g  P. 

§  332.  ßagtcc<pga\Ldvr\$  F  ßagoa<pgccudvr]g  L  Ba£a<pagudin\g  Photius 
barzaframane*  Lat.    ßag^atpgdvr\g  AMW    ßa$uq>gdvi\g  F  om.  V. 

§  341.  ßug£ayga\tdvr]v  F  L  ßa£ag<pagfidvrtv  V  ßa£aq>agitdvriv  E 
barzaframanem  Lat.  Bagtua>ag\ukvT\v  Zun.  I  p.  411  ßag^u(pgdvr\v  AMW 
ßa$atpgdirnv  P. 

§  343.  ßagtatpgayLdvris  F  L  ßafagtpagiidvrig  V  /fafaqpapfwtvfjff  E 
barzaframane*  Lat.    ßag^aipgdvrig  AMW    ßatatpgdvr\g  P. 

§  846.  ßag^acpga^vnv  F  L  Lat.  ßaZugtf(tgy.dvrlv  V  ßa^atpag- 
fukrn  E   ßagtatpgdvriv  P  A  M  W. 


a)  Vgl.  *agvo*zog  Aisch.  Pers.  313.  966,  bei  Her.  Qctgvd*rig, 
*agvattL9gng  etc. 

b)  Die  assyrische  Umschreibung  -parna  kann  in  der  Frage,  ob 
famah-  oder  franah-  zu  sprechen  sei,  nichts  entscheiden,  schon  aus 
dem  einfachen  Grunde,  weil  das  Babylonisch-Assyrische  wie  alle  semi- 
tischen Sprachen  eine  Doppelkonsonanz  im  Anlaute  nicht  kennt,  um 
von  der  wilden  Regellosigkeit  und  Willkür  der  assyrisch-babylonischen 
Transskriptionen  ganz  zu  schweigen.  So  schreibt  Sargon  ffa-ar-tuk-ka 
d.  i.  natürlich  nicht  =  'Agxvxag  (Büdinger,  Der  Ausgang  des  medi- 
schen  Reiches.  SBWA.  1880  S.  499.  Justi,  Iran.  Namenbuch  S.  127. 
Rost  a.  a.  O.  115.  Streck,  ZA  XV  859),  sondern  =  ap.  Chralu-ka, 
eine  Kurzform  zu  einem  Vollnamen  wie  aw.  Spgntö-chratu  „heilige 
Weisheit  besitzend*  jt.  18,  115.  Die«  gegen  Hüsing,  ZDMG.  54,  125  f. 


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186 


J.  Marquart, 


Für  die  Bestimmung  der  Zeit  dieses  zweiten  babylonischen 
Auf  Standes  bieten  die  babylonischen  Vertragstafeln  bis  jetzt  keine 
sichere  Handhabe.  Wenn  aber,  wie  Dnncker  und  Weissbach 
annehmen *)  und  was  auch  mir  das  Wahrscheinlichste  ist,  die  Zeit- 
angabe der  Inschrift  (HI  75 — 76):  „während  ich  in  Persien  und 
Medien  war"  besagt,  dass  der  Aufstand  ausbrach,  während  der 
König  und  seine  Heerführer  noch  mit  der  Niederwerfung  der 
dortigen  Aufstände  beschäftigt  waren,  so  muss  derselbe  noch  ins 
zweite  Jahr  fallen,  da  der  medische  Aufstand  mit  der  Hinrichtung 
des  FrawartiS  und  der  persische  mit  der  Schlacht  beim  Berge 
Prga  am  6.  Garmapada  (I.)  des  dritten  Jahres  ihr  Ende  fanden. 
Dazu  stimmt,  dass  ein  M  e  d  e  r  mit  der  Unterdrückung  der  baby- 
lonischen Erhebung  betraut  wird:  das  Heer  des  Artawrdija  war 
also  noch  nicht  verfügbar,  gegen  die  semitischen  Babylonier  konnte 
man  es  aber  wohl  wagen  die  eben  unterworfenen  Meder  aufzu- 
bieten und  ihnen  auf  diese  Weise  rasch  das  gemeinsame  Interesse 
der  Perser  und  Meder  am  iranischen  Reiche  der  Achaimenidon 
zum  Bewusstsein  zu  bringen.  Dareios  war  offenbar  froh,  den 
medischen  Adel  ausserhalb  des  Landes  beschäftigen  zu  können 
und  ihn  so  an  die  neue  Herrschaft  zu  fesseln,  während  er  die 
Perser  gegen  die  noch  unter  den  Waffen  stehenden  Parther  und 
Hyrkanier  verwenden  musste.   Aracha  hätte  sich  demnach  alsbald 


u  \1.    ßayZacpQaiucvris  PLV    ßa^acpQa^dv-qg  P  barzaframane» 
Lat.    ßctQga(pQdv7}Q  A  M    ßaQ£cccpQcdvr)s  W. 

x  245.  BatcccpuQiuxvrrf  Phot.  p.  818  ßaQ£aßdvi}g  codd.  E  yq 
ßaQ£tt<pQccpr\<s  in  marg.  A    barzanes  Lat.    QccQvaßdfov  Photius  p.  53. 

Niese  hat  sich  den  Palatinus  (=  P)  zum  Führer  genommen 
und  Uberall  Ba£a<pQ<tv7}g ,  Naber  völlig  willkürlich  BuQ^uqxxQvrig  in 
den  Text  gesetzt.  Allein  der  Stand  der  Überlieferung  läset  offenbar 
nur  die  Deutung  zu,  dass  Josephos  in  der  Kriegsgeschichte  fiapgtx- 
tpQccvr\9  geschrie  Den  und  dies  in  der  fast  20  Jahre  später  heraus- 
gegebenen Archäologie  in  Bao£a<pQa{iavi]g  verbessert  hatte.  Aus  dem 
jüdischen  Krieg  ist  dann  im  Archetypus  der  Handschriften  klasse  AMWP 
und  auch  sonst  teilweise  die  Form  Bag^a<pQccvTig  in  die  Archäologie 
interpoliert  worden.  Als  wirklicher  Name  des  parthischen  Satrapen, 
den  Moses  Chorenac'i  (H  19.  24.  III  34)  zum  Geschlechtshaupt  des 
armenischen  Notabeingeschlechtes  der  Rstunier  und  zum  Feldmarschall 
von  Armenien  und  Persien  gemacht  hat,  hat  demnach  BaQ^awgafucvr]g 
zu  gelten  =  altmodisch  *ßrza-framäna  .erhabenem  Befehle  (folgend)*, 
ein  vollname  wie  Z^do^ivrig  Her.  7, 82.  121  ■»  ap.  *Brdamanii  .hoch- 
sinnig*. Einen  ähnlichen  Vollnamen  setzt  die  Kurzform  ap.  Brdya, 
medisch  Brzija  voraus;  vgl.  A&xig  zu  Aaxa-fpiqx\g.  Es  wird  daher  sehr 
fraglich,  ob  in  $pawxarf}ff  (so  die  Hss.)  Strub.  t£  2,  8  p.  751,  $?<m- 
»aTTjp  (9QavrYxaxr\g)  Plut.  Anton.  33,  ^qavanaxrig  (so  die  Hss.)  Kass. 
Dion  48,  41,  3.  4,  Pharncutanes  oder  PhamastaU»  coad.  Frontin  2,  5,  37, 
wirklich  farndh-  zu  suchen  ist.  Wahrscheinlicher  ist  der  Name  mit 
NupaxT\g  (Arr.  1,  12,  8.  16,  3}  d.  i.  ap.  *n*-pö*a-  .beschützt*  oder  ni-pätar, 
nom.  -nipäiä  .Beschützer*  (mit  Anlehnung  an  gr.  virpdg  .Schnee')  zu- 
sammenzustellen. Justi,  Iran.  Namenbuch  S.  103  a  deutet  ihn  zweifelnd 
als  .hervor(ragenden)  Schutz  gewährend  (aw.  nipüüi)*. 

»)  Duncker,GA.IV405  A.l.  Ihm  folgt  Weissbach  a.  a.  0. 519. 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Er  an. 


187 


erhoben,  nachdem  Dareios  ans  Babylonien  abgezogen  und  das  Land 
von  Truppen  entblösst  war,  was  auch  aus  allgemeinen  Erwägungen 
sehr  wahrscheinlich  erscheint  Sollte  sich  diese  Auflassung  be- 
stätigen, so  wäre  zugleich  die  Richtigkeit  der  Namensform  Marga- 
zana und  die  Identität  dieses  Monats  mit  dem  babylonischen 
Sabatu  und  dem  armenischen  Margac*  bewiesen. 

Weissbach  S.  520  macht  dagegen  darauf  aufmerksam,  dass 
sich  in  den  Urkunden  zwischen  dem  23./II.  und  dem  2./V.  des 
vierten  Jahres  des  Dareios  (Strassmaier  Nr.  69  und  70)  eine 
Lücke  findet,  und  in  dieser  Zeit  der  Aufstand  ausgebrochen  und 
niedergeworfen  worden  sein  könnte.  In  diesem  Falle  wäre  der 
Margazana  dem  Düzu  (TV.)1)  gleichzusetzen,  wie  Unger  an- 
genommen hatte,  die  Täfelchen  vom  14./ VI.  und  16./V11.  des  ersten 
Jahres  des  Nabü-kudurri-ucur  könnten  dann  aber  natürlich  nicht 
auf  den  Aufstand  des  Aracha  bezogen  werden.  Bis  es  also  ge- 
lingt, durch  Auffindung  neuer  historischer  Texte  den  Aufstand 
des  Aracha  zeitlich  festzulegen,  muss  auch  der  Monat  Margazana 
unbestimmt  bleiben. 

Der  Aufstand  des  öi^rafitachma  fällt  ins  dritte  Jahr.  Gegen 
ihn  wurde  ein  aus  Persern  und  Medern  zusammengesetztes  Heer 
ausgesaugt.  Offenbar  war  man  der  Treue  der  Meder  im  Kampfe 
gegen  den  angeblichen  Sprossen  des  gefeierten  HuwachStra  nicht 
sicher  und  sollten  die  Perser  das  medische  Eontingent  im  Schach 
halten.  Daraus  schliesse  ich,  dass  Dareios  erst  nach  der  Rück- 
kehr des  persischen  Hilfsheeres  aus  Parthien  an  die  Niederwerfung 
des  Öitfraütachma  gehen  konnte.  Daran  mag  sich  dann  die  end- 
liche Unterwerfung  der  Armenier  angeschlossen  haben. 

Stellen  wir  nun  die  gewonnenen  Ergebnisse  in  einer  chrono- 
logischen Tabelle  zusammen. 


»)  Bei  Weissbach  steht  infolge  eines  Druckfehler«  „der  VII. 
Monat4. 


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J.  Marquart, 


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190 


J.  Marquart, 


1 

[    20./XL     Tftfelchen  des  Dareios  (ohne  Ort). 
Aafstand  der  Armenier. 
DädrSiS  nach  Armenien  gesandt. 

8.  /II.      Schlacht  bei  Zaza  in  Armenien. 
18./II.      Schlacht  bei  Tigrä  in  Armenien. 

9.  /HL     Schlacht  bei  der  Festung  Uhjäma  in  Armenien. 

(DädrSis  in  der  Festang  eingeschlossen.) 
?  /III.     Täfelchen  aas  Babylon. 

Aafstand  des  Fräda  in  Margiana. 

Aafstand  des  Wahjazdäta-Bardija  in  Jantijä  (Pars). 

Die  OataguS  und  Saka  erklären  sich  för  Bardija.    (Der  Satrap 

Wiwäna  von  Arachosien  zieht  gegen  die  OataguS.) 
Die  Parther  und  Hyrkanier  schliessen  sich  dem  Aufstande  des 
FrawartiS  an. 

Wahjazdäta  sendet  den  Öatagul  eine  Streitmacht  zu  Hilfe. 
Dädr&S,  der  Satrap  von  Baktrien,  zieht  gegen  Fräda. 
23./IX.     Schlacht  in  Margus. 

Dareios  sendet  den  Wahumisa  von  Babylonien  nach  Armenien. 
1S./X.      Sieg  des  Wiwäna  fiber  die  Truppen  des  Wahjazdäta  bei  Käpi&akäniS. 
15./X.      Sieg  des  Wahumisa  über  die  Armenier  in  der  Landschaft  Izzila. 
in  Assyrien. 
7./XTT.    Schlacht  bei  Gandumawa. 

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Untersuchungen  cur  Geschichte  von  Kran. 


191 


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192 


J.  Marquart, 


Wir  haben  bisher  angenommen,  dass  sich  die  altpersischen 
Monate  völlig  mit  den  babylonischen  deckten.  In  der  That  ent- 
sprechen den  altpersischen  Monatstagen  der  Behistüninscbrift  an 
den  wenigen  Stellen  des  babylonischen  Textes,  an  denen  die 
Datumsangaben  erhalten  sind1),  stets  die  gleichen  Tage  des  dem 
altpersischen  substituierten  babylonischen  Monats.  Da  nun  das 
babylonische  Jahr  gleich  dem  altgriechischen  ein  gebundenes  Mond- 
jahr von  12  Monaten  mit  abwechselnd  29  und  30  Tagen  war,  das 
alle  paar  Jahre  durch  Einschiebung  eines  ganzen  Monats  mit  dem 
Sonnenjahre  ausgeglichen  wurde,  so  dass  sein  Beginn  immer  wieder 
auf  das  Prühlingsäquinoktium  zurückwich,  so  war  eine  solche 
Übereinstimmung  der  persischen  mit  den  babylonischen  Monaten 
selbstverständlich  nur  möglich,  wenn  die  Perser  auch  das  ganze 
Schaltsystem  der  Babylonier  übernommen  hatten.  Dieses  kann 
aber  keinesfalls  einfach  und  allgemeinverständlich  gewesen  sein, 
da  es  bis  heute  nicht  gelungen  ist,  die  für  dasselbe  giltigen 
Kegeln  aus  den  Texten  abzuleiten3).  Es  war  also  unzweifelhaft 
schwierig  zu  bandhaben,  und  daraus  würde  von  selbst  folgen,  dass 
die  Perser  für  die  Regelung  ihres  Kalenders  fortdauernd  von  den 
sternkundigen  Babyloniern  abhängig  blieben.  Dies  will  indessen 
Oppert  nicht  einleuchten,  und  er  glaubt  daher,  das  altpersische 
Jahr  sei  nicht  mit  dem  babylonischen  identisch,  sondern  wie  das 
später  bei  den  Persern  übliche  mazdajasnische  ein  reines  Sonnen- 
jahr von  865  oder  366  Tagen  gewesen,  das  in  12  Monate  zu 
30  Tagen  und  5  oder  6  Epagomenen  eingeteilt  worden  wäre8). 
Dabei  ist  er  natürlich  zu  der  Unterstellung  gezwungen,  „dass  die 
Gleichsetzung  der  babylonischen  und  altpersischen  Monate  nur  an- 
nllhernd  richtig  war,  und  dass  man  beispielsweise  den  14.  Viyakhna 
durch  14.  Adar  wiedergab,  ohne  nachzusehen,  ob  dieses  syn- 
chronistisch stimmte". 

Diese  Auffassung  setzt  voraus,  dass  entweder  eine  der  beiden 
Versionen,  sei  es  die  persische  oder  die  babylonische4),  nur  eine 

*)  Es  sind  dies  folgende  (nach  C.  Bezold,  Die  Achämeniden- 
inschriften.  Transcription  des  oabyl.  Textes  etc.  Leipzig  1882  = 
Assyriol.  Bibl.  II): 

bab.  Z.  56  :  30.  Aiara  =  ap.  II  61/62:  letzter  8ürawahara  = 

elam.  II  47:  Binde  des  Surmar: 
bab.  Z.  52:  9.  Simänu  =  ap.  II  46/47:  9.  Qäigreiä  =  elam.  H  35: 
9.  Saakurrizis; 

bab.  Z.  86  :  26.  Kislimn  =  elam.  I  71 :  26.  ASSyatijaS  =  ap.  I  89: 
27.  Äfrrijädija. 

bab.  Z.  46  :  27.  tebitu  =  ap.  II  26:  6.  (?)  Anämaka  =  II  18/19: 
27.  Anamakkas. 

bab.  Z.  15:  14.  Adar  =  ap.  I  37/88:  14.  Wijachna  (elam.  fehlt\ 
Vgl.  auch  Oppert,  ZDMG.  52,  259  ff. 

*)  Vgl.  zuletzt  Weissbach,  Uber  einige  neuere  Arbeiten  zur 
babylonisch-persischen  Chronologie.   ZDMG.  55,  195  ff. 

»)  ZDMG.  52,  266. 

«)  Die  elamitische  gebraucht  die  altpersischen  Monatsnamen. 


Untersuchungen  wir  Geschichte  von  Eran.  193 


sklavische,  ja  stumpfeinnige  Wiedergabe  der  andern,  oder  dass  die 
Inschrift  erst  lange  nach  den  Begebenheiten  eingemeisselt  worden 
sei,  so  dass  man  sich  darauf  beschränken  musste,  die  sei  es  per- 
sisch, sei  es  babylonisch  geschriebenen  Originalberichte  über  die 
einzelnen  Aufstände  zusammenzustellen  und  die  von  denselben  ge- 
botenen Daten  einfach  stehen  zu  lassen,  da  zur  Herstellung  der  wirk- 
lichen Synchronismen  verwickelte  Rechnungen  nötig  gewesen  wären. 

Was  den  erstem  Punkt  betrifft,  so  steht  allerdings  fest,  dass 
der  persische  Text  als  Original  zu  betrachten  ist  Ein  Babylonier 
hätte  ohne  Zweifel  streng  chronologisch  erzählt,  wie  der  aus  dem 
22.  Jahre  des  Dareios  stammende  erste  Teil  der  babylonischen 
Chronik  sowie  die  Nabün äld-Kyros- Chronik  beweisen.  Dagegen 
zeigt  die  episodische  Erzählungsweise  der  Inschrift,  die  sogar  jede 
Jahresangabe  verschmäht,  dass  sich  eine  historische  Prosa  bei  den 
Persern  noch  nicht  ausgebildet  hatte.  Beispiele  dieses  episodischen 
Stiles  finden  sich  auch  noch  in  den  persischen  Überlieferungen 
bei  Ktesias.  Die  Inschrift  von  Behistün  steht  also  in  dieser  Hin- 
sicht auf  demselben  Standpunkte  wie  die  alttürkischen  Inschriften 
des  Bilgä  Chagan  und  Kültigin.  Dass  aber  andererseits  die  baby- 
lonische Version  sich  keineswegs  auf  eine  sklavische  Wiedergabe 
der  persischen  beschränkt,  wird  schon  durch  die  nur  in  ihr  vor- 
handenen genauen  feindlichen  Verlustziffern  erwiesen,  die  ganz 
dem  Gebrauche  der  assyrischen  Annalen  entsprechen.  Der 
dupsar  wird  also  auch  die  persischen  Heere  wie  einst  die  der 
Assyrerkönige  begleitet,  die  Zahlen  der  gefallenen  und  gefangenen 
Feinde  sorgfältig  aufgezeichnet  und  sofort  im  Namen  der  Heer- 
föhrer  Berichte  Aber  die  einzelnen  Feldzüge  verfasst  haben,  die 
dann  an  den  König  gesandt  und  später  dem  Archive  zu  Babylon, 
Hagmätana  oder  Susa  einverleibt  wurden.  Diese  Originalberichte 
musB  der  Verfasser  der  babylonischen  Übersetzung  der  grossen 
Inschrift  selbstständig  eingesehen  haben. 

Von  grosser  Wichtigkeit  wäre  es  zu  wissen,  ob  dieselben 
ursprünglich  babylonisch  oder  persisch  geschrieben  waren.  Diese 
Frage  wäre  freilich  gegenstandslos,  wenn  sich  Weissbachs 
These,  dass  die  altpersische  Keilschrift  erst  auf  Veranlassung  des 
Dareios  erfunden  worden  sei1),  erweisen  Hesse.  Zuzugeben  ist, 
dass  wir  vor  Dareios,  abgesehen  von  der  kurzen  Inschrift  von 
Muryäb,  deren  Zuweisung  an  Kyros  II.  oder  Kyros  HI.  noch  um- 
stritten ist,  bis  jetzt  keine  Zeile  in  persischer  Sprache  besitzen, 
während  wir  andererseits  Beweise  dafür  haben,  dass  Kyros  der 
Grosse  sich  für  Proklamationen  des  Babylonischen  bediente.  Allein 
die  Beschaffenheit  der  altpersischen  Schrift  sowie  gewisse  Eigentüm- 
lichkeiten derselben  sind  nur  unter  der  Voraussetzung  verständlich, 
dass  sie  bereits  eine  längere  Entwicklung  hinter  sich  hatte2). 


«)  ZDMG.  48,  664. 

*)  Ähnlich  Jensen,  ZDMG.  55,  289. 

PhUologut  SuppleraentbMid  X,  Kr»te«  Heft. 


13 


194 


J.  Marquart, 


Dazu  rechne  ich  vor  allem  die  höchst  auffällige  und  sprach- 
geschichtlich nicht  zu  rechtfertigende  Erscheinung,  dass  das  Zeichen 
für  u  auch  die  Silbe  ku  vertritt,  und  zwar  selbst  in  der  Lautfolge 
huwa  =  aw.  kwa  und  chwa,  in  welcher  das  h  seit  alters  beson- 
ders hart  gesprochen  wurde;  vgl.  Qaovaxvag  —  ap.  *farnaNuoah>, 
aw.  chwar9nahuh&  (für  *chwcamanhwä),  mp.  farrachw,  np.  farruch; 
Aq<x%m6g  =  ap.  HaraSiwatiö ,  aw.  Harahioafti;  XodöTtijg  = 
ap.  ^uwaspa.  Diese  Schrulle  lässt  sich  meines  Erachtens  nur 
dadurch  befriedigend  erklären,  dass  in  der  altpersischen  Schrift 
schon  vor  Dareios  die  neususischen  Zeichen  für  i?  und  hu  (Nr.  60 
und  30  in  Weissbach's  Schrifttafel,  s.  Weissbach,  Die 
Achämenideninschriften  zweiter  Art  S.  34.  35)  graphisch  zusammen- 
gefallen waren.  Freilich  könnte  man  denken,  dass  für  Kyros  II. 
und  seine  Vorfahren,  die  in  Anzan  residierten  und  sich  selbst- 
verständlich der  dortigen  Landessprache  anbequemen  mussten,  kein 
Bedürfnis  nach  einer  persischen  Schrift  vorlag.  Allein  der  Um- 
stand, dass  die  elamitische  Übersetzung  der  Inschrift  von  Behistün 
durchweg  die  altpersischen  Monatsnamen  gebraucht,  beweist  un- 
widersprechlich,  dass  unter  £li$pi§  und  seinen  Nachfolgern  das  Öffent- 
liche Leben  in  Anzan  und  seit  Kyros  II.  auch  in  Susiana  durchaus 
auf  persischem  Fusse  eingerichtet  worden  war.  Das  Nämliche 
lehren  die  verhältnismässig  zahlreichen  persischen  Lehnwörter  meist 
politischen  Charakters  im  Neuelamitischen 1).  Es  ist  daher  sehr  be- 
greiflich, wenn  die  Perser  in  Anzan,  als  sie  die  elamitisch-babylonische 
Kultur  annahmen,  ohne  doch  ihre  volkliche  Eigenart  aufzugeben, 
auch  das  Bedürfnis  nach  einer  für  ihre  Sprache  passenden  Schrift 
empfanden.  Von  Anzan  aus  mag  sich  diese  Schrift  dann  auch  nach 
dem  benachbarten  Pars  verbreitet  haben,  wo  die  direkten  Vorfahren 
des  Dareios  bis  zur  Gründung  des  Reiches  des  Kyros  Könige 
gewesen  sein  müssen1).  Ich  bin  daher  allerdings  davon  Über- 
zeugt, dass  die  altpersische  Keilschrift  älter  ist  als  Dareios.  Allein 


*)  Jedem  Unbefangenen  muss  eB  angesichts  dieser  Thatsachen  klar 
sein,  wie  sehr  sich  diejenigen  lächerlich  gemacht  haben,  welche  dem 
Kyros  und  seiner  Sippe  das  persische  Volkstum  absprechen  zu  sollen 
glaubten.  —  Bekanntlich  behauptet  Dareios  Beh.  19— 10,  vor  ihm 
seien  8  aus  seiner  Familie  seit  langem  einander  folgend  (duwitätaranam) 
König  gewesen,  gibt  aber  keinem  seiner  direkten  Vorfahren,  die  er  bis 
auf  HachrunaniS  aufzählt,  den  Königstitel.  Durch  den  Cylinder  des 
Kyros  Z.  12.  21  ist  bekannt,  dass  Kyros  und  seine  Vorfahren  bis  auf 

Öispis  einschliesslich  Könige  von  Ansan  (Elam)  waren.  Diesen  Titel 
führt  Kyros  in  der  babylonischen  Chronik  II  1  noch  beim  Angriff  des 
tttuwegu  im  VI.  Jahre  des  Nabünäi'd  (551/50),  im  IX.  Jahre  dagegen 
(548  47)  heisst  er  auf  einmal  .König  von  Parsu*  (II  16  in  Schräder^ 
KB  III  2  S.  131).  Daraus  schliesse  ich,  dass  Kyros  in  der  Zwischen- 
zeit auch  die  Krone  von  Pars  erworben  hatte,  die  vermutlich  eben 
durch  den  Tod  des  Arsama  erledigt  worden  war,  und  damit  die  seit 

dem  Tode  des  Cilpü  getrennten  Besitzungen  der  Achaimeniden  wieder 
vereinigte.    Die  8  Könige  wären  darnach: 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


195 


damit  ist  noch  nicht  gegeben,  dass  dieselbe  auch  eine  häufige 
Verwendung  fand  und  ihre  Kenntnis  eine  nennenswerte  Verbrei- 
tung hatte.  Jedenfalls  dürfen  wir  bei  den  persischen  Schreibern 
nicht  die  Gewandtheit  im  schriftlichen  Ausdruck  und  in  der 
raschen  Anfertigung  von  Briefen  und  Berichten  voraussetzen,  welche 
die  auf  den  Schultern  einer  Jahrtausende  alten  ununterbrochenen 
literarischen  Tradition  stehenden  babylonischen  Tafelschreiber 
durch  eine  sorgfaltige  Schulung  und  langjährige  Übung  erlangt 
hatten.  Dazu  kommt,  dass  die  altpersische  Keilschrift  durch  ihre 
grosse  Umständlichkeit,  den  Mangel  an  Ideogrammen  etc.  un- 
verhältnismässig  viel  Raum  und  Zeit  in  Anspruch  nahm  und  sich 
daher  trotz  ihrer  Deutlichkeit  zu  kurzer  und  rascher  Bericht- 
erstattung am  allerwenigsten  eignete.  Dies  war  sicherlich  auch 
ein  Hauptgrund,  weshalb  bei  den  Persern  selbst,  zunächst  bei  den 
in  amtlicher  Stellung  in  Syrien,  Ägypten  und  Kleinasien  weilenden, 
aramäische  Sprache  und  Schrift  in  Aufnahme  kam,  woraus  dann 
das  unselige  ZewäriSn,  die  sog.  PahlawTschrift  entstanden  ist1). 
Wann  Kuhhäute  (dup&egca)  als  Schreibmaterial  bei  den  Persern 
in  Aufnahme  kamen  und  welche  Schriftart  auf  ihnen  verwandt 
wurde,  wissen  wir  bis  jetzt  nicht3).  Die  nur  in  elamitischer  Sprache 
abgefasste  Inschrift  Behistün  L,  welche  etwas  auf  das  iranische 
Schriftwesen  Bezügliches  auszusagen  scheint,  ist  bisher  nicht  sicher 
erklärt.    Vgl.  Jensen,  ZDMG.  55,  232  ff. 

Die  Inschrift  des  Dareios  selbst  liefert  allerdings  für  die 
Entscheidung  der  Frage  keine  bestimmte  Handhabe.  Soviel  ist 
unzweifelhaft,  dass  sie  sich  an  Ausführlichkeit  und  namentlich  an 
topographischer  Genauigkeit  mit  den  Inschriften  der  assyrischen 
Könige  nicht  im  entferntesten  messen  kann.  Letzteres  gilt  in- 
dessen ebenso  für  die  uns  erhaltenen  babylonischen  Chroniken  — 
und  wie  wenig  eingehende  Kriegsberichte  dem  Geschmacke  der 
kriegerischem  Wesen  abholden  Babylonier  entsprachen,  kann  man 


1.  Hachamaniä. 

2.  Öispis,  König  von  An&an  (und  Pars).  

3.  Kürofi  L,  Kg.  von  6.  Arijärämna,  Kg.  von 

Ansan.  Pars. 

4.  Kambugija  1.,  Kg.  7.  ArSäma,  ig.  von  Pars. 

von  An&an. 
i 

lurus  II.,  Kg. 
in,  von  Pars, 
Länder,  von  Babyl 


5  Korus  II.,  Kg.  von  Wiätäspa,  Satrap  von 

Anlan,  von  Pars,  der  Parthien. 


ton. 


8.  Kambugija  IL,         Bardija.  9.  DärajawahuS,  Kg. 

Kg.  der  Länder.  der  Länder. 

')  Die  erste  Uterarische  Erwähnung  derselben  finde  ich  bei  Diod. 
19,  23,  3,  wo  ein  gefälschter  Brief  des  Satrapen  Orontes  von  Armenien 
in  syrischer  Schrift  (und  Sprache)  eine  Bolle  spielt 

«)  Vgl.  Assyriaka  536. 

18» 


196 


J.  Marquart, 


am  deutlichsten  daraus  ersehen,  dass  wir  bis  heute  noch  keinen 
eigentlichen  Bericht  über  den  Untergang  des  assyrischen  und  die 
Gründung  des  neubabylonischen  Reiches  von  babylonischer  Seite 
besitzen.  Für  diese  Vernachlässigung  der  Chronologie  ist  zweifel- 
los der  Verfasser  der  Inschrift  selbst,  nicht  seine  Vorlagen  ver- 
antwortlich. 

Aus  all  diesen  Erwägungen  wird  man  schliessen  müssen,  dass 
auch  für  offizielle  Berichte  von  Beamten  und  Heerführern  unter 
den  ersten  Achaimeniden  mindestens  bis  in  die  ersten  Jahre  des 
Dareios  hinein  das  Babylonische  massgebend  blieb.  Ist  demnach 
anzunehmen,  dass  babylonisch  geschriebene  Berichte  bei  der  Ab- 
fassung der  grossen  Inschrift  als  Unterlage  gedient  haben,  so  wäre 
es  doch  schlechthin  absurd  dem  persischen  Verfasser  zuzutrauen, 
er  habe  einfach  die  Daten  seiner  Vorlagen  übernommen  und  sich 
darauf  beschrankt,  die  babylonischen  Monatsnamen  nach  einem 
bestimmten  Schema  durch  persische  zu  ersetzen.  Dies  wird  schon 
dadurch  ausgeschlossen,  dass  der  Jahrestag  der  Beseitigung  des 
Gaumäta  durch  sein  Zusammenfallen  mit  dem  grössten  iranischen 
Feste  allgemein  bekannt  sein  musste.  Ein  so  leichtsinniges  oder 
besser  gesagt  lüderliches  Verfahren  wäre  nur  dann  glaubhaft  und 
begreiflich,  wenn  der  König,  der  seine  Untertanen  in  würdigen 
und  ernsten  Worten  zur  Redlichkeit  und  Gerechtigkeit  ermahnt 
und  sich  bewusst  ist,  mit  Ahuramazdäh's  Hilfe  nach  gewaltigem 
Ringen  über  Lüge,  Empörung  und  Gewaltthat  obgesiegt  und  das 
von  seinen  Vorfahren  durch  Gerechtigkeit  gegründete  Reich  wieder 
hergestellt  zu  haben,  selbst  nichts  weiter  als  ein  niederträchtiger 
Gleissner  und  Lügner  gewesen  wäre,  wie  uns  Winckler  und 
Genossen  glauben  machen  möchten. 

Nichts  deutet  darauf  hin,  dass  die  Inschrift  erst  eine  Reihe 
von  Jahren  nach  Beendigung  der  Aufstände  eingemeisselt  wäre. 
Die  nur  persisch  ausgefertigte  fünfte  Kolumne,  welche  noch  von 
der  Niederwerfung  eines  dritten  Aufstandes  der  Elamiten  sowie 
einer  Erhebung  der  spitzmützigen  Saken  jenseits  des  Iaxartes  unter 
ihrem  König  Skunka  erzählt,  die  mit  den  Aufständen  im  Anfange 
der  Regierung  des  Dareios  in  keiner  Verbindung  stehen  und  erst 
mehrere  Jahre  später  stattgefunden  haben1),  ist  ebenso  wie  das 


*)  Rawlinson  liest  Z.  2—4: 

ünah  .  t[jah  .  adam  .  ]  akuunawa[m  . 

mä  .  r  Qvrdam  .ji&ä  .  chtäja 

&>ja  

Die«  ergänzt  Oppert,  Le  peuple  et  la  langue  des  Medes  p.  158s. 
folgendermaßen : 

imah  .  t[jah  ,  adam  .  ]  afoHinairalm  ,  jä 

(t)ä  .  (du)[wcada&amam  .  ]  öardam  .  [pasäwah  .  ja]öa  .  cJüfäja 

frijafr  [  .  abawam. 

„Dies  (ist)  wfas  ich]  tat  [bis]  cum  z[wölften]  Jahre  [nach]  dem  ich  König 
[wurde].-  Wäre  öardam  sicher,  so  könnte  allerdings  das  r  vor  der 
Lücke  nur  su  d**  ergänzt  werden. 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


197 


Bild  des  Sakenfnrsten  Skunka  nach  allgemeiner  Annahme  erst 
nachtraglich  hinzugefügt  worden.  Die  vier  ersten  Kolumnen  da- 
gegen bilden  eine  in  sich  abgeschlossene  literarische  Komposition 
und  sind  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  bald  nach  den  Ereignissen 
eingemeisselt  worden,  zumal  da  sie  ja  nicht  etwa  dem  Ruhme  des 
Königs,  sondern  ganz  bestimmten  praktischen  Zwecken  zu  dienen 
bestimmt  waren.    Dies  geht  auch  aus  Folgendem  hervor. 

Bei  den  Ausgrabungen  der  Deutschen  Expedition  in  Babylon 
ist  ein  Bruchstück  des  babylonischen  Textes  der  Inschrift  gefunden 
worden1).  Dadurch  wird  eine  von  mir  schon  lange  gehegte  Ver- 
mutung zur  Wahrscheinlichkeit  erhoben,  dass  Dareios  in  den  Haupt- 
städten aller  derjenigen  Provinzen,  die  sich  empört  hatten,  Duplikate 
der  Inschrift  zur  ständigen  Warnung  hatte  aufstellen  lassen.  Man 
darf  daher  annehmen,  dass  solche  auch  in  Hagmatäna,  Arbela,  in 
der  Landschaft  Jautijä  (Kenn an),  in  Parthien,  Arachosien  und  in 
Marw  standen,  und  zwar  werden  dieselben  nur  den  persischen 
Text  enthalten  haben,  wie  das  in  Babylon  gefundene  Bruchstück 
nur  den  babylonischen.  In  Pars  aber  hatte  man  die  auf  die  Auf- 
stände dieser  Provinz  bezüglichen  Daten  jedenfalls  noch  in  der  Er- 
innerung, und  Dareios  wird  sich  schwerlich  der  Gefahr  haben  aus- 
setzen wollen,  eventuell  von  seinen  Landsleuten  als  Lügner  ertappt 
zu  werden.  Endlich  ist  noch  zu  bedenken,  dass  es  doch  etwas 
anderes  ist,  wenn  der  König  von  Asien  an  weithin  sichtbarer  Stelle, 
an  der  grossen  Heerstrasse,  die  aus  dem  westlichen  nach  dem  öst- 
lichen Zweistromlande  führt,  seinen  Völkern  in  den  Sprachen  der 
drei  wichtigsten  Königreiche  seines  weiten  Reiches  feierlich  seine 
Siege  über  die  gegen  ihn  aufgestandenen  Empörer  verkündet,  als 
wenn  ein  armenischer  Mönch  bei  der  Übersetzung  griechischer 
Werke  ins  Armenische  oder  armenischer  ins  Griechische  Monats- 
namen des  festen  römischen  oder  makedonisch -römischen  Kalenders 
durch  solche  des  armenischen  Wandeljahres  verdolmetscht  und  um- 
gekehrt8). Dies  wird,  hoffe  ich,  gentigen,  um  in  allen  denjenigen, 
welchen  es  um  die  Erforschung  der  Wahrheit  und  nicht  darum 
zu  thun  ist,  durch  möglichst  gewagte,  scharfsinnig  sein  sollende 
Vermutungen  unter  suveräner  Beiseiteschiebung  der  Überlieferung 
einander  zu  übertrumpfen  und  von  sich  reden  zu  machen  und  für 
ihre  eigenen  Hypothesen  wie  für  ein  neues  Evangelium  unbedingten 


*)  Vgl.  Weissbach,  Babylonische  Miscellen.  Wissenschaftliche 
Veröffenthchuugen  der  Deutschen  Orient-Gesellschaft  IV,  1908,  S.24 — 26. 

*)  Vgl  über  solche  Vergleichungen  Gutschmid,  Kl.  Sehr.  III, 
346—348.  —  Rätselhaft  ist  mir  der  Gebrauch  syrischer  Monatsnamen 
in  den  aramäischen  Inschriften  von  Arebsun  (Zoropassos)  in  Kappa- 
dokien (s.  Lidzbarski,  Ephem.  der  semit.  Epigraph ik  I  S.  70.  71 
Abb.  1  Z.  1.  822  Abb.  A  Z.  1.  323),  da  dieselben  doch  trotz  ihres 
astrologischen  Charakters  deutlich  mazdajasnisch  sind  und  in  Kappa- 
dokien der  jungawestische  Kalender  herrschte,  wogegen  das  syrische 
und  syrisch-makedonische  Jahr  ein  gebundenes  Mondjahr  war.  — 


198 


J.  Marquart, 


Glauben  zu  verlangen,  die  Überzeugung  zu  befestigen,  dass  die 
Inschrift  des  Dareios  in  allen  drei  Texten  ernst  genommen  sein 
will  und  ernst  genommen  werden  muss! 

Besteht  aber  irgend  eine  Nötigung  oder  auch  nur  Veranlassung 
zu  dem  Glauben,  das  altpersische  Jahr  sei  mazdajasnisch  im  engeren 
Sinne  und  gleich  diesem  ein  Sonnenjahr  gewesen?  Auf  Grund 
der  altpersischen  Monatsnamen  allein  lässt  sich  diese  Frage  weder 
bejahen  noch  verneinen.  Von  den  neun  bekannten  Namen  enthalten 
allerdings  nur  zwei,  der  Bagajödü  und  der  Ädrijädija  *)  d.  i.  der 
Monat  der  Verehrung  des  13aga  bezw.  des  Feuers,  eine  unzwei- 
deutige Beziehung  auf  den  mazdajasnischen  Kult  und  haben  in  den 
dem  Mithra  und  dem  Feuer  geweihten  Monaten  des  Awestäjabres 
ihr  genaues  Gegenstück.  Genau  dasselbe  Verhältnis  herrscht  aber 
auch  in  einer  ganzen  Reihe  von  Jahresformen,  die  uns  erst  aus 
weit  späterer  Zeit  bekannt  sind,  deren  rein  mazdajasnischer  Charakter 
aber  unbestritten  ist  Dies  gilt  vor  allem  von  den  Jahren  der 
Sogdier  und  der  alten  Sagzls.  Ersteres  hat  mit  dem  völlig  zum 
awestischen  stimmenden  chwärizmischen  Jahre  nur  die  Namen  des 
I.2),  VIII. *)  und  XII.  Monats4)  gemein.  Um  diese  Thatsache  richtig 
zu  würdigen,  ist  wohl  zu  beachten,  dass  es  andererseits  mit  dem 
altpersischen  Kalender  nicht  bloss  in  der  Benennung  des  VIL  Monats 
nach  dem  Baga-Feste  (^.Jjjä  Vayakäri),  sondern  auch  darin  über- 
einstimmt, dass  der  im  awestischen  System  dem  Schöpfer  (Dadwä, 
gen.  Da&uSo)  gewidmete  X.  Monat  eigentlich  namenlos  ist:  ap. 
Anömaka%  sogd.  £j£L»w«  Masä-püy  d.  i.  offenbar  der  (Monat)  nach 

dem  =  Ä&rö.  Dieser  Name  für  den  Feuermonat  hängt  augen- 
scheinlich mit  n$.pük,puk  tdas  Anblasen  (des  Feuers)",  »Brennholz* 
zusammen;  vgl.  Horn,  Neup.  Etymologie  Nr.  889;  Hübsch - 
mann,  Pers.  Stud.  48.    Es  ist  also  der  Monat  des  Anblasens  des 


l)  Beachtung  verdient,  dass  dieser  Monatsname  nicht  die  echt- 
persische Bezeichnung  des  Feuers,  ap.  *fräta- ,  arm.  hrat,  sondern  den 
Awestanamen  äQr-  enthält,  der  sonst  nur  vereinzelt  in  altwestiranischen 
Namen  bezeugt  ist  (ArgaSaras,  angeblicher  Name  des  Vaters  Kyros'  II. 
bei  Ktesias;  AtQ<yxccxr\s ,  Meder,  Satrap  von  Medien  und  Grunder  der 
Dynastie  von  Atropatene). 

*)  Nösard,  chwär.  ^y^Ju^li  Nätuärje  oder  U^-.;  Jlödnä  (so 
lies)  aus  *RöÖnäu.  —  Chwär.  i  =  t,  £  =  d  vor  palatalen  Vokalen. 

«)  Sogd.  gJbl  Abä-n$  oder  Äbänjj  BerünT,  Chronol.  Fl,  7.  v.,  12. 

TPö,  5,  chwär.  q^-IsLj  bezw.  (so  lies)  jäpä-chan  oder  -ckun 

eb.  fv,  12.  15.  v.,  12.  FHf  16.   Das  ^jS>  den  chwärizmischen  Namens 

entspricht  entweder  dem  ap.  -hanii  in  Ädu-kanü,  so  dass  derselbe  be- 
deuten würde  ,der  Monat  des  Grabens  der  Wasser",  also  mit  dem  ent- 
sprechenden ap.  Monat  synonym  wäre,  oder  es  steckt  darin  ein  Synonym 
zu  aw.  napät-  in  Apam  napät-,  kappadok.  *Aico\uvana. 

*)  Mj£ß*s*  chiöm  =  aw.  chinaoma~  „Freude"  ist  auch  im  Chwäriz- 
mischen als  anderer  Name  des  Itpandärmade  gebräuchlich. 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Er  an. 


199 


neuen  (heiligen)  Feuers  d.  i.  ursprünglich  des  Herdfeuers,  skyth. 
Tccßitl.  Von  den  Monatsnamen  der  Sagzls  decken  sich  nur  zwei  mit 

den  awestischen:  der  j^Lj^ö  Tir-gajän-wä  =  Tütrjehe,  arm. 

Tri  und  der  \^  ^IfSJ  Är-gajan-wä  =  Ä&rö,  arm.  Ahekan 
oder  Äkki1).  Im  armenischen  Kalender  stimmen  vier  Monate  ein- 
schliesslich des  Navasard  völlig  mit  den  awestisch-chwärizmischen 

überein:  Navasard  =  chwär.  Näusärje ,  Tri  =  chwär.  Ötre, 
aw.  Tütrjehe,  Mehekan,  Meheki=w.  Mi&rahe  (nach  dem  Mihragän- 
fest  benannt)  und  Ahekan,  Ahkt*)  =  Ä&rö,  chwär.  ArÖ.  Der Hroticf 
(XU.)  ist  benannt  nach  dem  ursprünglich  am  Schlüsse  des  Jahres 
gefeierten  Allerseelenfeste,  aw.  Frawaätnäm,  np.  Frördlgän,  För- 
digän,  das  im  persischen  und  kappadokischen  Kalender  dem  ersten 
Monat  den  Namen  gegeben  hat,  setzt  also  ebenfalls  die  mazda- 

jasnische  Jahresform  voraus.    Im  Kalender  von  «^L^8),  der 

mit  dem  sogdischen  einige  Berührungen  aufweist,  stimmt  höchstens 
der  Nosard  zum  chwärizmisch-awestischen  Kalender;  in  dem  der 


l)  Die  beiden  Namen  sind  wie  folgt  überliefert: 
BSrünl  fr,  22    I^U^'  R  ^1*0^ • 
.      v.,  8  P 

,    fr,  19    ^U{Jr  3jL^jf. 

,     v.,  13  WMJ- 

Das  schliessende  %oät  mit  dem  wenigstens  die  Hälfte  der  Sagzlmonate 
zusammengesetzt  ist,  ist  —  np.  mäh  „Monat"  mit  Ubergang  von  m  in 
tr.    Da  zwischen  *6  und  \  in  beiden  Formen  noch  ein  Grundstrich  steht, 

so  kann  nicht  einfach  ^l^ö,  ^Lf,!  (=  arm.  Ahekan)  gelesen  werden. 

Ich  vermute  daher,  dass  ^LJf  =  np.  (plur.  von  »L^  .Zeit") 

ist.   Wahrscheinlich  ist  auch  t$  '3  o?*/*  statt  WylJ* 

(p.  V.  fjjJe*)  =  sogdisch  LX-i^-ÜLät  und  ltXJLs«f.^  zu  leseu. 

BerOnl  hatte  die  Monatsnamen  der  alten  Sagzls  vom  Geometer 
Abü  Sa'id  Ahmad  b.  Muhammad  b.  'Abd  al  Galll  as  SigzT  gehört. 
Zu  seiner  Zeit  waren  sie  offenbar  nicht  mehr  im  Gebrauch. 

*)  Findet  sich  nirgends  mehr  arm.  *ÖL4fy£  Aheri  =  *Aheari, 
ap.  Ä&rijädijaf 

»)  Berünl  Ii  Sp.  2  ed.  w5o^Ls?,  R  w$o;L^'.  Es  kann  selbstver- 
ständlich keine  ganz  unbekannte  Stadt  gemeint  sein,  allein  mit  den 
überlieferten  Schriftzügen  ist  nichts  anzufangen.   Am  nächsten  käme 

denselben  die  Verbesserung  v£-jJ~>-  Cärjak  =  Cahärjak  „ein  Viertel",  das 
mit  Asan,  der  zweiten  Stadt  von  Gözgän,  eine  Doppelstadt  bildete. 
S.  Eraniahr  81.  86  f.  An  JS  w^L^,  auf  unsern  Karten  gewöhnlich 
Charüear  n.  von  Kabul  ist  natürlich  nicht  zu  denken. 


200 


J.  Marquart, 


Stadt  Qobä  in  Faryäna,  die  eine  Tagereise  von  05  an  der  Grenze 
gegen  die  Charluchtürken  lag,  ist  wenigstens  der  Mikr  erhalten l). 

Die  ganze  Reihe  der  awestischen  Monatsnamen  findet  sich 
nur  bei  den  westiranischen  Mazdajasniern  *),  von  denen  die  kappa- 
dokischen  eine  Abzweigung  aus  achaimenidischer  Zeit  sind,  Bowie 
bei  den  Chwärizmiern ,  und  zwar  stimmen  die  kappadokischen 
Namen  bis  auf  den  ersten,  der  noch  den  altpersischen  Namen  der 
Frawa&is  bewahrt  hat,  genau  mit  den  zu  erwartenden  spätalt- 
persischen  Formen  der  Awestänamen  überein,  während  bei  den 
Chwärizmiern  —  wie  bei  Armeniern  und  Sogdiern  —  der  erste  Monat 
Nausärye  „Neujahr"  heisst  und  die  meisten  Monate  neben  der 
gewöhnlichen  awestischen  noch  eine  andere  Bezeichnung  führen. 
Beachtung  verdient,  dass  dem  Namen  des  IV.  Monats  nirgends 
die  Awestäform  Tütrjehe,  sondern  überall  —  bei  Persern,  Kappa- 
doken, Armeniern,  Chwärizmiern  und  Sagzis  —  die  spätaltpersische 
Form  Ttri  (gen.  von  Tin-)  zu  Grunde  liegt  Aus  diesem  ver- 
schiedenen Verhalten  der  einzelnen  iranischen  Kalender  geht  un- 
streitig hervor,  dass  die  Benennung  eines  jeden  Monats  nach  einem 
besonderen  Genius  nicht  notwendig  zum  Begriffe  des  mazdajas- 
nischen  Jahres  gehört  Dagegen  lehrt  ein  Blick  auf  den  sogdisehen 
Kalender,  dass  als  eigentliches  Merkmal  des  spezifisch  jung- 
awestischen  Kalenders  die  Einrichtung  zu  betrachten  ist,  dass 
die  einzelnen  Monatstage  nicht  gezählt,  sondern  je  besonderen 
Genien  geweiht  und  nach  ihnen  benannt  sind.  Dies  hat  zur 
Voraussetzung,  dass  die  Monate  gleichmässig  30  Tage  hatten,  und 
hierauf  beruht  die  Liturgie  des  Slröza.  Die  Sogdier  nun  ge- 
brauchen für  die  80  Monatstage  ganz  dieselben,  durch  die  Laut- 
gesetze des  sogdisehen  Dialektes  nur  leicht  veränderten  Namen 
wie  die  Chwärizmier  und  die  persischen  Mazdajasnier,  ja  der  Name 
des  Schöpfers,  dem  der  8.,  15.  und  23.  Tag  geweiht  sind,  hat  noch 
die  jungawestische  Genitivform  bewahrt8).    Es  ist  daher  sonnen - 


*)  Sonst  ist  mir  nur  noch  der  V.  Monat      deutlich,  der  dem  ost- 

turkischen  lu  .Drache"  genau  entspricht  Der  jjäwÄ»  (III.)  erinnert 
an  den  zwölften  uiguriseben  Monat  6ach$aput;  vgl.  K.  Foy,  SBBA. 
1904,  1393/4. 

*)  Von  den  Ländern  der  Pahlawls,  d.  h.  Medien  und  Parthien,  wird 
nichts  besonderes  berichtet.  Da  sich  die  Partherkönige  auf  ihren  Münzen 
der  makedonischen  Monatsnamen  bedienen,  sind  uns  die  parthischen 
unbekannt.  Balch,  wo  bis  zur  arabischen  Eroberung  der  Buddhismus 
vorgeherrecht  hatte,  war  bis  zur  Zeit  Beroni's  völlig  lslamisiert  worden. 

»)  BerünT  Fl.  Die  Hss.  haben:  Kol.  I  Z.  18  c^5,  II  15  vi*^, 
III  13  c>"«<3.   Sachau  (p.  384  seiner  englischen  Übersetzung)  hält 
für  eine  Umstellung  aus  jjwjO  =  jungaw.  Da&u$ö.   Auch  in 
und  entspricht  sogd.  *  (in  geschlossener  Silbe)  einem  iran.  i. 

Zwischenvokaliges,  altiranisches  #  bleibt  erhalten  in  sogd.  ^jjJj*  meöan, 
j^Ä**  metan  =  aw.  maeftana. 


Untersuchungen  rar  Geschichte  von  Eran.  201 


klar,  dass  die  ohne  jede  Variante  —  selbst  Spznta  armaHi  und 
MiOra  erscheinen  hier  als  j^.LXx**«  ßpandärmad  und  ^J*^£ Micks } 

nicht,  wie  bei  den  Monatsnamen,  unter  ihren  sogdischen  Namen 
ChSöm  und  Vay  —  auftretenden  Namen  der  Monatstage  gegen- 
über den  volkstümlichen  Monatsnamen  bei  den  Sogdiern  etwas 
Fremdes,  Importiertes  sind.  Auf  der  andern  Seite  geht  aber  das 
relativ  hohe  Alter  dieser  Einrichtung  daraus  hervor,  dass  die 
Chwärizmier  sich  schon  vor  Alexander  d.  Gr.  selbständig  gemacht 
hatten  und  unter  einem  eignen  König  standen,  und  dass  sie  seit- 
dem bis  auf  die  arabische  Eroberung  nie  mehr  zum  iranischen 
Reiche  gehört  haben.  Auch  die  Sogdier  sind  seit  der  Erhebung 
des  Diodotos  bis  zum  Einbruch  der  Araber  ausser  aller  staatlichen 
Verbindung  mit  Eran&ahr  geblieben.  Sie  muss  also  aus  einer 
Zeit  stammen,  als  das  Achaimenidenreich  noch  ungeschmälert 
dastand  und  dem  Satrapen  von  Baktrien  sowohl  Sogdiana  als 
Chwärizm  gehorchte.  Wenn  die  Namen  der  Monatstage  bei  den 
Kappadoken  und  Armeniern  nicht  mehr  nachzuweisen  sind,  so 
hängt  dies  bei  letzteren  ohne  Zweifel  damit  zusammen,  dass  sie 
bei  der  Einfuhrung  des  Christentums  abgeschafft  wurden,  weil  sie 
zu  eng  mit  der  alten  Religion  verknüpft  waren,  während  sie  in 
Kappadokien  der  wachsende  Einfluss  der  griechisch  -  römischen 
Kultur  verdrängt  haben  wird.  In  der  Inschrift  des  Dareios  ist 
dagegen  von  einer  Benennung  der  Monatstage  keine  Spur  zu  ent- 
decken: sie  wurden  einfach  gezählt  wie  bei  den  Babyloniern. 
Da  sich  nun  Dareios  als  entschiedenen  Verteidiger  arischen  Wesens 
und  eifrigen  Verehrer  Ahuramazdäh's  zu  erkennen  gibt,  so  ist  kein 
Grund  einzusehen,  weshalb  er  die  Benennung  der  Monatstage  nach 
den  Genien,  denen  sie  geweiht  waren,  vermieden  haben  sollte, 
falls  diese  Sitte  damals  in  Pars  schon  bestanden  hätte.  Damit 
entfallt  aber  jeglicher  Anhaltspunkt  für  die  Vermutung,  dass  schon 
das  altpersische  Jahr  ein  bewegliches  Sonnenjahr  gewesen  sei,  viel- 
mehr müssen  wir  uns  den  überlieferten  Thatsachen  beugen  und 
anerkennen,  dass  dasselbe  zur  Zeit  des  Dareios  mit  dem  gebundenen 
Mondjahre  der  Babylonier  bis  auf  den  verschiedenen  Jahresanfang 
übereinstimmte.  Während  das  babylonische  Jahr  aber  an  die 
Frühlings-Tag-  und  Nachtgleiche  gebunden  war,  wurde  das  alt- 
persische wie  das  althebräische  Neujahr  in  der  Nähe  des  Herbst- 
äquinoktiums  festgehalten. 

Dies  Ergebnis  hat  durchaus  nichts  Überraschendes,  sondern 
ist  nur  das ,  was  wir  von  vornherein  erwarten  müssen.  Auch 
wenn  die  arischen  Viehzüchter  und  Bauern  ein  mehr  oder  weniger 
fest  ausgeprägtes,  an  die  natürlichen  Jahreszeiten  gebundenes  Jahr 
mitbrachten,  so  gerieten  sie  doch,  sobald  sie  von  den  Ländern 
diesseits  der  grossen  mitteliranischen  Wüste  Besitz  ergriffen  hatten, 
naturgemflss  in  den  Bannkreis  der  uralten  babylonischen  Kultur, 
dem  sie  sich  nicht  entziehen  konnten.  Es  lässt  sich  vermuten, 
wenn  auch  bis  jetzt  nicht  erweisen,  dass  sich  die  Perser  zunächst 


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202 


J.  Marquart, 


an  den  Kalender  der  Elamiten  angeschlossen  haben  werden  und 
schon  dieser  bis  auf  die  Monatsnamen  nach  dem  babylonischen 
geordnet  gewesen  sein  wird  *).  Später  aber  herrscht  nicht  nur 
in  Pars  und  in  ganz  Iran,  sondern  auch  in  den  halb  iranisierten 
Provinzen  Kappadokien  und  Armenien  ein  bewegliches  Sonnenjahr, 
das  mit  dem  altpersischen  VIL  Monat  beginnt  und  sich  mit  dem 
ägyptischen  Wandeljahre  bis  auf  den  verschiedenen  Jahresanfang 
und  die  Stellung  der  Epagomenen  völlig  deckt:  der  1.  Thoth 
des  ägyptischen  Wandeljahres  entspricht  dem  1.  Dadw  (X.,  arm. 
Maren  =  ap.  IV.)  des  mazdajasnischen  Wandeljahres  und  die 
Monate  Thoth,  Phaophi,  Athyr  sind  vollkommen  gleich  den  Monaten 
Dadw  (Mareri),  Bahman  (Margac')  und  Spandärmad  (Hrotic'). 

Das  persische  Sonnenjahr  ist  uns  zuerst  unzweideutig  bezeugt 
durch  Curt.  III.  8,  10:  Magi  proxiini  patrium  Carmen  canebant 
Magos  trecenti  et  sexaginta  quinque  iuvenes  sequebantur  puniceis 
ainiculis  velati,  diebus  totius  anni  pares  numero:  quippe  Persis 
quoque  in  totidem  dies  discriptus  est  annus.  Diese  Notiz  stammt 
wohl  aus  einem  Alexanderhistoriker.  Weiter  hinauf  scheinen  uns 
zwei  Anspielungen  bei  Herodot  zu  führen.  Im  Verzeichnis  der 
Steuerbezirke  heisst  es  3,90:  catb  6h  KiXUav  Xitnoi  xt  Uvxol 
DfflKOvxu  xal  xQirjxoaiot ,  ixdcxrjg  i\  pi  Qi}  g  dg  yivofisvog, 
xal  xakavxu  agyvQlov  nevxaxdaia'  xovxtov  6\  xeüötQCtxovxa  xal 
ixaxov  ig  rtjv  (pqovqiovQav  Xnnov  xr\v  KiAixlrjv  %(b(fflv  avausipovxo, 
ra  dh  XQirjxoGia  xal  i&jxovxa  z/a^a'oi  i<po(xa'  vofibg  xixaqxog 
ovxog.  Wäre  anzunehmen ,  dass  diese  Nachricht  unverändert  der 
Hauptquelle  des  Verzeichnisses  (A)  entnommen  sei,  so  wäre  hier 
also  ein  persisches  oder  auch  kilikisches  Jahr  von  860  Tagen  für 
die  spätere  Regierungszeit  des  Dareios  vorausgesetzt,  welches  weder 
mit  dem  altpersischen  Jahre  der  Inschrift  von  Behistün,  noch  mit 
dem  jungawestischen  Wandeljahre  in  Beziehung  gesetzt  werden 
könnte.  Es  müsste  somit  in  jedem  Falle  die  Frage  aufgeworfen 
werden,  ob  die  Bemerkung  ixaöxrig  rjui^g  tlg  yivdfuvog  wirklich 
aus  iranischer  Quelle  stamme  oder  eventuell  einer  Vermutung  des 
Verfassers  ihren  Ursprung  verdanke.  So  wie  die  Sache  liegt,  ist 
indessen  mit  der  Möglichkeit  zu  rechnen,  dass  Herodot  selbst 
durch  die  weissen  Rosse,  die,  wie  er  wusste,  dem  Sonnengotte 
heilig  waren,  auf  jene  Kombination  verfallen  ist,  zumal  gerade  er, 
wie  sich  zeigen  wird,  von  der  Theorie  eines  360tägigen  Jahres 
beherrscht  ist.  Die  andere  Stelle  ist  entschieden  legendär  und 
unzweifelhaft  jünger.  Herodot  erzählt,  als  Kyros  auf  dem  Marsche 
gegen  Babylonien  den  Übergang  über  den  Gyndes  versucht  habe, 
sei  einer  der  dem  Sonnengotte  heiligen  Schimmel  im  Flusse  er- 

J)  In  den  bi«  jetxt  bekannt  gewordenen  altelamitiachen  Inschriften 
hat  sich  erst  ein  einziger  altelanütificher  Monatsname  gefunden.  Lolube 
(Scheil,  Textes  elamites-ansanites  II  Nr.  LXXXVI  Kol.  H45,  vgl. 
p.  88),  der  auch  V  R  48,  88  erwähnt  und  dem  Tairüu  gleichgesetzt 
wird. 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  203 


trunken ,  worauf  der  König  den  Fluss  zur  Strafe  in  360  Kanüle 
habe  ableiten  lassen.  Darüber  vergieng  ein  volles  Jahr,  bis  zum 
folgenden  Frühling  (Her.  1,  189—190.  202).  Hier  Hegt  augen- 
scheinlich ein  Jahresmythus  zu  Grunde,  und  zwar  ist  ein  mit  dem 
Frühling  beginnendes  Jahr  von  860  Tagen  vorausgesetzt.  Ein 
solches  Jahr  ist  indessen  weder  babylonisch  noch  persisch.  Da- 
durch wird  die  Frage  nach  dem  Ursprünge  der  Erzählung  dringend. 
Es  ist  jetzt  nachgewiesen,  dass  die  beiden  langwierigen  Belagerungen 
Babylons  durch  Kyros  und  Dareios,  wie  sie  Herodot  erzahlt, 
gleichmässig  unhistorisch  und  mit  volkstümlichen  Motiven  aus- 
gestattet sind,  die  zum  Teil  schon  von  jüdischen  Propheten  ver- 
wandt und  dem  Bedürfnis  entsprungen  sind,  eine  annehmbare  Er- 
klärung dafür  zu  finden ,  wie  es  den  Persern  möglich  geworden 
sein  mochte,  die  gewaltige,  mit  mächtigen  Mauern  bewehrte  Welt- 
stadt zu  bezwingen  *).  Es  sind  Legenden,  die  nicht  vor  der  Nieder- 
werfung des  babylonischen  Aufstandes  unter  Xerxes2)  ausgebildet 
sein  können,  und  zwar  beweist  die  Fabel  von  der  der  iranischen 
Denkweise  völlig  widerstreitenden  Züchtigung  des  Flusses,  dass 
die  Gestaltung  der  uns  beschäftigenden  Erzählung  auf  keinen  Fall 
von  Persern  herrührt;  vielmehr  weist  diese  auf  denselben  Ver- 
fasser wie  die  ebenso  unsinnige  Auspeitschung  des  Hellesponte 
durch  Xerxes  Her.  7,  35.  54;  8,  109.  Die  Zahl  360  =  6  X  60 
spielt  allerdings  im  Mass-  und  Gewichtssystem  sowie  in  der  Zeit- 
rechnung der  Babylonier  eine  grosse  Bolle,  wodurch  ihre  mehr- 
fache Wiederkehr  im  Steuerverzeichnis  vollkommen  erklärt  ist,  in 
der  Jahreseinteilung  der  Babylonier  hat  sie  dagegen  keinen  Platz. 

Damit  rücken  die  beiden  fraglichen  Stellen  in  die  Reihe  einer 
Anzahl  von  Nachrichten,  in  denen  von  einem  ehemaligen  360tägigen 
Jahre  bei  den  Griechen  die  Rede  zu  sein  scheint8).  Auch 
Herodot  lässt  den  Solon  in  seiner  Unterredung  mit  Kroisos  von 
einem  360tägigen  Jahre  zu  zwölf  dreissigtägigen  Monaten  reden 


*)  Einnahme  Babylons  während  eines  Festpolnges 

a)  durch  Kyros:  Jer.  51,  81.  32.  39.  54—58.  Dan.  5,  lff.  Her.  1, 191. 
Xen.  Kyrop.  7,  5,  25 ; 

b)  durch  Parsondes  unter  Nanaros :  Ktes.  bei  Nik.  Dam.  fr.  4  in  fine. 
fr.  5;  vgl.  Assyriaka  des  Ktesias  S.  559; 

c)  auf  die  Eroberung  von  Ninos  Ubertragen:  Ktes.  bei  Diod.  2, 
26,4;  vgl.  Assyriaka  S.  630. 

Die  List  des  Zopyros  Her.  8,  153 — 160,  von  Megabyzos  bei  der 
Eroberung  Babylons  unter  Xerxes  erzählt  Ktes.  ecl.  22,  vom  Saken 
Sirakes  unter  Dareios  Polyain.  7,  13;  vgl.  Assyriaka  S.  625  f. 

*)  Vgl.  Assyriaka  S.  624  f.  Die  Öffnung  des  Grabes  des  alten  Bei 
(Ktes.  bei  Ailian  navxod.  lax.  14,  8  und  ecl.  21)  unter  Xerxes  gab  den 
Anläse  zu  der  Ersäblungüber  das  Grab  der  Nitokris  bei  Her.  1,  187; 
vgl.  C.  F.  Lehmann,  Herl.  Phil.  Wochensehr.  1898  Sp.  486,  1900 
Sp.  962  A.  1  (unrichtig  Assyriaka  S.  594  f.,  626). 

»)  Vgl.  Ideler,  Handbuch  der  Chronologie  I  69 f.  254.  257—260. 
264  f.  271. 


204 


J.  Marquart, 


(I,  32).  Allein  ein  solches  Jahr  hat  es  in  Wahrheit  nie  gegeben, 
und  die  diesbezüglichen  Angaben  sind  wohl  mit  Ideler1)  als 
falsche  Ausdeutung  des  volkstümlichen  Sprachgebrauchs  zu  er- 
klären, der  sich  gewöhnt  hatte,  für  den  Monat  die  runde  Zahl 
von  30  Tagen  und  dementsprechend  für  das  Jahr  die  runde  Summe 
von  12  X  30  =  360  Tagen  anzunehmen8).  Herodot  selbst  hat 
aber  an  der  zuletzt  angefahrten  Stelle  mehr  als  hinreichend  bewiesen, 
dass  er  von  chronologischen  Dingen,  wie  Schaltung  u.  s.  w.  absolut 
nichts  verstand,  und  falls  bereits  zu  seiner  Zeit  in  Persien  ein 
Sonnenjahr  mit  5  Epagomenen  eingeführt  war,  so  hatte  er  jeden- 
falls davon  keine  Kenntnis;  denn  sonst  hätte  er  da,  wo  er  vom 
ägyptischen  Sonnenjahre  und  seinen  Vorzügen  vor  dem  gebundenen 
Mondjahre  der  Hellenen  spricht  (II,  4),  nicht  unterlassen  können, 
auf  seine  Übereinstimmung  mit  dem  persischen  Jahre  aufmerksam 
zu  machen,  wie  dies  auch  die  arabisch -persischen  Astronomen 
gethan  haben.  Auf  historischem  Wege  lässt  sich  demnach  nicht 
feststellen,  wann  das  junga westische  Wandeljahr  in  Persien  ein- 
geführt worden  ist. 

Dieses  zeigt  jedoch  gewisse  Eigentümlichkeiten,  von  denen 
wenigstens  einige  hier  kurz  erörtert  werden  müssen.  Dem  Schöpfer 
ist  in  demselben  der  zehnte  Monat  eingeräumt.  Dies  ist  sicher- 
lich nicht  ursprünglich:  man  sollte  erwarten,  dass  Ahuramazdäh 
einen  beherrschenden  Platz  im  Jahre  einnähme,  also  entweder  am 
Anfang,  wie  unter  den  Monatstagen,  oder  in  der  Mitte.  Hier  hat 
R.  Roth9)  gezeigt,  dass  die  sechs  Gähänbär  des  Parsenkalenders 
ein  älteres,  an  die  natürlichen  Jahreszeiten  gebundenes  Bauern- 
jahr voraussetzen,  dessen  beide  Pole  die  Feste  Mittsommer  (AfaiÖ- 
jöüdma)  und  Mittjahr  (Maidjänja)  bildeten.  In  dem  durch  einen 
120  jährigen  Schaltcyklus  regulierten  persisch -mazdajasnischen  Jahre, 
als  dessen  Epoche  das  Frühlingsäquinoktium  gilt,  fallen  die  sechs 
Jahresfeste  theoretisch  auf  folgende  julianische  Tage,  wofern  man 
die  Lage  der  Frühlingsnachtgleiche  gegen  Ende  des  5.  Jhs.  v.  Chr. 
zu  Grunde  legt:4) 


»)  A.  a.  O.  S.  264  f. 

*)  Vgl.  besonders  Hesiod,  fpycc  xal  ^uipcu  814.  766  und  das  Rätsel 
des  Kleobulos  bei  Laert  Diog.  I  91. 

■)  R.  Roth,  Der  Kalender  des  Awesta  und  die  sog.  Gähänbär. 
ZDMG.  34,  1880,  S.  698  ff. 

*)  Begann  das  Jahr  mit  dem  Tage  nach  dem  Frühlingsäqui- 
noktium, so  fallen  die  obigen  Data  je  um  einen  Tag  später.  Der 
Gefälligkeit  meines  Freundes  Dr.  H.  J.  Zwiers,  Observatore  an  der 
hiesigen  Sternwarte  verdanke  ich  folgende  Berechnungen: 

»Data  für  das  Frühlingsäquinoktium 

Jahr  —  486  27.  Märe  10.8  Uhr  (Morgen) 
„    —  485  27.     ,      4.1    „  (Abend) 
?     _  484  26.     ,      9.9    „  (Abend) 
„     —  483  27.     „      3.7     „  (Morgen) 
,    —  482  27.    T      9.5    ,  (Morgen). 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


205 


julian  isch 

MauJjöizaromaja     11.— 15.  Artawa-     41—45     (6.— )10.  Mai 

biSt  (IL) 

MaidjöiSoma  11.— 15.  Tlr  (IV.)   101—105  (5.— )9.  Juli 

26.— 30.    §a#re-   176—180  (18.— )22.Sept. 
war  (VI.) 

26.— 30.  Mihr       206—210  (17.— )21.  Okt. 
(VH.) 

Maidjäirja  16.— 20.Dadw(X.)   286—290  (6.— )10.  Jan. 

Hamaspafhnae'dVja   26.  Spandarmat      356 — 365   (17. — )26.März 

(XII.)—  Gada 

Wahistöiäti 

Nach  diesem  System  trifft  in  der  That  das  Maidjöitoma  auf 
die  Mitte  des  Sommerhalbjahrs,  das  man  zu  7  Monaten  =  210  Tagen 
annahm Schwierigkeit  macht  schon  das  MaiSjäirja,  das  eigent- 
lich auf  den  77.  Tag  des  zu  5  Monaten  +  5  Epagomenen  =  155  Tagen 
angenommenen  Winterhalbjahres  fallen  sollte.  Nach  ihm  heisst  bei 
den  Armeniern  der  10.  Monat  Maren  aus  *Mareari,  Madjärja. 
Es  liegt  gerade  ein  halbes  Jahr  oder  genauer  185  =  180  5  Tage 
vom  Maidjöisaraa  ab.  Die  Unursprünglichkeit  der  gegenwärtigen 
Anordnung  ergibt  sich  aber  meines  Erachtens  vor  allem  aus  der 
Stellung  des  Paitüakja.  Dies  ist  nach  Roth's  Erklärung  un- 
zweifelhaft ein  Erntefest,  dass  aber  für  ein  solches  der  22.  September 
julianisch,  zumal  für  die  Breiten  der  altiranischen  Kulturländer, 
ein  unverhältnismässig  später  Termin  wäre,  dürfte  ohne  weiteres 
einleuchten.  Wird  doch  selbst  auf  dem  rauhen  Heuberg  in 
Schwaben  die  „ Sichelhenke",  welche  die  Beendigung  der  Dinkel  - 
und  Gerstenernte  bezeichnet,  am  15.  August  gefeiert.  Ähnliches 
gilt  für  das  Afä&r9mai  die  Zeit,  in  welcher  das  Vieh  von  den 
Sommerweiden  eingetrieben  und  die  Widder  zu  den  Schafen  zu- 
gelassen werden.  Dazu  kommt,  dass  die  Tradition  der  Mazda- 
jasnier  über  die  Lage  des  MaiÖjöiSama  und  Maidjäirja  mit  sich 
selbst  im  Widerspruche  war.  Das  Bundahisn  sagt  nämlich:  'It  is 
always  necessary  first  to  count  the  day  (and)  afterwards  the  night ; 
for  first  the  day  goes  off,  (and)  then  the  night  comes  on.  And 
from  the  season  (gäs)  of  Medok-shem,  which  is  the  auspicious 
day  Khür  of  the  month  Tfr2),  to  the  season  of  Me^iyärem,  which 


Im  Mittel  für  circa  —  485  in  den  Vonnittagstunden  des  27.  Marz. 
Jahr  —  402  26.  März   6.6  Uhr  (Abend) 
,    —  401  27.    ,      0.4    „  (Nacht) 
,     —  400  26.     ,      6.2    „  (Morgen) 
,     —  399  26.     ,     12.0    ,  (Mittag) 
,     —  398  26.     ,      5.8    „  (Abend). 

Im  Mittel  für  circa  —  400  in  den  Abendstunden  des  26.  März. 

Alle  Daten  sind  julianisch.«» 

•)  Vgl.  J.  Darmesteter,  Le  Zendavesta  I  39.  37. 

*)  Der  11.  Tag  des  vierten  Monats,  mit  dem  das  Fest  begann. 


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206 


J.  Marquart, 


is  the  auspicious  day  V&hräm  of  the  month  Din  *)  —  the  short(est) 
day  —  the  night  increases;  and  from  the  season  of  M6<fiyär§m 
to  the  season  of  Msdök-shem  the  night  decreases  (and)  the  day 
increases*  *).  In  dieser  Form  ist  die  Nachricht  freilich  ungereimt, 
allein  es  liegt  ihr  offenbar  eine  aus  dem  verlorenen  Awestä 
stammende  Überlieferung  zu  Grunde,  die  nur  durch  die  Glossierung 
der  Ausdrücke  Maidjöüfcma  und  MaiSjäirja  entstellt  ist.  Beseitigt 
man  diese,  so  ergibt  sich  unzweideutig,  dass  Maidjöis-zma  und 
MaiSjcurja  ursprünglich  mit  der  Sommer-  und  Wintersonnenwende 
zusammenfallen.  Da  aber  der  Name  MaiSjäirja  wörtlich  .Mitt- 
jahr*, nicht  „Mittwinter"  bedeutet,  so  folgt  weiter,  dass  dieses 
Bauernjahr  einmal  mit  der  Sommersonnenwende  oder  genauer  mit 
dem  ersten  darauf  folgenden  Neumonde  begonnen  haben  muss.  „Nur 
in  diesem  Falle  bildet  die  bruma  zugleich  die  Jahresmitte*8).  Von 
hier  ab  gerechnet  ordnen  sich  die  übrigen  Festzeiten  befriedigend  ein. 
Dann  war  Tistrja  der  erste,  Da#usd  aber,  wie  verlangt,  der  siebente 
Monat  des  Jahres,  dessen  Anfang  in  die  Nahe  der  bruma  fiel. 
Dieses  Jahr  kann  selbstverständlich  kein  Wandeljahr,  wird  also 
vermutlich  ein  gebundenes  Mondjahr  gewesen  sein.  Bei  dieser 
Voraussetzung  ergibt  sich  als  Prinzip,  den  1.  TiStrja  immer  wieder 
auf  die  Sommersonnenwende  zurückzuführen4).  Der  Anfang  dieses 
altawestischen  Jahres  kam  demnach  mit  dem  des  attischen  überein. 
Der  erste  Monat  war  dem  Sirius  (Tüärja,  pers.  2W)  geweiht, 
weil  man  während  seiner  Dauer  mit  Sehnsucht  auf  den  Frühauf- 
gang dieses  glänzenden  Sternes  harrte,  von  dessen  Erscheinen  man 
erquickenden  Regen  erwartete5).  Der  Frühaufgang  des  Sirius 
(19.  oder  20.  Juli  jul.)  muss  daher  normaler  Weise  noch  in 
den  Monat  TTr  gefallen  sein,  aber  fast  ans  Ende  desselben,  wo- 
gegen er  bei  den  Ägyptern  ursprünglich  den  Neujahrstag  selbst 
bildete. 

Das  altawestische  Jahr  war  somit,  wie  man  sieht,  vom  jung- 
awestischen  bedeutend  verschieden.  Dass  dagegen  letzteres  bis 
auf  die  verschiedene  Stellung  der  Epagomenen  bezw.  den  Jahres- 
anfang mit  dem  ägyptischen  zusammenfiel,  ist  schon  den  arabisch- 


*)  Der  20.  des  Monats  Dadtc  (so  lies),  der  letzte  des  Festes. 

*)  Bundah.  XXV,  2—3  bei  West,  P.  T.  I  91/92.  Justi's  Aus- 
gäbe  ist  mir  augenblicklich  nicht  zugänglich. 

•)  Vgl.  Roth,  a.  a.  O.  711.  W.  Geiger,  Ostiranische  Kultur 
im  Altertum.   Erlangen  1882  S.  824. 

«)  Nach  freundlicher  Mitteilung  von  Dr.  H.  J.  Zwiers  fiel  das 
Sommersolstitium 

—600  v.  Chr.   auf  29.  Juni  jul.    11»»  (abends) 
— 500  v.  Chr.    auf  29.  Juni  jul.     4h  (morgens). 
Die  Zeiten  sind  mittlere  Sonnenzeiten  von  Turkestan,  wie  auch  oben 
S.  204  A.  4.   Chiwa  liegt  8»»  52«,  Buchara  4*  8»  Samarkand  4*  18» 
östlich  von  Paris.   Im  Mittel  ist  angenommen  4h  15»  ö.  von  Greenwich. 

•)  jt.  8,  48.   Vgl.  Roth  a.  a.  O.  S.  713.  717.   Geiger  8.  803  f. 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran 


207 


persischen  Astronomen  aufgefallen.  Nach  BSrünT  gieng  aber  die 
Übereinstimmung  noch  weiter.  Er  sagt  nämlich:  »Wir  haben 
nicht  vernommen,  dass  jemand  den  Persern,  Sogdiern  und  Chwä- 
rizmiern  nachgeahmt  hat  in  Bezug  auf  ihre  Gepflogenheit  (nämlich 
den  dreissig  Tagen  des  Monats  besondere  Namen  zu  geben  anstatt 
sie  in  Wochen  zu  teilen)  ausser  den  Kopten,  d.  h.  den  alten 
Ägyptern.  Denn  diese  pflegten,  wie  uns  berichtet  worden  ist1), 
die  Namen  der  dreissig  Tage  zu  gebrauchen  bis  auf  die  Zeit,  als 
Augnstus,  der  Sohn  des  Gaius2),  die  Herrschaft  über  sie  antrat8) 
und  beabsichtigte,  sie  zur  Schaltung  der  Jahre  zu  bewegen,  damit 
sie  mit  den  Römern  und  den  Alexandrinern  allzeit  übereinstimmten. 
Dies  unterliegt  Bedenken4).  Damals  nun  waren  bis  zur  Vollendung 
des  grossen  Schaltcyklus  noch  5  Jahre  übrig.  Da  wartete  er, 
bis  von  seiner  Regierung  fünf  Jahre  verflossen  waren,  dann  be- 
wog  er  sie,  alle  vier  Jahre  einen  Tag  in  die  Monate  einzuschalten, 
wie  es  die  Römer  thun.  Damals  gaben  sie  den  Gebrauch  der 
Namen  der  Tage  auf,  wie  es  heisst,  weil  die,  welche  sie  gebrauchten 
und  kannten,  für  den  Schalttag  einen  besonderen  Namen  nötig 
gehabt  hätten,  und  es  ist  keine  Erinnerung  derselben  übrig  ge- 
blieben" 5).  Es  ist  hier  die  Rede  von  der  Einführung  des  julianischen 
Schaltjahres  in  Alexandrien  durch  Augustus,  welche  BörünT  bereits 
früher  mit  folgenden  Worten  erzählt  hat:  „ Augustus  ist  derjenige 
welcher  die  Alexandriner  von  ihrer  Rechnung  nach  ägyptischen 
Jahren  ohne  Schaltung  überführte  zur  Rechnung  der  Chaldäer, 
welche  zu  unserer  Zeit  in  Ägypten  gebraucht  wird,  im  sechsten 
Jahre  seiner  Regierung.  Daher  datierten  sie  nach  diesem  Jahre 
(als  Epoche)*6).    Die  Nachricht  stammt  aus  Theon's  Kommentar 

O  i 

')  Lies  Uj5\3  U/.    Vorher  hat  der  Verf.  von  dieser  Sitte  der 
Kopten  nichts  erwähnt 
*)  Text  für 

yaA  tU\5  Jau&ll  «jJU*£<J  f)}^ 

4)  Jai  1^3.    Dies  ist  wohl  eine  kritische  Randbemerkung  des 

Verfassers  oder  eines  Lesers,  die  von  einem  Kopisten  in  den  Text 
eingefügt  wurde. 

ft)  Berum,  Chronologie  S.  fl,  2—8  =  p.  58,  29—45  der  englischen 
Übersetzung. 

fl)  BerunT  Mf  7-9  =  83,  28—32. 


208 


J.  Marquart, 


zu  den  Handtafeln  des  Ptolemaios 1).  Über  die  alerandrinische 
Ära  handelt  ausführlich  Ideler,  Handbuch  der  Chronologie  II 
140—171. 

Was  die  ägyptischen  Namen  der  Monatstage  anlangt,  so  ist 
Berünl*s  Behauptung  insofern  richtig,  als  bei  den  Ägyptern  nicht 
bloss  die  Monate,  sondern  auch  die  30  Monatstage  besonderen 
Gottheiten  geweiht  nnd  nach  ihnen  benannt  waren.  Dies  weiss 
schon  Herodot  IT  82.  Brugsch,  Astronomische  und  astrologische 
Inschriften  altägyptischer  Denkmaler  1883  8.  45 — 54  veröffent- 
licht die  hieroglyphischen  Namen  der  80  Tage  des  Mondinonats 
nach  den  Inschriften  im  Pronaos  des  Tempels  von  Dendera  aus 
der  Zeit  des  Kaisers  Tiberius  sowie  nach  dem  astronomisch  - 
kalendarischen  Bilde  von  der  Nordwand  des  Pronaos  von  Edfu 
aus  der  Ptolem&erzeit  und  gibt  zu  denselben  ältere  Varianten. 
Er  bemerkt  S.  52 :  »Die  ältesten  dieser  so  wichtigen  Listen 
der  Mondtage  und  der  zu  ihnen  gehörigen  Gottheiten  gehen  bis 
in  die  Zeiten  der  XVTO.  und  XIX.  Dynastie  zurück.  Ich  ver- 
weise vor  allem  auf  die  astronomischen  Deckenbilder  im  Grabe 
Königs  Seti  L  und  in  dem  sogenannten  Ramesseum  zu  Theben 
aus  den  Zeiten  Bamses'  II."  Sieht  man  diese  Listen  näher  an, 
so  bemerkt  man,  dass  jeder  Tag  einen  doppelten  Namen  hatte, 
von  denen  der  erste  eine  kalendarische  Beziehung  aufweist,  der 
zweite  einen  liturgischen  Charakter  trägt;  z.  B.  1)  Feier  des 
Neumondes,  zugleich  Fest  des  Thoth;  2)  Feier  des  Monates,  zu- 
gleich Feier  des  Gottes  Horas,  des  Rächers  seines  Vaters ;  4)  Feier 
der  Erscheinung  des  Setem ,  zugleich  Feier  des  Gottes  'Iniset ; 
6)  Feier  der  Sechs,  zugleich  Feier  des  Gottes  Duamutf;  7)  Feier 
des  (ersten)  Abschnitts,  zugleich  Feier  des  Gottes  Qeb^sonuf; 
28)  Feier  des  Schwanzfestes  des  Himmels,  zugleich  Tag  des  Gottes 
Chnum.  Diese  Namen  scheinen  aber,  im  Gegensatze  zum  mazda- 
jasnischen  System,  im  bürgerlichen  Leben  keine  Bolle  gespielt  zu 
haben ;  jedenfalls  finden  sie  in  Datierungen  auf  Denkmälern  keine 
Anwendung.  Auf  der  andern  Seite  ist  die  Behauptung  Berünl's, 
dass  die  ägyptischen  Namen  der  Monatstage  seit  der  Einführung 
des  festen  alexandrinischen  Jahres  ausser  Gebrauch  gekommen  seien, 
schon  deshalb  unwahrscheinlich,  weil  sie  von  der  Voraussetzung 
ausgeht,  dass  auch  die  Ägypter  damals  das  Schaltjahr  angenommen 
hätten.  Der  wahre  geschichtliche  Verlauf  ist  Berüni  unklar  ge- 
blieben, allein  die  Begründung:  „weil  die  welche  die  Monatstage 
gebrauchten  und  kannten,  für  den  Schalttag  einen  besonderen 
Namen  nötig  gehabt  hätten*  kann  sich  nur  darauf  beziehen,  dass 
sich  die  eigentlichen  Ägypter  unter  Augustus  wie  schon  unter 

')  Commeotaire  de  Theon  d'Alexandrie  sur  les  table«  manuelles 
astronomiques  de  Ptole'me'e  jnsqu'a  präsent  ineMites,  traduites  pour  la 
premiere  toi»  du  Grec  en  Francois  tur  les  Manuscrits  de  la  Bibliotheque 
du  Roi.  Premiere  partie,  Paris  1822,  p.  30  ss.  Die  Ausgabe  ist  hier 
nicht  Torhand.  u.   Ich  entnehme  das  Zitat  Ideler  I  157  A.  2. 


Untersuchungen  wir  Geschichte  von  Eran. 


209 


Ptolemaios  HI.  (288  v.  Chr.)  ans  astrologischen  und  religiösen 
Bedenken  gegen  den  Schalttag  ablehnend  verhielten.  Erst 
mit  der  Einführung  des  Christentums  ward  die  Annahme  des  festen 
Sonnenjahres  allgemein.  Dass  die  ägyptischen  Namen  der  Monats- 
tage auch  nach  der  Einführung  des  festen  alexandrinischen  Jahres 
noch  fortlebten,  wird  Überdies  durch  den  Umstand  nahegelegt,  dass 
gerade  auf  griechischen  Inschriften  der  Kaiserzeit  besondere  Namen 
für  Monatstage  nachgewiesen  sind1). 

Schon  Scaliger  hat  erkannt,  dass  das  junga westische  und 
altägyptische  Jahr  nicht  zwei  von  einander  unabhängige  Schöpfungen 
sein  können.  Nachdem  es  sich  jetzt  als  höchst  wahrscheinlich 
herausgestellt  hat,  dass  die  Sitte,  nicht  bloss  die  einzelnen  Monate, 
sondern  auch  die  30  Monatstage  nach  besonderen  Gottheiten  zu 
benennen,  von  den  Iraniern  dem  Vorbilde  der  Ägypter  —  nicht  um- 
gekehrt, wie  Berum  glaubt  —  nachgeahmt  ist,  so  ist  der  Kreis  ge- 
schlossen und  man  wird  sich  der  Schlussfolgerung  nicht  mehr 
entziehen  können,  dass  die  Magier  in  Ägypten  mit  der  dort  seit 
alters  herrschenden  Zeitrechnung  bekannt  wurden  und  ihre  Vor- 
züge vor  dem  gebundenen  Mondjahr,  besonders  auch  für  die 
Regelung  der  Liturgie,  erkannten.  Bis  dahin  hatte  man  wohl 
einzelne  Monate  nach  hervorragenden  Festen  der  Mazdareligion, 
welche  in  dieselben  fielen,  oder  nach  bestimmten  Gottheiten,  welche 
zu  ihnen  in  besondern  Beziehungen  standen ,  benannt ,  wie  den 
BägajädiS-Vayakän  und  Ä^rijäd ij a -  Ahekan  bei  Persern  und  Sogdiern 
und  den  TiStrja  und  Da#uSö  beim  Awestavolk.  Die  der  Gä#ä- 
Religion  eigentümlichen  Amesa  sponta  waren  dagegen  aller  Wahr- 
scheinlichkeit nach  im  alten  bürgerlichen  Kalender  nicht  vertreten. 
Jetzt  ging  man  aber  dazu  über,  nach  ägyptischem  Muster  samt- 
liche Monate  sowie  die  Monatstage  besondern  Gottheiten  zu  weihen. 
In  der  Ausgestaltung  dieses  Systems  sind  übrigens  die  Magier 
selbständig  vorgegangen  und  haben  ihm  einen  tiefreligiösen  Charakter 
aufgeprägt.  Dabei  zeigt  sich  nun  zwischen  den  Namen  der  Monate 
und  denen  der  Monatstage  ein  sehr  bezeichnender  Unterschied. 
Bei  der  Verteilung  der  Genien  auf  die  12  Monate  ist  eine  Bang- 
ordnung befolgt,  die  von  der  sonst  im  Awestä  üblichen  auffallig 
abweicht  und  nur  unter  der  Voraussetzung  zu  begreifen  ist,  dass 
der  Urheber  mehrfach  durch  ältere  Jahresformen,  in  denen  einzelne 
Monate  bereits  ihre  Schutzgottheiten  hatten,  gebunden  war.  Ganz 
anders  bei  den  Monatstagen.  Diese  sind  in  vier  je  von  Ahura- 
mazdäh  geführte  ungleiche  Gruppen  zerlegt,  von  denen  die  erste 
den  Amosa  spenta,  die  zweite  (8 — 14)  den  Elementen  (einschliess- 
lich des  Urstiers)  gehörte.    In  den  zwei  letzten  Gruppen  (15 — 22 


*)  Letronne^  Recherches  pour  servir  a  lTristoire  de  l'Egypte 
pendant  la  domination  des  Grecs  et  des  Romains  tireea  des  inseriptioos 

frecques  et  latines  relatives  a  la  Chronologie  etc.  Paris  1823  p.  166  ss. 
deler  a.  a.  0.  I  145  A.  1. 


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210 


J.  Marquart, 


und  23 — 80)  sind  sittliche  und  physische  Milchte  ziemlich  gleich- 
mässig  verteilt  Der  im  engeren  Sinne  zarathustrische  Charakter 
dieser  Kalenderreform  kommt  aber  darin  zum  Ausdruck,  dass  die 
Epagomenen  den  fünf  heiligen  Gäfräs  gewidmet  sind. 

Der  mazdajasnische  Kalender  ist  somit  das  Ergebnis  eines 
doppelten  Kompromisses:  1)  mau  vertauschte  den  altpersischen 
und  altawestischen  Jahresanfang  mit  dem  babylonischen,  dessen 
Epoche  die  Frühlingsnachtgleiche  war;  2)  man  gab  das  gebundene 
Mondjahr,  dessen  Monate  nach  den  Mondphasen  abgemessen  waren 
und  das  durch  die  periodische  Einschiebung  eines  Schaltmonats 
reguliert  wurde,  zugunsten  des  ägyptischen  bürgerlichen  Jahres 
von  zwölf  SOtägigen  Monaten  und  5  Epagomenen  auf  und  ersetzte 
die  bisherigen  Monatsnamen  durch  rein  religiöse.  Dieser  Kalender 
muss  durch  einen  gesetzgeberischen  Akt  der  Staatsgewalt  in  ganz 
Iran  sowie  in  den  mit  nicht  unbedeutenden  iranischen  Kolonien 
besetzten  Provinzen  Kappadokien  und  Armenien  eingeführt  worden 
sein.  Das  Epochejahr  lässt  sich  daraus  gewinnen,  dass  der  1.  Da- 
■fruSö  dem  1.  Thoth  entspricht.  Setzte  man  bei  der  Einführung 
den  1.  Prawardin  auf  den  27.  März  julianisch,  so  fiel  der  1.  Da#usö 
und  1.  Thoth  auf  den  22.  Dezember.  Dieses  war  der  Fall  in 
den  Jahren  489 — 486  v.  Chr.  Darnach  wäre  der  jungawestische 
Kalender  in  den  letzten  Jahren  des  Dareios l)  in  Kraft  getreten 4). 
Jeder  Geschichtskundige  sieht,  wie  gut  dies  zu  den  damaligen  religiös- 
politischen Verhältnissen  stimmt  Dareios,  der  als  praktischer  Staats- 
mann die  hervorragende  Wichtigkeit  des  Nillandes  mit  seiner  Jahr- 
tausende alten  Kultur  für  den  Staatshaushalt  sehr  wohl  zu  würdigen 
verstand,  nahm  von  Anfang  an  den  Ägyptern  gegenüber  eine  ganz 
andere  Haltung  an  als  sein  Vorgänger  Kambyses  und  war  mit 
Erfolg  bemüht,  deren  Dankbarkeit  und  Anhänglichkeit  zu  erwerben, 
so  dass  er  als  sechster  Gesetzgeber  des  Landes  galt8).  Bei  dieser 
Auffassung  von  der  Entstehung  des  iranischen  Wandeljahres  bleibt 
es  freilich  sonderbar,  dass  man  nicht  sofort  bei  seiner  Einführung 
Bedacht  nahm,  den  alljährlich  ausfallenden  Viertelstag  auf  bequeme 
Weise,  am  einfachsten  durch  vierjährige  Einschaltung  eines  sechsten 
Epagomenen  wieder  einzubringen.  Denn  es  konnte  den  Magiern 
nicht  schwer  fallen,  bei  den  ägyptischen  Priestern  über  das  Sothis- 
jahr  und  sein  Verhältnis  zum  bürgerlichen  Jahre  Auskunft  zu  er- 
halten. Hier  liegt  also  unzweifelhaft  eine  schwer  begreifliche  Un- 
selbständigkeit der  Iranier  gegenüber  ihren  ägyptischen  Vorbildern 


*)  Eventuell  498-  490,  falls  man  als  Epochetag  den  Tag  nach  dem 
Äquinoktium  (28.  Mär«)  wählte;  s.  oben  S.  204  A.  4. 

2)  Sein  letztes  erstreckte  sich  bis  in  den  Herbst  485,  da  die  letzte 
Urkunde  aus  der  Regierung  des  Dareios  vom  22. /VI.  des  36.  Jahres, 
die  erste  des  Xerzes  vom  7./X.  seines  Antrittsjahres  ist.  Vgl.  Weiss  - 
bach,  ZDM6.  55,  206 f. 

»)  Diod.  1,  95,  4.    Vgl.  Wiedemann,Äg.  Gesch.  S.  678 ff. 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  211 


vor.  Vielleicht  ißt  jedoch  gerade  die  allgemeine  Geltung  des  jung- 
awestischen  Jahres  geeignet,  jenes  Rätsel  verständlicher  zu  machen: 
man  wollte  die  soeben  hergestellte  Harmonie  mit  dem  ägyptischen 
Kalender,  auf  die  man  offenbar  Wert  legte,  nicht  alsbald  wieder 
zerstören.  Auf  alle  Fälle  ist  aber  die  Schöpfung  und  Einführung 
des  jungawestischen  Wandeljahres  ein  redender  Beweis  dafür,  dass 
der  Einfluss  der  Magier  nach  dem  Falle  des  Gaumäta  keineswegs 
beseitigt,  sondern  höchstens  zeitweilig  zurückgedrängt,  in  der 
spätem  Regierungszeit  des  Dareios  aber  mächtiger  geworden  war 
denn  je.  Unter  diesem  Gesichtspunkt  verliert  auch  die  Nachricht 
des  Hermodoros  über  die  Magierschulen  des  Ostanes,  Astrampsychos, 
Gobryas  und  Pazates,  die  von  Zoroaster  bis  auf  Alexander  d.  Gr. 
einander  abgelöst  haben  sollen  viel  von  inrer  Albernheit,  wofern 
man  in  denselben  in  rohen  Umrissen  die  Hauptetappen  der  äusseren 
Geschichte  der  Zarathustrareligion  im  Perserreiche  erblickt.  Frei- 
lich hat  Laertios  Diogenes  die  Reihenfolge  verwirrt  und  auf  den 
Kopf  gestellt  und  auch  sonst  die  Angaben  des  Hermodoros  ver- 
dorben. Astrampsychos  gehört  an  die  Spitze.  Unter  diesem  Namen, 
der  eine  Umschreibung  von  ap.  *wästrija-fäu-ka  =  aw.  wästrjö- 
ftujas,  der  altiranischen  Bezeichnung  des  dritten  Standes  der 
Viehzüchter  und  Ackerbauer  ist a),  verbirgt  sich  nämlich  kein  Ge- 
ringerer als  ZarathuStra  selbst,  der  im  Frawardln  jt.  89  aus- 
drücklich der  erste  wäatrjöfMijas  genannt  wird8).  Dazu  stimmt 
vollkommen,  dass  Astrampsychos  bei  den  Späteren  als  ein  grosser 
Zauberer  und  Wahrsager  gilt  und  eine  Reihe  von  Schriften  astro- 
logischen und  magischen  Inhalts  (Orakel- ,  Traum-  und  Zauber* 
bücher)  unter  seinem  Namen  verfertigt  wurden.  Es  ist  auch  nicht 
besonders  wunderbar,  dass  man  ihn  in  Ägypten,  dem  klassischen 
Lande  alles  Zauberwesens,  geradezu  zu  einem  Ägypter  und  zum 
Zeitgenossen  eines  Ptolemaios  machte  4).  An  Astrampsychos  schliesst 
sich  ganz  unvermittelt  JTa^orijc  an  d.  i.  Ucmfeßhfc-Gaumäta6). 


')  Laert.  Diog.  prooem.  2:  dnb  dh  r&v  Maycor  &v  &q£cci  Zcoqo- 
Üoxq7]v  xbv  MqOtiv,  'EQfi^dojQog  fihv  6  IHaxtovtxbg  Iv  xS>  ixsqI  iia&rtiutxcov 

?t]clv  klg  *i]v  Tqoiag  ukonoiv  txr\  ysyovivcci  nevxaxiöyiXicc  (Sdv&og  dh 
Avöbg  elg  tr\v  jkiQ&ov  didßaaiv  dnb  xoü  ZcaQodßxQov  t^axiertlni  (f  vkcn, 
xai  oft'  aircbv  ysyovtvai  nollovg  xivag  Mdyovg  xaxä  diado%i;> .  'Oaxdvag 
xal  AaxQa\i^>vxovg  xai  Tufavag  xal  Ila$dxag,  Ti)g  JTcptfe&v  W 

'Altidvdqov  xaxaXvOtmg. 

*)  So  schon  Windischmann,  Zoroastrische  Studien  286. 

*)  Weniger  wahrscheinlich  ist  an  Zarathustra's  Sohn  Urwatat-nara 
zu  denken,  der  als  weltlicher  Herr  (aku)  im  War  des  Jima  und  Haupt 
der  Ackerbauer  bezeichnet  wird  (Wend.  2,  43.  Bundah.  XXIX  5. 
XXXII  5.  6).  Man  wttrde  vielmehr  Isat-wastra  erwarten,  den  Sohn 
Zarathuätra's  von  seiner  Hauptfrau,  der  Ober-Monat  wurde  und  im 
hundertsten  Jahre  der  Religion  starb  Bundah.  XXXII,  5.  Fraward. 
jt.  98.  js.  23,  3.  26,  5.  67,  2. 

*)  S.  Pauly-Wissowa,  RE.«  1796.    Unrichtig  Assyriaka  530. 

»)  Vgl.  oben  S.  145  und  A.  4.  158  A.  3. 

14* 


212 


J.  Marquart, 


In  'Otfrovqg  sind  dem  Laertios  Diogenes  wohl  Ostanes  L,  welcher 
den  Xerxes  auf  dem  Zuge  gegen  Hellas  begleitet  haben  soll  (Plin. 
h.  n.  30,  8) ,  und  Ostanes  II. ,  ein  Zeitgenosse  Alexanders  d.  Gr. 
(Plin.  h.  n.  80,  11)  zusammengefallen,  wie  in  rtoßQvag  die  beiden 
gleichnamigen  Personen  des  Dialoges  Axiochos  c.  12  p.  371  A. 
Dem  zweiten  Gobryas,  einem  Magier,  verdankte  Sokrates  Ent- 
hüllungen über  die  Unterwelt  und  die  Belohnung  und  Bestrafung 
nach  dem  Tode,  welche  sein  Grossvater  auf  Delos,  wohin  er  beim 
Xerxeszuge  gesandt  worden  war,  um  das  heilige  Eiland  zu  schützen, 
entdeckt  haben  sollte1). 

Das  jungawestische  Jahr  ist  hiernach  eine  Erfindung  der 
Magier  aus  der  älteren  Achaimenidenzeii     Hierin  liegt  ein- 
geschlossen, dass  diese  sich  der  Awestäsprache  bedienten,  und  zwar 
ergibt  sich  aus  dem  kappadokischen  Namen  4advvGa  =  jaw. 
Da&uäöy  in  ap.  Lautform  Da&u6ahy  nicht  gaw.  Dadiu^ö  *) ,  dass 
der    altehrwürdige   Gäthädialekt  spätestens  um  400  v.  Chr.*), 
wahrscheinlich  aber  schon  weit  früher  verklungen  war  und  die 
Magier  nur  mehr  das  Jungawestische  zu  handhaben  verstanden.  Ich 
bemerke  aber,  dass  nur  derjenige  ein  Recht  hätte,  die  Awestä- 
sprache altmedisch  zu  nennen,  dem  es  gelange  in  Medien  einen 
Dialekt  aufzufinden,  der  die  Wörter   Tütrja  und  ckuxxrnawh 
für  gemeiniranisch  Thri  und  famah-  im  gewöhnlichen  Gebrauche 
zeigte  und  mit  der  Awestäsprache  den  Lautwandel  von  rt  zu  £  und 
von  h  zu  19h  teilte,  von  sachlichen  Schwierigkeiten  ganz  abgesehen. 
Die  weiteren  Schicksale  und  verschiedenen  Formen  des  jung- 
a westischen  Jahres  behandle  ich  hier  nicht ;  dagegen  wird  es  nicht 
überflüssig  sein,  die  Entwicklung  der  altiranischen  Kalender  bis 
zur  Einführung  des  Wandeljahres  in  einer  Tabelle  zu  veranschau- 
lichen.   Ich  setze  die  armenischen  Monatsnamen  zur  Vergleichung 
bei,  wobei  ich  die  noch  nicht  erklärten  mit  einem  Sternchen  ver- 
sehe; dagegen  habe  ich  die  sogdischen  und  Sagzlnamen  weg- 
gelassen, weil  sie  grösstenteils  noch  unerklärt  und  ihre  wahre 
Aussprache  unbekannt  ist,  da  die  vokallose  arabische  Schrift  an 
sich  die  verschiedensten  Lesungen  erlaubt.    Den  erschlossenen 
jungawestischen  Namen  habe  ich  die  entsprechenden  altpersischen, 
kappadokischen,  mittelpersischen  und  chwärizmischen  gegenüber- 
gestellt.   Bei  der  Ansetzung  der  kappadokischen  Formen  ist  das 
Hemerologium   in  Theons  Kommentar  zu  den  Handtafeln  des 
Ptolemaios  nach  der  Leidener  Hs.  (cod.  ms.  Graec.  bibl.  publ. 
Leid.  Nr.  78  fol.  145*— 150\  152'.),  die  ich  selbst  verglichen 
habe,  zu  Grunde  gelegt. 


»)  S.  A.  v.  Gutschmid,  Kl.  Sehr,  m  8—4. 

«)  Vgl.  Bartholomae,  Grdr.  f.  iran.  Phil.  1 163  S.  274  Antn.  2. 

*)  S.  diese  Unter».  I  67. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


213 


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214 


J.  Marquart, 


Koptisch 

Anfang 

Jungawestisch 

AltpersiBch 

IV.  Choiak 

22.  März 

I.  FrawaSinäm 

Wartinäm 

V.  Tybi 

21.  April 

- 

IL  A&ahe  wahis- 
tahe 

Artahjä  wahi&tahjä 

VL  Mechir 

21.  Mai 

JJL  Haarwatätö 

Haruwatäh ,  gen. 
Haruwatätah 

VII.  Phamenoth 

20.  Juni 

IV.  TiStrjehe 

TiriS,  gen.  Tlrais 

VIII.  Pharmuthi 

20.  Juli 

V.  Amor»tätö 

Amrt(at)ah ,  gen. 
Amrtätah 

IX.  Pachon 
X.  Payni 

19.  Aug. 
18.  Sept. 

VI.  Chsatfrane 
wa'rjehe 

VILMidrahe 

Ch§a#rahjä  wari- 
jahjä 

Mifrrahjä 

XI.  Epiphi 

18.  Okt 

VIII.  Apäm  (napätö) 

Apäm  (napätah) 

XII.  Mesore 
5  Ergänzungstage  17. 
I.  Thoth 

17.  Nov. 
—21.  Dez. 
22.  Dez. 

IX.  Ätaro ,  gen. 
AOrÖ 

X.  Dadwa,  gen. 
Datfusö 

Ätr,  gen.  Ädrah 

Dadwäh,  gen.  Da- 
ahi&ah 

TT  Pftnnhi 

21  Jan 

XI  Wohtimanö  o*en 
Wanhöni  mananhö 

Wahu  man  ab  tfen 
WahauS  manahab 

III.  Athyr 

20.  Febr. 

XII.  Spanta  ärma'tiS, 
gen.  Spentaja  ar- 
matöiS 

Santa  SramatiS 

Fünf  Erganzungs 

l)  Nach  Benfey-Stcrns  Liste  II,  wo  Sai'tfp^ij  steht  In  den  beiden 
Um.  des  Hemerologiums  ist  dieser  and  der  folgende  Name  verdorben; 
in  der  Leidener  Ha.  stehen  beide  anf  einem  kursiv  geschriebenen  er- 
günzten  Blatt. 

*)  In  den  Monologien  Mi&gl. 

*)  So  P.  de  Lagarde;  die  Menologien  haben  yAitQy*vu\ui  etc.,  der 
cod.  Lugd.  abgekürzt  AÜOMOIN8,  woraus  im  Laurentianos  AHO- 
MYAH  geworden  ist. 

*)  Die  kappadokische  und  chwarismische  Form  gehen  auf  den 
Gen.  (  Wah)öi  manaha(h)  surttck. 

Ä)  Nach  dem  Pazand-Pahlawi-Glossar  Kap.  28  bei  Salemann,  Über 
eine  Parsenhandschrift  der  ks.  öffentl.  Bibliothek  ra  St.  Petersburg  8.  84. 

•)  Geschrieben  Hartoit,  AmyrU,  was  fälschlich  Ckyrdat,  Amyrdat 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  215 


Kanpadokisch 
*  * 

Mittelpere.5) 

Anfaoer 

Chwarizmisch 

APTANA 

FrawartTn  | 

27.  Marz 

^Ju^L  Nausörge  oder 

APTPIY€<Orl[H) 

Artwahiüst  | 

26.  April 

v^wÄjO^I  Ardwüt  oder 

A  PO  AT  ATA 

Haröt R) 

26.  Mai 

ob3j5>   Harwadaö  oder 

T6IP6I 

Tlr 

25. Juni 

&re  oder  »^M 

Räzäk 

AM  AP T ATA 

Amurt6) 

25.  Juli 

itJwP  Hamdtid 

2ABP10PH*) 

§a(h<9)6war 

24.  Aug. 

iC^J+^A  Ich&areware 

\fJCi  T>JJ  2\ 

Ml  rJ-Lil  *) 

ÄllvTO 

&o.  öept. 

C5j^3'  Umir® 

A  II  OME  NA  IIA9) 

Äpän  1 

23.  Okt. 

,.*j>liL  Jäpä-chan  oder 

AB  PA 

Ätur  I 

22.  Nov. 

» t|  Arö  od.  ,.%a9äL)C^:^s 

JA0OYCA 

Dadw  7)  | 

22.  Dez. 

Kemaid  oder 

f)P\f  AK  j4*\ 

Wjihfi  tn  rti 

s  ^  Ton 

CONJAPA 

Spandarmat  | 

20.  Febr. 

l^aj\JJ^.\  Ispandärmace 

oder  {j&=>  ChSöm 

tage  22.-26.  Marz 

gelesen  wird.  Allein  die  Ligatur  et  steht  unrichtig  für  t.  Beide  Formen 
gehen  ebenso  wie  Ätyr,  Dadw  und  Spandarmat  auf  den  ap.  Nominativ 
zurück.    Die  Formen  Haröt  und  Amurt  liegen  auch  den  arabischen 

Engeln  Oj.lP  und  Oj.L*  zu  Grunde,  nur  dass  letzteres  in  bekannter 

Weise  an  Härüt  angeglichen  ist.  Haröt:  haruwatäh  —  mp.  dröt,  np. 
duröd:  ap.  *durutoatak    Vgl.  Hübschmann,  Pers.  Stud.  S.  61. 

*)  Bisher  fälschlich  Din  gelesen ,  es  entspricht  aber  np.  Daj 
aus  Dadw. 

«)  S.  fv,  11  OSman,  S.  fv,  16  ^^^1  d.  i.  Q+^jt,  aber 

S.  v.,  paen.  und  tT*v,  13  q4-c*I  d.  i.  (W)achman  im  Nona.  Der  Monats- 
tag heisst  ^jl. 


216 


J.  Marquart, 


Zusätze  und  Berichtigungen. 

Zu  S.  5  Z.  17 — 32  und  A.  3:  Das  nur  im  syrischen  (und 
äthiopischen)  Text  erhaltene  Stück  ist  an  dieser  Stelle  eingeschoben, 
weil  man  das  Land  der  Partstqisjl  (äth.  Sapln  =  ^jL*  statt 

ja**s),  zu  dem  Alexander  S.  189,  14  ff.  kommt,  mit  n^aGutnj] 

zusammenwarf.  Allein  die  ParisTqäje,  die  als  Ichthyophagen  ge- 
schildert werden,  sind  vielmehr  die  IlaaiQieg  in  Gadrosien,  welche 
Nearchos  neben  die  Ichthyophagen  setzt 1).  Ptolemaios  verzeichnet 
in  Gadrosien  gegen  Karmanien  zu  ein  Volk  TLuqgIqcci'*),  %  de 
fUotj  xijg  x^Q^S  it&<Scc  xctkuxcti  Ha^a6t]vr\  xui  <6n  ccvv^v  üaQKSLvri^). 
Vgl.  Tomaschek,  Topographische  Erläuterung  der  Küstenfahrt 
Nearchs  S.  28.  Der  Verwechslung  von  Prasiake  mit  dem  Lande 
jener  Ichthyophagen  begegnen  wir  schon  im  Eingange  des  Briefes 
an  Aristoteles  p.  120  b  ed.  Müller  =  p.  94  Syr.  transl.  Budge  = 
p.  142  Aeth.  transl.  Budge4).  Schiffermärchen  über  die  Barbaren 
an  der  Küste  von  Gadrosien  konnten  immer  wieder  aufs  neue  nach 
Alexandrien  gelangen. 

„Wir  brachen  auf  vom  Lande  der  ParisTqäje  und  wandten 
uns  gerade  gegen  Osten*  (p.  190,  9  =  107  der  Übs.).  Nach 
10  Tagen  kommen  sie  zu  einem  hohen  Berge.  Die  dortigen  Ein- 
wohner ermahnen  Alexander,  das  Gebirge  nicht  zu  überschreiten, 
da  dort  ein  grosser  Gott  in  Gestalt  eines  Drachen  hause,  der  das 
Land  vor  Feinden  schütze.  Der  Drache  ist  drei  Tage  von  da, 
„an  jenem  Strome'  (Z.  16).  Alexander  kommt  dann  ans  Ufer 
jenes  Flusses,  und  der  Drache  wird  auf  dieselbe  Weise  beseitigt 
wie  der  Wurmgott  im  Kärnämak  (c.  7,  11  ff.,  8,  7—11).  Sonst 
wird  seine  Erscheinung  wie  die  eines  indischen  nüga  beschrieben : 
er  erscheint  in  schwarzer  Wolke.  Dagegen  seine  Tyrannei,  seine 
tägliche  Fütterung  mit  zwei  Ochsen  und  die  Tötung  von  Menschen 
ist  gezeichnet  nach  der  iranischen  Vorstellung  von  AI  i  dahäk 
und  dem  Wurmherrn.  Vgl.  Nöldeke,  Beiträge  zur  Gesch.  des 
Alexanderromans  S.  22.  Nach  der  Tötung  des  Drachen  (p.  193, 12 
=  108)  „brachen  wir  von  da  auf  und  gelangten  zu  einer  Land- 
schaft (oder:  Ort),  und  innerhalb  jener  Landschaft  war  ein  hoher 
Berg6)  und  ein  Fluss6),  Birastös  nennt  man  ihn,  entsprang  aus 


l)  Arrian.  Ind.  26,  3.  Plin.  h.  n.  6,  97:  flumen  Tonberum  navi- 
gabile,  circa  quod  Parirae,  dein  Ichthyophagi ;  6,  95  :  alii  Gedrusos  et 
Sir  es  (Harduin  und  SUlig:  Pamres)  posuere  per  CXXXVIII  p. 

*)  cod.  A  Uapffrdcu,  die  Übrigen  Hat.  Wilbergs  TIccQciQM. 

•)  Ptol.  VI  21  p.  439,  15.  Wie  das  verdorbene  fj  na?  dibv  im 
Periplus  mar.  Erythr.  §  87  herzustellen  iit,  ist  unsicher.  Vgl.  Toma- 
schek a.  a.  O. 

*)  Jöm&da  ist  hier  falsche  Umschreibung  von  arab.  für 
«)  Also  ein  sweiter  Berg.  •)  Also  ein  zweiter  Fluss. 


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Untersuchungen  sur  Geschichte  von  Eran. 


217 


ihm.*  In  diesem  Berge  ist  ein  Gott,  der  ganze  Berg  aus  Sapphir. 
Alexander  besteigt  den  Berg  mit  seinen  Trappen  nnd  lässt  den 
Göttern  Opfer  bringen.  Hier  wird  ihm  durch  Geisterstimmen  zu- 
gerufen ,  er  solle  umkehren.  Darauf  erhält  er  von  den  Göttern 
Bescheid,  wenn  er  allein  weitergehe,  so  werde  er  durchkommen 
und  lebendig  wieder  zurückkehren.  Er  werde  dort  einen  König 
sehen,  einen  Göttersohn  (d.  i.  den  baypür  —  d&vaputra),  aus  dessen 
Lande  ein  geehrter  Priester  zu  einer  Anzahl  von  Ländern  gehe. 
Hierauf  lässt  Alexander  bei  jenem  Berge  eine  Stadt  erbauen, 
nämlich  »Alexandreia  die  Königin  der  Berge*. 

Hiernach  kann  es  keinem  Zweifel  unterliegen,  dass  mit  dieser 
Stadt  ursprünglich  'Aki^avÖQSut  $  h  'Siethens  gemeint  ist  *) ,  das 
alte  Dorf  FctfißaiUa,  das  Tomascheka.  a.  0.  S.  19  beim  heutigen 
Sönmiäni,  dem  Hafen  von  Beilä  ansetzt.  Der  Sapphirberg  er- 
innert an  Orthagoras'  Notiz  über  reiche  Erzadern  im  Lande  der 
Oreiten  (s.  Tomaschek  S.  20).  Der  Fluss  Blrastes  kann  so- 
mit nur  der  Purall  sein,  der  an  Beilä  vorbeifliesst  und  nördlich 
von  Sönmiäni  ein  sumpfiges  Delta  bildet. 

In  der  Epistola  Alexandra  Macedonis  ad  Aristot.  p.  205,  17 
ed.  Eübler  kommen  die  Makedonen  (aus  Indien)  zuerst  zum  Flusse 
Buebar,  wo  Elephantenherden  aus  den  Wäldern  auf  sie  zukommen, 
dann  geht  es  in  eine  andere  Gegend,  wo  man  ganz  behaarte 
Männer  und  Frauen  sieht,  die  Ichthyophagen,  die  am  Flusse  Ebi- 
maria  wohnen  (p.  207,  8).  Hierauf  findet  man  Haine  voll  mäch- 
tiger Cvnocephali  und  kommt  schliesslich  nach  Pha&iace,  „unde 
veneram*.  Der  Buebar  entspricht  hier  dem  "Aqctßiq  der  Ale- 
xanderhistoriker, dem  heutigen  Habb,  wie  Ausfeld  (Zur  Kritik 
des  griechischen  Alexanderromans,  Karlsruhe  1894  S.  12)  richtig 
gesehen  hat.  Der  Ebimaris  ist  dann  der  Birasßs  des  Syrers 
d.  h.  der  Purall.  Phasiace  (so)  ist  hier  noch  richtig  vom  Lande 
der  Fischesser  d.  h.  der  Oreiten  und  Ichthyophagen  des  Nearchos 
geschieden  und  westlich  von  diesen  gedacht,  entspricht  somit 
genau  dem  Gebiete  der  Tlac^ieg  Nearchs. 

Zu  S.  6  Z.  11  ff.  Es  ist  mir  jetzt  wahrscheinlich,  dass  von 
Anfang  an«  an  den  S.  1 — 8  erwähnten  Stellen  der  Schatzhöhle 
verschiedene  Namen  beabsichtigt  waren,  die  z.  T.  vielleicht  ty- 
pische Bedeutung  hatten.  Dann  wäre  azd-gar  einfach  „kund- 
machend*. An  sich  lassen  ja  die  syrischen  Zeichen  alle  möglichen 
Deutungen  zu,  zumal  die  Legenden  ohne  Zweifel  schon  durch 
verschiedene  Hände  gegangen  waren  und  die  ursprünglichen 
Formen  nicht  bekannt  sind.  Die  Namen  der  zweiten  Gruppe  sind 
augenscheinlich  weit  unsicherer  überliefert.  Doch  könnte  man 
die  von  B  gebotene  Lesart  ;ojcu9,  welche  auch  der  arabischen 


l)  So  richtig  Nöldeke,  Beiträge  «ur  Gesch.  des  Alexanderromans 
S.  8  A.  8.  der  aber  gleichwohl  S.  22  den  Fluss  Birastes  für  den 
Borysthenes  hält. 


218 


J.  Marquart, 


Übs.  zu  Grande  liegt,  ala  ßfo*J  -  Antwort  gebend"  deuten,  ob' 
schon  man  dann  erwarten  sollte,  und  Jazdwar  würde  etwa 
,  fromm"  bedeuten. 

Diese  Legenden  weisen  m.  E.  auf  manichäischen  Ursprang, 
den  christlichen  Syrern  aber  waren  die  persischen  Namen  leerer 
Schall.  Dies  gilt  namentlich  auch  von  der  zwölfgliedrigen  Liste, 
und  diese  ist  auch  für  uns  nichts  anderes,  so  lange  die  Original- 
legenden, aus  denen  sie  ohne  Zweifel  zusammengestoppelt  ist,  noch 
nicht  aufgefunden  sind. 

Zu  S.  16  Z.  4.  19:  Leider  war  mir  bisher  der  Aufsatz  von 
U.  Boissevain,  Ein  verschobenes  Fragment  des  Cassius  Dio 
(Hermes  Bd.  25,  1890,  S.  329—339)  entgangen,  in  welchem  der 
Nachweis  geführt  wird,  dass  das  aus  den  urämischen  Exzerpten 
ntql  itQioßeoav  stammende,  von  Ursinus  als  Nr.  77  bezeichnete 
Fragment  des  Kassios  Dion,  welches  man  seit  Ursinus  und  Leun- 
clavius  allgemein  auf  den  Partherkrieg  des  Septimius  Severus  be- 
zog und  demgemäss  im  75.  Buche  (75,9,6)  unterbrachte,  nach 
der  Reihenfolge  der  ursinischen  Exzerpte  vielmehr  in  den  Parther- 
krieg des  Traianus  und  zwar  wahrscheinlich  ins  Jahr  116  n.  Chr. 
gehört.  Das  sehr  abgerissene  Fragment  lautet:  (ki  tö  OvoioyaCom 
x&  Eccvccxqovxov  naidi  avxi7tccfi<xxal-a(iivm  xotg  iztQt  Ziqvtiqov^  xal 
Sioxanx^jv  nqiv  avfipu-al  aq>i6iv  amjtfavrt  xal  Aa/3övrt,  nntoßzig  xe 
7tQbg  avxbv  iatiaxedt1)  xal  fiigog  xi  xqg  'AQ^tviag  liti  rrj  rfpijvy 
iyjDtqlcaxo. 

Severus  war  einer  der  Generäle,  welchen  die  Aufgabe  zufiel, 
den  im  Rücken  Trajans  in  den  drei  neu  eingerichteten  Provinzen 
Mesopotamia,  Assyria  und  Armenia  ausgebrochenen  Aufstand  nieder- 
zuwerfen. Trajan  muss  die  Lage  für  bedrohlich  genug  gehalten 
haben,  so  dass  er  es  für  geraten  fand  einzulenken.  Unter  dem 
Teil  von  Armenien,  welchen  er  dem  Yolagoses  beim  Friedens- 
schlüsse als  lehnspflichtiges  Fürstentum  abtrat,  also  von  der  neu- 
errichteten Provinz  abtrennte,  sind  wohl  die  ehemaligen  Königreiche 
Sophene  und  Gordyene  zu  verstehen,  welche  nach  Appians  Zeugnis 
zu  seiner  Zeit,  d.  h.  unter  Antoninus  Pius,  als  Strategie  von 
Kappadokien  unter  dem  Namen  Armenia  minor  verwaltet  wurden, 
während  das  alte  Kleinarmenien  westlich  vom  Euphrat  schon  länger 
in  den  Provinzial verband  von  Kappadokien  aufgegangen  war5). 

»)  Subjekt  ist  Trajan. 

*)  Appian  Mithr.  105:  xal  6  JIo/Mojtos  a{jx&  (TiyQdvyj)  ovveyiyvcooxe 
x&v  ytyovoxmv  xai  GWTjiXaoce  xä  itai&i  xai  diflrtjffe  xbv  \lIv  vVov  &q%hv 
t»}s  £<oq>rivfi$  xal  -TocxJvrjvfiff,  at  vQv  &qcc  slölv  'Anutiiu  ßpajrvWpa,  zöv 
dh  Ttaxiqa  xfjs  £Ui)ff  ÄQ^tviaq  ini  x&ds  x&  naidl  xXwovöiup.  .  .  .  6  H 
IIop,nr\io<s  ixxsxelfo&ai  ol  xbv  nävxa  noUpov  /(-/onu  vog ,  a>xt£f  7t6Xiv 
iv&cc  ttjv  pagf]v  ivlxa  Mi&QidätT\v,  J)  anb  xov  fpyov  Nix&xoiig  xXfäextu, 
xai  ittxiv  'AQiuviag  xfjg  ßQa%vxiqag  Xtyoii4vr\g.  'AQioßaQ^a i  ?,  d'  a-xtdidov 
ßaaiUvtiv  Kaitita&oxiag ,  xai  TtQOOtTtttcoxs  Za>(privr)v  xai  roQ6vr\vi)v^  & 
xä>  xaidl  iiu^Qiaro  xm  Tiyqävovg  xai  OTQcexriyetxai.  vvv  &pa  x$  Kaitna- 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  219 


Der  offizielle  Name  Armenia  minor  muss  fBr  jenes  Gebiet  auch 
noch  100  Jahre  später  im  Friedensvertrage  des  Kaisers  Philippus 
mit  §äpür  I  (244  n.  Chr.),  sowie  im  Frieden  des  Galerius  (297) 

doxia  xal  xddt.  I&coxs  de  xal  x1\g  KiXtxiag  n6Xiv  KaoxaßaXa  xal  &XXag. 
Aotoßag^ovrig  fthv  ovv  xi\v  ßaaikslav  ZXr\v  x&  itaiäl  iteoubv  ivk-%sLoiot- 
xal  itoXlal  ftftaßoXal  pi%Qt  Kaicaoog  iy tvovto  xov  Zeßactov,  i<p  o£, 
xa&chtiQ  xct  XoitmL,  xal  ijoe  ff  ßaoiXtia  ntQtfjX&ev  ig  oxQaxr\ylav. 

Diese  Stelle  enthält  verschiedene  Schwierigkeiten. 

Die  Behauptung,  Ariobarzanes  habe  ausser  Sophene  auch  Gordyene 
erhalten ,  widerspricht  der  ausdrücklichen  Angabe  Strabons  t£  1 ,  24 
p.  747,  Pompeius  habe  den  grössten  Teil  von  Mesopotamien  dem  Tigranes 
zugeteilt.  Auch  Tigranes  dem  Jüngeren  war  nach  den  anderen  Quellen 
nur  Sophene  zugedacht  worden  (Kass.  Dion  36,  53,  2.  Plut.  Pomp.  33). 
Die  Hinzurugung  von  Gordvene  ist  daher  mit  Th.  Reinach  (Mithridate 
Eupator  p.  393  n.  1)  in  beiden  Fällen  zu  verwerfen.  Die  unvermittelte 
una  unmotivierte  Verwendung  des  Ausdrucks  ij  ßoarvxioa  'Aq\uvIcc  in 
zwei  ganz  verschiedenen  Bedeutungen  ist  auf  alle  Fälle  höchst  befremd- 
lich, allein  die  Deutung:  .Sophene  und  Gordyene,  welche  jetzt  zu  Klein- 
armenien gehören"  wird  durch  den  Text  ausgeschlossen.  Da  nun 
die  Stelle  auch  noch  einen  andern  nachweisbaren  Irrtum  enthält  — 
Kappadokien  ist  nicht  unter  Augustus,  sondern  erst  unter  Tiberius  im 
J.  17.  n.  Chr.  zur  Provinz  gemacht  worden  —  und  Appian  den  Aus- 
druck ßQajyeiqa  'AqimvUc  sonst  immer  im  gewöhnlichen  Sinne  fUr 
Kleinarmenien  westlich  vom  Euphrat  verwendet  (Mitbr.  17.  90.  115), 
so  ist  man  versucht  an  eine  grobe  Flüchtigkeit  seinerseits  zu  denken 
und  zu  vermuten,  dass  in  seiner  Quelle  noch  etwas  über  da«  wirkliche 
Kleinarmenien  berichtet  war  und  sich  auf  dieses  die  Bemerkung  be- 
ziehen sollte:  xal  oxoaxriystxat.  vüv  &ua  xy  Kaitita&oxia  xal  rüde.  Ein 
Teil  von  Kleinarmenien  wurde  im  Jahre  48  v.  Chr.  von  Caesar  dem 
Ariobarzanes  III.,  dem  Sohne  Ariobarzanes'  II.  von  Kappadokien  ver- 
liehen (Kass.  Dion  41,63.  42,48,4);  im  Jahre  20  v.  Chr.  erhielt  es 
Archelaos  von  Kappadokien  (Kass.  Dion  54,  9,  2.  Strab.  iß  3,  29  p.  555). 

Eine  solche  Erklärung  wäre  indessen  sehr  gezwungen ,  da  Klein- 
armenien wahrscheinlich  schon  von  Yespasian  der  Provinz  Kappadokien 
einverleibt  worden  war  (Joach.  Marquardt,  Römische  Staatsver- 
waltung I2  369).  Sophene  und  Gordyene  müssen  vielmehr  im  offiziellen 
Sprachgebrauch  wirklich  die  Bezeichnung  Armenia  minor  geführt  haben. 
Der  siegreiche  Feldzug  des  Gordianus  gegen  die  Perser  war  durch  den 
schmachvollen  Frieden  des  Arabers  Philippus  abgeschlossen  worden, 
den  letzten  formellen  Friedensvertrag  zwischen  Kom  und  Persien  bis 
auf  Galerjus.  Dexippos  muss  Uber  denselben  berichtet  haben,  wie  sich 
aus  der  Übereinstimmung  des  Zosimos  (I  19,  1.  III  32,  4),  Synkellos 
(p.  688,  1—2),  Zonaras  (XII  19  vol.  II  p.  588  ,  3—7  ed.  Bonn.)  und 
Luagrios  (h.  e.  V  7  p.  426  ed.  Vales.)  mit  Sicherheit  ergibt,  aber  nur 
bei  den  beiden  letztern  finden  sich  Andeutungen  Uber  die  Friedens- 
bedingungen. Zonaras  sagt :  aitovdccq  dk  itobg  2kcitcoQt\v  friyLtvog  xbv 
x&v  TlfQßtbv  ßaoiXivovxa .  xbv  itobg  ffioaag  xaxiXvae  itoXspov,  naoa%ca- 
ojaccg  a-bxolg  Me<foitoxa(ilag  xal  Agiuviag-  yvovg  dk  'Ptofiaiovg  axfropd- 
vovg  9ia  xijv  x&v  %foo&v  xovxtov  itaQa^&oriOiv ,  fux*  ÖXiyov  "Mr&xxios  tag 
ow&ijxag  xal  x&v  %atQ&v  iittXdßexo.  Erst  unter  Gallus  begann  die 
Reaktion  der  Perser  gegen  den  Vertragsbruch  eb.  p.  589,  24-— 590,  8. 
Damit  stimmen  die  Worte  des  Zosimos  3.  82,  4:  fo6votg  dl  itoXXolg 
voxeoov  rooäucvoü  roß  ßaotlimg  Iligaatg  htiaxoaxBvaavxog  xal  iv  ptai] 
xfi  itoXtfila  itse6vxog,  ovdk  pexct  xavxr\v  xx\v  vlxrpr  ol  Iligoai  itaoeoita- 
cavr6  xi  x&v  tfd*T\  'Pmputioig  4mrix6a>v  yeysvvfi4vmvy  xal  xavxa  QiX'utnov 
diad^afUvov  xi\v  aofftv  xal  dirfv7)v  alo%iwi\v  ngbg  Mocag  fcpivw. 


220 


J.  Marquart, 


gebraucht  worden  sein.  Nur  so  wird  es  begreiflich,  wie  Malalas 
zu  der  Behauptung  kommen  konnte,  Maxentios,  d.  i.  Galerius 
Maximianus,  habe  gewisse  Landschaften  von  Persarmenien  losgerissen 
und  den  Römern  unterworfen,  die  er  erstes  und  zweites  Armenien 
der  Römer  genannt  habe1):  er  verwechselte  das  östlich  vom  Euphrat 
gelegene,  von  Galerius  zurückgewonnene  Armenia  minor  d.  i.  die 
später  sogenannten  gentes  Transtigritanae  mit  dem  alten  Klein - 
armenien  westlich  vom  Euphrat,  das  erst  von  Diokletian  von 


Euagrios  dagegen,  der  die  Veranlassung  des  armenischen  Aufstandes 
und  des  römisch-persischen  Krieges  unter  Justin  IL  erzählt,  beginnt 
mit  den  Worten:  Tovxov  (Gregorioe,  der  Patriarch  von  Antiochien)  xj)v 
iiuoxoni)v  hq&xov  ixog  dibtovxog  ol  rfjg  näXtu  akv  p,tyaXr\g  'AqiuvUcs, 
Zoxsqov  dk  TlkQaaQ^kvLag  ixovouaö&siorig  —  f)  w^ronv  'Pca^ucLotg  xaxrjxoog 
Ttvy  QiXlmtov  Sh  xov  u-era  roQOtavbv  xaxanQodovxog  airtr}v  xä  JZaitwpt] 
7)  fikv  xXri&sloct  fuxqä  'AqiisvUx  itQbg  * Fa>iutuov  ixqccxrför\,  r\  di  yt  Xoixi, 
it&aa  icQÖg  He^cmv  —  xit  Xqioxucv&v  itQtoßevomeg  .  .  .  .  iv  itccQccfivoxip 
iitQEcßsiovxo  nobg  'Iovoxtvov  xxX.  Dem  Euagrios  dient  diese  historische 
Notiz  nur  als  Einleitung  zu  seiner  Erzählung;  er  hat  sie  ohne  Zweifel 
nicht  direkt  aus  Dezippos,  sondern  aus  der  Chronik  des  Eustathios 
von  Epiphaneia  bezogen,  der  den  Dezippos  ausgezogen  hatte  (vgl. 
Euagr.  V  24).  Daraus  erklärt  sich  zum  Teil  die  nachlässige  Fassung 
des  Satzes.  Da  Euagrios  aber  von  den  Verhältnissen  seiner  Zeit 
ausgeht  und  kein  Dummkopf  war  wie  Malalas,  kann  er  nicht  haben 
sagen  wollen,  infolge  des  Friedens  des  Philippus  sei  das  schon  seit 
Vespasian  mit  der  Provinz  Kappadokien  vereinigte  und  seitdem  un- 
unterbrochen in  römischem  Besitz  gebliebene  Kleinannen ien  westlich 
vom  Euphrat  von  den  Römern  besetzt  worden.  Er  spricht  vielmehr 
nur  von  Grossarmenien,  das  bis  auf  Philippus  ein  Ganzes  unter  römischer 
Lehnshoheit,  durch  den  schmählichen  Frieden  desselben  geteilt  worden 
sei,  indem  ein  Teil,  das  sogenannte  Kleinarmenien,  von  den  Römern 
besetzt  wurde,  während  die  ganze  übrige  Hälfte  den  Persern  anheim- 
fiel. Jenes  Kleinarmenien  muss  also  einem  Teile  des  späteren  römischen 
Grossarmenien  entsprechen,  und  zwar  aller  Wahrscheinlichkeit  nach 
den  beiden  ehemaligen  Königreichen  Sophene  und  Gordyene.  Wenn 
Euagrios  diese  Teilung  als  eine  vollendete  Thatsache  meldet,  so  ist  dies 
ohne  Zweifel  ein  schwerer  Irrtum.  Dass  in  den  Friedensbedin- 
gungen eine  solche  ausgesprochen  war,  braucht  nicht  bezweifelt  zu 
werden,  allein  sie  blieb  aut  dem  Papier.  Denn  da  der  Friede  nach 
Zonaras  und  Zosimos  von  Philippus  in  echtrömischer  Weise  nicht  ge- 
halten wurde,  so  ist  es  selbstverständlich,  dass  sich  auch  SäpOr,  sobald 
er  die  Macht  hatte,  nicht  mehr  an  etwaige  einschränkende  Bedingungen 
desselben  gebunden  erachtete.  Wir  finden  daher  keinen  bestimmten 
Anhaltspunkt  für  die  Annahme,  dass  das  fragliche  Kleinarmenien  von 
Gallus  ois  auf  Galerius  je  im  unbestrittenen  Besitze  der  Römer  ge- 
wesen wäre.  Später  griff  man  indessen  wieder  auf  den  Vertrag  des 
Philippus  zurück:  Galerius  sanktionierte  das  römische  Kleinarmenien, 
hielt  aber  an  der  romischen  Lehnshoheit  Uber  das  wiederhergestellte 
Königreich  Armenien  fest.  Umgekehrt  wird  sich  Sapür  II.  den  Römern 
gegenüber  auf  den  alten  unausgeführten  Vertrag  berufen  haben,  aber 
erst  unter  dem  frommen  Theodosius  wurde  die  Teilung  wirklich  durch- 
geführt. 

l)  Malal.  XII  p.  812{  17—19:  xal  iatinnao*  ibqag  ix  x&v  n^eaQ- 
fitvUnv  xal  inoir\6tv  &rö  Fm\iaiovg.  $v  xiva  ixdXtet  7tQ&xi)v  xal  * 
qccv  'Afiuiriav  'PtoftaUtv  (Mazentios  d.  i.  Galerius  Maximianus). 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


221 


Kappadokien  abgetrennt  und  zu  einer  eigenen  Provinz  erhoben 
worden  war,  die  unter  Theodosius  I.  (zwischen  878  und  886)  in 
zwei  Provinzen  Armenia  I  und  Armenia  II  zerlegt  wurde1).  Der 
Prätendent  Volagases  aber,  der  sich  an  die  Spitze  des  Aufstandes 
der  Armenier  gestellt  hatte,  ist  gewiss  kein  anderer  als  der  im 
nächsten  ursinischen  Exzerpt  genannte  Volagases,  welcher  die  Alanen, 
die  nach  der  Verwüstung  von  Albanien  und  Medien  (Atropatene) 
in  Armenien  eingefallen  waren  (184  oder  185  n.  Chr.),  durch 
Geschenke  zur  Umkehr  bewog*)  und  in  welchem  schon  Gutschmid 
(Gesch.  Irans  S.  147)  einen  König  von  Armenien  erkannte.  Er 
wird  von  Hadrian  bei  der  Räumung  der  drei  Provinzen  als  König 
von  Armenien  anerkannt  worden  sein,  worauf  auch  die  Notiz  des 
Biographen  (c.  21)  hinweist:  Armeniis  regem  habere  permisit,  cum 
sub  Traiano  legatum  habuissent,  während  sein  bisheriges  Fürstentum 
von  Grossarmenien  getrennt  blieb.  Vielleicht  ward  es  zunächst 
wie  im  Jahre  54  als  eigenes  Lehnsfurstentum  einem  ergebenen 
Dynasten  übertragen  und  erst  bei  der  Erhebung  des  Sohaimos 
auf  den  Thron  von  Grossarmenien  unter  Pius  zu  Kappadokien 
geschlagen. 

Daraus  ergibt  sich  ohne  weiteres,  dass  der  in  Urs.  77  er* 
wähnte  Vater  des  Volagases,  Ärvaroo-uxifc,  identisch  ist  mit  dem 
von  Suidas  genannten  König  £avcczQOv*rig  von  Armenien,  woraus 
von  selbst  folgt,  dass  der  Artikel  des  Suidas  aus  Arrians  Üapthxa 
stammt  So  jetzt  auch  Boissevain  in  seiner  Ausgabe  des  Kassios 
Dion  voL  HI,  p.  218/19  ann.  Hätte  man  nicht  das  ursinische 
Exzerpt  77  falschlich  in  die  Zeit  des  Septimius  Severus  hinab- 
gerückt, das  dann  den  König  HctvatQovxrig  nach  sich  zog,  so  hätte 
man  jenen  Schluss  ohne  Zweifel  schon  wegen  des  i-vfifWToov  bei 
Suidas  längst  gezogen.  Aman  hatte  den  König  Sanatruk  von 
Armenien  also  in  der  Vorgeschichte  des  Partherkrieges  Trajans 
erwähnt,  in  welcher  er  die  Geschichte  Armeniens  seit  der  Krönung 
des  Tiridates  und  der  endgiltigen  Regelung  des  staatsrechtlichen 
Verhältnisses  des  Königreichs  Armenien  durch  Nero  (66  n.  Chr.) 
bis  zum  Ausbruche  des  Konflikts  unter  Trajan  dargestellt  haben 
muss8).    Ob  Sanatruk  als  unmittelbarer  Vorgänger  des  Axidares, 

*)  Vgl.  Kuhn,  Die  städtische  und  bürgerliche  Verfassung  des. 
rom.  Reiches  H  211.248,  zitiert  von  Güterbock,  Römisch- Armenien 
und  die  römischen  Satrapien  im  IV.  bis  VI.  Jahrh.  S.  23. 

*)  Kass.  Dion  69,  15,  1  vol.  III  285  Boissevain. 

*)  Die  HaQ&ixd  Arrian's  waren  keine  Geschichte  der  Parther, 
sondern  der  Kriege  der  Römer  gegen  die  Parther  (vgl.  IIsQaixd  — 
Pereerkriege),  und  zwar  können  auch  die  früheren  Partherkriege  nicht 
sehr  eingehend  behandelt  gewesen  sein,  da  jedenfalls  im  achten  Buche 
bereits  vom  Feldzuge  Trajan's  die  Rede  war  (fr.  5),  also  der  Erzählung 
desselben  mindestens  10  von  den  17  Büchern  des  Werkes  gewidmet 
waren.  Im  zweiten  Buche  begann  die  Geschichte  des  Feldzuges  des 
Craasus  (fr.  2),  im  vierten  stand  der  Erzähler  noch  bei  der  Belagerung 
von  Gazaka  durch  Antonius  (fr.  3). 


222 


J.  Marquart, 


eines  Sohnes  des  Partherkönigs  Pakoros  IL  (112  n.  Chr.)1)  zu  be- 
trachten ist,  lässt  sich  nicht  ausmachen,  ist  aber  wahrscheinlich. 
Auf  alle  Fälle  wird  jetzt  klar,  dass  das  Königreich  Armenien  seit 
Nero  keineswegs  eine  eigentliche  Sekundogenitur  einer  arsakidischen 
Nebenlinie  in  dem  Sinne  bildete,  dass  sich  dasselbe  einfach  in 
der  Linie  des  Tiridates  vererbte  —  denn  sonst  hatte  auf  Sanatrukes 
unmittelbar  sein  Sohn  Volagases  und  nicht  ein  Sohn  des  Parther- 
königs Pakoros  folgen  müssen  — ,  sondern  dass  der  römischen 
Regierung  bei  jedem  Thronwechsel  in  Armenien  vom  König  der 
Könige  ein  oder  mehrere  geeignete  Kandidaten  aus  dem  Arsakiden- 
hause  präsentiert  werden  mussten. 

Dasselbe  war  auch  schon  aus  einer  Bemerkung  Pronto's  über 
die  ähnliche  Lage  unter  L.  Veras  zu  entnehmen.  In  einem  Schreiben 
an  den  Kaiser,  in  welchem  Fronto  dessen  Briefe  kritisiert,  wo  aber 
infolge  zahlreicher  unlesbarer  Stellen  der  Zusammenbang  unklar 
ist,  scheint  er  davon  gesprochen  zu  haben,  dass  man  gegen  die 
Regierung  der  beiden  Kaiser  verschiedene  Vorwürfe  erhob.  Darauf 
fährt  er  nach  einer  Lücke  fort:  Vel  quod  Sohaemo  potius  quam 
Vologaeso  regnum  Armeniae  dedisset;  aut  quod  Pacorum  regno 
privasset:  nonne  oratione  huius  modi  explicarent  ?  *)  Zwischen 
140  und  144  hatte  Antoninus  Pins  den  Armeniern  einen  König 
gegeben8).  Dies  ist  wahrscheinlich  der  Sohaimos,  der  im  Jahre 
164  von  einem  gewissen  Thukydides  nach  Armenien  zurückgeführt 
wurde,  also  schon  vor  dem  Kriege  einmal  König  von  Grossarmenien 
gewesen  war4).  Derselbe  war  jedenfalls  nur  von  mütterlicher 
Seite  arsakidischer  Abkunft»  während  er  väterlicherseits  wahr- 
scheinlich der  Familie  der  ehemaligen  Dynasten  von  Hemesa 
angehörte5).    Wodurch  er  sich  bei  Antoninus  in  so  hohe  Gunst 


')  Arrian  Parth.  fr.  16.  Kass.  Dion  68,  17,  8  (Exe.  Ursin.  51). 
*)  Fronto,  Ad  Verum  imperatorem  p.  179  ed.  A.  Mai. 

*)  £  c  k  h  e  1 ,  Doctr.  numm.  VII  15  =  Cohen  II  nr.  758 :  rex.  Armen, 
datua.  Vgl.  Napp,  De  rebus  imp.  M.  Aurelio  Antonino  in  Oriente 
gentia.  Du».  Bonn  1879  p.  10  n.  1.  Gutschmid,  Gesch.  Irans  S.  147. 
Mommsen,  R.  G.  V  403/4  A.  1. 

*)  Suid.  s.  v.  Mccqtios  (unten  S.  225  Anm.  1) :  "Ott  MdQTiog  BfjQOg 
xbv  Govxvdidriv  ixitifiitei  %  a  rayayBlv  2^6ai(iov  eis  *ÄQ^eviav.  Iamblichos 
,bei  Phot.  bibl.  cod.  94  (unten  S.  22b  A.  4):  elxa  xal  ßaaiXshg  aalt*  rt}? 
luydlrig  'AQiuvlag.    Vgl.  Napp  1.  1.  24.   Eckhel  1.  1. 

*)  Iamblichos  nennt  ihn  6  'Axcufievi&ris  6  'AQGaxLdr\t  ■,  &S  ßaalevs 
ix  -naxiq<av  ßaaiXitov.  Achaimenidische  Abkunft  in  direkter  Linie 
konnte  er  selbstverständlich  nicht  für  sich  in  Anspruch  nehmen,  der 
Name  wird  nichts  weiter  besagen,  als  dass  seine  Vorfahren  mit  den 
Königen  von  Kommagene,  in  deren  Adern  ja  achaimenidisches  Blut 
rollte,  verschwägert  gewesen  waren.  Er  kann  aber  auch  kein  echter 
Arsakide  gewesen  sein,  wie  sein  nabatäisch-arabischer  Name  zeigt. 
Dieser  weist  vielmehr  auf  das  ehemalige  Fürstenhaus  von  Hemesa,  das 
bald  nach  72  n.  Chr.  entthront  worden  ist  und  in  welchem  die  Namen 
ZaptyiyiQapns  ißvmeigwram),  Iamblichos  (Jamlüeu)  und  Sohaimos  (arab. 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  223 


zu  setzen  Yerstanden  hatte,  wissen  wir  nicht;  vielleicht  geht  aber 
seine  Einsetzung  auf  Anordnungen  Hadrians  zurück.  Man  kann 
vermuten,  dass  dieser,  eine  Massregel  Nero's  wieder  aufnehmend1), 
bei  der  Wiederherstellung  des  arsakidischen  Königreichs  Gross- 
armenien Sophene  und  Gordyene  bleibend  von  demselben  losriss 
und  einem  Nachkommen  des  Königs  Sohaimos  von  Hemesa,  der 
eine  Zeit  lang  (54  bis  spätestens  66)  König  von  Sophene  gewesen 
war,  als  lehnspflichtiges  Fürstentum  übertrug.  So  würde  sich  am 
einfachsten  erklaren,  dass  jene  Landschaften  unter  Pius  dem  Statt- 
halter von  Kappadokien  unterstanden :  sie  wären  bei  der  Erhebung 
des  bisherigen  Dynasten  Sohaimos  auf  den  Thron  von  Grossarmenien 
in  unmittelbare  römische  Verwaltung  genommen  worden.  Wenn 
das  ursini8che  Fragment  Nr.  55  gleich  dem  folgenden  Nr.  56 2) 
unter  Pius  gehört8),  so  wird  es  auch  etwas  verständlicher,  wes- 
halb dieser  bei  der  Neubesetzung  des  armenischen  Thrones  von 


abwechselten  (s.  Joach.  Marquardt,  Rom.  Staateverwaltung  I* 

403  f\  Sohaimos  war  im  J.  54  n.  Chr.  seinem  Bruder  Azizos  als  Dynast 
von  Hemesa  gefolgt  und  ward  noch  im  nämlichen  Jahre  von  Nero  mit 
dem  wiederhergestellten  Königreiche  Sophene  belehnt  (Jos.  20,  158. 
Tac.  ann.  18,  7).  Dies  war  eine  gegen  Parthien  gerichtete  Kampf - 
massreget,  die  natürlich  spätestens  beim  Friedensschlüsse  mit  Volagasesl. 
und  der  Krönung  des  Tiridates  (66)  wieder  eingezogen  wurde.  In  der 
That  finden  wir  Sohaimos  schon  im  jüdischeu  Kriege  nur  noch  als 
König  von  Hemesa;  vgl.  Jos.  b.  Jud.  II  481.  483.  500.  Vita  52.  Tac. 
hist.  5,  1.  Jos.  b.  Jud.  III  68  a.  67.  Tac.  hist.  2,  81  a.  69.  Jos.  b.  Jud. 
VII  226  a.  72.  An  all  diesen  Stellen  heisst  er  einfach  Eöai^og  oder 
£6aipog  6  ßaoilevg,  nur  Vita  52  wird  er  xoü  nsifl  xbv  Alßavov  xsxqccq- 

5ovvxog  und  b.  Jud.  VII  226  xfjg  'EpioT\g  xaXovp{vx\g  ßccodevg  genannt. 
Luf  einer  Inschrift  aus  Ba'albek  heisst  er:  regi  magno  C.  Iulio  Sohaemo 
regis  magni  Samsigerami  f.  (Lidzbarski,  Ephem.  der  sem.  Epigraphik 
II  87).  Vgl.  auch  Krenkel,  Iosephos  und  Lukas  S.  91  ff.  In  Hemesa  war 
der  Name  Sohaimos  noch  in  weit  späterer  Zeit  gebräuchlich,  wie  lulia 
Soaemias  (andere  Formen  des  Namens  findet  man  zusammengestellt  bei 
Boissevain  zu  Kass.  Dion  79  (78),  30,  2  vol.  III  p.  437),  die  Tochter 
der  Julia  Maesa  beweist,  deren  Familie  einen  erblichen  Anspruch  auf 
das  Priestertum  des  dortigen  Sonnengottes  besass.  Diese  Würde 
bekleidete  auch  der  Sohn  der  SoaemiaB,  Varius  Avitus  Bassianus. 
S.  Schiller,  Gesch.  der  röm.  Kaiserzeit  I  760.  Vielleicht  stammte 
auch  Iamblichos,  der  kein  Babylonier,  wie  Photios  aus  Nachlässigkeit 
angibt,  sondern  ein  Syrer  war  (vgl.  Mommsen,  R.  G.  V  453  A.  1), 
aus  Hemesa,  wo  der  nabatäische  Name  Jamliku  heimisch  war.  In 
Armenien  hat  der  Name  Sohaimos  nicht  die  geringste  Spur  hinterlassen. 

»)  8.  222  Anm.  5. 

*)  Kass.  Dion  70,  2  (69,  15,  3)  vol.  III  244  ed.  Boissevain  =  Exc. 
Ursin.  56:  Zxi  $aQa.Gpuvrj  xA  "Ißi}Qi  ig  xi\v  *P&^r\v  \isxa.  xiig  ywaixög 
ilfirbvxi  xjv  T£  &o%r\v  iitrp)£i]Oe  xal  övoai  iv  x&  KamxcoXiat  i<pi)xtv,  av- 
dgidvxa  xs  inl  ixitov  iv  xm  'Evvsltp  ftjrrjfft , '  xal  yvpvcoitav  uixov  xs 
xal  toü  viiog  x<öv  xe  &XXtav  itQ&xcov  'IßijQüiv  iv  onioig  tldtv.  Vgl. 
Capitol.  v.  Pii  9,  6.  Mommsen,  R.  G.  V  404  A.  4. 

')  Dies  vermutet  Boissevain  in  seiner  Ausgabe  des  Kassios  Dion 
HI  235  ann. 


224 


J.  Marquart, 


der  Familie  des  Sanatruk  und  sogar  Yon  der  arsakidischen  Dynastie 
abgieng.  Ein  König  Volagases,  wahrscheinlich  der  von  Armenien, 
liess  durch  Gesandte  in  Rom  verschiedene  Beschwerden  gegen  den 
Ibererkönig  Pharasmanes  vorbringen  *) ,  worauf  dieser  wahrschein- 
lich zur  Verantwortung  nach  Rom  vorgeladen  wurde.  Als  er  aber 
hier  eintraf,  wusste  er  den  Kaiser  durch  reiche  Geschenke  ganz 
für  sich  einzunehmen,  so  dass  ihn  dieser  auffallend  auszeichnete 
und  sogar  mit  einer  Gebietsvergrösserong  bedachte3). 

Diese  auffällige  Begünstigung  des  Iberers  und  Brüskierung 
des  Armeniers  muss  einen  Grund  gehabt  haben  und  beweist  jeden- 
falls, dass  dieser  beim  Kaiser  nicht  in  Gunst  stand.  Es  ist  aber 
begreiflich  genug,  dass  die  Verstümmelung  von  Grossarmenien 
bei  den  Parthern  und  Armeniern  schon  unter  Hadrian  böses  Blut 
gemacht  hatte  s).  Noch  mehr  aber  musste  die  förmliche  Einführung 
der  römischen  Verwaltung  in  Südarmenien  und  die  Beiseiteschiebung 
der  Arsakiden  in  Grossarmenien  den  König  der  Könige  reizen. 
Pius  scheint  von  der  Auffassung  ausgegangen  zu  sein,  dass  er  als 
Lehnsherr  bei  der  Besetzung  des  armenischen  Thrones  nicht  einmal 
an  den  arsakidischen  Mannesstamm  gebunden  sei.  Bereits  damals 
drohte  wohl  der  Partherkönig  in  Armenien  einzufallen  und  dies 
Reich  dem  römischen  Einflüsse  zu  entreissen ,  wovon  ihn  Pius 
durch  Briefe  abhielt4).  Spater  aber  kam  es  in  der  That  zu  Miss- 
helligkeiten mit  dem  König  Volagases  III.  (148 — 191),  die  indessen 
durch  eine  persönliche  Zusammenkunft  der  beiden  Herrscher  am 
Euphrat  beigelegt  wurden  (um  154)5).  In  den  letzten  Jahren 
des  Pius  drohte  abermals  ein  Krieg  mit  den  Parthern.  Damals 
muss  der  römische  Schützling  Sohaimos  von  den  Armeniern  ver- 


«)  Kau.  Dion  69, 15,  2  ==  Exc.  Ursin.  55. 
•)  S.  223  Anm.  2. 
*)  Vita  Hadr.  12,  8. 

*)  Capitol.  v.  Pii  9,  6 :  Parthorum  regem  ab  Armeniorum  expug- 
natione  solis  litteris  reppulit  Diese  Notiz  gehört  wohl  ebenso  wie  die 
beiden  vorangehenden  (Ankunft  des  Pharasinane«  iu  Rom  und  Einsetzung 
des  Pakoroa  als  König  der  Lasen)  in  die  ersten  Regierungsjahre  des 
Kaisers.  Die  folgende:  Abgarum  regem  ex  orientis  partibus  sola  aucto- 
ritate  deduxit  muss  irrig  aus  der  Regierung  Hadrians  hierher  gestellt 
worden  sein.  Es  kann  nur  der  edessenische  König  Ma'nü  VII  bar  Isaf 
gemeint  sein,  der  nach  v.  Gutschmid  123 — 139  regierte  und  dem 
Partner  Parnathaspat  (Parthainaspates)  folgte,  dessen  Zwischenregierung 
die  einheimische  Dynastie  unterbrochen  hatte.  Der  Name  Abgarus 
war  bei  den  Griechen  und  Römern  gewissennassen  Dyuastiename  ge- 
worden, wie  Arsakes  und  später  Chosroes.  Vgl.  A.  v.  Gutschmid, 
Untersuchungen  Uber  die  Geschichte  des  Königreichs  Osroene  S.  28. 
Babel on,  Belanges  numismatiques  II  nr.  4. 

5)  Aristid.  orat.  sacra  I  p.  453.  454  ed.  Dindort  Vgl.  Borghesi, 
Oeuvres  V  373is.  Waddington.  Memoire  nur  la  Chronologie  de  la 
vie  du  rhäteur  Aelius  AriBtide.  Mem.  de  l'Acad.  des  Inscript.  et  belles- 
lettres  t  XXVI,  1867,  p.  260 ss.   Napp,  1.  L  p.  12 ss. 


Untereuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


225 


trieben1)  und  der  Arsakide  Pakoros  mit  parthischer  Hilfe  zum 
König  erhoben  worden  sein2).  Dies  war  allerdings  eine  Störung 
des  Friedens,  doch  zögerte  der  betagte  Kaiser  den  Krieg  zu  er- 
öffnen und  hinterliess  ihn  seinen  Nachfolgern.    Übrigens  scheint 


l)  Aus  der  Inschrift  Corp.  re^n.  Neap.  n.  4934:  L.  Neratio  C.  f. 
Vol.  Proculo  .  .  .  item  misso  ab  imp.  Antonino  Aug.  Pio  ad  d[e]du- 
cen[d]as  vex[i]llationes  in  Syriam  ob  (bleU(um)  [Parjthicum  geht  hervor, 
dass  man  schon  mehrere  Jahre  vor  Pius'  Tode  einen  Krieg  mit  den 
Parthern  erwartete.  Vgl.  Borghesi,  Oeuvres  V  373.  Napp,  1.1. 
p.  12  s.  — 

Photios  bibl.  cod.  94  teilt  aus  dem  Romane  des  Iamblichos  mit: 
Xiya  6h  xai  havxbv  BccßvXmvtov  t-lvcti  6  avyyQccfpsvg  .  .  .  xai  axnd&iv 
frr<  Soatpov  rot)  'A%aty^vi6ov  xov  'AQGccxl6ovy  og  ßaoiXevg  %v  ix  itaxi^mv 
ßaoiiiav,  yiyovs  6h  ö[uog  xai  xi)g  ßvyxX^xov  ßovXtfg  rüg  iv  'Pä>fijj  xai 
vnaxog  64,  ura  xai  ßaatXsvg  ndXiv  xi]g  (uydXt^  'AQ^vlag-  inl  xovxov 
yoüv  dxudoat  tpr\a\v  kavx6v  'Pmpalmv  6k  6iaXapßdvu  ßaoiXsveiv  'Avxa- 
vtvov  xai  ort  'Avtcovivog,  q  r.oiv,  ObfiQOV  xbv  wbxoxQdxoQu  xai  &6eX<pbv 
xai  xr\6taxriv  ktmuV  BoXoyaiom  reo  IlaQ&vaim  TCoXBfiqoovxcc ,  mg  ccbx6g 
xb  Tt QOiinot  xai  xbv  n6Xs^oVj  Zxi  yevtfosxai,  xai  3jrot  xeXevxjaor  xai 
Zxi  Bol6yccioog  \£v  imhg  xbv  Ev<pQaxr\v  xai  TiyQtv  icpvysv,  i)  6h  TIccq&v- 
uUov  yfi  'Ptöfua'oig  wtrfxoog  xaxioxrt. 

Der  Romanschriftsteller  Iamblichos  sagte  also  von  sich  selbst,  dass 
er  blühe  unter  König  Sohaimos,  und  zwar  als  derselbe  abermals  {ndXiv) 
König  von  Grossarmenien  geworden  war.  Gleichzeitig  herrschte  in 
Rom  der  Kaiser  Antoninus  d.  i.  Marcus  Aurelius.  Dies  kann  nur  be- 
deuten, dass  sich  Iamblichos  zur  Zeit  der  Abfassung  seines  Romans 
am  Hofe  des  Sohaimos  in  Nor  K'atak'  befand  (so  Mommsen,  R.  G. 
V  407  A.  2).  Er  hatte  dann  auch  den  Partherkrieg  des  L.  Verus  er- 
wähnt und  dabei  hervorgehoben,  dass  er  denselben  sowie  seinen  Aus- 
gang voraus  gesagt  habe.  Diese  Prophezeiung  hatte  aber  nur  einen 
Sinn,  wenn  sie  unter  Pius  geschah,  da  der  Krieg  ja  schon  im  Anfang 
der  Regierung  des  Marcus  ausbrach.  Es  ist  also  in  dem  Satze  xai 
ort  'Avxtovlvog  xxX.  für  oxs  zu  schreiben  3t t,  das  von  ob;  wbx6g  xe  tiqo- 
etnoi  und  xai  oxi  BoXdyaiaog  .  .  .  icpvysv  aufgenommen  wird.  Damit 
entfällt  der  Unsinn,  den  der  überlieferte  Text  einschliesst,  dass  Iamblichos 
den  Ausbruch  des  Krieges  (ort  yevrjGsxai)  vorausgesagt  habe,  als  An- 
toninus den  L.  Veras  zum  Kriege  gegen  Volagases  entsandt  habe. 

Man  wird  sich  also  zu  denken  haben,  dass  sich  Iamblichos  zur 
Zeit,  als  er  jene  Prophezeiung  verkündigte,  in  Rom  aufhielt  und  sich 
durch  dieselbe  dem  dorthin  geflohenen  Exkönig  Sohaimos,  dessen  Lands- 
mann er  vielleicht  war  (oben  S.  223  A  ,  empfahl,  da  sie  ihm  ja  seine 
Wiedereinsetzung  in  Aussicht  stellte.  Diese  war  aber  keineswegs  selbst- 
verständlich, da  man  nicht  wissen  konnte,  ob  die  Nachfolger  des  Pius 
sich  mit  seiner  Politik  identifizieren  würden,  zumal  das  Anrecht  des 
Sohaimos  auf  den  armenischen  Thron  auf  sehr  schwachen  Füssen  stand. 
Unter  diesem  Gesichtspunkte  gewinnt  die  Notiz  des  Capitolinus  (vita 
Pii  12,  7)  erst  ihre  wirkliche  Bedeutung:  alienatus  in  febri  nihil  aliud 
quam  de  rep.  et  de  is  regibus,  quibus  irascebatur,  loquutus  est.  Als 
die  Dinge  dann  die  gewünschte  Wendung  nahmen,  wird  Iamblichos 
seinen  Gönner  nach  Armenien  begleitet  haben. 

*)  Als  solcher  erscheint  er  während  des  Krieges  bei  Asinius  Qua- 
dratust>  Parthika  fr.  6  bei  Steph.  Byz.  (aus  dem  dritten  Buche)  :  'ättjvij, 
uoüju  AQutviag.  Kovd6Qaxog  iv  flccQfrtx&v  xqIxco-  6  6h  xfjg  'Ag^uvlag 
ßccoiXitog  TldxoQog  iv  xovxm  iisqI  'Aqxü£ccxcc  xai  xijv  'ÄrijyTjf  xf\g  'Agiuvlag 
(d.  h.  wahrscheinlich  in  oer  Winterresidenz  Chalchal  in  Uti)  6idyav. 

Philologu*  SuppUmentband  X,  Ente«  Heft.  15 


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226 


J.  Marquart, 


Pakoros  keinen  Versuch  gemacht  zu  haben  sich  der  römischen 
Lehnshoheit  zu  entziehen  *),  und  auch  der  Partherkönig  Volagases  III. 
sich  einstweilen  der  Einmischung  in  die  inneren  Verhältnisse 
Armeniens  enthalten  zu  haben.  Der  vertriebene  König  Sohaimos 
wandte  sich  nach  Rom  um  Klage  zu  führen,  ward  aber  auf  später 
vertröstet  und  inzwischen  für  den  Verlust  seines  Thrones  durch 
Aufnahme  in  den  Senat  und  das  Konsulat  entschädigt, 

Nach  dem  Tode  des  Pius  brach  der  Krieg  mit  den  Parthern 
und  Armeniern  sofort  aus.  Nach  der  Eroberung  von  Armenien 
und  der  Einnahme  von  Artaxata  erhielt  ein  gewisser  Thukydides 
von  Martins  Veras  den  Auftrag,  den  Sohaimos  als  König  nach 
Armenien  zurückzufuhren  (164).  Ein  Aufstandsversuch  wurde  von 
Martins  Veras  selbst  durch  Überredung  und  kräftiges  Auftreten 
gedämpft  und  an  Stelle  des  zerstörten  Artaxata  der  von  Volagases 
gegründete  Flecken  Watersapat,  wo  eine  von  Statins  Priscus 
zurückgelassene  armenische  Besatzung  lag,  unter  dem  Namen 
Kaivv)  noXig  (arm.  Nor  ltfalak')  zur  neuen  Hauptstadt  des  Landes 
erklärt5).  Der  König  Pakoros  ward  nebst  seinem  Bruder  Mbqi- 
{hrofg  (*Mekrdaf)  nach  Rom  gebracht,  wo  beide  später  Klienten 
des  Kaisers  M.  Aurelius  wurden8).  Allein  ausser  Sohaimos  und 
Pakoros  war  noch  ein  anderer  Prätendent  da,  Vologaesus,  der  An- 
sprüche auf  die  armenische  Krone  erhob  und  als  Arsakide  jeden- 
falls nähere  Anrechte  auf  dieselbe  hatte  als  Sohaimos,  mag  er 
nun  der  parthischen  Linie  angehört  haben  oder  Nachkomme  eines 


*)  Dies  würde  seine  spatere  milde  Behandlung  erklären;  s.  Anm.  3. 

*)  Suid.  ».  y.  Mdgxiog  p.  69  ed.  Bekker  =  Kass.  Dion  71,  1,  8 
vol.  III  247/8  Boissevain:  Zxi  Mdgxicg  Bi)gog  xbv  Sovxvöidriv  ix- 
TCtuitti ,  xccxccyccyrtv  2*6cctfiov  slg  AQUivlccv  •  3g  disi  xmv  ZtcXatv  xal  xfj 
olxdcc  tcbqI  navxa  xct  itgoOTtlitxovxcc  sißovXUx  rofl  tcq6o(o  efrero  iggtoftivag' 
fiv  dl  ixccvbg  6  Mdgxtog  o4>  (i6vov  oitXoig  ßiaöaod'cci  tobg  avxutoXtucvg  .  .  . 
äXXu  xal  X6ya>  itiftavä  xeUfcci  xal  dmgsalg  usyaX6a>goai.v  olxH&oacfrat, 
xal  iXnldi  aya&f/  deltäoccf  .  .  .  a<pixoutpog  ovv  slg  xi)v  xaivr\v  n6Xiv, 
r)v  tpgovgcc  'Ptouuicov  x<xxtl%hv  ix  tiglüxov  xaxaox&occ,  vetoxegltHv  jtm- 
gat(itvovg  X6ym  xs  xal  fgytp  aaxpgovlaag ,  &nitpr\vt  itg&nriv  uvai  xf^g 
'Aauiviag.  Vgl.  Napp  1. 1.  p.  67.  24.  Kaivi]  x6Xig  =  Nor  fcaiak1  nach 
Kiepert  bei  Mommien,  R.  G.  V  407  A.  1.  Der  ältere  Name 
Watariapatf  älter  *  Walayaiäpät  .Anlage  des  WalarS*  geht  auf  den 


*)  Pakoros  lies«  seinem  in  Rom  verstorbenen  Bruder  folgende 
Grabschrift  setzen  (C.  I.  G.  6559  =  Inscriptiones  Graecae  Siciliae  et 
Italiae  ed.  Kaibel  nr.  1472): 

S.  K.  AügtfXiog  üdxogog  ßaCiXevg  utydXr\g  'Agusviag  r)y6gaxa  oag- 
xocpdyo(v)  Ai}g(r\Xuo)  Megiftdxi  adtXtpm  yXvxvxdxm  fifffavrt  ahv  iuol  £xr\ 
v£  ufj(vag)  (f.  Der  Name  Aurelius  beweist  jedenfalls,  wie  schon 
Nie  buh  r  und  Mai  erkannt  haben,  dass  die  beiden  Brüder  unter 
M.  Aurelius  nach  Rom  gekommen  und  dort  Klienten  des  Kaisers  und 
römische  Bürger  geworden  sind.  Es  kann  daher  trotz  des  Widerspruches 
Mommsen's  (R.  G.  V  403/4  A.  1)  nicht  zweifelhaft  sein,  dass  dieser 
ehemalige  Kömg  von  Grossarmenien  Pakoros  mit  dem  von  L.  Vetus 
abgesetzten  identisch  ist.   Vgl.  Napp  1.1.  25. 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


227 


Königs  von  Armenien  gewesen  sein1).  Es  wird  daher  genug  Leute 
in  Rom  gegeben  haben,  die  nicht  einsehen  wollten,  weshalb  So- 
haimos  den  Vorzug  vor  den  beiden  anderen  Prätendenten  ver- 
diene, so  dass  seinetwegen  ein  langwieriger  Krieg  geführt  wurde, 
und  die  Absetzung  des  Pakoros  tadelten.  Diese,  meint  Fronto, 
würden  durch  eine  Rede  im  Stile  der  Briefe  des  Verus  zur  Ein- 
sicht kommen. 

Der  armenische  König,  mit  welchem  Septimius  Severus  zu 
thun  hatte2)  und  der,  welcher  von  Caracalla  um  218  verräteri- 
scher Weise  samt  seiner  Familie  gefangen  genommen  wurde8), 
wird  uns  mit  Namen  nicht  genannt.  Letzterem  folgte  allerdings 
im  Jahre  218  sein  Sohn  Tiridates  IL4);  allein  es  ist  an  sich  nicht 
unmöglich,  dass  Chosrow  L,  der  Vater  des  Trdat,  ein  Bruder  des 
letzten  Partherkönigs  Artabanos  V.,  also  ein  Sohn  Volagases'  IV. 
war,  wie  das  griechische  Fragment  vor  dem  griechischen  Agathan- 
gel os  andeutet6),  wiewohl  das  Wort  &deXg>6g  hier  vielleicht  nicht 
im  strikten  Sinne  als  Bruder,  sondern  als  Blutsverwandter  aufzu- 
fassen ist.  Eine  eigene  arsakidische  Dynastie  gab  es  also  in  Ar- 
menien erst  seit  der  Wiedereinsetzung  Trdats  HI.  unter  Diokletian. 

Es  muss  daher  auch  dahin  gestellt  bleiben,  ob  Sanatruk  der 
Sohn  eines  armenischen  oder  eines  parthischen  Königs  war,  und 
das  Nämliche  gilt  von  Pakoros.  Mit  dem  parthischen  Prinzen 
und  angeblichen  König  Sanatrukios,  dem  Sohne  des  Meherdotes 
und  Vetter  des  Partbamaspates,  welchen  Malalas  unter  Berufung 
auf  Arrian  als  Heerführer  gegen  Trajan  auftreten  und  auf  der 
Flucht  getötet  werden  lässt8),  hat  der  schon  vor  dem  Ausbruche 


*)  Vielleicht  ist  der  gleichnamige  Sohn  und  spätere  Nachfolger 
des  Partherkönigs  Volagases  III  gemeint.  An  diesen  selbst  ist  natürlich 
nicht  zu  denken. 

*)  Herod.  3, 1,  2.  9, 1. 

«)  Kass.  Dion.  78  (77),  12,  2  vol.  III  387  ed.  Boissevain  (Xiphilinos). 

*)  Kass.  Dion  79  (78),  27,  4  vol.  HI  435  ed.  Boissevain. 

6)  Agathangelus  p.  8,  41  S.  ed.  Lagarde :  tu  dh  ovpßdvxu  xuvxcc 
dnriyyiXXfxo  Xouq6tj  ta>  'Agaaxlä^  ßaoiXevovxi  xi)g  fieydXrig  'Agnevutg, 
mg  toü  xcuÖög  Zaadvov  'AqxaotQcc  XQcex^aavxog  xqg  TIeqa&v  ßccoiXsiag, 
knoliaavxog  xe  'AQxaßdvriv  xöv  uirtov  &äsXtp6v.  Darnach  im  griechischen 
Agathangelos  p.  8,  51—54:  toeidi)  olv  itsxcc  üdvaxov  xov  'Aqxaßdvov 
xov  intoxxavftivxog  t)ffö  xoü  'AQxaoi^ov  vloü  Zaödvov  xccx&aßsv  r\  dyysXia 
avxri  i*Qbg  xbv  Kovad^m  ßaaiXia  'AgiuvLccg,  &&sX<pbv  dh  'AQxaßdvov,  hg 
-fjv  ötvxiQog  xijg  ttanoxsiag  TldaQ-mv  xxX.  Die  Worte  &dtX<p6v  dl  'Agxa- 
ßdvov  fehlen  im  armenischen  Texte.  —  Herodian  nennt  uns  den  König, 
der  zur  Zeit  des  Perserkrieges  des  Alexander  Severus  über  Armenien 
herrschte,  nicht. 

2  Malal.  XI  p.  273,  20—274,  19  (nach  Arrian).  269,  11—273,  4 
(aus  Uomninos).  Die  Verteilung  der  Köllen  ist  natürlich  das  Werk 
des  Malalas  oder  des  Domninos.  So  macht  er  den  Osroes  zum  König 
von  Armenien,  seinen  Bruder  Mesydoxrig  und  nach  dessen  Tode  seinen 
Sohn  Sanatrukios  zu  Königen  der  Perser.  Einen  König  Meerdotes 
(Mihrdat)  hat  es  aber  um  diese  Zeit  nicht  gegeben.   Vgl.  War w ick 

15» 


228 


J.  Marquart, 


des  Krieges  verstorbene  König  von  Armenien  selbstverständlich 
nichts  zu  thun1). 

Der  Name  scheint  um  diese  Zeit  nicht  selten  gewesen  zu 
sein.  Man  könnte  vermuten ,  dass  auch  Sanatrüg ,  der  Held  von 
Hatre2),  in  Wirklichkeit  in  die  Zeit  Trajans  gehöre.  Nach 
arabischer  Sage  war  der  Garamäer  ..*J?L*J\  d.  i.  Sanatrug  der- 
jenige Fürst  von  Hatra,  unter  welchem  Säpür  I.  die  Festung 
einnahm  und  zerstörte  *).  Allein  diese  Version  steht  offenbar  unter 
dem  Einfluss  der  syrischen  Sage;  denn  die  echt  arabische  Sage 
nannte  den  von  Säpür  überwältigten  Fürsten  vielmehr  Datzan 
und  machte  ihn  zu  einem  Araber  vom  Stamme  Qo4ä'a,  d.  h.  zu 
einem  Südaraber,  und  dies  stimmt  durchaus  zu  den  dürftigen 
historischen  Notizen,  die  uns  geblieben  sind.  Trajan  scheiterte 
bei  der  Belagerung  von  Hatra  (117  n.  Chr.?),  doch  wird  uns  nicht 
überliefert,  wer  den  Aufstand  und  die  Verteidigung  der  Stadt 
leitete4).  Allein  der  Wortlaut  des  dionischen  Exzerptes  scheint 
vorauszusetzen,  dass  die  Stadt  zum  Gebiete  des  Mannos  (Ma(nü), 
des  Phylarchen  von  Arabien  (Be#  'Ara/Jäje,  Arvastan)  gehörte, 
der  auch  Singara  besass5).  Ba^arjfiiog  oder  BccQOrjviog,  welcher 
bei  der  vergeblichen  Belagerung  durch  Septimins  Severus  Fürst 
von  Hatra  war6),  führt  einen  aramäischen  Namen.  Wer  die  Stadt 
gegen  Ardaslr  verteidigte  7),  ist  nicht  überliefert.  Herodian  lässt 
den  Severus  Mesopotamien  und  Adiabene  durchziehen  und  das 
glückliche  Arabien  verwüsten,  ehe  er  nach  Hatra  kommt8).  Ihm 


Wroth,  Cataloeue  of  the  coins  of  Parthia.  London  1903,  p.  LIX  s. 
217—223.  PI.  XXXIII  6—23.  Wenn  daher  die  Legenden  de»  Malalas 
Uberhaupt  einen  historischen  Hintergrund  haben,  so  ist  nur  festzuhalten, 
dass  der  Prinz  Meherdotes  und  sein  Sohn  Sanatrukios  in  Mesopotamien 
parthische  Heere  gefuhrt  haben. 

l)  Wie  Boissevain  für  möglich  hält 

*)  Nöldeke,  Die  von  Guidi  herausgegebene  syrische  Chronik  = 
SBWA.  Bd.  128  Nr.  9,  1893  S.  41  und  A.  3.  Gesch.  der  Perser  und 
Araber  S.  85  A.  1.  500.  Tuch,  Commentationes  geographicae  particula  I 
De  Nino  urbe  animadversiones  tres.  Lipsiae  1845  p.  15.  G.  Hoff- 
mann, Auszüge  aus  syr.  Akten  pers.  Märtyrer  S.  184  ff. 

»)  Tab.  I  aPv,  7  ff.  Mas'üdl  IV  81  ff.  Letzterer  sagt:  .Diese 
Festung  gehörte  as  Sfttirun  b.  as  Sanatrün  (lies  c)3jIaJUJ!  für  ^Jo^mX), 
dem  König  der  Syrer  in  einem  zum  Lande  al  Maucü  gehörigen  Gau 
(rustäq)  namens  Bäfarmä*  (ed.  ^Ll,  lies  ^y>ii). 

*)  Kass.  Dion.  68,  81.    Ammiao.  Marcell.  25,  8,  5. 

5)  Kass.  Dion  68,  31:  fi*roc  Sk  xcc&ca  ig  xi\v  'AQccßLav  jjjtfre,  xal  xoig 
'ÄTQiivoZg,  iiteidi}  xai  uinol  aqpcumjxeaav,  inf%siar\6e.    Vgl.  c.  21,  1.  22. 

•)  Herodian.  3,  1,  3.  9,  1-5;  vgl.  Kass.  Dion  76  (75),  10-12. 
Ammian.  Marcell.  25,  8,  5. 

»)  Kass.  Dion  80,  3,  2. 

9)  Herodian.  3,  9,  8:  6  dk  ZtovfjQog  dutßag  x)\v  x&v  noxau&v 
tiior\v  yty  xs  xai  'ASucfirivüv  %a>Qav,  iitidQape  xal  xty  sifdatfiov«  'ÄQCcßiav 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


229 


ahmt  Capitolinus  nach,  wenn  er  den  Macrinus  geschichtswidrig 
ebenso  glücklich  wie  tapfer  gegen  die  Parther,  Armenier  und 
gegen  die  Arabes  Eudaemones  kämpfen  lässt1).  Es  ist  mög- 
lich, dass  Herodian  einen  Anachronismus  begangen  und  Zustände, 
wie  sie  in  seinem  späteren  Alter  eingetreten  waren,  irrig  in  eine 
frühere  Zeit  verlegt  hat2).  Dem  steht  aber  entgegen,  dass  er  das 
Gebiet  dieser  jemenischen  Araber  mit  dem  eigentlichen  Südarabien 
verwechselt,  was  sich  am  einfachsten  erklärt,  wenn  er  jene  Notiz 
einer  schriftlichen  Quelle  entnommen  hat.  Wie  dem  auch  sei, 
soviel  bleibt  bestehen,  dass  es  spätestens  um  238  jemenische 
Stämme  in  der  Gegend  von  Hatra  gab.  Eine  gewisse  Bestätigung 
dieses  Ergebnisses  darf  man  darin  erblicken,  dass  es  in  der  That 
noch  Spuren  gibt,  wonach  die  historischen  Erinnerungen  der 
mesopotamischen  Araber  bis  in  die  Zeit  des  Bürgerkrieges  zwischen 
Artabanos  V.  und  seinen  Brüdern  zurückreichten8).  Wir  dürfen 
daher  annehmen,  dass  schon  unter  Ardaslr  jemenische  Stämme 
(Qo<Jä'a)  in  der  Nähe  von  Hatra  sassen  und  ein  Araber  Daizan 
derjenige  Fürst  war,  unter  welchem  die  Festung  nach  langer 
hartnäckiger  Belagerung  von  Säpür  I.  endlich  genommen  und 
zerstört  wurde. 

Dagegen  wäre  es  sehr  befremdlich,  wenn  man  dieselbe  nach 
ihrem  letzten  Fürsten  „das  JJatre  des  Riesen  Sanatrü"4)  genannt 
hätte.  Viel  natürlicher  ist  es  doch,  dass  sie  jenes  Epitheton  nach 
einem  Fürsten  erhielt,  der  sich  siegreich  gegen  feindliche  Über- 
macht behauptet  hatte,  allein  an  die  Niederlage  Trajans  dürfen 
wir  nach  dem  Obigen,  so  verlockend  es  auch  wäre,  nicht  denken. 
Allerdings  führten  damals  auch  andere  Phylarchen  von  Mesopotamien 
iranische  Namen,  so  -ZVro^cbnjc  von  Anthemusia5)  und  IdQßdvötig  = 
arm.  Ervand,  ein  Sohn  des  Königs  Abgar6),  indessen  kam  solches 
wohl  auch  noch  später  vor. 

Ich  vermute,  dass  Mani  den  Riesen  Sanatrüg  von  Qa^re  in 
seinem  Buche  der  Riesen  aufgeführt  und  Näheres  über  ihn  erzählt 
hatte  7).    Er  musste  dann  spätestens  im  zweiten  Jahrhundert  n.  Chr. 

q>^Q(t  yäq  noag  ti^Stig,  alg  agm^iaai  xal  ftr/udfum  %q6hl£&u%  itoXXug 
Sh  x&iucg  xal  it6Xug  TtOQ^oag  trjv  rt  %mQav  Xt r^ar-ficug ,  ii&cov  ig  ttJv 
'AxQrpibv  i&QaVy  itQOOxa&efönsvog  rag  "Atgag  iTtoXtogxtt. 

*)  Capitol.  Macrin.  12,  6:  Pugnavit  tarnen  et  contra  Parthos  et 
contra  Armenios  et  contra  Arabas,  quos  Eudaemonas  vocant,  non  minus 
fortiter,  quam  feliciter.  Vgl.  dagegen  Kass.  Dion  79  (78),  27,  4. 
Herodian.  4,  15,  8 — 9. 

*)  So  Albr.  Wirth,  Quaeationes  Severianae  p.  27. 

•)  Vgl.  Tab.  I  vfv,  15ff.  aH,  16ff.  PöTö,  6ff.  Nöldeke,  Gesch. 
der  Perser  und  Araber  S.  22  und  A.  2. 

«)  Bar  'All  bei  Gesenius,  Handwörterbuch  der  hebr.  Sprache 
S.  XVIH.   G.  Ho  ff  mann,  a.  a.  O.  S.  186. 

6)  Kass.  Dion  68,  21.  Arrian  Parth.  bei  Suid.  s.v.  7tQÖ  igyov.  oHXog. 

•)  Kass.  Dion  68,  21,  2. 

*)  Daran  scheint  auch  Kessler,  Mani  S.  201  zu  denken. 


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230 


J.  Marquart, 


gelebt  haben.  Vielleicht  geben  uns  die  Ruinen  der  uigurischen 
Maniehäerstadt  Ölnäng  kat  (Ydykut-sahry  bei  Turfan)  noch  einmal 
nähere  Kunde  über  diese  verschollene  Sagenfigur.  Da  Garamaea  in 
älterer  Zeit  zum  Königreich  Adiabene  gehörte1),  so  ist  ebenso  gut 
möglich,  dass  der  Garamäer  Sätirün  (Sanatruk)  dem  alten  Königs  - 
geschlechte  von  Adiabene  angehörte,  als  dass  er,  was  sein  Name  ver- 
muten lässt,  ein  Arsakide  war.  Wahrscheinlich  stammte  das  reiche 
christliche  Adelshaus  Jazden,  das  später  in  der  Hauptstadt  von 
Garamaea  seinen  Sitz  hatte,  von  den  alten  Königen  von  Adiabene  ab. 

Nimmt  man  dies  alles  zusammen,  so  erscheint  es  auch  frag- 
lich, ob  der  armenische  Übersetzer  von  HL  Makk.  6,  5  *),  der  den 
Namen  des  Assyrerkönigs  Hsvvaxwtelti  des  griechischen  Textes 
durch  Sanatruk  wiedergab8),  wirklich  an  den  armenischen  König 
dieses  Namens  und  nicht  vielmehr  an  den  gefeierten  Helden  von 
Hatre  dachte,  das  gegenüber  von  Beth  GarmS,  also  nicht  weit 
von  Assyrien  lag. 

Es  würde  zu  weit  führen,  hier  auf  die  Verknüpfung  des 
Königs  Sanatruk  mit  den  armenischen  Thaddaeus-  und  Bartholomaeus- 
legenden  ausführlich  einzugehen.  Von  denjenigen  Stellen  bei  Faustos 
von  Byzanz,  wo  das  Martyrium  des  Thaddaeus  in  Armenien  voraus- 
gesetzt wird,  ist  natürlich  abzusehen,  da  sie  späterer  Interpolation 
dringend  verdächtig  sind.  Das  Alter  des  „Martyriums  des 
hl.  Thaddaeus  und  der  Jungfrau  Sanducht*,  das  aller 
Wahrscheinlichkeit  nach  von  Moses  Chorenac'i  benutzt  worden  ist, 
lässt  sich  bis  jetzt  nicht  genauer  feststellen.  Dem  armenischen 
Übersetzer  der  Addailehre  (Labubna)  war  es  sicherlich  noch  nicht 
bekannt4),  wie  er  denn  überhaupt  keine  Kenntnis  davon  zeigt, 
dass  Thaddaeus  in  Armenien  gepredigt  habe.  Solche  Legenden 
entstanden  gewöhnlich  bei  der  Auffindung  und  Translation  von 
Reliquien.  Die  Auffindung  der  Reliquien  des  hl.  Apostels  Thaddaeus, 
der  Sanducht  und  des  hl.  Gregors  des  Erleuchters  fand  nach  Stephan 
Asotik  II  2  p.  82  =  p.  114  trad.  Dulaurier  unter  dem  Marzpan 
Wahan  Mamikonean  statt6),  d.  h.  nach  484/85  und  vor  505/6, 

»)  Vgl.  Osteuropäische  Streifzuge  S.  291  A.:  die  Naphthaquelle 
bei  Ekh.-itaua  in  Adiabene  d.  i.  wahrscheinlich  die  Naphthaquelle  bei 
Bäbä  Gurgur.  Noch  im  4.  Jahrhundert  gehörte  Beth  Gannö  sum 
Gebiete  ArtaSlrs,  des  Königs  von  Hadaija/i.  —  S.  auch  Chwolson, 
Die  Ssabier  I  697-698. 

")  £v  rbv  ScvuQi^firjroig  dvvcqitat  yctvofo&tvra  £tvva.%r\Q£\\t,  ßocQVv 
'Aggvqudv  ßaoiXda,  66qcczi  thv  n&oav  bito%siQiov  fjtffj  Xaßdvta  y^f,  •  •  ■ 
iÖQecvoccg,  ixÖ7}Xov  deixvbg  tfrvtoiv  noXXolg  tb  cbv  xgdrog. 

»)  Vgl.  J.  Dashian,  Zur  Abgar-Sage.   WZKM.  IV  152. 

*)  Vgl.  A.  Carriere,  La  legende  d'Abgar  dans  l'histoire  d'Ar- 
mdnie  de  Moise  de  Khoren  =  Centdnaire  de  l'Ecole  des  langues 
orientales  Vivantes,  Paris  1895  p.  877. 

8)  Dulaurier  p.  187  verweist  hiefür  auf  das  armenische  Meno- 
logium  (Jaismavurk()  zum  30.  Mai,  sowie  auf  Ö'am&'ean  II  p.  583 — 
587,  die  mir  nicht  «u  Gebote  stehen. 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Er  au. 


231 


in  welchem  Jahre  bereits  sein  Bruder  Ward  patrik  Marzpan  von 
Armenien  war1).  Auch  Moses  Chorenac'i  II  34  erwähnt  »gegen« 
wartig  {uMutn  nt-ntrlfit)  die  Entdeckung  der  Reliquien  der  beiden 
(des  Thaddaeus  und  der^Sanducht)  und  ihre  Überfuhrung  nach 
Arapar*  d.  i.  nach  dem  Felsplateau  von  Egmiacin,  wo  im  VII.  Jahr- 
hundert der  Eatholikos  Nerses  III.  eine  glänzende  Kirche  zu  Ehren 
des  hl.  Grigor  erbaute  *).  Diese  Angaben  sind  sicherlich  in  manchen 
Punkten  ungenau,  allein  um  die  Mitte  des  VL  Jahrhunderts  nahm 
die  armenische  Kirche  apostolischen  Ursprung  für  sich  in  An- 
spruch8), und  der  Katholikos  Johannes  II.,  der  Vorgänger  des 
Moses,  bezeichnet  in  einem  Schreiben  an  den  Bischof  Wrt'anes 
von  Siunik*  den  hl.  Grigorios  als  Nachfolger  des  hl.  Thaddaeus4). 
Damals  muss  die  Legende  also  bereits  bestanden  haben.  Der  Gau 
Artaz  verdankt  die  Ehre,  das  Grab  des  Apostels  Thaddaeus  zu 
besitzen,  wohl  nur  einem  gesuchten  Namensanklang:  nach  einer 
weit  verbreiteten  Legende  soll  nämlich  Judas  Thaddaeus  in  Arados 
(Arwad)  oder  Berytos  das  Martyrium  erlitten  haben6).  Später 
war  im  Gau  Artaz  der  Sitz  des  Bischofs  der  Amatunier  (Thomas 
Arcruni  HI  29  S.  209).  Sonst  finde  ich  in  der  älteren  armeni- 
schen Literatur  nur  bei  Faustos  von  Byzanz  eine  „Ruhestätte  der 
Apostel"  oder  „Apostelgräber  der  Herrenjünger*  erwähnt,  die 
gleich  dem  Prophetengrabe  Johannes  des  Täufers  in  Astisat  in 
Taraun  gedacht  sind  (Faust.  Byz.  III  8  S.  7;  14  S.  36),  aber 
neben  diesem  gar  keine  Rolle  spielen.  Es  könnte  sich  zudem  hier 
nur  um  importierte  Reliquien  handeln,  welche  der  Erleuchter 
zusammen  mit  denen  des  Märtyrers  Athanagines  in  Kappadokien 
erworben  hätte 6).   Der  König  Sanatruk  ist  wohl  nur  deshalb  zum 


')  Wüt  PiP"j  S.  42.  47.  48. 
«)  Vgl.  Carriere  1. 1.  p.  408  n.  2. 

*)  Joh.  abbatis  monasterii  Biclariensis  chronica  a.  I  Justini  imp. 
(bei  Mommsen,  Chron.  min.  II  211  =  M.  G.  Auct.  antiquiss.  t.  XI): 
Armeniorum  gens  et  Hiberorum,  qui  a  praedicatione  apostolorum 
Christi  susceperunt  fidem,  dum  a  Cosdroe  PerBarum  imperatore  ad  cul- 
turas  idolorum  compellerentur,  renuentes  tarn  impiam  iussionem  Romanis 
se  cum  provinciis  suis  tradiderunt. 

Johannes  von  Biclaro  berichtigt  also  in  erwünschter  Weise  die 
ziemlich  unklaren  Angaben  des  Moses  Kalankatvac'i  II  48  S.  408  ff. 

4)  Sfe  PtP»3  S.  78. 

•)  Mich.  Syrus  p.  92  =  147.  148  ed.  Chabot;  Salomon  von  Bacra, 

Book  of  the  Bee  p.  «yO,  2  =  106  (Anecd.  Oxon.  Sem.  Ser.  vol.  I  2.) 

Vgl.  Rieh.  A.  Lipsius,  Die  apokryphen  Apostelgeschichten  I  29. 
II  2,  156  ff.  163.  176.  —  Mos.  Chor.  II  52  S.  131  bringt  Artaz  mit  dem 
Gau  Ardoz  im  Lande  der  Osseten  zusammen. 

•)  Agathangelos  S.  607^8  =  71, 56ff.  ed.  Lagarde  lässt  den  Grigor 
aus  den  Gegenden  der  Griechen  einige  Überreste  von  den  Gebeinen 
Johannes  des  Täufers  und  des  hl.  Zeugen  Athanagines  mitbringen  und 
auf  Bagavan  (in  Bagrevand)  und  Astisat  verteilen,  weiss  indessen  nichts 
von  Reliquien  eines  Apostels  oder  Jüngers.   Uchtanes  II  38  S.  66  er- 


232 


J.  Marquart, 


Henker  des  Apostels  Thaddaeus  aasersehen  worden ,  weil  er  der 
einzige  armenische  König  alterer  Zeit  war,  von  dem  sich  noch 
einige  Erinnerungen  erhalten  hatten. 

In  die  armenische  Bartholomaeuslegende  ist  Sanatruk  erst  ans 
dem  Martyrium  des  Thaddaeus  eingedrungen.  Das  griechische 
fiaQXVQiov  BccQ&okoitalov,  mit  welchem  die  lateinische  passio  Bnr- 
tholomaei  übereinstimmt ,  lässt  den  Apostel  nach  Indien  gehen, 
wo  er  den  König  IloXvfiwg  bekehrt,  aber  durch  dessen  alteren 
Bruder  ^Acx^yrig  (Astriges,  Astiarges  etc.)  hingerichtet  wird. 
Spätere  Texte,  wie  Ps.  Epiphanios,  Ps.  Dorotheos,  Ps.  Sophronios 
und  Ps.  Hippolyt,  behalten  zwar  die  Predigt  des  Apostels  im 
,  glücklichen  *  Indien  ('Ivöotg  xolg  xaXovfiivoig  Evdcclpooiv)  bei, 
verlegen  aber  seinen  Tod  nach  OüqßavonoXig ,  'AQßavwtoXig  oder 
ÄkßttvbmXig  (iv  tfl  'AXßavä  nolti,  iv  'AXßctvla  noXu)  in  Gross  - 
armenien1).  Dagegen  ist  der  König  Astriges  im  lateinischen 
Breviarium  apostolorum  und  den  von  ihm  abhängigen  Texten  als 
Mörder  des  Apostels  mit  übernommen2).    Bei  den  Syrern  heisst 

er  *agXBOO)9,  «u^QDOtO),  ^QDfOOf  *),  Q*££Oiot 4),  „Avaragathi" 

d.  i.  wohl  »^^^o/  5),  Varianten  die  auf  y^^ODOfi  =  *,A<m<yijS 

zu  weisen  scheinen.  Allein  wenn  der  König  Polymios  dem  Öäta- 
wähanakönig  Pulumäji  entspricht,  welchen  Ptolemaios  VJi,  1,  82 
unter  dem  Namen  £i^07txoX(fiaiog  (Siri  Pujumäji)  als  Herrscher 
von  Paithan  kennt  (Ernst  Kuhn),  so  muss  natürlich  auch  sein 
älterer  Bruder  Astriges  in  Indien  gesucht  werden,  und  zwar  ist 
das  glückliche  Indien  =  Dakfinäpaiha,  Dekkhan,  wie  *Ae>aßia  i} 
MalpAav  —  al  Jaman  Bder  Süden",  eig.  die  rechte  d.  i.  die 
glückliche  Seite. 

Die  Stätte  des  Martyriums,  die  überall  nach  Grossarmenien 
gesetzt  wird,  heisst  in  syrischen  Texten  opoi^tf,  op>c\i~\ic%{ 

,9PQJL^©V  %  „Arvoin*  ?),  im  armenischen  Martyrium  f\i^tpfiuaUnu 

wähnt  beim  Amtsantritt  des  Katholikos  Abraham  unter  den  Kleinodien 
der  Patriarchalkirche  von  Drin  „die  Reliquien  der  hl.  Apostel,  welche 
der  hl.  Grigor  aus  Rom  gebracht  hatte,  die  ihm  vom  frommen  Kostan- 
dianos  geschenkt  worden  waren". 

>)  Vgl.  Lipsius  a.  a.  O.  Ii  2,  65  ff.  58-62. 

*)  Vgl.  Lipsius  a.  a.  0.  I  147.  210.  II  2,  55  A.  3.  103  A.  2. 
104  A.  1. 

3)  So  die  drei  Hss.  des  Salomon  von  Ba^ra,  Book  of  the  Bee 
p.  «£*JO,  18. 

4)  Mich.  Syr.  p.  92,  35  =  148. 

6)  Cod.  Syr.  Barberini  101  saec.  XII  bei  Moesinger,  Acta  Bar- 
tholomaei  p.  63,  zitiert  von  Lipsius  a.  a.  O.  n  2,  104  A.  2. 
«)  Payne-Smith,  Thes.  Syr. 

')  Als  zweite  Tradition  mitgeteilt  im  cod.  Syr.  101  der  Barberini- 
schen  Bibliothek ;  s.  Anm.  5. 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


Urbianos1),  in  dem  aus  dem  9.  Jahrhundert  stammenden  Briefe 
des  Moses  Chor,  an  Sahak  Arcruni  {[LpfuJunu  Urbanos*),  bei 
Mos.  Chor.  II  34  S.  112  WpLpu/ünu  Arebanos  (v.l.  Xhplrt-fuu%au 
Arevbanos).  Dies  beweist,  dass  hier  überall  griechische  Quellen 
zu  Grunde  liegen.  Salomon  von  Bacra,  der  cod.  Barberini  101 
und  Michael  der  Grosse  lassen  den  Bartholomaus  in  Inner- 
Armenien8)  predigen,  wo  er  nach  30 jähriger4)  Thätigkeit  von 
Hüras(T,  dem  König  von  Armenien  gekreuzigt  und  in  der  von 
ihm  erbauten  Kirche  bestattet  wird.  Ein  Ort  wird  hier  also  nicht 
genannt.  Allein  nach  Stephan  Asoük  I  5  S.  46  =  39  erleidet 
Barth olomaeus  das  Martyrium  „bei  uns  in  der  Stadt  W^puspfinU 
Arcbbion* 5),  und  dies  ist  augenscheinlich  derselbe  Name  und  wohl 
auch  derselbe  Ort  wie  das  castellum  Arabionis  der  Acta 
Archelai  et  Manetis,  wohin  Mani,  nachdem  er  aus  dem  persischen 
Gefängnis  entkommen,  geflohen  war6)  und  wo  er  nachher  hin- 
gerichtet wurde.  Nach  seiner  Niederlage  in  der  Disputation  mit 
Archelaus  in  Charchar  will  die  erregte  Volksmenge  den  Mani  an 
die  Barbaren  ausliefern,  qui  erant  vicini  ultra  Strangam  fluvium. 
Hierauf  kehrt  Mani  auf  demselben  Wege,  auf  dem  er  gekommen, 
zurück  und  begibt  sich  nach  Überschreitung  des  Flusses  Stranga 
wieder  ad  Arabionis  castellum  (p.  195,  10).  Mit  dem  Flusse 
Stranga,  der  als  Grenzfluss  zwischen  Persien  und  Rom  gilt  (p.  41), 
ist  offenbar  der  Tigris  gemeint.  Der  Name  ist  aus  dem  Alexander- 
roman (2, 14. 15)  bezogen7),  wo  er  aber  den  yA^d^tjg  (Curt.  5,  4,  7. 
5,  5,  2.  3  etc.),  den  heutigen  Bänd-i  AmTr  bezeichnet,  welchen 
Alexander  auf  dem  Marsche  von  Susa  nach  der  Persis  überschreiten 
musste8).    Damit  sind  für  Arabion  -  Urbanopolis  bezw.  castellum 


*)  Vitae  et  martyria  sanctorum,  Venedig  1874,  I  S.  208.  Vgl. 
Lipsius  II  2,  58. 

•)  Werke  des  Moses  Chor.,  Venedig  1865,  S.  295.  —  Der  Ver- 
fasser verheisst  S.  284  den  ßagratuniern,  sie  würden  Könige  werden 
in  Dvin. 

Michael  sagt  einfach  .Armenien«,  Salomon  fugt  dazu  noch 
Ardafir  (Ox.  ^)^\  Q&arböl  (Ox.  ^(v.l.^i,  ^JO? 

=  Dvin?)  und  ^pioio*3  Pruharmän  (Ox.  ^j^)- 
*)  Mich.  Syr.  .dreijähriger». 

«)  Vgl.  dazu  Tab.  I  ITa,  5:  (jo)    J»5  jU^Jl    Jl  LÜ  ^ 

•)  Acta  disputationis  Archelai  et  Manetis  bei  Ron th,  Reliquiae 
Bacrao  I«  48,9.  194,  12. 

')  Vgl.  Nöldeke,  ZDMG.  44,  899. 

*)  Der  Name  des  Flusses  wird  bei  Arr.  3, 18,  6.  10  nicht  genannt. 
Da  Stqdyyaq  ursprünglich  den  persischen  'AQ<t£r\g  bezeichnet,  drängt 
sich  von  selbst  die  Vermutung  auf,  dass  es  in  irgend  einer  Weise  au» 
Aqdyyag  =  mp.  Arang  entstanden  sein  werde.   Arang  ist  die  mittel- 


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234 


J.  Marquart, 


Arabionis  sowohl  Erevan  (j.  Eriwan)  im  Gau  Kotajk',  Ervandousat 
und  Ervandakert  im  Gau  ArSarunik' 1),  Aibag2)  und  andere  Orte 
in  Grossarmenien,  als  Zmaalvov  XuquI  oder  Karcha  da-Mai&än*) 
ausgeschlossen.  Das  Richtige  hat  bereits  G.  Hoff  mann  ge- 
sehen4): es  ist  Arewän  (Bedjan,  Acta  mart.  et  sanct.  II 

349,  9.   Synod.  Orient,  ed.  Chabot  p.  83,  29.  84,  18.  36,  15  = 

272—274  a.  410.  60,  12  =  307  a.  486)  oder  Jjcuä 

MähözS  d- Arewän  (Bedjan  IV  134,  3.  Synod.  Orient,  p.  53,  10  = 
299  a.  486;  109,  4  =  366  a.  554;  110,  18  =  868  a.  576; 
164,  23  =  423  a.  585;  214,  7  =  479  a.  605),  auch  ^Jtf 

„ArSwän  jenseits  des  Flusses*  (Synod.  or.  p.  43,  21  =  285  a.  424) 
in  der  Provinz  Beth  Garmö.  Chabot  vermutet,  dass  die  Diözese 
Mähöze  d- Arewän  südlich  vom  Kleinen  Zab  lag,  dass  es  aber  zeit- 
weilig einen  Bischof  für  die  Gegend  im  Norden  des  Flusses  ge- 
geben habe5).  Jedenfalls  ist  aber  weder  an  ^l^-jjt  Arcwagänn) 
in  der  Nähe  von  Slrawän  in  Mäsabadän  noch  an  Rawänduz, 
Mowändiz  am  Rawändiz-cai  zu  denken,  welch  letzteres  ins  Gebiet 
der  Provinz  Adiabene  fällt.  In  Karcha  de -Beth  Selöch,  der 
Hauptstadt  von  Beth  Garme",  gab  es  seit  alters  nicht  wenige 
Manichäer7). 

Die  Todesstätte  Mani's  nach  der  christlichen  Manilegende 
wurde  also  einfach  auf  Bartholomaeus  übertragen,  welcher  somit 
den  nachmals  von  jenem  Erzketzer  verwüsteten  Acker  zuerst  an- 
gepflanzt hatte.    Unklar  ist  nur,  wie  man  dazu  kam,  jenen  Ort 

persische  Umschreibung  von  aw.  Raigha,  dem  bei  den  Griechen  (bezw. 
Persern)  'AQu£r\e  entspricht,  bezeichnet  aber  später  auch  den  Tigris. 
War  gr.  ATATVA2  einmal  in  ^PATTAL  verlesen ,  so  musste  daraus 
notwendig  StQuyyas  werden,  da  die  Gruppe  <jq  ungriechisch  ist. 

*)  A.  v.  Gutschmidt,  Rh.  Mus.  N.  F.  XIX,  174. 

*)  Armenisches  Kalendarium  zum  18.  Februar;  vgl.  Lipsius 
H  2,  100.  103  A. 

*)  K.  Kessler,  Mani  I  89  ff. 

<)  Bei  Nöldeke,  ZDMG.  44,  399. 

»)  Synod.  Orientale  p.  66. 

«)  So  Mis'ar  b.  al  Muhalhil  bei  Jäq.  I  IT.,  9 ff.  IV  nr,  13. 
Mas'ttdl,  Murflg  III  69.  VI  187.  —  Murug  VI  225  ed. 
M  ^L^jjO.    Kitäb  at  tanblh  «II,  8   P  ^U^jOl,   L  ^Ls^of. 

roT,  18  P  J^J\t  L  aL^>t.  Qod.  rff,  7  Muq.  öT,  ulL 

B  ^L^jj,   Mo,  8  ^Us^jj.    Letztere  Schreibweise  zeigt,  dass  nur 

^L^jpt  oder  ^L^ot  in  Betracht  kommen  können,  da  nur  dann  der 
Abfall  des  anlautenden  o  zu  erklären  ist. 

^  Akten  der  Märtyrer  von  Karcha  da-Böth  Selöch  bei  G.  Hoff- 
mann,  Auszüge  46—50.  52.  Bedjan,  Acta  mart.  et  sanct.  II  512, 
11  ff.  289,  4. 


Untersuchungen  wir  Geschichte  von  Eran. 


235 


nach  Grossarmenien  zu  verlegen.  Eine  Beeinflussung  der  Bartholo- 
maeuslegende  durch  die  Manilegende  wird  auch  darin  zu  erkennen 
sein,  dass  nach  gewissen  Texten  dem  Apostel  die  Haut  abgezogen 
und  wie  ein  Sack  ausgestopft  wurde *).  Dies  war  aber  bekanntlich 
das  Schicksal  Mani's. 

Erst  in  Armenien  hat  man  den  letzten  Schritt  gethan  und 
den  König  Astriges  durch  den  bereits  aus  der  Thaddaeuslegende 
bekannten  Apostelmörder  Sanatruk  ersetzt2).  Übrigens  ist  das 
armenische  Martyrium  des  Bartholoinaeus  eine  späte  Kompilation 
verschiedenartiger  Legenden 

Der  Name  Sanatruk  jDo;ßaCD  war  übrigens  auch  noch  später 
im  Gebrauch:  so  hiess  der  letzte  König  von  Bahrain  im  ersten 
Drittel  des  3.  Jahrhunderts4)  und  noch  ein  Christ  in  der  Ver- 
folgung äapürs  (a.  662  Gr.  =  351  n.  Chr.)  6). 

Natürlich  ist  jetzt  auch  die  von  dem  sogenannten  Mar  Abas 
McurnacH  berechnete  Begierungszeit  des  Sanatruk  und  seines  Sohnes 
Wa*ar§  (164 — 193  und  194—213  n.  Chr.)  hinfallig  und  wertlos. 
Dasselbe  gilt  aber  auch  für  die  gauze,  angeblich  von  Agathangelos 
verfasste  Königsliste  des  Mar  Abas,  zumal  was  die  Begierungszahlen 
anlangt.  Ich  werde  die  armenische  Urgeschichte  des  Mar  Abas 
in  einem  besonderen  Aufsätze  behandeln,  worin  ich  zeige,  dass 
dieselbe  erst  im  9.  Jahrhundert  und  zwar  wahrscheinlich  unter 
dem  Fürsten  der  Fürsten  Bagarat  von  Taraun  (Osteuropäische 
Streifzüge  S.  463  Nr.  18)  verfasst  worden  ist.  Noch  später,  jedoch 
vor  die  Königskrönung  Asot's  des  Grossen  fallt  dann  die  Geschichte 
des  Moses  Chorenac'i.  Es  liegt  daher  kein  Grund  mehr  vor,  den 
Einfall  der  Chazirk'  und  Barsük',  welche  nach  Moses  Chor.  2,  65 
8.  145  unter  ihrem  König  W&nasp  Surhap  das  Thor  von  Cor 
passierten  und  den  Kur  überschritten,  aber  von  WatarS  zurück- 
getrieben und  bis  über  das  Thor  von  Cor  hinaus  verfolgt  wurden, 
auf  Sanatruk  zu  übertragen,  zumal  die  Geschichte  in  der  That 
von  einem  Einfall  der  Alanen  zur  Zeit  des  Königs  Volagases 
weiss,  auf  welchem  dieselben  Albanien  und  Medien  (Atropatene) 
schrecklich  verheerten  und  auch  Armenien  und  Kappadokien  heim- 

')  So  ist  der  Ausdruck  ixdag^eig  ma-xeg  &vXaf-  bei  Ps.  Hippolyt 
ed.  Lagarde  (Lipsius  II  2,  60  A.)  und  Theodoros  Studites  (eb.  S.  101  f.) 
aufzufassen.  Das  Breviarium  apostolorum  (eb.  S.  55  A.  8)  sagt  nur 
viverus  decoriatus. 

■)  Ahlich  Lipsius  II  2,  99f. 

*)  Der  auch  in  der  koptisch-äthiopischen  Gruppe  wiederkehrende 
Zug,  dass  der  Apostel  zu  den  Parthern  und  Elamiten  gekommen  »ei 
(Lipsius  II  2,77.  Ergänzungsband  S.  96),  beruht  lediglich  auf  einem 
etymologischen  Kalauer  a  la  Moses  Chorenac'i. 

*)  Tab.  I  aI*.,  2.   Dlnaw.  fo,  13. 

*)  Bedjan.  Acta  mart.  et  sanct.  IV,  166.  —  Der  Name  kommt 
auch  in  der  jüdischen  Literatur  vor;  s.  Sam.  Kraus s,  Griech.  und 
lat  Lehnwörter  im  Talmud,  Midrasch  und  Targum  II  (1899),  403. 
S.  Fränkel,  ZDMG.  55,  355. 


236 


J.  Marquart, 


suchten  (Kass.  Dion  69,  15,  1).  Freilich  ist  nichts  davon  bekannt, 
dass  er  auf  der  Verfolgung  der  Feinde  bei  Darband  im  Kampfe 
gefallen  sei,  vielmehr  musste  er  nach  Kassios  Dion  froh  sein,  die 
ungebetenen  Gäste  durch  eine  Kontribution  los  zu  werden.  Doch 
werden  auch  noch  unter  Pius  Einfalle  der  Alanen  berichtet,  über 
welche  Einzelheiten  nicht  bekannt  sind1). 

Die  vom  König  Sanatruk  gegründete  Stadt  (T&-m-ߣ  Mcttrk? 
hat  weder  mit  Xf&pffu  Mcbin,  \fp&m-ffu  Mrcvin  =  Nisibis, 
noch  mit  dem  Gau  XPyat-p  Afzur  in  Hocharmenien,  dem  Lande 
Muzri  der  Assyrer,  das  Geringste  zu  thun,  obwohl  Mar  Abas 
augenscheinlich  alle  drei  Namen  kombiniert  hat.  Wie  aus  der 
Erzählung  des  Faustos  unzweideutig  hervorgeht,  lag  Mcurk*  am 
östlichen  Euphrat  (Murad-su),  der  bei  den  Armeniern  gewöhnlich 
W^ntuS-ufbft  Aracani,  bei  Plin.  h.  n.  6,  128  und  Tac.  ann.  15,  15 
Arsanias  d.  i.  Ärictyccmi,  Kass.  Dion  62,  21,  1,  4  'Agöctvlag,  Plin. 
h.  n.  5,  84  Ar8anus,  byzantinisch  'AgoZvog*)  d.  i  mittelarmenisch 
W^P&fafi  (gen.  Arcnoj)  8)  heisst,  von  Faustos  und  Agathangelos  aber, 
die  als  Griechen  gelten  wollen,  Jjtfrnutu*  Ep(ra£  =  Ev<pQarzrjg 
genannt  wird4),  und  zwar  ist  die  Stadt  noch  in  Taraun  zu  suchen, 
wo  königliche  Domänen  lagen,  die  gleich  den  anderen  Domänen 
der  Aufsicht  des  Oberkammerherrn  (ffa/r  mardpet)  unterstanden 
(Faust.  4,  14  S.  117;  5,  3  S.  195).  Die  beiden  Flüsse,  an  deren 
Gemünd  die  Stadt  lag,  sind  der  Murad-su  (Aracani)  und  der  Qara- 
su,  armenisch  fl\E-^  Jfe7,  bei  Xen.  anab.  4,4,3  TrjXtßoccg,  der 
den  Gau  Taraun  durchströmte  6).  Mcurk'  muss  also  in  der  Nähe 
der  Festung  Otekan  {\qu*/{ufü  gelegen  haben.  Hier  finden  sich 
auch  die  Stromschnellen,  von  welchen  Faustos  spricht.  Torna- 
schek  sagt  von  OJakan6):  „Noch  sind  die  Ruinen  dieser  „ rund- 
lichen" Veste7)  am  Westrande  der  Ebene  von  MuS  vorhanden,  am 

»)  Capitol.  Pius  5,  4. 

*)  Prokop.  Pers.  I  17  p.  84  ,  21/22.  Theoph.  cont.  V  p.  269,  17, 
bei  Ps.  Kallisthenes  U  15  cod.  C  p.  71  n.  25.  26  ed.  Müller  'Aqcivotis. 

[Matthaeus  von  Edessa  S.  251;  vgl.  Hübschmann,  Die  alt- 
armenischen  Ortsnamen  S.  406  A.  2  =  Indogerm.  Forsch.  Bd.  16,  1904.] 

4)  Agath.  S.  606.  607.  613.  620.  630.  682  =  p.  71,  48.  58.  60; 
78,  20;  75,  99;  78,  91.  15.   Faust.  5,  3  S.  195;  43  S.  262. 

»)  Mos.  Chor.  Geogr.  S.  31,  4  ed.  Soukry: 

JJ^L.  Sbk^b  jXftr™"  »Taraun,  in  welchem  der  Fluss  Met 

läuft  und  in  den  Euphrat  fallt«.   [Vgl.  Hübschmann,  a.  a.  O.  323.] 

«)  Sasun  und  das  Quellengebiet  des  Tigris  S.  11  =  SB  WA. 
Bd.  133  Nr.  IV,  1895.  [Vgl.  Cuinet,  La  Turquie  d'Asie  II  587, 
zitiert  bei  Hübschmann,  Die  altarmenischen  Ortsnamen  S.  826.  459 f. 
(hier  nicht  vorhanden).] 

*)  Tomaschek  leitet  den  Namen  also  irrig  von  arm.  on  d.  i.  aui 
„Ring,  Kreis«  ab. 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  237 


rechten  Ufer  des  Aracani,  dort  wo  der  Strom  von  steilen  Felsen 
eingeengt  zu  werden  beginnt."  Die  Gründung  des  Sanatruk  hatte 
eine  strategisch  sehr  wichtige  Lage,  da  sie  die  Verbindungen  mit 
dem  Euphrat  (über  Palu  und  Ziata-Charput  nach  Melitene),  dem 
Quellgebiet  des  Euphrat- Araxes  (über  Chnis  nach  Hasan-qal'a  und 
Karin -Erzerum)  und  den  beiden  Hauptstädten  Tigranokerta  (über 
den  Taurus  und  durch  das  Thal  des  iVvfi<pto£-Batman-su)  und 
Artaxata  (über  Melazgerd  und  Kara-kilissa  nach  Bagavan-Ü6-kilissa 
bezw.  Dijädin-Armavir)  beherrschte. 

Dass  Mcurk'  geradezu  mit  OJakan  identisch  sei ,  ist  nicht 
wahrscheinlich.  Letzteres  gehörte  nachmals  den  Mamikoniern,  und 
zwar  einer  Erzählung  des  Faustos  (5,  3  S.  195)  zufolge  schon 
unter  König  Pap  (371 — 375).  Allerdings  scheinen  die  Mamiko- 
nier  erst  nach  dem  Untergange  des  Königtums  als  Erben  des  Ka- 
tholikos  Sahak  (f  438)  die  mächtigsten  Grundbesitzer  in  Taraun 
geworden  zu  sein1),  indem  ihnen  die  reichen  ehemaligen  Tempel- 
güter von  AStiSat  zufielen.  Ihr  Stammsitz  war  Tajk'.  Da  nun 
die  historische  Ermordung  des  Oberkammerherrn  Glak2)  in  einer 
zweiten  Version  (Faust.  V  6) ,  die  einen  historischeren  Eindruck 
macht  als  die  mit  ihr  nur  ganz  oberflächlich  ausgeglichene  Legende 
V  3 ,  nicht  nach  OJakan ,  sondern  nach  dem  grossen  Dorfe  des 
königlichen  Bodens  *)  im  Gau  Ajrarat,  das  man  Ardeank'  nennt, 
verlegt  wird  und  andererseits  IV  14  von  der  Ermordung  eines 
anderen  Oberkammerherrn  unter  König  Arsak  bei  Mcurk4  in  der 
Nähe  von  Otakan  die  Rede  ist4),  so  ist  es  wahrscheinlich,  dass 


i)  tazar  P'arpec'i  I  18  S.  114/115  =  Langlois,  Collection  II  278. 
*)  Ammian.  Marcellin.  27,  12,  14. 

■)  Ich  fasse  ^otfl  als  Gen.  zu  mi£  .Inneres,  Boden,  Erde,  Grund, 

Wurzel*,  der  gewöhnlich  fity  lautet. 

*)  Faustos  kennt  fünf  Oberkammerherren  unter  den  Königen  Tiran, 
Arsak  und  Pap,  in  Wahrheit  hat  man  aber  wohl  nur  deren  drei  zu 
unterscheiden : 

a)  der  ruchlose  Hajr  mardpet,  welcher  unter  Tiran  die  Notabein- 
geschlechter ausrottet  (III  18)  und  unter  Aräak  von  Savasp  Arcruni  bei 
Mcurk4  ermordet  wird  (IV  14).  Wahrscheinlich  hatte  er  beim  Regierungs- 
antritte Arsaks  weichen  müssen  und  war  dann  vor  dem  Konflikte  des* 
selben  mit  dem  Katholikos  Nerses  wieder  eingesetzt  worden. 

Drstamat  (V  8),  unter  den  Königen  Tiran  und  Arsak  (wahr- 
scheinlich in  der  ersten  Zeit  Tirans  und  in  der  ersten  und  letzten  Zeit 
Arsaks),  wird  mit  letzterem  zusammen  nach  Persien  in  die  Gefangen- 
schaft abgeführt.  Als  darauf  ein  Krieg  zwischen  Persien  und  den 
K'usank'  ausbricht,  zieht  Drstamat  mit  ins. Feld  und  rettet  in  der 
Schlacht  durch  seine  Tapferkeit  dem  König  Säpür  das  Leben.  Darauf 
sollen  er  und  der  gefangene  König  Aräak  im  Schlosse  der  Vergessenheit 
sich  gemeinsam  den  Tod.  gegeben  haben.  Allein  Aräak  hat  nicht  durch 
Selbstmord  geendet,  sondern  ist  hingerichtet  worden  (Ammian.  27,  12,  3 : 
Arsaces  .  .  .  discruciatus  cecidit  ferro  poenali),  und  Drstamat  muss 
identisch  sein  mit  dem  Eunuchen  Gylaces,  der  schon  vor  der  Gefangen- 
nahme Arsaks  gentis  praefectus  gewesen  und  als  Überläufer  zu  ääpttr 


238 


J.  Marquart, 


die  0*akan-Legende  nach  dem  Vorbilde  dieser  älteren  Erzähltrog 
später  erfunden  ist,  um  so  mehr,  als  der  Mamikonier  Muse*,  der 
V  8  als  Mörder  des  Oberkammerherrn  erseheint,  seine  Lorbeeren 
fast  durchweg  andern  abgeborgt  hat.  Die  Geschichte  des  Unter- 
ganges des  Oberkammerherrn  bei  Mcurk'  kennt  in  Taraun  neben 
den  zur  königlichen  Krondomäne  gehörigen  Dörfern,  die  der  Auf- 
sicht des  Hajr  mardpet  unterstehen,  nur  Domänen  des  Eatholikos 
Nerses,  welche  jener  gleichfalls  zur  Krondomäne  zu  machen  trachtet. 
Die  Vermutung  liegt  daher  sehr  nahe,  dass  die  Erwähnung  der 
mamikonischen  Festung  OJakan  ein  Anachronismus  sei  und  die 
ganze  Legende  ihre  endgiltige  Gestalt  erst  nach  dem  Tode  des 
Katholikos  Sahak  erhalten  habe.  Dem  steht  jedoch  entgegen, 
dass  schon  unter  König  Tiran  von  einem  „ anderen  Hause"  der 
Mamikonier  die  Rede  ist,  welches  sie  damals  aufgaben,  um  sich 
in  die  Festungen  ihres  Stammlandes  Tajk'  zurückzuziehen1). 

O-lakan  soll  nach  Moses  Chorenac'i  (2,  84)  ursprünglich  dem 
Geschlechte  der  Slkunik'  angehört  haben,  das  bei  einem  Aufstande 
gegen  den  König  Trdat  von  Mamgon,  dem  angeblichen  Stamm- 
gekommen, also  nicht  in  Gefangenschaft  geraten  war:  (Sapores)  Gylaci 
spadoni  et  Arrabanni  (so  V),  quo«  olim  susceperat  perfugas,  commisit 
Armeniam.  horum  alter  ante  gentis  praefectus,  alter  magister  fuisse 
dicebatur  armorum  Ammian  ib.  §  5  s.  Er  fehlt  in  dem  Verzeichnis 
der  Überläufer  bei  Faust.  IV  50,  und  V  18  wird  nur  das  Haus  Anger, 
nicht  auch  der  inzwischen  ermordete  Oberkammerherr  und  Fürst  von 
Angl  unter  den  Abgefallenen  aufgeführt;  doch  vgl.  IV  55  S.  176.  Bei 
Faustos  heisst  es  dagegen  von  CHak  ungenau  (V  8  S.  196):  „welcher 
in  den  Tagen  des  Königs  Arsak  oder  seines  Vaters  Tiran  einmal  jenes 
Amt  der  Kammerherrn  würde  gehabt  hatte*.  Die  Angabe,  dass  Drstamat 
aus  Treue  seinem  Herrn  im  Tode  nachgefolgt  sei,  ist  eine  Erfindung 
so  gut  wie  der  Selbstmord  Arsaks.  Den  Anlass  zu  derselben  gab  der 
Name  Drstamat  =  pers.  Drtut-ämat  .heil  gekommen*,  der  aber  nur 
ein  persischer  Ehrenname  ist,  den  ihm  der  König  Säpür  aus  Anlass 
seiner  Errettung  verliehen  hatte. 

Nach  dem  Kriege  gegen  die  K'uSank'  betraut  Säpür  den  Gylaces 
(Gtak)  und  Arrabannes  (arm.  [J«  ,„^,.:u  mit  der  Unterwerfung  Armeniens, 
und  es  folgt  die  Belagerung  der  Festung  Artagerk'  in  Arsarunik',  die 
sich  bis  in  den  Winter  hineinzieht  und  mit  dem  Verrate  der  beiden 
armenischen  Führer  ihren  vorläufigen  Abschluss  findet  (Ammian.  Mar- 
cellin.  27,  12,  5—9.  FauBt.  IV  55).  Im  folgenden  Jahre  wird  Pap 
zum  König  erhoben  und  im  Spätherbst  Artagerk'  von  den  Persern 
eingenommen  und  zerstört  (Ammian.  §  9—12.  Faust.  V  1.  IV  55—59). 
Diese  Ereignisse  gehören  in  die  Jahre  870  und  371,  wie  Sievers, 
Studien  zur  Geschichte  der  röm.  Kaiserzeit  268  f.  richtig  gesehen  hat. 
Der  Krieg  gegen  die  K'u&ank'  macht  es  jetzt  begreiflich,  weshalb  Säpür 
nicht  sogleich  nach  der  Gefangennahme  des  Königs  Arsak  in  Armenien 
eingerückt  ist.  Das  genaue  Datum  des  letztem  Ereignisses  ißt  unbekannt, 
kann  aber  wohl  schon  867  sein.  Im  Anfang  des  Jahres  372  werden 
Gylaces  und  Arrabannes  von  Pap  auf  Anstiften  Säpürs  ermordet; 
Ammian.  §  14.  Faust.  V  3  (ohne  Namen)  =  V  6  (Grak). 

c)  Der  Hajr  mardpet  wohnt  der  Beisetzung  des  Katholikos  Nerses 
bei  (Faust.  V  24  S.  222  f.). 

*)  Faust,  in  18  S.  47. 


Untersuchungen  tot  Geschichte  von  Eran. 


239 


vater  der  Mamikonier,  ausgerottet  wurde,  worauf  dieser  vom 
König  zum  Danke  mit  deren  Gütern  belohnt  wurde.  Diese  Aus- 
rottung des  Geschlechtes  Slkunik'  ist  aber  wie  die  der  Manda- 
kunier1)  lediglich  eine  Erfindung  des  Moses.  Der  Geschlechtsname 
WlA9"^  findet  sich  in  der  alteren  Literatur,  soviel  ich  sehe, 
nur  einmal:  X^jpncfy  y^niü,/,  bei  Elise  wardapet  S.  173 

=  Langlois  TL  215,  und  ausserdem  macht  Moses  3,  20  S.  206 
den  Eremiten  Gind  aus  Taraun,  einen  Schüler  des  Chorbischofs 
Daniel  (Faust.  6,  16),  zu  einem  Slkunier.  Wir  wissen  nur,  dass 
die  Mamikonier  der  Sage  zufolge  ein  fremdes,  aus  Öenastan  ein- 
gewandertes Geschlecht  waren4),  das  aber  nach  Faustos  schon  im 
ersten  Drittel  des  4.  Jahrhunderts  die  erbliche  Würde  des  Heer- 
fuhrers  {sparapet)  der  armenischen  Krone  besass8).  Wie  weit 
diese  Darstellung  Vertrauen  verdient,  ist  freilich  sehr  fraglich, 
da  sie  durchaus  im  Dienste  der  Mamikonier  steht  und  uns  meist 
jede  andere  Kontrolle  fehlt,  und  da,  wo  eine  solche  möglich  ist, 
diese  in  der  Regel  nicht  zu  gunsten  jener  Erbrechtstheorie  ausfallt. 
Schon  unter  Trdat  wird  ein  sparapet  samtlicher  Truppen  Gross- 
armeniens namens  Artavazd  erwähnt,  der  ohne  Zweifel  ein  Mami- 
konier sein  soll.  Der  Name  fehlt  indessen  im  griechischen 
Agathangelos4)  und  kann  aus  Faustos  3,  4  S.  9  (vgl.  11  8.  28) 
erschlossen  sein,  wo  Waß'e,  der  Sohn  Artavazds,  als  Patriarch 
des  mamikoni8cben  Geschlechtes  aus  dem  Stamme  des  Heerführer- 
tu  ms  Armeniens  und  grosser  Heerführer  der  Truppen  Chosrows  II. 
bezeichnet  wird.  Moses,  der  die  Mamikonier  aus  der  altarmenischen 
Geschichte  so  viel  wie  möglich  ausmerzen  will,  macht  nun  jenen 
sparapet  Artavazd  zum  Mandakunier  (2,  76.  82.  85),  weiss  aber 
der  vorwitzigen  Frage,  weshalb  denn  die  Mandakunier  in  der 
Folge  in  der  armenischen  Geschichte  gar  keine  Rolle  mehr  spielen, 
durch  die  billige  Auskunft  vorzubeugen,  sie  seien  durch  Artaäir 
(bis  auf  den  geflohenen  Artavazd)  ausgerottet  worden  (2,  78). 
Dieser  Anachronismus  geht  auf  eine  ältere  von  Moses  benutzte 
Urgeschichte  der  Mamikonier  zurück,  welche  die  Stammväter  der 
Mamikonier  Mamik  und  Konak  unter  dem  armenischen  König 
Chosrow  I.  und  dem  letzten  Partherkönig  Artavan  in  Armenien 
einwandern  Hess,  gleichzeitig  aber  das  fünfte  Jahr  des  Perserkönigs 
ArtaSir  dem  ersten  des  Kaisers  Probus  und  dem  35.  Chosrows 
gleichsetzte5).  Moses  will  also  die  Neugierde  seiner  Leser  be- 
friedigen und  erklären,  auf  welchem  Wege  das  fremde  Geschlecht 
der  Mamikonier  zu  so  grosser  Macht  in  Armenien  gelangt  sei,  und 
legt  sich  für  diesen  Zweck  eine  besondere  Theorie  zurecht,  wonach 

*)  Diese  Unters.  I  47—49. 

*)  Faust.  5,  4  8.  204.  87  S.  247/8. 

■)  Faust.  3,  4  ff. 

*)  Agath.  641  =  Lag.  p.  80,  98. 
»)  Sebeos  12-13. 


240 


J.  Marquart, 


dies  durch  Zurückdrängung  und  Ausrottung  alteinheimischer  spater 
unbedeutender  Geschlechter  erreicht  worden  sein  soll.  Das  Vorbild 
zu  dieser  Auffassung  lieferte  ihm  Faustos,  bei  dem  von  der  Ver- 
nichtung zahlreicher  Geschlechter,  der  Manavazier  und  Ordunier, 
der  Bznunier,  der  bdeaSche  von  Aiznik',  R&tunier  und  Arcrunier, 
unter  den  Königen  Chosrow  II.  und  Tiran  berichtet  wird. 

Zu  S.  42  Z.  28  ff. :  Von  grosser  Wichtigkeit  für  die  Archäologen 
ist  die  Nachricht  des  Mas'üdl  IV  74:  „Es  gab  in  Qümis  einen 
hochgeehrten  Feuertempel,  namens  ^^o^  (B  {j»J>,  D  {Ji^J^)} 

dessen  Erbauer  unbekannt  ist.  Es  heisst,  dass  Alexander,  als  er 
(die  Gegend)  eroberte,  denselben  unbehelligt  liess  und  nicht  aus- 
löschte. Man  sagt  ferner,  dass  an  jenem  Orte  ehemals  eine  ge- 
waltige wunderbar  gebaute  Stadt  lag  mit  einem  mächtigen  Götzen- 
tempel von  wunderbarer  Form.  Da  ward  jene  Stadt  samt  ihren 
Gebäuden  zerstört;  hierauf  ward  nach  ihr  jener  Tempel  erbaut 
und  jenes  Feuer  in  ihm  aufgestellt* 

Zu  S.  62  A.  1 :  Zu  Mco«CD  Sarbüi  ist  noch  hinzuzufügen 
die  Form  Jo^D  ^r  -^qNcy>  No?  Jo+O  Dei  Simeon 

von  Bsth  ArSäm  (Assemani,  B.  0.  I  353).  Der  hier  genannte 
Jo^annan,  Bischof  von  Karcha  da-Beth  Sari  in  Beth  Garme,  er- 
scheint auf  der  Synode  des  Mar  Akakios  a.  486  als  Bischof  von 
Karcha  de-Beth  Salöch  Synod.  Orient,  p.  300.  301.  306.  Wir 
dürfen  also  auch  hier  die  Entwicklung  annehmen:  *ßarbük,  Sarbüg, 
Sarbüi,  *Särüi,  Säri.  Der  Übergang  von  ü  in  ?  findet  sich  auch 
im  Kurdischen  (So ein,  Grdr.  f.  iran.  Phil.  I  2,  267),  sowie  in 
neupersischen  Dialekten  (P.  Horn  eb.  S.  27.  Geiger  eb.  S.  384). 

S.  66  Z.  3  v.  u.  lies  „blau«  statt  „braun*. 

Zu  S.  84  Z.  26  ff.:  Schlegel  behält  mit  seinem  Proteste 
gegen  die  Gleichsetzung  der  chinesischen  Umschreibung  Jen-tsai, 
An-ts'ai  mit  dem  Namen  "Aoqcoi  bezw.  Arzoae  recht.  Die  alte 
Aussprache  Am-ts%ai  gibt  nämlich  in  Wirklichkeit  den  Namen  der 
Massageten  wieder,  aw.  *masja-ha  (gesprochen  massjafca),  ap. 
*ma&ya7ca,  skt.  *matsja-ka  „Fischesser*.  Damit  wird  aber  die 
Nachricht,  dass  die  Alanen  die  Nachkommen  der  alten  Massageten 
seien,  nur  um  so  wichtiger,  und  die  Vermutung,  dass  "Aoqooi  ein 
politischer  Ehrenname  sei,  fast  zur  Gewissheit  erhoben :  wenn  noch 
um  125  v.  Chr.  Massageten  am  untern  Jaxartes  geboten,  so  kann  an 
ihrer  Identität  mit  den  im  1.  Jh.  v.  Chr.  hier  herrschenden  Aorsen 
nicht  gezweifelt  werden.  Dadurch  gewinnt  der  ethnologische  Teil 
der  ptolemäischen  Karten  von  Margiana,  Baktrien,  Sogdiana  und  dem 
Sakenlande  für  uns  erst  praktische  Bedeutung.  Dass  die  Karte  von 
Sogdiana  die  Völkerverteilung  um  die  Mitte  des  2.  Jh.  v.  Chr.  wieder- 
geben will,  ist  unbestreitbar.  Dasselbe  wird  dann  auch  für  Baktrien 
angenommen  werden  dürfen,  zumal  ich  schon  auf  anderem  Wege 
zu  dem  Schlüsse  gekommen  bin,  dass  sich  die  Tocharer  mit 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


241 


Bewilligung  der  hellenischen  Könige  und  nicht  erst 
nach  dem  Untergange  der  hellenischen  Herrschaft  im  Norden 
des  Paropanisos  in  Baktrien  niedergelassen  hatten.  Dann  kann 
aber  die  Vorlage  des  Marinos  für  die  ethnologische  Darstellung 
jener  Gebiete  nur  Hippar chos  gewesen  sein,  der  den  zu  seiner 
Zeit  eingetretenen  Völkerverschiebungen  Rechnung  trug.  Wenn 
daher  Ptolemaios  in  Margiana  zwischen  Derbikkern  und  dänischen 
Parnern  auch  Massageten  kennt  (VI  10  p.  498,  5),  so  bestehen 
gegründete  Zweifel,  ob  er  sie  richtig  angesetzt  hat  —  in  der 
Verschiebung  von  Völkern  und  selbst  Städten  hat  Ptolemaios 
bezw.  Marinos  in  allen  weniger  bekannten  Ländern,  in  Germanien 
wie  in  Skythien  und  gerade  auch  in  Ostiran  das  Menschenmög- 
liche geleistet.  Dagegen  braucht  man  nicht  mehr  zu  der  Ver- 
mutung zu  greifen,  dass  er  die  Massageten  einer  veralteten  Quelle 
entnommen  habe,  vielmehr  hatte  sie  Hipparchos  noch  als  zu  seiner 
Zeit  bestehendes  Volk  verzeichnet.  Inwieweit  Marinos  seinem 
Ansätze  gefolgt  oder  etwa  mit  Rücksicht  auf  neuere  Nachrichten 
über  die  Gebiete  zwischen  dem  unteren  Iaxartes  und  der  Wolga 
(VI  14  p.  426 ff.),  welche  dort  andere  Völkernamen  nannten,  von  ihm 
abgewichen  ist,  ist  in  grösserem  Zusammenhange  zu  untersuchen. 
Natürlich  verdient  aber  der  Augenzeuge  Cang-kien  vor  den  grie- 
chischen Geographen  den  Vorzug. 

S.  85  Z.  28:  Utidorsi  Aroteres  ist  verdorben  aus  Ovtoi, 
"Aogoot  ot  avtaxiqfa.    Vgl.  S.  84  A.  2. 

Zu  S.  85  Z.  30  ff. :  Die  vor  den  Gaeli  stehenden  Arsi  sind 
wohl  in  der  Landschaft  'Aqcixig  zu  suchen,  welche  PtoL  6,  9 
p.  617,  28  in  die  Nahe  des  Koronos  (des  östlichen  Elburz)  nach 
Hyrkanien  verlegt  Die  hinter  den  Zarangae  stehenden  Arasmi 
gehören  nach  Drangiana  und  sind  gewiss  identisch  mit  den  fried- 
lichen 'Aqucoiuxi  oder  Evspyixcti  (Arr.  3,  27,  4),  die  von  den  roman- 
tischen Alexanderhistorikern  sehr  unpassend  in  'AqtiuiOitol  umgetauft 
worden  sind  (Diod.  17,  81,  1.  Curt.  7,  3,  1.  Justin.  12,  5,  9).  Die 
Bezeichnung  Arasmi  =  mp.  *a-razm  „kampflos,  unkriegerisch" 
ist  dagegen  völlig  zutreffend ,  von  wem  sie  auch  herrühren  mag. 
Dann  haben  aber  auch  die  MaroHwni  mit  der  Maeotis  nichts  zu  thun. 

S.  86  Z.  15 — 16:  Der  bei  Athenaios  überlieferte  Name 
'Ofufyrijs  ist  nicht  anzutasten  und  entspricht  einem  ap.  Ifauma- 
arta  „der  echte  Hauma',  wie  ich  anderswo  zeige.  Dieser  Name 
passt  zum  mythischen  Charakter  der  Legende. 

S.  92  Z.  20ff:  Nach  Bartholomae,  Idg.  F.  VII  (1896), 
60  f.  gehören  ahime.  ahhadö ,  armaUüibe ,  armae&ta  mit  gr. 
ijQifuc,  -paibg  zusammen  und  bedeuten  „in  Ruhe  befindlich11,  äfS 
armaeäta  also  das  stehende  Wasser  im  Gegensatz  zum  fliessenden. 
Skytb.  ccQtfia  bleibt  aber  durch  osset.  ärmäst  „nur"  gedeckt. 

S.  95  Z.  14 — 19  lies  „dass  nach  dem  Vorgange  der  Begleiter 
bezw.  Geschichtsschreiber  Alexanders  .  .  .  auch  Hekataios  durch 
den  einheimischen  Namen  des  indischen  Kaukasos  an  den  grossen 

rhilologue  Snpplcmcntband  X,  Ertiet  Heft.  16 


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242 


J.  Marquart, 


nordkaukasischen  Fluss  erinnert  wurde  und  so  sein  Parapanisos 
dazu  beitrug/ 

Zu  S.  94—96:  Der  alte  Hekataios  hatte  die  gandhärische 
Stadt  Kaspapyros  oder  Kaspatyros,  die  ihm  aus  dem  Berichte  des 
Skylax  über  seine  denkwürdige  Indusfahrt  wohl  bekannt  war,  als 
Zxv%3>v  «fcxrij  bezeichnet1).  Kaspatyros  hat  weder  mit  Kabul 
(Ptol.  KdßovQu)  *),  noch  mit  Kaämir  (Kct&nira)  *),  noch  mit  KaAja- 
pajmra,  dem  älteren  Namen  von  Mültän4)  das  mindeste  zu  thun, 
sondern  ist  in  der  Nähe  von  Puskaläwatf,  dem  alten  Mittelpunkte 
von  Gandhära  zu  suchen.  Die  Bestimmung  des  Hekataios  ist  also 
richtig,  sofern  unter  den  Skythen  die  Sa  ha ,  d.  i.  die  Salcah 
Haumawargäh,  zu  verstehen  sind,  die  auch  in  den  Länderver- 
zeichnissen des  Dareios6)  mit  Gandära  zusammengestellt  werden 
und  zwischen  Gandhära  und  Baktrien  gewohnt  haben  müssen  (oben 
S.  140.  142).  Sie  sind  aber  schon  von  Herodot  mit  den  nördlich  von 
Sogdiana  hausenden  spitzmtitzigen  Saken  zusammengeworfen  worden, 
ein  Irrtum,  der  dann  auch  die  geographische  Wissenschaft  der 
späteren  Zeit  beherrscht  hat,  so  dass  noch  Eratosthenes  und  selbst 
Marinos  die  Saken  und  Sogdianer  der  ganzen  Länge  nach  Indien 
gegenüber  liegen  Hessen 6).  Der  Ausdruck  Scxrrj,  welchen  Hekataios 
von  Kaspapyros  gebrauchte,  hängt  wohl  damit  zusammen,  dass 
hier  die  Schiffahrt  auf  dem  Indus  begann  und  jene  Stadt  ein 
wichtiger  Stapelplatz  für  den  Handel  zwischen  Indien  und  den 
Ländern  im  Norden  und  Osten  des  Hindukus"  und  Pämir  war, 
welchen  die  Saken  wie  später  die  Aorsen  vermittelten7).  Die 
seltsame  Vorstellung  des  Hekataios,  welche  sich  das  Land  der 
Saken  als  Hinterland  einer  bei  Kaspapyros  beginnenden  Küste 
denkt,  erklärt  sich  daraus,  dass  er  dem  Indus  einen  östlichen 
Lauf  gab8). 

*)  Hekat.  fr.  179  bei  C.  Müller.  FHG.  I  12:  KaonditvQog,  *6Xig 
raväaQixji  £xv&mv  axxtf.   'Exaxatog  Aola. 

So  Kiepert,  Monatsber.  der  Akad.  der  Wies,  zu  Berlin  1856 


637^ 


»)  Lassen,  Ind.  Alt.  I»  58  A.  5.  H  635. 

*)  BSrünT,  India  Ifl,  8  =  I  298. 

«)  Beh.  I  16/17.  Persep.  I  18.  NR.  a,  24. 

e)  Strab.  tu  8,  8  p.  513 :  xal  £dxag  akv  xal  ZoySucvovg  xotg  oXoig 
iddyeaiv  avxixslG&at  x%  'Ivdixy.  Ptol.  I  16  p.  54  ,  20 — 22:  xal  xovg 
plv  iitaoyeiovg  Zoy&iavobg  xal  xohg  Zdxag  yHXvid^Hv  iatb  (learnißQiag 
xfj  'Ivdixfj. 

•)  Vgl.  Lassen,  Ind.  Altertumsk.  II*  570.  624. 

*)  Her.  4,  44:  ot  dh  (die  Expedition  des  Skylax  von  Karyanda) 
ö(>u  rföivxeg  ix  KaGnaxvQOV  xs  it&Xtog  xal  Ti)g  JJaxxv'Cx^g  y«j  faXsov 
xarä  noxapbv  itQÖg  i\ä>  xs  xal  4\XLov  avaxoXccg  ig  d-dXaooav.  Es  ist  hier 
gleichgiltig,  ob  dieser  Fehler  dem  Skylax  selbst  zur  Last  fällt  oder 
erst  durch  falsche  Deutung  seines  Berichts  seitens  des  Hekataios  ent- 
standen ist.  Ebenso  wenig  thut  hier  zur  Sache,  ob  Herodot  den  Bericht 
des  Skylax  selbst  vor  Augen  hatte  oder  ihn  nur  aus  Hekataios  kannte. 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


243 


Nördlich  von  Gandhära  im  fruchtbaren  Thale  des  Swät  glaubten 
die  Hellenen  das  weinreiche  Nysa,  die  Gründung  des  Dionysos, 
gefunden  zu  haben1),  und  in  jener  Gegend  hat  man  sich  der 
hellenischen  Überlieferung  zufolge  auch  den  indischen  Götterberg 
Meru  zu  denken2).  Die  Begleiter  Alexanders  nannten  den  mit 
dem  Swät  vereinigten  Pangkora,  der  im  Paropanisos  entsprang 


Dass  dieser  auf  seiner  Weltkarte  den  Indus  mit  östlichem  Laufe  ein- 
getragen hatte,  steht  durch  das  Zeugnis  des  Hipparchos  bei  Strab. 
p  1,  84  p.  87  völlig  fest:  Tavcy  9*  elvai  na^dür^ov  xbv  'Ivdbv  noxafUv, 
coe«  xal  tofhov  intb  x&v  6q&v  ofat  iitl  iuai]^ßQiav  fetv,  &g  <pnatv 
'Equto*&£vtiq,  &XXa  u#ca%b  %avtr\g  xal  tf)g  UsruuQivf)g  &vaxoXfigf  xa^ansg 
iv  xotg  aqx<xioL£  iclvcc^i  xaxayiyqanxai.  Es  wäre  aber  höchst  seltsam, 
wenn  Skylax  wirklich  berichtet  hätte,  er  sei  auf  dem  Indus  gen  Osten 
gefahren  und  dort  ins  Meer  eingelaufen.  Dieser  Irrtum  würde  kaum 
begreiflicher,  wenn  sich  Skylax  auf  dem  Kabulfluss  einschiffte  und 
daher  der  erste  Teil  der  Fahrt  bis  zur  Vereinigung  desselben  mit  dem 
Indus  in  der  That  eine  östliche  Richtung  hatte,  da  die  Stadt  Kaspa- 
pyros  bezw.  Kaspatyros,  wo  die  Einschiffung  erfolgte ,  nur  am  Unter- 
laufe des  Flusses  nicht  allzu  weit  von  seiner  Einmündung  in  den  Indus 
bei  Attoek  oder  am  Indus  selbst  gelegen  haben,  also  jene  westöstliche 
Fahrtstrecke  nur  sehr  kurz  gewesen  sein  kann.  Vgl.  M.  A.  Stein, 
Ancient  Geography  of  Kasmir  p.  12  n.  2 :  .Proper  navigation  begins 
now  at  JahängTra,  a  place  situated  on  the  lert  bank  of  the  Kabul 
River,  some  siz  miles  [von  mir  gesperrt]  above  the  confluence  of  the 
latter  with  the  Indus  at  Attock.  The  lower  part  of  the  Kabul  River's 
course  lies  in  a  well-defined  Single  bed  which,  in  view  of  the  natural 
configuration  of  the  banks,  cannot  have  changed  materially  in  historical 
times.  Above  JahängTra  the  current  becomes  too  strong  for  safe 
navigation. 

I  doubt  very  much  whether  the  Indus  immediately  above  Attock 

can  ever  have  been  suitable  for  proper  navigation  Taking  into 

account  these  circumstances  I  should  not  be  surprised  if  Scylax's  expe- 
dition  had  chosen  some  place  near  JahängTra  for  the  start  on  their 
voyage.  There  are  many  ruined  sites  near  the  latter  place,  and  near 
Alladher,  closely  on  the  Indus.11 

Ich  neige  daher  zu  der  Ansicht ,  dass  die  Vorstellung  des  Heka- 
taios  und  Herodot  vom  Laufe  des  Indus  durch  allzustarke  Verkürzung 
des  Itinerars  des  Skylax  zu  Stande  gekommen  ist  —  man  müsste  denn 
annehmen,  letzterer  habe  vom  Hörensagen  eine  dunkle  Kunde  von  der 
heiligen  Gangä  erhalten  und  nun  die  Laufrichtung  dieses  Stromes  auf 
den  Indus  tibertragen,  also  absichtlich  geschwindelt.  Vgl.  übrigens 
auch  Niebuhr,  Uber  die  Geographie  Herodots.  Kl.  Sehr.  I  144.  153. 
Lassen*  I  514  A.  3.  II  121. 

*)  Nach  Arriau  5,  1,  1  hat  man  sich  Nysa  in  dem  von  Alexander 
durchzogenen  Gebiete  zwischen  Kophen  und  Indus  zu  denken.  Ver- 
schiedene Umstände  deuten  aber  darauf  hin,  dass  wir  es  in  Kufiristän 
zu  suchen  haben.  Vgl.  L.  v.  Schröder,  WZ  KM.  XIII  398  ff.  Gerade 
das  Swät-Thal  war  aber  in  alter  Zeit  ein  hochkultiviertes  Gebiet,  das 
lange  Zeit  einen  Hauptsitz  des  Buddhismus  bildete.  —  Andere  wollen 
Nysa  der  Stadt  Nagara  oder  Dionysopolis  bei  Ptolemaios  gleichsetzen, 

die  man  mit  Nagarahära,  4 — 5  miles  w.  von  öaläläbäd  identifiziert 
hat.   VgL  M'Crindle  11.  p.  338— 840. 

*)  Arrian  5, 1,  6.  2,  5.  Megasthenes  bei  Arrian  Ind.  5 ,  9.  Diod. 
III  38,  4.   Plin.  h.  n.  6,  79. 

16* 


244 


J.  Marquart. 


und  in  Gandhära  in  den  Kophes  mündete,  Xodaittjg.  Nach  Curtius 
VIII  10,  21 — 22  liess  Alexander,  nachdem  er  seine  getrennte 
Streitmacht  (Arr.  4,  24,  9 — 25,  5)  wieder  vereinigt  hatte,  nach 
Überschreitung  des  Choaspes  (Choaspe  amne)  den  Koinos  zur  Be- 
lagerang der  reichen  Stadt  ßetra  zurück,  während  er  sich  selbst 
gegen  Mazaga,  die  Residenz  des  Assakaners  wandte.  Aus  Arrian 
ergibt  sich  jedoch,  dass  Alexander  den  Koinos  erst  nach  der  Er- 
stürmung von  Massaga  gegen  Bafto«  aussandte,  das  sich  aber  nicht, 
wie  er  gehofft  hatte,  freiwillig  ergab,  sondern  von  Koinos  ein- 
geschlossen werden  musste  und  erst  auf  die  Nachricht  von  der 
Einnahme  der  Festung  Ora  von  den  Einwohnern  verlassen  wurde, 
die  sich  auf  die  für  uneinnehmbar  gehaltene  Felsenveste  "Aoovog1) 
zurückzogen  (Arr.  4,  26 — 28,  1).  Curtius  lässt  also  die  Unter- 
nehmungen gegen  die  beiden  Städte  Bä^iqa  und  Mdaaaya  falsch- 
lich neben  statt  nach  einander  stattfinden.  Ehe  Alexander  nach 
Massaga  gelangte,  musste  er  den  tiefen  und  reissenden  Fluss 
rovQaiog  überschreiten  (An*.  4,  25,  6.  7).  Es  scheint  demnach, 
dass  mit  Curtius'  Choaspes  derselbe  Fluss  gemeint  ist,  welchen 
Arrian  Jbvpafos  nennt.  Letzterer  heisst  bei  Megasthenes  raoqolag 
(Arr.  Ind.  4,  11)  und  entspricht  nach  Kern  der  Guruhä  oder 
Garuhäy  welche  Warähamihira ,  Brhat-Samhitä  XIV  23  in  die 
nordwestliche  Abteilung  verlegt.  Derselbe  Fluss  ist  nach  Lassen 
(Ind.  Altertumskunde  II2  140  Anm.  6)  unter  der  Gauri  zu  ver- 
stehen, die  an  einer  Stelle  des  Mahäbhärata  neben  dem  Suwästu 
genannt  wird.  Es  ist  ohne  Zweifel  der  Pangkora,  der  durch  fünf 
Zuflüsse  gebildet  wird  und  in  seinem  Unterlaufe  von  Osten  den 
Swät  aufnimmt  Augenscheinlich  galt  aber  im  Altertum  letzterer 
als  der  Hauptarm,  welcher  dem  vereinigten  Strome  seinen  Namen 
gab.  Aus  Aristoteles  meteorol.  1,  13  ergibt  sich  ferner,  dass  den 
Begleitern  Alexanders  der  Choaspes  neben  dem  Indus  als  der  be- 
merkenswerteste vom  Paropanisos  nach  Süden  strömende  Fluss 
erschien:  iv  (ikv  ovv  xfj  'Atta  nXüoxoi  fjikv  ix  xoü  IJaQvaaov 
xaXovpivov  (palvovxai  §iovxsg  Soovg  xal  piyusxoi  itoxapol,  xoQxo 
<T  SfioXoyehat  itdvxaw  elvai  piyusxov  OQog  x&v  nobg  xv\v  fco  x$v 
%iifi£Qivrjv.  ...  ix  fiiv  ovv  xovxov  qiovQtv  aXXoi  xe  itoxctftol  xal 
6  Bdxxqog  xcci  6  Xodajtrjg  xal  6  L4oa§^£,  xovxov  d*  anoöyjfcxai 
pioog  &v  eig  xrjv  Mcci&xiv  Xlfivr)v.  (iu  61  xal  6  *Ivdbg  ££  ainoü. 
Diese  Stelle  setzt  voraus,  dass  man  den  vom  Westen  in  den  Indus 
mündenden  Strom  als  die  Fortsetzung  des  Xoda%r\g  d.  i.  des 
Pangkora- Swät  und  den  Kdnpr\g  d.  i.  den  Oberlauf  des  Kabul - 
flusses  als  dessen  Nebenfluss  aufiasste.  Später  erkannte  man  aber, 
dass  der  Choaspes  in  Wirklichkeit  ein  Nebenfluss  des  K6q>r\g  oder 
K<o<pqv  sei.    Aus  einer  Vermengung  dieser  beiden  Ansichten  er- 


»)  Nach  Abbott  der  Bere  Mahäban  am  Wostufer,  etwa  8  miles 
von  Embolima.  Vgl.  M'Crindle,  The  invasioa  of  India  by  Alexauder 
the  Great»  p.  835—388. 


Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  245 


klärt  sich  Strabons  Angabe  M  1,  26  p.  697,  wo  er  von  Alexanders 
Zuge  nach  Indien  spricht:  aviaxqe^e  ö1  ovv  (von  Baktrien  aus) 
vntQ&tlg  xcc  avxct  o^r\  yaci  aXXag  bdovg  iitnofMoxigag  iv  aqioxfqci 
t%(ov  xr\v  'Ivömrjv,  ttt  irtioxQttytv  ev&vg  hi  avx^v  xcd  xovg  ooovg 
xovg  iöiteqiovg  avxrtg  xai  xbv  K(a<pr\v  itoxapbv  xai  xbv  Xoaönriv, 
og  tlg  xbv  Kuxprjv  iftßdXXei  7toxa(ibv  [xai]  xaxä  nXyui  <uni  noXiv, 
§vdg  naga  rSIP  Tdl  aXXtjv  noXivy  xai  di£%iG)v  xrfv  xs  BavSoßrj- 
W}v*)  xai  xi}v  ravöaQixiv3).  Vgl.  Lassen,  Zur  Gesch.  der  Griech. 
und  Indoskyth.  Könige  S.  132.  Ind.  Altertumsk.  II*  137  A.  2. 

Der  Cboaspes  floss  also  an  einer  Stadt  r<oava  oder  rwovata 
vorbei,  die  wir  uns  wohl  am  Zusammenflusse  der  Guruhä  (Pangkora) 
und  des  Suwästu  zu  denken  haben.  Wenn  es  dagegen  heisst,  der 
Choaspes  habe  die  Landschaften  Bavöoßtiirf  und  ravöaqlxig  (Gan- 
dhära)  durchströmt,  so  ist  dabei  offenbar  der  Unterlauf  des  Käbul- 
flusses  als  Fortsetzung  des  Pangkora  -  Swät  betrachtet.  Strabon 
sagt  sodann  weiterhin  (§27  p.  698);  T/Ötj  6i  nqbg  xti>  'Ivdü  näkiv 
aXXi\  %6Xig  HtvxoXalxig ,  nqbg  fcvyfia  ysvtj&hv  insgaiaas  xbv 
GXQcexov,  verlegt  also  IltvxoXaixig  in  die  Nähe  der  Vereinigung 
des  Käbulflusses  mit  dem  Indus,  während  es  nach  Plin.  h.  n.  6,  62 
noch  60  m.  p.  vom  Indus  entfernt4)  war  und  am  wahrschein- 
lichsten mit  den  Ruinen  von  Öarsadda,  einer  der  Acht  Städte 
(Hastnagar),  unweit  der  Vereinigung  des  alten  Laufes  des  Käbul- 
flusses mit  dem  Swät  identifiziert  wird5).  Es  ist  daher  nicht 
schwer  zu  erkennen,  dass  bei  Strabon  TlXf^ivgiov  und  IlsvxoXatxig 
die  Plätze  getauscht  haben  und  ersteres  falschlich  an  den  Zu- 
sammenfluss  des  Choaspes  d.  i.  des  Pangkora- Swät  und  Kopbes 
verlegt  ist,  während  es  im  Sinne  der  Quelle,  welche  den  Choaspes 
Gandhära  durchströmen  liess,  in  die  Nähe  der  Mündung  des  Käbul- 
flusses in  den  Indus  zu  setzen  ist.  TIXriMvQiov  bezw.  IlXri Fvqiov  ü) 
ist  in  nXriTvqtov  zu  verbessern,  und  darin  sehe  ich  denselben  Ort, 

der  bei  Hüan-cuang  (Mem.  I  125.  Hoei-li  165)  P'an- 


»)  y&QvÖt  aXXfj  it6ln  x  ymgvdcc  &XXr\v  noXiv  i  Coray  yw^vdaiTjv 
it6Xiv  ald.,  lies  rmgvuv  oder  VoagvaLav. 

*)  ßaQdofii  ri  r  Dh  (utväoßrivi]v  F. 

*)  yaqSuQlxiv  F  yavdaqlxiv  h. 

4)  s.  M'  Cr  in  die,  The  Invasion  of  India  by  Alexander  the  Great 
p.  59  und  N.  8. 

6)  Vgl.  Court.  J.  A.S.B.  vol.  V,  1836,  p.  394.  479.  Vivien  de 
Saint-Martin,  Mem.  sur  la  ge'ogr.  grecque  et  latine  de  l'Inde  p.  36 ss. 
Me"m.  analytique  sur  la  carte  de  rAsie  centrale  et  de  l'Inde  bei 
Stan.  Julien,  Me*m.  de  Hiouen-thsang  III  308  und  N.  3.  A.  Foucjier, 
Notes  sur  la  ge'ographie  ancienne  du  Gandhära.  Bull.  d.  l'Ecole 
franeaise  d'Extreme-Orient  I  (1901),  334  ss. 

•J  Kramer  gibt  folgende  LAA:  TtXiyvQiov  s  (cod.  Paris.  1408): 
idem  legitur  in  roarg.  CF.  nXr\yriqiov  mon  (m  =  Venetus  Nr.  878, 
o  =  Paris.  1394,  x  =  Mediceus  plut  28  Nr.  19,  z  =  Mediceus 
plut.  28,  15). 


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246 


J.  Marquart, 


lo-tu-lo  genannt  und  als  Geburtsort  des  berühmten  indischen 
Grammatikers  Pänini  bezeichnet  wird.  Man  nimmt  allerdings  seit 
8 tan.  Julien  (Hiouen-thsang ,  Mem.  p.  125  n.  2)  an,  dass  das 

Zeichen       in  Fan-lo-tu-lo  ein  Schreibfehler  sei  für  §c  so,  weil 

der  Kommentar  zum  Ganaratnamahodadhi  angibt,  dass  mit  dem 
Ethnikon  SakUurifa  im  Sütra  Pän.  4,  3,  94  Pänini  selbst  gemeint 
sei  *)  und  man  darum  ^alätura  als  Namen  der  Geburtsstadt  Pänini's 
erschliesst.  Allein  für  die  Echtheit  des  anlautenden  p  tritt  eine 
dritte  unabhängige  Quelle  ein,  die  Weltkarte  des  Castorius.  Hier 
sehen  wir  über  Alexandria  Bucefalos,  in  der  Nähe  des  Indus- 
übergangs, die  Station  Spatura,  Gepgr.  Rav.  SIMTVRA,  worin 
Tomascheks  Scharfsinn«)  die  Stadt  Salätura  erkannt  hat.  Allein 
die  Schreibweise  der  Karte  setzt  zunächst  eine  Form  SPALATVRA 
=  skt  *Svalätura  voraus,  während  IRtjxvQtov  eine  ionisierende 
Form  (wie  ütvKolatug)  darstellt.  Die  Stätte  des  alten  Öalätura 
bezw.  Spalatura  sieht  Cunningham  in  dem  heutigen  Dorfe  Lähür 
unweit  Und  (Udabhän4&)  nw.  von  Attock,  wo  bis  vor  kurzem  die 
alte  Strasse  von  PuskaräwatI  nach  Tak^afiilä  den  Indus  erreichte. 
Ein  Schloss  kennt  Berüni,  India         nahe  der  Mündung 

des  Käbulflusses  in  den  Indus  unterhalb  Waihand  (Ünd)8). 


»)  Lassen,  a.  a.  O.  II8  474  A.  5. 

*)  Zur  histor.  Topographie  von  Persien  1  58  =  SBWA.  Bd.  102, 
1883,  S.  200. 

*)  Nach  diesen  Darlegungen  will  ich  den  Verdacht  nicht  länger 
zurückhalten,  dass  in  Herodots  Kaaitäxvqog  etwas  mehr  stecke  als  ein 
einfacher  Schreibfehler.  An  KcconcbtvQos,  der  von  Steph.  Byz.  bezeugten 
Form  des  Hekataios.  ist  natürlich  nicht  zu  rütteln.  Dagegen  würde 
man  der  Ehre  Herodots  bezw.  seiner  Gewährsmänner  schwerlich  durch 
die  Vermutung  zu  nahe  treten,  sie  möchten  die  Hauptstadt  von  Gan- 
dhära,  wo  die  Expedition  des  Skylax  ausgerüstet  wurde,  und  den  Ort, 
wo  dieselbe  sich  einschiffte,  zusammengeworfen  haben.  Es  ist  daher 
die  Frage,  ob  sich  für  den  von  Hekataios  Uberlieferten  Namen  Kaaitd- 
itvQog  eine  Erklärung  finden  lässt.  Ich  vermute,  dass  es  ein  anderer 
Name  für  PusJcaläwatl  „die  Stadt  des  blauen  Lotos'  war,  und  zwar 
möchte  ich  darin  die  griechische  Umbildung  eines  präkr.  *Ktis(u)wapura 
sehen,  in  altpersischer  Lautform  Ktupapura  =  skt.  Kutruj/iajrura  „die 
Blumenstadt " .  Wie  die  Hauptstadt  von  Magadha  neben  dem  eigent- 
lichen Namen  PätcUiputra  „der  Sohn  der  Trompetenblume'  auch  die 
Bezeichnungen  Pueäpura  oder  Kusumapura  „die  Blumenstadt"  führte*), 
konnte  wohl  auch  mit  Pufkaläwati  das  synonyme  Ktuwnapura  wechseln. 
Man  hätte  sich  dann  2m  denken,  dass  ersterer  Name  zu  Skylax1  Zeit 
vorzugsweise  von  der  Landschaft  gebraucht  wurde,  woraus  dann  Herodots 
Jlaxrvtxij  entstand.  Ausser  der  Hauptstadt  KAXTATTPOS  wird  Skylax 
auch  den  Ort  der  EinschiÜuug  erwähnt  haben,  der  dann  kein  anderer 
gewesen  sein  kann  als  ZPAAATTPOE  am  Indus.   Dass  diese  beiden 


a)  Kunwtwpura  die  Residenz  des  Samudragupta  nach  der  prasasti 
von  Allähfibäd  Z.  7;  s.  Bühler,  WZKM.  V  227.  Vgl.  auch  Lassen, 
Ind.  Alt.  I«  168  A. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran 


247 


>  Von  den  beiden  Landschaften,  welche  der  Choaspes  durch- 

messen soll,  bleibt  nach  dem  oben  Gesagten  für  den  wirklichen 
Choaspes  d.  L  den  Swät  nur  Bavdoßr^vrj  übrig,  ein  Name,  der 
bis  jetzt  noch  keine  Erklärung  gefunden  hat.  In  buddhistischer 
Zeit  heisst  die  vom  Swät  durchflossene  Landschaft  Udjäna  „der 
Garten',  präkr.  Uggäna,  in  älterer  Zeit  dagegen,  so  im  Mahä- 
bhärata  und  noch  bei  Asoka,  finden  wir  für  dieses  Gebirgsland 
nur  den  Namen  Kambö§a.  Man  würde  der  Textüberlieferung 
Strabons  keineswegs  Gewalt  anthun  mit  der  Vermutung,  dass 

BANAOBHNH    durch    Buchstabenvertauschung    zunächst  aus 

KANBOAHNH  und  dies  aus  KAMBOA  HNH  entstellt  sei;  d  =  § 

wie  in  AafiaanCa  =  Oämüapi  Etes.  Pers.  44.  Die  Kamböga 
werden  bei  Ptol.  6, 11  p.  420,  7  ed.  Wilberg  in  der  Form  Tdfißvlot 
(für  rdp.ßv£oi?) ,  in  der  Eosmographie  des  Julius  Honorius  c.  13 
(bei  Alex.  Biese,  Geogr.  lat.  min.  p.  32,  5)  als  Pambothi  (lies 
Cambothi)  und  in  Uamuoti  verdorben  beim  sog.  Aethicus  eb. 
p.  77,  40  erwähnt. 

Megasthenes  kennt  sowohl  den  Zoctorog  wie  den  raooofoc, 
bezeichnet  aber  beide  ungenau  als  Zuflüsse  des  Eophen,  weiss  also 
nicht,  dass  sie  sich  zuvor  vereinigen,  ehe  sie  in  den  Eophen  münden. 
Auf  diesen  Irrtum  geht  auch  die  Darstellung  des  Ptolemaios  zurück, 
der  ausser  dem  Suastos  noch  einen  namenlosen  Zufluss  des  Kwccg 
(präkr.  *Kutoä  =  wedisch  Kubhä;  s.  Sylvain  Levy,  L'itineraire 
d'Ou-k'ong  p.  36.    Extrait  du  Journ.  as.,  Sept.-Oct.  1895)  kennt, 


benachbarten  Orte,  deren  Namen  einander  graphisch  so  ähnlich  sehen, 
von  den  griechischen  Geographen  vermengt  wurden ,  kann  nach  dem 

5.  174  f.  Bemerkten  nicht  Wunder  nehmen. 

Was  die  Umschreibung  betrifft,  so  beobachten  wir  hier  wiederum 
dasselbe  Streben  nach  Vokaldissimilation  wie  S.  179.  Ausserdem  ver- 
dient hervorgehoben  zu  werden,  dass  die  Lautentwicklung  skt.  ämi 
präkr.  Ac,  dp  und  skt.  *m:  präkr.  nc,  ep  gerade  für  das  Präkrit  der 
nordwestlichen  Inschriften  charakteristisch  ist.  Vgl.  auch  den  Volks- 
namen Aämaka,  welchen  Waraham i h i ra,  Brhat-Samnitä  XIV  22  in  der 
nordwestlichen  Abteüung  aufzählt  (vgl.  noch  V  39.  73.  74.  IX  18.  27. 
XVI  11.  XXXI I  15)  und  der  bei  den  Begleitern  Alexanders  unter  den 
verschiedenen  Formen  'Atxaoioi  (An*.  4,  23,  1.  24,  1;  bei  Strab.  p.  691 
und  698  wird  Tndatoi  oder  'l-nndotoi  gelesen),  Aspagani  (Plin.  h.  n. 

6,  79)  und  'Aoomtrivoi  (Arr.  anab.  4,  23,  1;  25,  5.  6;  30,  5  etc.  Ind. 
1,  1.  8.  Curt.  8t  10,  22.  Strab.  «  1,  17  p.  691.  27  p.  698)  überliefert  ist, 
welche  auf  zwei  Präkritformen  *A4waka  =  ap.  *Aepaka  und  *As$aka 
zurückgehen.  Die  Form  AJwaka  findet  sich  selbst  in  gutem  Sanskrit 
als  Variante  von  Ahnaka. 

Allerdings  äussert  Prof.  Kern  gegen  obige  Erklärung  von  Katfitu- 
rtvQog  Bedenken,  da  husüma  Paroxytonon  ist  und  daher  wohl  zu 
*kinttunar  *kaswna,  nicht  aber  zu  *kusmat  *hu8ica  werden  konnte.  Doch 
dürfte  dieser  Einwand  kaum  das  Kompositum  Ktuumapura  treffen,  das 
wohl  als  Proparoxytonon  betont  wurde  (vgl.  Punuapura,  arab.-pers. 

^Lä^  Puruiäwar,  j.  Pefäicar),  wodurch  das  mittlere  u  seinen  Ton 

verlor. 


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248 


J.  Marquart, 


welcher  ans  dem  Lande  der  Paropanisaden  komme  und  sich  bei  der 
Landschaft  rwQvaCa  mit  dem  Koas  vereinige  (VI  18,  2  p.  435,  3 — 5 
ed.  Wilberg).    Damit  ist  deutlich  die  Guruhä  gemeint. 

Xoaö7cr}g  =  ap.  huwaspa  „treffliches  Wasser  besitzend*  ist 
eine  Iranisierung  des  Sanskritnamens^  welcher  erst  dem  Megasthenes 
und  Ptolemaios  bekannt  wurde,  wie  TSdcitrig  =  ap.  ^wida^-asjxi, 
aw.  *uridat-aspa  „Bosse  erlangend"  für  skt.  Witastä.  Nach 

Fah-hian  lag  das  Königreich  la  ffi?  %  Suk(siu)-ha  ^-to  d.  i.  päli 
SuwatÜm  südlich  von  U-cang  (Udjäna)2).  Hüan-£uang  schreibt  den 

Namen  des  Flusses  SS§f£#$Pfif  Su-p'an  fat-sue-tu3),  worin 
nichts  als  eine  Kombination  von  vulgärer  und  gelehrter  Trans- 
skription zu  erkennen  ist,  nämlich  Su-p'an  =  *Sawat,  präkr. 
Suwatthu  mit  phonetischem  Komplement  fat-sut-tu  =  skt.  vastu; 
keinesfalls  darf  daraus  aber  mit  Lassen,  Zur  Gesch.  der  G riech, 
und  Indoskythjschen  Könige  S.  144,  Ind.  Altertumsk.  II*  140 
A.  6  ein  skt.  Subhauxutu  erschlossen  werden ;  denn  in  der  Lebens- 
beschreibung findet  sich  dafür,  wie  es  scheint,  die  Schreibung 

jfeäfiäiiB  Su-p'0'8at-tu  d.i.  Suwästu*). 

Es  ist  nun  sehr  wohl  möglich,  dass  der  Mythograph  Heka- 
taios  diesen  Fluss  nach  dem  Gebirge,  aus  welchem  er  kam,  einfach 
Parapanisos  nannte  und  das  an  ihm  wohnende  Schlaraffenvölkchen 
der  Nysaier  mit  den  seligen  Hyperboreern  der  hellenischen  Sage  kom- 
binierte. Vielleicht  kannte  er  auch  bereits  die  indische  Sage  von 
den  Uttara  kurawas  6),  die  man  sich  ebenso  wie  die  Hyperboreer 
im  hohen  Norden  dachte  und  im  Himalaja  lokalisierte.  Eine  Spur 
davon,  dass  man  die  Paropanisaden  mit  den  Uttara  Kurawas  zu- 
sammenbrachte, bewahrte  noch  die  Karte  des  Orosius,  welche  im 
Taurus  mons  östlich  von  der  Quelle  eines  Flusses  Ottorogorras 
die  montani  Paropanisadae  verzeichnete,  wofern  diese  Darstellung 
nicht  lediglich  auf  einer  Vermengung  von  Gandhora  mit  den 
ravöaqldat  beruht.  Weiter  gegen  Osten  war  die  civitas  Ottorogorra 
eingetragen  6). 


1)  Schallnachahmender  Ausdruck  für  lachen. 
*)  Beal,  Travels  of  Fah-hian  and  Sung-yun  p.  28.   Fä-hien,  A 
record  of  Buddhist  kingdoms  transl.  by  James  Legge  p.  29. 
*)  Hiouen-thsang,  Mem.  I  132  s. 

*)  Vgl.  Julien,  Liste  des  mots  abreges  (Mein.  II  563;  in  der  Über- 
setzung Hoei-li's,  Vie  et  voyages  de  H.  ths.  p.  86  steht  Sou-p'o). 

5)  Vgl.  Megasthenes  bei  Strab.  15,  1,  57  p.  711:  mgl  dh  x&v  %i- 
Iibt&v  'Titeeßofftcov  (Mtyuafr4v7}v)  ra  ainic  liyuv  Jk\ux>vidy  xccl  üivSäpa 
xui  &XXoie  pvftoX6yois  und  dazu  Schwanbeck,  Megasthenis  Indien 
p.  65 ff.  nach  Lassen,  Zschr.  f.  d.  Kunde  des  Morgenlandes  II  67. 
Ind.  Altertumskunde9  I  511.  2,  653.  693  ff. 

<*)  Oroa.  I  17:  a  fönte  fluminis  Gangis  usque  ad  fontes  fiumiuis 
Ottorogorrae,  qui  sunt  a  septentrione,  ubi  sunt  montani  Paropanisadae, 
mons  Taurus  (dicitur  Caucasus);  a  fontibus  Ottorogorrae  usque  ad  ci- 
ritatem  Ottorogorram  inter  Phunos  Scythas  et  Gandaridas  mons  Caucasus. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran.  249 


*  Nach  Aristeas  von  Prokonnesos  waren  die  Hyperboreer  das 
äusserste  Glied  einer  Völkerreihe,  die  von  seinen  Berichterstattern 
eigentlich  von  Ost  nach  West  verlaufend  gedacht  war ,  von  ihm 
und  seinen  Nachfolgern  aber  irrig  als  eine  nordsüdliche  aufge- 
fasst  wurde.  Nach  Aristeas  waren  über  den  einäugigen  Arim- 
aspen  die  goldhütenden  Greife  und  die  ripäischen  Gebirge,  von 
welchen  der  Boreas  wehe  und  auf  denen  der  Schnee  niemals  aus- 
gehe, über  den  Greifen  und  den  Ripaen  aber  wohnten  die  Hyper- 
boreer, die  bis  ans  Meer  reichten1).  Da  nun  die  Sage  von  den 
goldhütenden  Greifen  unzweifelhaft  auf  die  Sandwüsten  von  Hoch- 

*  Tübät  und  die  von  ewigem  Schnee  bedeckten  Ripaen  auf  die 
eisigen,  von  Sven  Hedin  bezwungenen  Hochgebirge  von  Tübät 
weisen,  so  muss  das  Volk,  welches  dem  Aristeas  Anlass  zu 
seinen  phantastischen  Schilderungen  der  Hyperboreer  gegeben  hat, 
östlich  von  Tübät,  also  in  China  gesucht  werden.  Das  Meer,  bis 
zu  dem  sie  sich  erstreckten,  ist  demnach  eigentlich  der  östliche 
Ozean2.) 

Allein  da  sich  die  volkstümliche  Kosmologie  ein  von  ewigem 
Schnee  bedecktes  Gebirge  nur  im  Norden  denken  konnte,  so  ver- 
setzte man  die  Ripäen  und  mit  ihnen  die  Hyperboreer  in  den 
hohen  Norden  und  das  Meer,  an  welches  sie  reichten,  ward  folge- 
richtig zum  Nordmeer.  Während  aber  Aristeas  den  Pontos,  an 
»  welchem  die  Kimmerier  wohnten,  im  Gegensatz  zu  dem  anderen 

Meere,  an  welches  die  Hyperboreer  stiessen,  als  Südmeer  bezeich- 
nete8) und  noch  Hekataios  von  Milet  an  der  alten  Vorstellung 
von  dem  die  Erde  umfliessenden  Okeanos  festhielt 4),  erklärt  Herodot 
auf  Grund  seiner  bessern  Kunde  von  Osteuropa  und  Nordasien, 
man  wisse  nicht,  ob  dieser  Kontinent  im  Norden  von  einem 
Meere  umflossen  sei 6),  und  rechnet  den  Pontos  zur  ßo^rjlr}  &dXaa<Ja 6), 
wie  er  das  Mittelmeer  im  Gegensatz  zur  'Eovfty^  ftaXccoacc  als  der 
voxCrj  &&Xaoact  nennt. 

Im  Vergleich  hierzu  bezeichnen  die  von  den  Begleitern  Ale- 


')  Herod.  4,  13:  *lG6r\d6vaiv  dk  fattQOixteiv  'Aqi[lccoitovs  ävdQccg 
povvocp&aXuovg,  inchQ  dh  tovrav  zohg  xQveoyvXctxctg  y^rörcre,  xovtoav  dh 
rohg  TitfQpoQiovg  xar^xorrctg  iitl  frdXaaoav.  Damastes  von  Sigeion  bei 
Steph.  Byz.  s.  v.  'T«t QßÖQeioi  •  Jafidarrig  tf*  iv  t&  Trepl  i&v&v  (<p?)<jM 
&vm  £%v%&v  tlad'nS6vag  o/xffv,  rovxcav  6*  &vo>t4q(o  'A^nutanovs,  ccva  o 
aitöbv  rcc  fPur<aa  fyjj,  ik  &v  xbv  ßogiav  itvslv ,  %i6vu  dh  iirjitott 
ixleinnv,  Mq  dh  rä  ÜQr\  rafka  ^TnegßoQiovg  xa&rjxHV  Ug  ri]v 
ItIqccv  fraXcccoav. 

*)  Vgl.  To maschek,  Kritik  der  ältesten  Nachrichten  über  den 
skyth.  Norden  I  50  ff.  =  SBWA.  Bd.  116  Nr.  15,  1888. 

LHer.  4,  13:  Ktuptolovg  dh  olxlovxag  iitl  rfj  votlrj  d-cddaa-y  &itb 
v  Ttiefrutvovs  UXtiittiv  xi]v  x^Qnv  ^d  Stein  z.  St. 
*)  Schol.  Apollon.  Rbod.  IV  259.   Vgl.  Her.  4,  86. 
»)  Her.  4,  45.   Vgl.  8,  115. 
•)  Her.  1,  1.  4,  37. 


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250 


J.  M&rquart, 


xanders  aufgestellten  Hypothesen  über  die  Konfiguration  von  Ost- 
europa und  Mittelasien  einen  ganz  gewaltigen  Bückschritt.  Den 
Iaxartes  und  den  Aralsee,  den  die  Makedonen  nicht  selbst  erreicht 
hatten,  identifizierte  man  ohne  weiteres  mit  dem  Tanais1)  und 
der  Maiotis  und  die  über  jenen  Gewässern  hausenden  Daher 
brachte  man  mit  den  europäischen  Skythen  zusammen2).  Ebenso 
betrachtete  man  den  Hindukus  als  einen  Ast  des  Kaukasus  und 
liess  auf  ihm  den  Tanais  entspringen8).  Noch  viel  weiter  gieng 
indessen  der  Abderite.  Er  setzte  offenbar  die  Kipaien  dem  Kau- 
kasus gleich  und  betrachtete  die  Maiotis,  vielleicht  im  Anschluss 
an  Herodots  Sprachgebrauch,  als  einen  Teil  des  Nordmeers,  nahm 
also  eine  Verbindung  derselben  mit  dem  nördlichen  Ozean  an. 
So  wird  es  begreiflich,  dass  sich  des  alten  Hekataios  2*v&&v 
axxri  und  der  Fluss  Parapanisos  vom  Südabhang  des  indischen 
Kaukasos  an  die  Nordwestecke  des  eigentlichen  Kaukasus  und 
den  nördlichen  Ozean  versetzen  lassen  mussten.  Wahrschein- 
lich geht  auf  den  Mythographen  auch  die  Vorstellung  zurück, 
dass  sich  die  Maiotis  weit  nach  Norden  erstrecke,  der  wir 
später  bei  Artemidor  und  Ptolemaios  begegnen 4).  Jedenfalls 
liess  er  aber  die  Nordküste  von  Keltike  bis  nach  Skythien  und 
in  die  Nähe  der  Maiotis  reichen.  Bei  dieser  Voraussetzung  ver- 
stehen wir  die  Fragmente  Plin.  h.  n.  6,  34 :  ab  extremo  aquilone 
ad  initium  orientis  aestivi  Scythae  sunt,  extra  eos  ultraque  aqui- 
lonis  initia  Hyperboreos  aliqui  posuere,  pluribus  in  Europa  dictos. 
primum  inde  (seil,  ab  Europa)  noscitur  promonturium  Celticae 
Lytharmis,  fluvius  Carambucis 6),  ubi  lassata  cum  siderum  vi  Ri 
paeorum  montium  deficiunt  iuga,  ibique  Arimphaeos  quosdam 
aeeepimus.  Diodor.  2,  47,  1 :  x&v  yccQ  tag  ncdaiag  fiv&okoylceg 
&vccyeyQaq)6x<ov  Exceraibg  %al  xivtg  HxbqoI  qxtGiv  iv  xolg  ScvxmiQag 
xf^g  Kelxixrig  xonoig  xaxa  xbv  caxeavov  tlvai  vfjöov  ovx  ikaxxm  xrjg 
Umsktag.  xavx<nv  vndo^Biv  fuv  xccxcc  xeeg  uoxxovg,  xccxoiiuiO&ai  öh 


l)  Aman  3,  30,  7.  Plut.  Alex.  44.  45.  Strab.  i«  7,  4  p.  509/10. 
6,  49.   Vgl.  schon  Aristot.  meteorol.  1,  18  (oben  S.  244). 

")  Arrian  3,  28,  8:  xal  Jdag  xovg  inl  xdät  roß  Tavdidog  «oTccfioO 
btoixoüvTccg.  Strab.  w  9,  3  p.  516:  $ccol  d£  xohg  ÜOQvovg  dang  \Lexa- 
vÜGtag  slvcct  ix  x&v  vit\q  xi\g  Mauhridog  Aa&v,  ovg  Savdlovg  tj  Jla- 
(flovg  xcclovöiv  oi)  neevv  ,d*  oofwldyritai  Jdag  tlval  xwctg  rätv  vnko 
rt)s  Mca&tidog  2xv&wv.  Überarbeitet  ist  letztere  Ansicht  bei  Curt. 
VI  2,  13—14.   Vgl.  Gutschmid,  Gesch.  Irans  31  A.  3. 

8)  Arrian.  3,  30,  7,  Strab.  ta  1,  4  p.  510;  auf  den  europäischen 
Tanais  Ubertragen  bei  Theophanes  von  Mitylene  (Strab.  ia  2,  2  p.  493) 
und  Theophanes  Chrono«",  p.  356,  24—25  ed.  de  Boor.  Vgl.  Ost- 
europäische Streifzüge  S.  158  A.  3. 

*)  Vgl.  Müllenhof f,  D.  A.  I  355 ff.,  II  170. 

ß)  Der  Name  Carambucis,  KccQctfLßvxag  lässt  sich  aus  dem  Ossetischen 
ableiten;  vgl.  Jcälin,  -un  „sich  ergiessen*,  Causat.  kaiin,  -tm  .ausschütten, 
ausgießen«.  Ws.  Miller,  Die  Sprache  der  Osseten  S.  57.  58  im  An- 
hang zum  Grdr.  für  Iran.  Phil.  Bd.  I. 


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Untersuchungen  zur  Geschichte  von  Eran. 


251 


üxb  x&v  6vo(xaZofdva>v  tTjttqßo(fiwv  oatb  xoü  noQQanipo  xela&ca 
xrjg  ßoQtlov  nvoijg'  ovtiav  o  atfr^v  &yti6v  xs  xal  ndfupoQOv  xxX. 
Steph.  Byz.  p.  267,  12:  'E\t£oux,  vrjaog  'TjtiQßootaiv,  otix  iXdaacw 
ZixeXtag,  (ntiQ  7toxa(i&$  KaQiipßvYxf  ot  vi\<Subxai  KaQafißvxai  iatb 
tot)  noxaftoi},  6>g  Enaxuiog  6  \4ßöi]olxi\g. 

Die  oben  postulierte  geographische  Vorstellung  wird  uns  nun 
in  der  That  von  Plutarch  ausdrücklich  bezeugt,  der  darin,  wie 
Müllenhoff  gezeigt  hat,  keinem  Geringeren  als  Poseidonios  ge- 
folgt ist.  Der  berühmte  Stoiker,  der  bei  seinen  ethnologischen 
Kombinationen  aus  Namensanklängen  ebenso  weitgehende  Folge- 
rungen zu  ziehen  wusste  als  unsere  Assyriologen,  leitete  die  Kim- 
bern von  den  alten  Kimmeriern  ab,  und  beginnt  die  Begründung 
dieser  Hypothese  mit  folgenden  Worten :  efol  <T  o?  xal  xx)v  KtXxt- 
x^v  dut  ßd&og  %toqag  xal  piye&og  dnb  xrjg  i%a>&tv  &aXd(J6r}g  xal 
xäbv  ina^nxlmv  xXiftdxcDv  nqbg  qXtov  dvla%ovxa  xal  xf)v  Mai&rtiv 
iitiGTQtyovGav  aicxetäui  xijg  Ilovxixijg  Exvftlag  XiyovCi  xaxEi&ev 
xa  ykvr\  p£plg#a».  Tovxovg  i^avaaxävxag  ofa  ix  fxucg  bQfiijg  ovde 
Owsx&g  aXX1  hovg  &q<x  xatf  txaaxov  ivtavxbv  Big  xovpTtqoo&ev 
all  xmQO'Ovxag  noXifitp  jßovoig  noXXoig  btiXfciv  xi\v  fytttqov  Si 
o  xal  noXXag  xaxä  fiiqog  iniMlr^Gug  i%6vxmv  xoivy  KtXxoaxvdag 
xbv  oxQoxbv  &v6na£ov a).  Jene  ethnologisch-geographische  Theorie 
scheint  sogar  noch  in  der  fränkischen  Trojasage  nachzuwirken, 
deren  Trümmer  uns  beim  sog.  Fredegar,  im  Liber  historiae  Francorum 
und  bei  Aethicus  erhalten  sind.  Denn  wenn  die  Stammväter  der 
Franken  von  Troja  aus  zunächst  zu  den  Ufern  des  Tanais  und 
den  maeotischen  Sümpfen  gelangen  und  in  der  Nähe  der- 
selben eine  Stadt  Sicambria  bauen  und  weiterhin  bei  den  maeo- 
tischen Sümpfen  mit  den  Alanen  kämpfen2),  so  kann  dies  nur 
auf  einer  älteren  Form  der  Fabel  beruhen8),  in  welcher  die 
Sugambern  als  Stammväter  der  Franken  mit  den  Kimbern  und 
Kimmeriern  zusammengebracht  waren,  sei  es,  dass  man  sie  mit 
den  Kimbern  zusammen  aus  dem  Lande  der  Kimmerier  an  der 
Maiotis,  das  später  die  Alanen  inne  hatten,  auswandern  Hess,  sei 


J)  Plut  Mar.  11.   Vgl.  Müllenhoff,  DA  II  169 ff. 

*)  Liber  hist.  Francorum  c.  2  ed  Krusch,  M.  G.  SS.  rer.  Meroving. 
t.  II  241,  20  ff.  Aethicus  c.  103  p.  77,  26  ff.  ed.  Wuttke.  Pannonien 
als  Heimat  der  Franken  ist  aus  Greg.  Tur.  II  9  höchst  ungeschickt 
eingebthoben.  Die  Fabel ,  auf  welche  hier  angespielt  wird ,  ist  nach 
B  i  r  t ,  Rh.  Mus.  N.  F.  51 , 1896  S.  524  £.  vermutlich  von  den  Galliern  auf  die 
Franken  übertragen;  vgl.  lustin.  24, 4.  Aethicus  lässtden  Francas  und  Vassus 
von  Alba  Longa  über  Raetien  nach  den  Einöden  Germaniens  gelangen 
(vgl.  Tac.  Germ.  8),  dann  heisst  es:  laevaque  Maeotidas  paludes  de- 
mittentes  more  praedonum  pyrTrlaticum  et  fero  fisorum  atque  latronum 
degentes  urbem  construunt;  Sichambriam  barbarica  sua  lingua  nun- 
cupant  idem  gladium  et  arcum,  more  praedonum  externorumque  positam. 

*)  Dass  die  fränkische  und  gallische  Trojasage  eine  noch  Uber  die 
Gründung  der  colonia  Ulpia  Trajana  (Xanten)  hinaufreichende  Vorge- 
schichte hat,  hat  Th.  Birt  erwiesen:  Rh.  Mus.  N.  F,  51,  1896,  506-520. 


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252  «J.  Marquart, 


es,  dass  man  sie  direkt  von  den  Kimbern  ableitete l).  Diese  Fabel 
ist  dann  mit  der  trojanischen  in  höchst  roher  Weise  verquickt 
worden Bei  Fredegar  sind  an  die  Stelle  der  Alanen  die  Türken 
getreten,  die  im  Jahre  576  bis  znm  kimmerischen  Bosporos 
herrschten,  nachdem  sie  die  Alanen  unterworfen  hatten;  als  eine 
Abzweigung  von  ihnen  gelten  die  A waren  an  der  Donau8). 

Zu  S.  103:  Der  Passus  „Vielleicht  hangt"  Z.  29  bis  .eine 
zufällige  sein"  S.  104  Z.  14  ist  zu  streichen. 


J)  Vgl.  die  Etymologie  bei  Aethicus  1.  L:  Sichambriam  barbarica 
»oa  lingua  nuncupant  id  est  gladium  et  arcum,  welche  den  Namen  in 
sica  , Sichelschwert"  und  cambrta  zerlegt.   Vgl.  Birt  a.  a.  0.  S.  514  f. 

*)  Die  Albani  bei  Aethicus  gehören  von  Anfang  an  in  die  troja- 
nisch-römische, die  Alant  des  Liber  hist  Francorum  in  die  maeotische 
Fabel.  Auch  die  sog.  fränkische  Völkertafel  (s.  Müllenhoff,  DA. 
III  325  ff.)  knüpft,  wenn  auch  in  äusserst  abgerissener  Weise,  an  Alba 
Longa  an.  Denn  Alaneus,  der  erste  König  der  Römer,  der  in  E  Muljus, 
in  A  Analeus  hebst,  ist  niemand  anders  als  Amulius,  der  letzte  König 
von  Alba  Longa,  und  sein  Sohn  Papulus  ist  Numa  Pompilius.  In 
E,  F  und  bei  Nennius  werden  von  jenem  auch  die  drei  Brüder  Ermi- 
nus,  Inguo  und  Istio  abgeleitet,  was  auf  eine  Benutzung  von  Tac. 
Genn.  2  weist ,  wie  die  Einwanderung  der  Troer  über  Raetien  nach 
Germanien  bei  Aethicus  p.  77,  25  auf  Tac.  Germ.  8.  Eine  Genealogie 
bei  Nennius  macht  den  Alaneus  zum  Urenkel  des  Numa  Pompilius. 
Beim  Barbaras  Scaligeri  (Eusebii  Chron.  I  app.  VI  p.  199.  218  cd. 
Schöne)  ist  Francus  Süvius  der  fünfte  König  von  Alba.  Es  ist  freilich 
ein  gewaltiger  Sprung,  wenn  auf  Papulus  unmittelbar  Egetius,  Egegius 
und  Siagrius,  d.  i.  die  drei  letzten  Vertreter  der  Römerherrschaft  in 
Gallien  Aetius,  Aegidius  und  Syagrius  folgen,  aber  doch  noch  lange 
nicht  so  schlimm,  als  wenn  der  Verfasser  des  Liber  historiae  Franco- 
rum die  Franken  Marchomiris  und  Sunno  (Gregor,  hist.  Fr.  II  9)  zu 
Söhnen  des  Priamos  und  Antenor  macht  (1.  c.  p.  244). 

*)  Chronicarum  quae  dicuntur  Fredegarii  II  4 — 6  M.  G.  SS.  rer. 
Meroving.  t.  Up.  45,  18—46,  27.  III  2  p.  92,  1—12.  Der  Name  des 
Eponymus  der  Türken  Torquoth  oder  Torquotu*  erinnert  an  die  chine- 
sische Form  des  Türkennamens :  Tut-kut,  d.  i.  Turkut. 


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Verzeichnis  der  behandelten  Namen  und  Glossen. 


Abdagases  80  A.  3. 

Abdus  81.  • 

Acbatana  152. 

Adukantf  182. 

Amalcbius  84. 

An-ta'ai  88—85.  240  f. 

Anzan  155  A. 

Aniean-ior  188  A.  1. 

Arabion,  caatellum  AxabionU  233. 

Arasmi  241. 

Arevbanos  288. 

aric  104  A.  8.  132  A.  2. 

Äriobareanes  34.  67.  72. 

ArkadriS  154. 

Arsi  85.  241. 

Arzoae  85. 

Asagarta  174.  176  A.  5. 
Asguzüia  112. 
Asmaka  247  A. 
Äfrrina  162  A.  2. 
Azdgar  217. 


bagajäda  132.  185. 
Bagajariö  182. 
Bardija  136  A.  5. 
Birastäs  217. 
Bohtan  173. 
Buebar  217. 


Cambades  165  A.  4. 
Cambalidus  165  A.  3. 
C  am  i  »gares  106  A.  4. 
Chaltojaric  104  A.  3.  182  A.  2. 
chän,  chrtna  180. 
Charrae  34.  67. 
Croucasis  81. 

ten-bakur  6. 


Drn  215  A  7. 
Dretamat  237  A.  4. 

Ebimaris  217. 
Enzi,  Enxite  138  A. 

farnah-  184  A. 
Frasargida  155  A. 
fräta  121.  198  A.  1. 

Gamir  112  A.  1. 
Ganduma  wa  180. 
Garmapada  129. 
gaS  80. 

Gaugamela  25  A. 
Gögmal  25  A. 
Gometes  146. 
Guruhä  244. 
Gylace»  237  A.  4. 


Habirdip  137  A. 
Hajr  mardpet  236. 
Hal-Habirdipe  137  A. 
Hartukka  1Ö5  A. 
firotic*  199. 
Hutana  162  A.  1. 

IStunda  117. 

jaric"  *.  aric 

Jautijä  144.  169.  174.  176. 

Kauipanda  165. 
Kapwa  180. 
KäpinaküuiS  180. 
Kasak  27  A.  141  A.  5. 
Kasp  27.  141  A.  5. 
Kes  29. 


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254 


J.  Marquart, 


Krmäna  144.  176  A.  5. 
Kukajaric'  132  A.  2. 
Kurd  b.  Mard  187  A.  173. 

Löböbnä  81  A.  2. 

Lu*at«ari6  104  A.  3.  133  A.  3. 

MaSnacha  67. 

Maka,  Mäkara  174. 

Mard  *.  Kurd  b  Mard. 

Mareri  205. 

Margandak  72  A.  3. 

Margazaua  182. 

Maria  63. 

Mätfrawäka  17. 

Mcurk4  236. 

Mer  236. 

Memarmali  67. 

Mergia  137  A.  146. 

Mokk'  174. 

Moscheni  174  A.  4. 

Muzri  15  A.  4.  101.  104.  236. 

Mzur  15  A.  4.  287. 


Nagae  44  A.  2.  66. 
NUaja  158  ff. 

mm  160  a.  2. 

Nysa  243.  248. 


Orakan  236. 
Olotoedariza  183  A. 
Oropastes  146. 
Otene  174. 


Pahlaw  170  A.  1. 
P'anlo-tu-lo  246. 
Paradäta  76. 
Parapanisos  95.  248.  250. 
Pariani  144  A.  4. 
Partslqäje  216. 
Par-üparaesanua  78. 
Pa|tün  177. 
Patuä'arra  72. 
Peädäd  76. 
Phasiace  217. 
Plinos  78. 
P'ok-tat  175  f. 
P'o-lo-si-na  75. 
Pounita  73  f.  175. 
Psacae  88. 
Psaccani  88. 
pük,  puk  198. 
Pulumäji  232. 
Puskaläwatl  179. 


Qarnnaka  184  A. 
Que  101. 

Sakäh  Haumawargäh  86.  187  A. 

140.  142.  242. 
SanatrOk  18  A.  2.  218  ff. 
Sandara  105  A.  5. 
Sandaramet  105  A.  5. 
Sanot  18  A.  2. 
SantakSatru  88.  105. 
Sapln  216. 
Sauromaces  81. 
Scolopitus  78. 
SiHces  24  A. 
Sinnaces  81. 
Sitrae  24  A. 
späh  18  A.  2. 
Sppfitaza  105  A.  5. 
Stranga  233. 
Su-p'an-fat-BUt-tu  248. 

Sata-upairi-saena  73. 
Salätura  246. 

Tardama  106. 
TeuSpä  105  A.  5. 
TiraiiS  182  A.  2. 
Tuktamme  105. 
Tunäia  118. 

UStanni  115  A.  162  A.  1. 
Volagases  80. 

WachSuwarja  26  A.  2.  41  A. 
Wararäapat  226  A.  2. 
Wehkart  76. 
Windahfarräh  183  A.  4. 

Ziata  15  A.  5. 

Zit'-ari6  132  A. 
Zutarimaj  183  A. 


AlyXoL  171  A.  1. 
AivLa  174  A.  4. 
'AXoyovvr\  80. 

'A^tot  25  A.  29  A.  57.  187  A. 
Apparat,  s.  Aapßäyai. 
'AfifuvaTtrif  36. 
'AtUgwg  86.  137  A.  188. 
'AfivQyioi  86. 
'Anq>iaar,vri  138  A. 
"Aogvos  86. 
"Aogaoi  85.  240. 


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Verzeichnis  der  behandelten  Namen  und  Glossen. 


255 


175. 
Upfep  233. 

'AQuXa>x6s  176  A.  4.  179  A.  2. 
'Aoßavoitolig  282. 
Aoyi\Maaa  90. 

AoyiTCTTlClQl  90. 

'Aoipaonol  90. 

'AqiuvIcc  ij  ßoaxvxtoa  218  A.  2. 
'Aootvog  236. 
^(xtfTtp  241. 
Aqxallag  93. 
Upraqpp^yi]ff  161  A.  2. 
^«Hraiuoi  247  A. 
'Aaeaxr\vol  247  A. 
'Aoruonrie  161  A.  2. 
t40r?aft^vyog  211. 
^tfT^VTJS  $33. 
'ArucptQvrig  73  A.  1.  4. 
AirrocpQaddxTie  64  f.  86. 

Bavtfo07}f^  245.  247. 
lk;(j:<c<{ouuavris  185  A. 
Baq^aqiqdvrie  8.  BaQtacpQafidvrig. 
Bagxdvioi  143  A.  1.  144  A.  4.  170 
A.  2. 

BaayotSdgi^a  133  A. 
Bovfiadog  25  A. 
BcoUrut  8.  Kaßoltxai. 

rdßai  32. 
rafaxTjvtf  108. 
r«p{wmot  144.  176  A.  5. 
Toix6avgog  90. 
rovQcciog  245. 
ra>(wa  245. 

«4a<Mxat  28  A.  175. 

Aa&ovoa  212. 

Jdva  113. 

Augslxui  28  A. 

Aawiovrig  161. 

^txfs  139  A.  1.  170  A.  2. 

'Exßarava  152. 
'E<OQ€ltat  178. 

Bapavaloi  144.  176. 
©«(Mottos  106  A. 

7av<fv<roff  93. 

'Ifidv&vooog  93. 

7v*oi  ol  eidaiiwvfg  232. 

Kaßoltrai  178. 
Xapafi/Jvxas  96.  250  A.  5. 


Kaondnvoog  140.  178.  242.  246  A.  3. 
Kdamoi  27  A.  3.  140  ff. 
Kola|ats  79. 

Aaß9dvr\g  80  A.  3. 
Aaußciycct  178. 
viaffarfg  78. 

yl£VXÖ0Ve<H  108. 

vl/yves  109. 
Avy duftig  105. 

i;«*/off  oi'f«  132.  135. 
Maiavr\g  122. 
Mattfar^s  122. 
Mdoatpig  137  A. 
Mapdtg  137  A. 

Mdoioi  25  A.  40  A.  2.  57.  137  A. 

s.  auch  Afiagdoi. 
Maaaaykai  77  f.  136.  240. 
Maxiavj  100. 
MBQÖlag  137  A. 
M^qpt?  137  A. 
Mi&odxava  129. 
Mvxoi,  Mvxol  174. 

Nundxai  78. 
Nr\oala  66.  72  A.  1. 
Ni(pdx7\g  186  A. 

OAXbO  26  A.  2. 
Ottgitaxa  79. 
'Oftapyrjs  86.  137  A. 

'OfM£$T7]ff  241. 

'Ovaqp^vijs  80. 
'Oivdoxng  26  A.  2. 
'Oiv9dxi\g  26. 
'O£v(fpcca»>oi  27  A. 
'Oardvrig  162  A.  1. 
(Wirf«  174. 
Ovqßav6noXig  232  f. 
OiW  144.  174. 


Ttayair\  18  A.  2. 
natdxi\g  145  A.  4.  211. 
TLdxxvsg  175  ff. 
JlaxrvtxtJ  171—175.  178  f. 
ndXoi  78. 
navOtaXafoi  80. 
Jla^ottorjs  145. 
JTapatTaxrjvi}  33. 
JlagaXaxai  79.  81. 
J7apyvi)irca  178. 
naoniarjg  73. 
IlaQVuöOög  76. 


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256 


J.  Marquart, 


TlaQvr^dg  75. 
JlapovTjTai  74. 
nagovrai  74  A.  1.  175. 
JTaptft^Tat  177  f. 

IICCQTCCVTLXTIVT)  40  A.  2. 

IlaQvddQTig  72. 
naoccQyädo  i  154  A.  5. 
IIccoiQtee  216. 
ITaxifciftr\g  145. 
m^ptov  245  f. 
/IoAt»/uog  232. 

'Pevfrvcdot  79. 
'Ptogoiavoi  79. 

EayctQTioi  24  A. 
Äri'dfflxtjs  88.  105  A.  5. 
.Eapafuzvnj  68. 
2,appa  60. 

2exvvducv6g  72.  137  A. 
.Etyptav^,  SiyQucviKri  23  und  A.  4. 

Ziiixeg  24  A. 
Äiaxrjff  81. 
Zlqvyt  62. 

Xx<Jfoff  79  A.  4.  112  A.  2. 
Ä^oroi  78  f. 
Zxv&at  112  A.  2. 
.ZWpdts  145. 
2psQdopivr\S  186  A. 
EovdctQu  105  A.  5. 
-Eotxru*  65. 

tfTTOV  90  ff. 
Zv&qoi  178. 

2;qpfrda<y«Ttjs  108  A.  5.  136. 

TaßiTivrj  42  A.  3. 
Tayal  21.  54. 
Tcdaßgöxrj  63. 
Tfy/Jvfri  247. 

Ta«»2  21.  63. 

Tajrovpot  28  A.  33  A.  3.  40  A.  2. 

50.  57. 
TsQßiaooi  139  A.  1. 
TnXeß6ag  236 
Tovgiovag  81  A.  8. 

Titavig  94. 
Tffrarrjs  162  A.  1. 

(PpartjraTTjs  185  A. 
ätoxik  179  A.  2. 

Aoatfjrrjj  244  ff.  248. 
XoQoavi  40  A.  2.  71  A.  4. 


Xtoijauvcdot  148  A.  5. 
Xa>QOiu&Q7ivrj  24  A.  72. 

WevdccQTecxri  88. 


Ossetisch. 

äfsad  88. 
ary  86  A.  1. 
art<  88. 
fallag  95. 
fandag  93. 
fuss  90. 
iäfs  88 

kaiin,  kälin  250  A.  5. 


Armenisch. 
-Mtr*«ffA  82. 

*V«»-4-*fe.  82. 


Ch 


3jt  199. 

198  A.  2. 
jya^U^U  198  A.  2.  199. 
^ÜLj  198  A.  8. 

Sogdisch  und  Faryänisch. 
gJU!  198  A.  3. 

198  A.  4.  201. 

j^Ä^  198  A.  4.  201. 

c*~*5  200  A.  3. 


£  6  A.  2.  201. 
Jjuw  129.  198. 
jjud  6.  134. 


Vertdchnis  der  behandelten  Namen  und  Glossen. 


y  200  A.  1. 
£^L~o  198. 
^yU*  200  A.  a 

SagzT. 

i3  0uy  199. 
yL&i  199. 

t3  199  A.  1. 

Persisch -arabisch. 

JJT57. 

^Jujil  27.  29.  33. 

g6AJ. 
J^jUu  6  A.  2. 
«•  134. 

•^-^>!r^  7i  a.  i. 

Jy>71. 

sr*  ^  160. 

vJS^L»  62  A.  1. 
ijjL.  62. 
o3LrbLJl  228. 
.UäJLJt  103. 

Philologns  8applem<mtband  X, 


53. 


62. 

^bit  160. 

\J**+S°  56. 

I^aXL*  180. 

Ol  Jü>y  4  A.  3. 

0jAjjS  32. 

o^jJS  28  A. 

^La-I^U  24  A. 

Oj.Lo  214  A.  6. 

^Lpj^L.  56. 

'MtläJf  ^  159  f. 

jZjA  15  A.  4.  101.  103. 

0Ldy  174. 

'*JM  59. 

^Uy  180. 

o^l$>  214  A.  6. 

Aramäisch. 
~J500/  81  A.  2. 

>p-V,  ^J?  JjQ~3D  234. 
112. 

wO^ODOiO)  282. 

^nism  26  A.  2. 

XYllBm  86. 
11. 


♦DD  koj  (O'^D  240. 

17 


258    J-  Marquart,  Verzeichnis  der  behandelten  Namen  und  Globen. 


81. 

81  A.2. 
10. 

—  •    riKTC  121. 
17. 


vm.or>  10. 


81 


•|00  C}00  W)  115  A. 


11.  80  A.  8. 
0*2üt  81. 
JrO*>  80  A.  3. 
9«A^  11.  80  A.  3. 

217. 

«mm»  121. 

loOO*  176  A.  4. 

"Wnn  (wnr)  106. 
r>rin  114  A.  1. 


ja 

o 


G. 


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Soeben  erschien: 

pie  Geschichte  des  griechischen  SKeptizlsmns 

von  Dr.  Alb.  Goedeckemeyer, 

Priratdoxeoten  der  Philoaophie  in  Güttingen. 

IV.   332  S.  gr.  8°.   Geheftet  Mk.  10.—,  gebunden  Mk.  12.-. 

Inhalt : 

I.  Die  Yorlüufer  des  griechischen  Skeptizismus. 

1.  Xenophanes.  2.  Democrit.  3.  Die  Schule  Democrit*.  a)  Me- 
trodor.   b)  Anaxarch. 

II.  Der  griechische  Skeptizismiis. 

1.  Der  dogmatische-phaenomenalistische  Skeptizismus,  a)  Pyrrho. 
b>  T'mon. 

2.  Der  aheolute-eulogistische  Skeptizismus,  a)  Arcesilaus.  b)  La- 
eydes.   c)  Telecle«,  Euandrus  und  Hegesinus. 

3.  Der  absolute-probabilistifche  Skeptizismus,  a)  Carneades. 
b)  Carneades  Polem.  und  Crates.  c)  Clithomachus.  d)  Die 
Schule  des  Carneades  und  die  Neuerungen  des  Clithomach  is 
(Hagno,  Cbarmadas,  Metrodor,  Aescbines  u.  andere),  e)  Philo, 
f)  Cicero,  g)  Eudorus.  h)  Arius  Didymus.  i)  Didymus  Ateius 
und  Celsinus. 

4.  Der  absolute-majoriatische  Skeptizismus,  a)  Einleitung  (Ptole- 
maeus,  Sarpedon  und  Heraclides).  b)  Aenesidemus.  c)  Aene- 
sidems  nächste  Nachfolger :  Zeuxippus,  Zeuxis  und  Antiochus ; 
ferner  Apollonides,  Muuseas  und  Philomelus. 

5.  Der  doguiatische-positivistische  Skeptizismus,  a)  Einleitung: 
Agrippa.  b)  Menodotus,  Exkurs:  Favorinus.  c)  Von  Menodot 
bis  Sextus  (Cassius,  Theudas,  Theodosius,  Herodotus). 

6.  Der  absolute-positivistische  Skeptizismus,  a)  Sextus  Empiricus. 
b)  Saturninus. 

>*>*>*>*in*>+>+>w>*)+>n*>+i+>*>n»i*y*>*>*>+  >mym  trn*»  ************** 

Handlexikon  zu  Cicero 

Ton  H.  Merguet. 

Erstes  Heft  (A— D).   25  Bogen  gr.  8°.   Preis  Mk.  6.—. 

Das  Handlexikon  gibt  in  einer  Auswahl  von  Beispielen,  die  den 
sämtlichen  Schriften  Ciceros,  also  auch  den  rhetorischen  Schriften  und 
den  Briefen  nach  dem  Wortlaut  der  neuesten  Te,xte  unter  Hinzufügung 
abweichender  Lesarten  entnommen  sind,  eine  Übersicht  Uber  den  ge- 
samten Sprachgebrauch  dieses  Schriftstellers.  Diese  Beispiele  sind  so 
gewählt  und  gefasst,  dass  daraus  die  Bedeutungen  und  Konstruktionen 
uer  Wörter,  iure  phraseologischen  Verbindungen,  die  sinnverwandten 
Ausdrücke  u.  dgl.  zu  ersehen  sind,  dass  sie  also  Auskunft  über  die  ver- 
schiedensten Fragen  der  Bedeutungslehre,  Grammatik  und 
Stilistik  aus  dem  besten  klassischen  Latein  geben.  Gleichzeitig  sind 
die  zahlreichen  Stellen  von  sachlicher  Bedeutung  dabei  vorwiegend 
berücksichtigt. 

Durch  diese  Einrichtung  soll  das  Buch  sowohl  Studienzwecken 
dienen,  wie  auch  namentlich  tür  den  praktischen  Schulmann  bei 
dem  Unterricht  in  der  lateinischen  Sprache  ein  leicht  zugängliches,  be- 
quemes und  ausgiebiges  Hülfsmittel  sein. 

Das  Handlexikon  zu  Cicero  erscheint  in  4  Heften  von  gleichem 
Umfang  zum  Preise  von  ö  Mark  für  jedes  Heft. 

Da  das  Manuskript  des  ganzen  Werkes  fertig  vorliegt,  so 
wird  seine  Herausgabe  in  Jahresfrist  beendet  sein. 


In  demselben  Verlage  ist  erschienen: 

Osteuropäische  und  *  * 
ostasiatische  Streifzüge. 

Ethnologische  und  historisch-topographische  Studien 
zur  Geschichte  des  9.  und  10.  Jahrhunderts 

(ca.  840-940) 
von  J.  Jlarquart. 

Mit  Unterstützung  der  Kgl.  Akademie  der  Wissenschaften  zu  Berlin. 
L  und  557  S.  gr.  8°.   Preis  Mark  30.—. 

Die  vorhandenen  Bearbeitungen  der  Geschichte  der  Volker- 
wanderungen kranken  durchweg  an  zwei  Hauptmängeln :  dass  sie  diese 
grossen  Bewegungen  nicht  im  Zusammenhange  zu  erfassen  suchen, 
sondern  in  herkömmlich  einseitiger  Weise  nur  eine  Episode  aus  denselben, 
die  speziell  sogenannte  Völkerwanderung,  herausgreifen  und  den  zahl- 
reichen ethnologischen  Problemen,  welches  jenes  historische  Panorama 
darbietet  und  die  auch  fUr  unsere  Zeit  noch  von  aktueller  Bedeutung 
sind,  nicht  im  entferntesten  die  gebührende  Sorgfalt  zuwenden.  Wenn 
irgendwo,  so  rechtfertigt  sich  aber  hier  für  den  Forscher  die  so  be- 
rüchtigt gewordene  Methode  des  Krebsganges.  Vor  allem  gilt  es,  die 
ethnologischen  und  politischen  Zustünde  der  ersten  Hälfte  des  9.  Jahrh. 
festzuhalten,  um  sie  von  der  folgenden  Periode,  der  zweiten  Völker- 
wanderung, möglichst  scharf  unterscheiden  zu  können.  Dieses  Ziel 
lä*st  sich  mit  Hilfe  der  arabischen  Geographen  bis  zu  einem  gewissen 
Grade  erreichen,  freilich  nicht  auf  direktem  Wege,  sondern  nur  durch 
Rückschlüsse  aus  Werkeu  des  10.  und  späterer  Jahrhunderte.  Dem- 
gemäss  ist  vorliegendes  Buch  in  erster  Linie  der  Analyse  und  Erklärung 
arabischer  und  neupersiseher  Texte  gewidmet.  Vor  allem  wird  gezeigt, 
dass  ein  in  verschiedenen  arabischen  und  neupersischen  Werken  über- 
lieferter Bericht  über  die  Nord  Völker,  der  sich  auf  Osteuropa  und  einen 
Teil  der  Kaukasusländer  bezieht,  von  einzelnen  Interpolationen  abge- 
sehen, aus  der  ersten  Hälfte  des  9.  Jahrhunderts  stammt  und  daner 
von  grösster  Wichtigkeit  ist.  Nächstdem  werden  die  auf  Osteuropa 
bezüglichen  Nachrichten  Mas'udi's,  die  uns  von  Brandenburg  bis  zu 
den  Wolga-Bulgaren  fuhren,  kritisch  erörtert  und  wird  die  Notwendig- 
keit einer  auf  umfassendem  handschriftlichem  Apparate  aufgebauten 
neuen  Ausgabe  des  Hauptwerkes  des  berühmten  Weltreisendnn  nach- 
drücklich betont.  So  werden  insbesondere  die  politischen  und  zum  Teil 
auch  die  religiösen  Verhältnisse  der  Chazaren,  Magyaren,  Donau-Bul- 
garen, Slawen  und  Küssen  sowie  Armeniens  und  Georgiens  im  9.  und 
10.  Jahrhundert,  soweit  es  der  Zweck  des  Buche»  erfordert,  mehr  oder 
weniger  eingehend  untersucht.  Kine  Streitfrage ,  die  sich  an  Mas'udis 
Bericht  Uber  die  Slawen  knüpft,  gab  Veranlassung,  die  Geschichte  und 
Geuealogie  der  Abodritenfürsten  im  10.  und  11.  Jahrhundert  festzu- 
stellen. Der  Bericht  des  Harun  b.  Jahjä  über  seine  Heise  nach  Kon- 
stantinopel und  Kom,  der  hier  den  Nichtarabisten  zum  erstenmal  zu- 
gänglich gemacht  wird,  ist  für  die  Geschichte  der  Baikauhalbinsel  im 
letzten  Viertel  des  9.  Jahrhunderts  nicht  ohne  Interesse  und  darf  von 
den  Byzantinisten  keinesfalls  ignoriert  werden.  Die  Analyse  einer  Er- 
zählung Mas'udis  ermöglichte  dann  auch  eine  bestimmtere  Ansicht  über 
den  sen windelhaften  Reisebericht  des  Abu  Dulaf  Mis  ar  b.  al  Muhalhil 
und  die  Lage  der  angeblichen  chinesischen  Hauptstadt  Sandabil. 

Druck  Ton  O.  Kreywng  in  Lelpcip. 


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:• 


ZEITSCHRIFT 

FÜR 

DAS  CLASSISCHE  ALTERTHUM 

BEGRÜNDET 
yon  F.W.SCHNEIDEWIN  und  E.  v.  LEÜTSCH 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

OTTO  CRUSIUS 

IN  MÜNCHEN 

% 

Supplementband  X,  Heft  2. 


LEIPZIG 

METERICH'SCHE  VERLAGS-BUCHHANDLUNG 

THEODOR  WEICHER 
INSELSTRASSE  10 

1905. 


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Zweites  Heft. 

Seite 

Die  Ueberlieferungsgeschichte  des  Horaz.    Von  Fr.  Vollmer    .   .  259 


Auagegeben  am  25.  August  1905. 


3n  bemfclben  Berlage  erfdjicn: 

nad>  tyren  ftavtcw  imb  tyren  föwadfcn  Seiten 
mit  einem  ^nfjaug  über  £ätfel§  t^eotogtfd^e  Äritifer 

von 

Julias  8aism<tmt, 

p.  b.  1?rofcffw  ea  «philo!  opbie  an  c<v  »m»rrfitSt  ©öttuipm. 

 Jlritb  Unflagc  


mit  einem  Wadnoort  über 

„§8cfcU  Se  benannt  nb er". 

  %hä*  9.W.  1.5D.   

3  u  h  a  1 1 : 

§atfele  Cebion  für*  au^esflaen.  —  Tic  uütunmifenfd)afttt$e  SWettyobe. 

—  iiefe l  iievtaöt  bie  fieberen  thfennluiite  über  bie  unoraanifcfje  9latur. 

—  (Sine  ftavfe  Seite  Suiefelä  ift  bie  vti  nnb  Stcrna.efd)id)te.  —  2)te 
fidjeren  O'rtenittniffe  über  bie  orqanifdje  Kultur.  —  &arroim3miiS.  — 
©ine  ,vr>eitc  mvrfe  Seite  >>ädelv\  —  Tie  «eiftige  Seite  ber  Jiere.  —  £eiö 
©eifrige  im  iWenfd)cn.      Tefiou  $ebina.iheü  \)t  eine  ftarfe  Seite  $ätfel§, 

DC 

utn( 

fdjaftlidjcr  StnnbpmVft*      .\>iidel£  '^ufmifuna.  ber  tnftorifrfjen  SRetiaü 
nen  nnb  Vciu  ^,iel.   3t  n  ()  a  n    :  tyxol  Vco^  nnb  iuaö  man  au§  tbm 
nirfjt  erficht.  —  «;<rof.  Sroeltfd)  unb  um*  er  nicfjt  ficht.   sJ?ac^roort  übet 

ftacfcly  „Vebenonmnber". 


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DIE 


UBERLIEFERUNGSGESCHICHTE 

DES  HORAZ 

VON 

FR.  YOLLMER. 

Philologu«,  Supplementband  X,  zweite«  Hoft.  18 
v 


;   StP  18  1905 

,;OGE,  «0: 


'Cum  .  .  .  pauci  veteres  scriptores  traditione,  ut  ita  dicam, 
tarn  firma  et  certa  ad  nos  propagati  sint  quam  Horatius,  cre- 
das,  emendationi  in  eo  exercendae  fines  satis  angustos  prae- 
8criptos  esse*  M.  Hertz,  ind.  lect.  Vratislav.  1889  p.  6.  'Bei 
einem  so  gut  erhaltenen  Texte,  wie  es  der  des  Horaz  ist,  spielt 
die  emendatio  oder  die  divinatorische  Kritik  keine  große  Rolle, 
aber  eine  noch  geringere  die  recensio  oder  die  Zurückführung 
des  Textes  auf  die  älteste  und  treueste  Form  der  Ueberliefe- 
rung.  Aber  gleichwohl  darf  doch  auch  bei  Horaz  die  recensio 
nicht  ganz  vernachlässigt  werden  W.  v.  Christ,  Horatiana, 
Sitz.  ßer.  d.  bayr.  Ak.  d.  Wiss.  philos.  hist.  Classe  1893  I 
p.  83.  'Für  Conjecturalkritik  ist  im  Horazischen  Text  wenig 
Raum'  W.  S.  Teu  f  f  e  1-Schwabe,  Gesch.  d.  röm.  Litt.4  p.  502. 
'Die  Kritik  des  Horaz  beruht  auf  dem  codex  antiquissimus 
Blandinius'  M.  Schanz,  (jesch.  d.  röm.  Litt  II  la  p.  125. 
'Happily  the  text  of  Horace  is  one  in  which,  if  soiue  pointe 
must  always  remain  in  uncertainty,  the  uncertainty  is  of  a 
very  bearable  kind.  The  worst  result  of  a  bad  judgement 
will  usually  be  only  to  prefer  the  least  probable  of  two  rea- 
dings,  either  of  which  has  inuch  to  say  for  itself,  makes  good 
sense,  and  has  been  supported  by  great  scholars'  Horace,  by 
E.  C.  Wickham,  I  p.  XIII. 

Diese  kurzen  Citate  geben  wohl  die  Hauptgedanken  der 
gedruckten  communis  opinio  über  Horazkritik  wieder ;  den 
überlieferten  Text  anzuzweifeln  oder  gar  eine  Conjectur  im 
Horaz  zu  machen  gilt  noch  heute  in  weiten  Kreisen  als  Spie- 
lerei oder  beinahe  als  Blasphemie ;  Gewohnheitsmeinungen 
entscheiden:   Bentleys  und  Meiuekes   kühnes  Angreifen  der 

18* 


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262 


Vollmer , 


Ueberlieferung  gehört  der  Geschichte  an,  um  zu  schweigen 
von  Hofman-Peerlkamp8  Athetesen ;  im  Horaz- Text  'giebts 
nichts  mehr  zu  tun',  höchstens  wird  gelegentlich  zwischen  zwei 
handschriftlich  bezeugten  Lesarten  gewählt ,  sonst  müssen 
Haupt-  Vahlen's,  Hertz1,  L.  Müllers,  Kiessling's  Texte  als  Grund- 
lagen für  sachliche  und  sprachliche  Behauptungen  und  Unter- 
suchungen genügen. 

Und  doch  ist  die  kritische  Ausgabe  des  Horaz  schon 
1S64— 69  erschienen  (I2  ed.  Keller-Holder  1899):  dort 
lag  das  kostbarste  Material,  mit  unendlichem,  nie  genug  an- 
zuerkennendem Philologenfleiße  zusammengebracht,  vor.  Wa- 
rum lag  es,  von  kleinen  Erträgen  hier  abgesehen,  brach? 

Aber  lag  es  denn  brach?  Ein  Beispiel  möge  zeigen,  daß 
nicht  einmal  die  recensio  zu  Ende  geführt  worden  ist.  Ich 
habe  noch  keine  nach  Keller- Holders  grundlegendem  Werke 
erschienene  Horaz-Ausgabe  kennen  gelernt,  in  der  nicht  (wie 
bei  K.-H.)  nach  den  ältesten  Drucken  zu  lesen  wäre  carm. 
1,  8,1 

Lydia,  die,  per  omni* 
te  deos  oro  eqs. 

Und  doch  ist  der  gesicherte  Beweis  in  dem  von  Keller- Holder 
und  ihren  Vorgängern  zusammengetragenen  Material  beschlos- 
sen, daß  diese  Fassung  der  Verse  nicht  die  des  Horaz,  sondern 
die  eines  Karolingischen  Glossators  ist.  In  v.  2  haben  alle 
unsere  guten  Hss.  beider  Klassen,  wie  ich  sie  unten  scheiden 
werde,  hoc  deos  vere;  aber  das  besagt  nicht  sehr  viel:  aus- 
schlaggebend ist,  daß  im  1.  Jahrh.  nach  Chr.  Caesius  Bassus 
(gramm.  VI  270,  14)  und  nach  ihm  Victorinus  (ibid.  p.  87,  15. 
166,  1)  und  Fortunatianus  (ibid.  p.  300,  27)  m  i  t  a  u  s  d  r  0  c  k- 
lichen  Worten  diese  Lesart  bezeugen,  indem  sie  sie  be- 
handeln und  von  ihr  ausgehen1).  Und  aus  derselben  Quelle 
stammen  die  nicht  ausdrücklich  die  fraglichen  Worte  sichern- 

')  Im  kritischen  Apparat  von  K.-H.  ist  diese  Tatsache,  wie  leider 
auch  so  viele  andere  gleicher  Art,  dadurch  verschüttet,  daß  die  bloßen 
Worte  der  immer  wieder  nach  dem  Schultexte  interpolierten  Lemmata 
der  Metriker  als  den  ausdrücklichen  Meinungsäusserungen  gleichwertig 
verzeichnet  sind.  Kein  einziger  der  von  K.-H.  für  te  dem  oro  oder  hoc 
deos  oro  angeführten  Grammatikernamen  bezeugt  wirklich  diese  Lesarten. 
Ebenso  haben  die  Metriker  in  den  Lemmata  z.  B.  die  falschen  Lesarten 
1,  20,  1  potabis,  1,  23,  1  Vitat 


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Die  Ueberlieferungsgeschichte  des  Horaz.  263 


den  Zeugnisse  des  Diomedes  (gramm.  I  508,  37.  520,  27)  *). 
So  verstehen  sich  denn  leicht  die  aus  dieser  alten  Ueberliefe- 
rung  entstandenen  zwei  verschiedenen  späteren  Fassungen:  lioc 
deos  oro  (o;t)  und  te  deos  oro  FA1  (lemma  Porph.) :  sie  stellen 
nur  zwei  verschiedene  Stadien  des  Eindringens  der  zu  der  Be- 
schwörung per  omnis  deos  übergeschriebenen  Glosse  te  oro  dar. 
Es  leuchtet  ein,  wie  wichtig  die  recensio  dieser  Stelle  für  die 
Wertung  der  Hss.-  Gruppen  ist. 

Dies  für  den  Zustand  der  gebräuchlichen  Horaztexte  wirk- 
lich bezeichnende8)  Beispiel  ist  aber  nun  leider  nur  ein  Bei- 
spiel, nicht  eine  Ausnahme:  es  gehört  zur  Tragik  der  Geschichte 
auch  unserer  Wissenschaft,  daß  fast  übermenschliche  afrXa 
den  bewundernswerten  Ringer  im  letzten  Augenblick  um  den 
Siegespreis  betrügen.  So  ist  es  mit  der  Keller-Holderschen 
Horazausgabe  gegangen:  im  siebenten  curriculum  sind  die 
Rosse  ausgebrochen  und  der  Wagen  hat  die  creta  nicht  er- 
reicht. Wir  danken  den  beiden  emsigen  Gelehrten  eine  fast 
überreiche,  höchst  fruchtbare,  aber  noch  nicht  bis  zu  Ende 
durchgearbeitete  und  darum  hie  und  da  trügerische  Stoffmasse; 
zu  leisten  bleibt  die  Geschichte  und  damit  die  Kritik  dieser 
Ueberlieferung  mit  der  recensio  des  Textes :  dann  wird  sich 
zeigen,  daß  auch  der  emendatio  noch  genug  zu  tun  bleibt4). 

Daß  es  so  mit  dem  Horaztexte  steht,  wird,  um  von  den 
Griechen  zu  schweigen,  den  nicht  überraschen,  der  weiß,  wie 
es  mit  den  übrigen  lateinischen  Klassikertexten  bestellt  ist: 
d  i  e  Autoren,  für  welche  Ueberlieferungsgeschichte  und  recen- 
sio in  guter  oder  auch  nur  in  ziemlich  ausreichender  Weise 

*)  Mit  völlig  treffendem  Urteil  hat  diesen  zweiten  Vers  schon  ge- 
legentlich im  Jahre  1869  behandelt  Usener  Rhein.  Mus.  24,  337,  ohne 
freilich  der  Sache  weiter  nachzugehen,  weil  es  ihm  auf  anderes  ankam. 
Von  falschen  Voraussetzungen  aus  besprach  die  Stelle  W.  v.  Christ, 
die  Verskunst  des  Horaz,  Sitz.  Ber.  bayr.  Ak.  1808  I  p.  26,  4. 

8)  Daß  mit  diesem  Urteile  keinem  der  durch  sachliche  oder  sprach- 
liche Beobachtungen  ausgezeichneten  Horazforscher  zu  nahe  getreten 
werden  soll,  brauche  ich  wohl  nicht  zu  versichern;  die  recensio  war 
eben  nicht  geleistet,  daa  führte  alle  in  die  Irre,  die  sie  geleistet  glaubten. 

4)  Ebenso  wie  ich  urteilt  F.  Leo,  Gött.  gel.  Anz.  1904,  849  ff., 
durch  dessen  Güte  mir  seine  Abhandlung  zuging,  als  diese  meine  Unter- 
suchungen schon  einige  Monate  geführt  worden  waren.  Auf  Leo'a  eigne 
Skizze  der  Ueberlieferungsgeschichte  des  Horaz  werde  ich  unten  zurück- 
kommen, da  ich  in  wesentlichen  Punkten  zu  andern  Ergebnissen  ge- 
langt bin. 


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264  Vollmer, 

geleistet  sind,  lassen  sich  an  den  Fingern  herzählen ;  die  tiber- 
wiegende Masse,  ich  nenne  nur  Terenz,  den  größten  Teil  von 
Cicero  und  Livius,  Ovid,  harrt  noch  der  bis  ans  Ziel  dringen- 
den Arbeiter. 

Ich  will  im  folgenden  den  Versuch  machen  die  wichtigsten 
Zeugen  über  die  Haupttatsachen  der  Textgeschichte  zu  verhö- 
ren: von  vorn  herein  muß  ich  mich  auf  die  Hauptsachen  be- 
schränken aus  dem  Grunde,  weil  ich  die  Hss.  des  Horaz  nicht 
selbst  gesehen  und  verglichen  ö)  habe,  andrerseits  die  Hss.-Be- 
schreibungen  bei  Keller- Holder  für  genauere  Untersuchungen 
nicht  ausreichen.  Freilich  läßt  sich  bezweifeln,  ob  es  je  ge- 
lingen wird  die  Derivationsverhältnisse  aller  einzelnen  Hss. 
mit  Sicherheit  festzulegen :  jedenfalls  gehört  die  Aufgabe  ins 
Gebiet  der  mittellateinischen  Philologie  und  läßt  sich  nur  im 
engsten  Zusammenhange  mit  der  Kloster-  und  Gelehrtenge- 
schichte des  8.  —  10.  Jahrhunderts  lösen.  Das  aber  muß  ich 
anderen  überlassen. 

Naturgemäß  geht  der  Sichtung  und  Wertung  der  Hss. 
voraus  was  wir  von  älteren  Zeugen  aber  die  Geschichte  des 
Dichtertextes  erfahren. 

L 

Diese  indirecte  Ueberlieferung®)  des  Horaz 
ist,  soweit  ich  sehe,  noch  nirgend  im  Zusammenhange  genü- 

5)  Diese  Arbeit  haben  Keller-Holder  wie  es  scheint  in  der  vorzüg- 
lichsten Weise  geleistet:  was  mir  eine  Controle  ermöglichte,  die  vor- 
trefflichen Lichtdrucke  bei  Chatelain,  pal^ographie  des  classiques  latins, 
bestätigte  bis  auf  kleinste  Kleinigkeiten  die  Treue  und  Gewissenhaftig- 
keit der  Vergleicher.  Zur  Nachvergleiciiung  von  B  lieh  mir  Traube  den 
herrlichen  Band  der  Hagen-Sijthoffachen  Ausgabe:  den  Oxon.  hat  mir 
für  alle  wichtigen  Stellen  M.  E.  A.  W  i  n  s  t  e  d  t  in  freundlichstem  Ent- 
gegenkommen verglichen,  auch  die  Photographie  einer  Seite  besorgt. 
Wickhams  Collation  ist,  wie  ich  vermutete,  vielfach  ungenau.  Uebrigens 
hat  0,  der  aus  dem  XI.,  nicht  aus  dem  X.  Jahrh.  stammt,  für  die  re- 
censio  gar  keinen  Wert,  da  er  vollständig  Mischhs.  ist  und  von  <I>  ebenso 
abhängig  wie  etwa  u  (Paris.  7973).  Ich  führe  seine  Varianten  (0)  hier 
im  Aufsätze  nur  mit  an,  um  dies  Urteil  zu  beweisen,  werde  sie  in  der 
Ausgabe  weglassen.  Daß  ich  in  den  folgenden  Listen  ab  und  zu  das 
Material  kürze,  bedeutungslose  Einzelheiten  beiseite  schiebe,  wird  man 
mir  hoffentlich  nicht  vorwerfen,  sondern  danken.  Unsere  Wissenschaft 
leidet  heute  gerade  genug  durch  übertrieben  pedantische  I-Tüpfelchen- 
Zusammenstellungen. 

e)  Ich  übergehe  in  der  folgenden  Zusammenstellung  absichtlich  die 
sogenannten  Nachahmungen  bei  Dichtern  wie  Prosaikern:  nur  die  we- 
nigen Stellen,  wo  sie  eine  Variante  ergeben,  berühre  ich. 


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Die  Oeberlieferungsgeschichte  des  Horaz.  265 


gend  bebandelt  worden  7).  Ist  sie  auch  nicht  so  reich  und  be- 
deutend wie  bei  Plautus  8)  oder  wie  die  von  0.  Ribbeck  (Pro- 
legomena  p.  200  sqq.)  gesammelte  des  Vergil,  so  hat  es  sich 
doch  bitter  gerächt,  daß  man  sie  vernachlässigte9). 

An  ihrer  Spitze  stehe  —  Scherzes  halber  —  Horaz 
selbst :  nicht  weniger  als  5  ganze  Verse  wiederholt  der  Dichter 
in  seinen  Werken  10),  vier  ganz  sicher  als  Selbstcitate :  sat.  1, 
4,  92  ego  si  risi  (1,  2,  27)  quod  ineptus  'pastillos  Bufillus  olet, 
Gargonius  hircum\  dann  Pantolubo  sctirrae  Nomentanoque  ne- 
poti  (sat.  1,  8,  11.  2,  1,  22),  weiter  epist.  1,  1,  56  ha  ex  recinunt 
iuveties  dictata  senesque  'laevo  suspensi  loculos  tabulamque 
lacerto'  (sat.  1,  6,  74),  und  carm.  4,  1,  5  deswe  dulcium  ''mat- 
ter saeva  cupidinum'  (carm.  1,  19,  1) ;  zweifeln  kann  man  bei 
epist.  1,  6,  28  und  sat.  2.  3,  163  quod  (si)  latus  aut  rencs  mor- 
bo  temptantur  acuto,  vielleicht  liegt  Lucilius  zu  Grunde. 

Wie  wichtig  diese  Art  der  Ueberlieferung  ist,  zeigt  sich 
uns  schon  beim  ersten  Schritte.  Denn  der  Vers  sat.  1,  2,  27 
=  1,  4,  92  piistillos  Bufillus  olet,  Gargonius  hircum  hat  die 
Doppelung  der  Tradition  dringend  nötig,  um  sich  zu  verteidigen 
gegen  den  zeitlich  folgenden  Zeugen,  S  e  n  e  c  a.  Dieser  bringt 
in  den  Episteln  drei  directe  Horazcitate  (sat.  1,  2,  27.  1,  2, 
114  ff.,  1,  3,  11  ff.);  die  beiden  letzten  stimmen  zu  unsern 
Hss.  n),  aber  eins  giebt  eine  erhebliche  und  wichtige  Abwei- 
chung :  Buccillus  statt  Bufillus  der  Hss.,  zwar  nicht  ausdrück- 
lich, aber  3mal;  und  es  ist  gänzlich  unwahrscheinlich,  daß 
mittelalterliche  Schreiber  in  den  Seneca-Hss.  einen  Namen 
interpoliert  hätten,  den  wir  heute  mit  Mühe  durch  ein  paar 
Steine  belegen  können.    Auch  giebt  die  Stelle  Senecas  (epist. 


7)  Denn  Kellers  Epilegomena  S.  799  bringen  nur  eine  ganz  un- 
kritische und  unvollständige  Citatenhäufung.  Natürlich  verdanke  ich 
den  größten  Teil  des  Materials  Keller-Holders  Apparat:  daß  ich  alles 
selbst  nachgeprüft  und  ergänzt  habe,  wird  sich  ja  wohl  zeigen. 

8)  Siehe  jetzt  die  äußerst  bedeutsamen  Sammlungen  bei  Lind  say, 
ancient  editions  of  Plautus,  Oxford  1904  S.  2—35. 

9)  Wie  z.  B.  die  Verdächtigung  von  carm.  1,  12,  87—40  durch  die 
Zeugnisse  des  Quint.  Prise.  Schol.  Stat.  einfach  abgewiesen  wird. 

,0)  Nicht  hieher  gehört  der  aus  üblicher  Wendung  gebildete  Halbvers 
eanum  recteque  valentem  epist.  1,  7,  3.  1,  IG,  21,  eher  sat.  1,  6,  fi.  45.  46. 

")  Die  Abweichungen  in  Bat.  1,  8,  14.  15  sind  Schreibfehler  der 
Seil. -Hss. 


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266  Vollmer, 

86,  13)  nicht  den  mindesten  Anhalt  zu  der  Vermutung,  daß 
der  Briefsteller  etwa  scherzhaft  dem  Rufillus  des  Horaz  einen 
Buccillus  seiner  eigenen  Zeit  substituiert  hätte.  Also  es  bleibt 
nichts  übrig:  Seneca  las  in  seinem  Horaz  wirklich  Buccillus. 
Dann  irren  unsere  Eoraz-Hss. ,  denn  leicht  war  eine  Stelle 
nach  der  andern  abcorrigiert V  Es  wäre  möglich,  da  in  der 
Capitalschrift  BVCILLVS  schon  zu  RVFILLVS  werden  konnte, 
und  ich  meine,  diese  Möglichkeit  müssen  wir,  wo  doch,  wie 
wir  unten  sehen  werden,  unser  Horaztext  nur  auf  einer  einzi- 
gen H8.  des  6.  Jahrh.  ruht,  durchaus  offen  halten.  Immerhin 
kann,  obschon  andere  Zeugen  zu  den  Hss.  hier  nicht  hinzu- 
treten, RVFILLVS  richtig  sein.  Einmal  ist  auch  dieser  Name 
durchaus  nicht  häufig;  sodann  aber  bietet  sich  die  Möglichkeit, 
daß  wir  hier  die  Hand  des  Probus  verspüren.  Es  ist  sehr  gut 
denkbar,  daß  in  der  Zeit  vor  Seneca  die  falsche  Lesung 
BVCCILLVS  in  die  Hss.  eindrang,  daß  aber  von  Probus  aus 
guten  Quellen  das  Echte  hergestellt  wurde.  —  Bei  Sen.  findet 
sich  ferner  ein  Horazcitat  in  der  apocolocyntosis  13:  belua 
cenikeps  carm.  2,  13,  34. 

Der  nächste  Zeuge  für  Horazworte  nach  Seneca  ist  C  a  e- 
sius  Bassus:  den  bis  heute  verkaunteu  Wert  seines  Zeug- 
nisses für  c.  1,  8,  2  habe  ich  oben12)  erörtert. 

Eine  Stelle  (serm.  2,  4,  12 — 14)  paraphrasiert  Plinius 
der  Aeltere,  ohne  daß  sich  eine  Variante  ergäbe13). 

Auf  ihn  folgt  mit  einer  ganzen  Reihe  von  Citaten14) 
Quin  tili  an,  ein  deutlicher  Beweis  für  des  Dichters  Ver- 


na g_  2(j2. 

IS)  Die  wahrscheinlich  aus  Püning'  grammatischen  Werken  genom- 
menen Horazcitate  bei  späteren  Grammatikern  hat  gesammelt  Münze  r, 
Beiträge  zur  Quellenkritik  der  Naturgesch.  d.  Plinius  S.  44  Anra.  Es 
sind  folgende:  Plin.  libr.  dub.  serm.  ed.  Beck  p.  30,23.  53,10.  <i2,  10. 
68,  11.  77,  9.  Aus  Zweckmäüigkeitsgründen  und  weil  man  nicht  wissen 
kann,  ob  die  späteren  nicht  eventuell  nach  ihren  Horazexemplaren  die 
Citate  änderten,  lasse  ich  hier  und  andern  Orts  die  Citate  ihren  jetzigen 
Quellen,  Chans,  und  andern. 

")  carm.  1,  4,  13.  1,  12,  1.  1,  12,  41.  1,  14,  1-3.  1,  15,  24.  2,  13,  26. 
3,  6,  36.  4,  2,  11.  4, 13,  12.  sat.  1,  1,  100.  1,  4,  11.  1,  6,  103  (oder  epist.  2, 
1,  192?)  1,  10,  44.  2,  6,  84.  epist.  1,  1,  41.  1, 1,  73.  1,  5,  23.  ars  poet.  1-2. 
25.  63f.  139.  311.  359.  388.,  401.  Ich  nenne  hier  und  im  folgenden  nur 
die  Horazstellen ,  die  Stellen  der  Citierenden  sind  leicht  bei  Keller« 
Holder  oder  in  meiner  demnächst  erscheinenden  Ausgabe  zu  finden. 

i 

i 

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Die  Ueberlieferungsgeschichte  des  Horaz.  267 


breitung  in  den  Schulen15).  Manche  dieser  Citate  sind  frei 
(carm.  1,  12,  1.  2,  13,  26  sat.  1,  4,  11  epist.  1,  1,  73.  1,  5,  23 
ars  359.  388.  401),  andere  gekürzt  (sat.  2,  6,  84  nec  .  .  .  cice- 
ris;  ars  25  ein  paar  Worte  und  dann  et  quae  secutitur); 
Schreibfehler  der  Quint.-Hss.  c.  1,  14,  2  accipe  statt  occupa, 
4,  2,  11  solutus  st.  solutis;  sonst  stimmen  die  Lesungen  zu 
den  Horaz-Hss.  bis  auf  c.  1,  12,  41  intonsis,  wo  die  Horaz- 
Hss.  geben  incomptis.  Scharfsinnige  Leute  haben  auch  wirk- 
lich intonsis  verteidigen  zu  können  und  zu  müssen  geglaubt lfl) ; 
es  muß  vielmehr  völlig  außer  betracht  bleiben,  einmal  weil 
es  Quint,  durchaus  nicht  ausdrücklich  bezeugt,  weiter  weil  zu 
den  Horaz-Hss.  als  ausdrücklicher  Zeuge  Servius  tritt  und 
außerdem  incomptis  auch  in  des  Charisiue  Horaz  stand :  Quint, 
hat  aus  dem  Gedächtnisse  citiert,  vielleicht  auch  Glosse  für 
Text  genommen. 

Hätten  wir  doch  irgend  ein  Zeugnis  über  eine  Lesung 
des  Probus  im  Horaz!  Sie  würde  uns  wahrscheinlich  manche 
Ansicht  und  Aussicht  klären.  Jetzt  wissen  wir  nicht  einmal, 
ob  seine  Ausgabe  eine  commentierte l7)  oder  nur  ein  Text  mit 
kritischen  Zeichen  gewesen  ist:  im  letzteren  Falle  konnten 
ganz  gut  von  ihm  getadelte  Lesarten  unter  Weglassung  dieser 
Zeichen  einfach  fortgepflanzt  werden.  Nur  zwei  echte  Citate 
haben  wir  von  ihm:  carm.  3,  27,  31.  32  hatte  er  im  Comraen- 
tar  zu  Vergil  (Aen.  9,  373  vgl.  schol.  Veronensia  ed.  Hagen 
p.  441,  15)  adnotiert,  von  wo  sie  Servius  übernahm;  ferner 
scheint  doch  die  doppelte  Tradition  (Diomed.  gramm.  I  400,  10 
ohne  des  Probus  Namen;  Exc.  Lavant.  gramm.  V  326,  4  mit 
Valerius)  zu  beweisen,  daß  er  in  einer  einleitenden  Abhand- 
lung Uber  Declination  ars  poet.  60—62  citiert  hatte  :  die  Ver- 
derbnisse im  Citat  kommen  natürlich  nicht  auf  seine  Rechnung. 

")  Ich  verstehe  nicht,  wie  immer  und  immer  wieder  Friedländers 
Commentar  nacherzählt  wird,  zu  Juvenals  Zeit  hatten  die  Büsten 
von  Vergil  und  Horaz  in  der  Schule  gestanden:  Juv.  7,226  aun  totus 
decolor  esset  Flaccus  et  haereret  nigro  fulujo  Maroni  hat  schon  der  Scho- 
liaet  richtig  von  Codices  verstunden:  bekanntlich  fallt  der  Ruß  idas 
heißt  fuligo,  nicht  Rauch)  schwalchender  Lampen  auch  auf  offene  Rol- 
len nieder. 

,6)  Z.  B.  Kiessling  im  Commentar. 

")  Wahrscheinliche  Spuren  von  l'robus'  commentierender  Tätigkeit 
wird  demnächst  Q  u  d  e  m  a  n  behandeln. 


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268 


Vollmer, 


Ich  reihe  an  die  Citate  in  den  catholica  (carm.  1,  4,  1.  1,  14, 

17.  1,  30,  2.  1,  36,  13  epod.  9,  22  serm.  1,  5,  46  ars  139)  und 
aus  der  app.  Probi  (epist.  1,  2,  53),  die  keinerlei  Variante  er- 
geben. 

Das  einzige  griechische  Citat  zum  Texte  des  Horaz  giebt 
uns  Plutarch  (epist.  1,6,45):  eine  Variante  ist  nicht  zu 
erschließen. 

Weitere  wenige  Citate  aus  dem  II.  Jahrb.  haben  Sueton 
in  der  vita  Horati  (epist.  2,1,1—4),  Juvenal  (carm.  2, 
19,  5)  S  c  a  u  r  u  s  (ars  75) ,  G  e  1 1  i  u  s  (carm.  1,  3,  4  oder  3, 
27,  20  in  den  noct.  Att.  2,  22,  2;  serm.  1,  5,  78),  Fronto 
(serm.  2,  3,  253 — 257  mit  verschiedenen  Fehlem,  aber  auch 
der  richtigen  Form  cuhital  gegen  cubitale  unserer  Hss.);  ich 
reihe  an  das  Citat,  das  Kaiser  Marcus  Aurelius  gebraucht 
haben  soll  (carm.  1,  17.  13  f.). 

Eine  wirkliche  Variante  giebt  allein  Fl.  Caper  zu  carm. 

1,  13,  2  laden  statt  ccrea  der  Hss. ;  ccrea  ist  auch  bei  Serv. 
ausdrücklich  bezeugt 

Aus  dem  III.  Jahrh.  kenne  ich  —  denn  Porphyrio  muß  unten 
im  Zusammenhange  mit  der  Horaztiberlieferung  behandelt  wer- 
den—  nur  wenige  Zeugnisse:  Censorin  citiert  (17,9)  aus 
dem  carm.  saec.  v.  21 — 24  mit  verschiedenen  Schreibfehlern  der 
Hss.,  aber  doch  auch  mit  erwünschter  Bestätigung  von  totiens 
in  Klasse  II.    S  e  r  e  n  u  s  der  Receptendichter  führt  an  serm. 

2,  4,  28.  Sacerdos  hat  folgende  Stellen:  carm.  1,  4,  8 
mit  nisit  gegen  tirit,  1,  9,  7  mit  depromc  gegen  depone,  1, 
36,  14.  epod.  6,  5.  sat.  1,  6,  69  ars  75  f.  mit  inclusa  est  gegen 
iuvctis,  77  ff.  90  f.  251.  254-6.  257-8. 

Im  IV.  Jahrh.  bringt  zunächst  Lactantius  eine  Reihe 
von  Stellen  (carm.  1,  22,  1—8.  3,  3,  1—4  bestätigt  solida,  sat. 
1,  8,  1 — 4,  epist.  1,  1,  41);  nur  5  Stellen  giebt  Nonius  (1, 

18,  5  crepat  ausdrücklich  bestätigt  gegen  die  Glosse  increpat; 
4,  14,  27  f.  mit  der  lehrreichen  Corruptel  minatur  statt  medita- 
tur19);  sat.  1,  2,  89;  1,  3,  81  ligurrierit  des  Citats  wegen  in 
ligurrierat  geäudert,  2,  4,  73  frei  citiert  und  noch  dazu  in  den 


18)  Vpfl.  unten  S.  280  Anm.  35. 
,9)  Siehe  unten  S.  282  Anm.  39. 


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Die  Ueberlieferungsgeschichte  des  Horaz. 


269 


Hss.  verderbt).    Mehr  hat  C  h  a  r  i  s  i  u  8  *°)  (carm.  1,  1,  33. 

1,  4,  1.  1,  6,  6.  1,  12,  41  mit  incomptis.    1,  29,  7  f.  1,  36,  8. 

2,  18,  7  f.  mit  clientae  gegen  clientes.  3,  1,  17  f.  3,  5,  10  mit 
et.  3,  14,  19  f.  mit  vagacem,  was  ich  trotz  seiner  Singularität 
beinahe  för  richtig  halte,  da  Charisius  durch  die  gute  alte 
Bobbieser  Hs.  überliefert  ist;  vagantem  der  Horazhss.  kann 
Glosse  sein,  andere  Zeugen  fehlen,  epod.  12,  25  verderbt,  sat. 
1,  1,  94.  1,  2,  89.  (nicht  1,  9,  13).  2,  2,  122.  2,  3,  245.  epist. 
1,  7,  22.  1,  16,  20.  ars  75.  459).  Fast  ebensoviel  Stellen  giebt 
D  i  o  m  e  d  e  s  aus  (carm.  1,  6,  6  nach  andern.  1,  9,  5.  1,  33, 
2  f.  2,  7,  3  nach  andern.  2,  14,  1.  3,  24,  25.  epod.  2,  21.  sat. 
1,  1,  94  mit  Char.,  1,  9,  54  frei  citiert.  ars  60—62.  179.  192 
mit  Schreibfehler.  220 — 4  nach  älterer  Quelle  verderbt.  220 — 1. 
275 — 7,  wo  des  Diomedes  Text  richtig  pcruncti  sagt,  während 
im  Citat  die  Glosse  infcdi  eingedrungen  ist.  288). 

An  Char.  und  Dioni.  reihe  ich  eine  Zahl  der  späteren 
Grammatiker  an,  deren  Zeit  unsicher  ist,  deren  Citate  aber  ge- 
wiß zum  größten  Teile  nicht  auf  eigene  Leetüre  des  Dichters, 
sondern  auf  ältere  grammatische  Sammelwerke  zurückgehen, 
Consentius  führt  an  carm.  1,  9,  1  sat.  1,  8,  17.  1,  10,  3. 
Victorinus  carm.  3,  21,  11  f.  sat.  1,  2,  37  ars  73 f.  220 ff. 
(mit  Diomed.),  Macrobius  sat.  2,4,34;  Cledonius  giebt 
nur  äußerlich  betrachtet  mehr  aus:  carm.  2,  7,  3  mit  andern, 

3,  5,  10  mit  anderen  (Wortstellung  gestört).  3,  25,  2  mit 
anderen.  3,  27,  29.  3,  29,  37  mit  Serv.,  4,  11,  24  (epod.  4,  4). 
epod.  5,  1  mit  anderen,  epist.  1,  18,  79  corrupt  wie  bei  Pom- 
peius.  Dosith  eus  hat  sat.  1,  1,  94  mit  anderen,  1,2,44 
cf.  Prise;  Ps.  S  ergi  u  s  epist.  1,  15,  17  mit  geänderter  Wort- 
stellung. Pom  peius  bringt  carm.  1,9,5  mit  Diom.  (Jnd. 
statt  Particip  für  das  Citat),  1,  18,  15  cf.  Serv.,  2,  7,  3  mit 
anderen,  3,  1,  17  f.  mit  anderen,  3,  23,  3  mit  anderen,  epod. 
17,  48  mit  anderen,  sat.  1,  10,  72,  epist.  1,  18,  79  corrupt  wie 
bei  Cledon. ,  ars  298  cf.  Serv.  Der  Rhetor  Rufinianus 
citiert  sat.  1,  10,  20,  Ps.  Rufinian  de  schem.  lex.  epist.  1,  1, 
94—97.  Der  sog.  Metrorius  giebt  den  Vers  epod.  12,  25,  das 
Carmen  de  fig.  sat.  1,  5,  2^5,  der  Tractat  de  u  1 1  i  m  i  s 

*°)  öeber  Plin.  und  andere  Quellen  dieser  Grammatiker  vgl.  oben 
S.  266  Anm.  13. 


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270 


Vollmer, 


syllabis  carni.  1,  6,  1  mit  anderen,  1,  7,  32,  ars  350  (cf. 
Serv.)  und  377.  Agr  o  e  c  i  u  s  hat  carm.  2,  13,  21  (cf.  Serv.), 
epist.  2,  2,  170  mit  falscher  Lesung  und  Interpretation.  Ph  o- 
cas  giebt  nur  aus  älterer  Quelle  (cf.  Char.  Prob.)  carm.  1, 
4,  1 ;  der  Tractat  de  dubiis  nominibus  citiert  carm. 

2,  3,  6  f.  (ausgelassen  tc),  4,  6,  44  und  sat.  2,  4,  33  (cf.  Serv.). 
Endlich  hat  eine  Glosse  des  Placidus  carm.  1,  33,  14  mit 
dem  Schreibfehler  continuü  statt  detinuü. 

Bedeutend  ausgiebiger  und  wichtiger  sind  die  großen  Scho- 
liensammlungen  zu  verschiedenen  Autoren.  Freilich  ist  dieses 
Material  nicht  immer  leicht  zu  benutzen:  dieselbe  Vorsicht, 
welche  bei  der  Verwertung  von  Scholiennotizen  für  litterari- 
sche und  sachliche  Fragen  angewendet  werden  sollte,  leider 
oft  nicht  angewandt  wird,  ist  auch  bei  den  Citaten  von  nöten: 
unter  den  Einschiebseln  und  Anhängseln  späterer,  besonders 
Karolingischer  Gelehrter,  von  denen  unsere  Scholien  strotzen, 
sind  auch  solche  mit  Horaz-Citaten ;  auch  in  den  neuesten 
Ausgaben,  die  mit  der  Vorlage  des  handschriftlichen  Materials 
nach  den  besten  Quellen  nur  ihrer  nächsten  Aufgabe  genügen, 
liest  man  viel  falsches  Gut,  das  nie  dem  Serv.  Don.  oder  Porph. 
gehört  hat.  Besonders  schlimm  steht  es  mit  den  Scholien  zu 
Lucan,  Juvenal  und  Persius,  für  die  keinerlei  verläßliche  Aus- 
gaben vorliegen:  in  den  Persius-Scholien  finden  sich,  soweit  ich 
sehen  konnte,  die  Horazcitate  fast  nur  in  den  Humanisten- 
Hss. :  ich  habe  sie  darum  hier  und  in  der  Ausgabe  ganz  bei- 
seite gelassen ,  um  nicht  zu  falschen  Schlüssen  zu  verführen ; 
auch  die  Citate  aus  deu  Lucan  Scholien  habe  ich  auf  die  Com- 
menta  Bernensia  Useners  beschränkt,  weil  alles  andere  Mate- 
rial unzuverlässig  erschien. 

Es  bringt  eine  große  Zahl  von  Horazcitaten  zunächst 
Donatus  im  Commentar  zu  Terenz 21).  Hier  finden  wir 
carm.  1,  1,  13  f.  1,  3,  1.  1,  5,  5—9  (Schreibfehler  Et  mirabi- 
tur  wie  in  110).  1,  9,  17.  1,  12,  25.  1,  24,  19  f.  1,  35,  13  f. 

3,  8,  5.  epod.  5,  1  f.  (mit  Serv.  Prise),  sat.  1,  4,  7.  2,  3,  216. 
2,  4,  44  (mit  Fecundi,  freilich  nicht  ausdrücklich,  gegen  den 


")  Die  Citate  sind  für  die  Ausgabe  bis  auf  "wenige ,  gekennzeich- 
nete, nachgeprüft  in  der  sorgfältigen  und  höchst  nützlichen  Ausgabe 
von  Wessner. 


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Die  Ueberlieferungsgeschichte  des  Horaz. 


271 


Bland.).  2,  6,  79—81.  epist.  1,  10,  47.  (1,  12,  19?).  1,  18,  69. 
2,  1,  59.  2,  1,  81  (Schreibfehler  der  Hss.).  2,  2,  75  (zweimal), 
ars  93.  Dazu  geben  mit  verschiedenen  erwünschten  Bestäti- 
gungen strittiger  oder  in  den  Hss.  schwankender  Lesarten  die 
Excerpta  de  comoedia  (Donat  in  Ter.  ed.  Wessner  p.  25)  die 
Verse  ars  poet.  275—288.  Keinen  selbständigen  Wert  hat 
das  Citat  der  ars  des  Donatus  zu  carm.  1,  6,  6. 

Nächst  Priscian  die  wichtigste  Quelle  indirecter  Horaz- 
überlieferung  ist  der  Commentar  des  Servius  zu  VergiL 
Das  erhellt  klärlich  aus  der  großen  Zahl  der  angeführten 
Verse,  rund  300,  die  hier  alle  herzusetzen  keinen  Zweck  hat22). 
Ich  berühre  nur  die  wegen  Varianten  bemerkenswerten  Stellen  : 
es  zeigt  sich ,  daß  von  den  vielfachen  Fehlern  unserer  Hss.- 
Klassen  (namentlich  der  Gruppe  <I>)  Servius  völlig  frei  ist,  denn 
natürlich  darf  man  nicht  Fehler,  die  in  jeder  Hs.  von  neuem 
vorkommen  konnten,  hier  als  Zeugen  nehmen,  z.  B.  colchos 
statt  tokos  epod.  5,  21. 

Ebensowenig  können  für  die  Geschichte  der  Ueberlieferung 
verwertet  werden  nicht  ausdrücklich  bezeugte  Varianten  wie 
carm.  1,  12,  11  Doctum  statt  Blandum,  wo  der  Citierende  nur 
das  Verständnis  des  Citats  sichern  wollte.  Aehnlich  Nec  statt 
Et  carm.  1,  14,  5,  Attollens  statt  Et  tollem  carm.  1,  18,  15, 
carm.  1,  34,  6  im  Gitat  ausgelassen,  2,  16,  15.  3,  4,  77.  3,  10, 
14.  4,  6,  26.  4,  7,  25.  4,  8,  6  Qualis,  serm.  1,  2.  29  tegit,  epist. 
1,  2,  65  cervinam  catulus  statt  tempore  cervinam;  Gedächtnis- 
fehler scheint  epist.  1,  3,  19  vulpecula  ausdrücklich  statt  cor- 
nicula. 

An  anderen  Stellen  bleibt  unsicher,  ob  wir  von  Servius 
gelesene  Varianten  oder  Schreibfehler  der  Servius-Hss.  anzuer- 
kennen haben:  so  crepet  carm.  1,  18,  5  statt  crepat,  2,  6,  18 
umbras  statt  brumasy  2,  14,  23  invisam  cupressum  statt  des 
Plurals,  4,  8,  6  prodidit  statt  protulit,  serm.  2,  6,  27  multum 
statt  certum,  ars  53  cadant,  334  Et,  339  Nec. 

Sicher  Fehler  der  Servinshss.  liegen  vor  z.  B.  carm.  4, 

")  Die  Sammlungen  Keller-Holdere  konnte  ich  nachprüfen  an  einem 
mir  von  Rabbow  und  Dittmann  freundlichst  vermittelten  index  Ha  gen s: 
es  zeigt  sich  auch  hier  die  bewundernswerte  Genauigkeit  der  Arbeit 
Keller-Holden,  denn  nur  ein  Citat  fehlte:  carm.  1,28,  32  vices-ipsum 
steht  bei  Serv.  Aen.  2,  433. 


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272 


Vollmer, 


8,  6—8  (Ordnung),  serm.  2,  5,  39  Persitts  statt  Horatius  ge- 
nannt, 2,  5,  55  Plenumque,  epist.  1,  13,  19  Valde  statt  Vade. 

Aber  von  hohem  Werte  sind  ausdrückliche  Citate  wie 
carm.  1,  12,  41  iticomptis  (gegen  Quint.)  1,  13,  2  cerea  gegen 
lactca  (Caper),  carm.  2,  18,  30  sede  gegen  fine  der  Horazhss., 
3,  30,  12  regnavit,  4,  14,  28  meditatur. 

Willkommen  sind  natürlich  auch  nicht  ausdrücklich  be- 
zeugte Lesungen  da  wo  die  Hss.  des  Horaz  schwanken  z.  B. 
serm.  1,  5,  1  accepit  Serv.  gegen  excepit  der  zweiten  Klasse, 
epist.  1,  7,  21  ingratos,  1,  8,  12  ucntosvs,  ars  339  uelit. 

Ja  directe  Fehler  klären  unsern  Einblick  in  die  Textge- 
schichte: wenn  Servius  3mal  ars  poet.  45.  46  in  verkehrter 
Ordnung  citiert  d.  h.  ebenso  falsch  wie  unsere  Hss.  ordnen, 
so  geht  dieser  Fehler  doch  wohl  auf  die  Ausgabe  des  Pro- 
bus zurück.  So  enthalten  die  Servius-Citate ,  wenn  sie  nur 
richtig  interpretiert  und  gewürdigt  werden,  höchst  schätzbares 
Material  *s). 

Weniger  zahlreich  und  minder  wichtig  sind  die  Horazci- 
tate  in  den  unter  dem  Namen  des  Servius  gehenden  rein  gram- 
matischen Schriften:  vgl.  zu  carm.  2,  7.  3.  3,  1,  17  (auch  Char. 
Pomp.).  3,23,3.  3,24,21.  epod.  17,  48  (mit  anderen),  ars 
298;  nur  ars  100  wird  die  Bestätigung  von  volcnt  gegen  die 
2.  Hss.-klasse  willkommen. 

Hier  führen  uns  die  durch  sehr  alte  Hss.  überlieferten 
Schriften  de  ccntnm  metris  und  de  metris  Horatii  (darin  die 
Fehler  carm.  1,  27,  1  usus,  2,  13,  1  Molo  statt  llle)  auf  die 
Metrik  er  überhaupt.  Sie  citieren  alle  ersten  Verse  der 
Oden  und  der  Epoden ,  dazu  verschiedene  andere :  aber  alle 
diese  Tractate  tragen  deutlich  die  Zeichen  fortgesetzter  Schul- 
und  GelehrtenbenUtzung,  stehen  zudem  durch  Quellen  Verwandt- 
schaft in  engsten  Beziehungen,  so  daß  vereinzelte  Zeugnisse 
über  Varianten  sich  meist  als  Fehler  leicht  ausweisen,  jedenfalls 
aufs  schärfste  zu  controlieren  sind.    Daß  sich  trotzdem  ein 

-*)  Ein  Urteil  wie  bei  Keller,  Epilegomena  S.  799  'Desgleichen 
sind  auch  die  bei  verschiedenen  untiken  ^chriftatellern  vorkommenden 
Horazcitate ,  wofern  sie  von  unserru  Archetyp  abweichen,  öämmtlich 
ohne  Bedeutung  für  die  Textkritik'  war  auch  im  Jahre  1879  kurzsich- 
tig und  unvorsichtig.  Wie  viel  richtiger  verfuhr  doch  schon  Dillen- 
burg er,  Zeitschr.  f.  d.  Gymn.  Wes.  II  1863  p.  322  ff. ! 


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Die  üeberlieferuDgscreachichte  des  Horaz.  273 


wertvolles  Resultat  aus  ihnen  gewinnen  ließ,  sahen  wir  oben 
(S.  262).  Ein  anderes  ergiebt  sich  zu  carm.  8,  7,  1  wo  Can- 
dida bei  Diomedes  allein  erhalten  ist:  es  spielt  sicher  mit  dem 
Namen  Asterie,  während  die  candidi  Favonii  vergeblich  von 
den  Erklärern  mißdeutet  werden. 

Ich  kehre  zu  den  Scholiasten  zurück.  Die  S  c  h  o  1  i  e  n 
zu  Juvenal  bringen  carm.  1,  6,  17.  1,  38,  1.  2,  2,  5.  2,  5, 
22  f.  2,  19,  1.  4,  4,  36  (wo  ihr  Zeugnis  für  Dedecorant  mir 
sehr  verdächtig  ist,  wenn  es  überhaupt  so  tradiert  ist),  epod. 
8,  19  f.  sat.  1,  2,  6  (wo  depellere  aus  der  2.  Hss.-Klasse  stammt: 
also  das  Citat  karolingisch  ?).  1,  9,  10.  1,  9,  78.  Schwierigkeiten 
macht  das  Citat  schol.  Juv.  3,  192  proni  Tiburis:  in  praeci- 
piti  posita,  ut  Horatius  'clivumque  supinuni*,  das  man  gerne 
auf  carm.  3,  4,  23  Tibur  supinum  beziehen  möchte,  zu  dem 
doch  der  Wortlaut  nicht  stimmt.  Aber  ein  Horazfragment  zu 
statuieren  reicht  die  Sicherung  der  Ueberlieferung  nun  und 
nimmer  aus  (über  Buch  I  s.  u.  Ö.  281  Anm.  37):  es  wird  Con- 
tamination  von  Citaten  oder  Namenverwechslung  vorliegen. 

In  den  comuienta  Berne  nsia  Lucani  finden 
sich  folgende  Horaz- Stellen :  carm.  1,  7,29.  1,10,19.  2,7, 
26  f.,  4,  9,  2  in  andern  Lucan-Scholien ,  die  vielleicht  nicht 
minder  echt,  aber  nicht  verläßlich  herausgegeben  sind,  carm.  1, 
1,  25.  1,  10.  11.  2,  10,  9—12.  epod.  1,  1  serm.  2,  4,  29.  epist. 
1,  1,  28.  1,  11,  22.  ars  4.  50.  471:  alles  ohne  bemerkenswerte 
Varianten;  nur  serm.  1,  3,  27  liest  man  eine  krasse  Interpo- 
lation im  Voss.  II.,  deren  Alter  ich  nicht  zu  bestimmen  ver- 
mag: Ut  lynx  vel. 

Autfallend  viel  Horazverse  werden  in  den  Scholien  zu 
Statius  angeführt.  Davon  stehen  einige  auch  bei  Servius  u.  a., 
die  Mehrzahl  scheint  von  Placidus  selbst  herangezogen  zu  sein. 
Ich  zähle  alle  auf:  carm.  1,  13,  3.  1,  1,  14.  1,  1,  24  mit  ?  de- 
testanda.  1,  2,  26  dreimal.  1,  3,  20  dreimal  mit  Bestätigung 
von  acroceraunia.  1,  4,  4  (cf.  Prise).  1,  7,  2  zweimal.  1,  7,  9 
mit  Serv.,  1,  7,  10  (Ncc  nie  statt  Me  -nee).  1,  10,  3  nach  Serv. 
1,  12,  13  mit  parentis.  1,  12,  37  (cf.  Prise).  1,  12,  51.  1,  14,  1 
(cf.  Quint.).  1,  15,  5  (mit  Proteus  statt  Nereus  der  Horazhss. 
wohl  aus  Porph.).  1,  15,  22  (frei  gestellt).  1,  17,  8.  1,  23,  11  f. 


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271 


Vollmer, 


1,  27,  1  f.  1,  32,  14 2*).  2,  3,  24.  2,  9,  10.  2,  9,  21  f.  2,  12,  22 
(cf.  Serv.).  3,  2,  31  f.  (cf.  Serv.).  3,  4,  64  mit  der  Glosse  (zu 
Patarcus)  Lycius  statt  Belius.  3t  4,  72  zweimal  3,  16,  5—7 
mit  dem  Schreibfehler  m'mssd.  3,  22,  7.  3,  29,  61  Addunt 
statt  Addant  zur  Vereinfachung  des  Citats.  4,  6,  21 — 24  mit 
viäus.  epod.  7,  17  mit  der  Glosse  premunt  statt  agunt.  8,  11. 
10,  1  (cf.  Serv.).  15,  21 ai).  serm.  1,  1,  68.  1,  2,  29  (cf.  Serv.). 

2,  1,  26.  epist.  1,  2,  57.  ars  158. 

Bevor  ich  nun  zu  den  reichen  Horazci taten  bei  Priscian 
übergehe,  muß  ich  der  zeitlichen  Ordnung  wegen  die  großen 
Kirchenväter  erwähnen.  Von  ihnen  hat  besonders  Hierony- 
mus den  Dichter  eifrig  gelesen  und  gern  citiert:  wir  lesen 
bei  ihm  carm.  2, 10,  11  dreimal.  2,  14,  1  zweimal.  3,  3,  7  f.  gar 
viermal;  weiter  3,  30,  1.  serm.  1,  3,  1 — 2  frei  citiert.  1,3,  68 
zweimal;  1,  6,  66.  1,  8, 1—4  möglicherweise  aus  Lact,  übernom- 
men. 1,  9,  59  mit  sinn  verdeutlichender  Umstellung.  1,  10,  1  frei 
citiert.  1,  10,  84  zweimal,  einmal  freier  citiert.  1,  10,  72  vertat 
statt  vertas  der  Deutlichkeit  halber,  epist.  1,  1,  99  und  100 
der  Bequemlichkeit  wegen  umgestellt.  1,  2,40.  1,  2,  55.  1,  2, 
56.  1,  3,  31.  1,  4,  15—16.  1,  11,  27  bequem  in  den  Singular 
gesetzt.  2,  1,  114—117  zweimal,  ars  21.  88.  94  desaeviet  statt 
delitiyat  wohl  der  Deutlichkeit  halber.  133  mit  richtiger  Wort- 
stellung. 139  das  Praesens  bequemer.  147  Et  statt  Nec  des 
eigenen  Zusammenhangs  wegen.  359  frei  citiert.  390. 

Weniger  oft  wird  Horaz  verwendet  von  Augustinus: 
bei  ihm  lesen  wir  carm.  2,  2,  9 — 12.  serm.  2,  7,  86.  epist.  1, 
1,  36-  37  zweimal.  1,  2,  40.  1,  2,  69.  1,  7,  29  mit  der  höchst 
wichtigen  Bestätigung  von  vulpecula  unserer  Hss. ;  1,  10,  41. 
1,  16,  55.  ars  390  vielleicht  aus  Hier. 

Zweimal  nur  gebraucht  Symmachus  Worte  des  Horaz: 
epist.  1,  47  Circac  poeula  (cf.  Hör.  epist.  1,  2,  23)  ist  kein 
wirkliches  Citat,  und  ars  poet.  1  wird  frei  umschrieben. 

Dagegen  nimmt  Ausonius  in  seine  eigenen  Werke 
hinüber  carm.  1,  12,  33.  2,  3,  15.  3,  11,  38.  4,  7,  16.  epod.  5, 
27  f.  epist.  2,  2,  4,  citiert  carm.  2,  16,  27.    Gewiß  keinen 


**)  Diese  Verse  resp.  die  Scholien  mit  ihnen  fehlen  in  der  auf  un- 
genügender handschriftlicher  Grundlage  gemachten  Ausgabe  Jahnkes. 


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Die  Ueberlieferungsgeachichte  des  Horaz.  275 


Ueberlieferungswert  hat  ars  Hl  f.  moenia  bei  Ps.  Auson  445, 
in  den  periocbae  Odysseae. 

Sidonius  umschreibt  frei  carm.  saec.  1,  ars  poet.  15 
und  21,  citiert  wörtlich  sat.  2,  1,  82  ohne  Variante. 

Nach  Serviuß  hat  niemand  eine  so  reiche  Fülle  von  Ho- 
razcitaten  wie  P  r  i  s  c  i  a  n  u  s.  Sie  gehen  natürlich  zum  über- 
großen Teile  auf  ältere  Grammatiker  zurück,  sind  aber,  wo 
diese  verloren  gingen,  für  uns  höchst  wertvoll.  Man  findet 
ein  vollständiges  Verzeichnis  in  Hertz'  Priscian.  II  (gramm.  III) 
p.  535  ff.,  ich  brauche  also  hier  nur  die  Varianten  betreffenden 
Stellen  zu  berühren,  carm.  1,  15.5  sichert  Priscians  Citat  die 
Lesung  Nereus;  carm.  1,  37,  23  ist  cnscs  statt  ensem  nicht 
ausdrücklich  bezeugt,  also  vielleicht  Schreibfehler;  2,  2,  19  ist 
die  Wortstellung  zur  Verdeutlichung  der  Construction  geändert; 
2,  13,  5  patris  statt  parentis  die  Glosse  statt  des  Textwortes 
abgeschrieben;  2,  13,  40  ausdrücklich  timidos  gesichert;  3,  4, 
69  wird  wie  2,  17,  14  nicht  ausdrücklich,  aber  durch  zwei- 
maliges Citat  gigas  gesichert ;  3,  6,  10  Non  auspicatos  bestä- 
tigt  gegen  die  erste  Klasse;  3,  6,  11  ist  leider  das  an  sich  sehr 
gute  nostris  nicht  ausdrücklich  bezeugt,  sonst  würde  ich  nicht 
anstehen,  nostros  in  unsern  Hss.  für  angeglichen  an  impetus 
zu  erklären ;  3,  6,  44  ist  in  aheunte  nocte  die  Glosse  zu  abeunte 
curru  in  den  Text  geglitten ;  für  3,  14,  14  scheint  die  Stelle  4, 
15,  18  zu  beweisen,  daß  Priscians  leider  nicht  ausdrückliches 
Citat  mit  exigit  (so  auch  n)  zur  Bestätigung  der  Lesung  von 
B  exiget  zu  verwerten  ist,  während  alle  andern  Hss.  eximet 
geben;  freilich  ist  die  Möglichkeit  nicht  abzuweisen,  dass  B 
und  7i  ihr  exig-  aus  Priscian  selbst  haben.  4,  2,  10  Cum  statt 
Seu  natürlich  zur  Verdeutlichung  des  Citates.  carm.  saec.  49 
wird  bobus  bestätigt.  Serm.  1,  2,  120  paulum  Prise,  vgl.  S. 
283  Anm.  42;  1,  8,  38  veniant  statt  veniat  vielleicht  richtig; 

vivimus  bestätigt ;  2,  1,  42  ferrum  (nicht  ausdrücklich) 
statt  telum;  2,  2,  121  tum  mit  <I>  gegen  tunc;  2,  3,  97  ne  aus- 
drücklich bestätigt  gegen  que;  2,  3,  117  die  Tmesis  unde- 
odoginta  ausdrücklich  gesichert ;  2,  3f  163  zur  Vereinfachung 
des  Citats  ind.  statt  coni.;  2,  3,  310  maiore  Schreibfehler  der 
Priscianhss. ;  2,  5,  26  partem  statt  artem  dgl.;  2,  7,  109  peccauit 
dgl;  2,  8,  2  Wortstellung  leicht  verändert;  2,  8, 10  ut  bestätigt. 

Phüologa«,  Supplemontbuud  X,  zweite»  Heft.  19 


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276 


Vollmer, 


2,  8,  90  zum  leichtern  Verständnis  edit  in  die  Form  seiner 
Zeit  edat  geändert;  ebenso  epist.  1,6,63  Vlixis  einmal  der 
KOrze  wegen  citiert,  aber  an  einer  andern  Stelle  ausdrücklich 
Vlixei  bestätigt;  1,  13,  6  urat  flüchtig  statt  urä;  1,  17,  30 
angui  bestätigt.    Besonders  interessant  ist  das  Gitat  von  carm. 

3,  17,  4  wo  uns  zuerst  von  duplex  scriptura  und  alii  Codices 
in  der  Horaztradition  berichtet  wird :  Priscian  sagt  6,  72  p.  256, 
16  apud  Horatittm  duplicem  invenio  scripturam  et  1 fastos* 
et  lfastus'  .  .  .  'fastus'  in  aliis  codicibus.  Nun  trifft  es  sich, 
daß  unsere  Horazhss.-Klassen  ziemlich  reinlich  sich  scheiden: 
die  II.  Klasse  hat  fastus,  die  I  (mit  ihr  XIO,  die  oft  aus  ihr 
corrigiert  sind)  hat  fastos,  wie  auch  Servius  liest.  Natür- 
lich würde  weit  in  die  Irre  gehen  wer  aus  diesem  Zufall  fol- 
gern wollte,  Priscian  habe  bereits  unsere  beiden  Hss.- Klassen 
vor  Augen  gehabt:  höchst  wahrscheinlich  besagt  seine  Notiz 
weiter  nichts,  als  daß  in  seinem  eigenen  Exemplar,  das  fastos 
hatte,  zunotiert  war  aL  fastus. 

Die  Gitate  des  Eutyches,  Priscians  Schüler,  sind  we- 
niger zahlreich  und  auch,  weil  ohne  erhebliche  Varianten,  we- 
niger wichtig.  Citiert  werden:  Hör.  carm.  1,  2,  7  (cf.  Serv.). 
1,  4,  4  (cf.  Prise.).  1,  5,  13-16.  1,  34,  3—5.  2,  3,  18.  3,  27, 
25—28.  4,  4,  34.  epod.  12,  11.  serm.  1,  2,  34.  1,  2,  45.  1,  3, 
66.  1,  5,  24.  1,  6,  125  (cf.  Serv.).  1,  8,  46  (cf.  Prise).  1,  9,  76. 
1,  10,  71.  1,  10,  79  (ind.  zur  Erleichterung  statt  coni.).  2,  2, 
10  (coni.  st.  ind.).  2,  7,  35.  epist.  1,  12,  8.  1,  18,  40  (zerstörte 
Ueberlieferung).  2,  1,  33  (saltamus  statt  ludamur  aus  dem 
vorhergehenden  Citat).  2,  1,  126.  2,  2,  159. 

Reihe  ich  hier  noch  an ,  daß  B  o  e  t  h  i  u  s  sat.  2,  5,  59 
citiert,  so  meine  ich  die  für  die  Ueberlieferungsgeschichte  be- 
deutsamen Citate  erschöpft  zu  haben.  Denn,  abgesehen  von 
zwei,  wie  ich  denke,  auch  abgeleiteten  Citaten  bei  Venant.  Fort, 
(ars  9)  und  bei  Braulio  (sat.  1,  4,  34),  finden  wir  vom  6.  Jahrh. 
ab  außer  bei  Golumba  keine  directen  florazeitate  mehr  bis  zu 
den  Karolingern.    Doch  davon  später  genauer. 

Was  lehrt  uns  nun,  abgesehen  von  der  Controle  unserer 
Hss.  im  einzelnen,  diese  indirecte  Ueberlieferung?  Vor  allem 
dies,  daß  die  Tradition  unserer  Hss.  im  ganzen  zuverlässig 


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Die  Ueberlieferun^geschichte  des  Horaz.  277 


und  sicher  ist.  Denn  an  wirklich  ernsthaften  Varianten,  die 
nicht  in  unsern  Hss.  auftauchen,  lernen  wir  in  Hunderten  von 
Versen  durch  die  indirecte  Ueberlieferung  nur  kennen  sat. 
1,  2,  27  =  1,  4,  92  BucciUus  Seneca,  carm.  1,  13,  2  lactea  Ca- 
per  gegen  cerea  Hss.  und  Servius,  3,  7,  1  Candida  (Diomed.) 
statt  candide,  vielleicht  3,  14,  19  vagacem  Char.  (nicht  direct 
bezeugt),  2,  18,  30  sede  Serv.,  3,  6,  11  nostris  Prise,  (nicht  aus- 
drücklich bezeugt).  Freilich  trifft  es  sich,  daß  die  schwersten 
Wunden  unserer  Ueberlieferung  in  den  Citaten  nicht  erschei- 
nen ;  aber  wir  würden  noch  viel  öfter  unsicher  sein,  wenn  uns 
nicht  die  indirecte  Ueberlieferung  im  Wirrwarr  der  hand- 
schriftlichen Varianten  Führer  und  Licht  wäre. 

II. 

Nun  zu  dieser  directen  handschriftlichen 
Ueberlieferung  des  Horaz  selbst.  Natürlich  kann  von 
einer  umfassenden  Beurteilung  derselben  überhaupt  erst  seit 
Keller-Holders  Ausgabe  die  Rede  sein.  Die  ausführlichste 
und  verständlichste  Darstellung  dessen,  was  die  Herausgeber 
selbst  gefolgert  haben,  finden  wir  in  Kellers  Epilegomena 
zu  Horaz  S.  777  ff.  Schon  sie  sahen  ein 26),  daß  unsere  Hss. 
auf  ein  Archetypon  zurückgingen ;  freilich  nahm  Keller  wieder 
dieser  Erkenntnis  alle  Wahrscheinlichkeit,  indem  er  dies  Arche- 
typon ins  erste 26)  oder  zweite  Jahrhundert  n.  Chr.  setzte :  was 
in  aller  Welt  sollte  denn  damals  Liebhaber  und  Schulmänner 
veranlaßt  haben,  ihre  Exemplare  nur  aus  einem  und  demselben 
Codex  abzuschreiben?  Und  einen  einzigen  Codex  für  den 
ganzen  Horaz  gab  es  doch  damals  überhaupt  nicht.  Also: 
eine  richtige  Erkenntnis87)  ad  absurdum  geführt  durch  eine 
ganz  unwahrscheinliche,  weil  unhistorische  Erklärung. 

Einen  anderen  Weg  schlug  Christ  ein  (Horatiana  p. 
114);  er  meint:  'die  alten  .  .  .  Codices  .  .  .  gehen  auf  mehrere 

")  Denn  das  Märchen,  Bentley  habe  geglaubt,  alle  unsere  Hss. 
gingen  auf  die  recensio  des  Mavortius  zurück  (entstanden  aus  Bentley 
praef.  p.  XXIV)  tat  ab  Peerlkamp  p.  XX III. 

,6)  Die  vermeintlichen  Indicien  für  Neronische  Zeit  (Epileg.  zu 
carm.  3,  17,  1  und  ars  387)  sind  phantastisch. 

*7)  Das  Verzeichnis  der  den  Hss.  gemeinsamen  Fehler  (Epileg.  p. 
778)  ist  richtig  begonnen:  wie  eB  aussehen  mußte,  wird  im  folgenden 
(S.  279)  sich  zeigen. 

19* 


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278 


Vollmer, 


mindestens  drei  Archetypi  des  Altertums  und  zwar  des  5.  oder 
6.  Jahrhunderts  zurück'.  Dabei  sind  übersehen  oder  nicht  an- 
erkannt diu  allen  unseren  Hss.  gemeinsamen  Fehler. 

Consequenter  und  durchgreifender  ist  der  Versuch  28),  den 
Leo  (a.  a.  0.)  bei  Gelegenheit  der  Anzeige  von  Keller- Holders 
zweiter  Auflage  macht,  die  Gesamtheit  unserer  Ueberlieferung 
zu  erklären.  Daß  diese  eine  'einheitliche'  ist,  erkennt  auch 
Leo  (S.  851  f.).  Er  folgert  das  in  Ergänzung  des  Kellerschen 
Beweises  mit  Recht  einmal  aus  der  trotz  der  Verschiebung 
von  ars  poetica  und  Satiren  doch  im  ganzen  einheitlichen  An- 
ordnung der  verschiedenen  Bücher  in  den  Hss.,  die  um  so  be- 
weiskräftiger ist,  als  sie  auf  Willkür  beruht,  d.  h.  weder  so 
weit  wir  wissen  auf  Horaz  selbst  zurückgeht 29)  noch  chrono- 
logischer Folge30)  entspricht,  weiter  aus  der  Gleichheit  der 
Büchertitel,  die  freilich,  weil  sie  vom  Dichter  selbst  herstammt, 

i8)  Nur  als  solchen  will  ihn  Leo  selbst  gelten  lassen  ;  vgl.  S.  856  oben. 

**)  lieber  die  Frage  einer  Gesamtausgabe  durch  Horaz  selbst  rich- 
tig Christ,  Horatiana  S.  87,  der  nur  die  Technik  der  Edition  nicht  be- 
rührt. Horaz  hätte  selbst  bei  einer  Gesamtausgabe  seiner  Werke  kein 
anderes  Mittel  gehabt  ihre  Folge  dauernd  festzulegen  als  sie  durchzu- 
numerieren. Es  gab  eben  damals  noch  kein  'Buch'  irgend  welcher  Art, 
das  alle  Horatiana  zugleich  gefaßt  hatte.  Von  einer  Durchnumerierung 
der  Horazischen  Gedichtbücher  aber  giebt  unsere  Ueberlieferung  nicht 
die  mindeste  Spur.  Denn  der  Zungemeistersche  Traum  von  einem  Com- 
mentar  des  Scaurus  zu  10  Büchern  Horaz  ist  eben  ein  Traum;  die  Ci- 
tate  sagen  klipp  und  klar,  daß  Scaurus  10  Bücher  Gommentar  zur 
ars  poetica  geschrieben  hat,  und  das  ist  bei  der  Menge  deB  darin  zu 
besprechenden  literarischen  Materials  durchaus  glaubwürdig. 

80 )  Ich  halte  für  beinahe  sicher,  daß  bei  der  definitiven  Zusammen- 
schreibung von  Volumina  in  einen  Codex  wie  bei  den  plautinischen 
Stücken  die  (nur  auf  den  ersten  Buchstaben  sich  erstreckende)  alpha- 
betische Ordnung  maßgebend  war:  dann  wäre  die  in  der  U.  Klasse 
überlieferte  Ordnung  die  althergebrachte: 
C  armina 

De  arte  poetica  » 
£  podon 

carm.  saeculare 
E  pistulae 
S  ermones 

Daß  das  kleine  carm.  saec.  unstät  bleiben  konnte,  zeigt  ja  auch  Porph. 
So  würden  sich  am  leichtesten  die  Ordnungsänderungen  verstehen :  Apo- 
graphon  I  wurde  von  jemand  gemacht,  der  sich  besonders  für  die 
lyrischen  Metra  interessierte  (eine  Parallele  bietet  die  im  Bernensis  er- 
folgte Umordnung  sogar  der  einzelnen  Gedichte  nach  den  Versmaßen) 
und  darum  die  hexametrische  Ars  vor  die  Epist.  u.  Serm.  zurückschob  ; 
über  die  auf  Grund  von  Porphyrions  chronologischer  Notiz  zu  epist. 
1,  1,  1  in  späteren  Vertretern  von  Klasse  II  erfolgte  Umordnung  von 
epist.  nach  sat.  s.  unten  S.  290  Anm.  70.  Daß  noch  Nonius  den  Horaz 
in  einzelnen  Rollen  hatte,  zeigt  Fr.  Marx,  Lucilius  S.  LXXXIII. 


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Die  Ueberlieferungsgeschichte  des  Horaz.  279 

nicht  viel  beweist,  sodann  aus  den  Titeln,  Charakterisierungen, 
Inhaltsangaben  der  einzelnen  Gedichte,  die  in  der  Tat  auf  ein- 
heitliche ,  nach-Horazische  Formulierungen  zurückgehen S1). 
Endlich,  und  das  ist  das  wichtigste,  auch  von  Leo  an  erster 
Stelle  behandelte:  aus  den  allen  Hss.  gemeinsamen  Corrupteln. 

Aber  Leo  interpretiert  diese  Einheitlichkeit'  anders  als 
ich  für  richtig  halten  kann.  Ich  muß  darum  das  von  ihm 
nur  angedeutete  Material  vollständig  vorlegen. 

Wenigstens  für  die  allen  Hss.  gemeinsamen  Corruptelen. 
Denn  sie  sind  und  bleiben  3*)  unser  schärfstes  Mittel,  der  Ge- 
schichte einer  Ueberlieferung  nachzuspüren.  Titel  und  Scho- 
lien sind  ihrer  Natur  nach  jeder  Veränderung  ausgesetzt:  sie 
werden  verbreitert,  gekürzt,  geändert  nach  dem  Belieben  des- 
sen, der  sich  die  neue  Hs.  herstellt :  nur  was  der  Schreiber 
nicht  nach  Willkür  herstellen  kann,  verlorene  oder  bis  zur  Un- 
kenntlichkeit verderbte  Worte  des  Autors  selbst  können  in  einer 
so  verwickelten  Ueberlieferung  wie  der  des  Horaz  als  untrüg- 
liche Wegweiser  angesehen  werden. 

Es  folge  also  ein  Verzeichnis  der  in  allen  unsern  Hss. 
sich  findenden  überlieferten  Fehler  im  Texte  des  Horaz38). 
carm.  1,  2,  39    mauri  Hss.  Porph.,  Marsi  Bentley. 

12,  31    quia  (qui  B)  Hss.  (Bland.)34),  (metri- 
scher Fehler),  Verbesserung  unsicher. 

31 )  Darüber  unten  S.  315  Anm.  126. 
8S)  Trotz  Christ,  Horatiana  p.  105. 

ss)  leb  füge  aus  später  zu  erklärendem  Grunde  ausdrücklich,  wo 
er  bekannt,  den  Bland,  antiquissimus  zu,  desgl.  Porph.  und  die  andern 
Scholien,  natürlich  nur  die  wirklich  interpretierten  Lesarten,  nicht  falsche 
Lemmata  und  Zufälligkeiten.  Bland,  ohne  Klammer  bedeutet  ausdrück- 
liches Zeugnis  des  Gruquiua  wie  'Bland,  antiquissimus'  oder  '4.  Bland.\ 
(Bland.)  in  Klammern  allgemeiner  gefaßte  oder  indirecte  Bezeugungen. 

**)  Ich  glaube,  daß  hier  Porph.  die  letzte  Spur  des  Echten  bewahrt 
hat,  denn  von  einer  Verschreibung  wie  quod  in  D1  (R1?)  oder  einer 
Conjectur  wie  qua,  die  eine  hier  ganz  unverständliche  Beschränkung 
des  Gedankens  einführen  würde,  darf  ich  wohl  absehen.  Porph.  sagt: 
'quia  voluere'  pro  cum  {con  trad.)  voluere.  Eine  merkwürdige  Glosse: 
quia  verstand  im  8.  wie  in  späteren  Jahrhunderten  jedermann!  Viel 
eher  bedurfte  causales  cum  einer  Glosse.  Gewiü  ist,  wie  so  oft,  das 
Lemma  in  Porph.  interpoliert  und  wir  haben  zu  versuchen,  ob  nicht 
aus  der  Erklärung  das  alte  echte  Lemma  zu  gewinnen  sei.  Ich  vermute 
Porph.  schrieb:  'ut  voluere*  pro  cum  voluere;  temporales  ut,  bei  Horaz 
gewöhnlich,  bedurfte  später  der  Erklärung.  Es  leuchtet  aber,  meine 
ich,  ein,  wie  gut  ut  dem  simul  v.  '27  entspricht,  das  auch  1,  9,  9  im 
gleichen  Gedanken  steht.  Das  quia  der  Hss.  (quae  O2  Conjectur)  ist 
nichts  als  schiefe  Glosse  für  ut,  das  causal  interpretiert  wurde. 


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280 


Vollmer, 


carm.  1,  20,    1")  potabis  Hss.  Porph.,  potavi  Vollmer 3C). 
5    care  Hss..  clare  s 
21,  13    Hic  Hss.,  Haec  Duhamel. 
23,    1    Uitat  Hss.  (metrischer  Fehler),  Uitas 
(comm.  Cruq.)  e 
5    ueris  .  .  .  aduentus  Hss.  Bland.  Porph., 
uepris  . .  .  ad  uentum  Gongavinus  und 
Mure  tu«. 

25,  20   hebro  Hss.  Porph.,  mro  z 
27,  19    laborabas  (laboras  E50)  Hss.  Bland.,  la- 
boras  in  g 

31,  987)  calena  Hss.,  calenam  lemma  Porph. 

s&)  1,  13,  2  halte  ich  trotz  Bentley  das  von  Serv.  und  auch  wohl 
▼on  Porph.  (d.  h.  schol.  Ar)  ausdrücklich  bezeugte  cerea  für  richtig. 
Das  Citat  bei  Gaper  gramm.  VII  98,  3  mit  der  Lesung  lactea  scheint 
interpoliert,  freilich  vor  dem  9.  Jahrh.,  da  es  in  unsern  ältesten  Hss. 
schon  steht. 

M)  Die  Un Verständlichkeit  des  kleinen  Gedichtes  in  der  überliefer- 
ten Form  wird  allgemein  anerkannt  und  ist  durch  zahllose  Conjecturen 
für  v.  10  Tu  bibes  (zuletzt  Leo,  Hermes  38,  306  Tu  dares)  zum  Ausdruck 
gebracht.  Durch  potavi  lösen  sich  alle  Schwierigkeiten ;  natürlich  ge- 
hört nun  der  Temporalsatz  datu*  in  tfieatro  cum  tibi  plausus  nicht  zu 
levi  sondern  zu  potavi.  Damit  findet  das  ganze  Gedicht  verständliche 
Veranlassung  und  Datierung:  Horaz  legt  scherzend  dem  Gönner  nahe, 
ihn  den  Freudentag  bei  besseren  Sorten  mitfeiern  zu  lassen.  —  Aber 
die  Metriker  lesen  alle  potabis?  Nein,  keiner  bezeugt  ausdrücklich 
dies  Wort,  sie  citieren  nur  um  des  Versmaßes  willen,  und  ihre  Ci- 
tate  sind  nach  den  landläufigen  Hss.  des  Horaz  selbst  abcorrigiert. 
Darüber  mehr  zu  carm.  1,  8,  2  S.  262.  Aber  Porphyrio  bezeugt  aus- 
drücklich potabis  mit  den  Worten  Maecenatem  ad  cenam  invitai  u.  s.  w.  ? 
Das  beweist  nur  das  Alter  des  Fehlers.  Darüber  weiter  unten  im  Zu- 
sammenhange (S.  314  f.). 

ST)  Ich  muß  in  diesem  Zusammenhange  auf  einen  alten,  zuletzt 
von  L.  Müller,  Q.  Horatius  Flaccus.  Oden  und  Epoden  I  S.  127  mit 
Recht  wieder  hervorgehobenen  Gedanken  zurückkommen:  sein  nächster 
Ertrag  ist  zwar  die  Fälschung  der  Pallavicini'schen  beiden  Oden  ge- 
wesen, aber  zu  Ende  gedacht  werden  muß  er  doch  ganz  gewiß.  Der 
Bestand  unsers  1.  Odenbuches  mit  38  Gedichten  ist  besonders  auffällig, 
da  carm.  1,  38  Persicos  odi  puer  apparatus,  mit  den  kleinen  Gebeten 
carm.  1,  80  und  3,  22  das  kleinste  Gedicht,  einen  sehr  lahmen  Buch- 
schluß gegen  die  deutlichen  Schlußgedichte  2,  20.  3,  30  abgiebt.  Wie 
anders  epod.  17,  das  Prachtstück,  als  letztes  einer  unregelmäßigen  Ge- 
dichtzabl!  Man  kann  doch  bei  allem  Respect  vor  der  Tradition  von 
Jahrhunderten  die  Absicht  der  runden  Zahlen 

sat.  I      10  Gedichte 
carm.  II       20  , 

.    HI  30 
epist.  I  20 

nicht  verkennen:  sollte  da  (die  17  Epoden  stehen  abseits)  wirklich  das 

erste  Buch  carmina,  das  doch  mit  11  und  III  zusammen  redigiert  ist, 


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Die  Ueberlieferungsgeachichte  des  Horas. 


281 


carm.  1,  31,  18   at  Hss.,  ac  * 

2,  18,  30   fine  Hss.,  sede  Serv.  Aen.  6,  152  aus- 

drücklich. 

3,  1,  39    et  aasgelassen  Hss. 

14,  11    iam  uirum  expertae  (schol.  AT)  male 
(n)ominatis  (Porph.)  (omitiatis  Bland.) 
Hss.,  Verbesserung  unsicher. 
20,    8    Uli  Hss.  schol.  T,  illa  Peerlkamp. 

24,  4    Tyrr(h)enum  oder  IVVr-Hss.,  Terrenum 

Porph.  Lachmann. 

25,  9    Ex(s)omnis  Hss.  schol.  Ar,  Edonis 

Bentley. 

26,  7    et  arcus  Hss.,  securisque  Bentley. 

27,  60    l(a)edere  Hss.,  elidere  Lambinus. 

4,  2,  49    Teq.  dum  procedis  Hss.  Porph.,  Verbes- 

serung ungewiß. 

4,  17    r(a)eti  Hss.  Porph.,  raäis  O1  Heinsius. 
•  4,  22    Nescire  Hss.,  Nec  scire  AO2  Porph. 38). 

5,  18  Nutrit  (r)ura  Hss.,  Nutrit  farra  Bentley. 
8,  15  ff.  schwer  interpoliert,  nie  zu  heilen ;  die 

Scholiasten  commentieren  verschiedene 
der  unsicheren  Verse. 
4,  10,    5    ligurinum  Hss.,  Ligurinc  Torrentius. 
14,  28    minitatur  Hss.,  meditatur  R  Serv.  zwei- 


xnit  n.  33  versiegen  ?  Langten  des  Dichters  Scheden  wirklich  nicht  zu 
40?  Ich  wäre  der  letzte,  die  Nummern  eines  lyrischen  Gedichtbuches 
zn  zählen,  wenn  ea  nicht  Horaz  offenbar  selbst  getan  hätte.  Hinzu 
kommt,  daß  ich  von  der  Unversehrtheit  von  carm.  1,  38  nicht  sicher 
Überzeugt  bin:  ich  verkenne  nicht,  daß  neque  te  mintstnim  dedecet  myrtus 
als  verblümte  Liebeswerbung  die  Pointe  des  kleinen  Gedichts  gewesen 
•ein  kann,  muß  aber  durchaus  die  Möglichkeit  offen  halten,  daß  die 
Myrten  bei  Herrn  und  Diener  doch  auf  eine  noch  zu  rufende  Myrtale 
oder  Rhode  berechnet  sind.  Es  könnten  also  21/»  carniina  fehlen.  Den 
Verlust  auf  ein  ausgefallenes  Blatt  unseres  Archetypons  zu  schieben 
geht  nicht  an,  da  keinerlei  antike  Tradition,  weder  Grammatiker  noch 
Metriker,  das  etwa  Verlorne  kennen.  Also  müßte  nicht  nur  die  Ausgabe 
des  Porphyrio,  sondern  schon  die  Ausgabe  des  Probus  den  Verlust  ge- 
habt haben.  Das  ist  so  unwahrscheinlich,  daß  wir  nach  einer  andern 
Erklärung  des  Bestandes  carm.  I  1 — 38  suchen  müssen.  Horaz  wird, 
so  meine  ich,  carm.  I  4—88,  d.  h.  35  Gedichte  schon  vor  der  Redaction 
von  Buch  I— III  im  Kreise  des  Maecenas  bekannt  gemacht  haben:  bei 
der  definitiven  Ausgabe  wurden  dann  1 — 3  an  Maecenas,  den  Caesar, 
Vergil  nach  Gebühr  vorangefügt  und  die  metrische  Ordnung  getroffen. 
M)  Bei  Porph.  ist  zu  emendieren  faa  non  est  statt  fas  est  non. 


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282  Vollmer, 

mal  ausdrücklich,  dieselbe  Lesart  geta- 
delt von  Porph.,  minatur  (so)  Non.  in 
Citat  für  diluvium  39). 
epod.  1,    15    laborem  Hss.  (metrisch  falsch),  labore 
Glareanus. 

2,    27    Fontes  Hss.  (Porph.),  Frondes  Markland 
(schol.  A?). 

4,  8    ter  Hss.,  trium  Barth. 

5,  28    currens  Hss.  schol.  AV,  Laurens  Hein- 

sius. 

37    Ex(s)ecta  Hss.  Bland. 

87  magnum  Hss.  Porph.,  maga  non  Haupt. 
7,    13    caceus  Hss.,  caecos  $ 

9,    16    Lücke  nach  v.  16  oder  v.  17  verderbt 
Ad  hunc. 

16,  61.    62    an  falscher  Stelle  Hss.  schol.  TV. 
serm.  1,    1,    81    adftixit  Hss.  (Bland.),  adfixit  $ 

88  Si  Hss.,  sie  7 

108    redeo  nemon  ut  auarus  Hss.,  redeo  qui 
nemo  ut  auarus  Bland.,  redeo:  cum  ne- 
mo ut  auarus  Keck40). 
2,  45 41 )  quidam  .  .  .  demeteret  Hss.,  euidam  .  .  . 
demeterent  g 
49    ut  Hss.,  at  c 
63    ue  Hss.  (Bland.),  nc  sr 


M)  Diese  Stelle  ist  nächst  1,  8,  2  eine  der  lehrreichsten  zu  zeigen, 
wie  genau  die  Grainmatikerzeugnisse  abgewogen  sein  wollen.  Die 
alte  echte  Lesart  meditatur  ist  schon  vor  Porph.  und  Non.  glossiert 
worden:  ungefährlich,  weil  dem  Verse  nicht  genügend,  ist  die  Glosse 
bei  Nonius  minatur,  die  gefahrlichere  minitatur  stand  schon  im  codex 
des  Porph.,  der  sie  in  seiner  Schulmoisterweisheit  vor  dem  guten  medi- 
tatur bevorzugte;  sie  hat  Apographon  1  occupiert;  Apographon  II  über- 
nahm aus  dem  Archetypon  meditatur  mit  der  Glosse  minitatur ,  daher 
konnte  in  R  meditatur  gewahrt  werden,  während  die  andern  Hss.  der 
Klasse  II  das  glattere  minitatur  substituierten.  Dies  ist  der  einzige 
Fall,  wo  eine  Discrepanz  unserer  Hss. -Klassen  schon  in  älteren  Zeugen 
erscheint  (Porph.  rechne  ich  hier  nicht  mit):  daß  er  nichts  für  Zurück* 
datierung  unserer  Klassenteilung  vor  Nonius  beweist,  ist  klar  (vgl. 
S.  297  Anm.  80). 

**)  üeber  diese  Stelle  siehe  unten  S.  311  f. 

41)  Serm.  1,  2,  27  rußllus  Hss.,  buccillus  Sen.  epist  ist  oben  S.  265  f. 
behandelt. 


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Die  Ueberlieferungsgeachichte  des  Horaz. 


283 


serm.  1, 

2,  82 48 

•  ") 

est  ausgelassen  Hss. 

3,  70  ") 

conpenset  Hss.  (Porph.),  conpensat  Sa- 

nadon.1 

4, 

94 

capxtohnxs  Hss.  Capitolmi  a  Porph. 

141 

ueniat  Hss.,  t*eme£  s 

5, 

51 

ctow^  Hss.  (Bland.),  Caudi  Porph.  und  D. 

37 

cogat  Hss.,  ?r 

68 

ac  Hss.,  mm*  lemoia  Porph.  (nec  Bland.). 

102 

peregre  aut  Hss.,  peregreue  % 

12b 

rabio8i  tempora  signi  Hss.  Porph.,  cam- 

pum  lusumq.  trigonem  Bland.  Goth. 

131 

patruus  Hss.  Porph.,  praetor  Bücheler. 

O, 

• 

15 

gwo  wortfo  Hss.,  qua  modo  Bentley. 

10, 

86 

mbuh  Hss.,  Bibtüc  Muretus. 

2,  1, 

31 

gesserat  Hss.  (Bland.),  cesserat  % 

2, 

55 

auidienus  Hss.  metrisch  falsch,  Aufidie- 

nus  g 

112 

puerum  Hss.,  puer  X  Goth.  (emendiert). 

3, 

234 

In  Hss.,  Tm  Bentley. 

4, 

19 

mixto  Hss.,  musto  g 

5, 

36 

quassa  Hss.  (Bland.),  cassa  g 

6, 

54 

ad  Hss.,  at  ?  Goth. 

epist.  1, 

1,  57  u.  58 

in  falscher  Ordnung  Hss. ,  verbessert 

in  E  g 

2, 

5 

distinet  (dest-)  Hss.  (Bland.?),  detinä 

Goth.  z 

3, 

33 

Heu  .  .  Jim  Hss.  (Bland.)  (exempla  Va- 

tic),  Seu  .  .  .  seu  g 

5, 

28 

ad  stimmam  Hss.  (Bland.),  adsumam  E  c 

6, 

50 

s(a)euuin  Hss.,  scaewMm  Pithoeus  (/ac- 

MM?»  E 


**)  Serm.  1,  2.  120  paulo  Hss.,  ixuihtm  Priscian.  18,  245,  aber  das 
Citat  ist  beschädigt,  wahrscheinlich  sind  2  Stellen  contaminiert. 

4S)  1,  3,  56  ist  die  Glosse  cupimus  in  beiden  Hss.-Klassen  mächtig 

geworden.  Nur  Spuren  fähren  auf  das  Echte :  der  cod.  Goth.  (Klasse 
[)  hat  es  erhalten:  furimus,  und  daß  in  der  andern  Klasse  B  fugxmus 
hat,  ist  eine  nur  durch  einen  Schreibfehler  gestörte  Bestätigung  dieses 
Echten. 

**)  1,3,  128  ist  die  Glosse  quomodo  für  qui  die  Ursache  geworden, 
daß  in  allen  Hss.  außer  B  zu  lesen  steht  quo. 


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281 


Vollmer, 


epist.    1,  7,    96    simul  Hss.  (Bland.),  semel  g 

10,  25    fastigia  (uest-  Bland.),  fastidia  q 

11,  3        Hss.  (Bland.),  we  7 
13,    16    nc  Hss.,  n«*  ^ 

15,  43.  44  an  falscher  Stelle  ARrc  Goth. ,  corri- 

giert  in  den  übrigen. 

16,  9    si  ausgelassen  AR,  si  ergänzten  EOFX1. 

et  tz  andere,  (m  Bland.?). 
43    responsore  Hss.,  res  Sponsore  Bland. 
45    Inprorsum  überliefert  (so  AR)  daraus 

Hunc  prorsus       Richtig  verbessert  In- 

trorsum  oder  -us  in  aEO  und  jüngeren. 
59    clare  einmal  ausgelassen  Hss.,  zugefügt 

in  E  g 

17,  31    c(h)lamidem  Hss.,  chlanidem  Cruquius. 

18,  37    ullius  Hss.,  iüius  g 
nach  18,    90  Lücke. 

19,  3   potioribus  AERtc,  potoribus  richtig  <E>0. 
2,    1,    31    oleam  Hss.,  olea  g 

69    l(a)mi  aEORrc  (Porph.),  emendiert  in  0> 
zu  Livi(i). 
101    an  falscher  Stelle. 
244    bottum  Hss.,  boeotum  a. 
2,    18  ausgelassen   oder  übergeschrieben, 

falsch  gestellt  in  aER. 
80    coutactu  Hss.  cantata  Bland. :  noch  nicht 
verbessert. 

123    cakntia  Hss.  Bland.,  carentia  DO*. 
167    quotriam  Hss.  (Bland.),  quondam  £ 
175    Si  (Sed  0)  Hss.,  Sic  7 
ars  poet.  45.    46    in  falscher  Ordnung  (3raal  ebenso  falsch 

Serv.). 

101    ad  sunt"  Hss.,  adflent  £ 
197    peccare  Hss.,  pacare  y 
458    Sic  Hss.,  fc. 
Diese  Liste,  die  ich  hätte  bedeutend  vergrößern  können, 
wenn  ich  mich  nicht  auf  durchaus  Sicheres  hätte  beschränken 


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Die  Ueberlieferungsgeschichte  des  Horaz. 


285 


wollen46),  und  die  durch  Emendation  heute  noch  corrupter 
Stellen  in  Zukunft  wird  wachsen  müssen,  bietet  eine  sichere 
Grundlage  für  die  Entscheidung  der  Hauptfrage  bei  der  Ueber- 
lieferung  des  Horaz  46).    Was  lehrt  sie  uns  ? 

Mustern  wir  die  Art  der  Fehler,  so  zeigen  sich  zwei  Grup- 
pen: eine  große  Reihe  solcher  Corruptelen,  wie  wir  sie  ganz 
gut  einer  alten  Ausgabe  47)  zutrauen  dürfen,  die  auch  zum  Teil 
durch  die  Scholien  als  alt  bestätigt  werden:  so  mauri,  potu- 
bis,  veris  adventus,  liebro,  Jam  uirum  expcrtae,  Teque  dum 
procedis  u.  s.  w.  Aber  daneben  taucht  eine  andere  Reihe  auf 
von  solchen  Fehlern,  die  unmöglich  durch  eine  antike  Ausgabe 
sanctioniert  und  so  weiter  verbreitet  worden  sein  können  48) :  so 
serm.  1,  6, 102  peregre  aut,  2,  3,  234  In  statt  Tu,  epist.,  1,  3,  33 
Heu  .  .  .  heu  statt  Seu  .  .  .  seu,  1,  16,  45  Inprorsum  statt  In- 
trorsum,  2,  2,  123  calentia  statt  carentia,  167  quoniam  statt 
quondam,  ars  197  peccare  statt  pacare,  um  nur  die  ganz  deut- 
lichen aufzuzählen.  Diese  gemeinsamen  Fehler  aller  unserer 
Hss.  lassen  für  mich  nur  eine  sichere  und  schlagende  Er- 
klärung zu:  unsere  ganze  directe  Ueberliefe- 
rung  des  Horaz  geht  auf  ein  einziges  anti- 
kes Exemplar  zurück  49). 

46)  Z.  B.  halte  ich  epist.  1,  15,  4  perriuor  in  AR::  d.  h.  den  besten 
Vertretern  beider  Klassen  für  verderbte  Ueberlieferung,  also  PER1UOR 
statt  PERLUOR;  in  allen  andern  Hss.  ist  die  Verbesserung  perluor  in 
den  Text  aufgenommen. 

**)  Ich  habe  die  verschiedenen  Grade  der  Zuverlässigkeit  unserer 
Ueberlieferung,  die  im  wesentlichen  durch  die  Erhaltung  der  besten 
Zeugen  wie  A  B  C  R  bedingt  wird,  in  der  Liste  nicht  bezeichnet,  weil 
sie  für  das  Gesamtbild  kaum  in  betracht  kommen. 


folgert  (8.  851):  «die  gesammte  handschriftliche  Ueberlieferung  hat 
einen  im  späteren  Alterthum  zu  suchenden  gemeinsamen  Urquell1  und 
weiter  (S.  852):  es  'sind  aus  gangbaren  grammatischen  und  rhetorischen 
Tractaten  die  metrische  und  Gattungsbezeichnung  einmal  hinzugefügt 
worden;  einmal  d.  h.  in  einer  Ausgabe,  die  nach  der  Natur  dieser  An- 
gaben nicht  älter  sein  kann  als  das  2.  Jahrhundert'.  (S.  853):  'diese 
Ausgabe  war  eine  commentierte  Schulausgabe',  (S.  854):  'es  kann  kein 
Zweifel  sein,  daß  der  Horaztext  deshalb  einheitliche  Ueberlieferung 
hat,  weil  Probus  ihn  philologisch  fixiert  hat'.  Gegen  diesen  letzten 
Satz  Leos  habe  ich  einzuwenden,  daß  der  Zustand  unseres  doch  auch 
von  Probus  rezensierten*  Vergiltextes  gerade  nicht  für  weitgehenden 
Erfolg  der  Sicherung  und  Einheitlichhaltung  durch  Probus  spricht; 
vgl.  fiibbeck,  Prolegomena  S.  265  ff. 

*9)  Völlig  beiseite  lasse  ich  Fehler,  die  in  jeder  neuen  Abschrift 
von  neuem  gemacht  werden  konnten  wie  care,  calena,  raeti,  nescire  u.  s.  w. 


*9)  Mit  dieser  Folgerung  gehe  ich  über  Leo  hinaus.  —  Mein  Schluß 


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286  Vollmer, 

III. 

Dieser  Schluß  wird  manchem,  der  nicht  gewohnt  ist  solche 
Dinge  zu  erwägen,  ungeheuerlich  erscheinen:  Horaz,  der  be- 
liebteste römische  Lyriker,  soll  uns  nur  in  einem  einzigen 
Exemplare  des  Altertums  Uberkommen  sein  ?  Und  doch  zeigt 
eine  ruhige  historische  Erwägung,  daß  wir,  auch  wenn  uns 
die  Fehler  der  Hss.  nicht  zwängen,  diesen  Fall  als  höchst 
wahrscheinlich  ansetzen  müßten50). 

Es  ist  eine  noch  nicht  ins  rechte  Licht  gesetzte  Tatsache, 
daß  die  Leetüre  und  Benutzung  des  Horaz  nicht  wie  die  des 
Vergil  in  unabgerissener  Kette  Altertum  und  Mittelalter  verbin- 
det, sondern  daß  Horaz  fast  zwei  Jahrhunderte 
lang  ganz  ungelesen  geblieben  ist61). 

Bekanntlich  verdanken  wir  dem  Fleiße  von  Martin 
Hertz  die  Analccta  ad  carminum  Horatianorum  historiam 
(ind.  Vratisl.  I  1876.  II  1878.  III  1879.  IV  1880.  V  1882), 
eine  Geschichte  der  Verbreitung  und  Wirkung  der  Horatiani- 
schen  Dichtungen  bis  zum  6.  Jahrh.,  die  freilich  auf  kritische 
Ausnutzung  des  gesammelten  Materials  nur  gelegentlich,  nicht 
systematisch  Rücksicht  nimmt.  Die  Arbeit  von  Hertz  hat 
dann,  zum  Teil  auf  Grund  von  dessen  Materialien,  M.  Mani- 
t  i  u  s  bis  etwa  zur  Renaissance  fortgesetzt  in  den  Analek- 
ten  zur  Geschichte  des  Horaz  im  Mittelalter,  Göttingen  1893. 

würde  noch  eine  bedeutende  Stütze  erhalten  durch  die  Betrachtung 
der  festen  Bücherordnung  unserer  Hss. :  vor  dem  4.  Jahrh.  war  doch 
ein  Codex,  der  den  ganzen  Horaz  enthielt,  höchstens  eine  Merkwürdig- 
keit; die  feste  Folge  der  nicht  durch  Zahlenordnung  zusammengehal- 
tenen Bücher  in  unsern  Hss ,  die  weiter  unten  noch  darzutun  ist,  ver- 
langt den  Ansatz  eines  Archetypon  frühestens  des  4.  Jahrhunderts. 
"Wenn  aber,  wie  ich  oben  S.  278  Anm.  8o  vermutet,  die  Ordnung  der 
Bücher  alphabetisch  ist,  verliert  dieser  Schluß  allerdings  an  Bündigkeit. 

t0)  Tatsächlich  ist  er  gar  nicht  ungeheuerlich;  Traube  sagt 
(Sitz.  Ber.  Bayr.  Ak.  d.  Wiss.  III.  Kl.  XXIV  1904  S.  14)  'der  gewöhn- 
lichste Fall,  nämlich  daß  nur  eine  alte  Hs.  den  Text  forttrug  und  in 
Karolingischer  Zeit  verschwand,  nachdem  sie  ihn  der  mittelalterlichen 
Tradition  überwiesen  hatte1. 

61)  Natürlich  versteht  sich  diese  wie  ähnliche  Behauptungen  im 
folgenden  cum  grano  salis:  daß  z.  B.  factiscji  im  8.  Jahrh.  in  Italien 
nirgend  ein  Horaz  gelegen  oder  von  niemand  gelesen  worden  sei,  wird 
kein  Vernünftiger  zu  beweisen  sich  unterfangen.  Wohl  aber  fehlt  es 
an  wirksamer  Verbreitung  und  allgem  einer  Beachtung :  nur  so 
ißt  es  zü  verstehen,  daß  von  unsern  erhaltenen  Hss.  keine  einzige  auf 
ein  anderes  antikes  Exemplar  zurückgeht  als  dasjenige  welches  zur 
Karolingerzeit  allgemein  verbreitet  wurde. 

i 


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Die  Ueberliefenragsgeschichte  des  Horaz.  287 

Aber  fordert  schon  die  Sammlung  von  Hertz  oft  zur  Con- 
trole  und  Ergänzung  auf,  so  muß  bei  Manitius  jeder  Satz 
und  jedes  Citat  geprüft  werden.  Indessen  darf  sein  Buch 
wohl  nach  der  negativen  Seite  als  beweiskräftig  gelten  and  nur 
in  diesem  Sinne  will  ich  es  verwerten. 

Es  ist  sicher :  mit  dem  6.  Jahrhundert  reißt  überall  die 
Kenntnis  des  Horaz  ab:  weder  in  Afrika  Corippus,  noch  in 
Spanien  Ba)  Isidor,  Braulio,  Eugenius,  noch  in  Gallien  Alcimus 
Avitus  oder  Venantius  6S)  haben  selbst  den  Horaz  gelesen. 

Nur  in  Italien64)  hat  Kloster  Bobbio  den  Horaz  besessen; 
das  beweisen  Columbans  Citate ;  aber  er  ist  frühe  verloren  ge- 
gangen: der  Catalog  saec.  X  hat  ihn  nicht  mehr55). 

*s)  Ich  muß  hier  die  Belege  von  Manitius  S.  15  durchsieben: 
Hor.carm.  1,  12,     3  b.  Isid.  orig.  16,   3,    10,  vielmehr  in  Arevalos  Note 

dazu. 

1,  16,    20    „    „      ,     15,    2,     4  aus  Serv. 

1,20,     7    »    „     „     16,   3,    10,  vielmehr  in  Arevalos  Note. 

2,  10,    11    „    „    rer.  nat  30,     5  aus  Hier. 

2,  18,     l    „    ,    orig.  15,    8,     6  =  19,  12  aus  Serv. 

3,  18,     1    „    ,     ,       8,  11,  104 

4,  5,    23    „    „     .     11,   2,    14  =  diff.  1,  448  also  aus  älte- 

rer Quelle. 

epod.  1,     1    „    „     ,     19,    1,    12  sicher    aus  Schiffsnamen- 
katalog. 

2,     1    ,    ,     ,       1,  39,    24  aus  Metrikern. 
12,     1    ,    „     ,     16,    5,    19  aus  Serv. 

sat.  1,    6,  103    ,    ,     ,     20,  12,     4  aus  vollständigerem  Serv.? 
epist.  1,   2,    26   „    „     „      12,    1,    25  aus  Serv. 
1,  17,    25    „    ,     „     19,  24,    11  aas  Serv. 
ars  220    ,    „      ,       8,    7,     5  aus  Serv. 
Es  ist  kein  Zweifel :  Isidor  hat  seine  Horazcitate  nicht  aus  dem  Dichter 
selbst,  wenn  wir  auch  an  ein  paar  Stellen  das  Mittelglied  der  Verbrei- 
tung nicht  mehr  kennen.    Beweiskräftig  scheint  auf  den  ersten  Blick 
zu  sein  das  Citat  Faenum  habet  in  cornu,  longe  fuge  (sat.  1,  4,  34)  bei 
Braulio  epist.  11  (Migne  80,  657  c);  wer  aber  im  gleichen  Briefe  liest 
Eii  dum  urceum  fingere  volo,  ut  ait  Terentius,  amphoram  finarit  ma- 
nus  und  vergleicht  was  ich  zu  dieser  Stelle  adnotiert  habe  (Mon.  Gerra. 
hist.  auct.  antiq.  XIV  290,  12),  wird  mit  mir  glauben,  daß  Braulio  aus 
einer  Verssammlung,  nicht  aus  Horaz  selbst  schöpft.    Die  weiteren 
Stellen  bei  Manitius  beweisen  nichts:  Hör.  carm.  1,6,  6  bei  Julianus 
stammt  aus  Gharisius. 

M)  Daß  die  Verse  über  Dichtkunst  und  Malerei  (ars  9  f.)  von  Ve- 
nantius (carm.  5,  6  praef.  7)  zuerst  citiert  worden  seien,  ist  doch  auch 
nicht  zu  glauben,  obwohl  wir  heute  keine  Quelle  nachweisen  können. 
Die  andern  Anklänge  bei  Hertz  V  23  sind  nicht  beweiskräftig. 

M)  Zu  Anfang  des  6.  Jahrh.  hat  zweifellos  Maximian  noch  gründ- 
lich seinen  Horaz  gelesen :  Nachweise,  besonders  zur  ersten  Elegie,  in 
Wernsdorfs  Anmerkungen. 

")  Aber  eine  Spur  von  seinem  Vorhandensein  geben  sicher  die 
Fragmenta  Bobiensia  saec.  VIII — IX  gramm.  VII  541  sqq.,  die  vielleicht 
zum  Teil  direct  aus  den  Glossen  dieser  Hs.  abgeschrieben  sind. 


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288  Vollmer, 

Erst  bei  den  Karolingern66)  und  zwar  durchaus  nicht  bei 
den  ältesten67)  finden  wir  wieder  lebendige  d.  h.  directe  Be- 
nutzung und  Kenntnis  des  Dichters. 

Das  älteste  Zeugnis  nämlich,  das  wir  für  wirkliche  Lee- 
türe des  Horaz  in  dieser  Zeit  haben,  sind  die  JE  x  em  pl  a 
diversorum  Audorum,  prosodische  Beispiele  wohl  gegen  Ende 
des  VIII.  Jahrh.  in  der  Lombardei  gesammelt68).  Die  Horaz- 
citate  darin69)  sind  sehr  interessant.  Sie  zeigen  ganz  deut- 
lich, daß  auch  der  Urheber  der  Sammlung  keinen  andern  Ho- 
raz kannte  als  den  Archetypus  unserer  Hss. :  die  Fehler  epist. 
1,  3,  33  Heu  .  .  .  heu  statt  Seu  .  .  .  seu,  1,  13,  14  pyrria 
reden  ganz  sicheres  Zeugnis.  Andrerseits  tragen  sie  Spu- 
ren der  Entwicklung,  welche  die  II.  Klasse  der  Hss.  ge- 
nommen hat:  während  sie  richtig  geben  epist.  1,  1,  76  quem, 
1,  5,  19  Facundii  1,  16,  49  negitatque,  fehlen  sie  schon  mit 
R5tc  epist.  1,  6,  53  his  statt  hic,  mit  serm.  2,  2,  95  Occu- 
pat,  2,  5,  7  aut  qui  und  vor  allem  epist.  2,  2,  71  Flures  statt 
Pwrae,  wo  R  Plurae  hat.  Einen  Teil  der  Stellen  des  Flori- 
legiums  hat  vor  825  M  i  c  o  n  in  sein  gleichartiges  Opus 60) 
aufgenommen,  auch  5  neue  hinzugefügt,  in  denen  aber  charac- 
teristische  Varianten  fehlen. 

Mit  dem  9.  Jahrhundert  sind  wir  dann  mitten  im  vollen 
Zuge  der  Wiederverbreitung  des  Horaz:  die  Hss.-Kataloge  er- 
wähnen ihn  jetzt81)  und  unsere  noch  jetzt  führenden  Hss. 

M)  Daß  auch  Aldhelm  und  Baeda  Horaz  nicht  ans  eigener  Leetüre 
kennen,  beweist  wider  Willen  Manitius  Sitz.  Ber.  Wien.  Ak.  1886 
CXII  S.  563  und  Analekten  S.  17;  die  Citate  Baedas  stammen  aas  Pris- 
cian,  Augrustin,  Hieronymus;  nur  für  ars  poet.  111  weiß  ich  den  Ver- 
mittler nicht  anzugeben. 

*7)  Darüber  siehe  P.  v.  Wi  n  t  e  r  f  e  1  d,  Rhein.  Mus.  60,  1905,  33  ff. 
Er  beschränkt  sich  auf  die  indirecten  Zeugnisse,  hat  die  Horaz-Hss. 
selbst  nicht  verhört:  dennoch  kommt  sein  Resultat  so  ziemlich  der 
Wahrheit  nahe. 

M)  Ed.  H.  Keil,  progr.  Halle  1872  vgl.  Traube  PMA  III  S.  273 
Rhein.  Mus.  44,  479.  Mündlich  belehrte  mich  Traube,  daß  sie  eventuell 
doch  erst  in  den  Anfang  des  IX.  Jahrhunderts  zu  setzen  seien  und  daß 
die  uns  erhaltene  Hs.  doch  wohl  aus  Tours  stamme. 

")  Liste  bei  Traube  PMA  III  p.  782  f.,  darin  auch  die  Miconstellen. 

")  Traube  PMA  III  p.  280  ff. 

••)  Die  ersten  Erwähnungen  sind  die  in  Lorsch  (IX.  Jahrh.)  Uber 
Eoratii  poetae  in  uno  codice  Becker,  catalogi  p.  110  n.  429  und  in  Ne- 
vers;  siehe  Manitius,  Philologisches  aus  alten  Bibliothekskatalogen 
Rh.  Mus.  47  Erg.  Heft  S.  28  ff.  Gegen  die  Annahme,  Corvey  habe  im 
IX.  Jahrh.  einen  Horaz  besessen,  Traube  PMA  III  p.  42  not.  3. 


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Die  Ueherlieferungsgeschichte  des  Horaz. 


289 


stammen  aus  dieser  Zeit.  Dies  ins  einzelne  hinein  zu  verfol- 
gen, kann  nicht  meine  Aufgabe  sein:  dazu  bedarf  es  anderer 
Sammlungen  als  sie  bis  jetzt  gemacht  sind  und  als  ich  sie 
machen  könnte62):  ich  wende  mich  wieder  meinem  Hauptziele, 
der  Analyse  der  uns  jetzt  vorliegenden  Ueberlie- 
ferung  zu. 

IV. 

Von  dem  Kellerschen  3-Klassen- System  unserer  Hss.  brau- 
che ich  hier  wohl  nicht  mehr  zu  reden.  Der  leise  Nachklang 
dieses  Gedankens  bei  Christ  (Horatiana  S.  114)  entbehrt  der 
Beweise.  Schärfer  hatte  schon  W.  Teuffei  durchgegriffen.  Ein 
neues  3-Klassen-System ,  wonach  unsere  erhaltenen  Hss.  in 
2  Klassen  zerfallen,  die  dritte  vom  Blandinius  antiquissimus 
gebildet  werde,  stellt  Leo  auf  (S.  850).  Die  Prüfung  dieser 
Theorie  verbindet  sich  mit  der  Begründung  einer  neuen. 

Die  eine  alte  Handschrift 63),  welche  aus  Italien  her  den 
Horaz  der  fränkisch-germanischen  Bildung  vermittelt  hat,  ist 
zweimal  selbst  abgeschrieben  worden  und  dann  verloren 
gegangen.  Aus  den  beiden  Apographa,  die  selbst  ebenfalls 
verloren  zu  sein  scheinen,  stammen  alle  unsere  älteren  Hss. fl4). 
Diese  zwei  Apographa  waren  untereinander  verschieden  einmal 
durch  die  Anordnung  der  Bücher,  sodann  durch  eine  Reihe 
von  Abschreibefehlern  und  durch  den  Scholien-  und  Glossen - 
bestand. 

Ein  sehr  wichtiges  äußeres  Kriterium  nämlich  für  uns, 
die  Horaz-Handschriften  zu  sondern,  ist  die  Anordnung  der 
Bücher'5),  denn  so  leicht  wie  sich  aus  andersartigen  Hss.  ein- 
zelne Lesarten  übertragen  Hessen,  konnte-  natürlich  nicht  die 
ganze  Ordnung  der  ursprünglichen  Hs.  geändert  werden.  Diese 
Ordnung  war  in  I,  der  ersten  Klasse,  folgende: 

•*)  Hinweisen  möchte  ich  doch  beispielshalber  für  die  Erklärung 
deB  Zuatandes  unserer  zusammengeflickten  Münchener  Hs.  (CE)  auf  den 
Brief  Froumunds  bei  Becker  catalogi  40,  2. 

•8)  Wie  sie  aussah,  wird  unten  noch  auszuführen  Bein. 

•*)  Ich  berücksichtige  aus  der  Masse  der  Kellerschen  Hss.  nur 
A(a)BC(E)D  Rund  *  =  (FJXbt):  es  hat  keinen  Wert  noch  mehr  Exem- 
plare der  jüngeren  MiachhBS.  heranzuziehen.  Dazu  tritt  der  Bland. ; 
O  ist  jung  und  wertlos  (s.  S.  264  Anm.  5). 

•*)  Ueber  sie,  nicht  durchgreifend  und  auch  nicht  verläßlich  genug, 
Christ  a.  a.  0.  S.  89.    Schärfer  Leo  S.  851. 


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200 


Vollmer, 


C(E) 

1.  carm. 

2.  epod. 

3.  carm.  saec. 

4.  ars 

5.  epist. 

6.  serm. 


D 

carm. 


B 
im 
epod. 


A 
irm 
epod. 


epist. 
serm. 


carm.  saec. 
ars 

serm. 


carm.  saec. 


(epist.) 6W) 


Von  dieser  Folge  unterscheidet  sich  Klasse  II  im  wesent- 
lichen nur,  aber  doch  deutlich  genug,  durch  die  Stellung  der 
ars  poetica87).    Hier  finden  wir  nämlich  geordnet: 


RFXIStü 

1.  carm. 

4.  ars 

2.  epod. 

3.  carm.  saec. 

5.  epist. 

6.  serm. 


0 

1.  carm. 

4.  ars 

2.  epod. 

3.  carm.  saec. 
6.  serm. 

5.  epist. 


Porph.  Bland. 

1.  carm.  1.  carm. 
4.  ars  4.  ars 

3.  carm.  saec.  2.  epod. 

2.  epodon  3.  carm.  saec.88) 
6.  serm.  f  s  d  6.  serm. 69) 


5.  epist.  ^ 13     5.  epist. 
Es  zeigt  sich  also,  daß  im  Laufe  des  Fortlebens  der 
Klasse  II  noch  einmal,  und  zwar  auf  Grund  von  Porphyrions 
Notiz  zu  epist.  1,  1,  1,  eine  Umstellung  vollzogen  worden  ist, 
die  Umordnung  von  epist.  und  serm. 70).    Daß  das  kleine  carm. 

M)  Die  Epistelnverse  in  A  von  anderer  Hand  als  die  carmina. 

67)  Aus  den  Worten  des  Sidonius  carm.  9,  221  non  quod  post  sa- 
tiras,  epistularum  sermonumque  sales,  novumque  epodon,  libros  carminis 
ac  poeticam  artem  Phoebi  laudibus  et  vagae  Dianae  conscriptis  voluit 
sonare  Flaccus  wird  niemand  eine  bestimmte  Folge  in  einer  Hs.  er- 
schließen wollen,  nicht  einmal  für  ars  poetica  oder  Carmen  saeculare. 
Mit  keiner  in  Hss.  sich  findenden  Ordnung  deckt  sich,  daß  Chans, 
gramm.  I  202,  26  und  201,  5  die  ars  poetica  als  in  epistulis  citiert, 
während  doch  schon  Quint,  das  gesonderte  Buch  kennt. 

M)  Es  verläßt  uns  für  die  Stellung  der  ars  im  Bland,  das  positive 
Zeugnis  des  Cruquius  p.  3091:  in  codicibus  Jilandiniis  duobus  .  .  .  ante 
libros  4toö5(Öv  .  .  .  locim  habet.  Aber  das  negative  S.  308  I  (s.  Anm.  69) 
genügt.  Vgl.  Mützell.  Zeitschr.  f.  d.  Gymn.  Wes.  IX  1855  ,  868 
Schweikert,  Gruquiana  p.  10. 

e*)  Die  sonderbare  Nachricht  des  Cruquius  p.  308 1  Antiquissimus 
. .  .  ex  Bibliotheca  Blandinia  .  .  .  habet,  Q.  H.  F.  Carmen  sevulare  expli- 
cit:  incipit  Eclogarum  Uber  primus,  maiuscuUs  quibusdam  (ita  tarnen  ut 
aliquo  modo  legi  possent)  cfiaractcribus  erasis ,  atque  in  earum  locis  de- 
pictis  aliis,  qui  lectori  -zb  Semionum  exhibent  besagt  wohl  in  Wirklich- 
keit, daß  auch  im  Bland,  zuerst  EPISTULARUM  libri  folgen  sollten 
statt  der  SERMONUM;  der  Titel  ECLOGARUM  für  die  Satiren  steht 
in  keiner  Hs.  Cruquius  wird  unter  der  Rasur  gelesen  haben  was  er 
wünschte,  ECLOGARUM  statt  EPISTULARUN. 

70)  Hiebei  hat  gelehrte  Ueberlegung  der  Karolinger  mit 


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Die  Ueberlieferungsgeschiohte  des  Horaz.  291 

saec.  bei  Porph.  seine  Stelle  mit  den  epod.  vertauscht  hat,  ist 
ganz  unwesentlich,  wie  das  Saeculargedicht  denu  »ach  in  der 
mit  dem  sog.  Porphyrio  zusammen  tradierten  vüa  Oratii  nur 
nachtragsweise  genannt  wird71). 

Zu  der  Scheidung  der  Hss.  nach  der  Bücherordnung  stim- 
men aber  auch  die  Text  Varianten.  Ich  verzeichne  hier  das 
Charakteristische,  ohne  auf  OrthogTapbica  und  ähnliche  Klei- 
nigkeiten einzugehen.  Aber  ich  mache  von  vornherein  darauf 
aufmerksam,  daß  XI 7S)  und  0  im  ersten  Teile  (carm.  epod.) 
oft  von  Klasse  I  her  interpoliert  sind,  hingegen  E.  ab  und  zu 
und  seltener  ]>  von  Klasse  II  her  beeinflußt  wird,  während  der 
ältere  C73)  rein  die  I  Klasse  widerspiegelt. 

carm. 

1,  3,  19  turbidumu)  ADEX10  Bland,  turgidum  R*. 

20  acroceraunia  ADEO  acrocerauniae  R*. 

7,  17  perpetuoß  ADE  (Serv.)  perpebuo  OK"«*  perpetwus  R1  ? 

12,   2  clio  ABDEIO  c(a)elo  R*. 

15  ac  ABU  et  EDR,  auf  <fr,  qui  0. 

schol.  *(F  zu  epist.  1,  1,  1  'epistularwn  Ubri"  tUUmi  sunt  sui  operis 
libri,  licet  scriptorum  uitio  in  multis  codicibus  locum  sermonum  occupaue- 
rint.  Das  ist  natürlich  geschöpft  aus  Porphyrio  z.  d.  St.  Aber  eben 
bo  sicher  ist  m.  E.  t  daß  man  die  Abschreiberphilologie  des  Porphyrio 
überschätzte,  wenn  man  aus  seiner  Notiz  einen  Beweis  entnähme,  daß 
er,  d.  h.  der  Grammatiker  des  3.  Jahrhunderts,  die  serra.  vor  den 
epist.  gelesen  hatte  wie  seine  Hss.  sie  bieten;  im  Gegenteil:  die  Ord- 
nung epist.  serm,  war  der  Anlaß  zu  der  Notiz,  die  sich  ja  unmittelbar 
aus  epist.  1,  1,  10  ergab. 

")  Ob  der  Servius  Fortunatiano  dn  gramin.  IV  4t»8  überhaupt  ir- 
gend welchen,  Ueberlieferungswert  bat,  ist  mir  äußerst  zweifelhaft; 
jedenfalls  zeugt  seine  Notiz  p.  472.  10  höchstens  für  die  Ursprünglich- 
keit  der  Folge  epist.  serm.,  für  nichts  weiteres.  Daß  ich  in  der  Aus- 
gäbe  die  übliche  Anordnung  belasse,  wird  mir  hoffentlich  niemand  als 
Verehrung  des  heiligen  mumjmmus  auslegen:  wer  zuc  Vorstellung  der 
Entwicklung  des  Horaz  eine  gedruckte  Folge  nötig  hat,  dein  ist  ohnedies 
nicht  zu  helfen,  und  im  übrigen  haben  wir  Philologen  gerade  genug 
Citiernot  und-  arger. 

7i)  Diese  Beeinüuüung  zeigt  sich  außer  der  üebernahme  der  Ma- 
TortiuB-Subscription  in  XI  und  0  besonders  in  XI  deutlich  dadurch,  daß 
hier  wie  in  A  hinter  Buch  III  der  carmina  derselbe  index  der  griechi- 
schen Odenbezoichnungen  mit  Erklärungen  folgt:  Erotice : amatorie,  präg- 
matice  :  causative  u.  s.  w.  In  0  scheint  dies  Stück  nicht  zu  stehen.  — 
Vgl.  ferner  noch  earm.  4,  14,  5  lux  al(ii)  Ubri  sol  X,  lux  (ve)l  sol  1.  — 
0  ist  übrigens,  wie  die  entstellte  Subscriptio  zeigt,  nächatverwandt  mit 
Brüx.  9776—8. 

")  Ich  erinnere  hier  daran,  daß  bis  carm.  3,  27, 1  in  Kellers  edi- 
tio  minor  1878  und  auch  in  l2  1899  überall  fälschlich  im  Apparate  C 
statt  E  gedruckt  ist;  der  ältere  Teil  C  beginnt  erst  mit  diesem  Verse. 

74,l  Die  echten  alten  und  richtigen  Lesarten  habe  ich  gesperrt,  da- 
mit um  so  leichter  die  gemeinsamen  Fehler  ins  Auge  springen.  Bei 
zweifelhaften  Lesungen  fehlt  die  Sperrung. 

Philologu«,  Supploinentbaiid  X,  zweites  Heft.  20 


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292 


Vollmer, 


1,  12,  57 

15,  20 

16,  3 

19,  11 

20,  3 
29,  13 

2,  5,  13 
10,  6 

3,  1,  44 

2,  16 
22 
27 

3,  7 

4,  14 

5,  10 
54 

6,  10 
27 

12,  11 

14,  6 

17,  4 
24,  4 


25, 


27, 


28, 
29, 


4,  1, 


2, 


6 
14 

5 
10 
71 
6 
9 
2 
6 
8 

34 

57 
9 
18 
20 
2 
14 
27 

3,  10 

4,  7 
36 
65 


laetum  ABDE 
Crines  ADE  Bland.  0^ 
Pones  ABDEXIO 
Auersis  A,  Versis  E 
leui  ABDEO  Porph. 
nobilis  AEO 
currit  ADE  (Porph.) 
obsoleti  ABDEXIO 
uites  ABDEO 
ue  ABD 
ire  ADEXIO» 
Vulgauit  ADE 
inlabetur  AX1 
acheront(h)iae  ABE 
et  ausgelassen  ABE 
Diiudicata  ABE 
Inauspkatos  ABX1 
intermissa  AE 
et  ausgelassen  ABXlö 
alto  ABKO 
8  acri  8  ABitO 
fastos  ABEXIO 
ponticum  A 13X10 

consilio  ABEXIO  (Bland.) 
naidum  ABEXIO1 
rumpat  ABCXIO 
inminentium  ABCXIO 
reddit  ABCXl 
et  ABCXIO 
inuicem  ABCXIO 
uermm  ABCX1(0?) 
Nec  ABCO 
iura  ABC 
alueo  ABC  RXIO« 
africus  ABCiO1?) 
domo  ABCXl 
Largi  ABC 
citrea  ABCO  (Porph.) 
Iule       O)  ABCXIO  (Porph.) 
Sanguine  ABCXl 
auis  ABC 
qua  ACX1 
Verni  ABC 

Dedecorant  ABCO  (schol.  Juv.) 
Mersu8  ABCXIO 


5,  7  it  ABCXl 

34  Diffuso  ABCXlre 

6,  10  inpressa  ABCXl 

8,  15  celerti  fuga  ABX1 
34  duccit  ABX1 

9,  8«  ABXIO 

31  sihbo  ABXIO 


foium  RO*. 

Cultua  R*(0»?) 

Ponw  R*. 

JE*  uersts  DRO*. 

«fem  R*. 

nobile s  R*. 

eurrrt  RO*. 

o&«o/e<is  R*. 

uitis  R*. 

gut?  ERO*. 

t  ter  RO1*  (Porph.). 

Volgarit  RO*  (Porph.). 

t  n  J  a  b  a  t  u  r  ERO*. 

acAm<n/tö«  RO*  (Porph.). 

et  haben  Bland.  RO*  (Porph.). 

Disiudicata  (R«?)0*. 

N  on  au  spicatos  ERO*. 

inpermissa  RO*. 

et  haben  EROFic. 

arto  Bland.  R*. 

diuis  ER*  Porph. 

fastu8  R*  (Porph.).;  cf.  Prise. 

publicum  Bland.  Rti1,  opu- 

ttcum  E*0*. 
concilio  R*. 

noio(J«m  RO**  (Porph.). 

rumpit  R*. 

wmmtfMfMm  R*. 

reddet  RO*  Porph. 

ac  R*. 

in  uice8  R*. 

uerso  R*  Porph. 

Ne  R*. 

tu/^a  RO*  (Porph.). 
aequore  *0* T*). 
africis  RO*  (Porph.). 
Bornum  RO*  (Porph.) 
Largis  RO*. 
cuprea  R*. 
Julie  R*. 
Sanguinem  RO*. 
api  s  RO*. 

oua«  O*  (Porph.),  otu  R 
Vernts  (R?)Ol*. 
Jndecoran*  R*  Porph. 
Me  rses  R8  ilfe*«es  «?  Mer- 

sae  F. 

ROöit  (F  ?). 
Defuso  Bland.  RO»Fö. 
inpulsa  RO*. 
et  leres  fugae  RO*. 
<2  u  c  1 1  RO*. 
ömc  R*. 
st/er»  R*. 


)  Vgl.  S.  289  Anra.  83. 


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Die  Ueberlieferungsgeschichte  des  Horas. 


293 


carm 

4,  9, 

10, 

11. 
13, 
H, 
15, 


35 
52 
6 
7 

14 

5 
10 


saec. 


epod. 

1,  21 
Porph. 

28 
29 
34 

2,  25 


que  ausgelassen  ABXl 

peribit  ABXl 

in  ABOX1 

au  et  ABO 

clari  ABXl 

lux  AX1 

euaganti  An  Porph. 

Quod  ABCX1  Bland.  0» 
tothlem  ABCX10 
urbes  ABCX10 

ut  adsit  auxilii  ABXIO 

pascua  ABCX1 
ca[n)dens  ABCX10 
nepos  ABCXIO1 
ripis  ABCX10 


5,  8  aut  ABCX10  (Porph.) 

1$  iiiig  ata  ABCXIO  (Porph.) 
18  cupressos  ABCX10 

20  strigis  nocturnae  ABCX10 

21  aut  ABCX10 

60  laborarunt  ABCXIO 

63  superba  ABCXlOw 
65  in/ectum  ABCO 
79  mar*  ABCXIO5» 

102  effugerint  ABCXIO 

6,  3  uertis  ABCX1 

petis  ABCX1 
5  lacon  ABCO 

7,  15  albus  ora  pallor  ABCXIO 

(Porph.) 

10,  19  sinu  notus  AC  Bland. 

11,  2  per  cu  8  sum  AB  (metrici) 

12,  2  quid  ABCO 
3  mitU8  ABXl 

8  er  es  et  t  ABCXIO  (Porph.) 

13,  11  cecinit  grandi  ABCX1 

14,  3  utsi  ABCXlnO1 

10  JV(on)  acreonta  AB  Acreonta  C 

15,  12  uiri  ABCXIO  Porph. 

16,  12  Equi  (EtquiB,  Eque  C)  ABC 
14  utdere  ABCXIO1 

38  perpremat  ABCO1  (Porph.) 

17,  5  Refixa  ABCO 

11  ii^erc  ABCXIO1 
18  Belatm  ABCX1 

22  awt'c/tt«  ABCXIO1 

57  sacrum  ABCXlrVO1 
60  proderat  ABXl 

64  laboribus  ABCX1 

72  innectes  (-is  O)  ABCXIO 


gu  e  RO*. 

j>er»*re  Bland.  RO*. 
in  ausgelassen  R*. 
habet  R*. 
cari  Bland.  RO*. 
8  o  l  RO*. 
etuaganti  RO*. 

^mo»  RO*  Quo  n. 
totiensR  (Cenaorin)  potiens  *. 
urb  em  R*. 

Mi  sti  auxili(i)  R*,  Mit  sü  au- 
xili  c  'quartus  Blandinius'. 

])a«c«is  Bland.  RO*. 

tangens  RFö(ic?). 

ut  nepos  RO"*. 

ripis  rc1  risis  R1  nu«  Bland. 
R**. 
R*. 

itnplicata  R*. 

cupressus  R*. 

nocturnae  strigis  R* 

(Porph.). 
a  i  ^  u  c  R*  (Porph.). 
lafcorartni  Bland.  R*. 
sup  e  r  b  am  Bland.  R*. 
tm6uUtn  R*  (Porph.). 
tware  RO1* 

effugerit  R*  Porph. 
turit«  R1*1  Merte  Bland.  R*08*. 
petis  R1«1  pefc  R20»*. 
/aco  R*. 

ora  paüor  aßw«  R*. 

s  i  n  u  s  noto  {notu  R)  RO*. 
perculsum  RO*C. 
cur  R*. 

mittis  RO*C. 
crescat  R*. 

grandi  cecinit  RO*. 
Mit  RO**. 

inaerconta  RO*. 
uirium  R*. 
£jm«s  RO*. 
Mfderi  RO?*. 
perprimat  RO**. 
Defixa  R*. 

Unxere  Bland.  RO**. 
jßelapsus  RO*  (Sacerd.). 
amteta  RO2*. 
soera  R'O'*. 
proderit  RO*C. 
doloribus  RO"*  (Porph.)  cru- 
ciatibus  O1. 

20* 


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Vollmer* 


poouUm,  R*  (Porpk). 
exitum  RO*  (Porph.), 

sapiens  (Bland.)  Q2*  Porph. 
mal  im  RO1*  (exempla  Tat.) 
optartm  RO**i 
depeüore  RO**. 


epod. 

17,  80  pocula  ABCX10 
81  * xitus  ABCX1 

■erm. 

1,    1,  88  paiiens  aBDE  RO1 

55  maüem  {-e  B)  BDEO* 
79  Opturem  aBDEO1 

2,    6  i>roi>«Zicre  aJBDEO1 

Serm.  1,  2,  100  scheint  Klasse  II  ausgelassen  zu  haben: 
im  WXl  iet  100  falsch  vor  99  gestellt,  100  ließen  aus  R*$. 
Der  Fehler  hängt  zusammen  mit  der  Abirrung  von  circumdata 
vi  96»  auf  circumdaUi  v.  99 ;  denn  99  haben  <I>R  nicht  palla, 
sondern  nam  te  (aus  96)  und  R1  hat  Lücke.  Also  ganz  deut- 
lich :  Fehler  eine»  Abschrift,  nicht  einer  Ausgabe. 

Berm. 

1,  2;  121?  philodemuo  aBDEO 
124  dat  aBE  (Porph.) 
127  uereor  aBDE 
130  Desiliat  aBDE 
8,  ZI  filix  aBDEO* 
4a  4  c  BDE 

56  incurtare  BDE. 

4,  15  4cctjw>  tot»  aDE") 

25  elige  aDE(0»?) 

26  misera  ambitione  aDEO 
30  tepe  t  aDEO  schoK  T 
35  non  hio  aDEO 
50- grandi  aDEO 
54<  puris  aDEO 
bS  uerbum  aDEO» 

65  efc  70  siWeins  und  sulci  aDEO 
79  Inquit  aDE 

96  $»  otiac  aDE  (Porph.) 
103  altud  aDE 
110  5atiw  aDE  Blandl 
123  selecti$  aDO* 

5,  laccepit  aCE  (Serv.  Porph.) 
1«      ausgeladen  CDO>  (Porph.) 
78  dilapso  aED  O 

97  dein  aCDE 

6,  4  imperitarint  aCDEO* 
6  ut  DO8,      ut  E,  a«*  «<  C 

natos  aK,  natu«  CD 

7,  21  concurrunt  aDE 

8,  6  aDEO 
1,    9*  52  atqui  aDE  O 

62  uenis  et  aEO  (Porph.) 

66  bilis  aDE  O 
10,  13  urbani  aDEO 


philodamus  R*  (Porph.). 

RO*  D. 
rotfuo  RO*. 
Msmliat  RO*i 
/i/at  O»*  se). 
Jtf  O*. 

tncr«8<af«  O*  Porph. 
J.c  cipiarm  (Bland.)  RO* 

(exempla  Vatio.)  Porph. 
erue  RO**. 
miser  ambitione  R*. 
patet  R*. 
non  non  R*. 
grandem  R*. 
pueris  R<I>. 
uerbum  RO**. 
sulgius  und  sw^i  R*. 
Inquis  RO*. 
s*  owi  RO*: 
aliquid  RO*. 
Barus  RO*. 
efecfts  RO1*  «fecfi  E. 
exceptf  (-«ptt  R)  RO*  D. 

R*  aE. 
delapso  R*  C. 

<ie(Ä)tnc  *OR»  (Rl  non  liquet) 

(Porph.). 

hnperitarent  RO**. 
om*  RO**a. 
mtfum  R20*. 
j)rocwrr«n<  RO*. 
.Esf  R*. 
atque  R*. 
uenisset  R*  D: 
ftc/fis  R*. 

«röane  *  Porph.  urbem  R*. 


>erm.  1,  3,  28— -8&  fehlt  R. 
")  Von  serm.  1,  3, 135  an  fehlt  B  durch,  serm.  epiat 


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Die  Ueberlieferungegeschichfce  des  Horaz. 


295 


st-rm 


1,  10,  24  ut  aDEO  Porph. 

27  latini  aDEO  (BHmd.) 
89  spectanda        E)  aDE 
40  potes  aDEO 
44  ducit  aDE  (Serv.) 

2,  1,  18  cum  aDEO 

22  gwc  aDE 
2,  30  tepetere  (dep-E)  aDE  Porph. 
35  4«  o  aDE  (Porph.) 
60  repotia  aDEO* 
99  «raus»««  aDEX 
116  edi  luce  aDE 

8,   4  ab  ipsis  aEXO  (D  fehlt) 

88  teert  aEO« 

93  periret  aDE 
108  guto*  discrepat  DE 
174  t'iMoma  aDE 
183  aut  aDEO 
213  ut'tt'o  aDKl 
«27  Et  dicit  aDE 
235  wWfo  aDEl 
£40  «fe^ordc^et  aDE 

291  Magne  (-ho  £)  aDE 

292  ne  aDE 

4,    2  uinctmt  aDElO 
22  peragit  aDE 

6,  57  e<  aE  (D  fehlt)  O1 

7,  18  doctw«  aElO 
19  acrior  aEO» 
84  fert  ElO« 

«<  g*w  E 

1,    1,  48  Discere  AEO 
72  aut  AEO* 

101  putas  AElö  Porph. 

2,  4  PiÄUtHS  AKO* 
«  «««fug  AEXO* 

33  oi gut  AEO 

3,  4  turres  AE  Porph.  FXlO« 

6,  11  exterruit  utrum  AE '*) 
18  Suscipe  AEXltt 

48  jprtwuÄ  AEO1 
53  Ate  AEFX1 
64  p  atria  AB? 
68  nt*  AE 

7,  73  Ate  AEO 

8,  12  uento  su  s  AE  (Serv.)  RO2 
11,  24  Ut  AEO* 


to*m(a)e  R*. 
spectata  RO*. 

R*. 
dueto  R*. 
dum  * 7t). 
ue  O*  (Porpfc.V 

jrtrtri  4»0. 
quid  *,  gi«xl  O. 
reportia  «I'O1  (Porph.). 
irawtM»  *0  (Porph.). 
ff  edu/<%  (<*e  7«ce  X)  *  et  di- 

Juce  O,  (et)  eduloe  (Porph.). 
at  ip  8i*  ♦  Bland, 
uen/m  *0'. 
pt risset  *0. 
gut  d»5Crep«<(BlanÄ.)0*a. 
w(«i0s<mta  *0. 
et  *. 

ausgelassen  *0. 
E dicit  *0. 
uerri«  (Bland.)  O*. 
tx(s)orberet  0*. 
Jfane  0*. 
gwe  O*. 

uificen*  Bland.  4». 
peraget  O*. 

doctor  Bland.  4». 
ac  prior  Oa*. 
/<rrf  O1*. 

tcquis  *,  «cu*  corr.  in  ec- 

quis  0. 

Dicere  R*. 

ausgelassen  in  II,  denn 

et  KO'Ä«,  oc  FX1. 

}*rfa{  R*,  puta  corr.  in$wtes  0 

P/emiw  (Bland?)  RO**. 

aertum  Bland.  RO1*. 

atque  Bland.  R*. 

fm-os  Bland.  RO'Sic 

txterret  (-U  R)  utrumque  RO*. 

Suspice  ROPd  Porph. 

j>r»mufn  RO1*. 

(/*)«  R05tc  <Ex.  Vat.) 

patri(a)e  RO*. 


ausgelassen  R*,  dafür  est  in- 
terpoliert XI. 
tttntaroi  Bland.  O1*. 
Tu  Bland.  RO1*. 


7S)  Von  sat.  2,  1,  16  an  fehlt  in  den  Satiren  R. 
•)  Ich  halte  das  für  durchaus  richtig:  nur  gehört  utrum  zuln  fol- 


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296 


Vollmer, 


donarat  Bland.  RO«*. 

n  i  RO*. 

benign[a)e  RO*. 

Suspectus  R*. 

toca  RO1*. 

an^rut  R*  Priscian. 

fqui(<i)  *  Porph. 

et  Bland.  RO1*. 

pont'<  (-af  7t)  (Bland.)  *. 

extore  R,  ex  ore  *. 

obtinet  R*. 

t'/fe  R*. 

Z>tcü  ef  R«,  Dicat  ei  *. 
nc  R*Oa. 

et  idem  Rn,      ttero  0*. 
et  RO*. 
nata  R*. 
plaudet  R*. 
ntffio  0*  Porph. 


l(a)eua  RO'*. 
fori 


epist. 

1,  15,  82  donofea«  AEO* 

16,  5  si  AE  (Porpb.  lemma) 
8  benigni  AE 

51  Suspectos  AEO 

17,  28  Joca  AEO* 
30  angue  AEO 

18,  82  et  quid  AE  RO 
107  ut  AEO5  Porph. 

111  dona<  AE  RO 

19,  13  textore  AEO  Porph. 
30  oblinat  AE  0 
47  ts*e  (om.  A)  E  O 

2,  1,  27  Dictitet  aO'  Doctffef  EOl 
37  ju«  aE  O1 
46  « t  i  a  m  aE  Ol 
73  et  ausgelassen  AE 
153  lata  aE  0 

186  gaudet  aE  Bland.  0  (Porph.) 
198  nimio  aE  Rrc  Bland. 
205  l  (a)  e  u  a  e  aEO* 
226  eo  rem  uenturam  aEO 

2,  2,  8  imitaberi  8  aE  Bland. 
11  extrudere  aEO 
44  «ellm  aEO2 
63  tu  quod  aEeO 
77  urbem  aE  Porph.  0 
87  m  t  aEiO 

112  /enmtur  aDEsO* 

49  ei  ausgelassen  aBC 

76  inclusa  est  BCO 
111  effert  {  eret  B)  aBCOö 
117  uirentis  aBCO 
196  amic«  aBCO 
203  p  a  u  c  o  aBC  Porph.  0« 
212  haben  aBCO 
223  Inlecebris  aBCO 
237  et  BC  Bland.1 
279  Aeschy  lus  aBC 
294  Praesectum  BC  Bland. 
305  e4s)0rti7a  aBC  Rn 
319  locis  aBC  Bland. 

327  albani  aBC 

328  triens  (/») e u  aBC  Bland.  0 
339  ueht  aBCO  (Serv.) 
400  h  o  n  o  r  aBC 
421  agri  BC 

In  dieser  Liste  —  sie  wird  nicht  lang  erscheinen,  wenn  man 
bedenkt,  daß  sie  abgesehen  von  den  oben  aufgeführten  ge- 
meinsamen Fehlern  der  Hss.  und  den  Zeugnissen  der  indirek- 
ten Ueberlieferung  eigentlich  den  ganzen  kritischen  Apparat 
zu  Horaz  birgt  —  sind  für  den,  der  sie  zu  lesen  versteht,  die 


foretn  uenturam  Rtc,  item  fore 
uenturum  FX1. 
imitabimur  (-itur  X10)  RO*. 
excludere  Bland.  R*. 
possim  (-em  O1)  RO1*. 
quod  tu  R*. 
urbes  R*. 
et  R*. 

ferentur  RO1*. 

et  (Bland.)  RO*. 

iunctis  (-us  Rti)  aus  Vera  75  R* 

et  certi  R*. 

uigentis  R*. 

amici  Ftc5  amicis  RX1. 

paruo  R*. 

lassen  aus  R*. 

Incelebris  R*. 

an  R  Bland.«  O*. 

Aeschynus  vel  -inus  RO*. 

Perfectum  RO*. 

ex(s)ors  ipsa  0*. 

iocis  RO*. 

(al)bini  RO*. 

trienem  Rä,  triens  est  *. 

uolet  R*. 

bonos  RO*. 

agris  RO*a. 


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Die  Ueberlieferungggeschichte  des  Horaz. 


297 


wichtigsten  Tatsachen  der  Ueberlieferung  und  damit  die  Richt- 
schnur der  recensio  beschlossen.  Ich  will  versuchen  das  zu 
entwickeln. 

Zunächst  ist  klar,  daß  diese  Varianten  nicht  Ausgaben80), 
sondern  Abschriften  bedeuten:  ganz  significante  Schreibfehler 
z.  B.  carm.  1, 12,  2  CELO  statt  CLIO,  3,  2.  22  IRE  statt  ITER,  ■ 
4,  15,  10  ET  VAGANTI  statt  EVAGANTI,  epod.  14,  10 
NACREONTA  statt  ANACREONTA,  serm.  1,  4,  15  ACCIPE 
IAM  statt  ACCIPIAM  u.  s.  w. ,  dann  eine  Reihe  von  Wort- 
unistellungen,  ferner  Abirrungen  wie  serm.  1,  2,  100,  ars  76, 
Auslassungen  wie  ars  212 ;  ganz  klar  erkennen  wir  die  Capi- 
talschrift  des  Archetypons  epist.  2,  1,  226  wo  FOREM  statt 
EO  REM  in  Klasse  II  übergegangen  ist,  vgl.  auch  epist.  1, 
15,  32  DONARAT  II  und  Bland,  statt  DONABAT. 

Welche  Abschrift  ist  die  bessere?  Das  zeigt  deutlich  die 
Verteilung  des  Sperrdruckes,  der  auf  der  linken  Seite  über- 
wiegt :  I  ist  zweifellos  die  getreuere  Copie,  aber  auch  sie  wim- 
melt von  Fehlern  und  kann  daher  nur  bei  ganz  gleichwerti- 
gen Lesungen  relativ  größeres  Ansehen  beanspruchen.  Es  ist 
ja  überhaupt  nicht  die  Aufgabe  der  Recensio,  Lesarten  nach 
ihrer  Güte  zu  zählen,  sondern  für  jede  einzelne  Stelle  den  Ar- 
chetypus zu  rekonstruieren. 

Und  nun  beginnen  die  Zweifel.  Ist  denn  die  oben  ste- 
hende Liste  beweiskräftig,  ist  sie  nicht  willkürlich  und  un- 
sicher? Niemand  weiß  besser  als  ich,  wie  schwer  sie  zusam- 
menzustellen war,  wie  genau  jede  Stelle  geprüft  werden  mußte, 
mit  wie  viel  verschiedenen  Möglichkeiten  zu  rechnen  war.  Und 
ich  fühle  durchaus  die  Verpflichtung,  für  eine  Reihe  von  Stel- 
len meine  Erwägungen  klarzulegen,  damit  mein  Urteil  nicht 
als  Willkür  erscheine. 

V. 

Während  im  ganzen  die  Reconstruction  der  I.  Abschrift 
kaum  Schwierigkeiten  macht81),  wird  dieselbe  Aufgabe  für 

eo)  Nirgend«  finden  sich  Sparen  einer  Recensionsarbeit  wie  z.  B.  in 
den  alten  Plautusauagaben  A  und  P ;  auch  werden  die  Varianten 
dieser  beiden  Klassen  nicht  von  antiken  Zeugen  be- 
stätigt (über  carm.  3,  17,  4  fastus  oder  fastos  siehe  S.  276),  mit 
einer  Ausnahme,  die  ich  oben  S.  282  Anm.  39  behandelt  habe. 

")  Diese  erheben  sich  nur  da,  wo  die  führenden  Hss.  ABC  nicht 


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298 


Vollmer, 


Apographon  II  durch  eine  ganze  Reihe  von  Umständen  er- 
schwert. Hier  spielt  mit  die  UnvoUständigkeit  und  Unzuver- 
lässigkeit  der  Collation  des  Blandinianus  vetustissimns ,  das 
Fehlen  von  Ii  in  einem  Teil  der  Satiren,  der  aber  auch,  wo 
er  erhalten,  bisweilen  durch  Glossen  und  Varianten  getrübt 
ist.  So  müssen  wir  uns  oft  genug  statt  des  sicheren  Zeug- 
nisses Bland.  R<X>  mit  dem  magern  R$  oder  gar  <J>  genügen 
lassen84).  Vor  allem  aber  kommt  in  Betracht  der  Zustand 
der  Kerngruppe  von  Klasse  II,  der  Gruppe  Wäre  sie  so 
wenig  getrübt  wie  etwa  i?,  so  würden  uns  Hunderte  von  Zwei- 
feln erspart  bleiben83).  In  Wirklichkeit  ist  aber  die  Gruppe 
4>,  in  der  sich  zusammenschließen  F  (=^9)^71,  lauter  sicher 
oder  wahrscheinlich  mittel  französische  Hss.,  ganz  besonders 
fehlerhaft  und  verderbt.  Ihre  Verwandtschaft  im  einzelnen  histo- 
risch zu  erklären,  muß  ich  einer  besonderen  Untersuchung  über- 
lassen; für  mich  genügt  hier  festzustellen,  daß  sie  durch  hun- 
derte von  gleichen  Fehlem  zusammengehalten  werden  und 
daß  nur  in  den  Carmina  und  fipoden  XI  oft  von  der  I.  Klasse 
her  beeinflußt  sind,  wie  sie  auch  die  Mavortius-Unterschrift, 
indirecter  Herkunft,  tragen.  Ich  muß  aber  hier  wenigstens 
die  große  Menge  der  charakteristischen  Fehler  zusammen- 
stellen, damit  das  Zeugnis  dieser  Gruppe  nicht  länger  über- 
schätzt werde :  die  Gruppe  ist  zahlreich  und  mächtig  geworden 
vor  aUem  weil  Heiric84)  und  sein  Kreis  den  Horaz  in  dieser 
Form  kennen  gelernt,  nachgeahmt  und  verbreibet  hat ;  tatsach- 


erhalten  sind,  also  vor  allem  in  den  Satiren  und  Episteln,  und  auch 
hier  giebt  in  der  Regel  der  Consensus  aE,  wo  nicht  Glossen  die  reine 
Ueberlieferung  gestört  haben,  den  rechten  Weg  an. 

ea)  Unter  den  von  Keller-Holder  verglichenen  Hss.  habe  ich  nach 
einem  weiteren  von  4>  unabhängigen  Vertreter  gesucht,  ober  keinen 
gefunden  :  auch  u  hängt  von  <£>  ab:  vgl.  z.  B.  carm.  4,  4,  43.  4,  6,  17. 
4,  7,  15.  4,  10,  5  u.  a. 

M)  Die  Fälle  wo  *  allein  das  Ecbte  bewahrt  hat,  sind  selten:  am 
wichtigsten  carm.  3,  29,  34  wo  aequo* e  für  das  glatte  Flußbett  (vgl. 
Thes.  Hng.  lat.  1  1027,  32)  in  allen  andern  Hss.  und  natürlich  auch 
in  den  Ausgaben  durch  die  Glosse  aiveo  verdrängt  worden  ist;  3,  27, 
55  Defluat  mag  Conjectur  sein;  siehe  noch  serm.  2,  3,  183  et,  2,  7,  19 
ac  prior  ;  Uber  ars  3ü5  vgl.  unten  S.  305. 

8*)  Siehe  vor  allem  die  schon  von  Traube  PMA.  III  S.  424  Anm.  3 
hervorgehobene  Stelle  carm.  2,  20,  13. 

9b)  Wo  andere  Hss.  zu  4>  hinzutreten,  ist  meist  derselbe  Schreib- 
fehler oder  dieselbe  Gloeseninterpolation  zwei-  oder  mehrere  Male  ge- 


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Die  Ueberlieferungsgeschichte  des  Horaz. 


299 


lieh  ist  dieser  Zweig  der  Ueberlieferung  der  wildeste ,  aui 
meisten  durch  Schreibfehler  wie  Interpolation  entartet.  Hier 
in  der  Gruppe  haben  wir  in  der  Tat  eine  Art  von  recensio 
vor  uns,  freilich  keine  des  Altertums,  sondern  eine  des  9.  Jahr- 
hunderts und  eine,  in  der  die  kühnsten  Interpolationen  neben 
den  törichtesten  Schreibfehlern  stehen. 


1, 


carcn. 

2,   11  super  iacto  4» 

18  uelorum  4» 
4,     8  urit»)  *0 

7,  27  teucro")  *DO 

8,  2  hoc  deos  oro  ötc 

te  deos  oro  FAlO 

9,  6  Largiri  poüs  <t> 
7  Depone  4> 

10,  17  animas  laetis  <P 
12,    18  parentum 


statt 


} 


13, 
M, 

18, 

25, 
27, 
28, 

33, 


37, 
o 


2,  2 


FöitDO  Bland, 
marg.  ••) 

15  aut  terram  Förc 
51  faÜ8  ausgelassen  Fötc 
57  regit  Fbn 
5  tum  4>D 
5  actus  <t» 
5  increpat  FöitEO* 
15  Extollens  {At  t.  «)  FöitO1 

5  faciles  FörclO»  Porph. 
14  te  ausgelassen  4> 

3  UiuB  *  (ohne  nl)  o 
19  et  F8ä 

6  torret  Fö* 
35,    17  *(a)ewa  *0 

26  fugiunt  Fön 

5  Antehanc  4»  (Porph.) 

7  a<7«  *0  (Porph.) 
28  exitium  <t>0* 

3  oresetf  Föic 

6  te<7me$s(a)e  4>0 
5  Pompiii  4>  (Porph.) 

7  comptus  FörcO 
14  ad  aerc  Föit  no  a«r«  t?eZ  a*re  O1 
11  cedunt  FötiO 

10,  18  cytharae  Fük 

11,  24  comatn  Fön 

12,  25  Dum  Fö-0 

13,  8  Colchiea  $  (Porph.)  cofcÄw  0 
23  discretoB  FXln'O  (Ö  deest) 

16,  13  j)atertK>  Fr  (ö  deest) 
31  fönet  FönO2 

17,  19  Loctalis  Fön 


4, 

7, 


9, 


supetiecto 
ultorein. 
uisit. 
teuer  i. 

hoc  deos  vere. 

Large  reponens. 
Deprome. 
laeäs  animas. 

parentis. 

ac  {et  EDR)  terra». 

fatis. 

reget. 

tunc. 

saucius. 

crepat. 

FA  totlens. 

facilis. 

te. 


torret. 

serva. 

(Jyffugiunt. 

Antehac. 

aget. 

exilium. 


teemesme. 

Pompei. 

Corona  tus. 

nere, 

decedunt. 

ciftliara. 


Cum. 

Colcha. 

discripiaa. 

pa 

forsan. 


macht,  in  den  jüngeren  Hss.  wie  0  auch  einfach  aus  *  übertragen 
worden. 

M)  Was  sich  die  Abschreiber  bei  der  Verbreitung  dieser  ganz  tö- 
richten Lesart  gedacht  haben,  kann  ich  nicht  erraten. 


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300 


Vollmer, 


carcn. 

2,  17,   25  alas  auagelassen  Fön 

te  Fön 
18,     8  diente*  #0 

36  ,Retit(n  >a»<  Fön 
20,     3  terra  FönO 

13  (ojct'or  FönEO  Heiric 
8,   1,   43  DeUnit  (-n«  0)  *DO 

3,  10  Innisus  FönO 

12  bibit  FönOE  (Porpb.) 

4,  10  Jiroen  ap«iia«  <J>Oß  (Porph.) 
16  f«r«nti  <t>0»  (Porph.) 

31  arentes  Fön 

5,  51  atnicos  FönO 

53  c/iCTitii»m  4»0  (Porph.) 

6,  35  et  ausgelassen  FönO 

8,  27  rape  (spe  n1)  Fön 

9,  9  riget  4> 

21  Quamm«  FökO* 
10,     6  situm  FönO  (Porph.) 
13,    11  sub  uomere  FönO' 

16  Nymphae  Fön 

18,  7  creterrae  *  (Porph.) 

19,  11  Munere  Fön 

14  attontfu«  cyathos  FönO 
27  c/»Joe  Fön 

20,  3  paulum  Fön 

23,  9  alcido  Fön 

24,  26  aut  FönO 
27  quaerit  Fön 
60  hospitem  FXnO 

25,  16  fraxinu8  Fön  (Porph.) 
27,     7  guüJ  öXlnO 

37  culpa  FnO*  (Porph.) 

3,  27,    55  Ltefluat  richtig  FönO 

71  uisus  <t» 
29,   84  aequore  richtig  FönO* 
62  Tum  FönO 

4,  1,    11  Comitabere  FönO1 

37  ego  te  Fön  {te  O1) 

2,     6  Cum  .  . .  saluere  Fön  Bland. 

58  orbem  öXln 
4,     6  propulit  ÖXlnO 

41  artna  4> 

43  M«i  ausgelassen  4> (per F, efön) 

6,  17  captis  ausgelassen  Fön 

38  nocte  lucem  Fön  (noctem  lu- 

cem  O») 

7,  19  herebis  vel  -6»t  4> 

8,  25  aequum  Fön 

10,     5  falsche  Wortstellung  FönO 
12,    11  Delectante(m)  Fön 

16  mereberis  Fön 
14,.    5  Aeteme  et  Fön 
15,    28  ut  FönO» 


statt  cmwi. 


r 

- 

- 

- 


Eeuexit. 

tcrrw. 

tioftor. 

Enünis. 
btbet. 

litnitM  j)ulltci€. 
forenti. 
urentes. 
propinquos. 


CO])C. 

regit. 

Quamquam. 

satutn. 

uomere. 

Lymphae. 

craterae. 

M  urenae. 

cyathos  attonitus. 

rhode. 

paulo. 

ahjido. 

et. 

quarret. 

fraxinos. 

CM*. 

culpae. 

Defiuü. 

inuisus. 

alveo. 

Tunc. 

Comissabere. 

eqo. 

Quem  .  .  .  alucre. 

ortum. 

protuht. 

alma. 


noctilucam. 
heredi8. 


Delectantque. 


Aeternet. 
que. 


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Die  Ueberlieferungageschichte  des  Horaz. 


curia,  saec. 

26  est  ausgelassen  FörcC1 

61  imperet  FÖXIUO» 
57  honos  <*» 

epod. 

1,  10  Quem  4*0 

2,  19  gaudens  Föic 

5,  1  regis  4»0 

21  colc{h)os  *0 
84  iitimcmori  Fönl 
55  dum  FSk 

6,  15  oppetiverit  F  (Ö1?)  n1 
IS,     9  cyllena  Ftn 

15,  17  tu  ausgelassen  Fö« 

16,  33  fiauos  FöitRO,  saeuos  XI 

17,  17  circ(a)e  FölnO 

62  £•  *0*  Ps.  Porph. 
67  a#te  FörcRO* 

lerm. 

1,   1,   88  at  FXlöO» 

91  campum  FXlöO* 
94  habebas  4>B* 

105  6esei/*  (ues-  O1)  *0* 

2,  3  %iWt  <K>» 
12  /iwuitiM  *0» 
19  hoc  FXlöO 

34  Jfac  FX13 

51  Munificum  <J>0* 

71  ferbuit  * 8T) 

90  Kncew  FX10  (Zynceis  E) 

93  depggis  *aO 

97  dum  * 

officiunt  FXIO* 
117  praesto  aut  <I>02  M) 
133  jjy^c  * 

3,  29  actus  <i> 

33  pectore  *0* 

35  imederit  *  (Porpb.  lemma) 
38  «rnici  4» 

64  {h)aut  * 

65  tnodesfua  * 
76  quatinus  * 

92  ante  me  4>0 

4,  32  ampftcrt  «FX101 
49  ttwamf  *R 

54  uerbum  4> 
78  .Mm  * 
87  imus  4» 

125  /raafc*  4» 

126  «»de«  * 
131  Ignoscat  4» 

189  Incumbo  4>Ol  (Porph.) 
5f     8  Itn$ru(a)e  4>0» 


statt  impetret. 

g  hotior . 

*  Qua- 

„  gaudet. 

•  reati. 

,  Iokos. 

„  inemori. 

„  cuwi, 

,  cyllenea. 

rauos. 

fl  Circa. 

„  Scd. 

„  aftfc. 

,  an. 

„  campo. 

"  ^Lctti. 

,  ItycHi. 

Fufidius. 

>  Äic. 

»  #MC> 

,  Munifico. 

„  con/erfcuit. 

„  Xynce». 

„  depugis. 

„  tum. 

„  officient. 

„  praesto. 

„  pwaa. 

,  aptu«. 

„  coi-pore. 

,  mscucrtt. 

,  amicae. 

„  molestus. 

„  quatenus. 

„  ante  mea. 

,  ampliet. 

„  in*a«tt$. 

,  ueröts. 

„  .ATcc. 

„  ttwus. 

,  flagret. 

„  atttdos. 

„  ignoscas. 

„  Iniudo. 

„  Zowae. 


87)  ic  fehlt  von  1,  2,  70  ab  in  den  serm. 

M)  Von  serm.  1,  2,  114  fehlt  auch  8,  also  <I>  =  FX1. 


302 


Vollmer, 


1,   5,   26  anxyr  * 
40  uarus  <M) 


statt  Anrur. 
„      Varius  (ebenso  93.  1,  6, 
55.  1,9,38.1,10,44.  81). 


71  rede  «I-DO 


rccta. 


97  gratia  *DO* 
6,   65  aut  <t» 


Onatia. 

ac 
e. 


73  et  #0! 
75  oc&mw  . . .  acta  (-re  0 ')  *0 
83  seruabat  * 


octonos  .  .  .  acris. 


28  mtiZfum  <l>0 
8,     9  uüis  *Ol 


96  «t  * 
7,     7  tumidusque  $ 


Di  ul  to. 
uili. 


48  caZüwdrwm  ♦  (Porph.  4  mal) 
9,   12  agebam  *E 


13  ficos  *  Ps.  Chans. 
16  Proscquar  4>DO 
63  *ewd»t  * 


12  eiprus  4> 


eippus. 

rahendrunu 

<*iebam. 

uic&S. 

Persequar. 

tendis. 


1,  10,  *1 — *8  diese  falschen  Verse  sind 
jüngeren  Hss.  ••). 


nur  in  «I>  erhalten  und  einigen 


••)  Diese  Tatsache  zwingt  uns  gegenüber  den  früheren  Betrach- 
tungen (zuletzt  F.  Marx,  Rhein.  Mus.  41,  1886,  552  ff.)  die  Frage  zu 
erwägen,  ob  es  denn  ganz  undenkbar  sei,  daß  diese  8  Verse  in  der 
Karolingerzeit  interpoliert  worden  seien.  Höchst  verdächtigend  ist  doch 
außer  der  beschränkten  hslichen  Bezeugung  4er  Umstand,  daß  Porphy- 
rio  sie  nicht  commentiert  hat,  ein  Umstand,  der  nach  der  unten  zu 
erschliessenden  Lage  unserer  Ueberlieferung  fast  völlig  die  Möglichkeit 
abschneidet,  daß  die  Verse  aus  dem  Altertum  überkommen  seien.  Und 
daß  die  Verse,  wie  Marx  meint,  ursprünglich  für  einen  andern  Zweck, 
ein  literarhistorisches  Gedicht  oder  als  prooemium  einer  Luciliusrecen- 
sion  gedacht  und  gemacht  und  erst  nachträglich  der  Satire  vorgeflickt 
seien,  ist  unerwiesen,  unerweislich  und  bei  dem  Uebergang  mitten  im 
Verse  ut  redeam  illuc  ganz  unwahrscheinlich.  Hinzu  kommt  eine  wich- 
tige Kleinigkeit:  die  übliche  Emendation  in  v.  4  quo  meUor  vir  (et) 
est  ist  schlecht,  wie  auch  Marx  erkannte ;  mit  langt  subtiüor  fängt  not- 
wendig eine  zweite,  von  quo  unabhängige  Apposition  an.  Vir  an  sich 
ist  gut,  es  gehört  nicht  zum  Praedicat,  sondern  zu  ille:  hoc  lenius  iUe 
vir  quo  melior  est.  Der  Fehler  vir  aber  zeigt  uns  m.  £.  deutlich,  in 
welche  Zeit  die  Verse  gehören;  seit  dem  5.  Jahrh.  werden  einsilbige 
Wörter,  die  auf  Consonant  ausgehen,  verschiedentlich  als  Länge  be- 
handelt (z.  T.  natürlich  nach  Beispielen  von  Nachwirkung  Ursprung, 
licher  Doppelconsonanz  wie  pes  und  par) :  facf  ac,  cor,  an,  nee  u.  s.  w- 
und  solche  Dinge  bildeten  die  Karolinger  nach ;  so  haben  wir  bei  H  e  i  - 
ric  von  Auxerre  (PMA  III  p.  427  ff.)  in  der  vita  Germ.  1,  34  vel 
(in  thesi)  und  1,  480  nec  (in  thesi);  für  vir  selbst  beweist  der  Vers  6,  6 
hoc  vir,  hoc  mulier,  hoc  u.  s.  w.  nichts.  Den  folgenden  Vers  tese  ich 
mit  Marx:  qui  multum  pucrum  et  loris  et  funibus  ussit  Exoratus  und 
erkenne  mit  ihm  eine  Nachahmung  von  Juvenal.  6,  414  quae  vicinoe 
humiles  rapere  et  concidere  loris  Exorata  iolet  Diese  Nachahmung 
Juvenals  passt  wiederum  vortrefflich  auf  Heiric,  der  diesen  Dichter 
vielfach  nachbildet,  ihn  sogar  glossiert  hat  (Traube  PMA  III  p.  424 
Anm.  3).  Kurz,  ich  halte  Heiric  für  den  Verfasser  die- 


raz  gemacht  worden  sind,  die  wir  in  *  erhalten  haben  und  von  der  wir 


des  Ho- 


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Die  Ueberlieferungsgeschiehte  des  Horaz. 


1,  10,  5 

65 
75 

2,  1,  49 
2,  22 

38 
41 
58 
65 
95 
99 
114 

2,   3,  21 
39 
41 
63 
72 
96 
98 
108 
12S 
142 
152 
156 
246 
247 
266 
272 
286 
817 
4,  3 
11 
14 
47 


num  *Oa 

urbanis  <t> 
miiibus  WM 
quis  .  . .  ceriet  4>OD 
tagonis  *  (Porph.) 
raris  4»  (Porph.) 

fundere  * 
qui  <t»0 

Occupat  <fr  (eiempJa  Vat.) 
Asia  que{t)  * 
metatum  * 
/oiwr  *  (O*?) 

«et  * 

sitnilis  cuncta  Fl1 
wra  *aOa 
contraxerit  <K) 
uefatin  * 
töte  4» 

tu  tneamie  4» 

opimus  * 
guod  vi« 
empti  <!>■ 

ut  ausgelassen  *0 
postella  (-lo  V)  «I» 
habet  ausgelassen  Fl 
Qui  Fl 

ttHtyo  *  wie  ee  scheint 
tandem  *Oa 
utique  (antique  1)  <t> 
cckbrabitw  4> 

tawen  *  (om.  0) 


statt  nam. 

urbanus. 
uilibus. 
quid  .  .  . 
lagois. 


furo 
quamqt 
defundere. 
qua. 
Occupet. 
As  laquei. 
metato. 
uafer. 
angit. 
s»  eriL 

similem  cunctum. 
ius. 

construxerit. 

uehtti. 

istis. 

tun  sarms. 

(  ))iItiS, 

quid  vis. 


plostello. 

Quid. 

uulgus. 

tantum. 

Aniftique. 

eelabitur. 

cofübent. 


sahen,  daß  eine  charakteristische  Lesart  eben  von  Heiric  in  eigenem 
Gedichte  verwandt  wurde  (oben  S.  289).  Wie  aber  kam  denn  Heiric 
zu  solch  ausgezeichneten  Kenntnissen  über  Lucilius,  Valerius  Gato,  Or- 
bilius?  Man  beachte  doch,  daß  alles  was  in  diesen  Versen  erwähnt 
oder  gestreift  wird,  bei  Sueton  de  gramm.  steht  oder  aus  dessen  Noti- 
zen zusammenphantaeiert  werden  konnte ;  Suet.  2  (Lucilü  saturas)  U- 
gisse  8e . . .  apud  Phüocomum  Valerius  Cato  praeddeat,  11  das  Capitel 
Ober  Cato,  mit  dem  Lobe  seiner  Tätigkeit  als  Lehrer:  er  war  eben  ein 
anderer  und  besserer  Mann  als  der  plagosus  Orbilius  (puerum  ist  na- 
türlich Horaz ,  nicht  Cato) ;  aber  von  Cato  stand  auch  der  Vers  bei 
Suet.  qui  solus  legit  ac  facit  poetas :  da  haben  wir  das  emendare  parat 
und  den  defensor  de«  Lucilius.  Also  Heiric  kannte  aus  Fulda  (vgl.  Sue- 
ton. ed.  Reifferscheid  S.  410  f.)  her  das  kostbare  Fragment  über  die-  Ge- 
schichte der  römischen  Grammatik:  er  fand  in  seinen  Hbb.  die  10.  Sa- 
tire des  Horaz  mit  Nsmpe  imomposito  wie  ihm  schien  abrupt  beginnen 
und  dichtete  nun  unter  der  Maske  des  Horaz  den  falschen  Eingang, 
nicht  ohne  WH»  und  Geschick.  Daß  Heiric  diese  Verse  machen  konnte, 
wird  jeder  zugeben,  der  in  der  vita  Germani  neben  ausgeleierten  Versen 
un<l  mancherlei  Fehlern  Reihen  findet,  denen  man  genau«  Leotüre  der 
Morasiaoheu  Satiren  anfühlt  auch  ohne  daß  direote  Nachahmung  vorläge. 


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304 


Vollmer, 


2,   4,  49 

66 


1, 


5, 


68 

3 
6 
7 

38 
48 
•  89 
104 
6,  27 
38 
40 
61 
89 

106 
105) 
19 
38 
49 
53 
78 
79 
88 
99 
100 
105 
4 
40 
95 


7, 


8, 


epist 
1. 


2, 


4, 

6, 

7, 


11, 
15, 

16, 


6 
14 
76 
10 
13 
34 
59 
11 
26 
51 

3 
22 
52 
57 
93 

7 
45 
46 
14 


ne8cit  FX 
quae  4> 
addens  4> 
dolosos  <I> 
redtat  Fl 

aut  qui  Fl  (exempl.  Vat.) 

si  (sis  0)  F10 

Arripe  4> 

neuel  Fla 

multum  FlO 

iocut»  * 

tabellas  Fl 

proprior  4>a 

Aorfi«  4> 

auggelassen  in  F,  an  falscher 

Stelle  X1 
ubi  ausgelassen  FX 
aßlat  FX 
est  melius  4> 
«upino  Fl 
urgente  Fl 
Tecum  Fl 
«upra  FXO* 

est  mos  FXO1 
potestne  4» 
morientes  FX 
et  ausgelassen  4> 
gut  dum  Fl1 
da  FX 
imis  4KX)1 
atris  (deest  1)  4>C 

exomet  FöXl 

adJtctu«  4»  (=  FöXl«)  0  Porph. 

quae  4» 

Quod  FöXlO1 

Aforo  4> 

eures  FöXlO 

iram  4» 

modus  et  4> 

et  uta  FXlÖ 

pondere  4> 

sanum  ausgelassen,  teilweise 
oo«  FöXlO« 
leui  4» 
locum  4*0* 
diccr«  4>R 
gldbiis  4> 
a/»Y>  <I> 
uo/to  4> 

uJtfo  ufe'iis  4»E0* 


statt  ft€  s»>rt. 
Otto. 
addes. 
doloso. 
redeam. 


Adrepc. 
neue. 


locuto. 
tabellis. 
propior. 
h<nis. 


affcrt. 

ieutus. 

supinor. 

turgentis. 

Tu  cum. 

super. 

uti  mos. 


ui  tu. 


»rot. 
Afris. 

exoret. 
adductus. 


uta. 

pondera. 
recteque  interpoliert  4*0. 
statt  ait. 

loco. 
ponere. 

gabiis;  ebenso  1,  15,  9. 
aio. 
uillis. 

aptrn  et  utilis  °°). 


•°)  Diese  Stelle  ist  sehr  lehrreich :  jeder  ist  zunächst  geneigt  das 
pointierte  utilis  utilis  als  Horatianisch  anzusprechen,  und  doch  bezeugt 
die  Abwägung  der  Ueberlieferung ,  daß  aptus  et  utilis  (so  ARO1«)  im 
Archetypon  gestanden  haben  muß:  in  4>  ist  der  Fehler  begangen  und 


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Die  Ueberlieferungsgeschichte  des  Horaz. 


305 


epist. 

1,  16,   45  Hunc  prorsus  *  statt  Inprorsum,    richtig  In- 

trorsum. 

61  iustum  sanctumque  FXIO  „     iusto  sanctoque, 

63  Quo . . .  quo  <P  (Qui . . .  quo  Ol)    ,      Qui  .  .  .  qui. 
17,   14.  15  Verwirrung  in  *  und  O  wegen  der  gleichen  Versschlüsse. 


19  regibus  FXl 
38  peruencrit 

18,  45  quoHensque  (auoticns  quoque 

XI)  duät  (-et  ä)  <& 
81  fidens  est  FXO» 

19,  23  patrios  * 

20,  2  nudtM  FXl 
2,    1,   79  tte(c)  * 

91  Äatores  * 

98  Tunc  * 
149  tMtti  co«j»t  FXl 
159  peperere  FXIO1 
207  »iwtare  4» 
2,   71  Ptores  <t>  (exempl.  Vat.) 

83  cum  lX8?c  (c*riw  0*) 
135  parentem  * 
199  procv*  4> 
203  colore  4> 


statt  rcctius. 


UTH. 


18  /luttW  * 
154  plus  oris  4>  (O1?) 
168  pemiutare  <I»0 
190  «pectafa  XlörcO 
462  proiecerü  <f>0 


<jiwtien8que  educet. 

ftdcntem. 

Portos. 

mundus. 

necne. 

haberet. 

Nunc. 

coepit  uerti. 
pepuiere. 


Purae. 

curis. 

patentem. 

domus  procul  absit. 
loco  re. 

pluviu8. 
plausoris. 
mox  mutare. 
8pectanda. 
deiecerit. 

die  Reconstruction  der 


Zu  der  Gruppe  <I>  treten  nun  füi 
IL  Abschrift91)  Bland,  und  R.  Für  R  wird  die  Zugehörigkeit 
zur  II.  Klasse  hinlänglich  durch  die  Bücherfolge  erwiesen ;  im 
übrigen  reden  die  Varianten  der  Klassenliste.  Doch  muß  ich 
einige  Stellen  berühren,  die  in  R  aus  Klasse  II  herausfallen, 
serm.  1,  1,  38  muß  patiens  alte  Glosse  zu  sapiens  gewesen  sein, 
die  apographon  I  occupierte  und  dann  auch  in  R  in  den  Text 
drang;  ebenso  liegt  die  Sache  epist.  1,  18,  111,  wo  donat 
Glosse  für  ponit  ist;  über  epist.  1,  8,  12  siehe  unten  S.  307 
über  carm.  4,  14,  28  medüatur  vgl.  S.  282;  dieselben  Schreib- 
fehler sind  2mal  gemacht  in  I  und  R  epist.  1,  18,  82  et  quid 
statt  ecquid,  2,  1,  198  nimio  IRtc  Bland,  statt  mimo;  ars  305 
wird  ex(s)ortita  IRtc  zu  ex(s)ors  ipsa  aus  Scholien  gebessert  sein. 

Schwieriger,  aber  doch  auch  mit  vollkommen  ausreichen- 


verschliram  bessert  worden,  daraus  nach  E  übertragen.  Anders  und 
doch  für  E  gleichwertig  1,  16,  59  clarc  (clare). 

9t)  Ich  lasse  O  als  zu  junge  und  unselbständige  Abschrift  von 
jetzt  ab  außer  Betracht. 


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306 


Vollmei, 


der  Sicherheit  läßt  sich  beweisen,  daß  auch  der  Bland,  nicht 
etwa,  wie  Leo  (natürlich  in  anderem  Sinne  als  ich)  meint,  ein 
drittes  Apographon  ftir  sich  darstellt,  sondern  ans  dem  II.  ge- 
flossen ist.  Zunächst  der  freilich  nur  für  die  Unabhängigkeit 
von  I,  nicht  für  die  Gebundenheit  an  II  ziehende  Beweis  aus 
der  Büch  erfolge92):  aber  auch  Cruquius  unvollständige  Zeug- 
nisse für  die  Varianten  93)  genügen  vollauf. 

Ich  zähle  zunächst  aus  der  Liste  S.  291  ff.  noch  einmal  die 
Fehler  auf,  welche  beweisen,  daß  der  Bland,  aus  unserm  ein- 
zigen Archetypon  stammt:  carm.  1,  12,  31.  1*23,  5*  1,  27,  19. 
epod.  5,  37.  serm.  1,  1,  81.  1,  2,  63.  2,  1,  31.  2,  5,  36'.  epist. 
1,  2,  5.  1,  3,  33.  1,  7,  96.  1,  10,  25.  1,  U,  &  2,  2,  123.  2,  2, 
167:  natürlich  nicht  allo  gleich  beweiskräftig,  aber  in  ihrer 
Gesamtheit  unerschütterlich.  Die  dagegen  zu  sprechen  schei- 
nenden Stellen,  an  denen  der  Bland,  ganz  allein  das  Echte 
hat,  werde  ich  weiter  unten  behandeln. 

Die  Ableitung  des  Bland,  aus  unserm  II.  Apographon  be- 
weisen mit  Sicherheit  folgende  gemeinsame  Fehler 9*) : 

»■)  S.  oben  S.  278  uud  290. 

")  Viel  zu  groß  ist  das  Verzeichnis  der  Lesarten  des  Bland,  bei 
MeweB,  FeBtscbr.  d.  Friedr.  Werd.  Gymn.  Berlin  1881  S.  63  ff.»  bes- 
ser, aber  auch  noch  nicht  genügend  gesiebt  das  bei  Höhn,  de- cod. 
Bland,  antiq.  S.  27  ff.  Ich  habe  selbst  die  Notizen  des  Cruquios  noch 
einmal  durchgearbeitet  und  verwerte  nur  ganz  ausdrückliche  Zeugnisse : 


sehen,  mit  dem  von  Kukula,  de  Cruquii  codice  vetustissimo  Wien 
1885;  sein  Verzeichnis  der  Leaarten  des  Bland,  steht  8.  45 — 64.  Zu 
scharf  urteilt  Häussner,  Cruq.  und  die  Horazkritik  S.  54. 

**)  Ausscheiden  muß  eine  Beine  von  Stellen.  Zuerst  carm.  3,  24,  4 
da  hier  der  Bland,  mit  Rn  das  Richtige  hat  Die  diplomatische  Lage 
an  dieser  viel  behandelten  Stelle  ist  folgende:  Apographon  I  hatte 
ponticum  (AB;  )JOl  wie  oft  aus  I),  Apographon  Ii  publicum  (so  12  Bland. 
7t1),  dafür  interpolierte  *  mit  metrischem  Fehler  apulicum,  was  die 
jüngeren  EO-  recipierten.  Ks  sind  also  ponticum  und  publicum  ganz 
gleich  gut  überliefert:  was  Btoand  im  Archetypus?  Durch  Schreibfehler 
aie  eine  Lesung  aus  der  andern  ableiten  zu  wollen  wäre  Spielerei.  Die 
Entscheidung  giebt  hier  Porph.,  der  (zu  v.  1  non  terrom  tantum,  verum 
etüun  maria  occupantem)  terrmum ,  Lachraanns  glänzende  Conjecfcur, 
sichert.  Excerpt  aus  Porpb.  ist  auch  dus  im  Haupt-Porph.  ausgelas- 
sene Soholion  A  et  mave  publicum:  omnibus  patens  mit  dem  Vergilcitat 
Bezeichnend  ist,  daß  Scbol.  A  die  Discrepanz  zwischen  diesem  Scho- 
lion  und  der  Lesart  in  A  zu  beseitigen  suchte  und  ins  Lemma  des 
Scholions  ponticum  hineincorrigierte.  Also  ist  in  Klasse  I  dieselbe  In- 
terpolation,  die  schon  im  Aochetypon  Tyrrhenum  aus  Terrcnnm  machte, 
fortgesetzt  und  publicum  in  ponticum  verderbt  worden.  Der  Schol.  V 
(Karolinger)  verwendet  dann  Tyrrhenum  auch  in  der  Erklärung  neben 
publicum,    carm.  4,  13,  14  ist  die  Entscheidung  zwischen  cari  und  clari 


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Die  Ueberlieferungageschichte  des  Horaz.  307 

carm.  4,  2,  6  Cum  . . .  saluere  Bland.  <2>  statt  Quem  . . .  aluere. 
epod.  2, 25  WwsBland.  R2  (risis  R 1 )  <I>  gegen  Wpts  ABCOXlrc1  96). 
epod.  6,  3  M*rte  Bland.  R202<I>  statt  ueHis^O^^ABGW96). 
serm.  2,  7,  18  etocfor  Bland.  <I>  schol.  T  statt  rfoctfi«?  aElO 97). 
epist.  1,2,4     Plenius  (Bland.)98)  RO1*  gegen  Planius 

AEO*. 

8     aestero  Bland.  RO»0  gegen  aesto  AEXO». 
33    atque  Bland.  R4>  statt  atqui. 
3,  4     terms  Bland.  R018tc  statt  turres"). 
8,  12    uenturus  Bland.  O1^  (Porph.)  statt  uento- 

sus10»)  AERO*  (Serv.)  Schol.  V. 
11,  24    Tu  Bland.  RO1®  statt  Ut. 
15,  32    donarat  Bland.  ROl<J>  statt  donabat. 
18,  107  et  Bland.  RO1^  statt  ut  AEO2  Porph. 
2,  2,  11    exdudere  Bland.  R0>  statt  extrudere. 
Diese  Stellen  beweisen  zur  Genüge  die  Abhängigkeit  des 
Bland,  von  Apographon  II,  seinen  Schreibfehlern  wie  Glos- 
sen101). Dagegen  beweisen  nichts  die  Stellen,  wo  Bland,  in 

zu  unsicher  zur  Verwertung  in  unserer  Frage ;  schol.  A  gemmarum 
pretiis  ist  wohl  interpolierter  Porphyrio,  nicht  gemmis  (Vatican.)  ge- 
kürzter, epod.  1,  21  ist  unwahrscheinlich,  daß  der  quartus  Bland.,  der 
das  interpolierte  uti  sie  auxili  hat,  der  älteste  ist.  Vgl.  Höhn,  de 
cod.  Bland,  antiq.  Jenae  1883  p.  15;  Mewes,  de  cod.  Horat  q.  Bland, 
voc.  nat.  atq.  indole  p.  59. 

*6)  Die  Verteidigung  von  ripis  durch  Keller  Epileg.  p.  860  halte 
ich  für  wohl  begründet.  Zu  beachten  ist,  daß  möglicherweise  riuis  nicht 
einmal  in  Apographon  II  stand :  A1  hat  risis,  was  schon  Keller  richtig 
als  Mißverständnis  aus  ♦langobardiscber' ,  besser  insularer  Schrift  er- 
klärt, und  ripis  hatte  auch  **.  Der  Bland,  wäre  also  hier  schon  von 
secundärer  Interpolation  in  n  abhängig,  genau  wie  an  der  folgenden 
Stelle. 

•*)  Hier  ist  wohl  auch  dem  II.  Apographon  unbedingt  uertis,  etwa 
mit  der  Glosse  uerte  (zu  quin  uertis  gehörig)  zuzugestehen :  R1«1  schrie- 
ben noch  das  Richtige  ab,  die  andern  die  Glosse. 

fl7)  Ob  doctor  wirklich  schon  im  Apographon  11  stand ,  ist  nicht 
auszumachen,  da  R  fehlt  und  10  zu  unselbständige  Zeugen  sind.  Scho- 
lion  r  ist  hier  natürlich  karolingisch. 

••)  sie  habent  Bland.  Divaei  Martin.  Nann.  Codices  Cruquius. 

")  Vielleicht  hat  hier  Apographon  II  noch  turres  mit  Glosse  terras 
gehabt,  denn  1<\1  haben  noch  turres,  was  freilich  auch  aus  Porph.  re- 
stituiert sein  kann. 

,0°)  Hier  möchte  ich  wegen  des  Porphyriocitats  (s.  u.  S.  314)  glau- 
ben, daß  wirklich  der  Schreibfehler  umturus  schon  im  Archetypon  II 
stand  und  daß  in  R  daa  Echte  aus  der  Randglosse  (=  Schol.  T)  oder 
aus  Serv.  restituiert  wurde. 

,01)  Ich  warne  ausdrücklich  davor,  aus  dem  Umstände,  daß  nur 
eine  dieser  significanten  Stellen  in  den  carmina  steht,  irgend  etwas  zu 

Philologui,  Supplomentbaud  X,  nvUcs  Heft.  21 


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Vo  1  lmer, 


Falschem  oder  Wahrem  gegen  II  zu  I  stimmt.  Es  sind  folgende : 
carm.  1,  15,  20  Crines  Glosse  statt  Culius. 
carm.  saec.  5  Quod  als  Interpolation  im  Bland. ,  was  in  I 

als  Schreibfehler  sich  fortpflanzte102), 
epod.  10,  19  sinu  notus  gleiche,  naheliegende  Interpolation 

wie  in  L 

serm.  1,  10,  27  laiini  kann  nach  patrisque  Schreiberverbesse- 
rung statt  des  wie  es  scheint  in  II  Oberlieferten  latin{a)e  sein. 

epist.  2, 1, 198  nimio  gleicher  Schreibfehler  statt  mimo  wie  inl. 

ars  237  et  gegen  an103). 

ars  294  Praesedum  gegen  Perfectum  104). 

ars  319  locis  leichte  Verbesserung  statt  iocis. 
328  Trienseu  gegen  trienem10*). 
Bleiben  übrig  folgende,  für  die  eine  sichere  Erklärung  nicht 
auf  der  Hand  liegt,  vielleicht  einfach  directe  Uebertragung  der 
Varianten  von  I,  etwa  gar  erst  dnrch  Bland.9,  anzunehmen  ist106): 

carm.  1,  3,  19  turbidum  'Bland,  cod.  omnes.' 

serm.  1,4, 110  Baius  44.  Bland.* 

epist.  2, 1, 186  gaudet  'cod.  Bland,  antiquiss.' 

epist.  2,  2,  8  imitaberis  'omnes  Bland/ 

Es  bleiben  zu  betrachten  die  Stellen,  an  denen  der  Bland, 
allein  von  allen  Hss.  das  Richtige  bietet107).  Das  sind  die 
Stellen,  denen  die  verlorene  Hs.  ihren  Ruhm  verdankt;  Bent- 
ley  hat  ihn  begründet  und  seine  Nachfolger108)  haben  ihn  ins 
Ungemessene  und  Unangemessene  vergrößert.  Die  Frage  ist, 
wie  weit  ist  dieser  Ruhm  verdient  und  wie  erklärt  er  sich 
aus  den  Tatsachen  der  Ueberlieferungsgeschichte? 

folgern:  diese  Zufälligkeit  würden  wir  zu  prüfen  haben,  wenn  wir  die 
Hb.  selbst  hatten ;  die  jämmerliche  Collation  des  Crnquius  verdient 
kaum,  daß  man  die  Frage  aufwirft. 

i01)  Bezeichnend  ist,  daß  Schol.  A  die  Lesart  Quos  erklärt.  In  O 
stand  zuerst  Quo*,  was  die  zweite  Hand  in  Quod  änderte  (falsches  be- 
zeugt hier  Wickham). 

10S)  Die  Stelle  zeigt,  daß  in  Abschrift  U  die  Interpolation  an  über- 
geschrieben war:  et  nahm  daraus  noch  richtig  Bland.1,  acceptierte  dann 
aber  die  Correctur  an  wie  R04»  (freilich  ist  Cruq.  mehrdeutig). 

104 )  Auch  hier  sind  wohl  R04>  durch  Glosse  verderbt  und  pratsec- 
tum  stand  noch  im  Texte  von  Abschrift  U. 

m)  Auch  hier  wohl  tu  noch  in  Abschrift  II. 

,M)  Immer  vorausgesetzt  die  Richtigkeit  der  Collation  des  Gruqui- 
us,  Über  die  in  einzelnen  Fällen  zu  streiten  ich  nicht  erst  anfange. 
,0T)  Vgl.  Höhn  p.  44  ff.   Kukulap.  67  ff. 
,OT)  Siehe  besonders  Haupt  opusc.  III  p.  45. 


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Die  Ueberlieferungsgeschichte  de«  Horaz. 


309 


Ich  greife  gleich  den  Stier  bei  den  Hörnern.  Daß  serm. 
1,  6,  126  campum  lusumque  trigonem  Bland,  der  echte  Horaz 
ist  und  rabiosi  tempora  signi  (I  H  Porph.)  krasse  Interpolation, 
brauche  ich  wohl  nicht  mehr  zu  beweisen Wie  ist  zu 
▼erstehen,  daß  allein  der  Blandinianus  (denn  der  ganz  junge 
Goth.  ist  von  ihm  beeinflußt)  diese  kostbare  Lesart  ge- 
rettet hat?  Hier  ist  einmal  das  Zeugnis  des  Cruquius  un- 
schätzbar, weil  vollständig :  sed  supposita  sunt  puncta  vulga- 
taque  lectio  est  adnotata.  Wir  erkennen  deutlich  den  Sieges- 
lauf der  bestechenden  Interpolation,  welche  die  Erklärer  der 
Mühe  enthob  das  schwere  lusumque  trigonem  zu  bewältigen. 
Ein  Zufall  —  statt  der  Expungierung  Rasur  im  Bland.  — 
und  das  Echte  war  unwiederbringlich  verloren.  Niemand,  der 
meinen  Auseinandersetzungen  über  Klasse  U  der  Hss.  gefolgt 
ist,  wird  sich  wundern,  daß  die  Interpolation  eben  diese 
Klasse  II  ganz  occupiert  hat:  wie  konnte  sie  aber  auch  Klasse  I 
ergreifen  ?  Hier  muß  ich  einsetzen :  es  ist  durch  nichts  zu  er- 
weisen, daß  rabiosi  tempora  signi  im  Apographon  I  gestanden 
hat;  freilich  haben  es  unsere  einzigen  Vertreter  dieses  Apo- 
graphons  heute  aED,  aber  diese  sind  auch  an  anderen  Stellen 
vielfach  interpoliert,  die  reinen  alten  Zeugen  ABC  feh- 
len in  diesem  Teil  der  Satiren;  hätten  wir  sie,  so  würde 
ohne  Zweifel  der  Bland,  nicht  allein  stehen.  Aber  Porphyrio 
bezeugt  doch  auch  rabiosi  tempora  signi?  Nein,  wir  haben 
hier  einfach  zu  folgern,  daß  die  dürftige  Glosse  caniculares 
dies  dicit  qui  sunt  caloratissimi  und  ihr  Ableger  im  Schol.  T 
nicht  echter  Porphyrio 110),  sondern  karolingische  Weisheit  ist, 
die  natürlich,  nachdem  im  Texte  die  alte  Lesart  verschwunden 
war,  auch  das  alte  Scholion  zu  der  Stelle  verdrängte  ni). 

Wir  sahen,  wie  sich  diese  Stelle,  das  4Schiboleth'  der  Horaz- 
kritik,  im  Rahmen  unserer  Ueberlieferungsgeschichte  erklären 
ließ:  in  ähnlicher  oder  anderer  Weise  sind  andere  Stellen  zu 
begreifen. 

,w)  Ich  verweise  einfach  auf  Bentley  und  auf  Mewes,  Progr. 
Friedr.  Werd.  Gymn.  Berlin  1882  S.  19. 

no)  Ueber  die  Abhängigkeit  des  Vaticanischen  Porph.  von  Apo- 
graphon II,  seinen  Fehlern  und  Glossen  s.  u  S.  314. 

"')  Daß  Porpb.  das  Wort  trigonem  erklärt  hatte,  ist  sicher.  Und 
ich  würde  unbedenklich  die  Glossen  trigone  und  trigona  (Gloss.  VII  p. 
H66)  auf  ihn  zurückführen,  wären  nicht  gleichartige  Stellen  aus  Mar- 
ti al  vorbanden. 

21  ♦ 


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310 


Vollmer, 


Zuerst  epist.  1,  16,  43:  res  Sponsore  'sie  habet  cod.  Bland, 
antiquissimus'  statt  responsorc  der  anderen  Hss.  (AE  ROO). 
Dali  das  Zeugnis  des  Cruquius  hier  wahr  sei,  bezweifle  ich 
nicht,  glaube  auch  mit  Höhn  (S.  43),  daß  Cruquius  von  selbst 
nie  an  der  Vulgata  Anstoß  genommen  haben  würde.  Aber 
die  Stelle  vermag  ebensowenig  für  Selbständigkeit  der  Ueber- 
lieferung  des  Bland,  zu  zeugen  wie  etwa  carm.  4,  4,  22  Nec 
scire  (falsch  Nescire  BC  M>)  für  Selbständigkeit  von  AO*  oder 
sat.  2,  7,  19  ac  prior  (gegen  acrior  aE)  für  die  von  <£02  n*). 
Ist  res  Sponsore  im  Bland.  Ueberlieferung,  was  ich  durchaus 
für  möglich  halte,  so  ist  eben  in  Apographon  I  und  den  andern 
Vertretern  von  II  der  äußerst  nahe  liegende  Schreibfehler  re- 
sponsore  öfters  gemacht  worden :  ist  es  secundär,  so  kann  es  selbst 
durch  Schreiberirrtum,  kaum  durch  Conjectur  entstanden  sein. 

Eng  verwandt  sind  die  beiden  folgenden  Stellen  sat.  2, 
4,  44  fecundae  leporis  und  2,  8,  88  anseris  albae:  an  beiden 
hat  allein  der  Bland,  das  fem.  erhalten,  richtig  verteidigt  von 
Hoehn  p.  45  ff.  nach  andern.  Daß  in  den  andern  Hss.,  des 
Horaz  wie  des  Donat,  das  üblichere  raasc.  fecundi  und  albi 
nterpoliert  ist,  kann  nicht  wunder  nehmen:  wahrscheinlich 
aber  würden  wir  doch  auch  anderswo  das  Echte  erhalten  ha- 
ben, wenn  nicht  an  diesen  Stellen  wieder  die  führenden  codd. 
beider  Klassen  ABCR  fehlten. 

Völlig  ausscheiden  muß  meines  Erachtens  die  Stelle  serm. 
1,7,17;  wer  in  pigrior,  der  nüchternen  Glosse  des  Bland, 
echte  Lesung  anerkennt,  beraubt  den  Horaz  eines  der  nied- 
lichsten Witze  in  diesem  scherzhaften  Gedichte: 

aut  si  disparibus  bellum  incidat,  ut  Diomedi 
cum  Lycio  Glauco,  discedat  —  pulcrior 
dann  zieht  den  Kürzeren  der  —  Langsamere:  wie  witzlos  wäre 
das:  der  Mann,  der  die  eherne  Rüstung  gegen  die  goldene  ein- 
tauschte, T(p  5e  <pplva;  ££eAe*co  Zeu;,  war  sprichwörtlich  ob  seiner 
gutmütigen  Dummheit,  nein  —  der  Schönere;  das  gentigte  zur 
Kennzeichnung  des  Typus  wie  der  gleichartigen  Zeitgenossen. 

Wie  man  ferner  aus  der  ganz  fehlerhaften  und  unsicheren 
Lesung  des  Cruquius  serm.  1,  3,  131  chusaque  ustrina  Tonsor 


"*)  Vgl.  noch  etwa  carm.  3,  14,  H  zeiget  B,  4,  14, 
sat.  lf  3,  50  furimus  Goth.  (cf.  B),  zum  Teil  anderer  A 


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Die 


des  Horaz. 


311 


erat  überhaupt  hat  Tonsor  in  die  Horaztexte  aufnehmen  kön- 
nen, verstehe  ich  nicht. 

Verlockender  war  gewiß  serm.  2,  3,  303  manibus  in  Er- 
wägung der  künstlerischen  Darstellungen  der  Scene.  Aber, 
diplomatisch  betrachtet,  ist  auch  hier  der  Lesung  des  Bland, 
unbedingt  zu  mißtrauen.  Cruquius  bezeugt  für  den  Bland, 
antiquissimus  manibus  portauit  statt  demens  cum  portat,  d.  h. 
er  verwechselt  offenbar  ein  Glossem  mit  dem  Texte;  dagegen 
beweist  nichts  der  Gothanus  mit  manibus  cum  portat,  im  Gegen- 
teil, er  zeigt,  daß  im  Bland,  auch  andere  Leser  als  Cruquius 
zwischen  Glosse  und  Text  nicht  mehr  zu  unterscheiden  ver- 
mochten. Außerdem  genügt  portat  vollkommen  zur  Schil- 
derung des  Bildes  und  demens  im  Vordersatze  erhöht  die  Wir- 
kung der  im  Nachsatze  folgenden  Frage  ganz  bedeutend.  Und 
wie  in  aller  Welt  sollte  demens  durch  Verschreibung  oder 
Glossierung  entstanden  sein  ? 

Weiter  carm.  4,  6,  21  flexus  Bland,  gegen  victus  der  Hss. 
Die  Differenz  kann  nur  aus  Glossierung  hervorgegangen  sein. 
Da  ist  aber  doch  wohl  alle  Wahrscheinlichkeit  dafür,  daß 
nicht  ein  verständliches  flexus  durch  ein  viel  kühneres  Bild 
victus  erklärt  worden  ist,  was  dann  beide  Hss. -Klassen  occu- 
piert  haben  müßte,  sondern  daß  victus  das  Alte  ist,  für  das 
in  einer  einzigen  Hs.  die  Glosse  flexus  in  den  Text  glitt. 

Aus  dem  Bland,  wird  in  die  üblichen  Texte  auch  aufge- 
nommen serm.  1,  3,  60  versemur  statt  versetur  der  andern  Hss.; 
aber  versetur  ist  -scharf  und  richtig,  versemur  wird  aus  einer 
allgemeiner  gehaltenen  Umschreibung  (etwa  wie  beim  Schol. 
T)  in  den  Text  gedrungen  sein. 

Noch  bleibt  allein  11S)  übrig  die  schwierige  Stelle  serm.  1, 

1,  108,  wo  die  Lesung  des  Bland,  qui  nemo  ut  auarus  reci- 

1,s)  Denn  carm.  1,  31,  18  kann  ich  ac  nicht  als  genügend  bezeugt 
für  den  Bland,  ansehen;  natürlich  würde  auch  dann  die  Stelle  keine 
Bedeutung  haben.  Ob  sat.  2,  3,  313  tantum  des  Bland,  gegen  tanto 
richtig  ist,  bezweifle  ich  sehr.  In  keinem  Falle  hat  die  Stelle  entschei- 
denden Wert  für  unsere  Fragen,  da  sie  sich  leicht  erklären  ließe. 
Vollends  rein  orthographische  Differenzen  wie  at  epist.  1, 10,  3;  quoi{Tf) 
ars  426  sind  wert-  und  bedeutungslos.  Daß  Bat.  1,  6,  68  nec  des  Bland. 
Irrtum  oder  ungenaues  Referat  des  Cruquius  sei,  hat  schon  Bentley 
▼ermutet ;  Porph.  hat  richtig  aut  im  Lemma;  in  Cruquius  Notizen  wird 
wohl  Lambins  Conjectur  anstelle  der  hB.-Lesart  geglitten  sein.  Wert- 
los sind  auch  Stellen  wie  serm.  2,  3,  189  at,  epist  2,  2, 16  laedit,  carm. 
4,  4,  73  perficiunt. 


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312 


Vollmer, 


piert  zu  werden  pflegt.  Alle  übrigen  Hss.  BDEKO(I}  haben 
nemon  (ne  non  DO<J>)  ut  auarus.  Da  diese  Lesung  vollkom- 
men unsinnig  ist ,14),  so  ist  die  Annahme  ausgeschlossen,  daß 
sie  sich  wie  etwa  rabiosi  tempora  signi  sieghaft  ausgebreitet 
habe.  Zudem  haben  wir  an  unserer  Stelle  anders  als  serm. 
1,  6,  126  von  den  reinen  Führern  der  I  Klasse  wenigstens  B, 
so  daß,  sogar  die  Selbständigkeit  des  Bland,  als  III.  Abschrift 
vorausgesetzt,  zwei  Zeugen  gegen  einen  stehen  würden.  Es 
bleibt  nichts  übrig :  qui  nemo  ut  ist  nicht  Ueberlieferung,  son- 
dern aus  serm.  1,  1,  1  leicht  zu  machende  Conjectur  sei  es 
eines  Karolingers  im  Bland,  oder  seiner  Vorlage  sei  es  des  Cru- 
quius  (man  bedenke,  daß  Nannius  mit  cur  vorangegangen  war). 
Und  ich  kann  diese  Conjectur  nicht  einmal  für  richtig  halten : 
Horaz  stellt  am  Schlüsse  des  Sermo  gar  nicht  mehr  die  Frage 
qui  fit  ?  das  ist  längst  geschehen,  und  sie  ist  beantwortet ;  er 
faßt  nur  noch  einmal  die  Tatsache  in  anschaulicher  Schilde- 
rung zusammen,  um  mit  inde  fit  ut  v.  117  die  Bionisch-Epi- 
kureische  Maxime  anzuknüpfen.  Darum  ist  für  mich  kein 
Zweifel,  daß  die  Conjectur  cum  nemo ,  die  ich  mit  K  e  c  k  's 
Namen  bei  Holder  finde,  richtig  ist116).  Wie  dem  aber  auch 
sei :  als  Ueberlieferung  hat  nur  zu  gelten  nemon  ut ;  sie  mag,  (so 
schon  Keller,  Epileg.  432),  da  die  Schreibungen  nemon,  vin 
u.  ä.  auch  sonst  im  Archetypon  gestanden  haben,  aus  dem 
Zwange  hervorgegangen  sein,  den  durch  die  Lücke  entstande- 
nen Hiat  zu  beseitigen11*5). 

Somit  hoffe  ich  erwiesen  zu  haben,  daß  keine  Tatsachen 
vorliegen,  die  uns  zwängen,  den  Blandinius  als  III.  selbstän- 
diges zu  Apographon  oder  gar  als  Vertreter  eines  II.  Archetypon 
anzusetzen.  Vielmehr  ist  der  Bland,  eine  der  wichtigsten  Stüt- 
zen der  II.  Klasse  unserer  Hss.:  R  und  Bland,  zeigen  uns,  daß 
das  II.  Apographon  noch  lange  nicht  so  corrupt  war  als  die 
Gruppe  <1>  es  erscheinen  lassen  würde,  wäre  sie  allein  erhalten. 

m)  Daß  sie  Bentley  hat  passieren  lassen,  ist  historisch  bedeutsam. 

1,6j  Zu  beachten  ist,  daß  auch  Porph.  zu  v.  117  zusammenfaßt  cum 
nemo  txto  contentus  sit .  . .  merito  evenit,  ut  nemo  sc  feliciter  vixisae  credat. 
Naturlich  beweist  dies  allein  nicht,  daß  Porph.  noch  cum  nemo  las, 
aber  es  spricht  doch  auch  nicht  dagegen. 

"•)  Zusetzen  möchte  ich  doch  noch,  daß  ich  ut  avarus  mit  Porph. 
verstehe  a  quibug  dissentire  tarnen  avarum  ait  qui  proposito  suo  gaudcat 
solus  (vgl.  v.  66  f.),  nicht  mit  den  neueren  Erklarern  als  utpote  avarus. 


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Die  Ueberlieferungsgeachichte  des  Horaz. 


313 


VI. 

Außer  den  Hss.  haben  wir  noch  einen  Vertreter  der  II. 
Klasse  in  den  Lemmata  unseres  P  o  r  p  h  y  r  i  o 117 ). 

Ich  kann  natürlich  hier  nicht  die  ganze  Porphyrio-Frage 
behandeln,  muß  aber  einiges  Wesentliche  und  Wichtige  strei- 
fen, da  bis  in  die  neuesten  Abhandlungen  hinein118)  die  Ge- 
schichte der  Horaz-Scholien  sehr  zum  Schaden  der  Klarheit 
und  Wahrheit  getrennt  von  der  Geschichte  des  Dichtertextes 
selbst  behandelt  wird 

Was  wir  Porphyrio  zu  nennen  gewohnt  sind,  die  Scho- 
liemnasse  des  Vatic.  3314  und  Monac.  lat  181,  ist  weder  der 
vollständige,  noch  der  reine  d.  h.  in  seiner  Gesamtheit  echte 
Commentar  des  Porphyrio :  es  ist  vielmehr  eine  in  der  Karo- 
lingerzeit wohl  zu  Lorsch iao)  gemachte  und  dann  weiter  ver- 
breitete121) willkürliche  Sonderabschrift  der  Scholien  einer 
Handschrift  der  zweiten  Klasse  des  Horaz.  Daß  darin  echte 
Porphyrio-Notizen  in  Masse  fehlen,  ist  eben  so  natürlich  und 
sicher  wie  daß  Karolinger-Zusätze  in  Masse  darin  stehen :  wir 
müssen  uns  nur  gegenwärtig  halten,  daß  dies  Scholienconglo- 
merat  vor  der  Sonderabschrift  eben  als  Randscholien  eines 
Textexemplars  fortlebte,  bei  jeder  neuen  Abschrift  mit  neuen 
Auslassungen  weitergegeben,  in  jedem  einzelnen  Exemplar  be- 
liebiger Erweiterung  und  Interpolation  ausgesetzt122). 

Bei  der  Sichtung  und  Wertung  der  im  Porph.  steckenden 
Horazüberlieferung  ist  nun  principiell  folgendes  zu  beachten: 


nT)  In  der  Ausgabe  lasse  ich  diese  Bezeugungen  im  allgemeinen, 
weil  sie  secandär  sind,  unberücksichtigt:  Kellers  Angaben  Pph.  und 
Porph.  fQhren  fast  immer  irre. 

iia)  Vgl.  Graffunder,  Rhein.  Mus.  60,  1905,  128  ff.  Ausgabe 
der  Scholia  Pseud- Acronis  von  Keller  II  S.  III  ff.  W  e  s  s  n  e  r ,  BerL 
Phil.  Woch.  1905,  249  ff. 

Hier  ist  erst  L  e  o  S.  853  und  856  richtig  vorgegangen. 

"°)  Vgl.  das  Zeugnis  in  B:  pomponii  expositionem  in  oratium  quam 
vidi  in  larashaim  bei  Holder,  Porph.  p.  612. 

*")  Wir  finden  sie  saec.  XII  zu  St.  Bertin,  zu  Corbie,  noch  oder 
wieder  mit  Horaz  verbunden  zu  Salzburg  (siehe  Becker,  catalogi 
antiqui  ind.  s.  v.  Horatius),  während  die  glosae  super  poetriam  oder 
super  sermones,  super  odas  wohl  spätere  Producte  sind.  Jüngere«  bei 
Manitius  Philolog.  a.  alt.  Bibliothekscatalogen  S.  2D,  darunter  ein 
Horaz  cum  commentario  Seriii  grammatici,  natürlich  Phantasie. 

ns)  Vgl.  A.  Kiessling,  de  personis  Horatiania  comm.  ind. 
■chol.  Gryph.  1880  p.  6,  W.  Meyer,  Porph.  praef.  p.  VI. 


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Vollmer, 


im  allgemeinen  sind  sowohl  die  Lemmata  wie  sonstige  directe 
Anführungen  immer  der  Gefahr  ausgesetzt  gewesen  nach  dem 
Texte  des  Exemplars,  in  dem  die  Scholien  gerade  standen,  ab- 
corrigiert  zu  werden  ebenso  wie  die  oben  behandelten  Metri- 
kercitate:  instructiv  ist  carin.  2,  7,  1,  wo  aus  dem  Texte  von  <X> 
ad  Potnpilium  socialem  corrigiert  worden  ist ,  während  zu  2, 
7,  15  das  richtige  Pompeium  stehen  blieb;  oder  epod.  16,  37, 
wo  ins  Lemma  hinein  expers  corrigiert  wurde,  während  das 
Scholion  das  richtige  ex(s)pes  erklärt,  dem  aber  dann  noch  ein 
Zusatz  expersque  virtutis  angehängt  wurde.  Bis  zu  welchem 
Grade  diese  Abcorrigierung  der  Lemmata  ging,  zeigt  deutlich 
serm.  2,  2,  116,  wo  der  ganz  unsinnige  Schreibfehler  et  edulce 
aus  cj>  in  das  Lemma  von  Porph.  überging,  obschon  das  Scho- 
lion selbst  deutlich  auf  luce  hinwies.  Andere  Beispiele  serm. 
1,  3,  35  insederit  mit  im  Lemma,  inseuerit  richtig  erklärt, 
serm.  1,  3,  92  me  mit  <$>  im  Lemma,  mea  richtig  in  der  Er- 
klärung, carra.  4,  14,  27  minitatur  im  Lemma,  meditatur  in  der 
Erklärung  getadelt,  serm.  1,  4,  139  Incubo  im  Lemma  u.  s.  w. 
in  Mengen.  Ab  und  zu  springt  die  Interpolation  auch  weiter: 
z.  B.  finden  wir  die  falsche  Lesung  uenturus  epist.  1,  8,  12  im 
Citate  des  Porph.  zu  serm.  2,  7,  28123),  während  der  echte 
Porph.  vielleicht  in  der  Glosse  T  erhalten  ist  ventosus  :  fiuv- 
tans.  Ganze  Scholien  sind  zu  falschen  Lesungen  der  Gruppe  <!> 
oder  von  ihr  ausgegangener  Interpolationen  gefälscht  worden 
z.  B.  zu  sat.  1,  6,  126  die  Erklärung  von  rabiosi  tempora  signiliA), 
zu  carm.  3,  14,  6  diuis,  zu  epod.  17,  62  £i,  zu  serm.  2,  3,  201 
quorum,  zu  epist.  2,  2,  83  Curii m)  u.  s.  w. 

Von  diesen  jungen,  bei  der  Tradition  mit  Apographon  II 
entstandenen  Fehlern  und  Interpolationen  ist  zu  scheiden  eine 
ältere  Gruppe  von  falschen  Erklärungen,  die  sich  an  Irrtümer 
aller  unserer  Hss.  anschließen,  deren  Entstehungsart  aber  die 
gleiche  sein  könnte,  nur  daß  die  Fälscher  nunmehr  im  4. — 5. 
Jahrb.  zu  suchen  wären.  Natürlich  kann  man  bei  solchen 
Fällen  zweifeln,  ob  nicht  Fehler  der  Vorlage  des  Porphyrio 

"*)  Vgl.  oben  S.  307  Anm.  100. 
m)  Vgl.  oben  S.  309. 

Dien  ein  ganz  besonders  schlagende«  Beispiel,  weil  Curi  über- 
haupt nur  Schreibfehler  für  curia  war. 


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.  j 


I 


Die  Ueberlieferungsgeschichte  deg  Horaz.  315 

oder  Irrtümer  des  Grammatikers  selbst  die  Ursache  unserer 
handschriftlichen  Corruptelen  sind.  Und  ich  gestehe,  daß  mir 
diese  letztere  Erklärung  weitaus  die  einfachste  erscheint,  die 
mit  einem  Schlage  die  Lösung  zahlreicher  Schwierigkeiten  er- 
möglicht. Nehmen  wir  an,  daß  Porphyrie«  im  3.  Jahrh. 
eine  commentierte  Ausgabe 126)  des  Horaz  besorgt 
hatte,  daß  das  Archetypon  unserer  Hss.  aus  dem  6.  Jahrh. 
ein  Exemplar  dieser  Ausgabe  war,  so,  glaubeich,  haben, 
wir  alle  Wege  geöffnet,  die  zur  Erklärung  der  Einzelheiten  un-  '  * 
serer  Horazüberlieferung  nötig  sind.  So  würde  sich  z.  B.  ver- 
stehen die  Zustimmung  des  Porph.  zu  den  Fehlern  carm.  1, 
2,  39  mawro,  1,  20,  1  potabis,  1,  23,  5  ueris  .  .  .  adventus,  1, 
25,  20  hebro,  4,  2,  49  Teque  dum  procedis,  4,  4,  17  raeti,  epod. 
2,  27  Fontes  (?),  5,  28  currens  Schol.  AV,  5,  87  magnum, 
serm.  1,  6,  131  patruus,  alles  Fehler,  die  ihrer  Natur  nach 
recht  alt  sein  können. 

Diesem  consensus  der  Fehler  widerspricht  natürlich  nicht, 
daß,  während  in  einem  späteren  Exemplare  der  Ausgabe  Text- 
fehler sich  einschlichen,  im  Commentar  versteckt  und  unent- 
deckt  von  den  alles  gleichmachenden  Lesern  das  Echte  sich 
erhielt:  solche  Beispiele  finde  ich  in  carm.  1,  31,  9  calenam, 
8,  24,  4  Terrenum,  4,  4,  22  Nec  scire  mit  A,  4,  14,  28  tnedi- 
tottir,  serm.  1,  4,  94  capitolini,  1,  5,  51  caudi,  1,  6,  68  atd, 
und  Aehnlichem 


"*)  Einen  Beweis  für  Entstehung  de8  Porphyrio-Commentars  in 
Verbindung  mit  dem  Text,  also  einer  Ausgabe,  hat  schon  W  e  s  s  n  e  r , 
comm.  philol.  Jenens.  V  1894  p.  161  gefunden  in  dem  schol ion  zu  serm. 
1,  9,  52  ne  neectse  sit  frequenter  ostendere,  quis  quae  verba  habeat  aut  unde 
meipiat  loqui,  hoc  observandum  est  deineeps  ut  supra,  ut,  übt  duo  puneta 
imerposita  sunt,  alter  am  personam  loqui  intellegas.  Sicherer  als  diese 
Notiz,  die  späteren  Ursprungs  sein  kann,  ja  wohl  sicher  ist,  scheint  mir 
der  Umstand,  daß  Porph.  die  Sueton-vita  seinem  Commentar  vorge- 
schrieben hatte:  das  gehört  zur  Alexandrinischen  Technik  der  Ixöooic. 
Im  allgemeinen  vgl.  jetzt  über  das  Verhältnis  antiker  Commentare  zum 
Texte  Biels,  Didymos  p.  XXVII  Leo,  Nachr.  Gött.  Ges.  1904  p.  258. 
—  Auf  diese  Ausgabe  des  Porph.  geht  nun  gewiß  auch  die  ältere  For- 
mulierung der  Gedichttitel  mit  z.  Teil  uns  sonst  unbekannten  Perso- 
nendaten (vgl.  KieBsling  de  Horatian.  carm.  inscriptionibus  ind. 
Gryph.  1876)  zurück :  daß  sie  zum  Teil  nur  in  Apographon  II  erhalten 
sind,  ist  nichts  auffälliges. 

Die  in  unserem  *Porphyrio*  erwähnten  Textvarianten  sind  fol- 
gende: carm.  2,  6,  24  legitur  et  'vatis  Orati\  carm.  saec.  4  non  'tempore 
prisco  dicendum  fuit,  sed:  tempore  quo(d)  priaca  imitatur.  serm.  2,  1,  79 


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316 


Vollm  er, 


Wie  aber  schon  mehrfach  angedeutet)  ist  das,  was  wir 
heute  Porph.  zu  nennen  gewohnt  sind,  mit  nichten  alles,  was 
wir  yon  Porphyrio  haben.  Während  unser  'Porph/  mit  Apo- 
graphon  II  und  dann  mit  <I>  sich  verbreitete,  gingen  Excerpte 
aus  der  in  Apographon  II  noch  vollständigeren  Sammlung  in 
den  Bland,  über.  Das  wichtigste  Plus  dieses  Armes  ist  die 
außer  in  4>  auch  im  Bland,  erhaltene  vita  Suetoni.  Also  hatte 
Porph.,  der  bekanntlich  allein  diese  vita  citiert  (zu  epist  2,  1, 1; 
comm.  Gruq.  zu  carm.  4,  1,  1)  seinem  eigenen  kümmerlichen  Ela- 
borat (wenn  es  überhaupt  sein  eigenes  ist  und  nicht  späteres 
Machwerk,  denn  das  Citat  zu  serm.  1,  6,  41  könnte  auch  auf 
die  Suetonvita  gehen)  die  Suetonvita  vorausgeschickt.  Jede 
gute  Nachricht,  jedes  Autoren-Fragment  in  dem  commentator 
Cruquianus  geht  auf  die  vollständigere  Porphyrio-Sammlung 
in  Apographon  II  zurück. 

Und  genau  so  liegt,  wie  wir  nach  dieser  Analogie  ruhig 
annehmen  dürfen,  die  Sache  mit  den  Scholien  A  und  den  übri- 
gen Pseud-Acronischen  Scholien:  Apographon  I  wie  Apogra- 
phon II  haben  jedes  ad  libitum  von  den  Porphyrionischen 
Randscholien  des  Archetypon  excerpiert 148).  Mit  dieser  Er- 
kenntnis ist  der  Weg  zur  Reconstruction  des  wirklich  echten 
und  einigermaßen  vollständigen  Porphyrio-Commentars  vorge- 
zeichnet. 

'diffingere'  legitur  et  iäiffidere>.  2,  2,  50  'victor1  Ugitur  et  'auctor'.  2,  3, 
69  quidatn  'Anerio'  ö?'  iv  legunt.  2,  3,  166  verum  quidam  legmt  'bara- 
Ihrd  ut  veniat  a  nommativo  barathrus.  2,  3,  288  'nocte  citata*  legitur  et 
lvocata\  epist  1,  11,  12  'uolet  (legitur)  et  'uouef.  2,  2,  54  ist  die  Va- 
riante verloren  (ne  oder  mZ?).  2,  2,  80  zu  lesen:  'Et  (xmt(r)acta  8.  i*. 
u.'  legitur  et  >cont[r]actay :  eaute  impresso,  ut  ea  sequendo  conügerit  Imi- 
tator. 2,  2,  82  'insenuitque  V  legitur  et  'wsonuie.  Dazu  die  Conjectur 
epist.  1,  3,  10  'haustu(8)' :  num  'haustu'?  Daß  von  diesen  Varianten  ir- 
gend etwas  auf  Probus  zurückgehe,  ist  unerweislich;  die  meisten  sind 
junge  Schreibfehler  und  ihre  Verbesserungen  gewiß  erst  karolingisch. 
Auch  vovet  epist  1,  11,  12  ist  kaum  alt. 

m)  Ein  directes  Zeugnis  für  dieses  Verhältnis  haben  wir  bei  dem 
Scholion  r  zur  ars  poet.  288.  K  i  e  s  8 1  i  n  g ,  (de  pers.  Horatianis  p.  7) 
wunderte  sich  mit  Recht ,  woher  der  Scholiast  solche  Weisheit  habe, 
und  meinte,  der  Pseudo-Acron  habe  Sueton  excerpiert.  Nun  aber  steht 
ein  Teil  dieser  Notiz  im  Scholion  des  alten  Victorianus  zu  Ter.  Haut 
prol.  36  (S  c  h  1  e  e  p.  7(>)  mit  der  Quellenangabe  secundum  Vorphyrio- 
nem.  Damit  haben  wir  den  unumstößlichen  Beweis,  dali  Schol.  TV 
authentische  PorphyrioScholien  enthalten,  die  in  unserem  'Porph.'  ein- 
fach fehlen.  Vgl.  noch  im  allgemeinen  über  das  Verhältnis  von  SchoL  A 
und  Schol.  T  Wessner,  quaest.  Porph.  p.  167  ff.  bes.  p.  185. 


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I 


Die  Ueberliefernngsgeschichte  des  Horaz.  317 

Der  beste  Beweis  für  die  Richtigkeit  dieser  Hypothese 
liegt  darin,  daß  sich  ebenso  wie  im  'Porph.'  auch  in  den 
Blandinischen  und  den  übrigen  Scholien  echte  Lesarten  ver- 
steckt erhalten  haben :  besonders  lehrreich  ist  epod.  2,  27,  wo 
unser  Porph.-Scholion  gar  nichts  besagt  und  sicher  späteres 
Product  ist,  während  Schol.  AT  durch  das  Vergilcitat,  dessen 
Subject  saepes  ist,  für  Frondes  gegen  Fontes  eintreten,  carm. 
1,  23,  1  hat  der  comm.  Cruq.  das  richtige  Vitas  statt  Vitat 
bewahrt  (in  der  expos.  metr.  scheint  es  rückverbessert  zu  sein 
wie  in  den  jüngeren  Hss.).  Und  derartiges  wird  sich  wohl 
noch  mehr  finden. 

VII. 

Es  bleibt  für  die  Geschichte  der  Ueberlieferung  noch  ein 
Punkt  zu  besprechen.  Wir  sahen,  daß  die  Hs.  des  Horaz, 
welche  in  die  Karolingerzeit  übertrat,  ein  Exemplar  der  Aus- 
gabe des  Porphyrio  war.  Wir  können  es  nun  aber  noch  genauer 
bestimmen.  Es  war  nach  der  bekannten  Subscription  dasje- 
nige Exemplar  dieser  Ausgabe,  das  nach  dem  Jahre  527  Vet~ 
tius  Agorius  Basilius  Mavortius  besessen  und  emendiert 
hatte.  Daß  es  eben  diese  Hs.  selbst  und  nicht  eine  Abschrift 
derselben  war,  wird  mir  durch  die  fehlerlose  Erhaltung  der 
Sabscriptio  wahrscheinlich  1  *9).  Die  Subscriptio  ist  uns  be- 
kanntlich hinter  den  Epoden  mit  dem  Titel  des  carm.  saec. 
erhalten  und  zwar  allein  im  Apographon  I130)  und  hier  wie- 
der nur  in  A181).  Daß  damit  kein  Anlaß  gegeben  ist  zu 
glauben,  Apographon  II  sei  von  Mavortius  unabhängig,  zeigt 


-  m)  Gerade  umgekehrt  scheint  es  mit  dem  Puteaneus  des  Prüden- 

tius  zn  sein:  wenn  der  Name  am  Ende  der  Cathemerinon ,  wie  doch 
seine  Stellung  wahrscheinlich  macht,  Rest  der  subscriptio  ist,  so  ist 
der  Puteaneus  eine  Abschrift  des  Mavortius-Exemplars,  nicht  dieses 

,so)  Denn  ihr  Erscheinen  in  XlOq  Brüx,  ist  secund&r,  wie  wir  schon 
oben  (S.  291)  sahen ;  für  0  vgl.  Wickham  Horace  I  p.  407.  Daß  diese 
Hss.  nicht  direct  aus  A  beeinflußt  sind,  zeigt  neben  Textvarianten  ihr 
richtiges  EX  COM.  DOM.  neben  dem  falschen  EX  COMEN.  DOM.  in  A. 

1S|)  Da  wir  den  Schluß  von  A  nicht  haben,  da  ferner  das  subscri- 
bierte  Exemplar,  nach  dem  die  Vorlage  von  XI  und  0  abcorrigiert  wor- 
den ist,  auch  nur  die  carm.  und  epod.  enthielt  oder  nur  für  die  erste 
Hälfte  benutet  worden  ist,  so  wissen  wir  nicht,  ob  die  Subscription 
von  Mavortius  am  Ende  des  ganzen  Horaz  wiederholt  worden  ist. 


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318 


Vollmer, 


am  besten  das  Beispiel  des  Vegetius,  wo  die  subscriptio  des 
Eutropius  auch  nur  in  einer  Hss.-Klasse  (E)  erhalten  ist, 
während  die  Abhängigkeit  beider  Klassen  von  einpni  Urcodex 
außer  Zweifel  steht132).  Die  Schreiber  ließen  eben  ad  libi- 
tum die  ihnen  unnütz  scheinende  subscriptio  fort.  Unter  die- 
sen Umständen  gewährt  uns  die  Tatsache  der  emendatio  durch 
MavortiuB  weiter  gar  keine  Belehrung,  als  daß  wir  den  ter- 
minus  post  quem  des  Archetypon  kennen :  irgend  welche  Les- 
arten als  Mavortianisch  zu  erkennen,  fehlt  uns  jeder  Anhalts- 
punkt. 

Dies  Exemplar  des  Mavortius,  den  Text  und  den  Com- 
mentar  des  Porphyrio  umfassend 1S3),  fand  also  (etwa  in  Bob- 
bio?134) irgend  einer  der  wohl  von  Kaiser  Karl  mit  der  Suche 
nach  einem  Horaz  beauftragten  Gelehrten.  Der  Text  war 
noch  in  Capital is  rustica  geschrieben 185) ,  die  Scholien  etwa 
in  Cursive.  Es  wurde  zweimal  abgeschrieben,  wie  ich  ver- 
mute, beidemale  in  insularer  Schrift18*).  Während  die  für 
die  Schreiber  der  damaligen  Zeit  leicht  lesbaren  Abschriften 
oft  und  schnell  vervielfältigt  wurden,  ging  das  Urexempiar 
zu  Grunde.  Die  ersten  Abschriften  enthielten  verhältnismäßig 
noch  nicht  allzuviel  Fehler,  aber  die  Verderbnisse  steigerten 
sich  in  den  jüngeren  schnell :  die  hauptsächlichste  Fehlerquelle 
war  das  Eindringen  der  Glossen  in  den  Text  anstelle  der 
schwierigeren  echten  Lesarten187);  seltener,  aber  doch  nicht 

,82)  S.  Vegetius  ed.  Lang'  p.  XVII. 

18a)  Um  sich  die  äußere  Einrichtung  eines  solchen  Codex  vorzu- 
stellen, sehe  man  etwa  das  Bild  eines  Blattes  von  A  (Chatelain,  pa- 
leogr.  des  class.  lat.  I  planche  82)  an. 

™4)  Vgl.  oben  S.  261.  Daß  der  Bland,  aus  Rom  stamme  (Cruq. 
p.  647  in  Blandiniis  tarn  ante  annoa  septingentos  aut  circiter  scriptis  Ro- 
tnaque  Gandavum  perlatis)  ist  natürlich  naive  Anschauung  des  Cruquius. 

»")  Vgl.  oben  S.  297. 

18e)  Vgl.  für  Apographon  I:  carm.  1,  19,  11  Auersis  A  statt  Aut 
versis,  3,  25,  14  naidum  statt  naiadum  mit  a  unter  der  Zeile,  3,  29,  8 
iura  statt  iuga,  serm.  1,  3,  56  fugimm  statt  furimus,  2,  8,  93  periret 
statt  perisset,  2,  7.  19  acrior  statt  ac  prior,  epist.  1,  16,  5  m  statt  m 
u.  a. ;  für  Apographon  II:  epod.  2,  25  risis  R1  statt  ripis,  epiat.  1,  8,  12 
uenturus  statt  uentasus,  ars  117  uigentis  statt  uirentis.  Die  Fehler  sind 
für  I  beweiskräftiger  als  für  II ;  ich  halte  nicht  für  unmöglich,  daß  II 
westgotisch  war,  und  erst  *  insular.  Doch  darüber  mögen  Kundigere 
entscheiden,  wenn  die  Frage  überhaupt  sicher  aus  den  Fehlern  zu  ent- 
scheiden ist. 

"7)  Ein  paar  der  älteren  Beispiele  wenigstens  seien  hier  zur  Kenn- 
zeichnung und  gegenseitigen  Sicherung  zusammengestellt:  carm.  4,  7, 


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Die  üeberlieferungsgeschichte  des  Horaz. 


319 


ganz  ausgeschlossen  sind  directe  Uebertragungen  der  Lesungen 
der  einen  Has. -Klasse  in  die  andere  138).  So  entstanden  un- 
sere Hss.,  die  das  historische  Entwicklungsverhältnis  vielfach 
durch  solche  Correcturen  verdunkelt  haben. 

Um  nun  kurz  die  Geschichte  des  Horaztextes  zu  recapi- 
tulieren  und  anschaulich  zu  machen,  setze  ich  ein  Stemma  her : 

Horatius 
editio  Probi 

editio  Porphyrionis  cum  commento 

I 


exemplar  Mavorti  cum  commento  Porphyrionis 


I  cum  schol.  A 


II  cum  Torph.'  et  vi- 
ta  Suetoni 


B    C  E 


D    Bland.  R 


FX18tc  Torph/ 


Damit  bin  ich  am  Ziele.  Niemand  verkennt  weniger  als 
ich,  daß  im  einzelnen  zu  dieser  Untersuchung  Nachträge  und 
Verbesserungen  geliefert  werden  müssen,  daß  besonders  für 
die  richtige  und  gesicherte  Ordnung  und  Herstellung  der  II. 
Klasse  noch  viel  zu  tun  bleibt.  Es  muß  eben  ein  Teil  der 
Arbeiten  Holders  und  Kellers,  die  genaue  Beschreibung  und 

17  vitae  Bland.  09«  statt  tummat,  4,  14,  28  minitatur  viele  statt  medi- 
tatur,  1,  15,  20  crines  I  Bland.  0  statt  cultus,  3,  29,  34  alueo  ABC  RX1 
statt  aequore,  epod.  5,65  infectum  ABCO  statt  imbutum,  epod.  17,64 
doloribus  und  cruciatibus  statt  laboribus  u.  s.  w. 

1M)  Das  deutlichste  Beispiel  ist  die  Abcorrigierung  der  Vorlage  von 
XI  und  0  nach  der  ersten  Klasse  durch  die  ganzen  Oden  und  Epoden 
hindurch. 


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I 


320      Vollmer,  Die  Ueberlieferungsgeschichte  des  Horas. 

Prüfung  der  Hss.  unter  historischen  Gesichtspunkten 
von  neuem  gemacht  werden.  Sollte  diese  meine  Untersuchung 
dazu  anregen,  so  würde  einer  ihrer  Hauptzwecke  erreicht  sein. 
Aber  ich  hoffe,  auch  der  andere  wird  gefördert  werden:  zu 
einer  von  historisch  begründeter  Würdigung 
der  Ueberlieferung  ausgehenden  Nachprüfung 
des  Horaztextes  einzuladen  139).  Ich  selbst  habe  schon, 
niemandem  zu  liebe  noch  zu  leide,  eine  Reihe  von  eingebürger- 
ten Lesungen  beseitigt  oder  verdächtigt,  wahrhaftig  nicht  aus 
Neuerungssucht.  Aber  ich  meine  allerdings:  heute,  wo  wir  haupt- 
sächlich durch  die  mittellateinische  Philologie  gelernt  haben 
die  Geschichte  eines  Klassikertextes  wirklich  nachzuerleben, 
hat  vor  allem  Horaz  ein  Recht  darauf,  daß  man  sich  nicht 
länger  auf  die  Willkür  früherer  Kritiker,  seien  sie  auch  so 
genial  wie  Bentley,  verlasse,  sondern  methodisch  die  wirkliche 
Ueberlieferung  herstelle  und  prüfe. 

Ich  wollte  gleichzeitig  mit  diesem  Aufsatze  eine  kritische  Ans- 
gäbe,  deren  Ms.  fertig  bei  mir  liegt,  erscheinen  lassen,  muß  aber  nun, 
plötzlich  vor  neue  große  Aufgaben  gesetzt,  die  Ausgabe  um  einige  Zeit 
zurückschieben.  Den  Aufsatz  halte  ich  (auf  die  Gefahr  einiger  Ver- 
sehen und  Lücken  hin)  nicht  länger  zurück,  um  genauere  Untersu- 
chungen in  Fluß  zu  bringen. 


Inhalt. 

Seite 

Neuere  Urteile  über  Horazkritik  und  •recensio.    Die  recensio  ist 

noch  nicht  gemacht  261 

I.  Indirecte  Ueberlieferung   .  264 

xL  Directe  Ueberlieferung.  Frühere  Beurteilung.  Verzeichnis 
der  allen  Hss.  gemeinsamen  Fehler.  Alle  Hss.  gehen  auf 
ein  Archetypon  zurück   277 

III.  Horaz  im  7.  und  8.  Jahrh.  verschollen,  erst  im  9.  durch  die 
Karolinger  wieder  verbreitet  286 

IV.  Zwei  Hss.-klasaen,  d.  h.  zwei  Apographa  der  Urbs.      .   .   .  289 
V.  Das  zweite  Apographon  schwierig  zu  reconstruieren :  Ver- 
derbnis der  mittelfranzös.  Gruppe  *.    Auch  der  Bland,  ge- 
hört zur  2.  Klasse,  ist  nicht  selbständig  297 

VI   Gemeinsame  Fehler  des  Porphyrio  und  der  Hss. :  also  das 

Urexemplar  eine  commentierte  Ausgabe  des  Porphyrio  .  .  313 
VU.  Die  Urhs.  das  Einzelexemplar  des  Mavortius  317 


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Inhalt. 


S21 


Notonda. 


Soito 

Buccillus:  Rufillus  265 
W.  y.  Chriat  261.  263  Anm.  2.  278 
Anm.  29;  32.  281* 
commentator  Cruquianus  316 
Gesamtausgabe  d.Horaz  278  Anm.  29 
Handschriften :  einzelne : 

alte  zu  Lorsch  288  Anm.  61 
alte  zu  Bobbio  287.  318 

A  317  Anm.  180.  131 

B  264  Anm.  5 

Bland.  279.  Anm.  33.  290  Anm. 
68  u.  69.  298.  806  ff.  318  Anm.  134 
CB  289  Anm.  62.  291  Anm.  73 
aE  297  Anm.  81 

XI  291  Anm.  72.  817  Anm.  130 
0     264  Anm.  5.  291  Anm.  72. 

317  Anm.  130 
B  298.  805 

u  298  Anm.  82 

*  298  ff. 

Heiric  von  Auxerre  298.  802  ff. 
Hertz  261.  286 

Holder  u.  Kellers  Auajjabe   262  f. 

264  Anm.  5.  271  Anm.  22 
mdirecte  Ueberlieferung :     264  ff. 
Agroecius  270 
Aldhelm  288  Anm.  56 

Augustin  274 
M.  Aurelius  268 
Ausonius  274 
Baeda  288  Anm.  56 

Boethius  276 
Braulio  287  Anm.  52 

Cuesiua  Baasus  266 
Carmen  de  figuris  26'.* 
Censorinus  268 
Obarisius  269 
Cledonius  269 
Columbanus  287 
Consentius  269 
Diomedes  269 
Donatus  in  Terentium  270 
Dositheus  269 
Eutyches  276 
Exempla  divers,  auctorutn  288 
Fl.  Caper  268 
fragmenta  Bobiensia  287  Anm. 55 
Fronto  268 
GelliuB  268 
glossae  Placidi  270 
gramm.  de  ult  syllabis  270 
gramm.  de  dub.  nominibus  270 
Hieronymus  274 
Horatiua  265 
Isidoras  287  Anm.  52 

Iuvenalis  268 
Lactantius  268 


Seite 


Macrobius 

Maximianus 

metriei 

Metrorius 

Micon 

Nctiiua 

Phocas 

Plin.  maior 

Plntarch 

Pompeius 

Priscianus 

Probus 

Quintiiianns 

Kuti  iiianus 

Sacerdos 

Scaurus 

schol.  Juvenalis 

schol.  Lucani 

schol.  Statii 

Seneca 

Serenus 

Ps.  Sergius 

Servius 

Sidonius 

Suetonius 

Symmachus 

Yenantius 

Yictorinus 


287  Anm.  54 

262.  272 


26S 
270 
266 


269 
275 
267 
266 
269 
268 
268 
273 
273 
273 
265 
268 
269 
271 
275 
268 
274 

287  Anm.  53 
269 


Juvenalis  sat.  7,  226  267  Anm.  15 
Keller  (s.  auch  Holder)  277 
Leo  263  Anm.  4.  278.  289 

Manitius  286 
Mavortius  277  Anm.  25.  317 
monosyllaba  gelängt  302 
Nonius  278  Anm.  80 

Ordnung  der  Horazbücher  278 
Anm.  30.  285  Anm.  49.  289  ff. 
Pallavicini's  Oden     280  Anm.  37 
Porphyrio  290.  313  ff. 

in  Lorsch  313  Anm.  120 

interpoliert  81/5  ff. 

Ausgabe  des  Horaz  315 
zu  c.  4,  4,  22        281  Anm.  38 
zu  sat.  1,  6,  126  809 
Probus       266.  267.  285  Anm.  47 
Prudentii  cod.  Puteaneus  317 

Anm.  129 

RufUlus:  Buccillus  265 
scholiasta  A  316 
Sueton  de  gramm.  3(X> 
Sueton  vita  Horati  316 
Titel  der  Bücher  278 
Titel  der  Gedichte  315  Anm.  126 
Usener  263  Anm.  2 

Zahl  der  Gedichte  in  einz. 
Büchern  280  Anm.  87 


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322 


Inhalt. 


Genauer  behandelte  Horazstelleu. 


Seite 

Seite 

carm.  1,  8, 
12, 

2 

262 

serm.  1,  1  108 

311  f. 

31 

279  Anm.  84 

2,  27 

265 

41 

267 

120 

283  Anm.  42 

13, 

2 

280  Anm.  35 

3,  56 

283  Anm.  43 

15, 

5 

275 

60 

311 

20 

308 

128 

283  Anm.  44 

19, 

11  292.818  Anm.  186 

131 

810  f. 

20, 

1 

280  Anm.  86 

4,  92 

26ä 

23, 

1 

280.  317 

6,  126 

809 

81, 

18 

311  Anm.  113 

7,  17 

310 

38 

281  Anm.  37 

10,  1*— 8* 

802  Anm.  89 

Uber  I  nicht 

unvollständig  281 

2,   3,  117 

275 

Anm.  37 

303 

311 

2,  17, 

14 

275 

313 

811  Anm.  113 

18, 

30 

272 

4,  44 

310 

3,  4, 

69 

275 

7,  18 

307  Anm.  97 

6, 

10 

275 

19 

310 

11 

275 

8,  88 

310 

7, 

1 

278 

epist  1,   3,  4 

307  Anm.  99 

14, 

14 

275 

6,  11 

295  An  in.  79 

19  f. 

269 

63 

276 

17, 

4 

276 

7,  29 

274 

24, 

4 

30ti  Anm.  94 

8,  12 

807  Anm.  100 

29, 

34 

298  Anm.  83 

11,  12 

316  Anm.  127 

4,  4, 

22 

310 

15,  4 

285  Anm.  45 

6, 

21 

311 

16,  14 

304  Anm.  90 

18, 

14 

306  Anm.  94 

43 

310 

14, 

28 

282  Anm.  39 

45 

284 

carm.  saec.  5 

308 

18,  111 

305 

epod.  1, 

21 

307  Anm.  94 

ar8  poetica  45  f. 

272 

2, 

25 

307  Anm.  95 

237 

308  Anm.  103 

27 

317 

294 

308  Anm.  104 

6, 

3 

307  Anm.  96 

328 

308  Anm.  105 

serm.  1,  1, 

38 

305 

Juni  —  Juli  1905. 


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In  demselben  Verlage  erschien: 

Handlexikon  zu  Cicero 

von 

H.  Merguet. 

Erstes  und  zweites  Heft  (A— ^M)  je  25  Bogen  gr.  8°. 

Preis  pro  Heft  6  Mlc. 

Das  Handlexikon  gibt  in  einer  Auswahl  von  Beispielen, 
die  den  sämtlichen  Schriften  Ciceros,  also  auch  den  rhetori- 
schen Schriften  und  den  Briefen  nach  dem  Wortlaut  der 
neuesten  Texte  unter  Hinzufügung  abweichender  Lesarten  ent- 
nommen sind ,  eine  Uebersicht  über  den  gesamten  Sprachge- 
brauch dieses  Schriftstellers.  Diese  Beispiele  sind  so  gewählt 
und  gefasst,  dass  daraus  die  Bedeutungen  und  Konstruktionen 
der  Wörter,  ihre  phraseologischen  Verbindungen,  die  sinnver- 
wandten Ausdrücke  u.  dgl.  zu  ersehen  sind,  dass  sie  also  Aus- 
kunft über  die  verschiedensten  Fragen  der  Bedeutungs- 
lehre, Grammatik  und  Stilistik  aus  dem  besten 
klassischen  Latein  geben.  Gleichzeitig  sind  die  zahlreichen 
Stellen  von  sachlicher  Bedeutung  dabei  vorwiegend  be- 
rücksichtigt. 

Durch  diese  Einrichtung  soll  das  Buch  sowohl  Studien- 
zwecken dienen,  wie  auch  namentlich  für  den  praktischen 
Schulmann  bei  dem  Unterricht  in  der  lateinischen  Sprache  ein 
leicht  zugängliches,  bequemes  und  ausgiebiges  Hilfsmittel  sein. 

Das  Handlexikon  zu  Cicero  erscheint  in  4  Heften  von 
gleichem  Umfang  zum  Preise  von  6  Mark  für  jedes  Heft. 

Da  das  Manuskript  des  ganzen  Werkes  fertig  vor- 
liegt, so  wird  seine  Herausgabe  in  Jahresfrist  beendet  sein. 

Die 

Geschichte  des  griechischen  Skeptizismus 

von 

Dr.  Alb.  Goedeckemeyer, 

Frivatdü/i'tit  «Irr  1* Ii i Ii..--« »j> h i «•  in  <  ;.>n  .'nvon. 

V.  332  S.  gr.  8».    Geheftet  Mk.  10.—,  ^bun-len  Mk.  12.--. 

*   

Der  moderne  Materialismus 
als  Weltanschauung  und  Geschicktsprincip 

von 

Dr.  H.  Schwarz, 

PrivaUtozentfu  il<  r  I"  h  1 1<  •  ■  1 1  1j  1  >•  un  d'-r  I  'tu  v>  i  --öl  n'   Milk  :<.  <1  v 

fe».    Mk.  2.-  ;  creb.  Mk.  'J-CÜ. 


In  demselben  Verlage  erschien  soeben : 

Kaiser  Hadrian 

und  der  letzte  grosse  Historiker  von  Rom. 

Eine  quellenkritische  Vorarbeit 
von 

Ernst  Kornemann, 

a.  ö.  Profe«8or  der  altcu  Geschieht«?  au  der  Lnivcnitit  Tübingen. 

VIII  u.  136  S.  gr.  8°.    Mk.  4.20. 
Inhalt« 

Einleitung. 
I.  Zur  Geschichte  Kaiser  Hadrians. 

1.  Hadrians  Geburtsort. 

2.  Ist  Hadrian  von  Traian  adoptiert  worden? 

3.  Zu  Hadrians  ersten  Regierungsjahren  (bis  120/1). 

4.  Zu  Hadrians  Reisen. 

5.  Die  zweite  Hälfte  der  Hadriansvita  (14.  8—27). 

II.  Das  Oeschichtswerk  des  Anonymus  aus  der  Zeit  des  Alexander 

Severus. 

1.  Der  Anonymus  und  seine  Ausschreiber. 

2.  Genaueres  über  den  Umfang  des  Werkes  und  die  Zeit  seiner 

Abfassung. 

3.  Die  Tendenz  des  Werkes. 

4.  Stärken  und  Schwächen  des  Werkes. 

5.  Der  Name  des  Anonymus. 
Schluss. 

Register. 

Nachträge  und  Berichtigungen. 

■ 

Untersuchungen 
zur  Geschichte  von  Eran 

von 

J.  Marqnart. 

Heft  2  (Schluss)  Mk.  10.20. 
(Philologus  Supplementband  X,  1). 


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PHILOLOGUS 

ZEITSCHRIFT 

FÜR 

DAS  CLASSISCHE  ALTERTHUM 

BEGRÜNDET 
von  V.  W.  SCHNEIDEWIN  und  E.  t.  LEÜT8CH 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

OTTO  CRUSIUS 

IN  MÜNCHEN 

Supplementband  X,  Heft  3. 


LEIPZIG 

DIKTERICH'SCHK  VERLAGS-BUCHHANDLUNG 

THEODOR  WEICHEU 
INSELSTRASSE  10 
1906. 


Drittes  Heft. 

Seite 

De  8enecae  Hercule  Oetaeo.  Scripsit  ÄemiUus  Ackermann  ...  323 
Das  Ausleben  des  Clauselgesetzes  in  der  römischen  Kuaatprosa. 

Von  Th.  Zielinski   429 


Ausgegeben  am  15.  August  1906. 
 -K*H  


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DE 

8ENECAE  HERCULE  OETAEO 

SCRIPSIT 
AEMILIUS  ACKERMANN. 


Philologus,  Supplementband  X,  drittes  Heft 


22 


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> 


Iam  iterum  ac  saepius  disputaverunt  viri  docti,  utrum 
Hercules  Oetaeus  fahula  nomine  Senecae  inscripta  tota  et  in- 
divisa  sit  tragoedia  ab  uno  eodemque  poeta  scripta  an  diversis 
ex  partibos  composita  compluribus  anctoribus  originem  debeat. 
nec  magis  nimirum  de  poeta  ipso  constabat.  alii  enim  non- 
nullas  fabulae  partes  spurias,  alii  totam  tragoediam  Senecae 
abiadicandam,  alii  totam  clarissimo  Uli  philosopho  esse  relin- 
quendam  demonstrare  studuerunt.  et  magna  est  series  virorum 
doctorum,  qui  in  Hercule  Oetaeo  tractanda  operam  ac  studium 
collocaverunt.  quos  cum  Mich.  Muellerus  (in  Senecae  tragoedias 
quaestiones  criticae  p.  1  sq.),  Schanzius  (Handbuch  der  klas- 
sischen Altertumswissenschaft  VIII,  II  2  p.  39  sq.  et  p.  50), 
G.  Richterus  (in  editionis  [1902]  nota  titulo  subiecta  p.  319  sq.) 
diligenter  enumeraverint ,  hanc  quaestionem  iterum  ab  ovo 
tractare  supersedeo  et  satis  habeo  nihil  commemorare  nisi 
haec.  Richtero,  qui  quondam  totam  tragoediam  a  Seneca 
abiudicaverat  (de  Seneca  tragoediarum  auctore  a.  1862  p.  31), 
Melzerus  probavit  (de  Hercule  Oetaeo  Annaeana  a.  1890)  fabulam 
a  Seneca  breviter  delineatam,  non  absolutam  et  perpolitam 
esse,  itaque  Richterus  iam  ad  id  progressus  est,  ut  in  anno- 
tationibus  eis,  quas  memoravi,  scriberet  sententiam  Leonis,  qui 
solam  priorem  fabulae  partem  a  Seneca  esse  profectam  statue- 
rat (de  Senecae  tragoediis  observationes  criticae  a.  1878),  stare 
non  posse.  sed  Leoni  non  item  Melzerus  persuadere  potuit. 
Leo  enim  cum  nuper  dixerit  (Göttingische  Gelehrten- Anzeigen 
a.  1903  fasc.  1  p.  5):  kMan  wird  mir  glauben,  dass  ich  dieser 
Jugendarbeit  wie  einer  fremden  gegenüberstehe;  so  darf  ich 
wohl  sagen,  dass  ich  fast  alle  gegen  meine  Beweisführung  er- 
hobenen Einwendungen  für  unrichtig  halte',  in  pristina  opi- 
nione  sua  perseverat.  Birtius  autem,  qui  olim  Herculem  Oetaeum 
spuriam  fabulam  esse  contenderat  (zu  Senekas  Tragödien,  Mus. 

Rhen.  t.  34),  per  colloquium  mecum  communicavit  se  nunc 

22* 


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326  Aemilius  Ackermann, 

propensiorem  esse  in  partem  eorum  qui  genuinam  eam  esse  as- 
severent;  certe  unius  poetae  esse,  itaque  rogavifc  me  vir  doc- 
tissimus,  ut  ipse  quoque  huic  quaestioni  operam  navarem.  quae 
cum  ita  essent,  meum  esse  putavi  denuo  bas  res  excutere  et 
disputare,  praesertim  cum  nonnulla  me  invenisse  crederem  ar- 
gumenta adhuc  a  viris  doctis  neglecta.  quaenam  sunt  haec  ar- 
gumenta? aut  Leonem  aut  Melzerum  recte  dixisse  comprobare 
nolo ;  solummodo  demonstrare  conabor  argumenta  eorum,  qui 
Herculem  Oetaeum  totam  et  indivisani  tragoediam  a  Seneca 
scriptam  esse  negant,  parum  valere.  quae  res  tractanda  tres 
sibi  requirit  partes,  primum  enim  de  auctoritate,  tum  de  uni- 
tate,  tertium  de  consilio  buius  tragoediae  quaeram. 

I.  De  Herculis  auctore. 

Quis  igitur  sit  auctor  Herculis  Oetaei  nunc  considerandum 
est.  Leo,  qui  hanc  quaestionem  ex  integro  instituit,  argumen- 
tationem  suam  incipit  bis  a  verbis  (1.  s.  p.  48):  habet  autetn 
lw.ec  fabula  quibus  vel  obiter  intuenti  a  reliquis  differre  vi- 
deaiur:  titulum  antiquitus  praefert  cum  prima  fabula  commu- 
nem;  agitur  primum  ad  Oechaliam^  dein  Trachine;  chori  au- 
diuntur  duo;  spatium  complet  reliquis  fere  duplo  ampliorem  (sie), 
communem  titulum  vir  doctissimus,  quamquam  ipse  priorem 
tragoediae  partem  (v.  1— 740)1)  genuinam  aestimat,  argumen- 
tum esse  contendit.  sed  versus  1—740  quemnam  titulum  ha- 
bent?  Birtius  qui  traditi  fabularum  Annaeanarum  ordinis  causis 
sciscitandis  diligenter  operam  dedit  (Mus.  Rhen.  34  p.  532), 
secundum  res  et  titulorum  naturam  ordinatas  esse  tragoedias 
recte  dixisse  videtur.  sed  cum  Hercules  alter  et  in  re  et  in 
tituli  forma  cum  antecedente  fabula  egregie  concordet  (utro- 
bique  enim  viri  nomen  est),  non  est  cur  cum  Birtio  Her- 
culem Oetaeum  spuriam  esse  credamus,  praesertim  cum  Her- 
culi  priori  fabulae  in  initio  positae  respondeat  Hercules  alter 
in  fine  exstans.  atque  cum  post  Herculem  furentem  Semper  bi- 
narum  fabularum  tituli  inter  se  congruant,  non  versimile  esse 
mihi  quidem  videtur  Thyestein  non  habere  quo  spectet.  prae- 
terea  Herculem  Oetaeum  non  unicum  exemplum  esse  puto  quo 
indicetur  eundem  poetam  duas  tragoedias  eodem  titulo  prae- 

*)  Numeri«  a  Richtero  editore  adhibitia  sum  usus. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


327 


scriptas  fecisse.  Sophocles  enim  duos  Aiaces  scripsit,  Aiacem 
(laoriYocpcpov  et  Aiacem  Aoxp6v.  atque  in  Aiacis  superstitis  hy- 
pothesi  legimus  hanc  fabulam  Aiacem  jAaortyo^opov  nomina- 
tam  esse,  ut  ab  altero  Aiace  discerni  posset,  nam  iv  Tal;  5t5a- 
oxaXt'at;  <|»tXffic  Ata;  dva^eypaTcxat.  hac  re  mihi  probatur  Sopho- 
clis Aiacibus  eundern  titulum  (sc.  Ata;)  fuisse  *).  sed  haec  om- 
nia,  quae  protuli,  si  falsa  essent,  cum  infra  (in  tertia  parte)  dixe- 
rim  quibus  causis  commotas  poeta  iteram  Herculem  tractaverit, 
non  ita  aegre  ferrem8).  reliqua  Leonis  argumenta,  quae  supra 
(p.  326)  commemoravi,  cum  Hercules  Oetaeus  sit  öpa\i<x  dva- 
YVü>axtx6v  (cf.  part.  alt.),  nullius  momenti  sunt,  sed  ponamus 
hanc  fabulam  in  scaenam  esse  productam,  tarnen  in  eo,  quod 
duobus  locis  res  agitur,  offendere  non  possumus.  nemo  enim 
nescit  et  in  Aeschyli  Eumenidibus  et  in  Sophoclis  Aiace  idem 
fieri.  ac  Birtius  vir  doctissimus  non  solum  in  Curiatii  Matemi 
Domitio  praetextata,  sed  etiam  in  Senecae  Phoenissis  scenam 
mutari  comprobare  conatus  est  (p.  526  sqq.).  quod  duo  chori 
inducuntur,  cum  in  Agamemnone  idem  deprebendamus,  ab  An- 
naeano  usu  non  abhorret.  accedit  quod  Melzerus  (1.  8.  p.  12) 
et  Steinbergerus  (commentationes  Guilelmo  de  Christ  dedicatae 
p.  189)  dubitant,  an  in  Medea  quoque  duplex  sit  statuendus 
chorus.  nec  est  cur  versuum  multitudinem  vituperemus.  cum 
enim  Hercules  alter  ex  versibus  1996,  Hercules  prior  ex  1326 
constet,  differentia  non  tanta  est,  quae  fern  non  possit.  atque 
cum  Aristoteles  dicat  (ars  poet.  cap.  7) :  xoO  u^xoo;  6po;<ö> 
H^v  rcpö;  xou;  dyöva;  %al  x*jv  afofbjatv,  oo  xf,;  xlxvtj;  eaxtv, 
solummodo  deliberandum  est,  utrum  spatium,  quod  Hercules 
Oetaeus  complet,  sit  tantum,  ut  in  scaenam  produci  non  possit 
an  etiam  aliae  tragoediae  eiusdem  longitudinis  inveniantur. 
Sophoclis  Oedipus  Coloneus  1779  ex  versibus  composita  est  et 
Euripidis  Phoenissis  sunt  versus  1766.  Iuvenalis  ingentes  fa- 
bulas  irridet  I  4  sqq. : 

impune  diem  consumpserit  ingens 
Telephus  aut  summi  plena  iam  margine  libri 
scriptu8  et  in  tergo  necdum  finitus  Orestes  ? 4) 

")  Cf.  G.  Hippenßtiel  de  Gfraecorum  tragicorum  principum  fabularum 
nominibus  p.  15  sqq. 

s)  De  communi  titulo  etiam  Melzerus  disputavit  p.  13. 
*)  Cf.  Fried  laenderum  ad  1.,  qui  duos  alioB  adnotavit. 


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328 


Aemiliue  Ackermann, 


itaque  in  Herculis  alterius  versuum  numero  haerere  non  pos- 
sum ß)  (cf.  partem  alteram  et  tertiam).  aegre  quoque  tulerunt 
Bentleius 6)  et  Leo 7),  quod  Hercules  Oetaeus  et  Octavia  fabulae 
solae  cantico  terminantur.  contra  dici  potest  Annaeanas  tra- 
goedias  omnes  praeter  Phaedram  et  Octaviam,  in  quarum  initiis 
monodia  invenitur,  a  prologo  incipere.  hac  re  num  Phaedram 
esse  spuriam  probatur? 

Multos  vero  Herculis  Oetaei  locos  imitatione  e  ceteris  Se- 
necae  tragoediis  expressos  esse  contenderunt  Goebelius8),  Rich- 
terus9),  Leo  10),  Birtius11),  Tachavus12).  sed  haec  res,  cum  et  Leo 
(I  p.  49)  et  Tachavus  (1.  s.)  lubenter  concesserint  iure  optimo 
obici  posse  Senecam  solere  semet  ipsum  exscribere  etiam  in 
reliquis  fabulis,  praesertim  ubi  de  rebus  similibus  agatur,  sine 
dubio  cautionem  habet,  atque  Melzerus,  qui  plurimos  locos  a 
viris  doctis  collectos  iniuria  huc  referri  putaverit,  quinque 
tantum  versiculos  fortasse  alicuius  momenti  esse  dixit  (p.  21  sq.). 
ego  autem  reliquas  fabulas  Annaeanas  perscrutatus  aliam  tra- 
goediam  inveni,  in  qua  eadera  licentia  atque  in  Hercule  Oetaeo 
admissa  est  conferas  enim  inter  se  haec: 
Med.  222:  huc  ferat  et  illuc 

Hf.  999:  huc  eat  et  illuc 
Med.  215:  vidua  Thermodontiis 

Hf  246:  vidua  Thermodontiae 
Med.  270:  libera  cives  metu 

Troad.  581:  libera  Graios  metu 
Med.  288:  precor  brevem  largire  fugienti  moram, 
dum  extrema  natis  mater  infigo  oscula 
Troad.  760:  brevem  morara  largire  dum  offi- 
cium parens 
nato  supremum  reddo 


6)  Conferas  etiam  Melzerum  p.  13. 

•)  Albert  Stachelscheid,  Bentleys  Emendationen  zu  Senecas  Traqoe- 
dien,  ann.  Fleck  125,  p.  492. 

7)  Die  Komposition  der  Chorlieder  Senecas.  Mus.  Rhen.  52  p.  512. 
•)  Quaestiones  Horatianae,  pars  II  in  Muetzell,  Zeitschrift  für  dos 

Gymnasialwesen  XVI,  p.  738  adn.  1. 

ö)  De  Seneca  tragoediarum  auctore  p.  30  sq. 
,0)  Editionis  vol.  I  p.  51  sq. 
")  L.  b.  p.  522  sqq.  et  p.  536. 

")  Zu  Senecas  Tragoedien,  Philol.  46  [1887],  p.  378  sqq. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


329 


Med.  431:  o  dura  fata  semper  et  sortem  asperam 

Troad.  1056:  o  dura  fata  saeva  miseranda 
horrida 

Med.  432:  cum  saevit  et  cum  parcit 

Phoen.  35 :  cum  occidis  et  cum  parcis 
Med.  446:  totus  in  vultu  est  dolor 

Ag.  128:  totus  in  vultu  est  dolor 
Med.  493:  dum  licet  abire,  profuge  teque  hinc  eripe 

Thy.  428:  reflecte  gressum,dum  licet,  teque  eripe 
Med.  531 :  nunc  summe  toto  Iuppiter  caelo  tona 

Hf.  1202:  nunc  parte  ab  omni,  genitor,  iratus 
tona 

Med.  550:  bene  est,  tenetur 

Troad,  630 :  bene  est,  tenetur 
Med.  561:  excidimus  tibi? 

HO  1332:  excidimus  tibi? 
Med.  652:  quamvis  bene  fata  nosset 

Phoen.  83:  fata  bene  novi  mea 
Med.  896 :  pars  ultionis  ista  qua  gaudes  quota  est? 

Hf.  1191:  cladis  tuae  pars  ista  quam  nosti 
quota  est? 
Med.  945:  unicum  afflictae  domus 

Troad.  462 :  unica  afflictae  domus 
Med.  1019 :  bene  est,  peractum  est 

Oed.  998:  bene  habet,  peractum  est. 
Hos  locos  si  vidisset  Richterus  qui,  cum  in  Hercule  Oetaeo 
octo  tantum  versiculos  imitando  eifectos  exstare  credidisset,  di- 
cere  iam  ausus  est  (1.  s.  p.  30):  imitatoris  imbecillitas  vel  eo 
se  prodit,  quod  multa  ex  aliis  fahdis,  imprimis  ex  Hercule 
priore,  in  usum  suum  convertit,  aut  verbis  imitatoris  imbecil- 
litas non  usus  esset,  aut  Medeam  quoque  spuriam  putavisset. 
itaque  si  Medea  genuina  est  fabula,  etiam  Hercules  Oetaeus 
a  Seneca  scripta  esse  potest. 

Sed  ne  dicas  non  satis  diligenter  me  hac  in  re  versatum 
esse,  versus  iam  affero  hos: 

Hf.  46:  nec  satis  terrae  patent 

Hf.  605:  non  satis  terrae  patent 
Med.  185:  liberet  fines  metu 


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330 


AemiliuB  Ackermann, 


Med.  270:  libera  cives  metu 
Thy.  279:  bene  est,  abunde  est 

Thy.  889:  bene  est,  abunde  est 
Thy.  348:  rex  est  qui  posuit  metus 

Thy.  388:  rex  et  qui  metuit  nihil1') 
Hf.  522:  infernus  imo  sonuit  e  fundo  fragor14) 

Thy.  262:  imo  mugit  e  fundo  solum 
Hf.  330:  talis  incessu  venit 

Troad.  465:  talis  incessu  fuit 
Hf.  1189:  His  etiam,  pater, 

quicquam  timeri  maius  aut  gravius  potest? 

Oed.  828 :  malum  timeri  maius  hisaliquod  potest? 
Hf.  1202:  nunc  parte  ab  omni,  genitor,  iratus  tona 

Thy.  1080 :  com  mitte  et  omni  parte  violentum 
in  tona 

Hf.  953:  quo,  nate,  vultus  buc  et  huc  acres  refers 

Troad.  1092:  pro  turre,  vultus  huc  et  huc 
acres  tulit 

Hf.  1009:  Megara  furenti  similis  e  latebris  fugit 

Phoen.  427 :  vadit  furenti  similis  aut  etiam  furit 
Hf.  1283:  fortis  in  pueros  modo 

Troad.  755:  fortis  in  pueri  necem 
Hf.  1012:  quo  misera  pergis? 

Phaed.  142:  quo  misera  pergis? 
Phaed.  155:  quid  ille  qui  mundum  quatit 

vibrans  corusca  fulmen  Aetnaeum  manu 
sator  deoruni? 
Oed.  1028:  non  si  ipse  mundum  concitans  dirum 
sator  corusca  saeva  tela  iaculetur  manu 
Phaed.  258:  decreta  mors  est 

Phoen.  244:  decreta  mors  est 
Phaed.  525:  non  equidem  reor 

Troad.  868:  non  equidem  reor 
Phaed.  1271 :  o  dira  fata,  numinum  o  saevus  furor 

Oed.  75 :  o  saeva  nimium  numina,  o  fatum  grave 
Oed.  521:  mitteris  Erebo  vile  pro  cunctis  caput 

Ag.  231:  oppone  cunctis  vile  suppliciis  caput 

»»)  Vernum  delevit  Leo  voL  II  p.  251.      ")  Delevit  Leo  II  p.  375. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


331 


Oed.  868:  dehisce  tellos,  tuque 

Troad.  519:  dehisce  tellus,  tuque 
Bf.  1148:  nescio  quod  auimus  grande  praesagit  malum 
Phoen.  278:  magna  praesagit  mala 

Paternus  animus 
Thy.  958:  mens  ante  sui  praesaga  mali 
HO  745lß) :  nescio  quod  aniraus  grande  praesa- 
git malum 

Bf.  1138:  quis  hic  locus,  quae  regio,  quae  mundi  plaga? 

Troad.  498:  quis  te  locus,  quae  regio  seducta, 
invia 

tuto  reponet  ? 
HO  1797 1Ä) :  quis  me  locus,  quae  regio,  quae 
mundi  plaga 
defendet  ? 

Alios  locos  collegit  et  cum  Octaviae  versibus  composuit 
Fr.  Ladek  (de  Octavia  praetexta.  dissertationes  Vindobonenses 
III  p.  52  sqq.).  sed  iam  satis  me  demonstravisse  credo  ceteris 
in  fabulis  locos  imitatione  expressos  non  minus  raro  quam  in 
Hercule  Oetaeo  inveniri.  ac  si  tales  loci  in  altero  Hercule  ali- 
quanto  crebrius  exstarent,  non  multum  valeret.  tale  quid  etiam 
alii  poetae  et  scriptores  sibi  permiserunt.  in  fine  Euripidis 
Alcestis,  Medeae,  Andromachae,  Baccharum,  Helenae  scriptum 
videmus: 

noXkaX  popyal  xtöv  6*acu.ovtu>v 

TcoXXi  &&i\nxta<;  xpafvouac  (rso:* 

xal  tdk  Soxi^vx*  oöx  ixeXia&rj, 

xtöv  8*  dSox^xwv  7tcpov  eüpe  &e6;. 

xoiovS'  &K£$rj  x65e  np&y\ioi17). 
ex  Xenophontis  Hellenicis  totas  paragraphos  ad  verbum  fere 
in  Agesilaum  translatas  esse  recte  vidit  H.  Hagenius  (de  Xe- 
nophonteo  qui  fertur  Agesilao  capita  V  p.  11).  nec  ab  Dione 
Chryso8tomo  tales  repetitiones  sunt  alienae ;  confer  H.  de  Ar- 

'*)  Leo  solummodo  veraas  Bf.  1148  et  HO  745  vidit  (I  p.  51); 
pertinent  aatem  haec  verba  ad  sermonem  coitidianam ,  legimus  enim 
iam  apud  Terentiuru  (Heautont  2H6): 
sed  nescio  quid  profecio  mi  animus  praesagit  mali. 

ia)  Non  igitur  in  Hercule  priore  et  altero  fabulis  solis  haec  verba 
exatant.  confer  Leonem  I  p.  52. 

")  Hos  versus  non  Bern  per  genuinos  esse  contendit  Lindskog  non 
primus  (Studien  zum  antiken  Drama  p.  17). 


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332 


Aemilius  Ackermann, 


nim  Leben  und  Werke  des  Dio  von  Prusa  p.  416  sqq.  haec 
omnia  si  animo  complectemur,  etiani  Senecae  eorundem  verbo- 
rum  iterationem '  indulgebimus l8). 

Nonnumquam  autem  verbis  iternm  usurpatis  aliquid  durius- 
culi  Tel  obscuri  et  contorti  inbaerere  dixerunt  D.  Heinsius,  Leo, 
Birtius,  Tacbavus.  atque  Heinsius  (apud  Scriverum  p.  346) 
Herculis  Oetaei  versus  661/62: 

nec  geinnriferas  detrahit  aures 

lapis  Eoa  lectus  in  unda 
rettulit  ad  Phaed.  391 : 

nec  niveus  lapis 
deducat  auris,  Indici  donum  maris. 
credidit  enim  detrahit  (HO  661)  inepte  pro  deducit  positum 
esse,  idem  vituperavit  Leo  (p.  50  adn.  2),  qui  cum  versus 
1 — 740  genuinos  aestimaret,  hunc  locum  a  Seneca  esse  scriptum 
ipse  contendebat.  atque  quam  quam  aures  dcducere  paulo  melius 
dictum  est  quam  aures  detrahere^  tarnen  hoc  non  ita  aegre  fere- 
mus,  ut  argumentum  contra  fabulae  auctoritatem  esse  concedamus. 

Plura  Leo  protulit  (I  p.  51  sqq.),  sed  numquam  recte. 
quamquam  iam  Melzerus  argumenta  eius  diluere  studuit  (p.  22), 
tarnen  cum  paene  nusquam  satis  accurate  contradixerit,  aliqua 
mihi  erunt  addenda.  versus  (HO  1048): 

abrumpit  scopulos  Atbos 
Centauros  obiter  ferens 
facile  intellegi  possunt,  nam  vertendum  est:  4Der  Athos  reisst 
Felsen  ab,  auf  denen  er  oben  Centauren  trägt',  alii  poetae 
similiter  locuti  sunt  cf.  Claudiani  Gigantomach.  Qraec.  v.  59 : 
'EyxiXaSo;  6'  oO  Xfjye  \idyr}^  dtva  5'  Sjprcaae  vf^ov 
7ip6££i£ov  rcoXeeaatv  epeiSouivTjv  öpieaat 

v.  65  iv  oi  xe  VTjacp 

5sv5pea  xat  :roiau.o!  Ofjpe;  x'eaav  öpvtOis  xe. 
et  Apollin.  Sidon.  c.  IX,  88: 

Nec  Flegrae  legis  ampliata  rura, 
ruissi  dum  volitant  per  astra  montes 
Pindus,  Pelion,  Ossa,  Olympus,  Othrys 
cum  silvis,  gregibus,  feris,  pruinis 

**)  Addere  poteram  in  Ariatophania  Vespis  (1030—36)  eosdem  versu« 
exstare,  qui  in  Face  (752  sqq.)  leguntnr. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


333 


saxis,  fontibus,  oppidis  levati 
yibrantnm  spatiosiore  d extra. 
Ad  HO  1293:  inter  infernos  lacus 

possessus  atra  nocte  cum  Fato  steti 
Leo  non  recte  adnotavit :  Heiusius  scribere  voluit  obsessus,  recto 
iudicio,  nam  de  homine  male  dici  sensit  quod  apte  de  rebus 
dicitur.    Melzerus  iam  attulit 

Troad.  562:  nate,  quis  te  nunc  locus 

fortuna  quae  possedit. 
praeterea  conferendi  sunt  loci  hi :  Stat.  Theb.  VII  550: 
Tene  ille,  beu  demens,  semel  intra  moenia  clausuni 
possessumque  odiis  Argiva  in  castra  renrittet? 
X  676 :  iuvenis  multo  possessus  numine. 
carm.  epigr.  lat.  1243  v.  3 :  quem  numquam  cupidae  possedit 

gloria  famae.  — 
HO  1347:  agnosce  mater  —  ora  quid  flectis  retro 
vultumque  mergis? 
Leo  negavit  tnergere  idem  significare  posse  quod  abscondere. 
hoc  iam  notum  erat  N.  Heinsio  (adversariorum  libri  IV  p.  279) 
et  ex  lexicis  satis  superque  constat. 

HO  1392 :  surgat  Line  illinc  nemus 

artusque  nostros  durus  immittat  Sinis : 
sparsus19)  silebo. 
Leo  aegre  tulit  partieipium  perfectum  sparsus,  quod  Melzerus, 
cum  duo  Uli  loci,  quos  attulit,  in  hanc  rem  omnino  non  quadrent, 
non  feliciter  defendit.  videas  autem  ipse: 
Troad.  344:  Illo  ex  Achille,  genere  qui  mundum  suo 

sparsus  per  omne  caelitum  regnum  tenet20). 
poeta  dicit  Achillem  genere  suo  per  omne  regnum  sparsum 
totum  teuere  mundum.  Achillis  corpus  num  Melzerus  credidit 
multas  in  partes  divisum  esse?  alter  locus  est  Med.  625  sqq.: 
ille  vocali  genitus  Camena, 
cuius  ad  ebordas  moduiante  plectro 
restitit  torrens,  siluere  venti, 
cum21  suo  cantu  volucris22  relicto 

")  Sparsus  hoc  loco  idem  est  atque  in  partes  divisus. 
so)  Hi»  de  vereibu«  iam  Leo  dixit  (G.  G.  A.  p.  lü  adn.  1):  Troad. 
344  ist  überhaupt  anders. 

ll)  Tum  praebet  E.         ")  volucres  E. 


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334  Aemiliua  Ackermann, 

adfuit  tot»  comitante  silva, 
Thracios  sparsus  iacuit  per  agros. 
at  caput  tristi  fluitavit  Hebro28: 
contigit  no tarn  Styga  Tartarumque, 
non  rediturus. 

in  sententia:  Thracios  sparsus  iacuit  per  agros  Orpheum  esse 
subiectum  Melzerus  contendit,  quod  tarnen  prorsus  incredibile 
est  neque  enim  Orpheus,  dum  canit,  sparsus  iacebat,  neque, 
cum  magnitudo  eius  tot  cubitorum  non  esset,  per  agros  iacere 
poterat,  neque  in  partes  divisus  lyram  modulabatur.  atque 
cum  Melzero  si  in  eadem  sententia  sumus,  contextus  sermonis 
male  interrumpitur.  quid  enim  sibi  volunt  verba  at  Caput,  quae 
sine  dubio  ad  antecedentia  respiciunt  ?  re  vera  autem  in  versu 
630  subiectum  est  Hebrus  casus  nominativus ,  qui  ex  dativo 
in  sequente  versu  exstante  supplendus  est.  Seneca  igitur 
narrat  fluminis  prope  Orpheum  partem  substitisse,  Hebri  caput 
autem  fluxisse.  Similis  locus  in  Hercule  Oetaeo  invenitur 
(cf.  p.  340).  itaque  cum  Melzeri  propugnatio  non  prospera 
fuerit,  alio  modo  huic  participio  perfecto  sparsus  excusatio 
paranda  est.  legas  autem,  quae  infra  (p.  tert)  hac  de  re  disputavi. 

De  1556  quae  Leo  disseruit,  cum  optime  a  Melzero 

(p.  23)  refutata  sint,  sufficit  commemorare,  non  Leonem  pri- 
mum,  sed  Peiperum  post  versum  1556  lacunam  statuisse. 

Hf.  745  sqq.  Theseus  de  iudicibus  infernis  locutus 
reges  adhortatur,  ne  crudelitati  assuescant.  eandem  bor- 
tutionem  prorsus  inepte  et  xaxo^Xw;  HO  1560 — 63  inser- 
tam  esse  idem  Leo  autumavit,  cui  oblocutus  est  Melzerus  verbis 
his:  HO  1556  sq.  autem  aliquis  est  rerum  contextus:  inter 
inferorum  iudices  dehinc  Hercules  quoque  erü;  quanto  igitur 
gravior  erü  post  mortem  regum  et  tyrannorum  poena,  praeser- 
tim  cum  illos  potissimum  ulcisci  vivus  solitus  sit.  liceat  mihi 
paulo  accuratius  banc  rem  explicare.  poeta  dicit  (v.  1550  sqq.): 
,nunc  ad  Acherontem  vadit  Hercules,  quem  Charonis  cumba  non 
solum,  sed  una  cum  multis  vilibus  umbris  transferet.  tarnen 
Hercules  inter  viles  umbras  non  manebit,  sed  inter  iudices  in- 
fernos  sedebit 

■     ■  *  *  

,8)  Hoc  coniecit  Gronovins,  traditum  est  in  E:  ad  caput  tristis 
fluitavit  Hebri,  in  A:  ad  caput  tractus  fluvialis  Hcbri. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


335 


facta  discernens,  feriens  tyrannos. 
proinde,  o  tyranni,  iusti  este  ac  ferrum  tenete  purum/  itaque 
haec  hortatio  non  prorsus  inepte,  sed  plane  apte  inserta  est. 
cur  autem  auctor  eam  indiderit,  infra  (cf.  tert.  pari)  dixi. 

HO  1721  plane  rustico  obiurgio  in  Philoctetem  invchüur 
kis  verbis:  ,ignave  iners  inermis'  ceterum  composüus  et  man- 
suetus,  sed  transtulit  hoc  ex  Thy.  176 :  jguave,  iners,  enervis\ 
hoc  recte  dictum  esse  Melzerus  Leoni  concessit,  ego  non  item 
concedo.  in  versu  1717  Hercules  Philoctetem  flammas  poscit. 
v.  1718  hortatur  Philoctetem,  ne  segniter  facem  comprehendat. 
sed  Philoctetes  segnis  est.  hac  re  iratus  exclamat  Hercules: 
quid  dextra  tremuit  et  Philoctetae  manum  pavidam  appellat 
(v.  1719).  etiam  arcum  reposcit.  atque  cum  Philoctetes  etiam 
nunc  cunctetur,  periratum  Herculem  verba  ignave,  iners, 
inermis  adhibere  non  mirum  est.  neque  quae  sequuntur  sunt 
mansueti.  dicit  enim  Hercules :  en  nustros  manus  quae  tendat 
arcus.  inteilegenda  autem  haec  verba  sunt  sie:  haec  tua  ma- 
nus,  quae  pavida  et  ignava  est  nec  rogum  incendere  audet,  no- 
strum  nunc  tenet  arcum  omnibus  populis  notum.  itaque  obiur- 
gatio  illa  et  cum  antecedentibus  et  cum  sequentibus  verbis 
concinit.  neque  hoc  loco  neglegamus  rem  non  ipsam  in  scaena 
agi,  sed  a  nuntio  narrari.  ceterum  vide  Melzerum. 

Totam  vero  scaenam  quae  est  HO  1399  sqq.  ex  Hercule  fu- 
rente  male  expressam  esse  contendit  Leo,  qui  enixe  operam  dedit, 
ut  imitatons  manum  detegeret.  statuit  autem  hanc  de  fu- 
rore  scaenam  inepto  loco  fabulae  immissam  esse,  cum  dixit: 
de  calamitate  sua  multum  multumque  declamavit  et  decantavü 
(sc.  Hercules),  de  furore  nihil  audivimus ;  nec  quae  novissimo 
loco  dicit  magis  sunt  reliquis  insana.  subito  docemur  Alcme- 
nae  verbis  furorem  instar e: 

1402 :  ei  mihi,  sensum  quoque 

excussit  illi  nimius  impulsus  dolor, 
quod  Melzerus  contra  dixit,  nihili  est.  multis  autem  annis 
ante  Melzerum  excellenter  de  hoc  loco  disputavit  vir  doctissi- 
mus  Birtius  (1.  s.  p.  516).  recte  enim  ostendit  ea,  quae  Her- 
cules novissimo  loco  loquatur,  sine  dubio  magis  esse  reliquis 
insana.  'Plötzlich'  inquit  'schlägt  Herkules  statt  der  (voran- 
gegangenen) Klagen  einen  kampflustigen  Ton  an,  indem  er 


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336 


Aemilius  Ackermann, 


mit  seiner  Krankheit  zu  fechten  verlangt: 

v.  1399 :  ubi  morbus,  ubinam  est?  estne  adhuc  aliquid  mali 

in  orbe  mecum?  veniat,  huc  aliquis  mihi 

intendat  arcus:  nuda  sufficiet  manus. 
Diese  Herausforderung  macht  auf  Alkmene  mit  Hecht  den  Ein- 
druck des  Wahnsinns',  hoc  recte  dictum  esse  pro  certo  habeo. 

De  versibus  1408  sqq.  satis  bene  disseruit  Melzerus  (p.  24). 
nec  vituperandus  est  locus  1415 — 1418. 

Denique  Birtius  (p.  511)  et  Melzerus  (1.  s.)  mihi  probave- 
runt  in  Megara  v.  1452  memorata  oflfendi  non  posse.  quae  cum 
ita  sint,  iam  in  illa  de  Herculis  furore  scaena  conexus  verbo- 
rum  nusquam  interrumpitur. 

Neque  verum  est  quod  Leo  ad  versum  1406 :  dolor  isie 
furor  est :  Herculetn  solus  domat  adscripsit :  huius  enim  coloris 
gratia  omnis  de  furore  scaena  inserta  est.  aeque  perperam 
Melzerus  dixit  (p.  23) :  denique  ne  id  quidem  spernendum  esty 
quod  Leo  ipse  adnotavit,  ideo  nostro  loco  Herculem  fureniem 
fingi,  ut  color  ille  magnificus  (HO  1407)  inseratur.  veram 
causam,  quam  in  tertia  huius  libelli  parte  explanabo,  viri  docti 
non  deprehenderunt. 

Birtium  offendit  (p.  532),  quod  in  prologo  Hercules  nimis 
se  efferat  et  caelum  expugnare  in  animo  habeat.  idem  in  Her- 
cule  priore  fieri,  ibi  autem  Herculem  furore  impulsum  tale 
quid  loqui.  cur  poeta  Herculem  ita  insolescentem  fecerit,  ibi- 
dem (tert.  p.)  expositurus  sum. 

Ultimus  Tachavus  in  Hercule  Oetaeo  sententias  imitatione 
male  expressas  animadvertisse  se  opinatus  est  **).  ac  primum 
comparavit 

HO  170:  commoda  cladibus 

magnis  magna  patent;  nil  superest  mali 
iratum  miserae  vidimus  Herculem 

cum 

Troad.  422:  hic  mihi  malorum  maximum  fructum  abstulit, 
nihil  timere. 

dubitavit  enim,  num  verba  commoda  .  .  .  patent  satis  intellegi 
possint  et  cum  antecedentibus  cohaereant.  negavit  autem  vir- 
gines,  cum  tempus  futurum  ignorent,  dicere  posse :  nil  superest 

")  Zu  Senecas  Tragoedien,  Philol.  46  [1887]  p.  378  sqq. 


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De  Senecae  Hercnle  Oetaeo.  337 

tnali.  in  verbis  commoda  . .  .  patent  quicquam  obscuri  non  Vi- 
deo atque  verto:  'Großes  Unglück  ist  zugänglich  für  große 
Vorteile  vel  'Großes  Unglück  ist  oft  von  großen  Vorteilen  be- 
gleitet', v.  119 — 142  virgines  Oechalides  de  clade  sua  conque- 
runtur;  hanc  cladein  eis  intulit  Hercules,  immanis  ille  heros 
(143 — 170).  tarnen  unum  commodum  magnum  hac  clade  nac- 
tae  sunt:  nullum  malum  superest,  nam  iratum  Herculem  vi- 
derunt,  quo  maius  malum  inveniri  non  potest  (170 — 172).  ita- 
que  verba  commoda  .  .  .  patent  cum  antecedentibus  conveniunt 
atque  conspirant  et  virgines,  cum  Herculem  iratum  omnium 
maximum  esse  malum  sciant,  dicere  possunt:  nil  superest  mali. 
Herculis  iram  haud  dubie  perquam  horribilem  poeta  finxit,  sed, 
quod  infra  (p.  tert.)  demonstrare  studui,  non  sine  consilio  ac 
iudicio  boc  fecit. 

Deinde  Tachavus  HO  107  sq.  cum  Troad.  150  contulit. 
hac  quoque  de  re  inspicias  quae  in  altera  parte  dixi. 

Postremo  vir  doctissimus  composuit 

HO  122:  felices  sequeris,  mors,  miseros  fugis 

cum 

Troad.  1171:  Mors  votum  meum, 

infantibus  violenta  virginibns  venis, 
ubique  properas,  saeva:  me  solam  times 
vitasque,  gladios  inter  ac  tela  et  faces 
quaesita  tota  nocte,  cupientem  fugis. 
credidit  enim  Tachavus  Hecubam,  cum  diu  mortem  quaesivisset, 
verba  felices  sequeris,  mors,  miseros  fugis  sane  dicere  potuisse, 
sed  virgines  Oechalides,  quae  ante  urbem  expugnatam  nondum 
miserae  fuissent,  inepte  sie  loqui.  hae  sane  argutiae  ac  spinae 
sunt,  fortasse  autem,  dum  Hercules  Oechaliam  obsidet,  virgi- 
nes tot  calamitates  perpessae  sunt,  ut  iam  paulo  ante  urbem 
penitus  expugnatam  miserae  essent  quaererentque  mortem,  quis 
ita  ut  Tachavus  cum  poeta  aget?  nusquam  ergo  in  Hercule 
Oetaeo  versus  stolida  imitatione  ex  ceteris  tragoediis  expressi 
inveniuntur. 

Consideremus  nunc  quo  iure  Herculis  Oetaei  scriptorem 
stultum  atque  ineptum  hominem  esse  dixerint  primus  D.  Hein- 
sius  ineptias  deprehendisse  sibi  visus  est.  adnotavit  enim  ad 

HO  387:  quiequid  in  nobis  fuit 


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338  Aemilius  Ackermann, 

olim  petitum  cecidit  aut  pariter  labat. 
aetas  citato  senior  eripuifc  gradu 
materque  multum  rapuik  ex  illo  mihi*5). 
inepte  redundat  locus  et  puerilüer  luxuriat  (apnd  Scriv.  p. 
347).  at  equidem  tantam  luxuriam  non  video.  quod  in  ea- 
dem  sententia  et  eripuit  et  rapuit  invenimus,  non  ab  usu  poe- 
tico  abhorret  et  rerum  progressiv  est  planus  neque  ullaru 
praebet  offensionem.  — 

D.  Heinsius  si  bis  temporibus  vixisset,  versus  1792,  1890, 
1697  sq.,  cum  iam  diu  emendati  sint,  non  reprehendisset  (cf. 
p.  345).  et  quia  eidem  viro  doctissinio  codex  Florentinus  nondum 
notus  erat,  etiam  in  versibus  761  et  1599  haerere  potuit 
(p.  347  et  344).  nec  Richterus  tunc,  cum  libellum  quo  de  Se- 
neca  tragoediarum  auctore  agitur  scripsit,  Etruscum  satis  no- 
vit (p.  26).  ipse  quoque  in  versu  1595 :  passus  an  pondus  ti- 
tubavit  Atlas?  eadem  de  causa  ac  D.  Heinsius  offendit.  credi- 
dit  enim  Florentinum  praebere  lassus,  editionein  principern 
passus.  sed  cum  neque  lassus  neque  passus  ei  placuisset,  fas- 
sus  scribi  voluit.  opinionem  suam  ut  defenderet,  statuere  de- 
buit  active  positum  esse  tituhandi  verbum  pro  quatiendo.  haec 
igitur  coniectura  prorsus  reicienda  est  et  nuper  Richterus  ipse 
passus  in  textum  recepit,  quod  sine  dubio  satis  apte  dictum  est. 
HO  424 :  causa  bellandi  est  amor. 

totiens  timebit  Herculi  natam  parens 
quotiens  negavit,  hostis  est  quotiens  socer 
fieri  recusat :  si  gener  non  fit 26),  ferit. 
haec  verba  D.  Heinsio  nauseam  moverunt  (p.  347),  sed  quid 
vituperandum  sit,  non  dixit.  quam  ob  rem  de  hoc  loco  verba 
facere  nolim. 

HO  644:  caespes  Tyrio  mollior  ostro 

solet  impavidos  ducere  somnos 
D.  Heinsius  caespitem  somnum  ducere  posse  negavit  (p.  346), 
sed  iniuria;  nam  somnos  ducere  non  solum  dormire  significat  (hoc 
modo  loquitur  Vergilius  Aen.  IV  560:  nate  dea,potes  hoc  sub  casu 
ducere  somnos),  sed  etiam  somnos  afferre  vel  somnos  inducere. 

'*)  Sic  legend  um  esse  mihi  probavit  M.  Muellerua  (in  Senecae 
tragoediaa  quaestiones  criticae  p.  43  sq.). 

**)  Fit  legimua  ex  coniectura  N.  Heinsii  (1.  s.  p.  444);  Codices 
praebent  est. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo.  339 

cf.  Horat.  epod.  14,  3: 

Pocula  Lethaeos  ufc  si  ducentia  somnos 
arente  fauce  traxerim 
et  Ovid.  Metam.  II  735  : 

ut  teres  in  dextra,  qua  somnos  ducit  et  arcet, 
virga  sit. 

itaque  poeta  non  dicit  caespitem  dormire,  sed  sopire. 

Post  D.  Heinsium  Swoboda  nonnulla  invenit  quae  vitu- 
peraret *7).  huius  viri  doctissimi  opus  ipsum,  quod  ut  ex  bib- 
Hothecis  mutuarer  mihi  non  contigit,  me  non  inspexisse  con- 
fiteor.  sed  Melzerus  Swobodae  argumenta,  quae  diluere  studuit, 
attulit  p.  26.  ac  pauca  Melzeri  verbis  mihi  addenda  sunt. 
Swoboda  aegre  tulit  (p.  335),  quod  Hercules  HO  80  sqq. 
stulta  et  ridicula  promittat,  simili  ex  causa  haesit  in  versibus 
1741  sqq.  (p.  348).  poetam  autem  cousulto  Herculem  adeo 
intumescentem  induxisse  infra  studui  probare  (p.  tert.). 

Aliud  argumentum  est  hoc:  HO  907  sq.  ab  Hf  1341  sq., 
cum  hic  Athenis,  illic  Cinyphio  fönte  Hercules  Megarae  et  li- 
berorum  caedem  expiasse  feratur,  ita  dissentit,  ut  unus  utrius- 
que  fabulae  auctor  statui  non  possit  (p.  343).  iam  Melzerus  etiam 
in  ceteris  tragoediis  tales  sententias  inter  se  pugnantes  inveniri 
conatus  est  demonstrare.  sed  Optimum  exemplum,  quod  vidit 
A.  Pais  (II  teatro  di  Seneca  p.  83),  est  hoc:  Iocasta  dicit 

Oed.  1034:  hoc  iacet  ferro  meus 

coniunx 
et  8imiliter  Oedipus  loquitnr 

Phoen.  105:  ensem  parenti  trade,  sed  notum  nece 
ensem  paterna. 
iam  legas  Oedipodis  verba 

Oed.  768:  redit  memoria  tenue  per  vestigium 

cecidisse  nostri  s  t  i  p  i  t  i  s  pulsu  obvium 
datnmque  Diti  e.  q.  s. 
nunc  ense,  nunc  stipite  Laium  a  filio  suo  interfectum  esse 
poeta  dicit.  nonnumquam  igitur  Seneca  cum  ee  ipso  discrepat, 

Versus  vero  HO  1036—1099  ab  homine  insulsissimo  et 
absurdissimo  scriptos  esse  Goebelius  praepropere  contendit 

")  L.  A.  Senecas  Tragoedien  übersetst  und  erläutert,  Wien  1830, 
III  p.  335  sqq. 

Philologtu,  ßupplementband  X,  drittel  Heft.  23 


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340 


Aemilius  Ackermann, 


(1.  8.  p.  738  sq.).  cuius  argumenta  cum  iam  Melzerus  maxi- 
mam  in  partem  infirmaverit  (p.  27),  pauca  adiungere  verba  suf- 
ficit.  vir  doctissimus  in  eo  offendit,  quod  poeta  Bistones  Hebrum 
accolentes  (v.  1042)  et  Getas  in  Rhodope  habitantes  (v.  1032, 
1092)  fecit.  item  credidit  (p.  743)  HO  161  Parthos  prorsus 
inepte  commemorari,  qua  re  simul  contra  temporum  regionum- 
que  rationem  peccetur 28).  vir  doctissimus  si  locos,  quos  Leo  (I 
p.  202  sq.),  Melzerus  (p.  28),  F.  Harderus30)  (p.  451)  attule- 
runt,  inspicere  potuisset,  talem  neglegentiam  a  Seneca  alienam 
esse  non  dixisset. 

HO  1040:  et  dum  fluminibus  mora  est, 
defecisse  putant  Getae 
Hebrum  Bistones  ultimi. 
Goebelius  adnotavit:  quid?  quod  Bistones  Hebrutn  defecisse 
putant !  nimirum^  si  totus  fluvius  tamquam  persona  stellt,  non 
aliter  id  fieri  potuü,  nisi  ut  continuum  flumen  staret  a  fönte 
usque  ad  ostia,  nec  animo  concipi  potest  usquam  ita  aquas 
discissas  fuisse,  ut  altera  pars  moraretur,  altera  flueret,  sive 
ut  usquam  aqua  deficeret,  intermiUeret.    contra  monendum  est 
poetam  omnino  non  dicere  totum  flumen  stetisse.  undae,  quae 
prope  Orpheum  fluunt,  cum  morentur,  fieri  non  potest,  quin 
flumen  paulatim  ex  ostiis  deficiat  (cf.  Melzerum  p.  27).  ac  si 
tibi  mirum  videtur  alteram  fluminis  partem  subsistere,  alteram 
fluere,  revoco  te  ad  Medeae  locum,  quem  supra  (p.  333  sq.)  tractavi. 

Vorsum  HO  1059 :  et  serpens  latebras  fugit  si  ponamus 
serpentes  latebras  raro  relinquere  solere,  facile  intellegi  posse 
Melzerus  recte  dixit  (p.  27).  sed  cum  exempla  non  addidit, 
affero  haec: 

Oed.  152:  perdidit  pestem  latebrosa30)  serpens. 

Med.  684:  tracta  magicis  cantibus 

squamifera  latebris  turba  desertis  adest. 

Stat.  Theb.  11  410:  dixerat.  ast  illi  tacito  sub  pectore  dudum 
ignea  corda  fremunt,  iacto  velut  aspera  saxo 
comminus  erigitur  serpens,  cui  subter  inanes 
longa  sitia  latebras  totumque  agitata  per  artus 

w)  Idem  iam  D.  HeinBius  vituperavit  (apud  Scr.  p.  848). 
*•)  Bemerkungen  zu  den  Tragödien  des  Seneka.  Aus  der  Festschrift 
Johannes  Vahlen  zum  70.  Geburtstag  gewidmet. 

*°)  Significationem  huius  adiectivi exposuit  Richterus  (deS.  tr.  a.  p. 28). 


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Do  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


341 


convocat  in  fauces  et  squamea  colla  venenum. 
Ad  HO  1088:  cantus  praemia  perdidit  Goebelius  in- 
dignatus  quaesivit  (p.  740):  quid  faciens?  at  apertissime  poeta 
dixit:  nec  credens  e.  q.  s.  (1086).  quia  enim  Orpheus  non  cre- 
didit  Eurydicem  sequi,  retro  se  vertit,  quo  factum  est,  ut  con- 
iugem  perderet.  in  versu  1079  sie,  non  sed,  in  v.  1090  tunc, 
non  tum  traditum  est.  atque  haec  pronomen  demonstrativum 
in  versu  1092  optime  positum  est,  quod  iniuria  negavit  Goe- 
belius. idem  versus  1036 — 1099  spurios  esse  eo  quoque  con- 
firmari  putavit,  quod  eadem  de  Orpheo  narratio  et  Hf.  569  sqq. 
et  Med.  625  sqq.  legitur.  hac  eadem  re  pro  Seneca  auetore 
pugnari  Melzerus  fortasse  recte  dixit  (p.  28).  chorum  HO 
163—172  ineptias  proferre  Goebelius  contendit  (p.  743),  sed 
argumentis  nullis  probavit.    itaque  boc  omittamus. 

Herculis  Oetaei  auetorem  prave  et  perverse  cogitantem 
hominem  fuisse  etiam  Leo  studuit  ostendere  (I  p.  53  sq.).  at- 
que ut  poetam  magnopere  ineptire  satis  demonstraret ,  multa 
collegit,  sed  omnia  falso.  ego,  cum  iam  Melzerus  (p.  28  sq.) 
nonnulla  recte  contra  dixerit,  paucis  rem  absolvere  potero. 
HO  842 :  factum  est  scelus, 

natum  reposcit  Iuppiter,  luno  aemulum. 

reddendus  orbi  est;  quod  potest  reddi  exhibe31: 

eat  per  artus  ensis  exaetus  meos. 
Leo  adnotavit:  si  superi  Herculem  reposcunt,  non  est  Dei~ 
antrete  scelus  quo  occidit;  quod  orbi  illum  reddendum  putat 
non  est  cur  se  ipsa  interficiat.  hunc  locum  Leo  non  intellexit. 
Stein bergerus  (1.  s.  p.  192)  optime  doeuit  reposcere  bic  idem 
esse  ac  morti  eripere  vel  vitae  reddere,  non  autem  ad  superos 
vocare.  reddere  idem  significare  posse  quod  dare  satis  notum 
est88).  Deianirae  hac  in  scena  inconstantiam,  qua  ad  ferrum, 
quod  bis  capessit  bisque  improbat,  ad  extremum  revolvitur 
(v.  868),  non  miram  esse  Melzerus  exemplis  ex  ceteris  tra- 
goediis  collectis  demonstravit  (p.  29).  praeterea  conferas  quae 
diximus  in  altera  parte. 

A  poetis  numquam  Herculei  ensis  mentionem  fieri  Leo 

")  Redde  praebet  E,  sed  reddi  legendum  esse  mihi  probavit  Birtius 
(1.  s.  p.  540). 

•»)  Cf.  Tachav.  Philol.  48  p.  742  et  p.  747  et  Melzer.  p.  29. 

23* 


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342 


Aemilius  Ackermann, 


perperam  putavit.  Steinbergerus  (1.  8.  p.  193)  vidit  Aristopha- 
nis  locum,  ran.  664  xal  tö  liyos  y'  ianäxQ  jiaiveo&at  5oxtöv 
(sc.  TlpaxXfj;).  Harderus  attulit  (L  s.  p.  456)  Horatii  versum 
c.  IV  4,61:  non  hydra  secto  corpore  firmior.  quin  etiam 
in  Herculis  furentis  versu  1229  Herculeus  ensis  commemoratur. 
Bentleius  M)  autem  et  Withofius  Si),  quos  Leo  (G.  Gk  A.  p.  11 
adn.  1)  et  alii  secuti  sunt,  pro  voce  ensem  coniecerunt  arctan. 
contra  Melzerus  (p.  4  adn.  2  et  p.  29)  et  Harderus  (L  s.  p.  455  sq.) 
ensem  hoc  loco  retinendum  esse  statuerunt  quae  res  utut  se 
habet,  certum  est  Herculis  alterius  auctorem  ense  Herculeo 
commemorato  non  peccavisse. 

Deianira  mortis  consilium  his  verbis  confirmat  (922) : 
fruatra  tenetur  ille  qui  statuit  mori, 
proinde  lucem  fugere  decretum  est  mihi, 
Tixit  satis  quicumque  cum  Alcide  occidit. 
quo  de  loco  Leo  haec  dixit:  debuit:  proinde  frustra  nie 
tenetis.  dixit:  frustra  tenetur  qui   mori  decrevü,  proinde 
mori  decrevi;  frustra  tenetur  qui  statuit  mori,  proinde  mori 
statui.    sine  dubio  aliter  haec  verba  intellegenda  sunt  Deia- 
nira dicit  v.  922:  'frustra  mihi  quae  mori  statui  mortem  dis- 
suades,  proinde  moriendi  mihi  consilium  non  labefactatum  est*, 
quae  interpretatio  si  tibi  non  placet,  cum  Melzero  (p.  29)  ver- 
sum 924  ante  923  ponas. 

HO  1268:  quis  dies  fletum  Herculis, 

quae  terra  vidit?  siccus  aeruranas  tuli. 
tibi  illa  virtus,  quae  tot  elisit  mala, 
tibi  cessit  uni;  prima  et  ante  oninis  mihi 
fletum  abatulisti:  durior  saxo  horrido 
et  chalybe  voltus  et  vaga  Symphlegade 
rictus  meos  infregit  et  lacrimam  expulit 
Leo  adnotavit :  suum  scilicet  vultum  superari  non  potuisse  nisi 
alio  vultu  etiam  durior e  putidus  sensus  est;  quo  quantopere 
ineptiat  scies  si  praeeedentem  sermonis  partem  perlegeris. 
nempe  Herum  iterumque  questus  est  quod  pestem  quae  fixa 
meduUis  lateat  corpusque  intus  depopuletur  videre  nequeat 
multumque  divinavit  serpensne  sä  an  malum  aliquod  et  Her- 
M)  Ann.  Fleck.  125  p.  483. 

**)  Praemetium  crucium  criticarum  praecipue  ex  Seneca  tragico 
p.  121. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


343 


iam  eins  vuüu  rictus  suos  infractos  esse  nuntiat. 
Melzerus  perperani  concessit   (p.  29)   his  versibus  putidum 
sen8um  ineese.    rectissime  Steinbergerus  (1.  s.  p.  193)  vidit 
Herculem  non  de  aiio,  sed  de  suo  ipsius  vultu  cogitare.  Leo 
fortasse  hunc  in  errorem  non  cecidisset,  si  in  versu  1274  pro 
meos  8criberetur  snos,  quod  pronomen  sane  paulo  melius  in 
sensnm  qnadrat.    sed  id,  quod  nunc  in  codicibus  exstat,  cum 
rictus  illi  et  ad  Herculeum  vultum  et  ad  Herculem  ipeum 
pertineant,  ego  facile  feram,  Birtius  minus,  qui  coniecit :  riäus 
et  os  infregit  et  lacrimam  expulit. 
HO  1472  HERC. :  Habet,  peractum  est,  fata  se  nostra  explicant; 
lux  ista  summa  est:  quercus  hanc  sortem  mibi 
fatidica  quondam  dederat  et  Parnassio 
Girrhaea  quatiens  templa  mugitu  specus86): 
'dextra  perempti  victor,  Alcide,  viri 
olim  iacebis;  hic  tibi  einen  so  freta 
terrasque  et  umbras  finis  extremus  datur. 
in  comparationem  vocavit  Leo  Sopboclis  locum  (Trach.  1159): 
i[Lol  yosp      Tcpocpavxov  kx  7caxpö;  TtaXat, 
ävSpöv  TCve6vx<j)v  utjSevös  fravetv  ötco, 
efcXX'  6oxi?  "Atöou  ^{{ievo;  obdjxcop  ireXoi. 
55'  oöv  6  {Hjp  Kevxaupo;,       xö  freiov  ifjv 
frpo^avxov,  oöxw  £ä>vxa  \i  Ixxeivev  O-avwv. 
cpavö  8'  iyü)  xouxotoi  ouu.ßai'vovx'  taa 
ijiavxeta  xaivoc,  xoc;  rcaXat  ^uvifjyopa, 
ä  xöv  öps{o)v  xal  xanat*otxü>v 
SeXXtöv  £aeX(Kbv  äXao$  elaeypoLty&prp 
Ttpö;  xffi  rcaxp<j>a;  xal  TcoXuyXwaaou  5pu6;. 
contendit  autem  vir  doctissimus  poetam  Romanum  duo  oracula 
a  Sopbocle  commemorata  tarn  claude  (sie  Leo)  et  oblique  inter 
se  coniunxisse,  ut  de  una  tantum  sorte  loqui  videatur36).  ar- 
gumenta, quae  Melzerus  protulit  (p.  19/20),  cum  ad  rem  ip- 
sam  vix  spectent,  non  nisi  ambages  sunt,    facile  autem  Leo- 
nis rerba  refutari  possunt,  nam  poeta  Romanus  satis  aperte 

86)  Traditum  est  nemus.  specus  coniecit  primus  N.  Heinsiiis  (1.  s. 
p.  286),  deinde  Wilamo-witzius  (cf.  Leo  I  p.  55  adn.  5). 

'*)  Si  Leo  recte  di risset,  non  multum  valeret.  talia  enim  Senecam 
nonnnmqaam  sibi  indulsisse  demonstravit  HardeniB  (Festschrift  Johan- 
nes Vahlen  p.  451). 


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344 


Aemiliue  Ackermann, 


de  duobas  oraculis  cogitat.  dicit  enim:  quercus  hanc  sortem 
mihi  dederat  et  spccus  (sc.  hanc  sortem  mihi  dederat).  hanc 
sortem  singularem  numerum  poeta  pro  plurali  posuit,  ut  ma- 
gis  fortiter  et  efficaciter  loqueretur.  et  alterum  oraculum  est 
hoc  (1476) :  dextra  perempti  victor ,  Alcide,  viri  olim  iacebis, 
alterum  (1477):  hic  tibi  emenso  freta 

terrasque  et  umbras  finis  extremus  datur. 
verba  finis  extremus  non  de  morte,  quod  Melzerus  voluit 
(p.  20),  sed,  ut  apud  Sophoclem,  de  fiue  migrandi  et  laboran- 
di  intellegenda  sunt,  differentia,  quae  in  eo  agnoscitur,  quod 
Herculi  oraculum  alterum  datum  esse  a  Iove  Sophocles  dicit, 
ab  Apolline  autem  poeta  Romanns  narrat,  Leonis  opinionem 
confirmare  non  potest.  nam  poeta  aut  ita  rem  sibi  finxit,  ut 
Hercules  Iovis  oraculum  ore  Apollinis  acceperit  (cf.  Leo  I 
p.  55),  aut,  quod  Seneca  saepius  sibi  concedebat,  ab  exemplo 
suo  recessit.  praeterea  monendum  mihi  videtur  cum  Herculis 
fama  notissima  esset  breviter  loqui  poetae  Romano  licuisse. 
HO  1595:  Heu  quid  hoc?  mundus  sonat.  ecce  maeret, 

maeret  Alciden  pater;  an  deorum 

clamor,  an  vox  est  timidae  novercae 

Hercule  et  viso  fugit  astra  Iuno? 

passus  an  pondus  titubavit  Atlas? 

an  magis  diri  tremuere  manes 

Herculem  et  visura  canis  inferorum 

fugit  abruptis  trepidus  catenis? 
Leo  adnotavit:  mundus  sonuit:  inde  coniecturas  capit  cho- 
rus;  at  ut  conicere  possit  manes  trepidare  Cerberoque  aufu- 
giente  tumuUum  exoriri,  fragorem  imo  de  fundo  audisse  debety 
ut  Hf.  521:  cur  mugit  solum? 

infernus  imo  sonuit  e  fundo  fragor. 
hunc  Herculis  furentis  versum  fortasse  aptissime  allatum  esse 
dices,  sed  conferas ,  quid  de  eodem  loco  idem  Leo  iudicaverit 
(II  p.  375).  hoc,  inquit.  rede  dictum  esset,  si  ex  inferis  nunc 
demum  Hercules  emergeret;  at  per  viam  publicam  ad  Thebas 
accedit.  itaque  in  Hercule  priore  idem  factum  est  quod  in 
Hercule  altero.  sed  cum  illum  versum  vir  doctissimus  deleret, 
Herculis  Oetaei  locum  anctori  opprobrio  dedit.  adde  quod  Leo 
plane  perperam  hunc  locum  tentavit,  nam  mundum  non  caelum, 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


345 


sed  rerum  universitatem  significare  Melzerus  recte  vidit37)  (p.29). 

De  cantico  HO  1518  sqq.  Leo  dixit  (G.  6.  A.  p.  9):  Der 
Schluß  ist  mißglückt,  wie  auch  einiges  im  Liede  selbst;  ar- 
gumenta a uteni  vir  doctissimus  non  addidit. 

Deniqne  Birtius  in  Hercule  Oetaeo  res  insulsas  deprehen- 
disse  sibi  visus  est. 

HO  278  DEI. :  Iole  meis  captiva  germanos  dabit 

natis  (Iovisque  fiet  ex  famula  nurus)? 
non  fiamma  cursus  pariter  et  torrens  feret 
et  ursa  pontum  sicca  caeruleum  bibet. 
vir  doctissimus  adnotavit  (p.  535) :  Hilflos  verunglückt  bei  aller 
Gesuchtheit  ist  z.  B.  folgender  Vergleich  (278—281).  In 
hohem  Masse  beeinträchtigt  wird  derselbe  überdies  durch  die 
zwischengestellten   Worte ,    die   in    Parenthese  stehen, 
haec  recte  dixisset  Birtius ,  si  versus  280  sie  legendus  esset, 
neque  enim  dubium  mihi  videtur,  quin  nonnulli  Codices  de- 
teriores  meliorem  lectionem  praebeant  hanc: 

num  flamma  cursus  pariter  et  torrens  feret88) 
et  ursa  pontem  sicca  caeruleum  bibet? 
dicit  igitur  Deianira:  4prius  flamma  et  torrens  pariter  cursus 
feret  et  ursa  pontum  bibet  quam  patiar  Iolam  Herculi  natos 
parere  et  Iovis  nuruni  fieri.' 

HO  1452:  Megara  appellatur  clara.  quod  adiectivum  non 
satis  apte  positum  esse  Birtius  suo  iure  contendit  (p.  511). 
similem  locum  inveni  in  Troad.  1112:  siyna  clari  corporis**). 
fortaase  cum  N.  Heinsio  (1.  s.  p.  285)  scribendum  est  caru. 

Itaque  viri  docti  Herculis  Oetaei  auetorem  esse  hominem 
ineptum  ac  stolidum  iniuria  dixerunt. 

Aliud  est,  quod  Herculis  Oetaei  scriptorem  esse  linguae 
inopem  et  scribendi  socordem  poetam  contenderunt40).  iam 

")  Nonnumquam  mundus  idem  est  atque  inferi  cf.  Macrob.  I  16, 
16—18,  Festum  (ed.  Thewrewk)  I  p.  120  et  p.  146-149. 

38 )  Forma  feret  et  in  E  et  in  A  tradita  retiDenda  est.  solent  enim 
nonnulli  poetae,  in  quornm  numero  etiam  Seneca  est,  verbi  n.  singularein 
usurpare,  si  ullo  modo  tolerari  poteat.  exempla  huius  rei  postea  for- 
tasse  occasione  data  atferam. 

M)  Similis  non  similis  est  locus  Phaed.  1247:  huc,  huc  reliquias 
vekite  caris  corporis. 

40)  D.  Heinsius  (ap.  Scriv.  p.  347),  Goebelius  (1.  s.  p.  740),  Richte- 
rn« (d.  S.  tr.  a.  p.  30),  Leo  (I  p.  57),  Birtius  (p.  535,  537  sq.).  in  eo 
quod  Deianira  Iolam  novies  captivatn  vel  paelicem  appellat  (v.  278—391) 
Birtium  haerere  non  debuisse  probayit  Melzerus  (p.  80). 


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346 


Aemilius  Ackermann, 


Leo,  qui  ipse  concessit  (I  p.  57)  Senecam  in  tragoediia  non 
Semper  curiosissimum  variandi  sermonis  fuisse,  ceteris  ex  fa- 
bulis  pauca  exempla  huc  pertinentia  collegit.  multa  autem  con- 
gessit  Melzerus  (p.  30).  quae  quamquara  sufficiunt  nonnulla 
mihi  liceat  addere.  in  Troadibua  inveni:  v.  610  timent,  612 
timere,  618  timet,  626  timor,  632  timorem,  642  timor;  Oed.: 
519  regia,  520  rege«,  524  rege,  525  regi,  regno;  Hf.:  1192 
manus,  1196  manus,  1203  manum,  1211  manum,  1236  ma- 
nus, 1260  manus  (semper  in  trimetri  fine),  praeterea  1193 
manus,  1244  manibus,  1255  manibus;  in  Thyeste:  434  timo- 
ris,  435  timendum,  timeo,  447  timentur,  449  timere,  468  ti- 
memur,  473  timendum,  482  times,  483  timori,  486  timendum, 
times  et  414  regni,  425  regno,  432  regni,  442  regnare,  444 
regnum,  470  regnum,  regno,  472  regnes.  quod  non  in  versi- 
bus  410,  415,  441,  451,  455,  458,  459,  463,  468,  489  et  nec  in 
vss.  457,  460,  463,  465,  466,  471,  472  legitur,  urgere  nolim. 
sed  praeterea  conferendi  sunt  versus  hi:  529  regnum,  531  re- 
giam,  534  regnum,  540  regna,  542  regni  et  564  timuit,  572 
timor,  580  timuere,  590  timuit,  595  timuere  et  889  sat,  890 
satis,  895  sat,  899  satis,  900  satisque,  913  satur.  fortasse  mi- 
hi concedes  Thyestis  auctorem  copiosiorem  poetam  scriptore 
Herculis  Oetaei  non  fuisse,  praesertim  cum  ex  eadem  tabula 
iam  Melzerus  alias  voces  saepe  iteratas  collegerit. 

Neque  vero  repetitis  tantum  dictionibus  incurioaam  elo- 
cutionem  offendere,  sed  magis  etiam  sententiis  neglegenter 
constructis  sive  vitiose  pronuntiatis  contendit  Leo  (I  p.  57). 
sed  omnia  argumenta  quae  protulit  aut  a  Melzero  (p.  30/31) 
aut  nunc  ab  ipso  (G.  G.  A.  p.  10  adn.  1)  refutata  sunt41), 
itaque  eis,  qui  Herculem  Oetaeum  a  Seneca  abiudicaverunt, 
iam  multa  argumenta  erepta  sunt 

Iam  vero  metricas  rationes  inter  hanc  ceterasque  fabulas 

admodum  aequales  esse  viri  docti,  qui  hac  in  re  versati  sunt, 

omnes  concesserunt.  nihilo  setius  nonnulla  a  Senecae  arte  ali- 

ena  in  Hercule  altero  inveniri  dixerunt.  ac  Leo  protulit  hoc 

(I  p.  59) :  itaque  in  summa  aequaliiate  modo  negleclam  modo 

duriorem    in   Hercule    Oeiaeo  synaloepham  deprchendimus. 

41 )  Ad  HO  1604  quem  tulit  Poeans  etiam  comparandua  est  ver- 
sus Hf.  494 :    vel  ex  ooacta  nobilem  partum  f  e  r  a  m. 
praeterea  confera«  infra  p.  376  Bq. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


.347 


Schmidtius  *a)  et  Leo  (I  p.  58)  iam  satis  demonstrarunt  in  re- 
liquis  Herculis  Oetaei  senariorum  locis  eodem  modo  quo  in 
Annaeanis  fabulis  verba  verbis  coagraentari.  de  synaloepha 
qnae  in  fine  versuum  admittitur  plnra  verba  mihi  facienda  sunt, 
sei  licet  in  trimetrorum  exitu  omni  um  fabularum  monosyllabum 
cum  antecedente  vocabulo  nusquam  coalescit,  nisi  quod  aphae- 
resis  vocis  est  saepius  invenitur.  conglutinatur  autem  est  nus- 
quam cum  antecedente  monosyllabo,  contra  cum  bisyllabo  in 
Hf.  sexies  (55,  383,  952,  1172,  1191,  1268),  in  Troad.  quater 
(298,  787,  909,  997),  in  Phom.  octies  (55,  79,  288,  368,  378, 
454,  598,  629),  in  Med.  sexies  (230,  448.  896,  921,  976,  1004), 
in  Phaed.  sexies  (358,  435,  636,  697,  711,  1239),  in  Oed.  ter 
(274,  834,  865),  in  Agam.  qninquies  (109,  152,  154,  426,  924), 
in  Thy.  quinquies  (205,  257,  449,  899,  906),  in  HO  octies 
(59,  236,  405,  824,  1242,  1258,  1806,  1820),  in  Oäav.  quater 
(108,  458,  604,  825).  cum  trisyllabo  copulatur  est  Troad.  911, 
Med.  25,  Thy.  718,  1013,  HO  882,  940,  cum  quadrisyllabo  ver- 
bo  HO  1979,  Oct.  442,  496,  cum  quinque  syllabarum  voce 
Oed,  515. 

Porro  bisyllabum  in  senarii  fine  positum  nusquam  cum 
antecedente  vocabulo  coalescit,  contra  trisyllabum,  de  quo  in- 
fra  (p.  349  sq.)  paulo  fusius  loquar,  creberrime.  etiam  verbum 
quadrisyllabum  coalescit  Med.  407,  471,  Oed.  823,  Agam.  787 ; 
quinque  syllabarum  vocabulum  Phaed.  580,  955,  Thy.  911; 
vox  sex  e  syllabis  composita  Phoen.  133,  165,  Oct.  446,  541,  870. 

Monosyllabum  in  trimetri  exitu  invenitur  Hf.  1162,  Troad. 
42,  56,  475,  Phoen.  205,  234,  495,  Med.  125,  692,  Phaed.  713, 
Oed.  938,  1016,  HO  870,  939, 1206, 1351, 1354, 1826, 1858  *3). 
monosyllabum  in  versus  fine  non  ferri  nisi  antecedente  mono- 
syllabo dixit  Leo  (I  p.  59).  itaque  vituperavit  Herculis  Oetaei 
poetam  qui  scripserit  v.  939:  para  laborem.  scelera  qnae  quis- 
(piam  ausus  est.  neque  enim  animadvertit  vir  doctissimus  Me- 
deae  versum  692:  caelo  petam  veneria,  iam  iam4')  tempus  est. 

")  De  emendandarnm  Senecae  tragoedii«  rationibus  prosodiacis 
et  metricis  p.  17  sqq. 

43)  Non  omnia  exempla  deprehenderunt  Schmidt  p.  89  et  Leo  I  p.  59. 

**)  In  £  iam  semel  exstat,  in  A  legitur  tarn  nunc.  Groaovium 
autem  recte  iam  iam  scripsisse  eo  apparet,  quod  in  E  saepius  ea  vox, 
quam  bis  positam  esse  poßtulamus,  semel  tantum  tradita  est.  legimus 


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US 


Aemilins  Ackermann, 


quem  si  vidisset,  non  delevisset  (I  p.  VII)  Herculis  furentis 
trimetrum  (1162): 

quis  tanta  Thebis  scelera  moliri  ausus  est, 
praesertim  cum  hic  illi  Herculis  Oetaei  senario  (939)  similis 
sit.  ter  igitur  his  in  fabulis  monosyllabo  non  coalescenti  ante- 
cedit  bisyllabum. 

Porro  Leo  reprehendit  quod  auctor  iratae  sat  est  (HO 
1354)  et  tanto  sat  est  (HO  1558)  scribere  maluit  quam  iratae 
est  satis  et  tanto  est  satis  (I  p.  60).  sed  legat  Oed.  938 :  pen- 
sabis  ictu?  moreris ;  hoc  patri  sat  est. 

Bisyllabum  non  coalescens  saepissime  in  trimetri  fine  in- 
venies,  item  trisyllabum.  verbum  quadrisyllabum  non  coales- 
cens exstat  in  Hf.  quater  decies  (11,  92,  218,  232,  244,  325, 
408,  484,  516,  626,  758,  908,  915,  997),  in  Troad.  ter  decies 
(60,  183,  1^5,  222,  280,  325,  558,  652,  809,  901,  1069, 
1080,  1106),  in  Phoen.  sexies  (129,  191,  206,  448,  550,  566), 
in  Med.  undecies  (14,  33,  39,  266,  268,  456,  512,  709,  713, 
718,  731),  in  Pkaed.  quater  (384.  1023,  1225,  1229),  in  Oed. 
quater  (768,  812,  847,  1048),  in  Agam.  sexies  (137,  186,  566, 
797,  928,  935),  in  Thy.  novies  (115,  195,679,  707,  745,  1012, 
103«),  1055,  1060),  in  HO  undecies  (733,  804,  1135,  1227, 1237, 
1273,  1380,  1389  1474,  1485,  1650),  in  Oct.  bis  (835,  837). 
Richterus  (de  S.  tr.  a.  p.  18)  vidit  Herculis  Oetaei  poetam  a  lege 
qua  cavetur,  ne  in  trimetrorum  exitu  vocera  quadrisyllabam  prae- 
cedat  iambica,  sexies  recessisse  (804,  1273,  1380,  1389,  1485, 
1650).  sed  Richterus  ipse  concessit  quinque  exemplis  (804,  1273, 
1380,  1485,  1650)  excusationem  a  nomine  proprio  paratam 
esse,  idem  vidit  legem  illam  etiam  in  Phoenissis  bis  (191, 
206)  *6)  violatam  esse,  ubi  nomen  proprium  veniam  non  praebet. 
fortasse  ex  Agamemnone  quoque  versus  797  huc  referri  potest: 

AGAM. :  secura  vive.  CASS.  mihi  mori  est  securitas. 
nam  mori  est,  quia  est  cum  mori  coalescit,  tamquam  una  vox  est. 
differentia  igitur  non  exstat.   quinque  syllabarum  verbum  in 
trimetri  fine  positum  non  coalescit  Hf.  246,  Troad.  861.  Phoen. 
223,  Med.  215,  Phaed.  229,  271,  852,  Oed.  395.  Agam.  660, 

enim  Troad.  191  ite  pro  ite,  ite,  625  hac  pro  hac  hac,  627  ite  pro  ite, 
ite,  1141  tarn  pro  tarn  iam,  HO  753  iüe  pro  ille,  ille,  1234  quid  pro 
quid,  quid,  1506  quam  pro  quamquam  1980  fallor  pro  faUor,  fallor. 
*6)  pro  novo8  m  E  traditum  eat  non  vos. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


349 


TJiy.  23,  424,  HO  21,  1642.  vocabulum  non  coalescens,  cui 
sex  syllabae  sunt,  invenitur  Phaed.  1157. 

Restant  cretici  in  senarii  exitu  positi.  Senecae  in  tragoe- 
diis  fere  legitimum  esse  creticos  hoc  loco  exstantes  cum  an- 
tecedente  vocabulo  coalescere  Schmidtius  recte  vidit  (p.  37  sq.). 
inter  centenos  trimetros  clauduntur  creticis  coalescentibus  in 
Uf.  12,  non  coalescentibus  2, 1,  in  Troad.  coalesc.  10,  non  c.  1, 19, 
in  Phoen.  c.  10,  non  c.  1,  95,  in  Med.  c.  12,  5,  non  c.  2,  29,  in 
Phaed.  c.  10,  2,  non  c.  1, 05,  in  Oed.  c.  9,  27,  non  c.  0,  67,  in  Ag. 
c.  8,  36,  non  c.  1,  46,  Thy.  c.  11,  non  c.  1,  94,  in  HOc.  9,  6  non  c. 
1, 14,  in  Od.  c.  7,  7  non  c.  0,  52.  Leo  nunieros  semper  fere  paulo 
a  meis  recedentes  coinputavit  (I  p.  58).  qui  vir  doctissimus  creti- 
corum  coalescentium  usum  in  Octavia  rariorem  esse  quamquam 
recte  dixit,  tarnen  hac  in  fabula  plures  inveniuntur  quam  ipse 
in  Agamemnone  exstare  sibi  persuaserat.  idem  creticos  non 
coalescentes  in  Octavia  prorsus  evitatos  esse  contendit.  sed 
scriptos  videmus  tales  v.  237,  457,  468.  Leo  cum  solum  ver- 
sum  457  vidisset,  perperam  eum  delevit  (cf.  Herrn.  10  p.  439). 
atque  ut  opinionem  suam  nobis  probaret  aliis  argumentis 
allatis  hunc  versum  inepte  intercalatum  esse  demonstrare  stu- 
duit.  Plane  idem,  inquit,  hoc  versu  Nero  dicit  atque  sequenti 
et  synaloepltae  locus  non  est  in  personis  mutandis.  versus 
Octaviae  456 — 458  sunt  hi: 

NER.  ferrum  tuetur  principem.  SEN.  melius  fides. 

NER.  decet  timeri  Caesarem.  SEN.  at  plus  diligi. 

NER.  metuant  necesse  est.  SEN.  quicquid  exprimitur  grave  est 
qui  versus  exstant  in  colloquio ,  quod  inter  Neronem  et 
Senecam  habetur.  Seneca  ut  imperator  moderate  regnet  po- 
stulat,  contra  Nero  vi  uti  mavult.  cum  Senecae  reclamatione 
Caesaris  animus  magnopere  concitatus  sit,  imperator  ira  im- 
pulsus  bis  idem  dicere  facile  potest.  praecipue  autem  quae  iam 
dixit  iterat,  ut  sua  plurimum  interesse  timeri  quam  maxime 
man i festet  declaretque  omnino  non  se  curare  amorem  populi. 
accedit  quod  Nero  non  plane  idem  his  duobus  versibus  dicit,  nam 
gradatio  inest  in  verbis:  decet  timeri .  .  .  metuant  necesse 
est.  hoc  vidit  Fr.  Ladek  (l.  s.  p.  102).  praeterea  conferas  quae 
Richterus  editor  adnotavit.  ceterum  hoc  loco  in  personis  mu- 
tandis synaloepham  admittendam  esse  equidem  censeo.  exstat 


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350 


Aemiliue  Ackermann, 


enim  talis  verboram  conglutinatio  etiam  in  Agamemnon] s 
versu  794  : 

AGA.  credis  videre  te  llium?  CAS.  et  Priamum  simul. 
buic  versui  a  Graeco  nomine  excusationem  paratani  esse,  Oc- 
taviae loco  a  Latino  non  item  Leo  dixit  (I  p.  59  adn.  8).  sed 
haec  inter  nomen  Latinum  et  Graecum  differentia  minima  est. 
neque  Fr.  Ladek  (1.  s.  p.  102)  neque  Lucianus  Muellerus  (ann. 
philol.  89,  p.  423)  hoc  discrimen  statuere  vohierunt.  nescio 
igitur,  cur  Octaviae  versus  in  codicibus  bene  traditus,  si  Aga- 
memnonis  genuinus  est,  spurius  aestimandus  sit.  itaque  cum 
Octaviae  scriptor  ter  (237,  457,  468)  trimetrum  cretico  non 
coalescente  terminaverit,  nulla  bac  in  re  differentia  exstat. 

Sed  in  ceteris  Senecae  fabulis  non  coalescenti  cretico  Semper 
syllaba  longa  antecedit,  contra  in  Octavia  semel  (y.  393  gentis 
impium)  et  in  Hercule  Oetaeo  ter  (v.  406  caret  Hercule^  757  ferar 
obruta,  1847  darct  Hercules")  eadem  sede  bisyllabum  bibreve 
invenimus.  parva  igitur  differentia  artis  sane  adest.  atque  quam- 
quam  concedo  hanc  rem  momenti  alicuius  esse,  tarnen,  si  nihil 
aliud  accedit,  minimum  valere  existimo.  ei,  qui  hanc  ob  cau- 
sam Uerculem  alterum  Senecae  abiudicari  vult,  etiam  Aga- 
memno,  cum  non  nisi  in  hac  fabula  et  in  Octavia  synaloepha 
in  personis  mutandis  admissa  sit,  insitiva  ducenda  est.  neque 
putabit  idem  Phoenissas  genuinam  tragoediam  esse,  nam  sex 
syllabarum  vox  in  senarii  fine  posita  coalescit  bis  tantum  in 
Phoenissis  et  ter  in  Octavia  (cf.  p.  347).  itaque  illo  argumento 
uti  iam  non  licet. 

Cretico  non  coalescenti  in  Hercule  Oetaeo  nusquam  ante- 
cedere  vocabulum,  cui  plus  tres  morae  sint,  contra  idem  in  re- 
liquis  tragoediis  saepissime  admitti,  contendit  Birtius  (p.  559  sq.); 
itaque  emendandum  esse  censuit  versum  HO  899:  nemo  «o- 
cens  sibi  ipse  poenas  abrogat ,  praesertim  cum  sensus  inep- 
tissimus  esset,  vir  doctissimus  cum  tradita  verba  intellegi  non 
possint  Gronovium  totum  versum  genuinum  esse  falso  credi- 
disse  suo  iure  dixit  *8).  ipse  autem  coniecit :  nemo  innocens  sibi 
ipse  si  poenam  abrogat.  quae  verba,  quam  vis  bonum  sensum 

**)  Exempla  haec  collegit  Schmidtius  (1.  8.  p.  53). 
4T)  Inrogat  legimus  in  A. 

*•)  üronovii  sententiam  iniuria  defendit  Tachavas,  Philol.  48  p.  749. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


351 


praebeant,  tarnen  cum  nimis  abhorreant  a  tradita  lectione, 
mihi  non  satis  placent.  aliam  autem  emendandi  rationem  in- 
grediendam  esse  puto.  Deianiram  Nessi  fraude  deceptam  Her- 
etilem  necare  Birtius  ipse  vidit  (p.  511  sq.).  quod  facinus  morte 
sua  expiare  constituit ,  ut  se  non  nefariani  aut  perditam  fe- 
minam  ,  sed  dolo  captam  esse  indicet.  facinorosi  hominis  non 
esse  poenas  sibi  adrogare  Birtius  recte  dixit.  itaque  Deianira, 
81  poenas  sibi  vindicat,  non  scelerata  femina  est,  sed,  ut  ma- 
gistri  mei  verbis  utar ,  eine  tragische  Heldin,  quam  ob  rem 
Hyllo  dicenti:  si  te  ipsa  damnas,  scelere  te  misera  arguis 
Deianira  respondet: 

nemo  nocens49)  sibi  ipse  poenas  adrogat60). 
adrogare  idem  fere  significare  quod  vindicare  notum  est.  ita- 
que cretico  adrogat  antecedit  tradita  vox  poenas,  cui  quattuor 
morae  sunt,  iam  legas  HO  15: 

quod  terra  genuit,  pontus  aer  inferi. 
aer  habet  quattuor  moras.  atque  ne  dicas  verbum  aer  (=  <&f)p), 
cum  accentum  in  altera  syllaba  habeat,  facilius  ferri  posse,  de- 
monstrabo  Senecae  temporibus  hoc  vocabulum  in  priore  syllaba 
acutum  esse,  aer  efficit  spondeum.  quodsi  verba  spondiaca  in 
secundo  vel  tertio  vel  quarto  trimetri  pede  posita  sunt,  ictus 
rhythmicos  et  verborum  accentus  inter  se  consentire  necesse 
est  (cf.  p.  358).  iam  intuearis 

Hf.  677 :  sie  pronus  aer  urget  atque  avidum  chaos 
Hf.  704:  immotus  aer  haeret  et  pigro  sedet 
Phaed.  474 :  solis  et  aer  pervius  ventis  erit. 
haec  exempla  si  cui  non  sufficiunt,  afferre  possum  hexametros 
daetylicos,  quorum  in  fine  eadem  vox  exstat61).  conferas  Ovid. 
Met  VI  47;  Lucan.  I  646;   Stak  Theb.  II  3;  VI  399;  VI 
617;  VHI  413;  XII  248.  etiam  verbum  aether  =  alfrf)pM)  et 
nomina  propria  velut  Theseus,  Peleus  Romani  in  prima  syl- 
laba acuebant. 

Quod  Birtius  HO  445  pro  propius  exigat  scripsit  poenas  exi- 
gat  (p.  514),  cum  ipse  postea  hanc  coniecturam  reiciendam  esse 

*•)  Nocens  hoc  loco  eum  significat,  qui  sceleatus  atque  improbus  est. 
*•)  Richterus  per  errorem  scripsit  in  E  traditum  esse  arrogat. 
M )  Etiam  in  hexametri  exitu  verborum  accentus  cum  versus  nu- 
inero  concinere  notum  est. 

61)  Cf.  Hf.  959;  Phaed.  524;  Oed.  220;  Agam.  727;  HO  52, 1764. 


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352 


Aemilius  Ackermann, 


dixerit  (p.  559) ,  mihi  auxilio  yocare  non  possum.  conceden- 
dum  autem  est  in  Hercule  Oetaeo  creticum  in  trimetri  fine 
positum  cum  antecedente  plus  trium  morarum  voce  non  coa- 
lescentem  bis  { 15,  899)  inveniri.  consideremus  vero,  quo  modo 
haec  res  in  ceteris  fabulis  se  habeat.  antecedit  cretico  non 
coalescenti  vocabuluin,  cui  plus  tres  morae  sunt,  in  Hf.  duo- 
decies  (255,  397,  495,  641,  652,  657,  698,  715,  992,  998, 
1042,  1333),  vocabulum,  cui  duae  tantum  morae  sunt58),  de- 
cies  (265,  406,  654,  1139,  1197,  1246,  1252,  1290, 1323, 1329); 
in  Troad.  illud  septies  (519,  523,  889,  898,  936,  951,  1112) 

—  hoc  quater  (8,  191,  224,  227);  in  Phoen.  illud  sexies  (148, 
249,  256,  285,  501,  619)  —  hoc  septies  (64,  163,  244,  279,  358, 
491,  520);  in  Med.  illud  decies  (127,  151,  152,  203,  547,  562, 
572,  684,  700,  887)  —  hocquinquies  (167,  412,  493,  735,  916); 
im  Phaed.  illud  septies  (166,  213,  238,  563,  896,  1247,  1256) 

—  hoc  ter  (715,  884,  1170) ;  in  Oed.  illud  ter  (12,  78,  965) 

—  hoc  bis  (89,  1014) ;  in  Aga.  illud.  sexies  (252,  394a,  435, 
472,  551,  802)  —  hoc  quater  (243,  280,  282,  783);  in  Thtfest. 
illud  quater  (52,  320,  1011,  1061)  —  hoc  undecies  (59,  111, 
176,  261,  280,  295,  334,  409,  1067,  1082,  1093);  in  HO  illud 
bis  (15,  889)  —  hocnovies  (43,  406,  465,  757,  965,  1143,  1218, 
1750,  1847) 6');  in  Oct.  illud  nusquam  —  hoc  quater  (237,  393, 
457,  468).  Octa\  riam  fabulam,  quae  maxime  a  reliquarum  usu 
discrepat.  ab  anonymo  quodam  auctore  scriptam  esse  constat. 
vidimus  autem  Senecam  ipsum  sibi  non  constare.  atque  hac 
in  re  Thyestes  et  Hercules  Oetaeus  vix  inter  se  differunt.  credo 
igitur  Birtii  qnoque  argumentum  a  me  abolitum  esse. 

Senecam  creticum  in  trimetri  fine  positum  ubi  longa  syl- 
laba  antecedit  fere  Semper  cum  antecedente  voce  coalescentem 
facere  iam  vidimus  (p.  349).  itaque  consentaneum  est  creticorum 
non  coalescentium  eos,  quibus  prima  littera  vocalis  vel  h  est, 
cum  facilius  coalescere  possint,  creticis  a  consonante  incipien- 
tibus  rarius  usurpari.  exstat  autem  creticus  non  coalescens, 
cuins  prima  littera  vocalis  vel  h  est,  in  Hf.  quinquies  (v.  397T 
406,  657,  715,  1329),  creticus  qui  a  consonante  incipit  septies 

M)  Verbum  tres  moras  habens  nusquam  antecedit  cretico  non  co- 
alescenti. 

»*)  Versus  445  dobius  est;  de  versu  574  p.  353  disputavi. 


i 


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De  ^enecae  Hercnle  Oetaeo. 


decies  (155,  265,  495,  641,  652,  654,  698,  992,  998,  1042, 
1139,  1197,  1246,  1252,  1290,  1323,  1333);  in  Troad.  ille 
ter  (227,  519,  898)  —  hic  octies  (8,  191,  224,  523,  889, 
936,  951,  1112);  in  Phoen.  ille  quater  (64,  148,  358,  491)  — 
hic  novies  (163,  244,  249,  256,  279,  285,  501,  520,  619) ;  in 
Med.  ille  quinquies  (412,  493,  562,  735,  887)  —  hic  decies 
(127,  151,  152,  167,  203,  547,  572,  684,  700,  916) ;  in  Phaed. 
ille  bis  (563,  884)  —  hic  octies  (166,  213,  238,  715,  896, 
1247,  1256,  1170);  in  Oed.  ille  bis  (89,  1014)  —  hic  ter 
(12,  78,  965);  in  Aga.  ille  quater  (234,  252,  282,  472)  — 
hic  sexies  (280,  394%  435,  551,  783,  802);  in  Thy.  ille  ter 
(280,  295,  1061)  —  hic  duodecies  (52,  59,  111,  176,  261, 
302,  334,  409,  1011,  1067,  1082,  1083);  in  HO  ille  bis  (15, 
899)  —  hic  sexies  (43,  465,  965,  1143,  1218,  1750);  in  Od. 
ille  bis  (237,  468)  —  hic  semel  (457).  itaque  Hercules  Oetaeus 
hac  in  re  com  Annaeanis  fabnlis  plane  congruit,  Octavia  non 
item,  bis  in  Hercule  altero  creticum  non  coalescenteni  a  vocali 
vel  h  littera  incipere  dixi,  quamquam  v.  574  vulgo  legitur: 

dum  poscit  Iolen;  sed  iecur  fors  horridum. 
cum  Herculis  Oetaei  poeta  nusquam  alibi  fors,  sed  novies  for- 
san vel  forsüan  (361,  408,  473,  1781,  768,  912,  1398,  1429, 
1791)  usurpaverit,  verisimile  mihi  videtur,  etiam  in  versu  574 
olim  forsan  exstitisse.  atque  quod  creticus  horridum  ab  h  litte- 
ra incipit,  id  indiciolum  est,  quo  affirnietur  horridum  ab  auctore 
ipso  cum  antecedente  voce  conglutinatum  esse,  itaque  cum  in 
optimo  codice  non  fors,  sed  forsan  traditum  sit,  re  vera  scri- 
bendum  esse  forsam  mihi  persuasum  est"),  forsam  vel  forsitam 
legimus  carni.  epigr.  Lat.  1013,  4  et  1279, 12 66).  in  codicibus 
saepius  forsam  vel  forsitam  esse  scriptum  multis  locis  allatis 
demon8traverunt  Ribbeckius B7)  et  Schuchardtius  (1.  s.).  addere 
possum  etiam  in  Annaeanis  tragoediis  ter  forsam  exstare  (cf. 
Troad.  274,  660,  Ag.  990).  elisam  autem  alteram  vocis  for- 
sam  syllabam  nusquam  alibi  inveni. 

Haec  omnia  quae  de  synaloepha  dixi  si  diligenter  consi- 

M)  Sic  emendandum  esse  per  colloquium  me  docuit  Birtius.  coniec- 
tura  Melzeri  forsan  rude  non  probabilis  est  (p.  34). 

M)  Hunc  locum  iam  vidit  Schuchardtius,  der  Vokaliamus  des  Vul- 
gärlateins I  p.  117. 

*7)  Proleg.  Vergil.  p.  420  et  ann.  Fleck.  57  p.  188. 


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354 


Aemiliua  Ackermann, 


deraveris,  fortasse  concedes  Herculis  Oetaei  poetain  eodem 
modo,  quo  Senecam,  elisionibus  usum  esse. 

Eundem  non  aliter  ac  Senecam  caesuris  usam  esse  expo- 
suerunt  Schmidtius  (1.  s.  p.  55  sq.)  et  Richterus  (d.  S.  tr.  a. 
p.  16).  in  caesurae  loco  hiatum  facilius  ferri  mihi  probavit 
R.  Klotzius  (Grundzüge  altrömischer  Metrik  a.  1890  p.  172). 
quem  virum  doctissimum  recte  defendisse  puto  traditam  lec- 
tionem  in  versibus  his: 

Hf.  1284:  pavidamque  matrem?  arma  nisi  dantur  mihi, 
Thy.  302:  prece  commovebo:  hinc  vetus  regni  furor, 
HO  1201:  sortis  carerem.  o  ferae,  victae  ferae, 
Oct.  516:  tristes  Philippi,  hausit  et  Siculum  mare, 
praesertim   cum  hiatus   semper  littera  h  vel  m  molliatur. 
Klotzium  secutus  est  Gleditschius  (Metrik  der  Griechen  und 
Römer8  p.  287  adn.  2),  contra  impugnaverunt  L.  Muellerus 
(de  re  metrica3  p.  185)  et  Birtius  (Mus.  Rhen.  34   p.  12). 
Thyestis  locus  est  hic  (296): 

gnatis  tarnen  mandata  quae  patruo  ferant 
dabimus:  relictis  exui  hospitiis  vagus 
regno  ut  miserias  mutet  atque  Argos  regat 
ex  parte  dominus,  si  nimis  durus  preces 
spernet  Thyestes,  liberos  eius  rüdes 
malisque  fessos  gravibus  et  faciles  capi 
prece  commovebo58):  hinc  vetus  regni  furor  e.  q.  a. 
haec  Atrei  verba  sunt.    Muellerus  et  Birtius  singularem  nu- 
merum  commovebo,  cum  non  Atreus  ipse,  sed  eius  filii  ii  sint, 
qui  Thyestis  liberos  commoveant,  non  apte  positum  esse  dixe- 
runt.  sed  olim  legi  haec:  Caesar  castra  posuit.    at  constat 
Oaesarem  non  ipsum  castra  posuisse.  ut  Caesar  castra  poni,  ita 
Atreus  liberos  Thyestis  commoveri  iussit.   sensus  igitur  satis 
aptus  est. 

HO  1200:  ubique  mors  me  fugit,  ut  leto  inclitae 

sortis69)  carerem.  o  ferae,  victae  ferae. 
editio  princeps  habet  pro  ferae,  victae  ferae.  hanc  coniecturam, 
tauietsi  mihi  magis  placet  ea,  quam  Birtius  proposuit  (ubique 

M)  Precommovebunt  A  ;  preces  movebunt  editio  Aid. ;  pueri  movebunt 
Bentleius;  prece  commovebunt  h.  Muellerus. 

*»)  Sic  cum  Leone  pro  tradito  verbo  mortia  legi  yelim ;  fortis  prae- 
bet  A. 


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De  Senecae  Ilercule  Oetaeo. 


355 


mors  tne  fugü.  ut  tiiulo  inclitae  mortis  carerem,  ceterae  victae 
ferae) e0),  tarnen  cum  hiatus  et  a  caesura  et  a  littera  m  satis 
excusationis  habeat,  accipere  nolim. 

In  Hercule  furente  Hercules  facinus  voluntaria  morte 
expiaturus  est;  dicit  enim  (v.  1277): 

Si  vivo,  feci  scelera;  si  morior,  tuli. 

purgare  terras  propero.  iamdudum  mihi 

mon8trum  impium  saevumque  et  immite  ac  ferum 

oberrat:  agedutn  dextra,  conare  aggredi 

ingeDs  opus,  labore  bis  seno  amplius. 

ignava  cessas,  fortis  in  pueros  modo 

pavidamque  matrem?  arma  nisi  dantur  mihi  e.  q.  s. 
pro  pavidamque  matrem  legimus  in  A  pavidasque  maires,  quae 
verba  ab  editoribus  in  textum  recepta  sunt,  sed  sine  dubio 
Etruscus,  ut  solet,  lectionem  meliorem  praebet,  nam  verbis: 
fortis  in  pueros  modo  pavidamque  matrem  Hercules  aperte  allu- 
dit  ad  scelus,  quod  commodum  in  se  suscepit.  qui  cum  unara 
matrem  necaverit,  dicere  non  potest  pavidasque  matres.  itaque 
etiam  hoc  loco  hiatus  admittendus  est.  eandem  licentiam  de- 
prehendimus  in  Octavia  (v.  516),  ad  quem  versum  viri  docti 
nihil  quod  persuadeat  coniecerunt. 

Accedit  Herculis  Oetaei  locus  hic  (1399): 
HERC. :  ubi  morbus,  ubinam  est  ?  estne  adhuc  aliquid  mali 
in  orbe  mecum  ?  veniat,  huc  aliquis  mihi 
intendat  arcus:  nuda  sufficiet  manus. 
procedat  agedum.  ALCM.  Ei  mihi  e.  q.  s. 
sie  versus  1402  et  in  E  et  in  A  traditus  est.  itaque  etiam  hoc 
loco  hiatus  exstat,  nam  coniectura  Avantii,  qui  huc  post  age- 
dum  inferre  voluit,  vacillat  et  Claudicat,   superest  locus  unus, 
qui  vulgo  sie  legitur 

HO  1260:  quaecumque  pestis  sive  quaecumque  es  fera, 
palam  timere!  quis  tibi  in  medias  locum 
fecit  medullas?  ecce  direpta  cute 
viscera  manus  detexit;  ulterior  tarnen 
inventa  latebra  est  —  o  malum  simile  Herculi! 
unde  i8te  fletus?  unde  in  has  lacrimae  genas? 

••)  Birtio  oblocutus  est  Tacharas.  Philol.  48  p.  750.  nuperrime  Bhiius 
editionem  prineipem  secutus  esse  videtar  (cf.  Pnilol.  63  fasc.  3  p.  431). 

Philologus,  ßupplomontband  X,  drittes  Heft  24 


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35G 


Aerailius  Ackermann, 


invictus  olim  voltus  et  n  um  quam  malis 
lacrimas  suis  praebere  consuetus  (pudet) 
iam  flere  didicit. 
sed  Etruscus  praebet  v.  1265 :  unde  has  lacrimas  gcrit.  quam 
ob  rem  hoc  modo  legendum  est  (1265) : 

unde  iste  fletus?  unde  has  lacrimas  gerit 
invictus  olim  voltus  et  numquam  malis 
lacrimas  suis  praebere  consuetus?  pudet: 
iam  flere  didicit61). 
hiatus  vero,  quem  in  versu  1265  deprehendimus,  semiseptena- 
ria  •*)  et  h  littera  vocis  /kis  tolerabile  fit.  sexies  igitur  his  in  fa- 
bulis  admissus  est  hiatus,  cui  Semper  et  a  caesura  et  a  littera 
h  Tel  m  excusatio  parata  est.  praeterea  Birtius  mihi  probavit 
(der  Hiat  bei  Plautus  p.  97  sq.)  apud  Terentianum  Maurum 
aliosque  poetas  hiatum  non  solum  in  caesurae  sede,  sed  etiam 
aliis  versus  locis  /*  littera  molliri.    itaque  inter  Herculem 
Oetaeum  ceterasque  fabulas  huius  rei  differentia  non  invenitur. 

Pessimum  vero  esse  versum  HO  1298:  votum  spopondit; 
nulla  propter  me  sacro  dixit  Leo  (I  p.  60).  desideravit  enim 
semiseptenariam  qua,  ut  eiusmodi  trimeter  asperior  leniatur, 
effici  putavit.  hanc  ob  rem  placuerunt  viro  doctissimo  versus. 
HO  299:  pro  me  gerebas  bella,  propter  me  vagas, 
Phoen.  336 :  superate  et  aliquid  facite  propter  quod  patrem. 
praeterea  autem  comparandi  sunt  senarii  hi: 

Troad.  500:  quis  proteget?  qui  Semper,  etiam  nunc  tuos, 
PJioen.  35:  cum  occidis  et  cum  parcis,  olim  iam  tuum, 

176:  eduxit  oculos.  haeret  etiam  nunc  mihi, 
Med.  278:  lacerumque  fratrem,  quicquid  etiam  nunc  novas, 
520:  fortuna  Semper  omnis  infra  me  stetit, 
567:  quicquid  potest  Medea,  quicquid  non  potest, 
Oed.  618 :  Pentheus  tenetque  saevus  etiam  nunc  minas, 
Aga.  197:  patrique  Orestes  similis?  horum  te  mala, 
HO   724:  vix  ora  solvi  patitur  etiam  nunc  timor. 
atque  in  versibus  Phoen.  176,  Med.  278,  HO  1298  non  so- 
lum caesura  semiquinaria  inest,  sed  post  quartam  arsin  (Sen- 
kung) etiam  incisio  (i.  e.  semiseptenaria)  exstat.    his  autem 

•*)  Sic  interpungendum  et  E  sequendum  erae  mihi  persnasit  Birtius. 
6>)  Io  venu  1265  semiquinariam  maiorem  vim  habere  concedo. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


357 


trimetris,  cum  etiam  cum  nunc  et  propter  cum  me  in  unam 
quasi  vocem  coeat,  excusatio  satis  superque  parata  est83). 

Perpauca  porro  de  interpunctione  dicenda  sunt.  Leo  vidit 
(I  p.  59)  HO  907  post  arsin  (Senkung)  anapaesti  primum 
trimetri  pedem  obtinentis  levem  interpuuctionem  positam  esse, 
quod  cum  idem  Hf.  514,  Med.  426,  Oed.  927  inveniamus,  a 
Senecae  arte  non  alienum  est. 

HO  465:  quas  Pontus  herbas  generat  aut  quas  Thessala 

sub  rupe  Pindus  aluit  (sie  E):  ubi  inveniam  malum 

cui  cedat  ille? 

Tersus  466  sine  dubio  corruptus  est:  interpolati  Codices  prae- 
bent  Pindus  aut  ubi,  quod  nihili  est.  Peiperus  editor  pro 
aluit  scribi  voluit  alit.  hanc  coniecturam  si  aeeipimus  post 
solutam  tertiam  thesin  (Hebung)  gravem  exstare  interpunetio- 
nem  nobis  concedendum  est.  quod  cum  ßirtio  non  tolerabile 
videretur,  coniecit  (p.  537):  Pindus:  tale  ubi  e.  q.  s.  egoPei- 
perum  sequi  malim,  nam  vidi  Agamemnonis  versum  (969): 
EL.  Tuto  quietus,  regna  non  metuens  nova : 

iustae  parenti  satis  CLYT.  at  iratae  parum. 
Post  primam   thesin   solutam  interpunetio  gravis  invenitur 
Thy.  39;  levis  Hf.  504,  Troad.  607,  Med.  447,  Phaed.  1180, 
Aga.  660,  Thy.  1089,  Od.  146. 

HO  981  vulgo  legitur: 

et  quiequid  aliud  restitit:  ab  illis  tarnen, 
post  priorem  moram  quartae  thesis  solutae  interpunetio  exstat 
gravis,  talem  trimetrum  sane  pessimum  neque  alibi  in  Hercule 
Oetaeo  neque  in  reliquis  fabulis  inveni.  atque  cum  in  Floren- 
tino pro  restitit  traditum  sit  cessit,  in  propatulo  est  versum  a 
poeta  aliter  scriptum  esse.  Leo  tunc  cum  hunc  locum  tractavit, 
de  virorum  doctorum  coniecturis  iudieavit  (I  p.  59) :  quidquid 
tentatum  est,  pingui  Minerva  tentatum  est.  uosae  enim  non 
potuit  Birtii  qui  cessit  imbcllis  scite  coniecit  emendationem, 
de  qua  Tachavus  dixit  (Philol.  48  p.  746):  die  endliche  Hei- 
lung der  mit  vielen  Konjekturen  beglückten  Stelle. 

Ante  ultimum  senarii  pedem  levem  interpunetionem  cre- 

•*)  Itaqne  paulo  maiorem  quam  Seneca  licentiam  sibi  concessit  Au- 
sonius,  quem  exempli  causa  affero,  in  hoc  senario  (epigr.  48): 
cor  ergo  versus,  immo  Höfas  non  habet. 

24» 


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358 


Aemilius  Ackermann, 


briuB  invenire  possuinus,  gravein  tantum  Hf.  373,  Troad.  1000, 
1005,  Phom.  205,  234,  Med.  125,  Phaed.  425,  Oed.  697,  698, 
Ag.  52,  HO  1000,  1006, 1016,  (fortasse  v.  1267  cf.  p.  356),  1806. 

Ei  quoniam  omnia  persequimur,  volumus  quidem  certe, 
etiam  de  accentu  verborum  cum  nunieroruni  rationibus  exae- 
quando  dicendum  est64),  quae  res  quomodo  apud  veteres  Ro- 
manos se  habuerit  nos  docuit  Ose.  Brugmannus  (Quemadmo- 
dum  in  iambico  senario  Romani  veteres  verborum  cum  numeris 
conaoeiarint),  qui  in  tertio  pedcy  inquit  (p.  52),  i.  e.  in  medio 
versu  verborum  accentus  et  ictus  rhythmici  Semper  concinerent 
oportuit,  in  altero  et  quarto,  tertio  proximis,  sola  fere  iambica 
verba  ceteris  quodammodo  leviora  admissa  eranty  pritno  loco 
et  uUimiSy  qui  maxime  distant  a  tertio,  omni  modo  verborum 
accentum  neglegere  licuU.  Seneca,  quem  Brugmannus  non  ex- 
cussit,  hanc  legem  ipse  quoque  in  Omnibus  fabulis  secutus 
est ;  conferas  locos  in  tabula  adiecta  conscriptos  **). 

Verborum  accentus  cum  numeris  non  concinentes. 


in  altero  pede 


12,  103,  310,  332.  359,  382, 
395,  434,440, 446,492,  513, 
644,  818,  939,  975,  1046, 
1049,1149,1138,1156,1176, 
1191,1193,1194,1208,1257, 
1267,1276,1282,1303,1305. 
(32  ex.). 


12,  35,  61,  196,  207,  210, 
261,  291,  307,  334, 336,  369, 
417,426, 438, 451,498,  508, 
513,  515,516, 547,587,  618, 
626,  654,  676,  697,  702, 736, 
741,  760,  861,882,  904,911, 
961,  1003,  1057, 1087,  1129. 
(41  ex.). 


in  quarto  pede 


1,  35,  46,  230,  258,  264,  298,  313,  829, 
340,  349,  354,  871,  406,  412,  426,  427, 
428,  448,  473,  474,  488,  603,  605,  614, 
628,  633,  634,  645  ,  656,  690,  707,  723, 
927,  960,  996,  1027,  1031.  1150,  1151, 
1167,  1161,  1172,  1173,  1175,  1177,  1220, 
1232,  1234,  1272,  1273.  1275.  1288, 1292, 
1294,  1309,  1321,  1828,  941;  (59  ex.). 

2,  28,  31,  46,  56,  167,  208,  209.  232, 
242,  248,  279,  800,  315  ,  318,  334,  847, 
350,  360,  365,  413,  414,  419,  429,  457, 
466,  474,  476,  482,  496,  490,  499,  522. 
546,  548,  574,  577,  592,  595,  598,  601, 
610,  646,  655,  661,  690,  694,  737,  740, 
746,  749,  758,  763,  766,  777,  773,  78G, 
788,  792,  803,  869,  881,  895,  913,  916, 
972,  977,  979,  992,  993, 1005,  1008,  105S, 
1059,  1072,  1090,  1095,  1109,  1110, 1135, 

,  1188,  1143,  1144,  1152,  1157,  1162,  1168; 
(87  ex.). 


**)  Perpauca  hac  de  re  disseruerunt  Schmidtius  (L  a.  p.  41  sq.)  et 
Richtern*  (de  S.  tr.  a.  p.  18  sq.). 

**)  neglexit  bis  in  quarto  pede : 

Oed.  766:  superi  inferique.  ged  animns  contra  innocens, 
Thy.  415:  fulgore  non  est  quod  oculos  falso  auferat 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


359 


fabu-  | 
lae 


in  altero  pede 


Phoe- 
nissae 


Medea 


Phae- 
dra 


Oodi- 
pus 


Aga- 

mem- 
nou 


Thye- 
stes 


Hercu- 
les 
Oe- 

taeas 


82,  40,  49,  104,  105.  117, 
134,  158, 166,  182,  201,204, 
211,219,  226,235, 258,  308, 
812,  323, 837,344,366, 386, 
392,  400,  451, 469,  478,  500, 
509,  525,  532,  604,612,623, 
683,  684;  (88  ex.). 


in  quarto  pede 


11,  23,  26,  28,  80,  39,  51,  66,  71,  78, 
79,  149,  158,  168,  180,  190,  191,  195, 
199,  202,  206,  233.  248,  271,  284,  289, 
294,  800,  305,  357,  442,  447,  476,  477, 
506,  507,  518,  535,  548,  552,  555,  557, 
559,  563,  582,  599,  615,  645;  (48  ex.). 


3,  21,  155,  161,  163,  167,  19,  53,  126,  140,  141,  160,  168,  169,  186, 


176,  180,  200,  207,  234,245, 
271,280,288,406,  441,  442, 
491,  539,  545,  564,567,  676, 
681,  692,  911,912,  985,949, 
1017;  (31  ex.). 

100, 115, 136, 139, 155,  215, 
266,  880,  381,  388, 425,  584, 
607,  637,  657, 663,  682,  690, 
709,  998,  1012,  1039,  1166, 
1281,  1235,  1240,  1267; 
(27  ex.). 


218,  221,  233,  240,  242,  245,  246,  2*',0, 
262,  281,  380,  43«,  437,  453,  458,  474, 
479,  483,  485.  488,  497,  536,  543,  574, 
726,  728,  735,  881,  886,  901,  908,  915, 
932,  971,  1006,  1010;  (45  ex  ). 

92,  112,  119,  167,  178,  207,  251,  358, 
365,  404,  412,  423,  441,  448,  452,  4;,3, 
454,  479,  497,  498,  508.  519,  546,  618, 
647,  656,  678,  683,  686,  690,  699,  847, 
'  859,  868,  876.  892,  924,  930,  948,  1020, 
1051,  1062,  1084,  1087,  1089, 1121,  1173, 
1176,  1226,  1242,  1250;  (51  ex.). 


29,  249,  266,  294,  296.  328, 
330,  834,  373,  398,511,  526, 
663,  672,  776,  781,790,  792, 
824;  (19  ex.). 


415,  524,697,  724,  726,  787, 
791,802,991,1011;  (10ex.). 


13,  89,  42,  176,  210,  243, 
263,  287,  296, 406,  407, 416, 
418,  442,  454,  462,484,485, 
489.  497,  508,  523,  526,682, 
717,720,  723,  890,  893,896. 
898,  970,  978,975,  991,992, 
1029, 1031, 1035,1052,1075, 
1082,  1084;  (43  ex.). 


34,  35,  54,  58,  79,  99,  258, 
263,  272,  278,294,350,404, 
405,  535,  560,  789,  743,  747, 
752,  769,  811,820,  825, 886, 
899,  910,  911,924,  945,  961, 


15.  26,  68,  81,  263,  297,  347,  387,  390. 
512,  518,  527,  550,  579,  614,  681,  682, 
636,  655,  664,  666,  667,  673,  694,  695, 
700,  766,  767,  770,  787,  795,  798,  814, 
849,  864,  872,  940,  948,  953,  999,  1008, 
1012,  1031,  1034;  (44  ex.). 

5,9,85.  47,  49,  112,  113,  124,  131,142, 
145,  149,  151,  154,  188,  198,  199,  206, 
218,  242,  246,  272,  280.  283,  286.  297, 
801,  304,  898»,  405*.  407*  414,  462,  481, 
489,  555,  575,  587.  695,  699,  735,  742, 
747,  799,  886,  931,  961;  (47  ex.). 

9,  19,  29,  37,  62,  86,  88,  106, 116,  200, 
218,  219,  241,  244,  252,  254.  278,  279, 
280,  286,  294,  299,  302,  804,  313,  314, 
335,  410,  415,  417,  428,  430,  444,  481, 
482,  483,  496,  499,  541,  625,  628,  629, 
631,  634,  667,  677,  684,  687,  690,  713, 
716,  719,  731,  749,  769,  782,  897,  899, 
919,  973,  1001,  1036,  1088,  1092.  1096, 
1099;  (66  ex.). 

7,  10,  18,  80,  48,  52,  56,  64,  98,  101, 
266,  268,  273,  289.  805,  306,  808,  810, 
311,  312,  313,  314,  827,  831,  334,  859, 
367,  372,  377,  378,  395,  396,  401,  406, 
427,  432,  484,  488,  489,  459,  463,  477, 


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300  Aemiliua  Ackermann, 


fabu- 
lae 

in  altero  pede 

in  quarto  pede 

He  reu- 
le» 
Oe- 
taeus 

1139,1172,1192,1224,1241, 
1248, 1258, 1263, 1267, 1274, 
1291,1307,1333,1435, 1488. 
1491,  1502,1511,1678,161*3, 
1697,1709,1710,1721,1723, 
1726,1748,1786,1787,1797, 
1805, 1825, 1830, 1836, 1855, 
1859,  1975;  (68  ex.). 

488,  513,  532,  546,  547,  569,  574,  714, 
750,  756,  760,  761,  804,  807,  823,  842, 
844,  846,  848,  855,  857,  869,  889,  909, 
917,  943,  955,  959,  965,  972,  976,  98(>, 
991,  994,  1020,  1027,  1028,  1134,  U65, 
1166,  1168,  1183,  1201,  1244,  1264,  1268, 
1290,  1295,  1296,  1302,  1309,  1328,  1325, 
1328,  133(),  1349,  1372,  1376,  1380,  1389, 
1406,  1408,  1402,  1415,  1419,  1434,  1436, 
1444,  1457,  1462,  1469,  1486,  1613,  1629, 
1646,  1650,  1698,  1716,  1719,  1722,  1739, 
1745,  1760,  1774,  1778,  1781,  1782,  1802, 
1803,   1809,  1814.   1822,   1827,  1845; 
(136  ex.). 

Cum  illa  regula  a  Brugmanno  constituta  non  discrepat, 
quod  nescio  verbum  in  tertio  pede  accentum  rhythmicuin  ter 
in  media  syllaba  habet  cf. 

HO  752:  urit  lues  nescio  qua;  qui  domuit  feras, 
Phaed.  1019:  provolvitur:  nescio  quid  onerato  sinu, 
Oed.  334:  pudet  deos  nescio  quid,  huc  propere  admove. 
verba  nescio  quid  vel  nescio  qua  tamquam  unam  yocem  effi- 
ciunt.  neque  hac  re  tragoedias  inter  se  differre  neque  multi- 
tudine  locorum,  ubi  verborum  accentus  ictui  rhythmico  repu- 
gnat,  ex  tabula  illa  apparet,  cum  senarios  singularum  fabula- 
rum  nuraeran8  Herculem  Oetaeum  penitus  cum  reliquis  An- 
naeanis  congruere  videas.  iam  Richterus  hunc  numerum  iniit 
—  non  semper  subtil iter  executus  (d.  S.  tr.  a.  p.  16). 

Seneca,  qui  aut  secundo  aut  quarto  pedi  creberrime  vocem 
ita  immisit,  ut  praeter  linguae  consuetudinem  acueretur,  simul  et 
in  Becundo  et  in  quarto  pede  eiusdem  versus  verborum  accentus 
a  numeris  abhorrere  noluit.  cuius  rei  perpauca  exempla  exstare 
videntur: 

Troad.  334:  quod  non  vetat  lex,  hoc  vetat  fieri  pudor, 
Phoen.  158:  totus  noce'ns  sum;  qua  voles  mortem  exige, 
Med.  245 :  hoc  est  penes  te.  si  placet  damna  ream, 
Thy.  973:  satias  dapfs  me  nec  minus  Bacchi  tenet. 

et  in  secundo  et  in  tertio  trimetri  pede  verborum  accentus 

neglecti  sunt  bis: 

Oed.  334:  pudet  deös  nesefo  quid,  huc  propere  admove, 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


361 


HO  752:  urit  lu^s  nescfo  qua;  qui  domuit  feras. 
ex  quibus  locis  discimus  Romanos  pronuntiasse  re  vera  pencs 
te  et  nocens  sum.    item  uni  triam  syllabarum  voci  respondent 
verba  non  vetat  et  nec  minus,    de  versibus  Oed.  334  et  HO 
752  p.  360  dixi. 

Vocabula  proceleustnatici  vel  paeonis  qnarti  mensurä  com- 
prehensa  cum  Roman i  temporibus  Plautinis  in  prima  syllaba, 
postea  autem  in  secunda  acuerint66),  mihi  examinandum  est, 
utrum  Herculis  Oetaei  scriptor  eodem  modo  quo  Seneca  talia 
quadrisyllaba  ictu  percusserit  necne.  inveniuntur  autem  haec 
verba  in  trimetri  initio  et  exitu  et  medio  in  senario  iambico. 
si  in  initio  exstant,  Semper  in  secunda  syllaba  accentum  habent, 
si  in  fine  leguntur,  semper  in  prima  acuta  sunt,  ergo  is 
poeta,  qui  tales  voces  in  versus  initio  rarius  quam  in  fine  po- 
suit,  in  prima  syllaba  eas  acuere  maluit;  contra  is,  qui  sae- 
pius  in  initio  eas  posuit,  secundam  acuere  solebat.  cum  medio 
in  senario  baec  verba  modo  in  prima  modo  in  secunda  syllaba  ac- 
centum habeant,  nobis  numerandum  erit,  utrum  acuendi  genus  cre- 
b riu s  usurpatum  ait.  exstant  autem  eius  modi  vocabula  in  initio  un- 
decies  (Med.  53,  172,  272,  433,  490,  556,  Phaed.  619,  Oed.  278, 
Agam.  14,  194,  283),  in  fine  quinquies  (Hf.  408,  Med.  266, 
268,  471,  Oed.  847).  medio  in  trimetro  acuit  poeta  has  voces 
in  Hf.  in  prima  syllaba  bis  (757,  1183),  in  secunda  semel 
(1050);  in  Troad.  quater  (195,  607,  752,  757)  —  ter  (329,  330, 
429);  in  Phoen.  quinquies  (61,  108,  242,  331,  533)  —  ter  (88, 
105,  240);  in  Med.  quinquies  (253,  499,  559,  561,  925)  —  bis 
(249,  450) ;  in  Phaed.  septies  (161,  240,  242,  732,  937,  1082, 
1186)  —  quater  (732,  1002, 1230,  1247);  in  Oed.  quinquies  (35, 
515,  821,  879,  1030)  —  quinquies  (240,  245,  768,  937,  1021); 
in  Ag.  septies  (7,  25, 115,  165,  169,  449,  929)  —  ter  (145,  288, 
403*) ;  in  Thy.  semel  (641)  -  ter  (298,  307,  897),  in  HO  octies 
(433,  754,  877,  953,  1467,  1756,  1823,  1829)  -  ter  (361,  432, 
1305).  Hercules  Oetaeus  igitur  melius  quam  Thyestes  cum 
reliquarum  usu  convenit.  sed  mirum  est,  quod  poeta  haec 
quadri8yllaba  verba  saepius  in  initio  (quo  loco  accentus  in  se- 


M)  Cf.  W.  M.  Lindsay,  über  die  Verabetonung  von  Wörtern  wie 
faciliun  in  der  Dichtung  der  Republik,  Philol.  51  [1892]  p.  364  8 q. 
et  Fr.  Stolz,  LateiniBche  Grammatik«  p.  101. 


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362 


Aemilins  Ackermann, 


cunda  syllaba  haeret)  quam  in  fine  posuit,  contra  medio  in 
genario  primam  syllabam  crebrius  acuit.  quin  etiam  semel  (in 
Thyeste)  medio  in  trimetro  secundam  acuere  maluit  atque  in 
Oed.  quinquies  prima,  quinquies  secunda  accentum  habet  hac  ex 
re  sine  dubio  concludi  potest  Senecae  temporibus  genus  acuendi 
anceps  et  incertum  fuisse.  fortasse  autem  cum  hae  voces,  si 
omnia  exempla  computamus,  undequinquagies  in  prima,  unde- 
quadragies  tantum  in  secunda  syllaba  acutae  sint,  etiam  tunc 
prius  illud  acuendi  genus,  quod  postea  desiit  esse,  magis  quam 
alterum  floruit.  boc  non  ab  omni  probabilitate  abborrere  ap- 
paret  ex  usu  Pbaedri,  qui  paulo  ante  Senecam  scripsit.  hic  in 
initio  senarii  tale  quadrisyllabum  verbum  nusquam  posuit,  con- 
tra in  fine  undenonagies  (I  pr.  5 ;  5,  1 ;  17,  1;  19,  8;  20,  4;  22, 
6;  24,9;  25,1;  27,5;  28, 1 ;  29,  5;  30,  9 ;  II  pr.  10;  pr.  15;  2, 
8;  3,2;  4,2;  4,3;  4,5;  6,2;  7,  13;  8,1;  8,26;  III  pr.  23; 
pr.  25;  pr.  44;  1,  6;  2,  17;  3,  6;  5,  6;  7,  22;  10,  14;  10,  24; 
10,  30;  10,  32;  10,  34;  11,4;  14,  10;  15,  16;  16,6;  17,  8; 

18,  2;  19,  1;  ep.  3;  ep.  5;  ep.  15;  ep.  35;  IV  pr.  1;  pr.  19; 

1,  3;  2,  4;  5,  21;  7,  26;  11,  4;  11,  16;  11,  20;  15,  1;  19,  3;  . 

19,  5;  20,  16;  21,  3;  22,3;  22,7;  22,15;  22,23;  25,3; 
25,  19;  ep.  2;  ep.  10;  V  4, 10;  4,11:  5,34;  7,23;  App.  2,10; 
3,  11;  3,  13;  4,  23;  5,  6;  6,4;  10,  15;  13, 19;  13,27,  15,12; 
16,  7;  17,  5;  26,  5;  27,  3;  28,  8 ;  29,  9).  medio  in  versu  acuit 
haec  verba  Phaedrus  in  prima  syllaba  quaterdecies  (1 1,  2;  19,  4; 
19,  10;  20,  6;  26,  6;  III  3,  1 ;  10,  21;  IV  5,  36;  7,  16;  11,9; 
V  4,  3 ;  App.  3,  1 ;  13,  15 ;  16,  6),  in  secunda  vicies  quinquies 
(Ipr.  7;  31,  13;  II  pr.  9;  1,  12;  3,3;  5,  7;  III  4,  2;  7,  13; 
10,  8;  13,  8;  ep.  1466);  ep.  26;  IV  2,  15;  6,  5;  24,  13;  25,  2; 
25,  12;  V  pr.  5;  4,  12;  App.  8,  28;  10,  7;  13,8;  18,  1;  29,3; 
29,  10).  apud  Phaedrum  centies  ter  prima  syllaba,  quinquies 
et  vicies  secunda  acuta  est.  quam  ob  rem  versimile  videtur 
Romanos  etiam  Phaedri  ac  Seneae  temporibus  voces  quibus 
mensura  proceleusmatici  vel  paeonis  quarti  erat,  in  prima  syl- 
laba acuere  maluisse  quam  in  secunda. 

In  Herculis  Oetaei  canticis  synaloepham  longarum  voca- 
lium  magis  etiam  quam  in  reliquis  vitatam  esse  ea  docere, 


M)  Versus  III  epil.  14,  in  quo  ceUrius  legimua,  fortasse  spurius  est. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


quae  Schmidtius  (p.  25  sq.)  composuerit,  dixit  Leo  (I.  p.  60). 
sed  hoc  omnino  verum  Don  est,  nam  differentia  nulla  exstat 
nisi  haec:  »longa  vocalis  cum  brevi  copulata  his  in  tragoediis 
semel  tantum  invenitur  (HO  1956  certe  ego)'.  Senecam  cum 
in  metris  lyricis  etiam  lenissimo  atque  usitatissimo  genere 
coniungendarum  vocalium  abstineret,  hoc  loco  semel  licentiam 
sibi  permisisse  concedendum  est.  esto  igitur  hoc  singulare, 
sed  etiam  in  ceteris  tragoediis  nonnulla  aeque  singularia  in- 
veniuntur;  vide  Troad.  191,  Thy.  233,  Phoen.  426,  Ag.  146 
(cf.  Schmidt  p.  12  sq.). 

R.  Bentleius  (opuscula  philologica,  Lipsiae  a.  1781  p.  232  et 
p.  228/229)  argumentum  esse  voluit,  quod  nonnumquam  in 
Hercule  Oetaeo  anapaesticum  versum  tribracho  terminari  vidit. 
at  si  nunc  viveret,  hoc  non  proferret.  sciret  enim  Agamemno- 
nem  fabulam,  quam  eodem  vitio67)  laborare  ipse  deprehendit, 
a  Seneca  scriptam 

Goebelius  (1.  s.  p.  740)  aegre  tulit,  quod  HO  1060  phe- 
recrateus  versibus  glyconeis  insertus  est.  si  non  satis  consta- 
ret  hunc  versum  delendum  esse,  afferrem  Phaedrae  locum  (v.  783), 
quo  versus  glyconeus  intra  systema  asclepiadeum  exstat68). 

In  anapaestum  tema  vocabula  perraro  admissa  sunt69), 
HO  173  (at  ego  infelix) ,  186  (vel  in  Eridani),  191  (vel  in 
Edonas),  Thy.  827  (quidquid  id  est),  963  (quidquid  id  est),  Hf. 
1090  (sed  ut  ingenti)70),  Med.  815  (atque  eadern  est),  differentia 
igitur  quae  Richterum  offendit  (de.  S.  tr.  a.  p.  23)  non  adest. 

In  anapaesticis  versibus  verbum  dactylicum  in  secunda 
syllaba  acutum  voci  anapaesticae  anteponere  boni  poetae  no- 
luerunt.  haec  lex  bis  in  HO  (186  fingite  superi,  1883  Area- 
des  obitus),  semel  in  Hf.  (1064  solvite  superi)  frangitur  (cf. 
r  Leo  I  p.  60). 

HO  151 ;  mdlis  vülneribus  pervia  membra  sunt,  asclepia- 
deum versum  monosyllabo  terminatum  vituperavit  Leo  (1  p.  60). 
sed  legas  Horatii  versus  (c.  IV  13,  1  et  6): 

•7)  Hanc  rein  re  vera  Vitium  esse,  cum  ultima  syllaba  veraus  ana- 
paestici  apud  Senecam  aneep«  sit,  credere  non  poBaum. 

••)  Corruptua  versus  10&0  Goebelio  non  vituperandus  erat;  accedit 
quod  in  E  integer  glyconeus  traditus  est. 
>  M)  Exempla  haec  praeter  quod  in  Medea  exstat  iam  vidit  Schmid« 

tiUB  (1.  s.  p.  68). 
»  7Ä)  Hic  Iocub  non  emendanduB  est. 


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364 


Aemiliu«  Ackermann, 


andivere,  Lyce,  di  mea  vota}  di 
et    lentum  sollicüas:  ille  virentis  et. 

praeterea  simile  Vitium  iu  Thyeste  invenitur.  Seneca  enim 
vitare  studebat,  ne  versum  anapaesticum  monosyllabo  clauderei. 
quod  sibi  concessit  semel  in  Aya.  (v.  78)  et  quater  in  Thy. 
(827,  883,  963,  968).  si  vero  in  anapaesti  fine  monosyllabum 
posuit,  Semper  aliud  monosyllabum  antecedens  fecit.  bisyllabam 
autem  antecedit  semel  in  Thy.  968.  ceterum  illud  argumen- 
tum leve  esse  Leo  cum  priorem  Herculis  Oetaei  partem  genui- 
nam  putaret,  ipse  confessus  est  (I  p.  70). 

Birtius  iure  aegre  tulit  (1.  s.  p.  516)  locum  hunc  HO  198: 
sibi  Tantalis  est  facta  super  stes,  quo  in  versu  anapaestico  vox 
dactylica  in  prima  syllaba  acuta  (Tantalis)  exstat.  quamquam 
hoc  apud  Senecam  sane  nusquam  alibi  inveni,  tarnen  non  ab 
omni  arte  metrica  alienum  esse  cognosces,  si  videris  Terentiani 
Mauri  versus  hos  (6.  L.  ed.  K.  VI  p.  379) : 

atque  ille  poeta  Faliscus 
cum  ludicra  carmina  pangit 
,uva  uva  sum  et  uva  Falerna 
et  ter  feror  et  quater  anno' 
libro  quoque  dixit  eodem 
undae  unde  colonus  eoae 
a  flumine  venit  Oronti. 

itaque  non  soluin  Terentianus  ipse  bis  in  eodem  versu  {ludicra 
carmina)  verbum  dactylicum  posuit  in  prima  syllaba  acutum, 
sed  etiam  Faliscus  ille  poeta,  quem  Annianum  esse  Lachmannus 
nos  docuit  (ad  Terent.  Maur.  p.  XIII),  similiter  peccavit  (flu- 
mine). praeterea  conferas  versus  hos: 

fuge  moenia  iam  Telamoniade, 
date  Pierides  mihi  carmina  doctiloquorum, 
sua  munera  fert  Venus  alma  rosas  iuveni  Cinyreidae, 
date  vina  mihi,  date  serta,  iuvat  dare  tempora  tota  Lyaeo. 
haec  exempla  inveni  apud  Servium  (G.  L.  ed.  K.  IV  p.  462). 
concedo  autem  versus  a  me  allatos  paulo  diversos  esse  ab  Her- 
culis Oetaei  loco,  quo,  si  prorsus  singularis  esset,  cum  etiam 


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■f 


modo  non  facit  (cf. 


phartftra 

pttter 

rä 

1234 

993 

55 
280 
678 
817 
825 

433 
503 
1151 

192 
541 

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; 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


305 


in  ceteris  fabulis  haec  Tel  illa  a  commnni  usu  abhorreant  (cf. 
Leo.  I  p.  71),  nihil  probaretur 71 ). 

Breviter,  ut  ad  res  prosodiacas  transeamus,  de  syllabarum 
natura  brevium  ea  productione  disputandum  est  quam  mutae 
cum  liquida  coniunctio  efficit.  qua  de  re  praeclare  disseruit 
Schmidtius  (1.  s.  p.  32  sq.).  qui  fabulas  Annaeanas,  praeter- 
quam  quod  verba  Hebrus,  Cyclas,  hydra,  fibra  correptis  sylla- 
bis  prioribus  non  nisi  in  Herc.  Oet.  posita  essent,  omnes  inter 
se  congruere  recte  vidit7*).  de  mensura  nominis  Uebri  cuius 
syllaba  prior  semel  in  HO  (v.  19)  correpta  est,  in  reliquis 
autem  tragoediis  tantummodo  in  primi  vel  tertii  pedis  arsi 
(Senkung)  invenitur,  omitto  quaerere.  vocabulorum  Cyclas, 
hydra,  fibra  syllabae  priores  in  ceteris  fabulis  semper  productae 
sunt,  quam  rem  tarnen  noli  putare  quantulumcumque  contra 
Herculis  Oetaei  auctoritatem  indicium.  nam  apud  Senecam 
mutae  cum  liquida  copulatio  modo  positionein  facit,  modo  non 
facit.  quod  ut  demonstrarem  verba  ad  hanc  quaestionem  per- 
tinentia  collegi  et  conscripsi  in  adiecta  tabula,  ex  qua,  quanta 
sit  inter  singulas  tragoedias  differentia,  facile  cognosci  potest. 
Tide  modo  quatenus  e.  g.  in  Toce  patris  patrem  Medea  discordet 
cum  Herc.  für.  et  in  Toce  retro  Agam.  cum  eodem  Herc.  für.  vel 
utrumqae  producta  prima  non  occurrere  nisi  in  Phoenissis. 
itaque  eo ,  quod  Terborum  Cyclas ,  hydra ,  fibra  syllabae 
priores  nonnumquam  in  HO  corripiuntur,  nihil  efficitur.  quo 
argumento  perperam  usus  est  Leo  (I  p.  61). 

Contractae  perfecti  formae  Telut  abit,  perit,  quas  his  in 
tragoediis  in  senario  saepius  adhibitas,  a  metris  Tero  lyricis 
exclusas  esse  Schmidtius  monuit  (1.  s.  p.  10),  ter  admissae  sunt 
in  anapaesticis  versibus  Herculis  Oetaei  (1865  perit,  1868  pe- 
rit, 1911  abit)  et  semel  in  glyconeo  (1062  adit).  contra  dicere 
pos8um  in  verbis  deesse  et  deerrare  similem  contractionem 
fieri,  quae  crebro  in  trimetris,  semel  tantum  in  canticis  inve- 
nitur  Hf.  832  dcrat  Jwc  solum  numcro  laborum.  locos, 
quibu8  hae  contractae  formae  exstant,  collegit  Schmidtius 
(1.  s.  p.  11). 

7I)  Oeterum  monoo  eoa  versus  vitio  metrico  laborantea,  quos  non 
tetigi,  aut  correctos  eaae  ant  certe  emendatione  indigere  velut  368, 
1176,  alioa. 

")  Trimetri  soli  a  Schmidtio  hanc  in  quaationem  vocati  sunt. 


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366  Aemilius  Ackermann, 

Richterus  aegre  tulit  (de  S.  tr.  a.  p.  15)  quod  HO  1095 
quattuor  bisyllabum  est  at  si  tunc  yidisset  locos,  quos  Geor- 
ges (s.  v.  quattuor)  attulit ,  et  verba  legisset,  quae  Fr.  Stoi- 
zius  fecit  (Lateinische  Grammatik 8  p.  33/34),  fortasse  hoc  ar- 
gumenta non  usus  esset,  praeterea  iam  Schmidtius  (p.  13)  de- 
prehendit  in  Agamemnone  u  vocalem  vocis  suapte  ad  consonan- 
tem  depressam  esse  v.  250.  atque  in  Ovidii  quae  feruntur 
Haiieuticis  milvus  bisyllabum  efticit  v.  95.  talia  igitur  Sene- 
cae  temporibus73)  non  inaudita  erant. 

Quae  Richter U8  de  nominibus  propriis  velut  Oechalia, 
Electra^  Phaedra  et  de  o  vocali  in  ablativo  gerundi  casu  cor- 
repta  disputavit,  cum  Hercules  Oetaeus  his  in  rebus  penitus 
cum  Annaeanis  fabulis  consentiat,  nullius  momenti  sunt  (cf. 
Richter  de  S.  tr.  a.  p.  15)  7<). 

HO  782:  hic  rupe  celsa,  multa  quam  nubes  ferit, 
annosa  fulgent  templa  Cenaei  Iovis. 
ut  stetit  ad  aras  omne  votivum  pecus  e.  q.  s. 
poeta  cum  in  vereu  783  templum  commemoret,  sequenti  au- 
tem  arae  mentionem  faciat,  continuationem  sermonis  inter- 
mittere  videtur.  hanc  ut  restitueret,  Birtius  templum  et  aram 
hoc  loco  unum  idemque  esse  nobis  probare  voluit  (Mus.  Rhen. 
34  p.  533).  sed  mihi  quidem  viri  doctissimi  sententia  non 
placet.  nam  scriptor  non  soluin  aram  sed  etiam  templum  in 
illa  rupe  exstitisse  dicit76).  quam  ob  rem  bene  res  se  haberet, 
si  legeremus:  4ut  stetit  ad  aras  templi  Cenaei  Iovis  omne 
e.  q.  s.'  et  quamquam  haec  verba  (templi  Cenaei  Iovis)  re  vera 
in  venu  784  non  scripta  videmus,  tarnen  ex  antecedente  fa- 
cile  audire  possumus.  duae  igitur  atque  inter  se  diversae  res 
sunt  templum  et  ara.  itaque  huius  fabulae  poeta,  cum  So- 
phocles  templum  non  commemoret  (cf.  Trach.  v.  238  et  v.  993), 
ab  exemplo  suo  recessit.  nunc  vide  versus 

HO  101  sqq. :  vos  pecus  rapite  ocius 


")  Piacent  enim  mihi  Birth'  verba  haec :  innotuüse  Halieutica  dix* 
mus  simul  atque  edita  sunt  post  nonum  Plini  librum  et  ante  tricesimum 
alterutn  neque  post  Vespasiani  aetatem  neque  ante  Neroneam  (De  Haii- 
euticis Ovidio  poetae  falso  adscriptis  p.  159). 

'*)  addere  posaum  Phoen.  558:  petendo  patriam  perdis? 

ex  poetae  verbis  (annosa  fulgent)  sequitur,  ut  templum  hoc 
loco  non  x«|x«vo;,  sed  aedificium  sit. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


367 


qua  templa  pollens  ara  Cenaei  Iovig 
austro  tiinendum  spectat  Euboicum  mare. 
quaeritnr  quid  sibi  velint  verba  templa  pollens  ara.  Birtius 
vertit  (p.  533) :  der  Altar  vertritt  den  Tempel,    at  non  solum 
aram  sed  etiam  templum  illo  loco  fuisse  iam  vidimus.  prae- 
terea  hanc  significationem  verbi  pollendi  nusquam  alibi  inve- 
nimus.  bis  tantum  pollere  idem  est  quod  valere,  wert  sein  (cf. 
Birt),  nam  in  Agamemnonis  versa  805  cunäa  pollens  dictum 
est  pro  omnipotens.  verba  templa  tollens  ara  in  codicibus  de- 
terioribu8  (A)  tradita  sensum  non  praebent.  quibus  de  causis 
hic  locus  emendandus  est.  iam  anno  MDCXVIII  Rutgersius 
coniecit  (cf.  Variarum  lectionum  libri  VI  p.  92)  templa  toUens 
acta  Sopboclem  (Tracb.  v.  237)  secutus.  sed  non  recte  conie- 
cit, nam  vocis  adae,  cum  esset  Graecum  verbum  <£x-nfj,  casu 
Tiotninativo  Kotnani  non  utebantur.  itaque  fortasse  tibi  place- 
bit  emendatio  haec:  qua  templa  tollens  ora  Cenaei  Iovis.  ora  vox 
simillima  est  arae  et  templa  tollens  in  A  traditum  facile  mutari 
poterat  in  templa  pollens.  conferendi  autem  sunt  versus  hi: 
Phaed.  1042 :  opima  cervix  arduos  tollit  toros, 
Stat.  Silv.  V  2,  70 :  silva  comas  tollit, 
Hf.  662:  Spartana  tellus  nobile  attollit  iugum, 
Phoen.  602:  binc  nota  Baccho  Tmolus  attollit  iuga, 
Ag.  729 :  geminumque  daplices  Argos  attollit  domus.  — 

Transeo  ad 

HO  746 :  regna  triumphi,  templa  Iunonis  pete : 
haec  tibi  patent,  delubra  praeclusa  omnia. 
verba  regna  triumphi^  sequentibus  {templa  Iunonis)  apposita, 
non  scite  dicta  sunt  pro  regna  ubi  Inno  triumphal,  accedit 
quod  hic  versus,  cum  a  vocalis  verbi  regna  producta  sit,  prop- 
ter  metrum  quoque  suspectus  est  bis  de  causis  Birth  qui 
pigeat  triumphi  scripsit  (p.  538)  emendationem  accipio;  nam 
ceteri  viri  docti  quod  coniecerunt,  id  mihi  non  probaverunt 
si  vero  tradita  verba  retinere  mavis,  tibi  concedendum  est  bre- 
vem vocalem  ante  duas  consonantes  sequens  verbum  incohan- 
tes  productam  esse,  poetam  autem  propter  hoc  reprehendi  no- 
lim,  quia  exempla  huius  rei  exstant  haec: 

Hf.  950 :  hiemsque  gelido  frigid«  spatio  refert, 

PJiaed.  1026:  immugit,  omnes  undique  scopuli  adstrepunt. 


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368 


Aemilins  Ackermann, 


praeterea  Leo  apud  Tibullum,  Lucanum ,  Statium ,  Manilium 
scriptos  vidit  sepfcem  locos  huc  spectantes  (cf.  I  p.  203  adn.  4). 

Haec  omnia  cum  ita  sint,  constat  rationes  metricas  et  res 
prosodiacas  Herculia  Oetaei  nusquam  cum  Senecae  usu  dis- 
crepare. 

Quo  constitnto  properemus  ad  ea  virorum  doctorum  ar- 
gumenta consideranda  quae  ad  orthographiam  pertinent.  talia 
autem  argumenta  sine  dubio  levissima  sunt,  nam  fortasse  Se- 
neca  ipse  nunc  hoc,  nunc  illo  modo  scripsit  et  quid  verisimi- 
lius  est  quam  scribas  has  rationes  arbitrio  suo  mutavisse? 
Richterus  (d.  S.  tr.  a.  p.  27)  formam  abbreviatam  viden  pro 
viäesne  nusquam  invenit  in  his  tragoediis  nisi  HO  1207  vi- 
den ut  laudis  conscia  virtus.  sed  hic  locus,  cum  in  E  traditum 
sit  videt,  non  satis  certus  est.  Phoen.  394  legimus  in  E  viden, 
sed  etiam  bic  locus  corruptus  est.  quod  tarnen  sufficit  ut  de- 
monstretur  Richterum  hoc  argumento  uti  non  debuisse.  atque 
cum  ipsa  forma  videsne  in  Senecae  fabulis  omnino  non  exstet, 
nescimus  utrum  videsne  maluerit  scribere  poeta  quam  viden 
necne.  ac  ne  dicas  formam  viden  non  nisi  ad  sermonem  vul- 
garem pertinere  tecum  communico  Statu  locum  hunc: 

Theb.  X,  812 :  haec  erat,  haec  metuenda  manus  ferrumque 

quod  amens 

ipsa  dedi;  viden  ut  iugulo  consumpserit  ensem? 

similis  forma  satin 76)  exstat  Oed.  956 ,  contra  satisne  le- 
gimus Phaed,  635. 

Idem  Richterus  contendit  (1.  s.  p.  27)  in  sola  hac  fabula 
bis  adiectivorum  in  ts,  e  formatorum  inveniri  ablativum ,  qui 
e  pro  i  adsumsperit  (v.  1450  quäle  (sc.  stipite)  et  1844  inco- 
lume  nato).  neque  enim  vidit  Agamemnonis  locum  807  (sup- 
plice  fibra),  neque  novit  verba  haec:  Zuweilen  haben  jedoch 
die  Dichter,  namentlich  Ovidius  nach  Bequemlichkeit  des 
Versmasses  den  Ablativ  auf  e  zugelassen  (cf.  Neue- Wagener, 
Lateinische  Formenlehre3  II  p.  54,  ubi  permulta  exempla  con- 
gesta  sunt),  eundem  librum  (p.  529)  si  inspexeris  dativum  toto 
pro  toti  etiam  a  bonis  poetis  velut  a  Propertio  et  Ovidio  non 
evitatum  esse  primo  obtutu  cognosces.  itaque  Senecae  quoque 
hoc  indulgebimus  (cf.  Leo  I  p.  61). 

7e)  traditum  est  statim,  quod  Leo  correxit 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo.  369 

Substantivs  domus  et  colus  in  Hercule  Oetaeo  praeter 
Senecae  usum  plurali  numero  quartam  declinationem  sequi  di- 
xit  Leo  (I  p.  61).  sed  domus  quarto  casu  semel  tan  tum  exstat 
y.  1916,  nam  locus  v.  1633,  quem  vir  doctissimus  huc  rettulit, 
cum  in  E  et  in  A  traditum  sit  nemus  et  recentiores  Codices 
domos  praebeant,  nimis  incertus  est.  domos  autem  scriptum 
videmus  HO  1870.  itaque  in  HO  nunc  forma  domus,  nunc 
domos  usurpata  est.  ac  si  Leo  recte  dixisset  substantivum  do- 
mus plurali  numero  apud  Senecam  nusquam  quartam  declina- 
tionem sequi,  tarnen  hoc  argumentum  non  esset.  Statins  enim 
domus  adhibuit  Theb.  V  97  et  IX  798,  domos  V  107,  149, 
427.  sed  re  vera  invenitur  domüs  apud  Senecam : 

Ag.  729 :  geminumque  duplices  Argos  attollit  domus, 

Hf.  239:  post  haec  adortus  nemoris  opulenti  domus. 
quo  loco  altera  manus  domus  in  domos  mutavit.  colos  tradi- 
tum est  Hf.  559,  HO  372,  668  colus  HO  218,  768,  1084 78). 
modo  igitur  habemus  formam  colos,  modo  colus.  velut  Statius 
scripsit  colus  Silv.  III  1,  172,  Ach.  I  582  et  635,  Theb.  X  649, 
colos  Silv.  I  4,  64,  Theb.  V  150.  ac  mihi  persuasum  est  Sene- 
cam si  saepius  in  reliquis  fabulis  quartum  casum  substantivi 
colus  plurali  numero  adhibuisset,  nonnumquam  colus  scriptu- 
rum  fuisse.  idem  Leo  contendit  (I  p.  61  adn.  9)  HO  520  vocem 
tabum  usurpatam  esse  contra  usum  Senecae,  qui  tabes  prae- 
tulerit.  tabes  traditum  est:  Phoen.  164,  Med.  641,  Oed.  652, 
HO  528,  716,  738,  1194,  Oct.  512,  tabum  Hf.  785,  HO  520, 
786.  Statius  voce  tabum  decies  usus  est :  Theb.  VII  765,  IX 
19  et  72,  X  290,  29S,  XI  87,  582,  XII  283,  567,  XIII  701 ; 
formam  tabes  inveni  ter:  Theb.  II  14,  677,  III  129. 

Sequitur  scriptura  quom.  Leoni  concedendum  est  in  liac 
fabula  sola  formae  quae  est  quom  certa  vestigia  comparere: 
v.  587,  596  quum,  607  quem,  610  quom,  301  qum,  209  quin. 
quod  argumentum  vir  doctissimus  cum  priorem  tragoediae  par- 
tem,  in  qua  hae  formae  exstant,  genuinam  aestimaret,  nihil  va- 
'  lere  ipse  credidit.  apud  Statium,  qui  alibi  Semper  cum  scripsit,  ter 


")  HO  668:  altera  manus  colus  fecit  ex  coIob. 

7S)  versus  HO  1097  et  1180  non  iure  Leo  huc  revocavit,  nam  1097 
colus  est  genetivus  singularis  (velut  Oed.  985),  et  v.  1 180  legimua  in  E 
turpe  scelm. 


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370 


AemiliuB  Ackermann, 


in  Silvia  legimus  quom  (I  4,  29 ;  I  5,  39  79),  II  3,  69) ;  hac  re 
nnm  comprobatur  Silvas  non  a  Statio  profectas  esse? 

Praeterea  Leo  sibi  persuasit  Herculis  Oetaei  auctorem  fere 
ubique  volgus,  voltus,  inclutus  scripsisse,  contra  Senecam  Sem- 
per vulgus ,  vulttts,  inclüus.  ezempla  antem  vir  doctissinius 
non  attulit,  neque  enim  potuifc  afferre.  nnsquam  volgus  in  HO 
traditum  est80),  ter  tan  tum  exstat  vulgus  605,806,  1745.  in- 
clitus  legimus:  Hf.  339,  347,  Troad.  236,  463,  Phoen.  185,  536, 
Med.  130,  226,  367,  511,  Aga.  125,  310,  400a,  Tliy.  123,  190, 
HO  422,  1200,  1984,  inclutus:  Hf.  134,  Troad.  714,  Oed.  221, 
Ag.  309,  918,  HO  332,  882,  1415,  1427,  1481,  1515,  1882. 
itaque  si  severe  agere  volumus,  Oedipus,  cum  nusquam  inclüus 
habeat ,  maxime  a  ceteris  fabulis  abhorret.  vttUus  vel  voltus 
in  Hercule  Oetaeo  invenitur  tricies  bis  (v.  165,  170,  199,  227, 
230,  247,  251,  356,  483,  700,  705,  808,  1017,  1258,1266,1273, 
1290,  1296,  1348,  1489,  1555,  1574,  1603,  1608,  1645, 1684, 
1708,  1724,  1726,  1753,  1978,  1992).  sed  dubii  sunt  loci  356, 
808,  1753,  uam  356  traditum  vultumque  depravatum  videtur 
esse  ex  multumque,  quod  in  A  legimus.  808  scriptum  videmus 
vultus ,  sed  prior  u  exstat  in  rasura  alterius  manus.  versus 
1753  in  E  omissus  est.  supersunt  igitur  loci  undetriginta.  inter 
quos  voltus  legimus  terdecies  (251,  1258,  1266,  1273,  1290, 
1296,  1489,  1603,  1608,  1645,  1708,  1724,  1992),  vuUus  sexies 
decies  (165,  170,  199,  227,  230,  247,  483,  700,  705,  1017,  1348, 
1555,  1574,  1084,  1726,  1978).  itaque  auctor  non  fere  ubique 
voltus,,  sed  saepius  vultus  scripsit.  boc  cum  constet,  facile  cre- 
das  etiam  dubiis  illis  locis  (808  et  1753)  olim  vultus  exsti- 
tisse.  ergo  duodevicies  formam  vultus  deprehendimus.  itaque 
Ricbterus,  si  iterum  Senecae  tragoedias  edendas  curabit,  locis 
quibus  vultus  traditum  est,  non  scribet  voltus,  quod  nuper 
fecit  (cf.  v.  247,  1348,  1684,  1726,  1978),  sed  quibus  voltus 
exstat,  vultus  in  textum  recipiet.  dicet  aliquis:  differentia 
quam  vis  parva  inter  Annaeanas  tragoedias  et  Herculem  Oetae- 
um  profecto  exstat,  nam  non  nisi  in  hac  fabula  nonnumquam 

")  I  5,39:  traditum  est  quoque.  Vollmerus  editor  coniecit  cum- 
que.  sed  apertum  videtur  hoc  loco  olim  quomque  exstitiaae.  quomque,  ut 
pauca  exempla  afferam,  legimus  Plaut  Bacch.  252,  Capt  856,  924,  926, 
927,  Truc.  451,  516,  Terent.  Andr.  63,  488,  Heaut.  578. 

,0)  cf.  etiam  Birt  (1.  b.  p.  516). 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


371 


voltus  et  quarto  pluralis  casu  colus  scriptum  est.  itaque  mihi 
liceat  addere  perpauca  "quibus  demonstratur  in  ceteris  tragoe- 
diis  rem  orthographicara  non '{melius  se  habere,  ablativum  sin- 
gularis  vocis  lattrus  legimus  Ag.  779  lauru,  Thy.  54  autem 
lauro.  suboles  scriptum  est  Troad.  463,  528,  Phaed.  468,  so- 
boles  Ag.  157.  semel  sä  pro  sed  traditum  est  Oed.  1009.  vae- 
cors  exstet  Phoen.  291,  MedM22,  Phaed.  1155,  Oed.  1005, 
Ag.  734,  HO  1408,  contra  vecors  Troad.  285.  vaesanus  legi- 
mus Phoen.  584,  Med.  123,  738  Ag.  724,  HO  1930,  vesa»«* 
2//*.  1095.  decumus  deprehendimus  Troad.  76,  decimus  Ag.  502. 
claudere  iuveni  J?/".  306,  986,  Troad.  167,  Phoen.  246,  .Med. 
458,  464,  PAa<?d.  222,  534,  781,  863,  939,  1226,  Oed,  505, 
Ag.  109,  559,  718,  889,  Thy.  335,  491,  1068,  HO  956,  cZh- 
dere  Hf.  281,  Troad.  139,  186,  317,  Phoen.  148,  467,  Med. 
820,  PAaed.  47,  2%.  232, 916, 1041,  HO  599, 1441  81).  cui  haec 
noa  sufficiunt,  inspiciat  indicem  orthographicum  editionis  Rich- 
terianae,  ubi  plura  huc  pertinentia  collecta  sunt. 

Ne  quis  miretur  quod  HO  771  Äocwc82)  et  1243  haecne 
invenitur,  affero  locos  hos:  Phaed.  1269  haecne ;  Stat.  Theb. 
1 173  hancne,  I  189  hicne,  V  633  hocne,  VII  20  /ticne,  VII  705 
Ätcwe,  IX  421  huncne,  IX  715  haecne. 

Iam  absolvimus  atque  redarguimus  omnia  argumenta  ad 
res  orthographicas  spectantia.  sed  haec  leviora,  illa  vero  gra- 
via  atque  magna  sunt,  quae  ad  usum  loquendi  pertinent.  pri- 
mus,  quod  sciam,  huic  rei  operam  ac  Studium  navavit  D.  Hein- 
sius  (apud  Scriv.  p.  344  sqq.).  qui  quae  de  usu  verborum 
idus  et  ambo  disputavit,  ea  bene  diluta  sunt  a  Leone  (I  p.  66) 
et  a  Melzero  (p.  31).  recte  autem  vidit  HO  150  (vetare  So- 
lem)  et  1624  (vetare  Phoebum)  vetare  pro  arcere  positum  esse, 
hunc  usum  ut  excusaret  Melzerus  (p.  32)  attulit  Statii  locum 
Theb.  XII  558:  quos  vetat  ignc  Creon  h.  e.  rogis  et  igne 
supremo  interdicit.  praeterea  autem  comparandi  sunt  loci  hi: 
Valer.  Flaccus  VIII  303:  nec  longius  inter 

quam  quod  tela  vetet,  superest  mare, 
Stat.  Silv.  III  1,  173:  avertam  luctus  et  tristia  damna  vetabo, 

8I)  cludere,  ut  hoc  addam,  etiam  repperi  luven.  VII,  26,  Stat.  Silv. 
III  4,11;  IV  6,67;  V  1,  168;  Theb.  II  6;  II  307;  VI  727;  VII  434; 
VIII  198;  X  451 ;  XI  58; 

M)  in  E  traditum  est  Iwccine,  sed  res  metrica  poscit  hocnc. 

Philologus,  Suppleraontband  X,  drittes  Heft.  25 


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372 


Aemilius  Ackermann, 


Tacit.  ann.  XI 20 :  inter  Mosam  Rhenumque  trium  et  vi- 
ginti  miliam  spatio  fossam  perduxit  (sc.  Corbulo),  qua  incerta 
Oceani  vetarentur. 

D.  Heinsiiis  aliique  aegre  tulerunt,  quod  HO  1586  (quam 
tuas  laudes  populi  quiescant)  quiescendi  verbum  accusativuni 
recipit.  Melzerus  dixit  apud  Plautum  et  apad  Statium  idem 
inveniri,  sed  exempla  non  attulit  Georgium  secutus.  loci  au- 
tem  Plautini  qui  huc  referri  possint,  non  satis  quadrant,  nam 
Most.  1173  (tu  quiesce  hatte  rem  modo  petere)  non  accusativus 
sed  infinitivus  e  quiesce  pendet  et  Mil.  gl.  927  (quiescas  cetera) 
cetera  fortasse  adverbii  vicem  tenet.  apud  Statium  quiescerc 
semel  active  positum  est 

Theb.  IV  432:  hic  late  iaculis  circum  undique  fixis 

effusam  pharetra  cervicera  excepta  quiescit. 
accedit  quod  Servius  ad  Verg.  Ecl.  8,  4  adnotat:  quiesco  du- 
plicem  habet  significationetn ;  et  aliter  dico  quiesco  ego  et  ali- 
ter  quiesco  servum. 

HO  987  (Deianira  alloquitur  Hyllum) : 

ignave  dubitas?  Herculem  eripuit  tibi 

haec,  haec  peremit  dextra  cui  debes  patri 

avum  Tonantem.  maius  eripui  decus, 

quam  in  luce  tribui.  si  tibi  ignotum  est  nefas, 

a  matre  disce. 

hoc  loco  in  luce  tribuere  male  pro  purere  dictum  esse  credidit 
idem  Heinsius.  neque  enim  vidit  Deianiram  verbis  maius  eripui 
decus  quam  in  luce  tribui  non  in  Universum  loqui,  sed  Hyllum 
compellare.  ad  eripui  et  tribui  semper  supplendum  est  tibi. 
itaque  Deianirae  verba  hoc  modo  intellegenda  sunt :  maius  do- 
num  nunc  tibi  eripui  quam  tunc  tibi  tribui  cum  te  in  lucein  edidi. 
HO  517:  tum  longum  ferens 

harundo  vulnus  tenuit  haerentem  fugam 
mortemque  fixit. 
fixit  pro  intulit  usurpatum  D.  Heinsio  displieuit.   sed  vulnera 
figere  legimus  apud  Martialem  (ei»igr.  I  CO,  4) : 
alta  iuvencorum  vulnera  tiget  ubi? 
Non  iniuria  D.  Heinsius  in  eo  haesit  quod  genus  quater 
pro  genere  bumano  positum  est  HO  03,  760,  1810,  1863.  hoc 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo.  373 

prorsus  singulare  esse  concedimus,  quod  tarnen  excusatione  non 
caret.    legas  Phaed.  466: 

providit  ille  maximus  mundi  parens, 
cum  tarn  rapaces  cerneret  Fati  manus, 
ut  damna  Semper  subole  repararet  nova. 
excedat  agedum  rebus  humanis  Venus, 
quae  supplet  ac  restituit  exhaustum  genus: 
orbis  iacebit  squalido  turpis  situ, 
vacuum  sine  ullis  piscibus  stabit  mare, 
alesque  caelo  derit  et  silvis  fera 
solis  et  aer  pervius  ventis  erit. 
pro  ,exhaustum  genus1  Codices  deteriores  praebent  ,humanum  ge- 
nus' non  recte,  nam  genus  non  de  genere  humano  solo,  sed  de  Om- 
nibus animalibus  dictum  est,  quod  ex  sequentibus  verbis  apparet. 
itaque  Seneca  similiter  atque  Herculis  Oetaei  auctor  peccavit 8S). 
HO  1883:   flete  Herculeos,  Arcades,  obitus, 
nondum  Phoebe  nascente  genus. 
D.  Heinsius  adnotavit :  ,nescit  (sc.  poeta)  quid  dicat\  vir  doc- 
tissimus  ipse  non  cognovit  hoc  loco  ablativura  absolutum  («on- 
dum  Phoebe  nascente)  e  substantivo  [genus)  pendentem  ad- 
missum  esse,  quam  ad  rem  infra  redibit  disputatio  (p.  376  sq.). 

Quae  Goebelius  de  usu  adiectivi  immemor  dixit  (1.  s.  p.  740), 
refutata  sunt  a  Melzero  p.  31/32. 

Richterus  vidit  (de.  S.  tr.  a.  p.  25)  HO  1861  quamquam 
non  ad  verbum  finitum  accedere.  idem  HO  1506  fieri  depre- 
bendit  Leo  (I  p.  62).  perperam  autem  Richterus  contendit  (1.  s. 
adn.  1)  solos  recentiores  scriptores  et  poetas  sie  locutos  esse,  iam 
Georges  attulit  exempla  haec :  Sallust.  hist.  I  fr.  48  §  2 :  nam 
bellum  atque  arma,  quamquam  vobis  invisa,  tarnen  quia  Lepido 
placenty  sumunda  sunt  et  Cicer.  de  finib.  V  §  68:  nec  vero 
umquam  summutn  bonum  assequi  quisquam  posset,  si  omnia  i/Zo, 
quae  sunt  extra,  quamquam  expetenday  summo  bono  contineren- 
tur.  praeterea  repperi  Statii  locos  hos :  Silv  III  3,  70 ;  V  2, 103 ; 
Theb  I  669;  IV  820;  V  300;  VI.41  ;  XI  399;  XII  206,  394. 

Richterum  id  quoque  offendit  quod  genus  ter  (HO  40, 
1699,  1884)  nationem  significat.  sed  hanc  significationem  sae- 
pissime  inveniri  inter  omnes  constat.  quae  Richterus  de  loco 

8S)  Phaed rae  locum  iam  Richterus  vidit  (p.  26  adn.  1). 

25* 


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374  Aemiliua  Ackermann, 

* 

HO  1849  (aliqua  mater)  disputavit,  a  Leone  (I  p.  66)  et  a 
Melzero  (p.  82)  profligata  sunt  et  verba  sua  de  versibus  191  et 
482  facta  nuper  in  editione  vir  doctissimus  ipse  tacite  in  irritum 
vindicavit.  nec  magis  valent,  quae  de  HO  520  (tabum)  disse- 
ruit  (cf.  Leo  II  p.  383). 

Sonandi  verbum  pro  praedicari  positum  (HO  692)  aegre 
tulerunt  Richterus  (p.  26)  et  Birtius  (p.  516).  Ovidius  scrip- 
sit 84)  te  carmina  nostra  sonabunt  (unsere  Lieder  werden  dich 
preisen),  apud  Senecam  legimus  (Oed.  402):  Carmen  sonet 
(ein  Lied  soll  gesungen  werden),  modo  igitur  transitive, 
modo  intransitive  usurpatum  est  sonare.  atque  cum  Mar- 
tiaBs  dicat  I  61,  6:  Nasone  Paeligni  sonant  (die  Paligner 
werden  wegen  Naso  gepriesen),  verba:  felix  alias  magnusque 
sonet  (ein  anderer  mag  glücklich  und  groß  gepriesen  werden) 
non  adeo  raira  sunt,  praeterea  Birtius  ipse  dixit  etiam 
apud  Nemesianum  sonare  idem  significare  quod  praedicari. 
accedit  quod  locus  non  ita  bene  traditus  est,  ut  certissime  aliquid 
affirmari  possit.  Codices  enim  deteriores  pro  sonet  praebent  volet. 

Porro  Richterus  in  eo  haesit  (p.  26),  quod  HO  668  colus 
per  synecdocham  pro  lana  et  1661  nodos  pro  clava  dictum 
est.  tales  translationes  notissimas  atque  omnibus  poetis  usi- 
tatissimas  esse  contendit  Melzerus  (p.  31).  addo  Val.  Flacci 
verba  6,  645:  diva  supremas  rumpit  iniqua  colus. 

HO  887 :  quicumque  fato  ignoscit  et  parcit  sibi, 

HO  982:  parce  iam,  mater,  precor. 

ignosce  fatis;  error  a  culpa  vacat. 
Richterus  adnotavit  (p.  26):  singulari  dcinde  phrasi  poeta 
utitur,  fatis  ignosce,  id  est  delirium  fati  culpa  commissum  non 
vindicare.    similem  locum  in  Troadibus  inveni  v.  22 : 
stat  avidus  irae  victor  et  lentum  Ilium 
metitur  oculis  ac  decem  tandem  ferus 
ignoscit  annis. 
cf.  etiam  Melzeri  verba  p.  33. 

Denique  Richterus,  qui  Oedipum  quoque  et  Agamemnonem 
fabulas  spurias  existimabat,  attulit  (p.  29)  edisserendi  verbum 
non  nisi  HO  1617,  Ag.  966,  Oed.  787  exstare.  nobis  qui  scia- 
mus  has  duas  tragoedias  genuinas  esse,  hac  re  nihil  probatur. 

**)  hunc  locum  Ovidianum  esse  testatur  Georges. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


375 


idem  credidit  in  his  solis  fabulis  vocabulum  paedor  inveniri. 
sed  legitur  Hf.  628 85).  autumare  non  solum  in  Hercule  Oetaeo 
et  Oedipode,  sed  etiam  in  Phaedra  (257)  exstare  Richterus  ipse 
vidit.  adiectivum  altisonus  HO  530  traditum  praeterea  rep- 
peri  Ag.  582  et  Phaed.  1134.  adiectiva  in  ficus  terminata  neque 
in  HO  neque  in  Thy.  exstant  (cf.  Rieht,  p.  29  et  p.  3  adn.  2). 
praepositionem  propter  etiam  Phoen.  336  usurpatam  esse  iam 
Leo  deprehendit  (I  p.  66).  cf.  Rieht,  p.  25. 

Iam  Leonem  audiamus.  qui  vir  doctissimus  aegre  tulit 
(I  p.  56)  quod  HO  1600  magis  pro  potius  positum  est.  iam 
Melzerus  (p.  34)  hoc  leve  argumentum  diluit. 

HO  1652*  victrice  felix,  iuvenis,  has  numquam  irritas 
mittes  in  hostem;  sive  de  media  voles 
auferre  volucres  nube,  descendent  aves 
et  certa  praedae  tela  de  caelo  fluent. 
Leo  reprehendit  (I  p.  62)  quod  v.  1653  sive  secundo  loco  tan- 
tum  diiuncti8  sententiae  membris  apparet86).    ac  Birtius  ad- 
notavit  (p.  549) :  Unmöglich  richtig  aber  ist  das  sive,  da  kein 
zweites  sive  daneben  steht,  dem  es  entspräche,  cum  Leoni,  qui 
lacunam  statuit  (cf.  editionem),  sententia  per  sive  incohata 
fuisse  videretur  (velut  sive  eris  in  ade),  Birtius  pro  sive  de 
coniecit  si  vel  e.    quam  viri  doctissimi  emendationem  appella- 
verunt  Tachavus  'eine  evidente  Textverbesserung'  (cf.  Philol.  48 
p.  745/46)  et  Melzerus  egregiam  coniecturam  (p.  34).  mihi 
autem  carus  magister   meus  sententiam  suam  non  probavit. 
nam  certum  videtur  hoc  loco  praepositionem  de  retinendam  esse. 
8imillimus  enim  locus  exstat  in 

Phaedra  (816)  87)  aut  si  tela  modo  spargere  Parthico 

in  caelum  placeat,  nulla  sine  alite 
descendent,  tepido  viscere  condita 
praedam  de  mediis  nubibus  afferent, 
praeterea  compares  HO  1621:  nube  de  media  vocat,  HO  1655: 
tela  de  caelo  fluent, 

Med.  799 :  tibi  d  e  medio  rapta  sepulchro 
fax  nocturnos  sustulit  ignes. 

•*)  quod  vidit  Habruckerus  (quaeationum  Annaeanarum  capita  IV 
pars  I  p.  6). 

$e)  moneo  in  E  non  sive,  sed  si  traditum  esse. 
8J)  attulit  Leo  (I  p.  51). 


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876 


Aemilius  Ackermann, 


itaque  censeo  particulam  sive  seryandam  esse.  Hercules  enim 
sagittas  Philoctetae  dat,  ut  vel  faostes  vel  aves  interficiat.  et 
legi  apud  Draegerum  (Historische  Syntax  der  lateinischen  Spra- 
che 2  II  p.  148) :  sive  ,oder  wenn'  ist  zuweilen  in  vel  si  auf- 
zulösen, so  dass  vel  von  si  getrennt  gedacht,  zu  einem  Satze  ge- 
hört, von  dem  der  Bedingungssatz  mit  si  abhängt,  ac  non  solum 
Draegerus  ipse,  sed  etiam  CFW.  Muellerus  (Ueber  den  Ge- 
brauch von  sive  p.  9  sq.)  locos  collegerunt,  ubi  particula  sive 
secundo  loco  tantum  exstans  hanc  significationem  habet.  Muel- 
leri  libellum  si  inspicies  facile  cognosces  Terentium,  Horatium 
(ter),  Vergilium,  Tibullum  (bis),  Propertium  (ter),  Ovidium, 
Persium  eandem  licentiam  atque  Herculis  Oetaei  auctorem  sibi 
permisisse.  hoc  igitur  non  argumentum  est,  quo  aliquis  uti 
possit.  ceterum  concedendum  est  Senecam  tragicum  particulam 
sive  hac  significatione  alibi  non  adhibuisse. 

VerBus  HO  1592  et  1830  Leoni,  cum  ipse  videret  Her- 
culis Oetaei  poetam  Iiis  locis  ab  usu  aliorum  non  abhorrere, 
non  afferendi  erant88). 

HO  1760:  o  quanta,  Titan,  ad  nihil  moles  abit. 
A  praebet:  in  nihil.  Leo  adnotavit  (I  p.  63):  noverat  inter-  - 
polator  (sc.  autor  lectionis  A)  constantem  Senecac  aliorumque 
usum;  praecipue  ex  Ovidii  transformationibus  notissimum  est 
abeundl  verbum  translato  sensu,  quod  idem  significat  quod 
mutari,  cum  in  pracpositionc  comunctum.  mihi  non  verisi- 
mile  videtur  hoc  loco  abire  pro  mutari  positum  esse,  verba 
ad  nihil  abire  per  analogiam  orta  sunt  ex  locutione  quae 
fuit  abire  ad  plurcs,  ad  inferos  (=  mori) 89).  simüiter  Cicero 
dicit  Tusc.  I  §  32:  abiit  ad  dcos  Hercules,  ceterum  ne  id 
quidem  veri  dissimile  est  hoc  loco  praepositionem  ad,  quae  in 
codicibus  deterioribus  non  tradita  est,  librariis  iraputandam 
esse,  praesertiin  cum  HO  962  (in  Jianc  abire  coningum  turbam 
Übet)  verbum  abeundi,  quamquam  sensum  translatum  non  habet, 
tarnen  cum  in  coniunetum  sit. 

Neque  plus  valet  quod  bis90)  in  HO  (975  teque  languenit 

M)  HO  1592  Richteruß  fortasae  recte  coniecit  impendens  et  ad  HO 
1830  comparandua  eat  ///.  605  :  atque  in  labores  non  satis  terrae  patent 

89)  cf.  Birt,  Das  Arvallied,  Archiv  fttr  Lexikographie  XI  p.  166, 
168,  18S. 

™)  iniuria   huc  rottulit  Leo  HO  1500,   ubi  vulgo    legitur  sive 


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I 

I 

I 


De  Senecae  Hercule  Oetaeo.  377 

manu  Non  audit  arcus  et  1884  flete  Her cutis ,  Arcades,  obi~ 
tuSy  Nondum  Phoebe  nascentc  genus)  ablativus  absolutus  sub- 
stantivo  obnoxius  invenitur  (cf.  Leo  I  p.  57  et  p.  62).  facile 
enim  intellegitur  quid  poeta  dicat.  de  loco  HO  975  optime 
disputavit  Melzerus  p.  31.  verba  1885  nondum  Phoebe  nascente 
genus  dicta  sunt  pro:  Arcades  iam  genus  erant  cum  Phoebe 
nondum  nata  esset,  quam  ob  rem  poetae  hunc  ablativum  ab- 
solutum  bis  tantum  adhibitum  ignoscemus. 

Quod  pronominis  personalis  casus  genetivus  interdum  ad 
substantivum  ita  accedit  ut  ultro  cum  pronomine  possessivo 
mutari  possit  vituperaverunt  Leo  (I  p.  64)  et  Birtius  (1.  s. 
p.  516).  loci,  quos  iam  Leo  vidit,  sunt  hi:  HO  557  perbibat 
formam  mei  (Jlammas  mei  A),  954  nunc  veram  tui  (tuam  A) 
agnosce  prolem,  1216  nam  quis  dignus  necis  Herculeae  super- 
est  auetor  nisi  dextra  tui?y  1502  licet  sit  falsa  progenies  mei 
(mihi  A).  versus  949  reeipe  me  comitem  tibi  (tui  A),  1242  haec 
moles  mea  est  (mei  est  A),  1966  quiequid  in  nobis  tui  Mortale 
fuerat  ignis  evictus  tulit  Leo  afferre  non  debuit.  nam  verba 
tibi  (v.  949)  et  mea  (v.  1242)  in  E  tradita  satis  apte  dicta 
sunt  et  v.  1966  genetivum  legi  necesse  est;  pendet  enim  tui 
e  quiequid  91).  primum  moneo  locos,  cum  modo  in  E,  modo 
in  A  pronominis  personalis  genetivus  pro  possessivo  pronomine 
exstet,  non  satis  certos  esse,  deinde  Leo  ipse  concessit  huius 
genetivi  usum  qui  mediae  latinitatis  scriptoribus  frequentatus 
sit,  certe  plerumque  librariorum  culpa  ortum  esse,  tum  apud 
Senecam  rhetorem,  Ovidium,  Vergilium,  Catullum  eandem  li- 
centiam  admissam  esse  idem  vir  doctissimus  vidit.  et  nescio 
an  baec  sufficiant,  ut  loci  Uli  excusentur.  sed  pauca  addere 
possumus.  Melzerus  recte  dixit  (p.  32)  genetivo  pronominis 
personalis  personam  gravius  premi  quam  pronomine  possessivo. 
hac  de  causa  Deianira  dicit  (555): 

si  quas  decor 

Ioles  inussit  pectori  Herculeo  faces 

extingue  totas,  perbibat  formam  mei,  (non  Ioles). 
bac  de  causa  chorus  Herculem  alloquitur  verbis  his  (1216) : 

nascente  Hercule  Nox  illa  certa  est.  sed  in  E  traditum  est  sioe  nas- 
centem  Herculem  e.  q.  8.  et  A  praebet  sive  nascente  Hercule  Non  illa 
certa  est.    itaque  hic  locus  nimis  dubius  est. 

9I)  locum  recto  interpretatus  est  Mekerus  p.  9  adn.  2. 


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378 


Aemilius  Ackermann, 


uam  quis  dignus  necis  Herculeae 
superest  auctor  nisi  dextra  tui? 
nam  Hercule  dignus  auctor  Herculeae  necis  solummodo  Her- 
cules ipse  ist.  hac  de  causa  Deianira  certior  facta  quantum 
facinus  commiaerit  dicit  (952) : 

adde  me  comitem  tuis, 
Threica  coniunx,  sceleribus;  natam  tuam, 
Althaea  mater,  recipe,  nunc  veram  tui 
agnosce  prolem. 
prolem  tui,  quae  sceleratissima  femina  fuisti. 

ßestat  locus  1502  licet  sit  falsa  progenies  mei  (mihi  «4), 
qui  simili  excusatione  caret.  itaque  credo  hoc  loco  mei  ex 
mihi  depravatum  esse,  talis  enim  error  facillime  evenire  po- 
terat,  yelut  HO  949  legimus  in  E  recipe  me  comitem  tibiy  in 
A  auteui  comitem  tui.  fortasse  eo  quoque,  quod  hic  tibi  in  E 
traditum  est,  opinio  mea  paulum  aflfirmatur.  itaque  etiam  hoc 
argumentum  refellimus,  quod  levius  esse  Leo  ipse  concesserat 
(I.  p.  70).  praeterea  alia  causa  inveniri  potest,  cur  huic  pro- 
nominis  personalis  usui  venia  tribuenda  sit  (cf.  part.  tert.). 

Age  nunc  illa  videamus  quae  Birtius  castigavit.  qui  vir 
doctissimus  ad  HO  104  (par  ille  est  superis  cui  pariter  dies 
Et  fortuna  fuit)  adnotavit  (p.  533) :  wo  fast  unverständlich 
fuit  gesagt  ist  statt  esse  desiit9S).  sed  iam  N.  Heinsius  dixit 
(1.  s.  p.  436)  traditam  ledionem  non  temere  sollicitandam  esse, 
vidit  enim  duos  Vergilii  locos  hos :  sed  fortuna  fuit  (Aen.  VU 
413)  et  fuimus  Troes,  fuit  Bium  (Aen.  H  335).  nonnumquam 
igitur  fuisse  idem  significat  quod  esse  desiisse.  conferas  etiam 
Melzer.  p.  32/33. 

In  Hercule  Oetaeo  verborum  quota  est  et  vitam  reddere 
usum,  qui  Birtio  displicuit  (p.  533  et  p.  534),  ab  Annaeano 
non  abhorrere  demonstravit  Melzerus  (p.  32).  vide  etiam  infra 
(p.  tert.). 

Idem  Birtius  in  plurali  popnli  haesit  p.  537/38:  Ueber- 
haupt,  inquit,  braucht  der  Dichter  dieses  Herkules  fast  ständig 
bombastisch  den  Plural  populi  cf.  v.  1586,  1818,  1811  und 
1536  sogar  Arcades  populi  vetusti,  1018,  1918,  1993,  1335, 
855  und  sonst,  seltener  den  Singular  wie  1541;  dagegen  hat 

»-)  hoc  Tacbavo  quoque  moleatum  erat,  Philol.  46  p.  381. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


379 


Seneka  meist  den  Singular  und  würde  ihn  auch  in  der  Mehr- 
zahl der  angeführten  Stellen  angewandt  haben,  vituperavit  igi- 
tur  vir  doctissimus  quod  poeta  pluralem  singularis  loco  posuit, 
nam  in  Universum  si  rem  consideramus,  Seneca  huius  vocis  plu- 
ralem saepius  singulari  usurpavit93).  cum  Birtius  contenderet 
Med.  58,  484,  794,  Phoen.  614,  Troad.  772,  Hf.  1241,  Phaed. 
158  pluralem  adhibitum  esse,  quia  singularis  intelligi  non 
posset,  Melzerus  non  solum  Thy.  648  et  Ag.  602,  sed  etiam 
Med,  58  et  Troad.  772  pluralem  pro  singulari  legi  dixit  (p.  31). 
Troad.  766  sqq.  Andromacha  filium  suum  alloquitur,  quem 
mox  necatum  iri  seit  ac  magnopere  lamentatur  misera  mater, 
quod  Scaniandrius  numquam  rex  et  dominus  fiet.  dicit  enim 
v.  771 : 

Iliaca  non  tu  seeptra  regali  potens 
gestabis  aula,  iura  nec  populis  dabis 
yictasque  gentes  sub  tuum  mittes  iugum, 
non  Graia  caedes  terga,  non  Pjrrhum  trahes. 
sane  Birtio  concedendum  est  hoc  loco  singularem  populo  intel- 
legi  non  potuisse ;  nara  Andromacha  non  tarn  de  Troiano  po- 
pulo quam  de  omnibus  eis  populis  cogitat,  quos  Astyanax  rex 
in  dicionem  potestatemque  suam  redegerit. 
Med.  56  chorus  canit: 

Ad  regum  thalamos  numine  prospero 
qui  caelum  superi  quique  regunt  fretum 
assint  cum  populis  rite  faventibus. 
etiam  hoc  loco  Birtium  quam  Melzerum  sequi  malim.  verba 
enim  in  Universum  dicta  sunt,  itaque  cum  legamus  ad  regum 
thalamos,  poseimus  pluralem  cum  populis.  contra  recte  attulisse 
videtur  Melzerus  locos  Thy.  648  et  Ag.  602.  nec  desunt  alia 
oxempla.  HO  1916  poeta  Alcmenam  inducit  quaerentem  quo 
loco  Hercules  mortuus  versetur: 


M)  pluralis  exatat  in  Hf.  novies  (191,  230,  293,  557,  560,  667,  708, 
775,  1241),  angularis  ter  (169,  382,  838);  in  Troad.  bis  (772,  1137)  — 
qoater  (893,  1009,  1083,  1120);  in  Phoen.  ter  (265,  325,  614)  —  semel 
(551);  in  Med.  ter  (58,  484,  794)  —  bis  (604,  977);  in  Phaed.  aexies 
(150,  494,  529,  562,  759,  911)  —  bis  (488,  983);  in  Oed.  bis  (573,  607) 
—  septies  (33,  76,  396,  589,  744,  784,  874) ;  in  Aga.  semel  (602)  —  semel 
(181);  in  Thy.  bis  (88,  648)  —  aexies  (188,  204,  206,  411,  644,  875); 
in  HO  dnodevicies  (27,  420,  607,  608,  612,  672,  855,  1018,  1335,  1536, 
1586,  1605,  1811,1818,  1871,  1876,1918,  1993)  -  ter  (1541,  1810,1824). 


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380 


Aemiliua  Ackermann, 


iamne  Elysias,  o  nate,  domus 
iam  litus  habes 

ad  quod  populos  natura  vocat? 
pluralem  populos  reprebendit  Birtius.  sed  conferas 
Bf.  186:  nimium,  Alcide,  pectore  forti 
properas  niaestos  visere  manes: 
certo  veniunt  tempore  Parcae. 
nulli  iusso  cessare  licet, 
nulli  scriptum  proferre  diem: 
recipit  populos  urna  citatos. 
Bf.  707:  Quid  ille  opaca  qui  regit  sceptro  loca, 

qua  sede  positas  temperat  populos  leves  ? 
praeterea  afferre  possum  Bf.  293,  Phoen.  265,  Phaed.  529, 
Oed.  573.  maxime  idoneus  locus  est  Troad.  1136,  ubi  in  versu 
892  Helena  ab  Andromacha  appellatur  pestis  cxitium  lues 
utriusque  populi  (sc.  Graecorum  et  Troianorum) ;  similiterque 
nuntius  dicit  (1160) :  uterque  flevit  coetus.  at  in  versu  1136  le- 
gimus  :  f error  attonitos  tenet  utrosque  populos.  haec  verba  sine 
dubio  bombastisch  dicta  sunt,  compares  etiam  quae  infra  hac 
de  re  disputavi  (p.  tert.).  differentia  ergo  non  adest. 

Tachavus  haesit  (Philol.  46  p.  380)  in  voce  ultimus;  cf. 
BO  107:  quisquis  sub  pedibus  fata  rapacia 
et  puppern  posuit  fluminis  ultimi. 
hoc  enim  loco  contra  usum  Senecae,  qui  Phaed.  98,  Oed.  869, 
Bf.  1107,  Troad.  146  adiectivum  imus  adhibuerit,  ultimi  pro 
imi  vel  inferni  positum  esse.  Oed.  869  legimus: 
Dehisce  tellus,  tuque  tenebrarum  potens, 
in  Tartara  ima,  rector  umbrarum,  rape 
retro  reversas  generis  ac  stirpis  vices. 
exstat  autem  similis  locus  Troad.  519 : 

Dehisce  tellus,  tuque,  coniunx,  ultimo 
specu  revulsam  scinde  tellurem  et  Stygis 
sinu  profundo  conde  depositum  meum. 
ultimus  specus  idem  significat  quod  Tartara  ima.  praeterea, 
quod  summum  est,  Tachavus  omnino  non  recte  contendit  BO 
108  ultimi  pro  imi  dictum  esse,  ultimum  flumen  est  der  letzte 
Fluss.  homines  dum  vivunt  multa  flumina  transire  et  saepius 
in  mari  navigare  solent.  si  vero  mortui  sunt,  ultimum  flumen 


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De  Senecae  Hercule  Oeiaeo. 


381 


(sc.  Acheron)  eis  transeundum  est.  quo  traiecto  numquam  post- 
hac  flumen  ulluni  transgredi  possunt,  nam  Acherontis  undae, 
ut  Vergilii  verbis  utar,  irremeabiles  sunt04). 

Iara  pervenithaecdisputatio  ad  particularum  usum,  qui  ubi  de 
auctore  quaeritur  magni  momenti  est.  nec  tarnen  necesse  est  Sene- 
cam  omnes  particulas,  quibus  uti  solebat,  in  omnibus  tragoediis 
adhibuisse  (cf.  Melzer  p.  33).  itaque  si  discrimen  non  nisi  parvum 
exstat,  circuinspectiu8  nobis  iudicandum  est.  etiam  particulaui  in 
omnibus  ceteris  fabulis  usurpatam  in  HO  prorsus  desiderari  et 
bis  tantum  (v.  710,  724)  etiamnum  legi  contendit  Ricbterus 
(d.  S.  tr.  a.  p.  24).  inveni  etiam  in  HO  1406,  qui  tarnen  lo- 
cus corruptus  est.  Senecam  hac  particula  perraro  usum  esse 
iam  Melzerus  vidit.  exstat  eniin  seinel  in  Phoen.  427 ,  semel 
in  Oed.  678,  semel  in  Ag.  983,  bis  in  Med.  499,  678  bis  in 
Phacd.  226,  705,  Thy.  889,  896;  quater  in  Hf.  492,  965,  1189, 
1261,  quater  in  Troad.  303,  570,  670,  733.  itaque  non  differentia, 
sed  similitudo  Richtero  statuenda  erat,  etiamnum  tradituni  est 
in  Hf.  semel  936,  Troad.  semel  500,  Phoen.  ter  176,  273,  368, 
Med.  bis  278,  1012,  Oed.  bis  618,  680,  TJiy.  bis  257,  914, 
HO  bis  710,  724,  Phacd.  nusquam.  itaque  cum  Melzero  quaero: 
hac  re  num  contra  Phaedram  suspicio  nobis  movebitur? 

Idem  Richterus  aegre  tulit  quod  saltcm  septies  in  HO 
(87,  932,  1259,  1317,  1374,  1416,  1914)  legitur ,  in  ceteris 
ter  tantum  Med.  1015,  Ag.  492,  Hf.  1204  (hunc  locum  primus 
Melzerus  vidit).  contra  dico  particulam  nupcr  in  bis  omnibus 
fabulis  vitatam  semel  exstare  in  Phaedra  788. 

Porro  Richterus  in  eo  haesit,  quod  in  HO  particula  nenipe 
paulo  crebrius  quam  in  ceteris  tragoediis  invenitur.  ncmpe 
enim  scriptum  videmus  in  Hf.  semel  44,  Troad.  ter  325,  340, 
744 ö5),  Phoen,  bis  522,  523,  Phacd.  bis  244,  645,  Oed.  semel 
76,  Ag.  semel  702,  Thy.  semel  412,  HO  decies  332,  353,  363,366, 
369,  374,  437,  903,  1911,  1912  (cf.  Melz.  p.  33).  Phoenissae 
fabula  composita  est  ex  versibus  664,  contra  Hercules  Oetaeus, 
quae  ex  1996  versibus  constat,  triplo  maius  spatium  complet. 

w)  Vergilium  hoc  loco  (Aen.  4,  425)  non  de  Acheionte,  sed  de 
Styge  loqui  mihi  non  ignotum  est. 

96)  Troad.  933  pro  sicrs  perperam  Richterus  coniecisse  videtur 
ncmpe  cf.  Syinbola  Doctorum  Jenensis  Gymnaaii  in  honorem  Gymnasii 
Iaenacensis  collecta,  particula  prior  p.  32. 


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382 


Aemiliu8  Ackermann, 


itaque  si  sexies  tantum  nempe  in  HO  exstaret,  Hercules  alter 
optime  cum  Phoenissis  conveniret.  nunc  autem,  cum  decies96) 
ncmpe  in  HO  legatur,  auctorem  huius  tragoediae  Richterus 
vituperare  ausus  est.  quam  ob  rem  memorabile  esse  mihi  vi- 
detur  nempe  bis  (HO  332  et  437)  in  E  omissum  et  locum  369, 
cum  in  Floren tino  traditum  sit  nempe  Thespides  vacant,  in  A 
autem  mene  Thespiades  vocant,  non  satis  certum  esse 9T).  prae- 
terea  et  Leo  (I  p.  66)  et  Melzerus  huic  particulae  id  quoque 
praesidio  esse  contenderunt,  quod  v.  351 — 379  quiuquies  quasi 
in  una  periodo  membra  argumentationis  conectat.  iam  vero 
particulas  autem,  ceu,  comminus,  nonnumquam,  proprie  non  nisi 
in  Troadibus  inveni  (cf.  v.  927,  20,  348,  904,  435).  neque  ta- 
rnen Troades  spurias  dices. 

Fere  particulam  a  Senecae  usu  alienam  bis  tantum  in 
HO  (407,  452)  adhibitam  esse  Richterus  dixit  (p.  25).  pri- 
mum  moneo  fere  in  Etrusco  omnino  non  traditum  esse,  nam 
versus  407  omissus  est  et  v.  452  fare  invenitur.  deinde  exstat 
fere  Troad.  438  et  fortasse  1143.  qui  locus  corruptus  est: 
legimus  enim  in  A  et  fere,  in  E  autem  effcrt,  quod  nihili  est 
et  metrum  delet.  maxime  igitur  verisimile  est  Codices  deterio- 
res  meliorem  lectionem  praebere. 

Forte  quater  in  HO  positum  (500,  522,  722,  929)  offen- 
dit  eundem  Richterum.  nisi  forte  scriptum  vidi  Ag.  960  et 
Phaed.  628 98).  adde  quod  neque  nusquam  invenitur  nisi  semel 
in  Oed.  381.  iamne  concludi  potest  Oedipum  insitivum  esse? 

Donec  non  solum  semel  in  HO  429,  sed  etiam  quater  in 
Oed.  622,  745,  760,  960  exstare  Richterus  ipse  vidit.  accedit 
quod  versus  HO  429  in  E  non  traditus  est. 

Palam  legimus  Ag.  258,  HO  1261,  1516,  1517").  Rich- 
tero  displicuit  quod  palam  Ag.  258  praepositionis  vicem  tenet, 
contra  in  HO  Semper  adverbium  est.  at  inter  omnes  constat 
palam  adverbium  poetis  et  scriptoribus  prosae  orationis  usi- 
tatissimum  esse,  palam  autem  praepositionem  perraro  inveniri. 

•9)  Richterus  ipse  noviea  tantum  nempe  deprehendit,  recte  autem 
nuineravit  Melzerus  p.  33. 

®7)  HO  374  N.  Hein8ius  pro  nempe  üla  certrix  scribi  voluit  Ne- 
meaca  cervix  (1.  s.  p.  442). 

*•)  Agamemnoni»  locum  iam  Richterus  vidit 

••)  locos  HO  1516  et  1517  non  attulit  Richterus. 


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De  Senecae  Hereule  Oetaeo. 


383 


atque  Ag.  258  (ultimum  est  nuptae  tnalum,  Palam  marita  pos- 
sidens  paclex  domum)  iam  prima  manus  marita  correxit  in 
maritij  quod  Richterus  nuper  ipse  in  textum  recepit.  differen- 
tia  igitur  non  exstat.  sed  pro  corollario  addo  praepositionem 
coram  seniel  tantum  usurpatam  esse  Hf.  1264  (genitore  coram). 

Potius,  quod  Hf.  1265  Thy.  522,  Phoen.  110,  494,  Phaed. 
613,  655,  622,  Med.  507,  Troad.  355,  694,  Oet.  76,  580  re- 
periatur,  nusquam  in  HO,  Oed.,  Ag.  legi  Richterus  dixit. 
re  vera  autem  haec  particula  invenitur :  Hf.  427,  1014,  1094b, 
1265,  Troad.  351,  650,  690,  1059,  Phoen.  110,  494,  Med.  507. 
Phaed.  443,  612,  655,  622,  Oed.  629,  Ag.  308,  882,  Thy.  413, 
522,  1021,  HO  852  (i.  e.  in  ea  parte  quam  Leo  spuriam 
aestimat) ,  Od.  177,  578.  Hercules  Oetaeus ,  cum  etiarn  in 
Med.  et  Oed.  semel  tantum  potius  admissum  videamus,  pror- 
sus  cum  Annaeanis  fabulis  consentit 

Interim  legimus  Troad.  997,  Phaed.  1274,  HO  409 481, 
930.  atque  cum  haec  particula  Troad.  997,  Phaed.  1274,  HO 
409  proprio  sensu  usurpata  sit,  habet  HO  481  et  930  notionem 
particulae  interdum,  quod  vituperaverunt  D.  Heinsius  (ap.  Scr. 
p.  340  sq.),  Richterus  (p.  25),  Birtius  (p.  516).  sed  hunc  usum 
in  Senecae  scriptis  prosa  oratione  conditis  frequentatissimum 
esse  vidit  Melzerus  p.  34.  quod  solummodo  in  HO  bis  in- 
terim  pro  interdum  positum  est,  cum  haec  particula  rarissime 
in  tragoediis  inveniatur,  sine  dubio  casui  tribuendum  est. 
adiungo  particulam  aäutum  semel  tantum  in  Phaedra  (624) 
exstare. 

Hauddum  HO  80  pro  nondum  positum  esse  contendit  Leo 
(I  p.  65),  qui  ipse  vidit  (I  p.  30)  in  E  non  hauddum,  sed  haud 
traditum  esse101): 

HO  79:  si  post  feras,  post  bella,  post  Stygium  canem 
haud  astra  merui,  Siculus  Hesperium  latus 
tangat  Pelorus,  una  iam  tellus  erit. 
ego  quidem  hos  versus  intellegere  possum.  neque  sensus  neque 
res  metrica  postulat  ut  hauddum  scribamus.  neque  alibi  Her- 
culis  Oetaei  poeta  usquam  hauddum  usurpavit,  contra  nondum 
septies  201,  213,  546,  774,  1159,  1614,  1884. 

m)  versus  409  in  E  desideratur. 
10 ')  A  praebet  nondum. 


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384  Aemilius  Ackermann, 

Ultra  HO  1245  idem  significare  quod  posthac  Leo  recte 
dixit  (I  p.  62).  sed  legas  Phacd.  945: 

En  perage  donura  triste,  regnator  freti ! 
non  cernat  ultra  lucidum  Hippolytus  diem 
adeatque  Dianes  iuyenis  iratos  patri. 

Leonera  usum  particularum  hinc  et  inde  Herculis  Oetaei 
auctori  perperam  crimini  dedisae  demonstravit  Melzerus  p.  34. 

Bis  in  HO  (859  et  1408)  deinde  ad  particulam  interroga- 
tivam  ita  accedit,  ut  non  temporis  progressum  indicet,  sed  id 
quod  ante  dictum  est  cum  vi  quadam  repetat.  hunc  usum  sin- 
gularem  esse  Leoni  concedendum  videtur  (cf.  Leo  I  p.  63  et 
Melz.  p.  34).  sed  etiam  reliquae  tragoediae  nonnulla  a  com- 
muni  usu  aliena  habent.  particulae  ilico,  citra^  iniro10*)  non 
nisi  in  Oed.  exstant  (v.  598,  951,  557).  in  Medea  sola  in- 
veniuntur  perpetuo,  priusquam,  quippe  (v.  196,  298,  256 l03) 
438).  solummodo  in  Phaedra  leguntur  minime,  pone,  verum, 
vero  (v.  895,  1046,  428,  1082). 

Leo  (I  p.  64)  et  Birtius  (p.  516)  vituperaverunt  fors  HO 
574  pro  forsan  positum,  a  Seneca  alienum.  hoc  loco  non  forsy 
sed  forsam  legendum  esse  iam  Birtius  mihi  persuasit  cf.  supra 
p.  353.  praeterea  Leo  ipse  concessit  (I  p.  70)  hoc  argumentum 
non  multum  valere. 

Forsitan  vel  forsan  a  poetis  saepe  cum  indicativo  futuri, 
multo  rarius  cum  indicativo  praesentis  vel  praeteriti  coninngi 
dixit  idem  Leo  (I  p.  63).  itaque  cum  bis  tantum  in  reliquis 
fabulis,  quater  autem  in  HO  forsitan  vel  forsan  cum  indicativo 
praesentis  vel  praeteriti  coninnctum  esse  animadverterit,  Her- 
culis Oetaei  poetam  contra  Annaeanum  usum  peccavisse  con- 
tendit.  Leo  ipse  apud  Vergilium,  Ovidium,  Propertium,  Tibullum, 
Lucanum,  Statium,  Valerium  deprehendit  tres  et  triginta  locos, 
quibus  idem  admissum  est104),  ac  non  omnes  poetae  forsan  vel 
forsitan  cum  indicativo  futuri  coniungere  maluerunt.  Statius 
enim  has  particulas  e  quibus  sexies  indicativum  praesentis  vel 
praeteriti  pendere  vir  doctissimus  vidit,  non  nisi  quater,  quan- 
tum  scio,  indicativo  futuri  adiunxit  (cf.  Silv.  I  3,  62 ;  11  3,  63 ; 

l01)  traditum  est  antro. 

,0*j  Med.  250  quippe  in  E  omissum  eat 

,04)  apud  Ovidium  solum  inveniuntnr  tredecim  exempla. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


385 


V  3,  154;  Theb.  X  447).  in  HO  forsan  vel  forsitan  cum  in- 
dicativo  futari  coniunctum  est  quinquies  408,  473,  574,  912, 
1429,  cum  indicativo  praesentis  vel  praeteriti  quater  361,  1781, 
768,  1398.  dubius  locus  est  v.  1791,  quo  futurum  legendam 
esse  mihi  Melzerus  satis  probavit  (p.  34).  constat  igitur  Her- 
culis  Oetaei  auctorem  forsan  vel  forsitan  saepius  cum  indica- 
tivo futuri  coniunxisse  quam  cum  indicativo  praesentis  vel 
praeteriti.  itaque  cum  Leo  ipse  viderit  bis106)  in  ceteris  tragoe- 
diis  (Thaeä.  238,  Thy.  747)  et  in  pedestribus  Senecae  sermonibus 
haud  raro  eandem  licentiam  inveniri,  contendere  audeo  hac  in  re 
Herculem  Oetaeum  cum  Annaeano  usu  omnino  non  discrepare. 

Aliud  Leonis  argumentum  est  hoc  (I  p.  66):  pro  Seneca 
saepius  ita  adhibuit,  ut  ad  mimen  testemve  qui  invocatur  pro- 
crime  accedat.  Hercules  Oetaeus  eo  a  reliquis  rccedit,  ut  pr  o 
non  invocandis  tantum  numinibus  addat,  sed  subinde  idem  non 
arte  cum  alia  voce  conexum  ut  o  aliasque  exclamandi  particulas 
pönal.  In  Herc.  Oet.  pro  ad  numen  testemve  accedit  v.  290, 
966,  1173,  1175,  1275,  1364,  1531,  non  accedit  219,  770,  965, 
1231,  1419  bis,  1803 10e)  (cf.  Melz.  p.  34).  itaque  si  rem  ad 
calculos  vocare  placet  pro  septies  ad  numen  testemve  accedit 
et  septies  exlamandi  particulae  vicem  tenet.  Melzerus  recte 
vidit  pro  etiam  Ag.  35  et  Oed.  19  ut  exclamandi  particulam 
positum  esse,  pro  facinus  scripsit  Seneca  de  brevit.  vitae  12,  2107). 
apud  Statium  pro  fere  Semper  particulae  o  vicem  tenet  cf. 
Silv.  I  1,  101;  Theb.  II  92;  III  308,  370;  V  324,  674,  718; 
IX  14,  180;  X  270,  874;  XII  382.  adde  quod  desuper,  tan- 
tisper  non  nisi  in  Thyeste  inveniuntur  (v.  163,  451,  280). 
neque  tarnen  spurius  est  Thyestes. 

Iam  unum  argumentum  nondum  refutatum  superest  inter- 

,w)  perperam  addidit  Melzerus  Med.  290  et  Thy.  316,  quibua  loci» 
non  forsan  vel  forsitan,  sed  fortasse  exatat. 

%w)  HO  211  pro  in  A  traditum  in  E  omiaaum  eat.  hoc  loco  olini 
a  exatitisae  coniecit  Wilamowitzius.  cum  Iole  in  aequenti  versu  patrem 
appellet,  fortaaae \tHri  supplendum  estt  (tibi  si  tumulum  fata  dedissent). 
—  HO  1201  traditam  particnlam  o  retinendam  esse  aupra  (p.  354  aq.) 
expoaui.  —  bene  Melzerus  de  veraibuB  1231  et  1803  diaputavit  (p. 
34/35).  —  EO  1778:  o  nimis  felix  nimis,  HO  1803:  pro  nimis  felix 
nimis.  hia  exempliB  uaum  particulae  pro  optime  illustrari  Leo  credi- 
dii  legat  vir  doctissimus  HO  1827:  o  misera  pietas  et  Oed.  19:  pro 
nrisera  pietas. 

,07)  hoc  exemplum  et  alia  vidit  Birtius  (Philol.  03  fasc.  3  p.  430  sq.). 


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:38G 


AemiliuB  Ackermann, 


iectionem  ei  mihi  sexies  (1024,  1172,  1181,  1205,  1402,  1784) 
in  HO,  in  reliquis  fabulis  nusquam  legi  dixit  Leo  (I  p.  69).  sed 
duo  loci  1181  et  1205  nimis  dubii  sunt;  nam  1181  in  E  tra- 
ditum  est  potuisset  mihi  et  in  A  potuissem  mihi,  atque  cum 
Lipsius  potuissem  ei  mihi  coniecisset,  Birtius  placuissei  mihi 
scribi  maluit  (p.  541).  HO  1205  in  E  legimus:  perdidi  et 
mortem  mihi  totiens  honestam,  in  A  perdidi  mortem  hei  mihi 
e.  q.  s. ,08)  itaque  quattuor  tantum  loci  satis  certi  sunt:  1024, 
1172 109),  1402  no),  1784.  Leoni  concedendum  est  hanc  inter- 
iectionem  ceteris  in  tragoediis  nusquam  usurpatam  esse,  parva 
igitur  differentia  exstat.  sed  cum  hoc  fere  solum  argumentum 
sit  quod  non  infirmari  potest,  non  credibile  videtur  hac  una 
particula  effici,  ut  Herculem  Oetaeum  spuriam  esse  cuiquam 
persuadeatur  (cf.  Melz.  p.  35).  an  credis  etiam  Herculem  füren- 
tem,  Phoenissas,  Agamemnonem  fabulas  non  a  Seneca  scripta« 
esse?  inveniuntur  enim  particulae  mox,  furtim,  istuc111),  raro 
undecumgue  non  nisi  in  Hercule  furente 112).  agite,  ideot  mem- 
bratim,  subinde  in  Phoenissis  tantum  leguntur  ns).  atque  in 
sola  Agamemnone  exstant  oMamen  403*IU),  hodie  752,  971, 
interea  965,  posthac  964,  siquidem  306,  extra  967,  encliticom 
-pte  (suapte)  25011&).  addere  liceat  interiectionem  ei  mihi  bonis 
poetis  usitatam  esse  (cf.  Leo  I  p.  67  sq. ). 

Quis  igitur  sit  auctor  Herculis  Oetaei  noniam  incertum 
esse  credo.  omnia  enim  argumenta  virorum  doctorum,  qui  fa- 
bulam  hanc  a  ceterarum  poeta  abiudicaverunt,  refellisse  ac  di- 
luisse  mihi  videor.  itaque  cum  traditum  sit  Herculem  Oetaeum 
tragoediam  a  Seneca  profectam  esse,  eruditissimo  illi  Neronis 
magistro  relinquenda  est. 

,08)  perdidi  et  dictum  est  pro  et  perdidi.  quare  verba  in  E  tradita 
retinenda  esse  puto. 

,09)  in  A  pro  impendo  ei  mihi  exstat  impendo  male. 

no)  A  praebet  et  mihi. 

m)  traditum  est  istum. 

ut)  v.  458,  1179,  1029,  325,  1011. 

n9)  v.  834,  304,  170,  232. 

114 j  vidit  Richterus  (d.  S.  tr.  a.  p.  27). 

"*)  suapte  deprehendit  Schmidtius  (1.  s.  p.  13). 


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De 


387 


II.  De  unitate  tragoedia  e. 

Deinceps,  ut  erat  propositum,  exaniinanda  sunt  argumenta 
eorum  qui  Herculem  Oetaeum  totam  et  indivisam  tragoediaui 
esse  negaverunt.  exstiterunt  enim  qui  hanc  vel  illatu  fabulae 
parteiu  spuriam  aestimarent.  ac  Swoboda  quidem  canticum 
illud,  quod  legitur  1031 — 1130,  cum  reliqua  tragoedia  non 
cohaerere  se  perspexisse  opinatus  est  (1.  s.  p.  344) 11Ä).  in  eodem 
cantico  haesit  Goebelius  (1.  s.  p.  738  sq.).  qui  vir  doctissiraus 
versus  1036—1099  ab  Herculis  Oetaei  scriptore  abiudicavit 
causis  commotus  his.  verba,  inquit,  ,i7ftws  stetü  ad  modos 
(v.  1036)1  nequaquam  cohaerent  cum  praecedentibus,  et  verstts 
1092  sententiam,  quae  ab  initio  legitur  (103 1  sq.)  foede  iterat; 
versibus  autem  1093 — 1099y  quamquam  plane  vix  explicari 
possunt,  extenuari  tantutn  ac  debilüari  verba  'aeternutn  fieri 
nihil  (1035)'  in  promptu  est;  nec  vero  versus  1099  tnagis  ad 
ceteros  quadrat;  namque  quid  sibi  vult  oratio  quae  vocatur 
directa?  quid  futurum  poterit  ?  Swobodae  et  Goebelii  argu- 
menta Melzerus  non  satis  accurate  refellit  (p.  20  et  27).  neque 
enim  negavit  versibus  1036—1099  digressionem  contineri,  neque 
operam  dedit,  ut  demonstraret  totum  canticum  cum  reliqua 
tragoedia  artissime  cohaerere.  —  In  scaena  illa  v.  742  sqq.,  ut  ad 
rem  ipsam  accedamus,  Hyllus  matri  narrat  Herculem  brevi 
spatio  interiecto  moriturum  esse,  qua  re  cognita  chorus  ma- 
guopere  miratus  quod  viribus  pollentissimus  ille  heros,  Iovis 
filius,  morti  obnoxius  est  quaerit,  quomodo  hoc  fieri  possit. 
quaerenti  autem  venit  in  mentem  Orphei,  qui,  quamquam  om- 
nia  cantu  suo  vicerat,  mortem  superare  non  potuit.  nonne  ar- 
tissime canticum  cum  antecedentibus  versibus  cohaeret?  nunc 
quoque  elucet  in  glyconeis  1036 — 1099,  quibus  chorus  ma- 
gnam  Orphei  cantus  vim  describit,  digressionem  non  inesse. 
hac  enim  re  chorus  probare  id  ipsum  studet  Orpheum  non 
minus  potentem  heroem  fuisse  quam  Herculem  et  nos  addu- 
cere  ut,  cum  vocalis  ille  vates  mortis  vincula  solvere  non 
potuerit,  nunc  etiam  Herculem  e  vita  discessurum  facilius  cre- 
damus.  ubi  igitur  poeta  a  proposito  digressus  est? 

"•)  Hac  de  re  certiorem  me  fecit  Melzerus  (p.  20). 

Philologe»,  Supplementband  X,  drittel  Heft.  26 


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888 


AemiliuB  Ackermann, 


Sententia  quae  ab  initio  (1031  sq.)  legitur,  non  foede,  sed 
commode  iteratur  1092.  primum  enim  comperimus  Orpheum 
cecinisse  aetemum  fieri  nihil,  tum  certiores  fimus,  quantus 
heros  Orpheus  fuerit,  deinde  quo  tempore  cecinerit.  cf.  etiam 
Melzer  p.  27. 

Versibus  autem  1093 — 1099  extenuari  tan  tum  ac  debili- 
tari  verba  aetemum  fieri  nihil  quis  credat?  solus  versus  1099 
ad  1085  respicit  et  sine  dubio  bene  respicit.  sed  cum  etiam  ex 
ultimo  Goebelii  argumento  appareat  eum  versus  1093  sq.  non 
satis  intellexisse  paulo  accuratius  de  eis  loquar. 
HO  1093:  Leges  in  superos  datas 

et  qui  tempora  digerit 

quattuor  praecipitis  deus 

anni,  disposuit  vices; 

nulli  non  avidi  colus 

Parcas  stamina  necfcere: 

quod  natum  est,  poterit  11 7)  mori. 
M.  Muellerus  (1.  8.  p.  54)  agnoscendam  esse  censuit  sententiae 
conformationem  hanc :  leges  in  superos  datas  et  vices  disposuit 
qui  deus  tempora  digerit  anni.  mihi  verisimile  videtur  hos  ver- 
sus intellegendos  esse  sie :  deus,  qui  leges  in  superos  datas  et 
tempora  quattuor  praecipitis  anni  digerit^  disposuit  inces  e.  q.  s. : 
quae  verba  verti  velim  hoc  fere  modo :  Der  Gott,  welcher  die 
für  die  Himmlischen  gegebenen  Gesetze  und  die  vier  Zeiten 
des  schnell  enteilenden  Jahres  anordnet,  verteilte  die  Rollen. 
So  befahl  er  den  Parzen  jedem  Menschen  ein  Gewebe  gierigen 
Fadens  zu  knüpfen.  Darum  muß  alles  Geborene  sterben,  recte 
disseruit  M.  Muellerus  de  verbis  avidi  colus.  colus  est  avidus 
sui  ipsius  consumendi,  quia  hac  re  simul  hominis  vita  consu- 
mitur 118).  non  item  bene  Muellerus  de  versibus  1097 — 99  dis- 


m)  Quin  poterit  (1099)  perperam  traditum  sit,  non  dubito. 

"•)  Verba  avidi  colus  sie  intellegenda  esse  negavit  Koetschau  (Phi- 
lol.  N.  F.  15  p.  153).  neque  enim  credidit  fieri  posse,  ut  colus  8ui  ipsius 
consumendi  avidus  sit  quam  ob  rem  pro  avidi  coniecit  rapidi,  sed  boc 
loco  poeta  usus  est  notissima  illa  figura  quam  vocant  enal lagen  attri- 
buti.  haec  autem  a  poetis  saepissime  usurpata  est.  ac  perlegas  exem- 
pla  quae  Friedlaenderus  ad  Martial.  I  15,  7  et  ad  Juvenal.  II  170  ad- 
notavit  Statins  Theb.  V  274  stamina  appellat  crudelia,  sed  re  vera  non 
stamina  crudelia,  sed  Parcae  crudeles  sunt  praeterea  affero  Oed.  164, 
flf.  555,  Phaed.  439. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


389 


putavit,  quos  hoc  fere  modo  verti  vult:  'Gott  befahl  den  Par- 
zen jedem  Menschen  die  Möglichkeit  des  Todes  zu  geben. 
Daher  wird  alles  Geborene  sterben  können',  credidit  igitur  ver- 
bum  poterit  (1099)  recte  traditum  esse,  quod  omni  probabili- 
tate  caret m).  in  vereibus  1090  sq.  legimus  Orpheum  cecinisse, 
ut  desiderium  suum  coniugis  iterum  amissae  solaretnr.  sed 
quäle  est  solacium  id  quod  omnes  homines  mori  possunt? 
Orpheo,  si  de  Eurydices  morte  se  consolari  volebat,  sine  dubio 
dicendum  erat  omnes  homines  mori  necessarium  esse190), 
itaque  suo  iure  Goebelius  haesit  in  voce  poterit.  sed  fere  om- 
nes viri  docti,  qui  hunc  locum  tractaverunt,  verbum  poterit 
corruptum  esse  concesserunt.  pro  poterit  coniecerunt  N.  Hein- 
sius  (1.  s.  p.  587)  patüur,  Birtius  quem  Leo  secutus  est  quod 
erit,  Richterus  (Symbola  Doct.  Ien.  Gym.  p.  28)  opus  est, 
Koetschau  (p.  154)  toleret.  N.  Heinsium  et  Richterum  recte 
indicativum  praesentis  desiderasse  mihi  quidem  persuasum  est. 
nec  video  cur  Goebelius  orationem  directam  improbaverit.  poeta 
dicit : 

nulli  non  avidi  colus 

Parcas  stamina  nectere: 
ex  quo  sequitur: 

quod  natum  est,  (debet)  mori. 
Richten  emendatio  mihi  placeret,  si  melius  cum  traditis  litte- 
ris  conveniret.  equidem  credo  legendum  esse  properat,  quod 
facillime  in  poterit  depravari  poterat.  properat  autem  bene 
alludit  ad  verba  avidi  colus.  cum  colus  sit  avidus,  homines 
mori  properant.  atque  adiuvant  me  Tachavi  verba  haec  (Pin- 
iol. 48  [1889]  p.  728) :  wie  denn  Seneka  properare  häufig  in 
Beziehung  auf  den  Tod  gebraucht  wie  Hf.  674,  487  Oed.  129, 
HO  1525,  Troad.  1173,  Phoen.  99.  addere  possum  Hf.  873 
et  178  m),  qui  locus  aptissimus  est : 

dum  fata  sinunt,  vivite  laeti : 
properat  cursu  vita  citato 
volucrique  die 

Muellerus  contendit  (p.  55)  verba  quod  natum  est,  poterit  mori 
(1099)  ideni  v alere  atque  aeternum  fieri  nihil  (1035),  sed  omnino  verum 
non  est 

1M)  Hoc  recte  monnit  Koetschau  (p.  154). 
in)  Vidit  primus  M.  Muellerus  (1.  s.  p.  54). 

26* 


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390 


A  emiliug  Ackermann, 


rota  praecipitis  vertitur  anni; 

durae  peraguut  pensa  sorores 

nec  sua  retro  fila  revolvunt. 
si  versus  HO  1093  sq.  cum  bis  conferes  niagnaui  similitudi- 
uem  deprehendes.  in  utroque  loco  legimus  verba  praecipitis 
anni,  in  utroque  Parcae  commemorantur.  itaque  cum  II  f.  178 
scriptum  videamus  properat  cursu  vita  citato,  mihi  proba- 
tur  etiam  HO  1099  olim  exstitisse  quod  natum  est,  prope- 
rat mori.  iam  in  cantico  illo  (1031—1130)  omnia  plana  sunt. 

Alium  autem  locum  tentavit  Goebelius,  cum  versus 
163—172  spurios  esse  stotuit  (p.  743).  verba,  inquit,  v.  173  sq. 
aptissime  respondent  versui  162,  sed  nihü  eis  rei  est  cum  se- 
quentibus  versibus  (163  sq.),  quos  etiam  mtdtis  aliis  de  causis 
esse  respuendos  apparet ,  praeterquam  quod  contra  lugentium 
naturam  pwjnant  quae,  quicumque  versus  163 — 172  excndit, 
chorum  Oechaliarum  virginum  amplius  diceniem  indueü.  nam, 
postquam  pairiam  urbem  ab  Hercule  captam  esse  atque  ever- 
sam  pronuntiaverunt,  consentaneum  erat  conticescere  ac  luctui 
se  tradere,  sed  non  tales  ineptias  proferre.  haec  Goebellii  ver- 
ba vix  digna  quae  redargnantur  facülime  refeilere  potuit  Mel- 
zerus  (p.  28). 

Peiperus  et  Richterus  cum  olim  opinarentur  fabularum 
harum  cantica  in  strophas  dividenda  esse  saepius  nonnullos 
versus  spurios  esse  cogebantur  statuere.  sed  cum  nunc  inter 
omnes  constet  strophicam  distributionem  deprehendi  non  posse 
bac  de  re  verba  facere  non  opus  est 

De  Llabruckeri  libello  (quaestionum  Annaeanarum  capita 
IV  pars  II),  quem  neque  bibliothecae  neque  librarius  mihi  tra- 
dere potuerint,  tantummodo  Leonis  iudicium  referre  possum. 
Habruclcerus,  inquit  (I  p.  71),  coniecü  (p.  47  sq.)  fabulae  ini- 
tium  (1—232)  et  finem  (1691  sq.)  ab  alio  quodam  solido  Se- 
necae  operi  adsuta  esse,  honoris  causa  iUutn  nomino  et  ut 
hanc  laudem  incolumem  habeat.  namque  argumenta  quae  pro- 
tulit  non  multum  valent  nec  difficuUaium  quas  et  alii  et  nos 
cognovimus  idla  coniectura  ista  eliminatur;  finem  vero  tragoe- 
diae  ponit  quo  terminari  omnino  nequü,  id  quod  et  ipsum  iam 
concessurum  puto ;  denique,  quod  summum  est,  pessimam  par- 
tem  vitiisque  refertam  Senecae  relinquü,  quo  digna  habet  Her- 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


391 


cults  Jatnent(t mdiijYiam  AXcmaxac  de  nati  reliqHtis  (fec?(MWfl* 
tionem :  quae  ab  uno  eodemque  profecta  esse  quovis  pignore 
adfirmarim.  itaque  cum  Leo,  quamqaam  ipse  Herculem  Oetaeum 
indivisam  tragoediam  esse  negavit  Habruckeri,  argumenta  repu- 
diaverit,  facilius  ferri  potest,  quod  libellum  viri  doctissimi  ip- 
sum  non  inspexi. 

Quid  autem  Leo  ipse  se  detexisse  opinatus  est?  qui  cum  olim 
(I  p.  71  sq.)  crederefc  post  versum  705  non  eandem  Deianiram 
comparere  quae  cum  nutrice  colloquinm  v.  256  sqq.  habuit, 
versus  706  usque  ad  finem  (v.  1996)  a  reliquae  tragoediae  auc- 
tore,  Seneca  scilicet,  abiudieavit.  nunc  autem,  cum  Birtius 
(p.  511  sq.)  et  Melzerus  (p.  15)  post  yersum  705  eandem  Dei- 
aniram in  scaenam  prodire  penitus  demonstrayerint  se  a  vero 
aberrasse  Leo  coactus  est  confiteri  (Gr.  G.  A.  p.  7  adn.  1).  ita- 
que maximura  argumentum  viro  doctissimo  ereptum  est.  atque 
quamquam  concessit  priorem  et  alteram  fabulae  partem  in  re 
inter  se  non  dissentire,  tarnen  in  virtute  poetica  prorsus  inter 
se  discrepare  perrexit  contendere.  et  nunc  versus  740—1996, 
quos  a  Senecae  arte  alienos  putavit,  spurios  esse  statuit.  sed 
cum  argumenta  quibus  ad  tragoediam  Senecae  abiudicandam 
usus  est,  omnia  a  nobis  profligata  sint,  nemini  non  conceden- 
dum  est  et  in  re  et  in  virtute  poetica  duas  eins  partes  plane 
inter  se  congruere.  et  si  Leo  recte  dixisset  in  posteriore  plura 
quam  in  priore  cum  Senecae  usu  discrepantia  inveniri,  id  ta- 
rnen, cum  altera  pars  fere  duplo  amplius  spatium  compleat, 
non  multum  valeret,  nam  pluribus  in  versibus  etiam  plura 
singularia  exstare  consentaneum  est. 

Ipsam  priorem  partem,  quam  Senecae  reliquit,  conseusu 
atque  unitate  carere  idem  Leo  affirmare  conatus  est.  integral* 
inquit  (I  p.  74),  de  Herculis  morte  tragoediam  scribere  Seneca 
in  mente  non  habuit ;  singulas  scaenas  scripsit,  alteram  de  vir- 
ginibus  ex  Oechalia  abduetis,  alteram  de  Deianirae  zelotypia. 
atque  opinionem  suam  probare  studuit  argumentis  his  (I  p.  73) : 
primum  enim  duas  scaenas  habemus  inter  se  viat  cohaerentes: 
siquidem  unam  fabulam  duobus  locis  agi  a  Senecae  arte  cete- 
rum  constanter  observata  alienum  est.  deinde  captivas  quae 
v.  135  sq.  nondum  sciant  Trachina  an  Thebas  abducantur, 
v.  233  dudum  intrassc  Deianirae  domum  a  probabilitate  ni- 


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392 


Aemilius  Ackermann, 


miutn  abhorret ;  denique  quod  tantum  non  singulare  est,  in  se~ 
cuttda  scaetia  alius  chorus  iuducitur.  de  primo  et  tertio  Leo- 
nis argumenta  iam  supra  (p.  327)  satis  superque  diximus.  secun- 
dum  fortasse  alicuius  momenti  esset,  si  Herculem  Oetaeum  in 
scaenam  productam  esse  crederemus.  sed  vel  sie  haec  fabula 
ab  Annaeano  usu  non  aliena  est.  Melzerus  enim  optime  de- 
in onstravit  (p.  13)  solere  Senecam  in  eis  quae  extra  scaenam 
gerantur  rebus  temporis  rationem  parum  diligenter  instituere. 
quamquaui  exempla  quae  Melzerus  attulit,  sufficere  videntur, 
tarnen  pauca  ex  aliis  poetis  addere  mihi  liceat.  In  Euripidis 
Helena  dum  chorus  tertium  canticum  canit  pugna  navalis  coni- 
mittitur  et  in  Andromacha  Orestes  Pthia  Delphos  proficiscitur 
eodem  fabulae  loco.  similis  yel  maior  licentia  admissa  est  in 
Euripidis  Electra122).  his  igitur  Leonis  argumentis  Herculis 
Oetaei  primum  et  secundum  actum  inter  se  discrepare  nequa- 
quam  probatur.  ac  ne  quis  illud  proferat  quod  Richterus  edi- 
tor  (p.  320)  statuit  in  Hercule  altero  quattuor  persona^  in 
scaenam  procedere,  moneo  in  Agamemnone  idem  fieri122*. 

Melzerus,  qui  recte  vidit  versus  195  (resonetque  malis 
asper a  Tr achin)  et  224  (sed  iam  dominae  teäa  petantur)  non 
nisi  Trachine  ante  regiam  pronuntiari  posse,  prologum,  post 
quem  scaena  mutanda  sit,  cum  reliqua  tragoedia  cohaerere  ne- 
gavit  (p.  11).  Leo  autem,  cum  versus  126  (hoc  ducet  peeudes 
e.  q.  s.)  et  135  (ad  Trachiva  vocor)  legisset,  haec  verba  solum- 
modo  in  Euboea  dici  posse  statuit  (G.  Gr.  A.  p.  9).  quam  ob 
rem  prologum  et  priorem  cantici  partem  in  Euboea,  alteram 
partem  Trachine  agi  credidit.  Richterus  (cf.  edit  p.  324 
adn.)  adnotavit:  In  prologo  Euryti  regnum  in  Euboea  habes 
(v.  100) ,  tum  virgines  captae  patriam  Oechaiiam  proßentur 
Aetolam  (125  sqq.),  loles  lamenta  Traeliine  audiuntur  ante  re- 
giam (v.  195.  224).  en  diver sa  primi  actus  lineamenia!  et 
recte  quidem  statuerunt  viri  docti  prologum  in  Euboea  agi. 
dicit  enim  Hercules  v.  99: 

Sed  tu,  comes  laboris  Herculei,  Licha, 
perfer  triumphos,  Euryti  victos  lares 
stratumque  regnum.  vos  pecus  rapite  ocius 

,J*)  Cf.  Lindskog,  Studien  zum  antiken  Drama  p.  11  adn.  2. 

"=•)  Cf.  Kiesslingii  adnotationem  ad  Horat.,  de  arte  poetica  v.  192. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


393 


qua  templa  tollens  ora  Cenaei  Jovis 

austro  timendum  spectat  Euboicum  mare. 
huic  loco  concinunt  verba  Hylli  (v.  775  sq.),  qui  matri  narrat 
Herculem  pallam  illam  perniciosam  in  Euboea  prope  templam 
Cenaei  Jovis  induisse.    Herculem  igitur  in  Euboea  versantem 
poeta  inducit.  chorus  autem  iam  alibi  est.  legas  v.  125: 

iam  gelidus  D  o  1  o  p  s 

hac  ducet  pecudes  qua  tepet  obrutus 

stratae  qui  superest  Oechaliae  cinis. 

illo  Thessalicus  pastor  inops  loco 

indocta  reterens  carmina  fistula 

cantu  nostra  canet  tempora  flebili ; 

et  dum  pauca  deus  saecula  contrahet, 

quaeretur  patriae  quis  fuerit  locus. 

felix  incolui  non  steriles  focos 

nec  ieiuna  soli  iugera  Thessali: 

ad  Trachina  vocor,  e.  q.  s. 
apertissimum  est  chorum  non  ad  Oechaliam  Aetolam,  sed  apud 
Oecbaliam  Thessalam  versari.  dicit  enim  perspicue  felix  in- 
colui iugera  soli  Thessali  et  iUo  loco  (sc.  quo  olim  Oecha- 
lia  stetit)  Thessalicus  pastor  nostra  tempora  canet  et 
hac  qua  nunc  Oechalia  obruta  iacet,  Dolops  pecudes  ducet. 
Dolopes  autem  in  Thessalia  sedes  habebant l8s). 

Iolen  paulo  post  ante  Deianirae  domum  Tracbine  loqui 
iam  supra  (p.  392)  diximus.  is  qui  etiamnunc  contendet  Hercu- 
lem Oetaeum  ita  scriptam  esse,  ut  in  scaenam  produci  possit, 
satis  fatuus  est.  sed  forsitan  quispiam  dixerit  cum  prologus 
in  Euboea,  cantici  primi  pars  prior  in  Thessalia,  pars  altera 
Trachine  agatur,  male  inter  se  has  scaenas  cohaerere.  re  vera 
autem  prologus  et  duae  cantici  partes  artissime  inter  se  cohae- 
rent.  in  prologo  enim  Hercules  de  rebus  gestis  gloriatur  atque 
narrat  se  Euryti  regnum  perdidisse.  tunc  chorus  in  scaenam 
procedit  et  de  patria  urbe  ab  Hercule  deleta  querelas  facit. 
itaque  in  re  ipsa  canticum  cum  prologo  consentit  atque  con- 


"*)  Itaqne  poeta  dicit  in  prologo  Oechaliam  Euboicam,  in  cantici 
priore  parte  Oechaliam  Thessalam  ab  Hercule  everaani  esee.  cf.  Här- 
der 1.  b.  p.  462. 


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394 


Aemilins  Ackermann, 


cordat.  neque  quae  Iole  dicifc  discrepaut  cum  antecedentibus 
verbis.  incipit  enim  his  a  versibus: 

A  t  e  g  o  infelix  non  templa  suis 

conlapsa  deis  sparsosve  focos, 

nafcis  mixtos  arsisse  patres 

bominique  deos,  templa  sepulchris, 

nullum  querimur  commune  malura: 

alio  nostras  fortuna  vocat 

lacrimas,  alias  flere  ruinas 

Me  fata  iubent. 
nonne  apertissime  Iole  ad  antecedentia  chori  verba  respicit? 
chorus  collapsa  templa  et  interfectos  homines  questus  est.  at 
Iolae  non  hac  de  re,  sed  de  sua  fortuna  lamentandum  est, 
nam  regis  filia  nunc  captiva  et  paelex  facta  est.  iam  vides 
Herculem,  chorum,  Iolam  ita  loqui  velut  si  scaena  omnino 
non  mutetur.  quomodo  autem  hoc  fieri  potuit?  Hercules 
Oetaeus  non  fabula  dytovtaxtXT)  est,  sed  dpäjioc  dvayvworixov. 
nunc  scaena  in  u  tan  da,  nunc  duplex  chorus,  nunc  quarta  per- 
sona, nunc  multitudo  versuum  satis  habent  excusationis  cf.  su- 
pra  p.  327  sq.  et  infra  p.  412.  nec  iam  dici  potest  nimium  a 
probabilitate  abhorrere  captiras,  quae  135  nondum  sciant 
Tracbina  an  Thebas  abducantur,  v.  233  dudum  intrasse  Dei- 
anirae  domum.  neque  offensionem  praebet  quod  poeta  dum  no- 
naginta  chori  versus  decurrunt  (HO  1518 — 1606).  mg  entern 
rogum  exstructum  et  Herculem  crematum  esse  finxit m).  nunc 
tolerabile  est  quod  palla  illa  media  in  scaena  ac  luce  Nessi 
sanguine  illinitur  tenebris  tegendo186).  atque  intellegere  possu- 
mns  Deianiram,  quae  nutrici  dicat  (v.  475): 

sed  te  per  omne  caelitum  numen  precor, 
per  hunc  tiraorem :  quicquid  arcani  apparo 
penitus  recondas  et  fide  tacita  premas, 
a  choro  non  item  taciturnitatem  postulare.  quod  Sophocles, 
cuius  fabulae  in  scenam  producebantur,  sibi  non  indulsit,  cf. 
Trach.  596:  pövcv  iwep'  öp&v  eü  oreyotp€\r'.  oxoxtp 

x£v  odaxpdt  rcpaoaYj;,  oötcox'  aiayJjviQ  Tieast  "•). 

1M)  Hoc  vituperavit  D.  Heins ius  (ap.  Scr.  p.  325  sq.). 
tn)  Qnod  offendit  Melzernm  (p.  6  sq.). 

Leo  tunc,  cum  putavit  Deianiram  non  innocentera  Neesi  fraude 


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Pe  Senecae  Herculo  Oetaeo. 


395 


nunc  id  quoque  feremus  quod  moritarus  Hercules  dilaceratus 
in  scaenam  prodit  ibique  paulatim  veneno  succumbit  m).  ita- 
que  neminem  non  concessurum  spero  Herculem  Oetaeum  esse 
Späfia  dvayvcoattxöv.  fortasse  autem  poetae  ignosci  non  Tis 
quod  in  eadem  fabula  Oechaliam  Euboicam  cum  Oechalia 
Tbessala  confudit.  sed  bic  error  non  tantus  est,  quantus  vide- 
tur.  narrabant  enim  antiqui  de  Oechalia  Thessala  idem  ac  de 
Ocbalia  Euboica.  legas  Eustathium  (ad  Iliadem  ed.  Lipsiae  1827 
p.  242):  SfjXov  5£  frei  EöpuTov  ßaaiXea  OtyaXta;  ol  uiv  Tfjs 
OercaAtxfj;  eteov,  ol  Bk  e.  q.  s.  idem  iam  Strabo  conimemorat 
(VIII  p.  C  339).  atque  iam  supra  (p.  339)  vidimus  Senecam 
nonnumquain  cum  se  ipso  discrepare.  in  una  Oedipode  fabula 
dicit  Laium  ferro  (v.  1034)  et  stipite  (v.  769)  necatum  esse, 
plura  eiusmodi  exempla  collegit  Harderus  (1.  s.  p.  451  sq.). 
itaque  etiam  haec  discrepantia  a  Senecae  arte  tragica  non  alie- 
na  est. 

Sequitur  ut  consideremus  argumenta  Tachavi,  qui  versus 
104—172  spurios  esse  studuit  probare  (Pbilol.  46  p.  378  sqq.). 
quia  enim  primos  versus  (1Ö4 — 106)  non  satis  intellexit,  sen- 
tentiarum  progressum  versibus  107 — 117  turbari  credidii  ver- 
tit  autem  104—106  sie:  4 Wer  bis  an  sein  Lebensende  glück- 
lich ist,  ist  den  Göttern  gleich;  dem  aber  ist  das  Leben  ein 
langwieriger  Tod,  wer  es  verseufzen  muß.1  at  ante  Tachavum 
iam  Birtius  rectissime  vidit  (p.  534)  vertendum  esse  hoc  fere 
modo :  4 Wer  zugleich  mit  dem  Qlück  auch  das  Leben  verliert, 
ist  den  Göttern  gleich;  für  den  aber,  der  das  Leben  unter 
Seufzen  langsam  dahin  schleppen  muß,  ist  es  dem  Tode  gleich.' 
hoc  poeta  confirmat  versibus  107 — 110:  4is,  inqnit,  qui  mor- 
tuus  est,  quiequam  mali  noniam  perpeti  potest'.  itaque  versus 
107 — 110  optime  cohaerent  cum  antecedentibus  l88).  nec  locum 
111  — 118  Tachavus  intellexit.  dixit  enim  chorum  laudare  eum 
qui  post  cladem  gravem  aeeeptam  se  ipsnm  vita  privet.  quare 

captam,  sed  mendacem  et  dolosam  fem  in  am  esse,  chorum  consulto  ab 
ea  neglegi  et  deeipi  contendit.  dixit  enim  (1  p.  72)  nec  quod  nutrice 
abseilte  Amori  preces  fundit  {sc.  Deianira),  td  ex  animi  ütam  sententia 
facere  credas :  adstant  enim  mulieres  quas  sibi  ex  patria  comües  duxtrat 
(v.  581). 

Hoc  loco  Birtium  (p.  529)  sequor. 
1W)  Quam  ob  rem  non  per  stolidam  imitationem  ex  Troadibusex- 
pressi  sunt  dicendi.  cf.  supra  p.  837. 


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396  Aemilius  Ackermann, 

aegre  tulit  quod  virgines  in  cantici  fine  non  consilium  capiunt 
se  ipsas  interficiendi.  re  vera  autem  chorus  eum  celebrat  qui 
in  ipsa  clade  accipienda  mortem  non  fugit.  et  haec  sane  alia 
res  est  virgines  eo  tempore  quo  Hercules  Oechaliam  expugna- 
vit  mortem  neque  fugerunt  neque  nactae  sunt,  itaque  apte 
dicunt129)  (v.  121): 

nos  non  ilamma  rapax,  non  fragor  obruit: 

felices  sequeris,  mors,  miseros  fugis, 

stamus  e.  q.  s. 

stare  idem  sonare  ac  vivere  conteuderunt  Birtius  et  Melzerus 
(p.  11),  negavit  Tachavus.  qui  vir  doctissimus  non  recte  dixit 
stare  Semper  idem  significare  quod  vigere  vel  florere.  conferas 
enim  Valer.  Flacc.  VII  353  nee  notis  stabat  (=  erat)  conten- 
ta  venenis  (sc.  Hecate). 

Denique  Tachavus  haesit  in  versu  143.  sed  ipse  concessit 
hunc  versum  si  cum  Leone  post  150  traicimus  offensioni  non 
esse,  itaque  versus  104 — 172  Herculis  Oetaei  auctori  relin- 
(juemus. 

Iam  poscit  nos  Melzerus.  hic  vir  doctissimus  statuit  Her- 
euleni  Oetaeum  fabulam  a  poeta  breviter  delineatam,  non  abso- 
lutam  et  perpolitam  esse,  composuisse  eum  singulas  scaenas, 
antequam  de  totius  fabulae  consilio  et  ordine  satis  ei  consta- 
ret,  nam  et  plures  inveniri  eiusdem  consilii  scaenas  et  male 
cohaerentes  et  inter  se  pugnantes  neque  dubitandum  videri 
quin  Seneca  si  extremum  perpoliendi  operis  hiborem  adhibuis- 
set,  gemellis  locis  deletis  in  solitum  versuum  numerum  tragoe- 
diam  fuerit  contracturus  (p.  3  et  p.  13).  ac  primum  quidem 
dicendum  est  de  eis  scaenis,  quas  bis  in  HO  exstare  Melzerus 
deprehendisse  sibi  visus  est  (p.  3  sqq.).  comparavit  autem  HO 
256  sqq.  cum  410  sqq. ,  quia  aegre  tulit,  quod  Deianira  et 
v.  256  sq.  et  v.  435  sq.  de  interficiendo  marito  cogitat l80). 
sed  ego  non  video  cur  Deianira  bis  de  eadem  re  loqui  non 
possit.  atque  commode  Leo  contra  dixit  (6.  G.  A.  p.  8) :  'In 

•»•)  Hoc  negavit  Tacbau. 

1M)  Prius  necia  conailiam  a  Deianira  haud  aperte  significatum  eexe 
Melaerua  perperam  contendit.  quid  enim  hac  re  apertiua  eese  potest? 
Deianira  aicit 

v.  305  qui  dies  thalami  ultimua 

nostri  est  futurus,  hic  erit  vitae  tuae. 
cf.  etiam  v.  880. 


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De  Senecae  HercuK«  Oetaeo. 


397 


der  großen  Scene  mit  der  Amme  liegt  es  durchaus  im  Gange 
des  geschilderten  Affekts,  daß  der  zu  Anfang  das  Weib  be- 
herrschende Mordgedanke  durch  die  Reden  der  Amme,  die  ihn 
scheinbar  dämpfen,  wieder  angefacht  wird.'  hoc  igitur  bene 
est.  nec  vituperare  debuit  Melzerus  quod  Deianira  in  poste- 
riore loco  propalam  dicit  se  Uerculem  necare  in  animo  habere, 
iterum  enim  recte  contendit  Leo  (1.  s.):  4daß  Deianira  den  Her- 
kules hatte  töten  wollen,  konnte  Seneka  nicht  deutlich  genug 
ausmalen,  da  es  den  späteren  unabsichtlichen  Mord  vordeutet'131), 
deinde  Melzero  displicuit  quod  nutrix  bis  ab  iisdem  verbis 
(perimes  mariium)  incipit  loqui  (v.  315.  436).  iam  tertium 
Leo  auxilio  mihi  vocandus  est.  qui  vir  doctissimus  recte  vidit 
haec  verba  in  versu  315  prorsus  aliter  accipienda  esse  quam 
in  v.  436.  priore  enim  loco  {perimes  tnaritum  cuius  e.  q.  s.) 
poeta  sententiam  relativam  efferri  vult,  posteriore  vocem  mari- 
tim, quod  ex  Deianirae  responso  (paelicis  certe  meae)  aperte 
elucet  denique  Melzerus  contendit  extrema  Deianirae  verba, 
quibus  ampliori  orationi  finem  faciat,  simile  praebere  argu- 
mentum: languere  dolorem  eam  sentire  et  ut  servet  impetum, 
se  adhortari  (v.  307  sq.  v.  434/5).  cum  Melzero  obloqui  super- 
fluum  esse  Leoni  visum  sit m),  pauca  mihi  contra  dicenda  sunt, 
de  priore  loco  (v.  307  sq.)  Melzerus  recte  disseruit.  sane  Dei- 
anira cum  dolorem  mitigari  animadvertat,  se  admonet  ut  ani- 
mi  violentiam  integram  habeat.  sed  haec  admonitio  frustra 
est,  nam  lenior  ae  placidior  fit  Deianira,  quod  Melzerus  ipse 
concessit  (p.  3).  itaque  in  posteriore  loco  non  sentit  dolorem 
languere,  sed  seit  dolorem  languisse  et  se  non  adhortatur  ut 
servet  impetum,  sed  ut  recuperet 133). 

Porro  Melzerus  inter  se  componi  voluit  versus  845  sq., 
858 sq.,  868  sq. ;  offendit  autem  in  eo,  quod  Deianira  ter  ferrum 
eligit,  ter  improbat  et  bis  (v.  846/47.  870)  similis  causa  cur 

,S1)  Haec  Leonis  verba  nemo  non  mirabitur.  ia  qui  statuit  versus 
740  sqq.  spurios  esse,  hoc  loco  dixit  Senecam  Deianiram  de  Herculis 
nece  tarn  aperte  loquentem  fecisse  eo  consilio,  ut  hanc  ad  rem,  quam 
actam  eaae  postea  (▼.  742  sqq.)  audimus,  animos  praepararet. 

IM)  Dies,  inquit,  schien  mir  eines  Wortes  wert  zu  sein ;  die  übrigen 
.Wiederholungen*  nicht 

tas)  Ac  Melzerus  iam  cognovit  cur  poeta  eandem  rem  bis  tracta- 
verit.  quod  cum  nos  sciamus  omnino  verum  non  esse  inutile  est  con- 
siderare. 


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398 


Aeroiliug  Ackermann, 


ferrum  improbetur  additor I5U).  vir  doctissituus  animum  huma- 
nuni non  satis  novit ;  constat  enim  homines  ira  perquam  con- 
citatos  eam  rem,  in  qua  haerent,  iterare  solere.  ac  revoco  te 
ad  Octaviae  locum,  de  quo  aupra  (p.  349)  locutus  aum.  ridicu- 
lum  mihi  quidem  videtur  argumentum  hoc:  accessü,  quod  et 
Vergili  locus  Didonis  mortem  describenHs  (Aett.  IV  494)  et 
Horaii  Od.  III  27,  37  (levis  una  mors  est  =  HO  866)  ani- 
mum scribentis  movebant.  credidit  igitur  Melzerus  Senecam. 
quem  Herculem  Oetaeum  scripsisse  non  negat,  tarn  inibecil- 
lum  ac  8tolidum  poetam  fuisse,  ut  quia  verbis  Vergilianis  et 
Horatianis  locum  dare  voluit  eandem  rem  bis  vel  ter  tractare 
cogeretur.  quis  credat  praeter  ipsum? 

Alias  rerum  repetitiones  Melzerus  repperit  in  versibus 
884 sqq.,  reprehendit  autem  quod  ter  eadem  sententia  ab  Hyllo 
profertur  errorem  culpa  vacare  (885  sq.  900  sq.  983)  et  bis 
legitur  voluntaria  motte  Deianiram  ipaam  de  se  fateri  (889. 
898)  et  bis  Deianira  dicit  voluntaria  morte  innocentiam  pro- 
bari  (890.  899).  sed  mihi  maxime  consentaneum  videtur  Hyl- 
lum  semel  iterumve  idem  dicere.  Deianirae  certum  ac  decre- 
tum  est  mortem  sibi  asciscere  et  cum  Hylli  verbis  aurem  non 
praebeat,  hic  facere  non  potest,  quin  eadem  verba  saepius  pro- 
ferat.  atque  cum  Hyllus  bis  dicat  Deianiram  voluntaria  morte 
se  ipsam  scelere  commisso  arguere,  etiam  bis  Deianira  respon- 
det  voluntaria  morte  innocentiam  probari.  opinionem  suam 
Melzerus  eo  affirmari  voluit,  quod  contendit  iustam  senten- 
tiarum  Seriem  versibus  895/96  male  interrumpi  et  verba  qui- 
bus  Hyllus  sperari  posse  dicit  etiam  ex  hoc  certamine  Hercu- 
lem ut  soleat  victorem  discessurum  esse  (v.  911  sq.)  melius  legi 
post  eos  versus,  quibus  vivere  adhuc  illum  Hyllus  pronuntiet 
(v.  893/94).  si  in  loco  aliquo  contextus  dicendi  intermittitur 
verisimile  est  locum  male  traditum  esse,  itaque  correctura 
hic  locus  Melzero  sanandus  erat,  iani  multis  annis  ante  Mel- 
zerum  Birtius  vidit  (p.  540)  in  versu  897  pro  virum  sequeris 
scribendum  esse  virum  sequaris.  ac  sane  recte  Birtius  emen- 
davit,  habeo  enim  similem  locum,  quo  Phaedra  dicit  (Phaed. 
254)  virum  sequamur,  morte  pracvertam  nefas.    nec  de  Hylli 

'•*)  Talia  tolerabilia  esBe  MelteruB  ipse  contendit  p.  29.  cf.  ropra 
p.  341. 


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De  Seaecae  Hercnle  Oetaeo.  399 

verbiß  quicquam  veri  statuit  Melzerus.  cum  Deianira  in  yersu 
892  dicat  vitam  reimquere  et  Alciden  sequi  in  animo  se  ha- 
bere, Hyllus  apte  respondet  ei  non  sequendum  esse  virum  qui 
nondum  mortuus  sifc.  in  versibus  910/11  Deianira,  quia  Her  cu  Iis 
necis  culpam  sibi  attribuit,  de  se  interficienda  cogitat.  iure  oblo- 
quitur  Hyllus:  ,tibi  culpa  ulla  omnino  non  attribuenda  est, 
nam  Hercules  non  morietur,  sed  malum  vincet  atque  ipse  vi- 
vet1.  itaque  utroque  loco  Hylli  verba  optime  cum  antece- 
dentibus  conveniunt  ideo  perperam  dixit  Melzerus  his  rebus 
certe  efficüur,  ut  haud  ita  bette  singula  disposita  esse  putemus : 
scripsit  nimirum  poeta,  ut  quaeque  cogitanti  se  obtulerunt. 

Idem  Melzerus  baesit  in  versibus  970 — 1002.  vix  enim, 
inquit  (p.  5),  ferri  potest,  quod  post  longas  Utas  de  mortis 
dubitationes  denuo  Deianira  eodem  revolvitur.  quae  si 
sola  leguntur,  optima  sunt,  si  post  illa  (845 sq.)  legentes  defati- 
gant.  Utrum  hoc  recte  dixerit  necne  sane  dubium  est;  nam 
alii  eisdem  rebus  delectantur,  quae  alii  fastidiunt.  cur  autem 
poeta  Deianiram  ita  conquerentem  induxerit  infra  (p.  412) 
dixi.  et  id  quod  vir  doctissimus  contendit  versus  970 — 1002 
non  apto  loco  collacatos  esse  ad  irrituui  redegi  p.  404  sq. 

Melzerus  etiam  aliam  scaenam  bis  elaboratam  se  inve- 
nisse  credidit.  comparavit  enim  versus  1131  sqq.  cum  1336 sqq. 
et  iudicavit  sie :  priorem  scetiam  scripsit  Sophocletn  secutus  qui 
solum  fecit  Hereulem  lamentantem.  mox  in  cogitationem  inci- 
dit  optimam  novandi  aliquid  praeberi  oecasionem  Alcmena  in 
scenaan  missa.  Itaque  posteriorem  composuit.  Sed  ingenio 
quanwis  uberrimo  in  üla  scribenda  exhausto,  quid  adderet  novi, 
non  habuit.  iam  vir  doctissimus  novem  locos  in  priore  scena 
exstantes  cum  novem  quae  in  posteriore  inveniuntur  conferri 
voluit  non  cognoscens,  quibus  causis  impulsus  poeta  Alcmenam 
dolentem  in  scaenam  produxerit.  noimullos  locos  inter  se  simi- 
les  exstare  mihi  consentaneum  ac  necessarium  esse  videtur. 
conferas  autem  quae  hac  de  re  infra  (p.  412)  exposui. 

Canticum  (v.  1518  sqq.)  duas  inter  se  simillimas  partes 
coutinere  Melzerus  satis  fortiter  contendit  (p.  6),  tarnen  om- 
nino id  verum  non  est.  virum  doctissimum  si  legere  potuisset, 
quae  Leo  contra  dixit  (G.  G.  A.  p.  8/9)  hoc  argumento  non 
usurum  fuisse  verisimile  est. 


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400 


A  e  m  i  1  i  u  8  Ackermann, 


Item  falso  credidit  (p.  10)  poetam  locum  (v.  1758—1831) 
postea  (v.  1840 — 1939)  iterum  tractavisse186).  dixit  autem  a 
versu  1840  tamquam  de  novo  Alcmenam  ordiri  lamentari  et 
multa lM)  hic  repeti,  quae  iam  antea  legantur.  qnod  si  Melzerus 
reputasset,  quid  omnino  sibi  velit  Hercules  Oetaeus  fabula, 
hoc  argumentum  non  protulisset  (cf.  infra  p.  412). 

HO  51  in  E  traditum  est  pars  quota  est  Perseus  mei  ?, 
in  A  pars  quota  est  quam  prosequor?.  adnotavit  Melzerus 
(p.  12)  In  tarda  lectionum  diver sitate  num  aÜeram  ex  altera 
ortam  esse  putabimus  ?  miniine  vero :  neque  enim  errore  oriri 
potmty  cum  utraque  optimum  praebeat  sensum  neque  scribae 
emendatione,  cum  non  esset,  cur  emendaretur  aut  cur  sie  emen- 
daretur.  Sed  ita,  ni  fallor,  res  se  habet :  scripsit  Seneca  pri- 
tnum:  tpars  quota  est  Perseus  mei?i  fortasse  postea  locum  illu- 
straturus  pluribus  exemplis  additis.  Cum  autem  procedente 
opt  re  eo  pervenisset,  ubi  eos  etiumerare  placuit,  qui  minoribus 
virtutibus  caelestem  sedem  meruerunt,  ÄpoUinem,  Bacchum,  Per- 
seum  (v.  92 sq.),  priora  respiciens  delcvit  Uta  verba,  apposuit : 
'pars  quota  est  quam  prosequor?' 136 )  haec  Melzeri  verba  in  dul- 
cedinem  fabulae  composita  sunt,  sed  a  vero  satis  abhorrent.  Co- 
dices deteriores  non  solum  depravati,  sed  etiam  interpoiati  sunt, 
atque  auetor  lectionis  A  non  scriba  stultus,  sed  homo  doctus 
erat,  quod  (ante  Melzerum)  iam  Leo  cognovit  (I  p.  1  sq.).  nec 
Melzerus  potuit  intellegere,  cur  auetor  lectionis  A  hunc  locum 
emendaverit.  sed  constat  eos  versus  eraendari  solere  qui  cor- 
rupti  sunt,  itaque  in  eo  exemplari,  quod  interpolator  ante  oculos 
habebat,  hic  locus  depravatus  erat,  haec  res  num  nimis  mira  est? 

Aegre  id  quoque  tulit  Melzerus,  quod  vidit  Herculem  bis 
(v.  30.  v.  52  sq.)  dicere:  mundum  exhaustum  Iunoni  feras  ne- 
gare  in  se  mittendas.  hanc  ob  rem  poetam  non  vituperandum 
esse,  infra  (p.  411)  explieavi187). 

Melzerus  etiam  vidit  qua  de  causa  poeta  eandem  rem  bis  trac- 
taverit:  ttenim,  inquit,  ingenium  satis  fecundum  nondum  ex  hauser  at  ,  sed 
multa  et  praeclara,  quae  äiceret  habebat.  haec  multa  et  praeclara  con- 
stant  ex  sex  versibus  a  Melzero  allatis. 

m)  Sex  inter  se  sinnlos  locos  invenisse  sibi  visus  est. 

m')  Verba  pars  quota  est  quam  prosequor  a  Seneca,  qai  creticos 
non  coalescentee  perraro  in  trimetri  fine  posuit  (cf.  supra  p.  349),  pro- 
fecta  esse  veri  dissimile  est. 

m)  Coloria  inferendi  causa  Senecam  falso  bis  idem  scripsisse  Mel- 
zerus credidit. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


401 


Proximum  est,  at  consideremus,  quibus  de  causis  Melzerus 
dixerit  inveniri  in  Hercule  Oetaeo  nonnulla  quae  parum  inter 
se  concinant  (p.  6  sq.).  illud  primum  argumentum,  quod  media 
in  scaena  palla  Herculi  mitten  da  Nessi  sanguine  illinitur 
(v.  565/66),  iam  supra  (p.  894)  refutavimus.  et  corruptum  ac 
lacunosum  locum  (v.  715  sq.)  quisquam  cum  Melzero  argu- 
mentum putabit?  praeterea  viro  doctiasimo  displicuit,  quod 
non  satis  apparet.  utrum  forte  casuque,  ut  in  Sophocle,  an 
praesagiente  animo  ut  rem  experiatur  Deianira  vellus,  quo 
Testern  Herculi  miasam  tinxerat,  solibus  exponat  sed  hoc  ar- 
gumentum idem  est  atque  antecedens,  nam  loci  corruptione  fac- 
tum est,  ut  hanc  rem  nesciamus. 

Etiam  in  Hylli  moribus  describendis  poetam  certum  con- 
silium  aut  non  habuisse  aut  non  tenuisse  idem  Melzerus  con- 
tendit  (p.  7).  haesit  enim  in  eo,  quod  Hyllua  praesente  matre 
paulo  placidioribus  verbis  quam  absente  ea  utitur  (cf.  v.  914  sq. 
et  y.  1027  sq.).  sane  concedo  Hyllum  antea  (v.  914)  dixisse 
matrem  suam  cum  Nessi  fraude  decepta  sit  scelus  non  com- 
misisse.  contra  in  versibus  1027  sq.  sie  loquitur: 
o  misera  pietas:  si  mori  matrem  vetas, 
patri  es  scelestus;  si  mori  pateris,  tarnen 
in  matre  peccas  —  urget  hinc  illinc  scelus. 
inhibenda  tarnen  est,  verum  ut  eripiam  scelus. 
tarnen  non  recte  Melzerus  aduotavit  pulcherrimus  kic  locus 
esset,  si  scelere  matris  patrem  mori  Hyllus  putaret ;  nunc  inep- 
tissimus  est,  cum  Nessi  fraude  illum  iacere  sciat.  legas  Hylli 
verba  (v.  1030): 

inhibenda  tarnen  est,  verum  ut  eripiam  scelus, 
ex  quibus  elucet  Hyllum  voluntariam  Deianirae  mortem  maius 
scelus  putare  quam  Herculis  necem  a  Deianira  commissam. 
postea  Hyllus  dicit  (v.  1421) :  scelere  matemo  hie  perit,  Fraude 
illa  capta  est.  ergo  Hyllus  quam  vis  probe  sciat  matrem  fraude 
deeeptam  esse,  tarnen  facinus  eins  appellat  scelus.  in  Hercule 
furente  Hercules  amens  liberos  et  coniugem  necat.  et  Amphi- 
tryon  quamquam  privignum  suum  furore  impelli  vidit  (cf. 
v.  952  sqq.,  973  sqq.,  991  sqq.),  tarnen  in  versu  1004  Herculis 
factum  scelus  appellat: 

scelus  nefandum,  triste  et  aspectum  horridum. 


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402 


Aemiiiue  Ackermann, 


idem  Amphitryon  dicit  v.  1200 : 

Luctus  est  istic  tuus 
crimen  novercae:  casus  hic  culpa  caret 
et  v.  1237:  Quis  normen  usquam  sceleris  errori  addidit? 
quamquam  ipse  addiderat.  itaque  Amphitryon  idein  facit  qnod 
Hyllus,  nam  Hercules  cum  furat  facinus  eius  scelus  appellat. 
cum  autem  Hercules  animi  compos  sit,  errori  nomen  sceleris 
addendum  non  esse  dicit  ac  revoco  Melzerum  ad  se  ipsum 
(p.  28) :  ita  enim,  inquit,  solebant  veteres  iudicare,  qui  ex  facto 
et  deorum  numine  nullam  putabant  sceleris  esse  excusationetn. 

Aliam  atque  maiorem  discrepantiam  in  HO  admi&sam  esse 
idem  vir  doctissimus  statuit  verbis  bis  (p.  7) :  Quoniam  enim  in 
<hta  morüunis  Hercules  scena  elatus  erat,  duabus  omnino  ra- 
tionibus  fabula  continuari  ac  finiri  potuit:  aut  narranda  erat 
Herculis  mors  et  apotheosis  aut  ipsi  erat  in  d-eoXoyslq)  apparen- 
dum.  utrumque  in  Hercule  Oetaeo  fieri  videmus.  quae  si  Mel- 
zerus  recte  dixisset,  poeta  sane  vituperandus  esset,  sed  re  vera 
Herculia  apotheosis  omnino  non  narratur.  in  versibus  1607 — 
1757  nuntius  nusquam  huius  rei  mentionem  facit  quam  ob 
rem  vir  doctissimus  nobis  probare  conatus  est  in  ea  lacuna, 
quam  Leo  post  versum  1754  statuit,  Herculis  consecrationem 
olim  narratam  fuisse.  quod  ut  demonstraret  attulit  versus  1645, 
1703,  1709,  1725,  1603,  1610 — 16.  singulos  locos  tractare 
non  opus  est,  nam  alteri138)  prorsus  nihil  valent139),  de  alteris 
infra  (p.  410  sq.)  disputavi.  recte  statuit  Melzerus  hoc  Sed  aut 
combustum  et  mortuum  esse  Herculem  dicendum  erat  aut  ipso  ex 
solo  ad  astra  illum  ascendisse.  itaque  satis  bene  viri  doctissimi 
argumenta  refellam,  si  demonstrabo  nuntium  (i.  e.  Philoctetam) 

13s)  Cf.  verba  Leonis  (Gr.  G.  A.  p.  9):  'Aber  dazu  muß  er  annehmen, 
daß  der  verlorene  Schluß  des  Botenberichts  die  Apotheose  enthalten 
habe ;  wahrend  alles  vorher  und  nachher,  das  Gespräch  des  Boten  mit 
dem  Chor  wie  die  Klagen  Alkmenes  und  die  Erzählung  selbst,  nichts 
enthalten,  als  daß  Herkules  mit  unerhörter  Tapferkeit  den  Tod  erdul- 
det hat.  Die  Apotheose  haben  die  Menschen  nicht  gesehen'  e.  q.  s. 
iwj  HO  1608:  chorus  dicit: 

laeto  venit  ecce  voltu 
quem  tulit  Poeans  umerisque  tela 
gestat  et  notas  populis  pbaretra». 
Herculis  beres. 

Melzerus  quaerit  An  laeto  voltu  Philoctetam  ab  Herculis  funer e  venturum 
esse  ptitamus  (v.  1603),  nisi  victor  ignes  evasisset  heros?  sed  in  propatulo 
est  Philoctetam  eo  gaudere  quod  Heroulis  sagittas  hereditate  accepit. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


apertissime  dicere  Herculem  mortuum  esse,  quaerit  chorus 
v.  1607: 

Effare  casus,  iuvenis,  Herculeos  precor 
voltuque  quonam  tulerit  Alcides  necem. 
respondet  nuntius  quo  nemo  vitain.  supplendum  igitur  est 
Hercules  eo  vultu  necem  tulit  quo  nemo  vitam.  itaque  apertissime 
Philoctetes  Herculis  mortem  narrat,  quod  Melzerum  nunc  con- 
cessurum  spero.  ipse  iam  hunc  locum  vidit  et  adnotavit  quod 
autem  chorus  primis  verbis  Philodetam  interrogat  ,quonam  vultu 
tulerit  Alcides  necem  (v.  1608)\  non  obstat  huic  opinioni.  miram 
enim  rem  suspicari  non  potest.  praeterea  vel  ideo  ita  interrogari 
voluit  Seneca,  ut  responderi  possit  egregie  (v.  1609) :  ,quo  nemo 
vitam'.  lubenter  concedo  eo,  quod  chorus  illo  modo  interrogat, 
nihil  probari ;  sed  Philoctetae  responso  probantur  omnia.  acce- 
dit  quod  chorus  suspicari  potujt  Herculem  in  caelum  recep- 
tum  esse,  est  enim  suspicatus  in  versibus  1564  sqq.  et  v.  1595 sqq. 
dubitavit,  utrum  Hercules  in  caelum  an  ad  inferos  ierit.  quin 
etiam  Senecam  coloris  expingendi  causa  inducere  nuntium  plane 
falsa  narrantem  Melzerus  videtur  contendisse,  quod  tarnen  ne- 
minem uro  quam  approbare  credo.  nec  magis  Melzero  fides 
h abend a  est  cum  dixit  Denique  quod  non  ante  omnia  intei'  deos 
receptum  esse  Herculem  nuntius  pronuntiat,  inde  factum  esse 
videtur,  quod  totum  Senecae  animum  occupaverat  color  ille :  inter 
labores  Herculeos  ignem  quoque  abisse.  an  Senecae  aniraus  ita 
mediocris  erat?  sine  dubio  Melzeri  argumenta  nonnumquam 
satis  mira  sunt  et  qoamquara  huic  rei  obloqui  operae  non  pre- 
tium  esse  videtur,  tarnen  infra  (p.  410)  pauca  verba  de  hoc 
argumenta  feci140). 

HO  1831  sqq.  Hyllus  per  octo  tantum  versus  loquitur. 
quare  Melzerus  dixit  (p.  10)  Quae  vero  media  leguntur  Hylli 
et  Älcmenae  verba  (v.  1831 — 9),  ipsa  quoque  scenam  faciunt 
aut  non  perfcctam  ab  auctore  aut  misere  traditam.  Pauca 
enim  haec  Hylli  verba  non  sufficiunt.  Sed  etiam  si  excidisse 
(juaedam,  ut  supra  diximus  (p.  9  adn.),  putemus,  male  haec 
cum  ultima  fabidae  scena  coneinunt,  in  qua,  quamquam  non 
est,  cur  weisse  Hyllum  existimemus,  nullus  respicitur :  at  prae- 

"°)  Sex  illaa  cauaas  quibus  comniotum  Senecam  Herculis  apotbeo* 
sim  de&cripsisse  Melserus  putat,  noniam  opus  est  considerare. 

Philologe,  Supplementband  X,  drittes  Heft.  27 


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404 


Aemilius  Ackermann, 


sentem  filium  neglexisse  divum  patrein  vix  par  est.  utrum 
pauca  Hylli  verba  sufficiant  necne,  in  dubio  relinquo,  natu  cer- 
tum  est  post  versum  1839,  qui  cum  sequenti  omnino  non  cohae- 
reat,  lacunam  exstare.  atque  in  ultima  scaena  Hyllus  sine 
dubio  adest.  ante  versum  1940  in  £  legimus  inscriptionem 
vox  Herctdis  et  idem  (sc.  Alcmena,  Hyllus),  in  A  Hercules 
Alcmena.  Melzerus  saepius  eo  peccavit  quod  lectiones  E  et  A 
idem  valere  credidit.  Hercules  autem  Hyllum  non  corapellat, 
quia  ei  iam  non  cum  filio  sed  cum  matre  verba  facienda 
sunt1*1),  venit  enim  quasi  deus  ad  terras,  ut  dicat  (v.  1972): 

praesens  ab  astris,  mater,  Alcides  cano: 

poenas  cruentus  iam  tibi  Eurystheus  dabit; 

curru  superbum  vecta  transcendes  caput. 

me  iam  decet  subire  caelestem  plagam: 

inferna  vici  rursus  Alcides  loca. 
Scaenas  vero  male  inter  se  cohaerentes  in  HO  bis  inveniri 
Melzerus  opinatus  est.  statuit  autem  hoc  (p.  5) :  adde  quod  ne 
loco  quidem  apto  coUocata  sunt  (sc.  haec  verba).  nam  r.  9H6 
—963  ad  inferos  iam  descendisse  Deianira  sibi  visa  est,  poe- 
nam  sociasque  sibi  elegit,  neminem  sui  parem  inveniri  doluit. 
haec  0})time  continuarentur  v.  1002 sq.,  quibus  furios  praesentes 
se  videre  opinatur.  v.  964 — 970  eo  nimirum  consilio  inserti 
sunt,  ut  de  morte  Herum  verba  possent  fieri ;  cum  eis,  quae  ante- 
cedunt,  vix  cohaerent.  primum  igitur  vir  doctissimus  dixit  ver- 
sum 963  optime  continuari  versu  1003,  deinde  versus  964 — 
970  tan  tum  insertos  esse,  fortasse  per  iapsum  calami  scripsit 
970  pro  1003,  sed  non  satis  certus  sum.  non  invitus  concedo 
et  v.  936  sq.  et  v.  1003  sq.  Deianiram  de  inferis  loqui,  sed  inter 
hos  duos  locos  magna  est  differentia.  priore  enim  loco  scele- 
rati  homines,  qui  apud  inferos  poenas  dant,  enumerantur,  po- 
steriore ei  nobis  ante  oculos  proponuntur,  qui  poenas  accipiunt. 
atque  utroque  loco  Deianirae  verba  plane  cum  antecedentibus 
congruunt.  postquani  nequissimarum  mulierum  mentionem 
fecit  dixitque  (v.  962) : 

in  hanc  abire  coniugum  turbam  libet; 
sed  et  illa  fugiet  turba  tarn  diras  manus, 


)  Hyllus,  quem  divua  pater  non  appellet,  loqui  non  audet. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


405 


8e  re  vera  minus  noxiam  fenrinam  esse  quam  illas  bene  affir- 
mat  verbis  his  (v.  964): 

invicte  coniunx,  innocens  animus  mihi, 

scelesta  manus  est.  e.  q.  8. 
iu  vsb.  984  sq.  Deianira  a  filio  necem  petit.   atque  cum  dixe- 
rit  (1000): 

patet  ecce  plenum  pectus  aerumnis:  feri. 

scelus  remitto,  dexterae  parcent  tuae 

Eumenides  ipsae 
aptissime  ei  in  mentem  venit  ipsi  furias  instare  poenas  acci- 
pientes. 

Prologum,  post  quem  scaenam  mutandam  esse  censuit,  cum 
reliqua  tragoedia  non  cohaerere  Melzerus  perperam  contendit 
(p.  10  sq.).  sed  quomodo  haec  res  se  habeat,  iam  supra  satis 
superque  explicavimus  (p.  392  sq.).   vidimus  enim  Herculem 
Oetaeum  esse  opapa  Xexxixöv.  contra  dicet  aliquis  hac  re  satis 
demonstrari  Herculem  Oetaeum  a  Seneca,  qui  tragoedias  non  nisi 
populo  spectandas  scripserit,  esse  abiudicandam.   quid  Leo  de 
Phoenissis  ?  itaque,  inquit  (1  p.  82),  hanc  scaenam  non  scripsit 
Seneca  eo  consilio,  ut  solidam  inde  tragoediam  faceret  nec  populo 
spectandam  nec  amicis  audiendam,  verum  ut  aptum  declamationi 
suasoriae142)  argumentum,  locastam  scilicet  filios  suos  ab  ultimo 
discidio  dehortantem,  versibus  tractaret.  si  Seneca  hanc  scaenam 
neque  spectandam  neque  audiendam  scripsit,  legi  eam  voluit. 
8Ünili  consilio  ac  Phoenissas  Herculis  Oetaei  scaenas  Leo,  cum 
versus  1-  740  tantum  genuinos  agnoverit,  originem  debere 
statuit  (I  p.  82).   versibus  1 — 740  continentur  actus  primus, 
secundus,  tertii  prima  scaena.  supra  vidimus  (p.  393  sq.)  hos 
actus  nequaquam  inter  se  discrepare.    si  igitur  Leo  concessit 
Senecam  scaenam  unam  vel  tres  actus  tragoediae  in  uBum  lec- 
tionis  scripsisse,  etiam  concedere  debet  Senecam  tragoediam 
legendara  totam  dare  potuisse.  sed  fuerunt  qui  totam  Hercu- 
lem Oetaeum  fabulam  spuriara  iudicarent.  atque  hi  fortasse 
argumentum  esse  volent,  quod  HO  in  scaenam  produci  non  po- 
test.  sed  certe  a  Graecis  poetis  Spaptaxa  avayvwaiixa  scripta  esse 
inter  omnes  constat  (cf.  Griech.  Litteraturgeschichte  ed.  Christ 3 


,4t)  Cf.  Leo  6.  G.  A.  p.  6  adn.  2. 

27* 


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406 


Aemilius  Ackermann, 


p.  279).  utrum  poetae  liomani  talea  fabulas  fecerint  necne, 
non  satis  certo  9cimus.  et  quamquain  Birtius  mihi  penitus 
probavit  (p.  528  sq.)  Senecae  tragoedias  in  scaenam  produci 
non  posse,  tarnen  Schanzius  nuperrime  (a.  1901)  in  litterarum 
Romanorum  historia  (II  2  p.  52)  contrarium  contendit.  itaque 
anquirendum  est,  num  in  Senecae  tragoediis  ipsis  indicia  in- 
veniri  possint,  quibus  affirmetur  eas  in  scaenam  produci  non 
{»osse.  atque  affero  Leonis  verba  haec:  'Immerhin  beweisen  auch 
bei  dieser  verschwindend  geringen  Teilnahme  des  Chors  an  der 
Handlung  die  Scenen,  in  denen  der  Chor  mit  einer  Person 
redet  oder  Wechsellieder  singt,  das 8  auch  in  diesen  Stücken 
Chor  und  Schauspieler  auf  gleichem  Boden  agieren.  Senekas 
Stücke  sind,  gleichviel  ob  für  Aufführung  bestimmt  oder  nicht, 
für  die  römische  Bühne  gedacht,  die  für  Chor  und  Schauspieler 
Platz  hatte;  sie  könnten  natürlich  auch  vor  dem  hellenischen 
Proskenion  gespielt  werden'  (cf.  Mus.  Rhen.  52  p.  513).  si  cum 
Leone  statuimus  Senecae  tragoedias  in  scaenam  produci  posse, 
etiam  credendum  est  chorum  partes  suas  egisse  eodemque 
loco  quo  histriones  versatum  esse,  atque  revoco  te  ad  Phae- 
dram  Annaeanam.  iam  mirabile  est,  quod  nescimus,  utrum 
chorus  ex  mulieribus  an  e  viris  constet143).  sed  alia  sunt  magis 
mira.  legas  haec  (v.  824): 

Quid  sinat  inausum  feminae  praeceps  furor? 
nefanda  iuveni  crimina  insonti  apparat. 
en  scelera!  quaerit  crine  lacerato  fidem, 
decus  omne  turbat  capitis,  umectat  genas: 
instrnitur  omni  fraude  feminea  dolus14*), 
chorus  igitur  Phaedrae  facinus  damnat,  contra  in  Hippolytum 
benevolus  est,  quod  ex  versibus  quoque  821  sq.  aperte  elucet. 
atque  hic  idem  chorus,  qui  Phaedrae  delictum  scelus  appella- 
vit,  adest  in  ea  scaena,  qua  Phaedra  Theseo  narrat  se  ab 
Hippolyte  vi  affectam  esse,  quid  facit  chorus?  nonne  Hippoly- 
tum defendit?  immo  vero  omnino  nihil  dicit,  silentio  contentus 
est.  idem  chorus,  quamquam  Hippolytum  favore  amplectitur, 
tacet,  cum  Theseus  a  Neptuno  tristissimnm  illud  donum  petat. 

us)  Cf.  Leo  (1.  b.  p.  411  adn.  3). 

U4)  Id  quod  chorus  hoc  loco  de  rerum  progreasu  refert  Leo  ipse 
•Stilwidrigkeit'  dixit  (1.  s.  p.  512  adn.  3). 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


407 


hic  chorus,  qui  Semper  silentium  tenet,  cum  lingua  uti  maiime 
nece8se  sit,  num  partes  egerit  in  tragoedia  eodemque  loco  ste- 
terit  atque  histriones  ?  fac  te  esse  spectatorem.  audivisti  cho- 
rum  nonnumquam  cum  histrionibus  locutum  esse  (cf.  v.  358. 
404).  audivisti  eum  deos  rogavisse,  ut  Hippolytuni  tutarentur 
(cf.  v.  821).  audivisti  eum  Phaedrae  factum  valde  vituperare 
(cf.  v.  824 sqq.).  cum  autem  res  maxime  flagitet,  ut  chorus 
loquatur,  operae  non  pretium  esse  putat  pauca  verba  facere, 
quamquam  nihil  obstat ;  neque  enim  antea  promiserat  se  taci- 
turum  esse,  quae  si  ante  oculos  fieri  videres,  Phaedram  inep- 
tam  fabulam  esse  diceres.  ac  tale  quicquam  non  commisit  Eu- 
ripides,  quem  in  Phaedra  componenda  Seneca  secutus  est, 
Euripides  ille  ab  Aristotele  vituperatus,  quod  chorum  non  satis 
participem  actiouis  reddat 146).  apud  hunc  poetara  chorus  Phae- 
drae promittit  se  nihil  proditurum  esse  (cf.  Hipp.  v.  710  sq.), 
tarnen  postea,  ut  Hippolyt  um  defendat,  valde  operam  dat  (cf. 
v.  891sq.,  8998q.,  1036  sq.).  perperamne  igitur  Leo  contendit  cho- 
rum Annaeanum  personae  partes  agere  atque  eodem  loco  quo  hi- 
striones versari?  non  prorsus  falso  hoc  vir  doctissimus  dixit,  nam 
saepius  chorum  cum  persona  aliqua  loquentem  Seneca  fecit.  ita- 
que  modo  partes  suas  agit  chorus,  modo  non  agit.  quod  non 
tolerabile  fit,  nisi  Phaedram  putas  esse  8p£u.a  Xexxtxov.  ac  nunc 
saue  chori  taciturnitatem  ferre  possumus.  accedit  alterum  ar- 
gumentum, quod  iam  Birtius  vidit  (p.  529):  'Theseus  {Pliaed. 
1247  sqq.)  singulas  lacerati  filii  corporis  partes  diligenter  spec- 
tat atque  perlustrat,  ut  eas  agnoscere  totumque  corpus  resti- 
tuere  possit'.  talem  fabulam  in  scaenam  produci  Oskar  Wilde, 
cuius  Salome  horrorem  movet  ac  taedium,  fortasse  vellet,  sed 
Senecam  idem  sibi  permisisse  incredibile  videtur.  his  de  causis 
concedendum  esse  censeo  Phaedram  esse  tragoediam  lectioni 
destinatam.  adde  quod  etiam  in  ceteris  fabulis  nonnulla  indicia 
eodem  spectant.  in  Agamemnone  non  solum  duplex  chorus  in- 
ducitur,  sed  etiam  quarta  persona  procedit.  Oedipus  fabula 
sex  constat  actibus.  alia  argumenta  collegit  Birtius  (p.  529 sq.). 
Ac  Pais  (II  teatro  di  Seneca)  Phoenissas,  Oedipodem,  Agamem- 

,4*)  Ars  Poet.  c.  18:  xal  xöv  yopbv  Bk  Iva  isl  GnoXaßalv  töv  özoxpaöv 
xai  fidptov  etvat  xoö  £Xoo  xai  ouva-fW^sofrat       &OT*p  E'jpiTtiÖij  dXX'  »orsp 


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408 


Aemiliu8  Ackermann, 


nonem,  Herculem  Oetaeum  tragoedias  propterea  potissimnm 
spurias  esse  statuit,  quod  eas  in  scenam  prodaci  non  posse 
sensit,  itaque  fortasse  nemo  negabit  Herculem  Oetaeum  eo, 
quod  est  5pä(ia  dvayvtoaxtxov,  a  Senecae  fabulis  non  abhorrere. 


III.  De  consilio  poetae. 

Qnibus  rebus  expositis  satis  me  demonstravisse  spero  Her- 
culem Oetaeum  totam  et  indivisam  a  Seneca  scriptam  esse 
tragoediam,  quam  non  spectari  sed  legi  poeta  voluit.  alia  vero, 
ut  tertiam  opusculi  partein  aggrediamur,  est  vis  fabulae  lectae, 
alia  in  scaenam  productae.  at  fortasse  quispiam  quaeret:  ksi 
Seneca  non  e  scaena  animos  spectatorum  movere  in  animo 
habuit,  quäle  fuit  eius  consilium,  cur  similem  rem  atque  in 
Hercule  furente  iterum  tractavit' I46)  ?  Seneca  non  solum  poeta 
tragicus,  sed  etiam  Stoicus  pliilosophus  erat,  ac  pbilosophia  haec 
fortasse  nobis  suppeditat  consilium,  quo  ille  Herculem  Oetae- 
um scripserit.  iam  de  parte  morali  et  huius  sectae  et  Cynicae 
institutionis  perpauca  mihi  referenda  sunt.  Cynici,  ut  postea 
Christus,  imprimis  plebem  adibant.  virtutem  esse  praedicabant 
<fpovrjaiv,  quae  labore  conciliaretur.  voluptateiu  a  plurimis  ho- 
minibus  exoptatam,  qua  cpp6v7jatg  in  periculum  adduceretur, 
maxime  vilem  esse  atque  noxiam.  contra  bonum  putandum 
esse  laborern  plurimis  odiosum,  nam  eo  cppövyjatv  impetrari. 
his  de  causis  Cynici  Herculem  tutelam  et  exemplum  imitan- 
dum  credebant.  neminem  enim  tarn  negotiosam  et  molestam 
vitam  tarn  fortiter  et  audacter  communis  utilitatis  causa  egisse 
qualem  praestantissimum  illum  heroem  (cf.  Zeller,  Griech. 
Philos.  II  1*  p.  306  sq.).  propinqui  autem  erant  Cynicis  et 
finitimi  Stoici  philosophi  (cf.  Zeller  III  l8  p.  350).  Stoici 
quoque  ab  hominibus  postulabant,  ut  numquam  disisterent 
omnibus  civibus  prodesse  (cf.  Zeller  1.  s.  p.  237) ;  et  una  de 
nmltis  virtutibus  erat  «pcXorcovia  (cf.  Zeller  1.  s.  p.  241  adn.  2). 
Stoicus  pliilosophus  altior  esse  debebat  omni  incommodo.  pau- 

,4Ä)  Herculem  Oetaeum  fabulam  post  Herculem  furentem  ortam 
esBe  mihi  probavit  Leo  (I  p.  53). 


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Do  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


409 


pertas,  dolor,  morbus,  contuiuelia,  mors  animi  constantiam 
fraugere  non  poterant;  contra  voluptas  contemnebatur  (cf.  Zeller 
1.  s.  p.  215  sq.).  vir  vere  Stoicus  cupiditatum  expers,  beatus 
ut  Iuppiter  ipse ,  nulla  re  indigebat,  nullo  malo  premebatur 
(cf.  Zeller  1.  s.  p.  251).  talem  perfectissimum  hominem  re 
vera  rarissime  vel  numquam  vixisse  cum  Stoici  ipsi  non  igno- 
rarent,  exemplum  autem  optimi  viri  desiderarent ,  Herculem 
specialen  philosophi  vere  Stoici  esse  statuebaut,  hunc  enim 
putabant,  ut  ait  Seneca  (de  const.  II  1),  invictum  laboribus, 
contemptorem  voluptatis  et  victorem  omnium  terrorum  (cf. 
Zeller  1.  s.  p.  269  et  p.  334).  atque  in  nodum  difficillimum 
incidebat,  cui  nodus  Herculaneus  expediendus  erat;  cf.  Senecae 
epist.  87,  33.  itaque  et  Cynici  et  Stoici  Herculem  exemplum 
ad  imitandum  sibi  ante  oculos  proponebant.  quare  consenta- 
neum  est  hos  philosophos  insignis  berois  robur  ac  virtutes 
illustravisse  et  celebravisse.  auctor  est  Diogenes  Laertius 
(VI  16)  Antisthenem  scripsisse  tres  hos  libros :  HpaxXf);  6 
jui£ü)v  f)  nepl  iayuot; ,  'HpaxXVj;  rt  Mtöa; ,  'HpaxXfj;  icepi 
^poWjaews  t)  taxuo;  147).  ab  eodem  traditum  est  (VI  80)  Dio- 
genem  Sinopeum  HpaxXea  tragoediam  fecisse148).  nec  non 
memorabilia  mihi  videntur  Teletis  philosophi  (in  fine  tertii 
saeculi)  verba  haec :  xa!  'HpaxXea  jiev  d>s  äptarov  avopa  ysyc- 
vöxa  i7ratvoöuev  (cf.  Teletis  reliquiae  ed.  0.  Hense  p.  20). 
perpauca  igitur  de  Hercule  scripta  ante  Christum  natum  orta 
memoriae  prodita  sunt,  sed  summi  momenti  est  tragoedia  illa 
'HpaxX^s,  quam  scripsit  Diogenes,  plura  imperatorum  Roma- 
norum temporibus  apud  Stoicos  philosophos  invenimus.  legi- 
mus  apud  Senecam  (de  beneficiis  I  13,  3):  Hercules  nihil  sibi 
tricit;  orbem  terrartim  transivit  non  concupisccndo,  sed  iudicando, 
quid  vinccrä,  malorttm  hostis,  bonorum  vindex,  terrarum  maris- 
quepacator.  Cornutus  Leptitanus  capite  tricesimo  primo  libri,  qui 
£jriSpouj)  iwv  xaxa  tt^v  'EXXijvixTjv  $£oXoy:av  TCapaSeSouivwv  in- 
scribitur,  Herculis  gloriam  exornat.  Epictetus  Hierapoli  Phrygia 
natus  occasione  data  Herculis  industriain  atque  laborem  laude  de- 
corat (cf.  manuale  I  6,  33;  II  16,  44—45  ;  III  22,  57;  IV  10, 10). 
unde  unus  locus  afferendus  videtur  11126,31:  6  £'  cHpaxXf^ 

147 )  Hercules  minor  fortasse  spurius  erat. 

Hanc  tragoediam  genuinam  faisse  non  satis  conatat. 


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410 


Aemilius  Ackermann, 


a7iao7}£  yf)5  xai  {raXaiTTj^  dcpxwv  xal  f/yejKbv  f/V,  xafrapTTj;  aot- 
xia;  xaE  dvouias,  etaaywyei);  6e  dixouoauvrj;  xal  öoiottjto;  xai 
xauxa  £rcotsi  xal  yujivö;  xai  p,6vo£.  Heraclitus  Honieri  inter- 
pres  capite  tricesimo  tertio  twv  'Üjirjpixtöv  dXXTjyoptöv  Her- 
culem  tractat.  saepius  Dio  Prusensis,  quem  Chrysostoraum 
vocant,  Herculis  nientionem  facit  (cf.  indicem  editionis  Arni- 
miani  II  p.  355).  cuius  oratio  octava  maxime  nobis  opem  fert 
atque  auxilium.  mihi  enim  probaverunt  E.  Weber  (de  Dione 
Chrysostomo  Cynicorum  sectatore  p.  140)  et  Arnim  (Leben 
und  Werke  des  Dio  von  Prusa  p.  265)  Dionem  hac  oratione  An- 
tisthenis  Herculem  maiorem  imitari.  itaque  Herculis  exemplo  Dio 
affirmare  studet  laborem  booum  esse  atque  a  paragrapho  XXX. 
usque  ad  XXXV.  Herculis  labores,  propter  quos  superatos  heroem 
post  mortem  deum  creditum  esse  dicit  (§  28),  enumerat  et  illustrat. 
nec  hoc  satis,  sed  etiam  £yxwu.lov  'HpaxAeou;  idem  Dio  scripsit 
(cf.  Suidas  s.  v.  A.  et  Arnim,  Leben  und  Werke  p.  155)  148'). 

lam  suspicainur,  cur  Seneca  Herculem  Oetaeum  compo- 
suerit.  nam  in  Hercule  furente  nil  fere  nisi  ipsum  furorem 
nimirum  descripserat;  iam  vero  etiam  sublime  exemplum  viri 
vere  Stoici  legentibus  proponere  voluit.  hoc  si  in  animo  ha- 
buit,  Herculem  quam  maxime  laudibus  efferre  debuit;  quod 
studiose  diligenterque  exsecutus  est.  enixe  enim  operam  dedit, 
ut  aerumnis  invictum  praedicaret.  quin  etiam  omnia  fere  ex- 
aggeravit,  adauxit,  cumulavit;  sie  enim  itur  ad  astra;  sie 
homo  deus  fit.  agitur  de  summis  rebus  Stoicae  religionis. 
quare  etiam  illam  de  furore  inseruit  scaenam,  ut  Herculem 
furorem  quoque  faceret  vincentem 149).  eandem  ab  causam 
Herculem  in  rogo  positum  dolores  et  mortem  prorsus  contem- 
nentem  (v.  1741  sq.)  finxit 160).  eadem  de  re  Herculis  aerum- 
nas  iterum  iterumque  commeraorare  non  cessavit  lM)  et  nun- 
tium  insuper  induxit  compluriens  dicentem  ignem  quoque  ab 
Hercule  perdomitum  esse l62).  etiam  divinis  laudibus  Seneca 
Herculem  ornavit  velut  Christum  Christiani,  ut  quasi  religionem 
Herculeam  poeta  tradere  et  propagare  dicendus  sit.  sei  licet  Her- 

**•*)  Arnimium  sequor. 

tt9)  Cf.  Bupra  p.  336.      1M)  Cf.  supra  p.  339  et  Melzer  p.  27. 
Hoc   aegre  tulerunt  D.  Heinsius  (ap.  Scr.  p.  347  aq.)  et  Rich- 
terus  (de  S.  tr.  a.  p.  80). 

"»)  Cf.  supra  p.  403  et  402. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo 


411 


cules  Christusque  sunt  dei  et  ruulieris  mortalis  filii.  uterque 
est  acoTTjp  dtvä-pamtüv.  cum  enim  Christus  peccata  mundi  in  se 
8usceperit,  Hercules  sibi  proposuit  consilium  hoc  HO  1701 : 
si  pace  tellus  plena,  si  nullae  gemunt 
urbes  nec  aras  impias  quisquam  inquinat, 
si  scelera  desuut,  spirituui  admitte  hunc,  precor, 
in  astra. 

Christus  cruci  sufh'xus,  Hercules  flammis  consumptus  est.  in 
rogo  lovis  filius,  quia  dolores  vicit,  astris  dignum  se  praebuit 
(cf.  HO  1713).  etiam  in  eo  cum  Christo  comparari  potest, 
quod  post  mortem  inferna  loca  superavit  (cf.  HO  1976)  et 
deus  quoque  factus  est  (cf.  HO  1942).  iam  certum  videtur 
Senecaru  Herculem  prorsus  singulari  modo  collaudare  voluisse. 
quod  ex  aliis  quoque  rebus  elucet.  legas  HO  1390  (Hercules 
loquitur) : 

hinc  taurus  minax 
cervice  tota  pulset  et  quidquid  fuit 
solum  quoque  ingens;  surgat  hinc  illinc  nemus 
artusque  nostros  durus  immittat  Sinis: 
sparsus  silebo  —  non  ferae  excutient  mihi, 
non  arma  gemitus,  nil  quod  impelli  potest. 
re  vera  hoc  loco  perfectum  sparsus  pro  futuro  si  sparsus  ero 
positum  est.  sed  huic  heroi  numquam  victo  per  hyperbolen 
licet  adhibere  perfectum  16a). 

Hercules  laboribus  vinci  non  potest,  quia  viribus  pollen- 
tissimus  est.  ac  robore  suo  fretus  dicere  audet  se  caelum  ex- 
pugnare1*4)  et  Iovem  ipsum  superare  posse166).  tanti  herois 
iram  perquam  horribilem  esse  necessarium  videtur166).  neque 
aegre  ferimus,  quod  idem  aliquotiens  dicit  mundum  exhau- 
stum  Iunoni  feras  negare  in  se  mittendas  m).  vindicem  facino- 
rum  et  scelerum  Hercules  eo  se  praestat,  quod  iudex  infern us 
de  malis  hominibus  et  de  cruentis  regibus  mortuis  poenas  re- 
petit.  hanc  ob  rem  Seneca  inseruit  illam  adhortationem,  ne 
reges  crudelitati  assuescerent l58). 

IM)  Cf.  supra  p.  333  sq. 

1M)  Cf.  supra  p.  386  et  p.  839. 

1M)  Cf.  Melzer  p.  8  et  supra  p.  402. 

Cf.  supra  p.  337. 
I57)  Cf.  supra  p.  400.  1M)  Cf.  supra  p.  384  eq. 


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412  Aemiliua  Ackermann, 

Melzerus  non  perspexit,  cur  poeta  Alcmenam  in  scaenam 
produxerit  neque  quibus  de  causis  Seneca  Alcmenam  et  Dei- 
aniram  tantopere  lamentantes  fecerit.  sed  hac  re  data  est  oc- 
casio  Herculis  virtutum  iterum  atque  iterum  tractandarum 
valdeque  laudandarum  169).  praeterea  Alcmena  ipsa  dicit,  cur 
ita  conqueratur,  cf. 

HO  1849:  deriguit  aliqua  mater,  ut  toto  stetit 
succisa  fetu,  bisque  septenos  gregem 
deplan xit  una:  gregibus  aequari  meus 
quot  ille  poterat?  matribus  miseris  adhuc 
exemplar  ingens  derat:  Alcmene  dabo, 
itaque  Alcmena  exemplo  suo  omnes  matres  docebit,  quomodo 
amis8io  liberorum  ferenda  sit.  hac  enim  re  matres  orbas  con- 
solabitur.  cui  haec  deliberanti  iam  non  venit  in  mentem  Ma- 
riae,  miserae  Christi  matris?  itaque  poeta  non  vituperandus 
est,  quod  Alcmenam,  cuius  verba  instar  praedicationis  et  con- 
solationis  sunt,  in  scaenam  misit. 

Denique  his  rebus  factum  est,  ut  fabulae  ambitus  solito 
maior  fieret;  iam  vero  propter  pondus  rerum  tractatarum  et 
unicam  gravitatem  etiam  versuum  multitudo  exuberans  excu- 
sabitur  160).  immo  de  ambitu  tragoediarum  Seneca  ipse  iudicium 
tulit  (epist.  72,  20) :  'quomodo  fabula,  sie  vita ;  non  quam 
diu,  sed  quam  bene  acta  sit,  refert' 161). 

Haec  omnia  si  accurate  considero  de  poetae  consilio  mihi 
iudicandum  est  hoc  modo.  Herculem  invictum  heroem,  qui 
communis  utilitatis  causa  plurimos  labores  maximosque  dolores 
perpes8u8  post  mortem  inferis  superatis  deus  in  caelum  reeeptus 
sit,  inducit  Seneca,  ut  lectoribus  Herculem  exemplum  ad  imi- 
tandum  proponat.  hoc  enim  exemplo  animos  gravi bus  calami- 
tatibus  afflictorum  et  debil itatorum  erigere  studet  atque  indu- 
cere,  ut  omnes  huius  vitae  molestias  ac  miserias  ipsamque  mor- 
tem fortiter  patienterque  perferant.  Herculis  exemplo  com- 
probare  intendit  auetor  homines,  si  res  postulet,  nec  labori 
nec  periculo  parcere  debere,  ut  bono  publico  serviant. 

Antiquishominibus,  imprimis  plebi,  mors  terrorem  maximum 
ineutiebat.  itaque  consentaneum  est  religiones  esse  ortas,  quae 

,69)  Cf.  supra  p.  399  »q.  ,<w)  Cf.  supra  p.  327  aq.  et  p.  394. 

,M)  Hunc  locum  opportune  attulit  vir  doctissimus  Birtius. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


413 


tales  sollicitudines  animis  eximerent.  sed  cum  timor  mortis 
non  deleatur,  nisi  sperare  possumus  animas  nostras  numquam 
morituras,  necessarium  est  eas  ita  institutas  fuisse,  ut  homines 
mortuos  perpetna  vita  beata  donarent.  huic  rei  aptas  se  esse 
asserebant  complures  religiones.  velut  Orphici  credebant  ani- 
main  esse  imraortalem.  vitam  piam  et  sanctam  degentes  co- 
lebant  Dionysum  salutis  auctorem ,  qui  sectatores  suos  post 
mortem  in  caelum  ad  se  recipiebat.  ritus  babebant  singula 
scelera  expiantes ;  qua  expiatione  is,  qui  propter  peccata  com- 
missa  ne  mortuus  poenas  pateretur  timebat,  efficere  poterat, 
ut  culpa  libraretur  inveniretque  solacium.  ac  recte  Blassius 
deOrphicis  dicere  videtur  168):  'wenn  man  auf  den  allertiefsten 
Grund  geht,  so  ist  hier  allein  ein  Versuch,  den  Menschen  mit 
der  Gottheit,  der  er  zunächst  durch  eigene  Schuld  entfremdet 
ist,  zu  versöhnen  und  in  enge  personliche  Beziehung  zu  setzen, 
und  hier  allein  etwas,  was  man  Gemeinde  und  Kirche  nennen 
oder  damit  vergleichen  kann/ 

Magnam  vim  Orphici  habuerunt  ad  Eleusinia  sacra  in- 
stituenda.  homines  haec  in  sacra  receptos  credebatur  post  mor- 
tem beate  ac  feliciter  apnd  deos  yivere,  contra  non  admissos 
apud  inferos  in  luto  versari  (cf.  Blass  1.  s.). 

Mithrae  cultus  homines  misera  vita  et  improborum  ma- 
litia  liberabat  et  mortuos  vita  prope  deum  beata  perpetna 
donabat lÄS).  id  quod  in  multis  sepulcris  hominum  Mithriacis 
sacris  initiatorum  legimus  renatus  in  aeternum,  testatur  haud 
pauco8  credidisse  se  sacris  his  servari  posse  et  participes  fieri 
beati  deorum  regni  (cf.  Niebergall,  Welches  ist  die  beste  Reli- 
gion in  Schiele,  Religionsgeschichtliche  Volksbücher  Vt  p.  54 
et  56). 

Maxime  hominum  animos  commovebat  religio  Christiana, 
cui  qui  adhaerebant  hunc  cultum  solum  terrorem  mortis  pe- 
nitus  vincere  et  aeternam  vitam  beatam  praebere  posse  puta- 
bant.  cuius  rei  pauca  argumenta  aiieram.  Iesus  dicit  Kaxa 
'Iwdvrjv  8,51:  dtuijv  aui,v  Aeyw  Ou-tv,  iav  xt£  xöv  eu.öv  Xcyov 


,aI)  Die  griechische  Religion  in  Weber,  Die  religiöse  Entwicklang 
der  Menschheit  im  Spiegel  der  Weltliteratur  p.  59. 

iU)  Fr.  Cumont,  Die  Mysterien  des  Mithra  p.  121  sq.  et  p.  102  sq. 
et  A.  Dieterich,  Eine  Mithrasliturgie  p.  95  sqq. 


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414 


Aemiliu8  Ackermann, 


xr^aiß,  fravaiov  oö  |xt]  ftetopifjag  et;  xöv  atöva.  atque  7^c; 
KopcWh'ou;  a  15,  55  scriptum  videmus:  xaxe7i&fy  6  fotvaxo« 
eig  vixo;.  noö  aou,  ä-avaxe,  xö  vfxc;;  tcgö  aou ,  -i^avaxs,  xg 
xevxpov;  v.  57  x$  5£  x<*pt;  x$  StÖovxt  -j^p-tv  xö  vlxo;  Öta 
xoö  xupt'ou  Vjuöv  'Irjaoö  XpiaxoO.  ergo  mors  Christianis  non 
terribilis  videbatur;  sciebant  enim  se  post  mortem  in  vitam 
redituros  esse.  cf.  rcpö?  Kopivfrtou;  od  15,  12  sqq.  Christiane 
mortuo  non  solum  vita  aeterno  sed  etiam  summa  felicitas  ob- 
tingebat.  cf.  rcpö;  ^»tXciii^aiou«  3,  20  sq.  et  cbwxaAw|K;  'Iwivou 
7,  14  sqq. 

In  sepulcris  saepe  expressam  videmus  imaginem  Amoris 
defunctos  reddentis  beatos.  ac  Semper  fere  Amor  nonnulla  fert 
Bacchi  et  Veneris  insignia,  ut  indicet,  quibus  ex  rebus  mortui 
yoluptatem  capere  possint.  Amor  dormiens  ad  beatum  de- 
functorum  somnum  alludit.  convivii  Corona,  quae  crebro  in  eius 
collo  suspensa  est,  rursus  sigoificat  vini  usum.  eodem  spectat 
quod  nonnumquam  ebrius  fictus  est.  talibus  in  imaginibus 
mortui  vice  functus  mortem  esse  beatam  ostendit.  in  sepul- 
crorum  Romanorum  anaglyphis  saepe  expressi  sunt  A mores, 
qui  laete  et  feliciter  se  gerentes  de  beata  post  mortem  vita 
alludunt  (cf.  Furtwaengler  in  Roscher  s.  v.  Eros). 

Alia  religio,  quae  homines  immortales  se  reddere  posse 
promittebat,  est  Herculanea,  cuius  certa  vestigia  permultis 
sepulcris 164)  impressa  sunt,  in  antiquo  Florentiae  sarcophago 
Hercules  Alcestim  ex  inferis  reducit  (cf.  Clarac,  musee  de  sculp- 
ture,  t.  V  p.  36  nr.  2018  pl.  801).  in  cippo  sepulcrali  expres- 
sum  videmus  simul  et  Herculem  et  Medusae  caput,  quod  est 
Signum  terroris  mortis166),  in  alio  sarcophago  Hercules  in  cae- 
lum  receptus  deus  sedet  inter  deos  Olympios  (cf.  Stephani, 
Der  ausruhende  Herakles  p.  197).  sine  dubio  oninia  haec  ar- 
tificia  Herculem  mortis  victorem  fingunt 

Post  mortem  Hercules  vitam  degit  laboribus  et  doloribus 
liberam,  voluptatum  plenam.  itaque  in  sepulcris  heroem  saepe 
quieti  se  tradere  videmus  (cf.  Stephani  1.  s.  p.  195).  permultis 
sepulcris  duodecim  illae  res  ab  Hercule  gestae  impressae  sunt 

,M)  Sepulcra,  quae  commemoro,  plerumque  primis  post  Christum 
natum  saecalis  orta  sunt. 

«•»)  Cf.  Stephani,  D.  a.  R  p.  197. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


415 


(cf.  Stephani  1.  s.  p.  199  sqq.).  quas  imagines  qui  contempla- 
batur  eum  recordari  necessarium  erat  postea  beatam  vi  tarn 
huius  vitae  labores  secutam  esse;  qua  re  ipse  confirmabatur, 
ut  omnes  iniurias  ac  dolores  patienter  perferret. 

Non  solum  dulcis  quies,  sed  etiam  variae  voluptates  ma- 
nebant  defunctos,  qui  cibo  post  mortem  et  potione  et  amore 
corpora  delectabant.  cuius  rei  multa  indicia  inveniuntur.  in 
collectionis  Torloniae  sarcophago  Hercules  ciavam  in  porci  ca- 
pite  collocat,  quod  si  quis  intuebatur  colligebat  se  post  mor- 
tem epulis  se  dedere  posse  (cf.  Stephani  1.  s.  p.  183  et  117). 
creberrime  Hercules  in  sepulcris  socius  Bacchici  thiasi  fictus 
est.  ac  saepe  ebrium  heroem  videmus  scyphum  et  convivii  coro- 
nam  gerentem  (cf.  Stephani  1.  s.  p.  197  sqq.).  idem  agitur 
in  tabula  Albana  et  in  aliis  artis  monumentis  16&).  vinum  igi- 
tur  mortuos  sumere  solere  credebant  antiqui.  id  quod  Hercules 
compluriens  manum  Maenadi  affert,  defunctos  venere  quoque 
delectari  indicat  (cf.  Stephani  1.  s.  p.  198). 

lam  concedendum  esse  videtur  Herculeam  religionem  ido- 
neam  fuisse,  quae  hominum  animos  accenderet,  ut  omnes  la- 
bores et  ipsam  mortem  fortiter  perpeterentur.  quod  aperte 
elucet  ex  imaginibus,  in  quibus  Hercules  ipsius  defuncti  locum 
obtinet.  in  sarcophagi  operculo  maritus  cum  coniuge  fictus  est. 
ac  iacet  vir  in  pelle  leonina  scyphum  et  convivii  coronam  ge- 
rens,  prope  eum  pharetra  est  plena  sagittarum  (cf.  Furt- 
waengler,  Intorao  a  due  tipi  d'Amore  in  Bull,  dell'  Inst.  1877 
p.  125).  in  tabula  marmorea  Musei  Neapolitani  Hercules  et 
Omphale  sculpti  virum  atque  uxorem  mortuos  significare  vi- 
dentur  (cf.  Stephani  1.  s.  p.  202  sqq.).  pueros  quoque  mor- 
tuos Herculis  vice  functos  esse  demonstrat  Furtwaenglerus 
(1.  s.).  qui  vir  doctissimus  recte  iudicat  sie:  *E  certo,  era  un 
pensiero  molto  consolante  il  vedersi  identificato  con  quell' 
eroe  vincitore  della  morte  e  che  per  la  sua  forza  era  arrivato 
aU'  immortalita  >«7). 

Nonnumquam  Hercules  Amoris  specie  in  sepulcris  fictus 

,Ä6)  Cf.  Jahn,  Griechische  Bilderchroniken,  p.  39  sq.  et  tabula  Bub 
litter a  J  publicata. 

,6T)  Hoc  loco  id  quoqne  afferri  potest,  quod  Iustinus  gnoaticus  Hei- 
culem  prophetam,  quo  Jesus  solus  praeetantior  erat,  cultui  Christiano 
inseruit  (cf.  Wilaniowitz,  Heraclea  *  I  p.  103). 


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416 


Aemilius  Ackermann, 


est.  nudus  puer  (Amor- Hercules)  pelle  leonina  indutus  clavam 
et  scyphum  gerere  solet.  pauca  exempla  afferam. 

I.  sarcophagi  tabula  in  palatio  Mattheiano  asservata.  ct. 
Stephani  1.  s.  p.  197. 

II.  fragmentum  in  Vaticano  repositum.  cf.  Platner,  Be- 
schreibung der  Stadt  Rom  II  2  p.  45  nr.  100. 

III.  sarcophagi  fragmentum  in  Museo  Lateranensi.  cf. 
Benndorf  et  Schoene,  Die  antiken  Bildwerke  des  Lateranen- 
sischen  Museums  nr.  82. 

IV.  anaglyphum  sepulcrum  significans  in  Museo  Latera- 
nensi. cf.  Benndorf  et  Schoene  1.  s.  nr.  344  (p.  215). 

V.  cippus  sepulcralis  in  Louvro.  cf.  Furtwaengler ,  Bull, 
dell*  Inst.  1877  p.  126. 

VI.  dulcis  pictura  parietaria  Campana  in  opere  inscripto 
Pitture  (VErculatw  t.  II  p.  39,  ubi  Amor  cervum  domat  cor- 
m  bus  arreptis,  quae  imitatio  est  cervum  domantis  Herculis  Pa- 
normitani ;  similia  plura  167\ 

Iam  nobis  considerandum  est,  quomodo  factum  sit,  ut 
Hercules  cum  Amore  confunderetur.  supra  (p.  415)  vidimus 
piieros  mortuos  nonnumquam  Herculis  specie  fictos  esse.  'Dali' 
altro  canto  sappiamo  che  era  Fuso  di  rappresentar  i  fanciulli 
e  ragazzini  morti  sotto  l'immagine  di  Amori,  ciö  che  mostrano 
e  statue  che  danno  ad  Eros  i  tratti  di  un  fanciullo  reale  (p. 
es.  Fröhner  Notice  n.  368)  e  tanti  sarcofaghi'  (cf.  Furtwaengler 
1.  s.  p.  125  sq.).  modo  igitur  puer  mortuus  fictus  est  Her- 
cules, modo  Amor,  qua  ex  re  necesse  est  secutum  esse  ut 
Hercules  cum  Amore  confunderetur.  quae  confusio  oriri  non 
poterat,  nisi  religio  Amoris  Herculeae  simillima  erat,  ac  iure 
dicit  Stephani  (1.  s.  p.  198):  "Herakles,  das  Vorbild  des  Men- 
schen Uberhaupt,  ist  hier  Träger  ganz  desselben  Gedankens, 
den  wir  anderwärts  durch  einen  Knaben  oder  Eros  . . .  ausge- 
sprochen fanden.'  parva  tarnen  differentia  exstat.  is  qui  Her- 
culis imaginem  sepulcris  imprimebat,  indicare  volebat  aeternam 
vitam  beatam  esse  praemium  huius  vitae  laborum  dolorumque 
(cf.  Stephani  1.  s.  p.  198). 

lflT*)  Adde  sarcophagi  tabulam  quae  fuit  in  palatio  Giustiniano. 
Hercules  vir  tenet  facem,  proprium  Amoris  insigne.  quae  tarnen  fax 
fortasse  poatea  addita  est.  cf.  Stephani  1.  s.  p.  199  nr.  10  et  p.  198  adn.  1. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


417 


Iam  vero  sepulcralis  religio  Herculea,  quam  commodum  lu- 
stravimus,  inagis  apta  erat  pauperibos  ac  miseris,  minus  felici- 
bus  et  potentibus,  quibus  mors  quicquam  grati  aut  iucundi  dare 
non  poterat.  quo  factum  est,  ut  homines  beati  et  pollentes  Her- 
culem  venerantes  aliuni  Herculem  colerent.  viro  patienti  ante- 
ponebant  heroem  vincentem  et  pollentem,  quod  ex  multis  te- 
stimoniis  apparet.  in  inscriptionibus  Hercules  crebro  appella- 
tur  Victor  vel  Invictus  vel  KaXXtvtxo?.  cf.  CLL.  I  541,  II 
1568,  1660,  III  877,  1340,  IV  733,  V  5508.  VI  328  legimus 
Herculi  Vidori  Pollenti  Potenti  Invicto.  Macrobins  narrat 
III  12,  1 :  et  sane  ita  Menippea  Varronis  adfirmat ,  quae  in- 
scribitur  'AXXos  oOxo;  'HpaxXfj^,  in  qua,  cum  de  Invicto 
Jlarcule  loqueretur,  cundem  esse  ac  Martern  probavit.  alia 
Herculis  cognomina  sunt  Sandus,  Tutor,  Conservator,  Pater 
cf.  CLL.  VIII  2496,  X  3799,  VIII  2346,  4634.  pacis  auetor 
celebratur  Hercules  inscriptione  bilingui  CLL.  X  5385:  eüyjj 
lHpaxXfl,  fraXXocpopü) ,  Uptb ,  eöaxouaxq)  .  .  .  A.  KopviQXio;  .  .  . 

HeraiJi  paeifero,  invido,  saneto  sacrum  ...  L.  Cornelius  

in  nummis  quoque  Hercules  appellatur  paeifer.  cf.  Stephani 
1.  s.  p.  181  adn.  3  et  Peter  (in  Roscher  s.  v.  H.  p.  2986  sq.). 
comparandus  est  locus  Vergilii,  Aeu.  VI  801 : 

nec  vero  Alcides  tantum  telluris  obivit, 
fixerit  aeripedem  cervam  licet  aut  Erymanthi 
pacarit  nemora  et  Lern  am  tremefecerit  arcu 
et  Claudiani,  de  raptu  Pros.  II  prol.  9 : 

Sed  postquam  Inachiis  Alcides  missus  ab  Argis 
Thracia  p  a  c  i  f  e  r  o  contigit  arva  pede  .  .  . 
quin  etiam  Dionysius  Halicarnassensis  Herculem  propagasse  cul- 
tum  atque  humanitatem  dicit  cf.  antiquitates  I  41 :  6  5'  dcX^ea- 
ispo;,  ü>  rcoXXoJ  xfi>v  sv  foxoptas  ay^u-ax:  xa;  Ttpöc^et*  auxoö  StTjyr^- 
aauivtov  lygipwzo,  xoi6;5c.  (b;  oxpaxrjXarrj;  yevojJLevo;  dt7iavxü)v 
xpaxiaxo;  xöv  xa&'  aOxöv  rHpaxX?J;  xai  5uvau.eü)£  TcoXXfj;  Y)yo6u.s- 
vo;  dfaaaav  ^7rf]X0-s  ttjv  evxö;  'Qxeav&ö,  xaxaXuiov  piv  e:  xt$  efy- 
xupavv^  ßapeia  xa!  XuTtrjpa  xot;  apxouivo'.;  >j  rcoXtc  Oßp'^ouaa 
xat  Xwßwuivirj  xd;  7r£Xa;  y)  u.ovat  av$pü)7t(DV  flcvTjuipq)  otaixiß 
xai  ^evoxxovfa'.;  diteu-iTCG'.;  xpwuivwv,  xatkaxa;  5s  vouipiou;  ßa- 
aiXeia;  xa>  awcppovcxa  7coXtxeuu.axa  xa!  ßiwv  eÖT]  cpiXavO-pwxia 
%<xl  xotvoTiaö^.  cf.  Epicteti  verba  quae  p.  410  attuli. 


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418 


Aemilius  Acker  mann, 


•  In  nobiliuin  igitur  aestimatione  Hercules  erat  invictus, 
pollens,  sanctus,  pacifer  heros,  legum  defensor,  humauitatis 
auctor;  cui  qui  similis  vel  aequalis  erat  cum  summis  lau- 
dibus  dignus  putaretur,  non  mirum  est  exatitisse,  qui  vel 
a  se  vel  ab  aliis  cum  Iovis  filio  compararentur 168).  scrip- 
tum est  de  Alexandro  Magno  et  Commodo  apud  Athenae- 
um  XII  cap.  53:  rcoXXaxts  Bk  xal  Xeovtfjv  xal  pörcaAov  öa- 
rap  6  'HpaxXfJ;  (sc.  ecpopct  *A>ij;av8poc).  xi  ouv  ftauu-aatöv 
et  xat  xafr'  Vjuas  K6u.u.o$o;  6  auxoxpaxwp  knl  xöv  öx^uäto» 
napaxetU£VOV  efyev  xb  'HpdtxXetov  foTiaÄov  ÖTicorpwjiivrj;  aotö 
Xeovtfjs  xai  'HpaxXfj;  xaXelafrai  -Jj^eXev,  'AXe^avSpou  toO  'Apt- 
atoxeXtxoO  xooouxot?  auxov  <£<pofJLOtoövxos  {teol;;  conferas  etiam 
Baumeister,  Denkmäler  I  p.  398 168*).  De  Pompeio  Pliniu6 
(n.  h.  VII  95)  narrat:  verum  ad  decus  imperi  Romani, 
non  solum  ad  viri  unius  pertinet  victoriam,  Pompei  Magni 
titulos  omnis  triumphosque  hoc  in  hco  nuncupari,  aequaio  non 
modo  Alexandra  Magni  verum  fulgore,  sed  etiam  Hereulis 
prope  ac  Liberi  patris.  M.  Antonius  genus  suum,  ut  pro 
Hercule  se  gerere  posaet,  ab  Antone,  Hereulis  ficto  filio,  de- 
duxit.  cf.  Plutarchus,  Ant.,  cap.  4  et  36.  etiam  M.  Vipsanius 
Agrippa  cum  Iovis  filio  comparabatur.  cf.  Peter  1.  s.  p.  2982 169). 

Multo  maioris  momenti  erat,  quod  imperatores  Romani  cum 
Hercule  componebantur.  Caesarea  Augusti 170)  re  vera  pollentis- 
simi  ac  potentissimi  erant  et  saepiua  victores  ac  paeiferos  se 
praebebant.  ut  Herculi  in  commemorata  inscriptione  (CLL.  VIH 
4634)  cognomen  p  a  t  e  r  datum  est,  ita  Augustua  appellabatur 
pater  patriae,  cum  baec  imperatorum  cum  Hercule  comparatio 
in  consuetudinem  ac  morem  venire  coepisset,  imperator  idem  qui 
Hercules  putabatur  et  publica  quaedaui  religio  Herculea  orta  est. 
Augustum   vere  anni  XXIV.   ex  Hispania  Romam 


168)  Omnia  fere,  quae  hac  de  re  commemoro,  apud  Peterum  (in 
Roscher  a.  v.  H.)  inveni.  conferas  etiam  G.  Wisaowa,  Religion  and  Kul- 
tus der  Römer  p.  83  et  p.  229. 

,wu)  De  Alexandri  cum  Hercule  aequatione  cf.  etiam  Seneca,  de 
benefieiis  I  13,  1  sq. 

I6e)  Brutus  moriturue  cevaßo^oxg  xoöxo  5rj  tö  fH  p  d  x  X  »  t  o  v 
w  xXf(jiov  dpsxr,,  Xdyog  dp'  ijad-*,  dy«'»  54  ot 
Ipyov  Tjoxoyv  au  Ö1  dp'  üoüXsue^  v'ixv 
napexdXsoi  xtva  xöv  ouvövxtov,  Eva  aütov  drcoxxsiv^.  cf.  Cass.  Dio  47,  49. 

170 )  In  compluribus  inscriptionibus  Hercules  appellatur  Augustus. 
cf.  CLL.  II  1303,  1304,  VHI  2346. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo. 


419 


redeuntem  Horatius  celebrat  cum  Hercule  comparans 
c.  III  14,  1 :  Herculis  ritu  modo  dictus,  o  plebs, 
morte  venalem  petiisse  laurum 
Caesar  Hispana  repetit  penatis 
victor  ab  ora. 

ad  quem  locum  Kiessimg  editor  recte  adnotasse  videtur :  wenn 
v.  4  victor  so  emphatisch  gestellt  ist,  so  dachte  jeder  römische 
Leser  dabei  an  die  beliebteste  Gottheit  der  plebecala,  den  Her- 
cules Victor  der  ara  maxima,  der  sich  auf  der  Heimkehr  von 
Iberien  mit  den  Rindern  des  Geryones  diesen  Dienst  gegründet. 

Caligula  Herculem  imitatus  xorf  £67taXov  %al  Xeovxfjv 
iqpopei.  cf.  Cass.  Dio  59,  26,  6. 

Cum  Nero  ex  Graecia  reverteretur,  popuius  exclamavit : 
'OXuu.7«ov£xa  ooa,  IIufrtovExa  oöä,  Aöyouare  AöyouoTe ,  Nepam 
Tip  'HpaxXeC  e.  q.  s.  cf.  Cass.  Dio  63,  20,  5.  apud  Suetonium 
(Nero,  cap.  53)  legimus:  destinaverat  etiam,  quia  Apollinem 
cantu,  Solan  aurigando  aequiperare  existvmaretur ,  imitari  et 
Herculis  facta;  praeparatumque  leonem  aiunt,  quem  vel  clava 
vel  brachiorum  neanbus  in  amphitheatri  arena  spectante  populo 
nudus  elideret.  Neronem  in  nummis  quoque  Herculis  specie 
fictum  esse  ostendunt  Peter  1.  s.  p.  2982  et  Stephani  1.  s.  p.  192. 

Hercules  in  nummo  fictus  G  a  1  b  a  m  significare  videtur. 
cf.  Peter  1.  s.  p.  2982. 

Domitianus  in  via  Appia  aedificavit  Herculis  tem- 
plum,  in  quo  collocatus  est  herois  statua  imperatoris  vuitum 
praeferens.  cf.  Martial.  ep.  9,  64,  1 : 

Herculis  in  magni  vultus  descendere  Caesar 
Dignatus  Latiae  dat  nova  templa  viae 
et  ep.  65,  1 :   Alcide,  Latio  nunc  agnoscende  Tonanti, 
Postquam  pulchra  dei  Caesaris  ora  geris, 
Si  tibi  tunc  isti  vultus  babitusque  fuissent  e.  q.  s. 
et  101,  1:      Appia,  quam  simili  venerandus  in  Hercule  Caesar 

Consecrat,  Ausoniae  maxima  fama  viae. 
Martialis  adeo  Domitianum  maiorem  Alciden  celebrat ;  minor  est 
Hercules  ipse  cf.  9,  101,  11.  in  nummis  Herculem  huius  im- 
peratoris locum  tenere  contendit  Stephani  1.  s.  p.  192. 

In  nummo  quodam  Herculis  facta  cum  rebus  a  Traiano 

Philologua,  Supplementband  X,  drittel  Heft.  28 


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420 


Aemilius  Ackermann, 


gestis  composita  esse  dicit  Peter  1.  8.  p.  2983.  fortasse  Trai- 
anus  quoque  Hercules  in  nuuimis  fictus  est.  cf.  enndem  1.  s. 

In  clipeo  Hercules  ora  H  ad  r  i  a  n  i  gerit  rursus  in  num- 
mis  heros  imperatoris  vicem  tenet.  cf.  Peter  1.  s.  p.  2984  sq. 
et  Stephani  1.  s.  p.  192  et  157  171). 

Antoninum  Pium  in  nummis  Herculis  specie  ficbum 
esse  demonstrat  Stephani  I.  s.  p.  157  et  p.  192. 

Praecipue  pro  Hercnle  se  gerebat  Commodus,  qui  se 
ita  coli  iußsit,  velut  si  Iovis  filius  re  vera  esset,  voluitque  no- 
minari  Romanus  Hercules,  cf.  CaBs.  Dio  72,  15.  idem  auctor 
de  statuis  narrat  hoc:  %aX  yip  xoO  xoXooooö  (sc.  K6|ijio5o;) 
t*jv  xe<paX*jv  äitoxepwv  xal  £xspav  iauxoö  dvti9>s^  xat  £67taAov 
5ou?  Xiovta  T6  xtva  xa**°°  öiw&el?  u>;  'HpaxXct  iotxivai, 
iypa^ev  Aouxio;  KöujioSos  'HpaxXffc  (cf.  72,  22,  3)  et  xal  dv- 
Sptavtc;  auxoö  TCau.itX/jftet;  iv  'HpaxXeou*  oyi^iaxt  iovrpav 
(cf.  72,  15,  6).  talis  statua  nobis  servata  in  Vaticano  repo- 
sita  est.  cf.  Clarac  1.  8.  t.  V  p.  253  nr.  2471  pl.  963.  etiam 
in  nummis  Hercules  Commodum  significat.  plura  eiusmodi 
collegit  Peter  1.  s.  p.  2987  sqq. 

Septimius  Severus,  Q arac  a  1 1  a,  Qeta,  Alexander  Severus 
Herculem  et  Bacchum  colebant  deos  patrios.  Caracalla,  post- 
quam  multos  apros  cecidit  nec  leonem  fugit,  Hercules  dic- 
tus  est172),  cf.  Peter  1.  s,  p.  2992  sq.  Caracallam  in  nummis  Her- 
culem fictum  esse  dicit  Stephani  ].  s.  p.  192. 

Maximinns  I.  propter  corporis  robur  Hercules  vel 
Antaeus  appellabatur173).  cf.  Peter  1.  s.  p.  2994. 

Imperatores  Gallienum,  Postumum,  Probum 
in  nummis  Herculis  specie  fictos  esse  docent  Stephani  1.  s.  p.  192 
et  Peter  p.  2995  et  p.  2997. 

Maximianum  Herculium  appellatum  esse  auctor  est 
Ammianus  Marcellinus,  qui  exc.  §  1  narrat  Diocletianus  cum 
Herculio  Maximiano  imperavii  annos  XX.  unde  copiarum  quo- 

l7i)  HiBpani  maxinie  colebant  Herculem  G  ad  i  tan  um.  Prellerus  (R. 
M.s  II  2  p.  299)  dicit :  Später  sind  es  besonders  die  Kaiser  von  spa- 
nischer Abkunft,  Galba,  Trajan  und  Hadrian,  auf  deren  Münzen 
und  Denkmälern  der  göttliche  Heros  als  Sinnbild  zugleich  ihrer  Hei- 
mat und  ihrer  Taten  erschien,  itaque  Senecam  id  quoque,  quod  Cor- 
dubae  natus  erat,  ad  Herculem  fabulam  tractandam  induxit. 

m)  Cf.  Ael.  Spart.,  v.  Carac  5,  5. 

Hoc  traditum  est  apud  Jul.  Capitol.,  Maxim,  duo  6,  9. 


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De  Senecae  Hercule  Oetaeo.  421 


que  pars  quaedam  nominabatur  Herculiana  cf.  Ammian.  22,  3,  2 
et  Claudian.  de  hello  Gild.  v.  418  m).  Herculem  in  nummis  Ac- 
tum Maximianum  esse  docent  Peter  1.  s.  p.  2997  et  Stephani 
1.  s.  p.  192. 

Denique  Constantio  Chloro  cognomen  erat  Her- 
culius llb)  cf.  Peter  1.  s.  p.  3001. 

Ita  propagata  per  saecula  Herculis  veneratione  factum  est, 
ut  etiam  post  annum  CCCC.  et  post  Christianae  fidei  victoriam 
carmen  scriberetur  de  laude  Herculis.  cf.  Birt,  Claudian. 
p.  399  sqq. 

Gontemplati  sumus  Herculem  virtutis  exemplum,  qui  visuB 
est  Senecae,  populo,  imperatoribus.  deprehendimus  autem  ali- 
quara  certe  yeuerationis  differentiam.  sepulcralis  enim  Hercules 
mortuos  donabat  aeterna  vita  beata,  de  qua  vix  cogitabat  Stoi- 
cus  pbilosophus,  qui  Troad.  371  sqq.  chorum  induxit  can entern : 

Verum  est  an  timidos  fabula  decipit 

umbras  corporibus  virere  conditis, 

cum  coniunx  oculis  imposuit  manum 

supremusque  dies  solibus  obstitit 

et  tristis  cineres  urna  cohercuit? 

non  prodest  animam  tradere  funeri, 

sed  restat  miseris  vivere  longius  ? 

an  toti  morimur  nullaque  pars  manet 

nostri,  cum  profugo  spiritus  halitu 

immixtus  nebulis  cessit  in  aera 

et  nudum  tetigit  subdita  fax  latus? 
et  v.  397  post  mortem  nihil  est  ipsaque  mors  nihil, 
neque  vero  liberali  atque  philosophia  exculto  Senecae  ani- 
mo  placere  poterat  illud  Herculem  imitandi  genus,  quo  non- 
nulli  imperatores  velut  Caligula  et  Nero  utebantur.  itaque  ipse 
ad  imitandum  exemplum  proposuit  et  deo  aequiperavit  eum 
Herculem,  qui  communis  utilitatis  causa  labores  omnes  suscipe- 
ret,  dolores  vinceret.  cognoverat  enim  philosophus  hoc:  *die 
höchste  aber  der  Tugenden  ist  die  Menschenliebe  gegen  Alle. 

I74)  Claudiani  locus  est  hic  Herculeam  suus  Alcidcs  Ioviamque 
cofwrtem  Rex  ducit  superum.  Alcides  est  Maximianus.  ceterum  vide 
Birtii  praefationem  p.  XXXII  adn.  3. 

m)  Traditum  est  apud  Lactantiam ,  de  mortibus  persecatorum, 
cap.  52,  3. 

28* 


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422   A  e  m  i  1  i  u  s  Ackermann,  De  Senecae Hercule  Oetaeo. 

Keiner  ist  schlechter  als  der  andere,  auch  nicht  der  Sklave. 
Und  endlich:  sei  hilfreich  selbst  deinen  Feinden'  (cf.  Birtius, 
Eine  römische  Litteratnrgeschichte  a.  1894  p.  161). 

Celebrare  ac  praedicare  Herculem  Senecae  fuit  consilium. 
hanc  ad  rem  perficiendam  adinvit  scriptorem  id,  quod  scholis 
declamatoriis  et  oratoriis  interfuerat.  atque  ut  consilium  suum 
consequeretur,  artem  rhetoricam  auxilio  sibi  arcessivit176).  huc 
pertinent  quae  viri  docti  de  verborum  pompa  ac  tumore  et  de  in- 
flata  ac  turgida  oratione  dixerunt177).  at  non  temere  hoc  genere 
loquendi  Seneca  usus  est.  ut  Leo  ipse  concessit  (I  p.  65),  rhe- 
toris  est  pronominis  personalis  genetivum  pro  pronomine  pos- 
sessio usurpare l78).  rhetoris  est  pluralem  vocis  poptdi  per 
superlationem  pro  singulari  ponere179).  rhetorem  decent,  quod 
iam  Birtus  vidit  (p.  533),  interrogativa  verba 180)  pars  quota  est  ? 
similia  plura.  arte  igitur  rhetorica  adhibita  Seneca  effici  puta- 
vit,  ut  Hercules  quam  maxime  laudibus  efferretur.  itaque  poeta 
in  hac  fabula  componenda,  cum  Herculis  gloriam  et  apotheosin 
exornare  studeret,  certum  consilium  habuit. 

Cum  iam  nihil  quod  ab  eius  ingenio  atque  indole  alienum 
videri  possit  in  Hercule  Oetaeo  superesse  credam  satis  confir- 
masse  mihi  videor  tragoediam  hanc  totara  et  indivisam  a  Se- 
neca eo  consilio  scriptam  esse,  ut  Herculis  laudem  praedica- 
ret,  mortem  celebraret  hominibusque  imitandum  fortissimi  viri 
exemplum  ante  oculos  proponeret.  habes  igitur,  candide  lec- 
tor,  meum  de  Hercule  Oetaeo  iudicium,  quod  aut  sequeris  aut 
falsum  aestimabis,  si  aliud  est  tuum.  tu  autem,  si  tibi  ea,  quae 
disputata  sunt,  minus  probabuntur,  ipse  denuo  hanc  fabulam 
pertractes  velim. 

Cf.  K.  M.  Smith,  de  arte  rhetorica  in  L.  A.  Senecae  tragoediis 
perspicua. 

m)  Cf.  Birt  p.  532  et  Leo  G.  G.  A.  p.  10. 

"•)  Cf.  «upra  p.  377  sq.  "•)  Cf.  supra  p.  378  sqq. 

'••)  Cf.  anpra  p.  878. 


Berichtigung. 

Seite  380  zeile  10  v.  u.  ist  Corusca  zu  lesen  statt  corusca. 
Seite  347  zeile  6  t.  n.  ist  tragoediarum  zu  lesen  statt  tragoediis. 
Seite  380  zeile  19  v.  o.  ist  „bombastiach-  zu  lesen  statt  bombastisch. 


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Herculis  Oetaei  versus  qui  afferuntur  vel  explicantur 


V. 

1  — 

740  p.  326,  332, 

V. 

108 

405. 

V. 

111- 

118 

v. 

7 

p.  359. 

V. 

119- 

142 

V. 

10 

p.  359. 

V. 

121 

V. 

18 

p.  359. 

V. 

122 

V. 

15 

p.  351,  352, 

* 

Y. 

125 

353. 

V. 

126 

V. 

19 

p.365.tab. 

Y. 

135 

v. 

21 

p.  349. 

V. 

143 

V. 

27 

p.  879. 

Y. 

143—170 

Y. 

SO 

p.  359,  400. 

V. 

150 

V. 

31 

tob. 

V. 

151 

V. 

34 

p.  359. 

V. 

161 

V. 

35 

p.  359. 

▼. 

163— 

172 

v. 

40 

p.  373. 

T. 

165 

V. 

48 

p.  352,  358, 

V. 

170 

359. 

V. 

170- 

172 

Y. 

49 

tab. 

V. 

173 

v. 

51 

p.  400. 

V. 

186 

V. 

52 

p.  851,  359, 

V. 

191 

400. 

V. 

195 

y. 

54 

p.  859. 

v- 

198 

V. 

56 

p.  359. 

V. 

199 

V. 

58 

p.  359. 

V. 

201 

V. 

59 

p.  847. 

V. 

209 

V. 

63 

p.  372. 

Y. 

211 

V. 

64 

p.  359. 

Y. 

213 

V. 

79 

p.  859,  883. 

V. 

218 

V. 

80 

p.  339,  383. 

V. 

219 

V. 

87 

p.  381. 

v 

224 

v. 

94 

tab. 

v- 

227 

V. 

98 

p.  359. 

V. 

230 

V. 

99 

p.  359,  392. 

V. 

233 

V. 

101 

p.  359,  366. 

V. 

236 

V. 

104 

p.  378. 

V. 

247 

Y. 

104- 

-106  p.  395. 

V. 

251 

V. 

104- 

-172  p.  395, 396. 

V. 

256 

v. 

107 

p.  337, 880. 

V. 

258 

V. 

107- 

-110  p.  895. 

V. 

263 

V. 

107- 

-117  p.  895. 

V. 

266 

p.  880. 
p.  895. 
p.  337. 
p.  896. 
p.  837. 
p.  893. 
p.  392, 
p.  392, 394. 
p.  396. 
p.  337. 
p.  371, 396. 
p.  363. 
p.  340. 
p.  341, 390. 
p.  870. 
p.  336, 370. 
p.  337. 
p.  363. 
p.  363. 
p.  363, 374. 
p.  392. 
p.  864. 
p.  370. 
p.  383. 
p.  869. 
p.  385. 
p.  883. 
p.  369. 
p.  385. 
p.  392. 
p.  370. 
p.  370. 
p.  894. 
p.  347. 
p.  370. 
p.  870. 
p.  391, 896. 
p.  359. 
p.  359. 
p.  859. 


v.  268 
v.  272 
v.  273 
v.  278 
v.  278—391 
v.  280 
y.  284 
y.  289 
v.  290 
v.  294 
v.  299 
v.  301 
y.  305 
y.  306 
y.  307 
y.  308 
v.  310 
v.  311 
v.  312 
v.  813 
v.  314 
y.  315 
y.  327 
v.  830 
v.  831 
y.  332 

382. 
v.  334 
v.  849 
v.  350 
y.  851—379 
v.  353 
v.  356 
v.  359 
v.  361 

385. 
v.  363 
y.  866 
v.  367 
y.  868 


p.  859. 
p.  859. 
p.  359. 
p.  845, 859. 
p.  345. 
p.  345. 
tab. 
p.  359. 
p.  885. 
p.  359. 
p.  356. 
p.  869. 
p.  359, 396. 
p.  359. 
p.  897. 
p.  859. 
p.  859. 
p.  359. 
p.  "859. 
p.  359. 
p.  859. 
p.  397. 
p.  859. 
p.  896. 
p.  359. 
p.  370,381, 

p.  359. 
tab. 
p.  859. 
p.  882. 
p.  881. 
p.  870. 
p.  359. 
p.  353, 861, 

p.  381. 
p.  381. 
p.  359,  tab. 
p.  365. 


»)  Ubi  tab.  adscripsi,  ai^nificatar  tabula  illa  ad  p.  365  pertinent, 
qua  continentur  verba,  in  quibus  mutae  cum  liquida  copulatio  modo 
positionem  facit,  modo  non  facit. 


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424 


Aemilius  Ackermann, 


v.  869 
v.  372 
v.  374 
v.  377 
v.  378 
v.  387 
v.  395 
v.  396 
y.  40  1 
v.  404 
v.  405 
v.  406 

359. 
v.  407 
v.  408 
v.  409 
v.  410 
v.  420 
v.  422 
t.  424 
v.  427 
t.  429 
v.  432 
v.  433 
v.  484 
v.  434/5 
v.  435 

436 
v.  487 
v.  438 
v.  439 
v.  445 
y.  452 
v.  459 
v.  463 
v.  465 

357. 

466 
v.  478 
v.  475 
v.  477 
v.  481 
v.  482 
v.  483 
v.  488 
v.  500 
v.  513 
v.  517 
v.  520 
v.  622 
v.  528 

530 

531 
7.  532 
t.  535 
v.  54€ 
v.  547 


p.  381,882. 
p.  359, 869. 
p.  381,382 
p.  359. 
p.  359. 
p.  837. 
p.  859. 
p.  359. 
p.  359. 
p.  359. 
p.  847, 859. 
p.  850,852, 

p.  382. 
p.  358, 385. 
p.  383. 
p.  896. 
p.  379. 
p.  370. 
p.  338. 
p.  859. 
p.  382. 
p.  359,361. 
p.  361. 
p.  359. 
p.  397. 
p.  396. 
p.  397. 
p.  381, 882. 
p.  359. 
p.  359. 
p.  351, 352. 
p.  382. 
p.  359. 
p.  359. 
p.  352, 353, 

p.  357. 
p.  353, 385. 
p.  894. 
p.  359. 
p.  383. 
p.  374. 
p.  870. 
p.  860. 
p.  882. 
p.  360. 
p.  372. 
p.  369,374. 
p.  382. 
p.  869. 
p.  875. 
tab. 
p.  860. 
p.  359. 
p.  360, 883. 
p.  360. 


V. 

P~   mT  mr 

555 

p.  377. 

T. 

783 

▼. 

557 

p.  377. 

V. 

784 

V. 

560 

p.  859. 

V. 

786 

r-  n  r-  i /»/» 

565/60 

p.  401. 

V. 

787 

V. 

569 

p.  860. 

V. 

Ö     ä\  4m 

8  0  3 

T. 

mw  mm  A 

574 

p.352, 353, 

V. 

804 

360,  384, 

385. 

tab. 

V. 

587 

p.  869. 

V. 

806 

596 

p.  869. 

V. 

807 

V. 

599 

p.  371. 

V. 

808 

V. 

6  0  5 

p.  870. 

V. 

Oll 

811 

V. 

60/ 

p.  369, 379. 

V. 

820 

V. 

608 

p.  879. 

V. 

823 

V. 

610 

p.  369. 

T. 

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Herculis  Oetaei  versus  qui  afferuntur  vel  explicantur.  425 


V. 

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426 


Aemilius  Ackermann, 


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V. 

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p.  879. 

V. 

1719 

V. 

1541 

p.  879. 

V. 

1720 

V 

1550 

p.  334. 

V. 

1721 

V. 

1555 

p.  870. 

V. 

1722 

V. 

1556 

p.  834. 

V. 

1723 

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1553 

p.  848. 

V. 

1724 

p.  403. 
p.  870. 
p.872,379. 
p.  876. 
p.  388, 344, 

p.  838. 
p.  375. 
p.  870, 402. 
p.  346. 
p.  379. 
p.  403. 
57  p.  402. 
p.  370. 
p.  402. 
p.  860. 
p.  883. 
p.  874. 
p.  875. 
p.  371. 
p.  360. 
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p.  869. 
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p.  349. 
p.  370, 402. 
p.  860. 
p.  348, 860, 

p.  375. 
p.  375. 
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p.  875. 
p.  374. 
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p.  360. 
p.  870. 
p.  360. 
p.338,  360. 
p.  860. 
p.  373. 
p.  411. 
p.  402. 
p.  370. 
p. 360,402. 
p.  860. 
p.  411. 
p.  360. 
p.  385. 
p.  335. 
p.  335, 360. 
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p.  860. 
p.  860. 
p.  360. 
p.  370. 


V. 

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V. 

1745 

p.  360, 370. 

V. 

1748 

p.  860. 

1750 

p. 352, 353. 

V. 

1758 

p.  370. 

1754 

p.  402. 

V. 

1756 

p.  361. 

V. 

1758-1831  p.  400. 

V. 

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1811 

p.  379. 

V. 

1814 

p.  360. 

V. 

1818 

p.  879. 

V. 

1820 

p.  847. 

V. 

1822 

p.  36ü. 

V. 

1823 

p.  861. 

T. 

1824 

p.  879. 

V. 

182;) 

p.  360. 

V. 

1826 

p.  847. 

V. 

1827 

p.  860, 385. 

V. 

1829 

p.  361. 

V. 

1830 

p.  860, 376. 

V. 

1831 

p.  403. 

V. 

1832 

p.  370. 

V. 

1836 

p.  360. 

V. 

1839 

p.  404. 

V. 

1840 

p.  400. 

V. 

1840-  1939  p.  400. 

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•  * 

1844 

p.  368. 

V. 

1845 

p.  860. 

V. 

1847 

p.  350, 352. 

V. 

1849 

p.  374,412. 

V. 

1855 

p.  360. 

V. 

!85H 

p.  347. 

V. 

1859 

p.  om 

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Res  quae  tractantur. 


427 


V. 

1861 

p.  873. 

V. 

1890 

V. 

1863 

p.  372. 

V. 

1911 

▼. 

1865 

p.  865. 

V. 

1912 

1868 

p.  865. 

V. 

1914 

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V. 

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V. 

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V. 

1871 

p.  379. 

V. 

1918 

V. 

1876 

p.  879. 

V. 

1930 

1H83 

p.  368, 373. 

V. 

1940 

V. 

1884 

p.  373, 377, 

V. 

1942 

383. 

V. 

1956 

V. 

1885 

p.  377. 

V. 

1966 

p.  338. 
p.865, 381. 
p.  381. 
p.  381. 
p.  369, 379. 
p.  379. 
p  848,871. 
p.  404. 
p.  411. 
p.  863. 
p.  377. 


v.  1972 
v.  1975 
v.  1976 
v.  1978 
v.  1979 
v.  1984 
v.  1992 
v.  1993 
v.  1996 


p.  404. 
p.  860. 
p.  411. 
p.  370. 
p.  347. 
p.  370. 
p.  370. 
p.  379. 
p.  891. 


Res  quae  tractantur. 


Prooemium  p.  325  sq. 

A.  DeHerculisauctore  p.  326—386. 
titulus  p.  326  sq. 
scaenae  mutatio      p.  327. 
duplex  chorus        p.  327. 
multitudoversuum1)  p.  327  sq. 
canticura    in  fine 

exatana  p.  328. 

loci  imitatione  e  ce- 
teris  tragoediia 
expreasi  p.  328  sqq. 

loci  stolida  imita- 
tione expressi      p.  332  sqq. 

ineptiae  p.  337  sqq. 

linguae  inopia       p.  345  sq. 

sententiae  neglegen- 
ter  constructae    p.  346. 

rationee  metricae    p.  346  sqq. 

res  pro6odiacae       p.  365  sqq. 

orthographia  p.  368  sqq. 

usus  loquendi         p.  371  sqq. 

B.  De  unitate  tragoe- 

diae  p.  887—408. 

argumenta  Swobo- 

dae  et  Goebelii 

refatantor  p.  387  sqq. 

argumenta  Peiperi 

et  Richten  refu- 


tantur p. 
argumenta  Habruc* 

keri  refutantur  p. 
argumenta  Leonis 

refutantur  p. 
Hercules  Oetaeus  est 

5pA(iadvaYvci)orixiv  p. 
argumenta  Tachavi 

diluuntur  p. 
argumenta  Melzeri 

diluuntur  p. 
Senecae  Phaedra  est 

dp&|i«dcva7V(i)axixöv  p. 
G.  De  consilio  poetae  p. 
Herculem  et  Cynici 

exemplum  imi- 

tandum  sibi  ante 

oculos  propone- 

bant  p. 
philosophorum  de 

Hercule  scripta  p. 
Senecae  consilium  p. 
nonnullaereligiones 

antiquae  p. 
religio  Herculea  p. 
Senecae  ars  rheto- 

rica  p. 
ConcluBio  p. 


390  sq. 

391  sq. 

392  sqq. 

395  sq. 

396  sqq. 

405  sqq. 

408-422. 


408  sq. 

409  sq. 

410  sqq. 

412  sqq. 
414  sqq. 


422. 
422. 


»)  cf.  etiam  p.  394  et  412. 


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428 


AemiliuB  Ackermann,  Index  vocabulorum. 


Index  vocabulorum. 


Abire  (ad,  in) 

abit  (=  abiit ;  similia) 

adrogare  (v.  899) 

alere  (▼.  466) 

aliquis  (=  quidani  v. 

1849) 
altisonus 
ambo 
autumare 

Bistones  (Hebrum  ac- 
colentes  v.  1042) 

claudere  (cludere) 

colus 

,    (=  lana) 

cum  (quom) 

Cyclas  (y) 

tl  ei  nde 

detrahere  (=  deducere 

v.  661) 
ilomua 
donec 

ducere  (d.  somnos  = 

eopire) 
ediasere 
ei  mihi 
etiam 
etiamnum 
fere 

ferre  (=  gignere) 
fibra  (I) 

figere  (=  inferre) 

fül  s 


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P- 

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P- 

P 

P- 


376. 

365. 
351. 
357. 

374. 
375. 
371. 
376. 

340. 
371. 
809. 
374. 


365. 
384. 

332. 
369. 
382. 


374. 
386. 
381. 
381. 
382. 
346. 
365. 
372. 


P- 


forsam 
forsan 
forsitan 
forte 

fuisse  (=  esse  desiisse)  p. 
genus  (=  g.  humanum)  p. 

,  (=  natio)  p. 
Getae  (in  Rhodope  ha- 

bitantes) 
haud 
hauddum 

Hebrus  (ex  ostiis  de 

fecit)  _ 
Hebrus  (e) 

Herculeus  (ensis  v.  869) 
(Herculis)  sors  (v.  1473)  p 
,      voltus(v.  1273)  p 
hinc  p 
hocne  (=  hoccine ;  si- 
milia) 
ictus 

ignoscere  (fatis) 
imbellis  (v.  981) 
immemor 
inclitus  (inclutus) 


p.  353,  384. 


P- 
P- 
P- 

P- 
P- 


P- 
P- 
P- 
P- 
P. 
P- 


382. 
378. 
372. 
378. 

340. 
383. 
383. 

340. 

365. 

341  sq. 

343. 

342. 

384. 

371. 
371. 
374. 
357. 
873. 
370. 


incolume  (Abi.  r.  1844 ; 

similia)  p.  368 

inde  p.  384. 

interim  p.  383. 

uiagi8(=potiusv.  1600)  p.  375. 
Megara  (v.  1452)         p.  336,  345. 
mergere  (=  abscondere 

v.  1348)  p.  333. 

mundus  p.  344. 

nempe  p.  381. 

nodus  (=  clava)  p.  374. 

nondum  p.  383. 

obiter  p.  332. 

paedor  p.  375. 

palam  p.  382. 

Parthus  (v.  161)  p.  340. 

pati  fv.  1599)  p.  338. 

populi  (=  populus)  p.  378  sq.,  422. 
possidere  (v.  1294)  p.  333 
potius  p. 
pro  (particula)  p. 
proinde  (v.  923)  p. 
propter  p. 
quamqnam  p. 
quattuor  (bisyllabum 

v.  1095)  p. 
quiescere  (active  usur- 

patum)  p. 
qnotus  p. 
reddere  (=  dare)  p. 
,      (r.  orbi  =  r. 

vitae)  p.  341. 

reddere(r.vitam=mori)  p.  878. 
regnum  (regna  tri  um- 

pbi  v.  746)  p. 
saltem  p 
serpens  (raro  latebras 

relinquit  v.  1059)  p. 
sive  (secundo  loco  tan- 

tum  exstans  v.  1653)  p.  375. 
sonare  (=  praedicari)  p.  374. 
spargere  (v.  1394)       p.  333,411. 
stare  (=  vivere)  p.  396. 

tabes  p. 
tabura  p 
tollere  (templa  tollens 

ora  v.  102)  p 
toto  (Dativus)  p 
tribuere  (in  luce  v.  990)  p.  372. 
ultimus  p.  380. 

ultra  (=  postbac)  p 
vaesanus  (v.  1980)  p 
vetare  (=  arcere)  p. 
viden  (=  videsne  v.l207)p 
volgus  p 
vultus  (voltus)  p 


3^3. 
385. 
S42. 
375. 
373. 

366. 

872. 

378,422. 
341. 


367. 
381. 

340. 


369. 

369,  374. 


368. 


384. 
371. 
871. 
368. 
370. 
370. 


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DAS  AUSLEBEN 


DES  CLAUSELGESETZES 


IN  BEB  RÖMISCHEN  KUNSTPROSA 


VON 


TH.  ZIELINSKI. 


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Das  Ausleben  des  Clauselgesetzes  in  der  römischen 

Kunstprosa. 


I.  Die  Panegyriker. 

1.  Im  Folgenden  biete  ich  zunächst  eine  Formenstatistik 
für  sämmtliche  Panegyriker  mit  Ausschluß  des  Plinius.  Zu- 
grunde gelegt  ist  die  Ausgabe  von  Bährens:  doch  bin  ich 
überall  dort,  wo  der  große  Textverderber  durch  eine  seiner 
willkürlichen  Conjecturen  die  Clausel  zerstört  hat,  stillschwei- 
gend auf  die  Ueberlieferung  zurückgegangen.  Ueberhaupt  ist, 
um  das  nebenbei  zu  bemerken,  auch  für  Bährens  das  Clausel- 
gericht  zu  einem  Gottesgericht  geworden. 

Die  statistische  Tabelle  ist,  um  die  Vergleichung  zu  er- 
möglichen, ganz  nach  dem  Muster  derjenigen  entworfen  wor- 
den, die  ich  für  Ciceros  Reden  ausgearbeitet  und  meinem  4Clau- 
selgesetz'  beigefügt  habe;  nur  sind  der  Vereinfachung  wegen 
für  M,  S  und  P  überall  nur  die  Summenzahlen  angegeben 
worden.  Was  über  diese  Classen  im  Einzelnen  zu  sagen  ist, 
wird  später  nachgeholt  werden.  Die  Kenntnis  des  genannten 
Buches  setze  ich,  um  Wiederholungen  zu  vermeiden,  überall 
voraus. 

Was  einem  zunächst  auffällt,  ist  eine  große  U  n  i  f  o  r- 
m  i  r  u  n  g  der  Clausel  bei  diesen  Spätlingen.  War  bei  Cicero 
der  Procentsatz  der  V-Clauseln  60%,  bei  Plinius  gar  nur  50%, 
so  steigt  er  hier  auf  66%.  Ganz  zurückgegangen  ist  der  Pro- 
centsatz der  selteneren  Clausein  M,  S  und  P:  bei  Cicero  um- 
faßten sie  immerhin  12,7%,  bei  Plinius  gar  18,1,  hier  nur 
4.9.  Aber  die  Uniformirung  ist  tatsächlich  noch  viel  größer, 
als  es  darnach  scheinen  könnte. 


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432 


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2ol  101  18  12  22  13 

2  —  _ 1  1    l|  1 

lßl  16'  16  18,  26  17i  29!  67, 

41  —  2  3    3  — 1    1  » 


12'    1  — 


58 
8 


58;  70 
10  14 


V  :    72,  81 ,  48|  78|  65|114j  75, 1 24,24 1 1209]295|1 402|  66,0 


Lj  1*  — 

1*  —  . 

1»  -  . 

1"  —  . 

21  >-N 
—r  w  — 

Zl  ä  - 

2«r  _  _ 
»tr  —  ^ 

31  ä  , 
S' 

•!  ~  — 

3«  -  - 

8»  

3»'  

»*«■  —  ~- 

4    —  . 


5 
9 
11 

3 


1 

71   8;   2'  4   6  4 

9|  17    9i  12  16|  9 

41   8  15'  9  26  8 

11  11  1;  1  — :  1 
4  2  3!  3  2! 


695  32,7 
291  13,7 

23l  1.1 
345;  16.2 

48  2,3 


6;  17 
18  27 


16 

3 


12 


4   8  2 

1!  _;    1;  _  _;  _;    1  _  _ 


2  - 


2!  3 


"i-J 


r  1  -!  -!  -  1  -j  1 


 —   1  1  — 


-  2  - 
1 


1 


1 
1 

^  —  ~—  |  1 

~— I  3 


—  — !  1  1  1 
1   11  -1  1  - 

3  1  -!  -:  1 

 1  iM  1 

3  —12  4  2 
3  — '  —    4  2 


1 


—  —  1 


L: 


S 
M 
P 


36  411  35 


—    2  - 
1 


n>6 


*  - 


3 


1 

1 

1 


2    l!  - 
-I  % 
-  1 


40 


59  37!  65 


3 
3 


13  19 

13  28 

20  44 

4 

1  -| 

—  1 

—  1 
1  1 
1 
1 
1 

3 

1  l 

7|  10 
2 


86  4 
167  7.9 
178  8,1 
8j 
38 
4 
8 
5 

,5 

6 

25 
27 
25 
14 


69 


TO  1 52 


620  29  1 


-  Ii 


6  4  — 
8  —  1 


-'  -I  8  1 
3    6    4  9 

H  1  ~' 3  4 


16 

6, 


5 
18 


27 
61 


3  1 


1,2 

2,9 


15  0,8 


Summa   ~J\  12 133j  87 Tl5|l07|l76jl  18)l98|325j30S45lj2T25 100 


Die  Fixirung  der  W  e  r  t  c  1  a  8  s  e  n  ist  aus  Cicero  ge- 
wonnen und  hier  der  Bequemlichkeit  wegen  beibehalten;  das 
Verhältnis  hat  sich  indessen  gewaltig  verschoben.  Bei  Cicero 
waren  in  der  Tat  die  fünf  Clausein  der  V-Classe  die  'bevor- 
zugten' :  der  seltensten  unter  ihnen  (2 : 7,2%)  schloß  sich  die 


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Das  Ausleben  des  Clauselgesetzes. 


433 


häufigste  der  L-Classe  (l2)  erst  mit  4,3%  an.  Aber  schon 
bei  Plinius  ändert  sich  die  Sache.  Infolge  des  4Entwickelungs- 
gesetzes'  ('Clauselg.'  64)  werden  die  schweren  Clausein  immer 
seltener;  schon  bei  Plinius  hat  es  $  nur  auf  4%,  2  gar  nur 
auf  1,8%  gebracht  und  sind  beide  hinter  die  besten  der  L- 
Classe,  l8  (7,5%)  und  la  (4,4%)  zurückgetreten.  Bei  den 
Panegyrikern  hat  sich  die  Bewegung  in  derselben  Richtung 
noch  weiter  vollzogen :  $  ist  mit  ihren  2,3  %  nicht  nur  hinter 
ls  und  l8,  sondern  sogar  hinter  l1  zurückgetreten,  und  gar 
3  selbst  hinter  einigen  Ableitungen  der  Hauptformen  II  und 
III.  Der  für  Plinius  aufgestellte  Satz,  daß  für  ihn  1,  2,  l3, 
3  und  la  die  bevorzugten  Clausein  sind,  gilt  —  nur  in  et\va.s 
andrer  Reihenfolge  —  auch  für  die  Panegyriker:  auch  hier 
haben  es  uur  die  fünf  genannten  Clausein  je  über  100  Fälle 
gebracht  und  umfassen  zusammengenommen  1670  Fälle,  d.  h. 
fast  80%.  Das  ist  somit  erst  der  wahre  Ausdruck  für  die 
Uniformirung  der  Clausel  bei  den  Panegyrikern. 

Uebrigen8  ist  die  Clausel  l8  zwar  noch  immer  (im  Gegen- 
satz zu  Cicero,  der  l2  bevorzugte)  die  beste  unter  den  L-Clau- 
seln,  aber  doch  nicht  mehr  im  selben  Grade  wie  bei  Plinius, 
bei  dem  sie  sogar  3  überflügelte:  sie  steht  mit  ihren  8,]  % 
weit  hinter  3  (16,2%)  und  2  (13,7%)  und  nicht  allzufern 
von  la  (7,9%).  So  bleibt  Plinius  mit  seiner  Bevorzugung 
von  ls  vorläufig  isolirt;  es  ist  noch  zu  untersuchen,  ob  diese 
Bevorzugung  eine  Eigentümlichkeit  seines  individuellen  rhyth- 
mischen Gefühles  ist,  oder  ob  er  sie  mit  seinem  Zeitalter  teilt. 
Und  nach  dem  Zurücktreten  von  l3  und  1*  bleiben  1,  2  und 
3  die  bestbevorzugten  —  eben  dieselben,  aus  denen  sich  der 
mittelalterliche  Cursus  entwickelte.  Dabei  hat  die  weibliche 
3  der  männlichen  2  den  Rang  abgelaufen  und  umfaßt  mit 
der  gleichfalls  weiblichen  1  nahezu  50%  gegenüber  den  13 
der  männlichen  2;  eine  gewiß  recht  auffällige  Vorliebe  für 
tönende  Periodenschlüsse. 

2.  Zur  Typologie.  Dieselbe  Uniformität,  von  der  die 
Formenstatistik  Zeugnis  ablegt,  waltet  auch  in  der  Typologie. 
Hier  sei  zunächst  ihre  Tabelle  für  1  mitgeteilt,  wobei  wir  der 
bequemeren  Uebereicht  wegen  die  Procentsätze  für  Ciceros 
Reden  nachfolgen  lassen. 


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434 


Tb.  Zielinski, 


II 

III 

IV 

V 

VI 

VII  VIII  IX  X 

XI  XII 

Sutmtia 

/o 

Cicero 

la 

2 

3 

3 

1 

13     2  3 

5  8 

31 

5 

12,4 

ß 

4 

6 

5 

8 

5 

15     8   12  24 

26  25 

138 

20 

27,2 

Y 

30 

22 

14 

30 

24 

43    30   38  77 

49  101 

458 

66 

49,2 

9 

3 

7 

3 

1 

1 

3     3     5  15 

10  13 

64 

9 

10,2 

e 

l 

—  3 

4 

1 

Summa 

39 

39 

22 

42 

31 

62   44    57  119 

90  150 

695 

100)  100  1 

Der  Caesurtypus  ly,  der  bei  Cicero  als  der  bevorzugte 
immerhin  nur  die  Hälfte  aller  Fälle  umfaßte,  hat  es  bei  den 
Panegyrikern  auf  rund  zwei  Drittel  gebracht;  ihm  gegenüber 
sind  die  Typen  a  und  ß,  nicht  aber  5,  merklich  zurückgegangen. 
Bei  a  nimmt  es  uns  nicht  wunder:  schon  Quintilian  fand  diesen 
Typus,  dessen  Vorkommen  bei  Cicero  nur  vom  Häufigkeitsge- 
setz geregelt  wird,  qualitativ  anstößig  ('Clauselg.'  60).  Mog- 
licherweise ist  diese  Erscheinung  im  Anschluß  an  de  Jonge 
(s.  u.)  daraus  zu  erklären,  daß  diese  zwei  Typen  (a  und  ß)  in 
der  Clausel  nur  einen  Hauptaccent  bieten. 

Doch  birgt  der  Typus  lß  noch  eine  interessante  Ueber- 
raschung,  die  wir  dem  Leser  nicht  vorenthalten  wollen.  Hier 
folge  der  Anfang  des  Registers,  der  die  138  Fälle  umfaßt: 


II  11  dexte)rib  gubernatis 
12  ocea)num  petiturae 
ocea)nus  redundavit 
14  mani)bus  resolvatis 
5)  III    1  debi)ti  repraesentem 
7  gaudi)o  triumphare 
9  radi)i  sequebantar 
10  Hercu)les  adorari 
12  mutu)um  reversuri 
10)       14  cum  relinquuntur 


IV  9  conciliabu)lum  juventutis 
medi)u8  Camenarum 
10  praeeci)ua  futuroram 
18  inco)liB  freqaentari 
Hercu)lis  renascuntur 
V  4  similitudi)nem  requirebat 
6  recep)tu  recursuque 

10  omnijbus  careretar 

11  ocea)num  videretar 
20)      18  omnt)bas  videretar 


Es  ist  kaum  nötig  fortzufahren.  Soviel  sieht  jeder  Leser: 
wo  die  ß-Stelle  nicht  durch  ein  Monosyllabon  ausgeführt  wird 
(wie  in  Nr.  10),  ist  das  Anlaufswort  ein  Proparo- 
x  y  t  o  n  o  n.  Davon  weisen  die  20  angeführten  Fälle  nur  eine 
Ausnahme  auf,  nämlich  Nr.  17,  die  indessen  auch  sonst  nicht 
einwandfrei  ist;  Bährens  hatte  für  receptu  —  recessu  vorge- 
schlagen, was  die  Sache  clauseltechnisch  nicht  besser  macht. 

Im  Ganzen  finden  sich  unter  den  138  ß-Fällen  nur  fol- 
gende Ausnahmen: 


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Das  Ausleben  des  Clause! pesetaee. 


435 


V  6  recepttu  recursuque  f  10)        20  bel)lo  lacesserunt  f 

VII  12  su)ä  fatigarunt  29  majnu  teneretur  f 

VIII  3  iuncjtus  peroravit  30  re)rum  figurandi  f 
8  e)ras  haberemus                    XI  19  bo)nor  petitus  sit 

5)  IX     9  non  de)cet  laborare  21  hono)rum  petendorum 

13  non  e)rat  reservasti  15)  XII  13  mo)dum  coerceri 

20  fo)re  spopondisti  exem)plis  abundantem 

21  ti)bi  reaervavit  28  laujdie  videbatur 
X    15  gra)du  reponantnr  32  do)mi  reliquisses 

Also  18  Fälle,  darunter  4  kritisch  unsichere,  2,  fllr  die 
auch  eine  andre  Form  concurrirend  in  Frage  kommt  (Nr.  7 
und  8:  bei  pyrrhichischer  Messung  des  ersten  Disyllabons 
Ll!ß)  und  2  (Nr.  5  u.  6),  die  gar  keine  Ausnahme  bilden, 
weil  non  decet  und  non  erat  je  einem  Proparoxytonon  gleich 
kommen;  strenggenommen  demnach  nur  10  Ausnahmefalle, 
darunter  6  mit  jambischem,  4  mit  spondeischem  Anlauf.  Da- 
mit vergleiche  man  die  'Clauselg/  30  gegebene  Tabelle  für 
Cicero  Bd.  III,  wo  auf  208  lß-Fälle  138  mit  spondeischem  An- 
lauf kommen,  dazu  18  mit  jambischem,  und  die  proparoxyto- 
nirten  Anläufe  zusammen  nur  52  Fälle  umfassen ! 

Wir  haben  demnach  ein  für  das  Ausleben  der  Clausel- 
technik  charakteristisches  Anlaufsgesetz  vor  uns;  fragen  wir 
nach  seinem  Sinn,  so  hilft  uns  die  Wahrnehmung  weiter,  daß 
unser  Gesetz  fü  r  die  lßÖ-Fälle  offenbar  keine  Gel- 
tung hat,  sondern  nur  für  die  reinen  lß.  In  der  Tat,  man 
vergleiche  die  vorhandenen  Fälle: 

III  3  cae)li  rapit  solem  XI  19  seditio)nem  manus  emp- 
8  volu)cres  dedit  cursus  tae 

IV  3  nie  sciens  fallo  10)  XII  6  fortu)nae  snae  par  est 

V  18  cu)ris  vacant  gentes  8  quae  tibi  debes 

5)  VI  11  deside)rent  novas  vires  27  homi)ni  novum  fatum 

14  Constanti)no  pater  deest  41  nol)let  licet  posset 

VII  14  8uspen)8a  manu  tractem  44  soller)tes  manus  ducant 

X  32  defaeca)tum  statim  pu-     15)       45  mater)no  sinu  clausit 

rumst 

Unter  15  Fällen  —  oder,  mit  Abzug  der  2  Monosyllaba- 
Fälle  Nr.  3  und  11  —  unter  13  haben  wir  10  mit  paroxyto- 
nirtem,  3  mit  proparoxytonirtem  Anlauf  —  ein  ähnliches  Ver- 
hältnis wie  bei  Cicero. 

Soweit  hatte  ich  die  Frage  im  Sommer  1904  gefördert, 
indem  ich  mir  für  die  Panegyriker  clauseltechnische  Notizen 
machte.  Dann  erschien  1905  das  wichtige  Buch  de  Jonge's 
über  die  Clausein  bei  Cyprian,  und  dort  fand  ich  S.  60  f.  eben 

Philologu»,  8oppleraentb»nd  X,  drittes  Heft.  29 


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436 


Th.  Zielineki, 


dieselbe  Beobachtung  betreffs  der  Anläufe  in  lß  und  ljfö  bei 
diesem  Autor.  Auch  bei  Cyprian  ist  somit  der  proparosyto- 
nirte  Anlauf  bei  lß  obligatorisch,  während  1(35  darin  keiner 
festen  Regel  unterworfen  ist.  Es  ist  somit  billig,  daß  wir 
unser,  für  die  späte  Eunstprosa  sehr  wichtiges  Gesetz  das  de 
Jongesche  Anlaufsgesetz  nennen. 

Was  seine  Erklärung  anbelangt,  so  scheint  mir  de  Jonge 
auch  darin  auf  dem  rechten  Wege  zu  sein,  daß  er  es  mit  dem 
obenerwähnten,  von  ihm  gleichfalls  entdeckten  Gesetz  der 
zwei  Accente  in  Verbindung  brachte.  Seine  Erweiterungs- 
theorie jedoch,  die  uns  noch  später  beschäftigen  soll,  kann  ich 
mir  nicht  aneignen;  vielmehr  denke  ich  mir  die  Sache  so. 
Eine  lßS-Clausel  wie  cu)ris  vacant  gentes  hat  in  ihrem  Körper 
zwei  Hauptaccente ;  für  sie  ist  daher  der  Accent  des  Anlaufs- 
wortes gleichgiltig.  Anders  lß  solijbus  perurendam:  da  sie 
es  im  Klauselkörper  zu  einem  zweiten  Hauptaccent  nicht 
bringen  kann,  so  verlangt  sie  mindestens  einen  möglichst  kräf- 
tigen Nebenaccent.  Nun  haben  nur  die  Proparoxytona  auf 
der  Endsilbe  einen  kräftigen  Nebenaccent;  daher  diese  hier 
fast  obligatorisch  sind. 

Es  erübrigt  noch,  für  2  und  3  eine  möglichst  kurze  Ty- 
penstatistik zu  geben;  es  geschieht  im  Folgenden. 


II 

III 

IV 

V 

VI 

VII  VIU  IX 

X 

XI  XII 

Summa 

°/o 

Cicero 

2Y  10 

17 

10 

16 

12 

18    10  23 

28 

33  52 

299 

78,7 

48,8 

Ö  6 

2 

2 

2     3  2 

18 

16  5 

56 

19,2 

83,3 

3&ßS  — 

1 

2    -  — 

2  1 

6 

2,1 

11,1 

Summa  16 

20 

10 

18 

12 

22    13  25 

46 

51  58 

291 

100 

87,7 

Wie  jeder  sieht,  ist  die  typologische  Uniformirung  hier 
noch  weiter  gediehen,  als  bei  1;  und  nun  noch  die  Diäresen- 
clausel  3.  Doch  bedarf  es  für  diese  nicht  einmal  einer  Ta- 
belle: das  Diäresengesetz  wird  fast  ausnahms- 
los eingehalten.  Eine  gewisse  Freiheit  in  der  Hand- 
habung dieser  Clausel  finden  wir  —  seltsamerweise  —  erst 
beim  spätesten  der  Panegyriker,  Pacatus,  der  auf  70  Fälle  die 
Diärese  nur  58mal  einhält,  während  von  den  12  restirenden 
9  die  Caesur  s  bieten,  die  3  Übrigen  sich  auf  ß,  y  und  y£  vor« 
teilen.  Sonst  habe  ich  mir  2  Ausnahmen  bei  V  notirt  (a),  1 
bei  VIII  (y),  2  bei  IX  (t)  und  2  bei  XI  («). 


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Das  Ausleben  des  (JlauBelgeaetzes. 


437 


Zu  bemerken  ist  übrigens,  daß  Ton  der  Syllaba  anceps 
vor  der  Diärese  ein  ausgedehnter  Gebrauch  gemacht  wird ; 
▼or  der  Doppelzeitigkeit  der  ersten  Silbe  der  Basis  soll  noch 
im  Folgenden  die  Rede  sein. 

Was  endlich  die  schweren  Clausein  anbelangt,  so  ist  ihre 
Behandlung  viel  freier:  von  den  23  2- Fällen  entbehren  7  der 
Cäsur,  von  den  48  3-Fällen  gar  25  der  Diärese,  von  welch 
letzteren  wiederum  auf  Pacatus  der  Löwenanteil  kommt. 

8.  Die  seltenen  Clansein.  Von  den  27  Fällen  der  S- 
Classe  kommt  die  größere  Hälfte,  wie  zu  erwarten,  auf  SS; 
merkwürdig  ist  aber,  daß  von  diesen  14  Fällen  volle  12  dem 
Mamertinus  gehören  (XI),  sodann  2  dem  Claudius  Mamertinus 
in  seinem  Genethliacon,  während  sie  in  den  übrigen  9  Reden 
nicht  vorkommt.  Die  übrigen  13  Clausein  der  S-Classe  seien 
im  Folgenden  angeführt: 

81:  X  18  Constantinum  oase!  XII   2  lon)geque  proapecti 

Xil  25  fortunae  vultu  sunt 

82:  VI   S  gentium  praeseatant  38  fi)dea  laboratura 

XI   2  lae)teris,  ingratus  sis  10)  SS:  IX  7  expe)rimentum  no- 

5)             5  glori)ae  refutarentur  viisent 

26  optima»  judex  est  ,    ut  de  te  sperarent  f 

31  merajisse,  cum  faetua  S  8 :  XII  10  vide)ras  jam  Bistro 

sis  praetendebas  f 
12  candi)dati  ne  declaretur  f 

Von  der  einzigen  Nr.  3,  die  gut  ist,  abgesehn,  haben  wir 
es  mit  den  drei  späteren  zu  tun;  da  erweist  man  ihnen  wohl 
zu  viel  Ehre,  wenn  man  sie  ernst  nimmt.  Mir  scheinen  die 
Nr.  1,  2,  5,  9  und  10  als  VI  intendirt  zu  sein  (Nr.  10  kann 
auch  durch  die  Schreibung  -mewfo  geholfen  werden),  die  übri- 
gen, bis  auf  die  kritisch  unsicheren,  als  V2.  Und  wer  weiß, 
ob  nicht  auch  die  12  S3-Fälle  des  XI  eigentlich  als  V3  ge- 
meint waren? 

Wir  fahren  mit  der  M-Classe  fort. 


1":  IV   6  adyta  tranatulerit 

X  10  quia  nibü  similest 
23  operia  erigitur 

XI  31  oneris  impositum 
5)  l9*:  VII  22  facta  benefici» 

VIII  10  commen)dare  bene- 


2>: 


10) 


XII 


11 


beneficia 

bene- 


II  4  va)atator  imitatua 

est 

8  Diocleti)anus  imi- 
tatus  est 

III  IS  ab)esae  videamini 

IV  16  noetra  celebranda 

sunt 

VII  16  quis  quis  imitatua  est 

VIII  2  Subve)nire  aapiratia 

est 

29» 


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438 


Th.  Zielinski, 


15) 


20) 


25) 


IX  10  vicit  apad  Actium 
nomen  habitura  sit 

X  16  umbra  comitata  sit 
27  ajcervus  oneroiiior 

6  vi)cere  patientiam 

XI  26  impera)toriaopulentia 
29  ef)frena  superaverant 

XII  19  can)dore  proficiacitur 
24  in)  junge  patientiam 

p  auper  )tate  satia  vimus 
31  tu)ique  reputatio 
41  tra)bente  properatio 
28:  XII 47  praedi)care  quae  pro- 

pria  sunt 
3*:  XII  33  funibus  vela  tacnit 
8':llll5quod  spem  ubertate 

superas 

XII 21  mirantee  explet  ocqIos 
SO)»1*: III  8  equus    aut  velivola 

na  vis 

III  6  invi)cem  pietate  Colitis 
XII 33  subjiciamus  oculis 
S«r:  XII  1  partici)pant  videri 

posse  video 
41:    X  33  dif)ficilia  exiatimatioet 
35)         36  habet  eorumque  fra- 


5 :    X  35  praebeat  aed  benigni- 

tati 

5*:  XII  9  est  labor  sine  necessi- 

tate 

45)5:11   4  nomi)ni  juxta  prin- 

cipem  su bist i 
X  33  ar)cessendae  gratula- 

tioni 

XII  30  fi)dem    vincendi  ne- 

cessitatem 

fi':  IV  8  vigilanti)aepatientiae 

magi8tras 
XII   9  cum  deerant  quibus 
juberent  (?) 

50)  &*:  III  12  indi)ciumperturbatio- 

nis  oculi 

£tr:  XII  2  imperato)rem  decet 
quam    quem  minus 


6  :  VII  13  tempo)rarius  ille  tran- 

aitua  fuit 

61 :  XII  30  temeritas  aed  neces- 

aitas  erat 

G:  VIII 14  amo)ris  noatri  contu- 

meliam  feres 
55)S'»:XI  4  pe)riculi  plenum  ne- 
gotium fuit 
XII  45  aurium  Baltim  mole- 

atia  luit 

S:  VIII 12  venturia  pensitationi- 

bus  neget 

MS2":  IX  22  tu)am  aequitur 

fortuna 

MS3'r:  VIII 12  in  futuro  securos 
60)  MS31:  XII  25  rabiem  parte 

irritabant  f  *) 
MS34:  XII  12  cum  potest  nun- 

quam  voluit 
MS3»r;  VIII  14  muneris  abste 


4':  XII  12  be)ata  quia  non  eram 

tua 

4tr:  II   7  so)luto  animo  ac  libero 

sumus 

IV  12  conten)tae  meritia 
conscientiae 
VI   4  principiis  consecutus 

68 

40)#1:III  10  ho)minibusque  accep- 

tiora  aunt 

4ltr:IX  12  vir)tutis  etclementiae 

tuae 

X    4  au)daciorem  veritas 

facit 

• 

Hier  mache  ich  zunächst  auf  die  Clausel  las  aufmerksam. 
Bei  Cicero  ('Clauselg.'  58)  kam  sie  nicht  vor  und  konnte  auch 
nicht  vorkommen  —  warum,  ist  ebendort  erklärt.  Der  cicero- 
nianische  Accent  folgt  dem  Viersilbengesetz ;  das  Wort  bene- 
ficium  trug  den  Accent  auf  der  viertletzten  Silbe,  eine  Clausel 
wie,  acta  bineficiis  hätte  das  Harmoniegesetz  verletzt.  Das 
ist  nun  anders  geworden ;  das  Dreisilbengesetz  kam  zur  Herr- 

')  Der  ganze  Satz  lautet  in  den  Hften:  erescebat  in  dies  Jtabendi 
famea  et  parandi  rabiem  parta  irritabant.  Der  Concinnität  wegen  än- 
derte Bährens  parandi  in  pariendi]  die  Clauseltechnik  lebrt,  dass  viel- 
mehr umgekehrt  parta  in  parata  zu  ändern  ist  (S3  intendirt  als  V3). 


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Das  Ausleben  des  Clauselgesetzes. 


439 


schaft,  der  Accent  von  beneficium  verschob  sich  auf  die  dritt- 
letzte Silbe,  und  nun  stand  der  Clausel  l23  nichts  mehr  im 
Wege.  So  genau  folgt  die  Entwicklung  der  Clauseltechnik 
der  Entwicklung  der  Accentuation ;  so  wichtig  ist  die  Kenntnis 
der  ersteren  für  die  richtige  Beurteilung  der  letzteren. 

Das  Register  soll  uns  im  folgenden  noch  beschäftigen; 
jetzt  lassen  wir  die  letzte,  die  P-Classe  nachfolgen: 


PI :  III  2  protulit  in  lucem 

19  praemia  fatornm 
IX  20  eecu)ros  adorirentur 

X  32  significaturus 
5)        38  ambiti)one  sui  gaudent 
XI  19  probrojsissimum  adula- 

bant 

20  pecuni)ae  coacervandae 
23  herba)rnm  vicem  olus 

vulgoBt 


P2 :  III  18  esse  pacem  colere 
10)  IX   6  missilijbus  sed  faastis 

gladiia 

XII  10  semper  exercitus  es 
P3:V  14  gentium  proveniebant 
X  10con)cordiaecommoditates 
PS»:IX  19  moli)mine  currüs  inve- 

beretur 

15)    X  34  prin)cipe  tarn  sero  fru- 

erentur 


Doch  dürften  die  wenigsten  also  intendirt  worden  sein. 
Falsche  Messungen  vermute  ich  in  Nr.  1  (=  Ll'y),  3  (=  Via), 
4  (=  Via),  5  (=  VlßS),  6  (V3  m.  Syll.  anc),  7  (=  Via),  8 
(VlßS),  11  (V3y),  12  (=  L33),  13  (==  Via),  14  (=  Via). 

4.  Tonik  statt  Quantität.  Im  folgenden  seien  zunächst 
die  choriambischen  Clausein  der  dritten  Hauptform  —  also 


L3* 
X 


für  die  letzten  drei  Panegyriker  zusammengestellt: 


1  judicia  perleguntnr 

2  spes  volucres  constiterunt 
4  si)bi  similes  intuetur 

6  perseque)ris  ,  miseros  li- 

berasti 

5)     12  de  te  alind  non  licebat 
15  labo)ris  pretium  respuis- 

sent 

ne«otio)rum  ratio  metien- 

dust 

24  ingenio  repperisti 
▼ulneribus  interissent 
10)    28  extenta  acies  pertineret 

31  seryitium  sustinebat 

32  quam  quae  oculis  hanri- 

untur 

33  eximiä  fortitudo 

34  honesta)tem  referendam 

arbitremur 
15)    35  utilitas  singulorum 

perdomit  ac  condiderunt 

37  quam  facilis  supplicanti 

38  frangen)di8  vitiig  consti- 

tutae 


simplicita)tis  laqueos  per- 
diderunt 
20)  XI  4  invidiam  congerebat 

5  vulneribus  sauciasse 

6  nefan)di8   stimulis  exci- 

tasse 

7  Hi)strum  placnit  navigari 

8  sideribus  consecrasti 
25)    13  verticibus  perferatis 

14  Con8tan)tinopolim  pervo- 

las.se 

,  diivini  animus  praevidebat 

15  face)res  etiam  non  meren- 

tem 

16  di)gnumfacerenondeceret 
30)    17  desidiae  non  refugi 

18  me  fieret  post  repulsam 
obtinuit  arbitratnr 

23  nominibii8  abstinebant 

24  amico)rum   paria  profe- 

runtur 

35)        militibus  diligaris 

30  principiis  commodorum 
32  officiis  sempiternis 


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440  Tfa.  Zielinski, 

XII  8  icientia  medicos  aaepe  vidi  22  tu)is  populie  te  videri 

4  excutio  veritatem  50)    24  interitum  Gratiani 
40)      7  luxuria  vindicavit  25  a)miBsa  meta  relliqaorum 

praeterito  perdidisti  26  atque  inhians  exigebat 

8  optas)«ent  facere,  dum  do-  27  munificus  imperator 

cerent  28  Gallaicus  eruiseet 

9  consilio  re  juvabas  55)    29  corporibus  impiabant 

11  excidiutu  Galliarum  35  agi  poterant  occuparaut 

45)    14  an)gu8tua  erat  noster  orbis  37  et  crotalis  personaoant 

16  non  etiam  diligebat  38  attonitug  avolabat 

redunda)vit  nisi  dandi  vo-  45  pot)est  etiam  non  timeri 

luptas  60)    46  de)cernere  posses  trinm- 
19  «ujperfuerat  orbitati  phum 

Was  hier  zunächst  auffällt,  ist  die  große  Zahl  der  choriam- 
bischen Clausein:  60 L3*  gegenüber  122  V3  (ich  bitte,  diese 
Zahlen  einstweilen  nicht  an  der  Tabelle  zu  controliren)  ist  ein 
ganz  unvernünftiges  Verhältnis,  wenn  man  bedenkt,  daß  bei 
dem  doch  viel  freieren  Cicero  auf  1787  Clausein  V3  nur  433 
L3tr,  also  noch  kein  Viertel  kommen.  Aber  auch  die  9  er- 
sten Panegyriker  widerlegen  unsre  Zahl:  sie  bieten  auf  150 
V3  nur  21  L3tr,  also  gerade  soviel,  als  wir  bei  diesen  uni- 
formen Gesellen  erwarten  durften.  —  Dazu  kommt  indessen 
noch  folgendes.  Von  den  angeführten  60  Clausein  haben  nicht 
weniger  als  15  eine  Syllaba  anceps  vor  der  Diärese  (Nr.  1, 
7,  9,  13,  29,  32,  34,  39,  40,  42,  48,  53,  54,  55,  58);  nun 
wissen  wir  aus  Cicero,  daß  die  Clausel  3tr  die  Syllaba  anceps 
vor  der  Diärese  überhaupt  nicht  gestattet.  Nun  konnte  man 
freilich  überall  die  Syllaba  anceps  vermeiden,  man  brauchte 
nur  z.  B.  Nr.  1  anijmorum  judicia  perlcguntur  als  58  zu  lesen. 
Aber  damit  würde  man  die  Zahl  der  schlechten  Clausein  M5° 
(cf.  das  Register  S.  438)  von  5  auf  20  bringen,  was  nicht 
die  geringste  Wahrscheinlichkeit  hat.  Einen  letzten  Beweis 
liefert  die  Typologie.  Von  den  angeführten  60  Fällen  halten 
nur  2  —  Nr.  47  und  60  —  die  Diärese  nicht  ein,  die  übrigen 
sind  alle  3tr5- Clausein ;  ganz  natürlich  bei  der  bereits  fest- 
gestellten Uniformität  unsrer  Redner.  Es  ist  indessen  auf- 
fällig, daß  von  den  58  3tr6-Clauseln  nur  2  den  Einschnitt  ß 
geben  (Nr.  45  und  51),  kein  einziger  den  Einschnitt  y:  wir 
haben  fast  nur  (27)  und  reine  5-Fälle  (29).  Diese  über- 
wogen freilich  auch  bei  Cicero,  aber  doch  nicht  in  dem  Maße; 
bei  ihm  war  eine  andre  rhythmische  Feinheit  maßgebend. 

Fragen  wir  nun,  was  die  ßl5-  und  reinen  5-Fälle  in  der 


L 


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Das  Ausleben  des  Clauselgesetzes.  44 1 


Basis  gemeinsam  haben,  so  finden  wir  auch  die  Aöatc  der  ganzen 

Aporie :  es  ist  die  Verwendung  der  Proparoxytotia 

apee  völucrea  conatiterunt 
lio  repperiati, 


Ist  dem  aber  so,  so  haben  wir  in  den  angeführten  60 
Clausein  überhaupt  keine  choriambischen,  son- 
dern gewöhnliche  V3-Clauseln  mit  tonischer 
Basis: 

völucres  cönstitänint, 
in)geniö  repperisti. 

Die  Clausel  VB  hat  demnach  bei  den  drei  letzten  Pane- 
gyrikern  die  Form  w  — '  ^  ||  —  ^  —  w.  Nun  hat  auch  die  Syll. 
anc.  in  der  Diärese  nichts  Auffallendes  mehr:  sie  ist  in  der 
Clausel  V3  gestattet,  selbst  bei  Cicero,  und  ist  bei  tonischer 
Rhythmisirung  erst  recht  legitim. 

Was  machen  wir  indessen  mit  den  Nr.  45,  51  und  60, 
die  die  Einschnitte  ß  und  y  bieten?  Es  ist  zu  betonen,  daß 
sie  alle  drei  dem  Pacatus  zukommen,  der  auch  sonst,  wie  wir 
gesehn  haben,  in  der  Clauseltechnik  freier  ist.  Wir  haben 
sie  in  der  Tabelle  als  unzweifelhafte  3tr-Fälle  notirt,  die  übrigen 
zu  V3  geschlagen. 

Nun  aber  weiter.  Ist  einmal  die  Clausel  ^  ^  —  ||  —  w  —  w 
als  V3  anzunehmen,  so  ist  nicht  einzusehn,  warum  sie  durch- 
aus einen  langen  Anlauf  haben  muss:  war  aber  der  Anlauf 
kurz  ^  x  II  —  >-  —  ^,  so  gibt  sie  sich  äußerlich  als  L31. 
Wir  müssen  also  gewartig  sein,  auch  diese  Clausel  bei  den 
letzten  Panegyrikern  übermäßig  vertreten  zu  finden ;  und  das 
trifft  auch  zu. 

X  5  i  tiner  ig  non  habetis  10)    29  an)te   licuit  experiri 
20  ad  aciem  detolerunt  XII  5  hominibua  praedicantur 
25  babuerit  dignitatem  25  es)ae  miserum  nec  videri 

avidior  quam  salutia  34  culpae)que  documentum 

5)     27  potueris  evocare  fuerunt 

XI  4  addic)tadominiaserviebat  36  continua)re  jaculia  occu* 

cineribus  excitavit  pare 
12  age)requam  aliis  imperare     15)        vel  in  acervo  jacere 
15  comitio  conaulatua  40  sibi  aliquä  vindicabit 

Auch  hier  dasselbe  numerische  Mißverhältnis  —  16  Fälle, 
während  die  9  ersten  Panegyriker  zusammen  nur  7  bieten,  — 
auch  hier  dieselbe  Verteilung  auf  ß1^-  (9)  und  reine  5-Fälle 
(7),  wobei  die  ersten,  als  31  gemessen,  das  Auflösungsgesetz 


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442 


Th.  Zielinnki, 


aufs  härteste  verletzen.  Kurz,  es  unterliegt  keinem  Zweifel, 
daß  wir  auch  die  scheinbaren  I^-Clauseln  vielmehr  als  V3- 
Clauseln  mit  tonischer  Basis  anzusprechen  haben.  Darnach 
sind  auch  die  Zahlen  in  der  statistischen  Tabelle  S.  432  ge- 
geben. 

Also:  mit  Nazarius  (X)  beginnt  das  tonische  Princip  in 
der  Baais  von  V3  das  quantitative  zu  verdrängen;  wir  haben 
ein  Mittelding  zwischen  der  classischen  V3  und  dem  mittel- 
alterlichen cursus  velox.  Es  fragt  sich  indeß:  wie  sind  die 
9  ersten  Panegyriker  zu  beurteilen  ?  Hier  fehlt  uns  das  Haupt- 
argument für  die  Annahme  einer  tonischen  Basis:  das  nume- 
rische Mißverhältnis.  Die  21  L3tr-Fälle  nebst  den  7  L31 
können  recht  gut  als  solche  bestehn.  Qualitativ  freilich  haben 
wir  dieselben  Erscheinungen,  wie  bei  X— XII :  auch  hier  ver- 
teilen sich  die  choriambischen  Clausein  auf  ß*5-  und  5-Fälle 
(bis  auf  V14  credere  te  navigante  yS  und  VII  6  proditionis 
suorum  e),  auch  hier  haben  wir  unter  den  Clausein  L31  nur 
eine  der  tonischen  Messung  widerstrebende  (III  14  niaria  plena 
esse  vcstri),  während  zwei  umgekehrt  bei  quantitativer  Messung 
das  Auflösungsgesetz  verletzen  (V21  rurjsus  habeat  condito- 
rem  und  VIII  9  umenti)bus  oculis  eminentem).  Ich  habe  es 
für  das  Sicherere  gehalten,  bis  auf  weiteres  die  Rubriken  L31 
und  L3tr  beizubehalten. 

Noch  bemerke  ich,  daß  das  Gesagte  auch  auf  4  ange- 
wendet worden  ist,  die  bei  der  geringen  Anzahl  der  Fälle  keine 
selbständigen  Schlüsse  gestattete.  Auch  hier  ist  demnach  für 
I — IX  quantitirende,  für  X — XII  tonische  Basis  angenommen 
worden. 

Doch  bietet  die  gesammte  Grundform  IV  nebst  VI  und 
VIII  auch  sonst  bemerkenswertes,  weshalb  wir  ihre  Vertreter 
folgen  lassen  —  die  Clausein  der  M-Classe  aus  deren  Register 
S.  437  f.  wiederholt. 

4:  II  7  nominia  conaecutua  est  5  gloriae  ||  exitum  ferunt 

13  sub  Renio  et  Romulo  tuis  magni)tudine  congrnentia 

III  11  limina  ||  imminentibus  10)  XI  5  oculoa  providentiae 

VII  2  qoi  te  am  ant,  plurimum  14  commodia  publicis  vacat 

sciunt  21  in)dignior  ^udicabitur 

5)  IX  4  sanguinis  gratulatio  24  fi)dehum  diligentia 

23  vi)ciaae  tarn  prodigos  sui  25  innocentiaaimum  legis 

X  4  sunt  amorem  invicem  cre-     15)    30  Julianum  recepimus 

ant  31  debitus  restitntns  est 


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Das  Ausleben  des  Clauselgesetzes. 


443 


24  fece)runt  affecto  innocen- 

tiam 

40  com  sit  quae  vicerit  tna 
41:  X  33  dif)ficilis  existimatioat 

36  habet  eoruraque  fratribus 
4V:XII12  be)ataquia  non  eram  tua 
4tr:  II  7  so)luto  animo  ac  libero 


IV  12  conten)tae  meritia  con- 

scientiae 

VI  4  principiis  consecutus  es 
«'•.III  10  hojminibusque  acceptiora 

Bunt 

41  tr:IX12  vir)tutis  et  clementiaetuae 
X    4  au)daciorem  veritas  facit 
6: VII 13  tempo)rarius  ille  transitus 

fuit 

':XII30  te)meritas  sed  neceasitas 

erat 

G.VIII14amo)ri8  nostri  contume- 

liam  feres 

Btr:XL4  pe)riculi plenum negotium 

fuit 

XII  45  aurium  saltim  molestia 

luit 

8:V1II12  venturis  pensitationibus 

neget 


XII 12  vi)xisse  te  legibus  tuis 

29  etiam  in  osculis  erant 
11  im ) per i um  deprecatus  es 

20)    14  priva)tim  sui  poenitentia 

20  osculo  consecratus  est 
indigere  arrogantia 

21  numinis  conscientiam 

25  no)bilibus  solitudines 
25)    41  consule  et  vota  conveni 

45  hauriet  innocentiam 
41:  II  3  deduxe)rint  quae  victoriae 

auxerint 

5  exerci)tu  sed  paucis  co- 

hortibus 

1X14  armis  non  pulverem  pati 
30)  X  24  conciliatri)ces  pacis  lacri- 

mas  daret 

30  conse)cratos    in  litteria 

habet 

31  i)psius  taeterrimum  caput 
XI    5  ge)nus  quod  nullus  refel- 

leret 

26  clau)sae  sunt  omnes  bonos 

habet 

35)XII  7  sine  exempli  periculo 

10  impera)tori  pugnare  te  tibi 
16  impo)nendumst  provin- 

ciae  caput 

Man  beachte  den  letzten  Einschnitt.    Wir  finden  ihn: 
bei  4:       in  6  15,  in  e  1,  in  ?  1,  in  tj  8mal 
„4  jj    1       „  3      „  1       ,  9  „ 

*  —  »1  »  4  in  y  2mal 
»  »  *~  »6  »  » 
ist  die  Häufigkeit  des  Einschnitts  in 
tj:  zusammengenommen  umfaßt  er  27  Fälle,  d.  h.  die  volle 
Hälfte ;  bei  Cicero  war  sein  Procentsatz  in  4  auf  14,  in  4  auf 
22,  also  durchschnittlich  auf  18%  beschränkt.  Das  hängt, 
wie  'Clauselg.'  123  erklärt  worden  ist,  mit  der  Aversion  gegen 
jambische  Schlußwörter  zusammen.  Daß  diese  bei  den  Pane- 
gyrikern  noch  größer  geworden  ist,  beweist  das  fast  vollstän- 
dige Fehlen  von  2e  (oben  S.  436),  die  von  dem  ciceroniani- 
schen  Procentsatz  1 1  %  auf  2  %  zusammengeschrumpft  ist ;  wie 
ist  unter  diesen  Umständen  die  Beliebtheit  der  jambischen 
Schlußwörter  hier  zu  erklären  ?  Diese  Beliebtheit,  —  verbun- 
den mit  der  Tatsache,  daß  die  ganz  schlechten  Clausein  VI  f. 
sämmtlich  das  jambische  Schlußwort  aufweisen,  —  legt  die 
Vermutung  nahe,  daß  wir  auch  hier  das  Eindringen  des 


,   IV0  ,2 
.  VI+V1II  „  -, 
Was  hier  auffüllt, 


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444 


Th.  Zielinski, 


tonischen  Princips  zu  constatiren  haben.  Darnach 
hätten  wir  in  den  angeführten  27  Fallen  keinen  jambischen, 
sondern  einen  trochäischen  Auslaut:  plnrimüm  sciunU  prodigbs 
süi  u.  s.  w.  =  Clausel  V  1.  Fraglich  würde  freilich  bleiben, 
ob  diese  Annahme  auf  die  3  letzten  Panegyriker  zu  beschränken, 
oder  auf  alle  auszudehnen  sei,  da  der  Procentsatz  der  ^-Schlüsse 
bei  II — IX  um  nichts  geringer  ist,  als  in  X — XII,  ist  eine 
Entscheidung  kaum  möglich.  Wir  haben  daher  in  der  stati- 
stischen Tabelle  mit  diesem  Resultat  nicht  gerechnet. 

Mit  dem  Eindringen  des  tonischen  Princips  hängen  wohl 
auch  die  'falschen  Messungen'  zusammen,  die  wir  oben  S.  437 
und  439  vermutet  haben;  verallgemeinern  läßt  sich  diese  Be- 
obachtung jedoch  nicht. 

5.  Prosodisches  und  Grammatisches.  Indem  ich  auf 
den  entsprechenden  Abschnitt  in  meinem  'Clauselg.'  171  ff. 
verweise,  lasse  ich  in  aller  Kürze  das  für  die  Panegyriker  no- 
tirte  nachfolgen. 

1.  Positio  debilis:  Verlängerung  IV  12  rctniseris 
lucrumst  (VIS  :  M6) ;  VII  16  lucra  contempsit  (Vir  :  PI); 
VI  5  patre  potiorem  (LI2:  PI3);  X  12  tenebras  non  imbibi- 
stis  (VB  :  LS1).  Unbestimmt  X  24  conciliatri)ces  pacis  la- 
crimas  daret  (L4 :  L22,  vielleicht  aber  VIS,  cf.  oben  S.  443). 
Sonst  kurz. 

2.  S  i  m  p  u  r  a :  unbestimmt.  IX  20  fore  spopondisti 
(Vlß:Lll,  oben  S.  485). 

3.  Synizese:  XI  20  pecuni(ae  coacervandae?  (Vlß: 
PI,  vielleicht  aber  Via,  cf.  oben  S.  439). 

5.  Die  Vorsilbe  red.  X  24  ingenio  repperisti  (V3 : 
PP3);  IX  13  sed  aciem  rettudÜ  (L21  :  P22);  XII  25  amissa 
metu  relliquorum  (L3tr:P3*);  VIII  13  relliquis  haereamus. 
Zweifelhaft  XI  28  serena  refundi  (Vir  :  PP3;  nicht  aufg.). 

6.  Suffix  -c  u  l  u  m :  XII  14  pericla  rapuissent  (LI*  : 
PI8),  sonst  periculum. 

7.  ö  e  n.  S  i  n  g.  v o  n  -ium.  Hier  ist  die  Wandelung 
interessant.  Die  Panegyriker  stehen  unter  dem  Einfluß  einer- 
seits der  classischen  Tradition,  die  4  verlangt;  andrerseits  ihrer 
Umgangssprache,  die  -n  angenommen  hatte;  so  ist  denn  der 
Gebrauch  schwankend.    Die  classische  Form  III  5  veniam  si- 


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Das  Ausleben  des  Clauselgesetze*». 


445 


lentt  petam  (V2  :  Mfl8,  vielleicht  aber  VI  mit  tonischer  Ca- 
denz) ;  III  8  desideri  celerüate  (L3S :  M33tr) ;  vielleicht  auch 
XI  32  expectes  vicem  benffici  (M23  :  M65,  nicht  aufg.).  Die 
vulgäre  VI  7  pignus  imperii  (Ll3y:L4Q;  VII  15  esset  imperii 
(Ll'yiMÄ1»);  XII  2  silentii  redimant  (Ll35:P2). 

8.  Endvocal  i  und  o.  In  mihi  etc.  beliebig :  X  25 
qui  tibi  cedunt  (VIS  :  P3),  dag.  X  23  ipse  tibi  sumis  (LI2: 
PI).  Bemerkenswert  ist  die  eingerissene  Kürze  des  Schluß-o : 
1)  im  Nom.  sg. :  II  9  Simüitudo  sed  III  18  Juno  pla- 

cata,  V  7  necessitudo  sumpsisset,  X  16  magnüudo  testetur,  26 
nemo  servaret,  25  formido  sanare,  XI  15  ambago  celaret  (Vif: 
82  und  noch  schlechtere) ;  VII  20  nemo  potuisset,  VIII  5  cow- 
suetudo  cohibebat,  X  28  longitudo  tenuarat,  22  mansuetudo  ra- 
tionem,  XII  26  vorago  revomebat  (LP:  P3);  VII  4  sermo  ju- 
stitiae,  XI  29  amplitudo  quam  tribuis  (Lls  :  P2);  XI  5  dis- 
simüüudo  discordiam,  pulcritudo  praestantior,  XII  45  nemo 
post  maximum  (V2  :  V2,  die  indessen  bei  den  Panegyrikern 
keine  V-Clausel  ist,  oben  S.  433);  XI  24  curamus  ut  nemo 
possü  (V3  :  SS) ;  Ausnahme  XII  2  accusatio  vocabatur  zweifel- 
haft, da  vielleicht  tonisch  VS;  —  2)  in  ambo:  III  7  ambo  se- 
niores  (LI*  :  PS);  —  3)  in  der  1  P.  sg.  der  Verba:  VII  1 
dicabo  sermonem  (Vly :  MS2) ;  II  7  prospicio  Romanus,  III  1 
facio  jacturam  (Li  *y :  MS2tr) ;  III  18  quaero  rationem,  VII  24 
confido  placuisse  (LI*:  PS);  V  5  celebrabo  temporibus,  VII 14 
expeäo  consilium  (Ll3:P2);  XII  47  dispensato  miracula 
(V2  :  V2).  Keine  Ausnahme  III  14  audeo  praedkarc  (V3 
m.  Syll.  anc.),  eher  noch  VIII  12  queo  satis  dicere  (V2  :  L21) : 
—  4)  in  den  Adverbien:  XI  27  quando  mutabunt  (Vly  :  S9); 
sero  reparandum  (Lla:P3);  continuo  si  velles  (LVy :  MS2tr). 
Dag.  XII  35  ultro  videret  lacessi  (V3  :  L3tr) ;  —  5)  besonders 
bemerkenswert  im  Gerundium :  V  3  participando  tutelam,  6 
veniendo  fecisti,  VI  4  oriendo  fecisti,  XII  36  festinando  tar- 
darey  38  frustrando  differret  (V2  :  S2  u.  ä.):  II  11  consen- 
tiendo  retinetis,  VII  3  nascendo  meruisti,  IX  16  inchoando  vio- 
laret,  XII  5  enumerando  tenuere  (LI8:  P3);  III  15  vinde- 
miando  deßeimus  (Ll3:P2tr);  XII  37  occupando  clementiam 
( V2  :  V3).  Sonst  ist  das  o  im  Dat.  Abi.  sg.  natürlich  lang ; 
VIII  12  in  futuro  securos,  die  einzige  Instanz  dagegen,  ist 


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446 


Th.  Zielinski, 


wohl  mit  falscher  Messung  von  sec.  als  VS  intendirt. 

10.  -ri-  in  fut.  ex.  und  conj.  p  f .  nach  classischer 
Tradition  lang :  III  12  publicae  viceritis  (V3  :  P2),  4  vestri 
sinum  secesseritis  (L3tr :  P2tr). 

11.  Synkopirte  Verbalstämme:  XI  20  rejcie- 
bcUur  (VI :  PI). 

12.  Einzelne  Wörter  IV  12  promiscus  et  vilis  est 
(V2:L2tr);  XI  11  poculo  fortuito  (V3 :  P2). 

6.  Elision.  Die  Frage  nach  Hiatus  und  Elision  wird  sich 
bei  diesen  späten  Classicisten  mit  ihrer  angelernten  Technik 
schwerlich  ganz  zum  Austrag  bringen  lassen.  Nach  der  clas- 
sischen  Tradition  ist  Hiatus  nur  bei  den  Clausein  3  ff.  in  der 
Diärese  gestattet;  diese  wird  im  allgemeinen  eingehalten,  bei 
den  ersten  sogar  streng.  Aber  VII  scheint  andren  Principieu 
zu  folgen:  wenn  ich  nicht  irre,  elidirt  er  nur  vor  est  (7  videö 
gratissimumst  16  praemiumst  imperator);  man  vergleiche  10 
prospicit  quam  \\  ignoscit  (VI  :  S2),  13  firmitatem  habitura 
(Ll*:PP3;  freilich  ist  mit  falscher  Messung  auch  V3  mög- 
lich); cf.  auch  22  ora  circumeat  (LI8).  Ebenso  VIII:  2  voto 
quam  ||  ingenio  (LI8  :  P2).    Die  übrigen  sind  wieder  strenger. 

Zu  beachten  bei  Pacatus  (XII)  —  vielleicht  auch  schon 
früher  —  die  facultative  vulgärlateinische  Abstoßung  des  s  in 
der  Endung  us,  weshalb  diese  vor  Consonanten  kurz  bleibt; 
besonders  auffällig  38  credo  me  Galliae?  sed  invisu'  sum.  Hi- 
spaniae  committo?  sed  notu'  sum  (Construction :  V2 1(  V2). 
Doch  bleibt  der  Umfang  dieser  Erscheinung  noch  zu  unter- 
suchen. 


II.  Cyprian. 

Die  Clauseltechnik  des  hl.  Cyprian  hat  Ed.  de  J  o n  g  e 
neulich  zum  Gegenstand  einer  eingehenden  Untersuchung  ge- 
macht. (Les  clausules  metriques  dans  Saint  Cyprien.  Louvain- 
Paris  1905).  Der  erste  Teil  seines  Buches  enthält  eine  kri- 
tische Besprechung  der  modernen  Theorien,  der  zweite  speciell 
die  Clausein  Cyprians,  der  dritte  die  Lehren  der  antiken  Theo- 
retiker. Ich  werde  es  hier  hauptsächlich  mit  dem  zweiten  Teil 
zu  tun  haben. 


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Das  Ausleben  des  ClauselgesetseB. 


447 


Mein  'Clauselgesetz*  wurde  dem  Verfasser  erst  nach  Voll- 
endung seines  Buches  benannt;  in  einer  besonderen  Nota  S. 
149 — 153  setzt  er  sich  mit  ihm  auseinander.  Auch  diese  Nota 
soll  uns  im  Folgenden  beschäftigen. 

Vor  allem  freue  ich  mich  meine  weitgehende  Ueberein- 
stimmung  mit  dem  Verf.  zu  constatiren.  Ueber  die  Methode 
sind  wir  einig:  im  Unterschied  einerseits  von  der  einseitig  ty- 
pologischen  Methode  Bornecques  sowohl  wie  von  der  einseitig 
morphologischen  E.  Müllers  u.  a.  bekennen  wir  uns  zur  syn- 
thetischen, die  beide  Momente  gleichmäßig  in  Betracht  zieht. 
Auch  im  einzelnen  werde  ich  vielfach  Uebereinstimmung  zu 
constatiren  haben.  Dem  gegenüber  haben  die  Divergenzen 
nicht  viel  zu  bedeuten ;  sie  erklären  sich,  wie  ich  meine,  daraus, 
daß  dem  Verf.  ein  qualitativ  wie  quantitativ  einfacheres  Ma- 
terial vorlag  (bei  ihm  anderthalbtausend,  bei  mir  achtzehn- 
tausend Clausein),  und  ich  hoffe  mit  der  folgenden  Bespre- 
chung zur  Ausgleichung  beizutragen.  Ich  bemerke,  daß  meine 
Beobachtungen  über  die  Panegyriker  von  seinem  Buch  unab- 
hängig gewonnen  sind:  obgleich  er  seine  Untersuchungen 
damals  z.  T.  bereits  im  Musee  Beige  gedruckt  hatte,  waren 
sie  mir  dennoch  nicht  zur  Hand,  und  ich  habe  sie  erst  nach- 
träglich vergleichen  können.  Natürlich  wird  die  Bedeutung 
der  Ueberein8timmungen  dadurch  wesentlich  erhöht. 

1.  Formenstatistik.  Der  relativ  geringe  Umfang  des 
behandelten  Autors  gab  dem  Verf.  die  Möglichkeit,  auf  S.  86 
bis  59  alle  Clausein  der  Reihe  nach  aufzuführen ;  zu  Grunde  ge- 
legt hat  er  die  Hartelsche  Ausgabe  und  eine  Clausel  dort  an- 
genommen, wo  Härtel  eine  schwerere  Interpunction  hat.  Eine 
Nachvergleich  ung  des  I.  Tractats  ergab,  daß  dort  auf  lb8 
Clausein  nur  4  offenbar  übersehn  worden  sind :  Kap.  4  sanctus 
animarä  und  omne  quod  possumus,  4  ubique  divisa  und  11 
exitus  turpis;  da  somit  die  Zuverlässigkeit  hinreichend  war, 
glaubte  ich  für  alles  übrige  die  de  Jongeschen  Tabellen  zu- 
grundelegen zu  können.  Auch  die  Messungen  waren  fast  überall 
richtig;  von  dem  offenbaren  Lapsus  I  9  abgesehn,  wo  delin- 
quüur  minus  est  als  2  statt  als  l3  notirt  ist,  hätte  ich  fol- 
gendes einzuwenden.  I  10  ist  quis  inier  haec  verö  subveniat 
unstatthaft  da  vero  —  Dat.  von  verum;  wir  haben  somit 


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Th.  Zielineki, 


nicht  l8,  sondern  P2 ;  III  19  ist  nach  Cicero  cottidie  zu  messen, 
die  betr.  Clausel  somit  1$;  IV  30  decöre  deformis  est  wahr- 
scheinlicher als  decören  die  Clausel  daher  2y,  nicht  21 ;  V  23 
paria  fecerimus  sicher,  nicht  -r-imus  (oben  S.  446),  die  Clausel 
somit  3,  nicht  l13  (bei  de  J.  irrtümlich  21). 

De  Jonge  unterscheidet  bei  Cyprian  nur  9  Clauselformen, 
nämlich  die  drei  bestbevorzugten  VI,  V2  und  V3,  sodann 
die  drei  besten  der  L-Classe  ll,  la  und  l3  nebst  21  und  noch 
2  der  M-Classe  l13  und  22.  Die  übrigen  (im  Ganzen  74)  be- 
zeichnet er  als  - anomal"  und  behandelt  sie  besonders.  Von 
ihnen  läßt  sich  eine  Anzahl  aus  diplomatischen  Qründen  — 
augenscheinlich  richtig  —  unter  die  gewohnten  Schemata  bringen, 
die  meisten  jedoch  sind  widerspenstig  und  sollen  uns  noch  be- 
schäftigen. 

Uebrigens  ist  es  nicht  ganz  richtig,  daß  unter  den  von 
de  Jonge  angenommenen  normalen  Clausein  sich  unsre  V3 
befindet;  de  Jonge  erkennt  eine  solche  (d.  h.  -  ~  —  —  w  —  _.) 
nicht  an,  sondern  nur  eine  ditrochäische  (d.  h.  die  Cadenz 
allein,  —  —  —  ^),  die  er  als  C  bezeichnet.  Seine  Bedenken 
gegen  meine  Theorie  entwickelt  er  S.  151  f. ;  es  ist  notwendig, 
hierauf  einzugehn. 

Im  Grunde  ist  es  nur  ein  Bedenken  —  die  Freiheit  der 
kretischen  Basis.  In  der  Tat  gestattet  ihr  ihre  Pathologie 
alle  möglichen  metrischen  Formen  anzunehmen,  ausgenommen 
den  Trochäus ;  und  geht  dem  Ditrochäus  ein  Trochäus  Torauf, 
so  wird  er  eben  zur  Cadenz  geschlagen,  wir  erhalten  5  statt  3, 
und  das  Spiel  beginnt  von  neuem :  meine  Theorie  peut  s'  op- 
pliquer  ä  tonte  prose  et,  par  consequent,  ri  en  explique  ancune 
par  eile  tneme.  —  Dies  Bedenken  habe  ich  eigentlich  schon 
'Clauselg.'  S.  15  entkräftet;  ich  will  es  jetzt  zahlenmäßig  tun. 

Vor  dem  Ditrochäus,  sagt  de  J.,  ist  jedes  beliebige  Ge- 
bilde zulässig.  Sehn  wir  zu.  In  Ciceros  Reden  finden  wir  vor 
dem  Ditrochäus 

den  Creticus         (_  w  _  _  w     _  —  V3)       1787  mal  =  85,7  % 

„    Moloaaua         (  _____  =  v«)       1586    ,       31,7  , 

,  PRon  I  w  —  —  ~  —  ~  =  LS1)  192  ,  8,8  „ 
,    lonicus  a  min.  ic^,  — w  —  w  =  L»1)        226    ,         4,5  , 

.  Päon  iv    [z  ^f:  - : z :  =  .    w . 


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Das  Ausleben  des  Clauselgesetzes. 


449 


den  Ionicus  ainai.1,        ^  _  T.«        9Aq  ,O0/ 

Paon  II  P  —  ^  —  _  =  LS*)        248    „         4,9  % 


- 


Choriambus    ( —      —  —  ~  —  w  =  L8tr)       433  „  8,7  , 

Epitrit  III       (—  w                    w  =  L«")      807  ,  6,1  , 

Trochäus       (  ~  —  ~  —  ~  =  V-fVII  etc.)  199  .  4  „ 

Summa  4995 


Ich  denke,  diese  Zahlen  reden  ?  Die  reine  kretische 
über  ein  volles  Drittel,  mit  ihrer  schweren  Parallelform  zusam- 
men über  zwei  Drittel  aller  Fälle;  das  genügt  doch  wohl,  um 
von  Grundformen  und  Ableitungen  zu  reden?  —  Und  wie  steht 
es  denn  mit  der  Hauptform  II?  Gleich  mir  und  andren  läßt 
de  J.  die  doppelkretische  Clausel  —  w  -  -  «—  —  als  solche 
gelten,  d.  h.  er  verlangt  für  die  kretische  Cadenz  auch  eine 
kretische  Basis.  Warum  begnügt  er  sich  nicht  mit  dem  einen 
Creticus?    Wir  haben  doch  vor  dem  Schlußcreticus : 


den  Creticus  ( —  _  — 

,    Moloasus  (  

,    Paon  I 

,    Ionicus  a  min.  ä 


Päon  IV 


—  ~  —  =  V2)  1991  mal  =  39,4  % 

—  ~-  =  V»)  1297    ,       25,4  n 

—  ~  —  =  L21)  190   „        3,9  , 

—  w  —  =  L»1)  26*5    ,  5,2 
 ■  —  =  M2*: 


—  ^  ^  —  ^  —  =  M4S  etc.:  48/  65   *  1,3 


!  Pa^Vmai'}<--^  =  L*>  127  .  2,5, 

,  Choriambus     (—  ~~  —  —  ^  —  =  L2»*)  239  ,  4,7  „ 

,  Epitrit  III      (  —  ~—  =  LZ")  207  ,  4,1  „ 

„  Trochäus       (   —  ~  —  w  —  =  IV,  VI  etc.  729  ,  14,3  , 

Summa  5111 
Also  auch  hier  die  reine  kretische  Basis  über  ein  Drittel, 
mit  ihrer  schweren  Parallelform  zusammen  zwei  Drittel  aller 
Fälle.  Und  damit  ist  zahlenmäßig  eins  von  beidem  erwiesen : 
entweder  nimmt  man  —  w--  ---  —  -  als  normale  Clausel  an 
—  und  dann  ist  man  gezwungen,  auch  —  w  —  j  —  w  —  w  als 
normale  Clausel  anzunehmen.  Oder  man  beschränkt  sich  hier 
auf  den  Ditrochäus  (—  w  —  w)  —  und  dann  ist  man  gezwungen, 
auch  dort  nur  den  Creticus  als  Clausel  gelten  zu  lassen. 

Das  ist  der  eine,  der  statistische  Grund.  Dazu  kommt  je- 
doch der  von  Norden  erwiesene  historische:  wie  der  mittelal- 
terliche Curaus  tardus  ±  ^  .v  ;  ^  w  ~  auf  die  doppelkretische 
Clausel,  so  geht  auch  der  Cursus  velox  ^  w  ^  \  x  w  -l .  w  auf 
die  kretisch-di trochäische,  nicht  einfach  auf  die  ditrochäische 
Clausel  zurück.  Wie  dieser  Uebergang  durch  die  Uniformität 
der  Spätlinge  sowie  durch  das  Vorwalten  des  tonischen  Prinzips 
vorbereitet  wurde,  haben  wir  an  den  Panegyrikern  gesehn 


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450 


Th.  Zielinski, 


dort  hat  (oben  S.  439  ff.)  die  Glausei  V3  bereits  die  Form 

^  w  *r<  \  _  ^  quantitative  Cadenz  mit  tonischer  Basis ;  und 

wie  steht  es  mit  Cyprian  ?  De  J.  sagt  es  selbst,  S.  64 :  wenn 
die  Cadenz  heil  ist  (und  das  ist  die  Oberwältigende  Mehrzahl 
der  Fälle),  cettc  finale  est  regulierement  precedee  d'un  poly- 
syllabe  a  penuUütne  brive,  d.  h.  die  normale  Clausel  ist 
±:  ^  ^  _  w  _  w,  ganz  wie  bei  den  Panegyrikern.  Allerdings 
bildet  nach  de  J.  die  Heilheit  der  Cadenz  die  Vorbedingung 
dazu;  das  wollen  wir  sofort  untersuchen,  einstweilen  sei  con- 
statirt,  daß  nach  de  J.  selber  von  den  360  ditrochäischen  Aus- 
gängen über  300  den  tonischen  Creticus  in  der  Basis  bieten. 
Ich  denke,  das  sollte  gentigen,  um  auch  für  Cyprian  ^  w  >n  • 
-  w  —  w  als  die  normale  Clausel  gelten  zu  lassen. 

In  der  Tatsache  sind  wir  einig,  in  der  Erklärung  gehn 
wir  auseinander.  Warum  der  tonische  Creticus?  Ich  sage: 
weil  er  sich  ganz  natürlich  aus  dem  quantitativen  Creticus  der 
classischen  Prosa  entwickelt  hat.  De  J.  sagt  (S.  68) :  weil  die 
heile  Cadenz  nur  einen  Accent  bietet  und  die  Clausel  deren  zwei 
verlangt  ('Gesetz  der  zwei  Accente1  oben  S.  436)  so  hat  sich  bei 
heiler  Cadenz  die  ditrochäische  Clausel  zu  einer  kretisch  ditrochäi- 
schen 'erweitert'.  Warum  gerade  zu  einer  solchen?  Die  Frage 
findet  keine  Antwort.  —  Aber  nicht  einmal  die  Beobachtung  ist 
richtig.  Sie  wäre  es,  wenn  wir  sagen  könnten:  die  kTetische 
Basis  findet  sich  bei  einaccentiger,  nicht  aber  bei  zweiaccen- 
tiger  Cadenz :  um  uns  von  letzteren  zu  überzeugen,  wollen  wir 
die  zweiaccentigen  Fälle  aufFühren  (NB. :  Clausein  wie  ecclesia 
non  haberet,  bei  denen  die  eine  Silbe  der  Cadenz  durch  ein 
Atonon  gebildet  wird,  schlagen  wir,  gleich  de  J.,  zu  der  Haupt- 
masse mit  heiler  Cadenz). 

I   4  egomet  saepe  mecum  33  sacrificia  Deo  dixit  esse 

III  5  solidum  pars  tenetur  VII 14  sperare  quos  tu  tueris 
8  in  domo  |l  una  edatur  15  ab  eis  quos  tu  adoras 

IV  6  gentilibus  membra  Christi  25  nostri  salutare  niunus 
5)  V  31  tui  memor  ipse  non  sis       10)        poenitentia  nulla  serabt 

VIII  18  possunt  peccata  tergi 

Von  den  11  einzigen  Beispielen  bieten  5  (Nr.  1,  2,  4,  7, 
10)  ohne  weiteres  die  kretische  Basis,  2  weitere  die  auch  von 
de  J.  als  äquivalent  anerkannte,  aus  Monosyll.  Jambus  beste- 
hende (Nr.  3,  8),  und  auch  Nr.  11  widerstrebt  nach  seiner 


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Das  Ausleben  des  Clauselgesetzes.  451 


Theorie  nicht:  wenn  S.  65  dolori  sti  et  pudori  gut  ist,  ist  es 
auch  pössunt  peccäta  tergu  Wie  man  daraus  sieht,  hat  das 
Gesetz  der  2  Accente  auf  die  Basis  der  di  trochäischen  Claus  el 
keinen  Einfluß:  sie  ist  in  jedem  Falle  kretisch. 

Kurz:  auch  Cyprian  beweist,  daß  die  di  trochäische  Clausel 
nur  als  kretisch -ditrocbäische  normal  ist.  So  glaubte  ich  denn, 
die  de  J.'sche  Formenstatistik  auf  S.  58  durch  eine  eigene  er- 
setzen zu  müssen,  wobei  ich  den  Rahmen  der  obigen  für  die 


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123105  139 


195114  98142 


14  17 
17  10 


19;  10 
13 


3!  2 

i 

— j 
1 


17 


20  16 
20|  14 
18i  10 

4 


9 
10 
13 


28 
14 

2 
21 

1 


618 
189 

15 
321 

21 


99 

5 
16 
11 


88j  ii6i 


6!  11 


108 


17  14  144 


9 
1 

4:  _^  _i  — 1  1!  _ 

1  j  1  — '  1  i 

2!  1  - 


9  123 


-[14-2 
— '    l!  1  


2  2 
1 


20 
1 
2 
5 
6 
1 

3i 


1  1 

A-r- 


L: 

41 

50 

44 

71 

S: 

2 

1 

M: 

2 

4 

1 

3 

P: 

1 

2 

1 

2 

167|161 

187|272 

187|272|l62137|l73jl38|126jl08|l631 

Philologun,  Snpplomentband  X,  dritte«  Heft. 


— I  1 
1 

1 


7 

1 

— t  1 


11 
4 


37.9 
11,2 

19,7 


71,4 


428  26,2 


5 
26 
8 


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452 


Th.  Zielinski, 


Panegyriker  entworfenen  (S.  432)  wiederhole, 
sehen  und  metrischen  Correcturen  de  J.'s  habe  ich  mit  aufge- 
nommen, die  kleinen  Differenzen  in  den  Summen  rühren  daher, 
daß  ich  ein  paar  zweifelhafte  Clausein  nicht  berücksichtigt 
habe. 

Für  Cyprian  als  solchen  ist  die  Tabelle  zu  complicirt:  für 
ihn  würden  6  Rubriken  genügen,  nämlich  die  drei  bestbevor- 
zugten  (VI,  2  u.  3)  und  die  drei  einfachen  Ableitungen  von 
VI  (LI1,  l2  und  l8);  zusammengenommen  umfassen  sie  von 
den  1631  Clausein  volle  1503.  Ich  habe  dennoch,  um  die  Ver- 
gleichung  zu  ermöglichen,  den  früheren  Rahmen  beibehalten. 
Soviel  sieht  man  sofort:  Cyprian  ist  noch  uniformer  als  die 
Panegyriker.  Der  Procentsatz  der  V-Clauseln  ist  von  66  auf 
71  gestiegen  und  speciell  der  von  V  1  von  31  auf  38.  Und 
noch  eine  Eigentümlichkeit  fällt  auf :  die  Vorhebe  für  LI1, 
die  den  beiden  andren  Ableitungen  gleichberechtigt  an  die  Seite 
getreten  ist.  Doch  soll  davon  noch  unten  die  Rede  sein.  Die 
schweren  Clausein  treten  den  Panegyrikern  gegenüber  noch 
mehr  zurück.  Weiteres  mag  man  der  Tabelle  selbst  ent- 
nehmen. 

2.  Die  Typologie.  Ihr  hat  de  J.  einen  besondren  Ab- 
schnitt gewidmet  (S.  60  ff.:  les  cesures);  leider  kann  ihm  hier 
der  Vorwurf  nicht  erspart  werden,  daß  er  die  Statistik  voll- 
ständig vernachlässigt  hat.  Unter  A  (=  VI)  führt  er  9  ver- 
schiedene Cäsuren arten  auf,  ohne  zu  sagen,  wie  oft  jede  vor- 
kommt, so  daß  der  Leser  sie  für  gleichberechtigt  halten  muß. 
Auch  hätten  die  Atona- Einschnitte  billig  ignorirt  werden 
können;  dadurch  wäre  die  Zahl  der  Typen  von  9  auf  5  zu- 
rückgegangen.   Hier  gebe  ich  meine  Statistik  für  VI: 

I   II  III   IV  V  VI  VII VIII IX  X   summa  %  Cicero  Paneg. 


la  1    1  —  2   3  —    1  -    l  1 

ß  5   9    8  24  12    7    6  6  10  8 

ßö  445  5626  43- 

y  48  87  51  65  43  86  52  36  27  17 

9  23  12  13    265  982 


10 
95 
39 
412 
62 


1,6 
15,4 

6,3 
66,6 
10 


12,4 

[27,2 

49,2 
10,2 


5 
20 
66 

Q 


Summa  60  54  76  109  66  51  70   55  49  28  I  618 


100 


ioo  :  ioo 


Wie  man  sieht,  ist  die  Typologie  nahezu  dieselbe,  wie 
bei  den  Panegyrikern  —  ein  erfreulicher  Beweis  für  die  Con- 


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Das  Ausleben  des  Clauselgesetze». 


453 


stanz  der  typologiscben  Erscheinungen.  Nur  einen  Unterschied 
finden  wir,  und  der  betrifft  den  unwesentlichsten  Typus,  la: 
bei  Cyprian  ist  er  noch  mehr  zurückgegangen,  als  bei  jenen. 
Die  Unbeliebtheit  erklärt  de  J.  aus  seinem  Gesetz  der  zwei 
Accente  (S.  69);  ich  glaube,  mit  Recht. 

Der  interessanteste  Typus  ist  lß  verglichen  mit  lß$;  an 
ihm  hat  der  Verf.  das  Gesetz  entwickelt,  das  ich  oben  (S.  436) 
das  'de  Jongesche  Anlaufsgesetz'  genannt  habe.  Die  kleine 
Modification  in  der  Erklärung,  die  ich  vorschlagen  zu  müssen 
glaubte,  bitte  ich  ebendort  nachzulesen;  denn  freilich,  de  J. 
möchte  auch  hier  seine  Erweiterungstheorie  herbeiziehn.  Die 
C  lau  sei  lß  bietet  im  Klauselkörper  nur  einen  Accent;  um  zwei 
zu  haben,  hat  sie  sich  zu  —  w  —  |  w  <— -  erweitert.  Nach- 
dem sich  jedoch  diese  Theorie  für  V3  als  unstatthaft  erwiesen 
hat.  wird  man  auch  hier  an  ihr  nicht  festhalten  wollen  s).  Doch 
das  ist  nebensächlich ;  die  Beobachtung  selbst  ist  wichtig  und 
fruchtbar. 


Ich  lasse  die  Tabelle  für  V2  folgen: 


Y 

i  ii  Iii  iv  v  vi  vn  vm  ix  x 

 2-1     1  — 

22  16  13  18  12  12  16     5     7  9 
9756645     6  25 

4 
130 
55 

1  2,2 
,68,7 
29,1 

Cicero 

43,3 
33,8 

Paneg. 

78,7 
19,2 

Summa 

31  23  18  24  20  16  22    12     9  H 

189 

1  100 

|... 

100 

Die  Uniformirung  ist  Cicero  gegenüber  noch  immer  sehr 
groß,  aber  doch  nicht  so  groß,  wie  bei  den  Panegyrikern,  und 
der  Typus  25  ist  stärker  vertreten  als  dort. 

Dafür  ist  V3  gegenüber  das  genannte  Uniformirungs- 
streben  reichlich  ebenso  groß ;  die  Diärese  ist  obligatorisch, 
an  Ausnahmen  habe  ich  notirt :  3e  in  III,  IV,  V,  VL,  VII  und 
X  je  lmal,  3y  in  V  und  3ߣ  in  VII  je  lmal,  alles  in  allem  8. 
Freier  ist,  wie  gewöhnlich,  3,  die  freilich  an  sich  sehr  selten 

*)  Eine  dritte  Erklärung  erwähne  ich  nur  unter  dem  Strich,  weil 
ich  ihr  nicht  zustimmen  kann;  sie  könnte  aus  dem  Hereinragen  des 
tonischen  Princips  geschöpft  werden.  Man  nehme  eine  Clause!  Iß  mit 
ihrem  Anlauf  ce)teri  saginantur;  die  richtige  Betonung  des  Cadenz- 
wortes ist  bei  quantitativer  Accentuution  natürlich  saginantur,  ganz 
wie  es  VI  verlangt.  Bei  tonischer  Accentuation  mußte  daraus  aber 
säninäntur  werden,  und  das  ist  eine  V8-Cadenz;  kein  Wunder,  daß 
sie  nach  einer  kretischen  Basis  verlangte,  eben  nach  ceteri.  —  Aber 
darf  in  VI  bezw.  in  der  Cadenz  von  V3  ein  Hereinragen  des  toni- 
schen Princips  angenommen  werden? 

30* 


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454 


Th.  Zielinaki, 


ist;  sie  ist  mit  y  2,  mit  e  6,  mit  £  lmal  vertreten,  was  zu- 
sammen 9  diäresenlose  C laosein  ergibt. 

Nun  die  Ableitungen  von  VI.  Was  LI*  anbelangt,  bei 
Cyprian  die  häufigste,  so  hat  de  J.  ganz  richtig  ihre  Mono- 
typie  (als  l*y)  beobachtet  (cf.  mein  'Clauselg.'  44).  Bei  Cy- 
prian (wie  übrigens  auch  den  Panegyrikern)  drängte  sich  die 
Beobachtung  auf,  da  bei  ihm  die  Concurrenzform  3S  ganz  ab- 
geht. Die  Monotypie  selber  erklärt  er  aus  dem  Auflösungsge- 
setz, das  er  S.  73  im  wesentlichen  richtig  formulirt  Dasselbe 
gilt  natürlich  auch  für  die  viel  seltenere  2a. 

Complicirter  ist  LI1,  die  Cyprian  so  gern  anwendet;  es 
verlohnt  sich,  ihre  Typologie  zu  geben: 


I   II  III  IV  V  VI  VII VIII IX 

X 

Summa 

% 

Cicero 

Paneg. 

r 

4326522     2  1 
3  16   8  14  11    7   3     3  5 

5 
6 

32 
76 

29 
71 

29 
56 

18 

82 

Summa 

7  19  10  20  16   9   5     5  6 

11 

108 

100|  85 

100 

Die  Zahlen  sind  für  die  Panegyriker:  l*ß  15,  l*y  71, 
d.  h.  das  Plus  des  Cyprian  entfällt  ausschließlich  auf  den  Ty- 
pus llß.  Wir  wollen  diesen  Typus  etwas  näher  in  Augen- 
schein nehmen 

V  1  vo)luit  et  audiri 
2  mo)nuit  et  instruxit 

8pirita)liter  adoremua 
20)    12  adai)dua  repurgemna 
35  prejcibus  et  oremua 

VI  17  ju)dice  coronatur 

VII  4  defectio)ne  sit  et  in  fine 


I   8  faci)nora 

9  conscien)tia  satis  non  sit 
10  ju)dice  pavor  nullua 
12  pertina)citer  adbaerere 
5)  II  10  8pirita)libus  abundaret 
21  in)Hcit  ut  occidat 
23  caele>8tia  DeuB  miait 
III  26  po)tius  et  angemaa 
o)pere  fidea  nullaat 
10)IV11  terre)atribu8  inhaererent 
ne)xibas  inhaeserunt 
18  aed  et  obest  lapais 
25  a)nima  fatebatur 

cri)raine  fefellerunt 
31  incen)dia  quieverunt 
85  cri)mine  minor  non  sit 


15) 


11  jo)dice  metua  nallus 
25) VIII 22  caele)8tibus  honorantar 
24  caele)atia  recepturi 
IX  24  timen)tibu8  honoremur 
X    7  i)gnibua  inardeacit 
10  e)ruit  et  abacidit 
80)    14  ex)citat  et  hortatur 
16  inve)niat  et  armatum 
II  24  fa)cite  magisterinm  (l1*). 

Hier  sind  es  die  Accente  der  ersten  Silbe,  die  uns  auf- 
fallen, facinora,  conscientia  —  sprach  man  zu  Cyprians  Zeit 
so  ?  Und  wenn  nicht  —  wo  bleibt  bei  facinora  recensere  der 
Charakter  der  Clausel  gewahrt?  Wenden  wir  uns  zu  Cicero, 
so  finden  wir  in  der  Theorie  der  Nebenaccente  die  Erklärung ; 
zu  seiner  Zeit  wurde  in  der  Tat  im  Redefluß  conscientia  ge- 


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Da«  Ausleben  des  Clauselgesetzes. 


455 


sprochen  (mein  'Clauselg.1  230).  Nimmt  man  für  Cyprians 
Zeit  dasselbe  an,  so  wären  alle  Fälle  gerechtfertigt,  wo  der 
ersten  Clanseisilbe  ein  langer  4 Anlauf  vorhergeht,  also  im 
Ganzen  21  (Nr.  2—7,  10,  11,  14,  16,  19,  22—30)  aber  es 
würden  (vom  anlauf losen  12  abgesehn)  10  ganz  schlechte  Ic- 
tuirungen  facinora,  potius,  opere  etc.  zurückbleiben.  Ich  glaube 
daher,  daß  wir  de  J.  darin  Recht  geben  müssen,  daß  in  allen 
diesen  Fällen  das  Hereinragen  des  tonischen  Prin- 
cips  anzunehmen  ist:  facino)rä  recensere,  conscienti)ä  satis 
non  sit  etc.  Es  wären  somit  alle  diese  Fälle  einer  tonischen 
Abart  von  Vlß  zuzurechnen:  ~  -  oder  vielmehr, 
da  die  Proparoxytonese  des  Anlaufswortes  obligatorisch  ist, 
>"  w  )  |  w  .  *  w.  Zu  dieser  Proparoxytonese  ist  das  oben 
S.  434  Gesagte  zu  vergleichen.  Der  Clausel  Li1  ist  aber  nur 
der  Typus  y  gut  zu  schreiben. 

Hier  sind  freilich  die  meisten  Fälle  von  der  Art  spatia 
frenantur  und  daher  nicht  besonders  aufzuführen;  andre  aber 
sind  für  jenes  'Anlaufsgesetz'  wichtig ,  das  ich  4Clauselg/ 
35  ff.  entwickelt  habe.  De  J.  ist  S.  150  auf  dies  Gesetz  ein- 
gegangen ;  da  er  sich  zu  ihm  etwas  skeptisch  verhält,  muß 
ich  die  Hauptmomente  der  Beweisführung  wiederholen.  Ich 
hatte  wahrgenommen,  daß  in  Fällen,  wo  die  Clausel  l1  (21 
u.  s.  w.)  nicht  mit  dem  Wortanfang  beginnt,  die  ihr  unmit- 
telbare voraufgehende  Silbe  (=  'Anlauf)  bei  Cicero  lang  sein 
muß;  so  kommt  in  l*y  auf  80  Clausein  von  der  Art  'jajdicia 
 nur  zwei  von  der  Art  kmZ)moria  -  w\  Die  Beob- 
achtung zieht  de  J.  natürlich  nicht  in  Zweifel,  wohl  aber  die 
Erklärung.  Ich  hatte  S.  42  f.  drei  Erklärungsweisen  vorge- 
schlagen und  mich  unter  Ablehnung  der  beiden  ersten  für  die 
dritte  entschieden;  de  J.  scheint  geneigt,  sich  der  ersten  an- 
zunehmen.   Sehn  wir  also  zu. 

Die  erste  geht  auf  das  Gleichgewichtsgesetz  zurück.  Die 
Clausein  ll,  21  u.  s.  w.  beginnen  mit  drei  Kürzen;  kein  Wun- 
der, könnte  man  da  sagen,  daß  man  unmittelbar  vorher  eine 
Länge  bevorzugt.  Wohl,  das  würde  für  l1,  21,  31  genügen, 
nicht  aber  für  21  und  31,  die  nur  mit  zwei  Kürzen  anfangen 
und  auf  sie  drei  Längen  folgen  lassen,  mithin  das  Gleichge- 
wichtsgesetz durchaus  nicht  im  Sinne  der  Kürzenhäufung  ver- 


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!  456  Tb-  Zielintki, 

letzen.  Ist  demnach  das  Anlaufsgesetz  aas  dem  Gleichgewichts - 
gesetz  zu  erklären,  so  darf  es  auf  21  und  S1  keine  Anwen- 
dung erleiden ;  nun  lehrt  aber  die  Beobachtung,  daß  auch  in 
21  und  31  die  kurzen  Anläufe  in  der  verschwindenden  Min- 
derzahl vorhanden  sind.  Das  ist  doch,  sollte  man  meinen,  ein 
bündiger  Inductionsbeweis,  an  dem  Bacon  und  J.  St.  Mill  ihre 
Freude  gehabt  haben  wurden  ?  Dennoch  will  ihn  de  J.  nicht 
anerkennen  (8.  151);  pour  moi,  sagt  er,  les  dausuks  2ß  et 
3ß  (vielm.  9'ß  et  8*ß)  gut  reUvent  dejä  pour  deux  cause*  de 
la  pathologie  constituent  un  faxt  accessoire.  Das  verstehe  ich 
nicht:  sie  sind  doch  einmal  da,  für  das  rednerische  Bewußt- 
sein ist  2l  eine  Clausel  mit  L'ängenhäufung,  und  man  sieht 
nicht  ein,  warum  da  das  Gleich  gewich  tsgesetz  eine  weitere 
Länge  verlangen  sollte.  Nein,  ich  kann  nur  bitten,  es  mit  den 
Regeln  der  inductiven  Logik  streng  zu  nehmen :  durch  sie 
wird  das  Gleichgewichtsgesetz  ab  Erklärung  des  Anlaufsge- 
setzes eliminirt. 

Und  was  hat  denn  de  J.  gegen  meine  eigene  Erklärung 
einzuwenden?  Das  Anlaufcgesßtz,  hatte  ich  gesagt,  erklärt 
sich  aus  dem  Harmoniegesetz,  welches  die  Coincidenz  von  Ictus 
und  Accent  verlangt ;  nun  verlangt  in  1  *y  der  Clauselictus  die 
Betonung  des  Anlaufswortes  auf  der  drittletzten  Silbe,  und  das 
paßt  wohl  für  den  Typus  judtcia,  nicht  aber  für  den  Typus 
memoria,  der  vielmehr  die  Betonung  auf  der  viertletzten  Silbe 
hat  (Viersilbengesetz).  Das  Harmoniegesetz  als  solches  hat 
de  J.  auch  seinerseits,  unabhängig  von  mir  gewonnen  und 
fruchtbar  gemacht  (S.  67  ff.);  leugnet  er  vielleicht  für  Cicero 
das  Viersilbengesetz?  Er  sagt  es  nirgends  und  es  dürfte  ihm 
auch  schwer  fallen,  da  es  S.  234  ganz  unabhängig  vom  An- 
laufs gesetz  durch  das  Ueberge  wicht  von  über  150  Fällen  gegen 
7  gewonnen  ist.  Ich  darf  also  meine  Beweisführung  nach 
wie  vor  für  unerschüttert  halten. 

Und  jetzt  sind  wir  dank  Cyprian  in  der  Lage,  die  Gegen- 
probe zu  veranstalten.  Daß  nämlich  zu  Cyprians  Zeit  das 
Viersilbengesetz  längst  durch  das  Dreisilbengesetz  ersetzt  war, 
ist  für  niemand  zweifelhaft :  es  wurde  nicht  mehr  memorxa(m), 
sondern  mem6ria(m)  betont.  Dadurch  kamen  Wörter  vom 
Typus  memoria(m)  für  den  Accent  gleich  judicia  (-is)  zu  stehn. 


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Das  Ausleben  des  Clauselgesetzes. 


457 


Haben  wir  daher  unser  A  n  lau  f  8  g  e  b  e  t  z  mit  Recht  (fttr 
Py)  in  letzter  Linie  aus  dem  Viersilbengesetz  hergeleitet,  so 
ist  zu  erwarten,  daß  es  fttr  Cyprian  keine  G  i  1- 
tigkeit  haben  wird. 
Und  nun  schauen  wir  zu: 

I  8  ho)miniba8  obrepat  IV  25  Ti)sceribus  eropit 

II  1  neg)ligere  letale  15)  V   6  hu}milibas  ignovit 

14  di)abolus  invenit  8  do)cuerat  orare 

15  ar)tificis  offensam  24  hajbnerat  et 


5)      17  di)abolu8  infecit  VI    2  in)cipere 

20  di)abolu8  obrepit  19  in)fremuit  et  dixit 

21  i)tinera  vitate  20)    22  con)tigerit  exire 
28  ho)ipitia  demonstrat  21  re  stitoit  et  regno 

III  3  i)tineria  errore  desi)deria  majora 
10)     8  domi)cilia  ccmdentem  VII  25  i)tinera  monstramns 

IV  14  per)üdia  praevenit  18  o)peribuB  insistat 

15  me)moria  Bublataat  25)  VIII 19  ne)quitia  possedit 

16  perjveniat  inlidnnt  20  ma)teria  consummat 

X  6  materia  culparnm 

Also  in  14  Fällen  (Nr.  2,  4,  8,  11,  13,  14,  18-22  und 
25—27)  haben  wir  den  langen,  in  13  den  kurzen  Anlauf;  ein 
klarer  Beweis,  daß  für  Cyprian  zwischen  ho-mimbus  und  neg- 
ligere  kein  Unterschied  bestand,  daß  für  ihn  das  Anlaufsgesetz 
nicht  gilt.    Die  Gegenprobe  ist  somit  geliefert. 

Bei  der  Gelegenheit  sei  es  erlaubt,  noch  auf  andre  Wir- 
kungen hinzuweisen,  die  das  Schwinden  des  Viersilbengesetzes 
fßr  Cyprian  zur  Folge  gehabt  hat.  Ich  weise  noch  einmal 
auf  4C1auselg.'  234  hin ;  dort  habe  ich  die  Clausein  formen  zu- 
sammengestellt, die  bei  Cicero  das  Viersilbengesetz  erweisen; 
es  sind  zunächst  die  Basen  in  1*5,  2*5  u.  s.  w.  (reficerent 
tnentem  etc.),  sodann  die  Cadenzen  in  2*  u.  s.  w.  (gaudium 
reficerent  etc.).  Nun,  alle  diese  Formen  und  Typen 
sind  bei  Cyprian  verschwunden:  sie  haben  eben 
das  Viersilbengesetz  zur  Voraussetzung.  Andrerseits  sehe  man 
sich  das  Gesetz  der  Proparoxytonese  an  in  der  tonischen  Basis 
von  V3  und  dem  tonischen  Anlauf  von  Vlß:  es  wirkt  streng 
nach  dem  Dreisilbengesetz,  Domino  receptura  ist  ebenso  be- 
handelt wie  itineris  scüutaris^  Döminl  prosiliret  ebenso  wie 
faänorä  destiterunt. 


Hier  bleibe  ich  stehn ;  andre  Fragen,  die  Clauseltechnik 


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458 


Th.  Zielinski, 


Cyprians  betreffend,  lasse  ich  beiseite,  da  sie  bei  de  Jonge  ge- 
nügend erläutert  sind.  Dafür  mögen  einige  Bemerkungen  all- 
gemeiner Art  hier  Platz  finden. 

Die  Clauseltechnik  dieser  Spätlinge  wird  von  zwei  Kräften 
bestimmt,  die  sich  störend  kreuzen :  die  eine  ist  die  rhetorische 
Tradition,  die  in  den  Gesetzen  der  ciceronianischen  Zeit,  be- 
wußt oder  unbewußt,  wurzelt ;  die  andre  der  Zustand  der  zeit- 
genössischen Sprache,  die  seit  Cicero  eine  gewaltige  Evolution 
durchgemacht  hatte.  Aus  dieser  Zwiespältigkeit  erklärt  es  sich, 
wie  falsch  es  war,  die  Schriften  dieser  Periode  zum  Ausgangs- 
punkt zu  nehmen :  die  Irrtümer  Havet's,  W.  Meyers  und  auch 
de  Jonges  erklären  sich  aus  dieser  unglücklichen  Wahl. 

Gewiß,  wären  wir  frei  in  unsrer  Wahl  —  auch  Cicero 
hätte  uns  nicht  genügt.  Die  Reden  des  älteren  Cato,  oder  doch 
des  Gaius  Gracchus  hätten  die  Fundstätten  hergeben  müssen, 
aus  denen  wir  das  Material  für  clauseltechnische  Schlüsse  ent- 
nommen hätten.  Nur  die  Zeit,  die  confringo  gleich  colligo 
betonte,  läßt  uns  die  Parallelisirung  der  leichten  und  schweren 
Basen  hinreichend  begreifen ;  schon  Cicero  zeigt  uns  die  Tra- 
dition im  Kampf  mit  dem  Sprachgebrauch  der  Zeit,  es  tritt 
das  Verschiebungsgesetz  auf,  das  uns  confringo  über  confringo 
nach  confringo  und  confringo  überleitet.  Damit  ist  über  die 
schweren  Clausein  das  Urteil  gesprochen:  von  Cicero  zu  Pli- 
nius,  von  Plinius  zu  den  Spätlingen  sind  sie  in  stetem  Schwin- 
den begriffen  (Entwickelungsgesetz). 

Immerhin  ist  die  ciceroniauische  Technik  noch  verhältnis- 
mäßig einheitlich  und  rationell;  und  da  seine  Reden  für  uns 
das  erste  größere  Denkmal  der  römischen  Kunstprosa  darstellen, 
so  war  eben  an  ihnen  und  nirgendwo  sonst  das  System  der 
Clausellehre  zu  gewinnen.  Das  ist  in  meinem  Buche  über  das 
kClauselgesetz'  geschehn ;  die  vorliegenden  Untersuchungen  hatten 
ihren  Zweck  darin,  für  das  dort  gewonnene  System  die  histo- 
rische Gegenprobe  zu  liefern.  Das  bewährte  Hilfsmittel  der 
Statistik  musste  auch  diesmal  zur  Anwendung  kommen;  sind 
unsre  Schlüsse  nicht  trügerisch,  so  ist  jener  Zweck  erreicht. 

Ist  er  es  aber,  so  erwächst  daraus  für  die  Fachgenossen 
die  Verpflichtung,  sich  ihm  gegenüber  einer  größeren  Urteils- 
strenge zu  befleißigen,  als  es  bis  jetzt  vielfach  geschehen  ist. 


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Da§  Ausleben  des  Clause]  gesetzes.  459 

Meine  Untersuchungen  über  die  oratorische  Rhythmik  sind 
durch  und  durch  empirischen  Charakters ;  ich  gehe  ganz  voraus- 
setzungslos zu  Werk  und  lasse  die  Zahlen  reden ;  meine  ryth- 
mischen Gesetze  sind  nichts  als  in  Worte  gekleidete  Zahlen- 
verhältnisse und  ebenso  unwiderlegbar  wie  sie.  Es  ist  nun 
bezeichnend,  daß  es  Gelehrte  englischer  Zunge  waren,  die  meinen 
Resultaten  zuerst  Beachtung  und  Zustimmung  zollten:  A.  Clark 
in  der  Classical  Review  (1905  Nr.  3,  164—172)  und  K.  Fl. 
Smith  im  American  Journal  of  philology  (1905  453 — 463). 
Man  sieht,  der  Geist  Bacons  und  J.  St.  Mills  wirkt  und  zeugt 
weiter.  In  Deutschland  habe  ich  mit  Freude  die  principielle 
Zustimmung  des  Archegeten  auf  diesem  Gebiete  notirt,  E. 
Norden,  sowie  gewiegter  Ciceronianer,  wie  L.  Gurlitt  und  Th. 
Stangi;  auch  die  längeren  Anzeigen  Luterbachers  und  beson- 
ders Ammons  und  Kornitzers  fielen  ganz  oder  doch  in  der 
Hauptsache  beipflichtend  aus.  Anderswo  freilich  war  auffälliger 
Mangel  an  Verständnis  zu  coustatiren,  so  bei  Blass,  May,  Hä- 
berlin  und  Kroll.  Bei  der  Neuheit  der  Sache  ist  es  geraten 
auf  ihre  Einwände  des  näheren  einzugehen. 

Zwar  Häberlin  gegenüber  (Lit.  Cbl.  05,  Sp.  1434  f.)  wird  es 
schwer  fallen:  meine  Untersuchungen  führen  ihn  in  eine  »völlig 
fremde  Welt",  und  er  muß  darum  meine  Ergebnisse  „a  limine 
abweisen".  Das  heißt,  ohne  Untersuchung ;  für  einen  Kritiker 
ein  seltsames  Verfahren.  Und  warum  ?  Man  höre:  „ Cicero 
hat  eine  übermäßig  große  Anzahl  von  Reden  ausgearbeitet, 
gehalten  und  veröffentlicht,  oft  mehrere  unmittelbar  hinterein- 
ander. Wo  blieb  da  für  ihn  die  Zeit,  die  rhythmische  Feile 
überall  anzulegen  ?  Hat  er  denn  nicht  auch  einmal  reden 
dürfen,  wie  ihm  sozusagen  der  Schnabel  gewachsen  war?"  — 
Wie  nun,  wenn  ihm  der  Schnabel  sozusagen  rhythmisch  ge- 
wachsen war?  . .  .  Doch  lassen  wir  den  Scherz;  die  Sache  ist 
ernsthaft  genug.  Mit  solchen  Einwendungen  glaubt  H.  meine 
statistischen  Nachweise  widerlegen  zu  können!  Das  ist  nun 
wieder  für  mich  eine  „ völlig  fremde  Welt*,  in  der  ich  um 
alles  nicht  heimisch  werden  möchte. 

Gehn  wir  zu  denjenigen  Kritikern  über,  die  sich  die  Sache 
weniger  bequem  gemacht  haben,  so  ist  an  erster  Stelle  Fr. 


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460 


Th.  Zielinski, 


ßlass  zu  nennen  (die  Rhythmen  der  asianischen  und  romischen 
Kunstprosa  1905,  S.  113),  dessen  versöhnende  Eingangsworte 
ich  mit  den  gleichen  Gefühlen  erwidere.  Seiner  polemischen 
HaltuDg  meinen  Ergebnissen  gegenüber  liegt  ein  doppeltes 
Mißverständnis  zu  Grunde.  Erstens,  daß  er  sich  das  Clausel- 
gesetz  als  angelernte  Theorie  vorstellt:  ,sie  ist  doch  vielen 
gemeinsam  gewesen,  genialen  und  auch  ganz  mittelmaßigen 
Köpfen;  dann  aber  ist  sie  notwendig  auch  einfach  und  faß- 
lich gewesen*.  Von  diesem  Standpuncte  aus  siebt  er  mit  vollem 
Recht  in  meiner  Untersuchung  »das  Aeußerste  an  unwahr- 
scheinlicher Subtilität".  Hier  Ist  eben  die  Grundvoraussetzung 
falsch:  das  Clauselgesetz  ist  keine  theoretisch  angeeignete  Ta- 
bulatur,  sondern  ein  pr actisch  es,  unbewußtes  Ueben,  und  Ci- 
cero hat  das  Correspondenz-,  Zweikürzen-,  S-Gesetz  etc.  eben- 
sowenig gelernt,  wie  die  Gesetze  der  consecutio  temporum  und 
oratio  obliqua,  die  bekanntlich  auch  nicht  das  Ideal  von  Ein- 
fachheit und  Faßlichkeit  darstellen.  Mau  nehme  nur  ein  Bei- 
spiel —  ein  handgreifliches.  Wie  meine  Tabellen  mit  ihren 
überwältigenden  Zahlen  Verhältnissen  unwiderleglich  lehren,  ist 
bei  Cicero  der  Procentsatz  der  strengen  Clausein  (vom  J.  69  an 
bis  zum  Tode  62%  mit  ganz  geringfügigen  Schwankungen) 
ein  fest  normirter;  wie  mag  er  das  erreicht  haben?  Hat  er 
nach  Ausarbeitung  jeder  Rede  die  »rhythmische  Feile  ange- 
legt*, den  Procentsatz  ausgerechnet  und  dann,  wenn  er  etwa 
80%  betrug  —  18%  V-Clauseln  zu  L-,  M-,  S-  und  P-Clau- 
seln  verdorben,  wenn  er  dagegen  nur  50%  erreichte  —  dann 
12%  der  andren  C lassen  zu  V-Clauseln  eingerenkt?  Ich  denke, 
hier  läßt  sich  das  automatische  des  ganzen  Vorgangs  ad  oculos 
demonstriren.  Die  nähere  Ausführung  muß  ich  mir  hier  er- 
lassen ;  ich  bitte,  sie  in  dem  eignen  Aufsatze  nachzulesen, 
den  das  4 Archiv  f.  d.  ges.  Psychologie'  1906  bringt.  Aber 
zu  betonen  ist  auch  hier,  daß  die  Subtilitat  und  Complicirt- 
heit,  die  unsre  Untersuchung  des  Clauselgesetzes  auf- 
weist, für  das  Bewußtsein  der  Uebenden  nicht  vorhanden 
war.  Richtig  und  fein  bemerkt  Clark  (a.  O.  168) :  A  Roman 
'lisped  in  numbers,  for  the  numbers  came'.  Es  ist  ja  freilich 
nicht  von  jedem  Philologen  zu  verlangen,  daß  er  Fechner, 
Wundt  u.  a.  studirthabe;  allmählich  müßte  aber  die  Erkenntnis 


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Das  Ausleben  des  Clauselgesetzes. 


461 


des  Wesens  psychologischer  Vorgänge  soweit  durchgesickert 
sein,  um  solche  elementare  Mißverständnisse  unmöglich  zu 
machet). 

Das  zweite  Mißverständnis  meines  Kritikers  ist,  daß  er 
mir  vorwirft,  ich  sähe  die  correspondirenden  Clausein  nicht ; 
ich  denke,  es  genügt,  meine  Definition  des  constructiven  Rhyth- 
mus gleich  zu  Anfang  (S.  6)  zu  beachten,  um  sich  zu  über- 
zeugen, daß  ich  sie  sehr  gut  gesehn  habe.  Hab'  ich  doch 
auch  eine  Menge  Beispiele  gebracht,  die  jeder  leicht  finden 
kann,  wenn  er  die  im  Index  s.  v.  'constructiver  Rhythmus1 
angegebenen  Seiten  nachschlägt.  Die  Untersuchung  über  das 
Clauselgesetz  ist  der  erste  Teil  der  ora torischen  Rhythmik;  die 
Untersuchung  über  den  constructiven  Rhythmus  wird  den  zwei- 
ten bilden.  Blassens  Ausführungen  concurriren  in  keiner  Weise 
mit  dem  erschienenen  ersten  Teil,  sie  schlagen  durchaus  in 
diesen  zweiten  ein ;  aber  freilich,  aus  den  paar  Fetzen,  die  er 
analysirt,  läßt  sich  sein  System  nicht  zusammenschneidern,  dazu 
gehört  hier,  wie  dort,  das  vollständige  Material. 

Dasselbe  ist  auch  May  (Woch.  f.  kl.  Phil.  1905,  316  ff.) 
zu  erwidern,  der  mir  gleichfalls  den  Vorwurf  macht,  daß  ich 
den  ersten  Teil  meiner  Untersuchung  nicht  mit  dem  zweiten 
confundirt  habe.  Daraufhin  hält  er  sich  für  berechtigt,  meine 
Gesetze  d.  h.  die  tatsächlichen  Zahlenverhältnisse,  schlankweg 
'abzulehnen'.  Mit  demselben  Recht  und  Erfolg  könnte  er  das 
Einmaleins  'ablehnen'. 

Was  Kroll  anbelangt  (Berl.  phil.  Wft.  1905,  1659  ff.), 
so  beruht  die  Hauptmasse  seiner  Einwendungen  auf  seiner 
eignen  falschen  Berichterstattung,  die  ich  denn  auch  in  der- 
selben Zeitschrift  rectificirt  habe;  hier  soll  von  den  übrigen 
die  Rede  sein.  Zunächst  wirft  er  mir  vor,  daß  ich  nur  den 
Periodenschluss  berücksichtigt  habe,  nicht  auch  Kola-  und 
Satzschlüsse ;  daß  der  constructive  Rhythmus  der  Satzschlüsse 
von  der  Periodenclausel  verschieden  ist,  glaubt  er  mir  nicht, 
hält  daher  mein  Material  für  unvollständig.  Da  wäre  ich  nun 
neugierig,  die  statistischen  Gründe  seines  Unglaubens  zu  er- 
fahren. Mein  'unvollständiges  Material  enthält  sämmtiiche 
Periodenschlüsse,  rund  achtzehntausend  Clausein ;  das  'vollstän- 
dige' mit  Einschluß  der  Satzschlüsse  und  Kola  würde  rund 


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462 


Th.  Zielinski, 


hundertundzwanzigtausend  umfassen;  hat  er  sie  unter  Dach 
und  Fach  gebracht?  Ich  freilich  auch  noch  nicht;  aber  doch 
einen  guten  Teil.  Und  da  erkläre  ich  nochmals :  die  Perioden- 
clause!  hat  ihre  Eigenheiten,  die  von  Satzschluß  und  Kolon 
nicht  geteilt  werden.  So  ist  die  Clausel  2  nebst  2  nur  im 
Periodenschluß  eine  Cäsurclausel  gleich  1,  sonst  eine  Diäresen- 
clausel  gleich  3.  So  ist  15  nur  im  Periodenschluß  ein  ge- 
miedener Typus;  im  Satzschluß  wird  er  häufiger,  im  Kolon 
sehr  häufig.  So  ist  l2  (esse  videatur)  nur  im  Periodenschluß 
die  beliebteste  aller  'erlaubten1  Clausein,  im  Satzschluß  tritt 
sie  hinter  l1  und  ls  zurück,  im  Kolon  ist  sie  recht  selten. 
So  ist  S2  nur  im  Periodenschluß  eine  ganz  seltene  Clausel, 
im  Satzschluß  und  gar  im  Kolon  ist  sie  ganz  gewöhnlich.  Das 
genügt  doch?  Es  war  daher  methodisch  ganz  richtig,  daß 
ich  die  Periodenclausel  zunächst  für  sich  betrachtete  und  für 
sie  das  Material  vollständig  gab ;  die  andre  Methode  hatte  nur 
zur  Confusion  geführt. 

Der  zweite  Vorwurf  betrifft  das  'System  kabbalistischer 
Zeichen',  durch  das  ich  'daB  Verständnis  meiner  Schrift  arg  er- 
schwert' haben  soll.  'Auch  solche  Philologen,  die  einen  sprö- 
den und  trockenen  Stoff  nicht  scheuen,  werden  nicht  ohne  Ueber- 
windung  an  das  Studium  von  3ltr,  MS&1  herangehn  und,  am 
Schlüsse  angelangt,  die  Bedeutung  dieser  xapaxxfjpe;  teilweise 
bereits  wieder  vergessen  haben1.  Das  ist  nun  psychologisch 
falsch:  das  Verständnis  meines  Zeichensystems  wird  auf  jeder 
Seite  vorausgesetzt  und  mit  Hilfe  der  Tabelle,  die  die  Auflösung 
gibt  und  aufgeschlagen  danebengehalten  werden  kann,  fortge- 
setzt geübt;  wie  soll  es  sich  da  gegen  den  Schluß  verflüch- 
tigen ?  Aber  auch  abgesehn  davon  empfinde  ich  den  Vorwurf 
als  den  denkbar  ungerechtesten ;  jeder  einigermaßen  ausführliche 
kritische  Apparat  stellt  für  einen  einzigen  Text  weit  größere 
Anforderungen  an  das  Gedächtnis  des  Lesers,  als  mein  Zei- 
chensystem für  das  ganze  Gebiet  der  prosaischen  Rhythmik.  Und 
was  hätte  ich  denn  tun  sollen  ?  Jedesmal  das  metrische  Schema 
wiederholen?  Man  denke  sich  das  etwa  in  den  textkritischen 
Partien  S.  190  ff.  durchgeführt,  wo  ich  jetzt  mit  einem  'V3: 
P3'  eine  ganze  Streitfrage  entscheide  und  damit  (weil  V  'be- 
vorzugt1 und  P  'verpönt'  bedeutet)  viel  mehr  sage,  als  wenn 


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Das  Ausleben  des  Clauselgesetzes. 


463 


ich  —  w  w  —  w  :  —     —  —  ww  —  w  schriebe  und  dem 

Leser  Überließe,  über  den  relativen  Wert  dieser  Schemen  selber 
schlüssig  zu  werden.  Und  wer  hat  denn  in  der  Clansellehre 
gearbeitet,  ohne  ein  Zeichensystem!  'Aber  die  andren  waren 
einfacher'.  Aber  auch  viel  weniger  umfassend.  Man  hielt 
sich  an  die  häufigsten  Clausein,  an  die  V-Classe;  sodann  tropften 
allmählich  einzelne  der  L-Classe  hinzu.  Deren  sind  nun,  wie 
die  Statistik  lehrt,  18;  das  macht  mit  den  5  der  V-Classe  23 
und  mit  S3,  die  gleichfalls  häufig  ist,  24;  nun,  und  wenn 
man  die  bezeichnet  hat,  dann  fallt  der  Rest  nicht  mehr  schwer. 
Ich  habe  an  meinem  System  lange  gearbeitet,  habe  es  oft  ge- 
ändert, so  sehr,  daß  mir  nieine  ursprünglichen  Notirungen 
fast  unverständlich  geworden  sind ;  erst  Nachdem  ich  über  ein 
Jahr  lang  nichts  mehr  zum  Nachbessern  gefunden  hatte,  glaubte 
ich  es  auch  den  Fachgenossen  zur  Benutzung  empfehlen  zu 
können.  Da  darf  ich  zum  mindesteu  erwarten,  daß  der  Tadler 
mir  sagt,  wie  ich  es  hätte  besser  machen  sollen. 

Die  Syllaba  anceps  in  der  Diärese  (bei  V3)  soll  ein  'Un- 
ding' sein:  warum?  Ich  postulire  ja  nichts,  ich  beweise  aus 
Zahlenverhältnissen,  was  ich  aufstelle ;  worin  ist  der  Beweis 
S.  96  ff.  unecht?  Die  prosaische  Rhythmik  ist  für  uns  ein 
neues  Gebiet ;  da  ist  es  doch  geratener,  vorsichtig  tastend  vor- 
zugehn  und  die  Tore  der  Erkenntnis  offen  zu  halten,  als  im 
Allwissenheitswahn  von  vornherein  über  wahr  und  falsch  ab- 
zuurteilen. 

Ich  soll  zur  Accentfrage  'keine  klare  Stellung  genommen 
haben13).  Ich  pflege  überhaupt  nicht  'Stellung  zu  nehmen', 
sondern  zu  beweisen;  alles,  was  ich  in  der  Accentfrage  be- 


•)  Umgekehrt  wirft  mir  der  liebenswürdige  Recensent  der  Revue 
critique  (1905  Nr.  51;  das  Epitheton  ist  älteren  Andenkens)  vor,  ich 
wäre  willkürlich  von  der  vorgefaßten  Meinung  einer  Identität  von 
Wortaccent  und  Clauselictus  ausgegangen.  Ich  gehe  von  nichts  aus 
als  von  den  Zahlenverhältnissen;  jene  Identität  ist  nicht  eine  Voraus- 
setzung, sondern  ein  Ergebnis,  das  S.  225  ff.  eben  aus  Zahlenverhalt- 
nissen  gewonnen  wird.  Schließlich  findet  der  Kritiker  bei  mir  nur  eins 
zu  loben  —  mein  angebliches  Gesetz  quand  la  clausule  ne  commence 
pas  avec  un  mot,  m.  Z.  observe  que  la  syllabe  prec^dente  est  breve, 
ei  la  clausule  commence  par  une  longue,  et  longue,  si  eile  commence 
par  une  breve.  Das  soll  wohl  mein  Anlaufsgesetz  sein;  ich  habe  es 
mit  Mühe  wiedererkannt.  Konnte  der  Kritiker  für  meine  Ausführungen 
wirklich  nicht  mehr  Aufmerksamkeit  übrig  haben? 


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464 


Th.  Zielini  ki, 


weisen  zu  können  glaubte,  ist  S.  225  ff.  gegeben.  Da  wird 
z.  B.  aus  Zahlenverhältnissen  bewiesen,  daß  Cicero  reficeretti 
betont  hat;  das  gibt  auch  Kroll  zu.  Und  genau  aus  densel- 
ben Zahlenyerhältnissen  wird  bewiesen,  daß  der  oratorische 
Accent  mit  dem  poetischen  identisch  gewesen  ist;  das  soll  nun 
wieder  'eine  Ungeheuerlichkeit*  sein,  'welche  allein  geeignet 
ist,  die  Verdienste  von  Z.'s  Arbeit  aufzuheben'.  Die  letztere 
Auffassung  ist  seltsam ;  m.  E.  zahlen  in  der  Wissenschaft  nur 
die  Treffer.  Die  Hauptsache  hat  Kroll  unerwähnt  gelassen: 
meine  Theorie  der  Nebenaccente.  Daß  sie  vorhanden  waren, 
konnte  kein  ohrbegubter  Mensch  bezweifeln ;  wo  sie  zu  suchen 
sind,  lehrt  eben  die  Glauseitechnik.  Aber  freilich  nur  für  den, 
der  —  ich  wiederhole  es  —  die  Tore  der  Erkenntnis  freihalt, 
nicht  für  den,  der  sie  durch  vorgefaßte  Meinungen  und  Kraft- 
wörter versperrt. 

TL  Zielinski. 


I.  Inhaltsübersicht1). 

Seit« 

I.  Die  Panegyriker   ...  481 

§  1.  Formenstatistik  (432).  —  Uniformitat  Cicero  ge- 
genüber (481).  —  Verschiebung  der  Werte!  assen  (432). 
—  Zurückgehn  der  schweren  Clausein  ('Entwicklungs- 
gesetz' 433).  —  Bevorzugung  der  weiblichen  Clanseln. 
§  2.  Typologie  (433).  —  Uniformitat  auch  darin.  — 
Typologie  von  VI  (434).  —  Anwachsen  von  \y  auf  Ko- 
sten von  la  und  Iß.  Proparozytonese  des  Anlaufswortes 
in  lß  ('de  Jongesches  Anlaufsgeeetz'  434).  —  Ihre  Er- 
klärung (436).  —  Typologie  von  V2  und  VS.  Syllaba 
aneeps  in  V3  (437). 


*)  Die  folgenden  Register  sind  ganz  nach  dem  Schema  des  im 
'Clauselgesetz'  gegebenen  entworfen,  zu  welcher  Hauptschrift  die  vor- 
liegende als  eine  Art  Supplement  zu  betrachten  ist.  Die  Paginirung 
habe  ich  diesmal  unverändert  gelassen,  da  einige  Fachgenossen  sich 
über  die  Aenderung  im  'Clauselgesetz'  beschwert  hatten.  Der  Vorwurf 
ist  berechtigt  Jetzt  wird  verschieden  citirt,  je  nachdem  der  Citirende 
Supplementband  oder  Separatausgabe  vor  «ich  hat  Um  die  Redne- 
tion zu  erleichtern,  bemerke  ich,  daß  die  Differenz  588  beträgt 


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Das  Ausleben  des  Clause! gesetzes. 


465 


§8.  Die  seltenen  Clausein  (487).  —  Die  S-Classe. 

—  Falsche  M  essungen.  —  Die  M-Classe.  —  Die  Clauael 
l,a  (438l.  —  Die  P-Classe  (439). 

§  4.  Tonik  statt  Quantität.  —  Statistik  von  L3tr  bei 
den  3  letzten  Panegyrikern.  —  Scheinbares  Uebermaü 
dieser  Clauseln  (440).  —  Es  sind  Y3-Clauseln  mit  to- 
nischer Basis  (441).  —  Statistik  der  Bauptformen  IV, 
VI  und  VIII  (442).  —  Bevorzugung  deB  iambischen  Schluß- 
wortes (443).  —  Ihre  Erklärung  aus  dem  tonischen  Prin- 
cip. 

§  5.  Prosodisches  und  Grammatisches  (444).  — 
Positio  debilis.  —  S  impura.  —  Synizese.  —  Vorsilbe 
red-.  —  Suffix  -culwn.  —  Gen.  sg.  von  -«um.  —  Endvo- 
cale  »  und  o  (445).  —  -rt-  in  fut.  ex.  und  conj.  pf.  (446). 

—  Synkopirte  Verbal  stamme.  —  Einzelne  Wörter. 

§  6.  Elision.  (446).  Einhaltung  normal.  —  Sonderstellung 
von  Pan.  VII  und  V1IL  —  Abstoßung  des  *  (in  -us)  bei 
Pan.  XII. 


Die  Untersuchungen  de  Jonges  (446). 

§  1.  Formen  Statistik  (447).  -  Die  Clausel  VS  (448). 
—  Ditrochäisch  oder  kretisch-ditrochäisch  ?  —  Zahlen- 
mäßiger Beweis  für  Cicero.  —  Für  Cyprian  (450).  — 
Widerlegung  der  de  J. 'sehen  Erweiterungstbeorie.  —  Sta- 
tistische Tabelle  (451).  —  Uniformität  (452). 

§  2.  Typologie  (452).  —  Statistik  für  VI.  —  Ueberein- 
stimmung  mit  den  Panegvrikern.  —  De  J.'sches  An  lauf  a- 
getetz  (453).  —  Statistik  für  V  2  und  V  3.  —  Die  Form 
LI1  (454).  —  Scheinbare  Bevorzugung  von  l'ß.  —  Ihre 
Erklärung  aus  dem  tonischen  Princip  (455).  —  Der  Ty- 
pus l'y  und  das  Viersilbengesetz.  —  Mein  'Anlaufsge- 
setz*  und  de  J.'s  Bedenken  gegen  seine  Erklärung.  — 
Gegenprobe  an  Cyprian  (456».  —  Verschwinden  aller 
Formen  und  Typen,  die  bei  Cicero  das  Viersilbengesetz 
zur  Voraussetzung  haben  (457). 

Allgemeineres  (457).  —  Zweispältigkeit  der  Clausel- 
technik  bei  den  Spätlingen  (458).  —  Modernität  und 
classicistiBche  Tradition.  —  Das  clauseltechnieche  System 
nur  an  Cicero  zu  gewinnen.  —  Einwendungen  Häberlins 


II.  Clauseinindex. 


vi 

la 


434.  452 
453 
434.  453 


Ml"  438  V« 

V2   436.  449.  453.  462  L*' 

L21  455  ff.  S 

V»  433.  487.  462  S» 

LS«  455  ff.  IV 

V3  436.  448.  458  VI 

L3»  441.  455  ff.  VIII 

L3t'  439  P 


433.  437.  453 
455  ff. 


454  ff. 
433.  454.  4«2 
433 


435 
4'52 


437 
462 
442 
443 
443 
489 


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466 


Register. 


III.  Sachlicher  Index. 


Abi.  gerund,  auf  -ndo  445 

Adverbia  auf  -ö  445 

atnbo  445 

Anlaufsgesetz  455.  463 

„      de  Jongeeches  436.  453 

Auflösun^stfesetz  441 
Cicero  434  f.  438.  440.  448  ff.  454 

Claudius  Mamertinue  437 

Constanzgesetz  460 

constructiver  Rhythmus  461 

cotttdU  448 

Curaus  442.  449 

Diäresengeaetz  436.  453 

Ditrochäus  schließend  448 

Elision  446 

Entwickelungsgesetz  433.  458 

1  Pers.  sg.  auf  -o  445 

Falsche  Messungen  437.  439 

fortuito  446 

gen.  sg.  it ;  I  444 
Gesetz  d.  zwei  Accente  486. 450. 453 

Gleichgewich  tagesetz  455 

Harmoniegesetz  438.  4f>6 

Hiatus  446 

Kretische  Busis  448 


Mamertinus 
♦niAl,  tibi  etc. 
Nazarius 
Nebenaccente 
nom.  sg.  III  auf  -Ö 
Pacatus 
peric{u)lum 
rlinius  d.  J. 
Positio  debilis 
prom%8cu[u)8 
rroparoxytoneae 


437 
445 
442 
454.  464 
445 

436.  441.  446 
444 
433 
444 
446 

434.  441.  450 


Psychologische  Grundlage  460 

Quintiiianus  434 

rqjcio  446 

relliquus  444 

repperiy  rettudi  444 

■rimu8,  -rite                   446.  4V48 

8  impura  444 

Syllaba  anceps         437.  440.  4U>3 

Synizese  444 

Tonik  441.  443  f.  450.  458.  455 
üniformität          431.  433.  452  f. 

us  :  u'  446 

Viersilbengesetz     488.  456  f.  464 

Weibliche  Clausein  433 


IV.  Stellenregister. 


Cypr.  IV  30 
Pan.  V  6 
,  1X7 


448 
434 
437 


Pan.  X 


20 
29 
30 


485  Pan.  XII  10 
435  „  „  25 
435 


437 
438 


^  Google 
 j 


DiKTERiCH'sche  Vkblagbbuchiiakdluxg,  Tiu<:< 


ISOCRATIS  OPERA  OMIN 

RECENSUIT 
SCHOLIIS  TESTIMONIIS  APPARATÜ  CRiTICO 

INSTRÜXIT 

ENGELBEKTUS  DRERUP 


VOLUMEN  PRIUS. 


Isokrates,  als  Jufctndbüdncr  der  glückliche  Rivale  Piatons,  als  politischer  Schrift- 
steller einer  der  einflußreichsten  M&nner  st  tner  Zeit,  „mit  dessen  Schriften  daher  jeder 
beginnen  muss,  der  die  griechische  vd-sehtchte  im  4.  Jh.  verstehen  w  ill"  (Ed.  Meyer), 
hatte  trotz  mehrfacher  Anläufe  eine  ausreichende  kritische  Bearbeitung,  bis  heute  nicht 
gefunden.  Die  Kritik  der  Handschriften  211111:1 1  war.  von  ^ering.ÜL,:gen  Ergänzungen  ab- 
gesehen, immer  noch  auf  das  von  1mm.  Bckker  in  seinen  Ouinrts  Atiiei  ittj-j  ges.un- 
melte  Material  angewiesen,  das  an  Vollständigkeit  wie  au  Zuverlässigkeit  sehr  vieles  zu 
wünschen  übrig  lies*.  Die  vorliegende  Ausgabe  s«)Il  db-sem  Man„'d  abheilen.  1  ür  feie 
sind  alle  Isokrateshandschrifien  I  is  zum  17.  Jh.  ciuschlie.vdieh,  /uj.niiinni  1  +  2,  mit  ver- 
schwindenden Ausnahmen  (die  nicht  erreichbar  warm)  geprutt  und  ^cin  htct  wordin, 
sodass  eine  Bereicherung  des  h.indschnltbt  In  11  Apparates  ansgest 'blossen  erscheint.  Ide 
beiden  ersten  Kapitel  der  l'raetatio  geben  die  gt  uauc  II« -<  hudbung  und  Ria'  ..-  irik.uion 
dieser  Handschritten,  zu  denen  10  mehr  oder  «ciiiLrcr  vollständig  erhaltene  Papyri  hiiirn- 
kominen.  Der  Herausgeber  ist  in  der  gln.  blichen  Lage,  a  Papyri  des  berliner  Museums, 
vou  denen  einer,  zwei  DrutriU-  d--r  Rede  an  Demoiiikus  umfassend  (j,  Jh.  n.  Chr.),  zu 
den  interessantesten  Stucken  der  Ucdicrlicierimg  gebort,  zum  ersten  Male  der  gelehrten 
Welt  vorleben  zu  dürfen,  Das  dritte  Kapitel  de  r  Vorrede  bringt  eine  nustührliche  Unter- 
suchung über  die  Wertung  tl c r  verschiedenen  Handschriftc-tiksassrn,  unter  denen  der  cod. 
Urbinas  tu  =  f~  —  eine  l'apynisliaud-ehntt  des  1.  j.  Jas.  n.  C  hr.  repräsentierend  — - 
eine  herrschende  Stellung  einnimmt:  l-csiätigt  wird  das  durch  die  Ucberliefcruiig  der 
Papyri  und  der  mit  alier  Sorgfalt  gesammelten  indirekten  Le-bcrlictc  nmg.  l>ic  gesamte 
Isokratesüberlicferur.g  aber  tuhrt  auf  einen  Ardieiypns  det  trüben  Ale.vandrinerzeit  zu- 
rück, der  u  a.  bereits  die  gross,  n  Ijit.-rp'd.itiouen  di  r  Rede  au  NikokU-s  aufwies  ;  die 
Verderbnis  der  sogenannten  .ViilgathandM'hrtueu  dagegen  gebort  im  w..aentlu  heu  der 
späteren  Alexandriner-  und  Kidm  i/-i-:t  an.  Im  vi«  jten  Kapitel  legt  der  Heran- geber, 
nachdem  er  die  Notwendigkeit  ena-r  Neuordnung  'irr  bsukratist  ben  Schraten  begründet, 
«um  Zwecke  dieser  Neuordnung  .  in  vier  <dnip|  en  na.  h  der  zeiiib  heti  1  c. !  ^ .  -  j  xu-.aiuim-ii- 
fassende  Untersuchungen  über  l , ■  1 . 1 !  1  - •  1 1 ,  Ki.-m-.  .'im.:szidt  und  Zw  eck  jed-r  <  :r,.  .  lum  Red<? 
vor,  deueu  jeweils  eine  genaue  1  ■  1 1 d  1 1 1 rapli i r  d>  r  j.ieraut  bi-z-.iv.ii-.il!  w  A  i ■ !  1  r  1 . ' b  1 1 1  ;«  vi  bei- 
gegeben ist.  Ein  funacs  Kapitr  I  en-Ki-  '1  bf.-ehn  ibt  a-.studr  ..  !>  dir  I  •  ..!:.  .acsaus;.-  d-c  11 
vom  Erstdruck  H<t>,  bis  .ml  i.l'.-a  re  'bat..;  in:;:  l-t  (in    1  il  ,:  ■  •  _  r . .  -  j  1 , :  -  ..  ,\  .  .  Li':  I  - 

Verzeichnis  jener  3;;  itic-amt-  und    Sp.  /.i.d-i  Aufgaben,   die    bei   d.  r  Kiiiil-;  : 1  -.tri 
tigung  gefunden    h.u  •  a,  so.vie  de  r  auf  bi-l-.r.in  bez-aglb-hcn  kriii-chen  Arb.-iten. 

Für  die  Ko!-..-;iiul'-i  ung  -h  >  'lest.  -.  «dnd  z'uiur.de  g'  d< gt  g<-:r..:e  K'-]\  m-n  vi'm 
codd.  Urbinas  m  ig.  u\  Ja.  -  |~.  Lunr.  bXX.WIl  14  i  15.  J!i  1  -  <->.  V.r.'.,:.  ..4  .  v  u  f  ;  > 
=  Vi  Paris.  a.y.;...  (  ,s.  jh.i  =.  fj  :  mir  tur  vor  K-  d'-n,  l.aur.  I.V  ;  und  l'..r^.  u,  1.  j  : .  Jb.'i 
=  £  und  Y:  »ur  tur  die  Rede  an  1  »■  lnuni'.;.  s.  \".eie.  i'vt-u  !-;,<'■  —  <J,  •  i--ir  tur  di« 
Briefe.  Am  Rande  d<-^  'IVxtes  sind  die  wie  btig-u-u  l'ar.db  •  :vl.-n  a-as  den  R.:di:--v  ^-d  -t 
und  aus  Schriaii-  llein  seinei  Zeit  viTi;u  1  ki  ;  d!-:  z.d.d  r-..  den  tr-,U  iv^mdua  i.-ils  c.r 
sinngemässe n  I-0U1  ate -,z:iai<-  späterer  S._  in  :  d-icner  mit  i:i..:;<  b<  rb  i  l'..r.db-;-f.-;.«-r.  d  in 
den  Tcstimonia  unter  dem  Te  vto  zn<  a:rni\<'i-..-etr  >.,<  11.  I  *>-r  S.rui^l--.-:  .\  pp.,rat  irn;a--t  dir 
wichtigeren  Lesarten  der  H:.»d:u  briln-ij,  l'a.ivri  i.r.d  Id  : -i i  1  ii"i.i .1 ,  a.-is  mit  knr.--  .-ter  I :<•- 
griimbing  der  kritischen  Knisr.h'-jd  m^  ;  h.ur!....  hnü  indi  -  < 'lusuuidi  n  uagi-gen.  SeHvi-j  die 
meisten  Konjeklnren  li'-uerer  t.end.rter  wurden  zur  i.riti  a>iu..g  des  At.par  lies  111  <::il- 
Appemlix  entn.a  verwiesen.  Ziel  e.e"<  1 1 <•  r.ui~-_- «: I- er  ;  w  ar  es  d  .iai,  ,d  :  .■■  --eiat  d'- 
samte  Leistung  der  iif-uei-u  Iv.-J.-  r:m  -kritiK  von  d.T  J'-'.i'.bs  i>ni.-c[-s  .111  in  for/e-ter  L  •••ra 
zu  verzeb  l.;'e:i.  s.d.o,  ein  buk  in  .\|.pa:..|  m:d  Appen-.:,  x  Inr  j.  de  .Sr.-lle  d.s  Teva  > 
über  das  Urteil  •.au:dn '-..-r  sr  1h-,.  .di-.b  ^  n  J  ler..-i-:.-  V-  t  und  k::ii-<:,,n  l'.c  i:i  eiter 
tiert  :  die  bundsteur  j-dor  Koii;.-k:ur  ist  ge-üa-i  n.-.i.  -t.  Ik.iu  >.  r<\-  a  1  lande,  der  au-s-r 
der  Praefatio  die  beid.n  ersten  Redetet  uppeu  1«  .-.-ri-  b:-r<  .'•■•>  :  Kubr-inicn  un  1  l'aräm  ■in') 
sind    Phötoty  [d-.Ti    v  on    einzelnen    S-di.Ti    d<  r    •  •  [~  ni.-i    \/    b.-i.a  .;i  i>  -I!  ;    d»T    zw  ;tt 

Band,  iler  die  po litis.  Iii  u  k>--leii  und  «de  l'rirt <-.  s-- v.  :e  d  ih  i  1  ai:s.st«:U'.nde  K  .1 
der  Pracf-itn  über  \  Argumente  un-1  S.--ho':i«.  u  ->  a  den  'id  \teu,i  bringen  wird,  d.r:i- 
noch  im  Laufe  du  nächsten  j.dircs  die  I'r-.-s  ,e  sei  de. sin. 


Digitiz© 


466 

erlagsbuchhdlg.,  Theodor  Weicher,  Leipzig. 
Die  Geschichte 

de. 

Griechischen  Skeptizismus. 

Von 

Dr.  Alb.  Goedeekemeyer, 

l'ri vutdo7.ent  <l<-r  Philosophie  in  Güttingen. 

1905.    IV.  382  S.  gr.  8°.    Geheftet.  M.  10.—,  gebunden  M.  12.—. 

Inhalt. 

1.  Die  Vorläufer  des  griechischen  Skeptizismus. 

1.  Xenophanes. 

2.  Demoerit. 

3.  Die  Schule  Demoerit*. 

a.)  Metroclor.    bi  Anaxarch. 
II.  Der  griechische  Skeptizismus. 

1.  Der  dogmati-iche-phaenomenaliatische  Skeptizismus. 

a)  Pyrrho.    b)  Tinion. 

2.  Der  absolute-eulogiatische  Skeptizismus 

a)  Arcesilau*.  b)  Lacydes.  c)  Telecles.  Kuandrus  und  Hegesinus. 

3.  Der  abaolute-probahilistische  Skeptizismus. 

a)  Carneades.  b)  Carneades  Polem.  und  Crates.  c)  CUtomachns. 

d)  Die  Schule  des  Carneades  und  die  Neuerungen  des  Clito- 
machns,  (Hagno,  Charmadas,  Metrodor,  Aeschines  u.  andere). 

e)  Philo,  f)  Cicero  g)  Eudoru».  h)  Arius  Didytnus.  i)  Didy- 
nius  AteiuH  und  Celsinus. 

4.  Der  ab.solute-iiiaioriütische  Skeptizismus. 

a)  Einleitung  ^Ptolemacus,  Sarpedon  und  Heraclides).  b)  Aene- 
sidemus.  c)  Acnesidems  näcliKte  Nachfolger:  Zeuxippus,  Zeuxia 
und  Autiochus;  ferner  Apollonidea,  Mnaseas  und  Philomelua. 

ö.  Der  dogmatifiche-positivistische  Skeptizismus. 

ai  Einleitung:  Agrippa.  b)  Menodotus,  Exkurs:  Favorinus.  c)Von 
Menodot  bis  Sexfiis  (Ciissius,  Theudas,  Theodosius,  Herodotus). 

6.  Der  abdolute-pofcitivistische  Skeptizismus, 
a)  Sextus  Empirien*,    b)  Saturninus. 

ÄES(  Hl  N  IS  QUA  E  FK  HUNT  HR  EPISTÖLAE 

KIHTHT 

ENGKLBKRTUS  DUKRUP. 

Gr.  8°.    70  S.    Mk.  2,40. 

Die  Einzelausgabe  der  Aeschineshriefo  rechtfertigt  sich  durch  die 
eigentümlichen  lleberlieferungsvcrhältnisse ,  denen  der  Herausgeber 
seine  besondere  Aufmerksamkeit  zugewendet  hat.  Von  den  48  ihm 
bekannt  gewordenen  Handschriften  gehört  ein  Teil  zur  Aeschinesäber- 
lieferuug,  ein  anderer  selbständiger  zur  Epistolographenüberlieferung 
{Archetypus  i^t  hier  der  neu  gefundene  eod.  Harleianus  5610  saec. 
XIII.  XVI  ),  deren  vortrel'tlicher  Text  eine  Kontrolle  der  mehr  oder  minder 
verderbten  Aesehiiiesüberliefeniug  ermöglicht.  Die  hiernach  durchge- 
führte Neugestaltung  de«  Textes,  für  welche  alle  wichtigen  Hand- 
schrifien  verglichen,  die  Codices  C  (=f).  P  (=  in),  V,  B  (=  Barb.) 
zum  erstenmale  herangezogen  wurden,  ergab  zalilrciche  Verbesserungen 
ueifi-nüber  den  alteren  Ausgaben. 

Antike  I>emostlieiiesausgabeii. 

Von  Engelbert  Drernp. 
r>8  S.    85.    M.  1.40.    (Sonderdruck  aus  dem  Philologu*) 
,.I)ie  ganze  Arbeit  ist  ein  tüchtiger  und  verdienstlicher  Bei- 
trag zur  Textkritik  des  Deinosthcnes.'        Literar.  Centralblatt. 

Iii  utk  vrm  H.  L  «tipp  rr  Tu  TtitinHcn. 


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ZEITSCHRIFT 

FÜR 

DAS  CLASSISCHE  ALTERTHUM 

BEGRÜNDET 
von  F.  W.  SCHNEIDE  WIN  und  E.  y.  LEUTSCH 
HERAUSGEGEBEN 

VON 

OTTO  CRUSIUS 

IN  MÜNCHEN 

Supplementband  X,  Heft  4. 


LEIPZIG 

DIETERICH'SCHE  VERLAGS-BUCHHANDLUNG 

THEODOR  WEICHEB 
INSELSTRASSE  10 
1907. 


Viertes  Heft 

Seit« 

Die  Philostrate.   Von  Karl  Münscher  469 

Untersuchungen  über   die  Lucianische  Vita  Demonactis.  Von 

K.  Funk  561 

Zum  Sprachenkampf  im  Römischen  Reich.    Von  Ludwig  HaJm  .  675 


Ausgegeben  am  10.  August  1907. 


Dieterich'sche  Verlagsbuchhandlung, 
Theodor  Weicher  in  Leipzig. 

Kürzlich  ist  erschienen: 

Rom  und  Romanismus 

im  gTiechisch-römischen  Osten. 

Mit  besonderer  Berücksichtigung  der  Sprache. 

Bis  auf  die  Zeit  Hadrians. 

Eine  Studie 
von 

Dr.  FiiMlwig  Hahn, 

Professor  am  Neuen  Gymnasium  in  Nürnberg. 
XVI  u.  278  S.    gr.  8°.    M.  8.—,  geb.  M.  10.—. 

  Prof.  Paul  Wendland  in  Lietzmanns  Handbuch  z.  N.T. 

I.  2  S.  1 :  „(lera.de  noch  hinweisen  kann  ich  auf  das  bedeutende 
und  gedankenvolle  Buch  von  L.  LI  ahn.  Es  gibt  eine  auagezeich- 
nete Ergänzung  meiner  Darstellung,  besonders  auf  politischem  Ge- 
biet. Den  Theologen  kann  diese  genussreiche  Lektüre  nur  dringend 
empfohlen  werden/   

[Vgl.  Besprechung  im  Literarischen  Zentralblatt  von  6/1V  1907.] 

Ate  Ergänzung  dient  die  in  Sonderabdrücken       beziehende  Skizze 
—  'Zum  Sorucheukttttwf  im  römischen  Reich' .  — 


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T  .      .         .    II«  ■  X  X  «-   l    UMIM^^^I  .  ^A^H 


DIE  PHILOSTRATE 


VON 


KARL  MU  EN  SC  HER 


Philologui,  8upplementb»nd  X,  viertes  Heft 


31 


Inhaltsübersicht. 

1.  Der  Verfasser  der  vita  Apollonii  und  der  vitae  sophistarum    .  469 

2.  Der  Verfasser  des  Heroikos  und  der  Eikonee   495 

3.  Die  PhiloBtrate  bei  Saidas   515 


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Durch  die  Untersuchungen  Bergks  (Die  Philostrate,  in 
Th.  Bergks  Fünf  Abhandlungen  zur  Geschichte  der  griechi- 
schen Philosophie  und  Astronomie,  herausgeg.  von  G.  Hin- 
richs,  Leipzig  1883,  S.  175  ff.),  Rohdes  (in  der  Recension  dieses 
Bnches,  Gotting,  gel.  Anzeigen  1884,  I  S.  82  ff.)  und  Fertigs 
(in  seiner  Würzburger  Dissertation  de  Philostratis  sophistis, 
Bamberg  1894)  schien  das  Ergebnis  gesichert,  daß  die  erhal- 
tenen Philostratischen  Schriften  unter  mehrere  Trager  des 
gleichen  Namens  zu  verteilen  seien,  wenn  auch  die  Zuteilung 
im  einzelnen  noch  unsicher  blieb ').  Dagegen  sind  Schmid 
(im  IV.  Bande  seines  Atticismus,  Stuttgart  1896,  S.  1  ff.) 
wegen  der  einheitlichen  Sprache  und  Jüthner  (der  Verfasser 
des  Gymnastikos,  in  der  Festschrift  für  Th.  Gomperz,  Wien 
1902,  S.  225  ff.)  wegen  der  gleichmäßigen  gymnastischen  Kennt- 
nisse, die  in  den  Werken  zu  Tage  treten,  geneigt,  zur  Ansicht 
Kaysers,  des  Herausgebers  des  Philostratos,  von  dem  einen 
Verfasser  des  Philostratischen  Schriftencorpus  (abgesehen  von 
der  einen  Dialezis,  den  jüngeren  Bildern  und  vielleicht  dem 
Nero)  zurückzukehren.  Es  ist  daher  nicht  unnütz,  festzustellen, 
was  wir  von  den  Philostraten  wissen  und  wissen  können.  Dass 
dabei  vieles  langst  Bekannte  erwähnt  werden  muß,  ist  nicht 
zu  vermeiden. 

1.  Der  Verfasser  der   vita  Apollonii  und  der 

vitae  aophistarum. 
In  den  ßtot  oo^iotöv  wird  das  Werk  xdt      'AtcoXawvcov  *) 
citiert:  xoöxo  u£v  8*]  (das  Liebesverhältnis  des  Apollonios  mit 

~*)  Vgl.  Hirzel,  Der  Dialog  II  1895  9. 887  ff.  Christ4,  Gesch.  d.  griech. 
Litt,  S.  752  ff.  Aeltere  Ansichten  stellt  Fertig  a.  a.  0.  p.  8  ff.  zusammen. 
Eine  kurze  üebersicht  Aber  den  Stand  der  Frage  gab  Weinberger, 
Philol.  57  (18H8)  8.  885  ff. 

')  üeber  den  Titel  des  Apolloniasromans  Tgl.  Leo.  Die  griech.-röm. 
Biographie,  Leipzig  1901,  S.  261.    Apollonios  wird  in  den  Bio!  noch 

31* 


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470  Karl  Münscher, 

der  schönen  Mutter  des  Sophisten  Alexander  Peloplaton)  bnoaots 
tp&TCot;  efcmlravov,  Etprjxat  oa<p6>;  Sv  xot;  'ArcoXAümov  (p.  77,  5 
in  Kaysers  kleiner  Ausg.,  I  1870.  II  71,  nach  der  ich  durch- 
gehen da  citiere,  vgl.  v.  Ap.  p.  13,  4  sqq.,  auch  252,  24  sqq.  und 
217/8).  Der  Schluß  auf  den  einen  Verfasser  der  beiden 
Schriften  ist  schon  langst  aus  dieser  Anführung  gezogen  wor- 
den. Bereits  in  der  Epitome  Väticana  der  v.  soph.  (ed.  Kayser, 
Heidelberg  1838,  p.  XIII  sqq. ;  cod.  Vatic.  96,  saec.  XHI)  ist 
dem  Titel  <£iXoarpaTou  ßtoi  acxptaxöv  die  Bemerkung  beigefügt 
(p.  XXVIII  Kays.):  toutou  toö  OtXoorpaxou  iotxsv  elvai  xcd 
xi  ii  xöv  Tuav£a  'AtcoXXümov  •  iv  xooxq)  yäp  x$  ßißXi'q)  pipYqxat 
xöv  zl<;  x&v  Tuavia  6  OtXoaxpaxo;.  Eunapios  führt  im  An- 
fange seiner  Sophistenbioi  (p.  454,  10  und  21  der  Didotausg. 
von  Boissonade)  beide  Werke  seines  Vorgängers  an:  er  nennt 
ihn  OiXcoxpaxo;  6  Avjuvtoc8). 

Den  Sophistenbiographien  geht  ein  Widmungsbrief  voran 
an  Antonius  Gordianus;  der  Verfasser  nennt  sich  darin  selbst 
Flavios  Philostratos.  Seine  Herkunft  aus  Lemnos,  die  uns 
Eunapios  a.  a.  0.  und  anderweitige  Anführungen  bestätigen 4), 
ergiebt  sich  mit  Sicherheit  aus  v.  Ap.  6,  27  p.  242,  24,  wo 
er  eine  fabelhafte  Geschichte  mit  den  Worten  einleitet:  olBa 
yap  xaxa  xyjv  Afjjivov  xöv  &}xauxoO  xtva  ta7jXtxü)v  oö  xxl.  Den 
Ortsangehörigen  läßt  auch  die  genaue  Lokalangabe  bei  der  Er- 
zählung eines  in  Lemnos  geschehenen  Unglücksfalles  v.  soph. 

erwähnt  p.  7,  20  und  35.  6.  —  Daß  es  unmöglich  ist,  hei  Behandlung 
der  Pbilostratfrage  von  Suidas  auszugehen,  hat  schon  Schmid  a.  a.  O. 
8.  2  hervorgehoben. 

■)  Nach  Saida«  wiesen  'einige'  die  Bioi  (getrennt  von  der  v.  Ap.) 
einem  iüngeren  Phil.  zu.  Die  Ansicht  älterer  Philologen  (vgl.  Fertig 
p.  8),  daß  beide  Werke  zu  trennen  seien,  hat  noch  Heyne  vertreten 
(Fertig  p.  10)  und  später  noch  der  Theologe  Baur,  Apollonius  von  Tyana 
und  Christus,  im  Sonderabdruck  (aus  der  Tübinger  Ztschr.  f.  Theologie), 
Tübingen  1832,  S.  125  Ann».  =  Baur,  Drei  Abhdlgn.  z.  Gesch.  d.  alten 
Philosophie  u.  s.  w.,  berausgeg.  v.  Zeller,  Leipzig  1876,  S.  122. 

4)  Synesius,  Dio  c.  1  (in  Arnims  Dio  II  p.  318,  86)  und  de  insom- 
niis  p.  155  b;  hier  heißt  der  Verfasser  der  Bioi  (die  p.  86,  31  genannten 
itfijuspftsc  werden  erwähnt)  einfach  6  A^uviog  cotfurnfc,  ohne  daß  der 
Name  genannt  wird ;  ebenso  nennt  Suidas  s.  v.  Apollonius  Tyaneug 
und  Krates  (Kynikos)  den  Verfasser  der  v.  Ap.,  Suidas  s.  v.  Herrn ogene.s 
und  Michael  Apostoles  in  der  Subscriptio  cod.  Paris.  (Mitte  saec.  XV., 
vgl.  Kaysers  gr.  Ausg.  praef.  v.  soph.  p.  II  Anm.  7)  den  der  v.  soph. 
Vgl.  auch  Suidas  s.  v.  ooqpianfc.  dazu  Bergks  Aenderung  a.  a.  O.  S.  176 
Anm.  1  a.  E.  —  Die  lemniscbe  Abkunft  des  Flavios  Phil,  bestritt 
Weinberger  a.  a.  0.,  dagegen  Schmid,  Philol.  57  (1898)  S.  503. 


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Die  Philostrate. 


471 


p.  28,  28  sqq.  ntpl  xb  xoXoujievov  Kipou;  xffc  v^aou,  tö  B£ 
Xwpcov  xoOto  Xt|ifjv  fcoxtv  l{  xepatas  irctoxpe^wv  Xercxcxs  5)  er- 
kennen. Jener  Widmungsbrief  liefert  den  terminus  post  quem 
für  die  Abfassung  der  Bioi.  Die  wechselnde  Anrede  des 
Adressaten,  der  erst  Xau-Tcpöxaxos  örcaxos,  dann  dEptoxe  ävd-urox- 
x(i>v  genannt  wird,  lehrt  (s.  Kayser  v.  soph.  Heidelb.  18S8 
p.  XXVI  und  große  Ausg.,  Zürich  1844,  praef.  d.  v.  soph. 
p.  I),  daß  das  zweite  Consulat  des  älteren  Gordianus,  das  er 
mit  Severus  Alexander  im  Jahre  229/80  bekleidete,  verflossen 
und  die  Dedikation  des  Buches  während  des  dem  Consulate 
unmittelbar  folgenden  Proconsulates  in  Afrika  (Capitol.  Gord. 
2, 4.  4, 1.  5, 1)  erfolgt  ist.  Die  Abfassung  der  Bioi  wegen 
jenes  Schwankens  in  der  Anrede  geradezu  in  die  Jahre  230/ 1 
zu  verlegen,  wie  das  F.  Rudolph,  de  fontibus,  quibus  Aelianus 
in  varia  historia  componenda  usus  sit,  Leipziger  Studien  z.  kl. 
Phil.  VI  1884,  p.  4  sq.,  getan  und  auch  Fertig  a.  a.  0.  p.  19 
gebilligt  hat,  wäre  voreilig.  Auch  Kaysers  Annahme,  die  Bioi 
seien  noch  zu  Lebzeiten  des  Kaisers  Severus  Alexander,  also 
vor  284  geschrieben,  entbehrt  sicherer  Begründung.  Sie  ruht 
auf  der  Angabe  Pbilostrats  (v.  soph.  p.  125,  29),  der  Sophist 
Aspasios  (über  ihn  unten  S.  509)  habe  ßaotAet  xe  Juvä»  xai  xad-' 
£auxöv  jiexaßatvwv  viele  Länder  gesehen.  Weder  beweist  der 
Ausdruck,  daß  der  betr.  Kaiser  noch  am  Leben  sein  müsse, 
noch  ist  damit  Alexander  Severus  gemeint,  der  als  Knabe  den 
Thron  bestieg  und  erst  in  seinen  letzten  Regierungsjahren 
gegen  Persien  und  an  den  Rhein  zog,  sondern  Antoninus  Cara- 
calia6).  Nach  Antipatros,  der  bald  nach  Caraeallas  Regie- 
rungsantritt starb  (s.  S.  475),  nennt  Phil,  nur  noch  Aspasios 
(p.  126,  21)  als  Inhaber  des  Amtes  ab  epistulis  Graecis  (Dessau, 
Inscr.  Lat,  sei.  I  1666  ff.  Suet.  Claud.  28,  tat  xfcv  'EXXrjvcxöv  arco- 

*)  Vielleicht  =  der  Kerosbucht  an  der  Ostkaste  von  Limnos,  s.  die 
Skizze  auf  Tafel  I  bei  Conze,  Reise  auf  d.  Inseln  des  thrak.  Meeres, 
Hannover  1860. 

•)  An  Alexander  bei  der  Philostratstelle  zu  denken,  war  Kayger, 
wie  Clinton,  Fasti  Rom.  I  1845  p.  255,  veranlaßt  durch  den  Text  des 
Olearius  ßaoiXst  xs  guvibv  'AAsgdvöfMp  xal  etspotc,  dem  die  hdscbr.  Be- 
glaubigung fehlt.  Auch  Kleba,  Prosopogr.  imp.  Rom.  1  p.  169  folgt 
dieser  Annahme.  W.  Schmid  im  Artikel  Aspasios  bei  Pauly-Wisaowa  II 
1723  umgeht  die  Frage,  welcher  Kaiser  gemeint  sei.  Das  richtige  steht 
schon  bei  Westermanu,  de  epistularum  scriptoribus  gr.  I,  Leipzig  1851, 
p.  8. 


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472 


Karl  Manscher, 


xptjiaxtöv  Paton-Hicks,  The  inseriptions  of  Kos,  1891,  345,  4). 
Also  ist  dieser  der  von  Caracalla  erwählte  Nachfolger  Anti- 
paters  gewesen,  da  Nichtbesetzung  des  Amtes  unter  Cara- 
calla nicht  anzunehmen  ist,  ebensowenig,  daß  Philostrat  den 
Inhaber  der  Stellung,  der  damals  stets  ein  Sophist  war,  nicht 
genannt  habe.  Im  Gefolge  Caracallas,  von  dessen  weiten  Zügen 
wir  noch  sprechen  werden,  hat  Aspastos  viele  Länder  besucht, 
wenn  er  auch  das  Amt  de«  £ictaxoXe6c  noch  unter  Caracallas 
Nachfolgern  (Suidas  sagt  deshalb  von  ihm  yeyovwc  &nl  'Aae- 
Eav&pGu  toö  Mau,a£a;),  behielt  und  den  Lehrstuhl  für  Rhetorik 
zu  Rom  noch  in  hohem  Alter  mit  Zähigkeit  behauptete 
(s.  S.  509).  So  bleibt  der  einzige  sichere  terminus  ad  quem 
für  die  Abfassung  der  Bioi  das  Frühjahr  238,  in  dem  der 
Proconsul  Gordian  als  achtzigjähriger  Greis  den  Purpur  anzu- 
nehmen sich  gezwungen  sah  und  kurze  Zeit  darauf  durch 
Selbstmord  endete.  Immerhin  legt  jenes  Schwanken  in  der 
Anrede  seines  Gönners  bei  Philostrat  die  Vermutung  nahe, 
daß  das  Consulat  Gordians  noch  nicht  lange  zurücklag 7). 

Philostratos  vermeidet  zwar  in  den  Sophistenbioi  absicht- 
lich chronologische  Angaben,  doch  reiht  er  die  Vertreter  der 
zweiten  Sophistik  im  großen  und  ganzen  in  zeitlicher  Abfolge 
aneinander  (vgl  Perizonius,  praef.  zum  Aelian  p.  XX  der  Ausg. 
der  var.  hist.  v.  C.  G.  Kuehn  I,  Leipzig  1780);  die  jeweilige 
Besetzung  der  rhetorischen  Lehrstühle  zu  Athen  und  Rom  so- 
wie die  Berufungen  zum  Amte  eines  kaiserlichen  Sekretärs 
boten  dafür  bequeme  Anhaltspunkte.  Je  näher  Phil,  in  seiner 
Darstellung  seiner  eigenen  Zeit  und  dem  Ende  seines  Werkes 
kommt,  um  so  mehr  dürfen  wir  erwarten,  daß  er  mündlich 
Erfahrenes,  eigene  oder  fremde  Erinnerungen  zur  Ergänzung 
des  ihm  schriftlich  vorliegenden  Materials  benutzt  und  uns  da- 
durch zugleich  Nachrichten  über  sein  eigenes  Leben  über- 
mittelt a). 

Im  ersten  Buche  der  Bioi  beruft  sich  Phil,  nur  einmal  auf 


7)  Jothner  a.  a.  O.  läßt  die  v.  soph.  289  geschrieben  sein,  weil 
Clinton,  Fasti  Rom.  1  1845  p.  255  das  Leben  Phil.s  unter  diesem  Jahre 
behandelt! 

•)  Vgl.  Leo,  a.  a.  O.  S.  254  ff.  Die  Skepsis,  mit  der  Leo  (S.  257)  die 
Berufungen  PhiLs  auf  Zeitgenossen  betrachtet,  kann  ich  nicht  teilen. 
8.  unten  S.  494. 


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Die  Philostrate. 


473 


einen  Zeitgenossen  als  Gewährsmann.  Ein  gewisser  Arfetaios 
soll  ihm  von  der  Begegnung  des  zur  Zeit  Hadrians  blühenden 
Sophisten  Dionysios  aus  Milet  mit  Polemo  erzählt  haben;  um 
Zweifeln  an  der  Möglichkeit  wichen  Berichte«  zu  begegnen, 
sagt  er  (p.  37, 17):  'Apwrafou  .  .  .  itpeoßuTatoe  xöv  ^ät'  lui 
cEA^fyv»v  rtal  itXetoxa  67i£p  ooqpeotöv  ttöotos.  Häufiger  sind 
die  Berufungen  auf  Angenzengen  im  zweiten  Buche.  Eine 
*  Notiz  tiber  Herodes  Atticne  verdankt  er  einem  Athener  Kterf- 
demos  (p.  69, 12).  Ueber  ArietHes  nnd  Adrianos  hat  er  Tön 
ihrem  Schüler  Damianos  Kunde  (p.  87, 20.  88, 20.  107, 24 
—30).  Zweimal  beruft  sich  Phil.  *uf  die  rcpeoßutepoi  (p.  74, 8 
und  84,27).  Wen  wir  darunter  zu  verstehen  haben,  lehrt 
p.  90,  2,  wo  er  statt  dessen  sagt :  d)£  .  .  .  x©v  epaoTOÖ  Sio^kj- 
xgüLü)V  ijxouov. 

Phil,  wird  die  damals  übliche  dreistufige  (vgl.  Apul.  Flor. 
20  p.  97)  höhere  Schulbildung  genossen  haben.  Die  beiden 
ersten  Stufen ,  den  Elementarunterricht  beim  Ypajifiaxcortjs 
(ütterator)  nnd  die  Schule  des  ypau.puxTix6c  hat  er  vielleicht 
noch  ki  Lemnos,  seiner  engeren  Heimat,  absolviert,  vielleicht 
schon  in  Athen,  wo  schon  sein  Vater,  wie  wir  sehen  werden, 
als  Sophist  und  Litterat  sich  einen  Namen  gemacht  hatte.  Daß 
er  dem  rhetorischen  Universitätsstudium  zunächst  zu  Athen  ob- 
lag, wo  seit  Marc  Aurel  wie  in  Rom  Professoren  mit  kaiser- 
licher Besoldung  neben  den  aus  der  Stadtkasse  bezahlten  Rhe- 
torik docierten,  war  für  ihn  als  geborenen  Lemnier  selbstver- 
ständlich. Bildete  doch  Lemnos  vereint  mit  Imbros  nnd  Skyros 
noch  in  der  Kaiserzeit  wie  in  der  langen  Zeit  seit  dem  Königs- 
frieden»)  den  hauptsachlichsten  auswärtigen  Besitz  der  Stadt 
Athen.  Die  Lemnier  steuerten  nach  Athen  (Vitr.  7,  7,  2) ; 
wie  die  Kleruchen,  die  einst  zur  Besiedelung  entsandt  wurden, 
im  Verbände  ihrer  athenischen  Demen  und  Phylen  geblieben 
waren,  gehörten  auch  damals  die  Lemnier  zur  Bürgerschaft 
Athens10).    Die  Zeugnisse  dafür,  daß  auch  die  Familie  der 

•)  Allerdings  mit  einigen  Unterbrechungen,  vgl.  U.  Köhler,  Ueber 
-  den  auswärtigen  Besitzstand  Athens  im  II.  Jahrh.,  Mittlgn.  des  d.  arch. 
Inst  in  Athen  I  1876  8.  257—268;  dazu  8.  Shebelew,  zur  Gesch.  v. 
Lemnos,  Beitr.  z.  alt  Gesch.  her.  v.  Lehmann  II  1902,  8.  36—44. 

,0)  Vgl.  BCckh,  Staatshaushalte  d.  Athener,  8.  Aufl.  v.  Frankel  I 
1886  b,  505. 


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474 


Karl  Münscher, 


Philostrate  athenisches  Bürgerrecht  besaß,  werden  uns  noch 
später  begegnen. 

Proklos  von  Naukratis  bezeichnet  PhiL  ausdrücklich  als 
seinen  Lehrer  (p.  104,27).  Sein  'Wir'bericht  (p.  116,  21)  Aber 
die  Entgegnung  des  Larissäers  Hippodromos  auf  Proklos' 
Schmähschrift  gegen  alle  Sophisten  läßt  uns  in  diesem  einen 
zweiten  Lehrer  Phil.s  erkennen.  Beide  gehörten  durch  ihre 
Lehrer  Chrestos  und  Adrianos  der  ausgebreiteten  und  be- 
rühmtesten Schule  der  Sophistik,  der  des  Herodes  an.  Proklos 
lebte  noch  mehr  als  90  Jahre  alt  (p.  106, 16)  mit  ungeschwäch- 
ter Gedächtniskraft,  als  Phil,  seine  Bioi  schrieb  (sonst  würde 
eine  Nachricht  über  Tod  oder  Grabstätte  nicht  fehlen);  er 
war  also  um  140  geboren.  Hippodromos,  der  Sohn  des  reich- 
sten thessalischen  Pferdezüchters  jener  Zeit,  Tier  Jahre  lang 
Inhaber  des  kaiserlichen  Lehrstuhls  für  Sophistik  in  Athen 
(p.  117, 21),  zweimal  der  Leiter  der  pythischen  Spiele  (p.  115,21) 
als  e£XXa6ipxi)£  xfi>v  'A|i<ptxTo6vu>v,  davon  einmal  zur  Zeit  der 
Belagerung  von  Byzanz  durch  Septimius  Severus,  also  der 
Pythien  des  Jahres  195  (Clinton,  Fasti  Born.  I  p.  197),  trat 
noch  im  Jahre  213  neben  seinem  Schüler,  dem  jüngeren  Phil., 
dem  ,Lemnier4  (s.  unten  S.  494  f.),  in  Olympia  mit  einer  Epideixis 
auf:  er  starb  70 jährig  (p.  120,4),  also  fallt  seine  Geburt 
nach  143  und  wahrscheinlich  eine  beträchtliche  Reihe  von 
Jahren  später,  da  Phil,  ihm  gegenüber  den  Proklos  als  npe- 
oßutepoc  (p.  116,26)  bezeichnet  Damit  rückt  der  Beginn  seiner 
Lehrtätigkeit  in  das  letzte  Viertel  des  EL  Jhhs. 

Als  dritten  Lehrer  Phils  dürfen  wir  (p.  109,  2  'OXonm- 
xouc  xe  ^uiv  8t^€t  %al  üava^valxou;)  Antipatros  aus  Hiera- 
polis  in  Syrien  betrachten11).  Zu  Athen  in  der  Sophistik 
durch  Adrianos  und  Polydeukes,  die  beide  den  &p6voc  inne 
hatten,  in  der  technischen  Rhetorik  durch  Zeno12)  gebildet 

")  V.  soph.  II  24.  Der  Satz  p.  109.  20  xol  feftv  ÖtÖdoxoXov  sxa- 
Xoüusv  a&röv  sv  xol£  inaJvotf  t9)c  ixpodatco^  bezieht  sich  auf  Vorträge 
Antipaters,  die  er  als  Glied  des  kaiserlichen  Hofstaates  gehalten  und 
Phil,  als  solches  gehört  bat,  nicht  auf  die  Studienzeit  Phil.s. 

"*)  Zeno  wird  ah  rhetorischer  Theoretiker  (kein  ocxpKmfa)  von  Phil, 
nicht  behandelt.  Vgl.  Syrian.  in  Hermog.  it.  <rcdo.  p.  60,  11  R.,  n.  it. 
p.  18,  9  (Cmouvrjuaxa  xöv  ATju.oodsvixÄ>v  Xd^wv).  Walz,  rhet.  gr.  VI  p.  21,  3. 
111,  27  u.  a.  Ihn  meint  8uidas  s.  v.  Zi^vcov  Kius(>c;  der  Zusatz  ruht 
auf  Verwechselung  mit  dem  alten  Zeno,  der  auch  über  Rhetorik  ge- 


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Die  PhiloBtrate. 


475 


(p.  108,  28  sqq.),  wurde  dieser  der  Laufbahn  des  sophistischen 
Docenten  durch  seine  Berufung  an  den  Hof  des  Septimius 
Severus  entzogen.  Seine  syrische  Abkunft  wird  dabei  nicht 
ohne  Einfluss  gewesen  sein ;  finden  wir  doch  an  Severus1  Hofe 
in  den  höchsten  Stellen  vorwiegend  Volksgenossen  der  aus 
Syrien  stammenden  Kaiserin  Julia  Domna.  Antipatros  wurde 
der  Leiter  der  griechischen  Kanzlei  des  Kaisers,  wurde  der 
Erzieher  der  kaiserlichen  Söhne  Bassianus  und  Geta,  erhielt 
das  Consulat  und  war  kurze  Zeit  Statthalter  von  Bithynien18). 
Er  gehörte  zu  den  vertrautesten  Freunden  des  Kaiserhauses; 
der  Hofarzt  Galen  (de  theriaca  2  tom.  XIV  ed.  Kuehn,  Leipz. 
1827,  p.  218)  weiß  zu  rühmen,  wie  fürsorglich  Severus  auf 
das  Wohl  seines  Antipatros  bedacht  war.  Zum  Danke  für 
die  ihm  erwiesenen  Ehren  unternahm  dieser  es,  die  Taten  des 
Kaisers  als  Geschichtsschreiber  zu  verherrlichen  (p.  109,  S). 
Als  nach  Severus'  Tode  Caracalla  seinen  Bruder  Geta  in  den 
Armen  seiner  Mutter  hatte  ermorden  lassen,  erregte  eine  einiger- 
maßen freimütige  Aeußerung  Antipaters  Caracallas  Verdacht 
und  Zorn:  Antipater  gab  sich  deshalb,  wie  es  scheint,  selbst 
den  Tod  durch  Erhungern  14).  Man  darf  vermuten,  daß  er 
.  noch  212  starb,  68 jährig;  seine  Geburt  fallt  demnach  ins 
Jahr  144  15). 

Die  Zeit,  da  Phil,  bei  Antipatros  studierte,  muß  vor  dessen 
Eintritt  in  das  höfische  Amt  liegen.  Dafür  haben  wir  einen 
terminus  ante  quem.  Antipatros1  häßliche  Tochter  ward  mit 
dem  jungen  Sophisten  Hermokrates  vermählt,  doch  wurde  der 


schrieben  hatte  (Striller,  de  Stoicorum  stud.  rbet.,  Bresl.  phil.  Abhdlgn. 
I  2,  1886  p.  5 — 7)  und  noch  in  der  Bp&teren  rhetorischen  Litterat ur 
citiert  wurde  (v.  Arnim,  Stoicorum  veterum  fragmenta  I  1905  fr.  74 — &4). 
Andere  Rhetoren  dieses  Namens  bei  Strabo  12,  8,  16  p.  578.  14,  2,  24 
p.  6b0.  Sulp.  Vict  rbet.  p.  813,  8.  —  Ueber  eine  rhetorische  Schrift 
Antipaters  s.  unten  S.  539. 

")  Von  dieser  Stellung  wurde  er  bald  wieder  enthoben,  Öcgac  ixo.- 
(iöxspov  xp^Jo^at  t$  giqpsi  sagt  Phil.  p.  109,  15,  was  man  (vgl.  Duruy, 
Gesch.  d  röm.  Kaiserreichs,  übers,  von  Hertzberg,  IV  1888,  S.  265)  auf 
übereilte  Todesurteile  gegen  Christen  deutet. 

"J  So  interpretiert  Kayser,  Heidelb.  Ausg.  p.  369,  wohl  richtig  Phil.s 
umschreibende  Worte  p.  10^,  18  Xsyskxi  da  dito&avelv  xapxspcqf  ufiXXov  ^ 
vöoq>.  Den  Inhalt  des  verhängnisvollen  Schriftstücks  skizziert  Phil, 
p.  109,  28  sqq. 

»»)  Vgl.  W.  Schmids  Artikel  Antipatros  bei  Pauly-Wiseowa  I  2517. 


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476 


Karl  Manschet-, 


widerwillige  Bräutigam  nur  durch  den  Einfluß  des  Kaiserg  zum 
Eingehen  der  bald  wieder  gelösten  Ehe  bewogen,  and  zwar 
zur  Zeit  als  das  kaiserliche  Hoflager  sich  im  Orient  befand 
(p.  111,11).  Ob  der  frühere  (194—196)  oder  der  spätere 
(197 — 201)  Orienteug  des  Severus  gemeint  ist,  laßt  Phil.s 
jeder  Genauigkeit  abholde  Ausdrucksweise  nicht  erkennen: 
aber  vor  197  oder  bereits  vor  194  war  demnach  Antipatros 
kaiserlicher  irciaToXeo;  geworden18). 

Die  Studienzeit  Phil.s  wird  demgemäß  in  das  Ende  der 
80er  oder  den  Beginn  der  90er  Jahre  fallen;  sie  weiter  zu- 
rück zu  verlegen,  hindert  uns  die  Nachricht  des  Suidas  {s. 
unten  S.  516),  daß  er  gu>c  fttAimcou  (244—49)  gelebt  habe. 
Nehmen  wir  an  —  ein  hohes  Alter  war  ihm  offenbar  be- 
schieden — ,  er  sei  etwa  75 — 80  Jahre  alt  geworden,  so  fiele 
sein  20.  Lebensjahr,  das  er  bei  Beginn  seiner  akademischen 
Studien  eher  noch  nicht  erreicht  als  überschritten  hatte  17), 
zwischen  184  und  194. 

Schließlich  müssen  wir  der  Reihe  der  Lehrer  Phil.s  noch 
den  schon  erwähnten  Ephesier  Damianos  anfügen  18).  Von  ihm 
erklärt  Phil,  seine  Nachrichten  über  Aristides  und  Adrianos 
zu  haben  (p.  107, 29),  und  im  Leben  des  Adrianos  sagt  er 
(p.  00,  1) :  (S>£  .  .  .  Tfi>v  feuautoö  SiSaaxdXwv  fptouov :  vor  allen 
gehört  folglich  Damianos  zu  diesen.  So  spricht  denn  PhiL 
auch  von  einer  dreifachen  Jjuvousta  (p.  108,  19),  die  ihm  Da- 
mian gewährt  habe,  wobei  es  unklar  bleibt,  ob  wir  darunter 
eine  dreimalige  Unterbrechung  seiner  athenischen  Studienzeit 
verstehen  sollen,  oder  ob  —  was  doch  wohl  wahrscheinlicher 

Kayser,  gr.  Ausg.  praef.  p.  VII  (dem  %.  B.  Götteching,  Apollonias 
Ton  Tyana,  Diss.  Leipzig  18^9,  S.  54  folgt)  läßt  Antipater  sein  Amt 
als  iRioroXsOg  197  antreten ;  wodurch  gerade  dieses  Jahr  bestimmt  sein 
soll,  weiß  ich  nicht.  Hertzberg,  Gesch.  Griechenlands  unter  d.  Herr- 
schaft «1.  Römer,  III  (H75)  8.  19  sagt,  Antip.  habe  die  griech.  Kanzlei 
'namentlich  seit  dem  J.  198  (ja  vielleicht  schon  seit  196)'  geleitet. 
Schmid  läßt  die  Frage  unberührt. 

1T)  Die  rhetorischen  Studien  wurden  meist  in  sehr  jungen  Jahren 
begonnen;  ich  erinnere  nur  an  das  Wunderkind  Hermosrenes,  das  15- 
jährig  ein  berühmter  Sophist  war  soph.  p  83.  4),  an  den  'Lemnier' 
Phil.,  der  2Jjährig  in  Olympia  auftrat  (s.  unten  S.  499).  —  Bergk 
a.  a.  0.  S.  179  IftUt  Phil,  etwa  um  171,  Clinton,  F.  R.  I  p.  267  (zu  spät) 
um  181  geboren  sein. 

18)  In  der  Aufzählung  der  Lehrer  Phil.»  wird  er  überall  (s.  B. 
Kayaer,  gr.  Ausg.  praef.  p.  III  u.  s.)  übergangen. 


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Die  PhiloBtrate. 


477 


—  wenigstens  die  beiden  letzten  guvouofot  als  kürzere  Besuche 
in  der  späteren  Lebenszeit  Phil.s  anzusehen  sind. 

Das  für  den  weiteren  Verlauf  seines  Lebens  entscheidende 
Ereignis  war  Phils  Eintritt  in  den  gelehrten  Hofstaat  der 
Kaiserin  Julia  Donina,  der  Gemahlin  des  Septimius  Severus. 
Cassius  Dio  (75,  15,  7.  Xiphilin.  p.  813,  15.  Suidas  s.  v. 
'louXla  AÖYOuoTa)  berichtet  von  den  Verdächtigungen,  mit 
denen  Plautianus,  der  Gardepräfekt,  lange  Zeit  der  Günstling 
und  TwtpaSuvaorsutov  tü>  Scßifjpq)  (Xiphilin.  p.  311,  30),  die 
Kaiserin  verfolgt  habe,  und  bringt  mit  diesen  Intriguen  die 

v  Beschäftigung  Julias  mit  der  Philosophie  in  ursächlichen  Zu- 
sammenhang. Wie  dem  auch  sei,  die  ebenso  schöne1*)  als 
geistvolle  Frau  hat  einen  Kreis  von  gebildeten  Männern 
um  sich  versammelt,  in  dem  ein  reger  Gedankenaustausch 
über  die  damals  die  Welt  bewegenden  litterarischen,  wissen- 
schaftlichen und  vor  allem  auch  religiösen  Fragen  stattfand. 
Dio  (Xiphilin.  a.  a.  O.)  spricht  von  acxpiaxa:,  mit  denen  sie  ver- 
kehrt habe,  Phil,  bezeichnet  den  Hofstaat  der  Kaiserin  als 
einen  xuxXo;  (v.  Ap.  p.  4,  2—3),  in  dem  yewuiTpa:  (d.  h.  Astro- 
logen, vgl.  Manetho  4,  128  sq.  210.  Maass,  Die  Tagesgötter 
1902,  Kap.  1,  7)  und  <ptXöaocpot  (darunter  versteht  er  natür- 

*l.  lieh  vor  allen  die  Sophisten)  vereinigt  gewesen  seien  (v.  soph. 
p.  121,  26),  aus  dem  Tzetzes,  Chiliad.  6,  306,  einen  yopbz 
j$T)Tcpti>v  xs  xa:  x&v  ypapLfAaxeuovTWv  macht.  Phil,  belegt  Julia 
mit  dem  Ehrennamen  V)  cp'.Xöoocpo;  (vgl.  auch  unten  S.  537)  und 
rühmt  von  ihr,  sie  habe  für  alle  frjiopixo:  Xoyo'.  Interesse  ge- 
habt. Papinian  und  neben  ihm  Ulpian  und  Paulus,  die  großen 
Juristen,  Cassius  Dio  und  Marius  Maximus,  die  Historiker, 
Serenus  Sammonicus  und  Galenos,  die  Mediciner,  Gordianus 
und  Oppianos,  die  Dichter,  Aspasios,  Antipatros,  Ailianos, 
Philostratos,  die  Sophisten,  können  wir  als  Glieder  dieses 
glänzenden  Hofstaates  namhaft  machen:  Duruy  (a.  a.  0.  S.  129) 
schließt  seine  anmutige  Schilderung  dieses  Kreises,  dem  auch 

Bernouilli,  Röm.  Ikonographie  II  3  (1804)  S.  35-47,  dazu  Taf. 
XVI  -XIX;  der  zweifelhafte  Kopf  der  Münchner  Glyptothek  (Bernouilli 
8.  45,  Taf.  XIX)  in  Furtwangler*  Beschreibung  fl900)  Nr-  354 '»  100 
Tafeln  nach  den  Bildwerken  der  Glyptothek  (1903),  Taf.  7o\  Wie  ihre 
Toilettenkünste  sogar  auf  ihre  Statuen  Ubertragen  sind,  hebt  Ilberg 
hervor  (Aus  Galens  Praxis,  Leipzig  1905,  S.  29). 


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478 


Karl  Manscher, 


der  Kaiser  selbst  nicht  fernblieb,  mit  dem  Bemerken,  man 
werde  unwillkürlich  an  die  italienischen  Fürstenhöfe  der  Re- 
naissance erinnert. 

Wann  Phil,  in  diesen  Kreis  um  Julia  Domna  eingetreten 
ist,  läßt  sich  nicht  mit  völliger  Sicherheit  feststellen.  196/7 
befand  er  sich  jedenfalls  noch  nicht  in  den  Hof  kreisen:  von 
dem  Wettkampfe,  den  der  Kaiser  in  einem  dieser  Jahre  in 
Rom  zwischen  dem  Sophisten  Apollonios,  dem  Abgesandten 
Athens,  und  dessen  Rivalen,  dem  Lykier  Herakleides  veran- 
staltete, kann  Phil,  nur  von  Hörensagen  berichten  20).  Daß 
er  während  des  zweiten  großen  Orientzuges  des  Severus  an 
den  Hof  gekommen  sei,  ist,  wenn  auch  nicht  unmöglich  — 
Julia  Domna  residierte  zumeist  wohl  in  Antiocheia  —  doch 
wenig  wahrscheinlich.  Dagegen  spricht,  wie  mir  scheint, 
folgende  Erwägung:  199  ging  Severus  nach  Afrika  und  be- 
suchte zunächst  das  Wunderland  Aegypten  bis  hinauf  nach 
Aethiopien,  weniger  aus  politischen  Rücksichten  ab  aus  Wiß- 
begier. Sein  Leben  lang  erinnerte  er  sich  mit  Vergnügen  an 
diese  Reise,  die  ihm  die  Kenntnis  so  vieler  Merkwürdigkeiten 
der  Natur  wie  seltsamer  Religionsgebräuche  und  wunderbarer 
Bauwerke  verschafft  hatte  (Spart.  Sept.  Sev.  17,4.  Xiphilin. 
75,  13, 1 — 2,  p.  331).  Julia  war  die  treue  Begleiterin  ihres 
Gatten  auf  seinen  Feldzügen  (mater  castrorum  heißt  sie  un- 
zählige Male) ;  daß  sie  ihn  auch  auf  dieser  friedlichen  Fahrt 
begleitet  hat,  ist  zwar,  so  viel  ich  sehe,  nirgends  bezeugt, 
aber  sicher  zu  vermuten  Ä1).  Auch  dort  in  Aegypten  wird  sie, 
wie  sonst  auf  ihren  Reisen,  ihren  litterarischen  xuxXoc  um  sich 
gehabt  haben,  und  indirekt  wird  dies  durch  eine  Stelle  der 


*°)  V.  soph.  p.  113,  30  cpaolv  aötdv  oxs&oo  Xöyou  ixitsottv.  Vgl. 
p.  103,  21  sqq.  Diese  Ttpsoßeia  des  Apollonios  nach  Rom  fand  vor  Severus' 
zweitem  Onentzuge  statt  (p.  108,27),  also  196  oder  197  (vor  oder  nach 
dem  Entscheidungskampfe  mit  Clodius  Albinus  in  Gallien),  p.  114,  7 
nennt  Phil,  als  Grund  für  den  Misserfolg  des  Herakleides  auch  sein 
Mißtrauen  gegen  Antipatros,  folglich  war  dieser  damals  schon  am  Hofe ; 
das  stimmt  zu  obigem  Versuche,  seinen  Amtsantritt  zeitlich  zu  fixieren. 

")  A.  de  Ceuleneer,  Essai  sur  la  vi«  et  le  regne  de  Septime  Severe, 
Bruxelles  1880,  S.  125  und  Röville,  Die  Religion  zu  Rom  unter  den 
Severern,  übers,  v.  G.  Krüger,  Leipzig  188H,  S.  191  lassen  Julia  und 
Caracalla  den  Severus  nach  Aegypten  begleiten;  als  ein  Zeugni»  dafür 
kann  die  Inschrift,  die  die  Neueröffnung  von  Steinbrüchen  bei  Philae 
im  J.  21)3  preist  (C.  J.  L.  III  75),  wohl  kaum  gelten. 


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Die  Philostrate. 


479 


v.  soph.  (p.  103,  28)  bestätigt,  an  der  vom  Aufenthalt  des 
Kaisers  in  'Libyen'8*8)  gesagt  wird :  ixet  xcd  xä<;  feg  Andorf  yfj; 
dpetÄ^  ouvfjYsv.  Phil,  aber  war  damals  wohl  noch  nicht  am 
Hofe,  da  er  nirgends  persönliche  Kenntnis  Aegyptens  zeigt, 
die  er  z.  B.  bei  Schilderung  der  Reise  des  Apollonius  zu  den 
Gymnosophisten  bequem  hätte  verwerten  können  *Sb).  Damit 
wird  es  wahrscheinlich,  daß  er  bei  Hofe  —  vielleicht  durch 
*  seinen  Lehrer  Antipatros  —  erst  in  den  Jahren  nach  202  ein- 
geführt worden  ist,  in  denen  Severus  nach  Niederwerfung 
seiner  beiden  Rivalen  und  den  gewaltigsten  Feldzügen  im 
Osten  und  Westen  des  Reichs  in  Ruhe  zu  Rom  regierte. 

Am  Schlüsse  der  v.  Ap.  erklärt  Phil,  er  habe  nirgends 
ein  Grab  des  Apollonius  angetroffen,  xai'xot  tt};  yfft,  6tc6otj 
iar(v,  iraX&wv  TtXgforqv.  Von  jeher  hat  man  mit  Recht  diesen 
Ausdruck  dahin  gedeutet,  daß  Phil,  hauptsächlich  im  Gefolge 
der  Kaiserin  Julia  seine  Länderkenntnis  erworhen  habe.  Da- 
bei ist  zu  berücksichtigen,  dass  Julia  auch  nach  Severus1  Tode 
ihren  fürstlichen  Hofstaat  beibehielt.  Sie  gewann  bei  Cara- 
callas  Abneigung  gegen  die  Regierungsgeschäfte  erhöhten  Ein- 
fluß; sie  hat  auch  ihren  Sohn  auf  seinen  Zügen  begleitet,  sie 

**•)  Darunter  versteht  Phil,  hier  Afrika  einschließlich  Aegypten, 
das  man  sonst,  gewöhnlich,  wie  v.  Wilamowitz-Moellendorff,  Die  Text- 
geschirhte  d.  gr.  Bukoliker,  1906,  S.  163  bemerkt,  nicht  zu  Libyen  rechnet 

,,b)  Seine  Beschreitung  des  Memnonskolosses  als  eines  unlädirten 
Bildwerkes  (v.  Ap.  6,  4  p.  208, 3  sqq. ;  vgl.  im  allgemeinen  Drexler  bei 
Roscher,  Mythol.  Lex.  II  2,  2661  ff.)  erweckt  durchaus  nicht  den  Ein- 
druck, als  habe  er  es  jemals  gesehen.  Daß  aber  der  Memnon  an  dieser 
Stelle  wie  auch  Imag.  1,  7  p.  805,  20  und  Heroik,  p.  168,  2  als  der 
•klingende'  behandelt  wird,  ist  för  keins  der  Werke  chronologisch  ver- 
wendbar (vgl.  Schmid,  Philol.  57,  1898.  S.  504  gegen  ReVille  a.  a.  0. 
S.  2u2  Anm.  8).  Die  Restauration  des  Kolosses,  die  man  seit  Letronnes 
Abhandig.  (la  statue  vocale  de  Memnon,  Paris  1833;  vgl.  Momrasen, 
C.  J.  L.  III  p.  9)  als  ein  Werk  des  Severus  betrachtet,  das  er  wahrend 
seines  ägyptischen  Aufenthaltes  anordnete,  nahm  jedenfalls  Jahre  in 
Anspruch,  und  noch  mehr  Zeit  mußte  vergehen,  ehe  man  zu  der  Ueber- 
zeugung  gelangte,  daß  seit  der  Restauration  wider  alles  Erwarten  der 
Memnon  verstummt,  in  Wahrheit  das  natürliche  Phänomen  unmöglich 
geworden  sei.  Daß  auch  Kallistratos  in  seinen  Ekpbrasen,  die  sicher 
nach  dem  Werk  des  jüngsten  der  Philostrate,  wahrscheinlich  im  IV. 
Jhh.  geschrieben  sind  (vgl.  Schenkl-Reisch,  praef.  p.  XX.II  Bq.),  die 
Memnonstatue  ruhig  als  die  'tönende1  behandelt  (am  Schluß  von  Kkphr. 
1  und  in  Nr.  9).  erweckt  nicht  eben  großes  Vertrauen  zur  6des  des 
Verfassers,  für  die  die  neusten  Herausgeber  (p.  XLVIII  sqq.)  nach  an- 
deren so  energisch  eintreten.  Einen  Msuvov  hatte  Dio  geschrieben, 
den  Synesios  im  Dio  (p.  318  Arnim)  zweimal  neben  der  TsunÄv  qppdoic 
(vgl.  Aelian,  v.  hist.  3,  1)  erwähnt. 


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480 


Karl  Münscher, 


hat  mit  Klugheit  und  Energie  an  seiner  Stelle  tatsächlich  das 
Reich  regiert.  —  208  trat  Severus  seinen  letzten  Feldzug  nach 
Britannien  an,  Juli»  begleitete  ihn  (Herodian  3,  15,  6.  Dio 
C.  76,  16,  5).  Auf  Phil.t  Teilnahme  an  dieeer  Expedition 
läßt  vielleicht  seine  Angabe  (v.  Ap.  p.  166, 9)  schließen,  er 
habe  Ebbe  und  Flut  des  Oceans,  Aber  dessen  Entstehung  eine 
Theorie,  angeblich  des  Apollonios,  mitgeteilt  wird,  nzpi  Kea- 
xob{  gesehen.  —  Aus  dem  Beginn  der  Regierungszeit  Cara- 
callas  (212)  erzählt  Phil,  als  Augenzeuge  die  für  die  Stellung 
Julias  und  ihres  Kreises  zum  neuen  Kaiser  überaus  charak- 
teristische Geschichte  vom  Auftreten  des  thessalischen  Khetors 
Philiskos,  eines  Verwandten  des  Hippodromos,  vor  dem  kaiser- 
lichen Gerichtshofe  zu  Rom M).  —  Ende  des  Jahres  212  ging 
Caracalla  nach  Gallien;  die  Kaiserin-Mutter  und  ihr  literari- 
scher Hofstaat  befanden  sich  dort  im  Lager,  als  der  Sophist 
Heliodoros  erschien,  ein  Araber,  als  Vertreter  seiner  Heimat 
ans  Kaisergericht  gesandt  Hatte  den  Philiskos  sein  Mißerfolg 
vor  dem  Kaiser  die  Abgabenfreiheit  gekostet14)  (nur  die  athe- 
nische Professur  hatte  er  behalten),  so  gewann  Heliodoros  zum 
größten  Aerger  der  zünftigen  Sophisten  des  Kaisers  Gunst, 
Ritterwürde  für  sich  und  seine  Kinder  und  die  erste  Stelle 
eines  kaiserlichen  Anwalts  in  Rom").  —  Nachdem  er  zu 
Pergamon  bei  Asklepios  Heilung  gesucht,  zu  llion  als  neuer 
Alexander  dem  Achill  gehuldigt  hatte,  brachte  Caracalla  den 
Winter  214/5  in  Nikomedeia  an  der  Propontis  zu,  mit  mili- 
tärischen Rüstungen  zum  Partherfeldzuge  beschäftigt.  Die 
Regierungsgeschäfte  überließ  er  seiner  Mutter,  ihr  Name  stand 
neben  dem  des  Kaisers  auf  den  Erlassen  an  den  Senat.  Trotz 
dieser  Geschäfte,  so  erzählt  uns  Dio,  der  selbst  in  Nikomedeia 

M)  V.  soph.  II  80  p.  121.  Clinton  I  p.  221.  Herteberg  a.  a.  O.  III 
S.  16  ff.  —  Ueber  die  Heord&er,  mit  denen  Philiskos  im  Streite  lag,  s. 
Kuhn,  stadt.  und  bflrgeri.  Verfaesg.  d.  rüm.  Reichs  II,  186r>,  8.  406.  Sie 
besaßen  das  Privilegium,  daß  materaa  origo  censeatur  (ülp.  dig.  50,  1, 
1,  2.  Kahn  a.  a.  O.  I,  1864,  S.  18).  Außer  llion,  Delphi,  den  Städten 
von  Pont  äs,  die  Ulpian  (bez.  Oelsus)  nennt,  besaß  später  auch  Antio- 
cheia  dies  Privileg,  dem  es  Julian  verlieh  (Zosim.  8,  II,  5). 

»)  Nach  Mod.  dig.  50,  4,  U,  4  hat  Caracalla  den  Elementarlehrern 
(qni  primis  litteris  pueros  induount)  Oberhaupt  die  Steuerfreiheit  entzogen. 

**)  V.  soph.  II  32  p.  124.  Dae  Amt  eines  advocatus  fisci  wurde 
zumeist  mit  juristischen  Fachleuten  besetzt;  vgl.  Mitteis,  Reichsrecht 
und  Volksrecht,  Lpzg.  1891,  S.  193.  Aber  auch  der  Sophist  Quirinus  er- 
hielt tT/v  xoö  xauutou  TXörwv  (v.  soph.  p.  120,  24). 


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Die  Philostrate. 


481 


anwesend  war  (78,  8,  4),  habe  Julia  noch  mehr  als  sonst  mit 
den  eiste»  Geistern  »philosophiert4  (Die  G.  77,  18,  1—4).  Für 

•  Nikomedeia  dürfen  wir  also  die  Anwesenheit  PhiLs  vermuten, 
wie  für  Pergamon ;  Autopsie  Phil.s  hat  für  Pergamon  bereits 
Göttsching  a.  a.  a  S.  58  ans  der  mehrfachen  Erwähnung  des 
dortigen  Aaklepiosheiligtums  (t.  Ap.  p.  131,  7  sqq.,  v.  soph. 
p.  111,  24)  gefolgert8').  In  das  Jahr  215  fallt  auch  das  Auf- 
treten des  ,Lenioiersl  Phil,  vor  Caracalla,  das  in  Asien,  wohl 
auch  in  Nikomedeia,  stattgefunden  haben  muß  (s.  unten  S.  500). 
—  Schließlich  finden  wir  Julia  Domna  in  Antioc  heia.  Dort, 
in  der  Hauptstadt  Syriens  und  des  Orients  in  damaliger  Zeit, 
der  dritten  Stadt  des  Kaiserreichs,  weilte  sie,  während  ihr  Sohn 
den  parthischen  Feldzug  antrat  (216),  und  erledigte  für  ihn 
die  Regierungsgeschäfte  (Dio  C.  78,  4,  2—3).  Dort  empfing 
sie  die  Nachricht  von  der  Ermordung  Garacallas,  dem  sie  frei- 
willig m  den  Tod  folgte,  um  nicht  aus  dem  Glänze  des  Thrones 
in  das  Dunkel  einer  Privatexistenz  hinabsteigen  za  müssen, 
(Die*  G.  78, 2^.  Herodian,  4,  13,  8).  Auf  Phils  Aufenthalt  in 
Antiocheia  zu  jener  Zeit  kann  man  unbedenklich  seine  Worte 
aus  dem  Widmungsbriefe  vor  den  Bdoi  an  Gordian  beliehen: 

*  |A«t*VT)uivo$  8e  Ttal  töv  xorc*  'Avxwxeiav  oicoudao^ivxwv  xoxe 
^|ifv  bnkp  <jo<piar<&v  ev  t$  toö  Aacpvetou  lepty*7).  Ueber  Daphne 
weiß  er  deshalb  antiochenische  Lokalsage  zu  berichten  (v.  Ap. 
I  16  p.  16.  vgl.  Paus.  8,  20,  2.    Sozom.  hiet.  eccl.  5,  19). 

Nach  Julias  Tode  (217)  löste  sich  natürlich  der  Kreis, 
der  sich  um  sie  vereint  hatte ;  ihre  Schwester  Maisa  ging  mit 
ihren  Töchtern  und  Enkeln  auf  Befehl  des  Macrinus  nach 
Emesa,  dem  ererbten  Sitze  ihrer  Familie,  zurück.  Phil,  blieb 
selbstverständlich  nicht  dauernd  in  Syrien.  Indessen  scheint 
auf  einen  längeren  Aufenthalt  in  dieser  Provinz  e  i  n  Umstand 
hinzuweisen.    Photios  nennt  in  der  Bibliothek  cod.  44  den 

")  In  den  8tftdten  Klemaaien«  zeigt  sich  Phil.  Oberhaupt  gut  be- 
kannt. Er  igt  in  Ilion  bekannt  (v.  Ap.  p.  133,  19).  Ueber  Ephesus 
a.  oben  S.  476,  Tyana  unten  8.  485,  Erjtbrae  3.  491.  Von  Pargo  in 
Pamphylien  (v.  soph.  p.  82,  24),  desgl.  von  Selenkeia  in  Kilikieu  (v. 
soph.  p.  76,  30)  spricht  er  aus  Autopsie.  Die  Berufung  auf  Aüxiot 
\öfo:  (v.  Ap.  p.  825,  25)  sengt  auch  vom  Verkehr  mit  Einwohnern 
Lykiens.  —  Gleiche  Kenntnis  Kleiuasiens  zeigt  der  'Lemnios',  s.  S.  498. 

*')  Von  Gordians  Aufenthalt  in  Syrien  wissen  wir  sonst  nichts; 
Capitol.  Gord.  9.  1  sagt  nur  plurimia  provinoiis  . .  .  ante  (tot  dem  Pro- 
consulat  in  Afrika)  praefuerat. 


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482  Karl  Münscher, 

Verfasser  des  Arjolloniosromans  <&tX6atpaTos  Topios*8);  den 
gleichen  Beinamen  erhält  er  im  Scholion  zu  Lukians  Ikaro- 
menippos  1  (ed.  Jakobitz  IV  p.  197),  das  wir  der  Hand  des 
Bischöfe  Arethas  verdanken  »),  und  schließlich  nennt  Tzetzes 
in  den  Chiliaden  6,  303  den  Flavios  Philostratos  auch  T6pto* 
f^xcap,  wo  gleichfalls  der  Verfasser  der  v.  Ap.  gemeint  ist 
(er  setzt  hinzu  äXXoq  5'  £ortv  6  'Arcixos).  Demnach  gab  es 
unzweifelhaft  Ausgaben  der  v.  Ap.,  auf  deren  Titel  Phil,  als 
Tyrier  bezeichnet  war,  bez.  sich  selbst  bezeichnet  hatte so).  So 
konnte  sich  aber  Phil,  nur  nennen,  wenn  er  das  Bürgerrecht 
von  Tyros  erworben  hatte  81),  natürlich  durch  seinen  Aufent- 
halt daselbst,  den  er  benutzt  haben  mag,  mit  seiner  sophisti- 
schen Kunst  zu  glänzen.  Daß  er  Tyros  zu  seinem  Wohnsitze 
wählte,  seit  Hadrian  die  |A7]Tp67ioXi£  Syriens  (Suidas  s.  v.  üaüXoq 
Tuptos  f^Kop.  vgl.  Cod.  Just.  11,22),  von  Severus  als  Haupt- 
stadt der  neugegründeten  Provinz  Syria  Phoenice  durch  das 
ius  Italicum  (Ulp.  dig.  50,  15,  1  pr.  Paul.  dig.  50,  15,  8,  4) 
und  den  Beinamen  colonia  Septimia  (vgl.  Höfner,  Untersuch- 
ungen z.  Gesch.  d.  K.  Sept.  Sev.  I,  Gießen  1872,  S.  166)  aus- 
gezeichnet, die  spien  didissima  Tyriorum  colonia  .  .  . ,  nobilis 
regionibus,  serie  saeculorum  antiquissima ,  armipotens,  wie 

88 )  Die  längere  Epitome  cod.  241  trägt  nur  die  Ueberschrift:  4v> 
syvcüafW)  ix  toO  sl?  töv  'AnoXXdmov  &nb  (ptovfjg  4>iXoffrpdxoo. 

*•)  Vgl.  E.  Maass,  Melangea  Graux,  Pari«  1884,  S*  759  ff.  Daß 
auch  die  Scholien  zu  Phil.,  besonders  im  Laurentianus  LXIX  33  saec. 
XI,  auf  Arethas  zurückgehen,  macht  R.  Müller,  de  Lesbonacte  gram- 
matico,  Dies.  Greifswald  1X90,  p.  109—112  wahrscheinlich. 

M)  Vgl.  Bergk  a.  a.  0.  S.  176  Anm.  1,  dein  der  Zuname  Topioc 
rätselhaft  erscheint.  Kaysera  Vermutung  (Heidelb.  Ausg.  d.  v.  soph. 
p.  XXXII),  T6pio£  sei  aus  Süptog  entstanden,  erleichtert  die  Deutung 
nicht  Andere  Deutungen  (Meursius  dachte  an  Phil.  Aegyptius  aus 
der  2.  Hälfte  des  letzten  Jhh.s  v.  Chr  ,  soph.  15  p.  6,  19),  und  Aen- 
drrungen  (Voss:  Mupivatou;  vgl.  Fertig  p.  52  Anm.  1)  sind  ebenso  un- 
möglich wie  falsch.  —  Ein  anderer  ist  der  von  Joseph,  antiqu.  10,11, 1 
erwähnte  *iXöotpaxog  4v  xalc  'Iv&xats  auxoiJ  xal  «Doivtxixals  toxopiat?;  der- 
selbe c.  Ap.  1,  20;  vielleicht  auch  Plut.  frg.  6  Bern,  ix  töv  sl«  'Ho(oÄov 
&Tco(ivT)u.dx(Dv  (ein  anderer  sollert.  anim.  8  p.  965  '4>.  Rußosu;').  Dieser 
ist  bei  Pape- Benseier  fälschlich  mit  dem  Tyrios  bei  Photios  cod.  44 
identifiriert,  weil  er  gerade  als  Quelle  für  Tyrische  Geschichte  citiert 
wird.  Ferner  ist  wohl  zu  trennen  der  Philostratos  Tyrios,  den  Photios 
cod.  150  als  Verfasser  eines  Xe£ix6v  töv  rcapa  xotc  Mxa  p^xopoiv  Xigttov 
xaxa  atotxstov  neben  Julian  und  Diodor  erwähnt. 

M)  Daü  gerade  Künstler  und  Gelehrte  nicht  selten  das  Bürgerrecht 
in  mehreren  Städten  besaßen,  zeigt  Schmid,  Philol.  57,  1898,  S.  503  f. 
an  einer  Reihe  von  Beispielen. 


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Die  Philostrate. 


483 


Ulpian  seine  Heimat  preist,  und  nicht  Antiocheia,  hatte  ge- 
wiß seinen  Grund  in  der  bekannten  Mißachtung,  die  die  An* 
tiochener  gegen  Kunst  und  Wissenschaft  an  den  Tag  legten 
(vgl.  Mommsen,  Rom.  Gesch.  V 4  S.  459  ff.) ;  läßt  doch  PhiL 
seinen  Geisteshelden  Apollonios  mit  kräftigen  Worten  die  An- 
tiochener  als  dvfrpcüTCOus  ^{itßapßapou;  xai  dfiouaou?  geißeln 
(p.  16,  24.  vgl.  auch  p.  124,  22  iffc  'Avxtoxeta^  ouv^d-ü)?  ußpir 
'irJj~r^  xac  [irfiiv  kov  fEXXr/Vixü>v  ea7touÖ*axu£a{) ;  auch  mochte 
das  tragische  Ende  Julias  ihrem  Schützlinge  Phil,  den  Auf- 
enthalt in  Antiocheia  verleidet  haben. 

In  Tyros  scheint  also  Phil,  das  große  Werk,  das  er  im 
Auftrage  seiner  hohen  Gönnerin  unternommen,  die  8  Bucher 
v  tos  ig  xöv  Tuavia  'AnoXXibvtov,  vollendet  und  herausgegeben  zu 
haben.  War  Julia  Domna  auch  gewiß  nicht  die  Trägerin  und 
Leiterin  großer  religiöser  Reformbestrebungen,  zu  der  man  sie 
hat  machen  wollen 32),  so  ist  doch  leicht  begreiflich,  daß  in 
jener  Zeit  des  allgemeinsten,  alles  umfassenden  Synkretismus 
die  geistig  hochstehende  Syrerin  an  einem  Apollonios  von 
Tyana  Anteil  nehmen  konnte.  Es  ist  für  uns  schwer,  über 
Leben  und  Art  dieses  Mannes  sicheres  zu  ermitteln,  denn  schon 
damals,  ein  Jahrhundert  etwa  nach  seinem  Tode,  schwankte 
sein  Bild  zwischen  Licht  und  Schatten  je  nach  der  Auffassung 
des  Beschauers.  Die  einen  erklärten  ihn  schlechtweg  für  einen 
Betrüger  und  Zauberer  (Lukian.  Alex.  5.  Dio  C.  77,  18,  4 
y6*)g  xal  u.ötyo;)  88),  die  große  Masse  dagegen,  und  nicht  bloß 

M>  Jean  Räville  in  seinem  bereite  (Anm.  21)  erwähnten,  etwas  über- 
schwenglich gehaltenen,  aber  ausgezeichneten  Buche,  Cap.  VI  und  VII; 
dagegen  bes.  Göttsching  a.  a.  0.  S.  74  ff.,  der  seinerseits  wieder  allzu 
unkritisch  geneigt  ist,  allen  Klatsch  der  historia  Augusta  zu  glauben. 

'*)  Die  Lukianstelle  ist  das  älteste  Zeugnis  über  Apollonios  (vgl. 
bes.  Ed.  Müller,  War  Ap.  v.  T.  ein  Weiser  oder  ein  Betrüger  . .  .?, 
Liegnitz  1861  S.  7  f.),  da  Apul.  apol.  90  der  neuern  Kritik  zufolge  weg- 
fallt. Falsch  bezieht  Jessen,  Ap.  v.  T.  u.  i.  Biograph  Phil.,  Hamburg 
1885,  S.  36  Dio  Prus.  31,  122  statt  auf  Musonius  (vgl.  Arnim,  Dio  v.  Prusa, 
1898,  3.  152)  auf  Apollonios.  Vor  Phil.s  v.  Ap.  fallen  wahrscheinlich 
nur  noch  die  Erwähnungen  des  Apollonios  bei  Dio  C.  (vgl.  Schwartz 
in  Pauly-Wissowa  III  1686),  außer  der  genannten  noch  67,  18.  Hier 
erzählt  Dio  ziemlich  übereinstimmend  mit  Phil.  v.  Ap.  8,  26  p.  339  des 
Apollonios  hellseherische  Verkündigung  der  Ermordung  Domitians, 
mit  der  Versicherung  toÖto  uiv  oütwc  lyivtxo,  xdv  uupidxts  u$  dTtwTiJo^; 
war  des  Traum-  und  Wundergläubigen  Dio  Gewährsmann  hierfür  etwa 
Phil.,  durch  mündliche  Mitteilung?  Die  Geschichte  wird  bei  den  Byzan- 
tinern oft  nacherzählt:  Job.  Antioch.  frg.  107  a.  E.  (F.  H.  G.  ed.  Müller 

Philologe,  Snpplementband  X,  viert«»  Heft.  32 


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484  Karl  Münscher, 

die  der  Ungebildeten,  sah  in  ihm  mindestens  einen  unverächt- 
lichen  Philosophen,  das  Haupt  des  Neupythagoreiamus  zu- 
meist einen  wahrhaft  verehrungswürdigen  Weisen  oder  gar 
ein  mit  fibermenschlicher  Kraft  begabtes  Wesen:  kulturelle 
Verehrung  ward  ihm  hier  und  da  zu  teil88).  Es  gab  Werke 
des  Mannes,  echte  wie  unechte  *•),  es  gab  eine  Litteratur  Uber 
ihn,  in  der  die  Gläubigen  wie  die  Skeptiker  zu  Worte  ka- 
men87): Gründe  genug,  das  geschärfte  religiöse  Interesse  der 
Kaiserin  dem  seltsamen  Manne  zuzuwenden.  Vielleicht  waren 
es  auch  äußere  Umstände,  die  zuerst  Julias  Aufmerksamkeit 
weckten.  Ueber  Tyana,  Apollonios'  Geburtsstadt,  die  zweite 
Stadt  der  10  kappadokischen  Aemter  (s.  Mommsen,  Rom.  Ge- 
sch. V4  S.  306),  am  Tauros  {npb<;  Ta6p(p  heißt  sie  auf  Münzen, 
und  der  schreitende  Stier  ihr  Münzbild),  wenig  nordlich  der 
kilikischen  Tore  gelegen,  führte  die  große  Heerstraße  aus 
Kleinasien  nach  Syrien,  auf  der  wie  schon  Kyros  mit  seinem 
Griechenheere  (Xenoph.  Anab.  1,  2,  20)  und  Alexander  der 
Große  (Aman.  Anab.  2,  4,  3.  Curt  3,  9,  1—2.  vgl.  Strabo 
12,  2,  9  p.  539)  noch  in  der  Kaiserzeit  die  römischen  Heere 

IV  p.  580).  Zonar.  11,  19  p.  582*.  Gramer  Anecd.  gr.  Paris.  II  (1839) 
p.  29,  1  ff.  (napl  fotßouXAv  xcttdc  ßooiXiov  ysyovoUBv)  nach  Dio,  Ephraem 
chron.  49—52,  Tzetz.  Chil.  2,  962-969  nach  Phil. 

M)  Vgl.  z.  B.  Amm.  21,  14,  5.  Themist.  or.  6  p.  72*  nennt  töv 
ix  Ti>dvo)v  (ohne  Namen)  neben  Plato  und  Musonius. 

3£>)  Miller,  Pauly-Wissowa  II  147.  Für  die  Verbreitung  des  BildeB 
des  Ap.  zeugt  noch  die  Umschrift  (Ap)oloniua  Thyaueus  (C.  J.  L.  VI 
29828  =  Dessau  I  2918)  um  sein  erloschenes  Medaillonbild  an  der  Wand 
eines  römischen  Nymphäums  (vgl.  Maas*,  Die  Tugesgötter.  1902,  S.  50). 

")  Miller  a.  a.  O.  II  148.  —  Die  auf  ihre  Authentie  noch  kaum 
geprüfte  Briefsammlung  hat,  ob  eoht  oder  unecht,  als  fast  einzige 
Quelle  über  Apollonios  neben  Phil,  den  größten  Wert;  Ansätze,  sie  in 
dieser  Hinsicht  auszubeuten,  bei  Jessen  a.  a.  O.  8.  32  ff.,  Götteching 
a.  a.  O.  S.  125. 

,7)  Ueber  die  bereits  Phil,  vorliegenden  e.  unten  S.  486.  —  Aus 
späterer  Zeit  kennen  wir  noch  einen  ßloc  'AitoXXo>v(ou  xoü  Tuavfa>c  von 
dem  unter  Diocletian  blühenden  Soterichos  (Suidas  s.  v.)  aus  Oasis 
(Steph.  Byz.  Taoic,  TtdXtc  Atßuijc*  Xsystoci  xal  "Oaoic).  Eine  lateinische 
Bearbeitung  des  Lebens  des  Ap.  stellt  Vopiscus  (Aurelian.  24,  9)  in 
Aussicht  Eine  solche  lieferte  (Ende  saec.  IV)  Virius  Nicomachus  Fla- 
vianus,  der  Vorkämpfer  für  die  alte  Religion  neben  den  Symmachi 
(vgl.  Schanz  IV  1,  1^04,  S.  83  f.);  daraus  fertigte  eine  Abschrift  der 
Freund  der  jüngern  Symmachi  und  Liviusemendator  Tascius  Victorianus 
(vgl.  Traube,  Paläographische  Forschgn.  IV,  Abhdlgn.  d.  K.  bayr.  Ak. 
d.  Wies.  III.  Kl.  XXV,  1,  Mönchen  1904,  S.  16),  die  der  Bischof  Sido- 
nius Apollinaris  (epist  8,  3,  1)  seinem  Freunde  Leo  auf  Wunsch  über- 


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Die  PhiloBtrate.  485 

(vgl.  z.  B.  Vopisc.  Aurelian.  22,  5)  wie  die  einzelnen  Reisenden 
(z.  B.  Libanios  or.  1,  14.  Itin.  Bardig.  p.  16,  18)  über  das 
Taurosgebirge  nach  der  Ebene  von  Tarsos  hinabstiegen.  Auch 
Julia  Domna  hat  also  Tyana  öfters  berührt.  Einen  längeren 
Aufenthalt  des  Kaisers  Severus  daselbst,  ob  während  des  ersten 
oder  zweiten  Orientzuges  ist  ungewiß  3B),  veranlaßt  durch  eine 
Erkrankung  des  Prafekten  Plautianus,  erwähnt  Dio  C.  75, 15, 4  8*). 
Welche  große  Fürsorge  Caracalla  der  Stadt  Tyana  zu  teil  wer- 
den ließ,  lehren  die  Münzen:  unter  seiner  Regierung  erhielt 
sie  den  Titel  colonia  mit  den  Beinamen  Antoniniana  und  Au- 
relia (Imhoof-Blumer,  Kleinasiatische  Münzen  II  1902,  S.  499) ; 
ihm  zu  Ehren  feierte  sie  einen  Agon  (ATQN.  ANTQNINIAN., 
Eckhel,  Doctr.  numorum  III  1794  s.  v.  Tyana  p.  194/5).  Nach 
Dio  G.  (77,  18,  4)  erbaute  Caracalla  dem  Apollonias  ein  Heroon, 
offenbar  dasselbe  Heiligtum,  das  Phil,  am  Schlüsse  der  v.  Ap. 
p.  B44,  4  erwähnt  als  fepdk  TuavaSe  ßaatAefois  &c7cenoci}uiva 
xiXeatv ;  es  war  erbaut  an  der  Wiese,  auf  der  Apollonios  nach 
der  Lokaltradition  geboren  sein  sollte  (v.  Ap.  p.  5,  4)  40).  Phil, 
erzählt  mancherlei  nach  den  mündlichen  Angaben  der  Tyaneer 
(vgl.  p.  5,  16  und  22):  am  Heimatsorte  des  Apollonios  hat  er 
also  geweilt  und  seine  Erkundigungen  eingezogen,  und  allen 
Umständen  nach  zu  urteilen,  werden  wir  seinen  Aufenthalt  in 
Tyana  mit  einem  der  Kaiserin  daselbst  in  Zusammenhang 

M)  Ceuleneer  a.  a.  0.  S.  75  Anm.  1  verlegt  diesen  Aufenthalt  in 
den  ersten  Orientzug  gegen  Pescennius  Niger.  C.  Fach«,  Gesch.  d.  K. 
L.  Sept.  8er.  (Wien  1884,  Untersuchen,  z.  alt  Gesch.  Heft  5)  S.  89 
vielleicht  mit  größerer  Wahrscheinlichkeit  auf  die  Rückreise  aus  dem 
zweiten  im  J.  2o2.   Vgl.  auch  Höfner  a.  a.  0.  S.  248. 

")  Bereits  Baur  a.  a.  0.  S.  126  Anm.  (=  S  Abhdlgn.  S.  122)  be- 
nutzte die  Dioe teile  in  gleichem  Sinne;  vgl.  auch  Göttsching  a.  a.  0. 
S.  77. 

*•)  V.  Ap.  p.  5,  4  konjiciert  Jessen  a.  a.  0.  S.  5  Anm.  1  mit  Recht 
dy.Tisfcobrtat.  Nach  quaestio  34  (24)  der  quaestiones  et  responsiones  ad 
orthodoxe*,  die  Harnack,  Texte  und  Unterschgn.,  N.  F.  VI  (XXI)  Heft  4, 
Leipzig  1901,  neuerdings  wieder  für  Diodor  von  Tarsos  in  Anspruch 
nimmt,  wurde  eine  wundertatige  Bildsäule  des  Apollonios  von  den 
Christen  zerstört;  vielleicht  in  Tyana?  Harnack  denkt  (S.  38)  an  Anti- 
ocheia;  die  vom  Fragenden  erwähnten  tsXio^ata  sind  sicher  die  anti- 
ochenischen  (s.  S.  486  Anm.  41),  von  dem  Standbilde,  das  der  Ant- 
wortende erwähnt,  ist  Antiocheia  aber  keineswegs  als  Standort  sicher.  — 
Am  Concil  von  Nicaea  nahm  Bchon  ein  Bischof  von  Tyana,  Eupsychios 
(Patr.  Nicaen.  1,  96.  2,  95  u.  s.),  teil  (s.  Rhein.  Mus.  LXI,  19u6  8.  65). 
Im  J.  366  tagte  in  Tyana  ein  christliches  Concil,  Cassiod.  hist  7,  28 
p.  109QC  Migne,  vgl.  Manei  8,  894  sqq. 

32* 


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486 


Karl  Mflpscher, 


brimzen.  Im  Frühiahr  215  zog  Caracalla  von  Nikomedeia 
aus  nach  Syrien :  wohl  möglich,  daß  ein  Aufenthalt  des  Hofes 
in  Tyaua  anf  diesem  Zuge  Caracallas  und  Julias  Interesse  für 
den  Tyaneer  weckte :  da  erhielt  der  im  Gefolge  anwesende  Hof- 
sophist Phil,  den  Auftrag,  das  Leben  des  Wundermanns  zu 
verherrlichen.  Erinnert  sei  auch  noch  daran,  daß  im  Daph- 
nenm  zu  Antiocheia  eine  Tradition  Ober  Apollonios 41)  sich 
erhalten  hatte,  die  der  Kaiserin  bekannt  werden  konnte  (v. 
Ap.  1,  16-17.  ygl.  auch  p.  249,25). 

Phil,  nennt  (v.  Ap.  p.  4)  drei  Schriften  über  Apollonios. 
Davon  stimmten  die  4  Bücher  des  Moiragenes,  wie  es  acheint, 
nicht  in  den  Chor  der  Bewunderer  des  Apollonios  ein,  Phil, 
lehnt  sie  deshalb  ab;  ihre  Existenz  wird  bezeugt  durch 
die  Anführung  bei  Origenes  (c.  Cels.  6,  41.  Die  Erwähnung 
bei  Tzetzes.  Chil.  2,  974  stammt  wohl  aus  Phil. 4a).  Maximus 
von  Aegae,  nach  p.  11,  29  kaiserlicher  Imorotäx;  (welches 
Kaisers  ist  ungewiß),  hatte  die  Jugendzeit  des  Apollonios,  die 
dieser  großenteils  in  Aegae  zugebracht  hatte,  behandelt;  ihm 
folgt  Phil,  im  Anfange  seines  Werkes  (p.  6-11).  Das  dritte 
sind  die  u7io|AVT}fAaia  des  Damis  aus  Ninive,  die  Phil,  im  wesent- 
lichen seiner  Biographie  zu  Grunde  gelegt  und  nur  stilistisch 
umgestaltet  haben  will.  Man  nimmt  heute  ziemlich  allgemein 


*»)  Allerdings  entstammten  die  tsXiouata  selber,  die  nach  byzanti- 
nischer Tradition  zu  Antiocheia  (wie  zu  Gonstantinopel)  bestanden, 
d.  h.  verzauberte  Bildwerke  (vgl.  Diele,  Elementum,  1899,  S.  56),  die 
als  Talismane  irgendwelche  Gefahren  bannen  sollten,  wohl  dem  Glauben 
einer  späteren  Zeit.  Es  ist  das  Verdienst  Millers  (Philol.  N.  F.  V  1892 
S.  581—4  und  Pauly-Wissowa  II  146),  die  byzantinischen  Quellen  heran- 
gezogen zu  haben.  Nur  stammen  die  Nachrichten  gewiß  nicht,  wie 
Miller  meint,  aus  einer  Biographie  des  Apollonios,  sondern  aus  antio- 
chenischer  bez.  byzantinischer  Lokaltradition :  Malalas,  der  sie  am  aus- 
führlichsten giebt  (p.  268,  18—266,  11  Bonn.;  vgl.  Kedren.  I  p.  431, 
14  sqq.  und  I  p.  73,  9  sqq.  Cramer,  Anecd.  gr.  IV,  1837,  p.  240)  war 
Antiochener,  'sein  Werk  erscheint  geradezu  als  eine  (antiochenische) 
Stadtchronik'  (Krumbacher »,  Gesch.  d.  byz.  Litt  S.  327).  Interessant 
ist,  daß  sogar  in  dem  livre  des  talismans,  das  in  arabischen  Quellen 
dem  Baiinas  =  Apollonios  beigelegt  wird,  der  talisman  que  j'ai  fait 
ä  Antioche  contre  les  punaises  erwähnt  wird  (S.  129  bei  Leclerc,  de 
l'identite*  de  Baiinas  et  d'Apollonius  de  Tyane,  Journal  Asiatique,  VI. 
•ene,  tom.  XIV  1869  S.  111—131). 

**)  Die  Identificierung  dieses  Moiragenes  mit  dem  in  Plut.  quaest 
conv.  4,  61  als  Mitunterredner  vorkommenden  lehnt  Zeller,  Philos.  d. 
Griech.  III  2»  S.  183  Anm.  2  wohl  mit  Recht  ab. 


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Die  Philostrate. 


487 


an,  daß  Damis  und  sein  Buch  eine  Fiktion  sei  (£.  Schwarte, 
Fünf  Vortrage  über  d.  griech.  Roman,  1896,  S.  126.  Leo  a.  a.  0. 
S.  261.  v.  Arnim,  Pauly-Wissowa  IV  2057).  Und  in  der  Tat  sieht 
das,  was  Phil.  Aber  die  Art  nnd  Weise  mitteilt,  wie  er  bez.  die 
Kaiserin  Julia  in  den  Besitz  des  Boches  gelangt  sei,  daß  näm- 
lich ein  Verwandter  des  Damis  die  bis  dahin  unbekannten 
SeAxot  jener  (mo\i^\tax<x,  der  Kaiserin  fibergeben  habe,  zunächst 
gttr  sehr  ans  wie  Fiktion,  mit  der  Absicht,  der  Erzählung 
größere  Autorität  zu  verschaffen.  Aber  bei  Phil,  setzt  von 
p.  19  an  unverkennbar  die  Benutzung  einer  neuen  Quelle  ein 
(das  voranliegende,  das  auch  nicht  aus  Maximus  stammt,  Füllt 
die  Lücke  schlecht  genug  aus;  außer  eigenem,  bes.  p.  16,  re- 
prodociert  Phil,  da  vielleicht  Moiragenes,  vgl.  Miller  Philo!. 
51,  1892,  S.  583);  Phil,  folgt  von  da  ab  —  aus  eigener  Lek- 
türe fortwahrend  sophistische  Exkurse  einschiebend  und  über- 
all erweiternd  —  einem  Reiseberichte;  und  warum  sollte  dies 
Schwindelbuch,  dem  Phil,  blindlings  folgt,  nicht  den  Verfasser- 
namen Damis  getragen  haben?  (vgl.Rohde,  griech.  Roman  8.  439 
Anm.  v.  Gutschmid,  EL  Schriften  V,  1894,  S.  548).  Ja,  sogar  die 
Geschichte  von  der  Auffindung  und  Ueberreichung  des  Buches 
erscheint  mir  nicht  so  ganz  unglaubhaft,  wenn  ich  mir  als  Akteure 
ein  paar  geriebene  Priester  —  etwa  vom  Apolloniosheiligtum 
in  Tjana  —  denke,  die  auf  diese  Weise  die  Wißbegier  und 
den  Glauben  der  Kaiserin  ausnutzten.  Dagegen  ist  kaum  zu 
glauben,  daß  Phil,  den  Kamen  der  Kaiserin  als  Deckmantel 
für  eine  Fiktion  sollte  mißbraucht  haben  (vgl.  Göttsching 
a.  a.  0.  S.  71).  —  Nicht  innerer  Drang  trieb  Phil.,  des  Apollonios 
Leben  zu  schreiben ;  er  hatte  keine  philosophischen,  geschweige 
religiösen  Interessen ;  Wunsch  und  Willen  der  Kaiserin  erfüllt 
er  ift  seiner  Weise,  er  ist  Sophist:  als  solcher  bearbeitet  er 
den  gegebenen,  im  Grunde  ihm  gleichgiltigen  Stoff,  putzt  ihn 
auf  durch  Einfügung  zahlreicher  geistreich  und  gelehrt  sein 
sollender  Einlagen,  —  Geschichten  wie  sie  Ailianos  aneinander- 
zureihen liebt  —  und  schafft  dadurch  erst  nach  seiner  Mei- 
nung ein  lesbares  Buch:  das  Vorhandene  |i£xaypi^ai  und  rf}; 
änccffeXiou;  .  .  .  iTitptcXij^fjvat  (p.  4,  4),  das  ist  seine  Aufgabe, 
seine  Leistung.  Wie  verkehrt  es  war,  einem  solchen  Manne 
eine  christenfeindliche  Tendenz  unterzuschieben,  liegt  auf  der 


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483 


Karl  Münscher, 


Hand48).  Der  Dünkel  des  griechischen  Sophisten  ging  ahnungs- 
los vorüber  an  der  damals  schon  die  Weit  umspannenden  Ge- 
meinde der  Christianer,  von  deren  Lehen,  Lehre  und  Schriften- 
tum  er  in  Antiocheia  vor  allem  hätte  Kenntnis  gewinnen  können, 
wo  neben  der  größten  orientalischen  Ueppigkeit  und  Sitten - 
losigkeit  eine  der  ältesten  und  bedeutendsten  Christengemeinden 
bestand.  Er  stand  verständnislos  den  syn kr etis tischen  Be- 
strebungen des  Kaiserhauses  selbst  gegenüber,  die  eine  Julia 
Mamaea  (der  Domna  Nichte)  den  Origenes  nach  Antiocheia 
rufen  (Euseb.  hisi  eccl.  6, 21),  ihren  Sohn  Severus  Alexander 
Christi  Bild  in  seinem  Lararium  aufstellen  und  Christus  unter 
die  Zahl  der  zu  verehrenden  Götter  rechnen  ließen  (Lampr. 
Alex.  29,  2.  43,  6).  Eine  spätere  Zeit  erst  spielte  Apollonios 
als  heidnisches  Gegenstück  zu  Christus  aus,  und  Hierokles, 
der  als  erster  die  Parallele  zwischen  Apollonios  und  Christus 
zog  (in  diocletianischer  Zeit)  griff  dabei  auf  Phil.s  Werk  zu- 
rück. So  lange  der  Streit  zwischen  Christus  und  den  alten 
Göttern  währte,  figuriert  von  da  an  der  Magier  von  Tyana  , 
im  apologetischen  Material  der  Heiden  und  Christen,  daneben 
blieb  er  als  Zauberer  mit  seinen  -zekloponot  bis  ins  Mittelalter 
hinein  eine  Gestalt  des  Volksglaubens,  und  auch  in  der  Neu- 
zeit hat  er  stets  das  Interesse,  besonders  der  Theologen,  er- 
weckt44) und  hat  als  Träger  christenfeindlicher  Tendenzen 
mehrfach  Neuer  weckungen  erfahren46). 

Die  Vollendung  des  in  ihrem  Auftrage  von  Phil,  unter- 
nommenen Werkes  hat  Julia  Domna46)  nicht  erlebt:  der 

*8)  Auf  die  y.  Ap.  naber  einzugehen,  ist  im  Rahmen  dieaer  Unter- 
suchung unmöglich,  ist  auch  ungleich  wichtiger  für  Apollonioa  als  für 
Phil.  —  Die  Uebereinstiinmungen,  die  man  zwischen  der  v.  Ap.  und 
den  christlichen  Evangelien  aufgezeigt  hat,  beruhen  schwerlich  auf 
Absicht,  und  wenn  doch,  so  war  das  nicht  eine  Absicht  Phils,  sondern 
der  früheren  Apolloniosbiographen.  Ueber  diese  handelt  jetzt  geistreich 
R.  Reitzenstein  in  seinen  Hellenistischen  Wundererzählungen,  Leipzig 
1906,  S.  40  ff.,  die  mir  erst  während  des  Druckes  zugehen.  Den  Damis 
halt  auch  R.  keineswegs  für  fiktiv. 

u)  Die  neuste,  mir  noch  nicht  in  die  Hand  gekommene  Bearbeitung : 
ApolloniuB  von  Tyana,  der  Magus  ans  Osten,  von  R.  Meyer-Kramer 
steht  in  den  Monatsheften  der  Comeniusgesellschaft  15,  1.  Vgl.  auch 
Th.  Whittaker,  Apollonius  of  Tyana  and  other  Essays,  London  1906. 

*•)  Ueber  diese  Litteratur  vgl.  bes.  Jessen  a.  a.  0.  S.  3. 

*•)  Schwartz,  a.  a.  0.  S.  131,  verwechselt  Julia  Domna  mit  Julia 
Mamaea.  —  Der  Aufsatz  von  Mary  Gilmore  Williams  Ober  Julia  Domna 
im  Journal  of  Archaeology  1902  war  mir  nicht  zugänglich. 


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I 

i 

Die  Philo*  träte.  489 

lebenden  hätte  Phil,  gewiß  sein  Bach  gewidmet,  der  toten 
konnte  er  nnr  durch  seine  Worte  (s.  oben  S.  477)  ein  Denkmal 
setzen.  Nach  217  ist  also  und  wahrscheinlich  von  Tyros  aus  die 
Apolloniosbiographie  ediert,  vor  den  ߣoi  ao^toxöv  (s.obenS.  469). 

Dies  spätere  Werk  gibt  uns  auch  über  das  spätere  Leben 
des  Verfassers  erwünschten  Aufschluß.  Am  Ende  des  ganzen 
Buches  (p.  126,  31  sqq.)  nennt  Phil,  noch  drei  Sophisten,  Über 
die  er  ablehnt,  sich  weiter  auszulassen,  xai  fdp  5v  %al  dmcrrTj- 
ftefyv  &s  x*?10*^0^  V>oi  <ptX£a  npb;  aöiou?  ^v.  Diese 

drei  sind  Philostratos  der  Lemnier  (der  uns  alsbald  beschäftigen 

*  wird),  der  Athener  Nikagoras  und  der  Phönikier  Apsines  *7). 

Von  Nikagoras  kennen  wir  durch  Suidas  den  Namen 
seines  Vaters  Mnesaios,  der  selbst  schon  Sophist  war,  seinen 
Sohn,  den  jüngeren  Minukianos  *8),  dessen  Blüte  Suidas  unter 
Gallienus  (253/68)  setzt,  und  ein  paar  Büchertitel,  darunter 
einen  itpeoßeiraxös  itpö$  Oi'Xmrcov  xöv  Tctyiafav  ßaotX£a :  unter 
Philippus  Arabs  (244-9)  verlegt  deshalb  Suidas,  bez.  He- 
sycbius,  seine  Blüte.  Apsines  aus  Gadara  in  Syrien,  den  Phil, 
den  Phoinikier  nennt,  ist  der  bekannte  Verfasser  rhetorischer 
Schriften  und  der  uns  erhaltenen  x^xvrj.  Er  blüht  nach  Suidas 
unter  Mazimus  (235/8).  Dazu  tritt  ergänzend  die  Notiz  Ober 
den  Sophisten  Maior  aus  Arabien  bei  Suidas  s.  v. :  ouvexpo- 
vtofi  'A^fvn  xorf  Ncxayopqc  iizl  «DiX^tttcou  toO  Ka(aapos  %al  iicava). 
Bis  gegen  die  Mitte  des  IIL  Jhhs.  hat  also  auch  Apsines49) 
neben  Nikagoras  in  Athen  gewirkt.  —  Mit  diesen  beiden  und 
Phil.  Lemnios  war  Fl.  Phil,  befreundet,  als  er  zwischen  280 
und  238  seine  ßtot  schrieb:  deshalb  schon  möchte  man  ver- 

*  muten,  daß  er  in  dieser  Zeit  neben  seinen  Freunden  in  Athen 
lebte  und  tätig  war.  Die  Vermutung  wird  zur  Tatsache  er- 
hoben durch  Suidas  s.  v.  Op6vT<i>v  'EpuaTQVös  pfpwp.  Dieser 
hat  unter  Severus  in  Rom  geblüht,  danach  h  ti  \A{Wjvats 

4T)  Selbstverständlich  sind  diese  drei  noch  am  Leben  znr  Zeit,  wo 
Phil,  das  schreibt,  trotz  des  imperf.  p.  127,  7;  vgl.  z.  B.  p.  126,  29. 
Hammer,  de  Apsine  rhetore,  progr.  Guntian.  1876  p.  4  bereitet  sich 
unnötige  Schwierigkeiten  duroh  die  Annahme,  Phil,  bezeichne  den 
Apsines  hier  als  kürzlich  verstorben.  Den  gleichen  Irrtum  begeht  F. 
Rudolph  a.  a.  0.  p.  5. 

*•)  Vgl.  Glöckner,  qnaestiones  rhetoricae,  Bresl.  phiL  Abhdlgn.  VIII, 
1901,  p.  22  sqq. 

«•)  Vgl.  Hammer  a.  a.  0.  und  bes.  Brzoska,  Pauly-Wissowa  II  277  ff 


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490  Karl  Mttnsoher, 

ävteiratö'euae  OtXoorpflExqi  Tfy  irpuVccö  xal  'AtylwQ  -rtp  Totfopef. 
Der  Phil.  6  rcpöxo;  (über  die  Zählung  8.  unten  8.  518)  kann 
nur  der  von  uns  behandelte  Fl.  Phil,  sein  (vgl.  Rohde,  Gött. 
gel.  Anz.  a.  a.  0.  S.  35  Anm.  2),  mit  dem  wie  mit  Apsines 
jener  Fronto  za  Athen  in  Konkurrenz  trat. 

Von  Tyros  ist  also  Phil,  nach  längerem  Aufenthalt  wieder 
nach  Athen  zurückgekehrt.  Hier  lebte  er  nun  als  ein  leben- 
diges Beispiel  dafür,  was  an  Ruhm  und  Ehre  ein  Sophist  ge- 
winnen könne,  er,  der  langjährige  Vertraute  des  Kaiserhauses. 
Mit  Stolz  nannte  man  ihn  nun  'Afrjvatoc  *) ;  er  scheint  selbst 
diesen  Beinamen  gern  gebraucht  und  die  Bezeichnung  als 
Lemnios  seinem  jüngeren,  aufstrebenden  Verwandten  überlassen 
su  haben.  Hierokles  (wörtliche  Citate  aus  seinem  ?tX- 
aXVjfrrjt  bei  Eusebios  p.  371,  13  und  406,  29  in  Kaysers  kl. 
Philostrat- Ausg.  I)  und  Eusebios  (im  dvTtppr/Ttxb$  7ipö;  t& 
lepox>iou{  p.  371,  24  und  373,  5)  nennen  ihn  den  Athener. 
Und  die  Athener  bewiesen  sich  dankbar  gegen  ihren  berühm- 
ten Mitbürger:  wir  besitzen  noch  die  Inschrift  des  Standbildes, 
das  ihm  in  Olympia  errichtet  wurde:  'Af<x&ü  töxtj.  A6yu«Tt 
Tifc  'OXufiTctxfjc  ßouXfjs  OX(<*ßtov)  <&iA6<JTparcov  'Afrnvtfov  r)  Xau- 
«poraxn  iwzpiz  (Olympia,  Ergebnisse  V,  Inschriften,  Berlin 
1896,  Nr.  476  =  Dittenberger »,  Sylloge  I  412).  Auch  den 
Demos  wissen  wir  zu  nennen,  dem  die  Familie  der  Philostratoi 
angehörte;  denn  der  L(ukios)  Fla(vios)  Philostratos  Steiriens61), 

*•)  Das  athenische  Bürgerrecht  hat  Phil,  nicht  erat  jetzt  erworben, 
wie  W.  Schmid,  Philo».  57,  1898,  S.  503  will,  das  besaßen  die  Philo- 
strate von  Hause  aus  als  geborene  Lemnier;  s.  oben  S.  473.  —  Seine 
genaue  Ortskenntnis  in  Athen  zeigen  manche  Stellen:  v.  soph.  p.  55, 
13.  104,  23.  106,  29.  122.  32.  Ueber  Lebadeia  in  Boeotien  gtebt  er 
mündliche  Lokaltradition  (v.  Ap.  8,  20  p.  336, 16).  —  Wir  beobachten  also 
die  seltsame  Erscheinung,  daß  derselbe  Mann  uns  mit  3  Beinamen  ( A^jmoc, 
Töptog,  'A*rjv«loc)  begegnet.  Es  spricht  sich  darin  das  Streben  aus, 
durch  die  Beinamen  die  verschiedenen  Philostrate  zu  unterscheiden; 
und  wie  es  scheint,  ist  Phil,  selbst  mit  dieser  wechselnden  Bezeichnung 
vorangegangen,  deren  Mannigfaltigkeit  freilich  die  Unterscheidung  der 
Personen  in  Wahrheit  erschwert  hat. 

")  Der  älteste  Phil,  aus  Athen,  den  wir  kennen,  ist  der  Arist  equ. 
1069  erwähnte  xovaXc&wjg.  Der  Name  Phil,  begegnet  in  vielen  att. 
Demen.:  Alfcovsuc  C.  J.  A.  1766.  'AX«s<»c  C.  J.  A.  338.  'Apct^vios  C. 
J.  A.  469,  102.  'Axapvsftc  C.  J.  A.  465  und  791,  80.  Ktj<pwisö6  Ditten- 
berger, syll.  173,  5.  Ko&üxiÖTjc  C.  J.  A.  812  b  63.  KoXe>v*)&sv  C.  J.  A. 
803  f  37  tptijpapx0«-  [Demosth.]  59  ,  22  Ehetor.  Otyfrsv ,  Vater  des 
Philosophen  Polemo:  Diog.  L.  4,  3,  1  und  Suid.  s.  v.  Polemo.  UaXXrp9f>e 
[PlutJ  X  erat.  v.  Antiph.  1.  76  (Wettenn.  Biogr.  p.  238).  Dittenberger, 


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Die  Philostrate. 


491 


der  als  Archon  im  Ephebenverzeichnis  (C.  J.  A.  III  1202,  1) 
der  35.  Panatbenais  (wahrscheinlich  =  Olymp.  260,  2  =  262/3, 
oder  254/5  oder  258/9  nach  der  Berechnung  Dittenbergers, 
die  attische  Panathenaidenära ,  Commentat.  Mommsenianae 
1867,  p.  242— 253;  vgl.  Klebs,  Prosopogr.  imp.  Rom.  II  p.  71  sq.) 
vorkommt,  ist  sicherlich  ein  Nachkomme  oder  Verwandter  des  » 
von  uns  behandelten  Fl.  Phil.62).  Seine  Familie  lehrt  uns 
eine  Inschrift  aus  Erythrae  kennen  (Dittenberger2,  Sylloge  I  • 
413  nach  Pottier  im  Bull,  de  corresp.  hellen.  IV  1880  S.  153); 
sie  wurde  einem  Fl.  Capitolinus  ouvyevf)  xal  dSeXcpbv  %cd  {relov 
auvxA7p.xä)(v)  von  der  Bule  der  Erythräer 6S)  als  ihrem  xpocpt- 
jios  und  EuepYivriq,  gesetzt,  der  vorher  bezeichnet  wird  als : 
(t)öv  toO  aö^pioroO  4>X(aßtou)  <S>ikoaxpdxo\3  xal  Tfjc  xpaTt'arnc 
AOpTjXfa?  MeXtTfvrj;  u£6v.  In  dem  Vater  sieht  Dittenberger  mit 
Recht  den  berühmtesten  Phil.,  den  wir  behandeln.  Der  Stein 
gibt  uns  den  Namen  seiner  Gattin,  des  einen  seiner  Sohne  (das 
a5eXcp6v  zeigt,  daß  Capitolinus  mindestens  noch  einen  Bruder 
hatte)  und  lehrt,  daß  die  gesamte  Familie  senatorischen  Rang  be- 
saß ;  diesen  wird  Fl.  Phil,  während  seines  Hoflebens  erhalten  haben.  * 

In  Athen  hat  also  Phil,  sein  zweites  großes  Werk  voll- 
endet, die  ߣoc  aocptoröv,  in  dem  er  den  Trägern  jener  höch- 
sten Blüte  der  Kultur,  die  er  in  den  Sophisten  sah,  ein  immer- 
hin glänzendes  Denkmal  errichtete.  Er  widmete  sein  Werk 
einem  Freunde  und  Gönner  aus  der  Glanzzeit  seines  Lebens, 
jenem  greisen  Antonius  Gordianus,  dem  Proconsul  Afrikas, 
der  in  den  schöngeistigen  Hofkreisen  gewiß  eine  bedeutende 
Rolle  gespielt  hatte:  wie  mit  Cicero  und  Vergil  war  er  mit 

syll.  606,  51  (a.  333—322).  Hsisawis  C.  J.  A.  962.  Ilöptoc  Dittenberger, 
syll.  728,  IL  XoXapytös  Alkiphr.  cpist.  1,  9,  2.  —  Yal  C.  J.  A.  945 
and  959  c  2.  —  Der  Frauenname  Philostrate  begegnet  C.  J.  A.  1774  (ans 
Algwv^),  1879  (aus  'AvdqpXuoxoc),  2480  (aus  ntttoc).  —  E»  ein  selt- 
samer Zufall,  daß  die  einzige  dem  3.  Jhh.  v.  Ohr.  angehörende  In- 
schrift, die  C.  Fredrich  auf  der  kleinen,  südlich  von  Lemnos  liegenden 
und  heute  wie  im  Altertum  zu  diesem  gehörenden  Inselchen  Hagio- 
strati,  die  Fredrich  nach  Kieperts  Vorgange  mit  dem  antiken  Halonnesos 
identifiziert,  als  Weihenden  einen  Philostrat  nennt:  Q>i\6Tzpzzo$ 
*H(*H.  Vgl.  Fredrich,  Halonnesos,  Progr.  Posen  1905,  8.  11.  —  Die 
Koischen  Inschriften  weisen  auch  zwei  Phil,  in  gleicher  Zeit  auf  (Paton- 
Hicks  10  a  57.  10  c  13). 

•*)  Wahrscheinlich  ist  es  sein  Neffe,  der  'Lemnier',  s.  8.  515. 

M)  Für  die  Beziehungen  der  Philostrate  zu  Erythrae  werden  wir 
in  den  Briefen  noch  eine  Bestätigung  finden;  s.  S.  534. 


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492 


Karl  Münscher, 


Plato  und  Aristoteles  vertraut  (Capitol.  Gord.  7,1);  in  seiner 
Jugend  hatte  er  neben  anderen  epischen  Versuchen  in  einer 
Antoninias  von  30  Büchern  die  Taten  des  Antoninus  Pius  und 
Marcus  Aurelius  besungen  (ibid.  3,  2 — 3),  sich  rhetorischen 
Studien  gewidmet,  audientibus  etiaru  imperatoribus  suis  dekla- 
miert (3,  4). 

Was  Phil,  mit  seinem  Bache  wollte,  spricht  ein  Satz  des 
Widmungsbriefes  deutlich  genug  aus:  er  wünscht  seinem 
Gönner  —  Ippwao  u-ouar^xa  grüßt  er  ihn  am  Schluß  —  mit 
seinem  Werk  die  Sorgen  zu  vertreiben  (xö  <y p6vxtap,<%  xoOxo  . . . 
xal  xds  &x&ri  aot  xoocptet  xift  yvü)fiT)s),  kein  gelehrtes  und,  was 
dadurch  gegeben  wäre,  formloses  öic6{ivT3jia  will  er  schreiben, 
sondern  ein  Buch,  das  man  seiner  Form  wegen,  nicht  etwa 
bloß  des  interessanten  Inhalts  wegen  liest.  Er  schreibt  geist- 
reichen Feuilletonstil.  Wie  er  dabei  mit  Absicht  und  Erfolg 
die  gegebenen  Formen  des  grammatischen  Bios  möglichst 
durchbrochen  und  verkleidet  hat,  hat  Leo  a.  a.  0.  S.  254  ff. 
gezeigt.  Auf  zwei  Bücher  hat  er  die  Reihe  der  Sophisten 
verteilt  (p.  1,  2  ao^taxd;  is  6*6o  ßißXta  dvbfpatyd  aot)  64).  Im 
ersten  schickt  er  den  eigentlichen  Sophisten  die  sophistisch 
tätigen  Philosophen  voran  (Eudoxos  von  Knidos,  Leon  von 
Byzanz,  Dias64*)  von  Ephesos,  Karneades,  Philostratos  den  Ae- 
gypten Theomnestos,  zuletzt  Dio  und  Favorinus).  Es  folgen  die 
eigentlichen  Sophisten,  erst  die  'älteren',  'philosophierenden'  von 
Gorgias  bis  Isokrates,  dann  als  Begründer  der  'neuen1  Sophi- 
stik  (und  zugleich  der  Stegreifrede)  Aischines,  und  von  ihm 
springt  er  über  mehrere  Jahrhunderte  hinweg  (p.  24, 14  örap- 
ßafcvxes  &  'Aptoßap^avrjv  xöv  KAixa  xaE  Eev6cppova  xöv  StxeXtw- 
xtqv  yal  üettotYÖpav  xöv  1%  KupVjvr^  —  für  uns  leere  Namen) 

a Saidas  (s.  S.  516)  giebt  den  Bioi  4  Bücher.  Wenn  das  nicht 
Verschreibung  ist,  muß  es  eine  andere  Ausgabe,  die  wohl  nicht 
von  Phil  s  eigener  Hand  stammte,  gegeben  haben.  Buch  I  der  Hdschr. 
ließe  sich  bequem  in  2  Teile  zerlegen,  da  mit  Gap.  19  (p.  24,  14)  ein 
neuer  Teil,  die  Schilderuug  der  zweiten  Sophistik,  beginnt  In  Buch  II 
tritt  nirgends  ein  derartiger  Abschnitt  hervor.  Ueber  doppelte  Buch- 
einteilung der  Kikones  s.  S.  554.  —  Die  Grande,  die  Kayaer,  Beiclelb. 
Ausg.  praef.  p.  XXI  für  die  Lückenhaftigkeit  unserer  Bioiüberlieferung 
vorbrachte,  wird  niemand  mehr  als  stichhaltig  ansehen;  vgl.  dagegen 
bes:  die  Einleitung  der  (Jebersetzung  der  Bioi  von  Christian  (in  der 
Osiander-Schwabschen  Sammlang)  8.  1146  ff. 

"•)  Schreibfehler  für  Ar^?,  s.  Natorp,  Pauly-Wissowa  IV  2446. 


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Die  Philostrate. 


493 


auf  Niketes  von  Smyrna  im  1.  Jhh.  der  Kaiserzeit.  Damit  ist 
er  zu  seinem  eigentlichen  Thema  gekommen,  der  Geschichte 
jener  Sophistik,  die  wir  uns  gewöhnt  haben  die  'zweite1  zu 
•  nennen.  In  chronologischer  Folge  (vgl.  ohen  S.  472)  reiht  er 
die  Sophisten  aneinander,  während  er  eigentlich  chronologische 
Daten  meidet.  Im  ersten  Buche  bildet  Polemo  den  Glanz- 
punkt, das  zweite  wird  eröffnet  mit  dem  in  den  Augen  jener 
Leute  bedeutendsten  Manne  der  Zeit,  mit  Herodes  Atticus; 
zugleich  ist  das  eine  erneute  Huldigung  für  Gordian,  der  mit 
Herodes  verwandt  war.  Geführt  wird  die  Reihe  bis  zur  eigenen 
Zeit  des  Verfassers.  Tiefer  gehende  Studien  hat  PhiL  für 
seinen  Zweck  nicht  gemacht  —  wie  sollte  er  auch  auf  einen 
solchen  Gedanken  gekommen  sein  — ,  das  zeigt  besonders  jener 
kurze  Teil  Uber  die  alte  Zeit:  Nachrichten,  die  er  bequem  ein 
paar  Handbflehern  Aber  Philosophen  und  Redner  entnahm, 
hat  er  mit  Reminiscenzen  aus  der  eigenen  Lektüre,  hes.  Plato, 
verbrämt  (vgl.  Leo  S.  258)  66) ;  es  sind  Kenntnisse,  wie  sie 
jeder  Gebildete  in  damaliger  Zeit  ungefähr  besaß  oder  sich 
auf  leichteste  Weise  verschaffen  konnte.  Ein  anderes  Gesicht 
zeigen  aber  doch  die  Bioi  der  'zweiten'  Sophisten.  Zwar  hat 
er  auch  da  sicher  ein  biographisches  Sammelwerk  benutzt,  das 
Notizen  über  Abstammung,  Herkunft,  Lehren,  Werke,  Tod 
u.  s.  w.  mit  Varianten  der  Ueberlieferung  enthielt,  wie  ein 
gleiches  Hesych-Suidas  den  entsprechenden  Artikeln  des  Lexi- 
kons zu  Grunde  gelegt  hat aber  diese  Quelle  bot  doch  nur 
ein  totes  Schema,  das  Phil,  oft  genug  überhaupt  nur  teilweise 
übernommen  hat  (namentlich  hat  er  zumeist  die  Angaben  über 
die  Werke  ganz  bei  Seite  gelassen;  so  gibt  Suidas  diese  an 
bei  Aristokles,  Adrianos,  Pollux,  Pausanias,  bei  denen  Phil, 
sie  nicht  nennt).  Das  Lebensvolle  in  seinem  Bilde  der  zweiten 
Sophistik,  das  uns  mitten  hineinversetzt  in  das  wunderliche 

")  Zum  Leben  des  Hippias  8.  jetzt  Norden,  Hermes  40,  1905, 
S.  523  Anm. 

*   «  *•)  Das  Verhältnis  der  Suidasartikel  za  Phil,  hat  Leo  a.  a.  0.  S.  257 

unzweifelhaft  richtig  dargetan;  beide  benutzen  die  gleiche  (oder  min- 
destens eine  nahe  verwandte)  biographische  Quelle.   Daneben  ist  Phil, 
direkt  hier  und  da  von  Heaych  ausgeschrieben,  so  im  Artikel  Damianos 
»  *  wie  unter  Aicov  Bu£dvttog,  Iooclog  6  vtovtspot,  HpaxXsiörjs  6  Aöxu>c  (aus 

t.  soph.  p.  26,  6),  'EpuoYsvrjc.   Mehr  als  die  Hälfte  der  Vertreter  der 
•  •    zweiten  Sophistik,  die  Phil,  anführt,  fehlt  allerdings  bei  Suidas  ganz. 


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494 


Karl  Manscher, 


Treiben  dieser  Redekünstler,  deren  Personen  wir  mit  allen 
Vorzügen  und  Schwachen,  Eitelkeiten  und  wirklichen  Leistungen 
kennen  lernen,  entstammt  dieser  Quelle  nicht,  sondern  den  zwei 
anderen,  die  Phil,  tu  benutzen  in  der  Lage  war:  der  unend- 
lichen Folie  ihm  vorliegenden  Materials  an  Heden,  die  teils 
von  den  Sophisten  selbst  ediert,  teils  wenigstens  in  steno- 
graphischen Nachschriften  67)  verbreitet  waren,  und  der  in  den 
Rhetorenschnlen  sich  mündlich  forterbenden  Anekdotentradition, 
—  zur  Ergänzung  der  letzteren  diente  PhiLs  eigene  Erinne- 
rung an  eine  langjährige  sophistische  Tätigkeit,  die  ihn  mit 
der  Mehrzahl  der  lebenden  Sophisten  hatte  in  Berührung 
kommen  lassen  (s.  oben  S.  474  ff.)./  Gewiß  war  das  ganze  So- 
phistenwesen  Trug  und  Schein:  man  berauschte  sich  an  der 
schönen  Phrase,  mit  der  man  die  vergangene,  alte,  große  Zeit 
wieder  zu  erwecken  meinte:  vergessen  wir  aber  auch  nicht, 
daß  viele  dieser  Sophisten  wirklich  die  tüchtigsten  Borger 
waren,  die  materiell  wie  ideell  zur  Hebung  ihrer  Heimatstädte 
bedeutend  beitrugen.  Wir  spüren  in  Phil.s  Buche  den  Pnls- 
schlag  seiner  Zeit  —  das  ist  und  bleibt  sein  Verdienst:  er 
schrieb  kein  nüchternes  biographisches  Handbuch;  dadurch 
lernen  wir  ein  paar  Menschen  kennen,  die  uns  sonst  tote 
N.imen  geblieben  wären. 

Schließlich  antieipieren  wir  eine  ergänzende  Nachricht  des 
Siridas  (8.  unten  S.  516),  der  diesen  Phil,  ansetzt  &id  Eeftypou 


,T)  Ueber  die  Verwendung  von  Tachypraphen  zur  Publication  der 
Declamafcionen  handelt  ausführlich  v.  Arnim,  Leb.  u.  Werke  des  Dio 
v.  Prusa,  1898,  S.  172  ff.;  auch  die  betr.  Zeugnisse  der  Bioi  sind  dort 
im  Zusammenhange  verwendet;  Phil,  bezeichnet  p.  80,  25  derartiges 
als  ooqptotdv  4nojiv7jp,ov£ÜpÄta  (vgl.  auch  Schmid,  Atticism.  IV  S.  543 
Anro.).  —  Andere  Werke  —  außer  den  Reden  —  nennt  Phil,  nur  selten, 
und  er  benutzt  kaum  solche,  abgesehen  von  der  Correapondenz  des 
Herodes  Atticus,  die  offenbar  publiciert  war  (Briefe  des  Herodea  p.  48, 
11.  60,  82.  70,  81,  an  Herodes  p.  53,  26  von  Polemo,  p.  70,  10  vom 
Kaiser  Marcus).  An  Büchern  erwähnt  er  nur  den  Ntxiyrrjc  xsxa&apuivoc 
des  Lykiers  Herakleides  (p.  26,  6)  die  toropCa  des  Antiochos  (p.  76\  21) 
und  Antipatros  (p.  109,  3),  von  Herodes  außer  den  Briefen  und  Reden 
ftt?7]|isp{8eG  und  ivxsipCöia.  Die  Rede  eines  Demostratos  gegen  Herodes 
wirdp.  63,  11  verwendet.  Litterarische  Echtheitskritik  übt  Phil.  p.  87,9. 
40,  29;  unberechtigte  Stilkritik  weist  er  ab  p.  99,  8  ff.;  in  wie  weit  er 
in  diesen  Dingen  selbständig  ist,  ist  schwer  zu  sapen.  —  Die  Geschichte 
von  dem  Smyrn&er  Megistias  und  Htppodromos  (v.  soph.  II,  27,  5 
p.  118,  7  sqq.)  beruht  wohl  eher  auf  mündlicher  als  auf  schriftlicher 
üeberlieferung. 


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Die  Philostrate.  495 

♦ 

xac  g(t>{  «DcMrrcou  (244—9).  Das  stimmt  zu  den  oben  ge- 
gebenen Nachrichten  über  seine  Freunde  Nikagoras  und  Ap- 
sines.  Er  starb  hochbetagt  (s.  S.  476)  um  die  Mitte  des  III. 
Jbhs.,  jedenfalls  in  Athen. 

2.  Der  Verfasser  des  Heroikos  und  der  EJikones. 

Wie  die  Sophistenbiographien  und  das  Leben  des  Apol- 
lonios  gehören  die  Eikones  und  der  Heroikos  zusammen.  Das 
bezeugt  uns  der  Khetor  Menandros  in  seinem  Traktate  nepi 
irctSeixitxöv  (Rhet.  gr.  ed.  Spengel  III  p.  390, 2).  Er  nennt 
als  Muster  der  dbcXoootlpa  xal  dytXearlpa  kiarfteXla  die  Schreib- 
weise des  Xenophon,  Nikostratos,  Dio  Ghrysostomos  und  Phi- 
lostratos  xoö  xöv  Hpauxöv  ttjv  l^j-pjatv  68)  xa2  täs  efxovas  YP<*" 
4>avxc^.  Offenbar  will  Menander,  daran  ist  doch  wohl  nicht 
zu  zweifeln,  durch  diesen  Zusatz  einen  Phil,  bestimmen  und 
von  andern  Autoren  gleichen  Namens  unterscheiden.  Nun 
fragt  es  sich,  welche  Bilder  er  meint,  die  ältere  oder  jüngere 
der  beiden  erhaltenen  Sammlungen.  Bergk  (a.  a.  0.  S.  179) 
dachte  an  die  älteren,  Rohde  (a.  a.  0.  S.  37)  an  die  jüngeren. 
Entscheidend  für  die  Frage  ist,  wie  Schmid  (Attic  IV.  S.  2 
Anni.)  bemerkte,  der  bestimmte  Artikel  bei  e?xöve?:  Menander 
spricht  nur  von  einer  derartigen  Schrift,  kennt  also  die  jün- 
geren Bilder  nicht  Diese  Unkenntnis  fände  schon  dadurch 
ihre  genügende  Erklärung,  daß  das  jüngere  Buch  im  Alter- 
tum überhaupt  gänzlich  unbeachtet  geblieben  ist,  keinen  lit- 
terarischen Erfolg  gehabt  hat :  es  wird  kaum  jemals  angeführt 
(Kaysers  gr.  Ausg.  praef.  p.  8;  ed.  Schenkl-Reisch  1902,  praef. 
p.  IX  Anm.),  nur  in  zwei  von  einander  abhängigen  Handschrif- 
ten (ibid.  p.  IX  u.  XI)  ist  es  uns  überliefert,  während  für  die 
ungeheure  Beliebtheit  der  älteren  Gemälde  schon  die  Falle  der 
Handschriften  (bei  Kayser  59,  in  der  Wiener  Ausg.  66)  be- 
redtes Zeugnis  ablegt69).  Viel  wahrscheinlicher  ist  es  indessen, 

M)  Die  Ueberlieferung  schwankt  zwischen  xo5  xfiv  'Hpaxxöv  rijv 
ä^yijoiv  und  toö  xov  'HpoKxdv;  vgl.  Kayser,  gr.  Ausg.  praef.  Her.  p.  IV 
Anm.  10.  —  Ein  Sophist  Metropnanes  ans  dem  boiotiachen  Lebadeia 
schrieb  nach  Saidas  «spl  xßv  x*P<xxTifc<i>v  UXkzuyos,  Bsvoqpövtoc,  Nixo- 
orpdxou,  ftiXoorpdxou. 

M)  Tfiv  ©vottdta>v  druxÄv  ixXoytv  SxXsysIoav  inb  -rtjg  xsxvoXoyiac  töv 
siwJwv  xoö  *ao<rcpdxou  fertigte  Manuel  Moschopulos,  vgl.  Kayser  gr. 


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496 


Karl  Münacher, 


daß  Menanders  Unkenntnis  durch  die  Zeitverhältnisse  bedingt 
war.  Der  Verfasser  der  jüngeren  Bilder,  der  sich  selbst  als 
Enkel  des  Verfassers  der  älteren  bezeichnet,  hat  wohl  erst 
nach  dem  Jahre  274  geschrieben,  das  mit  ziemlicher  Sicher- 
heit als  das  Jahr  der  Abfassung  jenes  Menandertraktates  er- 
mittelt ist  *°).  Weiter  führt  eine  Bemerkung  des  bereits  erwähn- 
ten Epitomators  der  Bioi  (Kays.  Heidelb.  Ausg.  p.  XXXVIII). 
Dem  Satze  toutou  toö  <X>tAoarpaTou  (des  Verfassers  der  ßtot) 
Sotxev  eJvai  -ml  t&  tlq  xöv  Tuavea  'AtwXXu>vcov  xt£.  läßt  er  die 
Worte  folgen:  toö  tl  Atj{iv(ou  ^tXooTpfltxoo,  toö  xd^  cfcovoc 
Ypa<|>avto£  uiu.v7]T<xt  o3xo$  iv  xo6xq>  x$  ßifftt'q)  ircatvöv  xöv  <Jv- 
8pa;  auch  hier  läßt  der  Artikel  xa$  nur  an  eines,  das  ältere 
der  beiden  Bücher  denken.  Die  Kombination  beider  Stellen, 
die  Bergk  zuerst  gewürdigt  hat,  ergiebt  also :  die  älteren  Ei- 
kones  und  der  Heroikos  sind  (nach  Menander)  von  einem 
Verfasser  und  zwar  (nach  dem  Epitomator)  von  jenem  Philo- 
stratos,  den  Flavios  Phil,  in  den  v.  soph.  mehrfach  erwähnt 
und  zur  Unterscheidung  den  lLemnier'  nennt.  Es  fragt  sich 
nun:  wird  dieses  aus  litterarischen  Notizen  gewonnene  Re- 
sultat durch  andere  Indicien  bestätigt  oder  widerlegt?  | Fertig 


a.  a.  0.  S.  36  ff.  hat  eine  Reihe  von  merkwürdigen  sprach- 
lich-stilistischen Verschiedenheiten  zwischen  v.  Ap.  und  v.  soph. 
(und  Gymnastikos)  einerseits,  Her.  und  Imag.  andererseits  zu- 
sammengestellt (Gebrauch  von  9p  statt  ictv,  indv,  xäv,  Ver- 
wendung der  Redensarten  xaxa  xou;  XP0V0U£  xflriHaraad'ai 
iauxöv  oder  xtva  efc,  iyd)  ötjXüxjü),  $7)X&oai  ßouAojxat,  5e5^Xa)xa, 
die  im  Her.  und  den  Eik.  fehlen).  Und  durchmustert  man  Schmids 
Zusammenstellungen  im  IV.  Bde.  des  Atticismus,  so  zeigt  sich  61) 
trotz  aller  Einheitlichkeit  des  Sprachgebrauchs  doch  überall  ein 

AuBg.  praef.  Eik.  p.  VI  Anm.  11.  Ein  Londinensis  entb&lt  Ix**1*  £*C 
xb  nepl  elxövcov  &Xooxp&tou  tmb  T£st£oo  (Phil.  min.  ed.  Schenkl-Reisch, 
praef.  p.  X). 

M)  Nitsohe,  der  Rhetor  Menandros,  Progr.  Leibnizgymn.  Berlin 
1883,  bes.  S.  12 — 14;  der  erste  Traktat  ist  wahrscheinlich  von  Geneth- 
lioe  273  oder  274,  der  zweite  274  von  Menandros  geschrieben.  Bursians 
Aufstellgn.  (Abhdlgn.  d.  bayr.  Akad.  XVI,  3,  1882,  S.  1  ff.)  sind  un- 


•*)  So  urteilt  auch  Jüthner  a.  a.  O.  S.  226,  meint  aber  diese  Unter- 
schiede 'ans  zeitlichen  Differenzen  beim  gleichen  Autor'  erklären  zu 
können.  Seine  zeitlichen  Ansätze  sind  aber  hinfallig,  v.  Ap.  und  v. 
soph.  sind  nicht  die  altere,  Her.  und  Eik.  nicht  die  spatere  Schriftengruppe. 


haltbar. 


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Die  PhiloBtrate. 


497 


grösserer  Grad  von  Uebereinstimmung  zwischen  jenen  Gruppen, 
v.  Ap.  und  v.  soph.  (zu  denen  der  Gymnastikos  hinzutritt)  auf 
der  einen,  Her.  und  Eik.  auf  der  andern  Seite •■).  Somit  be- 
stätigen die  Unterschiede  des  Sprachgebrauchs,  die  schwerlich 
für  sich  allein  eine  Trennung  der  Schriften  nach  den  Verfas- 
sern (vgl.  Schmid  S.  5.  125.  187)  begründen  könnten,  das  Re- 
sultat der  Interpretation  der  litterarischen  Zeugnisse:  dieses 
muß  so  lange  als  sicher  gelten,  als  keine  durchschlagende 
Gegeninstanz  geltend  gemacht  werden  kann63). 

Der  Heroikos  bietet  durch  die  Erwähnung  eines  Athleten 
Helix  die  Möglichkeit  zeitlicher  Fixierung.  Phil,  erzählt  von 
ihm  (p.  147, 15  sqq.),  nachdem  er  M\p  ix  7tat'8ü>v  im  Ring- 
kampfe gesiegt  hatte,  habe  Helix  in  der  nächstfolgenden  Olym- 
piade zugleich  am  Ringkampfe  und  am  Pankration  in  Olympia 
sich  beteiligen  wollen.  Die  Eleer  suchten  ihn  von  beiden 
Kämpfen  auszuschließen  und  bekränzten  ihn  schließlich  nur 
im  Pankration.  Denselben  Mann  und  dieselbe  Geschichte  er- 
wähnt Cassius  Dio  (79,  10,  2 — 3)  —  er  nennt  ihn  allerdings 
AdprjXio;  A?X:?,  aber  an  der  Identität  ist  kein  Zweifel  —  und 
fügt  hinzu,  was  er  schon  in  Olympia  versucht  habe,  nämlich 
im  Ring-  und  Allkampfe  aufzutreten,  sei  ihm  bei  den  Capi- 
tolinischen  Spielen  Elagabals  in  Rom  wirklich  gelungen  (öore 
7K&7jv  xe  <Sfp,a  xal  Tccrpcpixiov  iv  xfl  'OAuiiirtf  fltyü)vtoaa{Vat  iH- 
Xfjaat,  x&v  xocg  KaittTwXfot?  xai  <2u.<pa>  vwcyjaat  xx£.).  219  fan- 
*  den  diese  Spiele  in  Rom  statt,  der  Zwischenfall  in  Olympia 
ist  also  auf  eine  der  vorangehenden  Olympienfeiern  (217  oder 
213,  der  Sieg  dvrjp  ix  rcatöcov  213  oder  209)  zu  verlegen"). 

•»)  Die  »achliche  Differenz,  daß  v.  Ap.  2,  13  p.  54,  26  im  Gegen- 
satz zu  Juba  den  Elefanten  nicht  xspaxa,  sondern  döövxsg  yindiciert 
werden,  dagegen  Eik.  p.  809,  lh  schlechtweg  nach  Juba  (vgl.  die  Stellen 
bei  Schmid  S.  589  Anm.  2)  von  xipaxa  gesprochen  wird,  tritt  bestäti- 
gend hinzu. 

M)  Als  solche  wird  Jüthner  die  in  allen  Schriften  sich  zeigende 
Kenntnis  der  Gymnastik  selbst  nicht  hinstellen  wollen.  —  Ueber  Gym- 
nastisches in  PhiLs  Eikones  hat  Jüthner  bereits  Eranos  Vindobonenaia 
S.  809  ff.  gehandelt 

•*)  Die  Angaben  aber  Helix  bei  Dio  nnd  Phil,  sind  bisher  nie 
scharf  genng  oder  falsch  interpretiert  worden.  Jüthner  verlegt  den 
olympischen  Sieg  des  Helix  ins  J.  221,  was  unbedingt  falsch  ist;  er 
fällt  nicht  unter  Elagabals  Regierung.  Er  folgt  darin  J.  Rutgera, 
Sex.  Jnlii  Africani  *OXo|inidöo)v  dvaypacp^  (Leyden  1862)  p.  97  sq.  und 
H.  Förster,  die  olymp.  Sieger  II,  Progr.  Zwickau  1892  (I  1891)  S.  21. 


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498  Karl  Manscher, 

213  trat  der  Verfasser  des  Heroikos  selbst  in  Olympia  mit 
einer  4mSei£i;  auf  (s.  S.  499 f.):  man  kann  bequem  kombinie- 
ren, daß  er  damals  den  Sieg  des  Helix  selbst  miterlebte. 
Von  dem  römischen  Poppel-Siege  des  Helix  weiß  Phil, 
offenbar  nichts:  d.  h.  der  Heroikos  ist  vor  219  verfaßt  und 
nach  213  6&). 

Giebt  der  Her.  auch  keine  unmittelbare  Auskunft  über 
seinen  Verfasser,  so  verleugnet  er  doch  nicht  dessen  lemnische 
Abkunft.  In  der  ausführlichen  Erzählung  über  Philoktet  (p. 
171)  benutzt  er  lemnische  Lokaltradition;  er  berichtet  die  Ent- 
sühnungsbräuche  wegen  der  A^ivia  £pya  (p.  207,  26  sqq.);  er 
beschreibt  unter  andern  ein  Eiesenskelett,  das  Menekrates  6 
2jT£tpieu£  auf  Lemnos  ausgegraben  hatte  (p.  139, 13  sqq.) ; 
das  war  ein  Freund  und  Demengenosse  des  Verfassers,  haben 
wir  doch  die  Zugehörigkeit  der  Philostratfamilie  zum  Demos 
Steiria  schon  festgestellt  (S.  490)  ••).  Wie  in  Lemnos  ist  der 
Verfasser  in  Imbros  bekannt  (p.  139,  23  sqq.),  er  erzählt  eine 
Sagenvariante  von  Skyros  (p.  198, 17  sqq.),  Lokalsagen  von 
Chios  (p.  215, 4)  und  Lesbos  (p.  172,  9.  181, 16),  diese  auf 
Grund  seines  Verkehrs  mit  Lesbiern  (p.  173,  2).  Uion  und 
und  das  Vorgebirge  Sigeum  kennt  er  persönlich  (p.  138, 14 
und  190,  4),  wohl  auch  Smyrna  (p.  160,  25).  Denn  alles  dieses, 
was  die  Dialogfigur  des  Winzers  von  sich  erzählt,  dürfen  wir 

—  Die  Diostelle  ist  ausgeschrieben  Anecd.  gr.  Paris,  ed.  Cramer  II  1839 
*x  töv  Eoosßiou  xpovtxdv  p.  155  mit  dem  Zusatz  6  d»XTrri)C  4*1  Se^poo 
xo ü  afrcoxpdTopog  YeY°™*>C« 

66)  Leider  ist  die  zahlenmäßige  Zeitangabe  npb  4-cöW  noo  Tstrdpwv 
p.  210,  14  nicht  zu  verwerten.  Ein  Verbot  des  Purpurhandels  soll  den 
thessalischen  Handel  mit  dieser  Waare  (Lucr.  2,  500  sq.  Sidon.  epist. 
9,  13,  5  yers.  15  sqq.)  schwer  geschädigt  haben.  Seit  Caesar  (Suet 
Jul.  43)  war  der  Gebrauch  der  conchyliata  vestis  wiederholt  durch 
kaiserliche  Edikte  eingeschränkt  worden,  doch  ist  uns  von  einer  Er- 
neuerung oder  Verschärfung  dieses  Verbots  unter  Caracalla  sonst  nichts 
bekannt  (vgl.  Ad.  Schmidt,  die  gr.  Papyrusurkunden  der  Kgl.  Bibliothek 
zu  Berlin,  1842,  S.  173  ff.).  Unter  Severus  Alexander  war  der  Purpur- 
handel allerdings,  wie  es  scheint,  mit  schwerer  Steuer  belegt  (Schmidt 
S.  175.  Ein  procurator  domini  n.  M.  Aur.  Severi  Alexandri  . .  .  pro- 
vinciae  Achaiae  et  Epiri  et  Thessaliae  rat(ionis)  purpurarum  C.  J. 
L.  III  536  =  Dessau  I  1575).  Man  hat  aus  der  Phil.-Stelle  geschlossen 
(Hertzberg  a.  a.  O.  IH  S.  72  Anm.  24),  daß  diese  Steuer  unter  Cara- 
calla eingeführt  worden  sei. 

•*)  Ein  anderer  Freund  ist  der  Tuvwog  von  Peparethos  (p.  188,  82 
sqq.  47ttnf}&6tcßg  uoc  Sx^v),  der  Besitzer  von  Kos.  Als  böser  Nachbar  er- 
scheint der  Chersonesite  Xeinis  (p.  132,  8). 


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Die  Philostrate. 


unbedenklich  auf  den  Verfasser  Phil,  übertragen s7).  Von  ihm 
hat  der  Winzer  auch  den  Zug,  daß  er  ev  dfoiet  studiert  hat 
(p.  132,22).  Zwei  Hinweise  auf  athenische  Verhältnisse  fin- 
den sich  p.  187,  18  und  188, 21.  Bemerkenswerter  ist  die 
Anspielung  auf  einen  stadtrömi sehen  Vorgang,  die  kostenlose 
Verteilung  von  Nahrungsmitteln  auf  dem  forum  suariuni 
(p.  129,  12)  iii  der  VII.  regio  Roms  68).  Diese  Singularität  läßt 
*    beim  Verfasser  persönliche  Kenntnis  Roms  vermuten. 

Genauer  werden  wir  über  ihn  in  den  Sophistenbioi  des 
Fl.  Phil,  unterrichtet.  Zwar  hat  dieser  aus  verwandtschaftli- 
chen und  freundschaftlichen  Rücksichten  (s.  S.489)  dem  Lemnier 
keinen  eigenen  ß:c£  gewidmet,  er  hat  aber  genugsam  in  denen  an- 
derer Gelegenheit  gehabt,  den  Ruhm  dieses  Trägers  seines  Namens 
zu  verkünden.  —  Zum  ersten  Male  erwähnt  er  ihn  in  der  Bio- 
graphie seines  eigenen  Lehrers  Hippodromos.  Auch  der  Lem- 
nier war  des  Hippodromos  Schüler  (Yvo>pt{ios,  p.  117, 12) ;  zu 
Athen  oder  auch  zu  Larissa  kann  er  seinen  Unterricht  genossen 
haben  ••) ;  daß  er  £v  äaxti  studiert  hat,  hörten  wir  schon  von 
ihm  selbst.  22jährig  trat  er  bereits  in  Olympia  mit  einer  ex- 
temporierten Rede  vor  der  Festversammlung  auf,  freudig  aner- 
kannt von  Hippodromos  selbst,  der  aber  die  Aufforderung,  un- 
mittelbar danach  sich  hören  zu  lassen,  mit  den  liebenswür- 
digen Worten  abwies,  er  werde  doch  nicht  gegen  sein  eigen 
Fleisch  und  Blut  kämpfen  (oox  £7wcTCo6uaou,<zi  xotg  £u.<xutgü 
07cXayxvot;).  Schon  bei  jungen  Jahren  hatte  also  Phil.  Lem- 
nios  das  höchste  in  sophistischer  Kunst  geleistet,  und  auch 
der  äußere  Erfolg  blieb  nicht  aus.  Mit  Stolz  wird  (v.  soph. 
p.  122,  19  sqq.)  erzählt,  Camcalla  habe  dem  Lemnier  doch  Ab- 
gabenfreiheit gewährt,  entgegen  dem  Grundsatze,  den  er  bei 
der  Verhandlung  über  Philiskos'  Atelie  ausgesprochen  hatte; 
und  zwar  erhielt  der  Lemnier  diese  Auszeichnung  schon  als 
24jähriger  junger  Mann  ini  fieXix^,  d.  h.  nachdem  der  Kaiser 

•7)  Sein  Großvater  hat  ihm  vom  Aufenthalte  Hadrians  zu  Ilion 
(im  J.  124  nach  Dürr,  Reigen  des  K.8  Hadrian,  Abbdlgn.  d.  arch.-epigr. 
Seminars  d.  l'niv.  Wien,  Heft  2,  1881.  S.  55)  und  die  vom  Kaiser  ver- 
anlaßte  Bergung  der  vermeintlichen  Gebeine  des  Ajax  erzahlt  (p.  137,  20). 

w)  Es  unterstand  der  Aufsicht  des  praef.  urbi,  C.  1.  L.  VI  1771. 
Ulp.  frg.  Vat  236.  dig.  1,  12,  1,  11.    Novell.  Valent.  35,  1,  2.  Cod. 
Theod.  14,  4,  3.    Vgl.  Marquardt,  Rom.  Staatsverwaltg.  II 3  S.  137. 
Vgl.  Hertzberg  a.  a.  0.  UI  S.  110  Anna.  2. 

Philologus,  Supplemeutband  X,  viertel  Heft.  33 


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500 


Karl  M  ti  n  scher, 


trotz  seines  Widerwillens  gegen  das  Sophistentreiben  eine  seiner 
Epideixeis  wohlgefällig  angehört  hatte.  Die  Auszeichnung  war 
um  so  bemerkenswerter,  als  Phil,  damals  schwerlich  eine  amt- 
liche Stellung  irgend  welcher  Art  inne  hatte,  die  einen  An- 
spruch auf  Steuerfreiheit  begründen  konnte70).  Anfang  des 
Jahres  212  hatte  Philiskos  mit  seinem  Auftreten  vor  Caracalla 
Fiasko  gemacht  (s.  S.  480),  später,  aber  auch  durch  Caracalla 
(—  216)  erhielt  der  Lemnier  die  Atelie  im  24.  Lebensjahre;  das 
22.  Lebensjahr,  in  dem  er  zu  Olympia  auftrat,  hat  er  also  in  dem 
Zeitraum  von  210—214  erreicht :  213  (Olymp.  248/4)  wurden 
die  Olympien  gefeiert,  da  war  Phil.  22  Jahre  alt,  215  erhielt 
er  die  Atelie,  191  war  er  geboren,  etwa  15 — 25  Jahre  jünger 
als  sein  älterer  Verwandter71). 

Es  ist  wohl  selbstverständlich,  daß  der  Hofsophist  FL  Phil, 
seinem  jüngeren  Verwandten  (über  das  Verwandtschafts  Ver- 
hältnis 8.  S.  518)  bei  Hofe  die  Wege  geebnet,  ihm  Zutritt  und 
Gunst  zunächst  in  den  ästhetischen  Kreisen  um  Julia  Domna 
verschafft  hat.  Der  Lemnier  wird  also,  nach  früher  Beendi- 
gung seiner  Studien  in  Athen,  sich  nach  Rom  gewandt  und 
dort  an  seinen  Verwandten  angeschlossen  haben;  eine  Bestä- 
tigung seines  frühen  Aufenthaltes  in  Rom  ist  jene  Beziehung 
auf  die  autov  fltyopa,  die  sich  schon  im  Heroikos  findet.  Sein 
Auftreten  vor  Caracalla  kann  aber  nicht  in  Rom,  muß  im 
Osten  des  Reichs  erfolgt  sein.  Schon  im  Frühjahr  215  brach 
der  Kaiser  nach  dem  Innern  Asiens  auf:  wahrscheinlich  hat 
also  der  Lemnier  während  des  längeren  Winteraufenthaltes  des 
Hofes  in  Nikomedeia  (am  4.  April  feierte  Caracalla  dort  noch 
seinen  Geburtstag,  Dio  C.  77, 19,  3)  seinen  Erfolg  vor  dem  Kaiser 
errungen.  Des  Fl.  Philostratos  Anwesenheit  daselbst  im  Ge- 
folge der  Julia  haben  wir  schon  vermutet  (S.  481),  in  seiner 
Begleitung  wird  der  Lemnier  dem  kaiserlichen  Hoflager  auch 
dorthin  gefolgt  sein. 

Diese  Vermutung  ist  von  Wichtigkeit  für  den  Heroikos 
und  wird  andererseits  durch  ihn  bestätigt.  Dies  merkwürdige 
Buch  ist  ein  Dialog,  zwar  kein  philosophischer,  aber  —  so 

I0)  Hertzberg  a.  a.  O.  III  S.  111  vermutet,  er  sei  als  'junger  Docent' 
in  Athen  'habilitiert'  gewesen. 

71>  niese  Daten  vom  Leben  dee  Lemniers  ebenso  bei  Clinton  Faeti 
Rom.  I  p.  225  u.  8. 


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Die  Philostrate. 


501 


darf  man  sagen  —  zur  Hälfte  religionsphilosophisch.  Der 
Verfasser  macht  darin  den  ernsthaften  Versuch,  Existenz  und 
Wirksamkeit  der  Dämonen,   die  mit  den  Heroen  der  Sage 
identifiziert  werden,  zu  erweisen.   Dieser  Versuch  ist  mit  einem 
scheinbar  völlig  heterogenen  zweiten  Teile  verbunden,  mit  einer 
Darstellung  der  Wahrheit  über  den  trojanischen  Krieg,  für  die 
der  Heros  Protesilaos  die  Garantie  übernehmen  muß.  Damit 
tritt  der  Heroikos  ein  in  die  lange  Reihe  der  seit  Hellanikos' 
Troika  beliebten  Trojaromane  und  Erzählungen :  Dios  Trojana71") 
war  ein  naheliegendes  Vorbild,  Dictys-Septimius 72),  Sisyphos, 
Dares  u.  a.  seine  Nachfolger.    Die  beiden  Teile  des  Inhalts 
kommen  auch  in  der  äußern  Anordnung  des  Dialogs  deutlich 
zum  Ausdruck.  —  Das  einleitende  Gespräch  (bis  p.  135,9  rei- 
chend) giebt  die  Exposition.   Wir  werden  mit  den  beiden  Ge- 
sprächspersonen bekannt  gemacht,  einem  Winzer,  der  am  Hei- 
ligtum des  Protesilaos  bei  Elens  auf  dem  thrakischen  Cher- 
sonnes  sein  Landgut  hat  (auch  von  seinem  früheren  Leben  er- 
fahren wir  einiges)  und  einem  phönikischen  Seefahrer,  den 
widrige  Winde  an  der  Weiterfahrt  ins  Aegeische  Meer  hinein 
zurückhalten  (einen  Traum,  den  er  gehabt,  der  auf  den  Inhalt 
des  Gesprächs  schon  vorausdeutete,  erzählt  er  nebenbei).  Bald 
tut  der  Winzer  seines  wunderbaren  Verkehrs  mit  Protesilaos 
Erwähnung,  der  Fremde  äußert  sein  Erstaunen  und  seinen 
Zweifei  bez.  des  Wiederauflebens  und  Wirkens  der  Heroen 
überhaupt  und  bittet  um  Belehrung  darüber.    Der  Winzer 
willfahrt  und  führt  seinen  Gast  von  der  Stelle  seines  Land- 
gutes, wo  der  Phönikier  ihn  bei  der  Arbeit  getroffen  hat,  in  das 
Innere  seines  Besitztums,  bis  in  unmittelbare  Nähe  des  Hei- 
ligtums des  Protesilaos  —  die  landschaftliche  Scenerie  erfährt 
dabei  die  im  Dialog  seit  dem  Phaidros  beliebte  breite  Aus- 
malung. —  Das  Hauptgespräch  beginnt.    Der  Phönikier  prä- 

7U)  Ueber  Dios  Vorgänger  Dapbitoü  vgl.  v.  Wilamowitz,  Cornmen- 
tariol.  gramm.  III,  Göttingen  lK*y,  p.  10  sqq.  Crusius,  Pauly- Wissowa 
IV  2134. 

")  Die  Ansicht,  daß  einen  griechischen  Dikty«  wirklich  gegeben 
bat,  gewinnt  mehr  und  mehr  Anhänger.  *Ür  die.  Zeitbegtinimung  dieses 
griech.  Dixtvs  dürfte  es  von  entacueidender  Bedeutung  »ein,  wie  die 
l  eberein8timmunffen  '/.wischen  t'hil.s  Heroikos  und  dem  (lateinischen) 
Dictys,  die  bes  H.  Dunger,  Dictys-Septiiniuu,  Progr.  den  Viutiiumschen 
Gymn.t»,  Dresden  lÖ7ö,       44  ff.,  aufgezeigt  h  it,  tu  erklären  sind. 

33  * 


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502  Karl  Manscher, 

cisiert  seine  Wünsche  um  Aufklärung  (p.  135, 10  sqq.)  genauer 
dahin :  1)  welche  Bewandtnis  es  mit  des  Winzers  Verkehr  mit 
Protesilaos  habe  (ttjv  ^uvouatav,  ^ti£  iozi  aoi  7;p&£  töv  üpcuxe- 
ot'Xeü)v  xal  otcoio;  fytei),  2)  ob  des  Protesilaos  Aeußerungen 
ntpl  tü>v  TpüKxtöv  zur  Darstellung  Homers  stimmen  oder  nicht. 
Sein  Bedenken,  ob  Protesilaos,  der  doch  als  erster  auf  troja- 
nischem Boden  gefallen  sein  sollte,  vom  eigentlichen  trojani- 
schen Kriege  Kunde  haben  könne,  wird  als  eftyfres  durch  den 
Hinweis  auf  Protesilaos'  Wesenheit  als  otioSö?  fl-eöv  abgelehnt 
(p.  135,  17—136, 18).  Die  erste  Frage  des  Phönikiers  wird 
zuerst  beantwortet,  zugleich  die  ganze  Dämonen-  und  Heroen- 
lehre behandelt.  Der  Phönikier  wiederholt,  er  habe  seinen 
Kinderglauben  an  alles  mythische  verloren,  besonders  unglaub- 
lich und  lügenhaft  erschienen  ihm  aber  die  Angaben  über  die 
Größe  der  Heroen.  Deren  übermenschliche  Größe  wird  nun 
vom  Winzer  bewiesen,  und  zwar  sozusagen  experimentell,  durch 
den  Hinweis  auf  die  an  vielen  Orten  zu  Tage  gekommenen, 
über  gewöhnliches  Menschenmaß  hinausgehenden  Gebeine 
(p.  137,  8—140,  25),  an  deren  Auffindung  in  damaliger  Zeit  man 
durchaus  nicht  zu  zweifeln  braucht73);  erst  giebt  er  Beispiele 
aus  altvergangener,  dann  solche  aus  jüngst  verflossener  Zeit. 
Der  Phönikier  dankt  für  die  Belehrung  und  mahnt,  nunmehr 
von  Protesilaos  selbst  zu  berichten.  Der  Winzer  spricht  des- 
halb von  Protesilaos'  Grabmal  und  Heiligtum  auf  dem  Cher- 
sones74),  von  seinem  Aussehen,  der  Häufigkeit  seines  Erschei- 
nens, seiner  Liebe  zu  Laodamia,  deren  er  auch  jetzt  noch  ge- 
nießt, seinen  gymnastischen  Uebungen  u.  a.  (bis  p.  145).  Be- 

7S)  Die  Auffindung  »solcher  Gebeine  wird  mehrfach  erwähnt;  vgl. 
Schmid  IV  S.  572  Anra.  22  und  außerdem  Paus.  1,  35,  5—7.  X,  29,  3—4 
(ö,  5,  1);  «u  Herodot  1,  68  vgl.  Gell.  3,  10,  11.  Preger,  script.  orig. 
Constant.  p.  34.  15.  Buresch,  KlaroB  p.  41  und  48.  Man  versuchte 
die  Größe  der  Heroen  auch  ander»  zu  berechnen  nach  Gell.  1,  1.  Sam 
Wide  fand  in  einem  mykenischen  Grabe  bei  Aphidnae  'das  Skelett 
eines  dort  begrabenen  Riesenmannes,  dessen  Gebeine  kolossale  Ver- 
hältnisse zeigen',  Berl.  philol.  Wochenschr.  1894  Sp.  1628,  angef.  v. 
Schmid  a.  a.  O. 

74)  Die  Erneuerung  des  Kults  der  trojanischen  Helden  bezeugt 
für  das  II.  Jhh.  auch  Lukian,  deor.  conc.  12,  speciell  auch  den  des  Pro- 
tesilaos auf  dem  Chersones  sowie  den  des  Hektor  in  Ilion,  des  Am- 
philöchos  in  Kilikien,  die  Phil,  auch  weiter  unten  erwähnt;  Aristid.  or. 
38,  21;  Maxim.  Tyr.  diss.  15,  7.  Die  Stellen  über  den  Protesilaoskult 
bei  Pape-Benseler  s.  v.  Vgl.  auch  Crusius,  'Sagonverschiebungen' 
(Sitzungaber.  d.  Bayr.  Ak.  1905),  Exkurs  I. 


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Die  Philostrate. 


503 


sonderen  Wert  legt  der  Winzer  auf  das  glückbringende  Wir- 
ken des  Heros  durch  Prophezeihungen,  die  er  mehrfach  Athleten 
erteilt  hat  (—  147,  29),  Krankenheilungen  u.  a.  (—148,  30). 
Nachdem  so  des  Fhönikiers  Unglaube  bez.  des  Protesilaos  be- 
seitigt ist,  wird  er  Ober  das  Wirken  der  übrigen  Heroendä- 
monen belehrt,  erst  einer  Reihe  anderer,  des  Amphiaraos,  Am- 
philochos,  Ifaron,  Rhesos  (bis  p.  149,  27),  dann  der  in  und 
bei  Troja  wirkenden,  des  Ajax,  Hektor,  Palamedes,  Achilles, 
Antilochos,  Patroklos  ( —  155, 22) ;  dabei  werden  aber  die  aus- 
führlichen Mitteilungen  über  Achill  auf  seine  gesonderte  Be- 
handlung (am  Schlüsse  des  ganzen  Gesprächs)  verschoben.  Da- 
mit ist  der  erste  kürzere  Teil  abgeschlossen :  der  Phönikier  hat 
mehrfach  zwischenein  seine  vollständige  Um  Stimmung  und 
nunmehrigen  Glauben  an  das  Wirken  der  Dämonen  ausge- 
sprochen.—  Der  zweite  Hauptteil  folgt:  nzpl  xöv  Tpunxöv 
(p.  155,  23  sqq.).  Er  zerfällt  in  3  Unterabschnitte.  Im  ersten 
werden  die  Kämpfe  der  Griechen  in  Mysien  gegen  Telephos 
und  seine  Verbündeten  ausführlich  erörtert  (bis  p.  160,  27)  — 
seltsamer  Weise  der  einzige  Teil  des  trojanischen  Feldzuges, 
der  in  zusammenhängender  Erzählung  wiedergegeben  wird. 
Nichts  davon  steht  im  Homer :  ein  Exkurs  erörtert  die  Frage, 
ob  Homer  absichtlich  oder  unabsichtlich  diese  Dinge  unbe- 
rührt gelassen  (p.  160,28  sqq.);  sie  wird  in  einem 
(161,  15  sqq.)  und  zahm  gehaltenen  4^Y°£  (P*  163,2  sqq.)  da- 
hin entschieden,  daß  der  Dichter  mit  voller  Ueberlegung  seinen 
Absichten  entsprechend  seinen  Stoff  geformt  habe.  —  Es  folgt 
der  zweite  Teil  der  Troika  (164,  30  sqq.) :  einzeln  werden  die 
trojanischen  Helden  abgehandelt,  erst  die  Griechen,  mit  Nestor 
beginnend,  dann  Diomedes  und  Sthenelos,  Philoktet,  Agamem- 
non und  Menelaos,  Idomeneus,  Aiax  der  Lokrer,  Chiron,  mit 
besonderer  Vorliebe  Palamedes  6  aocptanfj;  (p.  181, 3),  mißgünstig 
Odysseus,  ruhmvoll  der  Telamonier  Aiax,  schließlich  wird  noch 
Teukros  kurz  erwähnt.  Ein  Katalog  der  Trojaner  folgt 
(p.  189,  3  sqq.) ;  Hektor  eröffnet  wie  billig  die  Reihe,  Aeneas, 
Sarpedon,  Alexander  folgen,  kürzer  Helenos,  Deiphobos,  Poly- 
damas,  schließlich  Euphorbos").  —  Nur  Achilles  fehlt:  ihm 

7»)  Daß  das  Proömium  des  Pseudoxenophon tischen  Kyneeetikos  ein 
Produkt  der  2.  Sophistik  ist,  leuchtet  jedem  ein,  der  ea  nach  Nordens 


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504 


Karl  M ün 8 c h  e r, 


ist  der  3.  Teil  der  Troika  allein  gewidmet.  Die  lange  schwung- 
volle Erörterung  über  Achill,  in  der  zugleich  sein  Freund  Pa- 
troklos  (p.  203,  22)  sowie  sein  Sohn  Neoptolemos  (p.  206,  26) 
besprochen  werden,  die  mit  allerlei  Lokalsagen  durchwebt,  so- 
gar mit  der  Wiedergabe  zweier  Lieder,  deren  eins  von  Achill 
selbst  stammen  soll,  geschmückt  ist,  wird  (wie  die  invsischen 
Geschichten  vom  nachfolgenden)  vom  vorangehenden  Heroen- 
katalog durch  einen  zweiten  Exkurs  über  Homer  getrennt,  der 
in  dem  gleichen  Gedanken  gipfelt,  Homer  habe  zwar  die  Wahr- 
heit gekannt,  u,eTex6auTyoe  oh  rcoXXa      xö  aujicpepov  xoO  X6you, 
Sv  OTCefrexo  (p.  195,  28).    Die  Beantwortung  der  Frage  nach 
der  Heimat  Homers  wird  dabei  abgelehnt,  da  Protesilaos,  ob- 
wohl er  natürlich  auch  hierüber  das  richtige  weiß,  sich  darüber 
nicht  geäußert  hat  (p.  195,  30  sqq.).  Gesondert  wird  schließ- 
lich Achills  Verehrung  als  Dämon,  besonders  in  Thessalien, 
und  sein  Leben  und  Wirken  auf  der  Insel  Leuke  im  Pontos 
(p.  211,13-219,6)  geschildert;  damit  lenkt  Phil,  wieder  zu- 
rück zum  Inhalte  des  ersten  Teils  und  ergänzt  die  dortigen 
Angaben  über  den  Heroenkult.  —  So  sind  wir  am  Ende  des 
Gesprächs  angelangt  (p.  219,  7  sqq.) :  der  Phönikier  preist  den 
Winzer  ob  seiner  Götterfreundschaft;  von  seinen  Zweifeln  ist 
keine  Rede  mehr.    Er  regt  —  in  alter  Dialogmanier  —  ein 
neues  Thema  an:  Protesilaos'  Kenntnisse  und  Bekenntnisse 
über  die  Unterwelt  wünscht  er  zu  vernehmen.    Der  Winzer 
lehnt  die  Fortführung  des  Gesprächs  ab  mit  dem  Hinweis  auf 
den  hereingebrochenen  Abend,  verspricht  aber  Antwort  am 
nächsten  Morgen.    Mit  dem  Wunsche  des  Phönikiers,  Poseidon 
möge  ihn  nicht  eher  abreisen  lassen,  als  bis  er  auch  diese 
zweite  Rede  vernommen  habe,  schließt  der  Dialog. 

Es  drängen  sich  die  Fragen  auf:  wodurch  ward  Phil,  ver- 
anlaßt, eine  theoretische  Begründung  des  Dämonenglaubens 
zu  liefern?  Weshalb  verknüpfte  er  sie  mit  den  Troika?  Weshalb 
traf  er  unter  den  Sagen  des  trojanischen  Krieges  gerade  diese 
Auswahl  und  gab  ihr  eine  so  eigentümliche  Anordnung?  — 
Die  Beantwortung  dieser  Fragen  hat  schon  Kayser  angebahnt 

Bemerkungen  (Ant.  Kunstprosa  I  S.  432  ff.)  gelesen  hat.  Belege  ftkr 
die  Bekanntschaft  Phil  s  mit  dem  dortigen  Heroenkatalog  kann  ich 
aber  nirgends  entdecken. 


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Die  Philostrate.  505 

durch  seine  Vermutung  (gr.  Ausg.  praef.  Heroik,  p.  III),  Phil, 
habe  diesen  Stoff  gewählt  aus  Rücksicht  auf  Caracalla,  den 
neuen  Alexander  und  Achilles.  Wir  könneu  es  bestimmter 
und  treffender  fassen:  der  Heroikos  setzt  Caracallas  Aufent-  * 
halt  in  Pergamon  und  Ilion  im  J.  214  voraus,  ist  nur  aus  den 
damaligen  Vorgängen  an  jenen  beiden  Orten  zu  verstehen, 
durch  sie  erklärt  sich  sein  Inhalt  wie  seine  Form. 
c  Von  Thrakien  kommend  überschritt  Caracalla  214  den 

Hellespont:  die  stürmische  See  ließ  ihn  dabei  sogar  Schiff- 
bruch leiden  (Dio  C.  77,  16,  7.  Spart.  Carac.  5,8).  Er  eilte 
nach  Pergamon,  Heilung  suchend  von  schwerer  Krankheit  bei 
des  'Retters'  Asklepios  weltberühmtem  Heiligtume  (über  dessen 
Kult  in  Pergamon  vgl.  Thraemer,  Pauly-Wissowa  II  1661  u. 
1674):  willig  und  inbrünstig  flehend  unterwarf  er  sich  allen 
vorgeschriebenen  Ceremonien  (Dio  C.  77, 15,  5 — 7.  vgl.  die 
Bestimmungen  über  den  Eintritt  ins  ivxoiu^xfjptov ,  Frankel, 
Inschrn.  v.  Pergamon  II  1895,  Nr.  264);  auch  ihm  sollte 
die  Inkubation  (dvetpaxa  Herodian.  4,  8,  3)  Heilung  bringen. 
Pausanias  (5,  13,  3)  entnehmen  wir  die  wichtige  Nachricht, 
daß  dem  Eintritt  ins  Asklepieion  vielfach  Waschungen  (wohl 
mit  dem  heilbringenden  Wasser  jenes  Brunnens,  den  Aristides 
or.  49  preist,  s.  Z.  3  der  gen.  Inschr.)  und  Opfer  an  Telepbos76), 
den  mythischen  Repräsentanten  des  Pergamenischen  Reiches, 
der  TrjXecp:^  yac^  (Dio  C.  77,  16,  8),  dessen  Bewohner  in  dem 
Pestorakel  (Kaibel,  Epigrammat.  Gr.  1035,  11.  Inschr.  v.  Perg. 
II  S.  239)  als  Telephiden  angeredet  werden,  vorangingen ;  in 
den  Hymnen,  die  im  Asklepieion  gesungen  wurden,  ward  des 
Telephos  an  erster  Stelle  gedacht  (Paus.  3,  26,  10).  Dio  ver- 
sichert, daß  Caracalla  auch  bei  Asklepios,  wie  auch  sonst  nir- 
gends, keine  Heilung  gefunden  habe  (77,  15,  5);  die  Stadt  Per- 
gamon, die  dem  Kaiser  einen  Tempel  weihte,  Inschrn.  v.  P. 
Nr.  299),  ließ  Caracalla  das  nicht  entgelten :  sie  erhielt  neue 
Privilegien  von  ihm  (Dio  C.  78,  20,  4);  und  dieArvalbrüder  ver- 
sammelten sich  auch  zu  feierlichem  Opfer,  daß  der  Kaiser  salvus 
(atque  incolumis)  das  Winterquartier  in  Nikomedeia  bezogen  habe 
(Act.  arv.  a.  214  b  5).  Auf  dem  Wege  dahin  besuchte  Caracalla 
^  Ilion  :  dort  ließ  er  Alexanders  Vorbilde  folgend  seiner  romanti- 

")  Telephoakult  auch  auf  dem  Parthenion  in  Arkadien  Paus.  8, 54,  6. 


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500  Karl  Mansche r, 

sehen  Achillesverehrung  freien  Lauf :  er  bekränzte  das  Grabmal 
Achills,  veranstaltete  feierliche  Umzüge  der  Truppen  bei  dem- 
selben, verteilte  Geldspenden  an  die  Soldaten,  als  hätten  sie  ruhm- 
voll das  alte  Ilion  eingenommen,  errichtete  dem  Heros  eine  eherne 
Bildsäule,  bestattete  als  neuer  Achill  seinen  Freigelassenen 
Festus  mit  prunkvoller  Leichenfeier  nach  dem  Muster  der  ho- 
merischen *£Xa  inl  ITaTp6xX(p  (Dio  C.  77,  16,  7.  Herodian. 
4,  8,  3—5).  —  Von  all  diesen  Vorgängen  ist  allerdings  im 
Heroikos  kein  Wort  gesagt,  und  man  ist  im  ersten  Augen- 
blick versucht,  dies  als  einen  terminus  ad  quem  für  die  Ab- 
fassung des  Heroikos  zu  betrachten :  ohne  Zweifel  ist  aber  das 
chronologische  Verhältnis  das  umgekehrte.  Von  Caracallas 
Besuch  in  Pergamon  und  Ilion  braucht  Phil,  nichts  zu  schrei- 
ben; das  war  damals  in  aller  Munde,  und  des  Kaisers  excen- 
trischer  Achilleskultus  hatte  gewiß  bei  vielen  Verwunderung 
und  Widerwillen  erregt.  Unter  solchen  Voraussetzungen  schreibt 
Phil,  sein  Buch:  er  führt  den  Beweis  für  die  Fortexistenz  und 
die  Wirksamkeit  der  Heroen  in  der  Gegenwart  und  rechtfer- 
tigt so  die  Heroen  Verehrung,  deren  der  Kaiser  sich  beflissen. 
Namentlich  Achills  Wirken  wird  natürlich  ausführlich  behan- 
delt, ihm  deshalb  ein  besonderer  Abschnitt  gewidmet,  dabei 
auch  jenes  für  Caracalla  vorbildlichen  Opfers  gedacht  (p.  209,  32), 
das  Alexander  der  Große  dargebracht  hatte,  als  er  'gegen 
Darius  ziehend  sich  den  Achilles  in  Troja  zum  Bundesgenossen 
machte'77).  Nun  wird  uns  auch  verständlich,  weshalb  Phil, 
von  allen  Trojasagen  gerade  jenen  Kampf  in  Mysien  ausführ- 
lich und  an  besonderer  Stelle  behandelt  hat:  dem  Telephos 
hatte  Caracalla  geopfert,  über  Telephos  unterrichtet  Phil,  den 
Kaiser  und  zwar,  wie  wir  heute  wissen,  in  überaus  authenti- 
scher Weise,  mit  Hilfe  der  pergam emschen  Lokalsage,  wie  sie 
für  jedermann  sichtbar  am  inneren  Fries,  an  der  Rückwand 
der  Säulenhalle  des  großen  Altars,  im  Relief  dargestellt  und 
vielleicht  in  einem  höfischen  Epos  eines  pergam enischen  Gram- 
matikers erzählt  war.  Bekanntlich  ist  mit  Hilfe  Phil.s  die 
Deutung  mehrerer  Reliefs  jenes  Frieses  auf  Telephos  und  die 

7T)  Dies  Opfer  bildete  den  Stoff  einer  Schrift  Dikaiarchs,  nspl 
iv  'IX(<p  »uotetc  Athen.  13,  80  p.  603A,  die  Hirzel,  Dialog  I  S.  319  (auch 
311  Anm.  2)  als  Dialog  ansieht.  —  Auch  Apollonios  «ollte  am  Grab- 
hügel Achills  geopfert  haben,      Ap.  4,  11  p.  V.tt,  12  sqq. 


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Die  Philoatrate. 


507 


Kaikosschlacht,  die  Teilnahme  seiner  Gattin  Hiera  und  seiner 
Bundesgenossen  am  Kampfe  gelungen78).  —  Zwei  Heroen, 
Achilles  und  Telephos  boten  die  Tatsachen  dem  Phil,  zur 
Behandlung  dar;  ihre  Verbindung  hatte  ein  Bedenken:  die 
Telephossage  fehlte  bei  Homer.  War  sie  deshalb  minder  wahr? 
Mit  nichten;  weshalb  aber  hatte  Homer  sie  dann  bei  Seite 
gelassen?  So  ward  es  notwendig  für  Phil.,  Homers  Stellung 
zu  seinem  Stoffe  zu  erörtern,  die  Gründe  darzulegen,  weshalb 
er  das  eine  dichterisch  verwertet,  das  andere  verschwiegen 
habe.  Dabei  sollte  natürlich  an  Homer  keine  harte  Kritik 
geübt  werden  (s.  p.  161,  82  toi>?  u,t)  £pövras  aötoö  u.a{vea{tet) : 
seine  Abweichungen  von  der  4 Wahrheit'  mußten  aus  seinen 
besonderen  dichterischen  Absichten  erklärt  werden.  Für  diese 
'Wahrheit'  aber  mußte  ein  möglichst  glaubwürdiger  Gewährs- 
mann gewonnen  werden:  Phil,  ergriff  den  Ausweg,  der  schon 
oft  genug  betreten  worden  war79),  durch  eine  Fiktion  seinem 
Berichte  überTroja  den  Stempel  der  Authentie  aufzuprägen: 
einen  der  Heroen  selbst  machte  er  zum  Verkünder  der  neuen 
Wahrheit  über  Homer,  Protesilaos.  So  findet  der  zweite  Teil 
des  Heroikos  seine  Erklärung,  die  Absonderung  der  Telephos- 
nnd  Achillessagen  von  den  übrigen  trojanischen  Helden  und 
ihre  Stellung  am  Anfang  und  Ende  der  Troika,  sowie  das  Ein- 
schieben der  beiden  Exkurse  über  Homer.  Aber  auch  der 
Heros  Protesilaos  selbst  war  für  PhiL  —  und  damit  schließt 
sich  die  Kette  der  Beweise  für  die  Beziehungen  des  Heroikos 
auf  das  J.  214  —  durch  die  damaligen  Ereignisse  gegeben. 
Oaracalla  wollte  ins  Winterlager  nach  Nikomedeia,  trotzdem 
setzte  er  nicht  über  den  Bosporus,  sondern  über  den  Helles- 
pont  nach  Asien  über.  Die  Wahl  dieses  Weges  war  nicht 
bloß  durch  die  Absicht  Pergamon  zu  besuchen  veranlaßt,  mehr 

™)  Diese  Entdeckung  verdanken  wir  C.  Robert,  Beitrage  zur  Er- 
klärung des  Pergameniscben  Teleph'os-Frieeea,  Jahrbuch  des  deutschen 
arch.  lnst.8,  II  1887,  S.  255  ff.  Dazu  E.  Tbrämer,  Pergamos,  Lpzg.  1888, 
im  Exkurs  8.  382  ff.  Vgl.  Führer  durch  das  Pergamon-Mroeuiii,  Berlin 
1904,  8.  30  ff.  Neuerdings  Brückner  in  seinem  Vortrage  der  archäol. 
Gesellschaft  zu  Berlin  'Wann  ist  der  Altar  von  Pergamon  errichtet?', 
Berl.  philol.  Wcbschr.  1905  Sp.  267  ff.  (300  ff.  33i  ff.).  Der  Kampf  des 
Telephos  mit  Achill  war  auch  am  Tempel  der  Athena  Alea  in  Tegtia 
dargestellt,  Paus.  8,  45,  7. 

7g)  Wie  beliebt  solche  Fiktionen  waren,  ist  bekannt;  man  denke 
nur  an  Apions  Schwindeleien ;  (Mommeen,  Rom.  Gesch.  V 4  S.  517  Anm.  2). 


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508  Karl  Mü  nach  er, 


noch  durch  das  Beispiel  Alexanders  des  Großen  (vgl.  P.  v.  Rohden» 
Pauly-Wissowa  II  2448).  Seit  er  Thrakien  betreten,  war  Ca- 
racalla  'Alexander'  (Herodian.  4,  8,  1).  Nun  wissen  wir,  daß 
dieser  von  Sestos  kommend  nach  Eleus  zog  und  dort  am  Grab- 
mal des  Protesilaos  opferte :  Sic  xod  UptöxeoiXaoc,  7cpöxo;  £56x£i 
exßfjvai  ig  ttjv  'Aotav  töv  eEAXr4v<i>v  töv  dEjia  'AYauiu-vovi  kg 
"IXcov  axpaxeuaavcwv  (Arrian.  Anab.  1,  11,  5).  Die  Vermutung 
ist  unabweislicb,  daß  Caracalla  auch  hierin  seinem  großen  Vor- 
bilde gefolgt  ist  und  dem  Protesilaos  in  Eleus  seine  Verehrung  * 
bewiesen  hat.  Diesen  Heros,  den  ersten  der  drei,  denen  Caracalla 
huldigte,  machte  Phil,  zum  Vermittler  der  Wahrheit  über  die 
homerischen  Helden;  so  erklärt  sich  die  breite  Schilderung 
der  dämonischen  Wirksamkeit  des  Protesilaos  (besonders  seiner 
Prophezeihungen,  die  er  Athleten  gegeben,  zu  denen  sich  Ca- 
racalla ja  mit  Vorliebe  zählte),  ebenso  seine  geflissentliche 
Bevorzugung  in  der  Beschreibung  der  Kaikosschlacht. 

Sind  meine  Ausführungen  zutreffend,  so  ist  damit  der 
Heroikos,  für  dessen  Abfassung  wir  oben  die  Jahre  213 — 219 
feststellten,  genau  datiert.  Im  Winter  214/5  ward  er  von  Phil, 
begonnen  —  und  vielleicht  auch  vollendet.  Letzteres  ist  frei- 
lich nicht  mit  Sicherheit  zu  behaupten,  aber  es  mußte  doch 
Phil,  daran  gelegen  sein,  mit  seinem  Buche  dem  Kaiser  auf- 
zuwarten, solange  dessen  Erinnerung  an  das  Erlebte  noch 
frisch,  seine  Alexander-Achillesbegeisterung  noch  nicht  ver- 
flogen war.  Wir  wissen,  der  Lemnier  gewann  215  in  Niko- 
medeia  die  Gunst  Caracallas  durch  eine  u^XeTq.  Entweder 
hatte  er  sich  vorher  schon  durch  den  Heroikos  bei  Caracalla 
empfohlen,  oder  er  stattete  damit  seinen  Dank  für  die  erhal- 
tene Auszeichnung  ab,  oder  aber  —  und  das  erscheint  mir 
am  einleuchtendsten  —  \iikivr^  ist  in  der  Bioistelle  nicht  im 
speciellen  Sinne  von  Rede  (Controversie  oder  Suasorie)  im  Ge- 
gensatz von  StaXe^,  sondern  allgemeiner  als  'Vortrag'  zu  fas- 
sen, und  jene  Melete  ist  nichts  anderes  als  der  Heroikos  selbst, 
dessen  Recitation  vor  Caracalla  Phil.  —  man  denke  an  Lu- 
kians  öffentlich  vorgetragene  Dialoge  —  die  Atelie  einbrachte, 
dann  wäre  der  Heroikos  sicher  im  J.  215  verfaßt. 

Was  wir  des  weiteren  über  das  Leben  des  'Lemniers'  Phil, 
erfahren,  weist  uns  zunächst  nach  Rom  und  Italien.  Eine 


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Die  Philostrate. 


509 


Anekdote  in  den  v.  soph.  (p.  123,  16  sqq.)  bringt  ihn  mit 
Ailianos  zusammen.  Nach  Elagabals  Tode  traf  Phil,  diesen, 
wie  er  mit  zornerfüllter  Stimme  eine  xanjyopta  toö  yuvvtSo; 
recitierte:  höhnisch  genug  bemerkte  Phil.,  ich  hätte  dich  be- 
wundert, wenn  du  ihn  bei  seinen  Lebzeiten  angeklagt  hättest. 
Das  Geschichtchen  fällt  also  ins  J.  222,  den  Anfang  der  Re- 
gierung des  Severus  Alexander.  Nach  Italien  versetzt  uns  auch 
das  Proömium  der  Eikones.  Eine  Neapler  Gemäldegalerie  giebt 
Phü.  vor  zu  beschreiben ;  als  Veranlassung  seines  Aufenthaltes 
in  Neapel  nennt  er  den  musischen  Agon,  der,  wie  wir  wissen 
{vgl.  Vollmer,  zu  Stat.  silv.  2,  2, 6),  in  vierjähriger  Periode  an 
fc  den  Augustalien  veranstaltet  wurde.  Daß  der  Rhetor  solche 
Festfeier  wirklich  besucht  hat,  ist  nicht  zu  bezweifeln80).  Of- 
fenbar hat  der  Lemnier,  angereizt  durch  seine  Erfolge  am 
Kaiserhofe  (während  sein  älterer  Verwandter  sich  in  Syrien 
aufhielt),  in  Rom  versucht  dauernd  festen  Fuß  zu  fassen.  Es 
ist  ihm  mißlungen.  Es  war  verhängnisvoll,  daß  er  mit  jenem 
Ravennaten  Aspasios,  der  wie  wahrscheinlich  schon  unter  Ca- 
racalla  auch  noch  unter  Alexander  die  kaiserliche  griechische 
Kanzlei  und  den  rhetorischen  Lehrstuhl  in  Rom,  den  nptbxog 
•  •  ttpdvo;  (vgl.  Bücheler,  Rhein.  Mus.  61,  1906,  S.  140),  inne 
hatte,  dem  der  letzte  der  Bioi  gewidmet  ist  (vgl.  oben  S.  471), 
sich  verfeindete.  Phil,  scheint  gehofft  zu  haben,  den  alternden 
Aspasios  aus  seiner  Stellung  verdrängen,  seinen  Platz  selbst 
einnehmen  zu  können.  Aspasios  wollte  aber  noch  nicht  in  den 
Ruhestand  treten  (p.  125,  32  yrjpaaxwv  £üv  atita  toö  u.^ 
sieptp  d7ro3rfjvat  ßouXead-at),  und  Phil,  verließ  Rom.  In  Klein- 
asien (ev  'Iwvt'a  sagt  Phil.  p.  126,  3) 8l),  wohin  sich  der  Lem- 
nier zunächst  gewandt  haben  muß  —  wir  erinnern  uns  seiner 
Bekanntschaft  mit  den  Städten  KL- Asiens  und  der  Beziehungen 
der  Philostrate  zu  Erythrae  —  wurde  das  Zerwürfnis  mit  Aspa- 
sios und  seinem  Anhang  verschärft,  in  welcher  Weise,  ist  nicht 

80)  In  Ueberein»timraung  damit  sagt  er  p.  365.  20  xöv  'EyxdXaiov 
iv  'Ixxlix  xa-i-qj.  Bereits  der  Heroik,  enthalt  eine  Erwähnung  Neapels 
und  des  Vesuv  (p  140,  10  sqq.). 

**)  'Ionien'  ist  bei  Phil,  da«  Küstenland  Kl.-Asiens.  Vgl.  mit  der 
Stelle  p.  126,  2  die  wörtlich  Obereinstimmende  p.  10,  14,  sowie  46,  13 
und  24;  89.  30  (iv  'lam*  im  Gegensatz  zu  Mysien);  101,  5  (Geg.  Athen 
und  Italien);  im  gleichen  Sinne  p.  101,22  'iomxij  tiea,  119,  11  'iomxTj 
dxpdao'.;. 


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510  Karl  AI  ttn  scher, 

klar,  durch  zwei  andere  Sophisten  Aurelius  und  Cassianus81), 
.  über  die  Fl.  Phil,  sich  deshalb  —  schwerlich  ganz  unparteiisch 
—  sehr  abfällig  und  mißgünstig  äußert.  Dieser  scheint  selbst 
in  den  Streit,  natürlich  zu  Gunsten  seines  Verwandten,  mit  ein- 
gegriffen zu  haben,  wenn  wir  (vgl.  auch  Schmid  IV  S.  543) 
eine  Hindeutung  auf  eine  uns  sonst  unbekannte  Schrift  mit 
Recht  in  dem  Satze  finden  (p.  126,  9)  rapl  .  .  .  toO  zp&nou  Tffc 

tü>s  deo^Xcnuiva.  Jener  Cassianus  scheint  damals  in  Konkur- 
renz gegen  den  Lemnier  seine  Ernennung  zum  kaiserlichen 
Professor  in  Athen  durchgesetzt  zu  haben :  der  Lemnier  kehrte 
dahin  zurück  —  ohne  Professur. 

Ein  Erzeugnis  dieses,  wie  schon  des  älteren  Phil.  Schrift 
zeigt,  zum  Teil  wenigstens  litterarisch  angefochtenen  Docen- 
tenstreitea,  erwähnt  Fi.  Phil.,  eine  £maxoXyj  rep:  xoO  kw;  de? 
(X7iooriXXetv,  einen  offenen  Brief  des  Lemniers  gegen  Aspasios ; 
npbt;  töv  "Ao7caa:ov  Teivei  heißt  es  p.  126,  20,  d.  h.  der  Brief 
nannte  keinen  Adressaten83),  durch  seinen  Inhalt  polemisierte 
er  gegen  Aspasios.  Nun  ist  in  einigen  codd.  der  den  Namen 
Phil,  tragenden  Briefsammlungen  den  übrigen  ein  Brief  über 
den  £7ri<rroX'.xö$  xapaxiTjp  xoö  X6you  angefügt  (die  Mynashdschr. 
des  Gymnastikos  läßt  ihn  diesem  folgen,  s.  S.  553  Anm.  160); 
im  Paris.  1696  mit  der  Ueberschrift  'Aanxaia  (Phil,  epist.  ed. 
Boissonade,  Paris  1842,  als  epist.  1,  wie  in  den  älteren  Ausgg., 
bei  Kayser  II  p.  257  als  OLaXe^s  l  herausgeg.).  Daß  dies  eben 
jener  in  den  Bioi  erwähnte  Brief  des  Lemniers  sei,  ist  längst 
erkannt  worden  (vgl.  Boissonade  p.  50),  schon  von  dem  Leser,  der 
in  seiner  Handschrift  das  'Astasie)  (wofür  *A<j7ta<j:a  nur  Ver- 
schreibung  ist)  hinzufügte.  Kayser  (gr.  Ausg.  praef.  epist. 
p.  V)  hat  diese  Identificierung  für  trügerisch  erklärt;  sie  wird 
als  richtig  erwiesen  durch  eine  Vergleichung  der  Inhaltsan- 
gabe, die  die  Bioi  von  dem  Briefe  des  Lemniers  geben,  mit 
dem  erhaltenen  Schriftstücke.  Nach  Aufzählung  von  muster- 
giltigen  Epistolographen,  unter  denen  der  Tyaneer  (d.  i.  Apol- 
lonios)  nicht  fehlt,  stellt  der  Brief  4  Forderungen  auf  für  den 

**)  Ueber  beide  wissen  wir  sonst  nichts;  a.  Schmid,  Paoly-WiaBowa 
II  2432  Nr.  10.  III  1H67  Nr.  9. 

M)  Da«  betont  OleariuB,  bei  Boissonade  p.  49.  2. 


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Die  PhiloBtrate. 


511 


Briefstil84):  erstens  die  Mitte  zu  wahren  zwischen  gewöhnli- 
cher und  kunstmäßiger  Ausdrucksweise,  sachlichen,  aber  nicht 
die  Eleganz  vernachlässigenden  Stil  zu  schreiben,  und  zweitens 
die  passende  Figuration  der  Rede  zu  erreichen  durch  Meiden 
der  Figuren.  Die  zwei  letzten,  am  breitesten  behandelten  For- 
derungen, Meiden  kunstvoller  Periodisierung,  die  zur  Rede,  nicht 
zum  Briefe  passe  (dytüvtartxwiepov  yap  yj  xaxa  ETOaioX^v  tööto 
p.  258, 18),  und  unbedingtes  Erstreben  der  aacpfjveia,  decken 
sich  mit  den  beiden  in  den  Bioi  erhobenen  Vorwürfen,  des 
*Aspasios  Kaiserbriefe  seien  teils  ayümortxuVcepov  toü  Slovtos, 
teils  o'j  aa<pd>{  verfaßt  Wie  des  Aspasios  Name  in  dem  Briefe 
nicht  genannt  wird,  wird  auch  die  Schlußfolgerung,  daß  näm- 
lich, wer  die  Gesetze  des  Briefstils  nicht  kenne,  nicht  kaiserlicher 
£7UGTGA£0£  sein  oder  bleiben  sollte,  dem  kundigen  Leser  über- 
lassen —  eine  formell  feine,  wie  sachlich  scharfe  Art  der  Polemik ! 

Dieser  Brief  (so  nennen  die  Bioi  das  Werkchen,  und  es 
ist  falsch,  es  mit  Kaysei*  als  aaXe?:;  aufzufassen) 8 *)  tritt  also 
als  drittes  erhaltenes  Werk  des  Phil.  Lemnios  neben  den  He- 
roikos  und  die  Eikones.  Es  wäre  eine  starke  Instanz  gegen 
die  Giltigkeit  dieses  Ergebnisses,  wenn  auf  richtiger  Beobach- 
tung beruhte,  was  Schmid,  Atticismus  IV  S.  8  Anm.  7  schreibt: 
'nur  durch  sorgfältige  Vermeidung  des  Hiatus  unterscheidet 
*  sie  (nämlich  die  Dialexis,  wie  Schm.  nach  Kayser  den  Brief 
nennt)  sich  wesentlich  von  den  Werken  des  zweiten  Philostra- 
tus\  Der  Brief  enthält  nach  Abrechnung  der  auch  sonst  bei 
Hiat  meidenden  Schriftstellern  gestatteten  Vokalzusammenstöße 
(nach  dem  Artikel  p.  258,  -i.  6.  12.  21;  nach  xat  p.  258,  7 
u.  a.;  uij  11  und  12;  in  der  Pause  15)  sowie  der  durch 
Elision  beim  Sprechen  beseitigten  (Se  Z.  2  u.s.w. ;  Tipoetp^uiv' 

ft4)  Was  wir  von  antiker  Theorie  über  Epistolographie  wissen, 
stimmt  sachlich  ziemlich  überein.  wie  das  Hadurmacber  im  Kommentar 
zu  Demetrius  de  elocutione  p.  109  ausgesprochen  hat.  Vgl.  etwa  zu 
Phihs  dritter  Forderung  Demetr.  229,  zur  ersten  231  und  235,  sowie 
190  über  das  tcxv^v,  zur  vierten  und  zweiten  191. 

"*)  Ein  Citat  daraus  bei  Proklos  wspt  i«iotOAijia(oi>  xaPax~?iP°C* 
Kpistologr.  gr.  ed.  Hercher  p.  7,  und  zwar  wird  der  Autor  treffend 
*iXö<rcpatos  d  Ar,|mo€  genannt.  —  Der  Schlußsatz  xöv  vor^vctuv  x4  jisv 
xotvi  xouvftc  cfpdo(i)}isv,  x&  ds  xouvi  xcivü>£  (vgl.  Lukian  Hipp.  8)  ist  eine 
Variation  der  durch  Isokrates  (4,  8.  vgl.  Nr.  9  der  Apophthegmen,  Isoer. 
ed.  Blass  II  p.  27b)  allgemein  verbreiteten,  bereits  von  Teisias  und 
Gorgias  (nach  Plat.  Phaidr.  p.  267  A)  gebrauchten  Antithese. 


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512  Karl  Münscher, 

tj  21;  %aV  inioxolty  19;  ü>pai£otT*  2;  16)  vier  schwere  Hiate 
(Z.  16  ßpa^uXo^ta  <bpat£oiTO,  17  atevt)  oOaa,  26S€<o  sureXeia;, 
19  (Aifj  reu  in!)  in  29  Zeilen  Teubnertext,  auf  7 — 8  Zeilen 
einen  Hiat.  Das  ist  keine  sorgfältige  Meidung  des  Hiatus, 
ebensowenig  wie  sie  in  andern  Philostratischen  Schriften  zu 
verspüren  ist 8C).  Gleich  sehr  oder  gleich  wenig,  sogar  schein- 
bar noch  sorgfältiger  Hiat  meidende  Partien  sind  leicht  in  den 
andern  Schriften  zu  finden;  z.  B.  Eik.  1,  6:  nach  Abzug  der 
erlaubten  (zu  denen  auch  der  nach  izepl  p.  302,  14.  803,  4 
und  der  nach  Ott  304,  13  gehören  würde)  bleiben  als  feste 
Hiate  302,  2  axpwuvT)  etvat,  302,  11  zpvact  evfoi;,  302,  29 
Kbbou  apxovxat,  303,  11  oOxen  oi  loinol  £/vouaiv,  303,  29  rai- 
pwvTai  auiov,  303,  30  'Acppo&rn  fjotarov,  304,  1  a  Siexe,  304, 
16  nepövat  ai,  von  denen  wohl  noch  ouxeit  oi  (303,  11)  nach 
Heroik.  219,  13  durch  Elision  und  ä  §Texe  (304,  1)  durch  Zu- 
sammenziehung (vgl.  Isokr.  12,  3  ayw)  zu  beseitigen  wären, 
d.  h.  7  (bez.  9)  Hiate  in  93  Teubnerzeilen,  auf  13  (bez.  10) 
Zeilen  ein  Hiat.  Etwa  das  gleiche  Verhältnis  liefert  der 
Schluß  des  Heroikos  (von  p.  216,  6  an),  in  122  Zeilen  12 
(oder  13)  Hiate,  auf  10  (bez.  9)  Zeilen  ein  Hiat.  An  diesen 
Stellen  ist  an  bewußtes  Vermeiden  des  Vokalzusammenstoßes 
nicht  zu  denken,  ebensowenig  aber  auch  in  dem  Briefe. 

Zeitlich  wird  dieser  etwa  in  die  ersten  Jahre  der  Regie- 
rung des  Severus  Alexander  gehören.  Ueber  die  Abfassungs- 
zeit der  Eikones  ist  genaueres  gleichfalls  nicht  zu  ermitteln. 
Nur  soviel  läßt  sich  sagen:  der  Verfasser  spricht  von  sich 
selbst  im  Proömium  als  einem  bekannten  und  berühmten 
Manne,  um  den  sich,  wenn  seine  Anwesenheit  in  einer  Stadt 
bekannt  wird,  die  Menge  der  Studierenden  neugierig  drängt 
(p.  295,  16  sqq.).  Die  'Bilder*  sind  also  nicht  das  Werk  eines 
aufstrebenden  Jünglings,  sondern  eines  Mannes  auf  der  Höhe 
seines  Ruhmes.  Wir  werden  daher  mit  Recht  ihre  Abfassung 
nicht  nur  nach  der  des  Heroikos  ansetzen,  sondern  auch  nach 

ö<1)  Lediglich  in  der  Verteidigungsrede  des  Apollonios  (v.  Ap.  8,  7 
p.  301,  32  sqq.)  ist  vielleicht  absichtliches  Meiden  des  Hiates  (aber  auch 
ohne  strenge  Observanz)  anzunehmen;  vgl.  Schiuid  IV  S.  469  f.;  da 
verlaüt  Phil,  seine  sonst  immer  geübte  dcfsXsta.  Als  Curiosum  sei  er- 
wähnt, daß  C.  H.  Cobet  diese  Rede  als  echt,  d.  h.  wirklich  von  Apol- 
lonios gehalten  ansah  (Mnemosyne  VIII,  1859,  p.  150  sqq.). 


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Die  Philostrate.  513 

jener  Zeit  längeren  Verweilens  in  Rom  und  Italien,  also  auch 
nach  dem  Streit  mit  Aspasios  und  nach  dem  'Briefe'.  Neapel 
iste,  wo  ihn  die  lernbegierige  Jugend  so  umschwärmt  haben 
soll,  für  Griechenland  aber  und  in  Griechenland  schreibt  er, 
wenn  er  sagt:  6  iwtpi  xoi;  NsaicoMtai;  dtywv,  8e  kö\i$  ev 
TcaXt'a  $xt<rca'.  yevo;  "EXAtjve;  xcrt  aTcuxot;  in  Athen  also,  wo 
der  Lemnier  später  neben  seinem  älteren  Verwandten  tätig 
war  (s.  S.  489),  werden  die  Eikones  verfaßt  sein  (vgl.  Kayser 
gr.  Ausg.  praef.  Eik.  p.  V). 

Die  Bilderbeschreibungen  gehören  unter  den  Begriff  £*/.- 
cppao:;,  in  der  damaligen  Rhetorik  eins  der  Tcpo^uu-vaa^axa; 
ypacpixfj;  spytov  extppaa:;  nennt  der  Verfasser  der  jüngeren 
Eikones  (p.  390,  10)  das  ihm  vorbildliche  Werk  seines  Groß- 
vaters. Doch  ist  es  bemerkenswert,  daß  die  Progymnasmatiker 
Theon  und  Hermogenes  (ihnen  folgend  auch  Aphthonius)87)  bei 
Behandlung  der  Ekphrasis  die  Beschreibung  von  Bildern  oder 
Statuen  mit  keinem  Worte  erwähnen.  Die  Praxis  hat  da  die 
Theorie  überflügelt  und  in  der  Gemäldebeschreibung  die  be- 
quemste Form  der  am  höchsten  bewerteten  jaixit)  exqppaaf.£  ent- 
deckt, die  mehrere  der  einfachen  Ekph rasen  von  7ip6ao)7ia, 
Tipayuata,  xotzo:  und  XP^vo:  umfaßt.  •  Beispiele  von  Ekphraäen. 
die  wirklich  vorhandene  oder  fingierte  Gemälde  oder  Statuen 
beschreiben,  haben  wir  nicht  wenige  bei  Lukian,  Apuleius  u.  s. 
(vgl.  darüber  Matz,  de  Philostratorum  in  describendis  imaginibus 
fide,  Bonn  1867,  p.  9  sqq.).  Phil.s  Vorgänger  in  der  Edition 
einer  Ekphrasensammlung  in  Buchform  war  der  Makedonier 
Nikostratos,  den  Suidas  als  Zeitgenossen  des  Dio  und  Aristides 
unter  Kaiser  Marcus  ansetzt**).    Die  einzelne  Bilderbeschrei- 

B7)  Erst  bei  Nikolaos  (Spengel  III  p.  492)  stehen  detailirte  An- 
weisungen für  «He  Ekphrasis  von  sixövs?  und  aydiX^aTa;  in  seinen  Muster- 
progyninasinen  enthält  das  Vi.  Kapitel  (Walz  1  p.  394-414)  unter  11 
Ekphrasen  10  Beschreibungen  von  Bildwerken;  die  Ausnahrae  int  Nr.  7 
-cocwvog  äx^pao:;  (vgl.  1-ibanio«,  Heitske  IV  p.  1078).  In  Libanios  Pro- 
gymnasruenaainiulung  sind  Bilderbeschreibungen  dünn  gesät  (Keiske  IV 
p.  1048.  1057.  1056.  letztere  ganz  in  Phil.s  Art;  s.  Z.  4  iuiXXat«  rt 
Ypa^Tj  -et  Ixri,  p.  10^5,  6  ^TjXwost,  .  .  .  xat  xb  uiTpov  6  Xiyoj),  zahl- 
reicher Statuen  beschreibungen  (IV  p.  lt>66.  lot?8.  1081.  1 1>82  u.  ».).  Bei- 
npiele  von  Ekphrasen  aller  Art  behandelt  Leo,  de  Statii  Silvia,  (Böttingen 
1893.  p.  U  sqq. 

88)  Wenigstens  wenn  der  Titel  s:.r.&vs;  itn  speziellen  Sinne  von  B  i  1- 
d  e  r  beschreibungen  zu  ver»tehen  ist  (bei  Fronto  epist.  3,7  und  8  steht 
aixttiv   in  weiterer  Bedeutung  für  Sx?pcwi$  überhaupt.    Suet.  grauim.  4 


■ 


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5U  Karl  Münscher, 

bung  ist  ein  rhetorisches  Musterstöck,  die  Gesamtheit  der 
Eikones  aber,  das  ganze  Buch,  stellt  sich  bei  Phil,  als  ein 
einheitlicher  Lehrvortrag  dar,  den  er  dem  10jährigen  Sohne 
seines  neapolitanischen  Gastfreundes  sowie  andern  Zuhörern 
hält.  Der  Schluß  der  Einleitung  des  Werkes  erscheint  als 
kurze  dialogische  Einführung  in  die  Situation,  dann  folgt  der 
Vortrag  des  Meisters,  der  nur  an  einer  Stelle  (p.  363,  29) 
durch  eine  Antwort  des  Zuhörers  unterbrochen  wird  (hierüber 
die  praef.  d.  Wiener  Ausg.  p.  XX  sq.).  Phil,  benutzt  also 
die  bekannte00)  Form  des  philosophischen  Lehrvortrags  mit 
dialogischer  Einkleidung  und,  um  sein  Rivalisieren  mit  der 
alten  Feindin  der  Rhetorik,  der  Philosophie,  erst  augenfällig 
zu  machen,  nennt  er  seine  Dialexeis  mit  dem  von  alters  her 
bei  Philosophen  üblichen,  nun  auch  bei  den  Christen  ange- 
wandten Ausdrucke  für  belehrende  Vorträge  (vgl.  Norden,  Ant. 
Kunstprosa  II  1898  S.  541):  6u.cXtai  (imag.  p.  295,  11;  im 
gleichen  Siune  auch  v.  Ap.  p.  93,  20.  Vgl.  Schmid,  Atticis- 
nius  IV  S.  367),  wie  er  im  Heroikos  die  Form  des  philosophi- 
schen Dialoges  benutzt. 

Eine  interessante  Notiz  über  das  Leben  des  Verfassers 
geben  uns  noch  die  Eikones.  In  der  Einleitung,  in  der  einige 
allgemeine  Bemerkungen  über  Malerei  vorangeschickt  werden, 
nennt  Phil,  einen  Aristodemos  aus  Karlen,  der,  selbst  aus- 
übender Künstler,  über  Maler  und  ihre  künstlerischen  Erfolge 
geschrieben  hatte  (vgl.  Brunn,  Gesch.  d.  griech.  Künstler,  II 

braucht  dafür  paraphrasis ;  rhet.  1  fehlt  die  Ekphraais  in  der  Aufzählung 
der  Progymnasmata).  Die  Btxövsg  des  Nikostratos  nennt  Suidas  zwischen 
den  Buchtiteln  dsx<x|iu$-£a  und  itoXuji'j&la  (vgl.  Hermog.  it.  18.  p.  420,  14); 
waren  das  auch  Sammlungen  von  Progymnaamen?  (Der  Mythos  ist  bei 
Theon  und  Beinen  Nachfolgern  das  erste  Progyninasma).  Nik.  gilt  als 
Muster  der  dq?4Aeiot,  vgl.  Uaener,  Dionysii  Hai.  qu.  f.  ars  rhet.,  189*> 
praef.  p.  VI.  s.  oben  S.  495).  Nach  Suidas  und  Schol.  Lukian.  de  Bai- 
tat. b'9  p.  144  (Jakobitz  IV)  gehörte  er  neben  PhiL  zu  der  jüngeren 
Dekas  von  Sophisten,  von  denen  es  aber  in  Wahrheit  einen  'Kanon' 
(Phil.  v.  soph.  p.  72.10.  Anth.  Pal.  7,573.2,  dazu  Stadtmüllers  Note) 
niemals  gegeben  hat  (vgl.  Steffen,  de  canone  qui  dicitur  Aristopbanis 
et  Aristarchi,  Lpzg.  1876,  p.  51).  —  Mit  der  sophistischen  Bilderbe- 
schreibung haben  nichts  zu  tun  die  Imagines  Varros  und  des  Atticus 
(Teuttel-Schwabe,  160,5  und  172, 2  d).  Kürsts  Vermutung  (Philol.  61 
p.  886  Anm.  35),  daß  'die  Schilderung  der  körperlichen  Erscheinung 
eine  nicht  geringe  Rolle*  in  deren  prosaischem  Texte  gespielt  habe,  ist 
schwerlich  richtig;  statt  dessen  waren  eben  die  Porträts  selbst  beige- 

geb6M)  Vgl.  Schmid,  Attic  IV  S.  535. 


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Die  Philostrate. 


515 


1889,  S.  208).  Mit  diesem  hat  Phil.,  wie  er  sagt,  4  Jahre 
der  Malerei  zu  Liebe  in  Gastfreundschaft  zusammengelebt,  ihn, 
wie  es  scheint,  in  seinem  Hause  gehabt90).  Das  ist  nicht  nur 
ein  Beweis  für  große  Wohlhabenheit  Phil.s,  noch  mehr  fttr 
seine  wirklich  künstlerischen  Interessen.  Daß  er  also  bei  seinen 
'Bildern'  auch  Reminiscenzen  an  vorhandene  Kunstwerke,  die 
er  gesehen  hatte,  mit  verwendet  hat,  ist  überaus  wahrschein- 
lich, wie  es  andererseits  sicher  erscheint,  daß  die  Einkleidung 
des  Buches  eine  Fiktion  ist  und  die  einzelnen  Ekphrasen  nach 
dichterischen  Vorbildern  komponiert  sind91). 

Sonstige  Ueberlieferung  lehrt  über  den  Lemnier  nichts; 
nur  Tzetzes  sagt  vom  Verfasser  des  Heroikos  (Posthomer.  503) 
$Xawoc  (i>c  ipeet  (mit  Bezug  auf  den  Tod  der  Polyxena, 
Heroik,  p.  205,  5  sqq.).  Ist  das  keine  Verwechselung  mit 
dem  älteren  Fl.  Phil.,  dem  Verfasser  der  v.  Ap.  und  v.  soph., 
so  wird  dadurch  wahrscheinlich,  daß  der  in  dem  schon  ange- 
führten Ephebenverzeichnisse  (S.  490)  genannte  Archon  Lukios 
Flayios  Philostratos  aus  Steina  eben  der  im  allgemeinen  als 
'Lemnier'  bezeichnete  Phil.  ist.  Er  hätte  dann  also  im  72. 
(oder  63.  oder  67.)  -  Lebensjahre  das  Archontat  bekleidet. 
Suidas  (s.  S.  517)  enthält  noch  die  Angabe,  daß  dieser  Phil, 
in  seiner  engeren  Heimat  Lemnos  gestorben  und  begraben  sei. 

3.  Die  Phiiostrate  bei  Suidas. 

Wenden  wir  uns  nun  an  Suidas!  Er  behandelt  (natürlich 
nach  Hesychius  Illustrius)  3  Philostrate;  sein  Artikel  lautet: 

tf>tX6<jTpaxos,  <E>tXoorpc£xou  xoö  xal  BVjpou,  Atj(iv(ou  ootptaxoö, 
xa*  aöxbs  Seurepos  aoqjKxrfa,  oo<piaxe6oac  £v  'Aä^vac;,  e?ia  iv 
Tüiug,  inl  SejHjpou  toO  ßaaiX£(i>;  xal  §ü>c  OiXctctcoo.  lypa^e 
\uUxaq.  imoxoXac  £p(imx<*s.  eJxöva;  fjtot  Ix<pp4aetc  £v  ßtßX£otg 
8'.  Suchet;,  afyas  %  ntpl  aOXoö.  'ATwXXamou  ߣov  toO  Tuavlwc, 


M)  Phil,  sagt:  8v  iy<b  snl  OYpacpCqt  gsvov  srcotrjodjnjv  frcöv  TSTxdpwv. 
Die  Uebersetzung  bei  Westennann:  in  cuius  ego  pictnrae  causa  per 
quadrienninm  hospitio  fai  scheint  mir  den  Sinn  gerade  umzukehren. 

9l)  Die  neuere  Litteratur  über  den  zwischen  Fnedericha  und  Brunn 
geführten  Streit  über  die  Realität  der  Philostratischen  Gemälde  ver- 
zeichnen die  beiden  Wiener  Ausgg.  derEikones,  Phil,  mal  p.  XXVIII, 
iun.  p.  LIV.  Auf  den  extremen  Standpunkt,  den  Friederichs  einnahm, 
stellt  sich  C.  Robert,  Studien  zur  Ilias,  1901,  S.  19. 

Philologu»,  8«pplemoDtband  X,  Tiorte»  Heft  34 


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516 


Karl  Münsche r, 


iv  ßißXfotc  if.  äyopav.  ^ptoixov.  ßtcu;  oxxptaxöv,  £v  ßißXtotg  8'. 
£7Ctypaiiu.axa  xal  äXka  xiva.  rcX*jv  rcptöxo;  6<pecXEi  xetad-a: 

<I>tX6oxpaxos  6  7cpöxo;,  Aifjuvioc,  ucö;  B^pou,  iwexfjp  Sfc  xoö 
6eox4pou  4>iXooxpaxou,  oocpiaxtjc  xal  aux6;,  oo<pioxe6aa;  iv  'AxHj- 
vat?,  yeyov&c  inl  Nepwvo;.  Iypa<|>e  Xoyou;  xavT)yupixoüc  7cXetoxouc 
xac  Xoyooc  'EXeuaiviaxoü;  5'.  ueXexac  i^xooueva  rcapa  xot; 
f^xopot.  ^xopixa;  d<popu4c.  rccpl  xoö  dvouaxo;*  £<rct  oe  itpöc 
xöv  oo^toTfyv  'Avxtrcaxpov.  izepl  xpaycpStas  ß:ßXta  y'.  yuu-vaaxi- 
xöv  •  soxi  5e  Tcepi  xöv  fev  'OXojiTutqt  ^mxeXouuivcov.  Xidtfyva>u.ix6v. 
nptöxea.  xuva  f)  oocptoxifjv.  Nepu>va.  freax^v.  xpay(p£ta£  jiy'. 
X(t>(iq>§i'a£  tS%  xai  exepa  rcXeloxa  xai  Xöyou  <£5ia 

0tX6axpaxo€,  Nspßiavoö,  aoeXcpörcaiöo;  OtXoaxpaxou  xoö 
5eux£pou,  AVju.vtoc  xal  aöxös  aotpioxTjS  xai  rcatoeoaac  £v  'AJHj- 
vaic,  xeXeuxVjaa«  5&  xai  xacpei;  iv  Aifjjivq),  dxoüaxVjc  xe  xai  yap.- 
ßpö;  yeyovu);  xoö  5eoxepou  OiXoaxpaxou.  iypa^ev  etxövas.  7tav- 
afbjvat'xov.  Tpuxxov.  7capa<ppaatv  ri);  'Ou^pou  domoo;.  iieXixa; 
e'.  xcvig  6&  xal  xou;  xtöv  ocxptaxtöv  ß{oo;  in'  aoxöv  dvacpepouatv. 

Der  bei  Suidas  voranstehende  Phil,  ist  identisch  mit  dem 
von  uns  zuerst  besprochenen  Fl.  Phil.,  denn  unter  seinen 
Schriften  nennt  Suidas  die  v.  Ap.  und  v.  soph.  (über  die  Ver- 
schiedenheit der  Buchzählung  s.  S.  492  Anm.  54).  Am  Schluß 
des  Artikels  Ober  den  dritten  PhiL  wird  noch  die  unbedingt  irrige 
Meinung  'einiger'  erwähnt:  xtve;  S£  xai  xoüs  xöv  oo<pioxu)v 
ßiou?  in'  aüxöv  dvacpepouaiv.  Wir  erfahren  also  den  Namen 
des  Vaters,  des  Fl.  Phil.,  der  selbst  Phil,  hieß  und  Sohn  eines 
Yerus  war.  Schon  der  Vater  war  Sophist  (Atjuviou  ao^toxoö), 
deshalb  heißt  es  von  Flavios:  xai  aöxö;  5euxepo£  aoyiovffc. 
Dann  die  Orte  seiner  Wirksamkeit,  Athen  und  Rom;  hier  fehlt 
sein  syrischer  Aufenthalt  und  die  spätere  Rückkehr  nach  Athen. 
iizl  Seß/jpoo  xoö  Kacoapo;  xai  OiXtrcuou  (244 — 249);  die 
letzte  Angabe  ergänzt  unser  Wissen  (s.  S.  494). 

An  zweiter  Stelle  spricht  Suidas  vom  Vater  des  Flavios; 
da  dieser  der  II.  der  Zeit  nach,  ist  der  Vater  natürlich  der  I. 
Von  der  chronologischen  Reihenfolge  ist  also  im  Suidasartikel 
doch  wohl  absichtlich  Abstand  genommen  und  der  am  be- 
deutendsten Erscheinende  der  Philostrate  an  die  Spitze  gestellt 
worden;  diese  Abweichung  ist  aber  hinreichend  deutlich  hervor- 
gehoben durch  die  Worte,  die  dem  an  zweite  Stelle  gerückten 


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Die  Philostrate. 


517 


Artikel  über  den  ältesten  Phil,  vorangestellt  sind:  ftXrjv  Tcptö- 
to;  ApsOci  xeioöm»*).  Von  Phil.  I.,  dem  Vater  des  Fl.  Phil.  IL, 
erfahren  wir  nur  noch,  daß  auch  er  bereits  in  Athen  tätig 
war,  und  zwar  Y«Y0Va)S  inl  Nepwvos,  d.  h.  blühend  unter  Nero. 
Diese  Angabe  ist  unweigerlich  falsch,  und  auch  Gronows  Kon- 
jektur knl  N£po6a;  vermag  daran  nichts  zu  bessern93).  Die 
Lebenszeit  des  Sohnes  bestimmt  auch  die  des  Vaters.  Und 
Suidas  widerlegt  seine  Angabe  selbst:  er  nennt  im  Schriften- 
verzeichnis dieses  Phil,  ein  Werk  7tspl  toO  ovou-atot*  lern  8e 
Ttpö;  xöv  oo^pioTTjV  'AvttTcaipov ;  damit  ist  eben  jener  Antipatros 
gemeint94),  dessen  Beziehungen  zu  Phil.  Ii.  und  dem  Kaiser- 
hause wir  betrachtet  haben;  Antipatros  ist  144  geboren,  eine 
gegen  ihn  gerichtete  Schrift  muß  mindestens  20 — 30  Jahre 
später  fallen.  Der  Sohn  des  Phil.  I.,  Phil.  II.,  ist  um  170 
geboren.  Das  ergiebt  als  Lebenszeit  für  Phil.  I.  auch  die 
2.  Hälfte  des  II.  Jhhs.,  seine  Geburt  wird  noch  vor  150  fallen. 

In  dem  kurzen  Verzeichnis  der  Schriften  des  III.  Phil, 
bei  Suidas  stehen  eixöveg  und  Tp<i>:x6c,  was  eine  Verschreibung 
oder  auch  Umnennung  für  'Hpo)tx6{  zu  sein  scheint96).  Das 
ist  also  der  von  uns  bisher  als  'Lemnios'  bezeichnete  Phil.  Zu 
den  uns  bekannten  Tatsachen  stimmen  Suidas*  Worte:  A^u,vios 
xo!  aüTÖ$  oocpiaiijs  xcd  7tat6e6aas  iv  'Afrifjvats ;  neues  lehrt  uns 
der  Zusatz  (s.  oben  S.  515)  *ceXeuT^oa;  8£  xal  xa^e^  iv  A^vtp. 
Außerdem  macht  Suidas  noch  zwei  Angaben  über  die  ver- 

•*)  WeBtermann,  Biogr.  gr.  p.  857  sq.  und  Bekker  in  seiner  Saidas- 
aasgabe (denen  auch  Fertig  p.  6  sq.  gefolgt  ist)  haben  die  beiden  ersten 
Artikel  des  Suidas  umgestellt,  sodaß  der  zeitlich  erste  auch  bei  Suidas 
voransteht  Die  Lösung  des  verworrenen  Knotens  haben  sie  durch  diese 
scheinbare  Verbesserung  nicht  gefördert. 

")  Der  Versuch  Kaysers  (de  gymnastica  ed.,  Heidelberg  1840,  p.  XII, 
wiederholt  gr.  Ausg.  p.  335)  das  unmögliche  y«Yov6>C  ä7tl  N4ptovo$  durch 
Ausfall  einer  Zeile  uou  8k  nspt  dpuxfa  100  'lod-uoö  T*Y0Vt>t«€  ***  Nspw- 
vog)  hinter  Nepoava,  Versetzung  des  unverstandlichen  Restes  (ysyovuIoc 
ini  Nsptovo;)  an  den  Band,  .Wiedereinsetzung  an  anderer  Stelle  mit 
der  Konjektur  f&yav&t,  su  erklaren,  ist  zu  künstlich,  als  daü  er  über- 
zeugend «ein  könnte.  Christ4  S.  752  glaubt  noch  an  den  Phil,  unter 
Nero. 

«)  Daß  der  Dio  or.  18, 12  erwähnte  Antipater  nicht  gemeint  sein 
kann,  hat  Schmid,  Atticism.  IV  S.  Ö  Anm.  1  bemerkt 

•*)  'HpcaiKöc  lautet  der  Titel  Laurent  LVIIl  32,  in  den  andern 
Hdschr.  'HpoKxd,  vgl.  Kayser  gr.  Ausg.  praef.  Her.  p.  V.  Thomas  Ma- 
gister citiert  auch  iv  'HpoKxotc  (p.  48,7.  98,17.  126.5  der  Ausg.  v. 
F.  Ritsehl,  Halle,  1882).  Ueber  die  schwankende  U eberlief erung  der 
Mtnanderatelle  s.  S.  495  Anm.  58. 

34* 


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518 


Karl  Münscher, 


wandtschaftlichen  Beziehungen  dieses  Lernniers:  am  Anfange 
heißt  es  4>iX6oxpaxos  Nepßiavoö  töelycnaßoi  OiXooxpaxou  xoö 
§eux£pou  und  am  Ende  der  Nachrichten  über  das  Leben:  dxou- 
ovtfi  xe  xort  yau-ßpö;  yeyovü)«  xoO  Seuxepou  OiXoaxpaxou.  Ist  in 
beiden  Fällen  der  von  Suidas  als  Ssuxepo;  oxxpioxVjs  bezeichnete 
(aber  an  erster  Stelle  bebandelte)  Verfasser  der  v.  soph.  und  v. 
Ap.  gemeint,  so  ergiebt  sich,  daß  Phil.  HL,  der  Lemnier,  Sohn 
des  Nervianus,  Enkel  einer  Schwester 96)  des  II.  Phil.,  Schüler 
seines  Großonkels,  Phil.  IL,  gewesen  ist,  und  dessen  Tochter, 
also  seine  eigene  Tante,  geheiratet  hat.    Wenn  auch  etwas 
kompliciert,  sind  diese  verwandtschaftlichen  Verhältnisse  doch 
keineswegs  unmöglich.  Sie  sind  aber  von  je  her  den  Philologen 
so  bedenklich  erschienen,  daß  sie  mit  Konjekturen  sie  zu  ver- 
bessern suchten.   Meursius  schrieb  dSfiX^oicat;  (statt  -rcxtSos), 
wodurch  die  Sache  dahin  vereinfacht  wird,  daß  Phil.  DI., 
Schwestersohn  des  Phil.  II.,  dessen  Tochter,  d.  h.  seine  Cou- 
sine geheiratet  hat.  Rohde  a.  a.  0.  S.  35  erreichte  ein  ähnliches 
Resultat  dadurch,  daß  er  an  erster  Stelle  für  xoö  Seuxepoo 
setzte  xoö  itp&xoo ;  dann  wäre  Phil.  III.  der  Sohn  des  Nervianus, 
des  Schwestersohnes  des  Phil.  L,  der  seines  Onkels  Phil.  IL 
Tochter  heiratete.  Vielleicht  ist  aber  aus  dem  Suidastext,  ohne 
ihn  zu  ändern,  etwas  anderes  zu  entnehmen,  als  oben  ange-  4 
deutet  wurde.  Darauf  führt  mich  jener  Suidasartikel  Op6vxü>v 
'Euxcnjvos,  den  wir  oben  (S.  489)  benutzten.    Von  diesem 
Fronto  hieß  es:  yeyovü);  knl  Seßifjpou  xoö  ßaaiXeo);  £v  Twu^* 
Iv  $i  'AOifjvatc  dvxercatSeuae  OiXoaxpaxq)  x<j>  7tpü>T<p  xal  'A^tv^  x$ 
TaSapet.   Wir  sahen,  daß  mit  diesem  Phil,  den  Zeitumständen 
nach  nur  der  Verfasser  der  v.  soph.  und  v.  Ap.  gemeint  sein 
kann  (s.  S.  490);  diesen  nennt  Suidas  hier  OtXoaxpaxoc  6  7tpa>- 
xoc,  obwohl  er  der  Chronologie  nach  der  II.  ist  und  von  Sui-  f 
das  8.  v.  «EiXooxpaxoc  richtig  als  Seuxepo;  oocpiax^s  bezeichnet 
wird,  doch  wohl  aus  keinem  anderen  Grunde,  als  weil  dieser 
seiner  Bedeutung  halber  in  der  Reihe  der  drei  Suidasartikel 
an  erster  Stelle  steht.  Wir  beobachten  also  bei  Suidas  ein 

♦ 

i 

")  Saidas  bez.  Hesych  legt  nur  Wert  auf  die  Zugehörigkeit  des  • 
Phil.  III  zur  Familie  der  Philostrate ;  des  Nervianus  Vater,  offenbar  aus 
anderer  Familie,  wird  nicht  genannt,  folglich  ist  döeX^onooc  hier  so- 
viel wie  Schwestersohn. 


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Die  Philostrate.  5l9 

Schwanken  in  der  Numerierung  der  Philostrate,  je  nach  dem 
er  die  chronologische  Reihenfolge  der  Phil.e  oder  die  Reihen- 
folge seiner  drei  Artikel  berücksichtigt.  Liegt  dieses  Schwanken 
nun  vielleicht  auch  im  dritten  dieser  Artikel  selbst  vor?  Dann 
hätte  Suidas  das  Wort  öeoxepoc  in  doppeltem  Sinne  gebraucht. 
Ncpßtavoö  d5eX<p67wct5os  OiXosTpatou  xoO  Seuxepou,  d.  h.  des 
an  zweiter  Stelle  genannten  Phil,  (der  chronologisch  der  L), 
flbtooorVjs  xe  xal  yaußpöc  ye^ovo)?  xoO  Seux^pou  OcXoaxpaxoo, 
d.  h.  des  chronologisch  II.  (der  aber  an  erster  Stelle  behandelt 
ist)97).  Das  ergäbe:  der  Lemnier  Phil,  hatte  eine  Tochter  des 
Fl.  Phil.  (II.)  und  der  Äurelia  Melitine  zur  Frau,  eine  Schwester 
des  Fl.  Capitolinus.  Erinnern  wir  uns  nun,  daß  der  Verfasser 
der  zweiten  Bildersammlung  den  Verfasser  der  ersten  als  seinen 
Großvater  mütterlicherseits  bezeichnet,  und  daß  jene  Inschrift 
von  Erythrae  den  Fl.  Capitolinus  als  aufrev^  und  d§eXcp6; 
und  auch  als  felos  von  Personen  senatorischen  Ranges  nennt, 
so  erhalten  wir  folgenden  Stammbaum  der  Familie  der  Philo- 
strate: 


Philostratoe  (I).  Tochter, 
ia  Melitine   oo  Fl.  Philostratos  (II).  Nenrianus 

Sohn.   Fl.  Capitolinus.    Tochter  oj  (Fl.)  Philostratos  Lemnios  (III). 


Solin.  Tochter. 


Philostritos  (IV). 


•')  Erscheint  jedoch  obiger  Erklärungsversuch  zu  gekünstelt,  so  ist 
im  Saidas  nichts  zu  ändern  außer  im  Artikel  «Spövrwv  statt  x$  npob-np 
mit  Hemsterhuis  x$  dtuxepcp  zu  schreiben.  Schematisch  dargestellt  er* 
gäbe  sich  dann  folgendes  Verwandtschaftsverhältnis: 

Venia. 


Philostratos  (I). 
Fl.  Philostratos  (II).  Tochter. 

„  I 

Nervianu». 
Oü  (Fl.)  Philostratos  Lemnios  (III). 


lostrato 
Poclter 


■ 


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520  Karl  Münscher, 

Die  Betrachtung  der  Schriftenverzeichnisse  der  einzelnen 
Philostrate  bei  Saidas  und  damit  zusammenhängend  der  übrigen 
erhaltenen  Werke  steht  noch  aus. 

Den  berühmtesten  Phil.  IL  hat  Suidas  vorangestellt.  Seine 
Bedeutung  erscheint  noch  gesteigert,  da  ihm  —  wie  wir  sagen 
dUrfen  —  zu  Unrecht  auch  ehcöve;  und  Vjpwtxo;  zugewiesen 
werden,  die  Phil.  III.  gehören,  bei  dem  sie  Suidas  gleichfalls 
erwähnt.  Zwei  andere  der  genannten  Schriften,  dyopa  und 
aiyec  ^  nspl  aOXoö,  sind  nicht  erhalten.  Der  Doppeltitel  würde 
gut  zu  einem  Dialoge  passen  (vgl.  S.  547  Anm.  149),  in  welchem 
Zusammenhange  die  Flöte  aber  mit  den  Ziegen  gestanden 
haben  könnte,  ist  nicht  zu  ahnen.  Außerdem  aber  nennt 
Suidas  \iz\txou;  und  8ta3i£e:£T  die  beiden  Arten  sophistischer 
Reden,  die  damals  üblich  waren.  Der  Unterschied  zwischen 
beiden  ist  im  Grunde  kein  anderer  als  zwischen  den  Oitod-eoeit 
und  fliaecc  (quaestiones  finitae  und  infinitae)  der  Hermagorei- 
schen  Rhetorik;  ersteren  entsprechen  die  u-eAexat,  nach  dem 
ins  deliberative  oder  judiciale  Genus  gehörenden  Stoffe  contro- 
versiae  oder  suasoriae:  erhaltene  Beispiele  der  Art  sind  die 
Sammlungen  des  alten  Seneca,  die  Quintilianschen,  die  des 
Calpurnius  Flaccus  in  der  lateinischen,  die  Suasorien  des  He- 
rodes  Atticus98),  Polemon  und  Aristides  (die  Keils  I.  Bd.  ent- 
halten wird,  außer  1 — 4)  in  der  griechischen  Litteratur.  Letz- 
teren (den  infinitae)  entsprechen  die  5taXe£ei£  (oder  XaXuzt),  Vor- 
träge allgemeinen,  philosophischen,  litterarhistorischen,  oft  auch 
rein  persönlichen  Inhalts  (Ober  die  XaXia  und  ihre  TtoXuaxiSVj* 
Xpeta  vgl.  die  Ausführungen  Menanders,  rapi  irctSeixTixtöv  Rhet. 
Gr.  III  Sp.  p.  388  sqq.).  Das  persönliche  Moment  trat  besonders 
dann  in  den  Vordergrund,  wenn  die  Dialexis  als  rcpoXoXta  (prolo- 
cutio)  der  eigentlichen,  wohl  vorbereiteten  oder  extemporierten 
Epideixis  voranging.  Apuleius*  Florida  und  de  deo  Socratis98), 
Dions  sophistische  Reden,  Aristides1  (Bd.  II  Keil)  und  Maximus 
Tyrius'  Dialexeis  sind  erhaltene  Muster  der  Gattung.  Für 
jegliche  Art  sophistischer  Reden  bietet  gleichermaßen  Beispiele 

Die  Echtheit  von  Herodes'  Rede  rcspl  woXtrsiac  ist  neu  gesichert 
durch  Schmid,  Rhein.  Mus  59  (1904)  S.  512  ff. 

»»)  De  deo  Socratis  ist  eine  ÖtttXsgtc  (vgl.  5, 129.  6, 132.  14, 150. 
20,166)  und  zwar  eine  extemporierte  (11, 145),  die  natürlich  spater  im 
♦Stenogramm1  zur  Publikation  überarbeitet  sein  wird. 


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Die  Philostrate. 


521 


Lukianos  10°),  der  große  Verhöhner  der  Sophistik.  Für  den  Zeit- 
geschmack ist  es  charakteristisch,  daß  als  das  bedeutendere 
durchaus  die  (ieX^t?)  erscheint,  schon  deshalb,  weil  darin  die 
Redner  ihre  Kunst  im  auxooxeSta^eiv,  im  Extemporieren  Uber 
ein  Tom  Publikum  gewähltes  Thema101)  zeigen  konnten:  das 
war  die  höchste  Leistung;  überboten  konnte  sie  nur  noch 
werden,  wenn  der  Sophist,  wie  Apuleius10*),  fähig  war,  bei  einer 
Epideixis  in  beiden  Sprachen  der  damaligen  Welt  zu  brillieren. 
Unser  Werturteil  würde  dem  jener  Zeiten  durchaus  wider- 
sprechen: wir  freuen  uns,  daß  Dio  vor  dem  öden  Spiel  mit 
Worten  in  fieX^xac  durch  seine  Philosophie  bewahrt  blieb 
(jedenfalls  ist  nicht  bekannt,  daß  er  solche  gehalten  hatte, 
vgl.  Arnim,  Dio  v.  Prusa  S.  180). 

Von  Phil.s  jieXexai  ist  uns  nichts  erhalten,  eine  Probe 
seiner  5taA££et;  besitzen  wir.  Es  ist  unter  Phil.s  Namen  in 
2  Hdschrn.  (bei  Kayeer  II  p.  258,  vgl.  Kaysers  gr.  Ausg. 
praef.  epist.  p.  V)  als  appendix  zu  den  Briefen  eine  Ausein- 
andersetzung Uber  vcfto;  und  cpuots  erhalten,  natürlich  keine 
vollständige  Dialexis,  vielmehr  ein  einer  solchen  entnommener 
tokos ;  wie  gern  man  solche  Glanzstellen  aussonderte,  sammelte 
nnd  herausgab,  ist  durch  Apuleius1  'Blutenlese'  und  Stücke  der 
Dionischen  Redensammlung  (z.  B.  or.  65,  dazu  Arnim  S.  270) 
bekannt.  Das  Thema  des  Philostratischen  Stückes  war  seit  alter 
Zeit  in  der  sophistischen  Rede  beliebt.  Der  Eleer  Hippias  scheint 
(nach  Plato  Protag.  p.  337  CD)  zuerst  den  Gegensatz  von  vöjjlos  und 
(puotc,  Menschensatzung  und  Naturgesetz,  scharf  gefaßt  und  er- 

,ü0)  8taX<5iic  Lukians  sind  (teilweise  rcpoXaXtaf  vor  der  Recitation 
von  Dialogen) :  evincvtov.  «pöc  x6v  »teövTa  TJpouYj&suc  sf  sv  Xö-rotg'.  Zeuxis. 
Harmonides.  Scythes.  Hippias.  Dionysos.  Herakles.  itspl  xoO  fjXix- 
■tpou  u.  a.;  usXixai  sind,  und  zwar  controversiae :  xopawoxxövoc.  diwxw- 
purcou-tvoc .  (vgl.  die  Ueberschriften  in  F),  suasoriae:  Phalaris  I  und  II. 
Ueber  die  Chronologie  der  Lukianschriften  s.  W.  Schmid,  Pbilol.  50, 
1891,  S.  297  ff.  —  Ueber  die  StaXegtc  handelt  mit  zuletzt  wohl  Dörr, 
Untersuchgn.  zu  d.  Dialexeis  de»  Maximus  v.  Tyrus,  Pbilol.  Suppl.  VIII, 
8.  5,  wo  auch  Litteraturangaben. 

iai)  Die  Fülle  der  Themen  scheint  schier  unendlich,  in  Wahrheit 
reducieren  sie  sich  aber  fast  alle  auf  nicht  allzuviel«  Gruppen :  solche 
sind  für  die  Suasorien:  Die  Perserkriege,  Demosthenes,  Alexanderzug, 
Cicero  u.  a.,  für  die  Controversien  gruppieren  sie  sich  nach  den  Rechte- 
fallen :  Enterbung,  Tyrannenmord,  Madcbenraub,  Ehebruch,  Incest  u.  a. 

*•')  Vgl.  das  zweite  der  vor  Socr.  stehenden,  von  v.  d.  Vliet  mit 
Recht  mit  den  flor.  verbundenen  Stücke,  ein  Uebergangsstück  vom 
griechischen  zum  lateinischen  Teil  einer  Rede. 


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522 


Karl  Münscher, 


örtert  zu  haben 10S).  Von  der  Verwendung  des  Gemeinplatzes  haben 
wir  noch  mehrfache  Proben:  der  aus  Iamblichs  Protreptikos 
gewonnene  Sophist  preist  in  Ekloge  7  (Diels,  Fragmente  der 
Vorsokratiker,  1903,  S.  579  f.)  die  Vorzüge  menschlicher  eövo|ua 
vor  der  ävouia.  Aehnliche  Abschnitte  fügt  der  Verfasser  von 
PS.  Demosth.  xax'  'AptoxoyEitovoc  a  (XXV)  ein,  die  sich  zu 
einem  £yxü>u.iov  vöu-ou,  der  Kultur  im  Gegensatze  zur  Natur, 
zusammenschließen  (in  den  §§  15—20.  22.  24.  27  lM).  Noch 
Hermogenes  n.  25.  p.  289,  20  sqq.  Sp.  giebt  Proben  der  Be- 
handlung dieses  Gegensatzes.  Aus  Dios  sophistischer  Zeit 
(vgl.  v.  Arnim,  Dio  von  Prusa,  1898,  S.  155  ff.)  sind  uns 
zwei  eng  zusammenhängende  5iaXe£etc  erhalten,  or.  75  rcepl 
v6|iou,  or.  76  ntpi  gftou;;  erstere  ein  fepubpcov  des  alles  be- 
herrschenden veno;106),  im  weitesten  Sinne  gefasst  als  Menschen- 
gesetz, sei  es  geschriebenes  oder  ungeschriebenes  Herkommen, 
wie  als  Natur-  und  Weltgesetz,  letztere  ein  iyx&l*107  des  un- 
geschriebenen Gesetzes,  der  Sitte,  im  Gegensatz  zur  von  Men- 
schen gemachten  Satzung.  Umgekehrt  preisen  die  §§  140 — 144 
seines  Khodiakos  das  Gesetz  auf  Kosten  der  Sitte.  —  In  eigen- 
artiger Weise  hat  Phil,  das  Thema  angefasst.  Er  giebt  zu- 
nächst die  Meinung  derer  wieder,  die  den  Gegensatz  von 
Natur  und  Kultur  betonen:  der  <p6ai?  Werke  sind  Tiere,  Ge- 
stirne, Flüsse  u.  s.  w.,  des  vopvoc  Werke  Mauern,  Schiffshäuser, 
Schiffe,  Schilde  u.  s.  w.;  jene  sind  unvergänglich  (&p&apxoL 
p.  259,  7)  wie  Meer,  Erde,  Aether,  Gestirne,  und  auch  bei  den 
vergänglichen  einzelnen  Lebewesen  bleibt  durch  deren  dauernde 
Neugeburt  der  Anschein  der  Unvergäuglichkeit  gewahrt,  alle 
vom  vöjio?  durch  Menschenhand  geschaffenen  Dinge  aber  sind 

^ü8)~Vgl.~]^Dümmler,  Akademika,  1889,  S.  252  ff.  Die  Spuren  des 
Problems  im  V.  Jhb.  sammelt  aus  Dichtern,  Philosophen  und  Sophisten 
Dümmler,  Kl.  Schriften  I  1901  8.  181  ff. 

»•*)  Darauf  machte  Wendland  im  Hermes  89,  1904,  S.  501  Anm. 
1  aufmerksam. 

m)  §  2  ßaoiXs&c  slx<fao£  dvOpcoroov  xal  &e&v  xsxX^xat  nach  Pindar 
frg.  169  Bergk,  den  schon  Herodot  3,38,  dann  Plato  Gorg  p.  484  B 
und  Nom.  4  p.  714  E  benutzte.  Vgl.  Alkidamas  bei  Aristot.  rhet.  8, 
3,  1406  a  22.  —  Dümmler  laßt  Dio  für  seine  beiden  Reden  das  von 
ihm  postulierte  syxcöutov  vduoo  des  Hippias  durch  Vermittlung  einer 
'kyniseben  Quelle',  'die  erst  der  ersten  Hälfte  des  vierten  Jahrhunderts 
angehört  und  sichtlich  Gorgianisch  beeinflußt  ist1,  benutzen  (Kl.  Schrif- 
ten I  S.  92) :  mit  solcher  Quellensuche  drückt  man  doch  Dio  auf  das 
Niveau  eines  gar  su  elenden  Skribenten  herab ;  Dio  spricht  in  Gedanken 
und  Stil  eines  alten  Sophisten,  schreibt  aber  nicht  ab. 


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Die  Philoetrate. 


523 


yergänglicli  (yfyapxd  p.  259,  13);  die  Kultur  kann  keins  der 
Naturprodukte  (ein  £<j>ov  lu.<|/uxov,  <2orpov  u.  a.)  hervorbringen, 
während  die  qpöotc  den  vom  vofios  geschaffenen  Formen  Gleichen- 
des bildet  (xtjv  qpuoiv  Öl  6u.ocoOo8m  noXkocyp^  T0*C  100  vfyiou 
eßeot):  Mauern  und  Häuser  bildet  sie  nach  in  festen  Plätzen 
und  Hohlen,  durch  Felsen  und  Wolken  menschliche  und 
tierische  Gestalten  wie  die  Bildhauerkunst,  im  Monde  das  Ge- 
sicht des  Menschen  10e).  Dieser  communis  opinio  stellt  Phil, 
seine  eigene  Ansicht  entgegen:  Natur  und  Kultur  sind  keine 
Gegensätze,  sind  vielmehr  nahe  verwandt  und  ähnlich  und 
gehen  in  einander  über;  jene  ist  der  Anfang  (V)  <£pX*i)i  diese 
das  Folgende  (xö  &tcöu£Vov).  Dieser  Gedanke  von  der  höheren 
Einheit  von  96015  und  v6jio;  wird  nicht  übel  erläutert:  kein 
Kulturwerk  (sei  es  konkreter  oder  abstrakter  Art)  entsteht 
.  ohne  die  Grundlage  der  Natur,  die  Schätzung  des  Menschen 
verschafft  den  natürlichen  Dingen  erst  Wert,  die  Natur  er- 
schafft den  Menschen  als  vernünftiges  Wesen,  die  Kultur  er- 
zieht ihn  und  schafft  dem  nackt  und  bloss  ins  Leben  getre- 
tenen alles  Notwendige;  und  selbst  der  Ruhm  der  Unsterb- 
lichkeit gebührt  (wie  den  natürlichen  Dingen)  den  vergäng- 
lichen Werken  der  Kultur  —  in  der  Kunst  (*&yyvj).  Zum 
Schluss  konstatiert  Phil.,  es  gebe  noch  ein  Drittes  neben 
96015  und  v6u,of.  das  Losreissen  einer  Insel  vom  Festlande, 
die  Verbindung  des  Festlandes  mit  einer  Insel,  das  Durch- 
brechen des  Peneios  durch  den  Olympos,  das  sind  nicht  Werke 
der  Natur  noch  Kultur,  das  ist  etwas  zwischen  beiden  Stehen- 
des, ein  ouü.ßeßYjx6s  (ein  Zufall),  wodurch  die  Kultur  der  Natur 
ähnlich  wird  und  die  Natur  in  die  Kultur  übergeht.  —  Im 
Ausdruck  (vgl.  über  das  oujißeßijxo;  bei  Aristoteles  Zeller, 
Philos.  d.  Griech.  H  2*  S.  143,  bei  Epikur  III  l2  S.  372) 
und  in  den  Gedanken  macht  Phil,  hier  Anleihen  bei  der  Philoso- 
phie; unter  dem  crjpißeß7]xö?  scheint  er  etwas  ähnliches  zu 
verstehen  wie  die  Stoa  unter  eEjiapuivn,,  doch  bin  ich  in  der 
philosophischen  Litteratur  nicht  bewandert  genug,  um  Phil.s 
Quelle  nachspüren  zu  können. 

*00)  Die  beiden  letzten  Beispiele  sind  ungeschickt  gewählt:  in 
Menschen-  und  Tiergestalten  kopiert  die  Natur  nicht  Werke  der  Kultur, 
sondern  ihre  eignen. 


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524  Karl  Münscher, 


Phil.s  Autorschaft  wird  bestätigt  durch  die  Erwähnung 
eines  absonderlich  geformten,  eines  Drachen  Gestalt  wieder- 
gebenden Felsgebildes  in  Letnnos  (p.  259,  28)  und  eines  ähn- 
lichen in  Kreta,  dessen  Phil,  auch  in  der  v.  Ap.  4,  34  p.  15:4,  5 
Erwähnung  tut107).  Die  Antithese  von  v6|io;  und  960t;  findet 
sich  auch  v.  Ap.  p.  265,  26  sqq.  293,  26. 

Unmittelbar  hinter  den  ueX£xat  nennt  Suidas  ein  weiteres 
echt  sophistisches  Werk :  imaxoX&z  ipwxtxa;.  Es  ist  uns  eine 
Reihe  von  73  Philostratischen  Briefen  erhalten,  zu  denen  als  An- 
hang der  bereits  besprochene  des  Lemniers  über  den  Briefstil 
und  die  eben  behandelte  Dialexis  hinzutreten.  Diese  Samm- 
lung bildet  mit  ihrer  eigenartigen  Ueberlieferung  ein  nicht 
uninteressantes  Problem  für  sich.  Als  einer  Briefsammlung 
ist  natürlich  ihre  Echtheit  in  Zweifel  gezogen  worden,  und 
es  ist  sogar  W.  Schmid,  der  im  IV.  Bande  seines  Atticismus 
sein  verdammendes  Urteil  durch  nicht  wenige  verstreute  Be- 
merkungen in  der  Darlegung  des  Philostratiscben  Sprachge- 
brauchs zu  begründen  sucht.  Die  Beurteilung  kleiner  stili- 
stischer Unterschiede,  ihre  Verwertung  für  Echtheitsfragen  ist 
stets  mißlich;  das  subjektive  Moment  Bpielt  dabei  eine  zu 
große  Rolle.  Und  so  wird  auch  die  Frage  nach  dem  Autor 
der  Philostratischen  Briefe  schwerlich  aus  dem  Sprachgebrauche 
entschieden  werden  können.  Beim  Lesen  von  Schmids  Zu- 
sammenstellungen hat  man  jedenfalls  durchaus  nicht  den  Ein- 
druck, daß  die  Sprache  der  Briefe  sich  irgendwie  sonderlich 
von  der  der  andern  Schriften  abhebe;  Überall  begegnen  wir 
Ueberein8timmungen  mit  den  Übrigen  Werken,  in  überwiegen- 
der Zahl  mit  der  Gruppe  v.  Ap.  und  soph.  Die  Briefe  ent- 
halten zwar  eine  Fülle  von  Worten,  die  den  andern  Schriften 
fehlen  (dahin  gehören  auch  die  von  Schmid  hervorgehobenen 
Fälle  S.  123  ijieXst  zweimal  in  den  Briefen,  sonst  nicht;  S.  35 
die  singulare  Imperativform  ^xw) ,  die  gleiche  Erscheinung 
haben  wir  aber  bei  jeder  der  Philostratischen  Schriften.  Auch 
daß  den  Briefen  eine  Reihe  von  Wendungen  fehlen,  die  man 
wohl  als  besonders  beliebt  im  Stile  der  Philostrate  bezeichnen 
darf  (wie  z.  B.  ä.Kbyjpr\  und  dtaxeofrai  S.  134  Schm.,  dtpixviouA; 

10r)  Zu  dritfc  nennt  er  ^  ßouxpavo;  ^  icp*cX(ip;  seine  Bekanntschaft 
mit  der  klein  asiatischen  Küste  berührten  wir  oben  S.  481  Anm.  26. 


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Die  Philoatrate. 


525 


S.  141,  ipxeofo«  l<;  S.  171,  u-earos  S.  195,  «potxaw  S.  240 
u.  a.)  durfte  bei  dem  geringen  Umfang  der  Briefe  und  der 
sonstigen  Uebereinstimmung  des  Sprachgebrauchs  noch  keine 
Instanz  gegen  ihre  Echtheit  bilden.  So  bleiben  schließlich  die 
Abweichungen,  die  Scbmid  als  besonders  wichtig  notiert  hat. 
Davon  haben  die  orthographischen  und  formellen  (S.  12  Schm. 
zweimal  lapog  in  den  Briefen,  während  sonst  ^po?  überliefert 
ist,  das  aber  auch  epist.  p.  225,  22  steht;  S.  17  einmal  'AtwX- 
Xwva  neben  dem  sonst  —  auch  epist.  p.  245,  28  —  gebrauchten 
'Atc6XXü>;  S.  27  Öfters  &eAa>  neben  £diXo>,  das  die  gewöhn- 
liche Form,  aber  3mal  auch  &£Xü>  im  übrigen  Phil.;  S.  35  rj? 
einmal  neben  VjoÖa;  S.  37  xdcco  statt  xaita;  S.  38  <i)6(atqv  statt 
$ut]v;  S.  124  äv,  icev  und  rjv  nebeneinander,  während  £v  nur 
5 mal  in  v.  Ap.,  sonst  y)v,  das  im  Her.  und  imag.  fehlt)  doch 
wohl  kaum  viel  Gewicht;  nicht  mehr  alles  übrige,  wie  das 
Fehlen  von  Sprichwörtern  (S.  498),  dagegen  Fülle  von  poe- 
tischen Metonymien  (S.  494),  mehrgliedrige  Anaphora  (S.  500), 
öftere  Hypophora,  sowie  Ausruf  mit  (I)  (S.  529).  Alles  dies  erklärt 
sich  wohl  zur  Genüge  aus  der  intensiven  Benutzung  poetischer 
Vorbilder  für  die  Abfassung  der  größten  Teils  erotischen  Briefe 
(vgl.  F.  Wilhelms  Tubulluntersuchgn,  Philol.  69,  1901.579ff., 
Rhein.  Mus.  59,  1905.  280  ff.).  Ich  bin  geneigt,  die  Gesamtheit 
der  Briefe  als  echt  zu  betrachten,  solange  nicht  das  Gegenteil  im 
einzelnen  Falle  mit  durchschlagenden  Gründen  bewiesen  wird. 

Den  mit  Suidas'  Angabe  übereinstimmenden  Titel  OiXo- 
OTpdxou  InioToXal  eptoTixat  trägt  die  in  der  II.  Handschriften- 
klasse (nach  Kaysers  Klassifikation)  stehende  Sammlung  von 
53  Briefen  (vgl.  die  Zusammenstellung  des  Inhalts  der  ver- 
schiedenen Handschriften  in  der  praef.  epist.  p.  VI— VII  gr. 
Ausg.).  Die  gleichen  Briefe  nur  in  anderer  Reihenfolge  und 
zum  Teil  in  kürzerer  Fassung  enthält  auch  die  I.  Handschriften- 
klasse bis  auf  6;  in  Kaysers  Ausg.  sind  es  die  Briefe  1 — 39. 
46.  47.  3ö.  54—58.,  dazu  59— b4  in  H.  (im  Urbinas  106  U., 
der  sonst  zu  I  gehört,  sind  diese  6  aus  II  am  Ende  der  Samm- 
lung nachgetragen  und  deshalb  von  Kayser  der  in  I  erhal- 
tenen Briefreihe  angehängt108).    Diese  Sammlung,  wie  der 

1M)  Dieselben  6  (59—64)  enthalt  auch  die  Hdachr.-Oruppe  y  bei 
Kayser,  die  aber  überhaupt  nur  besteht  aus  Nr.  28  -39  (unter  Ein- 


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526  Karl  Münscher, 

Titel  in  II  besagt,  durchweg  erotischer  Briefe  liegt  also  in 
doppelter  Recension  vor109).  Für  beide  Recensionen  nahm 
Kayser  Entstehung  von  der  Hand  Phil.s  an;  die  kürzere  (in 
I)  ist  nach  seiner  Meinung  das  ursprüngliche  Jugend  werk,  die 
ausführlichere  (in  II)  die  überarbeitete  Ausgabe  des  Alters:  illa 
vividior  est,  brevior  et  concisior ;  haec  magis  contemplativa,  diffu- 
sior  et  verbosior;  illa  multum  in  exemplis  ex  vita  et  historia  et 
mythologia  petitis  versatur  et  plura  habet  accommodata, 
haec  passim  yvwjia«  adspersit  magisque  accedit  ad  6*ifltXe£:v 
(praef.  gr.  Ausg.  p.  I).  Das  ist  Kaysers  Urteil,  das  Wester- 
mann, de  epistolarum  script.  Ghr.,  pars  VI,  1854,  p.  19  sqq. 
billigt  (vgl.  seine  PhiL-Ausg.,  Paris,  Didot  1846,  praef.  p.  VI), 
auf  wenig  Tatsächlichem  ruhend.  Beispiele  aus  dem  Leben, 
der  Geschichte,  der  Mythologie  enthalten  die  in  I  fehlenden 
Teile  von  II  nicht  minder  (vgl.  z.  B.  die  längere  Fassung  der 
Briefe  8.  34.  36  xct£  AeoxiTimÖac,  besonders  38).  Die  yvwjiij 
ist  überhaupt  ein  Charakteristikum  dieses  geschraubt-rhetori- 
schen Stils,  der  durchaus  geistreich  sein  soll;  sie  findet  sich 
in  der  kürzeren  Fassung  (fast  jeder  Brief  enthält  eine  Be- 
gründung in  gnomologischer  Form)  wie  in  den  Zusätzen  der 
längeren.  Der  Behauptung  aber,  die  längere  Fassung  sei  die 
Arbeit  des  bedächtigeren  Alters,  muß  man  unbedingt  wi- 
dersprechen ;  schwerlich  wird  ein  Mann  im  höheren  Alter  sich 
gedrungen  fühlen,  so  stark  der  Sinnlichkeit  huldigende  Zu- 
sätze zu  machen,  wie  sie  etwa  Brief  60  oder  die  längere  Fas- 
sung von  34  aufweisen.  Angenommen  also,  beide  Recensionen 

Schiebung  von  Nr.  23  hinter  34).  54.  46.  55.  63.  47.  50.  56.  59.  58.  64. 
62.  60.  61,  und  zwar  sind  von  Nr.  54  an  die  Briefe  als  getrennte  Gruppe 
mit  dem  Titel  tfiAoorpätou  »moroXal  «Taipixai  Überliefert  Man  sieht, 
aus  der  ursprünglichen  Masse  hat  man  Auswahlen  nach  verschieden- 
artigen Gesichtspunkten  getroffen. 

1M)  In  beiden  Hdschr.-Klaesen  tragen  die  Briefe  sämtlich  Ueber- 
8chriften,  zumeist  rwauxt  oder  pstpaxbp,  bez.  t$  a&t$  oder  xfl  afrrfj, 
hier  und  da  noch  Zusätze  wie  ja.  dvuno&iq)  (18),  y.  nöpvg  (19),  frcsptz 
y.  (23),  y.  düjiou^ivg  (2b),  Y*>va£q>  (28)  u.  a.,  die  eben  wegen  ihrer 
Allgemeinheit  gewiß  nicht  vom  Autor  selbst,  sondern  von  späteren  Lesern 
stammen.  In  II  stimmen  sie  durchaus  aberein  mit  dem  Inhalte  (verein- 
zelte zweifelhafte  Fälle  berühre  ich  unten),  in  1  trägt  Br.  54  (=  2  in  II) 
die  unbedingt  verkehrte  Ueberschrift  impaxUp  (vgl.  p.  250,  14  und  16). 
Andere  Abweichungen  der  Ueberschriften  wie  bei  £  (=  4  in  II)  erklären 
sich  aus  den  verschiedenen  Anordnungsprincipien  der  beiden  Recen- 
sionen (s.  unten  S.  529). 


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Die  Philostrate. 


527 


stammen  von  einem  und  demselben  Verfasser,  so  ist  mir  die 
Priorität  der  längeren  vor  der  kürzeren  weit  wahrscheinlicher 
als  das  umgekehrte  Verhältnis.  —  Eine  andere  Erwägung 
fahrt  mich  zum  gleichen  Resultate.  Die  kürzere  Fassung  ist 
*  vollständig  (bis  auf  verschwindend  geringe  Abweichungen) 
in  der  längeren  enthalten.  Nun  ist  es  leicht  verständlich  und 
natürlich,  daß  jemand,  der  ein  Litteraturwerk  verkürzen  will, 
lediglich  Streichungen  vornimmt,  den  Rest  in  seinem  Wort- 
laute aber  unberührt  bestehen  läßt;  umgekehrt  aber  ist  weit 
weniger  glaublich,  daß  jemand,  der  ein  vorhandenes  Werk 
durch  Zusätze  erweitern  will,  sich  bemüht,  diese  dem  vorhan- 
denen, ohne  es  zu  ändern,  anzupassen;  zumal  wird  der  Autor 
selbst,  wenn  er  der  erweiternde  ist,  nicht  so  ängstlich  auf  Er- 
haltung des  früheren  bedacht  sein.  —  Daß  aber  in  der  Tat  die 
längere  Recension  die  ursprüngliche  ist,  beweist  mir  der  Brief 
19  (51  in  II),  wohl  der  einzige,  der  in  beiden  Fassungen  eine 
erhebliche  inhaltliche  Verschiedenheit  aufweist.  In  der  kür- 
zeren von  I  richtet  er  sich  an  die  Geliebte  (vgl.  den  Anfang 
itwXetc  aeaux^v),  in  der  längeren  an  den  schönen  Knaben  (twd- 
Xet$  oeaux6v  und  der  in  I  fehlende  Satz  fcxefvoi?  jxe  £p£oxei€, 
8xt  yu^vö;  &ro)xa;  xt£.).  Die  Hingabe  an  jedermann  wird  in 
echt  sophistischer  Weise  durch  rein  äußerliche  Parallelen  oder 
Beispiele  gebilligt  und  empfohlen,  hier  zunächst  zwei  aus  dem 
täglichen  Leben  genommene:  n.  a.  xal  yap  ol  (uafoyöpot'  xal 
TtavTÖc  sl  xoö  StSovxo;  •  xal  yap  ol  xußepvfjxai.  Diese  Beispiele 
sind  ausgewählt  mit  Rücksicht  auf  den  Knaben;  nur  für  ihn 
geben  die  sich  verkaufenden  Söldner  und  Steuerleute  ein  Vor- 
bild. Mit  was  für  Beispielen  der  gleiche  Gedanke  für  das 
Mädchen  ausgeführt  wird,  zeigt  am  besten  der  Parallelbrief  38 
(50  in  II)110):  da  sind  die  entsprechenden  Beispiele :  Danae,  die 
Gold,  Artemis,  die  Kränze  angenommen,  Helena,  die  sich  Hirten 

u0)  In  diesem  ist  dem  Ueberarbeiter  seine  Arbeit  besser  gelungen. 
Von  den  Sätzen  xal  xi&ap <p9ol£  X*P^TJ '  °&  M^-^C  np&C  t&v*  ArcöXXa>  ßXi- 
«oiKJ«  in  II  hat  er  nur  xal  xid>ap<p5tfg  stehen  lassen  und  mit  dem  vor- 
hergehenden Satze  4)  &k  'EX4vt)  xal  itotjiioi  verbunden:  der  xoijitjv,  dem 
sich  Helena  ergeben  hat,  ist  natürlich  Paria;  auf  ihn  kann  man  aber 
auch  xifrapcpdolg  beziehen,  von  seiner  Beschäftigung  mit  der  Kithara  ist 
seit  II.  3,  54  oft  genug  die  Rede  (z.  B.  Lykophron.  189  sq.  und  d.  Schol. 
zu  d.  Stelle,  Hör.  carm.  1,  15, 15.  Plutarch.  Alex.  15.  Aelian.  var.  hist. 
9.  88). 


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528  Karl  Münscher, 

überlassen  bat.  Und  man  wird  kaum  in  einem  der  andern 
der  W  e  ib  e  r  liebe  geltenden  Briefe  Beispiele  finden,  die 
nicht  ihrerseits  das  weibliche  Geschlecht  betreffen.  Kon- 
cipiert  ist  also  der  19.  Brief  in  der  längeren  Fassung  von  II 
dem  Knaben  geltend,  umgearbeitet  in  I  zu  einem  Briefe  an 
ein  Mädchen  durch  Weglassen  jenes  Satzes  bteivoi;  |ie  xxl. 
und  Aenderung  von  oeauxfcv  in  oeocut/jV,  aber  unter  Beibehalten 
der  aus  dem  Geiste  der  Knabenliebe  heraus  gewählten  Beispiele. 

Diese  ungeschickte  Aenderung  erweist  nicht  nur  die  län- 
gere Fassung  als  die  ursprüngliche ,  sondern  lehrt  zugleich, 
daß  der  Verfasser  der  kürzeren  schwerlich  der  Autor  der  Briefe 
selbst  ist.  Zur  Gewißheit  wird  das  durch  eine  Betrachtung 
des  in  jeder  der  Recensionen  befolgten  Anordnungsprincipes. 
In  II  sind  möglichst  paarweise  solche  Briefe  nebeneinander 
gestellt,  in  denen  der  gleiche  oder  ein  ähnlicher  Gedanke  in 
dem  einen  bez.  der  Knaben-,  in  dem  andern  bez.  der  Weiber- 
liebe ausgeführt  wird.  Es  ist  nicht  eben  bequem,  sich  mit 
Hilfe  der  Kayserschen  Tabelle  die  Briefe,  wie  sie  in  II  ein- 
ander folgen,  aufzusuchen.  Darum  sei  das  Princip  der  An- 
ordnung hier  im  einzelnen  erläutert.  — 

Nr.  1 — 12  variieren  in  raannichfacher  Weise  das  Thema 
von  der  Rose  als  Liebeszeichen.  Es  entsprechen  sich  die  bei- 
den ersten:  der  Knabe  soll  sich  mit  Rosen  schmücken  1  (3 
bei  Kayser),  das  Mädchen  soll  sich  nicht  nur  mit  den  ge- 
schenkten Rosen  zieren,  sondern  auf  ihnen  ruhen  2  (54).  3  (1) 
begleitet  die  dem  Knaben  gesandten  Rosen,  4  (2)  einen  Kranz 
für  das  Mädchen.  5  (40)  lobt  den  Knaben,  daß  er  die  Ronen 
als  Lager  verwendet,  6  (20)  dagegen  tadelt  das  Mädchen,  daß 
sie  allein  das  Rosenlager  benutzt  habe.  7 — 10  bilden  eine 
Gruppe:  die  blühenden  sind  beim  Knaben  verwelkt  7  (9),  die 
welkenden  beim  Mädchen  wieder  aufgeblüht  (dvaßtuxjavia)  10 
(63),  die  rasch  welkenden  Rosen  mahnen,  den  Liebhaber  die 
ebenso  rasch  welkende  Schönheit  genießen  zu  lassen  8  (55) 
an  die  Geliebte,  9  (17)  an  den  Knaben.  Das  letzte  Paar  der 
Rosenbriefe  lehrt,  der  blonde  (£avfr6c)  Knabe  11  (4)  wie  das 
blonde  Mädchen  12  (21)  bedürfen  nicht  des  Schmuckes  der 
Rosen.  Paare  zusammenhängender  Briefe  folgen:  Der  Knabe 
ist  schön  trotz  seinem  vernachlässigten  Aeußern  13  (27),  das 


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Die  Philostrate. 


Mädchen  schön  auch  ohne  Schmuck  14  (22).  Woher  auch  die 
spröden  Geliebten  stammen  mögen  —  15  (5)  an  den  Kn. ,  16 
(47)  an  das  M.  — ,  jeder  Ort  hat  in  seinen  Geschichten  Beispiele 
glücklich  Liebender:  denen  sollen  sie  folgen.  Der  kurzen  Klage 
über  die  spröde  Geliebte  in  17  (6)  (oder  ists  der  Knabe?  —  in 
II  überschrieben  yuvaix£,  in  I  j«ipax£q>)  folgen  wieder  zwei 
Paare,  deren  erstes,  18  (7)  Kn.  und  19  (23)  M.,  den  armen 
Liebhaber,  das  zweite,  20  (8)  Kn.  und  21  (28)  M.,  den  Frem- 
den als  Liebhaber  empfiehlt.  6  gleichartige  Briefe  folgen :  der 
Liebhaber  ist  zornig  auf  seine  Augen,  die  ihm  die  Schönheit  des 
Knaben  zeigen  und  dadurch  von  allem  andern  abziehen,  22 
(11),  24(10)  und  2(5(56);  den  gleichen  Gedanken  bez.  des 
Madchens  enthalten  25(12)m)  und  27(29),  während  er  in 
23  (50)  112)  den  Augen  des  Mädchens  zürnt,  die  ihn  verlocken. 
Der  Zorn  entstellt  Knaben  28  (24)  und  Mädchen  29  (25).  Zwei 
Briefe  folgen,  jeder  in  seiner  Art  zur  Liebe  mahnend:  der 
30.  (57)  sucht  des  Knaben  Scheu  vor  dem  ipyov  zu  fiberwin- 
den, der  31.  (2r>)  des  Mädchens  Strenge,  das  dem  Liebhaber 
seinen  Anblick  entziehen  will.  Von  den  nächsten  6  Briefen 
bilden  die  3  an  den  Knaben  gerichteten  eine  geschlossene 
Gruppe:  33(13)  rät,  zögere  nicht,  schon  sproßt  der  Bart; 
35  (58)  lobt  des  Knaben  Bemühung,  sich  sein  bartloses  Gesicht 
zu  erhalten,  während  37  (15)  den  gegensätzlichen  Gedanken 
ausführt,  daß  des  Knaben  Schönheit  erst  mit  dem  sprossenden 
Bartflaum  vollkommen  wird.  Von  den  entsprechenden  Briefen 
der  zweiten  Reihe  drängen  die  beiden  ersten  —  32  (30)  und 
34  (31)  —  zur  jiotxeia,  der  dritte  36  (59)  spielt  mit  dem  in 
der  Liebespoesie  altbeliebten  Gedanken ,  die  Geliebte  sei  aufs 
Land  entflohen.  Es  folgen  drei  Briefe  —  38  (60) ,  39  (33), 
40  (32)  —  zum  Preise  der  Schönheit  der  Geliebten,  die  in  ihnen 
als  xohitjXc;  (copa)  erscheint 118).  Das  folgende  Brief  paar  giebt 
dem  Schmerze  des  Liebhabers  über  das  geschorene  Haupt  des 
Knaben  41  (16)  und  des  Mädchens  42  (61)  Ausdruck.  Die 

n>)  Es  hindert  nichts,  den  Brief  eo  zu  deuten;  eine  bestimmte  Be- 
ziehung auf  das  Geschlecht  des  Adressaten  liegt  nicht  vor;  in  II  fuvouxl 
überschrieben,  in  I  jjtsipaxfcp. 

"*)  In  II  yuvaixC,  in  I      aör$;  Entscheidung  unsicher. 

"')  38  (60)  ist  deshalb  in  II  Überschrieben  yuvatxi  xaici)M&,  89  (33) 
und  40  (32)  x$  oöx^,  diese  beiden  in  I  yvvouxi  xaft7)X(8i  und  tf}  otöxf. 


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530 


Karl  Münecher, 


nächsten  zwei,  43  (34)  und  44  (62),  —  mit  38—40  gewisser- 
maßen korrespondierend  —  enthalten  erneutes  Lob  der  Geliebten ; 
beide  spielen  mit  dem  Gedanken,  daß  der  Liebhaber  als  neuer 
Alexander  über  die  Schönheit  zu  urteilen  habe;  letzterer114) 
auch  dadurch  besonders  bemerkenswert,  weil  er  allein  der  Ge- 
liebten einen  Namen,  Eoltctct),  beilegt,  der  uns  mehrfach  im 
Mythos  (Parthen.  3.  Apollod.  bibl.  2,  18  und  19.  vgl  Roschers 
Lexikon  d.  Mythologie  I  1399  f.),  aber  seit  Hermesianax  von 
Menaikas'  unglücklicher  Liebe  zur  Euippe  sang  (Rohde,  Gr. 
Roman  S.  78),  auch  in  der  Liebespoesie  (Anth.  Pal.  5,  228,  4. 
Xenophon  Ephes.  1,  2,  5)  begegnet.  Als  der  bittende  Lieb- 
haber erscheint  der  Verfasser  wieder  in  45  (14)  gegenüber  dem 
spröden  (örcep^qpave  p.  232, 4)  Knaben  und  dem  sich  sträubenden 
Mädchen  gegenüber  in  46  (35).  Eine  Dreiheit  zusammengehöriger 
Briefe  folgt :  in  47  (36)  wird  die  Geliebte  ermahnt,  wie  Aphrodite 
ihre  Füße  unverhüllt  zu  lassen,  in  48  (37)  sie  gelobt,  daß  sie 
diesem  Rate  gefolgt  sei;  der  49.  (18)  giebt  dem  Knaben  die 
gleiche  Mahnung :  xl  oöx  dvuTc65exo€  ßa5t£et; ;  der  50.  (38)  ver- 
teidigt das  Recht  der  Hetäre,  sich  allen  hinzugeben,  der  51.  (19) 
das  gleiche  für  den  Knaben  (in  I,  wie  wir  sahen,  dem  Sinne 
von  50  angeglichen).  Den  Beschluß  der  Sammlung  macht 
eine  Bitte  52  (39)  des  in  der  Verbannung  lebenden  Liebhabers, 
nicht  auch  aus  dem  Herzen  der  Geliebten  verbannt  zu  wer- 
den, und  eine  letzte  Mahnung  53  (64)  an  die  Flüchtigkeit  der 
Zeit  für  den  Knaben  mit  der  Schlußfolgerung:  xx^aat  cp&ou; 
rcptv  !pY]u.ov  yevioO-at. 

Diese  kunstvolle  —  und  deshalb  originale  —  Anordnung 
der  Briefe,  wie  sie  die  Handschriftenklasse  II  bietet,  ist  in 
der  kürzeren  Fassung  von  I  beseitigt.  Statt  dessen  ist  ver- 
sucht, die  der  Knabenliebe  einerseits,  der  Weiberliebe  anderer- 
seits geltenden  Briefe  zusammenzustellen,  ohne  daß  in  den 
beiden  dadurch  entstandenen  Brief  reihen  ein  weiteres  Anord- 
nungsprincip  ersichtlich  wäre.  Auch  ist  es  dem  kürzenden 
Umarbeiter  nicht  gelungen,  sein  einfaches  Anordnungsprincip 
streng  durchzuführen  (oder  soll  man  dafür  die  Unsorgfalt  ir- 

n4)  Die  von  Dilthey,  De  Callimachi  Cydippa  (Lp*g.  1863)  p.  114 
Anm.  1  vorgeschlagene  Aenderung  ist  schwerlich  richtig,  Cobets  x4f« 
ce"  wohl  eine  wirkliebe  Emendation. 


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Die  Philottrate.  531 

gend welcher  Handschriftenschreiher  verantwortlich  machen?), 
jedenfalls  erscheinen  die  Briefe  in  I  in  folgender  Ordnung:  1—18 
(bei  Kayser)  behandeln  die  Knabenliebe,  desgleichen  noch  24.  27. 
46  und  56—58;  die  Liebe  zum  anderen  Geschlecht  dagegen 
19-23.  25-26.  28-39.  47.  50  (in  I  allerdings  überschrieben 
T$  aÖT<p).  54  (Ueberschrift  [Utpaxi'q)) — 55  (die  ausgelassenen 
Nummern  40 — 45,  48 — 49,  51 — 53  bei  Kayser,  die  in  einem 
Teile  von  I  stehen,  stammen  aus  anderer  Ueberlieferung ; 
darüber  sogleich);  es  sind  also  zwei  Reihen  von  24  und  23 
Briefen115). 

Nach  alledem  vermag  ich  in  der  kürzeren  Fassung  der 
Briefsammlung  nicht  eine  2.  Redaktion  des  Autors  selbst  zu 
erkennen,  sondern  eine  später  von  einem  Leser  vorgenommene 
Umschreibung  und  Umstellung,  bei  der  er  zugleich  ihm  nicht 
zusagende  Stellen  und  ganze  Briefe  fortließ.  Ein  künftiger 
Herausgeber  wird  also,  wie  ich  meine,  bei  dieser  Sammlung 
erotischer  Briefe  von  der  Kayserschen  Scheidung  der  zwei 
Recensionen  zum  Abdruck  der  vollständigen,  originalen  Fassung 
der  II.  Handschriftenklasse  zurückkehren  müssen116). 

Ueber  ihren  Verfasser  geben  die  Briefe  sonst  keinen  Auf* 
Schluß,  nur  eine  Stelle  zeigt  seine  Bekanntschaft  mit  der  Reichs- 
hauptstadt (p.  250,  25  etöov  fcv  To>|qj  zobq  dvfoxpopoos  xp4- 
Xovia;  m),  ein  Zug,  der  auf  den  älteren  Fl.  Phil.,  den  Hofmann, 

U5)  Die  Hdschr.-Gruppe  ß  (p  -f-  u)  von  1  enthält  nur  40  Briefe  wieder 
in  völlig  veränderter,  soweit  ich  sehe,  principloser  Anordnung;  ver- 
einzelt sind  darin  die  Paare  oder  Gruppen  von  II  gelassen,  z.  ß.  Br.  4 
und  21  als  2-3,  36.  37.  18  als  33-35.  Kaysers  Tabelle  enthalt  übri- 
gens einen  Fehler;  die  Nummern  von  ß  gehen  bei  ihm  bis  42,  aber 
12  und  41  fehlen ;  entweder  enthält  ß  also  nur  40  Briefe,  oder  2  von 
42  darin  vorhandenen  sind  bei  Kayser  nicht  notiert. 

"*)  Zu  meiner  Freude  kann  ich  für  die  eben  begründete  Ansicht 
einen  gewichtigen  auctor  anfahren :  Rud.  Hercher  schreibt  in  der  praef. 
der  Epistologr.  gr.  (Paris,  Didot,  1873)  p.  59:  'Philostrati  epistolas  cum 
exscribi  ita  iussissem».  ut  relicta  duplici  quam  Kayserus  statuit  recen- 
sione  ad  veterem  unitatem  reverterer,  obstinatio  typothetidum  Parisi- 
narum effecit  ut  exemplar  Westermannianum,  quod  cum  mutationibus 
meis  tramiseram,  ad  verbum  litteramque  me  invito  repeteretur'. 

»")  Schon  Olearius  (vgl.  Boissonade,  Phil,  epist.,  Paris  1842,  p.  104) 
hat  das  auf  die  Floralien  bezogen;  gewiß  richtig.  Wenn  auch,  soweit 
ich  sehe  (vgl.  Wissowa,  Relig.  und  Kultus  d.  Römer,  1902,  8.  163)  von 
einem  8p6u.oc  der  dvtocpopoi  oder  floriferi  (Gloss.  III  227,  81.  291,  34) 
keines  der  bekannten  Zeugnisse  etwas  berichtet,  so  zeigt  doch  Ovid, 
welche  große  Rolle  die  Blumen  und  besonders  die  Rosen  bei  dem  Feste 
spielten,  fast.  5,  335  ff.  Sogar  der  Gedanke  des  Philostratischen  Briefs, 

PbilologQ».  Supplementband  X,  vierto«  H«ft.  35 


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532 


Karl  Hflnscher, 


vorzüglich  paßt.  Es  liegt  überhaupt  kein  Grund  vor,  diesem 
diese  Sammlung  erotischer  Briefe  abzusprechen.  Die  Blütezeit 
der  zweiten  Sophistik  war  zugleich  die  der  sophistischen  Brief- 
sammlungen,  die  den  alten  Schatz  erotischer  Motive  der  Dich- 
tung in  neuer  gefalliger,  aber  prosaischer  Form  darboten:  rofcv 
tö  xöv  äfximxtöv  £tttaToAöv  yevo;  ipümxfj;  ttvos  Xoyoo 
notVjoettc  Irdv  sagt  Athenaeus  (14,  43  p.  639 A).  Alkiphrons 
Sammlung  11 8)  lag  vielleicht  schon  vor,  Phil. 8  Zeitgenosse  Ailia- 
nos  ließ  seine  ''Afbjvoctot  yewpfoL'  ihre  Erfahrungen,  zumeist  auch 
erotischer  Art,  in  seinen  dypotxtxai  imazohxi  aussprechen119). 
Der  älteste  Vertreter  der  Gattung ,,0)1  den  wir  nennen  können, 
bleibt  noch  immer  jener  Lesbonax  aus  Mitylene,  den  Lukian 
(de  aalt.  69)  erwähnt,  dessen  äXkai  frjxopixa!  u£Xexat  Bischof 
Arethas  (Schol.  zu  Lukian  p.  144,  Jakobitz  IV)  den  Werken 
des  Nikostratos  und  Philostratos  gleichwertig  erschienen,  vor 
allen  aber  seine  ipomxort  inioxoXal  koXXt^  ttjv  ix  xöv  Xo^cdv 
öbcooTöctJouaai  yjooWjv  m).    Diesen  allen  schließt  sich  Phil,  mit 

die  Vergänglichkeit  der  Böse  mahne  zum  Genuß  der  flüchtigen  Jugend- 
blüte (ein  Gemeinplatz  der  Liebespoesie,  vgl.  z.  B.  Anth.  Pal.  5,73  und  117) 
hat  in  der  Ovidischen  Festbeschreibung  seine  Stelle,  V.  853  sq.  Die 
Anthophoren  bei  Phil,  lassen  vielleicht  die  Verrianische  Erklärung 
des  alten  Festnamens  (Paul.  Fest.  p.  91)  fiorifertum  dictum ,  quod  eo 
die  spicae  feruntur  ad  sacrarium  (Florae,  fügt  Wienowa  hinzu)  richtig 
erscheinen.   Vgl.  auch  die  Gloss.  III  9, 6  dvtoqpöpoc  Flora  (=  168, 19). 

118 )  Wenn  er  wirklich  Ailians  Vorbild  war,  vgl.  H.  Reich,  de  AI- 
ciphronis  Longique  aetate,  Diss.  Königsberg  1894,  p.  39  sqq.,  doch  s. 
Bohde.  Gr.  Roman  p.  502  Anm.  3\ 

"•)  Christ«  Zweifel  an  der  Echtheit  der  Ailianbriefe  wegen  des 
Stils  (Gesch.  d.  gr.  Litt.4  S.  762)  ist  unbegründet  Im  Schlußsatz  des 
letzten  Briefes  bekennt  sich  der  Verfasser  nicht  als  Athener,  nur  al> 
Atticist. 

Undatierbar,  aber  jedenfalls  später  Zeit  angehörend  sind  die 
beiden  von  Suidas  erwähnten  Epistolographen  Zonaios  (ipomxat  und 
Aypotxixal)  und  Melesermos  (ixaipcxat,  äfpcixixai  u.  a.).  —  Einen  um 
Jahrhunderte  zurückliegenden  Vorläufer  hat  diese  Litteraturgattung  in 
den  ipomxal  ircurcoXal  Uhrysipps,  aus  denen  die  Homilien  des  Clemens 
Romanus  (5, 18.  frg.  1072  bei  Arnim)  die  auch  sonst  für  Cbrys.  bezeugte 
(vgl.  frg.  1071  und  1073/4  Arnim)  obscöne  Geschichte  von  Zeus  und 
Hera  anführen,  die  Chrys.  allegorisch  auf  07ispjiaxtxöc  \6yo$  und  OXr, 
deutete.  Daß  aber  die  Briefe  nicht  etwa  bloß  philosophischen  Inhalts 
waren,  beweist  Diog.  10,  3,  wo  erzählt  wird,  die  Stoiker  hätten  in  ihrem 
Haß  gegen  Epikur  diesem  50  lascive  (doeXysle)  Briefe  zugeschrieben  und 
xd  eig  Xpöotnrcov  dvatpspdjisvot  i7ucrt©Xta  <bg  *E7ttxoupou  zusammengestellt. 

m)  Die  Trennung  des  Lesbonax  bei  Lukian  von  dem  vom  Scho- 
liasten  genannten,  die  Rohde  (gr.  Rom.  S.  341  Anm.  3)  befürwortete, 
ist  wohl  nicht  gerechtfertigt,  vgl.  Rud.  Müller,  de  Lesbonacte  gram- 
matico,  Diss.  Greifswald  lb90,  p.  102  sq. 


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Die  Philostrate. 


533 


seinen  erotischen  Briefen  an.  Wie  in  Ailians  Briefen  (vgl.  H. 
Reich  a.  a.  0.  p.  27)  werden  wir  auch  in  denen  Phil. 8  ein 
Werk  jüngerer  Jahre  zu  sehen  geneigt  sein;  vielleicht  ist  es 
das  älteste  der  erhaltenen  Werke  von  seiner  Hand. 

Von  diesen  erotischen  Briefen  ist  nach  Form  und  Inhalt 
wie  der  Ueberlieferung  nach  der  Rest  der  Philostratischen 
Briefe  zu  trennen.  Es  sind  nach  Kaysers  Zählung  die  Num- 
mern 40—45.  48—49.  51—53.  65—73.  Sie  stellen  eine 
Sammlung  sehr  verschiedenartiger  Briefe  dar,  ganz  kurzer 
Billets  wie  umfänglicherer  Schreiben,  die  offenbar  alle  unter  dem 
Namen  Phil,  umliefen.  Nirgends  ist  uns  aber  diese  Sammlung 
vollständig  erhalten,  am  vollständigsten  noch  im  Laurentianus 
LIX  30  saec.  XIII  (9  bei  Kayser),  der  außer  Brief  48,  53  und 
73  sie  alle  enthält,  in  welcher  Reihenfolge  ist  aus  Kaysers 
Angaben  nicht  ersichtlich.  Die  gleichen,  aber  ohne  51—52, 
jedoch  vermehrt  um  48  und  73 ia2)  enthält  nach  Kayser  der 
von  Konstantinos  Laskaris  geschriebene  Matritensis  63,  der 
Reihe  der  äporaxai  von  II  vorangestellt,  und  zwar,  da  die  von 
Markos  Musuros  (fol.  400T)  besorgte  Aldina  der  Epistolographi 
Graeci  von  1499  ein  Abdruck  des  Matritensis  sein  soll,  in  der 
Reihenfolge:  dial.  I.  40—44.  65—66.  49.  45.  67.  48.  73. 
68 — 72  (wie  sie  also  bei  Boissonade  und  den  älteren  Heraus- 
gebern der  Briefe  einander  folgen).  Schließlich  ist  ein  Teil 
der  kleinen  Sammlung,  die  Briefe  40—45.  48 — 49.  51 — 52 
und  der  in  beiden  andern  Zeugen,  cp  und  dem  Matritensis, 
fehlende  Br.  53  in  einen  Teil  der  Ueberlieferung  I  der  erotischen 
Briefe,  die  Gruppe  a  (R  r  7t  c)  bei  Kayser  eingedrungen.  Diese 
dreifache  Ueberlieferung,  deren  jeder  Zweig  uns  etwas  beson- 
deres, den  beiden  anderen  fehlendes,  bewahrt  hat,  weist  uns 
zurück  auf  einen  Archetypus  dieser  ergänzenden  Sammlung 
Philostratischer  Briefe. 

Schon  äußerlich  heben  sie  sich  von  den  ipomxac  deutlich 

vn)  Hier  enthalten  Kaysers  Angaben  wieder  (p.  IV)  einen  Wider- 
spruch: bei  qp  wird  Br.  48  nicht  genannt;  dieselben  Briefe  wie  <p  soll 
der  Matritensis  enthalten;  aus  ihm  soll  die  Aldina  ein  Abdruck  sein; 
diese  enthält  aber  Br.  48  (als  Nr.  12):  Wo  steckt  da  der  Fehler?  — 
Schanz  Urteil  Über  Kayser  als  Kritiker,  Rhein.  Mus.  38,  1883,  S.  305, 
findet  dadurch  leider  eine  Bestätigung.  Eine  neue  Ausgabe  der  ge- 
samten Philostratischen  Werke  auf  handschr.  Grundlage  ist  heute  ein 
dringendes  Bedürfnis. 

35* 


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534  Karl  Münscher, 

« 

dadurch  ab,  daß  sie  fast  sämtlich  nach  der  Ueberlieferung 
einen  Adressaten  mit  Namen  nennen.  Eine  Ausnahme  davon 
macht  jener  53.  nur  in  a  erhaltene,  der  in  R  r  die  farblose 
Ueberschrift  yuvatxt  xivt  (daher  in  den  älteren  Editionen  yu- 
vatx£)  trägt1"),  und  der  48.,  der  in  der  Aldina  petpaxty,  in 
R  r  Irat'pw  ttvt  überschrieben  ist.  Beide  schließen  sich  inhalt- 
lich den  erotischen  an;  der  53.  steht  jenem  Briefpaar  am 
nächsten,  das  Ton  der  entstellenden  Wirkung  des  Zornes  handelt 
(oben  S.  529);  der  48.  ist  eine  kurze  Klage  über  die  Unzu- 
gänglichkeit des  Knaben  wie  etwa  der  14.  (=  45.  in  II). 
Auch  mehrere  der  andern  Briefchen  sind  noch  erotischen  In- 
halts. Der  Frauenliebe  gelten:  40  Bepevfotfl m),  gegen  das 
Schminken;  44  'Aärjvatöt,  ein  witziges  Spiel  mit  Gedanken  des 
Platonischen  Phaidros;  51  KXeovcöt},  ein  *Rosenbrief  an  eine 
Schöne,  die  die  erste  Jugendblüte  schon  überschritten  hat;  52 
NtxifjTTQ,  eine  kurze  yvwutj  mit  einem  Wortspiel  über  £päv  und 
opfiv.  Während  diese  trotz  der  Namen  den  erotischen  völlig 
gleichen,  versprengte  Stücke  derselben  Art  sind,  macht  der 
Kest  der  kleinen  Briefe  einen  ganz  anderen,  weit  persönlicheren 
Eindruck.  Mit  dem  lp(0£  beschäftigen  sich  zwar  noch  Br.  41 
und  43,  sie  sind  aber  nicht,  wie  alle  der  erotischen  Sammlung, 
an  die  Geliebten  gerichtet,  vielmehr  spottet  der  41.  über  einen 
zu  Korinth  lebenden  Athenodoros,  weil  er  ohne  persönliche 
Kenntnis,  nur  flbtofjv  orozaa;  einen  ionischen  Knaben  liebe,  und 
der  43.  giebt  einem  gewissen  Aristobulos  (so  die  Aldina,  in  a 
töricht  t<j>  aöx<j)  überschrieben)  die  Lehre,  es  sei  atö^povicrxepov 
als  Liebender  Enthaltsamkeit  zu  üben  als  überhaupt  nicht 
zu  lieben.  Zwei  sind  kurze  Begleitschreiben  bei  Uebersen- 
dung  ländlicher  Gaben,  von  besonders  guten  Erythräischen125) 
Aepfeln  an  einen  Diodoros  (45)  und  Feigen  an  einen  Nestor  (Al- 
dina,  in  a  x<j>  «0t$,  49) m).  Drei  richten  sich  an  eine  und  dieselbe 

"*)  In  <x  sind  auch  die  Namen  der  Adressaten  der  anderen  Briefe 
zum  Teil  verschwunden  und  durch  xfy  aisc$  ersetzt,  also  den  hand- 
schriftlichen Ueberschriften  der  erotischen  Briefe  angeglichen. 

Nach  dem  über  die  Ueberlieferung  dieser  Briefe  gesagten  ist  der 
Name  Bspsvtx^  durch  die  Aldina  so  gut  bezeugt  wie  die  der  andern  Briefe 
durch  qi ;  das  gleiche  gilt  von  den  Ueberschriften  der  Briefe  42,  84  und  49. 

m)  Beziehungen  der  Philostrate  zu  Ervthrae  konstatierten  wir  schon, 
s.  S.  491. 

**•)  Auch  diesen  beiden  kann  man  erotischen  Sinn  beilegen,  als 
Begleitschreiben  von  Liebesgaben  an  den  geliebten  Knaben.   So  sind 


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Die  Philostrate.  535 

Person,  einen  'EtcIxt^to;  (42,  in  a  ganz  verkehrt  mit  T(p  aüiqj 
bezeichnet,  auch  hier  der  Name  in  der  Aldina,  65  und  69); 
alle  drei  warnen  vor  dem  Ueberschätzen  der  Gunst  des  Volks 
und  zwar  des  Athenischen;  der  69.  meint  bitter  genug,  der 
Beifallalarm  der  Athener  lasse  den  Epiktet  vergessen,  wer  er 
sei  und  von  wem  er  abstamme:  gewiß  ist  es  ein  Sophist,  ein 
Konkurrent,  dem  der  Verfasser  diesen  ernsten  Zuspruch  zu  teil 
werden  läßt.  Eine  noch  härtere  Verurteilung  erfährt  ein  Rhetor 
Chariton,  der  da  hofft,  seine  würden  auch  nach  seinem 

Tode  den  Griechen  im  Gedächtnis  bleiben,  im  66.  Briefe; 
Schunds  ansprechende  Vermutung  (Pauly-Wissowa  III  2170), 
Phil. s  Worte  könnten  dem  Romanschriftsteller  Chariton  gelten, 
den  er  ins  beginnende  III.  Jhh.  versetzen  wollte  (verschiedene 
Stilprincipien  hätten  Phil.s  hartes  Urteil  veranlassen  können, 
Chariton  huldigt  nämlich  nicht  der  &yl\tia)  ist  durch  den 
Fund  eines  Papyrusfragments  II.  Jhhs.  des  Chariton-Romans 
(vgl.  Bursians  Jahresbericht  Bd.  108  S.  270)  widerlegt  worden, 
der  Romanschreiber  ist  noch  älter127)  und  also  mit  dem  bei  Phil, 
erwähnten  nicht  identisch.  Brief  68  empfiehlt  einem  alternden 
Ktesidemos  die  Lektüre  erotischer  Dichter.  67  und  71  sind  Em- 
pfehlungsschreiben :  letzteres  empfiehlt  einem  IIXetaxapeTiav6(  (so 
der  Name  in  9,  in  der  Aldina  A£prctay4j>)  in  zierlichster  Weise 
einen  erotischen  Dichter  KeXooc  zu  gastfreundlicher  Aufnahme, 
ersteres  einen  Tpaytpoc;  (Dichter  oder  Schauspieler  ?)  Diokles  einem 
Philemon.  Brief  72  erheht  gegen  einen  Antoninus  den  Vorwurf, 
sich  ein  Haus  widerrechtlich  angeeignet  zu  haben  (wenn  ich  damit 
den  Sinn  der  Worte  richtig  treffe).  Der  70.  endlich,  ein  Antwort- 
schreiben an  zwei  Imbrier,  Kleophon  und  Gaius,  mit  der  Mit- 
teilung, daß  ihre,  nicht  genannten,  Wünsche  teils  schon  erfüllt 
seien,  teils  baldigst  erfüllt  werden  sollen:  iyw  y&p  Af,(ivto;  &v 


sie  jedenfalls  aufgefaßt  worden  von  dem,  der  die  erotischen  dieser 
Briefreihe  an  die  in  a  erhaltenen  erotischen  Briefe  anschloß  (Nr.  40—45. 
48 — 49.  51—53);  nur  der  ganz  anders  geartete  42.  ist  ihm  versehent- 
lich mit  hineingeraten.  —  Casanova  (conf.  Boissonade  p.  62)  wollte  in 
dem  Nestor  jenen  Epiker  wiedererkennen,  der  eine  llias  \6uzoypd\i\vctio$ 
jj-coi  ioroixetüKc;  und  Metamorphosen  gedichtet  hat ;  das  ißt  eine  zwar 
nicht  unmögliche  (der  Epiker  olühte  nach  Suidas  int  Stßifcou  toO  ßawi- 
Xiu>c),  aber  durch  nichts  gestützte  Vermutung. 

n7)  v.  Wilamowitz,  die  Griech.  Litteratur,  1905,  S.  182,  setzt  Cha- 
riton in  die  Neronische  Zeit. 


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536 


Karl  MünBcher, 


rcaTpföa  ijiauxoO  xa!  t)jv  "Iußpov  i^yoöjiat,  auv47üi(i)v  eovofy  xai 

Keine  der  genannten  Personen  ist  uns  sonst  bekannt,  der 
Rhetor  Chariton  nicht,  ebensowenig  der  Tragöde  Diokles118)  und 
der  Dichter  Celsus.  Gerade  aber  diese  Fttlle  persönlicher 
Beziehungen  drückt  den  Briefen  den  Stempel  der  Echtheit 
auf;  sie  sind  Produkte  des  Mannes,  der  im  70.  selbst  als  seine 
Heimat  Lemnos  nennt,  also  doch  wohl  PhiLs.  Publiciert  frei- 
lich wird  die  Sammlung,  wie  sie  vorliegt,  von  ihm  nicht  sein. 
Irgend  jemand  scheint  die  hier  und  da  unter  Phil.s  Namen 
kursierenden  Briefe  gesammelt,  bez.  aus  den  umlaufenden  Briefen 
sich  diese  Sammlung  von  flores  Philostratischen  Briefstils  an- 
gelegt zu  haben;  denn  daß  wir  es,  die  Authentie  vorausgesetzt, 
teilweise  nicht  mit  vollständigen  Briefen,  sondern  mit  aus 
solchen  genommenen  Glanzstellen  zu  tun  haben,  bedarf  wohl 
keines  Beweises;  die  an  Epiktet  gerichteten  z.  B.  sind  ja  nur 
kurze  Gnomen,  Apophthegmen. 

Für  die  Authentie  dieser  Florida  sprechen  besonders  noch 
die  zwei  größeren  Stücke,  die  der  Sammler  ihnen  angeschlossen 
hat.  Es  ist  erstens  der  schon  besprochene  Brief  des  Lemniers 
Phil,  an  Aspasios,  der  aber  auch  in  anderen  Hdschrn.,  nicht 
nur  denen  der  Briefe,  sich  findet  (vgl.  Kayser  p.  V),  und  der 
73.  an  die  Kaiserin  Julia  Domna129),  den  Norden,  Antike 
Kunstprosa  I  (1898),  S.  380  f.  erläutert  hat.  Er  enthält  eine 
aus  dem  Geschmack  der  Zeit  am  manierierten  Stil  sich  erklärende 
Verteidigung  des  Gorgias.  Diese  wird  geführt  durch  Auf- 
zählung seiner  Schüler  und  Nachahmer.  Voran  steht  der 
Gedanke,  auch  Plato  sei  nicht  —  wie  manche  falschlich  meinten 
—  den  Sophisten  abhold  gewesen,  sondern  habe  selbst  den 
Gorgias,  Hippias,  Protagoras  imitiert.  Um  so  weniger  dürfe 
das  mißgünstige  Urteil  Plutarchs  über  Gorgias  gelten:  dieser 
Schlußgedanke  wird  recht  sophistisch-höfisch  in  eine  Bitte 

,w)  Ein  Diokles  TpaY<pWs  aus  dem  III.  Jhh.  v.  Chr.  in  einer  del- 
phischen Inachrift,  Dittenberger8,  Sylloge  II  691,55;  vgl.  Pauly- Wis- 
se wa,  V  798,  Nr.  11. 

,w)  'looXiqf.  Zeßaovö  lautet  die  Anrede  des  Brief«;  p.  257,21  w  pW.- 
Xtia.  Für  die  litterarischen  Interessen  der  Kaiserin  noch  besonders 
interessant  die  Bemerkung  p.  257,13  AizyJLvr^  6  Ä7ti  w3  Stoxpdrooc, 
OTtip  o5  TtpwTjv  toTtoüSatsc  ä>$  oöx  d?avfi>;  ioi>;  öiaXöyouz  xoXd£ovco{  xxi. 
Ueber  dessen  Thargeliarede  s.  Hirzel,  der  Dialog  I  S.  140  Anm.  2. 


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I 


Die  Philostrate.  537 

verkleidet,  die  Kaiserin  möge  selbst  versuchen,  den  Plutarch180) 
von  seinen  verleumderischen  Aeußerungen  Aber  die  Sophisten 
nnd  besonders  Uber  Gorgias  abzubringen ;  gelinge  das  nicht,  so 
wisse  sie  selbst  in  ihrer  Weisheit  (ola  00t*  0091a  xal  u-fjTcc 
p.  257,  24 ;  vgl.  oben  S.  477),  welcher  Name  dem  Verleumder 
gebühre  (etwa  xaxo^s,  Norden  denkt  an  ißiXiepo;).  Daß 
Plutarch  in  einer  verlorenen  Schrift  dem  Gorgias  vorgeworfen 
hatte,  das  echte,  einfache  Attisch  verdorben  zu  haben,  lehrt 
das  Citat  bei  Isidor  von  Pelusium  (epist  2,  42,  Migne  78, 
484 c):  gegen  die  gleiche  Schrift  richtet  sich  wohl  PhiLs  An- 
griff. Diese  versteckte  Beziehung  —  sie  ist  zu  fein  für  einen 
Fälscher  —  wahrt  dem  Briefe  seine  Echtheit,  die  zu  bezweifeln 
man  sonst  leicht  geneigt  wäre  wegen  der  zahlreichen  wört- 
lichen Ueberein8timmungen  des  Briefes  mit  den  ersten  Kapiteln 
der  Sophistenbioi181).  Da  der  Brief  noch  zu  Lebzeiten  der 
Kaiserin  Julia,  also  vor  217,  geschrieben  ist,  können  wir  nur 
konstatieren,  daß  Phil,  in  den  15  und  mehr  Jahre  später  ver- 
faßten Bioi  sich  in  Gedanken  und  Worten  eng  an  den  früheren 
Brief  angeschlossen  hat  oder  vielmehr  dieselbe  Quelle  über 
die  alten  Sophisten  zweimal  benutzt  hat. 

Das  letzte,  was  Suid.  vor  seinem  abschließenden  xal  deXXa 
xtva  (dazu  würde  z.  B.  die  Schrift  über  den  Streit  zwischen 
Aspasios  und  dem  Lemnier  gehören,  s.  S.  510)  von  Werken 
dieses  Phil,  nennt,  sind  intypajiuaTa.  Ein  einziges  in  der 
Anthologia  append.  Planud.  110  trägt  Phil. s  Namen,  das  aber 
in  zwiefacher  Hinsicht  interessant  ist.  Die  4  Distichen  efc  tl- 
xova  TqXsipou  xeiptouivou  sind  keine  Aufschrift  mehr  im  eigent- 
lichen Wortsinne,  sondern  eine  Beschreibung  eines  Kunstwerkes, 
wie  solche  von  Gemälden  und  Statuen  unendlich  oft  in  der 
Anthologie  sich  finden.  Auch  Phil.s  Epigramm  gilt  einem 
Gemälde  (wie  das  bereits  Heyne  aus  dem  letzten  Distichon 
gefolgert  hat,  vgl.  d.  Anm.  bei  Dübner,  Anth.  Pal.  II  1872 

1S0)  Selbstverständlich  ist  an  keinen  anderen,  jüngeren  zu  denken, 
wie  das  Norden  S.  381  Anm.  1  betont. 

18t)  Vgl.  zu  p.  256,20/21:  v.  soph.  p.  4,1.  p.  256,  31/32:  p.  14, 19 
und  3,25.  p.  257,3/4:  p.  3,2  und  18,25.  p.  257,8/9:  p.  12,5/6.  p.  257, 
18/19 :  p.  1 1 , 30.  Zu  den  an  den  beiden  letzten  Stellen  ale  Gorgianisch 
angeführten  Schemata  (dnooxctostc  und  itpooßoXai)  vgl.  die  Zusammen- 
stellgn.  in  Ernestis  Lexikon  technologiae  Graec.  rhetoricae  (Lips.  1795) 

S.  V.  dltdOTOOlC. 


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538 


Karl  Manscher, 


p.  619):  wir  sehen  ihn  also  in  älterer  Manier  dichterisch  be- 
handeln, was  sein  Neffe  in  modernste  Form,  in  Prosa,  umgoß. 
Andrerseits  ist  die  Wahl  gerade  dieses  Sagonstoffes  nicht 
minder  bemerkenswert:  auch  darin  berührt  er  sich  mit  dem 
Lemnier,  von  dessen  ausführlicher,  eigentümlicher  Behandlung 
der  Telephossage  nach  pergamenischer  Tradition  wir  schon 
gesprochen  haben.  In  Pergamon  ist  die  Telephossage  heimisch : 
man  ist  versucht,  mit  des  II.  Phil,  dortigem  Aufenthalte  im 
J.  214  (vgl.  S.  481)  auch  die  Entstehung  dieses  Epigramms 
in  Verbindung  zu  bringen. 

Erscheint  dieser  berühmteste  Phil,  in  allen  seinen  Werken 
(auch  der  v.  Ap.;  die  Dialexis  mit  philosophischem  Anstrich 
fällt  dabei  nicht  ins  Gewicht)  lediglich  als  aoqKaxf^,  so  lehrt 
das  Schriftenverzeichnis'  des  ältesten  der  Philostrate  uns  einen 
vielseitigen,  nicht  bloß  dem  Wortgepränge,  auch  der  Wissen- 
schaft dienenden  Mann  kennen.  —  Voran  stellt  Suidas  aber 
auch  bei  Phil.  I.  die  Werke,  die  ihm  die  Bezeichnung  'Sophist' 
eingetragen  haben :  eypa^ev  Xdyouc  rcavyft'uptxoüs  itXefaxou;  %al 
Aoyoos  'EXeoatvcaxoos  5',  u-eXexas.  Wir  sehen,  es  sind  die 
beiden  Arten  der  Vorträge  der  damaligen  Prunkredner,  \neXixxi 
und  5taX£$et£,  denn  zu  den  letzteren  gehören  die  'EXeoaivtaxoc 
und  7ratVT}Yupcxot.  Das  sind  hier  und  da  in  den  Städten  Grie- 
chenlands und  Asiens  gehaltene  Festreden,  die  wir  uns  in  der 
Art  von  Aristides'  TCavnyuptxö;  h  Ku£txq>  rcepc  xoO  vaoö  (or.  27) 
und  seines  —  allerdings  nur  schriftlich  übersandten  —  un- 
vollständig erhaltenen  Tcavijyuptxö?  kni  x<j>  ö&axt  x$  £v  IIsp- 
Y<*ji(p  (or.  53)  denken  mögen.  Erstere,  die  'EXcoatvtaxot,  eine 
besondere  Gruppe  von  panegyrischen  Reden,  sind  beim  Agon 
zu  Eleusis  —  Phil.  I.  war  als  Sophist,  wie  Suidas  sagt,  zu- 
nächst in  Athen  tätig  —  gehaltene  Festreden139)  zu  Lob  und 
Preis  des  Ortes,  seiner  Gottheiten  und  der  von  ihnen  den 
Menschen  gespendeten  Segnungen,  so  wie  Aristides  in  seinem 
'Iafru-ixot  (or.  46),  der  an  den  isthmischen  Spielen  (§  23)  ge- 
halten ist,  Poseidon  und  die  lokalen  Meergottheiten,  deren 
Kolossalstatuen  Herodes  Atticus  auf  dem  Isthmos  hatte  er- 
richten lassen  (v.  sopb.  p.  59,  25),  sowie  die  Stadt  Korinth 

IM)  Ein  besonderes  Ereignis,  die  Zerstörung  des  Eleusiachen  Tempels 
durch  Brand,  beklagt  der  'EXsuomog  des  Aristides  (or.  22  Keil). 


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Die  Philostrute. 


539 


preist.  —  Die  folgende  Gruppe  von  Titeln  zeigt,  daß  Phil.  I. 
wie  viele  andere  Sophisten  (z.  B.  Aristokles,  Aristides,  Adrianos, 
Hermogenes,  Apsines)  sich  auch  mit  der  Theorie  der  Redekunst 
befaßt  hat.  Suidas  nennt  i^xoGusva  izapdt  xois  (Wjxopot,  etwa 
gleich  'rhetorische  Streitfragen',  dann  fijropixd^  d<popna;,  eine 
Topik;  der  Titel  begegnet  seit  dem  alten  Thrasymachos  oft  in 
der  rhetorischen  Litteratur  (Timaios  von  Tauromenion  soll  nach 
Snidas  auXXoyr^  fijxopixöv  ckpoputöv  geschrieben  haben;  Proleg. 
in  Hermog.,  Walz  IV  p.  35,  8  yiypom-coii  .  .  .  'AXe£av$p<$>  xq> 
Noou.7jv£oo  xal  AoXXiavfji  Ttepi  dfyopu&v  ^yjxopixöv,  ein  Stück 
der  Art  bei  Walz  IX  331.  vgl.  Dionys,  de  Lys.  15.  Lukian. 
£kjx.  Sidöcox.  18).  Zur  Gruppe  der  rhetorischen  Schriften  ge- 
hört wahrscheinlich  auch  das  ntpl  xoO  dv6u.oxo;  betitelte  Werk. 
Saidas1  parenthetische  Bemerkung  eaxt  $k  izpb<;  xöv  ocxpoox^v 
'Avxt7caxpov  benutzten  wir  bereits  (S.  517),  um  die  Lebenszeit 
des  Phil.  I.  auf  die  2.  Hälfte  des  II.  Jhhs.  zu  filieren.  Die 
Polemik  gegen  Antipater  setzt  bei  diesem  eine  vorangegangene 
Behandlung  des  gleichen  Gegenstandes  voraus.  Den  Titel  des 
Buches  7cspl  xoO  övöpaxo^  darf  man  auffassen  im  Sinne  von 
Tiept  tffi  övouaata$  (Aristot.  poet.  6,  18.  Dionys,  de  comp, 
verb.  3  p.  9,  13  Rad.)  =  ipUTjvsta;  oder  Xe£eü>£;  es  wird  ähn- 
liches behandelt  haben,  wie  nepl  ouvdiaews  övojiaxwv  von 
Dionys. 

Die  bunte  Reihe  weiterer  Schriften  eröffnen  bei  Suidas 
mpl  xpaytpStas  ßtß&a  y'.  Darin  scheint  Phil.  I.  sich  theore- 
tisch mit  der  dramatischen  Poesie  befaßt  zu  haben,  der  Kunst, 
die  er,  wie  wir  am  Schluß  des  Suidasartikels  erfahren,  in  43 
Tragödien  und  14  Komödien  selbst  gepflegt  hat.  Diese  Nach- 
richt erschien  samt  den  wenigen  anderen  über  Tragödien 
schreibende  Sophisten  E.  Rohde  so  unglaublich,  daß  er  die 
Tragödien  und  Komödien  'eher  als  irgend  eine,  schwer  genau 
zu  bezeichnende  Gattung  prosaischer  Erzählung,  denn  als 
eigentlich  scenische  Dramen  verständlich*  fand  (Gr.  Roman 
S.  351  Anm.  1 ;  doch  vgl.  jetzt  die  Zusätze  der  2.  Aufl.).  In 
Wahrheit  sind  die  Nachrichten,  die  wir  für  Dichtung  und  Vor- 
führung von  Tragödien  und  Komödien  auch  für  die  Kaiser- 
zeit haben,  gar  nicht  so  selten.  Ein  Freund  des  jüngeren 
Plinius,  Vergilius  Romanus,  dichtete  Komödien  in  Nachah- 


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540  Karl  Mansche  r, 

muog  Menanders  und  seiner  Zeitgenossen,  wie  Plautus  und 
Terenz ;  er  wagte  es  sogar,  eine  ad  exemplar  veteris  comoediae 
zu  verfassen,  die  Plinius  ihn  in  kleinem  Kreise  vorlesen  hörte 
(Plin.  epist  6,  21,  2—5).  Ein  M.  Pomponius  M.  F.  Bassulus 
Hadrianischer  Zeit  berichtet  auf  seinem  Grabstein  (Carm.  epigr. 
97  Bücheler),  daß  er  Menandrische  Komödien  übertragen  und 
eigene  gedichtet  habe.  Einen  Freigelassenen  Hadrians  Aristo- 
menes  nennt  Athenaeus  3,  82  p.  115  B  als  ÖTCoxpttijc  dcpxatac 
Xü)H(|)5ta5.  Gellius  (20,  4,  1)  erwähnt  zeitgenössische  comoedi 
und  tragoedi  (neben  tibicines).  Eine  Inschrift  Antoninischer 
Zeit  (C.  I.  A.  III  120)  nennt  einen  T.  AlX.  AöpVjX.  'Aicqaaävio; 
TapOEüs  xai  'Aftqvatoc  Xü>|icp5ö;,  der  im  Agon  der  seit  Ha- 
drian zu  Athen  gefeierten  Olympien  gesiegt  hat  Apuleius 
rühmt  sich  (flor.  9  p.  37)  seiner  poetischen  Leistungen  apta 
virgae,  lyrae,  socco,  cothurno  und  erwähnt  mehrfach  das 
Auftreten  tragischer  und  komischer  Schauspieler  (neben  den 
Mimen  z.  B.  flor.  5  p.  18.  18  p.  83).  Mehrere  Angaben  Phü.s 
in  den  v.  soph.  sind  zu  erwähnen :  p.  45,  21  eine  Anekdote 
von  einem  tragischen  Schauspieler,  Polemon  und  dem  Kaiser 
Antoninus  (vgl.  p.  52,  16).  Pammenes  ward  an  den  Pythien 
iizl  Tpaycp&'a  bewundert  (p.  62,  12).  Der  Sophist  Isagoras,  des 
Chrestos  Schüler,  wird  zugleich  6  Tfj;  TpaytpSia?  7ioltjt7)£  ge- 
nannt (p.  95,  1) 18S).  Ein  tragischer  Schauspieler,  Clemens  von 
Byzanz,  errang  den  Preis  im  Pythischen  Agon  zur  Zeit,  als 
seine  Vaterstadt  durch  Septimius  Severus  belagert  wurde 
(p.  115,  26  sqq.).  Diese  dem  IL  Jhh. 184)  entnommenen  Bei- 
spiele mögen  genügen,  um  des  ältesten  Phil,  dichterische  Tä- 
tigkeit als  keineswegs  auffallend  erscheinen  zu  lassen.  Gewiß 

IM)  Ein  anderer  Tsagoras  ist  der  v.  Ap.  p.  383, 19  mit  Apollonios 
zusammengeführte  eartoX&c  «vr/p.  Die  Identifizierung  beider,  die  Welcker, 
Griech.  Tragödien  (Bonn  1841)  III  S.  1321  annahm,  verbietet  sich  durch 
die  Chronologie. 

1M)  Ins  II.  Jhh.  gehört  auch  der  Kyniker  Oinomaos,  dem  Kaiser 
Julian  or.  7  p.  210 1>  Tragödien  zuschreibt;  ob  das  freilich  scenische 
Dichtungen  waren,  ist  zweifelhaft;  vgl.  Rohde,  Gr.  Roman  S.  248 
Anm.  1.  Dramatischer  Dichter  kann  der  G.  I.  A.  III  769  genannte 
Qu.  Pom  peius  Capito  sein  (vgl.  Christ4  S.  649)  noitjxrjv  üspY^viv  t6v 
xai  'Alhjvalov  rcavrl  uitpcp  xai  £u$u.$  tvjv  usYoAGqpiri)  "rtft  no^^mz 
äpsrqv  smdetgd(ievov  xoapcxal?  aTtaYYs^iaij;  (d.  h.  in  Improvisationen,  vgl. 
unten  S.  542);  vgl.  Dio  or.  31,116.  —  Vielleicht  gehört  auch  der  von 
Galen,  de  antidot.  2,  7,  tom.  XIV  Kuehn  p.  144  erwähnte  Tragödien- 
dichter  Heliodor  von  Athen  ins  II.  Jhh. 


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Die  Philostrate. 


541 


waren  es  rhetorisierende  Dramen,  wie  schon  die  des  Seneca, 
die  nicht  eigentlich  aufgeführt,  agiert,  sondern  nnr  gelesen 
oder  recitiert  wurden.  Wir  wissen  aus  Dio  (or.  19,  5),  daß 
durch  Recitation  auch  die  alten  Dramen,  zumeist  wohl  Euri- 
pides  und  die  Menandrische  Komödie,  vor  allem  ihre  iambi- 
schen  Teile,  damals  noch  an  die  Oeffentlichkeit  gelangten. 
Auch  Apuleius  braucht,  wo  er  vom  Auftreten  des  comoedus 
und  tragoedus  spricht  (flor.  18  p.  83),  Ausdrücke,  die  nur  den 
Vortrag  (sermocinatur,  vociferatur),  nicht  die  Aktion  betref- 
fen, und  trennt  davon  den  mimus  und  histrio.  Daß  aber  ge- 
rade Sophisten  auch  in  der  Recitation  von  Tragödien  ihren 
Ruhm  suchten,  lehrt  uns  eine  Stelle  der  vitae  soph.  1,  21,  5 
p.  32,  2  18B),  die  erzählt,  wie  sehr  der  Sophist  Skopelianos,  ein 
Vorläufer  des  Polemo  und  Herodes,  seinen  Lehrer  Niketes 
im  Ruhm  der  {xeyaXocpwvia  bei  der  Recitation  von  Tragödien 
zu  übertreffen  sich  gemüht  habe.  Man  darf  also  die  Vermu- 
tung wagen,  daß  Phil.  I.  seine  Dramen  selbst  zu  epideikti- 
scher  Recitation  benutzt  hat,  —  und  eine  derartige  Recitation 
dürfte  sich,  abgesehen  von  der  poetischen  Form,  nicht  eben 
allzusehr  vom  Vortrage  gewöhnlicher  sophistischer  Deklama- 
tionen unterschieden  haben.  Wir  brauchen  uns  nur  zu  er- 
innern, wie  zahlreich  die  dem  Mythos  entnommenen  Suaso- 
rientbemen  sind  (vgl.  Sen.  auas.  3.  Libanios,  tom.  IV  Reiske 
p.  3.  15.  47.  83),  was  für  uns  am  deutlichsten  in  den  *  Vor- 
übungen' für  größere  Reden  zu  Tage  tritt;  in  den  Ethopoiien 
der  Progymnasmatiker  wimmelt  es  von  mythischen  Stoffen 
(x:va;  äv  etno:  XoyGu;  'AvSpou-ax*]  M  "Exxopt  etc.  Hermog. 
prog.  9.  Aphthon.  prog.  11.  Libanios  tom.  IV  p.  1009  sqq.). 
Andererseits  war  Rede  und  Gegenrede  über  denselben  Stoff 
allgemein  beliebt;  Seneca  liefert  stets  auch  die  sententiae  ex 
altera  parte ;  Polemos  erhaltene  zwei  Deklamationen  sind  solche 
Gegenstücke,  desgl.  Aristides'  Reden  über  die  Sicilische  Ex- 

m)  Daß  die  Stelle  nur  vom  Vortrag,  nicht  vom  Dichten  von  Tra- 
gödien zu  verstehen  ist,  betont  Hirzel,  der  Dialog  11  S.  340  Anm.  2 

fegen  Welcker,  G riech.  Trag.  III  S.  1323  (dem  noch  Christ*  S.  649  folgt), 
ür  das  große  Interesse ,  das  nicht  wenige  der  Sophisten  der  Tragödie 
entgegenbrachten,  zeugt  auch  das  Apophthegma  des  Nikagoras  (v.  soph. 
p.  119,26)  liTfjtipx  aocfiotwv  rr;v  xpaffpiLxv  TipoostTtövrog.  Als  Dichter  be- 
tätigten sich  manche,  so  Skopelianos  als  Epiker  (p.  32,6)  mit  einer 
T'.yxvzLa,  Hippodromos  mit  lyrischen  Nomoi  (p.  120,  2). 


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542 


Karl  Münscher. 


pedition  (5.  u.  6.  nach  Keils  Zählung),  über  den  Frieden  mit 
den  Lacedämoniern  (7.  8.),  über  das  Bündnis  mit  Theben  (9. 
10.)  und  die  Aeuxxptxol  (11 — 15),  auch  Libanios'  Neokles  (IV 
p.  374)  und  Themistokles  (p.  388).  Bei  Ausarbeitung  der 
Progymnasmen  schuf  man  Rede  und  Gegenrede  besonders  in 
der  dvaoxeoVj  und  xaxaaxeu^  (vgl.  Aphthon.  5  8x:  oOx  efooxa, 
6  öxt  ü%6xot  x&  xaxdt  AokpvTjv.  Libanios  IV  p.  1127  u.  1131) 
oder  im  £ptu>u.iov  und  tytfQZ  (vgl.  Libanios'  iyxtüjitov  'Ax'.X- 
X£<ö?  IV  p.  931,  +6yo;  'A.  p.  962).  Der  mythologische  Stoff 
und  Rede  und  Gegenrede  —  beides  verbunden  und  in  poe- 
tische Form  gekleidet  —  war  die  rhetorisierte  Tragödie.  Wie 
beliebt  es  war,  Themen  der  Schulreden  in  poetischer  Form 
zu  verarbeiten,  hat  Leo,  de  Stati  silvis  (Göttiogen  1892)  p.  12 
dar^etan.  Ein  interessantes  Beispiel  der  Art  führt  Leo  an, 
jene  Ethopoiia  eines  noch  nicht  12jährigen  Knaben  Qu.  Sul- 
picius  Maximus,  mit  der  er  als  einem  aüxooxeSiaau«  (xaip'.ov 
nennt  es  die  Inschr.,  derselbe  Ausdruck  einmal  in  den  v.  soph. 
p.  72,  24  in  der  Aufzählung  der  Werke  des  Herodes;  vgl. 
S.  540  Anm.  134  und  W.  Schinid,  Berl.  philol.  Wochenscbr. 
1904  Sp.  1553)  beim  Kapitolinischen  Agon  im  J.  94  unter 
52  griechischen  Dichtern136)  aufzutreten  wagte  und  cum  ho- 
nore  discessit:  xiatv  av  X6yo:;  xP*)aalT0  Zeug  £TCixtjx.ü>v  fHXttp, 
öu  tö  apjia  £§<oxe  <I>a£8-ovic  (Inscr.  graec.  Sic.  et  Ital.  2012. 
vgl.  Lukian.  deor.  dial.  25.  Kaibel,  Epigr.  gr.  618  Anm.  Des- 
sau, Inscr.  lat.  sei.  II  5177).  Versificierte  Ethopoiien  sind 
Dracontius'  Romulea4  und  Anth.  lat.  198.  (=  poet.  lat.  min.  IV 
378  p.  322  verba  Achillis  in  parthenone  cum  tubam  Diomedis 
audisset),  Dracontius'  Romulea  9  ist  eine  deliberativa  Achillis, 
an  corpus  Hectoris  vendat,  5  eine  controversia  de  statua  viri  for- 
tis,  der  wie  den  prosaischen  gleicher  Art  das  fingierte  Gesetz  und 
der  *FalT  in  Prosa  vorangeht.  Ein  gleichartiges  Elaborat  des 
Dichterlings  Octavianus,  der  wohl  dem  V.  Jhh.  angehört, 
steht  in  der  Anthologie  21  (=  poet.  lat.  min.  IV  211  p.  244). 
Die  einzige  erhaltene  Probe  dramatischer  Poesie  aus  der  Zeit 
der  zweiten  Sophistik  ist  die  Tragödie  Medea  (Anth.  lat.  17 


136)  Solch  einen  poetischen  Wettkampf  erwähnt  Aristid.  or.  47,42 


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Die  Philostrate. 


543 


=  poet.  min.  IV  207  p.  219),  ein  Vergilcento.  Ihr  Verfasser 
hat  sichs  leicht  gemacht:  wie  er  seine  3  Chorlieder  mit 
einem  Metron  bestritten  hat  —  "  —  ~  ~  —  w,  also 
dem  zweiten  Teile  des  daktylischen  Hexameters),  hat  er  als 
Dialogvers  einfach  den  Hexameter  selbst  verwendet,  ihn  hier 
und  da  mit  4Halbversen\  wie  sie  die  Aeneis  als  Vorbild  dar- 
bot, unterbrechend  ;  man  spürt  quandam  festinandi  voluptatem. 
Die  Zeit  des  Machwerks  ist  das  ausgehende  II.  Jhh.,  da  die 
Notiz  Tertullians  (praescr.  39,  —  geschrieben  202)  Hosidius 
Geta  Medeam  tragoediam  ex  Vergilio  plenissime  exsuxit  ge- 
wiß mit  Recht  auf  das  anonym  erhaltene  Werk  bezogen  wird 
(vgl.  Schanz,  Gesch.  d.  Rom.  Litteratur,  III  S.  44). 

Suidas  läßt  in  seiner  Aufzahlung  der  Werke  des  Phil.  L 
folgen :  yujivaaxtxov  —  über  den  weiter  unten  — ,  dann  Aifro- 
yvojuxxöv.  Der  'Steinkenner',  das  ist  nur  ein  Titel,  aber  wir 
erkennen  daraus  klar  und  deutlich  den  gesunden,  wissenschaft- 
lichen Sinn  des  Verfassers.  Schon  Demokritos  (Diels,  Frgm. 
d.  Vors.,  S.  400  Nr.  165)  und  Aristoteles  (Rose,  Arist.  Pseudep. 
p.  242  sq.)  hatten  rcepc  rf]s  Xtö-oo  (den  Magnetstein)  geschrie- 
ben ;  die  vorhandenen  Kenntnisse  auch  in  dieser  naturbeschrei- 
benden Disciplin  hat  Theophrastos  gesammelt  und  zusammen- 
gefaßt137), dessen  Skizze  nepi  Xtöwv  uns  erhalten  ist  (das  früher 
veröffentlichte  Gegenstück  war  izepi  fiexaXXwv,  Rose  a.  a.  0. 
p.  254  sqq.).  Bald  jedoch  überwog  das  einseitige  Interesse 
an  den  Edelsteinen;  bald  gab  es  Anweisungen  zu  deren  Fäl- 
schung; wunderbare  Kräfte  legte  man  ihnen  bei188);  so  ent- 
stand die  Fülle  jener  mysteriösen  Schwindelbücher,  aus  denen 
Plinius  im  XXXVII.  Buche  seiner  naturalis  historia  schöpfte, 
die  Sotakos,  Sudines,  Zenothemis,  Zachalias  und  wie  sie  alle 
heißen.  Berühmte  Namen  müssen  das  zweifelhafte  Gut  decken: 

m)  Th.  sammelt  seine  nicht  eben  reichlichen  Nachrichten  von 
überall  her ,  ans  der  Erfahrung  des  praktischen  Lebens  (8,  53  und  59 
werden  die  Erfinder  zweier  Bearbeitungsmethoden  genannt)  wie  aua 
Büchern.  Nachrichten  über  Aegyptiscbe  Steine  liefern  ihm  'Königs- 
bücher'  (4, 24.  8,  55).  üeber  den  Tuffstein  und  seine  Anziehungskraft 
citiert  er  Diokles,  (vgl.  Wellmann,  P.-W.  V  802),  ob  nur  eine  gelegent- 
liche AeuUerung  des  berühmten  Anatomen  aus  Karystos  oder  als  seinen 
Vorgänger  in  der  Behandlung  der  Steinkunde,  bleibt  unklar. 

m)  Die  erste  Spur  solchen  Glaubens  schon  bei  Theophraat  4,  24, 
wo  es  vom  Smaragd  heißt:  xal  npöc  t4  öjiuaTa  dyc^,  ÖtA  xat  xät  wppa- 
Ylfiwt  qpopoöotv  ig  aÖTffc  ö)<ns  ßXinstv. 


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544  Karl  Münscher, 

Demokrits  Name  wurde  wie  so  vielen  anderen  Wunderbüchern 
auch  einem  Uber  Steine  vorgesetzt;  daß  solche  Bücher  als 
Magierweisheit,  unter  den  Namen  Zoroasters  und  eines  As- 
syrerkönigs  Oros  umliefen,  weist  wohl  auf  den  orientalischen 
Ursprung  der  ganzen  Anschauung  vom  Zauber  der  Steine  ,S9). 
Frühzeitig  setzt  auch  die  poetische  Behandlung  des  Stoffes 
ein;  als  eines  der  ersten  ist  da  wohl  Nikanders  auch  aus  Pli- 
nius  bekanntes  Steingedicht  (dessen  Titel  nicht  bekannt  ist, 
wahrscheinlich  Aifc(a)xa)  zu  nennen  (Nicandrea  rec.  Schneider, 
1856,  p.  127  sqq.).  Nur  einer  hebt  sich  aus  der  Fülle  der 
von  Plinius  erwähnten  ab :  Xenokrates  der  Ephesier  (Plin.  nat. 
37,  25),  des  Zenon  Sohn  (1,  37  ind.  auct.  ext),  nach  der  durch 
Bücheler  hergestellten  Interpunktion  (Plin.  nat.  37,  37  quod 
et  Xenocrates  credidit,  qui  de  his  nuperrirae  scripsit  vivitque 
adhuc)  ein  Zeitgenosse  des  Plinius  selbst.  Den  Titel,  Sevo- 
xpatoos  AtO-oyvwpKDv,  und  ein  griechisches  Bruchstück  verdanken 
wir  einem  von  Kardinal  Pitra  veröffentlichten  Scholion  zu 
Psalm  118,  127  (Analecta  sacra  spicilegio  Solesmensi  parata 
II  1884  S.  341),  das  wahrscheinlich  auf  Origenes'  Psalmen- 
kommentar zurückgeht  uu).  Der  Titel  wie  die  erhaltenen  Frag- 
mente erweisen  es  als  ernst  wissenschaftliches  Buch,  frei  vom 
Wust  des  Zauberglaubens,  das  deshalb  Origenes  als  wissen- 
schaftliche Autorität  benutzt  hat ;  unter  Verwertung  seiner  Vor- 
gänger gab  Xenokrates  eine  genaue  Schilderung  der  Steine 
nach  Farbe,  Größe,  Aussehen,  Eigenschaften,  Fundorten,  wo- 

»  , 

,M)  Ueber  diese  alle  vgl.  Susemihls  Gesch.  d.  griech.  Litt,  in  d. 
Alexandrinerzeit  1,1891,  S.  »56  ff. 

Bücheler,  Rhein.  Mus.  XL  S.  304ff.  hat  jenes  Scholion  aus 
Pitras  Publikation  hervorgezogen  und  Xenokrates*  Werk  gewürdigt  — 
Ambrosius  in  psalm.  118  serm.  16,41  p.  1438  giebt  dieselbe  Stelle  nach 
vollerer  Vorlage  in  Uebersetzg.,  Biehe  Pitra,  Analecta  sacra  III  (1883) 
S.  519.  —  Die  Bibelkommentare  werden  zur  Geschichte  der  Steinkunde 
hier  und  da  herangezogen  werden  müssen.  Ein  ganzes  Schriftchen  eines 
Kirchenvaters  gehört  hierher:  des  Epiphanios  (Bischofs  von  Konstantia 
auf  Cypern,  f  403),  Büchlein  de  XU  gemmis  quae  erant  in  veste 
Aaronia,  ed.  Conr.  Gesner,  Tiguri  1565.  (mit  lat.  Uebersetzung  Jola 
Hierotarantino  interprete) ,  danach  in  den  opera  Epipdanii  ed.  Peta- 
vius,  Par.  1622;  ed.  nova  ab  H.  Valesio,  vol.  II  (Coloniae  lt>82)  p.  225—232 
(eine  Epitome  daraus  p.  233—234);  darin  Gutes  (vielleicht  aus  Xeno- 
krates ?)  und  Schlechtes  nebeneinander  gegeben;  die  Schwindelbücher 
nennt  er  mehrfach  uo&onoioi  (cap.  3.  6  dreimal);  das  Ganze  vielleicht 
selbst  nur  ein  Auszug  des  Originaiwerkes  des  Epiphanios,  das  Hiero- 
nymus in  Ezech.  9,  2*  citiert. 


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Philostrate.  545 

sich  Schätzung  und  Verwendung  richteten.  Wie  im  Titel 
wird  auch  in  dem  wissenschaftlichen  Standpunkte  Phil,  mit 
seinem  At^oyvwjitxö;  der  Nachfolger  von  Xenokrates'  Aifro- 
yvwucöv  sein  U1).  Auch  zu  seiner  Zeit  war  es  höchst  nötig, 
gegen  die  schwindelhafte  Zaubersteinkunde,  die  es  großen- 
teils nur  mit  erdichteten  Steinen  zu  tun  hatte,  Stellung  zu 
nehmen.  Nicht  nur  ist  uns  aus  dem  II.  Jhh.  n.  Chr.  wieder 
eine  dichterische  Behandlung  des  Stoffes  bekannt,  des  uns  als 
Perihegeten  bekannten  Dionysios1  Atfhaxa  u2),  in  die  gleiche 
Zeit  wird  auch  jenes  fabelhafte  Steinbuch  des  Aegypterkönigs 
Necbepso  gehören,  von  dem  Galen  XII  207  das  vierzehnte 
Buch  citiert 14S) ;  vor  allem  fällt  ins  II.  Jhh.  aber  jenes  Haupt- 
buch, aus  dem  als  letzter  Quelle  fast  alle  späteren  Bacher 
über  den  Steinzauber  zu  schöpfen  scheinen :  das  Steinbucb  des 
Damigeron.  Von  dessen  griechischem  Original  haben  wir 
zwar  nur  dürftige  Keste  durch  den  Arzt  Aetios  (s.  VI. 144),  er- 
halten hat  sich  aber  die  lateinische,  von  christlicher  Hand 
herrührende  Bearbeitung  des  Damigeron  de  lapidibus  (etwa 
saec.  V.) ;  dies  Buch  mit  seinem  vorgesetzten  Widmungsbriefe 
des  Araberkönigs  Evax  an  den  Kaiser  Tiberius  wurde  die 
Hauptquelle  für  alle  mittelalterlichen  Bearbeitungen  der  Stein- 
kunde in  griechischer  (Psellos),  lateinischer  (Marbod  von  Ren- 
nes)  und  arabischer  Sprache  (Aristoteles  de  lapidibus) 146).  Der 
griechische  Damigeron,  der  wahrscheinlich  schon  Apuleius 

Abhängigkeit  Phil.s  von  Xenokrates  vermutete  schon  Bücheler 
a.  a.  0.  Er  nennt  das  Philostratische  Buch  das  'Xi^oyvwjwxdv' ;  die 
maskulinische  Form  'der  Steinkenner'  empfiehlt  sich  aber  durch  die 
Gleichung  mit  Xi{toyvd>uwv ;  über  die  Gleichberechtigung  der  Verba  -yvo)- 
uovstv  und  -yvo)u«Iv  und  demgemäß  der  Adj.  -yvcoimöv  und  -y*<ouoc 
(oder  -yvwuucöc)  s.  Lobeck,  Phrynichus,  1820,  p.  Ö82  sq.  Das  Wort  Xifror™' 
iwov  wird  noch  angeführt  aus  Julian  or.  2  p.  91  b. 

u«)  In  seinem  rivog,  im  Rhein.  Mus.  29  (1874)  S.  81  veröffentlicht 
von  Rühl:  yifpanxai  91  ainty  xal  At^taxd .  .  .  .  xx  5«  AUkxd  (sie)  u&XXov 
dTioifyovrai  Iii  tb  xöv  owhöv  sTvoa  xaP0LY-'cfi?'x  (vgl«  die  kürzere  Fassung 
der  vita  Biogr.  gr.  ed.  Westermann,  Braunschweig  1845,  p.  69);  danach 
Eustathios,  abgedruckt  in  Dionysii  orbis  terrarum  descriptio  rec.  Pas- 
tow, Leipzig  1825,  p.  3;  vgl.  auch  Suidas  s.  v.  atovuato;  Kopivfooc. 

I>a  PliniuB  den  Nechepso  nicht  anführt,  gehört  dieser  wohl  ins 

II.  Jhh. 

'**)  Diese  hat  V.  Rose  nachgewiesen  in  seinem  Aufsatz  Damigeron 
de  lapidibus,  Hermes  9  (1875)  S.  471  ff.  Danach  gegeben  im  Apparat 
der  Ausg.  des  lat.  Damigeron  in  Orphei  Lithica  rec.  Abel,  Berlin  18*1, 
p.  161  sqq. 

m)  Ueber  diese  mittelalterlichen  Bücher  s.  Rose  a.  a.  0.,  sowio 
Aristot.  Pseudep.  S.  255  sq,  Abel  in  der  praef.  seiner  Ausgabe. 


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546  Karl  Münacher, 

(apol.  90)  und  Tertullian  (anim.  57,  vgl.  auch  Arnob.  nat. 
1,  18)  bekannt  war,  ist  auch  benutzt  von  der  einzig  erhaltenen 
poetischen  Fassung,  in  den  seit  Johannes  Tzetzes  fälschlich 
unter  Orpheus'  Namen  U6)  umlaufenden  Adkxa,  die  gegen  Ende 
des  IV.  Jhhs.,  als  die  Kaiser  energisch  gegen  die  Reste  des 
Heidentums  vorgingen,  von  einem  Anhänger  des  alten  Glau- 
bens noch  ohne  Nonnianische  Technik  verfaßt  sind  147).  — 
Das  Buch  des  Damigeron  hatte  also  durchschlagenden  Erfolg 
gehabt:  um  so  größer  erscheint  Phil.s  Verdienst,  daß  er  unbe- 
rührt von  solchem  Schwindelwesen  seinen  Atfroyvcü|itxö;  schrieb. 

Von  den  weiteren  Titeln  üpctrria,  xuva  f)  oo^tonfjv,  Nepü>va, 
OcflrrVjV  ist  der  letzte  völlig  dunkel,  die  anderen  führen  uns 
wieder  auf  ein  der  Sophistik  fern  liegendes  Gebiet:  sie  be- 
weisen philosophische  Neigungen  des  Verfassers. 

DpwTeO;  und  xuwv  *1  aocptorr]?  stehen  nebeneinander.  Die 
Vermutung  lag  nahe,  beide  Titel  könnten  auf  eine  Persön- 
lichkeit zu  deuten  sein,  auf  den  aus  Lukians  Zerrbilde  sattsam 
bekannten  Peregrinus  Proteus.  Dieser  Vermutung  Raum  gebend 
wollte  Bergk  (a.  a.  0.  S.  183,  Anm.  1)  die  beiden  Titel  zu  einem 
vereinen  und  in  dem  einen  Werk  das  von  Genethlios  (Me- 
nander)  rcept  irciSeixTtxöv  p.  34(5,  18  Sp.  unter  den  Beispielen 
paradoxer  Enkomien  neben  Alkidamas  Lobpreis  des  Todes  und 
einem  der  Armut148)  genannte  anonyme  ^yxwuiov  toö  llpwietD; 
toö  xuv6?  erkennen.  Daß  diese  Vereinigung  beider  Titel  zu 
einem  ohne  Einführung  des  Artikels  (llpiöieü?  6  xu<dv  ^  oo- 
cpiarfc  müßte  es  lauten)  unmöglich  und  schon  deshalb  un- 
wahrscheinlich ist,  hat  Hirzel  (Dialog  II  S.  340  Anm.  1)  her- 
vorgehoben. Sie  verbietet  sich  aber  auch  deshalb,  weil  die 
Worte  xuwv  aoqptonfjs  für  sich  allein  einen  vortrefflichen 
Scbriftentitel  darstellen  ganz  in  der  Art,  wie  sie  Lukianos  seinen 
Dialogen  so  häufig  zu  geben  pflegte,  sei  es,  daß  beide  Teile 
des  Titels  denselben  Mann  (so  'Ixapouivt7i:ro£  örcepv^eXo;, 
Tljiwv  t)  |itoavd-pü)7io;,  'AXejjavSpo*  yj  cpeoSonavxis,  zwei  Epi- 

m)  Veranlaßt  war  dieser  Irrtum  durch  die  Nachricht  von  Orpheus' 
Gedicht  nspi  X£$tov  YXo^pffc  fpi$  'OyÖo^xovtdXifroc  irtiYpdffstat  (Suidaa  s.  v. 
'Op<f*6C). 

,4T)  Abel  praef.  p.  2  sq.  S.  auch  v.  Wilamowite,  die  Griech.  Litera- 
tur, 1905,  S.  217. 

»*•)  Unter  den  Progymnasmen  des  Libanios  finden  wir  einen  <J*öyoc 
«Xourou  (IV  p.  978)  und  als  Gegenstück  einen  ««vfo«  (p.  981). 


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Die  Philoatrate. 


547 


theta  verbunden:  ^euSoao^toxij?  •?)  ooXotxtoTrjs,  Exulbj;  f)  Jcp6- 
£evo;)  oder  zwei  verschiedene  Personen  (so  die  Dialexeistitel 
'Hp66oxos  t)  'Aexfav,  Zeöfo  y)  'Avtwxoc,  zwei  Epitheta  ver- 
bunden: cpiXot|>eü6T);  rj  ditiotöv,  auch  <£Aiei>c  dvaßtoövies) 14ä) 
bezeichnen.  Zugleich  lehren  also  die  Titel  Lukians,  daß  xuwv 
^  ao<ftat^g  nicht  etwa  im  Sinne  einer  disjunktiven  Frage  zu 
fassen,  sondern  daß  es  nur  fraglich  ist,  ob  die  beiden  Aus- 
drücke auf  eine  oder  auf  zwei  Personen  zu  beziehen  sind. 
Beides  ist  natürlich  gleich  möglich:  wir  können  uns  vorstellen, 
daß  ein  Kyniker  mit  einem  Sophisten  in  Gegensatz  gestellt 
wurde ,  wir  können  uns  ebensogut  eine  Person  in  ihrer 
doppelten  Eigenschaft  eines  kynischen  Philosophen  und  sophi- 
stischen Redners  vorgeführt  denken;  wir  brauchen  uns  nur  des 
Dio  zu  erinnern,  bei  dem  beide  Bezeichnungen  in  Wahrheit 
gleich  zutreffend  waren.  —  Getrennt  also  bleibt  der  Ilpwxeu; 
bestehen.  Galt  er  dem  alten  Meergott,  Über  den  auch  der 
Vater  der  kynischen  Philosophie,  Antisthenes,  geschrieben  hatt<* 
(Diog.  L.  6,  1,  17),  oder  jenem  Peregrinus  Proteus,  den  seine 
Anhänger  bei  seinen  Lebzeiten  nicht  bloß  über  die  Meister 
seiner  Schule,  Diogenes  und  Antisthenes,  sogar  über  Sokrates 
erhoben  hatten  (Lukian.  Peregr.  5),  der  der  Zunft  der  Sophisten 
aber  verhaßt  war,  weil  er  ihr  Haupt,  Herodes,  zu  schmähen 
gewagt  hatte  (Phil.  v.  soph.  2,  1,  13  p.  71,  10  sqq.  Lukian.  19)? 
Das  ist  nicht  sicher  zu  entscheiden;  der  Satz  der  v.  Ap.  1,  4 
p.  4,  27:  8ort£  uiv  5t)  xfjv  oocpfov  6  Ilpwxeu;  eyeveio,  zi  äv 
I^YGijijjv  xot;  yc  axououat  tcüv  TtotTjxöv  xt£.  ist  wegen  der 
%ovr\zoti  sicher  keine  Anspielung  des  Sohnes  auf  die  Schrift 
seines  Vaters,  kann  also  für  den  Inhalt  des  Proteus  nichts 
beweisen150).    Immerhin  läßt  der  andere  Buchtitel  (xuwv  r\ 

IW)  In  letzterem  Falle  steht  ^  ganz  im  Sinne  von  xai.  —  Kine 
zweite  große  Gruppe  von  Doppel-Titeln  Lukians  verbindet  eine  Per- 
8onalbezeicbnnng  mit  einer  sachlichen  Bestimmung  des  Inhalts,  z.  B. 
Niyptvoc  T)  wspt  qftAood^pou  tjj^ooc,  Mivimcoc  ij  vsxootumsta  u.  a,;  statt  des 
Namens  mitunter  nur  ein  EpithetoD,  das  die  betr.  Person  charakterisiert: 
«JjsüöoXoytorijc  "ii  «spl  xffc  4no<ppdÖoc  xaxd  Tijidpjtoo,  ölg  xaxTjYopoöjisvoc 
dtxaar^pta,  ahnlich  auch  itspl  xopaofrou  Tfioi  6xt  xÄxvtj  ^  xapaoixix^,  und 
mit  Umstellung  der  beiden  Glieder:  xatdnAouc  xöpawoc,  auch  oixi- 
xtatov  Aaxt&at.  Weit  seltner  enthalten  beide  Teile  des  Doppeltitel» 
eine  sachliche  Bezeichnung,  so  nspt  toO  tjXixxpoo  töv  xöxvuv,  nAotov  f| 
st>x,a£,  dXxuwv  ^  icspl  usxaiiop^cooto);. 

uo)  Hirzel  a.  a.  0.  h&lt  das  nicht  für  völlig  ausgeschlossen. 

Philologns,  Bapplementbmnd  X,  vierte«  Heft.  36 


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548 


Karl  MQnscher, 


ao<pi<rr%),  den  K  y  n  i  k  e  r  Proteus  als  Gegenstand  der  zweiten 
Schrift  am  wahrscheinlichsten  erscheinen.  Ob  Phil,  diesem 
Lob  oder  Tadel  spendete,  ist  schwer  zu  sagen,  in  beiden  Fällen 
aber  kann  das  Werk  identisch  sein  mit  jenem  napdßo$ov  if~ 
xüjjitov,  das  Menander  erwähnt.  Chronologisch  würde  die  Be- 
ziehung des  4Proteus*  auf  Peregrinus  vorzüglich  zur  Lebenszeit 
des  Phil.  I.  passen,  der  vor  150  geboren  ist:  167  verspottete 
Lukian  des  Peregrinus  theatralischen  Selbstmord151). 

Die  Form  des  Doppeltitels,  die  Phil.  I.  in  einem  Falle 
wählte,  konnten  wir  uns  mit  Parallelen  aus  Lukians  Schriften 
erläutern.  Mit  dessen  Schriftstellerei  berührt  sich  Phil,  auch 
durch  die  Verwendung  des  Dialogs lö2).  —  Es  ist  eine  schöne 
Entdeckung  C.  L.  Kaysers,  daß  der  in  zwei  Handschriften 
unter  Lukians  Schriften  stehende  kleine  Dialog  Neptuv 1M)  wegen 
der  Gleichheit  des  Stils  zu  den  Philostratischen  Werken  zu 
zählen,  folglich  mit  dem  von  Suidas  beim  I.  Phil,  erwähnten 
Nepwv  identisch  ist.  Bewiesen  hat  das  Kayser  in  seiner 
Specialausgabe  der  v.  soph.  (Heidelberg  1838,  praef.  p.  XXXIII), 
der  er  als  Appendix  den  Nero  anfügte  (p.  123 — 130  mit  dem 
die  sprachlichen  Uebereinstimmungen  nachweisenden  Kommen- 
tare; in  seinen  Gesamtausgaben,  gr.  Ausg.  p.  337,  kl.  Ausg. 
Ü  p.  220).  Seiner  Theorie  von  dem  einen  Verfasser  sämt- 
licher Philostratischen  Schriften  zu  Liebe  wies  Kayser  auch 
dies  Werkchen  dem  Phil.  II.  zu:  da  die  Verteilung  der  Schriften, 
auf  mehrere  Verfasser  sich  als  notwendig  erwiesen  hat,  sieht 
nichts  im  Wege,  den  Nero  als  Werk  des  ältesten  Phil.  I.  zu 
betrachten,  dem  es  Suidas  zuschreibt.  Mit  der  immerhin  ver- 

Vgl.  Schmid,  Buroians  Jabresber.  108,  1901,  S.  263.  Hirzel 
a.  a.  O.  will  in  des  Phil.  Proteus  'eine  scheinbare  Widerlegung  der 
Luki anlachen  Schmähschrift'  sehen,  eine  nicht  allzu  wahrscheinliche 
Vermutung. 

,M)  Auf  den  bei  einem  Sophisten  besonders  bemerkenswerten  Ein- 
fluß Lukians  auf  den  Nero  wies  bereits  Bergk  S.  183  hin ;  er  ist  auch 
kaum  zu  leugnen,  wenn  auch  keine  satirische  Tendenz  im  Nero  steckt 
(-was  Hirzel  II  S.  341  Anm.  1  dagegen  einwendete;  vgl.  Schmie!,  Atticism. 
IV.  S.  585.  Philol.  L  298 f.). 

lM)  Der  verlängerte  Titel  Nipcov  ^  rcspl  -cijg  opoxfa  xoö  lo&uoö,  den 
Jacobitz,  Lukian  1(1  p.  689,  giebt,  scheint  den  Hüschrn.  zu  fehlen; 
Kayser  verwendet  ihn  jedenfalls  nicht;  auch  charakterisiert  der  Zugatz 
den  Inhalt  des  Dialogs  nur  zum  kleinsten  Teile.  —  Die  Zuweisung  des 
Nero  an  Phil,  lehnt  ohne  jede  Begründung  ab  Hense,  C.  Musonii  ttufi 
reliquiae,  1905,  praef.  p.  XXXII. 


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Die  Philoatrate. 


549 


wunderlichen  Gleichheit  des  Stils  sämtlicher  Philosfcrate  müssen 
wir  uns  ohnehin  abfinden:  es  ist,  wie  Roh  de  (Qött  gel.  Anz. 
1884,  I,  S.  38)  sagt,  in  der  Familie  der  Philostrate  'eine 
ganz  bestimmte  Art  manierierten  Sophistenstils  erblich  gewesen1. 

Das  geschickt  aufgebaute  kleine  Kunstwerk154)  trägt  von 
der  Person,  die  den  Gesprächsstoff  liefert,  den  Titel.  Ueber 
den  Kaiser  Nero  unterhalten  sich  der  Philosoph  Musonios  und 
der  Lemnier  (p.  222,  18)  Menekrates,  der  im  Namen  un- 
genannter anderer  Anwesender  das  Wort  führt  Gehalten 
wird  das  Gesprach  am  Ufer  des  am  Meere  gelegenen  Ver- 
bannungsortes des  Musonios,  also  des  heute 1M)  wie  im  Altertum 
fast  verödeten  Felsen  eil  and  es  Gyara,  das  allerdings  nicht  mit 
Namen  genannt  wird  In  dreifacher  Steigerung  entwickelt 
Musonios  das  Bild  des  bösen  Tyrannen.  Vom  Isthmosdurch- 
stich,  den  Nero  unternommen  hatte,  nimmt  das  Gespräch  seinen 
Ausgang.  Musonios,  der  dabei  mitgearbeitet  haben  sollte,  be- 
richtigt die  Meinung  von  der  gemeinnützigen  Absicht,  die  man 
dieser  Unternehmung  des  Kaisers  unterzulegen  geneigt  sei:  nur 
eitele  Ruhmsucht  war  sein  Motiv  und  ist  der  Kern  von  Neros 
Wesen.  In  der  Musik  suchte  er  sie  zumeist  zu  befriedigen: 
drum  zeigt  Musonios  zu  zweit  die  Nichtigkeit  seines  musika- 
lischen Ruhmes;  seine  Leistungen  sind  in  Wahrheit  erbärmlich 
und  lächerlich,  er  erzwingt  seine  Siege  durch  Furcht.  Denn 
—  das  ist  der  dritte  Teil  der  Auseinandersetzungen  —  der 
Kaiser  ist  ein  grausames  Scheusal,  der  seinen  wahnsinnigen 
Künstlerstolz  durch  Ermordung  eines  Tragöden  befriedigt  und 
gegen  das  Heiligste  auf  Erden,  die  Mutter,  wie  gegen  die 
Gottheit  gleichermaßen  gefrevelt  hat  Das  Maß  ist  voll :  sol- 
chen Frevel  darf  die  Gottheit  nicht  dulden:  ein  Schiff,  festlich 
bekränzt,  naht  dem  Strande,  und  man  vernimmt  den  Jubelruf, 


<")  Vgl.  die  feine  Analyse  bei  Hirzel  II  3.  888f.  Schunds  wenig 
glückliche  Behandlung  des  Nero  (Atticism.  IV  S.  536 f.)  leidet  an  Un- 
klarheiten (»ein  Zweifel  Ober  den  Ort  des  Gesprächs,  das  Mißverstehen 
der  Erwähnung  von  Lemnos)  und  Unrichtigkeiten  (der  Kyniker  Menip- 
pos  aus  Lykien  soll  der  eine  lnterlokutor  sein!). 

15A)  Vgl.  L.  Ross,  Reisen  auf  den  griech.  Inseln  de»  Aegäischen 
Meere«.  I.  1840,  S.  5.  II  1H43,  S.  170-172. 

,6S)  Ueber  den  Verbannungsort  des  Musonios  s.  Dense  a.  a.  O.  p.  XXIX 
sqq.  Epiktet  führt Hyara  oft  im  Munde,  im  Gegensatz  zu  Rom  und  Athen  : 
es  war  eben  der  Ort,  wohin  sein  Lehrer  verbannt  gewesen  war. 

36* 


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550 


Karl  Münecher, 


daß  Nero  dahin  ist.  Menekrates  stimmt  freudig  ein,  doch 
Musonios  wehrt  dem  lauten  Jubel  über  den  Gefallenen. 

Nicht  der  Haß  gegen  Nero  im  allgemeinen  wird  Phil, 
diesen  Stoff  haben  wählen  lassen,  sondern  seine  Vorliebe  für 
den  tüchtigen  Philosophen  und  seine  nützliche  Lebensweisheit, 
der  von  Nero  mißhandelt  worden  war.  Stoicismus  und  Kynis- 
mus  unterschieden  sich  damals  gar  wenig;  kein  Wunder,  daß 
wir  Phil,  mit  beiden  beschäftigt  sehen 16Ä>).  —  Hirzel  hat  schon 
fein  bemerkt,  durch  Einführung  des  Unterredners  als  eines 
Lemniers  habe  Phil,  in  echter  Dialogmanier  andeuten  wollen, 
wie  er  zu  seiner  Kenntnis  über  Musonios  gelangt  sei.  Auch 
die  Wahl  des  Namens  Menekrates  war  keine  unbeabsichtigte. 
Wir  sahen,  daß  Phil.  III.  im  Heroikos  einen  Meoekrates  an- 
führt, der  wie  die  Familie  der  Philostrate,  zum  Demos  Steina 
gehörte.  Dadurch  gewinnt  auch  der  Menekrates  im  Nero 
Leben.  Die  Familien  Menekrates  und  Phil,  waren  offenbar 
schon  lange  durch  Freundschaft  wie  Demengemeinschaft  ver- 
bunden. Phil,  führt  einen  Menekrates  aus  Lemnos  als  Dialog- 
ti^ur  neben  Musonios  ein:  damit  widmet  er  den  Dialog 
seinem  Freunde  Menekrates  oder  macht  ihm  wenigstens  ein 
freundschaftliches  Kompliment.  Gewiß  war  jener  ein  Genosse 
Phils  bei  seinen  philosophischen  Studien. 

Es  ist  noch  die  Frage  zu  erörtern,  ob  Phil.  II.  an  einer  Stelle 
der  v.  Ap.  sich  auf  den  erhaltenen  Nero  bezieht.  Er  giebt 
mehrfach  seiner  Bewunderung  für  Musonios  Ausdruck,  folgt  also 
in  der  Wertschätzung  dieses  Philosophen  seinem  Vater.  Er 
nennt  ihn  'AhoXAümou  jiovou  5e6?£po£  . . .  ItzI  ao^ta  (p.  153, 31), 
er  läßt  nach  Gyara  'alle  Griechen'  reisen,  um  Musonios  zu  hören 
(p.  271,  31),  er  überliefert  zwischen  Musonios  und  Apollonios 
gewechselte  Briefe  (p.  164,  17  sqq.),  die  er  jedenfalls  der 
Sammlung  von  Apolloniosbriefen,  die  er  auch  sonst  benutzte, 
entnahm;  er  weiß  uns  von  einem  Gespräche  des  Philosophen 
Demetrios  mit  dem  eifrig  am  Isthmosdurchstiche  arbeitenden 
Musonios  zu  erzählen  (p.  178,  26  sqq.).  An  letzterer  Stelle 
bricht  PhiL  seine  Erzählung  plötzlich  ab  mit  den  Worten 
(p.  179,  1)  xai  feaaOtü  jiot  xa  Mouawvtou  n\ziu>  övia  xai  $au- 

'"')  S.  Hirtel  a.  a.  O.  S.  339,  wo  auch  schon  gesagt  ist,  'daß  um 
den  Nero  der  Schatten  des  Sokrates  schwebt*. 


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• 


Die  Philostrate. 


551 


(laotuVcepa,  65  u.tj  ooxofyv  ftpaouvcoftcci  7cpö;  xiv  dcpieXä);  aöxa 
efaovta.  Dieser  Satz  kann  in  seiner  überlieferten  Form  nicht 
richtig  sein.  Der  Verfasser  lehnt  ab,  weiter  von  Musonios  zu 
sprechen,  weil  schon  eine  andere  Schrift  diesen  Stoff  behandelt. 
Nach  Schmid,  Atticism.  IV  S.  537  Anm.  85,  rügt  Phil,  mit 
dem  <*|ieXä>;  die  Kürze  seines  eigenen  Jugend  werk  es,  das 
Schmid  in  dem  erhaltenen  Nero  sieht:  das  ist  unmöglich,  weil 
niemand  von  {►paauveod-ai  reden  kann  gegenüber  einem  Werke, 
das  er  geringschätzt.  Die  gleiche  Unmöglichkeit  bleibt  be- 
stehen, wenn  man  dem  betr.  Werk  einen  fremden  Verfasser 
giebt:  es  wäre  Kühnheit,  nicht  mit  einem  unsorgfältig  — 
ironischer  Sinn  ist  doch  ausgeschlossen  — ,  sondern  mit  einem 
sorgfältig  geschriebenen  Werk  konkurrieren  zu  wollen:  es  ist 
*  also  mit  Olearius  £fj,u,£Xu>s  statt  dueXt&s  herzustellen  (Fertig 
a.  a.  0.  p.  50  schreibt  statt  dessen  jjtfj  dueXfi>;).  —  Liegt  nun 
in  dem  so  hergestellten  Satze  eine  Rückbeziehung  auf  den 
Nero,  das  Werk  des  Vaters,  vor?  Hirzel  (Dialog  II  S.  245 
Anm.)  hat  sie  bestritten,  auch  Schmid  (S.  5  Anm.)  findet  sie 
äußerst  zweifelhaft  (doch  vgl.  bei  ihm  S.  537,  wo  an  der 
Beziehung  festgehalten  ist).  Allerdings  sind  die  beiden  Ge- 
sprächsscenen  nicht  einander  gleich :  in  der  v.  Ap.  unterhält 
sich  der  Kyniker  Demetrios,  der  aus  Seneca  und  Tacitus  be- 
kannt ist,  der  Freund  des  Thrasea  Paetus,  mit  Musonios,  im 
Nero  dagegen  der  Lemnier  Menekrates;  dort  spielt  die  Scene 
am  Isthmos  von  Korinth  während  der  Durchstechungsarbeiten, 
hier  nach  deren  Abbruch  in  Gjara.  Doch  schöpft  Flavios  Phil, 
seine  Kenntnis  über  Musonios  —  von  dem  Apolloniosbrief- 
wechsel  und  der  allgemein  bekannten  Tatsache  seiner  Ver- 
bannung nach  Gyara  abgesehen  —  lediglich  aus  dem  Dialoge 
Nero.  Aus  ihm  kennt  er  die  Legende 15?)  von  der  Zwangsarbeit 
des  Musonios  beim  Isthmosdurclistich;  im  Dialog  ist  der  Wort- 
fuhrer  Menekrates  von  einer  Schar  andächtiger  Zuhörer  um- 
geben, deshalb  erzählt  Flavios,  man  sei  scharenweise  nach 

16T)  Ueber  die  geringe  Glaubwürdigkeit  aller  dieser  Nachrichten, 
die  eine  legendariscbe  Ueber  lieferung  Über  Musonios  ausmachen,  vgl. 
Cobet.  Mnemosyne  VIII,  1*59,  p.  Itt7  sq.,  Zeller.  III  l3  S.  ts5'2  Anm., 
Hirzel,  Dialog  II  S.  24  >  Anm.  (wo  auch  von  den  wechselnden  Herkunfts- 
angaben —  Töpiof ,  BaßuXtovio^  —  gesprochen  wird).  —  Auf  Gyara  sollte 
Musonios  eine  Quelle  entdeckt  haben,  v.  Ap.  p.  272,2,  die  Roß  meint 
wiedererkannt  zu  haben,  ygl.  üense  a.  a.  O.  p.  XXIX. 


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552 


K  arl  Manscher, 


Gyara  zu  Musonios  gereist.  Er  hat  also  eine  den  Angaben 
des  Dialoges  entsprechende  Scene  früherer  Zeit  konstruiert  und 
dabei  als  Unterredner  dem  Musonios  einen  andern  bekannten 
Philosophen  Neronischer  Zeit,  den  er  vielfach  mit  Apollonios 
in  Berührung  kommen  läßt,  zur  Seite  gesetzt;  den  aus  persön- 
lichen Gründen  von  seinem  Vater  eingeführten  Menekrates 
konnte  er  natürlich  nicht  brauchen  bei  der  Verherrlichung 
seines  Apollonios.  Somit  sehe  ich  in  dem  Werke,  mit  dem 
Phil.  II.  nicht  konkurrieren  wollte,  eben  den  erhaltenen  Dialog 
Nero,  seines  Vaters  Werk. 

Es  erscheint  zunächst  auffallend,  daß  der  Sohn  seinem 
Vater  in  den  Sophistenbioi  keine  Stelle  gegönnt  hat.  Aber 
die  Vielseitigkeit  des  Vaters  erklärt  wohl  das  Schweigen  des 
Sohnes.  Der  'Sophist'  verschwand  bei  Phil.  I.  vor  seinen  viel- 
fachen anderweitigen  Interessen,  und  nur  den  Sophisten  gilt  das 
Werk  des  Phil.  II.  Weniger  wird  man  an  Bescheidenheit  als  Motiv 
denken:  den  Ruhm  des  lLemniers'  zu  verbreiten,  hat  er  sich  nicht 
gescheut,  der  war  aber  auch  aocpiox^;  und  nichts  anderes1*8). 

Schließlich  nennt  Suidas  bei  dem  ältesten  Phil,  noch  ein 
Buch,  den  y\)\vtotaxfx.6$,  von  dem  im  XIX.  Jhh.  erst  nur  Frag- 
mente auftauchten  (Kaysers  Ausgabe  Philostratei  libri  de  gyin- 
nastica  quae  supersunt,  Heidelberg  1840),  das  dann  von  dem 
Griechen  Minoides  Mynas  gefunden,  von  ihm  und  Daremberg 
(nach  einer  Abschrift  des  Mynas)  ediert  und  auf  so  wenig  zu- 
verlässiger Grundlage  in  den  neueren  Ausgaben  weiter  gegeben 
und  nach  Möglichkeit  gebessert  wurde,  bis  nun  vor  wenigen 
Jahren  die  Handschrift  des  Mynas  wieder  in  den  Besitz  der 
Pariser  National bibliothek  gelangt  ist,  nach  der  wir  eine  Aus- 
gabe Jüthners  zu  erwarten  haben.  Als  deren  Vorläufer  hat 
er  in  seiner  Abhandlung  'der  Gymnastikos'  des  Philostratos 
(Wiener  Sitzgs.-Ber.,  phil.-hist.  Cl.,  Bd.  145,  1902,  S.  1—79) 
die  interessanten  Schicksale  der  Handschrift  und  die  reichen 
Ergebnisse  für  die  Textkritik  dargelegt lß9).  —  Die  in  ihrer 

,M)  Einen  älteren  sophistischen  Philosophen  Phil,  nennen  die  Bioi 
(1,  5  p.  fi,  19),  tov  AlpKttov,  der  am  Hofe  der  Kleopatra  lebte;  ein  Epi- 
gramm des  Krinagoras  auf  seinen  Tod  enthält  die  Anth.  Pal.  7,645 
(a.  dazu  StadtmQllers  Anm.);  Plut.  Ant.  80.    Cato  min.  57. 

,M)  Angezeigt  von  H.  Schenkl,  Zeitschr.  f.  öetr.  Gymo.  XXV,  1SMM, 
S.  312  f.   NütJicb  war  die  kommentierte  Ausg.  von  C.  H.  Volckmar, 


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Die  Philoafcrate. 


553 


Art  einzig  dastehende  Schrift  rept  Yu(ivaortxffc  (so  der  Titel 
der  Hdschr.;  vgl.  SchoL  Plat.  polit.  p.  338c),  deren  Inhalt 
Suidas  ganz  richtig  mit  dem  Beisatze:  bot:  5£  iz&pi  xwv  iv  'OXuji- 
<  itfy  i7C(ieXouuivb)v  charakterisiert160),  erwähnt  neben  früheren 

*  ry  etliche  zeitgenössische  Athleten,  einen  Mandrogenes  (p.  272,  27), 

den  der  Verfasser  persönlich  kannte  (MavÖpoyevoü^  .  .  .  aöxög 
jjxouaa);  über  den  etwas  älteren  Mys  hat  er  von  den  rcpeoßu- 
tepot  gehört  (p.  283, 16;  vgl.  die  gleiche  Ausdrucks  weise  in  den 
v.  soph.  S.  473);  uns  bekannt  ist  nur  der  auch  im  Heroikos 

*  erwähnte  (s.  S.  497)  Phoenikier  Helix.  Wie  Jüthner  hervor- 
hebt (Festschr.  f.  Gomperz  S.  226),  erscheint  hier  Helix  als 
weltbekannter  Champion,  für  dessen  Training  man  sich  inter- 
essiert: also  dürfte  die  Abfassung  des  Qymnastikos  nach  jenem 
Doppelsiege  des  Helix  bei  den  Capitolinischen  Spielen  des 
Jahres  219  anzusetzen  sein.  Damit  wird  die  Autorschaft  des 
ältesten  PhiL,  der  vor  der  Mitte  des  II.  Jbbs.  geboren  ist 

*  (s.  S.  517),  allerdings  überaus  unwahrscheinlich.  Bei  Suidas  liegt 
jedenfalls  ein  Fehler  vor.  Zur  Lösung  der  Frage,  welchem 
Phil,  die  Schrift  zuzuweisen  sei,  steht  uns  aber  nichts  zur 
Verfügung  als  der  Sprachgebrauch.  Es  wurde  schon  beiläufig 
erwähnt  (S.  496  f.),  daß  darin  der  Gymnastikos  der  Gruppe  v. 
Ap.  und  v.  soph.  näher  steht  als  den  Schriften  des  III.  Phil., 
Her.  und  Imag.  Wir  werden  deshalb  den  Gymn.  dem  II.  PhiL 
zuweisen  (vgl.  auch  oben  Z.  8).  Man  hat  beobachtet  (Jüthner 
a.  a.  0.  S.  227,  Fertig  a.  a.  0.  p.  43),  wie  nahe  die  im  An- 
fange des  Gymn.  stehende  Auseinandersetzung  über  die  xkyycu. 
sich  mit  einer  gleichartigen  in  der  v.  Ap.  (8,  7  p.  305,  23  sqq.) 
berührt:  da  haben  wir  einen  gleichen  Fall  von  Selbstwieder- 
holung, wie  zwischen  v.  soph.  und  dem  Briefe  an  Julia  Domna 
(S.  537);  auch  hier  ist  zweimalige  Benutzung  der  gleichen 
Quelle  das  Wahrscheinlichste.  Im  übrigen  giebt  das  Buch 
über  seinen  Verfasser  wenig  Auskunft.    Die  Erwähnung  von 

FL  Philostrati  de  arte  gymnastica  libellus,  Aurich  1882.  Das  Progr.  des 
herzogl.  N.  Gymn.s  Braunschweig  1902,  Phil. s  Abhandlung  Über  das  Turnen 
über»,  v.  Fr.  Cnnze,  verfolgt  Schulzwecke.  Die  Handschrift  des  Mynas 
enthält  den  Schluß  des  Heroikos  (von  p.  204t  22  Kp&c  tspolc  ts  an),  dann 
nspl  TojivowTixflc  und  schließlich  den  Brief  des  Lemniers  über  den  Brief- 
stil (die  sog.  Dialezis  I). 

,M)  Schriftliche   Quellen  werden  mehrfach  erwähnt   p.  261, 14. 
262,  22.  267, 27.  285, 18  sqq. 


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554 


Karl  Münscher, 


Lemnos  (p.  263,  4)  ist  durch  die  Sache  gegeben;  seine  Orts- 
kenntnis von  Athen  zeigt  der  Verfasser  durch  eine  Bemerkung 
(p.  290,  26),  ohne  daß  man  daraus  auf  Athen  als  seinen  Wohn- 
ort einen  sicheren  Schluß  wagen  könnte.  Trotzdem  wird  das 
Buch  von  Phil,  nach  seinem  syrischen  Aufenthalt  (s.  S.  490) 
und  zu  Athen  geschrieben  sein  und  wohl  noch  vor  den  v.  soph. 
Als  Phil,  es  schrieb,  stand  Helix  auf  der  Höhe  seines  Ruhmes: 
219  hatte  dieser  schon  eine  Reihe  ruhmreicher  Jahre  hinter 
sich;  ist  unsere  Datierung  des  Heroikos  richtig,  so  hatte  Helix 
213  und  schon  209  dv*]p  £x  rcatöwv  in  Olympia  gesiegt.  Damit 
wird  sein  Geburtsjahr  auf  die  Zeit  etwa  um  190  zurück- 
geschoben. Ueber  sein  40.  Lebensjahr  hinaus  werden  wir 
die  Periode  seiner  höchsten  Berühmtheit  als  Athlet  nicht 
verlegen  wollen,  sie  lag  also  im  Jahrzehnt  220 — 230.  Im 
gleichen  Decennium  wird  auch  Phil,  seinen  Gymn.  als  Mahn- 
ruf zur  Regeneration  der  Athletik  und  des  ganzen  verweich- 
lichten Zeitalters  der  Oeffentlichkeit  tibergeben  haben. 

Erwiesen  sich  die  Angaben  des  Suidas  schon  bei  den 
Schriftenverzeichnissen  der  beiden  ersten  Philostrate  nicht  als 
durchweg  richtig,  so  steckt  das  des  III.  voller  Verwirrung. 
Wir  haben  ihn  identificiert  mit  dem  speciell  als  'Lemnios'  ge- 
kennzeichneten Verfasser  des  Heroikos  und  der  Eikones,  weil 
Suidas  ihm  eixovas  und  TpuKxov  (=  'Hpwtxov,  S.  517)  zu- 
schreibt. Fälschlich  sind  beide  Schriften  von  Suidas  auch 
unter  denen  des  II.  Phil,  genannt:  daß  Suidas  bez.  Hesychios 
bei  dieser  ersteren  Erwähnung  die  ältere  Bildersammlung 
meinten,  zeigt  der  Zusatz  etxova;  f)  inypaatiq  £v  ßißXtots  5': 
in  der  Tat  hat  ein  Teil  der  Handschriften  des  älteren  Werkes 
4Bticherteilung  statt  der  in  der  Mehrzahl  der  Handschriften 
und  den  Ausgaben  stehenden  Verteilung  auf  zwei  Bücher161). 
Wie  in  die  Liste  der  Schriften  des  IL  Phil,  fälschlich  solche 
des  III.,  des  Lemniers,  hineingerieten,  wurde  mit  dessen  Werken 
das  jüngere  Bilderbuch  falsch  verbunden ,  wenigstens  wenn 
unter  dem  Titel  Tcapacppaaiv  xfjs  'O|r/]poo  cbTttSo;  (der  auf 


praef.  d.  Wiener  Ausg.  p.  VII  ra.  Anm.  Die  Zweibücherteilung 
erscheint  als  die  originale:  beide  Bücher  haben  ziemlich  gleichen 
Umfang  I  31,  II  34  Bilder.  Die  Vierbücherteilung  läßt  I  bestehen  und 
teilt  II  in  3  kleine  Bücher  von  10,  16  und  8  Bildern. 


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Die  Philostrate.  555 

TpbKXGV  folgt)  nichts  anderes  zu  verstehen  ist  als  das  längste, 
10.  Stück  der  jüngeren  Bilderreihe  (Iluppo?  tj  Muoot),  wie 
Welcker  (in  Jacobs'  Ausg.  Philostratorum  imagines,  Leipzig 
1825,  p.  631)  annahm,  das  für  sich  allein  und  unter  dem 
besonderen  Titel  kursierte.  Ebenso  verkehrt  ist  die  Meinung 
'einiger',  die  Suidas  am  Schlüsse  erwähnt,  die  Sophistenbioi 
seien  dem  III.  Phil,  zuzuweisen  (s.  S.  516).  Was  Suidas  sonst 
nennt,  Ttavadtjvalxov  (solche  wurden  auch  von  Antipater  er- 
wähnt, S.  474;  Aristides*  nach  dem  Isokratischen  Vorbilde 
gearbeiteter  Panathenaikos  ist  das  erhaltene  Muster  der  Gattung) 
und  \ieXiia<;  e',  zeigt  auch  diesen  Phil,  wie  seine  älteren  Ver- 
wandten als  Sophisten,  der  die  damals  üblichen  beiden  Arten 
von  Deklamationen  pflegte  163 ). 

Suidas  übergeht  (bez.  konfundiert  mit  dem  III.)  einen  IV. 
Phil.,  den  wir  durch  sein  Werk  kennen,  den  Verfasser  der 
jüngeren  Bilder.  Er  folgte  darin,  wie  er  selbst  in  der  Ein- 
leitung sagt,  seinem  6u.wvuu.os  und  ur^poTiixwp  nach:  Phil.  III., 
der  Lemnier,  war  im  J.  191  geboren,  sein  Enkel  wird  schwer- 
lich vor  den  60er  Jahren  des  III.  Jhhs.  litterarisch  tätig  sein; 
vielleicht  fallt  die  Abfassung  seiner  uns  erhaltenen  Schrift 
noch  später,  nach  274  (s.  oben  S.  496).  Das  Buch  hat  wenig 
Erfolg  gehabt  (s.  S.  495),  nur  dem  Ruhme  seines  Vorbildes 
hat  es  wohl  seine  Erhaltung  zu  verdanken.  Der  handschrift- 
liche Titel  OiXoaTpaioo  vewtepou  (das  war  aus  den  ersten 
Zeilen  der  Einleitung  zu  entnehmen)  eJxovwv  rcpöTov  lehrt, 
daß  von  den  2  oder  4  Büchern  (auch  in  der  Buch  zahl  scheint 
er  seinem  Großvater  gefolgt  zu  sein)  uns  nur  ein  Teil  des 
ersten  (im  17.  Bilde  bricht  die  Hdschr.  ab)  erhalten  ist163). 

,6>)  Ich  will  noch  ausdrücklich  hervorheben,  daß  es  völlig  un- 
möglich ist,  unter  der  Annahme,  der  von  Suidas  an  dritter  Stelle 
genannte  Phil.  Bei  der  Verfasser  der  jüngeren  Bilder  (die  roxpd'-fpaotc 
xf){  'Ojn^oo  domöog  scheint  zunächst  dafür  au  sprechen),  die  Philostrat- 
frage  zu  lösen.  Nie  und  nimmer  lassen  sich  die  Angaben  des  Suidas 
über  diesen  Phil,  mit  der  Tatsache  vereinen,  daß  die  jüngeren  Bilder 
vom  Tochtersohn  des  Verfassers  der  alteren  geschrieben  sind.  Solange 
man  von  Suidas  ausging,  blieb  die  Philostratfrage  ein  unentwirrbares 
Rätsel. 

,M)  Zu  den  fehlenden  Bildern  dürfte  Hero  und  Leander  gehört 
haben,  falls  die  von  Dilthey  de  Call  Cyd.  p.  59  Anm.  ans  Licht  ge- 
zogene Bemerkung  des  Antonius  Volscus  in  seinem  argumentum  zu 
Ov.  epiBt.  XVIU  nicht  auf  einem  Irrtum  beruht:  Leander  abidenus 
cum  fcestiae  herus  amore  teneretur  noctu  maris  angustias  ut  Philo- 


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556  Knrl  Mttnicher, 

Im  Sprachgebrauch  (vgl.  Schenkl-Reisch  p.  XVII)  wie  in  der 
ganzen  Anlage  des  Buches  ist  der  Enkel  durchaus  Nachahmer 
seines  Vorfahren.  Weil  dessen  Werk  mit  einer  allgemein  ge- 
haltenen Einleitung  über  Malerei  beginnt,  muß  auch  er  eine 
solche  abfassen  (xaoxT);  xat'  fyvr)  x^P^)0*1  teMjoavte;  ävay- 
xtjv  Ixojiev  Tipö  if);  6X7)5  l7utßoXf]c  xal  Tiepi  £u>ypacpta;  xtva  8t- 
eXtistv),  wobei  er  sich  zum  Teil  wörtlich  an  seine  Vorlage 
anschließt  (vgl.  p.  XV).  Auch  die  dialogisierende  Einkleidung 
am  Schlüsse  des  Proömiums  will  er  nachmachen;  freilich 
schrumpft  sie  bei  ihm  auf  zwei  Sätze  zusammen:  er  wolle  die 
schönen  Bilder  mit  Darstellungen  alter  Sagen,  auf  die  er  ge- 
stoßen sei,  nicht  mit  Stillschweigen  übergehen;  und  damit 
seine  Schreiberei  nicht  so  gleichmäßig  werde,  wolle  er  Bich 
einen  denken,  dem  er  alles  darlege ;  so  verwendet  er  denn 
auch  hier  und  da  die  Anrede  d>  nai.  Wie  nahe  sich  auch  in 
der  Wahl  der  einzelnen  Sagenstoffe  der  jüngere  mit  dem  älteren 
berührt,  haben  Schenkl-Reisch  (p.  XV — XVII)  zur  Genüge 
betont.  Man  muß  sagen,  die  Mißachtung,  der  dies  Machwerk 
eines  imitierenden  Epigonen  anheimgefallen  ist,  war  durchaus 
verdient. 

Ich  fasse  zum  Schluß  kurz  zusammen,  was  wir  über  die 
aus  Lern n os  stammende,  zum  athenischen  Demos  Steiria  ge- 
hörende Familie  der  Philostrate  ermittelt  haben;  bez.  der  ver- 
wandtschaftlichen Verhältnisse  verweise  ich  auf  den  Stammbaum 
S.  519. 

Phil.  I.,  Sohn  des  Verus,  geb.  vor  der  Mitte  des  IL  Jhhs., 
Sophist  in  Athen,  schreibt  gegen  Antipatros,  der  spater  £rct- 
atoXeu;  des  Septimius  Severus  wurde.  Erhalten  sein  Dialog 
Nero. 

Fl.  Phil.  IL,  des  I.  Sohn,  geb.  um  170,  studiert  um  190 
in  Athen  bei  Proklos,  Hippodromos,  Antipatros,  in  Ephesos 
bei  Damianos,  tritt  nach  202  in  den  xtixXo;  um  Julia  Domna 
ein  (also  tätig  in  Rom),  begleitet  sie  nach  Britannien  (208), 

ftratus  scribit  natare  ad  illam  consueverai  Auf  die  Verwandtschaft 
dieses  Stoffes  mit  Phil  II.  imag.  1, 12  Bconopoc  we'st  Kohde,  Gr.  Roman 
8.  135  Anm.  8  hin.  —  Thomas  Magister  p.  89,7  (Ritsehl)  citiert  *tX6- 
orpaxog  4v  elxöoor  a,JX'*lv  s'i^aY^;,  was  im  Krhaltenen  nirgends  steht,  er 
giebt  aber  auch  sonst  noch  unauffindbare  oder  falsche  l'hiL-Citate 
(p.  268, 16.  372,  13.  —  p.  252, 5  Philostratos  statt  Plato  citiert). 


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Die  Philostrate. 


557 


Gallien  (212),  KL-Asien  (214/5  in  Pergamon  and  Nikomedeia), 
Syrien  (216/7  in  Antiocheia):  aus  diesen  Jahren  erhalten  sein 
Brief  über  Gorgias  an  Julia;  ein  Jugend  werk  wohl  die  eroti- 
schen Briefe.  Nach  217  von  Tyros  aus  die  Apolloniosvita 
ediert  (Beiname  Tuptog).  Nach  Athen  zurückgekehrt  (Beiname 
'Atojvatos),  ediert  er  den  Gymnastikos  (nach  219),  die  v.  soph. 
(nach  229/30,  vor  238).  f  unter  Philippus  Arabs  (244—249). 

(Lukios)  (FL)  Phil.  III.  (Beiname  A^vto;),  Sohn  des 
Nervianus,  eines  Sohnes  einer  Schwester  von  Phil.  I.,  geb.  191, 
Schüler  des  Hippodromos  und  seines  Schwiegervaters  Phil.  II., 
tritt  213  in  Olympia  auf.  214/5  in  Pergamon  und  Nikomedeia, 
hier  erhält  er  von  Caracalla  die  Atelie;  verfaßt  vielleicht 
215,  sicher  vor  219  den  Heroikos.  Tätig  in  Rom  und  Italien 
um  das  Jahr  222,  Streit  mit  Aspasios,  erhalten  sein  Brief 
Ober  den  iizvrtoXixbs  xaPaxT^P-  Später  in  Athen  neben  Nika- 
goras,  Apsines  und  Phil.  IL;  verfaßt  die  (älteren)  Bilder. 
Archon  263/4  (?).  f  üi  Lemnos. 

Phil.  IV.,  Enkel  des  IIL  mütterlicherseits,  Verfasser  der 
(jüngeren)  Bilder  in  der  2.  Hälfte  des  III.  Jhhs.,  vielleicht 
nach  274. 


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Register. 


Antiocheia 
Antipatros 
ApoHonios 
ApsineB 
Aristodemoa 
Aspaaioö 
Atticus, 
Garacalla 
CelcuB,  Dichter 
Cbariton 
Daemonen 
Damiano» 
Damigeron 
Damis 

Diokles 

Dionysios,  Xtdiaxd 
Drama  im  II.  Jhh. 
Ekphraseis 
Epiphanios 
Epiatolographen 
Ethopoiien 
Euippe 
Floralien 
Gordianos 
Heliodoros 
Helix,  Athlet 
Herinokrates 
Hiatus 

Hippodromos 
HoBidius  Geta 
llion 

Julia  Domna 
Lemnoa 
Lukianos 

Maximus  v  Aegae 
Medea  tragoedia 
(uXitat 

MemnonskoloBB 
Menekrates 
Moiragenea 
Muaonioa 
Nicomachus 
Nikagora8 
Nikoatratos 

Orpheus,  XiJkxd 
Pergamon 
Pbiliskoe 

Philo8trato8  Aigyptios 
Philostratos  I. 


481.  48.3.  486. 
474  ff.  539 
483  ff. 
489 

514  f. 
471  f.  509  ff. 

514,88 
479  ff.  505  ff. 
535  f. 

535 
501  ff. 

476 
545  f. 
486  f. 
520  f. 
585  f. 
545 

539  f. 
513 

544, 140 
532 

540  ff . 
530 

531,  117 
470  ff.  491  f. 
480 

497.  553  f. 
475  f. 
511  f. 
474.  499 
543 
505  f. 
477  ff.  488  f. 


538 
546  f. 
543  ff. 

538 
548  ff. 


470.  473  524. 
521.  546  f. 
486 
542  f. 

520  f. 
479,  22  b 
498.  550. 

486  f. 
550  ff. 
484,  37 
489 
495  513 

521  ff. 
546 
505 
480 

482,  30 
552,  158 
516  f.  538  ff. 


538 
54Gff. 
539 


'EXsuoivuxxot 
xtKOv  ^  ao^pwnfa 

\uXixou. 
Nipeov 

IlßOTSUC 

rhetorische  Schriften 
itspl  Tpaytpötac 
Trag  ödien  u.  Komödien  539  ff. 
PhiloBtratos  II.  469  ff.  516.  520  ff. 
v.  Ap.  470.  483  ff. 

gegen  Aspasios  510 
Athenaios  490 
Briefe  524  ff 

Brief  an  Julia  Domna  536  f. 
Epigramme,  eins  auf  Telephos 

587  f. 

Familie  491 
Yujivaonxög  552  ff 

Lemnioa  470 
rcspl  v6{iot)  521  ff. 

v.  soph.  469  ff.  472.  491  ff. 
Tyrios  482 
Philoatratos  UI.  495  ff.  554  ff. 
Alter  500 
Brief  an  Aspaaioa  510  ff. 

Eikones  512  ff.  554 

HeroifeOB  497  ff.  501  ff. 

LemnioB  498 
lieXdxai,  xava&qvatxöc  555 
Philoatratos  IV.  555  f. 

Eikones  495  f.  554  ff. 

«pöoic  521  ff. 

Plutarchos,  gegen  Gorgias  537 
Progymnasmen  513.  541  f. 

Prokloa  474 
Proteailaoa  501  ff. 

Purpurbandel  498, 65 

Soterichos  484, 37 

Steinkunde  543  ff. 

Saidas 

a.  v.  *tX6orpaTO{  5 15  f. 

«frpörcwv  'Ejuotjvoc  489.  518 
Telephos  505  ff.  537  f. 

Tyana  484  f. 

Tyroa  482  f. 

Theophrastos,  ncpl  XMtov  543 
Varro,  imagines  514,88 
Xenokrates,  Xtdoyvobuxov  544 
Zeno  474,  12 


uigm 


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\  UNTERSUCHUNGEN 


UEBER  DIE  LUCIANISCHE 


VITA  DEMONACTIS 


VON 


K.  FUNK. 


i 


► 


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Einleitung1) 


Unter  den  Werken,  welche  an  der  handschriftlichen  Ueber- 
lieferung  des  Satirikers  Lucian  teilnehmen,  hat  neben  dem 
Roman  Lucius  s.  Asinus  vor  allem  auch  die  kurze  Lebens- 
beschreibung des  Cynikers  Demonax  das  besondere  Interesse 
der  Gelehrten  erregt  Sie  nimmt  ja  nicht  nur  eine  litterarische 
Sonderstellung  unter  seinen  Schriften  ein,  sie  ist  auch  reich 
an  zeitgeschichtlichen  Nachrichten  und  schien  vorzüglich  ge- 
eignet, eine  vermeintliche  philosophische  Entwicklung  Lucians 
und  seine  Stellung  zur  Philosophie  überhaupt  verstehen  zu 
lassen.  Aber  wie  so  manche  andere  Erzeugnisse  dieses  Mannes 
wurde  sie  bald  als  unecht  verworfen,  bald  wieder  als  echt  ver- 
teidigt. Es  stellen  sich  eben  der  philologischen  Kritik  große 
Schwierigkeiten  entgegen  infolge  der  Mannigfaltigkeit  und 
Verschiedenheit  seiner  Werke  nach  Form  und  Inhalt,  seiner 
einzelnen  Entwicklungsperioden,  seines  Anschlusses  an  die  je- 
weils studierten  klassischen  Vorbilder  und  der  doch  wieder 
freien  künstlerischen  Verwendung  der  Sprachmittel.  So  erklärt 
sich  wohl  das  Schwanken  im  Urteil  bei  ein  und  demselben 
Forscher  *).  Allein  in  manchen  Fällen  liegt  doch  der  Grund 
für  die  bezeichnete  Erscheinung  auch  darin,  daß  man  mehr 
im  allgemeinen  über  seine  Werke  urteilte  und  sie  in  den 
Rahmen  einer  fortlaufenden  Entwicklung  des  Schriftstellers 
einzugliedern  suchte,  und  daß  dann  je  nach  dem  Einteilungs- 

J)  Ich  kann  diese  Abhandlung  nicht  beginnen,  ohne  zuvor  meinem 
hochverehrten  Lehrer,  H.  Prof.  Dr.  W.  Schmid- Tübingen  für  die  An- 
regung zu  dieser  Arbfit,  für  das  Interesse,  womit  er  sie  verfolgte,  für 
die  praktischen  Winke  und  Hatschläge  meinen  verbindlichsten  Dank 
anch  an  dieser  Stelle  ausgesprochen  zu  haben. 

f)  E.  Rohde  betreffs  des  Asinus  (üeber  Lucians  Schrift  Aoöx«>c  ifj 
övo«.  Leipzig  1869.  8.  82  ff.  gegenüber  Rh.  M.  XL,  93  ff.)  und  W.  Schmid 
bezüglich  des  Amores  (Philol.  L,  3u2  gegenüber  Attic.  1, 2*25). 


562  K-  Funk, 

princip,  je  nach  der  Betonung  der  grammatisch-stilistischen 
oder  ästhetischen  oder  philosophischen  Seite  das  Urteil  Aber 
die  einzelnen  Schriften  ein  anderes  werden  mußte.  Wurde 
dabei  noch  größeres  Gewicht  gelegt  auf  die  mehr  subjektiven 
Kriterien,  wie  Erwägungen  des  guten  Geschmacks  und  vor- 
gefaßte Meinungen  über  seine  Haltung  in  philosophischen 
Dingeu,  während  man  die  sprachliche  Untersuchung  vernach- 
lässigte, so  konnte  bei  der  proteusartigen  Wandlung  der  Lucia- 
nischen Anschauungen  die  größte  Uneinigkeit  im  Urteil  nicht 
ausbleiben.  Immerhin  macht  sich  allmählich  ein  Uebergang 
von  der  radikalen  Richtung  Bekkers  mit  28  unechten  Schriften 
(Mtsber.  d.  Berl.  Akad.  1851,  360)  zu  konservativerer  Haltung 
bemerklieb,  indem  Boldermann  (Stud.  Luc.  127  ff.)  nur  6 — 8, 
Hirzel  (Dialog  II,  334)  gar  bloß  5  Werke  als  unecht  bezeichnet. 
Will  man  mithin  soweit  möglich  zu  einem  festen  Resultat  ge- 
langen, so  gibt  es  keinen  anderen  Weg,  als  jede  Schrift  für 
sich  allein  nach  all  den  genannten  Gesichtspunkten  auf  ihre 
Echtheit  zu  prüfen. 

Der  erste,  der  nach  dem  Vorgang  von  Gesner3)  und 
Guttentag4)  in  längerer  Abhandlung,  allerdings  mehr  unter 
Voraussetzung  der  Echtheit  im  großen  und  ganzen,  die  in 
Frage  stehende  Schrift  untersuchte,  war  Schwarz6).  Allein 
die  Ergebnisse  seiner  Forschung  haben  nicht  die  nötige  Zu- 
stimmung gefunden,  und  so  blieben  die  bisherigen  Ansichten 
nach  wie  vor  bestehen.  Die  Echtheit  wurde  auch  jetzt  noch 
bezweifelt  und  geleugnet,  so  von  Bernays0),  Rothstein7), 
Schmid8)  und  Margadant9),  während  sie  andererseits  ebenso 


a)  M.  Gesner,  De  Pbilopatride.   Jenae  1715. 

4)  J.  Guttentag,  De  subdito  qui  inter  LucianeoB  legi  solet  dialogo 
Toxaride.    Berolini  1860. 

b)  A.  Schwarz,  üeber  Lukians  Demonax,  in  Ztschr.  f.  önterr.  Gym. 
1878.   Bd.  XXIX,  S.  561-594. 

•)  Jak.  Bernays,  Lucian  und  die  Kyniker.  Berlin  1879.  S.  104 
Anm.  24. 

7)  Maximilian  Rothstein,  Quaeetiones  Lucianeae.  Berolini  1888. 
S.  32  und  83, 1, 

8)  W.  Schmid,  Bemerkungen  Ober  Luciana  Schriften  und  Leben. 
Philol.  1891.    Bd.  L,301. 

•)  P.  C.  Margadant,  De  Luciano  aequalium  censore.  Hagae-Comi- 
tum  1881  S.  88. 


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Untersuchungen  über  die  Lucianische  Vita  Demonactia.  563 

eifrig  von  Ziegeler10),  Croiset  »),  Fritzsche13)  (Fr.)  und  Cha- 
bert13)  verteidigt  wurde.  Was  Schwarz  erreichte,  war  nur, 
daß  noch  eine  dritte  Richtung  zu  den  bisherigen  kam,  welche 
zwar  die  Biographie  im  wesentlichen  als  echt  anerkannte,  aber 
außer  in  c.  11  die  Integrität  überhaupt  in  Frage  zog  und 
Ausscheidungsversuche  machte.  Am  rückhaltslosesten  ist  in 
dieser  Beziehung  Wichmann  u)  den  Ausführungen  von  Schwarz 
beigetreten,  mit  mehr  oder  weniger  Zurückhaltung  Thimme15), 
Boldermann16)  und  Schulze17).  In  dem  anderen  Hauptpunkt 
seiner  Kritik,  welche  den  Nachweis  zum  Gegenstande  hatte, 
daß  der  Philosoph  Demonax  bloß  eine  erdichtete  Persönlichkeit 
sei  und  niemals  existiert  habe,  hat  Schwarz  eigentlich  nur  an 
Wichmann  einen  Vertreter  gefunden. 

Bei  diesem  Tatbestand  ist  die  Aufgabe  der  folgenden 
Untersuchung  von  selbst  gegeben.  Da  die  Sachlage  in  unserem 
Falle  eine  getrennte  Behandlung  der  Fragen  nach  der  Echt- 
heit und  nach  der  Integrität  zuläßt,  so  soll  zunächst  die  Echt- 
heit nach  den  sprachlichen  und  sachlichen  Gesichtspunkten 
geprüft  werden,  dann  wird  uns  die  Frage  nach  der  Integrität 
und  schließlich  die  Ansicht  von  der  Ungeschichtlichkeit  des 
Demonax  beschäftigen. 


,0)  E.  Ziegeler,  Zu  Lucian.  N.  Jahrb.  f.  Philol.  1881.  Bd.  CXX1II, 
329— 385,  wandte  sich  gegen  die  Aufstellungen  von  Schwarz. 

n)  M.  Croiset,  Essay  sur  la  vie  et  les  oeuvres  de  Lucien.  Paris 
1882.    S.  32,3. 

™)  Fr.  Fritzsche,  Lucianus.   Rowtochii  1882.  II,  1,  188;    III,  2,  Xlff. 

")  L.  Chabert,  L'Atticisme  de  Lucien.  Paria  1897.  S.  69.  Die 
Echtheit  setzten  voraus  W.  Possow.  Lucian  und  die  Geschichte.  Mei- 
ningen 1854.  S.  4  und  Hertzberg,  Geschichte  Griechenlands  unter  der 
Herrschaft  der  Römer.  Halle  1868  IIr  247  ff. ;  die  U  n  e  c  h  t  h  e  i  t  da- 
gegen hielten  aufrecht Zeller,  Philosophie  der  Griechen..  III,  l3.  771,1 
und  Osk.  Schmidt,  Metapher  und  Gleichnis  in  den  Schriften  Lucians. 
Winterthur  1897  S.  9.  19  vgl.  Fried.  Leo,  Die  griech.-xömiache  Biogra- 
phie. Leipzig  1901.    S.  83,2. 

u)  Zuerst  in  einer  Besprechung  Ztschr.  f.  G.  W.  1880,  210 ff.;  dann, 
abweisend  die  Einwendungen  Ziegelers  gegen  die  Aufstellungen  von 
Schwarz  im  N.  Jahrb.  f.  Philol.  1881,  841—49. 

14)  Ad.  Thimme,  Quaeationum  Lucianearum  capita  IV.  Halis  Sax. 
1884.    S.  54-58. 

,6)  P.  M.  Boldermann,  Studia  Lucianea.  Logd.  Bat.  1893.  S.  118—122. 

")  P.  Schulze,  Bemerkungen  zu  Lucians  philosophischen  Dialogen. 
Dessau  1891.  S.  7.  Auch  Jul.  Sommerbrodt,  Lucianus.  Berol.  1893. 
II,  1,  342  neigt  jetzt  zu  dieser  Ansicht. 

Philologns,  Supplementband  X,  vierte«  lieft.  37 


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564 


K.  Funk, 


I.  Untersuchung  Uber  die  Echtheit. 

1.  Aeußere  Zeugnisse. 

Umsonst  sehen  wir  uns  nach  äußeren  Zeugnissen  um, 
welche  die  Echtheit  der  Vita  Demonactis  außer  Zweifel  stellen 
würden;  solche  giht  es  bei  Lucian  überhaupt  nicht.  Keiner 
seiner  Zeitgenossen,  so  weit  wir  ihre  Werke  noch  besitzen, 
hat  ihn  der  Erwähnung  gewürdigt.  Selbst  wo  man  seinen 
Namen  als  selbstverständlich  erwarten  möchte,  in  den  Sophisten- 
biographien des  Philostratus,  ist  er  mit  keinem  Worte  genannt, 
was  um  so  auffallender  ist,  als  der  Verfasser  sogar  eine  ge- 
nauere Bekanntschaft  mit  ihm  verrät  (Schmid,  Att.  IV,  535; 
einen  anderen  Fall  s.  u.).  Nun  hat  freilich  Philostratus  auch 
andere  Glieder  des  Sophistenkreises  übergangen  (a.  a.  0.  [,  27), 
so  daß  das  Befremdende  in  etwas  abgeschwächt  wird,  aber  bei 
der  Bedeutung  Lucians  verlangt  dieses  offenkundig  absichtliche 
Schweigen  eine  Erklärung.  Wohl  mögen  persönliche  Gründe 
den  Philostratus  dabei  beeinflußt  haben,  etwa  Verstimmung 
über  die  niedrige  Einschätzung  des  von  ihm  so  hoch  verherr- 
lichten Apollonius  von  Tyana  (vgL  Alex.  5)  und  sein  durchaus 
entgegengesetzter  religiöser  Standpunkt 1S)  und  nicht  zum 
wenigsten  die  Nachwirkung  der  echt  aristokratischen  Exklu- 
sivität des  Sophistenkreises  (Rohde,  Gr.  R.  31 5*  Anrn.),  dazu 
mögen  dann  noch  sachliche  Momente  gekommen  sein,  wie 
sein  Uebergang  zu  dialogischen  Arbeiten,  welche  seinen  Haupt- 
ruhm begründeten  und  die  rhetorischen  Leistungen  in  den 
Hintergrund  treten  ließen19),  vielleicht  auch  das  immer  mehr 
abnehmende  Verständnis  für  diese  Art  von  Nachahmung  der 
alten  Klassiker  (Rothstein  S.  120  ff.).  Den  Hauptausschlag 
hat  jedenfalls  das  feindselige  Verhalten  Lucians  gegen  die 
Sophisten  gegeben,  wie  es  sich  besonders  in  Rhetorum  Prae- 
ceptor  ausspricht*0).  Daß  Philostratus  den  Lucian  in  einem 
anderen  Buche  erwähnte,  etwa  in  dem,  das  über  die  Feind- 

")  Thimme  S.  44,  Croiset  S.  #89,  Ranke,  Pollux  et  Lucianus.  Qued- 
linburg 1831.  S.  15,  A.  Planck,  Quaestiones  Lucianeae.  Tubing.  1856, 
8.  5.  An  Neid  über  die  schriftstellerische  Größe  (Sbdt,  Ausg.  Sehr.  ls, 
XI)  wird  nicht  wohl  zu  denken  sein. 

")  Thimme  S.  43  u.  Anm,  2,  vgl.  Ranke  a.  a.  0. 

*°)  Vgl.  Boldermann  S.  13  (auch  Westermann,  Geschichte  der  srriech. 
Beredsamkeit.  I,  216). 


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Untersuchungen  über  die  Lacianische  Vita  Demonactis.  565 

schaft  seines  Vaters  mit  dem  Sophisten  Aspasius  handelte,  ist 
eine  durch  nichts  begründete  Vermutung  Tbimmes  (S.  43,  3). 
Nur  soviel  kann  aus  dieser  Notiz  gefolgert  werden,  daß  Lucian 
nicht  aus  bloßem  Haß  totgeschwiegen  wurde. 

Zum  erstenmal  bringt  uns  Eunapius,  der  Fortsetzer  des 
Philostratus,  von  Lucian  Kunde  und  bedeutsam  genug  ist  es 
derselbe,  von  dem  wir  gleichzeitig  über  das  Vorhandensein  und 
den  Lucianischen  Ursprung  der  Vita  Demonactis  Kenntnis  er- 
halten.  Insofern  hat  eigentlich  unsere  Biographie  die  beste 
äußere  Bezeugung  von  allen  Schriften  des  Satirikers.  Freilich 
ist  der  Zeitraum  von  200  Jahren,  weleher  beide  Männer  trennt, 
noch  groß  genug,  um  eine  Fälschung  wenigstens  möglich  zu 
machen,  wenn  auch  Eunapius  an  der  Glaubwürdigkeit  der 
Handschriften  keinen  Zweifel  äußert. 

Die  erhaltenen  Handschriften  geben  uns  dasselbe  Zeugnis. 
Das  will  allerdings  nicht  viel  besagen;  denn  auch  die  besten 
gehen  kaum  merklich  über  das  Jabr  1000  zurück  und  ent^ 
halten,  soweit  sie  vollständig  sind,  wohl  unsere  Vita,  aber  auch 
die  zweifellos  unechten  Schriften  Philopatris,  Charidem  und 
das  Enkomion  des  Demosthenes Rothstein  (S.  28  ff.)  hat 
zwar  den  Versuch  gemacht,  auf  Grund  der  Handschriften  allein 
ein  Urteil  über  Echtheit  und  Unechtkeit  zu  gewinnen.  Durch 
Beobachtung  der  Reibenfolge  der  einzelnen  Schriften  hat  er 
nicht  bloß  die  Einteilung  der  Handschriften  in  2  Klassen  aufs 
neue  bestätigt,  sondern  auch  4  Corpora  unterscheiden  können 
und  darunter  das  Corpus  B  mit  14  Schriften,  welchem  als 
nr  11  eben  unsere  Biographie  angehört.  Und  in  der  Tat  ist 
in  diesem  Corpus  seine  Aufstellung  besonders  gut  begründet. 
In  derselben  Reihenfolge  finden  sich  die  14  Nummern  in  den 
Handschriften:  Vindob.  B  (10.  saec.  s.  Rothstein  S.  17),  Vat. 
90  T  (11—12.  saec.  s.  VogtS.  4)"),  Vat.  76,  Vat.  89,  Vat.  88 
Paris.  2954  M  (14.  saec.R.  S.  15.  V.  S.  11.  17),  Marc.  434  Q  (12. 
saec.  R.  S.  9.  V.  S.  29),  Mut.  0  (10.  oder  11.  saec.  R.  S.  10. 
V.  S.  34)  und  mit  gestörter  Ordnung  derselben  Schriften  — 


n)  Nur  in  Vat.  90  r  fehlen  Nero,  Charidem  nnd  Philopatris  (vgl. 
Rothstein  S.  3),  in  Mat.  O  Macrobii  (a.  a.  O.  8.  10). 

")  P.  Vogt,  De  Luciani  priutino  ordine  libellorum  qnasstiones. 
Marburg  1889. 

37* 


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566 


K.  Funk, 


Nigrinus  ausgenommen  —  in  Palat.  174  (14.  saec.  V.  S.  11). 
Wenigstens  mit  der  einen  oder  anderen  Schrift  dieses  Corpus 
B  ist  die  Vita  noch  verbunden  in  Vat.  1324  (12.  saec.  R.  S.  17), 
Guelferbyt.  F  (14.  oder  13.  [?]  saec.  V.  S.  26),  Florent  4>  (in 
diesem  Teil  14.  saec.  R.  S.  12),  Paris.  2650,  Paris.  3011  C, 
dem  lang  überschätzten  ss)  Gorlic.  A  (15.  saec),  Laurent.  57, 
28  u  und  in  einem  Parisinus,  der  sich  nur  aus  den  Scholien 
(ed.  Bachmann  V.  S.  23)  rekonstruieren  läßt;  vereinzelt  kommt 
sie  bloß  vor  in  Vat.  87  21  (14.  oder  15.  ?  saec.  V.  S.  7),  Cod. 
üpsal.,  Ambros.  218,  Laurent.  32,  13  (14.  saec.  a.  a.  0.  S.  40) 
und  Cod.  Björnstahl  Bomb,  nr  4  (a.  a.  0.  S.  32).  Allein  was 
ist  damit  für  die  Echtheitskritik  erreicht  ?  Was  gibt  uns  das 
Recht,  mit  Rothstein  (S.  34)  die  ersten  10  Schriften  des  Cor- 
pus B  als  echt  und  die  übrigen  4  als  unecht  anzusehen  und 
die  Grenze  der  Echtheit  gerade  vor  der  Vita  Demonactis  zu 
ziehen,  selbst  wenn  die  folgenden  De  domo  und  Patriae  enco- 
mium  zweifelhaft  und  Macrobii  (vgl.  Hirschfeld  im  Hermes 
24,  156  ff.)  unecht  sind?  Warum  sollte  nicht  dieser  Sammlung 
rhetorischer  Schriften,  wie  Nigrinus,  so  auch  eben  'propter 
argumenti  similitudinem'  Demonax  von  Anfang  an  beigefügt 
gewesen  sein  können  ?  Der  Schluß  auf  Unechtheit  wäre  nur 
dann  berechtigt,  wenn  nach  genauer  textlicher  Untersuchung 
jeder  einzelnen  Schrift  sich  für  die  4  letzten  eine  ursprünglich 
getrennte  bandschriftliche  Ueberlieferung  herausgestellt  hätte. 
Da  aber  diese  Forderung,  auf  die  Rothstein  S.  49  selber  hin- 
weist, bis  jetzt  noch  nicht  erfüllt  ist,  so  sieht  auch  er  sich 
genötigt,  für  sein  Verfahren  innere  Gründe  anzugeben,  wie  wir 
denn  überhaupt  bei  solchem  Sachverhalt  nur  auf  diese  uns 
verwiesen  sehen. 

2.  Sprachliche  Untersuchung. 

Wie  in  der  Platokritik,  so  ist  auch  für  Lucian  neuerdings 
mit  vollem  Recht  die  Notwendigkeit  der  sprachlichen  Unter- 
suchung stärker  betont  worden24).    Wohl  stößt  auch  diese 

as)  Vgl.  Nils  Nilen,  An  Dotation  es  Lucianeae.  Hauniae  1889.  S.  1 — 6. 

■*)  Vgl.  Rothstein  S  80,2  und  Iii  und  bes.  die  Programme  von 
Jon.  Bieder,  Cynicus,  Büdesheim  1891;  Ueber  die  Echtheit  des  Luc 
Dialogs  De  pärasito  1890  und  der  Schrift  De  saltatione  Halle  lü94; 
dazu  Joost,  Beobachtungen  über  den  Partikelgebrauch  Lucians  in  der 
Festschrift  für  L.  Friedländer.   Leipzig.  1895. 


Untersuchungen  über  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  567 


Methode  auf  große  Schwierigkeiten,  besonders  wenn  man  ein 
zu  enges  Gebiet  der  Betrachtung  unterzieht  und  die  Rücksicht 
auf  die  verschiedenen  Litteraturgattungen  außer  acht  läßt,  wie 
Joost  (vgl.  S.  166.  174.  175.  177);  allein  bei  richtiger  Ausübung 
derselben  und  verbunden  mit  den  anderen  Kriterien  bildet  sie 
gerade  bei  Lucian  ein  nicht  zu  verachtendes  Hilfsmittel.  Denn 
er  selbst  legt  großes  Gewicht  auf  den  sprachlichen  Ausdruck; 
grammatische  Fragen  beschäftigen  ihn  bis  ins  Alter;  der  ge- 
ringste Vorwurf  in  dieser  Beziehung  verletzt  ihn  auf  das 
tiefste,  man  denke  nur  an  die  Schrift  Pseudologista  und  Pro 
lapsu  inter  salutandum  (Pseudosophistes?).  Die  künstlerische 
Ausbildung  der  Sprache  und  die  Darstellung  geht  ihm  über  alles ; 
darum  ist  es  auch  die  Form,  deretwegen  er  bewundert  sein 
will,  und  nicht  der  Inhalt25).  Dabei  sind  hier  im  Gegensatz 
zu  anderen  Gebieten  seine  Grundsätze  im  wesentlichen  gleich 
geblieben  und  im  Unterschied  von  manchen  seiner  Zeitgenossen 
verfolgt  er  hier  ein  feststehendes  Ideal,  ebenso  fern  von  dem 
Stile  der  xoivVj,  wie  von  jenem  übertriebenen  Atticismus,  auf 
den  sehr  gut  als  Wahlspruch  passen  würde  das  Wort  Lucians: 
8<j(j)  äv  £ev{£ot|it,  xooo6xq)  oeu,  v6tepo£  (pr17)7  aüiotc  lata&ai 
(GalL  18). 

Auf  den  ersten  Blick  gehen  nun  aber  doch  trotz  der 
Eigenart  der  Lucianischen  Schreibweise  die  Kenner  seiner 
Sprache  weit  auseinander  in  ihrem  allgemeinen  Urteil  über 
den  stilistischen  Eindruck  unserer  Schrift26).  Es  kommt  das 
jedoch  daher,  daß  die  einen  mehr  die  grammatische  Seite,  die 
anderen  mehr  die  Art  der  Komposition  in  Betracht  gezogen 
haben.  Macht  man  diese  Unterscheidung,  dann  ist  der  schein- 
bare Widerspruch  gelöst  und  das  für  die  Lucianische  Urheber- 
schaft günstige  Urteil  kommt  eben  auf  Rechnung  der  sprach- 
lichen Seite.  Dies  soll  nun  zunächst  im  einzelnen  gezeigt 
werden. 

Leider  ist  uns  dabei  ein  Hilfsmittel  verschlossen,  die  von 

")  Prora,  es.  3.  Zeux.  1  und  2.  Bis.  acc.  84.  De  hiet.  conscr.  46. 
Pisc.  22. 

2Ä)  Bernays  S.  104,  24  und  Rothstein  S.  32—83  gegenüber  Fritesche 
II,  1,188  und  Schwäre  S.  563,  der  nur  .wenige  zweifelhafte  Ausdrücke 
und  ein  paar  auffallende  Fügungen«  findet,  ohne  sie  aber  namhaft  zu 
machen. 


K.  Funk, 


Photius  (Cod.  128  S.  96  B.)  hochgerühmte  Rhythmik  der 
Sprache  Lucians.  Fr.  III,  2,  LXXXII  ff.  spricht  allerdings  da- 
von ;  er  nennt  Gallus  und  Cataplus  als  die  vollendetsten  Werke 
der  Art,  während  Nigrinus  noch  nicht  so  fein  ausgearbeitet 
sei  (8.  LXXVT  und  LXXX),  ja  er  gibt  seinen  Rhythmen  den 
Vofiug  vor  denen  eines  Isokrates  und  Thrasymachus  (S.  LXXVI), 
aber  er  sagt  nichts  von  der  Beschaffenheit  derselben,  wie  er 
es  bei  den  eben  genannten  tut.  Offenbar  war  eine  gewisse 
Regelmäßigkeit  nicht  nachzuweisen,  ohne  die  wir  für  unseren 
Zweck  mit  dieser  Bemerkung  nichts  anfangen  können,  ganz 
abgesehen  davon,  daß  die  Beobachtung  nur  auf  einer  Unter- 
suchung der  Dialoge  beruht,  die  so  wie  so  eine  Misch  form  ton 
Poesie  und  Prosa  darstellen. 

So  sind  wir  also  zunächst  auf  die  Eigentümlichkeiten  be- 
schränkt, welche  in  Laut"-  und  Flexionslehre,  in  Syntax,  Wort- 
stellung und  Wortwahl  Zu  Tage  treten.  Ich  verhehle  mir 
dabei  nicht,  daß  eine  Reihe  von  Erscheinungen  auch  bei  an- 
deren Schriftstellern  sich  finden*  Aber  es  ist  Gewinn  genug, 
wenn  unsere  Zusammenstellung  den  Nachweis  liefert,  daß  der 
Sprachcharakter  unserer  Schrift  von  dem  Lucians  nicht  wesent- 
lich abweicht. 

Lautlehre:  Gemeinsam  der  Vita  und  den  Werken  Lu- 
cians ist  der  Gebrauch  von  jonischen  Formen  neben  den  atti- 
schen, so  c.  5  und  nach  den  besten  Handschriften  auch 
c.  42  und  67  (III,  18)*);  govetroXiTsörco  c.  5,s),  ouverfaööxc 
c  7«  yfvöjAOtL  c.  63,  <*vayiv&axou<ji  c.  67  (IV,  579).  Desgleichen 
wird  streng  von  ihm  eingehalten  der  Gebrauch  der  unkontro- 
llierten Formen  in  der  Deklination  der  Sigrnastamme,  wie 
'HpaxXlfc  c.  1,  £tveta£a  c.  5  *•)  Und  bei  Xeo6u.evoc  c.  42.  Ge- 
rade im  letzteren  Falle  hat  Lucian  offensichtig  die  Kontraktion 
als  fehlerhaft  verpönt,  indem  er  Lex.  2  diesen  selbst  sie  ge- 
brauchen läßt 80),  und  das  im  Unterschied  von  Aeliau  (III,  42), 

")  Wo  im  weiteren  Verlauf  nur  Band  und  Seitenzahl  angegeben 
wird,  ist  immer  Schmid,  Der  Atticismua  in  seinen  Hauptvertretern. 
Statteart  1887—1896.  I— IV  gemeint 

")  güv  haben  alle  Codd.  außer  91;  ein  Grund  zur  Aenderung  liegt 
niefat  vor,  wenn  es  auoh  Weit  seltener  ist  Vgl.  III,  17;  ChabertS.  88.  106 

")  Vgl.  IV,  18.  iL  Darr»  Sprachliche  Untersuchung  su  den  Dia- 
lexeis  des  Maximus  von  Tyrus  im  Philol.  Sappl.  VII,  4  S.  10. 

")  Damit  fällt  der  Verbesserungsvorschlag  Cobets,  Var.  lect  S.  84. 


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Untersuchungen  über  die  Lucianiscbe  Vita  Demonactis.  569 


der  auch  den  Akkusativ  der  Sigmastämme  immer  kontrahiert 
(III,  21.  IV,  582).  Dies  tut  Locian  nur  regelmäßig  in  Formell, 
wie  xpuooöv  c.  17  31)  und  bei  dem  eingeschobenen  otyiat  (I,  127). 
Die  Nebenformen  x<j>  c.  7  und  örcp  c.  13  und  17  sind  häufig, 
die  Krasis  in  &£xepov  c.  11  und  selbst  in  franipy  c.  1  ist  fast 
die  Regel  (I,  227).  Die  Schreibung  öo>*)  c.  66  kommt  bei 
den  Attikern  nur  vereinzelt  vor  (1, 207,  340 ;  IV,  209)  und  so 
gebrauchen  auch  die  strengen  Atticisten,  Aelian  (III,  143)  und 
Philostratus  (IV,  209)  nur  dau/fj.  Lucian  hat  beide  Formen: 
doptf)  Fug.  1.  Ver.  hist.  II,  5.  29;  68u,$)  dagegen  Scyth.  2.  Cyn. 
17.  Dea  Syr.  30.  Hier  ist  diese  Schreibweise  noch  besonders 
leicht  zu  erklären,  weil  wir  es  mit  einem  Ausspruch  des  De- 
monax  zu  tun  haben,  dem  offenbar  das  Kolorit  der  Umgangs- 
sprache gewahrt  werden  soll,  ein  Umstand,  auf  den  bereits 
Fr.,  De  Attic.  Spec.  II,  11  aufmerksam  gemacht  hat.  Die  Un- 
beständigkeit, mit  der  aa  und  rc,  uiXtaoa  c.  52  und  ndvcaXcx; 
c.  38  abwechselt,  ist  auch  anderen  Schriften  gemeinsam  (III, 
15).  Muse.  enc.  3  zeigt  uiXirca  und  zwar  trotz  der  Klage 
des  'o'  gegen  die  Uebergriffe  des  *t*  gerade  in  diesen  beiden 
Wörtern  nach  Jud.  voc.  8.  9. 

Flexion:  Hier  treten  dieselben  Uebereinstimmungen  zu 
Tage.  Der  Gewohnheit  Lucians  entsprechend  wird  c.  66  der 
Nom.  Plur.  von  opvt?  auf  —  ta  gebildet,  während  dagegen 
Philostratus  nur  e  i  n  m  a  1  öpvea  (Ap.  231,  14  vgl.  IV,  22)  und 
Aelian  nur  einigemal  (III,  36)  dpvituv  schreibt82).  Die  Dual- 
form des  Artikels  der  Feminine,  die  Aelian  ganz  vermeidet 
(fll,  48),  lautet  immer  xortv  (c.  1 1  tatv  x^potv).  Die  2.  Pers. 
Ind.  Praes.  Med.  geht  bei  Lucian  für  die  Regel  auf  — iq,  nicht 
auf  — ei  aus,  so  auch  hier  dbioxpiVß  c.  26,  ifrfl  c.  27.  Die  Form 
rcepatvet  c.  15  bildet  bei  seinem  Schwanken  keine  Gegeninstanz. 
Hier  ist  sie  besonders  am  Platz,  weil  die  Entwicklung  nach 
—et  geht  (IIIr  30),  also  in  der  Umgangssprache  sicher  so  ge- 

")  F.  V.  Fritzgehe,  De  Atticismo  et  orthographia  Luciani.  1828. 
Spec.  I,  11. 

at)  Der  der  xotvi1)  angehörende  Sing.  Jpvsov  kommt  nur  einmal 
bei  Lucian  Jud.  voc.  8.  vor,  sonst  steht  ©pvte  Lex.  6.  De  merc.  cond.  17. 
Conv.  43.  Ausnahmen  vom  Plur.  Öpvea  sind  nur  öpvt{  als  Nom.  Ep. 
Sat.  85  und  als  Acc.  23,  De  merc.  cond.  13  dpvd»o>v  in  der  sprichwört- 
lichen Redensart  dpvßtov  yiXa  a^eXy-tv  und  Conv.  43  öpvwtv. 


570 


K.  Funk, 


sprechen  wurde35).  Beachtenswert  ist  es  sodann,  daß  in  dem 
einzig  möglichen  Fall  die  von  Lucian  bevorzugte  (III,  31,  vgl. 
Bieler,  de  paras.  S.  8.  9)  äolische  Endung  des  Opt.  Aor.  I.  Act. 
övofiaaete  c.  25  sich  findet,  die  z.  B.  Maximus  von  Tyrus  (Dürr 
S.  13)  nur  zweimal  hat.  Das  Perf.  Pasf.  X£Xey|xat  c.  12  von 
X&fü)  =  sagen  hat  nichts  Auffallendes  an  sich.  Es  wird 
manchmal,  wie  Apol.  2.  14.  Prom.  es  3  unmittelbar  neben 
der  regelmäßigen  Form  verwendet. 

S  y  n  t  a  x :  In  der  Behandlung  derselben  erscheinen  manche 
Eigentümlichkeiten  Lucians,  so  der  mit  Vorliebe  und  mannig- 
faltig gebrauchte  Acc.  der  Beziehung3*)  c.  3.  50.  51.  53  und 
der  häufig  zu  Modalbezeichnungen  und  Adverbialumschreibungen 
benützte  Acc.  Neutr.  eines  Adjektivs  (1,234):  jiaXa  i^Su  c.  18, 
xa  rcoXXcb  c.  21,  xö  SXov  c.  4  und  t&  xeAeuiaia  c.  11  nicht  in 
der  Bedeutung  denique  zusammenfassend,  sondern  postremo. 
wie  sonst  immer  (Mesnil  S.  48.  49).  Für  die  äußerst  beliebte 
Umschreibung  einer  Attributivkonstruktion  durch  Substantivie- 
rung des  Adjektivs  und  Gen.  part.  (I,  235.  IV,  608)  finden  wir 
Beispiele  in  c.  2  (xi  dpxaia  xöv  rtapaoetyü.axü)v)  c.  6.  12.  39 ; 
ebenso  für  den  Gen.  part.  ohne  el$  oder  *d;  (Sbdt.,  Ausgew. 
Sehr,  zu  Som.  9;  IV,  608)  in  c.  3  (ou  xöv  öccpavöv)  c.  23.  63. 
Dahin  gehört  auch  die  von  Guttentag  S.  46  erwähnte  Gewohn- 
heit Lucians  gegen  den  Gebrauch  der  meisten  Schriftsteller 
den  Gen.  auxwv  beizufügen,  wie  c.  8.9.  11  u.  a.35). 

Der  Artikel  wird  gern  gesetzt  zu  Zeitbestimmungen  z.  B. 
xö  dt*'  ixecvou  c.  11  und  steht  trotz  der  sonst  überhand  neh- 
menden Lässigkeit  des  Gebrauchs  (111,64.  IV,  614.  Dürr  S.  28) 
regelrecht  bei  xoioöxos  und  oöxo;.  Doch  ist  das  Fehlen  nach 
ooxo£  c.  11  nicht  ganz  ohne  Beispiel  (De  salt.  32.  Per.  13), 
was  gegen  Ohaberts  Verwunderung  (S.  174)  über  Dea  Syr.  in 
dieser  Beziehung  zu  betonen  ist. 

99 )  Das  bessere  Verständnis  des  Wortspiels  nötigt  nicht  zu  sspxtvs:, 
wie  Cobet  S.  39  meint.  Dasselbe  wäre  bei  richtiger  Auffassung  von 
ropalvg  gerade  so  möglich;  denn  korrekt  müßte  es  ja  doch  nspoivsi; 
oder  nspatvstai  heißen  nach  Philops.  9  und  Cauc.  5,  wenn  -ö  spanuyia 
ergänzt  werden  soll.  Damit  fällt  der  Grund  für  Cobet  überall  -— ei  zu 
korrigieren,  wie  man  mit  Schwidop,  Observationes  Luc.  Königsberg 
1848-70.    Spec.  I,  13  Anm.  nicht  überall  — -q  aufdrängen  darf. 

M)  Baar,  Wien.  Stud.  VIII,  68;  vgl.  IV,  009. 

M)  FQr  Lsxöoc  öuspßoXij  s.  Chabert  S.  174. 


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Ünterguchungen  über  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  571 


Nicht  vereinzelt  findet  sich  der  Gebrauch  von  eautoö  c.  17 
statt  aeauxoö86).  Wie  die  Atticisten  überhaupt  gerne  Adjek- 
tiven und  Adverbien  ein  it*  ohne  besondere  Bedeutung  an- 
hängen (I,  293),  so  erscheint  es  auch  hier  an  Adjektiven  c.  14. 
50.  63  und  an  einem  Adverb  c.  5  oi>  tmSvu  ti  (I,  293  vgl.  137. 
II,  157.  III,  68.  Dürr  S.  32). 

In  der  Tempusverwendung  wird  zur  Zeit  des  Atticismus 
durchaus  nicht  mehr  die  klassische  Strenge  gehandhabt.  So 
dürfen  uns  die  gegen  die  Regel  gebrauchten  Imperat.  Praes. 
c.  23.  48.  66  nicht  berühren  und  der  Tempuswechsel  in  c.  1 
ejieXXe  utjo!  Saeafrat,  dXXdc  ix'^ai'vecv  ist  gegen  Cobets  Korrektur 
S.  100  in  ixffavetv  (Fr.  und  Sbdt.)  beizubehalten 37),  ebenso  auch 
in  c.  25  ev8oiaaavTO£  xa:  dTiopoövToj.  Die  von  Guttentag  S.  41 
(vgl.  I,  96.  240)  gekennzeichnete  Vorliebe  Lucians  für  das  Perf. 
und  Plusquamperf.  zeigt  sich  hier  in  c.  4.  17.  40.  53.  58. 
Dahin  rechne  ich  auch  das  beanstandete  Tempus38)  in  c.  38 

Im  Gebrauch  der  Modi  gilt  das  Gleiche.  Der  Opt.  über- 
wiegt den  Konj.  im  allgemeinen  schon  so  sehr,  daß  selbst 
nach  einem  Präs.  im  Hauptsatze  der  abhängige  Satz,  der  unter 
Umständen  durch  eine  vorangestellte  Wendung  wie  dfyicpoiv 
Evexx  c.  2  ausdrücklich  eingeleitet  werden  kann 39 ),  mit  dem 
Verbum  im  Opt  folgt40);  manchmal  tritt  auch  der  Indic.  Fut. 
(c.  20  e:  xaiavo^aei;,  söpot;  dtv)  stellvertretend  für  den  Conj. 
und  Opt.  Aor.  ein  (vgl.  Chabert  S.  190).  Regelmäßig  ist  oö- 
tw;  wate  c.  44  mit  Indic.  Praet.  verbunden  (a.  a.  0.  S.  189), 
aber  auch  für  die  Konstruktion  von  wäre  mit  Inf.  statt  <i>; 
mit  Inf.  c.  11  uud  63  fehlt  es  nicht  an  Belegen  (Sbdt.  zu 

36)  I,  227.  Zu  den  hier  aufgeführten  Beispielen  käme  noch  Ver. 
hist.  I,  6.  Apol.  2.  In  Pseudoaopli.  4  ist  vielleicht  eben  dieser  Gebrauch 
getadelt.    Vgl.  Chabert  S.  107.    Dürr  S.  4>9. 

■7)  Ein  ähnlicher  Fall  ist  erwähnt  1, 96,  abgesehen  davon,  daß  uiXXio 
sich  öfter,  Herrn.  43.  Pro  lapsu  9.  Jup.  trag.  45  (vgl.  111,72.  188. 
IV,  195)  mit  Inf.  Praes.  findet 

'*)  O.  Späth,  Analecta  critica  ad  Lucianum.  Freising  1896  halt 
nur  jiäx83^at  S5oS*  für  richtig. 

*•)  Heller,  Die  Absichtssätze  bei  Lucian  in  den  Symbola  Joachim. 
1880  S.  313. 

*°)  Heller  S.  307  und  303  erklärt  den  Opt.  als  Modus  der  Or.  obl. 
wegen  des  vorausgehenden  Inf.  Die  Begründung  desselben  in  c.  5  aus 
der  koncessiven  Bedeutung  des  Participialsat7.es  (S.  311  und  312)  ist 
überfl Ossig,  da  das  Part,  nach  dem  vorausgehenden  ecpxs:  ein  Praet.  ist. 


572 


K.  Fonk, 


Ohar.  23.  Tim.  6  vgl.  III,  85.  IV,  622).  Das  durchaas  un- 
klassische olo\ia,i  6ti  c.  24  ist  durch  die  Verbindung  mit  ^dc- 
jiat  entschuldigt ;  findet  sich  indes  oft  genug  (I,  242.  Ygl.  IV, 
83.  620). 

Von  den  beiden  Negationen  werden  oö  und  u-fj  ohne  jeden 
Unterschied  gesetzt,  nicht  einmal  der  Hiatus  ist  entscheidend 
für  den  Gebrauch  der  einen  oder  anderen  Form  (I,  245.  Mesnil 
S.  41  ff.).  Doch  ist  bedeutend  im  Uebergewicht;  es  findet 
sich  auch  hier  im  infinitiven  Aussagesatz  c.  1 4I).  25,  und  nach 
6xt  c.  24.  58,  wo  man  ou  erwartet;  dagegen  ist  ou  richtig 
verwendet. 

Die  reinen  Adv.  werden  von  Lucian  oft  als  Verstärkungen 
des  Positiv  angewandt,  so  hier  xo|u5fl  c.  28.  40  (vgl.  Sbdt, 
Ausg.  Sehr,  zu  De  bist,  conscr.  8.  Gall.  2).  Das  gleiche  Ver- 
hältnis zeigt  der  Gebrauch  von  jiaXa  c.  11.  13  und  von  dem 
fast  um  das  Doppelte  häufigeren  Tiavu  c.  18.  26.  27.  39  (1,275 
und  282);  umgekehrt  zieht  Aelian  u,dtA<x  vor  (I,  125).  Mit 
diesem  Tiavu  wird  besonders  gern  von  Lucian,  z.  B.  Apol.  5. 
Philops.  5.  Vit.  auet.  .22.  Ic.  2.  Herrn.  11,  nach  Xenophons 
Vorbild  ein  Eigenname  in  elliptischer  Weise  auch  c.  24  ver- 
bunden. Als  Steigerung  des  Komparativs  dient  Tcopa  tcoXj. 
wie  c.  6;  dagegen  findet  sich  die  Lucian  und  Dio  Chrysostomus 
eigentümliche  Verstärkung  durch  |iäXXov  und  tcovu  (Chabert 
S.  175)  in  der  Vita  nicht.  Andererseits  erscheint  von  u.6vg; 
fast  überall  die  adjektivische  Form,  wo  meistens  das  Adverb 
gesetzt  werden  könnte  und  müßte,  so  c.  2  {izpb$  xa  äpx<zia 
u.6va  töv  7capa$siY|AiTü)v ;  c.  10  sind  beide  Auffassung  möglich)41). 

Der  mit  der  Präposition  inl  gebildete  Ausdruck  inl  tzoXu 
kommt  vor  =  magnopere  c.  67  und  in  der  Lucian  noch  ge- 
läufigeren Bedeutung  =  diu  c.  25.  54  (I,  399.  Mesnil  S.  36. 
49)  <*),  ähnlich  inl  iifjxcaxov  c.  1  (vgl.  Anach.  26.  27.  38.  Dial. 
mort.  VI,  2  u.  a.).  Die  Verbindung  7cpoeXfrü>v  eis  autoO;  c.  57 
statt  Ttapa  steht  nicht  allein  und  ist  gerade  vor  folgendem 


41)  Vgl.  De  salt.  20. 

**)  Guttentag  S.  44.  45  u.  C.  Knaut,  De  Luciani  asini  auetore. 
Leipzig  1868.    S  36. 

4S)  Auch  bei  Arrian  und  Philostratua  ist  fcsl  izoXb  beliebt  (IV,  454) 
nicht  aber  bei  Maximus  (Dürr  S.  51). 


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Untersuchungen  Uber  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  573 

Pron.  grammatisch  richtig44).  Besonders  hervorzuheben  ist 
noch  die  Präposition  Ötypi  izpb$  c.  67.  Sie  kommt  auch  bei 
anderen  Schriftstellern  des  atheistischen  Zeitalters  vor,  so  bei 
Aristides  2mal  (II,  91),  Polemo  lmal,  Dio  Chrysostomus  3mal 
(IV,  626),  bei  Arrian  nur  lmal  uixpt  npk  Peripl.  1.  6.  II44). 
Das  ist  im  Verhältnis  zu  dein  häufigen  Gebrauch  bei  Lucian 
(I,  397)  so  selten,  daß  man  sie  zu  den  spezifisch  Lucianischen 
Eigentümlichkeiten  rechnen  darf.  Um  so  beachtenswerter  ist 
für  die  Echtheitskritik,  daß  die  einzige  Stelle,  wo  zu  ihrer 
Verwendung  Gelegen heit  geboten  ist,  gerade  diese  Präposition 
aufweist. 

Am  meisten  charakteristisch  und  am  schwersten  nach- 
zuahmen ist  endlich  die  Verwendung  der  Konjunktionen.  Dar- 
auf dürfte  besonders  bei  den  späteren  Schriftstellern  Gewicht 
zu  legen  sein,  weil  diese  mit  dem  Abkommen  des  Verständ- 
nisses für  den  Perioden  bau  bis  zu  einem  gewissen  Grade  durch 
Partikeln  die  alte  Kohäsionskraft  ersetzen  mußten,  welche  in 
der  festgefügten  Periode  die  einzelnen  Teile  zusammenhielt. 
Aber  auch  hier  bietet  unsere  Schrift  keine  Schwierigkeiten. 

Ich  führe  im  folgenden  die  hauptsächlichsten  auf: 

äv  pleonaatisch  c.  10  2mal;  Beispiele  Mesnil  S.  5"). 

*XX&  T4p  c  3;  häufig  tgl.  1,  438.  III,  329. 

*XX4  — ys  c.  8.  50  und  y*  c.  2.  10;  im  Verhältnis  tu  manchen 
Schriften  etwaB  selten ;  doch  kommt  die  Vita  noch  vor  Per.  Ver.  hist 
und  As.  «.Joost  S.  18147). 

yoöv  c.  7.  26.  48;  sehr  beliebt  s.  Bieler,  De  paras.  8.  20,  an  allen 
3  Stellen  ist  es  normal  gebraucht  (nicht  gleich  8'  oftv  und  oov  tgl.  Gut- 
fcentag  S.  46)  und  am  richtigen  Platte  (f  428). 
c  8.  5049). 

xoti  u.j)v  c.  20.  29.  66;  es  verteilt  sich  so  ziemlich  gleichmäßig 
auf  alle  Schriften,  ohne  in  einer  echten  Schrift,  wie  hier,  allauhäutig 
su  sein.  3.  Joost  8.  171  (I,  427.   Thimme  8.  9.   Bieler  S.  20). 

xal  n- tj  v  x«t  c.  22.  26.  89.  54.  56.  68;  in  dieser  Beziehung  fällt 
die  Vita  auf.   Die  Partikel  findet  sich  im  ganzen  nur  83  mal  (I,  427), 

**)  Mesnil  6.  86.   Krüger,  Gr.  Gramm.  68,  21,  3. 
**)  Vgl.  Mücke,  Zu  Arrians  und  Epiktets  Sprachgebrauch.  Nord- 
1887.   S.  19. 


**)  Heller  S.  295  sucht  die  Erscheinung  psychologisch  tu  begründen, 
während  Sbdt.  II,  l,  821  tu  Tyran.  3  doch  etwas  zu  auüerlich  nur  das 
Streben  darin  erblickt,  durch  die  Zahl  die  Kraft  der  Partikeln  tu  steigern. 

*7)  Besonders  gern  steht  es  nach  dem  Artikel  wie  c.  2.  3.  50  und 
beim  Partie,  um  einen  kau«ulen  Sinn  zu  bezeichnen  c.  10.  S.  Joost 
S.  177. 

*•)  c.  50  schreibt  Sbdt  8s  trotz  der  Ueberlieferung  W|  in  AQttr 
Mut;  beim  Imper.  steht  ftij  außer  den  bei  Thimme  S.  9  genannten 
Stellen  noch  Conv.  18.  Zeux.  7.  Nav.  36.  Paras.  4.  20.  52. 


574 


in  den  echten  Schriften  höchstens  je  1 — 2m al  mit  Ausnahme  von  De 
bist,  conscr.  mit  6,  Ver.  hist.  mit  9,  As.  mit  7  Fällen.  S.  Joost  S.  173 
176.  Vielleicht  ist  die  Häufigkeit  durch  den  ruhigen  Ton  der  Erzäh- 
lung in  diesen  Schriften  veranlaßt.  Der  Wechsel  von  xal  u-v)v  und  xai 
p.ijv  xal  hat  nichts  auf  sich,  er  hat  nicht  nur  im  Ic.  statt,  wie  Thimme 
S.  9  angibt,  sondern  auch  in  Eun.  3  und  10.  Nav.  44  und  42.  Muse, 
enc.  1  und  2.  5.  Anach.  14.  16  und  27.  29.  Paras.  1.  2.  2.  8.  8.  9.  10 
etc.  und  28.  55. 

xal  ou  xal  c.  9;  vgl.  De  merc.  cond.  16.  17.  39.  Fug.  13- 
De  luctu  12. 

x  %  x  a  c.  35;  von  Lucian  zwar  getadelt  Lex.  21  und  Rhet.  praec  16, 
aber  doch  gebraucht  vgl.  I,  264. 

usvxoi  c.  33.  41.  42.  49.  67.  67;  ganz  gewöhnlich  s.  I,  427. 

jiev  -  8e  c.  1.  6.  7.  7.  7.  8.  8.  8.  10.  11.  11.  16.  26.  28.  28.  29. 
37.  48.  50.  50.  51.  56.  59.  62.  63;  äußerst  häufig,  oft  Smal  in  einem 
cap.,  so  Som.  1.  7.  Char.  16.  19.  Nigr.  8.  9  u.  a. 

|iäv  ohne  folgendes  6  e  c.  11.  67;  auch  xal  —  8s  c.  4  ist  nicht 
ohne  Beispiel  vgl.  De  salt.  13;  Knaut  S.  39.  dXXa  entspricht  aav  in 
c.  3  2  mal. 

oöxoi  jievxot  ohne  Öse.  67  dient  zur  Hervorhebung  s.  Gut- 
tentag  S.  60. 

uev  y  de p  c.  11.  50.  59.  67,  nicht  selten  vgl.  Bieler,  a.  a.  O.  S.  20- 
oöxoOv  c.  55  vgl.  I,  427. 

oo  |a*jv  —  4U4  xal  c.  3  kommt  Charid.  15  ausgenommen  nur 
noch  6  mal  in  unbestritten  echten  Schriften  vor. 

oü  jitjv  —  y  k.  c.  4;  nur  in  unzweifelhaft  echten  Schriften  und  zwar, 
wie  hier,  bloß  einmal.  S.  Joost  S.  173  vgl.  I,  427.   Bieler,  a.  a.  O.  S.  11. 

oöv  c.  1.  14.  17.  24.  52.  66. 

xotyapoöv  c.  11;  meist  wie  hier  an  erster  Stelle  vpl.  I,  428. 
xolvuv  c.  36;  sehr  gewöhnlich  und  nirgends  bei  Lucian  an  erster 
Stelle  des  Satzes,  (I,  428),  so  auch  hier. 
■Li  —  xal  c.  1.  2.  3.  10.  11.  11.  63. 
xe  -  TS  c.  11.  59. 
oü  fiäA'.a  c.  3;  vgl.  I,  421. 

ü)  f  =  t  v  a  c.  2.  5 ;  vgl.  Heller  S.  295.  Chabert  S.  167  und  I,  237,  18. 
Das  seltene  £va  kommt  hier  überhaupt  nicht  vor.  Vgl.  dagegen  Maxi- 
mus,  Dürr  S.  40. 

o>C  —  6xt  c.  12;  6xi  findet  sich  selbst  10  mal,  c.  4.  8.  11.  11.  14. 
15.  16.  24.  29.  58. 

&  q  =  &  o  x  s  c.  6.  10.  23. 

In  verschiedenen  Bedeutungen  steht  &g  beim  Part.:  c.  31  final: 
c.  8.  23.  37.  10  objektiv  begründend;  c.  16.  24.  42  subjektiv  begrün- 
dend; ferner  steht  es  bei  Adj.  c.  12.  37,  bei  Subst  c.  61.  26. 

woxs  =  ut  consecutivum  c.  11.  44.  63;  etwas  selten,  da  der 
alternde  Lucian  im  Gegensatz  zu  seinen  jüngeren  Jahren  zwar  nicht 
ausschließlich,  aber  doch  fast  nur  woxs  gebraucht.  Vgl.  P.  Schulze, 
N.  Jahrbb.  1891,  827  und  IV,  87. 

woxs  =  quare  c.  4;  nicht  selten  nach  Knaut  S.  38,  Sbdt.  Ausg. 
Sehr.  IIP,  154. 

xafxoi  c.  11.  11,  das  eine  Mal  den  Hauptsatz,  das  andere  Mal 
den  Nebensatz  einleitend;  Beispiele  für  beides  bei  Mesnil  S.  58. 

Wortstellung  und  Satzgefüge  ist  durchaus  ungekünstelt 
und  einfach  und  entspricht  ganz  dem  Lucianischen  Geschmack. 
Nirgends  zeigt  sich  jene  Verrenkung  in  der  Wortstellung,  wie 


J 


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Untersuchungen  über  die  Lucianiacbe  Vita  Demonactis.  575 

in  dem  unechten  Charidemus 49).  Der  Hiatus  wird  gleichfalls 
nicht  ängstlich  vermieden,  nicht  einmal  im  schlimmsten  Fall, 
wo  ein  kurzer  nicht  elidierbarer  Vokal,  welcher  das  Wort 
schließt,  mit  einem  folgenden  kurzen  zusammenstößt.  Er  fehlt 
nur  in  den  unechten  Schriften  Charid.  Halc.  Demosth.  enc. 
(Schmid,  Philol.  50,  302).  Ebenso  wird  auch  nur  einigemal 
die  rhetorische  Stellung  des  Verbums  zwischen  dem  Adj.  und 
dem  dazu  gehörigen  Subst.  angewendet,  wie  c.  11  (xpa/utipw 
iXpip7*0  xC9  Tcpoot|xtci>  und  xautTjv  lyr\  ixetv  afxtav)  und  16 
vgl.  Bis  acc.  1.  Herkunfts-  und  Standesbezeichnungen  folgen 
dem  Namen  in  attischer  Weise  c.  1  (ATju,o)vaxxa  tgv  cp:X6aocpov) 
c.  3  (TtjAoxpflte  t(j)  HpaxXedYcfl)  c.  29.  30.  31.  44.  54.  56; 
nur  c.  1  (töv  Boiwtiov  Swarpaiov)  tritt  eine  andere  Stellung 
ein,  welche  indes  gleichfalls  belegbar  ist  (I,  419.  vgl.  101). 

Mit  den  Atticisten  und  Lucian  gemeinsam60)  hat  unsere 
Schrift  gerne  die  prädikative  Stellung  des  Adj.,  so  daß  dieses 
voransteht,  während  das  Subst.  mit  dem  Artikel  folgt  c.  4.  8. 
28.  31.  38.  51.  Diese  ist  bei  Lucian,  mit  nur  wenigen  Aus- 
nahmen in  zweifelhaften  Schriften,  nach  Bieler  Cynicus  S.  10, 
die  Regel,  wenn  das  substantivierte  Neutr.  mit  einem  Gen. 
part.  verbunden  ist,  so  auch  hier  c.  2  (ia  apyjxlx  xwv  rcapa- 
5etyjiaTü)v).  6.  12.  39. 

Die  einzelnen  Sätze  werden  übereinstimmend  meist  ko- 
ordiniert. Parataxe  statt  Hypotaxe  selbst  in  Fällen  wie  c.  3 
und  16  ist  so  wenig  als  die  Wiederaufnahme  eines  Satzes  mit 
xoti  toöto  (c.  55  und  63)  etwas  Seltenes01).  Dafür  steht  oft 
auch  (vgl.  c.  63)  das  verblaßte  Wort  7cpay|ia  (Gruttentag  S.  53). 
Sehr  gerne  aber  fügt  Lucian  einem  voraufgeschickten  Ge- 
danken noch  nachträglich  mit  Unterbrechung  des  Satzes  eine 
nähere  Bestimmung  hinzu,  welche  zum  Verständnis  durchaus 
notwendig  ist,  offenbar  mit  der  Absicht,  den  nachlässigen  Fluß 
der  Sprache  des  täglichen  Lebens  nachzubilden  (a.  a.  O.  S.  38). 
Beispiele  dafür  finden  sich  in  c.  31.  54.  25.  14  und  44.  Von 
den  Redefiguren  ist  die  eigentliche  Antithese  selten,  in  der 


**)  Ziegeler,  Studien  zu  Lucian.    Hammeln,  1879  S.  4. 
60)  IV.  613.   Dürr  S.  29.   Guttentag  S.  45.   Bieler,  De  paras.  S.  19 
Enaut  S.  36.    So  steht  auch  das  Fron,  voran  c.  41.  44.  47.  56. 
M)  1,  239.    Bieler,  De  paras.  S.  9. 


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576 


K.  Funk, 


Regel  stellt  er  nur  der  Position  eines  Gedankens  die  Negation 
entgegen  (vgl.  De  merc.  cond.  1).  Die  Anaphora  ist  häufiger 
nur  in  rhethorischen  Schriften  (für  die  notkikkcrfta,  in  c.  1  eföov 
nai  2oe>v  ifraojiaoa  vgl.  Herrn.  49).  Oft  erscheint  nur  die 
Litotes,  so  auch  c.  1.  1.  3.  4.  4.  11.  14.  25.  44.  49.  66  (I,  415). 

Die  Gewohnheit  Lucians,  einen  Gedanken  nicht  nur  nach 
Dios  Art6*)  durch  2,  sondern  durch  mehrere  synonyme  Aus- 
drücke wiederzugehen ßS),  zeigt  sich  in  der  Vita  in  folgenden 
Fällen :  c.  3  dp$<j>  xal  Oyte»  xal  fltvewiM)*T(p  ߣtp  Xf*^0*  - 
c  5  ftauu^otTO  xau  ino^Unoxo  und  6jio5tattos  änaaiv  &v  nzi 
Ke£ö*  xal  oü5'  erc'  oAfyov  Tüsp<|>  xaxox©S  auvfjv  xai  SuvenoXmuexo 
—  c.  9  6  xpinoi;  izpatos  xa:  fyupo;  xal  <p ai$p6? ;  ähnliche  Häu- 
fungen c.  6  Tcavxotou^  .  .  .  xart  xoojuo>T£pooc  qpat5por4pQt*; 
xa!  rcpöc;  tö  uiXXov  euiXmSa?  —  c.  11  rcpcfou;  xal  Uec*£  — 
c.  12  dyevve;  xal  -pivaixetov  xal  <piXoao<p£a  fpuxca  wp£TOv. 

Die  Untersuchung  über  die  Wortwahl  endlich  ergibt  fol- 
gendes Bild: 

Spezifisch  Platonische  Wörter  und  Ausdrücke  .  5  54) 
aus  PI.  u.  a.,  aber  nicht  Xenophon  und  Comici     14  65) 


aus  PI.  und  Xen.  mit  Ausschluß  der  Com.  16 

aus  PI.,  Xen.  und  Com.  2 

aus  PI.  und  Xen.  allein    •  1 

aus  PI.  und  Com.  6 

aus  Xen.  und  Com.  1 

aus  Xen.  aHein  1 

aus  Xen.  u.  a.  mit  Auschluß  PI.  und  Com.  7 

aus  Com.  allein  5 

aus  der  neuen  Komödie  5 

aus  der  übrigen  Poesie  7. 


Dazu  kommen  aus  Thuc.  3,  Demosth.  2,  Aeschin.  1,  aus  den 
Trag.  u.  a.  1,  aus  der  attischen  Prosa  7  Wörter;  dagegen  sind 
nicht  vertreten  Hdt  und  die  Jonier. 

Diese  Zusammenstellung  zeigt  deutlich  genug,  daß  die 
Hauptquelle  für  die  gewählten  attischen  Ausdrücke  PL,  Xen. 

")  Math.  Graf,  In  Dionis  Prusaensis  orationee  ab  J.  de  Arnim 
edita.  (Vol.  I)  coniecturae  et  explanationea.    Monachü  18Ö6.   8.  22. 
6S)  Guttentag  S.  36. 
")  I,  141  ff.  vgl.  mit  299  ff. 
")  1,  106  ff. 


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Untersuchungen  über  die  Lucianiache  Vita  Demonactis.  577 

und  die  Komödie,  sowohl  die  alte  als  die  neuere  und  wohl 
auch  die  mittlere  ist,  während  die  übrigen  Autoren  der  älteren 
Zeit  eine  untergeordnete  Rolle  spielen.  Das  stimmt  denn  auch 
völlig  üherein  mit  dem  Bilde,  welches  uns  die  eingehende  Un- 
tersuchung Schmids  in  dieser  Beziehung  von  der  Art  Lucians 
gegeben  hat  (I,  401),  wie  ja  schon  der  von  dem  Schriftsteller 
selbst  vorgeschriebene  Bildungsgang  für  den  jungen  Redner 
(Lex.  22.  Rhet.  praec.  9)  erwarten  ließ. 

Zu  den  besonderen  Eigentümlichkeiten  des  Lucianischen 
Stils  gehört  es  auch,  daß  es  fast  in  keiner  Schrift  an  ärcxE 
Xsydfieva  fehlt.  Die  Vita  weist  6  Beispiele  auf:  auvarceiXiü) 
c.  15,  ein  Kompositum,  das  nach  Thes.  Gr.  s.  v.  nur  SchoL 
Horn.  A,  452  und  Eustath.  p.  67,  3  vorkommt.  Statt  5pa>- 
7wax£?u>  c.  50  gebraucht  Lucian  gewöhnlich,  De  raerc.  cond. 
33.  Rhet.  praec.  23  etc.  und  unmittelbar  vorher  in  c.  50  un- 
serer Vita  KiTxoöv  (vgl.  I,  152).  Von  der  Wurzel  des  seltenen 
und  offenbar  dichterischen  aoXocxos  c.  40  (vgl.  Thes.  Gr. 
s.  v.)  benützt  Lucian  nur  ooXoix^ü)  Rhet.  praec.  23.  De  merc. 
cond.  35.  Pseudosoph.  1,  ooXoixca(i&;  Nigr.  31  und  aoXotxfa 
De  salt.  27.  80.  Die  Verbindung  Orcepiviö  Ytyvea^atc.  3 
ist  sonst  häufiger  gebraucht  worden  (Thes.  Gr.  s.  v.).  Statt 
xaTapLiyvojit  c.  5  verwendet  Lucian  sonst  das  Doppelkom- 
positum bfXQczapiyvuiLi  Alex.  13:  Anach.  14.  Philops.  4.  De 
hist.  conscr.  13  u.  a.  EOaTtaTTjtoc  c.  12  hat  wenigstens  an 
dem  gleichfalls  vereinzelten  £ue£a7i«T7]TOS  Ic.  30  eine  Parallele; 
xuvotü)  c.  21  steht  in  der  Gracitat  m.  W.  ganz  allein.  Lucian 
kennt  dafür  nur  xi>v(£o  Per.  43.  Im  Verhältnis  sind  das  aller- 
dings viele  Fälle,  da  ihnen  im  umfangreichen  Herrn,  nur  7 
entsprechen  (Chabert  S.  126  ff.).  Allein  das  hellnische  5po>- 
7tax££(i>,  eöaTuaTTjToc:  und  xovcfo) ße)  lassen  sich  begreifen ;  sie 
sind  ja  einem  Ausspruch  des  Demonax  entnommen,  und  so- 
dann ist  Chabert  in  der  Aufzahlung  nichts  weniger  als  voll- 
ständig, wie  er  auch  hier  nur  die  beiden  erstgenannten  Beispiele 
autführt. 

Nach  dem  Bisherigen  weicht  also  die  Vita  in  sprachlicher 

M)  Abgesehen  davon  daß  &ito\orpopbt  nicht  Dem.  83,  sondern  Dein, 
enc.  33  sich  findet,  kann  ich  nicht  einsehen,  wie  nach  Chabert  S.  136  ff. 
xovdco  und  gar  ^jua-söotM«,  in  neuer  Bedeutung  gebraucht  sein  sollen. 


578 


K.  Funk, 


Hinsicht  von  Lucians  Art  nicht  ab,  ja  da  und  dort  treten  uns 
spezifisch  Lucianische  Eigentümlichkeiten  entgegen;  allein  es 
finden  sich  doch  auch  Erscheinungen,  die  wir  bei  ihm  seltener 
treffen.  Dahin  gehört  die  Bildung  des  Acc.  auf  -r- rt  bei  den 
Personennamen  mit  der  Endung  — tj;  c.  24.  33.  56.  62 67), 
während  bei  Lucian  dife  auf  — rjv  vorwiegend  ist  (IV,  582. 
Chabert  S.  104).  ScpoSpa  c.  12  wird  nur  bei  Dio  Chrys.  häu- 
figer verwendet;  Lucian  hat  es  nur  38mal  und  davon  llmal 
in  As.  und  Am.  (I,  292) ;  noch  seltener  findet  sich  aux:xa  jia- 
Xa  c.  15  (I,  292.  275);  tö  noXb  c.  20  gar  nur  Herrn.  28. 
33.  34  und  De  cal.  12  und  dXr/O-w;  ohne  vorangestelltes  ws 
hat  nur  an  Dial.  mer.  XI,  4  ein  Beispiel.  In  der  Bedeutung 
„  bei  sich,  für  sich  etwas  thun "  erscheint  gewöhnlich  eine  Ver- 
bindung mit  xatd  oder  7tpö;  c.  Acc,  in:  c.  Gen.  wie  c.  36  iiz' 
ijiauTcö,  ist  nur  4mal  belegt  (Bieler,  De  Paras.  S.  8);  rcpö 
öjpas  ß8)  c.  24  kommt  bloß  noch  De  luctu  13  vor  (vgl.  Jup. 
trag.  47  «pb  toö  xatpoö).  Die  Seltenheit  von  av  te  —  ötv  te 
Oat.  14  gegenüber  Dem.  11  und  59  (eav  xe  Paras.  25)  ist 
wohl  nur  Zufall,  da  et  xe  —  et  xe  häufiger  ist.  Für  xal  uiv- 
xoi  xa:  c.  46  weiß  Bieler  a.  a.  0.  S.  12  nur  noch  5  Stellen 
namhaft  zu  machen.  Die  Verbindung  cSaxe  insl  xai  c.  4  zeigt 
in  derselben  Stellung  nur  noch  Jup.  trag.  51ß,J);  ebenso  ist 
xe  dpa  xa:  c.  12  nur  in  Macr.  und  De  Dea  Syr.  häufiger,  in  den 
echten  Schriften  steht  es  8 — lOmal  nach  Bieler,  De  Salt.  S.  17. 
Selten  gebraucht  werden  einzelne  Wörter,  wie  5ryxxtxö;  c.  50 
(Nigr.  37),  faaxwvr,  c.  5  (De  raerc.  cond.  3.  Charid.  1. 
Dem.  e  n  c.  22),  xdxoxoc  (De  hist.  conscr.  8),  aziyoi 60)  c.  60 
(Ver.  hist.  I,  24.    Alex.  36.  De  luctu  24.  Char.  4).  Statt  eva 


i7)  So  lesen  wenigstens  die  besten  Handschriften  B&r$  Mut;  AKF 
Jagegen  haben  die  von  Xenophon  beliebte  Form,  die  c.  56  auch  B 
au  I  weist. 

M)  Arriun  hat  es  allein  Diss.  Epict  IV,  8,38  2  mal. 
so)  Die  Zwischenstellung  von  xal  (Fr.  und  Sbdt.)  ist  also  nicht  ge- 
rechtfertigt. 

M)  Mit  Unrecht  hat  K.  G.  P.  Schwarte  in  Mnemos.  XIV.  N.  S.  214 
( 1886)  an  der  Bezeichnung  ot(xot  für  die  homerischen  Gedichte  Anstoß 
genommen  ,  weil  dafür  sonst  &:»]  oder  «oii^ata  stehe  und  das  Oitat 
regelrecht  mit  to  oder  zä  'Oiivjpoo  (Pseudol.  2T.  Fug.  30.  Char.  7)  ein- 
geleitet werde,  während  crixoc  nur  von  einzelnen  Versen  gebraucht 
werde.  Der  Sinn  ist  ja  eben  der:  von  den  einzelnen  Versen  aus  Homer, 
die  ihm  zusagten,  führte  er  diesen  einen  am  meisten  im  Munde. 


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Untersuchungen  aber  die  Lucianische  Vita  Demonactie.  579 

Kuvtxöv  c.  48  (vgl.  Per.  15)  wird  für  die  Regel  e?c  mit  Gen. 
park  verbunden,  andernfalls  wird  iIq  beigefügt  (Ic  2.  Philops. 
1 2.  Cat.  3  u.  a.).  So  beliebt  den  Atticisten  die  Wendung  oO 
X^Cpov  ist,  bei  Lucian  erscheint  sie  außer  hier  c.  14  und  44 
nur  noch  5mal  (I,  120.  238);  auch  oüx  5<mv  Sorte  oö  c.  10 
und  67  findet  sich  sonst  nur  etwa  in  2  Schriften  einmal  (Bie- 
ler, De  Paras.  S.  19);  dagegen  ist  Ix**  m^  1°^  c«  2  und  25 
wenigstens  in  manchen  Schriften,  wie  Herrn,  und  Abdic.  häu- 
figer (a.  a.  0.). 

Vereinzelt  steht  das  mediale  Partie.  <yflc|ievo;  c.  33.  66; 
das  Med.  fand  übrigens  Verwendung  in  Iqprjo&a  Herrn.  3.  6. 
9.  19.  61.  Je.  2  (vgl.  IV,  599.  f.  Aelian  HI,  44  f.).  Aehnlich  ver- 
hält es  sich  mit  der  Verbindung  60a  el$  c.  3  =  soweit  darauf 
ankommt.  Lucian  kennt  nur  öoov  ei$  Jud.  voc  12.  Per.  35 
und  öoa  ye  Tim.  52,  während  die  atheistische  Pluralform  (IV, 
71)  60a  e's  für  Aelian  belegt  ist  (HI,  143). 

Es  fehlt  sogar  nicht  an  sprachlichen  Eigentümlichkeiten, 
welche  ich  bei  Lucian  nicht  nachzuweisen  vermag.  Dahin  ge- 
hört der  Gebrauch  des  Aor.  Pass.  von  <£7ioxp(v6o{rÄt  =  ant- 
worten c.  26 61 ).  Selten  ist  ohnedies  schon  das  Praes.  von 
oxiirreod-ai  bei  den  Attikern  (I,  135),  die  Konstruktion  mit 
abhängigem  Inf.  c.  57  ist  ohne  Beispiel;  Char.  2  ist  es  mit 
ü>S  verbunden.  Das  Verbum  xaxa6a((i>,  wie  die  davon  gebil- 
dete Form  xaxa8aa{H)vat  c.  35  kommt  nur  hier  vor  •*).  Schwer- 
fällig ist  sodann  die  Verbindung  xaxa  tö  xotvfcv  ovrzpixtw 
xot£  ä\\oi$  xfy  Tweä-et  aöxoö  c.  24.  Nur  mit  e i n e m  Dativ 
und  zwar  einem  solchen  der  Sache  kommt  cruvrp^xetv  Dial. 
mer.  X,  4  vor  und  Zeux.  2  hat  nur  einen  Dativ  der  Person 
(Öti  pi)  ouv^fous  pijSe  xaxa  xö  xotvöv  ßa5££ot  Tot?  iXXotf). 
Immerhin  ist  es  bezeichnend,  daß  an  unserem  Orte  dieselbe  Stel- 

81 )  Gegen  eine  durch  das  unmittelbar  voraufgebende  sparend  w. 
veranlaßte  Verschreibung  (Fr.,  De  Attic.  Spec.  II,  12,  K.  G.  P.  Schwarte 
S.  213)  spricht  außer  der  Ueberlieferung  der  Handschriften  die  Tatsache, 
daß  ahnliche  Formen  (vgl.  ^pvTjodjitjv  statt  -fjpvy/Jbjv  Mesnil  S.  5)  nach 
Pseudosoph.  5  und  Polyb.  (I,  281)  vorkamen. 

•■)  Cobet  S.  80  schlägt  xotruüta&fpai  vor  in  Anlehnung  an  Heeiod  7 
«poxaxsötttat.  Aber  nur  die  Handschrift  4>  bat  an  umerer  Stelle  zwei 
s  darüber  geschrieben  und  awar  erst  von  2.  Hand.  Die  Form  ist  inde» 
nicht  so  ungriechisch,  wie  Cobet  meint;  es  ist  eine  regelmäbige  Bil- 
dung von  xatotöafö)  und  dann  nur  einer  jenen  starken  Ausdrücke,  wie 
sie  die  Umgangssprache  liebt  (f.  Aelian  s.  III,  204). 

PhlJologUH,  8npplementb»nd  X,  Tlerte»  Hefl.  38 


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580 


K.  Funk, 


ltmg  beliebt  wird  wie  Zeux.  2.  Endlich  kennt  Lucian  nurxc 
noLpdnaw  oder  iwvTdswaotv,  nie  aber  tö  7Wvt4««oiv  c.  1.  Ob 
hier  aber  nicht  die  Handschrift  A  mit  tö  icapcbwv  recht  hat? 

Einige  andere  Erscheinungen  Lucianischer  Eigenart  treten 
nun  freilich  in  unserer  Vita  nicht  zu  Tage.    Es  wird  nur  ßo6- 
XopLoc  c  12.  44  gebraucht  und  als  Präposition  beim  Passiv  nur 
too,  nicht  wie  sonst  im  Wechsel  mit  fr£A<i),  &&6Au>  bezw.  7ipc; 
c.  Gen.,  welch  letzteres  den  ersten  Schriften  (PhaL  I,  13)  ebenso 
angehört  wie  den  letzten  (Alex.  2  und  Pro  lapsu  5).  Es  fehlen 
ferner  die  sonst  häufigen  Wendungen  oox  oföa  ort,  öicws,  zi, 
<S>C,  6$,  eu  otö'  6tcü);  x.t.X.,  tö  u4ylotov,  tö  isapaoo^oTaTov  u.  a, ; 
tlptpezou  yctp,  fy^u-a,  Ttapepyu);,  6$oö  ndpepyov,  ci>c  tö  efrcog, 
dTcxv&c,  rcipa  toö  u.eTp£ou,  eö  noi&v  =  wohlweislich ;  vielleicht 
liegt  der  Grund  dafür  in  dem  objektiven  Charakter  der  Schrift. 
Es  fehlen  die  Satzverbindungen  toOto  uiv  —  toötö  $k  und  be- 
sonders (i&XAov  5£,  wofür  sich  nun  allerdings  das  gleich  häufige 
yuxl  u-aXiora  c.  1.  12.  67  findet.    Es  fehlen  endlich  die  Par- 
tikeln duiXet,  <JpTt,  ÖijXoSif],  vor  allem  icXijv  dXXa.    Gerade  aus 
letzterer  Tatsache  will  Joost  eine  nicht  unwesentliche  Ver- 
größerung der  Zweifel  an  der  Echtheit  der  Vita  Dem.  und 
anderer  Schriften  entnehmen.    Er  muß  aber  selbst  gestehen, 
daß  man  diese  Verbindung  außer  in  den  rhetorischen  Produkteu 
seiner  Jugend  und  seines  Alters  auch  in  den  zweifellos  echten 
Schriften  Som.  Nigr.  DiaL  mar.  Vit.  auct.  Eun.  Fug.  ver- 
mißt (S.  168.  169).    Ebenso  ist  seine  andere  Bemerkung,  daß 
sich  die  Häufigkeit  des  Gebrauches  von  rcXijv  d&Xd  nach  der 
von  u^v  richte  (S.  175),  nicht  ohne  Ausnahme.  Er  kann  Philo- 
pseudes  mit  seinem  einzigen  n\ty  <&Aä  nur  durch  die  Begrün- 
dung halten,  .die  Schrift  trage  keinen  ausgesprochenen  dia- 
logischen Charakter  an  sich,  sondern  halte  sich  mehr  in  den 
Grenzen  des  Berichtes  Ober  geführte  Gespräche"  (S.  171).  Da- 
mit ist  natürlich  auch  unsere  Vita  gerettet  und  die  oben  aus- 
gesprochene Forderung,  die  Schriftgattungen  bei  solchen  Un- 
tersuchungen auseinanderzuhalten,  unwillkürlich  bestätigt.  Uebri- 
gens  haben  kein  rcXtjv  dXXdt  bei  allerdings  massigem  Gebrauch 
von  u^v  auch  Cron.  Dial.  mer.  De  merc.  cond.  (S.  175)  und 
in  ähnlicher  Weise  steht  es  auch  mit  Dial.  mar.  Vit.  auct. 
Fug.  Eun.  Nigr.  (S.  171  ff.).  Wegen  des  Gebrauchs  von  öorap. 


Untersuchungen  Ober  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  581' 

das  sonst  mit  -xafr&ntp  wechselt,  die  Schrift  zu  verdächtigen 
(S.  182),  ist  wohl  ein  Versehen,  da  jenes  sich  nur  ein  ein  zig- 
mal c.  19  findet.  Das  Fehlen  von  &XX<i>{  hat  Thimme  S.  9  be- 
gründet68), das  von  |iera$u,  Bei  es  nun  absolut  oder  mit  Par- 
ticip,  ist  das  Charakteristikum  der  Schriften  des  Alters  (Joost 
S.  166.  167).  Jedenfalls  dürfen  wir  nicht  überall  alles  suchen ; 
in  unserem  Fall  verbietet  das  schon  der  geringe  Umfang.  An- 
deres hat  wieder  in  der  Abfassungszeit,  in  der  htterarischen 
Gattung,  in  dem  objektiven  Charakter  der  Vita  seinen  Grund. 

Wenn  man  alles  in  allem  betrachtet  und  die  Schrift  zu- 
sammenhält mit  anderen,  die  Lucians  Namen  tragen  und  gleich- 
falls nach  der  sprachlichen  Seite  untersucht  worden  sind,  so 
wird  man  den  Eindruck  gewinnen,  daß  sie  bei  weitem  nicht 
die  Schwierigkeiten  bietet,  wie  etwa  nur  der  gleich  umfang- 
reiche Cynicus.  Gerade  die  dort  von  Bieler,  Cyn.  S.  11  ge- 
tadelte Konstruktion  von  ahiäa&ou  und  ouoxepatfveiv  kommt 
hier  c.  24  und  8  nicht  vor. 

Das  Folgende  wird  uns  nun  aber  einen  Schritt  weiter 
führen.  Wir  finden  nämlich  in  der  fraglichen  Vita  verschie- 
dene Ausdrücke  verwendet,  welche  sich  bei  Lucian  unstreitig 
einer  gewissen  Beliebtheit  erfreuen64),  so  z.  B.  dlaata  inl  tc 
und  zwar  immer  in  der  Aoristform,  wie  c.  4,  £xpu>t  c.  1,  öfter 
adjektivisch  mit  Substantiven  verbunden  Nav.  44.  De  hist, 
conscr.  15.  Vit.  auct.  2.  Dial.  mort.  XX,  5.  vgl.  lup.  trag. 
26,  änotpoc  c.  1.  25.  Rhet.  praec.  17.  Conv.  22.  Hipp.  7, 
dcvacp£pu>  elq  xt  c.  1.  Conv.  34.  Per.  4,  (xrcoSetXtav  c.  42. 
Dial.  mort.  X,  8.  Nav.  35.  Per.  26,  &v  Y^Awrt  Ttoietaftat 
c.  12.  De  hist.  conscr.  32.  Nav.  15,  £v$otd£ü>c.  25,  iici- 
xexXaau.£vo£  c.  12.  Adv.  ind.  23,  6taxexXaau-£ vo?  c.  18. 
De  merc.  cond.  33  vgl  An  ach.  7,  eöotoxoc  c.  12.  39.  Nigr. 
35.  36.  Conv.  12.  Gall.  6.  Adv.  ind.  15.  Tox.  11,  vgl.  Gutten- 
tag  S.  52,  xgou.loc  c.  6  gern  von  Philosophen  gebraucht  = 
verständig,  so  Bis  acc.  17  Conv.  5.  7.  34.  Tim.  54.  Herrn.  19 


•■)  Außer  den  hier  genannten  Stellen  kommt  es  noch  vor  Conv.  16. 
Iup.  trag.  25.  26.  80.  82.  88.  Anach.  16.  20.  29.  82.  lup.  conf.  1.  7.  14. 
Alex.  49.  Hipp.  2.  Dips.  6.  Hdt.  6.  Phal.  I,  12.  Cauc.  4.  6.  8.  16. 

•*)  Im  ff.  werden  nur  die  Stellen  angefahrt,  welche  nicht  im  Index 
der  Lucianausgabe  von  Jakobitz  verzeichnet  sind. 

38* 


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582 


K.  Funk, 


u.  a.,  X  a  (A  ß  a  v  e  o  &  a  c  i :  v  ö  ;  c.  41.  N  a  v.  11.  14.  Demerc. 
cond.  24.  Fug.  18  u.  ö.,  6XcYOXp6vto?  c.  8.  Nigr.  17 4Ö), 
6  p  ji  &  v  7i  p  6  ;  1 1  c.  3.    S  o  m.  17.  Conv.  5.  öfter  ini  xt  Herrn. 

16.  28.  34.  Fug.  13,  oux  d*q>Sdt  c.  1.  Rhet  praec.  16.  De 
sali.  46,  ouÖev  6  y  i  £  £  (Xiyetv)  c.  17.  Apol.  10.  Jup.  trag. 
41,  navtotov  ytyveod'at  c.  6.  Eun.  11.  Pro  Upso  1. 
7t«pojiapTetv  c.  49.  Gall.  9,  7cataa<7u>  c.  16.  Dial.  mort. 
XXH,  1.  Conv.  44.  Bis  acc.  24.  Philops.  24,  iteip&obai  tcvg; 
c.  14.  Herrn.  27.  34.  Gall.  15.  21.  24.  Anach.  27.  29.  34. 
37.  Philops.  38.  Eun.  8,  i4  tcX^tj  c.  11  vgl.  I,  285,  axu- 
ftp(D*öc  c.  6.  Pisc.  37.  Fug.  18.  Gall.  11.  Anach.  23,  8t  dt 
axopaxcx;  (jivVjutjs)  2  x £  1  v  (*?vat)  c.  56.  2.  Cat.  9  vgl. 
Anach.  35,  ouvxpo^of  c.  4  immer  mit  einem  Dativ,  so  De 
salt.  1.  Muse.  enc.  4.  De  merc.  cond.  23,  xöcp  o$  c.  5  vgl. 
Bieler,  Cyn.  S.  17.  in  derselben  Bedeutung  15mal,  ürcai- 
&poc  c.  1.  Iup.  trag.  16 ••),  urcepopfltv  xtvo?  c.  3.  Pisc. 
46,  <p  tXav  O-ptöTt^a  c.  11.  Je.  27.  Iup.  trag.  21,  xXeua?etv 
c.  12.  Jup.  trag.  30.  Anach.  13,  X*eu  aa  V-b  €  c.  39.  An- 
dere, seltenere  Wörter  sind  wenigstens  belegbar,  wie  d6pyrjto; 
c.  51.  Herrn.  12,  7upooxpoueiv  c.  11,  6u,6texvos  c.  23.  Gall.  14, 
67t£pY7jpö>s  c.  63,  I|i7ctax66cjiai  c.  51. 

Daneben  treten  gewisse  Wortverbindungen  auf,  welche 
unserer  Schrift  mit  denen  Lucians  gemeinsam  sind,  und  welche 
durch  ihr  häufigeres  Vorkommen  zeigen,  wie  geläufig  sie  ihm 
sind.  So  haben  wir:  #auu.a£eo#ac  xoet  <kno$lin  e- 
o&ai  c.  5  und  Rhet.  praec.  1.  Per.  20,  xexpayw?  u  rcep- 
5taTetvönevo?c.  7  und  Eun.  2.  (öuepoiaxetveod-at  Je.  7. 
Herrn.  27.  Bis  acc.  11.  ßodtv  xarf  Siatetveafoxt  Philops.  6. 
Jup.  trag.  16),  7c  p  £  o  s  xa!  ^  jx  e  p  o  ;  c.  9  und  Pisc.  24.  Per. 
18.  Phal.  I,  3,  iXeufrepta  xat  7i  a  p  p  >j  a  t  a  c.  3  und  Pisc. 

17.  Per.  18.  Dial.  mort.  XI,  3.  Char.  13  vgl.  Apophr.  1 
(eine  den  Philosophen  dieses  Jahrhunderts  teure  Formel),  eu- 
*K>s  iv  apxt)  c.  11  und  De  hist.  consc.  17.  Herrn.  16.  Pro 
lapsu  5.  6.  Alex.  38,  auch  e£  dpx*};  eo&O;  ist  häufig,  <ftXo- 
aocfioi,  fjxiaxa  Ttpoof^xwv  c.  12  und  De  hist  conscr.  17. 

66)  'Ewoapso&ai  in  demselben  c.  8  steht  in  gleichem  Sinn  De  merc. 
cond.  9. 

w)  Daneben  ist  auch  Orca&piot  vertreten,  vgl.  Fr.  II,  1,  190. 


Untersuchungen  über  die  Lucianische  Vita  Demonactie.  5g$ 

De  sali  2,  6$  $  ßao*t?ü>  v  (eöpe)  c.  17  und  Tim.  5.  Herrn. 
1.  86.  De  merc.  Cond.  25,  während  Maximus  von  Tyrus  (Dürr 
S.  19)  und  Philostratus  (IV,  142)  6&>v  ßaS^etv  verbindet,  (ist- 
paxiov  cbpaiov  c.  18  und  Per.  9.  43.  Nav.  2.  19.  Alex.  5. 
Hdt.  5  u.  a.  Die  Gewohnheit,  Personennamen  nicht  in  histo- 
rischer Reihenfolge  aufzuzahlen  und  die  Eintönigkeit  durch 
Umstellung  und  ein  eingeschaltetes  npb  auxoö  zu  vermeiden, 
findet  außer  Philops.  2.  Scyth.  1.  Iup.  conf.  16.  Hipp  2  auch 
in  c.  3  ein  Beispiel,  und  die  Wendung  desselben  Kapitels  3 
oux  'Aya&GßoOXou  ud  M1  otöe  A^xpiou  hat  einen  genauen 
Beleg  in  Apol.  1  (oux  «**P  'EXSvtj;  u£  At"  oü5'  OTcip  xöv  ev 
'lX:<p  yevo^dvwv) 67). 

Die  Uebereinstimmungen  gehen  aber  noch  weiter.  Es 
fehlt  nicht  an  eigentlichen  Parallelstellen,  die  ich  zum  Ver- 
gleiche neben  einander  setze: 

Dem.  2:  Tipös  <*px«Sa  uova  Pisc.  30:  dbioßXeTOöv  e;  xoi>$ 
xöv  7t«paSetrti«T(i)v  09«5  aöxous  xavQvag,  oö;  Ttpoxefrfi'xaxe,  Tcpöc 
futyKjeiv  88),  dXXa  xax  xoö  ^e-  xouxou;  fu^ot  xaVaTieotovoc 
xlpou  ßiou  xavova  Trpoxt^eo^ai.    xöv  £auxoO  ßtov,  örep  vt)  Ata 

xöv  xa&'  T)ptdE<;  aöxooc  dXt'yoi 
Trotoöotv,  vgl.  mit  Lex.  23:  CrjXoOv 
8fe  xa  apv^ata  xöv  7iapa$ecy- 
|iaxü)v. 

Dem.  3 :  öw'  oixctag  Tcpo?  xa  Som.  10 :  x$  xöv  xaXöv  5pü>xt, 
xaXa  6pptf)gg>)  xaE  IfjtyuxouTcpög    x%  icpöc  xa  aejivcxaxa  6pjijj 

•T)  Fr.  Kersten,  De  Ellipgeos  uro  Lucianeo.  Kiel  1889  8.  42  nimmt 
Dem.  3  eine  Ellipse  an,  welche  mit  Hinblick  anf  Apol.  1  nicht  nur 
unnötig  ist,  sondern  geradezu  den  Sinn  verkehrt  Er  sagt  nämlich, 
der  8inn  sei  ohne  Zweifel  „non  boUs  Agatbobulus  nec  Demetrius  nee 
ceteri  soli  Dem on acte m  impulerunt,  sed  omnes  Uli.  Itaque  certe  et 
Agathobulus  et  ceteri  impulerunt";  es  sei  also  u^vov  (solus!)  zu  ergän- 
zen. Allein  das  dXAA  braucht  nicht  ergänzt  zn  werden,  es  steht  ja  da, 
und  damit,  wie  durch  den  ganzen  Zusammenhang  und  durch  diese 
Parallele,  ist  dieses  jiövov  ausgeschlossen.  Wenn  er  dann  noch  lud. 
voc  S  (lt  84),  eine  Stelle,  die  ich  übrigens  nicht  finden  kann,  ein  pövov 
ergänzen  will,  wofür  auch  Xiya  eingesetzt  werden  könne,  notio  quae 
idem  valeat(l),  also  ob  Xiyto  'AYetd-oßoöXoo  x.  x.  X.,  so  widerspricht  er 
sich  selbst  und  laßt  damit  gerade  den  getadelten  Sinn  zu. 

**)  Conv.  34  podfi(£ttv  xöv  ßtov  npoc  t*  ßiXua;  p~t>»ui£siv  gerne  ge- 
braucht, so  Pisc  12.  Anach.  22.  De  sali  6.  De  merc.  cond.  30. 

••)  Anach.  37.  6puij  t{  to6;  xivöövooc 


584 

cpiXoacxptav  epwxo;70). 


K.  Funk, 

vgl.  mit  Nigr.  27 :  ^  itpöc  xo 
xaXöv  6pn*j  und  Philops.  2. 
e><puxo;  gpw;  7cp6;  tö  <J;eü5o;. 


Dem.  4:  dtofjXfte  toO  ßtou  rcoXüv 
örcep  aöxoö  Xoyov  xoi{  apfaxoi? 
xöv  'EXXfywv  xaxaXtiwav71). 

Dem.  5  :  qpiXoacxpteg  efSog 72) 

Dem.  6 :  a>;  xous  Tcpoao|j.iX^|- 
aavxa$  drctevat . . .  xoa|xiu>t£pou( 
icapa  rcoXu  xal  «patÖpoxipous. 


Dem.  12 :  xtva  8e  xal  icpoöia 
IX«>v  ex  7iat5iÄ$  efc  «ptXoaoqrfav 


Dem.  44:  ercfypafAita  .  .  .  . 

x£x£Xeoxev  l7ccypa^f)vat  auroO 

xTj  <rrt)Xfl  .  ...  ob  xe^pov  §£  xal 

aötö  efaetv74). 

Dem.  41 :  xu<]>a;  aüxoö  rcpöc 
xö  tyri7*). 


Dial.  mort.  XXIV,  3  :  Xopv 
xol;  dptaxoi;  7tepl  aötoO  xaxa- 

  -  ■   _ — . — ,  ^- 

XeXotrav. 

Hipp.  3:  xöv  <£XXq>v  gxacrcos 
iv  xt  xfj;  imax^jirjc  2pyov  dbto- 
xspüfygvo;. 

Nigr.  13 :  xaxa  fiixpöv  rcapa 
7toXi>  ßeXxi'wv  dT^Xfre  Sjjjioofo 
iceicatSeupivoc  vgl.  De  salt  79 : 
Xutoq  ex6|ievos  ffipxgTgc  T0° 
d-eoxpoo  (pat5p6x£po;. 

Rhet.  praec.  15 :  Xel*(o  8e  TCpö- 
xov  piv,  6rc6oa  XP^  aöxöv  oe 

olxotev  gx°VTg  ^xetv  fosS"* 
Tcpöc  xfjv  rcopet'av  Tgl.  Fug.  13: 
£<p68ia  Tipö;  ytXoooy£av. 

Dips.  6 :  ycypa^at  8e  7cpo* 
xoÖJKYpaW«  .  .  .  oO  xe^P0V 

aOxö  €Wl6tV. 

Nec.  21 :  npoox64»a?  npbq 
xö  oö;  cpTjotv. 


T*)  Nigr.  Prooem.  ö  rcpdc  xoü;  X6yo,*C  5po>{  und  Alex.  61.  6  rcp&c  dXV)- 

T1)  Nigr.  12.  f)v  aötöc  ix  x  o  ö  ßlou  d «  4  X  $■  ?  owtoxs  twjo^j 
ouv<bv  xot(  ngftaid6U|i£vGic  xal  rcpooopiXffiv  x  o  t  g  d  p  C  o  x  o  i  £.  Vgl.  Gall. 
6.   Boissonnade  za  Eunap.   V.  S.  I  p.  196. 

")  Elöoc  «piXoooqpiac  Herrn.  15.  Pisc.  15.  Vit  auct  1. 

7>)  Per.  16.  txavd  i  <j>  6  5 1  a  xouc  Xpioxiavoi>c  § x o> v.  Hist.  conscr 
84.    ööo  xaöxa  xopu<pat6xaxa  otxofrsv  Sx0VTa  ^*»tv'    Damit  fallt 
die  Konjektur  Bekkers  ix  Ucctpla;  (Sitzgsber.  d.  B.  A.  1851,  361).  Bas 
ix  ftattuv  sc.  ix  TOttÖtta«,  wie  wohl  zu  lesen  ist  nach  Anach.  18,  gehört 
natürlich  zu  4<p68icc  Iyoov. 

'*)  Positiv  gewendet  äjxeivov  ö*  .  . .  .  in  Alex.  48. 

76)  Vgl.  Dial.  nier.  III,  2.  Der  Ausdruck  ist  echt  platonisch  (Euthy- 


Untersuchungen  über  die  Lucianigche  Vita  Demonacti«  585 

Dem.  63:  Twcptovti  öws5«v£o- 
xaofrat  lobe  &pyOVT<X£  .  .  .  tö)V 

lvotxo6vxü)v  ä-eoQ  Tiva£itt<p<£vetav 
Vjyouuivtov  xb  TCpdtyjia  und  c. 
11 :  5tex£Xoov  xiva  xöv  xpeix- 
tovü)v  rcpooßaircovxes 76). 

Dem.  67:  oöxot  uivxot  uno- 
Suvte?  ixö|ii?ov  aoxöv  äxpc  rcpö; 
xöv  xa<pov77). 

Dem.  67 :  Taöxa  6Xfya  7tavu 
ex  tioXXöv  i7ie(iv>jfi6veuoa  %a: 
Icjxtv  Xoy^eaO-at 78). 

Ich  enthalte  mich  vorderhand  noch  eines  Urteils  Ober  diese 
Parallelen;  andere  wichtigere  werden  noch  im  folgenden  zu 
besprechen  sein 79).  Angeführt  sei  aber  noch  eine  Eigenart 
stilistischer  Natur,  in  der  gleichfalls  der  Verfasser  der  Vita 
mit  Lucian  übereinstimmt.  Es  pflegen  nämlich  die  späteren 
Schriftsteller  ihre  Prosawerke  durch  eingestreute  Citate  und 
sprichwörtliche  Redensarten  zu  beleben,  und  das  ist  für  Lucian 
so  charakteristisch,  daß  nur  Jud.  voc,  Dial.  deor.,  Hdt.,  Har- 
mon.,  Tyran.,  Abdic,  PhaL  I,  An  ach.  und  De  electro 80)  davon 
eine  Ausnahme  machen,  und  daß  die  Fälscher,  so  besonders 
der  Verfasser  des  Philopatris,  gerade  diese  Seite  seines  Stiles 


dem.  275  E  itpooxü^otc  jiot  outxpcv  itpöQ  id  o&c).    Ueber  den  sprichwört 
liehen  Gebrauch  vgl.  Th.  W.  Bein,  Sprichwörter  und  sprichwörtliche 
Redensarten  bei  Lucian.    Tübingen  1894.   S.  89. 

7e)  Alex.  9.  &  o  n  t  p  uvi  xfiv  tfcoopaviwv  «pooßX4rtovt*c. 

")  Nav.  19.  ol  ÖeX<ftvtc  aöx6  öicoööv-ctc  igoiooooiv  snl  t*jv  fty. 

")  De  Bali  40.  laöxa  id  'A^vaimv  dXlfat  «dvu  dslYuaioc 
ivtxa  ix  icoXXSv  xöv  «ocpaXtXstuivojv  ötijXfrov.  61.  85.  Tgl.  Pro  imag. 
21.  Tox.  85.  62.  Adv.  ind.  4.  Coht.  26.  Dreimal  findet  sich  übrigens 
dieae  küraere  Form  antitbetiacher  Natur  auch  bei  Aelian  (III,  812). 

*•)  Was  mehr  auf  zufälliger  Uebereinstimmnng  beruht,  ist  Ton 
keiner  Bedeotnng.  wie  c.  10  rrjv  rffc  $»pan»(occ  iXicida  =  De  salt.  4; 
c.  11  xpaxuispov  ^  xaxi  ttjv  iourtoO  TipoxtpVoiv  =  De  hist  conscr.  16; 
c.  17.  YpomjMtxalov  wpoTtfrsis  tjgtoo  =  Per.  16;  c.  20;  ttaooouivcov  täv 
dviapftv  xai  töv  ifiiwv  =  Char.  18.  Per.  41.  NaT.  41.  De  loctu  1;  c.  67 
Hra^av  ogtov  Ötj|iOo(^  ys-rxXo7ipsn(»«  =  De  bist  conscr.  26. 

*°)  Bratnba,  Citate  und  fieminiscenzen  aus  Dichtern  und  einigen 
spateren  Schriftetellern  bei  Lucian.    Eichstätt  1888.    8.  4. 


Conv.  7:  xai  intl  napf)A&E 
ÖTCegav^oravTO  7i<£vxec  xai  £8e- 

StOÖVTO         XCVa  TÖV  Xp6lXx6vü)V 

xai  öXü>;  {rcoG  &mo>rj[i£a  xö 
JtpÄYjJt*  yjv,  "Itov  6  d-aujiaaxöc 
oojinapwv.  . 

Char.  10:  xtjv  firjxipa  oico- 
oovxe;  eUxuaav  inl  xt]?  d7rV)vyji 
dtxpt  rcpoc  xo>  fepöv. 

Alex.  67:  xaöxa  öXlya  ix 

^Etwoa. 


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586  K.  Funk, 

Obertrieben  haben.  An  solchen  sprichwörtlichen  Redensarten 
finden  wir  nun  in  die  Erzählung  mitverflochten  £vi'7rcoi£  yt 
noal  c.  4  =  Rhet.  praec.  14.  Pseudol.  4  81),  ferner  das  häufige 
und  in  verschiedenen  Bedeutungen  verwendete  dbcpq>  x<j)  Sax- 
xuX(j)  c.  4  M),  dann  |xex<i  Xapttwv  xal  'A<f  poStxr^  auiffc  c.  10 Bl) 
und  endlich  X^PtT°5  'Arctxf);  jieaxa!  auvouatai  c.  6 8*).  Dazu 
kann  noch  gerechnet  werden  c.  12  flbcö  itmycovo;  xptvgatou  too: 
'f  1X00690^  8ß).  Für  die  Gewohnheit  Dichter  zu  citieren  finden 
wir  wenigstens  einen  Beleg  in  c.  10  xfy/  7cet{W>  tof;  xe^A6<Jtv 
iTcixa^o^ai.  Das  Citat  stammt  aus  Eupolis  (Demoi  trag.  6,  5), 
der  für  Lucian  6  xb>juxÖ£  zu  sein  scheint 86).  Ein  Stück  davon 
findet  sich  Nigr.  7  und  eine  Nachbildung  Scytha  11.  Diese 
Citate  haben  nicht  nur  das  an  sich,  daß  sie  Lucian  sehr  ge- 
läufig sind;  sie  werden  auch  mit  den  bei  ihm  üblichen  For- 
meln eingeführt.  So  steht  xaxa  x^v  rcapotuiav  c.  4  auch  Adv. 
ind.  28;  xö  xoO  Xoyou  c.  4  findet  sich  nicht  weniger  als  13mal 
und  xö  x(i>(uxöv  hat  seine  Analogien  in  Herrn.  86.  Apol.  14. 
De  salt.  80  (vgl.  Rein  S.  2).  Es  werden  also  die  oben  ange- 
führten Ueberein Stimmungen  vermehrt  und  verstärkt  zugleich 
Umgekehrt  ist  freilich  zu  konstatieren,  daß  unsere  Vita, 

81 J  Kein  S.  41  gibt  die  Erklärung  des  Wortes,  da«  Joost,  De  Lu- 
ciano <piXo|iilpq>.  Lötzen  1883.  S.  12  mit  Unrecht  auf  Homer  Z,  266 
AvItctoic  xepolv  zurückführt. 

")  In  dieser  Bedeutung  häufig  8.  Rein  S.  36.  Daß  bei  Zenobiu* 
(Schneiderin,  Corp.  Paroemiogr.,  Goettingen  1839  S.  24.  Cent  I,  61 
vgl.  auch  Diogenian  II,  5  Gent.  I,  29  und  Araenius  S.  37  Walz)  das 
Sprichwort  in  der  Fassung  unserer  Stelle  citiert  wird,  will  nichts  be- 
sagen. Die  Vulg&rhandachriften  haben  eine  weitgehende  Interpolation 
erfahren  (0.  Crusius,  Die  griech.  Parömiogr.  Philologenversammlung 
1834.  S.  228),  und  nur  Thomas  Magister  und  die  letzten  Parömiogr. 
haben  Sprichwörter  aus  Lucian  genommen,  die  regelmäßig  in  Athoua 
und  Laurentianus  fehlen  (0.  Crusius,  Analecta  eritica  ad  Parömiogr. 
Graec.  S.  102  vgl.  Kothstein  S.  89). 

"*)  Rein  S.  10.   Dazu  kommt  noch  flipp.  7. 

M)  Rein  S.  26.  Genau  entspricht  die  von  ihm  übersehene  Stelle  in 
Zeux.  2.  vgl.  De  merc.  cond.  36. 

")  Rem  S.  36.  Daß  auch  Dem.  28  ein  Sprichwort  gewesen  ist. 
das  nur  Ps.  Diogenian  VII,  95  mit  zwei  Gliedern  vorkommt,  ist  nicht 
unmöglich,  aber  dieselbe  Anschauung  für  c.  7  (Rein  S.  63)  äußerst 
unwahrscheinlich,  und  zwar  schon  deswegen,  weil  Lucian  selbst  nie 
Gebrauch  davon  macht. 

P.  Schulze,  Quae  raüo  intercedat  inter  Lucianum  et  Comico« 
Graecorum  poötas.  Berl.  1883.  S.  10.  Nebenbei  sei  bemerkt,  daß 
außer  Am.  48.49,  wo  K  allim  achus  ausdrücklich  genannt  wird,  den 
bezüglichen  Anspielungen  noch  Tim.  6  vgl.  Deor.  conc.  6  auf  Hymnus 
I,  6—9  zugefügt  werden  dürfte. 


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Untersuchungen  über  die  Lucianische  Vita  Demonactis. 


wie  wenig  andere  Schriften  (De  sacrif.  De  luctu.  Hipp.  Tgl. 
0.  Schmidt  S.  7),  arm  ist  an  Methaphern  und  Gleichnissen. 
Von  ausgeführten  Vergleichen  kann  nur  ein  einziger,  bei  Lu- 
cian  nicht  gerade  seltener  Tropus  genannt  werden,  welcher 
der  ärztlichen  Praiis  entnommen  ist  (c.  7  vgl.  a.  a.  0.  S.  92). 
Außerdem  lassen  sich  nur  noch  2  Fälle  von  Uebertragungen 
namhaft  machen,  welche  er  sonst  nicht  gebraucht,  und  zwar 
aus  dem  Münzwesen  der  nachklassische  (I,  370)  und  darum 
von  Lucian  durch  7capaxG7rcetv  ersetzte 87),  aber  specifisch  cy- 
nische  Ausdruck  Tcapaxopixretv  c.  5  und  aus  der  Staatsverwal- 
tung iipuTaveuetv  c.  9.  Das  Bild  vom  dtywv  in  c.  63,  auf  das 
Leben  angewandt,  ist  den  Griechen  zu  geläufig,  um  hier  mit- 
zuzählen. Der  Gebrauch  der  übertragenen  Bedeutung  von  ftp6- 
ßatov  als  Symbol  der  Dummheit  (vgl.  Asin.  33.  Herrn.  73. 
Alex.  15),  die  auch  in  c.  41  durchschimmert,  gehört  einem 
Ausspruch  des  Demonax  an. 

Nach  diesen  Ausführungen  ist  irgend  ein  Abhängigkeits- 
verhältnis zwischen  unserer  Vita  und  Lucian  zweifellos.  Das 
wird  nun  niemand  im  Ernst  behaupten  wollen,  daß  beide, 
Lucian  und  der  Verfasser  der  Biographie,  ein  gemeinsames 
Vorbild  benutzt  und  nachgeahmt  hätten.  Denn  eben  das  syn- 
kretistische  Verfahren,  das  sich  bei  beiden  kundgibt,  ist  es  ja, 
was  Lucian  in  ganz  besonderem  Maße  und  vielfach  im  Gegen- 
satz zu  seinen  Zeitgenossen  eigen  ist,  und  dessen  Erfindung  er 
für  sich  in  Anspruch  nimmt;  und  es  fällt  niemand  ein,  daran 
zu  zweifeln.  Ist  dem  so,  dann  ist  auch  die  andere  Möglichkeit 
ausgeschlossen,  daß  Lucian  von  dem  Verfasser  der  Biographie 
abhängig  wäre.  Dem  widerspricht  ja  schon  die  Zeit  der  Ab- 
fassung, welche,  wie  wir  später  sehen  werden,  nicht  vor  das 
Jahr  170  gesetzt  werden  kann.  Da  war  aber  bereits  eine 
Reihe  von  Schriften  Lucians  erschienen,  die  nicht  nur  dieselbe 
Sprache,  sondern  auch  dieselben  Parallelen  aufzeigen.  Es  sind 
mithin  nur  noch  2  Fälle  denkbar,  entweder  den  Verfasser  der 
Vita  von  Lucian  abhängig  zu  machen  oder  diesen  selbst  Ur- 
heber sein  zu  lassen. 

Gegen  die  erste  Möglichkeit  erheben  sich  aber  gewichtige 
Bedenken.    Wir  wissen  nämlich  nichts  davon,  daß  Lucian  noch 

Schaidt TS.  94. 


r,88 


K.  Funk, 


in  der  Blütezeit  der  zweiten  Sophistik  wie  den  meisten  anderen 
Sophifiten  die  Ehre  widerfahren  wäre,  znm  stilistischen  Vor- 
bild erhoben  zu  werden,  wie  ja  überhaupt  Eklektiker  nicht, 
leicht  nachzuahmen  sind  und  keine  Schule  zu  machen  pflegen  w). 
Der  eine  Alkiphron  macht  vielleicht,  allerdings  mehr  in  sach- 
licher Beziehung,  eine  Ausnahme  davon.  Außerdem  erweckt 
die  Schrift  durchweg  den  Eindruck  —  und  daran  ist  nie  ge- 
zweifelt worden  — ,  daß  sie  gleichzeitig  mit  den  Ereignissen, 
welche  sie  schildert,  oder  nicht  viel  später  entstanden  ist.  Und 
abgesehen  von  all  dem,  welch  ein  feiner  Beobachter  Luciani- 
scher  Gewohnheiten,  welch  ein  gewandter  Nachahmer  müßte 
der  Verfasser  gewesen  sein !  Er  hätte  es  fertig  gebracht,  einen 
Schriftsteller  zu  kopieren,  ohne  sich  irgendwie  zu  verraten! 
Denn  die  paar  Besonderheiten  können  nicht  sonderlich  ins  Ge- 
wicht fallen;  man  wird  schwerlich  eine  echte  Schrift  Lucians 
finden,  die  nicht  Beispiele  in  dieser  Beziehung  bietet.  Man 
denke  nur  an  die  Untersuchungen  über  Toxaris  und  De  Para- 
sit» von  Guttentag  und  Bieler!  Die  unzweifelhaft  unechten 
Dialoge  Ch aridem  und  Philopatris  tragen  da  schon  ein  anderes 
Gepräge.  Es  ist  eben  nicht  Gewohnheit  der  Nachahmer,  die 
entdeckten  Eigentümlichkeiten  ihres  Vorbildes  mit  Diskretion 
zu  gebrauchen.  Vorteilhaft  sticht  davon  die  Vita  Demonactis 
ab.  Ein  Blick  auf  die  Parallelstellen  zeigt  das  deutlich.  Auf- 
fallend genug  sind  sie  nicht  einer  einzigen,  sondern  mehreren 
Schriften  Lucians  entnommen,  und  auch  da  haben  wir  kein 
sklavisches  Ausschreiben.  Es  wird  nicht  einfach  eine  Stelle 
ausgehoben,  sondern  verschiedene  aus  verschiedenen  Schriften 
werden  zusammengearbeitet  mit  freier  Verfügung  und  voll- 
ständiger Unterordnung  des  wörtlichen  Ausdrucks  unter  den 
Gedankeninhalt.  So  werden  wir  also  unwillkürlich  auf  Lucian 
selbst  hingewiesen89). 

Dagegen  streiten  nicht  die  verhältnismäßig  vielen  Wieder- 
holungen. Derartiges  darf  man  bei  Lucian  nicht  schwer  neh- 
men.   Sein  AtticiBmus  ist  in  enge  Grenzen  eingeschlossen.  Be- 

M)  II.  311.   Rohde,  Gr.  R.  S.  826». 

")  Wäre  Thimmes  Beobachtung  S.  10  richtig,  daß  die  Rhetoren 
'Pmpotot  im  Gegensatz  zu  den  Historikern  dieser  Periode  ohne  Artikel 
schreiben,  so  stimmte  dieser  Gebrauch  in  c  18  und  40  mit  unserem 
Schlüsse  überein. 


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Untersuchungen  über  die  Lucianiacbe  Vita  Demonactis.  589 

stimmte  Gedanken  werden  auch  immer  mit  einem  bestimmten, 
nicht  selten  mit  dem  gleichen  sprachlichen  Ausdruck  wieder- 
gegeben. Davon  bot  die  obige  Zusammenstellung  Beispiele 
genug90).  So  wird  man  also  in  diesen  Wiederholungen  eher 
ein  Zeichen  mehr  für  die  Echtheit  erkennen  dürfen91).  Der 
Rhetor  war  eben  gewohnt,  des  öfteren  bald  da,  bald  dort  seine 
Arbeiten  öffentlich  vorzulesen,  und  da  war  es  klar,  daß  bei 
solchen  öfteren  Wiederholungen  die  einzelnen  Ausdrücke  und 
Wendungen  mehr  im  Gedächtnis  haften  blieben  und  in  ihrer 
Verbindung  ein  gewisses  festes  Gepräge  bekamen.  Bot  sich 
nun  dem  Schriftsteller  eine  passende  Gelegenheit,  so  war  es 
nicht  zu  vermeiden,  daß  sie  ihm  unmerklich  in  die  Feder 
kamen. 

3.  Sachliche  Untersuchung. 

Die  sprachliche  Untersuchung  der  in  Frage  stehenden 
Schrift  dürfte  nicht  nur  die  handschriftliche  Ueberlieferung 
begreiflich  gemacht,  sondern  auch  ihre  Glaubwürdigkeit  ver- 
stärkt und  bestätigt  haben.  Indes  muß  nicht  dennoch  aus 
sachlichen  Gründen  die  Urheberschaft  Lucians  bestritten  wer- 
den? Bernays  glaubte  dies  tun  zu  können  auf  Grund  der  Stel- 
lung Lucians  zur  cynischen  Schule.  Von  der  Voraussetzung 
ausgehend,  daß  Lucian  mit  der  Schrift  Vit.  auct.  zum  offenen 
und  feindseligen  Angriff  gegen  die  Cyniker  übergegangen  sei, 
so  daß  ihm  von  da  an  der  echte  Cynismus  noch  unleidlicher 
gewesen  als  der  erheuchelte  (a.  a.  0.  S.  42),  fand  er  natürlich 
für  die  Biographie  eines  Demonax  nach  Vit.  auct  keinen  Platz 
mehr,  und  da  sie  vorher  nicht  eingeschaltet  werden  konnte, 
so  war  ihr  Urteil  gesprochen.  Allein  wir  haben  einmal  in 
Demonax  keinen  Cyniker  von  der  strengen  Observanz  vor  uns, 
sondern,  was  ihm  ja  eben  zum  Vorwurf  gemacht  wird  (vgl. 
Dem.  21),  einen  Eklektiker,  der  nur  stark  zur  cynischen  Rich- 
tung hinüberneigt,    Sodann  darf  man  Lucians  Aeußerungen 


«■)  In  diesem  Sinn  sind  die  peranjrusti  fines  (Fr  i  tische  III,  2,  LXXVIII) 
xu  verstehen,  ein  Urteil,  das  Schmidt  8.  5  mit  Unrecht  so  „ unbegreif- 
lich* findet 

01)  Aus  diesem  Grand  ist  die  Polemik  Bielers,  De  paras.  S.  22  und 
3  Anm.  3  gegen  Guttentag  vollauf  gerechtfertigt. 


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590  K.  Funk, 

4 

über  seine  philosophischen  Neigungen  nicht  allzu  buchstäblich 
nehmen,  wie  das  außer  Bernays  noch  Fr.  H  2,  XXIV  und 
bes.  XXVI,  1  in  einer  durchaus  unberechtigten  Stellungnahme 
gegen  die  richtigen  Bemerkungen  von  Chlebus  S.  85  getan 
hat.  So  wenig  der  Satiriker  selbst  jemals  eigentlicher  Plato- 
niker  oder  Skeptiker  oder  Epikureer  war,  so  wenig  ist  er,  wie 
Vahlen91)  gegenüber  Bernays  überzeugend  nachgewiesen  hat. 
jemals  Cyniker  oder  ausgesprochener  Feind  gerade  der  cyni- 
schen  Sekte  gewesen.  Er  hat  zu  den  philosophischen  Rich- 
tungen seiner  Zeit  eine  viel  zu  selbständige  Stellung  einge- 
nommen, und  so  stellt  auch  die  Sympathie  des  alternden  Schrift- 
stellers für  die  epikureische  Weltanschauung  der  Abfassung 
einer  Demonaxbiographie  kein  Hindernis  entgegen.  Das  muß 
allerdings  zugegeben  werden,  gerade  die  schärfsten  Angriffe 
sind  gegen  einzelne  Vertreter  der  cynischen  Schule  gerichtet. 
Aber  ich  möchte  darin  eigentlich  nicht  so  sehr  einen  Beweis 
für  seine  Antipathie  an  sich,  als  für  das  Gegenteil  sehen.  Wie 
schon  Diogenes  ein  Gegner  der  ersten  Sophistik  war  9S),  so  wa- 
ren auch  in  der  zweiten  Sophistik  wiederum  die  Cyniker  die 
geschworenen  Feinde  dieser  Künsteleien  (I,  72.  73).  An  ihnen 
fand  also  Lucian  willkommene  Bundesgenossen  in  seinem  ei- 
genen Kampfe  gegen  die  Sophisten,  und  war  dann  sein  Aerger 
nicht  begreiflich,  wenn  er  unter  ihnen  so  viele  schlechte  Ele- 
mente sehen  mußte,  welche  der  Ehre  dieser  philosophischen 
Richtung  Eintrag  taten?  So  stellt  z.  B.  in  Fug.  die  Beschwerde 
führende  Philosophie  die  Sache  so  dar,  daß  nur  das  Erschei- 
nen der  Cyniker  ihr  längeres  Verweilen  auf  Erden  veranlaßt 
habe  (c.  11),  daß  diese  nun  allerdings  die  all  erschlimmsten 
seien  (c.  16),  und  so  die  Philosophie  überhaupt  bei  den  Laien 
in  Mißkredit  komme  (c.  21).  In  Bis  acc.  33  ferner  nimmt  er 
gar  keinen  Anstand,  offen  zu  sagen,  was  er  dem  ximau-ös  ver- 
danke, und  er  bleibt  bei  der  Vit.  auct  nicht  stehen.  Diese 
ist  ihm  nur  ein  Vorspiel  zu  einer  Hauptaktion;  fürchtet  ja 

*-)  Vahlen,  Index  lectionum  universitatia  Berol.  1882/83  S.  4  ff. : 
vgl.  Schmid,  Phil.  50,311;  Bruns,  Luciana  philosophische  Satiren  im 
Rh.  M.  43,  86 ff.;  Rohde.  Gr.  Rom  S.  191*;  Croiaet  S.  80 ff.  und  103 
und  neuerdinga  K.  Pr&chter.  Arch.  f.  Philoaophie  XI  (1898)  S.  505. 

••)  E.  Weber,  De  Dione  Chrysoatomo  Cynicornm  aectatore  in  Leipz. 
Stud.  X  (1887),  m. 


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Untersuchungen  Aber  die  Lucianiache  Vita  Demonactis.  591 

doch  der  Käufer  des  ßt'o£  IIovtixcs  sofort,  wegen  Menschen- 
raubs verklagt  zu  werden  (xad  npooxaXeoTjTai  ae  k$  "Apetcy 
7tayov  c.  7).  Das  geschieht  nun  auf  dem  genannten  Schau- 
platz in  der  Palinodie  Pisc.  Da  wird  aber  der  am  meisten 
mitgenommene  Diogenes  ausdrücklich  in  die  Ehrenerklärung 
mit  einbezogen  (Vahlen  S.  8  ff.),  und  genau  zwischen  den  gu- 
ten und  schlechten  Parteigängern  unterschieden.  Ja  er  be- 
zeichnet es  hier  geradezu  als  seine  Lebensaufgabe,  nicht  nur 
die  Heuchler  zu  entlarven,  sondern  auch  die  echten  Philoso- 
phen mit  dem  Ruhmeskranz  zu  schmücken  (Pisc.  46.  52).  Er 
fügt  zwar  hinzu,  es  werde  wohl  weniger  Kränze,  aber  vieler 
Kauterien  bedürfen ;  das  schließt  indes  mindestens  nicht  aus  — 
wenn  es  nicht  mehr  besagen  sollte  — ,  daß  er  nicht  sein  Wort 
eingelöst  hat  M)  und,  nachdem  er  das  eine  redlich  besorgt, 
auch  an  die  Aufgabe  herangetreten  wäre,  das  Lebensbild  eines 
wahren  Philosophen  zu  zeichnen,  zumal  da  er  nirgends  leugnet, 
daß  es  auch  solche  noch  gebe. 

Was  könnten  und  müßten  wir  nun  in  einer  derartigen 
Lebensbeschreibung  erwarten?  Die  ganze  Naturanlage  Lucians, 
die  ihn  nie  unparteisch  die  Erscheinungen  seiner  Zeit  betrachten 
ließ,  die  Reizbarkeit  seines  Urteils,  mit  dem  er  alles  nach  den 
Grundsätzen  des  praktischen  Verstandes  und  des  guten  Ge- 
schmackes maß,  legen  von  vornherein  die  Vermutung  nahe, 
daß  sein  Ideal philosoph  in  seinem  Entwicklungsgange,  seiner 
Stellung  zu  den  Zeitgenossen  und  den  zeitgenössischen  Ge- 
wohnheiten und  Bestrebungen  von  den  von  ihm  selbst  gestellten 
Anforderungen  nicht  abgehen  werde.  Das  Verhältnis  des  posi- 
tiven Teils  der  Schrift  De  bist,  conscr.  zu  den  voraufgehenden 
negativen  Ausführungen,  sowie  dessen  sprachliche  Berührungen 
mit  diesen  (vgl.  Passow.  S.  15  und  8)  lassen  nicht  zweifeln, 
daß  auch  hier  sachliche  Anklänge  und  Uebereinstimmungen 
sich  finden  werden,  und  daß  wir  wohl  kaum  mehr  darin  suchen 
dürfen  als  eine  Uebertragung  des  anderwärts  negativ  Aus- 
gesprochenen in  die  Position.  Das  wurde  denn  auch  auf  das 
bestimmteste  ausgesprochen96),  und  Schwarz  (S.  592—94)  hat 

94 )  Bruns  S.  175  sieht  hierin  ein  Zeugnis,  das  bei  Beurteilung  des 
Demonax  wohl  zu  beachten  sei. 

M)  A.  Jenni,  Beitrage  zum  Verständnis  der  Schriften  Lucians. 
Frauenfeld  1876.    S.  10. 


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f>92 


K.  Funk, 


dies  für  mehrere  Züge  durch  Vergleichung  der  Vita  mit  Fug. 
12—21  festgelegt.  Sein  Fehler  war  nur  der,  daß  er  bloß  hier 
Holche  Uebereinstimmungen  zu  finden  meinte;  sie  zu  vervoll- 
ständigen aus  anderen  Schriften  soll  jetzt  unsere  Aufgabe  sein. 

Das  Ziel  aller  Philosophie,  die  euoaijxovta,  legen  die  Cy- 
niker  in  die  größtmögliche  Bedürfnislosigkeit  Das  uijoevo; 
aXXoo  itpooSea  elvai  kennzeichnet  den  wahren  Philosophen 
und  ist  zugleich  die  Grundvoraussetzung  für  die  echte  und 
vielgerühmte  eXeudspta  xai  rcappKjota.  Durch  solche  Bestim- 
mung des  Weges  zur  Glückseligkeit  ist  das  Schwergewicht 
in  der  cynischen  Schule  vor  allem  auf  das  Gebiet  der  Praxis 
gelegt.  Der  Maßstab  also  für  die  Beurteilung  eines  Cynikers 
ist  die  Ueberein8timmung  zwischen  Lehre  und  Leben,  und  dies 
ist  auch  das  Kriterium,  welches  Lucian  bei  der  so  überaus 
schwierigen  Brandmarkung  der  äußerlich  nicht  unterscheidbaren 
(Herrn.  18),  oft  im  Vergleich  mit  den  wahren  Philosophen 
weit  echter  erscheinenden  (Pisa  42),  aalglatten  und  einer 
Prüfung  ausweichenden  (Fug.  15)  Vertreter  des  Cynismus  einzig 
und  allein  in  Anwendung  bringt.  Auf  diesem  Motiv  beruht 
überhaupt  Pisc.  und  Fug.,  und  an  zahlreichen  Stellen  z.  B. 
Ic.  30.  31.  Bis  acc.  21.  Paras.  43.  52.  Per.  42.  8.  Eun.  3. 
Fug.  19.  Pisc.  35.  45  und  bes.  31  wird  den  unwürdigen  Ele- 
menten nichts  anderes  zum  Vorwurf  gemacht  als  der  grelle 
Widerspruch  zwischen  Reden  und  Handeln.  Er  gebraucht 
sogar  dieses  Beweismittel  so  oft  und  so  gerne,  daß  er  sich 
selbst  einmal  veranlaßt  sieht,  eine  besondere  Schrift  zu  ver- 
fassen, nur  um  der  Anwendung  dieses  Grundsatzes  auf  sein 
eigenes  Leben  zu  entgehen  und  sich  gegen  die  Anschuldigung 
der  höchsten  Inkonsequenz  zu  verwahren  (vgl.  Apol.  1  itoXXtj 
il  Sta^iDvfa  xoö  vöv  ߣoo  rcpö;  xö  ouyypan|ia). 

Was  wir  so  voraussetzen  müssen,  das  trifft  auch  wirklich 
für  die  Biographie  des  Demonax  zu.  Die  Uebereinstimmung 
von  Theorie  und  Praxis  wird  im  Anfang  aufs  nachdrücklichste 
betont  mit  den  Worten  dve7ciX^7CT<p  ߣq>  xpü>H6V0C  xai  xoiz 
dxououot  7capa5etyjia  naplxuiv  xijv  eauxoö  yv&UTjv  mal  xty  ev 
<ptXooosp(qt  dXVjfreiav  c.  3;  im  weiteren  Verlauf  wird  sie  durch 
verschiedene  Zeugnisse  belegt.    Wie  sich  Demonax  stets  in 


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Untersuchungen  über  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  593 


Uebereinstimmnng  mit  seiner  Lehre  setzt  (c.  4),  so  beurteilt 
er  auch  andere  darnach  (c  48.  56). 

Für  ihn  ist  übrigens  die  Konsequenz  schon  durch  die 
äußeren  Verhältnisse  von  Jugend  an  sicher  gestellt.  In  scharfem 
Gegensatz  zu  Fug.  12  (umpöv  ydp  xt  xö  qpOXov  £v&pu>TCu>v  xod 
6>;  xö  710XO  SouÄtxöv  oö  Suyyevo jievov  ^jiTv  ex  tcqu- 
8o)v  urc'  iaxoXt«;)  steht  das  Verhalten  des  Demonax,  der  da 
ex  7cat5ü)v  eöftus  xextvrjuevo;  c.  3  sich  der  Philosophie 
weiht.  Es  ist  eben  nicht  die  Not  des  Lebens,  die  ihn  in  die 
Reihen  der  Cyniker  treibt,  im  Gegenteil,  er  ist  oö  xöv  dcpavöv, 
öoa  et;  xxfjatv  xai  icoXcxixöv  d^twpwc  c.  3.  Er  hätte  eine  be- 
deutende Rolle  im  Staate  oder  unter  den  Sophisten  (vgl.  Rohde, 
Gr.  R.  293*,  4)  spielen  können,  aber  er  verzichtete  freiwillig 
auf  seinen  Besitz  und  sein  Ansehen,  und  mit  einer  gewissen 
Absichtlichkeit  ist  diese  Tat  in  c.  3  zweimal  ausgesprochen. 
Wie  ganz  anders  wird  dem  gegenüber  Peregrinus  geschildert! 
Auch  dieser  verzichtete  ja  zu  Gunsten  seiner  Mitbürger  auf 
sein  Vermögen.  Aber  zunächst  beeinträchtigt  Lucian  das 
Rühmliche  der  Handlungsweise  durch  die  Bemerkung,  daß 
das  Vermögen  gar  nicht  5000,  sondern  nur  15  Talente  be- 
tragen habe.  Dann  ist  ihm  daran  gelegen,  selbst  diesen  kleinen 
Verzicht  möglichst  unfreiwillig  erscheinen  zu  lassen;  Peregrinus 
habe  nämlich  nicht  anders  einer  Anklage  wegen  Vatermords 
entgehen  können  und  darum  habe  er  gleich  nach  Abwendung 
der  Gefahr  alles  wieder  rückgängig  machen  wollen  (vgl.  Per. 
14.  15). 

Auch  auf  geistigem  Gebiete  betätigt  Demonax  das  u,yjoev&; 
aXXou  rcpoooEÄ  etvai.  Ohne  äußeren  Antrieb,  aus  reiner  Liebe 
zur  Wahrheit  kam  er  zur  Philosophie  (e£  eji<p6xou  7tpÖ£  <ptXo- 
ooqptav  gpu>xoc  c.  3),  aber  nicht  ohne  Vorbildung  (c.  4),  wieso 
manche  anderen  Cyniker  (vgl.  Fug.  13).  Er  genoß  durchweg  die 
Bildung  der  Vornehmen  (vgl.  Anach.  21).  Trotz  der  allgemeinen 
Vorliebe  der  Cyniker  für  die  Dichterlektüre  als  Erziehungsmittel M) 
dürfte  es  aber  nicht  unwichtig  sein,  daß  er  den  Dichtern  ein 
gründliches  Studium  widmete  (c.  4)  und  mit  einem  Dichterwort 
auf  den  Lippen  aus  diesem  Leben  scheidet  (c.  63) ;  denn  gerade 

»•)  Nach  Diog.  Laert  VI,  31  leitete  Diogenes  so  den  Unterricht 
bei  dem  Sohne  de«  Xeniudes  ein. 


594 


K.  Funk, 


auf  die  Lektüre  der  Dichter  hat  Lucian  besonders  viel  gehalten. 
Wenn  er  alles  verspottet,  die  Dichter  sind  davon  ausgenommen, 
und  wo  es  scheinbar  geschieht  (Hes.  5.  Ver.  hist.  II,  20), 
trifft  sein  Spott  nur  die  alexandrinischen  Kritiker  mit  ihrer 
Gelehrsamkeit.  Die  Poesie  war  Demonax  ebenso  wie  Lucian 
eine  Vorschule  für  die  Rhetorik  (c.  4)97),  und  diese  verband 
er  in  gleicher  Weise  mit  der  Philosophie  (a.  a.  O.).  So  steht 
er  zum  Teil  auf  dem  Standpunkt  der  Popularphilosophie  nach 
Art  Dio8  und  wohl  auch  Favorins;  denn  was  er  an  diesem 
auszusetzen  hat,  ist  eigentlich  nicht  die  Verbindung  von  Rhe- 
torik und  Philosophie98),  sondern  nur  tö  iiuxexXaouivov  twv 
ueXöv  (c.  12). 

Daneben  vernachlässigte  er  aber  nicht  die  körperliche  Aus- 
bildung, das  8tarcovetv  xod  yuu.vd£etv  tö  oö>u,a  (c.  4  vgl.  Weber 
S.  136  ff.),  was  ganz  im  Sinne  Lucians  ist.  In  Anach.  nimmt 
er  ja  eigens  die  gymnastischen  Uebungen  in  Schutz,  und  an 
Nigrinus  weiß  er  nicht  genug  xüv  yuu.vaat(öv  tö  ouu,ji6Tpov 
(Nigr.  26)  zu  loben.  Nur  für  einseitige  Leibesübung  hat  er 
keinen  Sinn,  dagegen  eifert  er  Hdt.  8.  Dial.  mort.  X  und 
Char.  8  in  echt  cynischer  Weise09).  Diesen  ganz  und  gar 
cynischen  Standpunkt  teilt  Demonax  und  trifft  auch  darin  mit 
ihm  zusammen,  daß  er  in  derselben  feinen  Weise  die  Erziehungs- 
methode der  Lacedämonier  (c.  46  vgl.  Anach.  88.  39)  und  der 
von  Nigrin  (Nigr.  27  vgl.  Ic.  16)  getadelten  Philosophen  ver- 
urteilt. 

Geht  indes  auch  Demonax  seine  eigenen  Wege,  so  ist  er 
doch  nicht  unbekannt  mit  den  wissenschaftlichen  Größen  der 
damaligen  Zeit  und  ihren  Lehrmeinungen  (c.  3).  Sollte  es  nun 
bloßer  Zufall  sein,  wenn  gerade  diejenigen  ausdrücklich  erwähnt 
werden,  welche  vor  Lucians  kritischem  Auge  Gnade  finden, 
und  wenn  neben  bekannteren,  von  ihm  mit  Auszeichnung  ge- 
nannten Namen  wie  Epiktet  (O-auu^atö;  «rlptov  Adv.  ind.  13 
vgl.  Per.  18)  und  Demetrius  (Adv.  ind.  IG.  De  salt.  63)  auch 
sonst  unbekanntere  genannt  werden,  die  aber  eben  bei  ihm 

S.  Lex.  22.  Fast  alle  Cyniker  waren  in  der  Beredsamkeit  be- 
rühmt, vgl.  Weber  8.  198  ff.,  209  ff. ;  Diog.  Laert  VI,  75  wird  ausdrück- 
lich die  ^aojjwurrij  «st&6>  des  Diogenes  hervorgehoben. 

98)  Vgl.  dagegen  Schmid,  Att  I,  187. 

••)  Vgl.  Heinze,  Anacharsis.    Philol.  L,  358  ff. 


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Untersuchungen  Ober  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  595 


sich  eines  gewissen  Ansehens  erfreuen?  Es  sind  das  Timo- 
krates  und  Agathobulus;  Schüler  des  ersteren  sind  die  ouv- 
aywvtaxai  gegen  Alexander  von  Abonuteichos  (Alex.  57  vgl.  De 
salt  69),  bei  letzterem  lernt  Peregrinus  xtjv  d-au^iaaxTjv  dioxTjaiv 
(Per.  17).  Dabei  ist  zu  beachten,  daß  Demonax  allerdings 
ihre  Lehrvorträge  hört,  aber  ohne  sein  eigenes  Urteil  ihrer 
Auktorität  gefangen  zu  geben.  Nicht  wie  Hermotimus  fängt 
er  gleich  an  auf  die  Worte  des  Lehrers  zu  schwören;  er  stu- 
diert entsprechend  den  Lucianischen  Vorschriften  die  einzelnen 
philosophischen  Systeme  und  bildet  sich  seine  eigene  Philo- 
sophie 10°). 

Und  welcher  Art  ist  nun  diese?  Stimmt  sie  mit  den 
sonstigen  philosophischen  Neigungen  Lucians  überein?  Demo- 
nax selbst  nennt  in  der  Antwort  auf  die  Frage,  welcher  von 
den  Philosophen  ihm  am  meisten  zusage,  Sokrates,  Diogenes 
und  Aristipp  (c.  62).  Den  Sokrates  wertet  er  am  höchsten 
durch  den  bedeutsamen  Ausdruck  a£ßo>  (vgl.  Vahlen  S.  14 
Anm.).  Auch  Lucian  erwähnt  ihn  nicht  nur  wiederholt  mit 
aller  Ehrfurcht,  er  weiß  auch  die  Uebertreibungen  des  Thea- 
genes in  seiner  Lobrede  auf  Peregrinus  nicht  treffender  zu 
kennzeichnen  als  dadurch,  daß  jener  den  Peregrinus  nicht  mit 
Diogenes,  nicht  mit  dessen  Meister  Antisthenes,  ja  nicht  ein- 
mal mit  Sokrates,  sondern  bloß  mit  Zeus  vergleichbar  hielt 
(Per.  5).  So  sehr  jedoch  Demonax  den  Sokrates  nachahmt, 
eines  eignet  er  sich  bezeichnenderweise  nicht  an,  die  echt 
sokratische  Ironie.  Da  geht  wieder  sein  Geschmack  mit  Lucian 
zusammen,  der  zwar  die  Ironie  benutzt,  aber  in  ganz  anderer 
Weise  als  Sokrates,  nicht  zur  Belehrung,  sondern  zur  Unter- 
haltung 10 1).  Bei  ihm  ist  sie  daher  nie  mißverständlich,  wäh- 
rend Sokrates  nicht  ohne  einen  diesbezüglichen  Tadel  wegkommt 
(Dial.  mort.  XX,  5).  Man  wird  also  auch  nicht  fehl  gehen, 
in  Paras.  eine  Parodie  der  somatischen  Methode  zu  vermuten 
(vgl.  I,  219  und  Anm.  5). 

Für  die  Regel  tritt  bei  Lucian  an  die  Stelle  der  feinen 


,t0)  Dem.  8  vgl.  mit  Herrn.  SO.  46.  48.  Daß  die  Dem.  4  aufge- 
stellte Tatsache  nach  Herrn.  48.  49  eigentlich  unmöglich  ist,  hat  keine 
Bedeutung. 

Vgl.  Zeller,  Philosophie  II,  2»,  88  und  Chabert  S.  211. 

Philologu«,  SuppUmentband  X,  ritxU»  Heft  39 


596 


K.  Punk, 


sokratischen  Ironie  der  Scherz  der  Komödie  (Bis  aec.  33.  34), 
und  dementsprechend  neigte  auch  Demonax  mehr  dem  derberen 
Humor  des  Diogenes  zu.  Diesen  ahmte  er  außerdem  im 
Aeußeren  nach  (c.  5).  Es  spottet  zwar  der  Satiriker  über  die 
cynische  Tracht  bis  zum  Ueberdruß  oft,  aber  an  manchen 
Orten  klingt  es  doch  wie  eine  Art  Zugeständnis  durch.  Denn 
abgesehen  davon,  daß  er  Menipp  (Dial.  mort.  I,  1;  X,  2; 
XX,  1,  3),  Diogenes  (Vit  auct.  7.  8)  und  den  Cyniskus  (Cat.  14) 
in  solcher  Ausstattung  auftreten  läßt,  legt  er  Hermes  in  Bis 
acc.  8  die  bedeutsamen  Worte  in  den  Mund:  atöot  toO  ax^aio* 
u€xptü)t£pa  8iau.apxavouciv 102).  Was  er  verurteilt,  sind  die 
Auswüchse,  welche  nur  den  Zweck  haben  aufzufallen,  und 
diese  tadelt  Demonax  ebenso  unbarmherzig  (c.  19.  48). 

So  war  also  Demonax  im  wesentlichen  ein  Cyniker,  aber 
es  ist  wohl  zu  bemerken,  gerade  von  der  Richtung,  welche 
am  meisten  Lucians  Beifall  hatte.  Von  den  verschiedenen 
Schattierungen  des  Cynismus  108)  gefiel  ihm  nämlich  diejenige 
besonders,  welche  der  cyrenaischen  Weltanschauung  sich  näherte 
und  sie  in  sich  verschmolz.  Zu  ihr  bekannte  sich  ja  Menipp 
mit  seinem  aristippischen  (Diog.  Laert.  II,  60)  Grundsatz  tö 
7tpoaiieoöv  eö  SiaxifreoO-at  (Ic.  31)  oder  xö  Ttapöv  eö  freu£vo£ 
7tapa§pau.elv  yeXwvxa  xa  noXkdt  (Nec.  21  vgl.  Dial.  mort.  X,  10 
und  Dem.  21),  also  derjenige,  welchen  er  als  höchstes  und 
unübertreffliches  Ideal  eines  wahren  Cynikers  selbst  über  Dio- 
genes stellt  und  in  seiner  schriftstellerischen  Tätigkeit  sich 
zum  Vorbild  nimmt.  Daraus  erklärt  sich  nicht  nur  eine  ge- 
wisse Bevorzugung  einerseits  der  cynischen,  andererseits  der 
epikureischen  Philosophie  und  die  Hochschätzung  des  Demokrit 
(Philops.  32.  Per.  45.  Alex.  17),  sondern  auch  die  Tatsache, 
daß  der  Cyniker  in  Iup.  conf.  bes.  c.  6  und  9  stark  epikureisch 
gefärbt  ist,  und  daß  der  Epikureer  Damis  in  Iup.  trag.  Worte 


*•*)  Aach  das  dürfte  beachtenswert  sein,  daß  er  das  Tragen  der 
ßavenjpict  im  Gegensatz  zu  Diog.  Laert  VI,  22,  28  nicht  auf  Dio- 

fe  n  e  s ,  sondern  auf  Antisthenes  zurückfahrt  (DiaL  mort. 
I,  3),  wie  Hyperides,  der  deshalb  von  Demonax  verspottet  wird,  sich 
als  Nachahmer  des  Antiathenes  bezeichnet  (Dem.  48). 

IM)  Bis  acc.  38  unterscheidet  er  selbst  zwischen  Menipp  und  Cy- 
nismus; aus  Fug.  17  weist  Dümmler,  Akademika  243,1  Quellen  ver- 
schiedener cynischer  Tendenzen  nach  vgl.  Hirzel  II,  191,  1 ;  321;  222  ff. 


Untersuchungen  Qber  die  Lucianische  Vita  Demonactig.  597 


redet,  die  ein  Epikureer  nicht  sagen  durfte 104).  Es  ist  darum 
gewiß  von  großer  Wichtigkeit,  daß  Demonax  neben  den  besten 
Philosophen  auch  Aristipp  nennt,  den  Lucian  feiert  und  mit 
Epikur  zusammen  zu  den  5oxtu.oi  <p:Xöao<pot  rechnet105),  und 
daß  er  echt  menippeisch  zwischen  Cyniker  und  Cjniker  unter- 
scheidet108). Ja  er  steht  nicht  an,  den  Thersites  als  xuvtx6v  ttva 
o^jirtfopov  c.  Gl  —  Lucian  bezeichnet  ihn  Adv.  ind.  7  als 
07}u.7)Yop6>v  —  zu  loben,  indem  er  offenbar  damit  sagen  wollte, 
die  Cjniker  seiner  Zeit  taten  besser,  nicht  den  Herakles  als  • 
ihr  Vorbild  and  ihren  Heros  auszugeben,  sondern  Thersites, 
jenen  homerischen  Schwätzer  und  jenes  einzigartige  Musterbild 
eines  schimpfenden,  frechen  Demagogen.  Diesen  Vergleich 
finden  wir  in  Fug.  30  verwendet.  Gerade  Herakles  ist  es  hier,  , 
der  mit  Herraes  zur  Aussonderung  der  schlechten  Cyniker  aus- 
oesandt  wird  und  so  gegen  ihrGebahren  protestiert;  die  Ver- 
gleichung  aber  mit  Thersites,  durch  welche  einer  der  Ent- 
laafenen  seinen  Herrn  treffen  will,  wird  auf  diesen  selbst 
zurückgewendet. 

Demonax  ist  keine  Thersitesnatur,  er  ist  keiner  von  jenen 
polternden  Cynikern,  ihm  kommt  nicht  das  falsche,  oft  gerügte 
Prädikat  eines  oxolrpomö;  zu  (vgl.  Vit.  auct.  7.  Pisc.  37).  In 
dieser  Hinsicht  wird  er  deutlich  als  ihr  Gegenbild  gezeichnet. 
So  kann  man  nicht  wohl  verkennen,  daß  der  Schilderung  des 
Cynikers  in  Ic.  31  StaiEt vonevo;  %%l  ßoöv  xal  xoLvrffop&v 
xö)v  ÄXXöv  genau  Dem.  7  oöSenwTcoTc  yoOv  öj<p{b)  xsxpaywf 
9}  öttepStaietvö  psvoc  9}  dyavaxxöv  oüS'  ti  lK\uy.3.v  xq)  Seot 
gegenübersteht107).    Das  ganze  Wesen  dieses  Idealphilosophen 

,M)  Vgl.  Bernays  S.  47;  Bruns  Rh.  M.  43,  175  und  893  ff. 

,w)  Ver.  bist.  II.  18  vgl.  Nec  13.  Paras.  8&  Wenn  Aristipp  frei- 
lich Dial.  mort.  XX,  4  und  Bis  acc.  23  hart  mitgenommen  wird,  so 
teilt  er  damit  nur  das  Schicksal  des  Diogenes  und  Sokrates.  Daß  er 
trotzdem  Lucians  Geschmack  zugesagt  hat,  dürfte  schon  aus  dem  He- 
benswürdigen und  angenehmen  Wesen  Aristipps,  fern  von  Eitelkeit 
und  Großtuerei,  und  namentlich  aus  seiner  Lebhaftigkeit  und  Liebe 
zum  Scherze  sich  erklaren.  Vgl.  Zeller  II,  l3,  266-67;  Hirzel  I. 
145,3. 

IM)  Vgl.  Hirzel  II,  819,5  gegenüber  E.  Wildenow,  De  Menippo 
Cjnico  Hai.  Sax.  1881.    S.  28. 

107)  Interessant  ist  auch  Vit.  auct  10  IxauAv  xp*l  ***  fy»ouv 

xal  Xotöopsto&ai  iiaatv  ig  Iotjc  xal  ßaoiXsöot  xat  Iömütoic*  o$xto$  yap  äxo- 
ßXicpovxat  ob  xal  avdpetov  ötcoXV^ovxoi  zusammengehalten  mit  Dem.  5 
oö  iwepaxocpdrcwv  rä  sie  öiattav,  &c  $aou«£oiTO  xal  awoßXsitotTO,  äXX' 
ftnaoiv  djioöiaitoc  5>v  x.  x.  X.  vgl.  Fug.  14. 

39* 


598 


K.  Funk, 


ist  heiter  (c.  9.  65),  wie  das  des  Menipp  (Dial.  mort  L,  1; 
X,  8),  Diogenes  (Nec  18)  und  des  Lucian  selbst  (Eun.  1  ael 
fjiev  yap  yaiopös  &v  Tuyx*vetCi  &  Aoxive  (vgl.  Herrn.  51.  53). 
Sein  Benehmen  und  seine  Gespräche  verraten  die  Künstlernatur, 
sie  atmen  attische  Grazie  (c.  6.  10),  und  er  versäumt  nicht 
bei  seinen  Reden  auf  den  sprachlichen  Ausdruck  zu  achten, 
was  bei  Lucian  außerordentlich  viel  gilt,  während  dagegen  in 
jener  karrikierenden  Charakteristik  Vit.  auct.  10  Diogenes  die 
Anweisung  erteilt:  ßapßapoc  54  ^  <p<i>W)  loxta  xa!  anrtfks  zb 
(pdiffia  xat  £t£Xvti>t  öu,oiov  xuvi  .  .  .  xai  SXa>;  ö^piwdrj  xa: 
dcypta  xa  7tavxa. 

Seine  feine  Art  zeigt  sich  vor  allem  im  Umgang  mit 
anderen.  Recht  schlagend  tritt  wiederum  der  Mahnung  des 
Diogenes  Vit.  auct.  10  8£ü>x«  Se  xa  7toXuavfrpü>7c6xaxa  xwv 
Xwpctov  xal  iv  aöxol;  xo6xot;  u.6vo;  xai  axoiv&vr/coc  e?vat  $eXe 
|itj  qptXov,  jjtf)  5^vov  7tpooteu£Vo;  *  xaxaXuat;  yap  xa  xotaöxa  xfj; 
apx^);  die  edle  Freundschaft  des  Demonax  entgegen  <p(Xoc  uiv 
änoLGi  xa!  oöx  £oxtv,  övxcva  oöx  ohtetov  £v6u.i£ev,  dvdpamoy 
ye  övxa  c.  10,  und  bezeichnenderweise  ruft  der  Käufer  des 
Bio;  üovxixö;  am  Schlüsse  dem  Diogenes  zu:  "Arcay« '  juapa 
yap  xai  oux  avfrpamva  Xeyei;,  denn  das  oux  dvfrptora^etv  ist 
eben  der  Vorwurf  des  Demonax  gegenüber  Peregrinus  (Dem.  21). 

In  bestimmter  Weise  wird  ferner  seine  Milde  und  Leut- 
seligkeit hervorgehoben  und  zwar  im  allgemeinen  mit  ähnlichen 
Worten,  wie  uns  Lucian  seinen  Freund  Celsus  zeichnet108). 
Ferne  steht  er  jenen,  welche  nur  schöne  Worte  über  die 
Freundschaft  haben,  in  der  Not  aber  versagen  und  einen  ihren 
Worten  entgegengesetzten  Standpunkt  einnehmen  (Pisc.  35), 
fern  auch  jenen,  welche  sich  um  alles  Mögliche  und  Un- 
mögliche kümmern,  aber  von  der  Pflege  eines  kranken  Freundes 
und  Bekannten  nichts  wissen  wollen  (Ic.  31  vgl.  c.  30);  er 
macht  sich  ihnen  nützlich,  ist  ihnen  zu  allem  Guten  behilflich 
(Dem.  8)  wie  Nigrinus  (c.  26)  und  zeigt  aufrichtige  Teilnahme 
an  ihrer  Krankheit  und  an  ihrem  Tod  (c.  10).    Selbst  wo  er 


1M)  Vgl.  Dem.  1.  3  mit  Alex.  61:  8v  iym  ftavTwv  (idXioia 
«•aujidaac  S  x  a>  v  kni  xs  aoqrfa  xal  ify  «  P  ö  C  dX^d-tiav  S  p  cd  t  t 
xal  xpönou  «paöxKjxt  xai  ircisixsla  xal  yaArjrg  {Jloo  xal  CaßtöxKjtt 


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I 


Untersuchungen  über  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  599 

tadeln  muß,  tut  er  es  mit  Nachsicht,  ohne  Zorn  und  ohne  zu 
poltern  wie  die  andern,  die  tü>v  äXXwv  xaxTjyopoöat  xai  Xoyouc 
xtv&€  7itxpoü;  oün^op^aavxe;  xai  Aot8opta<;  xtvas  £X|iefjteAerr)x6Te<; 
irctTtuöot  xai  dvgi5t£ouat  xol?  rcAijatov  (Ic.  30).  Diese  Grund- 
stimmung bewährt  sich  auch  in  dem  Mitleid  mit  den  Schmerzen 
seiner  Nebenmenschen  (c.  46.  57).  Wenn  man  gleich  auf 
griechischer  Seite  gegenüber  den  Gladiatorenkämpfen  größten- 
teils 109)  eine  ablehnende  Haltung  einnahm,  so  ist  es  doch  nicht 
unwichtig,  daß  Demonax  und  Lucian  in  der  Verurteilung  der- 
selben übereinstimmen.  Freilich  sind  die  uns  so  selbstverständ- 
lich erscheinenden  Gefühle  des  Mitleids  in  Anach.  37  nicht  so 
stark  betont  wie  Dem.  57,  dennoch  tritt  der  Abscheu  über  das 
unmenschliche  Schauspiel  in  den  Ausdrücken  fazocft  •  d^ptöSec 
yÄp  xal  5eivä>£  oxaiöv  xat  rapooexi  ye  ÄXuaiTeXfe;  zur  Geniige 
hervor. 

Endlich  ist  Demonax  kein  Thersites  im  Verhältnis  zum 
Staate  und  zu  den  römischen  Beamten.  Friedliebend  wie  er 
ist,  fordert  er  das  Volk  auf,  dem  Staat  das  Pflicht  mäßige  zu 
leisten  (c.  10);  deshalb  braucht  man  ihn  aber  nicht  gleich 
zum  Ideal  eines  guten  Staatsbürgers  zu  machen  (Jakob,  Cha- 
rakteristik Lucians  S.  21).  Aus  Patriotismus,  der  damals  nicht 
aufkommen  konnte  (Passow  S.  18),  geschah  es  wohl  nicht,  es 
ist  nur  das  passive  Sichergeben  in  die  Notwendigkeit,  wie  der 
Cyniker  überhaupt  aus  Klugheit  der  höheren  Gewalt  weicht 
Jedenfalls  steht  aber  mit  diesem  Zuge  Demonax  wiederum  im 
Gegensatz  zu  Peregrinus,  der  um  jeden  Preis  ein  politischer 
Märtyrer  werden  will  (Per.  18.  19.  vgl.  14).  Doch  wahrt  er 
sich  immer  noch  so  viel  Freiheit,  um,  wo  es  ihm  nötig  erscheint, 
mit  scharfer  Kritik  einzusetzen  (c.  30.  50).  Dabei  hält  der 
Verfasser  der  Vita  überhaupt  dieselbe  Gewohnheit  ein,  wie  sie 
Lucians  Werke  aufweisen,  daß  bald  die  Namen  der  Getadelten 
genannt,  bald  mit  feinem  Takte  verschwiegen  sind'10). 

Befremdlich  erschien  von  jeher  an  Lucian  die  völlige 

,M)  Vgl.  Friedländer,  Die  Gladiatorenkftmpfe  Rh.  M.  X,  576.  577. 
578,  3.  Lihanius  de  vita  sua  3  steht  mit  seiner  Bewunderung  fast  allein, 
da  Favorinus  den  Stoff  (Philostr.  V  8.  II,  11,  1  ff)  wohl  mehr  aus 
Neigung  zur  epideiktischen  Behandlung  verrufener  Themate  aufgriff. 

m)  Genannt  sind  sie  c.  12.  13.  19.  21.  24.  26  29.  30.  31.  40.  44. 
54.  55.  56;  verschwiegen  14.  18.  86.  38.  41.  48.  50.  51. 


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600 


K.  Funk, 


Gleichgiltigkeit  gegen  philosophische  Dogmen,  da  ja  bei  jedem 
philosophischen  System,  selbst  bei  dem  der  Cyniker  gewisse 
dogmatische  Voraussetzungen  nötig  sind,  um  den  das  Leben 
regelnden  Vorschriften  Begründung  und  Bedeutung  zu  geben. 
Nur  wer  Theorie  und  Praxis  verbindet,  verdient  seinen  Beifall; 
die  Theoretiker  sind  nur  oocptaxaf,  niemals  0090t  (Hipp.  1.  2 
vgl.  Eun.  5.  6).  Ja  er  steht  nicht  an,  das  theoretische  Wissen 
geradezu  als  hinderlich  für  ein  tugendhaftes  Leben  zu  erklären 
(Conv.  34.  vgl.  Herrn.  81 — 82.  Nec.  21),  die  töuöiat  sind  da 
den  gewöhnlichen  Berufsphilosophen  weit  überlegen,  und  der 
wahre  Philosoph  unterscheidet  sich  von  ihnen  nur  durch  eine 
tiefere  und  richtigere  Betrachtung  des  Irdischen  (vgl.  Nav.  40; 
De  luctu  2).  Kein  Wunder  also,  wenn  die  ethischen  Vor- 
schriften und  das  Handeln  darnach  bei  ihm  alles  gelten.  Genau 
dasselbe  Bild  gibt  uns  die  Lebensbeschreibung  des  Demonax. 
Sie  ist  ebenso  leer  an  großen  Ideen,  welche  das  Herz  er- 
heben und  zum  Guten  begeistern  und  damals  im  Stoicismus 
einen  so  beredten  Sprecher  fanden ;  diese  werden  ebenso  nur 
nebenbei  erwähnt  wie  in  den  echten  Schriften  Lucians.  Das 
Negative,  die  Kritik  am  Bestehenden ,  das  ist  der  Grundton. 
Echt  cynisch  11  *)  wird  von  beiden  Naturwissenschaft  und  Dia- 
lektik verworfen.  Die  Wünsche,  welche  Nav.  44  geäußert 
werden,  über  die  Natur  der  Sterne,  des  Mondes  und  der  Sonne 
etwas  zu  erfahren  und  et  tive;  ävcitioSec  V)(uv  otxoöot  tö 
vöxtov  xfj;  fffi  VjuiTou-ov  iyovxt$ ,  erscheinen  Demonax  nicht 
weniger  chimärisch  und  unnütz,  wie  aus  der  Antwort  hervor- 
geht, welche  er  in  derselben  Sache  einem  neugierigen  Frager 
gibt  (c.  22). 

Oft  genug  redet  sodann  Lucian  von  der  Dialektik  mit 
ihren  schlauen,  überraschenden  und  verfänglichen  Fragen  und 
Antworten,  die  den  Gegner  in  ein  künstliches  Labyrinth  ver- 
wickeln (Fug.  10),ia).  Wie  Demonax  c.  28,  so  macht  auch 
er  sich  lustig  über  solche,  die  nicht  klar,  sondern  höchst  rätsel- 
haft sich  ausdrücken  und  auf  vorgelegte  Fragen  äußerst  ver- 


m)  Vgl.  Diog.  Laert.  VI,  106:  dpsoxsi  aötotc  töv  Xoyixöv  xai  töv 
900«.xö>  xdicov  Twpiaiptiv,  jiövtp  &  7cap4x«*v  x$  T]&tx$  vgl.  Ic.  4 — 10.  80. 
DU1.  mort.  1,3.    Nec.  6.  21. 
.    »»)  Vgl.  Pisc  41.   Herrn.  7.  9.  Dial.  mort.  I,  1.   X,  8.   Conv.  23. 


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Untersuchungen  über  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  601 

worrene  Antworten  geben  (Iup.  trag.  27).  Wenn  jener  seinen 
Gegnern  gegenüber  die  Dialektik  je  verwendet,  so  ist  seine 
Absicht  dabei,  sie  auf  den  rechten  Gebranch  hinzuweisen.  So 
nimmt  er  einmal  c.  29  Gelegenheit,  auf  dialektischem  Wege 
die  Sinnlosigkeit  des  von  den  Atticisten  gerne  gebrauchten 
(II,  186),  sogar  auf  Inschriften  vorkommenden  (IV,  659,  62) 
Ausdrucks  7ipöxo;  %<d  jiovo;  zu  beleuchten.  Auffallend  genug 
ist  nun,  daß  von  da  an  mit  einem  Schlage  die  gerügte  Ver- 
bindung aus  der  Litteratur  verschwindet  Bereits  Aelian  nnd 
Philostratus  gebrauchen  sie  nicht  mehr.  Gewiß  hat  der  beste 
Kenner  der  atheistischen  Bewegung  a.  a.  0.  Recht,  wenn  er 
diese  Tatsache  mit  dem  Spott  des  Demonax  in  Verbindung 
bringt  und  darin  ein  Beweismoment  für  die  Abfassungszeit  der 
Schrift  findet.  Für  uns  aber  ist  der  Umstand  von  besonderer 
Bedeutung,  daß  auch  Lucian  geflissentlich  diesen  Ausdruck 
meidet,  ihn  Rhet.  Praec.  15  umschreibt  und  sich  nur  ein 
einzigesmal  Zeux.  2  —  aber  nur  in  einer  durchaus  ironisch 
gefärbten  Stelle  —  der  ähnlichen  Phrase  eis  *al  uovo;  bedient 
Der  einzige  positive  Gedanke,  der  zwar  durchaus  nichts 
Neues  und  den  anderen  philosophischen  Systemen  keineswegs 
fremd  ist,  der  aber  wegen  seiner  einzigartigen  Betonung  doch 
etwas  für  Lucian  Charakteristisches  bezeichnet,  ist  der  Gedanke 
an  den  Tod  und  die  Vergänglichkeit  alles  Irdischen  und  die 
dadurch  bedingte  Beurteilung  des  Lebens  und  der  Lebensgüter. 
Dieser  Gedanke  kehrt  in  einer  Reihe  von  Schriften  wieder  und 
bildet  geradezu  das  Grundthema  in  Dial.  mort,  Char.,  Nec., 
Cat.  und  Nav.  Er  ist  auch  das  einzige  Leitmotiv  in  der 
Philosophie  des  Demonax,  ausgesprochen  in  seinem  Lieblings-  , 
vers  aus  Homer  I,  820  (c.  60).  Bezeichnenderweise  finden 
wir  denselben  Vers  mit  einer  leichten  Parodie  in  Char.  22us) 
und  zwar  an  einer  Stelle,  die  am  meisten  eschatologisch  ge- 
färbt ist.  Mit  der  Erinnerung  an  die  Vergänglichkeit  alles 
Irdischen  hilft  er  seinen  Freunden  Glück  und  Unglück  ertragen. 
Ich  setze  die  Stelle  wegen  des  Nachfolgenden  hieher;  es  heißt 

IU)  Er  heißt:  xd-efrav'  öjaÖc  b  V  dTUjißoc  dvrjp  ö  x'  UXax«  TÖu£ot>, 
was  Joost,  De  Luciano  ?tXo(i^pq>  S.  14  entgangen  ist.  Entsprechend  der 
sonstigen  Gewohnheit  Lucians,  von  der  er  nur  einigemal  Alex.  57.  De 
hist.  conscr.  57  Muse,  enc.  5.  Ps.  Lac.  Charidem  4  abgeht,  ist  Homer  ohne 
ein  Epitheton  genannt. 


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K.  Funk, 


da  c.  8:  xoi>c  uiv  euxu^etv  5oxoGvxac£  aöx&v  utcc  u.£u.VTjaxev 
u>C  irc'  dXtyoxpo vtot;  xots  SoxoQotv  iyad-o^  ircatpo- 
p  e  v  o  u  s ,  xoi>;  8e  ^  nevtav  dSupopivouc  f)  qjoYTfv  6uoxepatvovxa; 

yfjpa;  i)  vooov  aftcwuivou;  oov  yeXwxt  rcape jiufrelxo  oüx 
öptövxag,  öxi  u*x£  u,cxpöv  aöxoi;  rcauoexai  uiv  xi  dvtövxa, 
Xifiri  Bi  xt;  dtyafröv  %al  xaxftv  .  .  .  xaxaX^exai.  Damit 

'  stimmt  ja  vollauf  überein,  was  Nigrinus  sagt  c.  26:  xouxcöv 
(sc.  dypftv)  uiv  qpöoet  oöSevoc  iaptev  xuptoi,  vopU]>  8£  xai  5ia- 
^°XD  T^lv  XP^atv  a^^v       dopuxov  JtapaXajißavovxec  dXtyo- 

■  xP^vl0t  8*eoic6x«i  vou.i£6u,eö-a114),  and  was  in  Nee  12 
von  Minos  erzählt  wird:  xatl  jxaXiaia  ixetveov  rjrcxexo  (vgl. 
Dem.  7)  xöv  ircl  TtXouxot;  xe  xal  dpxal;  x£xu<pü>u,£v(ov 
xal  |iovovoüxi  xai  Trpooxuvetaö-at  Tcepcu.evovx<üv,  xVjv  xe  dXiyo- 
Xpövtov  <iXa£6v6tav  aöxöv  xaJ  örccpotjrfav  jiuoaxxojievo; 
xai  öxt  |it)  £uiu,V7jvxo  &vt)xo(  xe  övxe$  xal  {tvtjxöv 
dyad-öv  xexox^xoxe^.  Aber  über  zwei  Gemütsbewegungen 
muß  der  Mensch  Herr  zu  werden  suchen,  wenn  er  zur  Rahe 
und  Freiheit  gelangen  will,  es  sind  Furcht  und  Hoffnung.  Oft 
genug  weist  der  Satiriker  auf  sie  hin.  Gerade  sie  werden 
Cbar.  18  weiter  ausgeführt,  während  eine  Reihe  anderer  lästiger 
Hausgenossen  des  Menschen  nur  mit  dem  Namen  genannt 
werden.  Freiheit  von  ihnen  wird  vor  allem  von  dem  Ge- 
schichtschreiber verlangt,  soll  er  eXeuÖ-epo;  xtjv  yvtbu^v  sein115). 
Ganz  nahestehend  in  der  Ausdrucks  weise  findet  sich  dieser  stoisch- 
cynische  Topos'16)  in  Alex.  8  verglichen  mit  c.  20.  Hier 
werden  ausdrücklich  die  genannten  2  Triebkräfte  als  Grund 
angegeben  für  die  Sucht  der  Menschen,  die  Zukunft  vorher- 
zuwUsen  und  für  ihren  schnell  bereiten  Glauben  an  Prophezei- 
ungen und  Orakel  (£a8t(ü$  xaxevorjaav  xöv  xöv  avfrpwiwdv  ßtov 
ötcö  8uotv  xouxoiv  luytaxotv  xupavvouuivuiv,  ^XtclSo;  xal  <p6ßou). 
Die  Folgerung  daraus  ist  die  an  unserer  Stelle  ausgesprochene 
Anschauung.  Wer  aber  von  Furcht  und  Hoffnung  frei  ist, 
der  kommt  mit  Menipp  (Dial.  mort.  XXVI,  2)  und  Demonax 

l")  Vgl.  Nigr.  4  7tpo^x^iJ  Y*P  •  •  •  xaxaYeXdoat  töv  8  tj  ja  o  a  f  <f  vo- 
lii£o(iivu>v  &  y  «  $  <5  v ,  xiw£  ös  xijioi  öoxoöotv. 

m)  De  bist,  conscr.  38  xatl  n^xs  ^oßsCodto  u^-w  iAiagitco 

Ökv  vgl.  c.  14  und  16. 

*  '•)  Darin  besteht  auch  für  Diogenes  die  *jöovi$  nach  Dio.  Chr.  or. 
VIII,  p.  i:*2ff.,  ahnlich  or.  XLIX,  9  f.  vgl.  Krsch  und  Grober  I  8ect.  25, 
43  und  Zeller  III,  2",  61  für  die  Skeptiker. 


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Untersuchungen  über  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  603 

(c.  25)  zu  dem  Schluß,  daß  nichts  für  äcp6p7jxov  anzusehen  ist, 
was  immer  an  Schicksalsschlägen  über  ihn  kommen  mag. 
Gegen  Ehren  und  irdische  Güter  ist  er  gleichgiltig.  Sie  be- 
deuten ihm  schon  während  des  Lebens  nichts  und  natürlich 
erst  recht  nichts  nach  dem  Tode.  Was  nützen  sie,  diese  hoch- 
ragenden Leichenhügel,  die  Säulen,  die  schön  gearbeiteten 
Pyramiden,  die  Bilder  und  Tempel  und  Inschriften,  die  gunst- 
buhlende Menschen  einem  Toten  errichten?  All  das  zerfällt 
allmählich  und  verschwindet,  ohne  daß  einer  sich  darum  küm- 
mert. Und  hätten  diese  Dinge  auch  noch  so  lange  Bestand, 
welchen  Genuß  könnten  sie  dem  gewähren,  der  überhaupt  alle 
Empfindung  verloren  hat?  (vgl.  Net.  40.  De  luctu  22.  Nec.  17). 
Wenn  nun  auch  zunächst  der  Spott  in  Dem.  44  dem  schlechten 
Dichter  gilt,  so  wird  doch  damit  die  Sucht 11 7)  gegeißelt,  sich 
durch  Epigramme  zu  verewigen.  Will  es  nun  nicht  viel  be- 
deuten, daß  der  Inhalt  unseres  Epigrammes  dem  Worte  ähnelt, 
mit  dem  Lucian  den  Peregrinus  ins  Feuer  springen  läßt  (c.  39 
gXtnov  r«v,  ßotvü)  8'  '(ttuu-irov) 118),  jedenfalls  ist  mit  der 
Ablehnung  einer  Denkmalsetzung  in  Olympia  die  wahre  Mei- 
nung des  Demonax  unzweideutig  ausgesprochen  (c.  58)  und 
vielleicht  nicht  ohne  Absicht  dies  und  die  einfache  Bekränzung 
des  Steins,  auf  dem  er  auszuruhen  pflegte,  als  Gegenstück  zu 
Peregrinus  und  seiner  Art  dargestellt119).  Gegenüber  dem 
Begräbnis  selbst  trägt  er  dieselbe  Gieichgiltigkeit  zur  Schau 
(c.  66),  die  an  Menipp  gerühmt  wird.  (Dial.  mort.  X,  13  vgl. 
XXIV,  S)iao). 

Aber  alle  diese  Todesgedanken  können  seinen  heitern  Sinn 
nicht  stören.  Der  Tod  ist  kein  Unglück,  das  man  fürchten 
muß.    Nach  unserem  Empfinden  möchten  wir  nun  vermuten, 

m)  Aeußerst  charakteristisch  sind  dafür  die  vielen  Epigramme  des 
Herode«  Attikus  auf  seine  geliebten  Toten  vgl.  Hertzberg  II,  399,  72 
und  Groag  b.  Pauly  s.  v.  Claudius  Atticus  III.  2-,  2677  ff. 

,w)  Vgl.  Crusius,  Ein  Tragikerfragment.  Philol.  (1*95)  54,  576. 
Lucian  befürchtete  Per.  41,  daß  schnell  aufgestellt  Wörden  »i- 
xövsc  noXXotl  rcapd  t»  xfi>v  'H  X  s  ( u>  v  aötöv,  irapd  xs  xt&v  dXXwv  ' EXXi)- 
vcov,  olg  xal  4*saxaXxsyat  iXtyw.  Das  ist  auch  wirklich  eingetroffen 
(vgl.  Bernays  S.  10).  Ueber  die  Unsitte  der  Denkmalsetzung  vgl.  Dio 
Chrys.  Or.  XXXI,  886  und  Friedlander  III,  166  ff. 

»")  Vgl.  Diog.  L  VI,  52.  79  und  Stob.  üor.  128,  11  (=  Mein.  IV, 
126),  Weber  S.  172.  Ueber  Chrysipp  und  Zeno  8.  Zeller  II,  1*,  227. 
III,  1«,  281,2. 


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604 


K.  Funk, 


daß  zum  Beweise  dessen  die  Unsterblichkeit  und  die  erfolgende 
Ausgleichung  im  jenseitigen  Leben  des  öfteren  betont  würde. 
Allein  es  wird  ausdrücklich  gesagt,  daß  es  mit  Lust  und 
Schmerz  nach  dem  Tode  überhaupt  aus  sei  (c.  8),  und  die 
Antwort  auf  die  Frage,  ob  die  Seele  unsterblich  sei  (c  32), 
fällt  so  aus,  daß  man  das  <S>;  r.dvT*  wohl  am  besten  mit  einer 
Stelle  Epiktets  erklären  wird,  welche  die  Unsterblichkeit  im 
Sinne  einer  persönlichen  Fortdauer  ausschließt1*1).  Damit 
harmoniert  Demonax  wieder  mit  Lucian,  der  sich  mehr  als 
einmal  über  den  Unsterblichkeitsglauben  lustig  macht ni).  Dem 
widerspricht  auch  Dem.  8  Xifyibj  oe  Tis  fltyafrtöv  xal  xaxöv  xa: 
iXEufrspta  u.axpa  rcavxas  ev  dXiycp  xaiaX^exat  so  wenig, 
daß  wir  es  vielmehr  hier  mit  einer  echt  lucianischen  An- 
schauung zu  tun  haben,  was  sogar  Wichmann  S.  845  be- 
hauptet, freilich  ohne  Beweis.  Das  Glück  des  Toten  wird 
nicht  nur  in  De  luctu  ausführlich  geschildert,  der  Cyniskus 
legt  in  Iup.  conf.  7  (vgl.  De  luctu  16  und  Dial.  mort.  XXVI,  2) 
gerade  von  diesem  Standpunkte  aus  Verwahrung  ein  gegen 
den  höheren  Vorrang  und  das  größere  Glück  der  Götter,  indem 
er  ausführt:  xoOxö  ye  paxpq)  xeEP°v  *otiv,  et  ye  xous  piv  xav 
6  ^avaxo;  iq  eXeuO-eptav  atpetAexo,  öpiv  5e  i$  ancipov  ix- 
rcfoiei  xö  Tipdeypa  xai  df&oc  ^  5ouXe£a  yi'yvexaL  örcö  paxp$  x& 
Xivtp  axpecpouivTj. ' 

Der  Tod  führt  also  zur  Freiheit,  dem  höchsten  Gute143); 
es  ist  mithin  nur  Betätigung  der  Freiheit,  selbst  in  den  Tod 
zu  gehen,  wie  es  Demonax  (c.  65)  macht  Folgerichtig  wird 
darum  die  Ejaytoyrj  von  Lucian  nirgends  verurteilt,  auch  bei 
Peregrinus  nicht;  was  ihm  hier  mißfällt  und  seinen  Widerstand 
herausfordert,  ist  einzig  und  allein  die  auffällige  und  feierliche 
Art,  mit  der  er  sich  in  Olympia  bei  einer  Festversammlung 

Dias.  IU,  13,  14  beißt  es:  Die  Elemente  lösen  sich  in  ihre  Teile 
auf,  tig  ouösv  Ösivöv  dXX'  6frsv  sysvou  et{  xd  <p£Xa  xai  ouYY*vf),  stc  ii 
oxoixsla '  öaov  ev  ool  rcopöc,  sie  arcstoiv  *  äoov  JJv  y*J&ou,  et{  y^Ätov  ■ 
5oov  nvsu|iax(oi>,  sie  Tcvsou-dmov  •  ficov  ödxTtou,  sig  OÖätiov.  Die  Stelle  ist 
wie  die  andern  (II,  5,  13.  III,  24,  94)  klar  genug.  Vgl.  Bonhöffer,  Epiktet 
und  die  Stoa.    Stuttgart  1890  S.  65  gegenüber  Zeller  III,  1»,  746,  3. 

"*)  Dial.  mort  X,  10.  Per.  13.  Muse,  enc  7.  Pbilops.  24.  29.  32 
und  Bis.  acc.  34  beklagt  sich  der  Dialog,  daß  er  nicht  mehr  über  die 
Unsterblichkeit  spintisieren  dürfe. 

Hes.  5.  De  merc.  cond.  7  und  8  und  Pisc.  17  ist  unter  den  beiden 
Dienerinnen  sövoixeoxixw  jxoi  övrt,  außer  der  rcappyjoia  auch  die  sXsuö*p4au 


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Untersuchungen  über  die  Lucianische  Vita  Demon actis.  605 


verbrennen  will  (Per.  21).  An  verschiedenen  Orten  dagegen 
führt  er  die  Todesfreudigkeit  des  Diogenes  und  Menipp  mit 
Beifall  an  und  hebt  rühmend  hervor,  daß  sie  freiwillig  mit 
Lachen  und  Scherzen  aus  dem  Leben  gegangen  seien m),  wäh- 
rend er  es  nicht  unterlassen  kann,  den  Sokrates  zu  behelligen 
und  seinen  äußerlich  unfreiwilligen  Tod  auch  zu  einem  inner- 
lich unfreiwilligen  zu  stempeln  (Dial.  mort.  XXI,  1). 

So  sehen  wir  also  alle  Lucian  sympathischen  Züge  an  den 
Philosophen  der  damaligen  Zeit  in  der  Biographie  des  Demonax 
zusammengetragen  und  vielfach  aus  den  verzogenen  und  ver- 
zerrten Linien  seiner  Streitschriften  heraus  das  Bild  eines 
Idealphilosophen  nach  seiner  Anschauungsweise  gezeichnet. 
Nirgends  finden  wir  in  dem  Porträt  einen  Strich,  der  diesem 
Ideal  widerspräche,  nirgends  ein  Mehr,  das  darüber  hinaus- 
ginge. Diese  Wahrnehmung  und  die  Fassung  der  Einleitungs- 
kapitel konnten  daher  die  Vermutung  nahe  legen,  daß  die 
Lebensbeschreibung  vielleicht  eine  cynische  Erwiderung  auf 
die  Lucianischen  Angriffe  sei125).  Allein  dieser  Möglichkeit, 
die  an  und  für  sich  nicht  bestritten  werden  kann,  aber  auch 
nicht  weiter  bestärkt  wurde,  stand  von  vornherein  die  Mög- 
lichkeit des  Gegenteils  entgegen 12fi).  Dazu  kommt,  daß  sich 
Inhalt  und  Ausführung  der  Schrift  aus  der  oben  angedeuteten 
Art  und  Anlage  Lucians  leicht  erklären  lassen.  Bezüglich  der 
Einleituugskapitel  aber  war  er  zu  der  Bemerkung  genötigt, 
daß  seine  Zeit  doch  nicht  so  arm  sei  an  denkwürdigen  Persön- 
lichkeiten, und  daß  demnach  auch  sie  Muster  und  Vorbilder 
bieten  könne,  nicht  bloß  die  klassische  Vergangenheit  Es 
ging  ihm  da,  wie  so  manchen  anderen  Schriftstellern127),  die 
unzufrieden  mit  der  Gegenwart  immer  nur  die  vergangenen 
Zeiten  bewundern  und  in  ihnen  alles  groß  und  erhaben  finden, 
und  die  nun  in  die  Lage  kommen,  auch  an  den  zeitgenössischen 
Verhältnissen  etwas  Rühmendes  nennen  zu  müssen.  Die  dtp- 
Xaiot  haben  sonst  immer  seine  volle  Anerkennung.  Ihre  Nach- 

"*)  Dial.  mort.  X,  11.   Ilcftc  8{  Sontooa  ln\  xöv  Mvaxov  utj&svöc  xa- 
Xioano;;  XXI,  2  ui]  &va-pta(6usvot  utjÖ'  d>&o6usvot,  AXX'  sd*Xoöowi,  ysXöv- 
xec,  ol^eiv  *apaYT«ßavtt;  &7ix<*v.    Vgl.  XXII,  2.  XXVII,  9.  Cat  6. 
Schmid,  Philol.  50,  «01,3. 

>M)  Schmid  verweist  selbst  zu  diesem  Zweck  auf  Pisc.  37. 

m)  Vgl.  Tacitus  Annal.  3,55  Non  omoia  apud  priores  meliora,  sed 
nostra  quoque  aetas  laudis  et  artium  imitanda  posteris  tulit. 


K.  Funk, 


ahmung  empfiehlt  er  Rhet.  praec.  9  im  Gegensatz  zu  c.  17, 
wo  sein  Gegner  xoü{  ttöv  öXtywv  icpö  V)u&v  X6yous  zum  Studium 
anpreist  (vgl.  De  hist  conscr.  84.  Adv.  ind.  17).  Wollte  er 
nach  den  zahlreichen  heftigen  Angriffen  gegen  die  Philosophen 
seiner  Zeit,  insbesondere  gegen  die  Cyniker,  einen  Zeitgenossen 
lobend  hervorheben,  so  mußte  er  in  der  Einleitung  auf  das 
Vorausgegangene  Rücksicht  nehmen.  Positiv  scheint  mir  gegen 
die  Vermutung  Schmids  zu  sprechen,  daß  die  gegnerische 
Tendenz  sonst  nicht  hervortritt.  Die  Lebensbeschreibung  ist 
durchaus  objektiv  gehalten,  was  um  so  unbegreiflicher  ist,  wenn 
man  sich  die  Lucianischen  Angriffe  gegen  die  Cyniker,  wie  sie 
in  einer  Reihe  von  Auslassungen  erfolgten,  vergegenwärtigt. 
Endlich  wäre  es  wohl  mit  dem  Charakter  einer  Gegenschrift 
unvereinbar,  daß  gerade  der  Vertreter  derjenigen  Richtung 
gefeiert  würde,  die  bei  Lucian  in  der  Verherrlichung  des  Menipp 
die  höchste  Billigung  findet,  während  zugleich  die  von  ihm  so 
oft  gerügten  Cyniker  anderer  Richtungen  denselben  Tadel  er- 
fahren würden,  und  namentlich  Peregrinus,  der  gewiß  nicht 
nach  Lucian  allein  gemessen  werden  darf  —  man  denke  nur 
an  Gellius,  N.  A.  12,  11.  8,  3  — ,  im  großen  und  ganzen 
dieselbe  Beurteilung  zu  teil  würde  (c.  21).  Hier  wäre  der 
Punkt  gewesen,  nicht  in  sein  Urteil  einzustimmen,  sondern  zu 
seiner  berühmten  Schrift  Stellung  zu  nehmen.  Umgekehrt 
aber  lag  für  Lucian,  wenn  er  der  Verfasser  ist,  keine  Ver- 
anlassung vor,  da  seine  eigene  Schrift  über  des  Peregrinus 
Lebensende  zu  erwähnen,  wie  Bernays  S.  105,  24  meint;  daß 
nicht  einmal  der  Verbrennung  gedacht  wird,  welche  das  oöx 
dv{rpü)7r{£eiv  des  Peregrinus  glänzend  bestätigte,  darf  gewiß  bei 
der  sonstigen  Bekanntschaft  des  Verfassers  der  Vita  mit  den 
Werken  Lucians  als  ein  untrügliches  Zeichen  der  Echtheit 
aufgefaßt  werden.  Ein  Fälscher  hätte  sich  sicher  diese  doppelte 
Gelegenheit,  seine  Kenntnisse  anzubringen,  nicht  entgehen 
lassen. 

Durchaus  unhaltbar  ist  die  Vermutung  von  Margadant 
S.  88,  welcher  die  Vita  das  Werk  eines  Schulmeisters  sein 
läßt,  weil  der  Verfasser  es  als  Zweck  seiner  Schrift  bezeichne, 
der  Jugend  damit  ein  Vorbild  zu  geben.  Abgesehen  von  der 
Tatsache,  daß  in  den  Kreisen  der  zweiten  Sophistik  nicht  mehr 


Untersuchungen  Ober  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  607 


das  geschichtliche  Geschehnis  an  sich,  sondern  dessen  Ver- 
wendung zu  einem  bestimmten  Zweck,  zur  Belehrung  und 
Unterhaltung,  die  Hauptsache  ist128),  eine  Anschauung,  die 
auch  l>ei  Lucian  durchschlägt,  gibt  dieser  selbst  noch  bei 
anderen  Gelegenheiten  (Alex.  1.  2  und  61)  ausdrücklich  den 
Zweck  an  und  einmal  in  einer  npoXaXia  genau  denselben,  wie 
hier.  Es  heißt  nämlich  Som.  18:  xal  xoi'vuv  xötyü)  xoöxov  xöv 
övstpov  6uxv  8t7jYifjoau,7)v  exetvou  gvexa,  ötwi);  ol  veot  rcpö; 
x*  fUXx£u>  xpe7Wi>vxat  xat  icaioet'a;  fymxoLi  .  .  .  btavöv  £aux$ 
7tapct66tyu.a  iui  Tcpoor^adfievoi.  Wir  werden  also  wiederum  auf 
Lucian  selbst  als  den  Verfasser  zurückgewiesen. 

Daß  wir  mit  diesem  Schlüsse  nicht  zu  weit  gehen,  mögen 
die  folgenden  sachlichen  und  wörtlichen  Uebereinstimmungen 
mit  den  Apophthegmata  zeigen,  die  wir  bis  jetzt  außer  acht 
gelassen  haben.  Schwarz  hat  nur  nebenbei  und  im  Vorüber- 
gehen auf  einige  hingewiesen  129),  die  indessen  noch  vermehrt 
werden  können.  Da  sie  für  den  Echtheitsbeweis  nicht  wenig 
von  Belang  sind,  empfiehlt  es  sich,  sie  im  einzelnen  zu  be- 
handeln. 

Zu  dem  Interessantesten  gehört  da  der  Vergleich  von 
Dem.  13.  12  mit  Eun.  In  dieser  Schrift  handelt  es  sich  um 
die  Wiederbesetzung  einer  Professur  der  peripatetischen  Schule 
an  der  Universität  Athen.  Zwei  Bewerber  treten  auf,  Diokles 
und  Bagoas,  welche  sich  gegenseitig  auszustechen  suchen.  Da 
sie  in  ihrem  wissenschaftlichen  Können  einander  gleichstehen, 
soll  der  bessere  Lebenswandel  entscheiden.  Aber  auch  hiedurch 
kommt  die  Sache  nicht  zum  Austrag;  einer  sucht  den  andern 
durch  Beschimpfungen  und  Verleumdungen  zu  verdächtigen. 
Zuletzt  wirft  Diokles  dem  Bagoas  vor,  daß  er  ab  Eunuch 
überhaupt  unfähig  sei,  die  Würde  der  Philosophie  recht  zu 
vertreten,  und  überschüttet  ihn  wegen  seiner  körperlichen  Un- 
vollständigkeit  mit  seinem  Spotte.  Der  Zielpunkt  desselben 
kann  nicht  zweifelhaft  sein.  Diokles  verlangt  nämlich  als 
Befähigungsnachweis  für  einen  Philosophen  oxf)|ia  xal  ou>u.axoc 

u9)  Das  schlagendste  Beispiel  ist  Aelian.  Vgl.  Passow  S.  8. 

m)  S.  573.  2.  Bestätigung  findet  er  für  Dem.  12  in  Eun.  7;  für 
c.  13  in  Eun.  12.  Cyn.  14  —  c.  24.  25  und  vielleicht  auch  33  in  De 
luctu  —  c.  26  in  Rhet  praec.  17  —  c.  84  in  Fug.  &  —  c.  50  in  Nigr. 
28.  Fug.  83.  Cyn.  14.  De  salt  5.  Rhet.  praec.  28. 


608 


K.  Punk , 


eOfioptav  xai  xö  jityiOTov  iwoywva  ßa(H)V  .  .  .  xal  xotg  npoo- 
toöot  xal  (iavd-avetv  ßouXouivotc  d£tG7tiaxov  xac  7ipe7iovxa  xat$ 
puptaic,  XP^)  rcap«  ßaotXea)?  aTiocpepEa&at  (c.  8)  und  bald 
darauf  wird  ausdrücklich  gesagt  inzl  xal  eC;  xö  ifsvEtov 
jiaXtoxa  iaxü)q?^T)  (c.  9),  worauf  Bagoas  mit  einem  Witz- 
worte erwidert,  xa?^™t  T0ÖT0»  Yoöv  $et0»  ^oEppt^ev- 
e£  yip  drcö  rcwytovo;,  2qprj,  ßocfteoc  xpCveoftat  5£ot  xou;  cptXoao- 
qpoövxac,  xbv  xpayov  Sv  5txat6xepov  7cpoxpi&f)vat  7tavx(i)v180). 
Unwillkürlich  denkt  man  dabei  an  den  Spott  des  Demonax 
gegenüber  Favorinus.  Und  wirklich  wird  dieser  von  Bagoas 
zu  seiner  Verteidigung  angerufen;  Diokles  aber  läßt  die  Be- 
zugnahme nicht  gelten,  er  mochte  ihn  gerade  so  von  der 
Philosophie  ausgeschlossen  wissen  trotz  all  seines  Ruhms  (c.  7), 
weil  er  in  derselben  Sache  und  offenbar  am  meisten  wegen 
seiner  Bartlosigkeit  angegriffen  nicht  mit  dem  nötigen  Ansehen 
habe  auftreten  können,  xal  xtva?  xal  aöxö{  d7reu.vrju,6v6uoe 
yooc,  xal  npb$  ixeCvov  örco  xe  SxtoVxöv  xal  Kuvtxa>v  (ia- 
Xtaxa  e?p7)uivouc  npöc  yeXocoxepov  knl  x<j>  axeXel  xoö  o&fiaxo; 
(c.  7).  Es  sind  hier  nun  freilich  die  Stoiker  mitgenannt,  aber 
Demonax  ist  mindestens  unter  den  Cynikern  miteingeschlossen, 
wenn  man  auch  nicht  das  [AaXtoxa  wegen  seiner  Stellung  auf 
die  Cyniker  allein  beziehen  und  schließen  darf,  Entweder  liege 
ein  Irrtum  vor  oder  es  sei  unter  den  Stoikern  und  Cynikern 
eben  kein  anderer  als  Demonax  zu  verstehen* 131).  Daß  Favorin 
besonders  den  Cynikern  nicht  grün  war,  geht  aus  dem  Tadel 
bei  Gellius  N.  A.  XIX,  6  (vgl.  Hirzel  II,  120.  120,  3.  121). 
Deshalb  darf  man  wohl  vermuten,  daß  Demonax  mit  seinen 
Scherzreden  doch  eine  bedeutende  Rolle  gespielt  hat,  und  daß 
derselbe  Grund,  aus  dem  nachher  ein  Name  absichtlich  ver- 
schwiegen wird  (q.  10),  auch  hier  zu  einer  Verdunkelung  der 
Tatsachen  geführt  hat.  Denn  die  ganze  Art,  mit  der  jener 
unbekannte  Dritte  eine  Anklage  des  Bagoas  wegen  vollendeten 
Ehebruchs  bekannt  macht,  die  nur  deshalb  nicht  die  Ver- 
urteilung im  Gefolge  hatte,  weil  sich  Bagoas  für  einen  Eu- 
nuchen ausgab  (c.  10),  und  die  Art,  mit  der  er  ihn  so  in  ein 

,M)  Vgl.  Gall.  10.  6  yoöv  rubywv  jid&a  xpaytxög  $jv  ig  öxspßoXyjv 
xouptöv. 

»")  Ziegeler  384, 4. 


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Untersuchungen  über  die  Lucianische  Vita  Demonactia.  609 

Dilemma  versetzte,  von  dem  er  kein  Glied  bejahen  oder  ver- 
neinen konnte,  ohne  sich  eine  Blöße  zn  geben,  entspricht  so 
sehr  der  Weise  des  Demonax,  daß  wir  am  ehesten  in  diesem 
Unbekannten  ihn  selbst  erkennen  möchten.  Dasselbe  legt  uns 
noch  eine  andere  Bemerkung  Lncians  nahe.  Was  sollen  die 
Worte  xapiev™^  Toöv  $eT0i  denen  er  das  Witzwort 
des  Bagoas  einleitet,  welches  genau  denselben  Vordersatz  hat, 
wie  das  des  Demonax,  nämlich  ti  &nb  xoö  THoytovo;  (dbjtc^) 
Uoi  xptveoöm  xou;  qjtXoaocpoOvxa?  (c.  9  und  Dem.  18)?  Klingen 
sie  nicht  wie  eine  Kritik,  zu  deren  Maßstab  gerade  der  humo- 
ristische Ausspruch  des  Demonax  genommen  ist?  Er  stand 
ja  auf  dem  Standpunkte  des  Bagoas,  daß  nicht  das  körperliche, 
sondern  das  geistige  Vermögen  entscheidend  sei  (c.  5  und  9), 
aber  seine  Bemerkung  war  in  seinem  Falle  viel  feiner,  indem 
er  unvermerkt  den  Favorinus,  der  für  seine  Person  allmählich 
Achtung  bekam,  nach  rein  äußerlichen  Gesichtspunkten  bei 
der  Kritik  verfahren  läßt  und  dadurch  die  Aeußerlichkeit  seines 
Philosophierens  überhaupt  brandmarkt. 

Der  Zusammenhang  wird  noch  unverkennbarer,  wenn  man 
vollends  den  Vorschlag  erwägt,  Bagoas  solle  für  seine  Befähi- 
gung zur  Uebernahme  des  philosophischen  Lehramtes  den 
Tatbeweis  erbringen,  nämlich  et  Öuvatxo  <piXooo<petv  xa  ye  npb; 
xöv  öpxewv 182).  Das  sind  dieselben  dcpooux  npbs  <ptXooocptav, 
deren  Mangel  auch  an  Favorinus 1M)  ausgesetzt  wird.  So  ent- 
halten die  kurzen  Apophthegmata  ein  Motiv,  das  in  Eun. 
weiter  ausgesponnen  ist. 

In  ähnlicher  Weise  erscheint  Dial.  mort  XXI,  1  verglichen 
mit  Dem.  45 184).  Die  Anzeichen  des  Alters,  die  sich  an  seinen 
Beinen  bemerkbar  machen,  erklärt  Demonax  mit  den  Worten: 

»»*)  Vgl.  Fug.  18  dTtäyouoi  yovatxac,  <bj  cptXooocpoUv  öyj  xai  afoai. 

1M)  Der  Spott  erklärt  sich  aus  der  Nachricht,  daß  Favorinus  Ktpl 
2»xpdxooc  *«'  "rfls  *«■  «tebv  6pomxf,c  xixvrjc  schrieb  (Suidas  s.  v.),  wie 
er  denn  auch  Sokrates  in  seiner  Art,  mit  den  Leuten  zu  verkehren, 
nachahmte  (Gell.  N.  A.  4,  1  bes.  19  vgl.  Hirzel  II,  1*22).  Die  Ueberein- 
»timmungen  mit  Rhet.  praec.  11  und  15,  bes.  aber  die  der  Schilderung 
fthet  praec.  23  mit  denen  bei  Philostr.  V.  S.  II,  8,  26  ff.  und  Apuleius 
Piiysiognomia  bei  Kose,  Anecd.  Gr.  et  Gr.  lat.  I,  71  über  die  impatienta 
libidinum  zeigen  das  Typenhafte  der  Zeichnung  in  Rhet.  praec,  so  daß 
wir  keine  bestimmte  Person  suchen  dürfen.  Vgl.  Rohde,  Gr.  R.  316*,  2. 
Croiset  S.  261. 

iU)  Fr.  III,  2,  44  vergleicht  beide  8tellen  mit  einander. 


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610 


K.  Funk, 


Xaptov  \lz  iÖaxev 185).  Zu  einer  kleinen  Szene  erweitert  finden 
wir  dasselbe  Bild  in  dem  angegebenen  Totengesprache.  Auf 
die  Frage  des  Menipp  an  den  Cerberus,  wie  eigentlich  Sokrates 
in  die  Unterwelt  herabgestiegen  sei,  antwortet  dieser,  zunächst 
sei  er  ganz  unerschrocken  gewesen,  aber  als  er  auf  einmal  die 
dicke  Finsternis  gesehen  und  schon  mit  dem  Kopfe  innerhalb 
des  Schlundes  gewesen  sei,  da  habe  er  gezögert,  allein  xdfyü) 
Sit  S:a|ieXXovxa  aöxöv  oaxcDv  x$  xwvetq)  xaxearcaoa  xoö  izobiq 1S€). 
Es  wollen  natürlich  für  Demonax  diese  Anzeichen  nichts  an- 
deres sagen,  als  daß  auch  er  allmählich  nicht  mehr  zaudern 
dürfe,  aus  dem  Leben  zu  gehen,  und  das  fietoiaaa^  könnte 
noch  eine  Spitze  gegen  das  Verhalten  des  Sokrates  haben,  von 
dem  unmittelbar  weitergefahren  wird:  ftorop  xdt  £pe^7j  exäxoe 
%oti  xa  eauxoö  rcaiSi'a  u>Supexo  xxl  raxvTotos  eyivexo. 

Noch  überraschender  ist  in  dieser  Beziehung  Dem.  37. 
In  echt  cynischer  Weise137)  nimmt  Lucian,  wo  er  kann,  Stel- 
lung gegen  die  Wahrsagerkunst  und  das  Orakelwesen.  Die 
Wahrsager  alle  sind  für  ihn  Schwindler,  wer  sie  immer  sein 
mögen.  An  Alexander  (c.  8.  15  vgl.  Per.  28  ff.)  brauchen  wir 
gar  nicht  zu  denken.  Auch  Trophonius  ist  ihm  Dial.  mort. 
III,  2  ein  Toter,  wie  die  andern  alle,  von  denen  er  sich  nur 
durch  seine  Gaukeleien  unterscheidet,  und  selbst  Apollo  hat 
oft  genug  den  bittersten  Spott  zu  fühlen  (Iup.  trag.  20.  28. 
31.  43.  Hes.  7.  8  u.  a.)  Diesen  Standpunkt  teilt  auch  De- 
monax. In  einem  Dilemma  rückt  er  einem  Wahrsager  das 
Widersinnige  seiner  Handlungsweise  vor,  indem  er  ausführt: 
oöx'  öptö,  Itf  öxcp  xöv  uiad-öv  ärcaixet?  •  d  uiv  ydtp  <b;  dratXX^a: 
xt  8uvau.evos  xtbv  ijuxexXwouiywv,  öXtyov  aixst;,  ötcgoov  Sv  a:- 
x^i,  et  5e  <i>;  Seooxxat  x<p  d"£tj>  rczvxa  eaiat,  xt  ooo  Suvarxt 
[lavxtxifj;  das  zweite  Glied  dieses  Beweises  bildet  nun  großen- 
teils den  Gegenstand  von  Jup.  conf.  Der  Cyniscus  bannt  den 
Juppiter  von  Anfang  auf  dem  Standpunkt  fest,  daß  die  ti- 

ls6)  Das  Wort  Xdpwv  mag  in  diesem  Zusammenhang  auffallen,  aber 
zu  der  Konjektur  des  Solanus  (K4pßspoC)  ist  kein  Grund.  Vgl.  Fr.  II,  2 
zu  diesem  c.  45. 

,se)  Nigr.  37  redet  er  von  einem  öjjxtixöv  cpdpuaxov.  Vgl.  *ur  Si- 
tuation Plat.  Phaed.  117  £  daXmwv  xpövov  txsaxdnsi  xoi»(  nodac  xal  tz 
oxdXrj  xärctita  a<p&Öpa  msaag  aötoG  töv  xöda  x.  x.  X. 

4")  VgL  über  den  Standpunkt  des  Diogenes  Diog.  L.  VI,  43.  48- 
bes.  24. 


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Untersuchungen  Ober  die  Lu«ianische  Vita  Demonactis.  $11 


Hapjidvij  and  die  Moipat  die  Herrschaft  haben,  und  daß  also, 
was  öfter  wiederholt  wird181*),  oö  duvaxöv  t*7caXXaf;at  xt 
xcd  jiexaxpi^at  xöv  £pX*3»  8o$avxci>v  (c.  11),  und  Juppiter 
gibt  zu,  daß  sxaaxov  &itixexXu>o(jivrjv  (vgl.  Jap.  trag.  25) 
exet  TTjv  drcoßaotv  (c.  1).  Zuletzt  wird  die  Beweisführung  ge- 
schlossen mit  den  Worten:  Tö  uiv  öXov  £xprpxovt  tu  ZsO, 
TtpoetSevat  xa  piXXovxa,  of;  ye  xö  <poXcfc|-aoam  aox*  icavxa  «86- 
vaxov  (c.  12.  vgl.  c.  13),  und  als  letzte  Folgerung  wird  daraus 
der  Satz  gezogen,  öaxe  odx  6pö,  dv{r'  oxou  drcatxetxe  xöv  juafröv 
erd  xfl  jiavuxfl 189). 

Diesen  äußerst  charakteristischen  Vergleichungspunkten 
lassen  sich  noch  einige  andere  nicht  minder  bemerkenswerte 
anreihen.  Man  vergleiche  c  25  und  26  mit  der  Schrift  De 
luctu.  In  seiner  Monodie  über  den  Tod  seines  jugendlichen 
Sohnes  hebt  der  Vater  an:  Texvov  fjöioxov,  olynQ  uot  aal  xe- 
frv7]xac  xal  npb  <&pa«  dvrtf>jiafofr7);  (c.  13);  ebenso  wird  die 
Erzählung  von  der  Trauer  des  Herodes  Attikus  um  Polydeukes 
mit  den  Worten  eingeleitet:  feTcsvfct  xöv  DoXuStuxTjv  itpö  Spag 
ätaofravovxa.  Und  wenn  dann  die  ganze  Ausführung  in  den 
Schlußsatz  zusammengefaßt  wird:  Taöxa  mal  icoXü  yeXot- 
6  x  e  p  a  xouxu>v  eöpot  xtg  £v  &7cro)pfi>v  Iv  xol$  rcevfoot  yryvojif va 
(c.  24)  und  das  alles,  (S>;  d^oprjxov  YjyoÖvxat  x4  oou> 
ßatvovxa140),  so  wird  man  die  Aehnlichkeit  mit  dem  Aus- 
spruch des  Demonax  nicht  verkennen :  &  yeXoJe,  povo;  d«p6- 
pijxa  naoxstv  voui£e:;. 

Mit  der  Trauer  des  Herodes  hängt  noch  c.  33  zusammen, 
wo  sich  Demonax  so  darüber  ausspricht:  dX^fteueiv  xöv 
nXdxtdva  qpd|ievov,  oö  p.£av  Vju,£{  t^uxV  ^X£lv»  ou 

IM)  C.  5:  oMsv  ftv  bn'  o&Ösvog  dXA*Y»ty  töv  d«*$  fiogdrtwv.  c.  7:  oö- 
«aiiÄg  Covatöv  dXXdttrttv  taöx«  xal  dvaxXcb&eiv.  c.  ] :  Ä<fuxxa  ©itöoa  dv 
a5x«t  totv^ocoot  Y*lV0Ji*vcP  sxdoxq». 

»»•)  C.  13.  In  diesem  Funkte  für  Lucian  eine  Abhängigkeit  von  Oe- 
nomaus  von  Oadara  anzun  ehmen  mit  Bruns  Rh.  M.  44,  382,  ist  also 
wohl  keine  Ursache  vorhanden. 

"*)  C.  1.  16.  Man  möchte  versacht  sein,  bei  solchem  Gleichlaut 
den  Anlaü  der  Schrift  De  luctu  in  der  Übermäßigen  und  auffalligen 
Trauer  des  Herodes  zu  sehen  —  selbst  die  römischen  Statthalter  nahmen 
Anstoß  (Philostr.  V.  S.  66,  31)  und  den  oTtotäoyiXouK  war  er  ein  Gegen- 
stand des  Spottes  (Philostr.  V.  S.  64,  20  ff.)  — ,  allein  wir  haben  hier 
einen  cynischen  Topos  vor  uns,  der  auch  sonst  viel  bebandelt  wurde 


vgl.  Norden,  N.  Jahrbb.  Suppl.  XVIII,  297  f.,  Prftchter,  Philol.  LVII, 


PbilologQ*,  Supplementband  X,  viertes  Heft. 


40 


612 


K.  Funk, 


yip  elvot  xffc  auxfj;  <|>t>x*fc  TrjyiXXav  xal  LToXooeäxrjv  <i>s  söv<ca* 
Sotiäv  xa!  ta  xotaOta  jieXsx£v.  Die  Wendung  des  ersten  Satz- 
gliedes treffen  wir  auch  in  De  salt.  Es  ist  hier  die  Rede  von 
den  hohen  Anforderungen,  welche  an  einen  Pantomimen  ge- 
stellt werden,  und  von  seiner  großen  Kunstfertigkeit,  welche 
selbst  nüchterne  Leute,  wie  Lesbonax  und  Timokrates,  in 
Staunen  und  in  Bewunderung  gesetzt  habe,  und  im  Tone  der 
Begeisterung  wird  dann  fortgefahren:  tl  8'  Sortv  dcXrj&fJ,  a 
nepl  <l>ux*)C  0  nXatwv  Xiyec,  xdk  Tpfa  uipr)  aott);  im5e:xvi>ar 
x.  t.  X.  (c.  70).  Das  ist  um  so  bedeutsamer,  als  kurz  zuvor 
das  Wort  eines  Barbaren  angeführt  wird,  der  dem  Künstler 
zurief :  'EXeXVj&eis,  &  ßeXxtarc,  gtprj,  oG>pa  uiv  xoOto  £v,  xoXXd; 

Es  ist  bereits  oben  bemerkt  worden,  daß  Demonax  be- 
züglich des  übertriebenen  Atticismus  dasselbe  Urteil  hatte  wie 
Lucian  selbst;  das  zeigt  deutlich  die  wörtliche  Parallele  in 
Lex.  mit  Dem.  26.  In  ersterer  Schrift  wird  die  Torheit  eines 
Hyperatticisten  hübsch  durch  Vorführung  seines  eigenen  Werkes 
gebrandmarkt.  Die  erste  Kritik,  die  Lycinus  darüber  äußert, 
ist  herzliches  Lachen  (c.  16).  Dann  bedauert  er  ihn  wegen 
seiner  Geschmackesverirrung;  damit  könne  er  wohl  auf  Un- 
gebildete einigen  Eindruck  machen,  aber  Gebildete  hätten  für 
ein  derartiges  Unterfangen  nur  Mitleid,  und  er  meint  dann: 
AoxeC;  öe  uot  uofjxe  <ptXov  xtvd  t)  otxetov  eövouv  ixetv  ji^xe 
dvSpl  eXeu^eptj)  Ttw^oie  xorf  7tappr}o(av  äyovxt  ivietu- 
XTjx^vai,  6;  tdXTjfres  eiTCtbv  Srcauoev  <Sv  oe  ööepq>  uiv  §x^tJLEV0V 
x.  x.  X.  (c.  17).  Wer  sollte  hier  nicht  eine  Anspielung  auf  Demonax 
finden  (öXov  TtapaSou;  eauxöv  IXeufrepfa  xai  Tcapp7)ot(z  c.  3)  ?  Daß 

141)  G.  66.  Diese  Ueberein Stimmung  und  die  echt  Lucianische  Zu- 
rückhaltung, welche  sich  vor  allem  gegenüber  der  Psychologie  Plates 
kundgibt,  dürfte  für  die  Lösung  der  Echtheitsfrage  von  De  salt.  nicht 
ohne  Bedeutung  sein.  Man  könnte  allerding»  außer  den  von  Bieler 
geäußerten  Bedenken  noch  anführen,  daß  Lucian  selbst  sonst  Singen 
und  Tanzen  als  eine  Wirkung  der  Trunkenheit  bezeichnet  (Nigr.  25  und 
Tim.  55),  und  daß  der  69  gelobte  Ausdruck  x«P<tooqpoc,  für  Pantomime 
in  Bhet.  praec.  c  17  getadelt  wird.  Die  Bemerkung  des  Athen.  XIV, 
629  (xaXetxat  H  xal  4XXtj  Ö  p  x  "»l  o  t  C  x  d  o  u.  o  o  sxnöpcooic,,  »vrr 
uovsusi  M4viitno{  4  Kuvtxij  sv  x$  ^uunooiq))  ist  zwar  zu  kurz, 
um  eine  Vermutung  zuzulassen.  Aber  man  fragt  sich  vergebens,  wer 
dann  die  Schrift  verfaßt  habe,  da  ja  doch  das  Thema  zum  Repertoire 
der  Sophisten  gehört  zu  haben  scheint  (vgl.  Libanius  npö(  'ApcoxsiÖrjv 
6*sp  xöv  dpxijoxöv). 


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Untersuchungen  über  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  613 


wir  mit  dieser  Vermutung  nicht  irren,  das  beweist  schlafend 
die  Aeußemng  des  Lycinus:  fi\iä$  xob$  vOv  rcpo<;ou,iXoOv- 
ta(  xataAtTtcbv  izpb  xtXiwv  ixöv  ^ulv  StaAiyexat  Staaxpi^wv 
t$jv  yXötxav  xal  Tauri  ta  dXXoxoxa  auvTrtreic  .  .  .  ü>£  8Vj  xt 
uiya  6v,  e?  xi;  Eev££ocU2).  Genau  dasselbe  sagt  Demonax: 
'Eyü>  uiv  oe,  d>  ixatpe,  v  0  v  fyM&xijaa,  ao  6i  |iot  6  ;  e     'A  y  a- 

|ii|iVOVO(  flblOXptVQ. 

Dem  Gesagten  füge  ich  noch  an  den  mit  Dem.  16  zu- 
sammenfallenden Spott  des  Nigrinus  über  einen  Reichen  wegen 
der  Buntfarbigkeit  seines  Gewandes I4a),  und  dieselbe  Strafe  für 
einen  schlechten  Cyniker  in  Dem.  und  Fug. 144). 

So  viele  sachliche  und  wörtliche  Uebereinstimmungen 
drängen  uns  wieder  zu  demselben  Schluß,  den  wir  schon  ein- 
mal raachen  mußten,  und  zwar  mit  unabweisbarer  Notwendig- 
keit. Wir  haben  auch  auf  dem  Bachlichen  Gebiete  eine  Ab- 
hängigkeit von  der  Art  gefunden,  die  uns  einfach  an  einen 
Nachahmer  zu  denken  verbietet.  Oder  ist  es  wahrscheinlich, 
daß  sich  ein  solcher  so  gar  nicht  verraten  hätte,  daß  er  viel- 
mehr in  der  prägnantesten  Kürze  genau  das  Lucianische  Ideal 
eines  wahren  Philosophen  gezeichnet  hätte,  ohne  auch  nur 
einen  Strich  dazu  zu  tun?  Sollte  er  im  stände  gewesen  sein, 
einen  durch  eine  ganze  Schrift  durchgeführten  Gedanken  in 
eine  so  kurze  und  so  zugespitzte  Fassung  zu  bringen  und 
einen  allgemein  ausgesprochenen  Satz  so  individuell  zu  prägen  ? 
Und  wenn  er  die  Quelle  Lucians  in  den  Apophthegmata  ent- 
deckt kätte,  sollte  er  es  über  sich  gebracht  haben,  nichts  von 
dieser  Abhängigkeit  anzudeuten,  wiewohl  er  Lucian  schon 
wegen  der  Auswahl  genau  gekannt  haben  müßte?    Das  alles 


Lex.  20.  Vgl.  De  hist  conscr.  44.  Hier  warnt  Lucian  auch 
den  Geschichtsschreiber,  dnöpprjxa  xal  sgco  nd-too  övöpaxa  zu  gebrauchen, 
dXX'  &cpfcvToi>c  TcoXXoüg  oovstvai,  xoug  8e  «snottösujitvot^  *icat- 

"*)  Nigr.  13  wird  von  den  Athenern  erzählt,  wie  sie  xtjv  4ofr9}xa 
x  ij  v  «  o  i  x  i  X  tj  v  xsl  x  dt  g  xop<pt>piö«c  ixstvac  ditf  doaav  (nXouaitp  xtvl) 
aixöv  d  o  x  s  ( o»  5  ndvu  xd  d  v  9-  >)  p  &  v  iTUoxantxovxsc,  xöv  xP^^dwv.  Vgl. 
Dem.  16.  fixt  sofrfjxa  dv&tvtjv  dunex^usvoc,  'OXoumovCxijc,  &v.  Schon 
E Hissen,  zur  Geschichte  AthenB,  in  den  Göttinger  Stadien  1847.  II  Abt. 
S.  875  hat  die  Aehnliclikeit  beider  Stellen  bemerkt. 

144)  Fug.  33.  Der  Aergste  unter  ihnen,  Kanthan»,  wird  xo?c  mxxco- 
xole.  übergeben,  dxo8ood|isv6c.  Y»  «pöxspov  xtjv  Xsovrf,v,      y^^C  äv0C 
Vgl.  Dial.  mort.  X,  8  und  die  S.  607,  129  zu  c.  50  angegebenen  Stellen. 

40* 


K.  Funk, 


wird  nur  verständlich,  wenn  wir  den  Voraussetzungen  der 
Schrift  glauben.  So  selbständig  in  Form  und  Inhalt  kann 
nicht  ein  Fremder,  sondern  nur  Lucian  selbst  gegenüber  seinen 
eigenen  Schriften  sein,  und  wenn  es  uns  nicht  aberliefert  wäre, 
dann  würden  wir  und  maßten  wir  annehmen,'  daß  Lucian  die 
Vita  Demonactis  geschrieben  hat. 

Dazu  paßt  denn  auch  die  Abfassungszeit.  Die  Darstellung 
eines  Cynikers  als  Idealphilosophen 14S),  die  starke  Betonung 
der  Moral  "*),  die  milde,  abgetönte  Art  im  Umgang,  vor  allem 
das  Interesse  für  die  neuerwachten  atheistischen  Bestrebungen 
weisen  der  Schrift  ihre  Stelle  im  zweiten  Jahrhundert  n.  Chr. 
an.    In  diesen  Rahmen  fügen  sich  auch  alle  Persönlichkeiten 
ein,  die  zahlreich  genug  vorkommen,  so  daß  selbst  die  Beatreiter 
der  Echtheit  die  zeitgenössische  Abfassung  für  eine  ausgemachte 
Sache  halten147).    Nur  damals  konnten  manche  Aussprüche 
des  Demonax  die  Beachtung  des  Schriftstellers  finden,  wie 
andere  nur  in  der  Zeit,  wo  die  angegriffenen  Personen  noch 
bekannt  waren,  die  beabsichtigte  Wirkung  bei  den  Lesern 
hervorzubringen  vermochten.    Leider  läßt  sich  die  Lebenszeit 
des  Demonax  nicht  genau  bestimmen,  weder  sein  Geburts- 
noch  sein  Todestag  steht  fest.   Ebenso  geben  uns  die  Angaben 
über  seinen  Umgang  mit  den  c.  S  genannten  Männern  und 
über  die  Dauer  des  Verkehrs  mit  Lucian  keinen  genauen  An- 
haltspunkt.   Die  Angabe  Lucians,  daß  er  mit  Demonax  exk 
uVjxioiov  verkehrt  habe,  ist  zu  relativ,  um  mit  Fr.  II,  1,  189 
gerade  einen  Zeitraum  von  10  Jahren  d.  h.  165—175  mit 
einiger  Sicherheit  zu  erschließen.    Dagegen  weisen  die  Er- 
wägungen des  genannten  Punktes  zusammen  mit  der  Wahr- 
nehmung, daß  nichts  die  Zeit  des  Commodus  verrät,  seinen 
Tod  wenigstens  noch  in  die  Regierungszeit  Mark  Aurels.  Der 


»**)  Von  Zeno  heißt  es  zwar  schon  Diog.  L.  VII,  121:  xuvulv  ts 
aöxov  sc.  x6v  0096V  •  etvai  y&p  xov  xoviopöv  aüvxojvov  in*  dperrjv  ödöv, 
'AicoXXöocopog  iv  xfl  ijSxxfl.    Vgl.  Zeller  HL  1»,  280,2;  aber  in  dem  von 
Epiktet  Di ss.  III,  22  gezeichneten  Bilde  des  Idealphilosophen  erscheint 
dieselbe  Anschauung  wieder,  wiewohl  er  Stoiker  war. 

IM)  Das  zweite  Jahrhundert  ist  das  Jahrhundert  der  Moral;  das 
beweisen  Manner  wie  Musonius  (Zeller  III,  1»,  733  ff.),  Epiktet  VS.  739  ff.) 
Mark  Aurel  (8.  756  ff.)  zur  Genüge. 

UT)  Bernays  105.  Anm.  24.  Vgl.  Fr.  Leo,  Die  griechisch-römische 
Biographie.  1900  S.  83. 


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Untersuchungen  über  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  615 


Tod  kann  indessen  nach  den  letzten  datierbaren  Aussprüchen 
nicht  vor  dem  Jahre  170  erfolgt  sein148). 

Die  Abfassungszeit  der  Vita  Demonactis  läßt  sich  aber 
trotzdem  noch  genauer  bestimmen.  Es  ist  nämlich  eine  Ge- 
wohnheit Lucians  —  und  ihm  gehört  ja  die  Schrift  zu  — , 
hervorragende  Personen  bei  Lebzeiten  nie  mit  Namen  in  seinen 
Werken  zu  nennen,  selbst  nicht  in  dem  Falle,  wo  er  etwas  an 
ihnen  zu  loben  hat.  So  erwähnt  er  Herodes  Attikus  Per.  19 
nicht,  sollte  er  seinen  Namen  nicht  viel  eher  an  unserer  Stelle 
verschwiegen  haben,  wenn  er  noch  gelebt  hätte?  Wir  dürfen 
also  die  Entstehungszeit  der  Schrift  nicht  über  das  Todesjahr 
des  Herodes,  nämlich  177  u»)  hinaufrücken. 

Dasselbe  Beweismittel  wurde  auch  gegenüber  c  80  an- 
gewendet, wo  der  Konsul  Cethegus  genannt  ist.  Da  nämlich 
unter  den  Salii  Palatini,  die  patrimi  et  matrimi  sein  mußten, 
ein  Cethegus  erwähnt  wird,  und  da  dieser  im  Jahr  180  ohne 
Angabe  irgend  eines  Grundes  ausscheidet,  so  vermutete  Wad- 
dington a.  a.  0.,  das  komme  wie  sonst  daher,  daß  durch  den 
Tod  eines  der  beiden  Eltern  die  Ausscheidung  aus  dem  Priester- 
kollegium bedingt  worden  sei;  es  könne  also  wohl  in  diesem 
Jahre  der  in  c.  30  genannte  Vater  des  Cethegus  gestorben 
und  also  die  Vita  in  den  ersten  Jahren  des  Commodus 
verfaßt  sein.  Ich  lege  kein  Gewicht  darauf,  daß  180  ebenso 
gut  die  Mutter  gestorben  sein  kann,  während  der  Vater  noch 
lebte.  Der  ganze  Schluß  ruht  überhaupt  auf  einer  falschen 
Voraussetzung.    Die  Bedingung  für  die  Salii,  daß  sie  patrimi 


C.  30.  Nach  W.  H.  WatMington,  Faktes  des  province«  Asiat  iques 
de  l'empire  Romain.  Paris  1872  I,  234  war  M.  Cornelius  Cethegus  im 
Jahre  170  codsuI  Ordinarius.  Da  nun  der  Titel  &rorax&s  nur  kaiser- 
lichen Legaten  zukam,  welche  schon  das  Konsulat  hinter  sich  hatten 
(S.  198),  so  spielte  die  Angelegenheit  wohl  in  dem  Prokonsulat»jahr 
170—171.  In  die  Zeit  von  171 — 175  wird  auch  der  c.  24.  83  erwähnt« 
Tod  des  Pollux  gelegt  iBl.  f.  hayr.  Gvm.  [1x971  83,  671). 

"*)  Das  Datum  ist  nicht  ganz  sicher.  Die  letzte  Nachricht  ist  ein 
Brief  Mark  Aurels  an  Herodes  wegen  Aufnahme  in  die  Eleusinien  hus 
dem  Jahr  175  (Philostr.  V.  8.  II,  70,  5  ff  ).  Wegen  Nichterwähnung  der 
Aufnahme  bei  Philostr.  braucht  man  aber  nicht  mit  G.  Fuelles,  De 
Herodis  Attici  vita  Bonn  1864.  8.  25.  26  (vgl.  Clinton.  Fast  Rom.  1, 178. 
Zeller  III,  1",  771)  seinen  Tod  in  den  Anfang  des  Jahres  176  zu  ver- 
legen. Dem  verworrenen  Bericht  des  Philostr.  steht  Dio  Caas.  LXXI,  29 
ontgegen  mit  der  Nachricht  von  der  Neuordnung  der  athenischen  Uni- 
versität, to  daß  er  erst  Ende  176  (BL  f.  Bayr.  Gjm.  [1*97]  88,  671) 


K.  Funk, 


et  matrimi  sein  mußten,  galt  bloß  für  ihren  Eintritt;  dann 
blieben  sie  lebenslänglich  in  ihrem  Kollegium150),  wofern  sie 
nicht  ein  mit  dieser  Würde  unvereinbares  Amt  übernahmen151). 
Es  läßt  sich  also  aus  dieser  Notiz  für  unsern  Zweck  nichts 
weiter  vermuten,  so  wenig  als  wir  natürlich  aus  dem  Umstände, 
daß  sich  keine  Anspielung  auf  die  Regierung  des  Commodus 
findet,  das  entnehmen  dürften,  daß  die  Vita  mindestens  in  den 
ersten  Jahren  des  Commodus  verfaßt  sei152). 

Dagegen  läßt  sich  dasselbe  Argument  vielleicht  auf  c.  31 
anwenden  und  sich  dadurch  ein  terminus  ante  quem  gewinnen. 
Hier  ist  der  Name  des  Kaisers,  zu  dessen  Erziehung  Apollonias 
nach  Rom  geht,  verschwiegen.  Nun  wissen  wir,  daß  Apollonius 
der  Lehrer  Mark  Aurels  und  seines  Adoptivbruders  Lucius 
Verus  gewesen  ist158).  Dieser  ohnehin  schon  169  gestorben 
kann  mit  dem  Titel  6  ßaaiXeü;  nicht  gemeint  sein.  Die  Lebens- 
beschreibung müßte  mithin  noch  vor  dem  Tode  M.  Aurels  180 
ausgegeben  sein  und  die  Abfassung  wäre  zwischen  177 — 179 
anzusetzen.  Diese  Vermutung  hat  insofern  eine  Stütze,  als  wir 
in  dem  Nennen  und  Verschweigen  des  Namen  M.  Aurels 
System  annehmen  müssen154).  Denn  während  er  Eun.  3  und 
selbst  Apol.  9  geflissentlich  ausgelassen  wird,  erscheint  er  auf 
einmal  Alex.  48. 

In  dieser  Zeit  des  alternden  Lucian  ist  auch  sonst  die 
Abfassung  durchaus  wahrscheinlich.  Die  gereizte  Stimmung 
macht  einer  ruhigeren  Platz;  die  Angriffe  auf  die  Modetorheiten 
werden  gemäßigter 155).  An  Stelle  der  beißenden  Satire  treten 

oder  wahrscheinlicher  177  (Fr.  a.  a.  0.  Schmid,  Philol.  50,  316.  Bolder- 
mann S.  117)  gestorben  ist  Buresch,  Triopeion,  Herodee,  Regilla  im 
Rh.  »M.  44,  504  hält  noch  178  für  möglich. 

m)  Joach.  Marquardt,  Römische  Staatsverwaltung.    Leipzig  1885. 
III»,  428. 

"*)  Der  Austritt  aus  dem  Kollegium  erfolgte  übrigens  nicht  immer 
bei  Uebernahme  der  Pratur  oder  des  Konsulats.  A.  a.  0.  III,  429,  1. 

'•*)  Vgl  Waddington  a.  a.  0.  Wir  können  daraus  höchenst  entnehmen, 
daß  Demonax  damals  nicht  mehr  lebte.  Die  Nachricht  in  c.  30  korri- 
giert auch  die  Ansicht  Friedländers  II,  253  vgl.  Hertzberg  247,  50  und 
249,  64,  wornach  Demonax  schon  unter  Vespasian  einmal  aufgetreten  sei. 

>M)  Die  Belegstellen  bei  Hertzberg  S.  867. 

1M)  Von  den  römischen  Kaisern  wird  außerdem  nur  August  as  ge- 
nannt Pro  lapsu  c.  18  und  Nero  De  salt.  63  und  64,  während  Per.  18 
der  Name  (offenbar  Antonius  Pius)  verschwiegen  wird. 

»")  K.  Fried.  Hermann.  Zur  Charakteristik  Lucians  und 
Schriften  in  den  ges.  Abh.  und  Beitr.  Göttiugen,  1849  S.  220. 


Untereuchungen  über  die  Lucianische  Vita  Demonactia.  617 

Werke  mehr  erzählenden  Charakters,  wenn  auch  der  satirische 
Zug  nicht  verschwindet156).  Da  also,  in  den  ersten  Jahren 
seines  Aufenthaltes  in  Aegypten,  fern  von  Athen,  wird  die 
Erinnerung  wach  an  die  Erlebnisse  daselbst,  an  den  bedeutenden 
Einfluß,  den  besonders  der  Philosoph  Demonax  auf  ihn  aus- 
geübt hat;  es  drängt  ihn  zum  Andenken  an  die  hochgefeierte 
Stadt,  diesem  Mann  ein  Denkmal  zu  setzen,  wie  er  einst  in 
jungen  Jahren  unter  dem  ersten  Eindruck  athenischer  Geistes- 
herrlichkeit Nigr.  geschrieben  hat.  Und  vielleicht  dürfen  wir 
nicht  mit  Unrecht  in  der  starken  Betonung  der  politischen  und 
friedenerhaltenden  Tätigkeit  des  Demonax  nichts  anderes  sehen, 
als  eine  neue  Andeutung  eben  der  Zeitverhältnisse,  wo  er  selbst 
so  eifrig  dem  Wirken  zum  Wohle  der  Mitbürger  das  Wort 
redete  (Apol.  11.  12.  14). 


II.  Untersuchung  Uber  die  Integrität. 

1.  Die  Hypothese  von  der  christlichen 
Ueberarbeitung. 

Einen  Haupteinwand  stilistischer  Natur  haben  wir  bisher 
außer  acht  gelassen.  Jedem  aufmerksamen  Leser  Lucians  muß 
an  der  Vita  auffallen  eine  gewisse  Ordnungslosigkeit  in  der 
Erzählung,  verbunden  bald  mit  einem  knappen  Zusammen- 
drängen mehrerer  Notizen,  bald  wieder  mit  einer  geschwätzigen 
Breite,  wie  c.  3  und  4,  vor  allem  aber  die  nach  unserem  Urteil 
ganz  unkünstlerische  Art,  mit  der  sich  ohne  jede  gegenseitige 
Verbindung  zwischen  c.  11 — 63  eine  lose  Zusammenstellung 
von  witzigen  Einfallen  und  Aussprüchen  des  Demonax  ein- 
schiebt.   Wie  kann,  so  fragt  man,  ein  Schriftsteller  von  dem 

**8)  Vgl.  Croiset  8.  79  und  80.  Uebrigens  verlegt  Croiset  die  Ab« 
fassung  der  Ver.  bist,  in  eioe  frühere  Zeit,  wo  bei  Erwähnung  de« 
Namens  Lucian  noch  nicht  gleich  der  Gedanke  an  seine  humoristische 
Schriftstell erei  bei  den  Lesern  erweckt  worden  sei  (S.  59);  ebenso  Baar, 
Lucianea.  Göns  1884  S.  11  wegen  einer  Berührung  mit  De  hist  conacr.  1. 


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618 


K.  Punk, 


feinen  Geschniacke  Lucians  etwas  Derartiges  geschrieben  haben, 
nachdem  er  doch  in  De  hist.  conscr.  und  Rhet.  praec  —  von 
Alex,  und  Peregr.  ganz  zu  schweigen  —  gezeigt  hat,  wie  gut 
er  es  versteht,  ein  zerstreutes  Material  zu  einer  kräftigen  Ge- 
samtcharakteristik zu  verarbeiten?  Dazu  hat  unter  seinen 
zahlreichen  Schriften  nur  der  äußerst  zweifelhafte  Pseudo- 
sophista  eine  ähnliche  Anlage157).  Kein  Wunder  also,  wenn 
man  nicht  mit  Jakob  S.  21  die  Biographie  'musterhaft'  finden 
konnte,  sondern  eine  'stümperhafte  Charakteristik'158)  darin 
erblicken  wollte  und  damit  die  ünechtheit  aussprach.  Wie  ist 
nun  diese  auffallende  Erscheinung  zu  erklären? 

Schwarz  hat  erstmals  auf  die  genannten  Mängel  im  ein- 
zelnen hingewiesen  und  unter  Voraussetzung  der  Echtheit  kam 
er  S.  594  zu  dem  Schlüsse,  daß  wir  in  der  Vita  4eine  in  ihrer 
Tendenz  philosophische,  in  ihrer  Form  aber  durch  eine  fremde, 
wahrscheinlich  christliche  Hand  korrumpierte  Schrift  Lucians' 
haben.  So  sehr  er  betont,  daß  sich  ihm  diese  Folgerung 
gleichzeitig  mit  der  Erkenntnis  von  der  Verderbnis  der  kranken 
Stellen  aufgedrängt  habe,  mehr  als  eine  Vermutung  ist  es  nicht, 
die  er  trotz  aller  gegenteiligen  Erklärungen  (S.  574)  ebenso 
wie  Wichmann  S.  849  bedurfte,  um  für  die  Interpolationen 
und  Umstellungen  einen  leitenden  Zweck  zu  haben. 

Ich  kann  mich  hier  kurz  fassen.  Man  hat  ja  bei  Lucian 
nirgends  eine  christliche  Tendenz 1M)  oder  eine  christliche  Inter- 
polation160) mit  Sicherheit  nachweisen  können.  Nicht  einmal 
Nec.  14  jietejieXe  töv  TexoXu^uivaw  rcäai  ist  notwendig  so 
anzusehen161);  um  wie  viel  unwahrscheinlicher  wird  es  erst 
sein,  daß  die  Christen  einen*  Mann,  der  in  Per.  ein  so  schiefes 
Bild  von  ihnen  entworfen  hatte,  irgendwie  noch  für  geeignet 
hielten,  ihn  eine  Lanze  für  die  christliche  Sache  brechen  zu 
lassen?  Was  man  schon  vor  Suidas  Zeiten  unter  seinem  Namen 

»')  Schmid,  Philol.  50,  800  f. 

"»)  Sommerbrodt,  Ausg.  Sehr.  V,  XVIII;  Rotbstein  8.  83, 1  legi 
wieder  gegen  ihn  Verwahrung  ein. 

»»)  Vgl.  Schmid,  Philol.  50.  315  bezüglich  As. 
»••)  Tfairame  S.  83  zu  Apophr.  8. 

,Ä!)  Vgl.  dagegen  Waßmannsdorf,  Lnciani  scripta  ea,  qnae  ad 
Menippum  spectant,  inter  se  comparantur  et  diiodicantur  Jenae  1874. 
S.  88.  Roderich,  De  Luciano  philosopho  1880  (vgl.  J.  B.  d.  phil.  Vereins 
*.  Berlin  TZ.  f.  G.  w.]  1880,  204)  steht  mit  seiner  Annahme  von  Christ- 
hohen  Anklängen  und  Karikaturen  vollständig  allein. 


Untersuchungen  über  die  Lucianieche  Vita  Demonactie.  619 


in  Umlauf  setzen  zu  können  glaubte,  zeigt  Philopatris.  Man 
hat  überhaupt  die  Dienste  weit  überschätzt,  die  Lucian  dem 
aufblühenden  Christentum  geleistet  haben  soll  (vgl.  Croiset 
S.  234  ff.). 

Außerdem  läßt  sich  nicht  einsehen,  was  für  ein  Grund 
die  christliche  Unterstellung  veranlaßt  hätte.  Die  Heranziehung 
der  gefälschten  kaiserlichen  Rescripte  ist  durchaus  unzutreffend. 
Sollte  aber  bloß  die  Wahrheit  von  der  anima  naturaliter  Chri- 
stiane erwiesen  werden,  lag  es  dann  für  den  christlichen 
Fälscher  nicht  näher,  Männer  wie  Seneka  und  Epiktet  sich 
zum  Vorwurf  zu  nehmen,  die  weit  bekannter,  also  einflußreicher 
waren  als  unser  Demonax  und  dazu  noch  den  christlichen  An- 
schauungen ungleich  näher  standen?  Allein  diese  Tendenz 
tritt  nirgends  zu  tage,  die  uneingeschränkte  Bewunderung  von 
Anfang  bis  Schluß,  ohne  daß  die  heidnischen  Züge  in  c.  8.  32 
und  63  ausgemerzt  wären  oder  getadelt  würden,  beweisen  ge- 
rade das  Gegenteil.  So  ist  also  die  Hypothese  schon  innerlich 
unwahrscheinlich.  Wenn  ich  trotzdem  auf  einige  der  namhaft 
gemachten  Stellen  eingehe,  so  geschieht  es  nur  deshalb,  um 
den  bisherigen  Beweisgang  zu  verstärken  und  die  Stellen  in 
der  überlieferten  Form  als  echt  zu  retten.  Betreffs  des 
bereits  besprochenen  c.  8  braucht  es  keiner  Beifügung  mehr. 
Die  Zusammenstellung  von  jxaxpa  eXeufrepta ,M)  und  XV){bj  6*e 
t:;  dyad-öv  *at  xaxwv  rcdvxas  xaiaX^eiat  gewährleistet  die 
Ursprünglichkeit.  Ebenso  waren  mindestens  die  Vorbedingungen 
für  die  scharfe  Unterscheidung  von  Fehler  und  Fehlendem  c  7, 
eine  der  wenigen  Aeußerungen  ernster  Art  von  Demonax,  schon 
im  Stoicismus 18S)  gegeben.  Geradezu  cynischen  Anschauungen 
und  Gewohnheiten  entspricht  die  Charakteristik  des  Philosophen 
als  des  öffentlichen  Friedenstifters  und  —  wenn  ich  so  sagen 
darf  —  die  rühmende  Schilderung  seiner  Tätigkeit  in  der 
Hauspastoration  c  9  und  64.  Musonius  und  Dio  Chrisosto- 
mus 1M)  üben  dasselbe  und  fast  mit  den  gleichen  Worten  wird 
es  dem  Krates  nachgesagt,  dessen  leider  verloren  gegangene 

"»)  Vgl.  Zeller  III,  1",  204  und  710  Über  diesen  Oedanken  bei  Seneka. 

'•»)  Arrian,  Epicteti  Disa.  I,  18,  3:  xa^»«*ivwv  °&v  *ötoI$  (ß«« 
xXimaut  xod  Xmitotb-zaii)  f)  tttelv  who'>c;  Marc.  Aurel.  VII,  22.  Vgl.  Vit. 
auct.  9.  Dem.  lö. 

1M)  Tacitua,  Hiat.  III,  81;  Philostr.  V.S.  II  S.  8,  8  ff. 


K.  Funk, 


Biographie  vielleicht  sonst  noch  manche  interessante  Aufschlüsse 
geben  könnte1«4).    Damit  fallt  zugleich  der  Anstoß,  den  man 
an  dem  großen   Freundschaftsbedürfnisse  des   Demonax  ge- 
nommen hat  (vgl.  Schwarz  S.  574).  Ein  tatsächlicher  Wider- 
sprach mit  dem  feierlich  ausgesprochenen  Grundsatz  frqdevc; 
£XXoi>  rcpooSeä  efvat  liegt  wohl  vor,  aber  in  gleiche  Verlegen- 
heit kam  auch  das  stoische  System  und  Seneka  nimmt  an 
verschiedenen  Orten  Anlaß,  den  Widerspruch  wenigstens 
bar  zu  lösen168).    Die  Lehre  von  der  allgemeinen 
liebe  trat  eben  so  stark  in  der  Stoa  hervor  (vgl.  Zeller  IIL,  ls. 
283)  und  war  so  sehr  in  den  politischen  und  socialen  Ver- 
hältnissen der  damaligen  Zeit  begründet167),  daß  es  geradezu 
verwunderlich  wäre,  wenn  selbst  ein  cy nischer  Philosoph  nicht 
über  die  negative  Auffassung  vom  Kosmopolitismus  im  Sinne 
der  Unabhängigkeit  von  Heimat  und  Vaterland  hinaus  zur 
positiven  Anschauung  von  der  wesentlichen  Zusammengehörig- 
keit aller  Menschen  fortgeschritten  wäre. 

Besonders  wendet  sich  Schwarz  S.  576  f.  gegen  die  Fassung 
von  c.  11,  ohne  indes  in  Abrede  zu  ziehen,  daß  die  beiden 

IW)  Bruchitücke  bei  Apuleius  Florid.  IV,  22  und  II,  12  dsgl.  bei 
Julian.  Or.  VI,  201  und  200  zeigen  im  Inhalt  mit  Dem.  9  und  63  Aehn- 
licbkeit.    Ich  stelle  die  beiden  Stellen  neben  einander: 

Apuleius:  Grates  ille,  Diogenis  Julian  II,  200:  'Eid  xoöxot»  qpooi 
sectator,  ut  lar  familiaris  apud  ho-  tot>;  "EXX^vac  siuypdfptiv  xqI$  iau- 
mines  actatis  suae  Athenis  cultus  xfi>v  olxoic  inl  xÄv  npo-mXaltn  *  Etoo- 
est.  Nulla  domus  ei  unquam  clausa  doc  KpdxTjxi  'Aya^^Aatttovi  und 
erat;  nec  erat  patris  familias  tarn  VII,  201:  iicoptösxo  &s  srci  xi; 
absconditum  secretnm,  quin  eo  tmv  qpCXuv  sox(a(,  dxXrjxoc 
tempestive  Crates  intervenerit,  Ii-  xsxXnjjisvoc,  diaXXdoocov  xoi»; 
tium  omntum  ei  iurgiorum  itUer     otxsioxdxouc  dXX^Xoig,  sl- 

S-opinquo8  disceptator  atque  arbüer.     n  ox  s  axaotd£ovxac  alad-oixo. 
es  Weiteren  folgt  ein  Vergleich     sitsx{|ia  84  oö  usxd  ittxpfag,  dXXä 
mit  Herakles.  jietA  x&pttOC«  oöx  tva  ouxoqpavxsft 

8ox£  xoug  oöXfpovtoWvxac- 
Vergleicht  man  diese  Stellen  mit  den  bei  Plut  Quaest.  Conv.  IL 
1,6  (II,  766,  30  Dübner):  Kpdrqxa  öe.  xov  qptXcooqpov  «1$  it&oav  otxiav  si- 
aidvxa  (isxa  xtjif.c  xcü  ^tXocppoaimjj  5»x°li*V(ÜV  SH>p87iavo;xxyj>  ixdXoTv  (vgl. 
Diog.  L.  VI,  86)  und  erwagt  man  die  ausdrückliche  Angabe  des  Namens 
•Plutarch'  bei  Julian  VI,  200,  Bowie  die  sonstige  Abhängigkeit  des 
Apuleius  von  Plutarch  (Christ,  Gr.  L.G.  661'),  so  ist  eine  Biographie 
des  Plutarch  über  KrateB  vorauszusetzen,  deren  Fragmente  wir  hier  vor 
uns  haben. 

,M)  Vgl.  Zeller  III,  1»,  290  f.  ;  II,  1«,  288  und  Joel,  Der  Xenopbon- 
tisclie  Sokrates.    Berlin  18!>1  II,  2,  993  und  bes.  1011  ff. 

W7)  Zeller  III,  1«,  721  ff.;  280,  2.  Bezeichnend  «enug  ist  auch  der 
specifische  Ausdruck  4ö*Xcp&c  Per.  1£  (vgl.  Arrian,  Epict.  Diss.  III, 
22,  54;  I,  18,  8)  durch  den  allgemeineren  dvdpemos  ersetzt.  Für  den 
gleichen  SatzanschluÜ  s.  Herrn.  67. 


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Unteraach ungen  über  die  Lnoianiache  Vita  Demonactis.  621 

Aussprüche  für  sich  allein  dem  Demonax  zugehören.  Beide 
Antworten  entsprechen  ja  nnr  dem  cynischen  Standpunkt166). 
Die  erste  Aeußerung,  welche  sich  mit  dem  Unwert  der  Opfer 
befaßt,  da  doch  die  Menschen  den  Göttern  nichts  geben 
konnten,  was  sie  nicht  schon  besäßen,  findet  eine  Stütze  in 
c  27  und  trifft  mit  den  anderwärts  ausgesprochenen  religiösen 
Anschauungen  Lucians  (De  sacrif.  1.  Jup.  trag.  20  Char.  12) 
zusammen.  Bezüglich  seiner  Stellung  zu  den  Mysterien  ist 
allerdings  nicht  genügend  Klarheit  vorhanden.  Daß  er  ein- 
geweiht war,  will  Planck  S.  10  und  Fr.  II,  2,  14  annehmen. 
Allein  er  bezeichnet  sich  ja  Pisc.  19  als  Barbaren,  und  Scyth.  8  . 
sagt  er  nicht  ohne  kritische  Nebenbemerkung,  daß  Anacharsis 
u.övos  töv  {Japßapcav  (vgL  Dem.  34)  ijiu^169).  Die  dafür  in 
Anspruch  genommenen  Stellen  De  salt.  15  und  Nav.  11  be- 
weisen nichts.  Die  erste  Stelle  ££tov  xdfe  piv  öpyia  ata>7töv  töv 
dpo^Ttov  gvexa  kann  als  rhetorische  Phrase  aufgefaßt  werden, 
und  an  der  letzteren  Stelle  spielt  er  nur  mit  der  Aehnlichkeit 
der  Einweihung  in  die  Mysterien  und  der  Vermählungsfeier. 
So  oft  er  sonst  von  den  Mysterien  spricht  und  dem  Verbot  des 
e^ayopeueiv  (Nav.  11.  Pisc.  33.  Nec.  2.  Adv.  ind.  25),  wie  von 
den  Eumolpiden  (Anach.  34.  Fug.  8.  Alex.  39),  nirgends  spricht 
er  klar  von  seiner  Einweihung  und  verrät  selbst  in  der  Nach- 
bildung der  Mysterien  in  Alex.  37—40  nicht  mehr  Kenntnisse, 
als  man  gemeiniglich  hatte.  Immerhin  mag  auffallen,  daß  er 
Cat.  22  den  Cyniskus  tt)v  yvwji^v  ^iXöoospov  (c.  23)  eingeweiht 
sein  läßt.  Es  ist  indessen  nicht  zu  übersehen,  daß  nicht  die 
Mysterien,  sondern  die  Philosophie  ihn  zu  einem  so  tadellosen 
Leben  angeleitet  haben,  daß  er  straflos  ausgeht  (c.  24  vgl.  25). 

Doch  es  ist  ja  nicht  der  Inhalt,  sondern  nur  die  Form 
beanstandet  worden.  Es  soll  eine  christliche  Ueberarbeitung 
stattgefunden  haben,  weil  nur  so  die  Erklärung  der  abstoßenden 
Nachbildung  der  somatischen  Anklage  der  Schlüssel  zu  der 
mit  c.  63  in  Widerspruch  stehenden  Erzählung'  gewonnen 
werden  könne  (Schwarz  S.  576  vgl.  568).  Der  letzte  Punkt 
bedarf  keine  Widerlegung  (vgl.  nur  c.  16).  Vergebens  fragt 
man  sich,  was  eigentlich  an  der  Nachbildung  des  sokratischen 

1M)  Diog.  L.  VI,  73;  Jul.  Or.  VI,  199  vgl.  Bernays  8.  31. 
«•)  Vgl.  Schoemann,  Gr.  Altertümer.  Berlin  1873.  II,  384. 


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K.  Punk, 


Schicksals  abgeschmackt  und  deshalb  mit  Lucian  unvereinbar 
sein  soll.   Die  Parallele  C  h  r  i  s  t  u  8 -Sokrates  war  freilich  bei 
den  griechischen  Kirchenvätern  nichts  Ungewöhnliches1 7Ö),  aber 
ein  Vergleich  anderer  Personen  mit  Sokrates  war  eigentlich  im 
Munde  eines  Heiden  weitehe  zu  erwarten.  In  richtigem  Gefühl  weist 
deshalb  Schwarz  S.  568,  1  die  für  ihn  günstige  Stelle  Per.  12 
trotz  des  historisch  klingenden  &vou,a£eTO 171)  zurück.   Die  Ver- 
gleichung  mit  Sokrates  war  damals  heidnischerseits  gang  und 
gäbe.    So  ließ  sich  Dio  Chrysostomus ,  vor  Gericht  gestellt, 
die  Gelegenheit  nicht  entgehen,  in  sokratischer  Manier  eine 
Apologie  zu  halten  (vgl.  Hirzel  II,  89,  2  nach  Or.  14,  191  f  R). 
Aehnliches  wissen  wir  von  Favorinus 17*).    Und  wenn  nun 
Schwarz  den  Schluß  des  11.  Kapitels  für  den  echten  Anfang 
der  Verteidigungsrede  des  Demonax  hält,  und  wenn  er  —  was 
nach  dem  Ausgeführten  durchaus  wahrscheinlich  ist  —  zugibt, 
daß  der  Angeklagte  im  weiteren  Verlauf  auf  die  Analogie  mit 
Sokrates  hingewiesen  habe,  wovon  das  rcpoxcpov  gleichsam  noch 
der  Rest  sei  (S.  569),  warum  sollte  dann  derselbe  Vergleich 
ein  paar  Zeilen  weiter  oben  sofort  abgeschmackt  sein  und 
nicht  schon  von  dem  ursprünglichen  Verfasser  der  Biographie 
in  die  geschichtliche  Darstellung  verwoben  worden  sein  ?  Warum 
sollte  es  nicht  Lucian  selbst  getan  haben  ?  So  wenig  schmeichel- 
haft ersieh  sonst  über  die  Lebensführung  des  Sokrates  äußert178), 
wo  eine  Gelegenheit  sich  bietet,  auf  die  äußeren  Lebensschicksale 
hinzuweisen,  da  erscheint  auch  wirklich  wie  hier  Sokrates  und 
ganz  typisch  mit  ihm  seine  Ankläger  Anytus  und  Meletus17*). 
Daß  sogar  eine  solche  Scene  ganz  im  Geschmack  Lucians  war, 

Ad.  Harnack,  Ueber  Sokrates  und  die  alte  Kirche.  Glessen  1901. 
S.  5—16.  lieber  den  damaligen  Sokrates-  und  Platokult  Tgl.  Hertzberg 
II,  246. 

«»)  Vgl.  Planck,  Stud.  uod  Krit.  S.  869.  Vgl.  c.  37. 
m)  Philostr.,  V.  S.  9,  32  ff.  Er  bebandelte  ihn  auch  in  seinen  Denk- 
würdigkeiten s.  Köpke,  Ueber  die  Gattung  der  Apomnemoneumuta 

S.  23.  24. 

m)  Er  wirft  ihm  in  Uebereinstimtnung  mit  den  Cjnikern  und  der 
Komödie  Schwatehaftigkeit  vor  Vit.  auet  15.  Nec.  18.  Dial.  mort.  XX,  4. 
Ver.  hist.  II,  7  —  Todesfurcht  Dial.  mort.  XXI,  1  —  Knabenliebe  Vit 
auet.  15.  Ver.  hist.  II,  17.  19.  Per.  43.  Amor.  59.  54.  Eun.  9.  —  Feig- 
heit Ver.  hist.  II,  23.  Paras.  43.  Er  spricht  aber  auch  von  Beinern 
Ruhme  Som.  12  und  ihm  zur  Ehre  Per.  5.  12.  37  u.  a. 

"•)  Pisc.  10.  Bis  acc.  5;  nur  Anytus  Fug.  8  und  nur  Meletus  Jup. 
conf.  16.  Auf  Sokrates'  ungerechten  Tod  wird  angespielt  Jnp.  trag.  48. 
Per.  37.  Paras.  57. 


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Untersuchungen  Ober  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  628 

bezeugt  seine  große  Vorliebe  für  Gerich  tsscenen  überhaupt175). 
Da  nun  die  Einheitlichkeit  von  c.  11  nicht  geleugnet  wird, 
und  durch  Herausschälung  der  beiden  Aussprüche  aus  ihrer 
Fassung  die  Zahl  der  Apophthegmata  in  knapper  Form,  ohne 
Aufputz  und  Einleitung,  unnötig  vermehrt  würde,  so  ist  der 
Zweifel  an  der  Ursprünglichkeit  des  Kapitels  unbegründet.  Im 
Gegenteil  wird  man  darin  einige  weitere  Anzeichen  für  die 
Echtheit  der  Schrift  finden  können. 

Eine  christliche  Ueberarbeitung  laßt  sich  also  keineswegs 
erweisen.  Dagegen  vermag  auch  die  Aeußerung  des  Demonax 
in  c.  51,  die  Schwarz  eigentümlicherweise  entgangen  ist,  nicht 
zu  streiten,  wiewohl  sie  früher  (Planck  S.  900)  als  Nachbildung 
von  Jac.  1,  19  verdächtigt  worden  ist  Interessant  aber  ist, 
daß  in  dem  einzigen  Florilegium  einer  Pariser  Handschrift176), 
welche  Apophthegmata  aus  unserer  Vita  enthält,  gerade  c.  51 
und  29  mit  zwischen  geschobenem  Jac.  1,  19  ohne  Lemmata 
aufgeführt  werden. 

2.  Interpolationen  und  Lücken. 

Ein  anderer  Grund,  die  Ueberarbeitung  aufrecht  zu  er- 
halten und  zu  erklären,  schien  sich  aus  der  Betrachtung  des 
1.  Kapitels  zu  ergeben.  Mit  Ausnahme  von  Fr.  III,  2,  XXVH  ff. 
und  Croiset  S.  80  bestand  fast  allgemein  die  Annahme,  daß 
die  Abfassung  der  Lebensbeschreibung  des  Sostratus-Agathion 
mit  der  ganzen  Art  Lucians  unvereinbar  sei.  Man  glaubte 
daher,  die  Ueberarbeitung  irgend  wie  mit  der  Eingliederung 
dieser  Schrift  in  unsere  Vita  in  Verbindung  bringen  zu  können. 
Die  Möglichkeit  oder  Unmöglichkeit  der  Urheberschaft  Lucians 
für  die  Biographie  des  Sostratus  wird  uns  nachher  noch  eigens 
beschäftigen;  hier  kommt  es  mir  zunächst  nur  darauf  an,  ob 
die  anerkannten  Mängel  sich  aus  der  Parallelstellung  der  Vita 
Sostrati  mit  der  des  Demonax  erklären  lassen. 

Thimme  S.  58  sprach  die  Vermutung  aus,  es  habe  2 
Schriften  über  Demonax  gegeben,  eine  von  Lucian,  eine  andere 

m)  Darauf  beruhen  Pisc.  und  Bis  acc. ;  vgl.  Tim.  50  und  An  ach.  17. 
m)  Cod.  reg.  2991  A.  p.  361  ff.  bei  Boisonnade,  Anecd.  Gr.  Paris 
1829.  III,  466  f.  rvcöjwxd  uva. 


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624 


K.  Funk, 


von  einem  Zeitgenossen,  der  zugleich  auch  über  Sostratus  ge- 
schrieben habe;  ein  Späterer  habe  nun  die  beiden  Biographien 
▼on  Demonax  zusammengearbeitet.  Allein  mag  auch  die  Ein- 
leitung ihre  Fassung  dein  Bestreben  verdanken,  die  Vita  So- 
strati  zu  retten,  nirgends  tritt  eine  Spur  zweier  Quellen  hervor. 
Die  Worte  xaöta  dXtya  roxvu  ix  rcoXXöv  verraten  durchaus 
nichts  davon  (a.  a.  0.  S.  58,  1).  Sie  sind,  wie  oben  gezeigt, 
eine  echt  Lucianische  Formel,  die  beim  Abschluß  einer  Ge- 
dankenreihe oder  eines  Buches  gern  wiederkehrt.  Dabei  wäre 
es  —  ganz  abgesehen  von  dem  durchweg  einheitlichen  Eindruck 
der  Schrift  —  gewiß  sehr  verwunderlich,  wenn  trotz  Benützung 
einer  anderen  Quelle  genau  das  Bild  eines  Idealphilosophen 
nach  Lucians  Denkart  herauskommen  würde,  und  wenn  selbst 
in  der  Auswahl  der  Apophthegmata  sich  kein  anderes  System 
zeigte. 

Noch  weniger  vermag  die  Unterschiebung  der  Vita  Sostrati 
allein  eine  Ueberarbeitung  zu  begründen.  Zugestandnermaßen 
sind  die  2  ersten  Kapitel  richtig  und  logisch  gegliedert  und 
bilden  ein  einheitliches  Ganzes  und  das  erste  Kapitel  stimmt 
trefflich  zur  Fortsetzung177).  Warum  sollte  nun  ein  so  ge- 
wandter Fälscher  die  Ordnung  gestört  haben?  Denn  nur  darum 
kann  es  sich  handeln,  da  die  beanstandeten  Stellen  in  c.  3  und 
4,  in  8—10  sogar  nach  dem  Urteil  von  Schwarz  S.  567, 
Thimme  S.  56  f.  und  Wichmann  S.  843  f.  Lucianischen  Cha- 
rakter an  sich  tragen.  Einem  Excerptor  aber  die  Schuld  zu 
geben  an  dem  gegenwärtigen  Zustand  der  Schrift  geht  wohl 
deshalb  nicht  an,  weil  Eunapius  in  Prooem.  V.S.  sie  bereits 
als  ein  ßißAiov  iX&yioTov  bezeichnet  und  gerade  an  den  frag- 
lichen Stellen  eine  merkwürdige  Breite  zu  Tage  tritt 

So  sehr  man  freilich  wünschen  möchte,  daß  die  Erzählung, 
ausgehend  von  dem  jugendlichen  Drange  des  Demonax  nach 
Wissenschaft  und  Erkenntnis,  uns  zuerst  die  Vorbereitung  auf 
das  philosophische  Studium,  dann  dieses  selbst  vorführen  würde 
und  schließlich  uns  den  Philosophen  in  der  Mittagshöhe  86111 l 
Vollendung,  in  seiner  Wirksamkeit,  in  seinen  Beziehungen  zu 
den  Zeitgenossen,  in  seinem  Sterben  und  seinem  Nachruhm 
zeigen  würde,  es  ist  sicherlich  mißlich,  sich  einfach  eine  Dis- 

inX  Vgl.  Schwant  8.  566  und  Scfamid,  Philol.  50,  801. 


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r 
i 

Untersuchungen  über  die  Lucialüsche  Vita  Demonactii.  025 

position  zurecht  zu  machen  und  alles  wegzuschneiden,  was 
nicht  in  dieses  Prokrustesbett  passen  will.  Wie  subjektiv  der- 
artige Entscheidungen  ausfallen,  spricht  sich  zur  Genfige  in 
der  großen  Meinungsverschiedenheit  der  einzelnen  Kritiker 
aus178).  Bezeichnend  genug  ist  dabei,  daß  Thimme  S.  56 
eben  die  Stelle  (vgl.  Alex.  57)  non  sine  veritatis  specie  von 
Lucian  geschrieben  läßt,  von  der  Wich  mann  S.  849  sagt,  von 
den  für  die  Biographie  des  Demonax  von  ihm  aufgestellten 
Interpolationen  sei  ihm  keine  so  unumstößlich,  wie  die  Worte 
c.  3  iXka  ndoi  uiv  toutoi;  .  .  .  xexoojxrjuivq),  weil  sie  sich  bei 
der  oberflächlichsten  Lektüre  als  eine  Parenthese  zu  erkennen 
geben.  Jedenfalls  dient  es  nicht  zur  Empfehlung  der  Auf- 
stellungen Wichmanns,  wenn  er  auch  in  anderen  Schriften  aus 
recht  zweifelhaften  Gründen  Umstellungen  oder  Ausscheidungen 
zum  Teil  bloß  wegen  eines  Uebermaßes  von  Schmutzigkeit 
macht170).  Das  erstere  beweist  nur,  daß  man  bei  Lucian  be- 
züglich der  Disposition  nicht  immer  den  strengsten  Maßstab 
anlegen  darf;  selbst  den  etwas  äußerlichen  Anschluß  von  c.  10 
mit  u-övov  Vjvt'a  an  qpat§p&£  wird  man  nicht  gerade  unmöglich 
finden.  Da  es  sich  in  dem  schildernden  Teil  c.  1  — 11  und 
63-  67  fast  einzig  um  Umstellungen  handelt,  so  halte  ich  es 
für  unnötig  auf  die  einzelnen  Vorschläge  einzugehen.  Die 
ganze  Methode  ist  zu  subjektiv  und  zu  gewaltsam,  um  wahr 
zu  sein. 

na)  Während  Schwarz  S.  566  in  c.  3  öisxiXsos  XPU>H*V0C  .  •  •  aXr{$st.av 
ausschaltet,  will  Wichmann  S.  842  ff.  auch  noch  dXX4  tcäoi  usv  ouvsyi- 
vsto  . .  .  xapaxXrjdsic  und  schon  von  OxspslÖs  jisv  .  . .  dXr}&*iav  streichen. 
Thimme  S.  56  findet  nur  die  Annahme  Wichmanns  unmöglich,  weil  so 
2mal  der  Satz  mit  oö  u>yjv  anfange,  was  indes  kein  Hindernis  ist  (vgl. 
Pro  lapsu  2),  so  wenig  als  4mal  4XXd  (vgl.  Per.  5).  Ebenso  nimmt 
Schwarz  S.  566  an  c.  4  Anstoß  wegen  der  vielen  Notizen,  Wichmann 
S.  844  will  nnr  &ocs  .  . .  xaxaXiTtwv  streichen,  Thimme  S  56.  57  auch 
noch  xal  t4$  4v  <ptXoooqp(qp  .  .  .  TjTctorato.  Desgleichen  findet  Schwarz 
S.  568  in  c  9  und  10  vieles  Anstößige.  Thimme  möchte  nur  c.  10 
xai  xdvTa  ueti  Xapitwv  .  .  .  smx»(Hlo&<xi  mit  c.  9  Sxsios  uixpta  x.  t.  X. 
verbunden  wissen.  Wichmann  S.  845  streicht  c.  8  und  9,  gesteht  aber, 
daß  ihm  die  Entscheidung  schwer  falle,  und  daß,  wenn  man  an  dem 
Anfang  von  c.  8  keinen  Anstoß  nehme,  Ober  c.  8  und  9  nicht  zu 
streiten  sei. 

I7t»)  0.  Wichmann,  Lucian  als  Schulschriftsteller.  Eberswalde  1887. 
Interpolationen  nimmt  er  an  in  Gall.  S.  10,  Rhet.  praec.  S.  28,  1  Um- 
stellungen in  De  bist  conscr.  S.  80,  1.  Warum  er  in  unserem  Fall  xaps- 
8t8ot>  mit  Ausrufezeichen  versieht,  ist  mir  nicht  klar,  da  es  gar  nicht 
vorkommt    Vgl.  auch  die  anfechtbare  üebersetzung  8.  844. 


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626  K.  Funk, 

Dasselbe  gilt  von  der  aprioristischen  Art,  mit  der  Schwarz 
S.  572  gegen  die  Apophthegroata  vorgeht  Weil  ihm  etwa 
10 — 15  Aussprüche  genügend  erscheinen,  will  er  alle  übrigei 
als  unecht  verwerfen.  Daß  man  an  der  großen  Zahl  derselben 
Anstoß  nimmt,  ist  ja  begreiflich.  Dazu  bietet  die  lose  An- 
einanderreihung, die  mit  der  Einleitung  ßo6Xou.ai  5e  Svwt  Tcapo- 
freofrat  für  einige  mindestens  von  selbst  gegeben  ist,  die 
günstigste  Gelegenheit  zu  Interpolationen.  Aber  welches  Kri- 
terium vermöchte  uns  da  sicher  zu  leiten?  Schulze  S.  7  macht 
eigens  darauf  aufmerksam,  daß  die  aufgeführten  Aussprüche  in 
anderen  Spruchsammlungen  nicht  wiederkehren,  was  sich  außer 
3  Fällen  (s.  S.  623  und  weiter  unten)  bestätigt,  und  daß  weder 
die  handschriftliche  Ueberlieferung  noch  die  Worte  Lucian> 
c.  12  fvta  itapad-eodm  xöv  Xg\erf\ihw  und  c.  67  taDxa  oliya 
Tuavu  ev  rcoXAöv  einen  festen  Anhaltspunkt  gewähren,  wie  viel 
zu  streichen  sei.  Allein  darf  man  nicht  mit  Schwarz  S.  573 
eine  Spur  der  Ueberarbeitung  in  c.  14  entdecken,  weil  der 
Stornos  aocpioT*);  18°)  nicht  mit  Namen  genannt  ist  und  für  die 
'  Verschweigung  des  Namens  sich  kein  Grund  finden  läßt,  da 
er  ja  durch  diesen  Beisatz  genügend  gekennzeichnet  ist? 
Das  letztere  ist  nicht  zu  leugnen.  Uebrigens  ist  das  gleiche 
der  Fall  in  Eun.  7  und  doch  wird  der  Name  des  Favorinus 
nicht  genannt.  Es  scheint  der  Betroffene  eben  trotzdem  so  für 
ferner  Stehende  mehr  geschützt  zu  sein.  Es  ist  aber  auch  das 
wohl  möglich,  daß  hier  einmal  ausnahmsweise  die  Sophisten- 

18°)  Unter  dem  Siötovto;  ooq>toxtj;  ist  gewiß  nicht  an  Hadrian  von 
Tyrus  (Ranke  S.  86  vgl.  dagegen  Guttentag  S.  87),  sondern  nur  an 
Maximus  von  Tyra8  zu  denken.  Dessen  Grundanschauung  war 
zwar  platonisch,  aber  er  eignete  sich  auch  peri  patetische,  stoische  und 
neupythagoraische  Lehrsätze  an;  nur  von  Kpikur  und  den  Atheisten 
will  er  nichts  wissen  (vgl.  ßergk,  Gr.  Lg.  IV,  551  und  Anm.  45;  Dürr 
S.  4).  So  rühmt  sich  auch  der  sidonische  Sophist  mit  Ausnahme  Epi- 
kurs  in  allen  philosophischen  Systemen  zu  Hause  zu  sein.  Besonders 
große  Bewunderung  hatte  der  Tyrier  fürPythagoras;  Artemidor 
redet  gegen  seine  sonstige  Gewohnheit  am  Schlüsse  des  2.  Buches  nach 
einigen  Kapiteln  über  dieZahlenmystik  einen  Cassius  Maximus 
an,  der  zweifellos  mit  Maximus  von  Tyrus  identisch  ist  (vgl.  Dürr  S.  4). 
Wenn  er  statt  Tyrier  Sidonier  genannt  wird,  so  verweise  ich  auf  die 
vielen  geographischen  Irrtümer  bei  Lucian  (vgl.  De  hist.  conscr.  12. 
Paesow  S.  22.  Jakob  S.  118—140.  Dahlmann,  Forschungen  II,  1,  26  ff.). 
Diese  waren  auch  sonst  bes.  bei  phönicischen  Städten  häufig  (vgl.  Diog. 
L.  VI.  99  und  95  über  die  Geburtsstadt  Menipps;  Suidas  s.  v.  Zenon; 
die  Angaben  über  Euphrates  bei  Zeller  III,  2»,  690).  Damit  dürfte  das 
Bedenken  in  der  2.  Aufl.  v.  Bohdes  Gr.  Rom.  321, 4  erledigt  sein. 


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Untersuchungen  Ober  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  627 

raode  durchbricht,  eine  litterarisch  bekannte  Persönlichkeit  nur 
mit  dem  Heimatsnamen  zu  bezeichnen181).  Immerhin  lag  für 
den  späteren  Redaktor  gar  kein  Grund  vor,  den  Namen  zu 
unterschlagen;  er  hat  es  auch  sonst  nicht  getan  und  eine 
Interpolation  ist  nicht  anzunehmen. 

Schwarz  findet  es  deshalb  für  gut,  noch  ein  anderes  Kri- 
terium ins  Feld  zu  führen.  Nur  die  Aussprüche  seien  als  echt 
anzusehen ,  welche  entweder  zur  Beleuchtung  des  Charakters 
des  Demonax  vorzüglich  geeignet  seien  oder  den  Lucianischen 
Anschauungen  so  entsprechen,  daß  sie  wie  Refrains  aus  anderen 
Schriften  klingen.  Das  gelte  nur  für  c.  11.  12.  13.  20.  21. 
24.  25.  28.  32.  34.  37.  48.  50.  56.  61  und  mit  mehr  oder 
weniger  Wahrscheinlichkeit  für  c.  18.  26.  30.  33.  55.  62. 
Allein  es  läßt  sich  das  Gepräge  der  Echtheit  strikte  auch  für 
c.  16.  26.  30.  33.  44.  45  nachweisen,  und  außerdem  gibt  zu 
solchem  Vorgehen  die  Einleitung  kein  Recht,  nach  der  nur 
evia  xöv  euoxöxwg  xe  dtjia  xat  aoietws  ötc'  aöxoö 
XeXefuiv.tov  erwähnt  werden  sollen. 

Ebenso  wenig  dürfen  Anklänge  an  anderweitig  Uberlieferte 
Witzworte  allzu  sehr  betont  werden.  Es  ist  sogar  durchaus 
keine  seltene  Erscheinung,  daß  ein  geistreiches  Wort  sich  ge- 
rettet hat  und  nun  irgend  einer  bekannten  Persönlichkeit  zuge- 
schrieben wird,  oder  daß  ein-  und  dasselbe  Wort  mehreren  Per- 
sonen zugeeignet  wird182).  Wie  vorsichtig  man  da  sein  muß, 
zeigt  am  besten  Schwarz  selber,  indem  er  auf  Grund  einer 
Uebereinstimmung  von  Gellius  N.  A.  I,  10  mit  Dem.  26  und 
einer  Aehnlichkeitf!]  der  Antwort  des  Gorgias  bei  Aelian  V. 
H.  II,  35  mit  c.  45  diese  zwei  Aussprüche  verwirft.  Beide 
tragen  unzweifelhaft  den  Stempel  der  Lucianischen  Anschau- 
ungen und  stimmen  mit  Lex.  20  bzw.  Dial.  mort.  XXI,  1 
fast  wörtlich  zusammen.  Was  er  sonst  noch  vorbringt  an 
Aehnlichkeiten,  ist  zu  unbedeutend.  Besser  als  der  Ausspruch 
Zenons  bei  Stob.  Flor.  46,  19  stimmt  mit  c.  51  Jac.  1,  19 

™)  Vgl.  Schmid  III,  305.  IV.  496.  Eunap.  V.  S.  p.  88  Roias.  Genau 
so  wird  Tox.  27  ein  Tödioc  «xpionte  genannt,  ohne  daß  wir  ihn  näher 
bezeichnen  könnten  ;  jedenfalls  ist  ea  nicht  Agathobnloe  (vgl.  Gattentag 
S.  87). 

"*)  Vgl.  Cicero,  Or.  pro  Cn.  Plancio  14,  35.  Andere  Beispiele  bei 
Röpke  S.  18.  10  und  Düramler,  Antutbenika  S.  69.  71. 

Phflologae,  Supplementband  X,  vierte«  Heft.  41 


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628 


K.  Funk, 


und  bei  c.  14  =  Gell.  I,  .2  liegt  die  Pointe  in  der  Kürze,  bei 
c.  18  ==  Stob.  Flor.  4,  85  sogar  in  einem  anderen  Vergleichuiigs- 
punkt.  Dagegen  lassen  sich  für  c.  36  ,8S).  41 49 185).  66  > 
und  selbst  für  4  5187)  ausgesprochene  Parallelen  angeben,  wo- 
mit aber  nach  dem  Gesagten  keineswegs  deren  Ausscheidung 
gefolgert  werden  soll. 

Am  allerwenigsten  dürfen  wir  aber  nach  unserem  Ge- 
schmack über  die  Güte  eines  Witzes  urteilen188).    Um  billig 

,8S)  Diog.  L.  VII,  174:  Dp6{  Öe  töv  |iov^p7j  xal  iauxcp  XaXoövxa,  o:» 
«paöXtp,  lyr\  (Kleanthes),  dv^ptonqj  XaXstc,  und  Seneca  Epiat.  10, 1 :  Grate*. 
cum  vidisset  aduleacentulum  secreto  ambulantem  interrogavit,  quid  iltic 
solus  faceret?  Mecum,  inquit,  loquor;  cui  Crates :  Cave,  inquit,  rogo 
et  diligenter  attende,  ne  cum  homine  malo  loquaris. 

,84)  Sternbach,  De  Gnomologio  Vatic.  ined.  Wien.  Stud  X,  40,  177: 
*0  aotö{  (Diogenes)  xaxavo^oac,  usipdxiov  ixl  noXuxsXeia  xfj{  x^*^'^^ 
oenvuvöusvov,  oö  «aöag.  iqptj,  peipdxiov  e«l  itpoßdtou  osjivuvöjuvov  dpcqg ;  = 
dem  Aristoteles  angewiesen  Anton.  II,  74  p.  141.  17  ff.  Max.  34  p.  624. 
25  ff.;  Gnoraica  Basil.  50  p.  151;  Gnom.  cod.  Pal.  122  f.  142'  n.  32;  cod 
Paria  2720  f.  15*  (od.  1773  f.  230')  n.  4  bei  Studemund  (Index  lect.  in 
nnivers.  litter.  Vratislav.  1887  n.  17)  p.  4;  Araen.  p.  120,  19  ff.  and  vgl. 
die  Worte  des  Sotadea  bei  Stob.  Flor  22,  v6 ;  ein  ähnliches  Witxwort 
bei  Diog.  L  VI,  2,  45.  Vgl.  auch  Luc.  Alex.  15  u-övig  x%  uop?$  P*l 
xpößaxa  elvai  öiaqpepövTtov  für  xpdßaTov  in  diesem  Sinne 

,86j  Sternbach  XI,  62,  402:  Adjituv  noXafaw  xöv  dvraYWvtOTtjv  Waxt' 
toO  bk  elxovxoc*  Ödxveig  d>£  yuvi^  stnev  •  oöx£,  dXX'  d>£  Xs<ov  =  Cod.  Vat. 
Gr.  1144,  f.  231*.  Mit  wenig  anderen  Worten  Plut  Vit.  Alcib.  II.  3 
p.  192  C  vol.  I,  p.  230,  13  ff.  und  von  demselben  auch  in  seinen  Apo- 
phthegmata  (p.  1*6  D  n.  1  vol  I,  223  und  289)  =  Maxim.  4  im  cod.  Vat 
Gr.  739  f.  19',  Araen.  p.  128,  5  ff.  Vgl.  übrigens  Fab.  Aesopi  2$4  p.  113  H. 

*••)  Diog.  L.  VI,  2,  52 :  Toö  8s  alxcvrog,  'Edv  o5v  duod-dv^;  tt^  os  i£- 
erfoai;  iqpi)-  eO  XP*6Co)v  -rilc  olxtoc  =  Sternbach  X.  48,  200.    Nach  Diela 
S.  201  auch  in  der  Wiener  Apophth.aammlung.    Auch  die  weitere 
Aeußerung :  xal  pijv  cöösv  4xotcov.  el  piXXw  xai  drcodavcbv  £  <p  o  i  5  uei 
Xp^oijioc  6oso$at  bat  ihre  Parallele  in  Diog.  L.  VI,  2,  79: 
öd  <f  aot  -tsXsutAvra  aöxöv  xal  svTsiXaolrai  dtaqpov  ßtyai,  <b(  icäv  ^npCov  aiw 
usTda/oi  .  . .  ol  Öe  ßlg  töv  'EXiooöv  spßaXslv,  tva  xolg  dÖaXcpoI^  XP^0: 
poc  x*v1inai-    Nimmt  man  dazu  den  ähnlichen  Ausspruch  in  Dem 
c.  35,  so  sieht  man  nicht  ein,  warum  wegen  der  Unsicherheit  der  Les- 
art 'EXwoöv  unter  den  döeXcpol  gerade  untere  gewöhnlichen  Haustiere 
zu  verstehen  sind,  wie  GOttling,  Ges.  Abh.  1,  271  will  (vgl.  Seneca  Epiat 
92,  85). 

m)  Diog.  L.  VI,  2,  79  erwähnt  ein  Epigramm  auf  Diogenes  mit 
demselben  Gedanken:  Ai<6ysv«s,  dys,  ^T8>  Ti€  iXaßi  os  udpoc  st«  "Atiao; 
fcXaßs  psxuvöc  d  y  P  t  o  v  0  ö  d 

Anklänge  finden  sich  noch  für  c.  11  bei  Clemens  Protrept  p.  64 
Potter  vgl.  Bernays  S.  30,  wornach  Antistbenes  sagte:  oö  Tp*<f*ö  ty]v 
pTrcepa  täv  $s(i>v,       ol  &sol  tpiqpouaiv. 

Ebenso  kann  mit  c.  52  Diog.  L.  VI,  2,  56  verglichen  werden :  *Epm- 
Tty&slC  el  oocpol  nXaxoOvxa  sod-loooi;  Ildvx',  stnsv,  d>g  xal  ot  Xomol  dtyOp»- 
«ot.    Vgl.  Sternbacli  X,  44.  Cod.  Vat  Gr.  IM  f.  241"  n.  1. 

*••)  Bracker,  Hist.  crit  philosophise.  Lipsae  1742.  11,514  steht  mit 
seinem  Urteil  über  die  Apophthegmata  als  'digna,  iucunditatem  atque 


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Untersuchungen  Ober  die  Lucianische  Vita  Demon actis. 


zu  sein  und  alle  die  feinen  Beziehungen  zu  erkennen,  müßten 
wir  die  ganze  Individualität  eines  Volkes  verstehen,  seine  Er- 
ziehung, seine  Anschauungsweise  samt  dem  Reichtum  der 
lebendigen  Sprache  haben.  Das  Nachempfinden  wird  uns 
schwer.  Schon  die  Bonmots  fremder  moderner  Sprachen  muten 
uns  ganz  eigen  an,  um  wie  viel  ferner  mag  uns  die  Antike 
sein189)?  Gerade  für  die  etwas  frostig  erscheinenden  Wort- 
spiele in  c.  19.  47.  54  begegnen  uns  Beispiele  bei  Lucian  selbst 
Fug.  31.  32.  Pisc.  45.  51  (vgl.  Diog.  L.  VI,  2,  21)  und  die 
zweimalige  Erwähnung  von  c  47  bei  Suidas  s.  v.  'Axpfota  und 
Aavob]  bezeugt  uns  eine  gewisse  Vorliebe  dafür.  Auch  gegen 
die  dialektischen  Witze  in  c  29  und  59  spricht  durchaus 
nichts ;  im  letzteren  Fall  haben  wir  sogar  einen  echt  cynischen 
Topos  (vgl.  Weber  S.  99  ff.).  Wir  sind  demnach  zu  dem 
Schlüsse  berechtigt,  daß  unsere  Biographie  in  der  Hauptsache 
so  abgefaßt  worden  sei,  wie  sie  uns  überliefert  ist,  und  daß 
deshalb  nur  einige  leichte  Aenderungen  vorgenommen  werden 
dürfen,  was  zum  größten  Teil  geschehen  ist190). 

Zum  Sehl usse  harrt  noch  die  Frage  betreffs  der  Lücke  in 
c.  11,  welche  Fr.  II,  1,  195  ff.  III,  2,  XXVI  zuerst  angenommen 
hat.  Mit  dem  ersten  Satz  der  Apologie  des  Demonax  bricht 
die  Erzählung  jäh  ab;  unvermittelt  schließen  sich  daran  die 
Apophthegmata.  Im  Gegensatz  zu  der  oben  berührten  Ansicht, 
das  c.  11  sei  in  seiner  Fassung  aus  dem  Anfang  der  Verteidi- 
gungsrede geflossen,  wäre  man  eher  versucht,  diese  Einleitungs- 
worte als  unterschoben  zu  betrachten,  zumal  da  sie  sich  leicht 
aus  dem  zuvor  gegebenen  Material  herstellen  ließen,  und  der 
Anschluß  an  c.  12  vielleicht  besser  und  ungezwungener  wäre. 
Zudem  kehren  die  wenige  Zeilen  weiter  oben  gebrauchten  ein- 
leitenden Worte  xattot  iv  dpxfl  auch  hier  wieder.  Man  wird 
aber  trotzdem  die  Stelle  nicht  fallen  lassen  dürfen ;  denn  nach- 

otilitatem  allatura  non  exiguam  fast  ganz  allein.  Fr.  III,  2,  XXV  ent- 
gegen II,  1,  214  halt  sie  mit  Sbdt  II,  2.  842  für  eines  Philosophen  nicht 
rec  ht  würdig.  Planck,  Progr.  8.  84  findet  sie  frostig  and  ohne  attisches 
8ali  o.  12  (sie!)  15.  19.  22.  23. 

"*)  Zum  Heweise  sei  ein  bei  Seneca,  Epist  91,  19  von  dem  Cyniker 
Demetrius  erzählter  Witz  angeführt:  eodem  loco  sibi  esse  voces  imperi- 
torutn  quo  venire  redditos  crepitus.  Quid  enim,  inquit,  mea  refert, 
Buraum  isti  an  deorsom  sonent-  Dieses  Wort  zeichnet  Seneka  mit  dem 
Prä'likat  eleganter  ans.    Das  ist  zu  erwägen  bei  c.  89.  44.  46.  62. 

l")  Vgl.  Rothstein  8.  81  und  8chmid,  Philol.  50,  301. 

41* 


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630 


K.  Funk, 


dem  einmal  in  den  Worten  xa  uiv  eu.u.eX<I>;,  xa  oe  xa:  xpax^- 
ispov  9}  xaxa  xtjv  eauxoö  7cpoatpeaiv  die  ganze  Verteidigungsrede 
in  Kürze  charakterisiert  war  und  für  die  erste  Art  zwei  Bei- 
spiele angeführt  waren,  erwartet  man  auch  für  das  xpayurspov 
mindestens  einen  Beleg.    Fand  sich  derselbe  gleich  in  einer 
knappen  Einleitung  und  konnte  Lucian  damit  zeigen,  wie 
Demonax  entgegen  der  sonstigen  Gewohnheit  der  Redner1*1) 
in  mediam  rem  geht,  so  war  das  vielleicht  um  so  günstiger. 
Freilich  ist  die  Stelle  etwas  dunkel;  aber  die  Beziehung  auf 
Sokrates,  die  in  xaui  und  xö  ulv  yap  rcpcxepov  unzweideutig 
vorliegt,  ist  für  den  Leser  durch  das  Vorausgeschickte  erleichtert. 
Die  bezüglichen  Worte  des  Demonax  konnten  darum  ausgelassen 
werden.    Viel  wird  kaum  verderbt  oder  ausgefallen  sein. 

Gewiß  würden  wir  gerne  a/-$  der  Aussprüche  hergeben, 
wenn  wir  dafür  nähere  Angaben  über  des  Demonax  Reisen,  sein 
Bekanntwerden  in  Griechenland,  sein  engeres  Freundschafts- 
verhältnis mit  Lucian,  seine  schriftstellerische  Tätigkeit,  den 
näheren  Inhalt  und  die  Verbreitung  seiner  Lehren,  besonders 
weil  er  Eklektiker  war,  eintauschen  könnten192).  Allein  all 
das  würde  sich  nur  wie  ein  Keil  zwischen  c.  11  und  12  ein- 
schieben. Durch  den  in  c.  11  näher  ausgeführten  Einzelfall, 
in  welchem  Demonax  die  Art  seiner  rceiOii)  zeigte,  ist  bereits 
sachlich  auf  das  Folgende  übergeleitet,  wie  auch  die  von 
Fr.  (vgl.  III,  2,  XXVI)  vorgeschlagene  Verbindungsformel  das 
Vorausgehen  einiger  Aussprüche  eigentlich  voraussetzt.  Wenn 
also  irgendwo,  so  war  hier  die  günstige  Gelegenheit,  zur  Auf- 
zählung der  Apophthegmata  überzugehen.  Da  nun  hier  auch 
nach  Fr.  die  einzige  Möglichkeit  zur  Annahme  einer  Lücke 
gefunden  werden  konnte,  da  ferner  der  abrupte  Uebergang  in 
Alex.  43  und  De  bist,  conscr.  12  einigermaßen  eine  Analogie 
bietet,  so  werden  wir  eben  auf  die  Ausführung  des  Vermißten 
einfach  verzichten  müssen»  Daß  das  Erwähnte  unseren  An- 
forderungen nicht  genügt,  beweist  nichts.  Es  liegt  zum  großen 
Teil  der  Grund  in  der  oben  gekennzeichneten  Anlage  Lucians,  nur 
das  Negative  hervorzuheben,  das  Positive  aber  kurz  und  knapp 
abzutun.    Anderes  kommt  auf  Rechnung  der  biographischen 

~"Vv"gl.  bes.  T  i  m.  3  7.    Nigr.  10;  Bia.  acc.  33  und  Phüoatr,  V.S. 
S.  44,  25. 

»•")  Vgl.  Fr.  a.  a.  0.    .lenni  S.  6-8.   Schwarz  S.  564. 


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Untersuchungen  über  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  f>31 

Darstellung  überhaupt,  welche  nicht  die  Schilderung  der  Er- 
eignisse in  ihrer  pragmatischen  Verbindung,  in  ihrer  Wichtig- 
keit für  Mit-  und  Nachwelt  zum  Ziele  hat,  sondern  mehr  in 
ihrer  Bedeutsamkeit  für  den  Verfasser  selbst  sie  würdigt,  so 
daß  die  größten  Ereignisse  zu  leichten  Anekdoten  und  kleinen 
Erzählungen  werden  können 1 98).  Daher  mag  es  auch  kommen, 
daß  trotz  des  Gebrauchs  von  xa»  noo  xal  für  einzelne  Fälle 
von  dem  Aufstand  und  seiner  Beilegung  nicht  die  Rede  ist. 
Anderes  wird  sich  im  weiteren  Verlaufe  noch  erklären. 

3.  Erklärung  für  die  Komposition  der  Schrift. 

Nach  den  voraufgegangenen  Ausführungen  kehrt  mit  er- 
neuter Stärke  die  Frage  wieder,  wie  die  Anlage  der  Vita 
Demonactis,  welche  sichtlich  der  von  Lucian  selbst  aufgestellten 
und  sonst  beobachteten  Forderung  der  £pu,ovta  7}  te^vtj  Vj  &<p' 
änoLoiv  (Zeux.  2)  zuwiderlaufe,  mit  seiner  Urheberschaft  sich 
vereinigen  lasse.  Dürfen  uns  auch  gewisse  Wiederholungen 
von  Wörtern  und  Wortverbindungen19*)  nicht  auffallen  — 
diese  Nachlässigkeit,  wie  die  andere  in  der  Disponierung  des 
Stoffes  stimmt  gut  zusammen  mit  der  ganzen  Art  und  Absicht 
des  Schriftstellers  in  unserer  Vita195)  — ,  es  bleiben  der  Be- 
denken immer  noch  genug,  und  es  liegt  mir  durchaus  ferne, 
die  ganze  Schuld  an  den  ausgesetzten  Mängeln  bloß  dem 
alternden  Lucian  zuzuschreiben  19°). 

IM)  Vgl.  Röpke,  Hypomn.  Berol.  1842.  I,  3. 

Vgl.  c.  2  xp&c  cpvXooocpiav  öpfflvxsc  —  c.  3  xp&C  qptXoooqpiav  6p- 
u&vcsg  und  npöc  t4  xocXd  6p|irj  xal  npi;  <piXoooqptav  §p«c  —  c.  3  ndvtow 
toöxwv  und  anaci  tO'Vcotg  —  cc.  3.  8  ßitp  XP°')IA«V0C  —  cc.  3.  11  iXto&spla 
xai  Tiapprpia.  —  cc.  4.  5  oöx  ix'  dX'.-rov  und  od«*  4«'  iXlyov  —  cc.  4.  65 
dxfjXfrs  toO  ßioo  —  cc.  6.  7  «totiu^oscov  und  smttuftv  —  c  8  urca  |itxpöv 
und  Sv  öXiyy  —  cc  9.  10  iuueXÄc  —  cc.  12.  13  xpoos»ä*v  ^ptoxa  — - 
c.  11  xatioi  4v  ipx<5  2mal  —  cc.  14.  15  söxdpuqpoc  —  cc.  15.  17-  18 
Apatoc  —  cc  16.  17.  18  je  eingeleitet  mit  sxsf  04  —  cc.  12.  39  eö<n6x»t 
—  cc.  29.  41  n*r*  qppovstv  —  cc.  33.  86  usXsx&v  —  cc.  12.  18  Öta-  und 
£7uxsxAat3u4voc.  Genau  so  finden  sich  eine  Reihe  wörtlicher  Wieder- 
holungen in  De  hist.  conscr.  S.  Passow  S.  15  ff.  vgl.  auch  Fried.  Hof- 
mann, Kritische  Untersuchungen  zu  Lucian.  Nürnberg  1894.  3.  45.  Auch 
in  anderen  8chriften  treten  solche  Wiederholungen  hervor,  so  Rhet. 
praec  11  rcpoosXdmv  2m  al,  Ic.  18  u4y«  «ppovstv  2mal,  De  hist.  conscr. 
34.  35  dxvpaivetv  5mal,  Dial.  roort  VII,  2  in  einem  und  demselben  Satse 
Ix»  2mal  u.  s.  w.  Darnach  ist  Ziegeler  Charidemus  S.  4  einigermaßen 
zu  berichtigen. 

»•*)  Vgl.  Rothstein  S.  33,  1 ;  Croiset  S.  81. 

>••)  Vgl.  Schwans  S.  564. 


632 


K.  Funk. 


Allein  von  welchen  Schriften  aus  hat  man  sich  denn  ein 
Bild  entworfen  von  Lncianischer  Ordnung  und  seiner  Art  der 
Komposition?    Sind  es  nicht  vorzugsweise  Dialoge  und  pole- 
mische Werke,  welche  schon  an  und  für  sich  durch  ihren 
Zweck  und  durch  die  Notwendigkeit  der  Beweisführung  einen 
strengeren  Bau  erfordern?  Man  thut  deshalb  recht,  den  Dialotr 
Pseudosoph.  mit  den  anderen  Dialogen  zu  vergleichen  und  ihn 
wegen  seiner  mit  unserer  Vita  analogen  Komposition  zu  ver- 
dächtigen.   Daß  man  ihn  trotzdem  zu  halten  sucht197),  will 
ich  mir  nicht  zu  nutze  machen.    Aber  was  man  von  einem 
Dialog  fordern  muß,  darf  man  das  auch  auf  eine  Schrift 
anwenden,  die  sich  ausdrücklich  als  ein  dTCOU.vr)u.6v6ou.a  (c.  67) 
bezeichnet?  Haben  wir  ein  Recht,  einfach  die  Verbindung  und 
Ordnung  nicht  Lucianisch  zu  nennen  198),  obwohl  uns  sonst  Lu- 
cian  kein  Werk  derselben  litterarischen  Gattung  zum  Vergleiche 
hinterlassen  hat?   Es  ist  ja  eine  bekannte  Thatsache,  daß  im 
Altertum  die  verschiedenen  Stilarten  streng  abgegrenzt  waren, 
und  daß  die  Forderungen  der  litterarischen  Gattung  unter 
Darangabe  der  Einheit  des  persönlichen  Stiles  anerkannt  werden 
müssen19*).   Darum  gibt  es  nur  einen  Weg  zur  richtigen  Wür- 
digung der  Schrift,  nämlich  sie  an  den  sonst  geltenden  stilisti- 
schen Regeln  zu  messen. 

Schon  der  unbestimmte  Name  fltaou,v>}U£vrju.aTa  (=  was 
man  aus  dem  Gedächtnis  niederschreibt)  läßt  unsere  Ansprüche 
in  Bezug  auf  Ordnung  nicht  allzu  weit  gehen800).  Das  be- 
stätigen denn  auch  die  Memorabilien  Xenophons,  und  es  ist 
gewiß  nicht  zufallig,  daß  diesem  Werke  genau  dasselbe  Schick- 
sal zu  teil  wurde,  wie  der  Lebensbeschreibung  des  Demonax  *01). 
Man  kann  von  vornherein  vermuten,  daß  die  Ordnungslosigkeit,  die 

m)  A.  Baar,  Lucians  Dialog  Der  Pseudosophist.  Görz  1883.  S.  9. 
'••)  Schwarz  8.  567. 

m)  Wilamowitz,  Asianismus  und  Atticistnus  im  Hermes  XXXV,  26 ff. 
sagt  ausdrücklich,  daß  der  Gegensatz  innerhalb  der  Werke  des  Plutarch 
und  Lucian  nicht  in  einer  stilistischen  Entwicklang  der  Person,  son- 
dern in  der  verschiedenen  Gattung  hege.  Vgl.  Schmid,  Philol.  60,  308, 
4;  314. 

,0°)  Vgl.  Hirzel  I,  14«. 

a01)  Vgl.  Krohn,  Sokrates  und  Xenophon  S.  83  — 151,  Schenkl,  Ber. 
der  Wien.  Akad.  1880,  119  ff.  124  u.  s.  w. ;  dagegen  Joel,  Der  echte 
und  der  xenophontische  Sokrates.  I  Einleitung,  Birt,  De  Xenophontis 
commentariorum  compositione. 


Untersuchungen  Über  die  Lucianiache  Vita  Demo n  actis.  033 


immer  mehr  den  Stil  der  Zeit  kennzeichnet80*),  in  diesem  Jahr- 
hundert der  Nachahmung  der  klassischen  Größen  nach  dem 
Vorbilde  Xenophons  geradezu  zum  Stilprincip  für  Denkwürdig- 
keiten  gehörte.  In  der  Tat  ist  durch  den  Rhetor  Ar  ist  Wies 
verbürgt,  daß  Mangel  an  Ordnung  mit  das  Wesen  von  äno- 
p.v7jp.oveu|iaxa  ausmache208).  Daß  auch  Lucian  sich  an  diese 
Hegel  gehalten  hat,  bezeugt  Nigr.,  eine  Schrift,  die  trotz  dia- 
logischer Form  eine  Art  flbconv7]|i6veuu«  darstellt204).  Hier 
gesteht  er  ausdrücklich,  daß  er  fltxaxxw;  ouvetpwv  (c.  8)  erzähle. 
Damit  dürften  die  gegen  cc.  1 — 11  und  63—67  vorgebrachten 
Bedenken  ihre  Lösung  gefunden  haben,  da  die  Ordnung  ja  in 
den  allgemeinen  Umrissen  zugestanden  ist  und  vollauf  dem 
sonst  üblichen  Schema  entspricht  (Leo  S.  83). 

Aber  was  sollen  die  Apophthegmata  in  ihrer  Masse,  ihrer 
unvermittelten,  unkünstlerischen  Zusammenstellung?  Ich  gehe 
zunächst  von  der  Schreibweise  Lucians  selbst  aus.  Weder 
Beweise  noch  Abstraktionen  sind  seine  Sache  206).  Was  man 
in  seinen  Werken  trifft,  ist  die  leichte,  anekdotenhafte  Erzäh- 
lung, die  meist  stark  ironische  Färbung  trägt.  So  besteht  in 
Adv.  ind.  der  Hauptbeweis  gegen  den  Angefeindeten  in  der 
Erzählung  einer  Reihe  von  Geschichten,  die  sich  unmittelbar 
an  einander  anschließen,  aber  doch  nicht  in  einem  strengen 
Zusammenhang  stehen;  so  wird  in  Tox.  die  Gedankenkette 
durch  eine  Beispielsammlung  ersetzt  und  auch  in  anderen 
Schriften  gibt  sich  dieselbe  Vorliebe  für  Anekdoten  kund20*). 
Wir  werden  sie  also  erst  recht  in  einer  Lebensbeschreibung 
finden  müssen;  denn  sie  gehören  zum  Wesen  der  Biographie. 
Auch  Xen.  Mem.  enthalten  viel  des  Anekdotenhaften207),  und 
so  geschah  e»  sogar,  daß  dieselben  in  späterer  Zeit  geradezu 


*»)  Ein  hervorstechendes  Beispiel  dafür  ist  Aelian  s.  III,  7.  Vgl. 
auch  III,  8  und  1,  190. 

"»)  II,  13.  28  =  554,  27  Spengel.  Vgl.  Hirtel  1, 146, 1.  Daß  auch  in 
unterer  Schrift  das  xenopbon  tische  Stilprincip  nachwirkt,  scheint 
mir  der  Hinweis  auf  die  Anklage  des  Sokiates  au  bestätigen  (c.  11). 

"*)  Hirtel  11,292.  Tgl.  namentlich  Nigr.  co.  2  ff  18.  26. 

**)  Vgl.  Croiset  8.  184.  231.  312.  318.  Die  Lucianiscbe  Gedanken- 
entwicklung ist  hier  8.  309  ff.  hübsch  analysiert  an  Piro.  31—33. 

Vgl.  De  salt.  76  ff.;  Pro  lapsn  2—7;  De  merc.  cond.  33.  34. 

*°7)  Eüpke,  Ueber  die  Gattung  der  Apomnemoneumaia  in  der  griech. 
Literatur  S.  8. 


634 


K.  Pank, 


Apophthegmata  genannt  wurden*08).   Und  wenn  nun  in  ihnen 
mit  Berichten  über  Sokrates  Tun  und  Lassen  solche  über  seine 
Gespräche  wechseln,  ja  wenn  diese  den  Hauptraum  einnehmen, 
eben  weil  in  ihnen  die  Haupteigentümlichkeit  des  Sokrates  am 
meisten  zu  Tage  trat,  sollte  nicht  in  der  Biographie  eines 
Cynikers  auch  das  den  Hauptraum  einnehmen,  was  fdr  diesen 
bezeichnend  ist?    Und  das  ist  nichts  anderes  als  die  Chrie. 
Charakteristisch  für  diese  Art  zu  philosophieren  ist  eine  Er- 
zählung von  Diogenes,  welche  uns  Diog.  L.  V,  18  tiberliefert. 
Es  heißt  da:  Aioyivou;  tox<x5a  aox$  8i86vro;  voTjaa;,  ÖTt,  ei 
|itj  XapiQ,  xpetav  efy  fie|i6X6T7)xu>c,  Aaß<ov,  fqprj,  AioyevTjV  jiexa 
iffc  XP6laS  xa^        textö*  dTCoXwXexevat.   Die  Cyniker  wurden 
wie  die  Lacedäroonier  als  die  ßpaxuXoyot  xe  xai  iiro^eyjiaxixo: 
bezeichnet209);  bei  ihnen  und  den  ihnen  verwandten  Schulen 
der  Cyrenaiker  und  Stoiker  war  die  Chrie  zu  Hause,  und  in 
ihren  Schriftverzeichnissen  werden  eigene  Chriensammlnngen 
erwähnt210).  Was  wir  jetzt  voraussetzen  müssen,  und  was  uns 
außerdem  die  enge  Verwandtschaft  zwischen  arcopv^jAGveutia 
und  XP6^*  m  der  rhetorischen  Terminologie  nahe  legt211),  ist 
uns  obendrein  eigens  bezeugt,  nämlich  daß  nicht  bloß  Plautus 
und  die  attische  Komödie  voll  von  Witzreden  waren,  sondern 
auch  die  Lebensbeschreibungen  der  Sokratiker  eine  Fülle 
von  Apophthegmata  enthielten212).  Sie  gehörten  überhaupt  in 
die  Biographie  eines  als  witzig  bekannten  Mannes213).  Ein 
klassisches  Beispiel  haben  wir  heute  noch  an  der  Biographie 


*»)  Schol.  zu  Amtide*  6*sp  xöv  xrttdpoiv  p.  289,  20  (III,  718  Din- 
dorf).    Vgl.  Röpke  S.  5  und  Hinsel  1,  145. 

so»)  Plut.  Vit.  Lyc.  c.  10;  vgl.  Weber  S.  261. 

*»•)  So  von  Bion  (Diog.  L.  IV,  47),  Metroklee  (VI,  33),  Zeno  (VII,  4), 
Pers&ua  (VII,  8«).  Aristo  (VII,  168)  und  Kleanthe«  (VII,  175V 

*")  Hermogenes  definiert  progymn.  3  die  XPatot  ausdrücklich  als 
dbcouw)p£veu}ia  Xöyou  xivog  ij  npd^ecog  oovautpoxspou  •  öia^spst  5t  XP*^ 
dnotiV7)|iOveöviaToc  iuxXioxa  x$  usxpq)'  xa  usv  yäp  duoiivT]jioveö|iaxa  xai  Öti 
aaxpotipcttv  iv  «f«votxo,  x*jv  Äs  XP****  <^vxouov  stvai  öel  (I,  19  Walz).  Vgl. 
Theon  5  (201  W.);  Aphthon.  8  (62  W.). 

Cic.  De  oft*.  I,  29 :  Quo  genere  (»eil.  faceto)  non  modo  Plautus 
noiter  et  Atticorum  comoedia,  sed  etiam  philosophorum  Socraticoruu 
libri  referti  sunt;  multaque  multorum  facete  dicta;  ut  ea,  quae  a  senr 
Catone  collecta  sunt,  quae  vocamus  ditoqp&tYuaxa.  Vgl.  C.  Schmidt,  De 
Apophthegm.,  quae  Hub  Plutarcbi  nomine  feruntur,  collectionibus.  Greifs- 
wald 187».  8.  4,  vgl.  bes.  Anm.  8;  Köpke  S.  5.  11.  12;  Dttmmler  &  70. 
71.  Val.  Rose.  Aristoteles  Pseudoepi^rapbus.  Lipe.  1868.  S.  611.  612. 

»»)  Vgl.  Leo  8.  1*4. 


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Untersuchungen  über  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  635 

des  Diogenes  bei  Diog.  L.  Darnach  darf  uns  das  Mißverhältnis 
zwischen  dem  erzählenden  Teil  mit  16  Kapiteln  und  dem  apoph- 
theginati8chen  mit  52  nicht  sehr  wunder  nehmen,  ganz  abge- 
sehen davon,  daß  die  letzteren  Kapitel  meist  nur  sehr  geringen 
Umfang  haben.  Daß  aber  solche  Sammlungen  von  Witzworten 
bei  den  Griechen  beliebt  waren,  das  zeigen  eben  die  Schriften- 
kataloge und  die  Nachricht,  es  habe  der  Komiker  Machon 
derartige  Anekdoten  in  jambische  Senare  umgesetzt  und  unter 
das  Publikum  gebracht214).  Sollte  nicht  auch  Lucian,  der  sonst 
so  sehr  mit  der  cynischen  Litteratur  sich  beschattigte  und  dabei 
auch  dem  Geschmack  des  Publikums  huldigte215),  hier  entgegen- 
gekommen sein,  in  jener  Zeit,  wo  man  wieder  am  Individuum 
mehr  Interesse  nahm? 

Damit  kommen  wir  auf  einen  weiteren  Punkt.  Man 
könnte  doch  erwarten,  daß  die  betreffenden  Aussprüche  des 
Demonax  in  die  Charakteristik  als  Beleg  mitverwoben  wären, 
oder  daß  wenigstens  in  der  Anordnung  derselben  ein  System 
eingehalten  und  die  zur  Zeichnung  der  einzelnen  Charakterzüge 
dienlichen  in  Zusammenhang  gebracht  wären816).  So  aber 
folgen  die  einzelnen  Apophthegmata  in  bunter  Reihenfolge. 
Nicht  einmal  die  auf  dieselbe  Person  oder  Sache  bezüglichen 
stehen  bei  einander217)  und  die  Verbindungen  sind  stilistisch 
äußerst  eintönig.  Stereotyp  kehren  die  Wendungen  wieder 
epouivoo  5e  ttvo;,  deXXcp  5e  ipouivcp,  epürojtrEl;  Öi,  tdwv  oe 
u.  s.  w.,  wofern  nicht  ein  Eigenname  rUpeyptvoo  8e,  inti  8e 
'HptbSr^  u.  s.  w.  den  betreffenden  Abschnitt  einleitet.  Dem 
gegenüber  sind  allerdings  sonst  bei  Lucian  die  Anekdoten  kleine 
Kabinettstückchen.  Man  kann  es  deshalb  begreifen,  wenn  man 
zunächst  an  einen  tendenziösen  Ueberarbeiter  denken  möchte  *18). 

Ich  glaube  zwar  nicht,  daß  Lucian  in  unserem  Falle  das 
ßpaxeü>s  epjiTjveuetv  zeigen  wollte Ä19),  aber  sieht  man  auch  von 

au)  Athen.  XIII,  577 ff.  Vgl.  Köpke  S.  14. 

»»»)  Man  denke  nur  an  Ab.  Vgl.  Schmid,  Philol.  50,  315. 

=»•)  Schwarz  8.  564;  Schmid.  Philol.  50,300. 

m)  Das  gilt  besonders  von  denen  Ober  Herodes  in  den  cc.  24. 25.  33. 
m)  Schulze  S.  7.  Die  Vennahnung  Artemidors  an  die  Leser  seiner 
Symbolik  der  Traume  (II,  70)  läßt  auf  eine  derartige  häutige  Unsitte 

Philostr.  V.  8.  27, 8.  Arnim  (Wien.  Stud.  1900  S.  168)  wendet 
es  zur  Erklärung  de»  As.  an. 


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636  K.  Funk, 

der  ermüdenden  Aufzählung  des  ganzen  Repertoire,  über  da* 
ein  Pantomime  zu  verfügen  hat,  in  De  salt.  87—61  ab,  wie 
gleichmäßig  werden  doch  auch  im  polemischen  Teil  von  De 
hist.  conscr.  die  verschiedenen  Erzählungen  eingeführt  **°) ! 
Zudem  kennen  wir  die  Formen  für  die  Ghrien  ganz  genau  und 
diese  sind  keine  anderen  als  die  hier  gebotenen2*1).  Von  aus- 
schlaggebender Bedeutung  aber  ist,  daß  bei  Athen.  VI,  248  D. 
XIU,  583,  F.  585  A.  ff.  aus  den  Denkwürdigkeiten  des  Lynkeus 
einmal  3  und  an  einer  anderen  Stelle  sogar  11  Witzworte 
und  aus  denen  des  Aristodemus  eine  ganze  Reihe  überliefert 
werden,  welche  in  derselben  losen  Weise  an  einander  gefügt 
sind.  Sicherlich  hat  Köpke  S.  14  recht,  wenn  er  sagt:  'In 
Bezug  auf  den  Stil  beider  Sammler  läßt  sich  mit  Recht  wohl 
nur  so  viel  sagen,  daß  die  Lust,  durch  das  Schlagwort  selbst 
zu  wirken  und  zu  reizen,  eine  künstlerische  Gruppierung  und 
Behandlung  des  Stoffes  nicht  zuließ.'  Nehmen  wir  noch  hinzu, 
daß  Diog.  L.  gerade  in  den  Biographien  der  Philosophen, 
welche  in  Chrien  stark  waren,  wie  Aristipp  (II,  .8),  Bion  (IV. 
7),  Diogenes  (VI,  2)  und  Zeno  (VII,  1),  dieselbe  Art  der 
Komposition  beobachtet,  daß  von  der  Art  unserer  Vita  das 
meiste  von  dem  gewesen  sein  mag,  was  dem  Diogenes  von 
biographischer  Litteratur  der  eigenen  Zeit  außer  den  Sammel- 
büchern erreichbar  war,  und  daß  selbst  Dio  Chrys.  (Or.  IV — VI. 
VIII -X  vgl.  Weber  S.  84)  dieselbe  Schablone  auf  die  Dio- 
geuesreden  anwendet,  so  werden  wir  nicht  fehl  gehen,  darin 

15°)  c.  14  tCjg  uiv  -a;  cwtäv  c.  15  St&poc  ös  c.  16  &XXo^  W  xi£  c.  17 
st  öst  xal  dvdpöc  |Av?jOiHjvai  c  18  xal  jitjv  oöÖ'  ixslvou  fioiov  dico- 

l*vi)povi)oaL  c.  19  iXXoc  dolötuoc  c.  21  xal  uijv  xaxslvo  Xsxxiov  c.  28 
xal  ui/v  xal  dXXou;  t$oi£  dv  c.  24  xaitoi  -caöta  qpopTfj-cdt  xdvxa  c.  25  vi; 
Mo.  xaxelvo  xojuö$  nid-avcv  c.  28  ifib  yo3v  fjxouad  xivoc  c.  29  dXXog  pdXa. 
xal  oötoc  yeÄolo«  c.  30  s?£  ös  u$  ßiXxwroc  c.  81  fjöi]  d'  kyd>  uvonj  fjxwoa 
c  82  xal  y«P  *3  xal  auxai  Dabei  ist  eigentlich  ein  fester 

Plan  in  der  Aufzahlung  der  einzelnen  Episoden  nicht  zu  erkennen. 
Auch  Knaat  S.  39  machte  auf  immer  wiederkehrende  Formeln  zur 
Fortsetzung  der  Erzählung  aufmerksam  und  Rohde,  Lucius  S.  34  sprach 
Lucian  ein  eigentliches  Erzählertalent  ab  (vgl.  den  erzählenden  Teil 
des  Per.  10—42  mit  seinen  12  slxa). 

Quint  I,  9, 4.  Chriarum  plura  genera  traduntur,  unum  simile 
sententiae,  quod  est  positum  in  voce  simplici:  dixit  üle  aut  dkere 
solebat  Alterum  quod  est  in  respondendo:  interrogatus  ille  vel  cum 
hoc  ei  dictum  esset,  respondit.  Tertium  buic  non  dissimile:  cum  quu 
non  dixisset  aliquid,  sed  fecisset  Dieselbe  Formel  zeigt  im  Griechischen 
Diog.  L.    Vgl.  DÜmmler  S.  71.  Rose  8.  606. 


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UnterBuchungen  über  die  Lutianische  Vita  Demonactis  637 


ein  Stilprincip  für  die  Denkwürdigkeiten  besonders  der  Ver- 
treter cynischer  Richtung  seit  alter  Zeit  zu  erblicken.  Ist  dem 
so,  dann  dürfen  wir  an  der  Wahl  gerade  dieser  biographischen 
Form  keinen  Anstoß  nehmen.  Daß  Lucian  zur  Verherrlichung 
eines  Zeitgenossen  auch  andere  Formen  zu  Gebote  standen,  ist 
nicht  zu  leugnen;  daß  ihm  aber  an  und  für  sich  die  rhetori- 
sierte  Form  der  grammatischen  Vita,  wie  sie  besonders  Philostr. 
vertritt,  näher  gelegen  und  entsprechender  gewesen  wäre  (Leo 
S.  84  und  bes.  S.  83,  2),  möchte  ich  von  vornherein  bei  dem 
doch  in  manchen  Punkten  anders  gearteten  Geschmacke  Lucians 
nicht  annehmen. 

Wurde  nun  auch  billigerweise  der  Mangel  an  positiven 
Lehren  in  der  Darstellung  durch  das  ersetzt,  worin  die  Cyniker 
and  auch  Demonax  ihre  Ehre  suchten,  so  bedarf  der  Umstand 
noch  des  näheren  Aufschlusses,  warum  trotz  des  angekündigten 
Zweckes,  den  sittlich  bedeutsamsten  Mann  der  Zeit  vorzuführen 
und  damit  der  Jugend  ein  nachahmenswertes  Beispiel  vor 
Augen  zu  stellen,  und  trotz  des  Vorhandenseins  ernster  Apo- 
phthegmata  von  Demonax  die  meisten  der  erwähnten  zu  den 
yeXota  gehören,  worauf  mit  Recht  Fr.  II,  1,  195;  III,  2,  XXV 
und  Schmid,  Philol.  50,  301  darauf  hingewiesen  haben.  Es 
ist  nicht  unmöglich,  daß  eine  bereits  existierende  Sammlung 
ernster  Aussprüche  bei  der  Auswahl  maßgebend  war,  wiewohl 
man  bei  diesem  Grunde  allein  immer  noch  eine  diesbezügliche 
Bemerkung  erwarten  möchte  (Fr.  III,  2,  XII).  Aber  ein  Ver- 
gleich mit  dem  bei  Athen,  und  Diog.  L.  Ueber lieferten  zeigt 
deutlich,  was  für  einen  Geschmack  und  Inhalt  wir  in  derartigen 
Apophthei>;mata  zu  suchen  haben.  Dasselbe  läßt  uns  auch  der 
Charakter  des  Verfassers  selbst  erwarten,  wie  er  sich  in  der 
teil  weisen  Verwertung  einzelner  Aussprüche  in  anderen  Schriften 
und  in  seiner  größeren  Neigung  zu  Scherz  und  Heiterkeit  als 
zu  ernstem  Nachdenken  und  in  der  sonstigen  durchgängigen 
Uebereinstimmung  des  Demonax  mit  seinem  Philosophenideal 
überhaupt  ausspricht. 

Zum  Lobe  unserer  Vita  muß  aber  gesagt  werden,  daß  sie 
trotzdem  nicht  so  ganz  unkünstlerisch  nach  dem  hergebrachten 
Schema  komponiert  ist.  Die  längere,  wenn  gleich  nicht  voll- 
ständige Charakteristik  des  Philosophen  am  Anfang  ist  geeignet, 


638 


K.  Funk, 


die  losen  Apophthegruata,  den  Hauptkern  der  Biographie,  in 
das  rechte  Licht  zu  setzen.  Ganz  allmählich  findet  der  Ueber- 
i^ang  zu  der  katalo^arti^en  Aufzählung  statt,  indem  zuvor  drei 
Aussprüche  in  weiterer  Ausführung  der  begleitenden  Umstände 
gegeben  werden,  und  ähnlich  sind  wieder  am  Schluß  Apo- 
phthegmata  in  die  erzählende  Partie  eingefügt.  Dadurch  unter- 
scheidet sich  die  Biographie  vorteilhaft  von  den  oben  berührten 
kompilierten  des  Diog.  L.  (vgl.  Leo  S.  49  ff.),  aber  noch  viel 
mehr  von  dem  Dialog  Pseudosoph.  Die  ganze  Einlage  mit 
den  von  Sokrates  von  Mopsus  gerügten  Sprachfehlern  ist 
für  den  Gang  des  Dialogs  von  so  wenig  Bedeutung,  daß  sie 
wie  eine  große  Glosse  (Chabert  S.  162  ff.)  oder  wohl  eher  wif 
eine  schlecht  gelungene  Uebertragung  eines  anderwärts  gelten- 
den Stilprincips  auf  den  Dialog  aussieht. 

Die  Schrift  unterscheidet  sich  aber  auch  von  den  anderen 
Werken  Lucians  durch  ihre  natürliche  und  ungesuchte  Nach- 
lässigkeit im  Ausdruck,  durch  ihre  einfache  und  objektive  Art 
zu  erzählen  und  zu  bewundern.  Nur  an  wenigen  Stellen  tritt 
die  Person  des  Verfassers  hervor Selbst  solche  Gegen- 
stände, bei  dereu  Behandlung  Lucian  sonst  wortreich  zu  sein 
pflegt  und  seinen  gegensätzlichen  Standpunkt  scharf  zum  Aus- 
druck bringt,  wie  beim  Stolz  der  Philosophen  und  ihren 
Zänkereien,  beim  Aberglauben  und  anderen  Dingen,  sind  hier 
ganz  kurz  behandelt   Man  hat  diesen  Vorzug  schon  zu  einem 
Beweis  für  die  Unechtheit  machen  wollen  m).   Es  wäre  jedoch 
die  objektive  Haltung  für  einen  Fälscher  noch  unverständlicher, 
da  wir  die  genaue  Bezugnahme  auf  Lucian  nicht  ableugne 
könnten.    Tatsächlich  ist  auch  die  Vita  nur  der  Form  nach 
objektiv,   und  das  ist  nicht  so  unbegreiflich«    Es  fehlte  ja 
nicht  an  entsprechenden  Vorbildern  für  diese  Litteraturgattung. 
und  Lucian  hat  damit  nur  die  von  ihm  selbst  aufgestellten 

"*)  cc.  1.  59.  67  und  zwar  im  Sing.,  wie  sich  Lucian  mit  Ausnahme 
weniger  Falle  immer  bezeichnet;  den  Plural  setzt  er  nur  Übet  praec.3- 
Electr.  6.  Er  redet  nur  als  Schriftsteller  den  Leser  an ;  mithandelnd 
erscheint  er  nicht,  wie  auch  Xen.  nur  einmal  Mem.  I,  3,  8  so  auftritt 
und  das  in  der  3.  Person.  Auch  dieser  Umstand  laßt  annehmen,  d*6 
Lucian  nicht  von  sich  geredet  habe.  Dadurch  wären  zudem  ÖJiouvfoi**1 
aus  den  &7toiiv7]iiova'jpa?a  geworden.    Vjjl.  Köpke  S.  7. 

"*)  Rothstein  S.  33,  nachdem  bereits  Planck  S.  34  Progr.  darauf 
hingewiesen  und  den  Grund  dafür  in  dem  Alter  des  Schriftsteller 
suchte. 


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Untersuchungen  über  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  639 

Forderungen  fUr  die  Geschichtsschreibung  eingehalten  m).  Der 
Sache  nach  ist  die  Biographie  so  wenig  objektiv,  wie  seine 
anderen  Schriften  auch.  Was  für  diese  gilt,  daß  sogar  da. 
wo  einmal  Lucian  nicht  direkt  auftritt,  hinter  den  verschieden- 
artigsten Masken  sich  leicht  seine  Züge  erkennen  lassen,  und 
daß  man  kaum  sagen  könne,  Lucian  trete  in  verschiedenen 
Rollen  auf,  weil  es  vielmehr  sei,  als  ob  jene  Person  den  Lucian 
spielte225),  das  gilt  auch  hier.  Unter  der  Hand  ist  aus  De- 
monax  ein  anderer  Lucian  geworden. 

4.  Sostratus. 
Unter  den  Hauptbedenken  gegen  die  Echtheit  der  Vita 
Demonactis  ist  immer  der  Umstand  genannt  worden,  daß  ihr 
Verfasser  zugleich  auch  der  Urheber  einer  Vita  Sostrati  sein 
will  deren  Inhalt  man  nicht  mit  Lucians  Charakter  zusammen- 
reimen zu  können  glaubte.  So  einfach  ist  die  Sache  nun  frei- 
lich nicht,  daß,  wie  Fr.  Index  lect.  univ.  Rostock  1879/80 
S.  3  meint,  der  Verfasser  des  1.  Kapitels  auch  der  beider 
Bücher  sein  müsse,  möge  es  nun  Lucian  oder  ein  anderer  sein. 
Die  Möglichkeit  ist  noch  nicht  ausgeschlossen,  daß  die  Schrift 
unterschoben  ist.  Ich  gestehe  aber,  daß  es  mir  nicht  recht 
erklärlich  wäre,  wie  man  einem  so  bekannten  Schriftsteller, 
wie  Lucian  seit  Erscheinen  seiner  Werke  war,  die  Autorschaft 
einer  ihn  gar  nichts  angehenden  Biographie  in  dieser  Weise 
zugewiesen  hätte22*).  Selbst  bei  dem  Vorschlag  Boldermanns 
(S.  121)  kann  man  sich  die  Gegeninstanzen  nicht  verhehlen. 
Will  man  nämlich  die  beiden  Prädikate  atouatof  dpex^v 
u7i«pcpuä  %<xi  yvü)piT;v  dexph>€  qptXoaoqpov  allein  auf  Demonax  be- 
ziehen, so  verlangt  die  Parallelstellung  von  Körpertüchtigkeit 
und  Geistesstärke  ihre  Beweise.  Für  ersteres  sucht  man  sie 
umsonst;  nicht  einmal  die  Apophthegmata  enthalten  eine  An- 
deutung und  die  kurze  Bemerkung  in  c.  4,  die  eigentlich  in 
der  Lebensbeschreibung  eines  Cynikers  selbstverständlich  ist, 

"*)  De  biat  conscr.  8.  7—27.  50—59.  Bieler  De  salt  8.  12  ff.  hatte 
kein  Recht,  diese  Qrunds&tze  auf  diese  Schrift  anzuwenden,  da  Lucian 
zwischen  x4  foxoptac.  xotl  vx  7iotijTtxf)c  (c.  8)  unterscheidet. 

"*)  Rohde,  Lucius  S.  32.  Vgl.  auch  Planck,  8tud.  und  Krit.  8.  829 
über  die  matte  Einf  ührung  des  Peregrinus,  die  aber  mit  Fug.  und  Adv. 
md.  übereinstimmt  (S.  842ffA 

«•)  Vgl.  Schmie!,  Philol.  50,  301. 


640 


K.  Punk, 


vermag  den  Ausdruck  urcepcpuTjc,  selbst  wenn  er  hyperbolisch 
aufzufassen  wäre,  nicht  zu  rechtfertigen.  Sieht  man  aber 
3(i)u.ato;  dperfyv  ÜTiepqpuÄ  als  Interpolation  des  Fälschers  an,  so 
bleibt  doch  in  der  ganz  kurzen  und  wenig  auffallenden  Be- 
merkung in  c.  4  xoi  xb  oöuä  Ö£  iyeyOuvaoxo  zu  wenig  An- 
knüpfungsmöglichkeit. 

Daß  ferner  die  Vita  Sostrati  außerhalb  der  drei  Arten 
von  Schriften  Lucians,  nämlich  AaXiat,  StaXoyot  und  inifrcoAad 
fallen  würde,  ist  von  keiner  Bedeutung x  da  Thimme  S.  55 
eigentümlich  genug  die  fisX£xat  gar  nicht  als  eigene  Art  er- 
wähnt und  von  seinem  eigenen  Gesetz  Ver.  hist.  ausnehmen 
muß227).  Ebenso  wenig  lag  in  der  Einleitung  eine  Notwendig- 
keit vor,  den  Sostratns  X-naxck;  Ävatpwv  von  dem  sonst  erwähnten 
XTQOXif^  zu  unterscheiden  (Thimme  S.  55.  56).  Das  konnte  ja 
in  der  Vita  selbst  geschehen  sein  und  war  an  unserer  Stelle 
durch  den  Beisatz  'Herakles'  zur  Genüge  getan;  in  dem  später 
verfaßten  Alex,  aber,  wo  ein  Sostratus^  X^ot*);  erwähnt  wird 
im  Verein  mit  anderen  bekannten  Räubernamen,  machte  die 
sprichwörtliche  Wendung  die  Unterscheidung  unnötig228). 

Man  hat  weiterhin  eingewendet,  daß  Lucian  in  keinem 
Buche  von  einem  anderen  ausdrücklich  spreche  mit  Ausnahme 
von  Apol.  3,  wozu  er  aber  durch  die  vorangegangene  Schrift 
De  merc.  cond.  mit  ihrem  gegensätzlichen  Standpunkt  genötigt 
gewesen  sei  (Thimme  S.  55).  Indes  einigemal  wenigstens  ist 
eine  derartige  Beziehung  auf  frühere  Schriften,  soweit  es  die 
Dialogform  zuläßt,  gar  nicht  zu  verkennen,  so  bei  Imag.  und 
Pro  imag.,  Vit.  auct.  und  Pisc,  Per.  und  Fug.,  und  die  paar- 
weise Gruppierung  läßt  sich  für  mehrere  nachweisen 229).  Dazn 
kommt  noch,  daß  Lucian  das  Kunstmittel  der  ouyxptot?  gerne 
anwendet  28°),  und  daß  die  Verbindung  zweier  Lebensbeschrei- 
bungen auf  eine  die  schöne  Litteratur  im  weitesten  Sinn  seit 


M7)  Vgl.  N.  Jahrb.  f.  Philol.  1888  8.  566. 

m)  Vgl  Rein  3.  77.  Fälschlich  hält  er  den  Alex.  4  und  Dial.  mort 
XXX  genannten  Soatratus  mit  dem  ynsri^en  für  identisch. 

"*j  Vgl.  Bernajs  8. 5*2 ;  Rothstein  8. 117  ff. ;  Croiset  8. 26  ff.  A.  Baar, 
Lucian 8  Dialog  der  Pseudoeophista.  8.  26  ff  redet  sogar  ron  Trilogien 
(Inn.  conf.  trag.  Deor.  concil.  und  Saturn.  Cronos.  Epiat.  eaturn.). 

»*>)  0.  Hense,  Die  Synkrisis  in  der  antiken  Litteratur.  Freibur^er 
Prorektoratsrede.  1893.  8.  30.  85. 


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I 


Untersuchungen  über  die  Lucianische  Vits  Demonactis.  541 

Isokratea  und  Aristoteles  durchdringende  Strömung  zurückgeht, 
und  daß  diese  dyadische  Form  in  Plntarch  einen  glänzenden 
Vertreter  gefnnden  bat  (vgl.  Leo  S.  152),  wenn  sie  auch  nicht 
nach  der  Annahme  Ton  Christ  (Ghr.  L.G.  652 9  ff.)  fast  stehende 
Sitte  der  alten  Biographen  gewesen  ist.  Bei  der  Berührung 
aber,  welche  wir  oben  zwischen  einer  Plutarchiscken  Vita  des 
Krates  und  der  unsrigen  festgestellt  haben,  ist  ein  derartiger 
Einfluß  Plutarchs  auf  Lucian  sehr  wahrscheinlich.  Frei- 
lich ist  jetzt  für  uns  die  Schrift  über  Sostratus  trotz  ihrer 
*  +  »  engen  Verbindung  mit  der  über  Demonax  spurlos  verschollen  *81). 
Allein  was  beweist  das  gegen  die  Echtheit,  da  ja  auch  unechte 
Schriften  sich  unter  Lucians  Namen  gerettet  haben  und  nach 
Bis  acc.  32  zu  schließen  nicht  bloß  'Skizzen  von  ephemerem 
Los'  (Schwarz  a.  a.  0.  Anm.  4),  sondern  auch  wirkliche  (icXetat 
(xupavvwv  xaxriyopiat  aal  flcptaxicrtv  Inawoi  Bis  acc.  32)  von 
dem  Feinde  jeglicher  Improvisation  verloren  gegangen  sind. 

Diese  Bedenken  wollen  also  nicht  viel  besagen.  Sie  sollten 
auch  zunächst  nur  den  Haupteinwand  verstärken,  der  aus  dem 
vermutlichen  Inhalt  der  Vita  genommen  ist.  Man  hat  nämlich 
schon  lange  die  Identität  des  hier  genannten  Sostratus- Herakles 
mit  dem  von  Philoetr.  ausführlich  geschilderten  Agathion- 
]  *  Herakles  behauptet«88).  Daß  dem  so  ist,  steht  außer  Zweifel. 
Denn  was  Plut.  an  einer  bisher  wenig  beachteten  Stelle  Quaest. 
Symp.  IV,  1,  1  von  einem  gewissen  Sosastros  erzählt,  nämlich 
£cöoaarpo£,  öv  ^aat  u.^ts  Ttoxfy  xPTio<^lJL€V0V  £XAq>  u.^t'  £5eofiaxi 
icXtjv  t)  yaXaxxo;  8 1  a  ß  i  fi>  o  a  t  navxa  xöv  ßiov *33) , 
das  entspricht  genau  dem  Berichte  des  Philostr.  V.  S.  S.  61, 
6  21  f.  von  dem  'Aya^Ktov  yaXaxxo^payöv  xöv  71 X  e  £  «u 
xoö  XP0V0U«  Der  Name  Sosastros,  der  in  allen  Hand- 
schriften und  auffallenderweise  auch  für  Dem.  1  in  Handschrift 
A  Überliefert  ist,  darf  uns  nicht  stören.    Derselbe  findet  sich 

™M  Dies  wenden  Schwan  S.  565  und  Bornaya  S.  104,  24  ein. 

,M)  Schmid,  Pbilol.  50,  800.  Vgl.  greller,  R.  Encycl.  IV,  1173 ». 
Rohde,  Gr.  Kom.  857,  l*  siebt  darin  2  verschiedene  Persönlichkeiten. 

,M)  Wenn  Athen.  II  p.  44  C  von  Philinus,  der  eben  bei  Plutnrch 
sich  auf  den  Vorgang  des  Sostratus  bernlt,  schreibt:  *A(HatotsXijC  f  4} 
deÄ^pcurcoc  ♦iXlvdv  nva  Unopel  lit^ts  n  o  t  $  xP^oao^'at1tOT*  I1  ^ 1  • 
4dsojia?i  <SAA<p*)n4v«p  y&Xaxxi  n  d  v  x  a  töv  fi  l  o  v,  so  ist  die 
Herkunft  der  Stelle  klar;  die  Gewährsmänner  hat  Athen,  falsch  auge- 
l  gegeben. 


i 


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H42  K.  Funk, 

nirgends,  weshalb  denn  auch  Xylander  Z&GTpaxoz  geschrieben 
liat.  Ebenso  wenig  bietet  der  Name  Agathion  Schwierigkeit. 
Philostr.  V.  S.  61,  27  ff.  sagt  eigens,  daß  die  Böotier 
ihm  denselben  beigelegt  haben.  Der  Widerspruch  zwischen 
7cavxa  xöv  ßtov  und  xöv  nXziu)  toö  ߣou  klärt  sich  aus  der 
Weiterführung  bei  Plut.:  flcXV  ixcfrcp  uiv  ix  jjtetaßoXfj; 
dpx^jv  y  e  v  £  o  &  a  i  x  fj  c  x  o  i  a  6  x  *j  s  5  i  a  £  x  7j  c  eixc; 
xöv  Bk  T^uitepov  dvitotpocpü)?  xeji  'Ax^et  xp£?u>v  6  Xe£pü>v  outoj 
(sc  OiXlvo;),  eö(K>c  &icb  xfjc  yev£aeü>;  ivatuiiotc  xa£  d^jyo^ 
xpo^atc  x.  x.  X.  Auch  sonst  stimmen  die  Zeitrerhältnisse.  So- 
stratus, wie  der  Quaest.  Sjmp.  VIII,  4  und  IX,  14  erwähnte 
Herodes  Attikus  waren  wohl  damals  noch  jung. 

Wenn  wir  nun  aber  den  Exkurs  des  Philostratus  über  Aga- 
thion lesen,  welch  eigentümliches  Bild  erhalten  wir  da  auf 
Gi und  eines  Briefes  des  Herodes  Attikus  an  Julian!  Dieser 
Mann  mit  seiner  ungeheuren  Körperkraft  und  Körpergröße, 
mit  seiner  Meinung,  vom  Heros  Marathon  abzustammen,  mit 
seinem  Weiberhasse  und  seiner  Geringschätzung  jeglicher  Kunst 
sollte  von  Lucian  zusammen  mit  seinem  Idealphilosophen  De- 
monax der  biographischen  Darstellung  gewürdigt  worden  sein? 
Man  muß  Lucian  niedrig  einschätzen,  wenn  man  mit  Ziegeler 
S.  329  sofort  annehmen  will,  „eine  derartige  Kuriosität  habe 
völlig  genügt,  um  die  Feder  des  stoffhungerigen  Journalisten 
in  Bewegung  zu  setzen  \  eher  dürfte  das  Urteil  Schmids  (Phil- 
50,  300)  Geltung  haben,  daß  dieser  Soatratus  „für  Lucian  weder 
Abgeschmacktheit  genug,  um  Stoff  zu  einer  Satire,  noch  psy- 
chologische Merkwürdigkeit  genug,  um  Stoff  zu  einer  ernst- 
haften Biographie  zu  liefern,  an  sich  haben  konnte." 

Gewiß  haben  wir  jiun  wegen  der  Parallelsetzung  mit 
Demonax  keine  Satire  unter  der  Vita  zu  verstehen,  aber  wir 
brauchen  auch  keine  schrankenlose  Bewunderung  (Bernays 
S.  104,  24)  darin  zu  suchen.  Die  Worte  c.  1  xai 
zeigen  deutlich,  auf  wessen  Seite  die  größere  Sympathie  Lucian* 
liegt,  und  wie  Sostratus  einigermaßen  die  Folie  bilden  muß. 
damit  sich  Demonax,  weil  vielseitiger,  um  so  glänzender  abhebe. 

Und  weiter  muß  denn  unser  Sostratus  wirklich  der  Schil- 
derung des  Philostratus  genau  entsprochen  haben  ?  Di* 
Wunderdinge,  die  dieser  sonst  (z.  B.  V.  S.  54,  16  ff.;  100, 15: 


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Untersuchungen  Ober  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  643 


46,  19;  75,  10;  111,  24)  von  den  Sophisten  zu  erzählen  weiß, 
die  Mystifikationen,  die  er  an  Apollonius  von  Tyana  vornimmt, 
erwecken  nicht  allzu  große  Glaubwürdigkeit.  Gerade  die  ver- 
worrene Darstellung  in  der  Vita  des  Herodes  und  dieser  lange 
Exkurs  über  Sostratus,  der  in  gar  keinem  Verhältnis  steht  zu 
der  geringen  Bedeutung,  welche  die  Episode  für  das  Leben 
des  Herodes  hatte,  sprechen  deutlich  genug,  wie  sehr  er  die 
Sucht  des  ganzen  Zeitalters  teilte,  durch  Erzählung  von  Selt- 
samkeiten und  Wundern  Effekt  zu  machen.  Der  Zweifel  an 
der  Glaubwürdigkeit  wird  nicht  vermindert  durch  die  Tatsache, 
daß  der  Bericht  auf  einem  Brief  des  Herodes  an  Julian  ruht. 
Dieser  Sophist,  so  leicht  erregbar  und  so  heftig,  ist  ganz  gewiß 
auch  seinerseits  nicht  Einflüssen  fremd  geblieben,  wie  sie  aus 
jener  Zeit  so  bekannt  und  in  Philops.  so  trefflich  uns  vor- 
geführt sind.  Das  c.  25  unserer  Schrift,  wornach  er  an  Toten- 
beschwörungen zu  glauben  scheint,  ist  der  Ansicht  von  einer 
historisch  nüchternen  Auffassung  solcher  Dinge  nicht  günstig. 
Wenn  auch  ein  Teil  der  Mystifikation  des  Sostratus  auf  die 
Böotier  selbst  zurückgeht  (V.  S.  61,  14  vgl.  Dem.  1.),  jeden- 
falls war  Herodes  nicht  der  Mann,  diesem  Glauben  entgegen- 
zutreten. Im  Gegenteil,  wenn  er  nach  Philostr.  S.  63,  5  aus 
dem  feinen  Geruchsinn  des  Agathion  auf  eine  Satu.ovt'a  ^uats 
schließt,  ist  anzunehmen,  daß  er  selbst  noch  seinen  Teil  dazu 
beigetragen  hat,  um  den  Zeitgenossen  die  angeblich  eigene 
Aussage  des  Sostratus  über  seine  Eltern  (S.  61,  15  ff.) 
glaubhaft  zu  machen.  Das  Heroenbedürfnis,  das  beide  in 
gleichem  Maße  teilen,  hat  sie  schon  in  dem  körperlich  an- 
dere Menschen  überragenden  Sostratus  einen  f}p<i>«  i75i<pavr|C 
erblicken  lassen  (vgl.  Schmid  IV,  572).  Für  Herodes  Attikus 
diente  es  aber  außerdem  noch  zur  eigenen  Verherrlichung, 
diesen  Gewaltigen  zum  Landsmann  zu  haben  und  ihn  mit  dem 
Heros  Marathon  in  Verbindung  gebracht  zu  sehen,  ihn,  den 
er  offenkundig  allein  für  fähig  hielt,  das  Werk  zu  vollbringen, 
von  dem  er  einzig  die  Rettung  seines  Nachruhmes  erwartete, 
nämlich  die  Durchstechung  des  Isthmus  zu  Korinth**4).  Wir 

S.  60,  23  ff.  Der  Anschluß  des  c.  7  mit  c  6  ist  dem  Sinn  nach 
mindestens  in  der  Weise  zu  finden,  wie  Fr.  III,  2,  XXXVIII  ff.  vorschlägt. 
Auch  in  dem  sicher  Philostratischen  Dialog  Neron  (Schmid  IV,  535  und 

Philologe»,  Snpplementband  X,  viertes  Heft.  42 


644 


K.  Funk, 


werden  also  den  vermeintlichen  Inhalt  der  Biographie  nicht  so 
scharf  gegen  ihre  Echtheit  ins  Feld  führen.   Schon  die  reser- 
'  vierte  Haltung  gegenüber  dem  Beinamen  des  Sostratus,  'He- 
rakles1, in  dem  zusammenfassenden  Einleitungskapitel  ist  be- 
zeichnend für  den  Charakter  des  Verfassers.  Er  unterscheidet 
ausdrücklich  sein  Urteil  von  dem  der  Hellenen  (öv  oi  "EXXt^ve; 
HpaxXea  ixc&oov  xal  <[>ovto  efvai)  und  nur  wegen  seiner  £pya 
oöx  diwpSi  toO  <5v6{iaxos  will  er  ihm  den  damals  viel  ge- 
brauchten285) Ehrentitel  geben.    So  legt  sich  die  Vermutung 
nahe,  daß  er  eben  den  übertriebenen  Anschauungen  der  Hel- 
lenen entgegengetreten  ist  und  vielleicht  wie  in  der  Vita  De- 
monactis  auch  irgendwie  gegen  Herodes  und  seine  Auffassung 
Stellung  genommen  hat,  was  er  um  so  eher  tun  konnte,  als 
Herodes  zur  Zeit  der  Abfassung  tot  war  und  also  keine  Rück- 
sicht genommen  zu  werden  brauchte. 

Außerdem  fehlt  es  aber  selbst  in  der  Erzählung  des  Phüostr. 
nicht  ganz  an  Zügen,  die  Lucian  sympathisch  sein  konnten,  so 
sein  Urteil  über  die  Mythologie  (S.  62,  8  ff.)  und  über  seine 
eigene  Unsterblichkeit  (O-v^toö  fiaxpor;(i£pü)xepo;  S.  61,  20). 
namentlich  aber  sein  urwüchsiges  Wesen  und  seine  gemein- 
nützige Tätigkeit  (S.  61,  28.  62,  23).  Dasselbe  nämlich,  was 
die  kurze  Inhaltsangabe  noch  einmal  ausdrücklich  hervorhebt, 
wird  voll  des  Lobes  von  Herakles  und  Theseus  erwähnt.  So 
heißt  es  Iup.  trag.  21,  wenn  nicht  zuweileu  Theseus  die  Uebel- 
täter  abgetan  hätte,  wegen  Zeus  und  seiner  Vorsehung  hätten 
Skiron,  Pityokamptes  und  Kerkyon  und  wie  sie  alle  hießen, 
noch  lange  ihr  Unwesen  treiben  können,  und  ebenso  wäre  es 
mit  den  Ungeheuern,  wenn  nicht  Eurystheus  den  Herakles, 
einen  ipyaxixöv  dvO-p wtcov  xal  izp6§v[Lov  i<;  xoi>c  tcovouc  zu 
deren  Vernichtung  ausgesandt  hätte.  Sollte  also  der  Verfasser 
der  Vita  Demonactis  nicht  auch  dem  Sostratus  seinen  Beifall 
haben  schenken  können,  der  den  Herakles  und  Theseus  in  sich 
verband  und  beides,  wilde  Tiere  und  lästige  Räuber,  utcö 

537)  ist  von  dem  Gemeinplatz  der  Sophisten  betreffs  der  Isthmusdurch- 
etechung  c.  3  die  Bede  und  gesagt,  daß  siexd'HpaxXioug  ö « s  p- 
BdXXso&ai  udvxa  heiße.  Vielleicht  liegt  darin  unter  anderem  eine 
Erklärung  für  den  langen  Exkurs  bei  Philostr.  S.  60—62. 

m)  Namentlich  wurde  er  gerne  ausgezeichneten  Jünglingen  im 
2.  Jahrhundert  gegeben,  wie  wir  inschriftlich  wissen.  Vgl.  ft.  Keil, 
Attische  Inschriften  im  Phil.  28,  255. 


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Untersuchungen  über  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  645 


qptXavftpomCas  (Iup.  trag.  21  und  Dem.  11)  aus  dem  Wege 
räumte?  Gerade  dadurch  unterschied  sich  Sostratus  von  so 
manchen  Philosophen,  besonders  so  manchen  Cynikern  gewöhn- 
lichen Schlags,  daß  er  sich  den  Titel  Herakles  nicht  selbst 
beilegte,  sondern  daß  dieser,  wie  dem  Demonax  die  Popularität, 
von  selbst  zufiel,  und  daß  er  demselben  im  Gegensatz  zu  jenen 
Worthelden  durch  praktische  Betätigung  des  Heraklesberufes 
alle  Ehre  machte.  Wiederholt  muß  Lucian  deren  gelehrten  Müßig- 
gang tadeln,  und  wenn  sie  trotzdem  sich  als  Nachahmer  ihres 
Ideals  und  Patrons,  des  Herakles,  ausgeben  wollten,  so  kämpft 
er  mit  allen  Mitteln,  mit  Spott  und  Hohn,  gegen  eine  der- 
artige Nachäffung  Me).  Ja  er  läßt  sogar  Fug.  23  den  Herakles 
selber  gegen  die  Pseudocyniker  ausziehen  zum  deutlichen  Zei- 
chen, daß  sie  nicht  von  seiner  Art  sind287).  Die  echt  cyni- 
schen  Anschauungen,  welche  Sostratus  nach  der  Ueberlieferung 
-  bei  Philostr.  S.  62,  17  ff.  über  die  Kunst  der  Athleten  äußert, 
machen  die  Annahme  nicht  unwahrscheinlich,  daß  auch  sonst 
seine  Lebensansichten  cynische  Färbung  an  sich  trugen;  die 
Aeußerungen  über  die  Mythologie  werden  ja  eigens  als  <ptXo- 
eocpefr  bezeichnet  (S.  62,  16).  Konnte  da  nicht  Lucian  in  seiner 
Biographie  neben  der  Absicht,  dieses  Bild  strotzender  Kraft 
einem  verweichlichten  Geschlecht238),  namentlich  cynischen 
Jammergestalten  (vgl.  Conv.  19)  entgegenzustellen,  zugleich 
den  Zweck  verbinden,  einen  wahren  und  echten  Heraklesnach- 
ahmer nach  seinem  Sinne  zu  zeichnen?  Die  Einleitung  läßt 
es  vermuten,  und  damit  wäre  ein  neuer  Anschluß  an  die  Vita 
Demonactis  gewonnen.  Sähen  wir  hier  ein  Sokrates-Diogenes- 
ideal  verwirklicht,  so  dürften  wir  in  der  Lebensbeschreibung 
des  Sostratus  das  Ideal  eines  Heraklesnachahraers  finden,  der 
nicht  bloß  wegen  der  Keule  diesem  glich,  sondern  auch  diese 
in  der  rechten  Weise  zu  führen  wußte  (vgl.  Vit.  auct.  8). 

*M)  Per.  21.  24.  25.  83  und  Conv.  18.  Vgl.  ebd.  16,  wo  abgeschmackt 
genug  der  Vergleich  mit  Herakles  sogar  auf  die  Braut  des  Eukritus 
übertrafen  wird. 

w)  Die  cynische  Maske  trägt  Herakles  auch  Bia  acc.  20  und  lup. 
trag.  22 ;  für  Dio  s.  Dümmler,  Antiathenika  S.  73. 

2M)  Man  denke  an  den  Cyniker  Antiochua  nach  Dio  Cassius  77, 19. 
Dabei  kann  Lucian  auch  über  das  in  jenen  Gegenden  weit  verbreitete 
Räuberunwesen  langer  gehandelt  haben,  worauf  Fr.  III,  2,  XLV  hinwies 
auch  Hertzberg  S.  886,  31  c.  Vgl.  Cat.  6.  Hermot.  22.  Dial.  mort.  XXVII, 
2.  Nav.  28.  As. 

42* 


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646 


K.  Funk, 


Ich  sehe  an  diesem  Orte  noch  ab  von  einer  möglichen  Be- 
kanntschaft des  Philostratos  mit  unser n  beiden  Biographien. 
Ich  möchte  aber  noch  auf  einen  anderen  Punkt  hinweisen.  In 
den  Deklamationen  und  Kontroversien  der  Rhetoren  damaliger 
Zeit  erscheinen  ganz  stereotyp  die  Figuren  der  Räuber  und 
zwar  auch  die  der  edlen,  menschenfreundlichen  Räuber 
Dieser  staunenden  Scheu  vor  urwüchsiger  Kraft,  welche  die 
gesamte  noch  fortlebende  Räuberromantik  gezeitigt  hat,  ist 
auch  der  edle  Arrian  erlegen,  und  Lucian  ist  es  gerade,  der 
uns  Alex.  2  von  dem  Vorhandensein  der  Arrianischen  Räuber- 
biographie  Tilliborus  benachrichtigt.   Von  dieser  Tatsache  aus 
wage  ich  nun  eine  Vermutung.    Wer  nämlich  die  bekannte 
Schilderung  liest,  welche  Epiktet  von  dem  Cyniker  von  Gottes 
Gnaden  entwirft,  der  kann  bei  einem  auch  nur  oberflächlichen 
Vergleiche  die  gemeinsamen  Züge  mit  der  Vita  Demonactia 
nicht  verkennen  —  ich  werde  das  zum  Schluß  noch  im  ein- 
zelnen ausführen  — ,  und  es  scheint,  als  habe  Lucian  zeigen 
wollen,  wie  die  dort  ausgesprochenen  Grundsätze  von  Demonax 
durch  die  Tat  verwirklicht  wurden.    Man  darf  nun  freilich 
die  Bekämpfung,  welche  Arrian  gegenüber  bekannte  Auffassung 
von  Alexander  dem  Großen  und  von  seinem  Charakter  richtet, 
nicht  mit  Nissen  (Rh.  M.  43,  236.  240)  auf  die  entsprechen- 
den Ausführungen  Lucians  in  den  Dial.  mort.  allein  be- 
ziehen.   Derartige  Rücksichtnahmen  gegenüber  cynischen  An- 
schauungen finden  wir  ebenso  bei  seinen  Vorgängern,  Diodor 
und  Strabo340).    Aber  in  unserer  Biographie  tritt  doch  das 
Bestreben  hervor,  ein  Seitenstück  zu  Epiktet  zu  schaffen,  das 
den  Vorzug  der  größeren  Konsequenz  für  sich  hat  Das  scheint 
mir  die  Einleitung  c.  3  zu  besagen,  wo  auf  der  einen  Seite 
die  nähere  Beziehung  zu  Epiktet  gekennzeichnet,  auf  der  an- 
deren aber  doch  die  Selbständigkeit  des  Demonax  scharf  her- 
vorgehoben ist,  gleich  als  wollte  Lucian  seine  eigene  Selbstän- 
digkeit wahren;  besonders  aber  scheint  es  mir  aus  der  Erzäh- 
lung c  55  hervorzugehen,  wo  wir  beide  einander  gegenüber 
sehen.  Da  muß  Demonax  erst  den  Epiktet  darauf  aufmerksam 
machen,  daß  er  mit  Aufforderung  zum  Heiraten  sein  eigenes 

*3>)  Rohde,  Gr.  Rom.  S.  857*  und  Anm.  1. 

M0)  Vgl.  Prächter,  Archiv  f.  Philos.  (1898)  XI,  512. 


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Untersuchungen  über  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  647 


Princip  verleugnet  Es  dünkt  mir  deshalb  nicht  unmöglich, 
daß  Lucian,  wie  zu  Demonax  durch  die  Dissertationes,  so  zu 
Sostratus  durch  die  Räuberbiographie  Tilliborus  angeregt 
worden  ist.  Dabei  war  Lucian  immerhin  konsequenter  in  der 
Gesinnung,  indem  er  mit  dem  Bilde  eines  geistigen  Wohltäters 
der  Menschheit  das  eines  leiblichen  verband,  während  Arrian 
zwei  sich  widersprechende  Schriften  verfaßte.  Gesinnungs- 
tüchtigkeit aber  und  Konsequenz  gilt  Lucian  so  viel,  daß  er 
sich  sogar  für  die  Abfassung  des  Alex,  mit  dem  schlimmen 
Vorgang  Arrians  entschuldigt. 

Das  Gesagte  dürfte  zu  dem  Schlüsse  genügen,  daß  die 
Abfassung  einer  Vita  Sostrati,  wenn  auch  auf  den  ersten  Blick 
auffallend,  doch  bei  näherem  Zusehen  sich  mindestens  als  nicht 
unmöglich  herausgestellt  hat,  zumal  da  das  erste  Kapitel  des 
uns  vorliegenden  Demonax  trefflich  zu  der  Fortsetzung  stimmt. 

i 

» 

in. 

,  Die  historische  Existenz  des  Demonax. 

1.  Beurteilung  der  erhobenen  Einwände. 
Die  Ausführungen  von  Schwarz  Uber  den  unhistorischen 
Demonax  haben  zwar  am  wenigsten  Anklang  gefunden.  Selbst 
Wichmann  S.  849  redet  von  einer  'Hypothese,  die  an  anderen 
Ergebnissen  der  Forschung  ihre  Probe  zu  bestehen  habe*,  und 
Thimme  S.  44 — 52  hat  sie  bereits  auf  Grund  der  erhaltenen 
Fragmente  eingehend  und  entsprechend  gewürdigt241).  Dennoch 
dürfte  es  nicht  überflüssig  sein,  unter  Verstärkung  der  Gegen- 
gründe der  Frage  nochmals  näher  zu  treten.  Ihre  Beantwor- 
tung ist  ja  nicht  bloß  bedeutsam  für  die  Zweckangabe  der 
Vita,  sie  hat  auch  ihren  besonderen  Wert  für  die  Bestimmung 
des  Grades  der  Glaubwürdigkeit,  welche  wir  Lucian  und  seinem 

Berichte  beimessen  dürfen. 

i   

Um  so  mehr  hat  es  mich  gewundert,  daß  A.  ßaar,  Lucian« 
Dialog  der  Pneudo8ophiat  S.  7,  7  zweifelt,  ob  Demonax  nicht  auch  wie 
Sokrates  von  Mopsus  und  Nigrinus  eine  Fiktion  sei. 


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648 


K.  Funk, 


Bei  DemoDax  wiederholt  sich  das  Schicksal  Lucians.  Kein 
annähernd  gleichzeitiger  Schriftsteller,  der  über  Athen  und  die 
athenische  Philosophie  handelt,  nennt  seinen  Namen,  und  doch 
muß  er  nach  der  Schilderung  in  c.  57.  63.  64.  67  eine  be- 
kannte Persönlichkeit  gewesen  sein  und  eine  gar  nicht  anbe- 
deutende Rolle  gespielt  haben.    Das  schon  erwähnte  Zeugnis 
bei  Eunapius  ruht  vollständig  auf  Lucian  und  verrät  keine 
anderweitige  Kenntnis  von  Demonaz.  Daß  auch  hier  Philostr. 
versagt,  hat  man  besonders  auffallend  und  gewichtig  gefun- 
den 242).  Allein  was  wüßten  wir  denn  von  Maximus  von  Tyrus, 
was,  außer  dem  Namen,  von  Lesbonax  und  Nikostratus,  wenn 
wir  allein  auf  Philostratos  angewiesen  wären?  Und  wenn  wir 
diesen  einen  Philostratos  nicht  hätten,  was  wären  uns  Niketes, 
L  Kollianus,  Hippodromus  und  Skopelianus?  Was  war  für  uns 
denn  bis  vor  kurzem  der  gewiß  nicht  so  unbedeutende  Thea- 
genes ,  der  Begleiter  des  Peregrinus,  bis  endlich  Bernajs 
(S.  13  ff.)  die  Identität  mit  dem  bei  Galenus,  Method.  niedendi 
13,  15  vol.  10  p.  909  (Kühn)  erwähnten  entdeckt  hat?  So  ist 
der  Cyniker  Teles  im  gesamten  Altertum  gänzlich  verschollen; 
erst  loh.  Stob,  hat  einige  umfängliche  Stücke,  teils  mit  Nen- 
nung der  Schriften,  teils  bloß  als  ix  xtöv  TiXyjfto^  imxo\i^  er- 
halten243).   Ebensowenig  wissen  wir,  wann  die  bei  Photius 
unter  den  Quellen  des  Stobaeus  genannten  Cyniker  Hegesianax, 
Polyzelus,  Xanthippus  und  Theomnestus  auch  nur  gelebt 
haben  *44).  Warum  also  den  Mangel  an  Nachrichten  über  De- 
monax  so  auffallend  finden!   Das  Fehlen  derselben  ist  erklär- 
lich.   Demonax  hatte  als  cynischer  Eklektiker  keine  Schüler 
im  eigentlichen  Sinne,  die  das  Andenken  und  den  Ruhm  ihres 
Meisters  fortpflanzten,  und  dann  sind  wir  von  Theagenes  bzw. 
Oenomau8  von  Gadara  bis  Julian,  also  l1/»  Jahrhunderte,  über 
den  Cynismus  nicht  unterrichtet. 

Man  wird  freilich,  was  Philostratos  anlangt,  den  Grund 
noch  nicht  für  genügend  halten,  daß  er  keine  Philosophen-, 
sondern  Sophistenleben  geschrieben  habe,  und  deshalb  auch 


2«)  Schwarz  S.  585;  Thimme  S.  43  ff. 

u»)  Wilamowitz-Möllendorf,  Philol.  Untersuchungen.  Berlin  1881, 
IV.  Exkurs  3,292.  Vgl.  Hinsel  I,  367  ff. 
5")  Vgl.  Zeller  III,  l8,  769,  6. 


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Untersuchungen  über  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  649 


den  Nigrinus  nicht  nenne346).  So  gut  er  einen  längeren  Ex- 
kurs in  der  Vita  des  Herodes  Attikus  über  Sostratus  einschalten 
konnte,  hätte  er  bei  passender  Gelegenheit  auch  Demonax 
einige  Zeilen  widmen  können.  Möglich,  daß  dessen  völlige 
Uebereinstimmung  mit  Lucian  die  Nichterwähnung  mitver- 
schuldet hat946).  Ganz  ohne  Kenntnis  von  ihm  scheint  er 
nämlich  nicht  gewesen  zu  sein.  Kurz  nach  der  Erwähnung 
des  Herakles-Agathion  geht  Philostratos  zu  der  übermäßigen 
Trauer  des  Herodes  über  und  führt  da  in  längerer  Schilderung 
einen  Philosophen  Lucius  ein.  Er  gibt  ihm  das  Lob  eines 
weisen  Ratgebers  des  Herodes,  rühmt  neben  der  Tatsache,  daß 
er  mit  Musonius  philosophiert  habe,  besonders  das  Schlagfertige 
seiner  Antworten  (eöaxonw?  efye  *ä>v  <£  oxp  £ a e  u> v  wxi 
tö  i  n  t  x  a  p  t  <ri>v  xatp$  47cex^5euev  S.  64,  20  ff.  vgl.  Dem.  39. 
12  und  10)  und  bezeichnenderweise  schließt  er  an  das  Witz- 
wort über  Herodes  (S.  65,  5  ff.)  noch  ein  anderes,  nicht  damit 
zusammenhängendes  an  mit  der  Bemerkung:  (foäXP7)  T* 
efpiguiva  6et?at  xijv  iUctv,  *)v  ^iXoaö^et  Aouxios,  £xava  yap  rcou 
xaöra  SrjXöaai  töv  ÄvSpa  (S.  65,  24  ff.  vgl.  Dem.  67  Schluß). 
Wenn  man  nun  bemerkt,  wie  Lucius  so  die  Stelle  des  Demonax 
vertritt,  und  wie  Philostratos  eigens  berichtet,  Herodes  habe 
seine  Trauer  gemäßigt,  <&£  pj]  <£&opu.a  ylvotto  iv5pöv  cncoudacwv 
(S.  65,  12  ff.),  so  scheint  das  anzudeuten,  daß  doch  der  ävSpe; 
arcou&xtoi ,  zu  denen  auch  Demonax  gerechnet  werden  muß, 
mehrere  waren,  daß  er  sie  also  wohl  auch  kannte.  Es  dürfte  dar- 
um Philostratos  unsere  beiden  Biographien  gekannt  haben.  Nur 
suchte  er  sie  in  irgend  einer  Weise  zu  tiberbieten  und  zu  ver- 
hüllen, womit  vielleicht  auch  die  Nennung  des  Sostratus  nur 
mit  seinem  Beinamen  zusammenhängen  mag.  Jedenfalls  ist 
für  uns  durch  die  Verbindung  der  Lebensbeschreibung  des 
Demonax  mit  der  des  historischen  Sostratus  unmittelbar  die 
Geschichtlichkeit  des  ersteren  sicher  gestellt. 

Dazu  kommt  noch  verstärkend  die  Nennung  des  Demonax 
in  der  Florilegienlitteratur.  Es  handelt  sich  nicht  mehr  bloß 
um  4  Stellen,  wie  zur  Zeit  von  Schwarz  (S.  585),  sein  Name 
erscheint  an  ungefähr  30.    So  leicht  Verschreibungen  in  den 

■ 

»«)  Planck,  Progr.  S.  34. 

Vgl.  Fr.  III,  2,  XXVI;  Thimme  S.  42. 


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650  Funk, 

Florilegien  vorkommen347),  so  leicht  der  Name  Demonax  mit 
dem  des  Demokrit  und  Demokraten  verwechselt  werden  mag. 
so  häufig  die  Lemmate  verschoben  sind,  und  so  unsicher  die 
Authenticität  jedes  einzelnen  Ausspruchs  ist,  wie  sich  noch 
zeigen  wird,  methodischerweise  kann  man  nicht  an  allen  Stellen 
Verschrei  bungen  annehmen.  Mit  Recht  protestiert  Wachsmuth 
a.  a.  0.  S.  125  gegen  eine  durchgängige  Korrektur  von  Phi- 
listion in  Philemon.  Da  also  ein  Demonax  in  der  Florilegien  - 
litteratur  vorkommt,  da  seine  Aassprüche,  besonders  frag.  III. 
IV.  XVL  XVIII  cynische  Färbung  haben  (vgl.  Fr.  III,  2. 
XV  ff.),  und  dieser  Name  verhältnismäßig  selten  ist,  kann  die 
Identität  mit  dem  unsrigen  nicht  wohl  bezweifelt  werden.  Be- 
deutsam ist  dabei,  daß  die  Aussprüche  nicht  aus  Lucian  ge- 
nommen sind.    Es  fehlt  zwar  nicht  an  Dicta,  welche  wegen 
ihres  ernsten,  ethischen  Charakters  in  ein  Florilegium  paßten 
(vgl.  c.  20.  25.  27.  32.  34.  37.  51.  57—60.  62),  aber  außer 
dem  oben  besprochenen  Falle  findet  sich  kein  Beispiel  mehr. 
Schwarz  selbst  muß  das  Auffallende  zugeben,  daß  Stobäus  in 
seinem  ganzen  Florilegium  von  Lucian  keine  Notiz  nimmt  Es 
heißt  nun  doch  eine  Hypothese  durch  eine  andere  stützen, 
wenn  er  den  Schluß  auch  umdrehen  zu  können  glaubt  und 
behauptet,  die  Erwähnung  von  Aussprüchen  des  Demonax  im 
5.  und  Q.  Jahrhundert  beweise  nur,  daß  damals  die  Schrift 
"Demonax'  schon  in  ihrer  gegenwärtigen  Gestalt  als  eine  Samm- 
lung von  dicta  memorabilia  existiert  und  Demonax  als  witziger 
Philosoph  gegolten  habe,  in  dessen  Schuhe  dann  manche  der- 
artige Aussprüche  von  unbekanntem  Ursprung  geschoben  wurden 
(S.  586).    Es  ließe  sich  die  Vermutung  nur  durch  die  An- 
nahme retten,  es  seien  die  anderwärts  tiberlieferten  Dicta  aus 
der  in  c.  1 1  angenommenen  Lücke  geflossen,  was  aber  bei  ihrer 
größeren  Zahl  Fr.  (II,  1,  188  und  III,  2,  XII,  XXV)  selbst 
später  aufgegeben  hat. 

Ebenso  wenig  Anhaltspunkte  bietet  für  die  Hypothese  der 
Inhalt  der  Schrift.  Gewiß  kann  ein  Satiriker  öfters  in  die 
Lage  kommen,  fingierte  Personen  mit  seinen  Anschauungen 
auftreten  zu  lassen,  um  sich  Verfolgungen  und  Angriffen  tu 

— - — ■   . .  

8")  Varl.  Wachsmuth,  Stud.  z.  d.  gr.  Florilegien.  Berlin  1832.  S.  161, 
vgl.  108.  RoBe  S.  612. 


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r 


Untersuchungen  über  die  Lucianische  Vita  Dem on actis.  651 

entziehen,  und  zweifellos  hat  auch  Lucian  von  dieser  schrift- 
stellerischen Gewohnheit  Gebrauch  gemacht,  wenn  es  gleich 
im  einzelnen  nicht  genau  festgestellt  werden  kann848).  Aber 
daß  eine  Schrift  mit  weit  ausgeprägterer  historischer  Phy- 
siognomie, als  Alex,  und  Per.,  eine  Biographie  im  eigentlichen 
Sinne,  nur  den  Anspruch  der  Geschichtlichkeit  erheben 
sollte,  ohne  wirklich  geschichtlich  zu  sein,  das  kann  doch  im 
Ernste  niemand  behaupten.  Als  eine  Art  historischen  Roman 
mit  dem  Pseudonym  Demonax249)  könnte  man  ja  schließlich 
die  Vita  noch  begreifen  und  man  verstünde,  wie  der  Schrift- 
steller den  Helden  seiner  Erzählung  derart  in  die  zeitgenössi- 
schen Verhältnisse  hineinstellen  und  ihn  im  Verkehr  mit 
wirklich  geschichtlichen  Männern  aufzeigen  konnte.  Aber 
woher  nehmen  wir  das  Recht  zu  solcher  Annahme? 

Die  geltend  gemachten  zeitlichen  und  örtlichen  Bedenken, 
welche  den  Punkt  betreffen,  daß  Demonax  unmöglich  als 
Schüler  mit  den  c.  3  genannten  Philosophen  verkehrt  haben 
könne,  sind  längst  widerlegt280).  Außerdem  erheben  sich  keine 
nennenswerten  geschichtlichen  Schwierigkeiten.  So  hat  es 
nichts  zu  bedeuten,  wenn  einmal  Porphyr.  Vit.  Plot.  20  gegen 


*48)  So  wird  Nigrinus  für  historisch  gehalten  von  Hofmann  S.  41 
Hirzel  I,  292,  Zeller  III,  ls,  803,  Croißet  8.  10.  43,  dagegen  für  fiktiv 
von  Thimme  S.  29,  Wichmann,  Progr.  S.  18,  Boldermann  S.  65;  ebenso 
ist  es  mit  Demetrius  von  Sunium  in  Tox.  27  (Fabric.  Bibl.  Gr.  III,  515 
und  R.  E.  III,  937  gegen  Guttentag  S.  86).  Den  Adressaten  des  Per., 
Kronius,  hält  Bernaye  S.  3  vgl.  Richard  S.  23  für  historisch;  die  übrigen 
Personen  werden  meist  als  fiktiv  angesehen. 

24  •)  Polemo  hätte  z.  B.  verschiedene  übereinstimmende  Züge:  an- 
gesehene Abstammung  (Philostr.  V.  S.  42, 16  =  Dem.  3),  dieselbe  Stellung 
zu  seinem  gewöhnlichen  Aufenthaltsort  (Smyrna),  Frieden  Btiften  (V.  S. 
42,  32  ff.  =  Dem.  c.  9.  64),  Zurechtweisung  der  Fehlenden  (V.  S.  43, 12  ff.  = 
Dem.  s.  10),  Feindschaft  mit  Favorin  (V.  S.  47,  12  ff.  =  Dem.  12.  13), 
Bekanntschaft  mit  Timokrates  (V.  S.  46,  22  ff.  =  Dem.  3)  und  Herodes 
(V  S.  47,  19  ff.  =  24.  25.  33),  Schlagfertigkeit  i  V.  S.  50,  31  ff.)  und  Hunger- 
tod (V.S.  54,  15  ff.  =  Dem.  67).  Allein  trotz  der  Bedeutung  des  Worts 
Athiövix£  und  des  von  Hdt.  IV,  161,  162  erwähnten  gleichnamigen  Frie- 
densstifters ist  nicht  daran  zu  denken.  Polemo  ist  durchaus  Rhetor 
und  zwar  vor  allem  Improvisator  (V.S.  47,23  vgl.  dagegen  Rhet.  praec. 
18.  20.  17.  Lex.  23),  dazu  verschmäht  er  den  Reichtum  nicht  (V.  S.  44, 
8 ff.)  und  war  voll  t3?©c  (V.S.  45,  16;  44,  26;  45,  32  ff.). 

a*°)  Ziegler  S.  335  und  Thimme  S.  53.  Der  Schluß  des  letzteren 
aus  der  Bedeutung  von  ovcfLfv&obai  ist  unrichtig;  denn  das  Wort  wird 
gerade  im  Sinne  der  Schülerschaft  gebraucht,  vgl.  Plat.  Phaed.  61  D; 
Xenoph.  An.  2,6,  17.  Wichmann  hätte  sich  S.  848  gar  nicht  damit  be- 
fassen müssen,  da  er  die  fraglichen  Worte  streicht  (S.  842.  849). 


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652  K.  Funk, 

Dem.  56  Herminus  als  Stoiker  statt  als  Peripatetiker  bezeichnet 
wird,  was  er  auch  unstreitig  ist  (Zeller  DI,  l8,  778,  1.  783,  2). 
Aehnlich  verhält  es .  sich  mit  dem  oben  berührten  Widersprach 
Dem.  55  =  Arrian,  Diss.  Epict  III,  22,  67  betreffs  der  Stel- 
lung Epiktets  zur  Ehefrage.  Entweder  haben  wir  in  unserem 
Fall  nur  eine  Versuchungsfrage  von  seiten  Epiktets  zu  sehen 
oder  wohl  wahrscheinlicher  eine  jener  Inkonsequenzen,  die  wir 
überhaupt  in  der  stoischen  Behandlung  dieses  Punktes  wahr- 
nehmen261).   Es  weiß  ja  auch  Epiktet  die  Gegeninstanz,  daß 
nämlich  Erates  verheiratet  gewesen,  nur  durch  die  eigentüm- 
lichen Umstände  zu  rechtfertigen,  deren  Nichtvorhandensein 
zugleich  in  der  Antwort  des  Demonax  ausgesprochen  wird. 
Weit  beachtenswerter  ist  die  Nachricht  in  c.  57.  Historisch 
richtig  ist  daran,  daß  Korinth  in  der  Einführung  der  Gladia- 
torenkämpfe Athen  voranging  und  in  der  Begeisterung  dafür, 
wie  die  erhaltenen  Spuren  eines  Amphitheaters  zeigen25*).  Aber 
die  Zeit  der  Einführung^  fällt  schon  vor  die  Geburt  des  De- 
monax. In  seiner  Rhodiaca368)  erzählt  uns  bereits  Dio  Chrys.: 
'Aft^vafot  6£  iv  t*j)  {rearptj)  fretövtat  t*)v  xaXijv  xaur^v  %-iaw 
()K  auTTjv  r>]v  <£xp67ioXiv  . .  .,  ta  rapl  xoi>c  u,ovo|accx©uC 
oöxw  acp65pa  $£i)Xü>xaat  KoptvMous  1 M),  jifiXXov  5' 
urcepßeßX^xaac  Tfl  xaxo5aiu.ovia  xdxefvou?  xai  xobg  äXXouc,  und 
dann  spricht  er  von  einem  Philosophen  y£vei  Twjjwtttov  ooSevöj 
öorepov,  welcher  den  Athenern  ernstlich  davon  abgeraten,  aber 
solchen  Widerstand  erregt  habe,  daß  er  Athen  verlassen  mußte. 
Dasselbe  wird  von  Philostr.  mit  sichtlicher  Nachbildung  unserer 
Stelle  aus  dem  Leben  des  Apollonius  von  Tyana  berichtet*65). 
Wie  es  sich  mit  der  Wahrhaftigkeit  dieser  Aussage  verhalten 
mag266),  jedenfalls  kann  trotz  der  fast  wörtlichen  Ueberein- 

*")  Bonhöffer  S.  299.  3G0.  Vgl.  Zeller  III,  2«,  752,  4. 

»*)  Friedlander  II,  252.  Hertzberg  II,  258,  83. 

2M)  Or.  XXXI,  S.  385.  386  Dind.  Auffallen  mag,  daß.  wie  in  Dem. 
die  3  beanstandeten  Kapitel  unmittelbar  sich  folgen,  so  auch  c.  5? 
und  58  inhaltlich  dieselbe  Reihenfolge  bei  Dio  zeigen. 

JM)  Dem.  57:  'AlhjvaCtov  oxeuTojvivtov  %ax&  £ijXov  xdv  npö^Kopiv* 
*  i  o  u  c  xotxaox^oso&xt  Hav  |iovo|idx(Dv. 

iM)  IV,  22:  soTCOUÖd^sxo  xauxa  4xsl  n&XXov  ij  *v  Kopevfr«p  vöv. 

iM)  Ellissen,  Zur  Geschichte  Athens  in  Göttinger  Studien  1847.  II, 
799  meint,  die  Strafpredigt  des  Apollonius  sei  von  Wirkung  gewesen; 
Friedlander  II,  253  und  Hertzberg  II,  76,  45  halten  mit  Recht  die  Stelle 
für  erdichtet.  Der  Philosoph  wird  kein  anderer  als  Musonius  Rufus 
sein;  vgl.  Arnim,  Dio  von  Prusa.    Berlin  1898.  S.  216. 


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Untersuchungen  Uber  die  Lucianiache  Vita  Demonactis.  653 


Stimmung  unter  dem  Philosophen  nicht  Demonax  gemeint  sein, 
wenn  die  Rede  Dios  auch  nicht  im  Jahre  70,  sondern  nach 
Arnims  wahrscheinlichem  Nachweis  (S.  214 — 218)  erst  in  den 
Jahren  79—82  verfaßt  wäre.  Es  enthält  also  das  c.  57  außer 
der  sprachlichen  Schwierigkeit  von  axivrcBadm  mit  Inf.  noch 
eine  geschichtliche  Unrichtigkeit.  Dennoch  möchte  ich  die 
Echtheit  der  Stelle  wegen  der  Ubereinstimmenden  Anschauung 
Lucians  betreffs  der  Gladiatorenkäiupfe  und  des  einigemal  (Tim. 
42.  Bis  acc.  21)  genannten  'EX£ou  ßo>uO€  nicht  verdächtigen 
und  darin  eher  eine  Verwechslung  erblicken,  wie  sie  in  solchen 
Fällen  nicht  selten  ist. 

Außerdem  tritt  in  der  ganzen  Lebensbeschreibung  nichts 
so  Außerordentliches  hervor,  daß  die  Annahme  von  der  Uh- 
geschichtlichkeit  des  Demonax  gerechtfertigt  wäre.  Wer  würde 
vollends  bei  der  Fassung,  die  Schwarz  der  Lucianischen  Schrift 
gibt,  darauf  gekommen  sein?  Mit  eigenartiger  Begriffsver- 
wirrung beruft  er  sich  S.  569  auf  die  historische  Unwahr- 
schein] ichkeit  der  Scene  in  c.  11,  um  deshalb  die  Verteidigung 
des  Demonax  aus  dem  einkleidenden  Rahmen  herausnehmen 
zu  können,  während  er  doch  dazu  kein  Recht  hatte,  da  er 
überhaupt  den  historischen  Charakter  leugnet.  Aber  ist  denn 
wirklich  eine  religiöse  Anklage  in  jener  Zeit  so  durchaus  un- 
wahrscheinlich? Daß  die  heidnische  Religion  damals  ihre 
Kraft  noch  nicht  verloren  hatte,  zeigen  die  Ausführungen 
Friedländers257)  deutlich.  Ja  man  wird  gerade  das  2.  nach- 
christliche Jahrhundert  als  das  religiöseste  bezeichnen  dürfen. 
Lucian,  hier  ganz  gewiß  ein  untrüglicher  Zeuge,  faßt  Iup. 
trag.  53  das  Endresultat  der  Unterredung  in  die  Worte  zu- 
sammen, trotz  allen  gegenteiligen  Beweisen  werden  die  meisten 
Griechen,  der  große  Haufe  nämlich,  und  von  den  Barbaren 
alle  ihre  religiöse  Ueberzeugung  beibehalten,  und  nach  Philops.  3 
erscheint  jeder  als£aef%  xal  dvö^xo^,  der  die  aufgelegtesten  Mythen 
lächerlich  findet,  das  sind  Angaben,  gegen  welche  Tim.  4  nicht 
zu  streiten  vermag.  So  stand  es  damals  aber  nicht  bloß  beim 
Volk,  das  immer  den  freisinnigen  und  religionsfeindlichen  An- 

2")  III,  443—493.  529.  617 ff.;  nur  gegen  die  Schlußfolgerung  aus 
der  Theokrasie  wendet  sich  mit  Recht  0.  Schmidt,  Lucians  Satiren 
<;egen  den  Glauben  seiner  Zeit.  Solothurn  1900.  S.  19. 


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654 


K.  Funk, 


schauungen  einer  kleinen  Minderheit  ferne  steht,  so  war  es 
damals  auch  bei  dem  größten  Teil  der  Vornehmen  und  Ge- 
bildeten.   Die  Kaiser  selbst  bemühten  sich  seit  Hadrian  um 
die  Wiedererneuerung  des  religiösen  Lebens  und  der  alten 
Kultformen  858).    Die  Mysterien ,   namentlich  die  Eleusinien, 
gewannen  ihre  alte  Bedeutung  wieder.   Die  Kaiser  gingen  mit 
ihrem  Beispiel  voran  und  ließen  sich  einweihen,  so  Hadrian 
und  Mark  Aurel259),  und  in  Athen  gab  es  wohl  wenige,  welche 
sich  nicht  der  Segnungen  derselben  versicherten260).    Wie  oft 
spricht  sodann  Lucian  von  diesen  Geheimkulten!    Ihre  Nach- 
bildung in  dem  Schwindelkult  Alezanders  von  Abonuteichos 
spricht  genug  für  ihre  Popularität.  Ebenso  trägt  die  Litteratur, 
vor  allem  die  griechische,  recht  eigentlich  den  Stempel  dieser 
Wiedererweckung  des  religiösen  Lebens.  Mit  Ausnahme  Lucians 
;  steht  unter  den  griechischen  Schriftstellern  nur  Galenus  dem 


Volksglauben  ganz  fern ;  viel  näher  steht  schon  Dio  von  Prusa. 
Alle  übrigen  stehen  auf  dem  Boden  eines  positiven  Götter- 
glaubens, wie  verschieden  er  sich  auch  in  der  Auffassung  jedes 
einzelnen  gestalten  mag961).  Derjenige  Staat  aber,  der  seit 
altem  als  der  am  meisten  religiöse  galt  und  die  Hochburg  des 
Heidentums  am  längsten  blieb,  war  kein  anderer  als  Athen  *"). 

Freilich  duldete  man  die  verschiedensten  und  vom  Volks- 
glauben am  weitesten  sich  lossagenden  Spekulationen.  Mao 
war  von  den  Philosophen  viel  gewohnt  (vgl.  Tim.  4)  und  die 
Komödie  nutzte  die  weitgehende  Toleranz  aus.  Aber  eines 
wagte  man  doch  nicht  so  leicht  anzutasten,  eines,  auf  das  sich 
auch  die  Staatsgesetze  bezogen,  und  das  war  der  Kultus  (Schoe- 
mann  II,  158 — 162).  Trotz  ihrer  metaphysischen  Ueberzeu- 
gungen  war  Plato  ebenso  wie  Aristoteles  der  Kult  der  ange- 
stammten Götter  Herzenssache.  Epikur,  Chrysipp  und  die 
Skeptiker  haben  sich  wohl  gehütet,  in  unbedingten  Gegensatz 
zum  Kultus  zu  treten ;  sie  wollten  sich  den  Götterglauben  und 
die  hergebrachte  Götterverehrung  um  der  Gewohnheit  willen 

-'")  S.  Hertzberg  II,  477.  Schmid  IV,  572,  21.  573.  Vgl.  Deor. 
conc.  12.  6. 


Lobeck,  Aglaoph.  S.  20  f.  38.  Vgl.  Friedlander  11,45.  111,437. 
2»°)  Schoemann,  Gr.  Altertümer  II,  395. 
M1)  Friedlander  III,  435  f.  497. 

EUissen  S.  792.  803.    Hertzberg  S.  484.  516. 


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Untersuchungen  über  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  655 

gefallen  lassen ae3).  Und  auch  die  Cyniker  entzogen  sich  dem 
nicht  (Cat.  22.  Vgl.  Hirzel  II,  191,  1)  m).  Es  stimmt  somit 
vollauf  mit  c.  11  Uberein,  wenn  es  nach  c.  34  geradezu  als 
Wagnis  (2x6Ap)oe!)  galt,  die  Athener  auf  die  Herkunft  der 
Eleusinien  und  den  damit  in  Widerspruch  stehenden  Ausschluß 
der  Barbaren  von  denselben  aufmerksam  zu  machen. 

Nehmen  wir  nun  hinzu,  daß  die  Anklage  nicht  von  den 
staatlichen  Behörden  ausging,  sondern,  wie  der  Vergleich  mit 
Sokrates  zeigt,  von  persönlichen  Feinden,  welche  nur  die  Reli- 
gion zum  Vorwand  nahmen,  daß  Demonax  bei  seiner  Tätigkeit 
sich  manche  zu  Feinden  machen  mußte  und  auch  wirklich 
gemacht  hat  (c.  11),  was  ist  dann  so  unwahrscheinlich  an  der 
Erzählung?  Was  vermag  nicht  Haß  und  Neid  alles  auszu- 
richten, wenn  sie  sich  auf  dem  religiösen  Gebiete  zeigen  ?  Zenon 
von  Sidon  konnte  sogar  die  Hinrichtung  des  Stoikers  Theoti- 
mus  oder  Diotimns  bewirken  nur  auf  Grund  der  Anschuldigung, 
daß  er  dem  Epikur  50  gottlose  Briefe  unterschoben  habe.  Und 
ist  nicht  Lucian  selbst,  der  Iup.  trag.  44  gerade  den  Kultus 
nicht  angreifen  läßt  und  Philops.  10  sich  gegen  den  Vorwurf 
des  Atheismus  wehrt,  ist  er  nicht  selbst  Alex.  45  das  schönste 
Beispiel  dafür,  wie  leicht  eine  fanatische  Menge  gegen  einen 
Freidenkenden  aufgebracht  werden  konnte,  so  daß  nur  das 
Eingreifen  eines  angesehenen  Mannes  den  Beschuldigten  vom 
Tode  erretten  kann?  Wenn  Lucian  sonst  durch  seine  Schriften 
sich  keine  Verfolgung  zugezogen  hat,  so  liegt  der  Grund  nicht 
etwa  darin,  daß  er  seine  Arbeiten  auf  einen  engen  Kreis  von 
Gleichgesinnten  beschrankt  hat  (Jenni  S.  14),  sondern  in  ihrem 
Charakter  selbst*65).  Man  muß  allerdings  gestehen,  daß  Stei- 
nigen und  Gesteinigtwerden  bei  Lucian  eine  gar  zu  große  Rolle 
spielt  (Per.  15.  19.  20.  Alex.  25.  45.  Anach.  39.  Pisc.  10  u.  a.), 
und  daß  die  rasche  Sinnesäuderung  des  Volkes,  wie  anderwärts 

Wilamowitz  S.  808 ff.;  Zeller  III,  2»  61,  2;  III,  1»,  437.  Vgl. 
Iup.  trag.  44. 

***)  Das  Nichtopfern  war  der  Hauptanklagepunkt  gegen  die  Christen. 
Dali  mit  ihnen  die  &ache  des  Demonax  irgendwie  in  Beziehung  gebracht 
worden  sei  (Fr.  II,  1,  195),  hat  in  der  Schrift  keinen  Anhaltspunkt, 
wenn  auch  Uebergänge  vom  Cynismus  zum  Christentum  stattfanden 

(Pereerinus).  Vgl.  Ellissen  876 ;  dagegen  Harnack,  R.  E.  der  prot  Theol. 
s.  v.  Lucian.  S.  661. 

*•>  Vgl.  Hirzel  II,  295.  Croieet  &  200.  Schmidt  S.  12. 


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656 


K.  Funk, 


(Nigr.  de  aalt.  Herrn,  u.  s.)  die  schnellen,,  auch  in  der  Ko- 
mödie üblichen  Bekehrungen  ganz  nach  seiner  Art  sind.  Wir 
haben  jedoch  dafür  in  einer  Nachricht  des  Philostratos  V.S. 
39,  2  ff.  einen  ähnlichen  Fall  verzeichnet.  Darnach  brachte 
der  Cyniker  Pankrates  die  aufständischen  Athener  mit 
einem  einzigen  Witzwort  zur  Vernunft  und  entriß  so 
einen  bedrohten  Brothändler  dem  sicheren  Tode  durch  Steini- 
gung"6). 

In  der  Hauptsache  dürfte  also  die  Erzählung  aufrecht 
erhalten  werden  können.  Immerhin  müssen  wir  bedenken,  daß 
der  Verfasser  auch  nach  seiner  Bekehrung  zur  Philosophie  ein 
Rhetor  geblieben  ist  (vgl.  Bacch.  und  Herc),  und  daß  die  nahe 
Verwandtschaft  der  litterarischen  Gattungen,  Biographie  und 
Enkomion,  es  mit  sich  bringt267),  wenn  er  dann  und  wann 
den  Mund  etwas  zu  voll  nimmt  und  einigemal  Dingen  größere 
Bedeutung  beilegt,  als  sie  an  und  für  sich  gehabt  haben.  Die 
sonstigen  Uebertreibungen  in  der  Polemik,  die  Annäherung 
des  Bildes  an  Diogenes  (vgl.  Diog.  L.  VI,  78  und  Zeller  II,  l2, 
153),  typisch  wiederkehrende  Züge  in  der  Zeichnung  der  Cy- 
niker268) machen  auch  in  der  Idealisierung  einige  Uebertrei- 
bungen wahrscheinlich  (vgl.  Planck  S.  827),  wie  in  c.  9.  10. 
63.  67. 

Diesen  Punkt  müssen  wir  bei  der  Beurteilung  des  Haupt- 
einwandes  gegen  die  Geschichtlichkeit  des  Demonax  ganz  be- 
sonders im  Auge  behalten.  'In  allen  Schriften  Lucians',  sagt 
man,  4die  von  Philosophie  oder  Philosophen  handeln,  von  Nigr. 
und  Herrn,  bis  zur  Apol.,  finde  sich  die  Erklärung,  daß  nie 
ein  Philosoph  den  Zustand  eines  perfekten  Weisen  errungen 
habe,  oder  daß  er  überhaupt  erreichbar  sei*  (Schwarz  S.  584; 
Wichmann  S.  848),  wenn  er  also  das  Leben  eines  solchen 
geschrieben  habe,  so  könne  die  Persönlichkeit  nur  eine  Fiktion 
sein.  Diese  Beweisführung  beruht  jedoch  auf  einer  Verkennung 

Vgl.  Dio  Chr.  XLVI,  9.  Aufstände  scheinen  in  Athen  nichts 
Seltenes  gewesen  zu  sein  (Plut.  Quaest  Symp.  XIII,  3),  nur  sind  wir 
darüber  schlecht  unterrichtet  (vgl.  Ellissen  S.  798). 

*")  Hirzel  II,  285.  Leo  S.  90  ff.  Bezeichnend  ist  darum,  daß  auch 
in  Xen.  Mem»  Unhistorisches  gefunden  wurde  (Schenkl  S.  80;  Hirzel 
I,  146). 

sw)  E.  Waßmannsdorf,  Luciani  scripta  ea,  quae  ad  Menippuru 
spectant,  inter  se  comparantur  et  diiudicantur.  Jenae  1874.  S.  19—22. 


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Unterauchangen  über  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  657 

der  philosophischen  Anschauungen  Lucians.  Der  Dialog  Herrn, 
endigt  nicht  mit  dem  vollsten  und  ausgesprochensten  Skepti- 
cismus,  wie  es  eigentlich  der  ganzen  Entwicklung  entsprechen 
würde  (vgl.  Croiset  S.  106—113).  Aus  der  Kritik  aller  Philo- 
sophenschulen (Herrn.  84)  folgt  nur,  daß  der  Satiriker  eine 
annehmbare  Lösung  des  Lebensratseis  auf  dem  Wege  theore- 
tischer Spekulation  für  unmöglich  hielt.  Deshalb  mußte  er 
konsequent  alle  Schulen  mit  dogmatischen  Systemen  als  un- 
brauchbar ausschließen.  Ein  solches  Hindernis  bot  aber  die 
cynische  Richtung  nicht;  daraus  erklärt  sich  seine  Sympathie 
für  dieselbe.  Freilich  eine  Stelle  steht  uns  im  Wege.  Im 
Schlußkapitel  (c.  15)  der  Apol.  meint  Lucian,  man  dürfe  von 
ihm  nicht  die  strenge  Konsequenz  verlangen,  die  er  sonst  von 
den  Philosophen  bezüglich  der  Uebereinstimmung  von 
Wort  und  Tat  gefordert  habe.  Er  sei  nur  einer  aus  dem 
großen  Haufen,  kein  00965,  und  skeptisch  fügt  er  bei  e?  5^ 
xc{  yuxl  äXko<;  &ort  Ttoo  aoqpos.  Bezeichnend  weist  er  für  die 
Beurteilung  seiner  Person  auf  seine  Rhetorentätigkeit 
hin,  die  ihm  einigen  Beifall  eingebracht  habe,  aber,  schließt 
er  bedeutungsvoll  an,  npb<;  t^jv  dcxpav  ixefvrjv  xöv  xopuqpafwv 
ÄpexTjv  oO  rcavu  Yeyo|ivaauivos  xai  fxdb  Af  006"  inl  igukü 
dvtäad'at  |iot  <25iov,  ort  |x  73  5  äXXtp  lyti)  yoöv  ivxexu- 
X>}xa  x*]v  xoö  aocpoö  u7c6axeotv  £  v  a  iz  X  v\  p  0  ö  v  x  t. 
Allein  was  folgt  daraus,  wenn  gleichwohl  Demonax  gelobt 
wird  als  das  Beispiel  eines  vortrefflichen  Charakters  und  eines 
wahrhaften  Weisen  (Dem.  1.  3)?  Hat  es  Lucian  mit  der 
Wahrheit  immer  so  genau  genommen,  wo  er  sich  entschuldigen 
muß?  Die  Angaben  über  das  Verlassen  des  Rhetorenberufes 
(Bis  acc.  32.  Rhet.  praec.  26),  die  Aeußerung  in  Pisc.  29—32, 
daß  er  immer  ein  Bewunderer  der  alten  Philosophen  gewesen 
sei,  sprechen  nicht  dafür.  In  letzterem  Falle  wird  mit  c.  23 
und  26  jedenfalls  auf  vorausgegangene  angreifende  Schriften 
hingewiesen,  und  das  war  nicht  nur  Vit.  auct.,  sondern  auch 
Dial.  morfc.  und  vielleicht  noch  Ic.  und  Nec.  269). 


Eine  nach  Pisc  stattgefundene  Redaktion  von  Vit  Auct.  wegen 
den  Widerspruch»  von  Vit.  Auct.  8.  9  und  10.  11,  die  auch  auf  Herrn. 
8—13.  52.  80 — 83  auagedehnt  werden  soll,  halte  ich  gegen  Boldermann 
S.  86  ff.  für  unwahrscheinlich. 


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658 


K.  Funk, 


Dürfen  wir  übrigens  diese  Stelle  pressen,  warum  nicht 
auch  die  anderen,  die  das  Gegenteil  davon  aussagen  und  weit 
zahlreicher  sind?    Ich  sehe  dabei  ab  von  Ic.  4 — 9,  wo  ohne 
Unterschied  der  Philosophen  einfach  gegen  alle  dogmatischen 
Systeme,  wie  überhaupt  gegen  die  iyxuxXia  uad^uaxcz  gekämpft 
wird,  ebenso  von  Bis  acc.  7.  8,  wo  noch  3  Klassen  von  Philo- 
sophen erscheinen,  einige  Schufte,  eine  große  Menge  Halb- 
philosophen und  der  Rest  solche,  bei  welchen  die  Philosophie 
wie  eine  gute  Farbe  bis  auf  den  Grund  gedrungen  ist  und 
alle  Schattierungen  ausgetilgt  hat.  Wichtig  ist  ein  Vergleich 
zwischen  Pisc.  und  Fug.  In  beiden  Schriften  wird  die  Existenz 
wahrer  Philosophen  zugegeben,  wenngleich  diese  nur  noch 
©Xfyoc  (Pisc.  30.  40.  42.  46.  47.  87)  und  sogar  7Mcvu  öXfys: 
(Pisc.  20.  Fng.  4.  24.  vgl.  Char.  21)  sind.   Aber  während  in 
Pisc.  der  Schauplatz  der  Handlung  noch  Athen  und  der  Areo- 
pag  ist,  wird  mit  Fug.  die  Scene  verlegt  und  der  Scenen- 
wechsel  eigens  begründet.    Auf  die  Frage  des  Hermes  an  die 
Philosophie:  rcotav  Sk  "/p^l  Tparciafrat,  a>  ^piXoooqpfa;  oi>  fi? 
o:a^a ,  Ötcgu  etotv.  r)  7cp66^Xov  öxt  £  v  xfl  TS  X  X  a  5 : ; 
erwidert  diese:  oü$au.ü>£,  7)  rcavu  öXtyoi,  öaot  dp&öc 
cpiXoaocpoöa t v,  a>  'Eppifj.  oötol  $k  otiolv  'AiTixfJg  itevta; 
6£ovtai,  dcXX'  Ivfta  710X05  XP^^  ^  Äp^upo;  opurceToct,  ixe 
7COU  fyivqzioi  eialv  ^ulv  (c.  24).    Sollte  diese  Aeußerung  nicht 
mit  Rücksicht  auf  die  Freunde  gemacht  sein,  die  Lucian  in- 
zwischen unter  den  athenischen  Philosophen  kennen  gelernt 
hatte870),  nicht  vor  allem  mit  Rücksicht  auf  einige  Cyniker, 
da  es  sich  ja  nur  um  diese  handelt  (c.  4.  16)?    Oder  sollt« 
wirklich  die  Steigerung,  die  er  in  Apol.  bis  zur  vollständigen 
Verneinung  fortführt,  überhaupt  je  einen  rechten  Philosophen 
getroffen  zu  haben,  von  größerem  Werte  sein,  wiewohl  er  in 
eigener  Angelegenheit  spricht?    Wie  wurde  doch  das  Wort 
dtowXcc  in  De  hist.  conscr.  41  mißverstanden  (vgl.  Croiset 
S.  249 ff.)! 

Endlich  wissen  wir,  daß  Menipp  jederzeit  seine  Sympathien 
in  besonderem  Maße  hat.  Warum  sollte  damals,  in  der  Zeit 
des  Wiedererwachens  des  Cynismus,  eine  Menipp  ähnliche  Er- 
scheinung unmöglich  gewesen  sein?    Macht  nicht  die  Wahl 

a7°)  S.  Fr.  zu  der  Stelle.   Bruns,  Rh.  M.  48,  184.    Croiset  S.  85. 


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Untersuchungen  über  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  659 

und  Neubelebung  der  Menippeischen  Litteraturgattung  durch 
l       Lucian  eine  derartige  Erscheinung  äußerst  wahrscheinlich? 
r        Daß  er  aber  Demonax  sonst  nicht  erwähnt,  hat  wohl  denselben 
Grund,  aus  dem  er  überhaupt  keinen  Lebenden  zum  Beweise 
seiner  Anschauungen  namentlich  anführt.    Ein  vernünftiger 
Grund,  an  der  historischen  Existenz  des  Demonax  zu  zweifeln, 
dürfte  also  nicht  bestehen.  Die  nähere  Betrachtung  der  Frag- 
i        mente  wird  das  noch  besser  zeigen. 

» 
j 

2.  Die  Fragmente. 

Große  Schwierigkeiten  bereitet  die  Aufgabe,  dem  Philo- 
sophen Demonax  aus  der  zerstreuten  und  äußerst  unsicheren 
Ueberlieferung  der  Florilegienlitteratur  heraus  sein  Eigentum 
wieder  zurückzugeben.  Es  stehen  uns  bis  jetzt  wenigstens 
genügende  Hilfsmittel  nicht  zu  Gebote,  namentlich  keine  kri- 
tische Ausgabe  des  sog.  Maximus,  der  wichtigsten  Quelle,  wie 
auch  des  Antonius.  Die  von  Wachsmuth  so  genannte  Melissa 
Augustana  ist  noch  unpubliciert,  und  von  den  zahllosen  klei- 
neren Florilegien,  die  in  griechischen  Handschriften  enthalten 
sind,  ist  bis  jetzt  erst  die  Minderzahl  veröffentlicht.  An  ein 
abschließendes  Urteil  ist  also  nicht  zu  denken.  Ich  beschränke 
mich  daher,  im  folgenden  das  Material  so  weit  möglich  zu 
bieten  und  die  Frage  nach  der  Echtheit  zu  entscheiden.  Ich 
halte  mich  an  die  von  Fr.  IH,  2,  XIV  ff.  eingeführte  Zählung. 

I.  0vt;toI  ye^öte;  pf)  <ppovetfr'  bnip  freo6$. 

Stob.  Flor.  22,  16:  III,  587,  2  (Hense).  Mit  dem  Lemma  Anjjwovax- 
-coc  SMA;  8>j{idvaxToc  MdFr.  p.  145  vgl.  Menand.  monost.  248  ({hnrjtic 
rcetf  uxcDg  {it)  cppov$t  Ö7csp&ea);  Boisson.  Anecd.  1, 155, 9  unter  den  Sprüchen 
Men anders  (8-vrjxöc  Yeyov&s  iv&pomog  u.tj  cfpövet  uiya). 

II.  K6Xa£e  xptvcov,  dXXa  p.7)  {rupoopevo?. 

Anton.  II,  58  p.  121, 44  (Migne  [M.]  186, 118,  8  D)  AYjuoxptoo  f Rib.J ; 
ArjjitovaxTog  (nach  Boisson.  I,  118,  11.  Anm.  5  im  Cod.  1168  p.  104) JJ1): 
Maxim.  19  p.  595,  2  (M.  91,  844  A).  Aijutivaxtoc  (anch  cod.  Neap.)  und 
nach  der  Anmerkung  bei  M.  andere  Arjuoxptt.;  Mel.  August  c.  34  n.  17. 
A7}u.<t>vaxiog;  Gnomol.  Georgid.  Boiss.  I,  118,  11  A>jjut)vaxTOg ;  Menand. 
monost.  576;  Barrocian.  n.  219  mit  Hinzufügung  der  Worte  Ttpaä-rnri, 
uäXXov  vor  xp{va»v  unter  den  Sprüchen  des  Demokrit,  Isokrates  und 
Epiktet  (Wachsmuth,  Stud.  S.  141);  Democrit.-Epict.  S.  206  n.  255 
(Wachsm.). 

*71)  Nach  Boisson.  steht  bei  Antoniaa  kein  Autorname. 

Philologus,  Supplomentband  X,  viert«!  Heft.  43 

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660  K.  Funk, 

III.  Ai}(i&va£  epwxij&ete  rc6xe  fjpjaxo  <ptXooo<petv  • 
Ytyvtl!)ax£tv,  S^ty  &|iaoxo0  ^p$ajir]v. 

Stob.  Flor.  21,  8  (III,  557,  15  H.)  A>)u<0vaxTOC  A1,  corr.  A*;  ohne 
Lemma  S.  Br.,  mit  Lemma  Aiju.ü>vdxxou  M.  A.  richtiger  Ayji.iüjvax'cos  Gaisf. 
und  Mein.  >»). 

IV.  'E5exa£övx<i>v  xivtöv,  et  6  xoqio?  e>t|>ux°£  afrfks,  et 
o^atpoet&fjs  •  öfiefg  Scprj,  rapfc  xoO  x6ajAou  7coXu7cpayfiovefT€,  Truf- 
te tij€  eaoTöv  dbcoaju'as  ou  <fpovx{£exe. 

Stob.  Ecl.  Pbys.  et  Eth.  II,  1,  11  (II,  5, 10  H  ).  Das  Lemma  haben 
EPL  im  Text  (fir^övaxTO^  EP),  Ai;uÖva£  ließ  EPL  aus,  fügte  aber  Heeren 
bei  (II,  5,  11);  Max.  21  p.  600,  36  (M.  853  B  ohne  neues  Lemma  nach 
Fr.  XXVII  AyjuövaxT.);  Anton.  II,  76  p.  143,  24  (M.  1192  B);  Demonactis 
(Rib.);  Arsen.  8.  191,4  (Walz)  Atjucdvoocto;. 

V.  Etat  Ttveg,  oi  töv  rcapdvxa  (xev  ß:ov  oft  £G>aiv,  dXXi 
7tapaoxeua£ovxai  noXX^  otiouS^,       exep6v  xtva  ßtov  ßtüxj6fie/c:, 

oO  xöv  rcap6vxa*  xal  4v  xoOxq)  7tapaXet7c6|JL€V0€  6  XP®V05  o?xexx:. 

Stob.  Flor.  16,  19  (=  16,  20.  III,  485,  4  H.).  Mit  dem  Lemma  'Av- 
•ciqpffivtog  S  (nach  16,  18  Mein  ),  M  (nach  16,  16  Mein.),  ohne  Lemma  A 
(nach  16,  16  Mein.),  Mac.  Chrys.  (nach  16,  15  Mein.);  kommt  auch  vor 
corp.  Par.  851  Elt.  toO  autoO,  d.  h  Arjudvaxxoc  ino^Wy^axa;  Max.  12, 
572  (M.  801  A)>7>)  Atjucovccxi  . . . 

VI.  O?  dtTiatöeuxot  xafraTiep  ol  äXtev>6|A€vot  ix&vzz  £Xxo|i*vs: 

Max.  17,  585  (M.  824  D)  Ar,ua>vaxT. ;  Arsenius  191,  3;  Joh.  Dam. 
Parall.  ex  cod.  MS  Flor.  IV,  226,  137  (Mein.  Appendix)  Aiguawxxxoc. 

VII.  Tac  jifcv  7t6Xet;  dcvadnfjjiaat,  x&£  5e  «I^X^C  jtafH^xai 
Set  xoajiEtv. 

Stob.  Flor.  II,  31,  53  (II,  210,  15—17  H.)  A>}u<DvaxToc,  T^ateu  xat 
Scoxpdxooc;  Ar^vcoao;  nur  in  L;  Flor.  Laur.  II,  18  p.  196,  13  (Mein.) 
At)iia>vaxToc,  'T^aCco  xal  Soxpdxoug;  Max.  17  p.  585,  89  (M.  824  O)  At,- 
uoxptou;  Anton.  I,  50  p.  56,23  (M.  936  A)  Democriti;  Mel.  Aug.  c  38 
n.  16  Aijjioxptou;  Democr.-Epict  8.  169  n.  18  (Wachem.)«74);  Pal.  181T4v. 
Bar.  21.   Mon.  17.   Leid  20.   Vgl.  Iambl.  protr.  c.  2  p.  20  KiessL 

VIII.  'H  xöv  Tiepioxaaewv  dvflcyxrj  xou;  piiv  cpfXoug  Scx^ia^:, 

xofcc  Se  ex^-pou^  eXeyxet. 

Anton.  I,  24  p.  29,  19  (M.  852  AI;  Max.  6  n.  192,  17;  Mel.  Aug.  c.  11 
n.  69;  Gnomica  Basil.  187  n.  265  und  Cod.  Voss.  n.  68  fol.  49*  n.  236 
unter  den  Epiktetgnomen;  Democr.-Epict.  S.  192,  n.  155  (Wachsm.): 
Apost.  XII,  87  b  ed.  Gott.  AnjutfvaxToc ;  Apostol.  VIII,  71  d  looxf«tot>5 

,7f)  Vgl.  0.  Hense  III,  S.  10,  50. 

"*)  Fr.  XVI  liest  dagegen  diese  Sentenz  bei  Anton.  S.  140  p.  222, 
48,  wo  sie  in  der  M. -Ausgabe  sich  dafür  nicht  findet. 

"*)  Vgl.  auch  Stob.  (Mein.)  IV,  268,  17  unter  den  Gnomen  mit 
Auswahl  aus  denen  des  Demokrit,  Epiktet  und  anderer  Philosophen. 

"•)  S.  17.  De  Gnomol.  Palat.  ined.  in  der  Satura  Sauppio  Herrn  an do 
oblata.  Berolini  1878  (vgl.  Orelli  I,  30,  91  unter  PythagoriiersprÜchen 
und  I,  122,  156  unter  ATjuoxptioo  Xsl4>ocva). 


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Untersuchungen  über  die  Lurianische  Vita  Demonactis.  661 

(vgl.  1,  25):  Boiss.  1, 182  nach  Cod.  Coisl.  249  KXsixdpxo»;  Pythag.  Syr. 
n.  32;  aos  einem  Vindob.  unter  den  griecb.  Pythagoräersprüchen  269 
n.  84  (H.  Schenkl,  Wien.  Stnd.  VIII,  1886);  ohne  Lemma  Georgid.  p.  42, 
15  (Boiss.  I)  und  zweimal  Boiss.  III,  470.  Pal.  115  (Wachsm.  8.  80); 
Par.  49;  vgl.  Hierocl.  in  carm.  aur.  p.  48,  11  Gaisf. 

IX.  *H  toxi>;  xoö  aütyaxos  ji*)  ysvio^ü)  tyuxf£  äaWveta, 
iax?)v  5£  ^uxfc  <pp<5v^otv  v6ni?e. 

Anton.  37  p.  38,  58  AYjjiövaxxos ;  Max.  2,  14;  Arsen,  p.  274  (W.; 
8,  42«  Gott);  Flor.  Lips.  II,  11  (Westermann  S.  15);  Cod.  Paris.  1168 
und  Coisl.  249  (Boiss.  I,  132,  5)  und  Paris.  1630  (Boiss.  I,  127  ff.  be- 
nutzt) KXstxdpxou;  Bodleian.  misc.  120  bei  Elter  8.  XL1I,  n.  101. 103"6), 
sx  xöv  KXstxdpxou  x.  x.  X. 

X.  Ev  dcXkoiploiQ  ~apaoetyjAaat  Ttatöeue  aeauxöv  xal  öMta{H)£ 

xd>v  xaxtöv  l(TQ. 

Anton.  S.  37  p.  39,  1  (M.  I,  10  p.  801  B)  Demonactis;  Max.  2,  15 
(M.  783  B)  AtjjMüvaxx. ;  Arsen,  ed.  Gott  7,  169;  Flor.  Lips.  p.  15  (West) 
xo3  aöxo'3  sc.  KXstTdpxoo. 

XI.  AI  jiiv  x^^öve;  eö&av  ^|ilv  7tpo<JTjna£vouaiv,  ol  bk  £x 
cpiXoaocpia;  X6yo:  aXurtfav. 

Anton.  170  p.  278,  10  (Gesn.)  Mooytovoc  dX.  A>)|id>vaxxoc;  Clitarchi 
Rib.  (M.  929  C);  Bibl.  Laurent,  plut  XI  cod.  14  =  Cod.  A  xoO  aöxoö 
d.  h.  Ar^tuvdxxoo  und  Bibl.  plut  VII  cod.  15  =  Cod.  B.  Aijiiawaxxoc, 
ebenso  Bibl.  Laur.  plut  VIII  cod.  29  =  Cod.  C  Aijueovaxxoc,  in  den 
beiden  ersten  Handschriften  des  Max.  geht  Fragment  XXII  voraus"7); 
Apostol.  ed.  Gott  I,  60*.  Arjjicovaxxo; ;  (Orelli  I,  8  n.  40  unter  Demo- 
philus  vgl.  Hadr.  Agd.  Cent  VII,  21)»'«). 

XII.  Toaoöxov  eli  äspexfy  rcpoafrfjaet;,  öaov  äv  6?£Xfl$  töv 

Flor.  Lips.  p.  12.  (West)  A>)|iü>vaxxoc;  Anton.  8.  1  p.  6,  19  (M.  796  A) 
ohne  Lemma,  voraus  geht  Demonactis. 

XIII.  Aiaxpöv  h  jifcv  dXXot;  deTCoSexeaÖ-ai  x«{  fltpexac,  h 
£auxoi;  S£  Ixetv  xa$  xax(a;. 

Anton.  S.  1  p.  6,  21  (M.  1  p.  7  =  796  A)  ohne  Lemma  folgt  auf 
Fr.  XII;  Flor.  Lips.  p.  12  xoO  cctkoQ  sc.  ATjiuovaxTOc. 

XIV.  Tous  xöv  au)jiixu)v  ^t|i€Xou|i£vou;,  £auxfi>v  51  djie- 
XoOvxa;  tbvetöi^ev  6;  xöv  '[iiv  o?xü>v  imjieXou^vou; ,  xtöv  5£ 
ivo(x(ov  «zjieXoOvxo^. 

**•)  Ant.  Elter,  Sexti  Pythagorici  sententiae  cum  appendicibus. 
P.  II.  Clitarchi  Epitome.  Bonnae  1892  (Index  lect).   Als  102  schiebt 
sich  der  echt  pythagoreische  8atz  dazwischen:  AtpoÖ  xfj  ^oxD  uÄXXov 
x$  owiwxt  loxösiv.   Vgl.  8chenkl,  Wien.  Stud.  VIII,  S.  271,45  (38  Stob. 
Flor.  VI  ss  1,  22).   Boiss.  I,  132. 

>")  Reinhold  Dressler,  Quaestiones  criticae  ad  Maximi  et  Antonii 
Gnomologias  spectantes.  Lips.  1869  S.  28  und  Schlußtabellen. 

"*)  Orelli  I,  200  ist  eine  andere  Seite  des  Gleichnisses  verzeichnet 
mit  dem  Lemma  Glykon:  Ka&dxsp  «£  x*^^vK  oovsx«!  x5J{  XaXiftc 
ttjv  ^Öovrjv  t?1c  6utXiag  drtoßdXXoooiv  •  oöxü)$  o!  dÖoXiox«  ox^1^0«1?  oov§x*lC 
iioio&usvoi  dijösTg  dno«pa(vovxat  xol«  dxpocouivoic. 

48* 


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662  K-  Funk, 

Anton.  S.  1  p.  6,  23  xoö  a&xoö  sc  Atjjuovoxxoc;  Max.  I,  49  (M-  728  D) 
Aijuo&vaxx.;  Flor.  Lips.  p.  12;  Argen,  p.  191  (W.). 

XV.  Ae£xvuaiv  i\  jiev  xpo7ri)  xfcv  xax'  dX^ä-ecav  ocvSpetov,  ^ 
5e  ötTuxta  xöv  9p6vtjiov. 

Anton.  S.  148  p.  288,  24  (M.  984  A)  voraus  geht  Demonacfcia ;  Max. 
18,  590  C  =  M.  833  B  ohne  Lemma  nach  Awtövctxx. 

XVI.  So^caxoö  xivoc  afotofievou  aüxiv  xai  Xeyovxos  *  5:a  x: 
{ie  xaxfi>£  Xeyets;  5xt       xaxa^pove?;,  Icpij,  xoö  xaxä>s  A^yovxo;. 

Anton.  I,  53  p.  79,  19  (M.  945  B)  Demonax;  Max.  10,  563  (M.  785  Bj 
ATjiMüvaxx.  Ttvöc  oo<pioxoÖ  .  . .  xöv  xaxäg  Wyona,  corr.  Orelli  Up.  146 
in  xoö  xaxe&g  X4yovtoC' 

XVII.  Toli;  &al  rcXeov  r)  Tg  yXo)xtq  xpö. 

Anton.  8.  95  p.  156,  54;  Max.  47  p.  647  (M.  940  C)  Ar^idvaxxoc. 

XVIII.  'EXaaato  xaxi  rcaa/ouatv  ol  ävd-peöirot  bizb  xöv 
exftptöv  t)  ötcö  xöv  cpftwv  xoi>£  jxiv  yap  exö-poü;  5e5c6x£* 
X^aaovxai,  xoi;  Sfc  <p£Xots  dvfitpffiivoc  £&ri  xat  ytyvovxat  acpaXeps: 

Xa!  8l>£7Clßo6X€UXOC. 

Anton.  S.  137  p.  217,  19  (M.  853  B)  Demonactis;  Arsen,  ed.  Gott. 
7,  7»;  Arsen,  p.  191  (W.). 

XIX.  MuuxVjpiov  ev  tpiXfo  dcxouaaj  öaxepov  Ix&pbz  yevcjisvc: 
fjtfj  exqpfjV^c  dStxei;  ycfcp  ou  xöv  ex^pov,  £XXa  xtjv  cptXtav. 

Anton.  137  p.  217,  24  (M.  853  B)  ohne  Lemma  nach  Fr.  XVIII; 
Max.  c.  6  Rib.;  Armen,  p.  19  Sexti;  Exc.  Vindob.  46  bei  Mein.  Stob.  IV 
p.  293  und  Boiss.  I,  125  haben  kein  Lemma,  es  geht  aber  ein  Aussprach 
des  Sextus  voraus'70). 

XX.  M3j  xxfjaat  <p£Xov,  tj>  \Lr\  rcavxa  moxeuet;. 

Anton.  S.  137  p.  217.  27  (M.  858  B)  ohne  Lemma  nach  Fr.  XVIII 
und  XIX;  Max.  6  p.  550  (M.  761  C)  Zdgx. 

XXI.  A£xtti)|iivou  xivb;  xöv  £xa(pü>v  aOxöv  xai  ^aavx&c* 
oOx  eXP^jv  ae  x$  £x^P$  ^ou  9&ov  efvar  ae  |a£v  ouv,  §cp»jt  oux 
expfjv  xö  cpi'Xq)  jiou  £X$pöv  e^vat» 

Flor.  Lips.  cap.  VI,  15  =  p.  4  West.  Aqucbvaxxog;  Arsen,  p.  191  (W.). 

XXII.  eO  X6yo$  wairep  Tdaaxijc  ctyalrös  xaXdv  Tg  ^uxt 
repixiftrja:  ax^a. 

Anton.  170  p.  278,  19.  Aijiiwvaxxoc ;  Max.  15  p.  579  (M.  813  D)  Arr 
(iobvaxT.,  in  den  Handschriften  D  =  ed.  Combef.,  B,  A,  Ribit.  s.  Gesn. 
Cod.*»«);  Stob.  Flor.  81,  13  (III,  III,  13  Mein.)  xoö  aöxoö  d.  h.  Zwxpd. 
xoug  (Orelli  I,  4  n.  5  unter  Demophilus). 

XXIII.  IIXoöxo«  <*tcö  xaxffc  epyaatas  yevojievo;  imcpaveaxepov 
övei5o£  xexxyjxat. 


*")  Gildemeister,  Sexti  Sententiarum  recensiones  Lat.  Gr.  Syr.  Bonn 
1873.   S.  XLIX,  5. 

*80)  Dressler  S.  28  und  Schlußtabellen. 


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Untersuchungen  aber  die  Lucianiscbe  Vita  Demonactis.  668 

Anton.  41  p.  64,  19  (M.  900  C)  Democriti  (al.  Demonactis  nur  bei 
Gesn);  Anton.  31  (M.  885  A)  Chilonis;  Max.  22  p.  602  (M.  856  C)  Aij- 
noxpix.;  Stob.  Flor.  10,  37;  92,  15  ATjuoxptou  (Mein.  I,  236  und  III,  181); 
10,  86  (H.  III,  417,  l)m). 

XXIV.  XpT^axa  rcop^eiv  jifcv  oöx  typtiov,  1%  fltötxty;  $k 
7tavxu)v  xaxtov. 

Anton.  41  p.  64,  21  (M.  900  C)  Democriti;  Anton.  78  p.  37,  11  (M. 
877  D)  Thespidae;  Stob.  Flor.  94,  25  xo0  athoö  d.  h.  Aiju^xpitoo  (Mein. 
III,  196,  13);  Max.  22  p.  602,  12  (M.  856  C)  Awoxptou ;  Demoer.  48 
(Orelli  I,  85);  Gnomica  Basil.  p.  166  n.  170  und  Gnom.  Voss.  n.  68 
fol.  42r,  vorausgehend  6  ocöxög  [At)|iöxptToc];  Mel.  Aug.  c.  10  n.  2  Ay)u.o- 
xptxoo;  Democrit  —  Epict.  S.  198  n.  197  (Wachsm.);  Palat.  148  (Wachsin. 
S.  35);  Baroc.  117. 

XXV.  Ouxe  oi  äjioucjo'.  tot;  dpyavot;  oöxe  ol  drcatöeuxot 
xa£;  xux^S  Suvavxai  auvaptidoao^ac. 

Max.  18  p.  590  (M.  838  A)  Arjurivaxxo«  und  Anton.  I,  70  (M.  984  A) 
Demonactis  *•*). 

Zu  diesen  von  Fr.  namhaft  gemachten  Fragmenten  kommen 
noch  folgende  6  Gnomen,  yon  denen  Wachsmuth,  Stud.  S.  130 
eine,  Thimme  S.  47.  50  fünf  für  Demonax  in  Anspruch  nehmen. 

XXVI.  Ol  dy^pamot  xa^ou;  |i£v  xaxaaxeua£ct>ai  xal  ivxa^pta 
wanep  ji£XXovxe;  aOxorc  xp^aaa^at '  Ä^oßtav  ö£  xa!  dXuraav  x$)v 
nepl  xoö  fravflcxou,  J  XP^aovxat>  °^  rcapaaxeua^ovxai. 

Mel.  August,  nach  Wachsm.  Stud.  S.  130  AquoivaxToc ;  Max.  28 
p.  614,  9  (M.  677  D)  XopixX  Dieses  Lemma  ist  offenbar  unrichtig,  wie 
die  Reihenfolge  Leucippae,  Characl.  (sie!),  Moschion,  Demonax 
(XXIX),  Charicl.  (XXV  f.)  zeigt,  indem  das  Charicl.  herabgerutscht 
ist,  wie  es  so  häufig  geschieht. 

XXVII.  "Evtot  7c6Xeu)v  uiv  8ea7to£ouai,  ywauft,  Ii  SouXfiOoocxiv. 
Max.  3  p.  589  (M.  744  A)  ATjuu>vax<c. 

XXVIII.  'O  auxö?  (Aijfiöva?)  ipwx^ö-et'c,  xf;  auioö  5iSaa- 
xaXos  Yeyova);  etyj,  To  xöv  'Afrrjvai'cov,  £?7j,  ßfj{ia,  in^afvwv,  5xt 
^  5ta  xwv  Tupayjidcxtov  IfiTtetpta  xpetxxwv  TCaarj;  ao<ptaxixffc  5t- 

SaaxaXi'a?  iaxtv. 

Max.  17  p.  587,  32  (M.  828  D)  ArjjMÖvaxxoc ;  Stob.  Flor.  29,  91  (II, 
18  Mein.)  Amddooc  als  Lemma  und  im  Text188),  ebenso  Joann.  Damasc. 
Exc.  Flor.  II,  13,  157  (IV,  228  Mein.)  und  Arsen,  p.  190,  29  ff.  (W.), 
mit  dem  Lemma  Demadis  auch  in  Codd.  Vat.  Qr.  741  und  385.  Vgl. 
außerdem  Philodem,  zepl  (5n}Topix?)c  Ö7w>uvt;u.a'cixdv  Hercul.  Vol.  Collect, 
alt  vol.  III,  1864  —  fol.  14  Col.  V.  A^uäÖyjv  4(y)ov(xa)  tovc  kavtfy  iwxpo- 
ßiXXaiv  s&iXovrag  t*l  ÖtÖdoxaXov,  toOt'  2ouv  td(v)  8i)u(o)v;  Gnomol.  ined. 

M1)  Mit  dem  Lemma  Ar^uoxpitou  steht  die  Sentenz  SMA;  At^ao;  hat 
wie  gewöhnlich  S.   Vgl.  Corp.  Par.  194.  Elt.  ArjjioxpJtoo  Yvü>p.ctt. 

M2)  Fr.  äußert  im  Anschluß  an  fr.  XV  Ober  die  Zugehörigkeit 
(Moschion  oder  Demonax?)  Zweifel.    Vgl.  Thimme  S.  49. 

"*)  Nach  III,  655,  6  H.  ohne  Lemma  in  S.  Hr.,  mit  dem  Lemma 
AtjiiocSt,;  (sie !)  M.  A.  Er  vermutet,  daß  dieses  Apophthegma  aus  den 
Chrien  des  Aristoteles  genommen  sei,  wie  das  vorangehende. 


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664  K.  Funk, 

Vatic.  (Sternbach,  Wien.  Stud.  X,  220)  n.  280  <5  afttoc  d.  h.  Avjpos*«- 
W]CM4),  mit  n.  233  folgt  aber  das  Lemma  ATj{idör)£;  ohne  Lemma  aas 
einem  Cod.  Bodleian.  Clark.  11  f.  63  Cramer,  Anecd.  Oxon.  vol.  IT 
p.  253,  22  ff. 

XXIX.  TftaJvwv  voaef  tcä;  rceptepyo;  6  xa  iXk6zpia  7roX*j- 
Tcpocyjiovöv. 

Max.  21  p.  600,  15  (M.  583  A)  Atju^vocxt;  es  schließt  sich  daran 
ohne  neues  Lemma  fr.  IV;  Anton.  II,  76,  5  (M.  1192  B)  Euclidis. 
worauf  fr.  IV  folgt  mit  dem  Lemma  Demonactis;  Boiss.  I,  137  Cheilon: 
Floril.  "Apiotov  xal  npö-cov  ndtojua  (H.  Schenkl,  Wien.  Stud.  XI  (1889> 
ljff.  S.  35  n.  127  nach  I  (Pal.  64  Vind.»  64),  H  (Bar.  104.  Nan.  103  t, 
III  Chelt  835  Vat.1  286.  Vat.«  288);  Ap.  Par.  198  2mal;  Mel.  Bar.  X,  5; 
Flor.  Vind.  46.  Vgl.  Menandri  Mon.  703;  Vita  Aesopi  ed.  Westermann 
p.  29,  6 ff.;  Orelli  I,  235  (Secundus). 

XXX.  Ae:  öa7cep  cpopiiov  t*)v  Xutttjv  flcva{H|*evov  |atj  ozi- 
vovta  ^epfitv. 

=  Max.  28  p.  614  (M.  877  C)  Ay)jiti>vaxToC. 

XXXI.  Toi;  'AaxXerciaSats  jiet^tov  ö(f efXeiat  x<*pi£  inepxopi- 
vtjv  dvaariXXouat  vöaov  r)  TtaparaaoOaav  Tcaoxetv  aipexcoTepov. 

Max.  50  p.  652  (M.  849  A)  ArltiövaxxoS ;  Anton.  I,  56  (M.  953  A) 
Demadis. 

Wo  außerdem  noch  der  Name  des  Demonax  in  der  Flori- 
legienlitteratur  erscheint,  liegen  offenbar  Verschreibungen  oder 
Verwechslungen  vor  286). 

Nach  dem  im  vorangehenden  gekennzeichneten  Stande 
der  Ueberlieferung  müssen  von  den  Fragmenten  von  vornherein 
als  unecht  ausgeschieden  werden  VIII.  IX.  XIX.  XXIII.  XXIV. 
XXVIII.  XXIX.    Dagegen  sind  wohl  als  echt  anzuerkennen: 

in.  iv.  vi.  x.  xn-xvm.  xxi.  xxv.  xxvi.  xxvii? 

**4)  Das  Gnomol.  Vat.  läßt  die  Worte  von  i|i?ot{va>v  bis  Schluß  weg. 

m)  'Ev  sÖTt>x*<?  qpßov  eöpatv  au7ropwxatov,  ev  de  Öu<rct>xf<x  «avtcov  dno- 
fKoxaxov  =  Max.  6  p.  192,  15  Rib.  (ex  dictis  et  sententiis  Epicteti,  Iso- 
cratis  et  Demonactis)  =  Cod.  Gesa.,  Mel.  Aug.  c  11  n.  68  (ex  ?ö> 
'EmxT^xou,  looxpdtouc  xal  ATjucDvdxTou) ;  Anton.  I,  24  p.  29,  18  (M.  852 
A).  Democrat.  72.  Pal.  113  (Wachamuth  S.  30).  Mon.  69.  Leid.  68.  Aber 
schon  die  Verbindung  dieser  Sentenz  mit  fr.  VIII  bei  Anton.,  Gnomol. 
Basil.  p.  178  n.  265  und  Gnom.  Voss.  n.  68  fol.  40'  n.  236)  zeigt,  daß 
Wachamuth  sie  mit  Recht  für  sein  Gnom.  Democrit  —  Epicteteum  in 
Anspruch  genommen  hat  (S.  191).  Dieaelbe  Verschreibung  liegt  vor 
bei  Max.  S  17  p.  586  (M.  825  C),  wo  nach  Ribit.  3  Aussprache  auch 
unter  den  Lemmaten  Demonactis,  Iaocratis  et  Epicteti  laufen.  Ebenso 
trägt  bei  Apostel.  XVIII,  41d  (Schneidewin  729,  16)  fälschlicherweise 
der  Ausspruch  Xpdvog  de  ytuyivü  oe  p.irj8e  eti;  dpyö?  die  Unterschrift  Arr 
jicüvaxxoc,  vgl.  dagegen  Arsen.  LIV,  37  :  Stob.  Flor.  29,  42;  Hippon  fr. 
20  (Bergk).  Das  Gleiche  gilt  von  der  Gnoma  bei  Anton.  7  (M.  796  A): 
etatt  daß  das  Lemma  Isocratia  noch  fortwirkt,  ist  das  f.  Demonactis 
(=  fr.  XII  und  XIII)  heraufgenommen.  Sie  lautet:  BouXou  txc  rfc 
dpsrSJc  elxövag  ÖTCo^ivr^axa  p&XXov  \  xoö  ow^axoc  xaxaXmetv  =  Isoer.  sj 
Nicocl.  36.  Xen.  Ages.  11,  7  (vgl.  Tac.  Agric.  46). 


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Untersuchungen  Ober  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  665 


XXX.  Inhaltlich  stimmen  diese  echten  Fragmente  zn  den  An- 
schauungen des  Demonax  in  unserer  Schrift,  wie  dies  bereits 
Fr.  im  einzelnen  ausgeführt  hat.  Eine  besonders  auffallende 
Ueberein8timmung  findet  sich  aber  nicht;  es  spiegelt  sich  in 
den  Aussprüchen  nur  die  allgemein  cynische  Weltanschauung, 
so  daß  die  handschriftliche  Ueberlieferung  der  Lemmata  doch 
den  Hauptausschlag  geben  muß.  Ich  möchte  deshalb  nicht 
mit  Thimme  wegen  der  Aehnlichkeit  des  Namens  und  des 
Inhalts  eine  Gnome  dem  Demonax  zueignen,  welche  das 
Lemma  Aijfioxpatou;  trägt 286) ;  ich  glaube,  daß  eher  hieher  zu 
ziehen  ist  das  im  Inhalt  gleiche  fr.  II,  weil  es  fast  allgemein, 
wie  fr.  I  unter  des  Demonax  Namen  läuft.  Seine  Fassung 
in  einem  jambischen  Senar  mag  befremden.  Aber  bei  der 
Vorliebe  des  Demonax  für  die  Dichter  ist  die  Herkunft  dieser 
Verse  von  ihm  nicht  ganz  unmöglich,  und  da  zudem  Photius 
als  Quelle  des  Stobäus  nur  einen  Philosophen  Demonax 
kennt  287),  so  wird  man  doch  eher  diesen  als  den  Urheber 
bezeichnen,  denn  einen  Tragiker  gleichen  Namens  erfinden  288). 
Das  gilt  auch  von  Fragment  I. 

Mehr  oder  weniger  zweifelhaft  bleiben  trotz  der  inhalt- 
lichen Anklänge  289 )  die  Nummern  V.  VIL  XL  XX.  XXII. 

XXXI.  Neue  Veröffentlichungen  auf  diesem  Gebiete  werden 
nicht  bloß  eine  Entscheidung  ermöglichen,  sondern  überhaupt 
noch  größere  Sicherheit  im  Urteil  und  nicht  unwahrschein- 


"*)  Vgl.  Thimme  S.  50  ff.  Die  Gnome  lautet:  KöXa£s  *PT^C 
xöv  Ä|xapxdvovTa,  XTjÖeuovixijv  vou&ingoiv,  dXXä  SxuJKxijv  ijicpaCvtov  tojic- 
TTgta  =  Georgid.  cod.  Laar.  fol.  61r  Atjiioxpdxouc.  Bar.  229.  Pal.  157 
(Wachsm.,  De  Gnom.  Pal.  S.  36);  Democrit.  Epictet.  8.  206  n.  258 
(Wachsni.).  Der  echt  cynische  Ausdruck  vou&sxetv  (Diog.  L.  VI,  33) 
findet  sich  auch  in  der  Vita  nicht. 

»')  Cod.  167  (S.  114  B.)  vgl.  A.  Elter,  Photii  Pinacograph.  8.  42; 
Flor.  Stob.  III,  587,  2  H. 

*»)  Nauck,  Trag,  fragm.  Lips.  1856  8.  643.  Vgl  Wachsm.  Stud. 
S.  130;  ebenso  urteilte  Mein.,  Hist.  crit.  p.  525,  änderte  aber  seine 
Ansicht  Stob.  Flor.  IV  p.  LXI,  wie  Fr.  II,  1,  188  gegenüber  III,  2,  XV. 

nv)  So  entspricht  fr.  II  (vgl.  oben  Anm.  286)  genau :  Ileipö  «tiO-ol  xal 
\6yy  uäXXov  ^  dpYt  T*  *)uapx7)ti4va  Äiopd-oOod^at  =  Georgid.  p.  75,  9  (Boisa.) 
XapcxXsfac;  Bar.  228;  Mon.  98;  Leid.  94.  Pal.  158  (Wachsm.  S.  36);  De- 
mocrit. —  Epict.  S.  206  n.  259  (Wachsm.).  Inhaltlich  paßt  es  genau 
zu  Dem.  7  und  10.  Mit  Dem.  11  stimmt  nicht  weniger  zusammen: 
Et  Ti£  xiu^  xdv  3-söv  d>c  npoaöeojisvov,  oÖxog  XsX?)d«v  £ot»jx6v  8ogd£a>v  xoö 
&«o8  slvou.  vgl.  Wachsm.,  Stud.  S.  167  n.  8.  Andere  Beispiele  ließen 
sich  noch  mehr  aufführen. 


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666  K.  Funk, 

lieh  auch   eine  Bereicherung   an  Fragmenten wo)  bringen. 

Für  unseren  Zweck  aber  genügen  die  als  echt  zu  bezeich- 
nenden Aussprüche  vollauf,  um  jeden  Zweifel  an  der  histori- 
schen Existenz  des  Demonax  zu  heben.  Freilich  ist  die  Iden- 
tität unseres  Demonax  mit  dem  der  Florilegien  nicht  dadurch 
unzweideutig  festgelegt,  daß  etwa  der  eine  oder  andere  Aus- 
spruch unserer  Schrift  in  irgend  einem  Gnomologium  unter 
seinem  Namen  sich  findet,  oder  daß  wir  wenigstens  im  allge- 
meinen über  die  Existenz  noch  weiterer  Schriften  über  Demonax 
unterrichtet  wären.  Aber  es  dürfte  der  obige  Schluß  trotzdem 
nicht  zu  weit  gehen,  da  ja  der  einzige  bedeutende  Trager  des 
Namens  Demonax  aus  der  cvnischen  Schule  —  und  einer: 
solchen  müssen  wir  nach  Eunapius  und  den  Florilegien  voraus- 
setzen —  eben  nur  der  durch  Lucian  bekannte  ist. 

Dieser  Schluß  wird  dadurch  nicht  mehr  erschüttert,  daß 
der  Kaiser  Julian  in  einem  Trostbrief  an  Amerius  dieselbe 
Anekdote,  welche  Lucian  in  c.  25  von  Demonax  berichtet,  auf 
Demokrit  von  Abdera  zurückführt291).  Denn  die  ganze  Ge- 
staltung der  Anekdote  bei  Julian  schließt  zum  mindesten  die 
direkte  Benützung  unserer  Schrift  aus.  So  sehr  die  Namen 
aneinander  anklingen  und  sonst  gegenseitig  verwechselt  sind, 
wir  müssen  annehmen,  daß  dieselbe  Erzählung  entweder  ebenso 
aus  dem  Leben  des  Demokrit  überliefert  war,  oder  daß  Julian 
oder  ein  anderer  die  Umprägung  aus  dem  doch  etwas  unbe- 
kannten Kreise  in  bekanntere  Verhältnisse  vorgenommen  hat 

Was  endlich  die  Frage  nach  der  Quelle  unserer  Fragmente 


M0)  Dressier  S.  36  spricht  yon  dem  Vorkommen  des  Lemma  De- 
monax im  Cod.  Monac.  429  c.  11  icspl  qptXwv;  H.  Schenk  1,  Die  epikteti* 
sehen  Fragmente  in  den  Sitzgsber.  d.  Wien.  Akad.  (1888)  115,  468  er- 
wähnt, daß  im  Cod.  Paris.  1168  sich  13  Gnomen  mit  dem  Lemma 
ATjiiövccxToc  finden  und  daran  anschließend  Apophthegmata,  von  denen 
5  und  6  sicher  Demonax  gehören.  S.  500  sagt  er  indessen,  daß  dem 
Kompilator  des  Max.  nur  die  hier  enthaltenen  Stücke  bekannt  waren. 

»»)  Epist.  86  (S.  533  Hertlein):  *oot  y&P  ATj|iöxp«ov  t6v  'Aß&ipfajv, 
iiutWj  Aaps(<p  yuvouxö^  xaA%  dXfoOvxi  Mvotxov  oöx  t?x*v,  &?t  &v  slmuv 
sl{  tMtpocuu&Cav  dpxiostsv,  &itoax*o#-ai  ol  ttjv  dneXtoöoav  etc  t6  d  v  d- 
geiv...,  (idvou  Äs  svi$  rcpooödotto  .  .  .,  sl  xptöv  drcsv&^Tov 
ö  v  6  n  a  t  a  x$  x&ytp  T?)g  Yuvatx^C  intypd^sisv  .  . .,  dtcopp^oavto;  9s 
toO  Aapstoo  xai  prßivct  dpa  fiuvYjdivcoc  s&psZv  .  .  .  Y»Xdoavxa  ownfrdtog  xöv 
AY]|iöxptxov  slnstv  •  Tt  o5v,  <t>  ndvxa)v  dxorooxaxs,  $pifjvetc  dvttvjv,  <5>g  u.  6  v  o  $ 
dXywfy  xoooötq»  oujiJiAaxsis,  öjaijÖs  Iva  te&v  judkots  yr(Ov6mtiv  4  |i  0 1- 
p  0  v  otxsiou  itd^ooc  Jxo)v  söpstv. 


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Untersuchungen  über  die  Lucianische  Vita  Demonactis.  667 

angeht,  so  läßt  sich  darüber  in  einigen  Punkten  nur  etwas 
Negatives  sagen.  Unhaltbar  ist  die  Ansicht,  daß  sie  aus  der 
Lucianischen  Biographie  des  Demonax  genommen  seien.  Aber 
auch  daran  wird  man  nicht  denken  können,  daß  sie  aus  irgend 
einem  philosophischen  Werke  des  Demonax  selbst  stammen 
(Thinime  S.  51).  Weder  dem  Stobäus,  noch  dem  Eunapius 
ist  er  als  Schriftsteller  bekannt,  und  in  unserer  Vita  Demo- 
nactis tritt  nirgends  ein  deutlicher  Hinweis  auf  eine  schrift- 
stellerische Tätigkeit  hervor.  Die  Worte,  die  man  darauf  be- 
ziehen wollte 29a),  sind  zu  allgemein  und  weisen  nach  dem 
ganzen  Zusammenhang  (vgl.  bes.  c.  3)  auf  seinen  Nachruhm 
aus  der  praktischen  Tätigkeit  hin.  Sie  ist  es  ja  und  nur  sie, 
welche  Lucian  mit  allem  Nachdruck  betont  und  überall  den 
schönsten  und  wohlgesetztesten  Reden  und  Schriften  vorzieht. 
Sie  ist  es,  auf  die  in  der  wirklichen  Parallele  zu  unserer  Stelle 
Dial.  mort.  XXIV,  3  der  Ruhm  des  Diogenes  einzig  und  allein 
begründet  wird,  indem  er  den  Worten  X6yov  zo%  <xp£orot£  rapi 
auioö  xaiaXiXotTrev  hinzufügt  dvSpöc  ßCov  ßeßttöxcbs  o^Xöiepov 
xoö  ooö  u.vVj[iaTO(  xai  h  ßeßaioxipcp  X^P'tp  xaxeax€oaa|i£vov. 
Wir  werden  also  überhaupt  davon  absehen  müssen,  daß  De- 
.  monax  als  Schriftsteller  gewirkt  hat  Er  hätte  sich  damit  in 
Gegensatz  gestellt  zu  der  Anschauung  der  hervorragendsten 
Cyniker  und  besonders  zu  denen  der  damaligen  Zeit.  Wie 
nämlich  schon  Diogenes  nicht  durch  Schriften,  sondern  durch 
das  lebendige  Wort  der  Rede  wirken  wollte  a93)1  so  wurde  jetzt 
in  den  Kreisen  der  Popularphilosophen  die  Enthaltung  von 
schriftstellerischer  Tätigkeit  geradezu  Grundsatz.  Sei  es,  daß 
Ruhmsucht  darin  gesehen  wurde,  oder  daß  das  Vorbild  des 
Sokrates,  der  Pythagoräer  und  anderer  älterer  Philosophen  ein- 
wirkte, oder  daß  es  einfach  die  Stellung  zu  den  Sophisten  mit 
sich  brachte,  denen  Schreiben  und  Reden  alles  galt,  Musonius 
hat  uns  nichts  Schriftliches  hinterlassen,  und  seinem  Beispiele 


*")  Thinime  S.  52  bezog  darauf  sxd>v  &i;f)X&e  xoö  ßtou  noXuv  ö««p 
aötoO  X<$yov#toIc  dptaroic  xöv  'EXX^vwv  xaiaXmoDV  c.  4.  Daß  dptoxot  = 
icenaidtupivoi  zu  nehmen  ist,  kann  nicht  bezweifelt  werden.  Vgl.  Som. 
c.  12  und  Alex.  2;  aber  daran»  fol^fc  nicht,  daß  er  nur  durch  schrift- 
stellerische Tätigkeit  bei  ihnen  zu  Ansehen  kommen  konnte. 

*•»)  Diog.  L.  VI,  48:  Über  seine  Schriften  s.  Dümmler,  Antisthenika 
S.  64ff. 


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668  K.  Punk, 

folgten  Epiktet  und  Rustikus  m).  Dieses  selbe  Princip  dürfen 
wir  gewiß  auch  für  Demonax,  den  neuen  Sokrates  und  ge- 
schworenen Feind  der  Sophisten ,  wirksam  sein  lassen.  Die 
abgerundeten  Sentenzen,  deren  jede  für  sich  allein  verständlich 
ist,  und  die  Apophthegmata  lassen  auch  kaum  vermuten,  daß 
sie  sämtlich  als  wörtliche  Citate  einem  größeren  philosophischen 
Werke  entnommen  sind.  Nach  Form  und  Inhalt  weisen  Bie 
vielmehr  auf  eine  der  zahlreichen  Gnomensammlungen  oder 
eine  unserer  Vita  ähnliche  Schrift  als  ihre  Quelle  hin  (vgl. 
Leo  S.  50). 


Schluss. 

Nach  den  gewonnenen  Ergebnissen  läßt  sich  der  Zweck 
unserer  Schrift  unschwer  bestimmen.  Zurückzuweisen,  min- 
destens in  dieser  Einseitigkeit,  ist  die  Ansicht  von  Schwarz 
(S.  582  ff.),  als  habe  Lucian  mit  der  fraglichen  Vita  den  Cy- 
nikern  nur  das  Idealbild  eines  Philosophen  ihrer  Sekte  zeichnen 
wollen;  denn  dazu  wäre  ein  Eklektiker  doch  nicht  besonders 
geeignet  gewesen  (vgl.  Thimme  S.  41  ff.).  Da  für  uns  die 
historische  Existenz  des  Demonax  feststeht,  so  tritt  natür- 
lich der  historische  Zweck  in  den  Vordergrund  (vgl.  c.  2).  Wir 
haben  in  der  Schrift  eine  wirkliche  Biographie  vor  uns,  das 
Erzählte  ist  in  der  Hauptsache  Geschichte  im  eigentlichen 
Sinn.  Nur  müssen  wir  die  Vita  messen  nach  der  antiken  Be- 
deutung des  Wortes  Geschichte m),  und  sodann  die  Einschrän- 
kungen anbringen,  die  wir  oben  schon  gemacht  haben,  ohne 
daß  wir  deshalb  die  Schrift  mehr  zu  rhetorischen  Zwecken 
geschrieben  sein  lassen  (Hermann  S.  220). 

Eine  gewisse  Idealisierung  war  ja  von  selbst  gegeben 

»*)  Vgl.  Hirzel  II,  298  ff.  244,  2  und  R.  Asmus,  Quaestiones  Epic- 
teteae.   Freiburg  1888.   8.  26  ff. 

»w)  Quint.  4, 19.  Vgl.  Hirzel  II,  146  ff;  K.  Fr.  Hermann,  Ge«.  Abh. 
und  Beitr.  S.  218. 


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Untersuchungen  über  die  Lucianiache  Vita  Demonactis.  669 


durch  einen  weiteren  Zweck  didaktisch-paränetischer  Natur. 
Es  spricht  nämlich  in  dem  von  uns  als  echt  erfundenen  c.  2 
der  Verfasser  eigens  die  Absicht  aus,  zugleich  der  edleren, 
nach  wahrer  Weisheit  strebenden  Jugend  aus  der  Gegenwart 
das  Bild  eines  echten  Philosophen  darzustellen,  eines  solchen, 
der  sogar  die  großen,  alten  Musterphilosophen  zu  ersetzen 
vermöge. 

Aber  wie  eigentümlich ,  wie  befremdend  mutet  uns  die 
Art  an,  mit  welcher  der  Satiriker  seine  Absicht  ausführt?  Wir 
wissen  zwar  aus  Lucian  selbst  (Anach.  21),  daß  Aussprüche 
weiser  Männer,  fruchtbare  Gedanken  und  die  Taten  des  Alter- 
tums in  den  Rhetoren-  und  Philosophenschulen  behandelt 
worden  sind,  und  daß  dies  oft  auch  in  Verse  gekleidet  den 
jungen  Leuten  zum  Auswendiglernen  gegeben  wurde2*8),  allein 
wir  müssen  uns  wundern,  daß  so  wenig  ernste  und  ethische 
Vorschriften  und  Kernsprüche  in  der  Schrift  geboten  werden. 
Gewiß  verrät  es  den  alten  Satiriker,  wenn  trotz  des  angekün- 
digten Zweckes  sein  Ideal  im  lebhaften  Proteste  mit  der  Zeit- 
philosophie und  den  Scheinphilosophen  erscheint,  und  daß  er 
die  Auswahl  der  Aussprüche  und  Anekdoten  so  trifft,  daß  die 
Polemik,  die  er  anderwärts  mit  allem  Eifer  führt,  hier  nur 
stiller  und  ruhiger  als  sonst  sich  fortsetzt. 

Daneben  hat  es  Lucian  nun  aber  doch  verstanden,  mit 
wenigen  Worten  das  Bild  eines  wahren  Philosophen  zu  ent- 
werfen. Ein  Vergleich  mit  dem  von  Epiktet  (Arrian,  Diss. 
Epict.  III,  22  Sch.)  gezeichneten  Ideal  lehrt  das  deutlich.  Die 
Bedingungen,  welche  hier  aufgestellt  werden,  erfüllt  Demonax 
vollständig.  In  ihm  lebt  die  alte  Größe  des  Diogenes  und  der 
früheren  Philosophen  wieder  auf;  auf  sie  greift  er  zurück,  aber 
nicht  nur  äußerlich,  wie  die  Nachahmer  der  Gegenwart,  die 
Thersitesnaturen  (Dem.  61)  oder,  wie  Epiktet  (22,  80)  sich 
ausdrückt,  die  xpaTce^fje;  roiXaü>po£,  o:  oooiv  u.iu,öövTat  £xetvou;, 
y)  &l  tl  dpa,  ^6p5ü)ve^  y£vovTat,  äXXo  5'  o05£v.  Er  ist  mit 
Epiktet  (22,  10)  überzeugt,  daß  nicht  Tojpfötov,  nicht  xptßomov 
(Dem.  19)  und  I^Xov  (Dem.  48)  den  echten  Cyniker  ausmache, 

896)  Vgl.  Quint  I,  1,  86;  Seneca,  Epist.  83,  7.  Der  Auadruck  ftv 
tocIc  oxoXalc  bei  Plut.  ist  nicht  mit  Schmidt  a.  a.  0.  in  diesem  engen 
Sinne  zu  nehmen.   Vgl.  Hirtel  I,  870  Anm. 


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670 


K.  Funk, 


daß  man  aber  auch  nicht  den  dafttr  zu  halten  habe,  der  Mode- 
torheiten und  weichliche  Lebensart  geißle,  im  Sinne  dessen, 
der  da  meint:  x£v  £5ü>  xtva  5pa>7taxt£ö|ievov,  €7uxtu^aö>  aoxcp, 
x£v  xö  xfyiov  7C67cXax6ta  9}  £v  xoxx£voi£  rceptTiaxoQvxa  (22,  10). 
Wie  wenig  Demonaz  einem  solchen  5p<i)7caxi£6{ievo£  gegenüber 
das  Verhalten  eines  Cynikers  billigt,  dafür  scheint  geradezu 
c.  50  geschrieben  zu  sein,  wie  ebenso  in  c  16  (vgl.  41)  nicht 
der  Tadel  der  Kleidertorheit,  sondern  die  Art  des  Tadels 
die  Hauptsache  ist.  Die  erste  und  höchste  Forderung  ist  auch 
bei  ihm  die  Uebereinstimmung  von  Leben  und  Lehre.  Das 
e7UTi|Aäv  xiacv  %<xi  xoXa£eiv  xoü;  au-apxavovxac  fordert  ein  Vjye- 
jxovtxöv  xafrap&xepov  xoö  VjXfou  (22,  93.  98.  Vgl.  Dein.  3).  Durch- 
drungen von  dem  Grundsatz,  daß  selbst  tadellos  sein  müsse, 
wer  andere  tadeln  will,  hätte  Demonax  mit  Recht  die  Worte 
Epiktets  (22,  47—49)  auf  sich  anwenden  können:  "I5ex£  (ie, 
&oix6<;  et|K,  ärcoAic,  <ixx7)[i,ü>v,  äoouXoc*  xotpto)|iai  •  ou 

Yuvt),  ou  naiüia  (Dem.  55)*  oux  e£ul  iXeuö-spo?;  tcox'  iji- 
e|i<|>ctu.7jv  t)  ftebv  f)  Ävä-ptorco  v,  tc6x'  ivexaXead  xtv: 
(Dem.  63.  Vgl.  11.  27.  56.  3.  20);  ziq  Ofiöv  icjxi>0-pt»>- 
Tcaxöxa  fie  etöev  (Dem.  6.  7);  n(bg  §'  ivxuyx*VÜ)  xouxotc, 
Gfjietc  cpoßetofre  xal  &auu.a£exe ;  oux  dv8ponc6ootc  (vgl.  Dem. 
30.  50.  24.  25).  Auch  darin  stimmt  er  mit  dem  Epiktetischen 
Ideal  (22,  81)  überein,  daß  er  niemand  von  seiner  Freundschaft 
ausschließt,  daß  er  für  alle  sorgt  wie  ein  Vater,  wie  ein 
Bruder  (vgl.  Dem.  10.  7),  daß  er  all  seine  Kraft  und  Zeit  der 
Menschheit  widmet,  um  sie  zu  belehren,  wie  das  wahre  Glück 
nicht  zu  suchen  sei  ev  o&fiaxt,  xxi/joet,  apXti*  atöjiaxtxov  ^ap, 
fotvaxos,  9077]  oö&v  izfa  \l&  (22,  22.  26.  Vgl.  Dem.  7.  20.  24. 
25.  45),  und  auf  jede  Weise  hilft  er  es  ihnen  zu  erreichen. 
Er  bleibt  deswegen  unverheiratet,  wie  der  wahre  Cyniker  es 
sein  soll,  ^7it^otxÄv  Öuvau-evo;  xoE;  dvftpcfatot;,  oO  rcpoSeSejievo; 
'xalHpcouaiv  i&toxtxot;  .  . .  Sv  SeE  xoug  <2XAoug  iTtiaxorcefv, 
zob<;  yeyajnijxoxas,  xot>;  7ce7tat§G7iot7juivou£,  ziq  xaXö; 
Xp^jxat  x^  aöxoö  yuvatxi,  xfj  xax&£,  rco£a  otxta  eoaxad'p.e:, 
not*  ou,  (b;  ?axpö$  izep  tepx6(ievo?  xal  töv  a<puYp,fi>v 
^Tcxöfievo^  (22,69 — 72.  Vgl.  Dem.  7.  9).  Und  wenn  endlich 
Epiktet  (22,  90)  als  eine  wesentliche  Eigenschaft  im  Umgang 
mit  anderen  x*Ptv  noXXrp  ^uotxTjv  xal  dljuxTfca  für  den  Ideal- 


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Untersuchungen  über  die  Lucianische  Vita  Denionactis.  671 

cyniker  fordert,  und  wenn  er  das  an  einigen  Beispielen  von 
Diogenes  nachweist,  so  zeigt  Lucian  zur  Genüge,  wie  glänzend 
Denicmax  dieser  Aufgabe  entsprochen  hat.  Ja  man  glaubt  in 
der  Anekdote  von  c.  16  geradezu  eine  direkte  Bezugnahme  auf 
Epiktet  herauszuhören,  wenn  dieser  einmal  (22,  54 — 56)  aus- 
führt: A^peafrat  autöv  5et  xai  Sepojievov  <p:Xetv  aöiofo;  xoOc 
8£povT<xc,  <S>£  iratlpa  7cavtü)v,  ötöeXcpöv  cu,  dXX'  5v  xl<z  oe 
SIpTQ,  xpauya^e  ara;  iv  T(j>  uiaq>  —  ü>  Kaiaap,  iv  tfl  a$  e^vig, 
o?a  notoxw,  dtywjiev  ^7ti  töv  dvftuTcatov.  Bei  so  vielen  An- 
klängen wird  man  gewiß  annehmen  dürfen,  dem  Verfasser  der 
Biographie  haben  die  Dissertat.  Epict.  von  Arrian  vorgelegen, 
und  dieser  habe  gleichsam  die  Blustration  dazu  geliefert. 

Trotz  alledem  ist  aber  Demonax  nicht  bloß  eine  treue 
Kopie  Epiktets  und  seines  Ideals.  Es  treten  auch  Unterschiede 
hervor,  und  es  raachen  sich  auch  Einflüsse  von  den  anderen 
geltend,  mit  denen  er  umgegangen  ist.  Namentlich  in  seiner 
Stellung  zur  Wahrsagekunst  ist  er  ein  echter  Schüler  des 
Timokrates,  der  seinerseits  wieder  mit  dem  von  Lucian  (bes. 
Alex.  17)  so  hochgefeierten  Demokrit  die  philosophischen 
Grundanschauungen  gemeinsam  hat297). 

So  hat  mithin  Lucian  auch  mit  diesem  zweiten  Zweck 
nicht  zu  viel  gesagt.  Demonax  entsprach  in  der  Tat  allen 
Anforderungen,  die  man  an  einen  Idealphilosophen  damals 
stellte,  und  er  war  es  wert,  der  Jugend  als  nachahmenswertes 
Beispiel  vorgestellt  zu  werden.  Es  drängt  sich  also  hier  von 
neuem  der  Schluß  auf,  den  wir  bereits  oben  glaubten  machen 
zu  müssen:  Demonax  war  unter  den  Cynikern  der  damaligen 
Zeit  trotz  unserer  geringen  anderweitigen  Kenntnisse  von  seiner 
Persönlichkeit  doch  nicht  so  unbedeutend,  er  war  es  am  aller- 
wenigsten für  Lucian  selbst.  Der  längere  Umgang  und  die 
nähere  Bekanntschaft  mit  Demonax  war  für  ihn,  namentlich 
als  Schriftsteller,  von  der  größten  Wichtigkeit.  Hier  sahen 
wir  die  Fäden  seiner  schriftstellerischen  Tätigkeit  zusammen- 
laufen, und  wie  in  einem  Brennpunkt  sich  die  Strahlen  sam- 
meln, die  wir  in  seinen  anderen  Schriften  zerstreut  fanden. 


w)  Vgl.  Philoatr.  V.  S.  46,  29.  Die  Haltung  gegenüber  dem  Staate 
(Dem.  9)  scheint  auch  von  der  Diss.  22, 83  ff.  gezeichneten  abzuweichen. 


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672      K.  Funk,  Untersuchungen  über  die  Luc.  Vita  Demon. 

Nach  Form  und  Inhalt  stand  er  offenbar  unter  seinem  Ein- 
flüsse.   Dieser  Philosoph  war  der  freimütige  Mann ,  der  ihn 
die  Klippen  der  atheistischen  Pedanterie  vermeiden   und  die 
rechte  Mitte  gehen  ließ.    In  seinen  geistreichen  Gesprächen 
fand  er  den  Stoff  für  manche  kleine  Scene.    Durch  das  Be- 
kanntwerden mit  ihm  erfolgte  wohl  die  Absage  von  der  Rhe- 
torik und  die  Hinwendung  zur  dialogischen  Schreibweise.  Und 
wenn  die  Dialoge  nicht  der  Belehrung,  sondern  der  Unterhal- 
tung dienen,  und  wenn  der  Grundton  fast  durchgängig  der 
cynisch-menippeische  ist,  so  wird  eben  wiederum  der  Verkehr 
mit  Demonax  die  Erklärung  für  diese  Erscheinung  sein.  Da 
dieser  ja  selbst  dem  cynischen  Hedonismus  huldigte,  mag  er 
ihn  auch  auf  diese  Quellen  hingewiesen  haben,  als  eine  reiche 
Fundgrube  neuer,  weniger  verbrauchter  Gedanken  und  Stoffe. 

Sind  die  Ergebnisse  vorliegender  Untersuchung  richtig, 
so  ist  demnach  Lucian  nicht  nur  einfach  ein  Werk  gerettet, 
wir  haben  damit  zugleich  auch  den  Schlüssel  gefunden  für  ein 
besseres  Verständnis  dieses  Mannes;  wir  haben  in  der  Bio- 
graphie, deren  Abfassung  den  Ereignissen  fast  gleichzeitig 
ist,  nicht  nur  eine  glaubwürdige  und  schätzenswerte  Bereiche- 
rung unseres  historischen  Wissens  über  die  philosophischen 
Strömungen  jener  Tage,  sondern  nichts  weniger  als  ein  Stück 
Autobiographie  des  Schriftstellers  selbst 


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Inhaltsverzeichnis.  Register.  673 


Inhaltsverzeichnis. 


Seito 

Einleitung   561-563 

I.  Untersuchung  über  .die  Echtheit   564-617 

1.  Aeußere  Zeugnisse   564—566 

2.  Sprachliche  Untersuchung   566—589 

3.  Sachliche  Untersuchung   589—617 

II.  Untersuchung  über  die  Integrität    617—647 

1.  Die  Hypothese  von  der  christlichen  Ueberarbeitung  617—623 

2.  Interpolationen  und  Lücken   623—631 

3.  Erklärung  für  die  Komposition  der  Schrift  .    .    .  631—689 

4.  Sostratus   639 — 647 

III.  Die  historische  Existenz  des  Demonax   647 — 608 

1.  Beurteilung  der  erhobenen  Einwände   647—659 

2.  Die  Fragmente   659—668 

Schluß   668—672 


Register. 


Abfassunqszeit  601.  Gl 4  ff. 

Adverbien  572.  578.  580. 

Agathobulu.s  595.  651. 

Anklänge  627  f. 

Änag  Xsyousva  577. 

Apollomus  616. 

&nopv?]tLÖvsutLa  682  f. 

Apophthegmata  626  ff.  633  ff.  659  ff. 

Aristipp  595  fl'. 

Arrian  646. 

Artikel  570. 

Atheismus  658  ff. 

Athen  607.  617.  652  f.  654.  658. 

Athleten  645. 

Atticismus  567.  612  f. 

Aufstände  655  f. 


Bagoas  607  ff. 
Hedurfnwlosigfc 
Begräbnis  603. 


592  ff. 


Cethegus  615  f. 
Chrie  634  ff. 

Christliche  Interpolationen  617  ff. 
Citate  585  f. 

Cynismus  u.  Lucian  589 — 91.  613. 
Cynische  Tracht  596. 


Demetrius  594.  651. 
Demokrit  596.  60C>.  671. 
Demonax  Philosoph  595  ff.  614.  667. 

 Tragiker  665. 

Denkmalsetzung  603. 
Dialektik  600  f. 

Dio  Chrvsostomus  594.  619.  622. 

632. 652  f. 
Diogenes  590  f.  595  ff.  634.  667. 
Diokles  607  ff. 

Dogmatische  Philosophie  600. 

Ehe  646  f.  652. 
Eleusinien  655. 
Epigramme  603. 

E piktet  594.  604.  646.  651  f.  669  ff. 
Epikur  596  f. 
Ethische  Philosophie  600. 
Eunapius  565.  624.  648. 

Favorinm  594.  608  f.  622.  626. 
Fiktionen  650  f. 
Flexion  569  f.  578  f. 
Florilegien  649.  659.  666  f. 
Freiheit  602.  604. 
freundschaftsliebe  598  620. 
Friedensstifter  619. 


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674  Rej 

Gerichts8cencn  623. 
Gladiatorenkämpfe  599.  652. 
Gymnastik  594. 

Handschriften  565  f. 

Herminus  652. 

Herakles  597.  644. 

Herode»  Attikus  611.  615. 642  f.  649. 

Heroenbedürfnis  643. 

Hiatoi  575. 

Hnmor  597  f.  603. 

Idealphilosoph  605.  656  f. 
Ironie  595  f. 

Isthmus  von  Eorinth  643. 
Iulian  620. 666. 

Kasus  570.  579. 

Kleiderspott  613. 

Krates  619  f.  652. 

Konsequenz  592.  600.  607  ff.  657. 

667. 
Kultus  654  f. 

Lautlehre  568  f. 

Lesbonax  612.  648. 

Leutseligkeit  598  f. 

Lucians  Eigenart  588  f.  591.  598  ff. 

605  f.  615.  633.  637. 
Lucius  Philosoph  649. 
Lucius  Verus  öl6. 

Mark  Aurel  616. 

Menipp  596  ff.  602  f.  610.  658  f. 

Metaphern  587. 

Milde  598  f.  619. 

Modus  571  f. 

Musonius  619.  649.  652.  667. 
Mysterien  621.  654. 
Mythologie  644  f. 

ISaturwissensclui ften  600. 
Negationen  572. 

Objektivität  638  f. 
Opfer  621. 
Orakel  602.  610. 

Ordnungslosigkeit   617  f.   632  f. 
635  ff. 

Parallelen  sachliche  607—13. 

wörtliche  583—85. 
Partikeln  573  f.  578.  580  f. 
t     Peregrinus  593.  595.  599.  608  f.  60«. 
Philosophie  undLucian  589  ff.  656  ff. 
Philostratus  u.  Lucian  564.  601. 
637.  641  ff.  648  f.  652. 


ter.  j 

kitcoSv  577.  618. 
Piatons  Psychologie  611  f. 
Plutarch  620.  641  f. 
Poesie  586.  593  f. 
Präpositionen  572  f.  578.  580. 
Pronomina  571.  579. 
izpöxoc  xotl  iiövot  601. 

Quelle  der  Fragmente  666  ff. 

Eäuberromantil:  645  f. 
Redefiguren  575  f. 
Religir.se  Strömungen  653. 
Rhetorik  594. 

Rhythmik  der  Sprache  568. 

Satebau  574  f. 
Selbstmord  604  f. 
Sidonius  Sophistes  626  f. 
Sokrates  595.  605.  610.  621  f.  680. 

684.  667. 
Sophistik  590.  606  f. 
Sostratus-Agathion  623  f.  639  £ 
Sostratus  der  Rauber  640. 
Sprichwörter  585  f. 
Staat  599. 

Stand  der  Forschung  562  f. 
Steinigung  655  f. 
Stilarten  632  f. 

Stilprincip  f.  Biographien  632-637 
Synkrisis  640  f. 
Synonyma  576. 
Syntax  570  f.  579.  581. 

Tempus  571. 
Theraites  597. 
Theseus  644. 

Timokrates  595.  612.  671. 
Todesfreudigkeit  605.  609. 
Todesgedanke  601  f.  611.  649. 
Toleranz  religiöse  654. 

Unsterblichkeit  604.  619.  644. 
Urteilsunsicherheit561  f.  567. 625  f. 
628  f. 

Verfolgungen  religiöse  655. 
Vergänglichkeit  601  ff. 

Wahrheitsliebe  656  f. 
Wahrsagekunst  610  f. 
Wiederholungen  582  ff.  589.  6S1 
635. 

Wortstellung  574  f. 
Wortverbindungen  582  f. 
Wortwahl  576  ff.  581  ff. 

Xenophon  632  f. 

ZenoA  von  Sidon  655. 

Zweck  der  Schrift  605  ff.  668  ff. 


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ZUM  SPRACHENKAMPF 

IM  RÖMISCHEN  REICH 

BIS  AUF  DIE  ZEIT  JUSTINIANS. 

EINE  SKIZZE 

VON 

LUDWIG  HAHN. 


PhUolofu»,  8uri- lern  entband  I,  Tieftet  Heft. 


44 


Diese  .Skizze"  beruht  für  die  Zeit  bis  auf  Hadrian  auf  der  190 : 
bei  Dieterich  (Theod.  Weicher)  in  Leipzig  erschienenen  Studie  des  Ver- 
fassers „Rom  und  Romanismus  im  griechisch-römischen  Osten.  Bis 
auf  die  Zeit  Hadrians".    Dort  mögen  die  näheren  Angaben  und  Belege 
für  diese  Zeit  nachgesehen  werden.  Eine  .Skizze"  habe  ich  vorliegende 
Arbeit  genannt,  weil  sie  in  allgemeinen  Umrissen  Andeutungen  Aber 
die  Einwirkung  des  Romanismus  und  seiner  Sprache  auf  den  Hellenis- 
mus sowie  auf  den  Orient  bis  auf  die  Zeit  Justini  uns  geben  soll.  Mein 
Zweck  ist,  die  Aufmerksamkeit  auf  dies  noch  ziemlich  brach  liegende 
Gebiet  zu  lenken,  damit  durch  Lieferung  von  Spezialuntersuchungen 
die  sich  sowohl  mit  den  kulturellen  Verhältnissen  —  Verwaltung,  Heer- 
wesen, Rechtswesen,  Handel,  Münze  und  Maß,  Religion,  auch  Kunst 
und  Literatur  —  als  auch  mit  der  Sprache  befassen  würden,  eine 
weitere  eingehende  Behandlung  des  großen  Stoffes  ermöglicht  wird 
Ich  verweise  hier  auch  auf  die  in  «Rom  und  Romanismus"  formulierten 
Probleme. 


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I. 

■ 

Jedem,  der  die  Sprachenkarte  Europas  überblickt,  fallt 
wohl  ein  von  einer  Bevölkerung  romanischer  Zunge  bewohn- 
tes, aber  von  den  übrigen  romanischen  Landern  weit  entferntes 
Gebiet  auf,  das  im  Osten,  im  sogenannten  Halbasien,  zu  finden 
ist.  Dasselbe  umfaßt  bekanntlich  Rumänien1),  das  östliche 
Ungarn  mit  Siebenbürgen,  die  Bukowina,  Kessarabien  und 
einige  Landschaften  südlich  der  Donau  auf  der  Balkanhalbinsel, 
die  von  den  sog.  Zinzaren  oder  Kutzo-Wlachen  bewohnt  sind. 

Die  Existenz  dieser  romanischen  Sprache  im  fernen  Osten 
ist  ein  heute  noch  deutlich  redender  und  lebendiger  Beweis 
für  die  Tatkraft  der  Kömer,  ein  gewaltiges  und  bedeutungs- 
volles Denkmal  römischer  Größe,  Trotz  der  kurzen,  nicht 
zwei  Jahrhunderte  dauernden  Besetzung  Daciens  durch  die 
Römer,  trotz  der  Stürme  der  germanischen  und  dann  der  sla- 
vischen  Völkerwanderung  hat  sich  an  der  unteren  Donau  die 
lateinische  Sprache  als  Mischsprache  bis  auf  den  heutigen  Tag 
erhalten8)  und  gewinnt  noch  an  Terrain.  Noch  jetzt  heißt 
sie  die  rumänische  d.  h.  römische  Sprache  und,  die  sie  sprechen, 
nennen  sich  stolz  Rumuni  d.  h.  Romain. 


*)  Leber  die  Bedeutung  von  Ta>|iavCa  (Romania  bei  Oroaius  III 
20,11;  VII  43,5)  =  römisches  Land,  Reich  s.  Gaston  Paris,  Romania 
I.  Bd.  (1872)  8.  14;  cf.  auch  die  Bezeichnungen  Rumelien,  Rum  (Ideler, 
Chronologie  1  454). 

')  Der  Ansicht,  daß  das  Römertum  infolge  der  Wegfuhrung  der 
römischen  Kolonisten  durch  Aurelian  unterging  und  daß  die  heutigen 
Rumänen  seit  dem  13.  Jahrh.  aus  den  Ländern  am  Balkan  allmählich 
in  ihr  heutiges  Gebiet  einwanderten,  scheint  mir  die  auffallende  Tat- 
Rache  entgegenzustehen,  daß  das  heutige  rumänische  Sprachgebiet  genau 
der  ehemaligen  provincia  Dacia  entspricht.  Vgl.  auch  Jul.  Jung,  Die 
romanischen  Landschaften  des  römischen  Reiches,  Innsbruck  1881  S.  403. 
452.  4rt0.  468  47off.  —  Alex.  Budinszky,  die  Ausbreitung  der  lateinischen 
Sprache,  Berl.  1881  S.  222  f.  —  Die  Donaurömer  bildeten  noch  im  byz. 
Keich  im  5.-6.  Jh.  den  Kern  des  Heeres;  Oonsi  .Tirecek,  Die  Romanen 
in  den  Städten  Dalmatiens  während  des  M.A.,  Wien  1901  8.  18-20. 

44* 


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678 


Ludwig  Hahn, 


Kümmerlich  nehmen  sich  einem  solchen  Erfolge  der  Römer 
in  der  Romanisierung  gegenüber  die  Germanisierungsversuche 
aus,  die  vom  Deutschtum  seit  den  letzten  Jahrhunderten  an 
der  sla  vischen  Grenze  gemacht  worden  sind. 

Freilich  gingen  die  Römer  bei  der  Unterwerfung  der 
Länder  gegen  die  Eingeborenen,  zumal  wenn  sie  die  Waffen 
gegen  die  Sieger  getragen  hatten,  mit  der  für  die  Aufrecht-  i 
erhaltung  der  römischen  Herrschaft  notwendigen,  rücksichts-  l 
losen  Konsequenz  vor,  ohne  sich  durch  humanitäre  Doktrinen 
beengt  zu  fühlen.  Man  hat  berechnet,  daß  es  zur  Zeit  Caesars 
in  Gallien  etwa  drei  Millionen  kriegstaugliche  Männer  gegeben 
hat.   Von  diesen  wurde  etwa  eine  Million  vernichtet  und  eine 
zweite  Million  ging  in  der  Sklaverei  zugrunde 3).    Bei  hart- 
näckigem Widerstand  wurden  ganze  Stämme  ausgerottet,  ein 
Verfahren,  welches  mit  so  großem  Erfolg  für  die  Ausbreitung 
der  europäischen  Rasse  von  den  Spaniern  in  Amerika  und  von 
den  Engländern  in  Australien  angewendet  wurde. 

Die  bis  zum  völligen  Ruin  gehende  Dezimierung  der  Be- 
völkerung traf  vor  allem  die  Länder  des  Westens.  Da  die 
übrig  gebliebenen  Eingeborenen  aus  ihrem  Besitze  verdräng! 
wurden,  da  sie  ferner  auch  kulturell  hinter  den  Siegern  zu- 
rückstanden, so  gewann  im  Okzident  der  Romanismus  leicht 
und  schnell  Boden.  Zu  der  Zeit,  da  die  Germanen  diese  Pro- 
vinzen in  Besitz  nahmen,  fanden  sie  eine  fast  homogene  Be- 
völkerung mit  römischen  Sitten,  römischer  Sprache  und  romi- 
scher Gesinnung.  Die  Romanisierung  des  Okzidents  war  also 
schon  vor  dem  Einbrüche  der  Germanen  vollendet 

Wesentlich  anders  lagen  die  Verhältnisse  im  Osten.  Hier 
stießen  die  Römer  auf  Hellas  und  die  hellenistischen  Reiche. 
Der  aktive  Widerstand  gegen  die  Herrschaft  Roms  war  bei 
der  erschlafften  und  degenerierten  Bevölkerung  zumeist  mit 
der  Besiegung  der  Könige  zu  Ende.  Die  Unterwerfung  Gal- 
liens beanspruchte  acht  Jahre,  die  Einverleibung  Aegyptens 
war  das  Werk  weniger  Tage.  Wie  die  Engländer  das  un- 
kriegerische und  produktive  Volk  Indiens  als  ein  Objekt  der 
Ausbeutung  wenn  auch  nicht  zu  schonen,  so  doch  zu  erhalten 

*)  Vgl.  Jul.  Jung,  a.  a.  0.  S.  190. 


- 

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Sprachenkampf  im  römischen  Reich. 


679 


wissen,  ebenso  hatten  die  Römer  keine  Veranlassung,  die  un- 
gefährlichen, oh  ihrer  Schwäche  und  Unterwürfigkeit  verach- 
teten Griechen  und  Orientalen,  welche  sie  zur  Bearbeitung  der 
praedia  populi  Romanik  wofür  die  Provinzen  staatsrechtlich 
galten,  unbedingt  nötig  hatten,  auf  gewaltsamem  Wege  aus- 
zurotten. 

Weit  schwieriger  war  es  den  passiven  Widerstand  zu 
brechen,  den  die  Hellenen  und  noch  mehr  die  rassefremden 
Orientalen,  Völker,  die  im  Besitze  einer  alten  Kultur  auf  die 
römischen  Emporkömmlinge  als  auf  Barbaren  herabsahen, 
gegenüber  römischem  Wesen  zeigten. 

Der  gewaltige  Kampf  zwischen  Romanismus  und  Helle- 
nismus begann  bekanntlich  mit  dem  Angriffe  des  Hellenismus 
auf  Italien.  Schon  im  achten  Jahrhundert  faßten  Dorier  Euß 
auf  Sicilien  (Gründung  von  Syrakus,  734?)  und  auf  dem 
italischen  Festlande  (Gründung  von  Tarent  708).  Gelons 
Sieg  bei  Himera  über  die  Karthager  (480)  und  der  Hierons 
über  die  Etrusker  bei  Kyme  (475)  bezeichnen  den  Höhepunkt 
der  Macht  der  Griechen  des  Westens.  Aber  im  nämlichen 
Jahrhundert  schon  beginnt  die  Bewegung  der  lebenskraftigen 
italischen  Stämme  gegen  die  griechischen  Kolonialstädte. 
Kyme,  von  wo  aus  griechische  Kultur  nach  allen  Richtungen 
ausstrahlte,  fiel  420  in  die  Hand  der  Kampaner.  Mit  tiefem 
Schmerz  weist  Aristoxenos  von  Tarent,  der  bekannte  Musik- 
theoretiker und  Schüler  des  Aristoteles,  die  Griechen  des  Ostens 
auf  die  Barbarisierung  Poseidonias,  des  späteren  Paestum,  hin. 
Mit  der  Niederlage  des  Pyrrhos,  der  den  vergeblichen  Versuch 
gemacht  hatte  wie  Alexander  im  Osten,  so  im  Westen  dem 
Hellenismus  die  Herrschaft  zu  gewinnen,  war  die  zukünftige 
Romani8ierung  der  früheren  Graecia  Magna  entschieden.  Zur 
Zeit  Strabos  gab  es  in  Unteritalien  nur  drei  Städte,  die  sich 
ihren  griechischen  Charakter  noch  erhalten  hatten,  Neapel, 
Tarent  und  Rhegion.  Längerer  Zeit  bedurfte  die  Romanisie- 
rung  Siciliens  4).  Sie  war  erst  gegen  Ausgang  des  weströmi- 
schen Reiches  vollendet. 

4)  Cf.  Ezpoeitio  totios  mundi  et  gentium  (um  S50)  ed.  Alex.  Riese  in 
den  Geographi  Latini  minores,  Heilbronn  1878  8.  104  ff.  o.  66:  Sicilia 
habet  auteui  et  virot  divites  et  ernditot  omni  doctrina  Graeca  qnoqae 
et  Latina.  —  Jnl.  Jung  a.  a.  0.  S.  521. 


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680 


Ludwig  Hahn, 


Was  schon  der  weitblickende  Pyrrhos  und  nach  ihm  andere 
einsichtige  Griechen  erkannt  und  befürchtet  hatten,  daß  nach 
der  Niederwerfung  des  Hellenismus  im  Westen  die  griechischen 
Staaten  im  Osten  mit  einer  neuen  feindlichen  Weltmacht  zu 
rechnen  hätten ,  das  trat  nach  der  endgültigen  Bezwingung 
des  phönikischen  Karthago,  der  letzten  Rivalin  Roms  in  der 
Herrschaft  über  den  Westen,  ein.  Die  Siege  bei  Kynoskephalä, 
Magnesia  und  Pydna  machten  den  politischen  Einfluß  Roms 
auch  in  den  am  östlichen  Mittelmeer  liegenden  Ländern  maß- 
gebend. Damals  stellte  sich  Prusias  II.  von  Bithynien,  der 
Verräter  Hannibals,  römischen  Gesandten  in  der  Tracht  eines 
X{ßepro£  (libertus),  wie  Polybios  sagt6),  in  den  xoAxiot  (calcei) 
und  mit  dem  n&eoc  (pileus)  auf  dem  Haupte  vor.  Von  da  ab 
war  Rom  der  Aufenthaltsort  zahlreicher  Prinzen  und  vorneh- 
mer Geiseln,  die  dort  römische  Art  und  die  lateinische  Sprache 
kennen  lernten.  Einer  derselben,  Antiochus  IV.  Epiphanes, 
zeigte  sich  später  auch  als  König  von  Syrien  nach  Polybios' 
Schilderung  geradezu  römertoll.  Auch  in  der  Kaiserzeit  blieb 
Rom  für  die  Söhne  der  verbündeten  und  befreundeten  Könige 
die  Stätte,  wo  sie  ihre  Bildung  empfingen,  eine  Bildung,  die 
sie  gewöhnlich  der  Heimat  entfremdete,  wie  es  Tacitus  von 
den  Enkeln  des  Partherkönigs  Phraates  bezeugt  Die  Nach- 
kommen Herodes'  des  Großen  z.  B.  wurden  fast  alle  in  Rom 
erzogen.  Der  letzte  Herodeer,  Herodes  Agrippa  H.,  kämpfte 
auf  römischer  Seite  gegen  die  Juden,  seine  Schwester  Berenike 
ward  die  Geliebte  des  Titus. 

Das  bedeutendste  Mittel  zur  Romanisierung  war  in  Italien 
und  dann  überhaupt  im  Westen  die  Aussendung  von  Kolonien. 
Die  methodische  Besiedelung  des  Ordenslandes  durch  die 
Deutschherrn  bildet  im  Kleinen  eine  Parallele.  In  Unterita- 
lien wurden  in  der  Zeit  der  Republik  Kolonien  Kroton,  Puteoli, 
Thurii,  auch  Tarent  und  Rhegion;  in  Sicilien  wurden  gegen 
Ende  der  Republik  Messana,  Henna  und  Tauromenion  mit  dem 
vollen  Bürgerrecht  beschenkt. 

Den  Plan  auch  den  Osten  mit  römischen  Elementen  zu 
versetzen,  wie  es  mit  so  großem  Erfolg  für  die  Romanisierung 
im  Westen  geschehen  war,  faßte  Cäsar.    Seine  bedeutendste 

6)  S.  ,Rom  u.  Romaniamus*  S.  23. 


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Sprachenkampf  im  römischen  Reich.  681 

i       Gründung  ist  Korinth.  Doch  fehlte  allmählich  Italien  und  dem 

-  römischen  Volke,  das  als  Kriegerkaste  des  Reichs  ungeheure 
Verluste  zumal  in  den  Bürgerkriegen  erlitten  hatte,  der  nötige 

l.  Ueberschuss  an  Bevölkerung,  um  den  Osten  in  demselben  Maße 
und  Grade  wie  den  Westen  mit  italischen  Pflanzstädten  anzufüllen. 
Augustus  verfolgte  noch  die  Bahnen  seines  großen  Vaters.  Die 

a  Romanisierung  Siciliens  machte  unter  ihm  weitere  Fortschritte. 
Er  gründete  Kolonien  in  Macedonien6*),  führte  nach  Paträ, 
Heliopolis  und  Berytos  Veteranen  und  besetzte  das  unruhige 

i  Pisidien  mit  einer  Reihe  römischer  Soldatenstädte.  Aber  in  der 
Folgezeit  ward  bei  der  zunehmenden  Entvölkerung  des  Reichs 
die  Kolonisation  des  Ostens  nur  sehr  schwächlich  weitergeführt. 

i         Zu  erwähnen  wäre  noch  die  Umwandlung  Jersusalems  in  eine 

I         colonia  Aelia  Capitolina  zur  Zeit  Hadrians6). 

Die  Kolonien  des  Ostens  lagen  zu  weit  vom  Stammlande 
ab  und  waren  auch  voneinander  so  entfernt,  daß  sie,  wie  etwa 
in  unseren  Tagen  ehemals  ganz  deutsche  Städte  in  den  Ost- 
seeprovinzen, in  Ungarn,  in  Böhmen  dem  Deutschtum  ver- 
loren gehen,  so  mit  der  Zeit  dem  ringsum  herrschenden  helle- 
nischen Elemente  erlagen.  Zudem  erkannte  man  im  Kampfe 
mit  den  orientalischen  Völkern,  bes.  den  Juden  und  Parthern, 
und  auch  mit  dem  Christentum61),  gegen  das  die  griechische 
Philosophie  dem  römischen  Staatgedanken  als  willkommener 
Bundesgenosse  zu  Hilfe  kam,  in  den  Griechen  bei  der  Gemein- 
samkeit der  Interessen  und  religiösen  Anschauungen  bald 
natürliche  Bundesgenossen  und  sah  infolge  dessen  von  einer 
gewaltsamen  Romanisierung  des  verbündeten  hellenischen  Ele- 
ments ab,  erkannte  sogar  im  Laufe  der  Kaiserzeit  die  griechische 
Sprache  als  die  zweite,  wenn  auch  minder  berechtigte  Reich s- 
sprache  an7),  wie  denn  die  Förderung  des  Hellenismus  im 


**)  Cf.  Körnern  an  n  bei  P.-W.  JV  1,549. 

•)  Dio  Gass.  69,  12,  1.  —  Ueber  die  Städte,  denen  in  späterer  Zeit 
das  ius  coloniae  erteilt  wurde,  wie  Thessalonike,  Philippopoüs,  Nikome- 
dia,  Tyana,  Laodicea  in  Syrien,  Tyrus,  Palmyra,  Antlochia  in  Syrien, 
Heinesa,  Caesarea  am  Libanon,  Sidon,  DamankuB,  Askalon,  Gaza,  Carr- 
hae,  Edeesa,  Nisibis  etc.  s.  Budingzky  a.  a.  0.  S.  232  und  bes.  Körne- 
rn an  n  bei  Panly-Wissowa  IV  549  ff. 

S.  a.  B.  Origen.  c.  Cels.  VIII  73. 

7)  Ueber  die  Bezeichnungen  altera  Ungua,  ixatipa  yXföna  s.  Leon 
Lafoscade,  Influence  du  latin  sur  le  grec  in  J.  Psicharis  Etudes  de 


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682  Ludwig  Hahn, 

Orient  durch  die  Römer  überhaupt  als  ihre  hervorragendste 
Kulturleistung  für  den  Osten8)  anzusehen  ist.  Die  römischen 
Kolonien  im  Osten  wurden  also  allmählich  hellenisiert,  was 
Dion  Chrysostomos  von  Korinth  und  Apamea  eigens  bezeugt 
Doch  erhielt  sich  die  offizielle  lateinische  Sprache  in  denselben 
bis  etwa  in  die  zweite  Hälfte  des  dritten  Jahrhunderts. 

Mehr  Einfluß  auf  die  Romanisierung  hatte  im  Osten  die 
Erteilung  des  römischen  Bürgerrechts9).  Das  scire  latine  war 
nach  der  Ansicht  Ciceros  für  einen  römischen  Bürger  selbstver- 
ständlich und  noch  Kaiser  Claudius  nahm  einem  vornehmen 
Lykier,  der  seine  in  lateinischer  Sprache  an  ihn  gerichtete 
Frage  nicht  verstanden  hatte,  die  civitas,  indem  er  aus- 
drücklich erklärte,  niemand  dürfe  römischer  Bürger  sein,  der 
nicht  die  Sprache  Roms  verstehe.  War  diese  Voraussetzung 
gegeben,  so  zeigten  sich  die  Römer  auch  freigebig  mit  ihrem 
Bürgerrechte,  ein  Beweis  ihrer  politischen  Klugheit,  wegen 
dessen  sie  schon  Philipp  III.  von  Macedonien  wie  auch  später 
Dionysios  von  Halikarnaß  und  der  Rhetor  Aristides  10)  rühmt 

Vor  allem  wurde  die  Zahl  der  römischen  Bürger  im  Osten 
wie  im  Westen  vermehrt  durch  die  Erteilung  des  Bürgerrechts 
an  die  Soldaten  und  Veteranen  der  auxilia.  Denn  die  lange 
Dienstzeit  bot  eine  sichere  Gewähr  für  die  Romanisierung  im 
Denken  und  Fühlen.  Hellenische  Romantiker  wie  Apollonios 
von  Tyana,  ein  Vorkämpfer  des  Hellenismus  gegen  den  Ro- 
manismus, befürchteten  schon  die  Barbarisierung  der  Griechen 
durch  die  Römer.  Derselbe  beklagt  es  besonders,  daß  die 
schöne n  Namen  der  Helden  und  Weisen  des  alten  Hellas  durch 

philol.  neo-grecque,  Par.  1892  p.  117  f.  Vgl.  dens.,  De  epistulis  etc.,  Lille 
1902  S.  108.  11»  f.  115  ff. 

8)  Was  in  dieser  Hinsicht  Libanios  von  Kaiser  Julian  erhofft  hatte, 
zeigt  uns,  was  er  im  emxdqxoc  sV  'IouXiaWp,  dem  weltgeschichtlichen 
Klage-  und  Totenlied  des  sterbenden  Heidentums,  (bei  Reiske  I  617)  voll 
wehmütiger  Liebe  spricht:  T2  xiXous  x?£  Ötavoiag  avaglou!  r^si;  uiv 
(pdfisd-a  TTjv  Ilspaöv  Änaoav  pipo£  Tcojiaüüv  tasodat  xal  vd^iotj  xot£ 
yjusxipoic  olxTjOEo&ai  xai  apx&t  &v&sv8t  di£to&cu  xal  cpöpout  oJaeiv  x  a  i 
yXt&Txav  äu.s£<J>siv  xal  «noXrjv  usxaxoa^osiv  xal  xspttv  xopag  xal  009t- 
atäc  4v  Zoöoot;  Htpotöv  rcatöas  sxxpox^osiv  ^xopac  ...  xal  (last  not 
least!)  xotz  Ispotg  (d.  h.  dem  alten  Glauben)  önoxwpr.ostv  tobt  xtt^oo^  (sc. 
der  christlichen  Heiligen). 

•)  Ernst  Dorsch,  De  civitatis  Romanae  apud  Graecos  propagatione, 
Diss.  öresl.  1886,  38  ff. 

»•)  ElC  'Priutjv  p.  108  ff.  112  ff.  (Keil). 


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Sprachenkampf  im  römischen  Reich. 


683 


die  modernen  römischen  verdrängt  würden,  wie  etwa  bei  uns 
bes.  vor  1870  die  französischen  und  jetzt  die  englischen  Vor- 
namen in  Mode  sind,  worin  unwillkürlich  die  Höherschätzung 
dieser  Nationen  zum  Ausdruck  kommt11).  Den  Inschriften 
nach  zu  schließen  trugen  allerdings  die  Griechen  bes.  besserer 
Kreise  häufig  römische  Namen,  die  römischen  Bürger  unter 
ihnen  vor  allem  die  Familiennamen  der  Kaiser.  Daher  die 
Menge  der  louXioi,  $Xacßiot,  AtXtoi11»),  AOpifjXtot  etc12).  Einer 
besonderen  Beachtung  wert  scheint  die  Wirkung  des  römischen 
Bürgerrechts  auf  den  Apostel  Paulus.  Paulus  steht  als  römi- 
scher Bürger  dem  Reiche  nicht  als  Feind  gegenüber  wie  sein 
Volk.  Diese  kosmopolitische  Stellung  hob  ihn  über  die  Be- 
schränktheit national-jüdischer  Anschauungen  hinaus  und 
wirkte  so  ihres  Teils  mit,  daß  er  sich  nicht  als  Apostel  des 
Judentums,  sondern  der  ganzen  Menschheit  fühlte.  Während 
die  Erteilung  der  civitas  an  die  Griechen  Unteritaliens  infolge 
des  Bundesgenossenkrieges  an  der  Latinisierung  der  Graecia 
Magna  bedeutenden  Anteil  hatte,  ist  die  Wirkung  von  Cara- 
callas  constitutio  Antoniniana  de  civitate  bei  dem  damaligen 
Zustande  der  Auflösung  des  Reichs  in  dieser  Hinsicht  weniger 
hoch  anzuschlagen12'). 

IL 

Da  der  römische  Bürger  nur  an  das  römische  Recht  ge- 
bunden war,  so  ward  römischer  Art  auch  im  Rechtsleben  der 
Boden  geebnet,  —  fast  der  einzigen  Seite  geistiger  Tätigkeit, 
in  der  die  Römer  nicht  nur  schöpferisch  tätig  waren,  sondern 
auch  für  andre  Nationen  mustergültig  wurden  (—  dies  gilt 
auch  für  die  Art  der  Einwirkung  Roms  auf  das  Christentum  — ). 
Für  die  Einführung  des  Rechtes  des  herrschenden  Volkes  waren 
ferner  die  Provinzialedikte  günstig,  welche  zumeist  auf  römi- 

")  Vgl.  auch  Hermann  Dünger,  Wider  die  Engländerei  in  der 
deutschen  Sprache,  BerL  1899. 

11 »)  Lyd.  de  mens.  III  17  in.:  'AÖpiavfcs  ix  tf)g  AlX£o>v  i*cÖYXavs 
<papiX(ac  otovtl  Ytvs&g*  fifrsv  i&o§sv  aöt$  zb  AlXfaw  fivojia  xob$  öitirpcöoos 
«poYpdqptiv  8$sv  xort  AlXia  tj  'IepouaaXifai  •  xal  yip  aüxdc  ayiTjv  &Xo3oav 

19)  Vgl.  Ernst  Dorsch  a.  a.  0.  8.  34,  70  und  auch  Aristides  rbetor, 
a.  o  a.  0  S.  109,  §  68. 

»»)  Vgl.  Mommsen,  Hermes  XVI  (1881)  474  ff. 


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684 


Ludwig  Hahn, 


sehen  Rechtsanschauungen  basierten.    Schon  im  Anfang  des 
2.  Jahrh.  nach  Chr.  sind  römische  Prinzipien  in  der  Recht- 
sprechung in  den  Provinzen  allenthalben  maßgebend.  Durch 
die  constüutio  Antoniniana  ward  dann  das  römische  Recht 
völlig  zum  Reichsrecht 1 2  b).  Mit  dieser  für  den  Romanismus  gün- 
stigen Entwicklung  hängt  es  zusammen,  daß  die  Landrechte 
der  zu  Provinzen  gemachten  ehemaligen  Staaten  vor  dem 
Reichsrecht  immer  mehr  zurücktraten  ähnlich  wie  wir  es  im 
neuen  deutschen  Reich  erleben.  Die  Mediatisierung  der  meisten 
abhängigen  Staaten  im  Osten  durch  Vespasian  förderte  diese 
Zentralisierung.  So  ist  es  erklärlich,  daß  die  speziell  römische 
Wissenschaft,  die  Jurisprudenz,  seit  der  Kaiserzeit  Griechen 
wie  Orientalen  nach  Rom  zog;  denn  die  Kenntnis  des  römi- 
schen Rechts  war  Vorbedingung  für  alle,  die  als  Beamte  Carriere 
machen  wollten.  Der  berühmte  Rechtsgelehrte  Papinian  stammte 
aus  Phönizien,  Ulpian  aus  Tyrus,  Tribonian  aus  Side  in  Paph- 
lagonien.    Wenn  auch  das  römische  Recht  durch  den  Einfluß 
hellenischer  bes.  stoischer  Anschauungen  im  Laufe  der  Jahr- 
hunderte manche  Veränderung  erlitt,  die  Grundlage  blieb  so 
sehr  die  national-römische,  daß  als  Rechtssprache  nur  die 
lateinische  zu  verwenden  war.  Durch  den  zur  Zeit  Diokletians 
abgefaßten  codex  Gregorianus,  durch  die  folgenden  Sammlungen 
des  codex  Hermogenianus  und  Theodosianus  und  schließlich 
des  codex  Justinianeus  ward  die  einheitliche  Rechtsprechung 
nach  römischen  Prinzipien  wesentlich  gefördert13). 

Von  Byzanz  aus  unterwarf  sich  bekanntlich  der  römische 
Geist  im  Laufe  des  Mittelalters  und  der  neueren  Zeit,  indem 
er  Europa  in  einer  Art  juristischer  Renaissance,  deren  Anfang 
vor  der  humanistischen  liegt,  seine  Rechtsanschauungen  auf- 
zwang, die  Welt  zum  dritten  Male14). 

12  M  Vgl.  z.  B.  L.  Mitteis,  Reichnrecht  und  Volksrecht  108.  164 f.; 
Schulten,  Wochenschr.  f.  kl.  Philol.  1893,  11.  —  Betreffs  der  Rezeption 
des  röm.  Rechts  in  Aegypten,  dessen  hergebrachte  Verwaltuni?  wenicr 
geändert  wurde,  meint  L.  Wenger  (Berl.  philol.  Wochensch.  1907,  147), 
daß  sich  eine  Art  Kompromiß  zwischen  einheimischem  und  röm.  Recht 
vollzogen  habe.  —  Die  ägyptischen  Ergebnisse  dürfen  m.  £.  nicht  für 
den  Orient  im  allgemeinen  generalisiert  werden. 

,3)  Vgl.  Bruns  Sachau,  Syr.-röm.  Rechtsbuch,  Lei pz.  1880,  Kommen- 
tar p.  315  ff.;  L.  Mitteis,  Reichsrecht  und  Volksrecht  202;  cf.  156 ff. 

14)  Rudolph  v.  Unering,  Geist  des  römischen  Rechts  I*  Leipz.  1878, 
S.  1:  «Drei  Mal  hat  Rom  der  Welt  Gesetze  dictiert,  drei  Mal  die  Völker 


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Sprachenkampf  im  römischen  Reich. 


685 


III. 

Das  römische  Heer  war  ein  Grundstein  römischen  Wesens 
und  Ausgangspunkt  für  die  Verbreitung  desselben.  Den  „  Grac- 
culiis)u  und  Orientalen  gegenüber  behauptete  der  römische 
ßürgersoldat  im  Bewußtsein  der  herrschenden  Nation  anzuge- 
hören seine  römische  Eigenart10).  Wie  allgemein  im  Westen, 
so  war  derselbe  auch  im  Osten  in  gewissem  Grade  der  Träger 
und  Verbreiter  der  lateinischen  Sprache  — .das  romanisierende 
Element  des  Reiches  xocx'  £$oxV)v ,7).  Bei  Apuleius18)  kauu 
man  lesen,  wie  einem  griechischen  Bauern,  der  nicht  lateinisch 
▼erstand,  von  einem  Legionär  mitgespielt  wurde.  Die  den 
Legionen  beigegebenen  auxilia  gewöhnten  sich  an  römische 
Disziplin,  an  römische  Soldatenart  und  Soldatensprache.  Wie 
Arminiua  im  römischen  Lager  die  lateinische  Sprache  lernte, 
so  wahrscheinlich  früher  schon  ein  Deiotarus,  der  sich  sogar 
zwei  nach  römischem  Muster  gebildete  und  eingeübte  Legionen 
schuf.  Denn  die  Organisation  und  Bewaffnung  der  römischen 
Heere  wurde  wie  früher  die  der  Mazedonier  für  Freund  und 
Feind  —  selbst  für  einen  Hannibal  —  vorbildlich.  Der  Ein- 
wirkung orientalischer  Sitten  und  Unsitten  auf  die  im  Osten 
garnisonierenden  Legionen  suchte  man  wenigstens  in  den  ersten 
beiden  Jahrhunderten  der  Kaiserzeit  durch  Verlegung  von  Le- 
gionen in  den  Westen  und  umgekehrt19)  sowie  durch  häufigen 
Wechsel  der  Offiziere  entgegenzuwirken.  Bei  den  auxilia  da- 

zur  Einheit  verbunden,  das  erste  Mal,  als  dag  römische  Volk  noch  in 
der  Falle  seiner  Kraft  stand,  zur  Einheit  des  Staats,  das  zweite  Mal, 
nachdem  dasselbe  bereits  untergegangen,  zur  Einheit  der  Kirche,  das 
dritte  Mal  in  Folge  der  Reception  des  römischen  Rechts  im  Mittelalter 
zur  Einheit  des  Rechts;  das  erste  Mal  mit  äußerem  Zwange  durch  die 
Macht  der  Waffen,  die  beiden  anderen  Male  durch  die  Macht  des 
Geistes"  etc. 

")  Vgl.  PersiuB  V  190  f: 

Dixeris  haec  inter  varicosoe  centuriones, 
Continuo  crassum  ridet  Fulfennius  ingens, 
Et  centum  Graecos  curto  centusse  licetur. 

")  Vgl.  Gust.  Friedr.  Hertzberg,  Gesch.  Griechenlands  unter  der 
Herrschaft  der  Römer  11.  Bd.  Halle  1868  S.  155  f. 

ir)  Vgl.  auch  M.  Freudenberger,  Beitrage  zur  Naturgeschichte  der 
Sprache,  Leipz.  1900  S.  41. 

1S)  Metam.  IX  c.  39  ff. ;  cf.  Lucias,  Asin.  c.  44  ff. 

19)  Dies  geschah  auch  unter  Aurelian  s.  Groag  bei  Pauly-Wissowa 
V  1412. 


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686 


Ludwig  Hahn, 


gegen  war  man  bestrebt,  den  nationalen  Charakter  möglichst 
zu  verwischen.    Deshalb  wurden  denselben  römische  Soldaten 
beigegeben  und  römische  Offiziere  standen  häufig  an  ihrer 
Spitze.  Der  ausgediente  Auziliarier  erhielt  das  romische  Bür- 
gerrecht und  ward  so  mit  seiner  Nachkommenschaft  der  herr- 
schenden Nation  zugesellt20).  Die  Aufnahme  von  Mannschaften 
fast  aller  Nationen  des  Reichs  in  die  Legionen,  wie  sie  seit 
dem  2.  Jahrhundert  stattfand,  konnte  der  Romanisierung  nur 
forderlich  sein20     Seit  Septimius  Severus  bestand  sogar  die  Prae- 
torianergarde  in  Rom  aus  einer  Auslese  der  tapfersten  Völker 
des  Imperiums21).    Ein  ähnliches  System  der  Verteilung  der 
fremdsprachigen  Rekruten  in  deutsche  Regimenter  herrschte 
bekanntlich  bis  auf  die  neuere  Zeit  in  Oesterreich  —  nicht 
zum  Schaden  des  Reichsgedankens  und  der  Stütze  desselben, 
des  deutschen  Elements.    Wie  der  römische  Soldat  an  Rhein 
und  Donau  die  Lagerstädte  schuf,  von  welchen  aus  sich  römische 
Sitte  und  Sprache  weit  ins  Barbarenland  hinein  verbreiteten, 
so  war  es  auch  an  den  östlichen  Grenzen.  Städte  wie  Melitene 
und  Satala")  in  Kappadocien  und  Bostra23)  in  Arabien,  wo 
Legionen  lagen,  scheinen  in  der  Umgegend  in  einem  gewissen 
durch  den  Wettstreit    des  Hellenismus  beschränkten  Ma/ie 
römischem  Wesen  Eingang  verschafft  zu  haben.  Auch  Dacien 
wurde  durch  die  Soldaten  und  Veteranen  romanisiert,  obwohl 
die  Hauptmasse  der  römischen  Ansiedler  aus  Asien  stammte. 
Wir  können  ja  heute  in  unserer  Lagerstadt  Metz  beobachten, 
wie  trotz  des  zähen  Widerstands  des  im  Bewußtsein  der  B  grande 
nation*  anzugehören  hochmütig  reservierten  französischen  Ele- 
ments die  Stadt  immer  deutscher  wird.  Im  2.  Jahrh.  standen 
11  Legionen  im  Orient,  ein  ganz  bedeutendes  Gewicht  in  der 
Wagschale  des  Romanismus.   Im  3.  Jahrhundert,  als  sich  das 
Reich  in  einzelne  Nationalstaaten  auflösen  wollte,  schien  es, 
als  ob  auch  das  feste  Band  des  römischen  Heeres,  welches  das 
Reich  noch  zusammengehalten  hatte,  zerreißen  sollte.  Aber 

,0)  Vgl.  Cod.  Theodos.  VII  20,2  und  Mommsen,  Hermes  XVI  473 1 
*>•)  Aristides  rhetor  a.  a.  0.  S.  112  f. 

n)  Dio  Cass.  LXXIV  2.  —  Vgl.  Mommsen,  Die  Konskriptiongordnunp 
der  röm.  Kaiseraeit  im  Hermes  XIX  (1884)  S.  62  ff.  —  Dorsch  a.  o.  «• 

0.  S.  40. 

")  Vgl.  CIL  III  p.  2063,  2225  ff.,  2316». 
")  Vgl.  CIL  III  p.  18.  968  f.  1214.  2803. 


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Sprachenkampf  im  römischen  Reich.  687 

tüchtige  Kaiser  und  Feldherrn,  ein  Aurelian24),  ein  Konstan- 
tin, ein  Theodosius,  ein  Aetius  wußten  römischen  Geist  auch 
i  den  zum  großen  Teil  aus  Barbaren  bestehenden  Legionen  ein- 
zuflößen afi).  Tausende  von  Germanen,  von  Armins  Bruder 
Flavus  bis  auf  Stilicho,  vergaßen,  wenn  ihnen  die  Ehre  er- 
wiesen ward,  in  den  römischen  Heeresverband  aufgenommen 
zu  werden,  ihrer  Abstammung  und  Heimat  und  lernten,  wie 
noch  heute  die  Deutschen  die  meisten  Apostaten  vom  eigenen 
Volkstum  stellen,  sich  römisch  zu  geben  und  römisch  zu  fühlen. 
Daß  der  römische  Geist  in  den  romanisierten  Provinzialen  und 
dann  selbst  in  den  romanisierten  Barbaren  lange  noch  herrschte, 
als  schon  längst  kein  Tropfen  echten  Römer bluts  mehr  existie- 
ren konnte,  ist  der  größte  Triumph  römischer  Kraft.  Denn 
Rom  erwies  sich  stärker  als  Blut  und  Rasse.  Diese  Umwand- 
lung in  der  Denkart,  die  sich  infolge  des  Dienstes  im  römi- 
schen Heere,  das  der  Welt  ihre  Herrscher  gab,  vollzog,  finden 
wir  auch  bei  Orientalen.  Ein  junger  Aegypter,  von  dem  uns 
ein  Brief  in  einem  Papyrus  erhalten  ist,  schreibt  stolz  nach 
Hause,  daß  er  jetzt  römischer  Soldat  sei  und  von  nun  ab  einen 
römischen  Namen  trage26).  Ueberhaupt  dachte  auch  in  der 
Zeit  der  sog.  30  Tyrannen  niemand,  soweit  nicht  die  Reichs- 
idee und  der  Patriotismus  durch  staatsfeindliche  Ideen  des 
kosmopolitischen,  zum  Teil  durch  kommunistische  (montanistische 
und  chiliastische)  Utopien  vom  Boden  der  realen  Verhältnisse 
abgelenkten ,  überdies  durch  die  Verfolgungen  verbitterten 
Christentums  geschwächt  worden  war 27),  an  die  Auflösung  des 
den  Völkern  als  eine  Art  unantastbaren  Heiligtums  geltenden 


M)  Ueber  die  Wiederherstellung  der  militärischen  Disziplin  durch 
Aurelian  s.  Eutrop.  IX  14. 

*•)  0.  Seeck.  Geschichte  des  Untergangs  der  antiken  Welt  I.  Bd. 
Berl.  1895  S.  415. 

»•)  Vgl.  BGÜ  II  Nr.  423  (2.  Jahrh.):  Uaßoc  ßidxixov  «apA  xai- 
oapoc  xpuooäC  tP8t€  (De*  Beiner  Landung  in  Misenum)  xod  xaXftc  poi 
ioxtv  .  . .  Ion  ti  pou  övopa  'Avrövtj  Mägtpoc  (statt  des  ägyptischen  Namens 
"Artitov).  'Eppfitodui  ot  »öxopac  —  Ael.  Aristides  sagt  (a.  a.  0.  §.  75 
p.  113  Keil)  von  den  mit  der  civitas  beschenkten  Rekruten:  fioxs  xal 
aioxüv^Hjvai  xd>  XoiTtöv  aöxoOj  ixsivor>{  ?*  dveircelv,  ßdev  ijoav  xö  Apxatov. 

,TJ  Vgl.  z.  B.  Hippolyten»,  canon  13.  14,  Cyprian  ep.  1,7;  56,8, 
dann  bes.  Schriften  wie  Tertullians  Apologeticum  (s.  auch  de  cor.  z.  B. 
11)  und  des  Laktanz  De  mortibns  persecutorum.  —  Paul  de  Lagarde, 
Deutsche  Schriften,  Gött.  1892  S.  235. 


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688 


Lud  wig  Hahn, 


Reiches28).  Ein  solches  nefas  lag  den  Prätendenten  ebenso 
ferne  als  spater  einem  Odoaker  oder  Theodorich,  die  der  festen 
Ueberzeugung  waren,  daß  die  römische  Welt  dnrch  sie  erhalten 
und  yerteidigt  werde*9).  Odenathus  fühlte  sich  als  Vertreter  Roms, 
Zenobia  nannte  sich  Augusta  und  ließ  ihre  Söhne  vor  allem  in 
der  lateinischen  Sprache  als  der  Reicbssprache  unterrichten  M). 

IV. 

Den  römischen  Legionen  folgte  der  römische  Kaufmann. 
Was  mit  dem  Schwerte  erobert  war,  das  wurde  zur  Ausbeu- 
tung und  Aussaugung  dem  römischen  Kapitalismus  überliefert 
Bald  wurden  die  Provinzen  zu  Domänen  der  reichen  Kapita- 
listen der  Hauptstadt,  auf  denen  die  ehemaligen  Besitzer  ab 
Pachter  oder  Sklaven  fronten.    Wie  in  unsrer  Zeit  nicht  nur 
Indien  und  Aegypten,  sondern  selbst  das  scheinbar  unabhängige 
Portugal  fast  vollständig  in  der  Hand  des  englischen  Kapitals 
ist,  so  wurden  die  unterwürfigen  Griechen  und  Asiaten  lang- 
samer zwar  als  die  Eingeborenen  des  Okzidents  durch  Kriege, 
aber  eben  so  sicher  durch  die  Finanzpolitik  in  allen  materiellen 
\  erhältnissen  von  Rom  abhängig  und  häufig  ihrer  Existenzbe- 
dingungen beraubt  und  ruiniert.    Wie  die  Irländer  durch  den 
dauernden  Druck  der  englischen  Großgrundbesitzer  teils  zur 
Auswanderung  genötigt  teils  an  den  Bettelstab  gebracht  wor- 
den sind,  so  wurden  die  einst  so  geistesmächtigen  Griechen  in 
Sicilien  ganz  abgesehen  von  der  Raubsucht  von  Statthaltern 
wie  Verres  bes.  durch  den  immer  stärkeren  Uebergang  des 
Grundbesitzes  in  römische  Hand  der  Verarmung  preisgegeben, 
so  daß  dieser  herrliche  Zweig  griechischen  Volkstums  allmäh- 
lich abstarb.   Schon  zur  Zeit  Strabos  war  die  einst  von  volk- 
reichen Städten  erfüllte  Insel  zu  einer  von  Hirten  bewohuteu 
Einöde  geworden  —  eine  Folge  der  durch  den  echt  römischen 
Trieb  nach  Macht  veranlaßten  Gründung  mächtiger  latifundia, 
die  im  Besitze  des  Großkapitals,  wie  der  alte  Plinius  sagt. 

")  Vgl-  auch  0.  Kretschmar,  Ueber  das  Beamtentum  der  röm 
Kaiserzeit,  Ak.  Antrittsrede,  Gießen  1879  S.  60. 

w)  Vgl.  Franz  v.  Löher,  Kulturgeschichte  der  Deutschen  im  Mittel- 
alter I.  Bd.  Münch.  1891  S.  848  ff. 

80)  Trebell.  Pollio  Tyr.  trig.  30:  filioa  Latine  loqui  iusserat,  ita  ut 
Graece  vel  difficile  vel  raro  loquerentnr.  Ipsa  Latini  sermonis  non  usque 
quaque  gnara,  sed  ut  loqueretur  pudore  cohibito.  —  Joh.  Oberdick,  Die 
rOmerfeindlichen  Bewegungen  im  Orient  während  der  letsten  Hälfte 
des  3.  Jh.  n.  Chr.,  Berl.  1869  S.  85.  88. 


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Sprachenkampf  im  römischen  Reich. 


Italien  schon  ruiniert  hatten  und  die  Provinzen  noch  ruinieren 
sollten.  In  Asien  waren  Gemeinden  und  Könige  von  Schulden 
erdrückt.  Wie  es  dort  zuging,  zeigt  uns,  was  Cicero  von  den 
Salaminiern  auf  Cypern  erzählt.  Diese  schuldeten  dem  Brutus, 
der  sonst  nur  als  phrasenreicher  Freiheitsheld  und  als  repu- 
blikanischer Tugendbold  bekannt  ist,  einige  Talente.  Als  sie 
ihm  die  selbst  für  einen  Wucherer  übertriebenen  Zinsen  nicht 
zahlen  wollten,  wurden  die  Ratsherrn  der  Stadt  im  Rathaus 
von  einer  Schwadron  römischer  Reiter  solange  eingeschlossen, 
bis  fünf  derselben  verhungert  waren.  Wir  begreifen,  daß 
sich  unter  solchen  Umständen  die  Provinzialen  zu  Caesar  und 
den  Caesarianern  hielten  und  nach  der  kommenden  Monarchie 
sehnten,  was  dem  im  republikanischen  Doktrinarismus  und 
Phrasentum  befangenen  Cicero  als  ,  tnira  amentia  ■  erscheint.  Die 
Monarchie  bedeutete  denn  auch  eine,  wenn  auch  nicht  voll- 
kommene Erlösung  von  dem  rücksichtslosen  Druck  einer  selbst- 
süchtigen und  beschränkten  Aristokratie.  Der  Untergang  der 
hellenischen  Freiheit  hatte  lange  Zeit  —  und  das  war  die 
schlimmste  Folge  der  Wirkung  römischen  Wesens  —  auch  die 
geistige  Schaffenskraft  der  Hellenen,  wie  das  Beispiel  Siciliens 
zeigt,  geschwächt.  Unter  dem  Kaisertum  aber  erlebte  der 
Hellenismus  materiell  und  geistig  eine  Renaissance,  die  den- 
selben gegen  den  Roman ismus  stärkte. 

Auf  die  Zahl  der  in  eigenen  Gilden,  den  sog.  conventus^ 
vereinigten  und  fast  mit  dem  Monopol  privilegierten  italischen 
Kaufleute  im  Osten  läßt  die  Angabe  des  Valerius  Mazimus 
schließen,  daß  Mithridates  in  Kleinasien  80000  Italiker  — 
nach  Plutarch  waren  es  sogar  150  000  —  hat  ermorden  lassen. 
Auf  Delos,  dem  römischen  Emporium  für  den  Osten,  sollen 
damals  20000  Römer  getötet  worden  sein.  Diese  conventus 
wurden  in  der  Kaiserzeit  verstärkt  durch  entlassene  Veteranen, 
die  als  Händler  ihr  Brot  verdienten.  Je  mehr  jedoch  im  Ver-, 
laufe  der  Kaiserzeit  die  Provinzialen  den  cives  gleichgestellt 
wurden,  umso  mehr  verloren  die  Römer  ihr  kommerzielles 
Uebergewicht.  Ihre  Nachfolger  sind  auch  im  Westen  Syrer 
und  Juden 81).    Mit  dem  Siege  des  Christentums  zogen  viele 

81)  Vgl.  Ernst  Kornemann.  De  civibos  Romanis  in  provinciis  imperii 
conaiatentihu8fDi88.Berl.  1891,  S.  78  f.  — Friedländer,  Sitteng.  Roms  II 6  78  f. 
—  Scheffer-Boichorst,  Mitt  f.  österr.  Geschichtsforschung  Vi  (1885)  528  ff. 


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690 


Ludwig  Hahn, 


Pilger  aus  dem  Westen  nach  Palästina32)  und  blieben  zum 
Teil  als  Mönche  dort,  wie  Hieronymus,  der  seine  meisten  Werke 
in  einem  Kloster  bei  Betlehem  verfaßte.  Diese  Wallfahrer 
losten  die  Züge  der  Vergnügungsreisenden  ab,  die  in  den  Zeiten 
des  Heidentums  —  man  denke  nur  an  Hadrian  —  die  ge- 
schichtlich oder  auch  landschaftlich  merkwürdigen  Statten  in 
Hellas  und  im  Orient  bes.  in  Aegypten,  den  Engländern33)  in 
unseren  Tagen  vergleichbar,  in  Menge  besucht  hatten. 

Natürlich  fanden  mit  dem  Emporkommen  des  römischen 
Handels  auch  die  Maße  und  Münzen  der  Römer  im  Osten 
Eingang.  Die  römische  Meile  ist  schon  dem  großen  Geogra- 
phen Eratosthenes  bekannt.  Es  entsprach  dem  Zentralisierungs- 
bedürfnisse  der  Kaiserzeit,  daß  die  römischen  Maße  rechtlich 
Reichsmaße,  die  römischen  Münzen  Reichsmünzen,  der  römische 
Kalender  Reichskalender  wurde.  Doch  verfuhr  man  hierin 
nicht  mit  doktrinärer  Konsequenz ;  man  beließ  die  einheimischen 
Maße,  wo  sie  nur  den  römischen  angeglichen  werden  konnten. 
Aehnlich  wie  die  Engländer  verstanden  es  die  Römer  zuzuwar- 
ten, bis  die  Verhältnisse  ein  Fortschreiten  der  Zentralisierung 
d.  h.  der  Romanisierung  rätlich  erscheinen  ließen.  So  ward 
der  denarius  —  das  Wort  existiert  noch  heute  im  Neugrie- 
chischen, in  den  Sprachen  der  Balkanvölker  und  in  denen 
Westasiens84)  —  zu  Ungunsten  der  attischen  opax^  dieser 
gleich  gewertet,  aber  die  SpaxuV)  nicht  außer  Kurs  gesetzt. 

Die  römischen  Münzen  wurden  selbst  in  Arabien,  Indien 
und  China  bekannt;  denn  für  die  importierten  Gewürze,  Edel- 
steine und  sonstigen  Kostbarkeiten  dieser  Lander  ging  das 
römische  Geld  als  Exportartikel  ins  Ausland,  ein  Hauptgrund 


:!*)  Vgl.  Anton  Baumstark,  Abendländische  Faläatinapilger  des  ersten 
Jahrtausends  und  ihre  Berichte.  Vereinsgaben  der  Görres-Gesellschaft, 
Köln  1906. 

M)  Vgl.  hiezu  J.  P.  Mahaffy,  The  Greek  world  nnder  Roman  sway, 
Lond.  1890  p.  11:  I  imagine  tbe  Romans  to  have  held  the  place  in 
European  disfavour  wbich  the  middle  claas  Englishman  now  holde, 
who  knows  no  foreign  tongue,  reepecta  no  foreign  babit,  recognisea  no 
foreign  vir  tue,  but  walks  through  the  world  assuming  the  English 
respectability,  just  aa  the  Roman  aauumed  bis  gravi  tat,  to  be  the 
stamp  of  a  superior  race. 

*)  Vgl.  Guat  Meyer,  Sitzber.  Akad.  Wien  Bd.  182  (1895)  III 
S.  1  ff. 


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Sprachenkampf  im  römischen  Reich.  691 

der  allmählichen  Verarmung  und  späteren  Finanznot  des 
Reichs  3S). 

V. 

Was  Rom  für  die  Welt  in  religiöser  Beziehung  geworden 
ist  und  noch  ist,  das  sichert  dieser  Stadt  vor  allem  den  Titel 
der  bedeutendsten  Stadt  in  der  Geschichte  der  Menschheit.  Und 
wenn  Ihering*6)  in  der  Einleitung  zum  „Geist  des  römischen 
Rechts  ■  sagt,  daß  Rom  sich  dreimal  die  Welt  unterjocht  habe, 
durch  die  Gewalt  der  Waffen,  durch  die  römische  Kirche  und 
durch  das  römische  Recht,  so  ist  die  zweite  Eroberung  sicher 
die  dauerndste. 

Wie  nun  kam  Rom  zu  einer  so  gewaltigen  Stellung  in 
der  Religion?  Diese  Umwandlung  Roms  aus  einer  Macht  des 
Schwertes  zu  einer  geistigen  Macht  ist  eine  der  bemerkens- 
wertesten Metamorphosen  der  Weltgeschichte,  eine  Metamor- 
phose, welche  die  Weltstadt  erst  zur  ewigen  Stadt  gemacht  hat. 

Wenn  auch  Dionysios  von  Halikarnaß  meint,  es  sei  für 
alle  Untertanen  Roms  ersprießlich,  die  gewaltigen  Götter  der 
Römer  nach  deren  Weise  anzubeten,  so  ist  doch  die  altrömische, 
juristisch  formelhafte  und  gemütsleere  Art  der  Gottesverehrung 
von  den  Hellenen  und  zumal  vom  Orient,  der  Mutter  der  Re- 
ligionen, kaum  anders  als  wegen  einiger  äußerlicher  Gebräuche 
beachtet  worden.  Anders  wurde  es,  als  mit  der  Einführung 
der  Monarchie  die  tolerante,  altrömische  Götterverehrung  durch 
die  neue  Staatsreligion,  den  Kaiserkult,  zurückgedrängt  wurde. 
Durch  den  Kaiserkult,  der  allerdings  ursprünglich  nur  eine 
Nachahmung  des  orientalischen,  vom  Hellenismus  übernomme- 
nen Herrscherkultes  war,  sollten  den  zentralisierenden  Bestre- 
bungen des  Kaisertums  entsprechend  die  Volksreligionen  ver- 
dunkelt und  verdrängt  werden.  Die  neue  Reichsreligion  sollte 
wie  das  Reichsrecht  allmählich  bei  allen  Reich  sangehörigen 

")  Gf.  Mor.  Voigt,  Privataltertümer  und  Enltargesch.  d.  R.  (in 
Iwan  v.  Müllers  Handbuch  <L  klana.  Altertum»- Wiss.  4.  Bd.  2.  H.), 
Nördlingen  1887  S.897  ff.  —  Ueber  die  Bezeichnungen  e^Ytovfexagium), 
luXtapijoiov  (miliarenae),  <p<JJUtc  (follis)  ■.  Hultech,  Metrol.  *  327  f.  830. 
341.  843.  —  Kreuser,  Verb.  d.  5.  Philol.  Vert.,  Ulm  1842  S.  99.  —  Galen 
ed.  Kübn  XII  931s;  XIII  428  b,  435,  893  as. 

«•)  S.  o.  8.  684  A.  14. 

Philologe,  Sapplementband  X,  riertei  Heft.  45 


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692 


Ludwig  Hahn, 


Anerkennung  finden.    Das  Opfer  vor  dem  Kaiserbild  war  die 
Unterwerfung  unter  die  Hoheit  Roms  auch  in  Sachen  der 
Religion87).    Im  Gefolge  des  Kaiserkults  verbreiteten  sich,  die 
zu  Ehren  der  Kaiser  veranstalteten  Gladiatorenspiele,  die  von 
den  sog.  Kaiserpriestern,  den  Statthaltern  und  den  Vasallen- 
fürsten gegeben  wurden,  über  Hellas  —  in  Athen  war  zur 
Stätte  dieser  Metzeleien  das  Theater  des  Dionysos  geworden !  — 
und  über  den  ganzen  Orient.    An  den  Kaiserfesten  wurden  in 
den  Amphitheatern  des  Ostens  wie  des  Westens  Hunderte  von 
Menschen  dahingeschlachtet ,  wobei  allerdings  das  religiöse 
Moment  gegenüber  dem  politischen  erst  mit  den  Judenkriegen 
und  Christenverfolgungen  mehr  hervortrat. 

Die  Kaiserreligion  mußte  denjenigen  Volksreligionen  gegen- 
über, die  sich  ihr  nicht  assimilieren  und  unterstellen  ließen,  unduld- 
sam werden.  Das  erfuhren  zuerst  die  Juden.  Die  Erbitterung 
derselben  ob  der  Verletzung  ihrer  religiösen  Ueberzeugung 
durch  Aufstellung  von  Kaiserbildern  in  den  Synagogen  — 
Caligula  wollte  seine  Bildsäule  sogar  in  den  Tempel  Jehovahs 
bringen  lassen  —  entlud  sich  im  jüdischen  Kriege.  Die  Ver- 
weigerung des  Kaiserkults  war  dann  in  der  folgenden  Zeit  der 
Hauptanlaß  der  Christenverfolgungen. 

Nach  der  Zerstörung  der  heiligen  Stadt  des  alten  Bundes 
suchte  das  Christentum  einen  neuen  Mittelpunkt,  eine  neue 
heilige  Stadt.  Es  fand  ihn  in  Rom,  der  Stadt  der  Märtyrer, 
der  Stadt  der  Hauptapostel  Petrus  und  Paulus.  Der  Todestag 
Jerusalems  ward  sozusagen  der  Geburtstag  des  Papsttums.  In 
Rom  kam  unter  Einwirkung  der  römischen  Anschauung  von 
der  Machtfülle  und  Unabsetzbarkeit  des  magistratus  der  Un- 
terschied zwischen  Klerus  und  Laien  zu  immer  deutlicherer 
Entfaltung.  Die  Autorität  des  Bischofs  galt  für  unantastbar 
wie  die  des  römischen  Beamten.  Die  christliche  Gemeinde  in 
Rom  gilt  schon  Ignatius,  dem  Bischöfe  von  Antiochia,  der  zur 
Zeit  Trajans  als  Märtyrer  starb,  als  die  erste  der  Christenheit. 
Im  3.  Jahrhundert  wird  der  römische  Bischof  als  der  erste  des 
Reichs  hingestellt88). 

87)  Edwin  Hatch,  Griechentum  und  Christentum,  Deutsch  von  Erwin 
Preuschen,  Freib.  i.  Br.  1892  S.  15. 

M)  Vgl.  Irenaeus  adv.  haer.  III  8  und  das  Auftreten  Papst  Viktors 
1.(102-202)  im  Osterstreit;  cf.  Euseb.  H.E.  V  c.  24.  Kaiser  Aurelianus 


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Sprachenkampf  im  römischen  Reich. 


693 


Konstantin  d.  Gr.  gelang  es  zwar,  das  Christentum  durch 
kluge  Nachgiebigkeit  für  den  Staat  zu  gewinnen  oder  vielmehr, 
wie  einsichtige  Kirchenvater  erkannten39),  dem  Staate  dienst- 
bar zu  machen40),  aber  die  vom  Kaiser  aufgegebene  Borna 
schuf  sich  jetzt  im  Papsttum  eine  neue  Form  für  den  ihr  vom 
Schicksal  gegebenen  Beruf,  die  Weltherrschaft41)-  Wie  das 
Christentum  in  Rom  von  der  römischen  Idee  der  Weltherr- 
schafterfaßt wurde42),  wie  es  immer  mehr  römischen  Anschau- 
ungen und  Satzungen  sich  anschmiegte,  römische  Sitten  und 
Gebräuche  Übernahm,  wie  es  auf  Grund  römischer  militärischer 
Disziplin  und  juristischer  Konsequenz  eine  mächtige  Hierarchie 


* 

entschied  in  dem  Streite  betreffs  der  Absetzung  des  Bischofs  Paulus 
von  Saniosata  zu  Antiochia,  daß  derjenige  Bischof  in  Antiochia  sein 
solle,  den  der  Bischof  ?on  Born  und  die  von  Italien  anerkennen 
würden;  Euseb.  H.  E.  VII  30,  Ad.  Harnack,  Mission  und  Ausbreitung 
des  Christ  S.  435.  Vgl.  Ad.  Harnack,  Wesen  des  Christentums,  S.  Aufl. 
Leipz.  1900  8.  61.  72.  84  ff.  124  f.;  H.  Grisar,  Gesch.  Roms  und  der 
Päpste  im  M.-A.,  1.  Bd.  Freib.  i.  Br.  1901,  S.  242  ff.  —  Tschirn,  Zeitschr. 
f.  Kirchengesch.  XII  228  ff.  —  Th.  Keim,  Rom  und  das  Christentum, 
Berl.  1881  8.  340. 

••)  Vgl.  S.  Hilarii  ad  Constantium  Aug.  1.  I  c.  4  und  5  (Ausg.  von 
Franz  Oberthür,  Würzb.  1785)  und  bes.  c.  7  s. :  Proclamo  tibi,  Constanti, 
quod  Neroni  locuturus  fuissem,  quod  ex  me  Decius  et  Maxiniianus  audiret 
Contra  deum  pugnas,  contra  ecclesiam  saevis,  sanctos  persequeris,  .  . . 
religionera  tollis,  tyrannus  non  iam  humanorum,  sed  divinorum  es  . .  . 
Chnstianum  te  mentiris,  Christi  novus  hostis  es  etc.  c  8:  Plus  crudeli- 
tati  yestrae,  Nero,  Deci,  Maximiane,  debemus.  Diabolum  enim  per  vos 
vicimus  . .  .  At  tu,  omnium  crudelium  crudeliasime,  damno  maiore  in  nos 
«t  venia  minore  desaevis  ....Sed  haec  ille  pater  t  u  u  s  (!) 
artifex  humanarum  mortium,  docuit,  vincere  sine  contus 
melia,  iugulare  »ine  gladio,  persequi  sine  infamia,  odire  sine  suspicione 
mentiri  sine  intellegentia,  profiteri  sine  fide,  blandire  sine  bonitate 
agere,  quod  velis,  nec  mamfestare,  quae  velis  . .  .  Dem  Jul.  Firmicu 
Maternus  (De  errore  profanarum  religionum)  sind  die  Kaiser  Constantius 
und  Constans  immer  noch  saeratissimi  imperatores  (6.1;  8,4;  16, 4  etc.) 
und  Vertreter  der  christlichen  Staatskirche ;  cf.  29, 1 :  vobis,  saeratis- 
simi imperatores,  hoc  dei  summi  lege  praeeipitur,  ut  severitas  vestra 
idololatriae  facinus  omnifariam  persequatur;  cf.  16,4.  20,7.  28,6.  — 
Vgl  auch  Leo  Tolstoj,  Mein  Glaube,  übers,  von  Raphael  Löwen/eld, 
Leipz.  1902  S.  297  ff. 

»)  Euseb.  vita  Const  IV  42.  -  Vgl.  Gaston  Boissier,  La  fin  du 
paganisme  t  I  Par.  1901  p.  66  ff.  —  Th.  Preger,  Konstantinos-Helios, 
Hermes  XXXVI  462  ff.  —  Ueber  Theodosius  d.  Gr.  s.  Corp.  Just.  I  1, 1. 
—  Justinian,  der  letzte  bedeutende  Vertreter  des  alten  Reichsgedankens, 
ist  »die  eigentliche  Verkörperung  des  Cäsaropapismus';  cf.  H.  Gelzer, 
Staat  und  Kirche  in  Byzanz  199  ff 

")  Vgl.  Harnack,  Wesen  des  Chr.  154  ff.  —  Hef  ele,  Couciliengesch. 
I.  Bd.  Freib.  1885  S.  7.  80.  88.  88. 

*•)  Tschirn,  Zeitschr.  f.  Kirchengeach.  XII  217. 

45* 


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Ludwig  Hahn, 


aufbaute 4I),  wie  «eine  Heere  von  Priestern  und  Mönchen  weit 
gewaltigere  Eroberungen  machten,  als  es  in  ihren  kühnsten 
Träumen  die  Casaren  hatten  ahnen  können,  das  lehrt  uns  die 
Geschichte  des  Christentums  im  Mittelalter.  Winfried,  der 
romanisierte  Angelsachse,  und  Hildebrand,  der  romanisierte 
Langobarde,  leisteten  für  Rom  und  Romanisierung  weit  Grös- 
seres und  Dauernderes  als  die  Scipionen  oder  ein  Cäsar.  Die 
Kirche  hatte  aber  ihre  in  römischem  Geiste  erzeugte  Organi- 
sation und  Rüstung  gegenüber  der  ringsam  andrängenden 
Barbarei  als  einziges  Schutzmittel  für  die  im  Christentum  er- 
haltenen Reste  der  antiken  Kultur  unbedingt  nötig.  Was 
wäre  aus  der  Kirche  und  aus  der  in  ihr  gehaltenen  Lehre 
Christi  ohne  jene  gewaltige  Kampfesorganisation  geworden,  die 
wie  alles  Große  in  der  Welt  auf  der  geistigen  Kraft  einzelner 
hervorragender  Persönlichkeiten  aufgebaut  war  ?  Sie  bedeutete 
den  Schutz  gegen  Verweltlichnng  im  schlimmsten  Sinne,  wie 
sie  etwa  die  verkor  amene  Kirche  des  Merowingerreiches  zeigt. 

VI. 

In  welchem  Maße  und  Grade  nun  der  Romanismus  im 
Osten  Einfluß  gewonnen  hat,  das  läßt  sich  am  genauesten  an 
der  Sprache  erkennen.  Bei  dieser  Untersuchung  sind  vorzüg- 
lich zwei  Fragen  zu  beantworten.  Erstens:  „Welche  Erobe- 
rungen machte  die  lateinische  Sprache  im  Osten  ?■  und  zweitens : 
»Wieweit  ging  die  Latinisierung  der  hellenischen  bez.  der 
orientalischen  Sprachen  **)  ?* 

Schon  in  einem  der  platonischen  Briefe,  die  wahrschein- 
lich im  dritten  Jahrhundert  v.  Chr.  geschrieben  sind,  wird  die 
Befürchtung  ausgesprochen,  daß  die  Sprache  der  Griechen  des 
Westens  entweder  der  punischen  oder  der  der  Opiker  d.  h. 
der  Römer  erliegen  werde.  In  der  Zeit  der  Republik  war  die 
offizielle  Sprache  des  römischen  Beamten  im  Verkehr  mit 
Griechen  die  lateinische,  was  Valerius  Maximus  eigens  hervor- 

**)  Wilh.  Soltau,  Das  Fortleben  des  Heidentums  in  der  altchrist- 
lichen Kirche,  Berl.  1906.  S.  210  ff.  —  Ed.  Rabaud,  Altheidnieche  Wur- 
zeln im  katholischen  Kultus,  deutsch  v.  G.  L.  (cf.  Lit  Z.  -  Bl.  L  1699) 
war  mir  nicht  zugänglich. 

**)  Vgl.  auch  Albert  Thumb.  Die  griech.  Sprache  im  Zeitalter  de» 
Hellenismus,  Straßb.  1901  S.  152  ff.  und  L.  Lafoscade,  InBuence  da  latin 
sur  le  grec  a.  o.  a.  0.  S.  100  ff. 


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Sprachenkampf  im  römischen  Reich. 


695 


-  bebt.    Cato  der  Aeltere  hielt  zur  Zeit  des  Krieges  mit  Antio- 
chus  eine  lateinische  Ansprache  an  die  Athener.    Nach  der 

r  Schlacht  hei  Pydna  verkündete  Aemilius  Paulus  den  Macedo- 
■2  niern  die  Beschlüsse  des  Senats  in  der  Sprache  Roms.  In 

-  solchen  Fällen  waren  natürlich  Dolmetscher  nötig.  Der  erste 
„  Grieche,  der  ohne  Dolmetscher  im  Senate  gehört  wurde,  war 
s  wahrscheinlich  Apollonios  Molo.    Dem  Cicero  wurde  es  noch 

zum  Vorwurfe  gemacht,  daß  er  vor  dem  Rate  von  Syrakus 
j.  griechisch  gesprochen  habe.     Die  Senatsbeschlüsse,  die  an 
c  Griechen  ergingen,  die  Erlasse  der  Statthalter,  die  Verord- 
nungen der  Kaiser  waren  im  Urtext  lateinisch  abgefaßt  **). 
,   Eine  wörtliche  griechische  Uebersetzung  wurde  von  Amts  wegen 
3  in  Rom  besorgt  und  beigegeben.    Dies  war  in  der  Kaiserzeit 
,  die  Aufgabe  der  Beamten  der  griechischen  Kanzlei Kon- 
t   stantin  d.  Gr.  verfaßte  seine  Reden  in  lateinischer  Sprache, 
dann  wurden  sie  von  eigens  dazu  bestimmten  Beamten  ins 
Griechische  übersetzt47). 

- 

Die  Heeressprache  war  selbst  in  Aegypten,  das  nicht  als 
Provinz,  sondern  als  dem  Reiche  angegliederte  Domäne  des 
i    Kaisers  galt  und  nach  dem  von  den  Ptolemäern  überkomme- 
nen System  unter  Beibehaltung  der  griechischen  Amtssprache 

*»)  Vgl.  z.  B.  Eub.  H.  E.  IV  8  extr.  X2,2;  5;  Ath.  Mitt.  XXVII 
(1902)  82;  Dirksenl  48  f. ;  CJL.  III  852.7000  die  Epistula  Ablabii  praef. 
praet.  Orientis  ad  Orcistenos  und  das  Rescriptum  Constantini  Maximi. 
filiorumaue  ad  Orcistenos  a.  8S1  (cf.  Mommeen,  Herraes  XXII  (1887) 
S.  809  n.) ;  L.  Mitteis,  G riech.  Urkunden  der  Papyrussammlung  zu 
Leipzig,  1.  Bd.  Leipz.  1906,  Nr.  44  (Lateinisches  Reskript  des  Diokletian 
Uber  die  Privilegien  der  8chauspieler  und  Athleten];  A.  8chulten,  Zwei 
Erlasse  des  Kaisers  Valens  Uber  die  Provinz  Aaia  in  d.  Jahresheften  d. 
ftsterr.  arch.  Inst  IX  (1906)  40—70,  bespricht  den  lat.  Erlaß  an  Eutropius, 
wahrscheinlich  den  Verfasser  des  Breviarium,  dann  einen  lat.  Erlaß 
an  Festos  mit  griech.  Uebertragung.  Letztere  schien  nötig,  weil  der- 
selbe auch  für  die  Provinzialen  von  Wichtigkeit  war. 

*•)  Notitia  Dignitatum  Or.  c.  XVII  §  4  (ed.  Böcking  1 50):  Magister 
epistolarum  Graecarum  eas  epistolas,  quae  graece  emitti  solent,  aut  ipse 
dictat  aut  Latine  dictatas  transfert  in  Graecum.  Eunap.  v.  soph.  ed. 
Boissonade  p.  177  sagt  von  Nymphidianos :  6  Äs  aoroxpiTcop  looXtÄvic, 
aih$  xal  rrjv  ßaoOUxty  fl&vm  enixpB^e,  xal{  imcnoXal^  exiar^oac,  fioai 

of.  p.  108.  —  Har.  Steinacker, 
Die  röm.  Kirche  und  die  griech.  Sprachkenntnisse  des  frühen  M.-A.  in 
der  Festschr.  Theod.  Gomperz  dargebracht  zum  70.  Geburtstage,  Wien 
1902,  8.  889.  —  Ed.  Dirksen,  Civilistische  Abhandlungen,  Berl,  1820,  I  53. 

4T)  Bueeb.  vita  Const.IV  32;  cf.  III  18.C.Fr.  Weber,  De  latine  scriptis, 
quae  Graeci  veteres  in  linguam  suam  transtnlerunt,  park  II,  Cassel 
1848  S.  1. 


I 


* 


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696  Ludwig  Hahn, 

verwaltet  ward,  lateinisch)  wie  z.  B.  die  durch  Papyri  erhal- 
tenen. Fragmente  eines  römischen  Militärarchivs  erweisen  **). 
Noch  am  Ende  des  5.  Jahrh.  ist  die  Komniandosprache  im  by- 
zantinischen Heere  die  lateinische4*).  Die  offiziellen  Inschriften 
von  Beamten  und  Offizieren,  auch  die  römischer  Kolonien w) 
sind  im  Orient  lateinisch »).  Doch  findet  sich  häufig  eine 
griechische  Uebersetzung  beigegeben.  Ebenso  waren  die  Auf- 
schriften der  Reichsmünzen  lateinisch,  die  der  Provinzial münzen 
sind  bis  auf  Trajan  meist  lateinisch  oder  doppelsprachig.  Grie- 
chische Buchstaben  als  Wertbezeichnung  auf  Münzen  erscheinen 
erst  unter  Kaiser  Anastasios  (491—518),  eine  griechische 
Legende  erst  unter  Heraklios  (610— 641) M).  Aehnlich  ist  es 
mit  den  Meilensteinen68). 

Lateinisch  war  auch  die  Sprache  des  römischen  Rechts. 
Die  Anwendung  dieser  Sprache  war  schon  durch  den  Gebrauch 
der  üblichen  verba  legitima  bedingt54).  Diese  werden  noch  in 
den  Novellen  und  in  der  im  6.  Jahrhundert  gefertigten  grie- 
chischen Paraphrase  der  Institutionen,  die  den  Namen  des 
Theophilos  trägt,  lateinisch  wiedergegeben.  Man  vergleiche  z.  B. 
Ausdrücke  wie  „ärcep  yap  divini  iuris  ioxtv*  oder  „aö-rn  yap  non 
iure  civili  facta  fcottv 8  oder  »  xb  iuris  gention * , ,  Suvaxat  usucapere  ■ , 
„  excusateueoO-toaav 8  oder  ,  V)  emancipata  ^uydiTjp  66). a  Was  dem 

**)  Jul.  Nicole  et  Ch.  Maret,  Archives  militaires  da  premier  siecle, 
Geneve  1900.  —  Vgl.  Blümner,  N.  Jahrb.  III  (1900)  432  ff.  und  Archiv 
f.  Papyrusforschung  III  (1904)  1  ff. 

*•)  Zachariae  von  Langenthal  in  der  Byz.  Zeitschr.  III  487  ff.,  J.  B. 
Bury,  A.  history  of  the  later  Roman  empire  Lond.,  1889,  II.  Bd.  c.  7. 
p.  172.   Cf.  o.  S.  714. 

l0)  Vgl.  z.  B.  CIL.  III  p.  3  und  CIL.  III  n.  165  f.  aus  Berytus,  284  f.  ans 
Germe,  289  f.  296  ff.  aus  Antiochia  in  Pisidien,  835  aus  Aparaea  (Myrlea\ 
629  ans  dem  Municipinm  Stobi.  —  Cf.  CIL.  III  n.  6786.  6810  ff.  6835  ff. 
6873.  6889.  7168  ff.  —  Kubitschek,  Wiener  Studien  XXIV  (1902)  S.  580. 

")  Vgl.  auch  Angust  De  civit.  Dei  XIX  7:  At  enim  opera  data 
est,  ut  imperiosa  civitas  non  solum  iugum,  verum  etiam  linguam  suam 
domitis  gentibns  per  pacem  societatis  inponeret. 

")  Vgl.  Lafoscade,  Infi.  185.  —  Krumbacher,  Gesch.  d.  Byzant 
Litt«  S.  4. 

M)  Cf.  z.  B.  CIL.  III  204  ff.  218  f.  226  ff.  306  ff.  344  ff.  463  ff.  572  f. 
708  ff.  6683.  6648 ff.  6715  ff.  6893  ff  6956  f.  —  O.  Hirschfeld,  Die  röm. 
Meilensteine,  Berl.  Sitzber.  1907,  165  ff. 

M)  Cf.  Modestinus,  Dig.  XXVII  (de  excus.)  1, 1  und  Weber  a.  o. 
a.  O.  I  25. 

bt)  Triantaphyllides,  Lexique  des  moU  Latins  dans  Theophile  et 
les  novelles  de  Justinien  bei  Jean  Psichari,  Etudes  de  philologie  neo- 
grecque,  Par  1892,  S.  159  ff.  255  ff.  —  S.  auch  Krumbacher,  Byz.  Zeitschr. 
VII  (1898)  467. 


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Sprachenkampf  im  römischen  Reich. 


697 


Volksrecht  überlassen  blieb,  wurde  im  Osten  zumeist  griechisch, 
was  römischen  Rechtes  war,  wohl  zumeist  lateinisch  mit  Beiziehung 
von  Dolmetschern  verhandelt.  Den  Gebrauch  der  lateinischen 
Sprache  vor  Gericht69)  veranschaulicht  uns  auch  ein  in  einem 
Papyrus  erhaltenes  Protokoll  aus  dem  4.  Jahrhundert57).  In  der 
Kaiserzeit  wurde  allerdings  sogar  im  Senate  Zeugen  auch  in 
griechischer  Sprache  Gehör  gewährt,  obwohl  Kaiser  wie  Tiberius 
und  Claudius  möglichst  auf  der  Anwendung  der  Reichssprache 
bestanden  zu  haben  scheinen. 

Ein  wichtiger  Faktor  für  die  Verbreitung  der  lateinischen 
Sprache  im  Osten  war  ferner  der  Handel.  Ueberall,  auch  in 
kleineren  Städten,  blühten  die  conventus  civium  Bomanorum  M). 
Die  Inschriften  derselben  sind  zum  großen  Teil  lateinisch  oder 
doppelsprachig  abgefaßt.  Plutarch  erklärt,  daß  zu  seiner  Zeit 
fast  alle  Menschen  die  lateinische  Sprache  gebraucht  hätten, 
was  wohl  so  aufzufassen  ist,  daß  man  damals  die  lateinische 
Sprache  überall  sprechen  hörte  und  sich  in  ihr  verständigen 
konnte.  Die  große  Anzahl  bilinguer  Inschriften  bestätigt 
Plutarchs  Angabe.  Doch  blieb  die  eigentliche  Verkehrssprache 
im  Osten  des  Reichs  immer  die  griechische. 

Andererseits  unterlagen  Griechen  und  Orientalen,  wenn 
sie  sich  längere  Zeit  im  Westen  aufhielten,  naturgemäß  der 
Einwirkung  des  Romanismus  und  der  lateinischen  Sprache. 
Mochten  sich  die  in  Rom  und  in  anderen  größeren  Städten 
des  Westens  wohnenden  Angehörigen  fremder  Nationen  auch 

M)  Vgl.  auch  Philol.  LX1I  (1903)  133  ff.  (0.  Crusius,  Lateinische 
Schrift  in  griech.  Texten),  wo  z.  B.  angefahrt  Zosim.  V  41  p.  271 
Mendelss:  .  .  .  xf,$  &vdps'.ac  r)v  xaXoftat  'Pojjaoäoi  Virtutem.  —  In  einem 
von  Mylasa  (BCH.  XX  [1896]  542)  erscheint  im  griech.  Text 
Bucclam(atum)  est  (Zeit  des  Septim.  Severus).  —  Krumbacher,  Byz. 
ZeitHchr.  VII  (1898)  S.  467.  —  C.  W.  J.  Heimbach.  Art.  Griech.  —  röm. 
Recht  in  Ersen  und  Grubers  Encykl.  Bd.  86  S.  198.  224.  227  f.  281  ff. 
235  ff.  Beispiele  aus  den  juristischen  Fragmente  Sinaitica  (2.  Hälfte  d. 
5.  Jahrh.)  s.  bei.  M.  R.  Dareste,  Fragments  inödits  de  droit  romain 
d'apres  un  xnanuscrit  du  mont  8inal  im  Bull,  de  correap.  hell.  IV  (1888) 
449—460,  z.  B.  8.  457 :  Legitimos  oft  öuvaxat  legitimo  ÄXXcp  in  iure  cedere 
rrjv  ftmTßoiryjv,  oöre  oföv  ts  atkiv  xal  legitimon  ttvat  xal  cessitium.  — 
Cf.  auch  Triantaphyllides  a.  o.  a.  0.  p.  174  ff.  —  Kreuser  a.  a,  0.  120. 
—  O.  Jmmiscb,  De  glossis  lexici  Hesychiani  Jtalicis,  Diss.  Leipz.  1885 
S.  350  ff. 

*7)  Bei  L.  Mitteis,  Griech.  Urkunden  der  Papyrussammlung  zu  Leip- 
zig, Leipz.  1906  Nr.  40.  8.  u.  S.  701  Anm.  77. 
*)  vgl.  Kornemann  bei  Pauly-Wissowa  s.  v. 


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698  Ludwig  Hahn, 

national  zusammen  —  und  gegen  das  Römertum  abschließen,  wie 
«s  jetzt  die  Slaven  in  Wien  gegenüber  dem  Deutschtum  zu  tun 
versuchen,  die  einheimische  Sprache  drängte  sich  ihnen  wenigstens 
in  der  Folge  einiger  Generationen  auf.  Allerdings  haben  die 
Christen  in  Rom  bis  in  das  dritte  Jahrhundert  die  griechische 
Kultsprache  beibehalten  69),  aber  das  Griechische  war  für  die- 
selben als  Sprache  des  N.  T.  eine  heilige  Sprache 60)  und  eine 
solche  erhält  sich  bekanntlich  wie  z.  B.  das  Sanskrit  oder  das 
Hebräische  auch  dann  noch  lange,  wenn  sie  sonst  schon  längst 
als  eine  im  praktischen  Leben  nicht  mehr  übliche  zu  betrachten 
ist.  Wien,  das  an  der  Peripherie  des  deutschen  Sprachgebietes 
liegt,  ist  ein  Germanisierungsfaktor  ersten  Ranges.  Rom,  das 
mitten  im  italischen  Sprachgebiete  lag,  das  mehr  Zuzug  aus 
dem  Westen  als  aus  dem  Osten  erhielt,  muß  eine  mindestens 
gleiche  Wirkung  ausgeübt  haben.  In  Rom  lernten  abgesehen 
von  Sklaven  und  Freigelassenen  viele  griechische  Gelehrte  die 
Sprache  der  Sieger,  ebenso  Geschichtschreiber  wie  Dionysios 
von  Halikarnaß,  Diodor,  Piutarch,  Arrian61),  AppianM),  Dio 
Cassius03),  Herodian"),  Eusebius65),  Zosimus68),  der  Kirchen - 

*•)  Vgl.  C.  P.  Caspari,  Quellen  »ur  Gesch.  des  Taufsymbols  Bd.  III. 
Christiania  1874  S.  304  f.  409.  428.  435.  437.  450.  463  f.  -  Har.  Stein- 
acker a.  o.  a.  0.  S.  324  ff. 

■■)  Bezeichnend  für  die  Unantastbarkeit  der  Sprache  des  N.  T.  ist, 
was  Soaomenos  (H.  E.  I  11)  erzahlt  Als  ein  christlicher  Redner  statt 
des  von  den  Attesten  beanstandeten  xpdßßaxog  das  für  klassisch  gel- 
tende oxlpnouc  (cf.  Lobeck,  Phrynich.  62)  gebrauchte,  wurde  ihm  ange- 
rufen: 06007*  tystveov  toö  xpdßßaxo*  (er.  Marc.  2, 12:  dpag  xöv  xpäßßa- 

XOV  |PfJ?.dsv)  SlpTIXOTOg. 

•l)  Peripl.  Pont  Eux.  VI  2,  XI.  Cf.  Tact.  20:  ^jvnvo  «Po^loi 
&  X  yj  v  xaXcGoi. 

•j)  Prooem.  15,  B.  C.  IV  8—11 ;  cf.  II  146 ;  cf.  Weber  a  0.  a.  O.  I 
49.  Vgl.  <pXau.«vx<xc  =  flamen  B.  C.  165,  Ivxspprjg  B.  C.  I  98, 
lYxooiXlvoc  =  inquilinus  B.  G.  II  2V  xo  opia  B.  C.  III  94  mit  Er- 
klärung; cf.  Ludwig  Götzeier,  Quaestiones  in  Appiani  et  Polybii  dicendi 
gen us,  WÜreb.  1890  8.  7  f.  82  ff.  und  bes.  74.  —  Lafoscade,  Infi.  110.— 
Mdpxoo  *Avxo>v(voo  xA  sie  fcaoxöv  (ed.  Jo.  Stich)  15  xaX|iooXApioc  fj 
oxootdptoc,  116  oötpvdxXog  ...  oxoXaoxixoc,  VII  8  oi^tX- 
Xdpta  veupocTCaaro'jixeva.   

*)  LV  8,  4—5:  aöxxcoptxac  iylfvs-zo  mit  Erklärung,  XLVIII 
12, 3 :  ßooXtjv  xaXiY&xav  dxo  xffc  "töv  oxpaxuotivujiv  ö-oÄ^ixwv  xpr^vag, 
LXXI,  9  xaXoOoi  oe  xö  xdrjia  ot  Taxiertet  X  e  y  e  ö  v  tx ,  XXXV  II  27:  xö  ötj 
Xrröusvov  xspÖo»sXX£a>voc  6  Taßlptoc  «xpifrij, LX VIII 28, 1 :  Cxxtjioc 
=  Äpioxog,  XLIII  1,33:  Öt xxattopeöco,  LXXU  19,2:  xoff  osxofcxwpog 
xaXou|i6vou  etc. 

•*)  Vgl.  Ludw.  Gfttaeler,  Observationes  Herodianeae,  Würzb.  1888 
S.  4  ff.  Cr.  Herod.  V  4, 9  die  Erklärung  von  xpatxcop tavög.  —  Jnl.  de 
Poblocki,  De  Herodiani  vita,  ingenio,  scriptis,  Diss.  Münster  1864  S.  29  ff. 


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Sprachenkampf  im  römischen  Reich.  699 


LT 


1* 


3 


der  lateinischen  Sprache  kundig.  Wer  von  Griechen  oder 
; :      Orientalen  in  Rom  oder  an  der  berühmten  Rechtsakademie  der 

romischen  Kolonie  Berytus  69)  sich  mit  dem  Studium  des  Reichs- 
,:      rechte  befassen  wollte,  der  mußte  zuerst  Lateinisch  lernen70). 

•»)  Vgl.  S.  700.  —  Cf.  auch  Ens.  H.  E.  V4:Xsy«öv<x...  xspao- 
voßöXov  t§  Twpizüflv  iroxXijd-sloav  ?<0V$  (Erzählung  von  der  sog.  legio 
fulnrinatnx);  vgl.  V  5:  ixl  xf)c  MsXixqvfjc  oöxa>  xaXoouivijc  Xi^eßvoj; 
H.  E  IX  5 :  oxpatoitefidpx^C,  8v  8  o  0  x  a  Twfiorta  rcpooaYopsöoooiv  etc.  Vgl. 
Kreuser,  Verh.  d.  5.  Vers,  deutscher  Philol.  etc.   Ulm  1842  8.  102. 

—  Latinismen  bei  Julianus  Apostata:  ep.  25  ('Ioyöaitov  x$  xoiv$):  itopl 
itapitoxa  xd  ß  p  i  ß  i  &  xd  xafr'  öjiöv  iv  xotc  tuotc  9«piv(ot(  ditoxs{u*va, 
ep.  43:  Ev'  slg  tjjv  ßao&stav  x&v  oöpavöv  suodwxspov  icopsu&ant  (ot  *v  Tg 
'E5doqj  raXtXatot)  ....  ixsXsöoajisv  .  .  .  xd  xr^iaxa  xotg  ^usxipoig  rcpoo- 
-is^vat  itptßdxotg,  tva  ravöuavoc  ooxfpovÄai  xal  jitj  oTspr^iaiv,  IX«£- 
£gooiv  oipaviou  ßaoiXsiac.  —  Gg.  Brambs,  Studien  zu  den  Werken  Julians 
d.  A.  I,  Progr.  Eichstätt  1897  8.  12. 

8Ä)  Weber  II  30  f.  —  Vgl.  auch  Zos.  II  9 :  xoöc  itspi  xtjv  aöX*jv  oxpaxtt&xas, 
oög  wp  a  t  x a>  p  t  a v  o  u  5  xaXoÖotv;  cf.  II  17:  xoug  tk  itpouxo>ptavo6c 
oxpaxuoxac;  II  25:  ^)Y*(Aiva  xßv  iv  aöX$  xd£tu>v  5vxa  —  jidytoxpov 
xoffxov  d<p9ix(ttv  xaXoOoi  'Ptou.atot,  V  32:  xöv  dou.sax{xa>v  xdyuaxo^ 
.  .  .  .  xßv  iv  xfj  aöXfl  xd^wov  udYiotpo«  .  .  .  d  xd  ßaatXsl  ÖoxoOvxa 
xsxaypivogözayoptöstv,  8v  xoalattop«  xaXstv  oJ  dxö  Ka>voxavx(vou 

'5  ie3(öxaot  XP^voi,  H  88  xßv  Xsyousvmv  $ot>xftv,  II  38  extr.  drcsYpd- 
<|;axo  8e  xd$  xöv  Xaptpoxdxcov  oöotac  xiXog  im$t££,  tiravi  qpöXXiv  aöxe-g 
dTt^xev  övoua,  Ii  89:  xoö  Xsyouivov  va>ßsXica£u.oo,  II  40:  xoa 
ic a x p t x ( 0 d.   Vgl.  noch  die  Erklärung  von  oxouxdptoi  (III  29), 

5  0  T  *  €  Ufid  novxCqpig  |i  d  {;  t  p  o  5  (IV  86),  xptßoOvog  (V  40)  and  V 
81  xotg  xaXoujidvotc  (AiXlocc,  V  34  extr.  xoö  XsyouIvoo  voxaptcov 

*  xptßoövouetc 

t  Weber  II  6.  —  üeber  Sozomenoa  s.  ibid.  II  22  f. 

**)  Vielleicht  anch  Lucian;  cf.  6n*p  xoO  iv  xfl  «pooayops'jcst  itxa£- 
f         opaxoc  §  18:  st  xt  xd^d)  r9)g  *Pok>ä£<öv  ^tuvr^  fc:iata>,  xoü$  icpoootYOpsöovxac 

dvuSEgioäfisvoc  x$  xfjc  ÖYtsiac  dvöjiau  icoXXdxt;  djiBtßso^.  Vgl.  auch  Gell. 

XIX  9  und  überh.  Bernhardy,  G riech.  Litt. 'IS.  565.  —  Im  Traumbuch 
5         des  Artemidor  (Zeit  Hadriane)  finden  sich  lat.  Termini  für  Gladiatoren 

(II  82):  osxobxwp,  0ijxiiptoc,  «poßoxdxap,  (dooiddpiog  uop- 

u-CXXcov):  cf.  auch  IV  59:  xfjg  oörta«  6«o  xoO  <p(oxoo  xaxaXr^e'.oiflc;. 

—  Lafoscade,  Infi.  a.a.O.  127.  8.  überh.  Weber  a.  a.  O.  I  Uff.  II 80  tf . 
••)  C.  W.  J.  Heinibach  bei  Ersen  und  Gruber   Bd.  86  8.  224. 

227  f.  Benzinger  bei  P.-W.  III  322.  —  Vgl.  Bruns-Sachau,  Syr.-röm. 
Rechtabuch,  Leipz.  1880,  Kommentar  8.  327.  —  Nestle,  Berl.  philol. 
Wochschr.  1905,  284.  —  Expositio  totius  mondi  et  gentium  ed.  Alex. 
Riese  in  d.  Geogr.  gr.  min.  c.  25:  Berytus  civitaa  valde  deliciosa  et  au- 
ditoria  legum  habens,  per  quam  omnia  iudicia  Romanorum  stare  viden- 
tur.  Inde  enim  viri  docti  in  omnem  orbem  terrarum  adsident  iudioibus 
et  scientes  le^es  custodinnt  provincias  etc. 

^  Philottrat,  vit.  sonh.  II  98, 27.  —  Gregor.  Thaumaturg.  ed. 
Ger.  Vossius  p.  186.  —  Liban.  ep.  582  an  KXiapxog:  looXt«vd>c  obzooL- 
TtpÄxoc  usv  iv  'EXXddt  <pe>vfl,  xpöxoc  tk  4v  x^j  xäv  xpaxoövxrov,  xX^pyjc 
vöjiwv  ...  —  Rauschen,  Griech.-rom.  Schulwesen,  Progr.  Bonn  1900 
8.  17.  24.  —  Liban.  1  184,  20  R;  G.  R.  Sievers,  Das  Leben  des  Libanins, 
Berl.  1868,  8.  17.  162  ff.  188.  —  Lafoscade,  Inflnence  du  Latin  sur  le 
Grec  a.  a.  O.  p.  99.  124  f.  —  Nestle,  Berl.  philol.  Wochschr.  1905,  284. 


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700  Ludwig  Hahn, 

Der  lateinischen  Literatur  gegenüber  verhielten  sich  die  bil- 
dungsstolzen Hellenen  ebenso  ablehnend  wie  die  Franzosen 
gegenüber  der  deutschen  Literatur  im  Mittelalter  trotz  eines 
Walther  und  Wolfram706).  Doch  übersetzte  zur  Zeit  Hadrians 
der  Sophist  Zenobios71)  die  Werke  Sallusts,  Paianios,  wahr- 
scheinlich ein  Schüler  des  Libanios,  das  ßreviarium  des  En- 
tropius 7a).  Der  Kirchenhistoriker  Eusebius  ist  der  Uebersetzer 
der  als  Prophezeiung  auf  den  Sieg  des  Christentums  aufgefaßten 
vierten  Ekloge  des  Vergii  und  zweier  lateinischer  Reden  des 
Konstantin78).  Zosimos  schrieb  zwar  griechisch,  ist  aber  in 
seinem  Denken  völlig  romanisiert  wie  Polybios.  Ammianus 
Marcellinus,  der  Fortsetzer  des  Tacitus,  war  ein  Grieche  aus 
Antiochia,  und  Claudian74),  einer  der  lebensvollsten  lateinischen 
Dichter,  der  Sänger  der  Taten  des  Stilicho,  stammte  aus  Ale- 
xandria. Die  Werke  des  Sulpicius  Severus  fanden  auch  im 
Orient  weite  Verbreitung76).  Lehrbücher  zur  Erlernung  der 
lateinischen  Sprache  für  Griechen,  nach  Art  unserer  Sprach- 
führer gestaltet,  waren  vielfach  im  Gebrauch76). 

70  b)  Aber  die  Wohlfahrtswirkung  des  imperium  BomanuM  erkannten 
anch  einseitige  Hellenen  an ;  cf.  des  Aelius  Aristides  Rede  sie  'Pa\xr^, 
den  weltgeschichtlichen  Dankhymnus  der  Besiegten  auf  die  Siegerin. 

7I)  Suidas  s.  v.  Zigv&ßtog;  cf.  s.  v.  'Appcav^,  der  jiexri<ppaoiv  s&r/ 
rstopftxöv  xoO  BspyiXXCou  smxftc  verfaßte.  —  Der  hellenisierte  Gallier 
Favorinus,  der  bedeutendste  Sophist  zur  Zeit  Hadrians,  kannte  und  er- 
klärte Vergii  (GeHius  XVII  10).  Derselbe  sagt  dort  (XX  1)  von  sich: 
Non  enim  minus  cupide  tabulas  istas  duodeeim  legi  quam  iilos  duode- 
eim  libros  Platonis  de  legibus;  cf.  XIII,  XIII  25  etc.  —  Kannte  Quin - 
tus  SmyrnauB  den  Vergii?  (Cf.  Christ,  Gr.  Litt4  653).  —  Selbst  in  die 
griech.  Dichtung  schlichen  sich  lat.  Lehnwörter  ein ;  cf.  Kaibel,  Epigr. 
gr.  622,4  aus  Rom:  üionv  §x<öv  TaßoöX-yjg  XP^"10?  Aöoovioo  (Zeit  der 
Antonine);  350,  2  ;  851,  2 ;  440,  3;  607, 4. 

7»)  Eutropii  breviarium  cum  metaphrasi  graeca  Paeanii  rec.  Chr. 
Cellarius,  Jena  1698.  (Darin  11, 3:  csvdtopac  a£>xoi>;  xaXsaac  xxt* 
xtjv  ItaXöv  cf (üviJv,  II  8,  1  Xsysövsg  xaxa  tyjv  aixöv  xaXoÖvxai  cfauYTjV, 
IX  9, 7  Öifjvdpioc;  cf.  auch  II  3, 6.  —  Ernst  Schulte,  De  Paeonio 
Eutropii  interprete  im  Philol.  1870  S.  285  ff. 

")  Euseb.  vita  Const.  IV,  29 — 33  und  ad  Sanctorum  coetum  oratio 
19,4.  Vgl.  Ad.  Barnack,  Gesch.  d.  altchristl.  Lit.  I  2,  879.  S.  auch  Gg. 
Brambs,  Blätter  f.  d.  Gymn.  Schulwesen,  herausgeg.  vom  bajer.  Gymna- 
siallehrerverein, Münch.  1906,  S.  398  und  P.  Pfattiscb,  ibid.  1907  8.  60  ff. 

74)  Vgl.  Kaibel,  Inscr.  Graec.  Sic  et  It  (=  I G  XIV)  1074  aus  Rom 
betr.  der  „Claudiano,  praegloriosissimo  poetarum",  auf  dem  forum  Traiani 
errichteten  Ebrenstatue.    Schluß  der  Inschr. : 

Elv  fevl  BipYtXioto  v6ov  xal  uoOoav  'Oji^pou 
KXat>&av6v  'Päut)  xal  ßaotXi);  idsoav. 

7»)  Sulpic.  Sev.  Dial.  I  28. 

76 )  Löwe-Götz,  Corpus  glossariorum  Latinorom  Bd.  III  (Hermeaeu- 


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Sprachenkampf  im  römischen  Reich.  701 

Mit  der  Einführung  der  absoluten  Herrschaft  durch  Dio- 
kletian waren  der  Romanisierung  neue  Bahnen  eröffnet.  Aegyp- 
ten wurde  damals  auch  formell  dem  Reiche  einverleibt  und 
damit  dem  stärkeren  Drucke  des  Romanismus  und  der  Reichs- 
sprache77) Uberliefert78).  Da  die  Zahl  der  Beamten  infolge 
der  strafferen  Organisierung  des  Reichs  immer  größer  wurde 79), 
Beamter  aber  nur  der  werden  konnte,  welcher  lateinisch  ver- 
stand, so  ward  der  Einfluß  der  lateinischen  Sprache  immer 
stärker.  Die  Kenntnis  des  Lateins,  sagt  Libanios80),  bringt 
Reichtum  und  Ehren.  Die  Verlegung  der  Residenz  nach  Kon- 
stantinopel bedeutete  eine  erneute  Invasion  des  Romanismus 
und  seiner  Sprache.  Konstantin  d.  Gr.,  der  seinen  Soldaten 
den  Gebrauch  der  lateinischen  Sprache  vorschrieb  81),  der  selbst 
vor  den  zu  Nicäa  versammelten  Kirchenvätern  sich  der  Reichs- 


mata  Pseudodositheana)  Leipz.  1902.  —  M.  Haupt,  Opuscula  II  508  ff. 
—  P.  Grenfell  and  Arth.  S.  Hunt,  The  Amherst  Papyri,  part  II,  Lond. 
1901  Nr.  26  (Fabeln  des  Babrios  mit  lateinischer  Uebersetzung).  — 
Kenyon,  Greek  Papyri  in  the  British  Museum.  Lond.  1898  Bd.  II 
p.  821  ff. 

")  W.  Schubart.  Lit.  Zentralblatt  1906,  1530  f.  (Besprechung  von 
L.  Mitteis,  Griech.  Urkunden  der  Papyrussammlnng  zu  Leipzig,  Leipz. 
1907 — mir  bisher  nicht  zugänglich):  „Eines  der  interessantesten  Stücke 
ist  das  unter  Nr.  40  mitgeteilte  Verhör  in  einem  Prozeße  aus  dem  5. 
oder  6.  Jahrh.  n.  Chr.  Die  Verhandlung  wird  griechisch  geführt,  aber 
die  Fragen  und  Antworten  werden  durch  lateinische  Formeln  eingeführt ; 
das  Latein  ist  die  Amtssprache,  der  die  griechischen  Aussagen  wie  etwas 

Fremdsprachliches  eingefügt  erscheinen  Auffallend  ist  auch  die 

Menge  der  ins  Griechische  übernommenen  lateinischen  Wörter,  wie 
collega,  contubernales,  hospitium  u.  a.  .  . .  Wie  weit  das  Lateinische 
vorgedrungen  ist,  lehrt  auch  die  Erwähnung  eines  lateinisch  abgefaßten 
Testaments  (Nr.  9)  .  .  .  .  Dabei  ist  der  Erblasser  kein  Römer*.  Vgl.  dar- 
über auch  Paul  M.  Meyer,  Berl.  philol.  Wochenschr.  1907,  545  ff. 

7*)  Nach  Joh.  Laur.  Lydns  (de  magistr.  III  42)  wurde  im  Jahre 
462  ein  Beamter  abgesetzt,  weil  er  in  Aegypten  in  offiziellen  Akten 
statt  des  Lateinischen  das  Griechische  gebraucht  hatte. 

w)  Vgl.  G.  Kretschmar,  Ueber  das  Beamtentum  der  röm.  Kaiserzeit, 
Ak.  Antrittsrede,  Gießen  1879  S.  5. 

80)  Orat.  de  fort,  sua  1 1.  p.  183  R:  <pt)«pj  u*v  &nb  -rfjc  ™<W  *EXX^v<ov 
«ptav*){,  TtXoög  ö'sV  TcoXiac,  £»)toövtö>v  xax'  txslvou?  ötaXiYsod'ai  *  xoug  y&p 
M)  XöYOü?  xtöv  Xöya>v  ysvio^at  &t>vaxa)t£pot>c  xal  eTvat  usx*  sxsivwv  öovdustg 
ts  xod  «Xoütouc,  sv  Äs  tote  rcXijv  aöxfflv  oö«sv ;  cf.  Weber  a.  o.  a.  O.  II  2 
und  Lafoscade,  Infi.  122. 

•')  Euseb.  vita  Conat.  IV  19  extr.:  Kai  -rijc  söx^C  &  atpaxtam- 
xote  ditaoi  ÄiÖdoxaXoc  Jjv  aöxdc  'Pwuafqp  yXcott^  xoi>c  irärcag  &Ös  Xsystv 
iyxeXsuodtisvoc  (darauf  folgt  die  griechische  Uebersetzung  des  Gebetes). 
Vgl.  noch  Const.  Porphyrog.  de  Cer.  I  94  betr.  der  Inauguration  Leos 
des  Jüngeren:  xal  ixpa£ov,  6  usv  Wipoc  eEXXi}vtox(,  rcpoxpinovxsc  xöv 
ßaaiXia  dvsX&stv.  ol  Ös  axpaxißxai  Toojiaroxl  etc. 


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702  Ludwig  Hahn, 

spräche  bediente82),  sah  in  der  Nova  Borna  eine  lateinische 
Stadt83).  Sicher  herrschte  auch  längere  Zeit  wenigstens  bei  den 
höheren  Klassen  der  neuen  Hauptstadt  die  lateinische  Sprache 6i). 

Es  gab  daselbst  eine  lateinische  und  eine  griechische 
Hochschule86).  Viele  Ortsbezeichnungen  in  und  um  Konstan- 
tinopel waren  lateinisch86).  Auch  lag  die  Stadt  nicht  sehr 
weit  von  der  Sprachgrenze:  denn  Moesien  und  das  nördliche 
Thracien  waren  romanisiert ,  ebenso  Illyrien87).  Noch  zur 
Zeit  Justinians  galt  die  Kenntnis  des  Lateins  als  für  einen 
Beamten  notwendig88).  Erst  im  J.  535  nimmt  Justinian  das 
Griechische  als  Gesetzes-  und  Rechtssprache  an.    Er  erklärt 


")  Euseb.  Vita  Const  III  18;  cf.  II  23;  IV  32;  Sozomenos  H.  E. 
I  c.  19  extr. :  Toiaöta  Tg  Ttöjiafoöv  cpcov^  toQ  ßaoiXitoc  elnövroc,  nocpsartöc 
xt{  %>u^vtutv-  Vgl.  auch  Euseb.  H.  E.  X  2,  2 ;  Weber  II  1. 

M)  Lyd.  de  mag.  II  30;  Kreuser  in  den  Verhandlangen  der  5.  Vers, 
deutscher  Philol.  und  Schulmanner,  Ulm  1842  S.  57.  98  ff.  117  ff.  — 
Paichari  a.  a.  0.  p.  XLVI. 

•«)  Vgl.  Bar.  Steinacker  a.  o.  a.  0.  S.  827.  337  ff.  —  Edw.  Freeman, 
Some  pointa  in  the  later  history  of  the  Greek  language  im  Journ.  of 
bell.  Stud.  1882/88  p.  367  ff.  —  Th.  Preger,  Konstantinos-Helios,  Hermes 
XXXVI  (1901)  462.  —  Gaston  Paria,  Romania  I  14.  —  Kreuser  a.  o. 
a.  0.  S.  101.  —  Papst  Gregor  I.  sagt  von  sich  (ep.  XI  74):  nos  nec 
graue  novimus,  obwohl  er  6  Jahre  in  Konstantinopel  ä-oxpiotiptoc 
(=  Nuntius)  gewesen.  Der  bekannte  Grammatiker  Priscian  schrieb 
seinen  Panegyrikus  auf  Kaiser  Anastasius  (491—518)  zu  Konstantinopel, 
ebenso  Corippus  seinen  Panegyrikus  in  laudem  Justini  Augusti  minoris 
(565—578);  cf.  Diehl,  Justinien  p.  82,  Kreuser  117. 

$1)  Cod.  Just  XI,  19, 2. 

»•)  Cf.  z.  B.  Nicephori  hist  syntomos  ed.  de  Boor,  Leips.  1880  p.38, 
13.15  -patxwpiov,  p.  42, 10  sv  x$  rcaXaxiq»  ßXaxspv&v,  p.  57,3 
TpißouvdXiov  x&v  ifr'  d  x  o  u  ß  t  x  sj  v  ,  p.  75,  20  iv  x$  xaXouuivcp 
M  t  X  l  <p,  p.  76, 20  2  4  x  p  s  x  a.  —  Const  Porphyrog.  de  cer.  I  p,  28,  23 
Bonn  <pöpoc  =  forum  (cf.  Reiskes  Kommentar  II  133  und  574),  I 

!>.  51,14:  sv  -.<}>  :  oüpvixö  xoö  MiX£ou,  I  p.  312,5  tööpvaxöpiov 
urnatorium)  töv  npaoivtov  etc.  —  Th.  Preger,  scriptores  originum  Const. 
,Lips.  1901,  p.  27,9.  12  ;  104,1;  89,7  etc.  —  Oberbummer  u.  Constanti- 
nopolisbei  Pauly-Wissowa  IV  995  f.  -  Weber  I  19.  -  Kreuser  in  den 
Verh.  d.  5.  Vers,  deutscher  Philol.  etc.  Ulm  1842  S.  99. 

87)  Thracien  lieferte  viele  Soldaten;  cf.  Expositio  totius  mundi  et 
gentium  ed.  Alex.  Riese  in  den  Geogr.  gr.  min.  c.  50  :  Thracia  provincia 
et  mazimos  babens  viros  et  fortea  in  hello.  Propter  quod  et  frequenter 
inde  milites  tolluntur.  Ueber  die  lat.  Sprache  in  Dalmatien  und  Alba- 
nien vgl.  Hugo  Schuchardt,  Der  Vokalismus  des  Vulgärlateins  Bd.  III 
Leipz.  1868  S.  52  ff.,  in  Dalmatien  und  Moesien,  June  a  a.  O.  366  ff., 
in  Macedonien,  Dorsch  a.  o.  a.  O.  8.  38  ff.  —  Alex.  Budinssky,  Die  Aus- 
breitung der  lat.  Sprache,  Berl.  1881  S.  198  f. 

Vgl.  Jo.  Laur.  Lyd.  de  mag.  III  29.  68;  cf.  11 ;  Mitteis  a.  o.  a.  0. 
S.  186  Fußn.  1.  —  Sievers,  Libanins  17.  188.  —  Marquardt,  Staatsv. 
I*  565.  —  Lafoscade,  Inn.  123.  —  Kreuser  118  ff.  —  Ducange,  Glossa- 
rium graecitatis,  praef.  p.  IV  f.,  XI  ff. 


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Sprachenkampf  im  römischen  Reich.  703 

in  der  7.  Novelle8*):  oö  t$  naxpiy  qpwv$  (d.  h.  in  der  lateini- 
schen Sprache)  xöv  v6|iov  ouveypa^ajicv,  dXXdk  Taö-qj  8*)  xfl  xotvfl 
xe  xai  £XXe£8t,  äcrce  dtaaatv  aoxöv  elvat  yvu)pc(iov  StA  xö  itp<S- 
Xttpov  xfj;  £piii)vet'a£.  Damit  war,  was  sich  schon  seit  der 
Scheidung  des  Reiches  in  zwei  Teile  voraussehen  ließ00),  der 
i  Sieg  der  griechischen  Sprache  Ober  die  lateinische  entschieden91). 

Erst  578  aber  kommt  mit  Tiberius  ein  Kaiser  griechischer  Abstam- 
mung auf  den  Thron  und  auch  dieser  trägt  noch  einen  lateinischen 
9  Namen").   Seit  Kaiser  Heraklios  (610-641)  geht  die  grie- 

a  chische  Sprache  immer  mehr  zum  Angriff  über93).  Lateinische 

Formeln  wie  „Dens  conservet  imperium  vestrum,  Tu  vincae,  In 
multos  annos*  oder  „In  gaudio  prandete  Domini*  haben  sich 
im  byzantinischen  Hofzeremoniell  in  ähnlicher  Weise  erhalten, 
wie  heutzutage  noch  im  englischen  Parlament  gewisse  franzö- 
sische aus  der  Zeit  der  Herrschaft  der  normannischen  Könige 
stammende  Redensarten  im  Gebrauche  sind94). 

Nov.  VII  c.  I  (52, 32).  —  Es  gab  auch  Gegner  dieser  Maßregel 

»  z.  B.  Job.  Laur.  Lyd.,  der  (De  mag.  II  12)  eine  alte,  dein  Romulus  ge- 

gebene Weissagung  anführt:  Töte  Tau-alouc  tijv  töx?jv  drcoXsi^etv,  öxav 

,  aöxoi  xf)c  naxptou  sniXddtuvxou  «povfjc ;  ibid.  III  68 ;  cf.  29. 

90)  8.  auch  Heimbach  a.  o.  a.  0.  8.  23:J  f.  —  Kreuser  115  f. 

J  M)  Urteile  auch  in  griech.  Sprache  zu  fallen  war  den  Richtern 

seit  Arcadins  erlaubt;  vgl.  cod.  Just.  VII,  45, 12.  Tbeodosius  II.  gestat- 
tete den  Gebrauch  der  griech.  Sprache  in  Testamenten;  vgl.  übern. 
Dirksen,  Civilistische  Abhandlungen,  Berl.  1820,  LS.  40  ff.,  Weber  II  1, 
Betßmann-Hollweg,  Rom.  Civilprozeß  III.  Bd.,  Bonn  1866,  S.  196  ff. 

I  Ueber  die  Anwendung  der  lat.  Sprache  im  oström.  Reich  s.  J.  B.  Bury, 

A  hiBtory  of  the  later  Roman  empire,  Lond.  1889,  II  c.  7  p.  167  ff.;  J.  J. 
Reifike  im  Kommentar  zu  seiner  Ausgabe  des  Const  Porpnyrog.  De  Oer. 
8.  443  ff;  Oberhummer.  Art  Censtantinopolis  bei  Pauly-Wissowa  IV  1001. 
—  Eine  Parallele:  »Unter  Cromwell  erließ  das  Parlament  ein  neues 
Edikt,  um  die  englische  8prache  (st.  der  französischen)  in  allen  gericht- 
lichen Akten  einzuführen,  aber  diese  Neoerung  erschien  den  Juristen 
gefährlicher  als  die  Abschaffung  des  Oberhauses  und  des  Königtums*; 
Aug.  Fuchs,  Roman.  Sprachen  in  ihrem  Verhältnis  zum  Lateinischen, 
Halle  1849  S.  108,  Fußn.  194. 

.  M)  S.  auch  Kreuser  a.  o.  a.  O.  S.  99.  117. 

•»)  Lafoscade,  InH  185.  -  Krumbacher,  Gesch.  d.  Byzant.  Litt.»  8.  3  ff. 
")  Vgl.  De  Cer.  Bonn  I  9  p.  69,  I  10  p.  78,  I  43  p.  228,  I  47  n.  2*9, 
I  75  p.  370  f  etc.  —  Cf  R.  Nikolai,  Gnech.  Literaturgesch.  III  Bd. 
Magdeburg  1878  S.  61.  —  A.  Fuchs  a.  o.  a.  0.  8.  108  Fußn.  194:  .Noch 
heutzutage  bedienen  sich  die  verschiedenen  Zweige  der  legislativen  Macht 
(in  England)  in  ihren  gegenseitigen  Beziehungen  der  französischen 
Sprache.  Wenn  das  Unterhaus  der  Pairskammer  eine  Bill  zuschickt  oder 
eine  von  ihr  erhält,  so  geschieht  dies  resp.  mit  der  Formel :  Soit  baile' 
ans  Seigneurs,  oder:  Soit  baile'  aux  communes,  und  die  königliche 
Sanktion  erfolgt  mit  den  Worten:  La  reyne  (geschrieben  1846!)  le  voet. 
Vgl.  Edw.  Freeman  a.  o.  a.  0.  S.  879:  The  cry  of  ,oyez*  —  heard  in 


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704 


Ludwig  Hahn, 


Merkwürdig  ist  der  Wandel  im  Christentum  seit  seiner 
Verstaatlichung  durch  Konstantin  auch  hinsichtlich  der  Sprache. 
Nach  der  Verlegung  des  Sitzes  des  Kaisertums  nach  Konstan- 
tinopel erhob  sich  das  durch  die  weltliche  Macht  nicht  mehr 
in  Schatten  gestellte  Papsttum95).  Die  Päpste  betrachteten 
sich  nach  der  Ablösung  der  Staatsreligion  des  Kaiserkults  durch 
die  Staatsreligion  des  Christentums,  die  als  solche  bald  ebenso 
unduldsam  werden  mußte,  als  Inhaber  des  Imperiums  in  der 
Religion.  Zur  heiligen  Sprache  des  römischen  Papsttums 
wurde  die  des  weltlichen  Imperiums,  die  römische.  Unterstützt 
wurde  diese  Stellung  des  Lateins  abgesehen  vom  rapiden  Rück- 
gange des  Griechischen  in  der  alten  Hauptstadt ••)  vor  allem 
dadurch,  daß  die  westliche  Hälfte  des  Reiches  der  Kirche  auch 
abgesehen  von  den  großen  Päpsten  hervorragende  Lehrer  wie 
Tertullian,  Cyprian,  Ambrosius,  Hieronymus,  Augustinus  lie- 
ferte97), deren  Werke  bei  der  Furcht  vor  Häresien98)  auch 
von  den  Theologen  des  Ostens  gelesen  werden  mußten*9). 
Deshalb  hält  Athanasius  die  Kenntnis  des  Lateins  für  nötig 


America  as  well  aa  in  England,  formulas  Hke  ,La  reine  le  veult"  are 
the  counterparta  of  Latin  salutations  like  (JCxicop  offc  (aia !)  o£|iitep,  which 
greeled  tbe  ears  of  tbe  laat  Roman  emperora  of  the  East.  (Conat.  Por- 
phyrog.  De  cer.  I  74—77).  Ueber  die  Herrschaft  der  französischen 
Sprache  in  England  vom  11.  bia  14.  Jh.  —  eine  der  Herrschaft  der 
lateiniBchenSprache  vielfach  ähnliche  Erscheinung— a.  d.  Progr.  d.  Realsch. 
Annaberg  von  Oac.  Scheibner  ans  J.  1880.  —  Anwendung  dea  Lateini- 
schen in  der  Kirche  bei  Conat.  Porphyrog.  Cer.  I  74  p.  369,  7. 

")  Papst  Leo  I.  erklärt  dem  Kaiser  Marcian  (Manai  VI  187  c  3), 
daß  der  Stuhl  von  Rom  ein  apostolischer,  der  von  Konstantinopel  nur 
ein  kaiserlicher  aei. 

M)  Harold  Steinacker  a.  o.  a.  0.  S.  382:  „Schon  Papst  Damasus 
nahm  bei  seinem  Briefwechsel  mit  dem  Orient  die  griechiachen  Kennt- 
nisse des  Hieronymus  in  Anspruch.  Fünfzig  Jahre  später,  zur  Zeit  des 
3.  ökumenischen  Concile,  war  in  der  römischen  Kirche  selbst  die  leiseste 
Keuntnia  dea  Griechischen  verschwunden." 

•7)  Vgl.  Steinacker  a.  o.  a.  O.  S.  840. 

M)  Cf.  z.  B.  den  Brief  Leoa  I.  an  Kaiser  Marcian  vom  J.  454  bei 
Manai  VI  274  c  3  und  den  an  Bischof  Julian  von  Kos  ibid.  VI  276.  — 
Es  war  dabei  noch  der  leichteste  Fehler,  wenn  credulitas  und  crudditas 
verwechselt  wurde ;  cf.  Weber  II  4. 

w)  Vgl.  z.  B.  Aeußerungen  wie  die  Basilioa'  d.  Gr.  ep.  265  ed. 
Maur.  595  A :  &v  (tfflv  dnö  dt>oso>c)  Äagäjisvoi  -rtjc  nloraoog  -cöv  vöjiov  ixouav 
wop'  eauxotc,  e«öusvot  afcffiv  vft  ÖY^atvoocrg  ÖtÖaoxaXty;  cf.  ep.  66  an  Atha- 
nasius, ep.  70  an  Papst  Datnasus  mit  der  Bitte  <5>g  soc[idvTjc  tjulv  xlvo« 
anioxi+ewg  nap  öufiv,  ep.  90  (Hilferuf  an  die  av  xfl  Ibou)  etc.  —  Weber 
121;  II  6.  11.  12;  Lafoecade,  Inn.  127. 


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Sprachenkampf  im  römischen  Reich.  705 

zur  Frömmigkeit100).  Das  Christentum  also' bewirkte  es,  daß 
die  lateinische  Literatur  einen  tieferen  Einfluß  auf  die  grie- 
chische gewann  101). 

Wie  die  altrömischen  Feldherrn  die  Beschlüsse  des  Senats 
den  Griechen  zuerst  in  der  authentischen  lateinischen  Sprache 
und  dann  in  einer  Uebersetzung  mitteilten,  so  hielten  die 
t  Päpste  darauf,  daß  ihre  Kundgebungen  auch  bei  Kirchenver- 
,  Sammlungen  in  der  östlichen  Reichshälfte  zuerst  im  lateinischen 
Urtext,  der  dann  ins  Griechische  übersetzt  werden  konnte, 
bekannt  gegeben  würden 109).  Das  Lateinische  sollte  anerkannte 
Kirchen  spräche  werden,  wie  der  Bischof  von  Rom  der  Primas 
der  Kirche.  Noch  die  Akten  des  5.  ökumenischen  Konzils  zu 
Konstantinopel  (553)  sind  lateinisch  abgefaßt103).  Aber  das 
Imperium  der  lateinischen  Kirchensprache  endet  noch  früher 
als  das  Imperium  des  Papsttums  im  Osten.  Die  Trennung 
in  der  Sprache  geht  der  Trennung  im  Glauben  weit  voraus104), 
wenn  auch  die  Griechen  sich  'Pttjxatoi  und  die  griechische 
Sprache  die  Ttouacx^ 10&)  nannten  und  ihre  Kaiser  den  Titel 
*  Griechischer  Kaiser"  als  Beleidigung  auffaßten100). 

VII. 

Die  kulturellen  Wirkungen  der  Völker  aufeinander  lassen 

  o 

"*)  Athanasius  bei  Migne,  Patrol.  gr.  I  784  C.  Gf.  Lafoscade  Infi. 
128  und  Weber  II  3.  —  Aus  dem  Lateinischen  übersetzt  sind  die  Acta 
znartjrom  Scilitanornm  (graece  ed.  H.  Usener,  Bonn,  1881);  cf.  Usener, 
Beitr.  zur  Gesch.  der  Legendenliteratur  in  d.  Jahrb.  f.  prot.  Theol. 
XIII  (1887)  240.  258. 

m)  8.  auch  Texte  und  Untersuchungen  von  Ose.  ▼.  Gebhardt  und 
Ad.  Harnack  Bd.  VIII,  (Leipz.  1892],  H.  3  (Die  griech.  Uebersetzung  des 
Apologeticus  des  Tertullian  [cf.  Euseb.  H.  E.  II  2]  von  Ad.  Harnack, 
S.  1  fT,  7,  9,  80  ff.)  und  ibid.  XI,  H.  2  (Acta  S.  Nerei  et  Achillei  v.  Hans 
AchelisJ  Leipz.  1893,  ferner  ibid.  XIV  1.  —  Papst  Leo  I.  bittet  den 
Uischof  Julian  von  Kos  die  Synodalakten  des  Konzils  zu  Chalkedon 
(451)  ins  Lateinische  zu  Übertragen;  Mansi  VI  221  c.  4. 

IM)  Vgl.  Har.  Steinacker  a.  o.  a.  0.  332  ff.,  Budinszky  a.  o.  a.  0. 
245.  —  Lafoscade,  Infi.  129.  139  f. 

1M)  Lafoscade,  Infi.  139. 

t0*)  Vgl.  8teinacker  a.  o.  a.  0.  S.  332  ff. 

••»)  Vgl  Bury  a.  o.  a.  0.  S.  174.  —  Dagegen  ist  "EXXyjv  =  Heide; 
cf.  z.  B.  Tatians  Xöyog  rcpöc  "EXXkjvoc  und  Usener,  Jahrbücher  f.  prot. 
Theol.  Xm  (1887)  S.  226,3;  Kreuser  a.  o.  a.  0.  S.  100  f.  —  Cf.  auch 
ev.  Jo.  7,85;  act  ap.  14,1. 

m)  Vgl.  den  Gesandtschaftsbericht  des  Bischofs  Liutprand  von  Cre- 
mona  bei  W.  v.  Giesebrecht,  Gesch.  d.  deutschen  Kaiaerz.  12,  4.  Aufl. 
Hraunschweig  1874,  S.  540;  s.  auch  ibid.  S.  524  den  Streit  über  den 
Titel  ßowrtsöc  od.  ftl 


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Ludwig  Hahn, 


sich  am  deutlichsten  und  sichersten  an  der  Zahl  and  Art  der 
Fremd-  und  Lehnwörter  erkennen107).  Die  Griechen  waren 
als  Kulturträger  nach  Italien  gekommen.  Es  scheint  aber, 
daß  sie  doch  manches  Eigentümliche,  wie  das  ja  in  der  Natur 
der  Verhältnisse  liegt,  von  |den  Italikern  annahmen,  so  das 
italische  Maßsystem,  vermutlich  auch  gewisse  Rechtssatzungen. 
In  der  Sprache  der  westlichen  Griechen  finden  sich  nämlich 
die  italischen  Maßbezeichnungen  Mxpa,  dyxta,  xußtxov,  dann 
die  Rechtsausdrücke  uotxov  «=  mutuum  und  xapxapa  =  carcer. 
Das  italische  ui>8to$  wendet  der  Redner  Deinarchos  aus  Korinth, 
der  Metropolis  von  Syrakus  und  Kamarina,  an.  Neben  den 
oben  erwähnten  Italizismen  finden  sich,  wie  wir  aus  den  spär- 
lichen im  Lexikon  des  Hesychios  geretteten  Fragmenten  er- 
sehen, in  der  Komödie  der  westlichen  Griechen  noch  manche 
andere,  wie  das  von  der  bekannten  italischen  Possenfigur  des 
Maccus  abgeleitete  uaxxootto 108),  das  auch  von  Aristophanes 
gebraucht  wird,  dann  Xoörca,  x&Xa109),  xaXxto$  (=  calceus) 
etc.  Da  in  der  Art  der  Stoffe  und  in  der  Verwendung  von 
Charakterfigoren  eine  gewisse  Verwandtschaft  der  Komödie  der 
westlichen  Griechen,  die  in  Sicilien  durch  Epicharmos,  in 
Italien  durch  Sophron  und  Rhinthon  ihre  Vollendung  fand, 
mit  den  uralten  Possenspielen  der  italischen  Bauern  besteht, 
so  ist  vielleicht  der  Vermutung  Raum  zu  geben,  daß  die  älteste 
griechische  Komödie  in  mancher  Eigentümlichkeit  italisch  ist 
Historikern,  wie  Timaios,  der  den  Krieg  mit  Pyrrhos  beschrieb, 
oder  Sosilos,  dem  Begleiter  Hannibals,  oder  Diokles,  der  den 
Fabius  Pictor  zur  Quelle  hat,  mögen  Wörter  wie  TV$Evva 
(=  toga)  oder  öooo;  (=  basta)  angehören,  die  Bücheler  als 
altitalisch  erwiesen  hat.  Nachdem  Rom  im  Anfange  des  2. 
Jahrhunderts  maßgebenden  Einfluß  im  Osten  gewonnen,  brach- 
ten griechische  Gesandte  die  für  die  Lage  der  Griechen  be- 


,07)  8.  auch  Thumb  a.  o.  s.  0.  S.  157.  158  ff. 

lw)  Vgl  Gast.  Meyer,  Sitzb.  Wien.  Akad.  1895  Bd.  182,  IV  S.  53  s.  u. 
)iöxoc  und  ,Rom  und  Romaniemus'  S.  8. 

1M)  „Kellien*  heißen  noch  jetzt  die  .Zellen*  auf  dem  Athoe  ;  Rudolf 
Lindau,  Deutsche  Rundschau  1902,  Bd.  113  S.  12a  —  Vgl.  H.  Usener, 
Der  heilige  Theodosius,  Leipt.  1800  p.  127  f.  —  Gust.  Meyer  s.  v.  — 
Sozomenus  VI  c.  31:  olxoöoi  8t  iv  xti^  xsXXtotg  (im  Kloster  4v  t$ 
Nttpiqp),  «ooi  t?5c  (fdoocxpio^  sie  dxpov  eXi?X&&aoi. 


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Sprachenkampf  im  römischen  Reich. 


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zeichnenden  Ausdrücke  nfapw  und  Trpoaxuvyjotg  knl  xöv  ixptlm 
(—  salutatio  in  atriiß)  nach  Hause.  König  Prusias  bezeich- 
nete sich  selbst  als  AtßspT0{.  Mit  den  ins  Griechische  über- 
setzten Senatsbesch lüssen  wanderte  manches  lateinische  Wort 
wie  o^orSpTio;  und  die  Termini  des  römischen  Kalenders  xa- 
XavSai,  v(öva(  und  zi&ol  nach  dem  Osten.  Die  in  denselben 
enthaltenen,  wortwörtlich  ins  Griechische  übertragenen  lateini- 
schen Termini  wie  oTpaTTflfö;  örcatos  =  praetor  maximns, 
GTpavrp[b$  inl  xöv  ££vü)v  ■=  praetor  inter  peregrinoB,  Soövat 
lauTOüc  efo  ti)V  'Pü)(i«((ov  moTtv  =  se  in  fidem  popnli  Romani 
permittere  etc.  gingen  in  die  Diktion  der  griechischen  Histo- 
riker über,  welche  diese  Urkunden  benützten.  Daher  finden 
sich  solche  Latinismen  von  Polybios  an  bei  allen  griechischen 
Geschichtschreibern,  die  sich  mit  römischer  Geschichte  be- 
schäftigen110). Polybios  wendet  mehrere  lateinische  Wörter, 
ineist  Ausdrücke  des  Staats-  und  Heerwesens,  worin  sich  ja 
die  Bedeutung  der  Römer  vor  allem  zeigte,  noch  als  Fremd- 
wörter an,  so  iwcptxioc,  Sixxixwp,  Xtßspto;,  ixarpaop&vaptoc, 
Tptfltpiot,  rcptyxcTCfic,  dtaräTOt,  rcpaupexTO?,  xevxopfov,  Sexoupfov, 
dann  uiAiov,  xaXfxioc,  rcfXeos  etc.  Auch  keltische  Wörter  wie 
yafoos,  oafyo;  drangen  vermutlich  über  das  Lateinische  ins 
Griechische  ein,  wie  später  zu  den  Zeiten  der  germanischen 
Völkerwanderung  germanische  Ausdrücke  wie  ßoöpyos l11), 
SpoOyyo;118),  ßdvoov118).  In  Inschriften  aus  der  Zeit  Caesars 
und  Sullas  erscheint  neben  Ttaxpoov  und  Sixxcfaop  das  Fremd- 
wort t>rcepax(op,  in  der  griechischen  Uebersetzung  der  Res 
gestae  divi  Augusti  auf  dem  Monumentum  Ancyranum  aöyoup, 
ipouÄXtf,  <p7]xtÄXt;,  a^paptov,  in  anderen  Inschriften  der  Augu- 


uo)  Vgl.  David  Magie,  De  Romanoram  iuris  publici  sacriqae  voca- 
bulia  sollemnibus  in  Graecum  sermonem  conversis,  Lips.  1905;  cf.  Max 
Mentz,  De  magiBtratuum  Romanorum  Graecis  appellationibus,  Dias.  Jena 
1894  und  Aug.  Wannowski,  Antiquitates  Romanae  e  Graecis  fontibus 
explicatae,  Königsb.  1846. 

nl)  Procop.  deaedif.  4,6  p.  289  D:  tö  ßoöpYoo  &Xxon  cbvonao- 
jitvov  sc.  (pp©op£cv. 

11  *)  =  „Gedränge*,  Heerhaufen;  cf.  Leon  Tact  13,3:  xanx  öpoÖY- 
Yoü;  xai  toöpjia;,  Kulakovskiy,  Byzant.  Zeitschr.  XII  (1903)  S.  410  f. 

,l3)  Cf.  Qberh.  J.  G.  Kempf,  Romanorum  sermonis  castrenais  reli- 
qniae  (~  Jahrb.  f.  d.  kW  Altert.  Suppl.  26),  Leipz.  1900  S.  864.  368. 
369.  373.  —  £.  A.  Sophokles,  Greek  Lexicon  of  the  Roman  and  Byzan- 
tine  periods,  New- York  1900  S.  30  f. 

Philologe»,  SuppUmentband  X,  riertet  Heft  46 


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Ludwig  Hahn, 


steischen  Zeit  xoXwvefo,  noovtxfotov,  *6Yt(*>v»  Sexoptwv,  xevxo- 
p£ü>v,  xeaoapdcpto;,  Sijvapiov,  daa<£ptov  etc. 

Besonders  reich  an  lateinischen  Wörtern  ist  die  Römische 
Archäologie  des  Dionysios  von  Halikarnaß 113  *).  Es  sind  vor  allem 
Termini  ans  dem  Staats-  nnd  Heerwesen,  Mönzbezeichnungen, 
Namen  von  Priestern  und  Festen,  Ausdrücke  des  Kalenders. 
Dionysios  sucht  auch  diese  Latinismen  häufig  unter  Anführung  der 
Etymologie  zu  erklären.  Aehnlich  verfahrt  später  Plutarch118b) 
in  seinen  alxia  Twjiatxfle.  Diese  beiden  Schriftsteller  bieten 
in  den  erwähnten  Schriften,  die  römische  Geschichte  und  Kultur 
behandeln,  sozusagen  zugleich  eine  Art  Fremdwörterlexikon. 
Es  darf  wohl  kein  anderer  Grund  hiefür  angenommen  werden 
als  derjenige,  der  auch  bei  uns  solche  Werke  notwendig  ge- 
macht hat:  Die  von  Dionysios  und  Phitarch  angeführten  la- 
teinischen Wörter  waren  den  Griechen  so  geläufig,  daß  ihre 
Erklärung  als  ein  Bedürfnis  erschien.  Sagt  doch  auch  Quintilian. 
daß  die  Griechen  trotz  ihrer  Neigung  zum  Purismus  sich  ge- 
zwungen sahen  bisweilen  lateinische  Wörter  zu  übernehmen  m), 
und  das  bestätigen  Inschriften  und  Papyri.  Auch  bei  Schrift- 
stellern wie  Diodor,  Nikolaos  von  Damaskos  und  Strabo  finden 
sich  nicht  nur  lateinische,  sondern  auch  keltische  Wörter.  In 
den  Inschriften  der  ersten  Kaiserzeit  erscheinen  als  Fremdwörter 
bez.  schon  als  Lehnwörter  die  altüblichen  Latinismen  7taxpü)/, 
uiXtov,  Srjvaptov,  Xeyetbv,  xevtupfoov,  dann  Ttaipwvtooa,  daaapcov, 
xevxupta,  x^P17)  (cohors),  tupjir)  (turma),  fltXrj  (ala),  xXaoorj  (classis) 
7ipaiT<op{«,  uptjiticiXdpcog,  ouexpavoc,  xopvtxXapco$,  taßXapco;  etc., 
ferner  die  Verba  xoupaxopeuti)  und  oxoutXoü)  (=  scutulo). 

Deutlicher  als  in  den  Inschriften,  deren  Texte  im  großen 
und  ganzen  stereotyp  bleiben,  ist  das  Eindringen  lateinischer 
Wörter  in  der  griechischen  Kanzleisprache  der  Papyrusurkunden 
der  ersten  Kaiserzeit  zu  verfolgen.  Es  finden  sich  in  densel- 
ben im  allgemeinen  die  nämlichen  lateinischen  Wörter  wie  in 

118  a)  S.  „Rom  und  Romanismus"  S.  123  ff. 
usb)  S.  „Rom  und  Romanismus«  S.  289  ff. 

m)  Quintilian  1  5,58  und  1114,  1.  Vgl.  Lucian,  de  hist.  rede 
Bcrib.  c.  15,  der  von  Krepereios  Kalpurnianos  aus  PompeiopolU,  einem 
Geschichtschreiber  der  Partherkriege,  sagt:  6  y*P  aöxöc  o5tc*c  ouytw«; 
noXXa.  xat  xätfpov  ixetvot  (<pöooa;  cf.  Mauritius  4,  3;  12,  22)  xal  -fiyupxv 
(et  Plut.  Numa  12)  xal  t4  xoiaOta.  Vgl.  auch  dagegen  in  c.  21  den  Tadel 
Uea  Hyperattizimus  gewisser  griechischer  Historiker. 


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Sprachenkampf  im  römischen  Reich. 


709 


den  Iuschriften.  Zu  erwähnen  wären  noch  etwa  Ausdrücke 
wie  xouoTwSetot,  x£XXz,  dfrptov,  iw&Xiov,  Tcavapiov  etc. 

Wenn  nun  lateinische  Fremd-  und  Lehnwörter  in  die 
Papyrusurkunden  eindrangen,  in  einem  Gebiete,  das  nicht  als 
Glied  des  Reiches  galt  und  in  griechisch  geordneter  Verwal- 
tung stand,  wie  viel  mehr  muß  das  Latein  in  den  schon 
länger  unterworfenen  und  römisch  verwalteten  Provinzen  des 
Ostens  Wörter  an  die  griechische  und  an  die  orientalischen 
Sprachen  abgegeben  haben!  Daß  dem  so  ist,  ersehen  wir  auch 
aus  den  Schriften  des  Neuen  Testaments116),  die  zum  größeren 
Teü  in  der,  wenn  auch  bisweilen  etwas  purifizierten  griechi- 
schen Yulgärsprache  geschrieben  sind.    Von  den  im  Neuen 
Testament  gebrauchten  lateinischen  Wörtern  gehört  offensicht- 
lich eine  größere  Zahl  schon  in  die  Gattung  der  Lehnwörter 
so  Xeyeü>v,  rcpatx&pcov,  qppay&Xtov  und  <p payeXX6ci>,  t£tXo;  (titulus), 
or^vaptov  und  dooaptov,  xfjvaoc,  u,65io?,  (ifXiov,  Xivxiov  (linteum), 
oouSaptov  etc.  Mehrere  dieser  lateinischen  Termini  erscheinen 
auch  in  der  populären  Sprache  des  Epiktet,  in  Inschriften,  in 
Papyri,  dann  beim  Lexikographen  Hesychios  und  wohl  auch 
bei  dessen  Vorgängern,  die  sich  mit  Erklärung  von  Lehn-  und 
Fremdwörtern  befassen,  endlich  in  den  Glossen.  Sie  sind  ferner 
—  ein  Zeichen  ihrer  Beliebtheit  —  teilweise  noch  heute  in  der 
neugriechischen  Volkssprache  vorhanden.    Die  Vertreter  der 
schönen  Literatur  freilich,  die  dem  romantisch-puristischen  Zuge 
der  Gebildeten  gemäß  dem  Attizismus  huldigen  mußten,  wollten 
von  solchen  Latinismen,  die  als  SolÖzismen  und  Barbarismen 
betrachtet  wurden,  nichts  wissen. 

Zumeist  aus  dem  Griechischen  des  gemeinen  Mannes  wan- 
derten die  Latinismen  auch  in  die  orientalischen  Sprachen.  Ein 
Beweis  dafür  sind  die  lateinischen  Lehnwörter  der  Mischna116), 

11 6)  Latinismen  in  der  volkstümlichen  Sprache  der  Briefe  des  Mär- 
tyrers Ignatios,  Bischofs  von  Antiochia,  (gest.  zur  Zeit  TrajansJ  sind : 
dsoiptcop,  igs{inXäptov  (cf.  ImmiBch  a.  o.  a.  0.  S.  361),  tä 
ftsftöoixa,  ta  dxxtma.  Anch  im  Pastor  des  Hermas  finden  sich 
lat.  Wörter  z.  B.  vis.  III  1  4*1  xoö  oo^sXXCou  (subsellium;  cf.  zu  Aol. 
Aristides  rec.  Dind.  prol.  III  p.  741 :  tpicc  oo$4Xia  und  classical  rev.  1901 
S.  256)  Sxttto  xapßixdpiov  Xiv&öv  xnü  ftrcdvu>  X  s  v  x  L  o  u  4£»)xX«>usvov 
Xtvov  xaprcdaivov.  Vgl.  J.  B.  Lightfoot,  The  apoetolic  fathers,  pari  II 
Lond.  1889,  vol.  I  p.  410  f. 

I1Ä)  Vgl.  Samuel  Krauß,  Griech  und  lat.  Lehnwörter  im  Talmud  etc. 
II  und  I,  Berl.  1898  und  1899. 

46* 


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] 

I 


710  Ludwig  Hahn, 

einer  Sammlung  von  jüdischen  Satzungen,  die  gegen  Ende  dc> 
2.  Jahrhunderts  entstand.  Hier  abgesehen  von  den  auch  schon 
im  N.  T.  vorkommenden  nur  noch  einige  zur  Probe:  xaXiya^ 
ooXia,  t6ya,  «paaxfoc,  atpÄia,  voicfcptoc,  axaXa,  xa^a,  7ia"ciXXa, 
^oöpvo;  etc.  Die  Latinismen  in  der  Mischna  sind  an  Zahl 
weit  bedeutender  als  die  des  N.  TM  und  wir  schließen,  daß  in 
der  griechischen  Vulgärsprache  derjenigen  Länder,  die  vom 
Romanismus  mehr  berührt  waren  als  das  abgelegene  Palästina, 
die  Masse  der  lateinischen  Bestandteile  noch  größer  gewesen 
sein  muß.  Es  ist  auch  nicht  außer  Acht  zu  lassen,  daß  die 
Romer  abgesehen  von  den  juristischen  Termini  mehr  Bezeich- 
nungen für  das  tägliche  Leben  liefern,  während  die  griechi- 
schen Fremd-  und  Lehnwörter  im  Lateinischen  mehr  Abstrak- 
tes117) bezeichnen  und  der  Sprache  der  Gebildeten  oder  Ge- 
lehrten angehörten.  Die  lateinischen  Lehnwörter  im  Griechischen 
waren  demnach  mehr  beim  gewöhnlichen  Volke  üblich,  wes- 
halb sie  sich  um  so  fester  und  dauernder  einbürgerten.  Leider 
stehen  uns  aber  bedeutendere  Denkmale  der  griechischen  Vul- 
gärsprache abgesehen  etwa  von  den  Martyrerlegenden  n8),  deren 


Doch  zeigt  sich  die  Macht  der  römischen  Kirche  und  ihrer 
Sprache  in  der  Aufnahme  lat.  philosophischer,  bez.  theologischer  Termini 
wie  ooußoxctvxda;  cf.  Socrates  H.  E.  II  c.  30  xoXXoög  xiva^  xivst  nspl  xf,; 
Xeyouivrjg  'Pcüuaraxi  usv  ooußoxavxia;,  'EXXijvioxl  5e  \syo\ii*viz  oöo£a; ; 
cf.  Athanasius  bei  Migne,  Patro).  gr.  XXV  2,  741  B. 

tl*)  Vgl.  z.  B.  Euseb.  H.  E.  IV  15,8:  sxiXsooav  TcpoosXfrovxa  ainy 
xoiicpdxxopa  rcapaßöoat  xd  g£<fog  (Martyrium  Polycarpi),  dann  die 
Latinismen  xöu-tjc,  ßtxdpiog,  xoopdx<op,  xoußixouXdpioc 
IXXo  öoxp ioc  in  den  Acta  Nerei  et  Achillei  (5. — 6.  Jahrhj  ;  cf.  Gebhardt- 
Harnack,  Texte  und  Unters.  XI,  H.  2  S.  66.  —  Acta  S.  Christophori  ed. 
H.  üsener  in  der  Festschr.  zur  5.  Sakularfeier,  Heidelberg,  p.  56,3:  d*6 
Asxtou  (Kaiser  Oecius)  o  d  x  p  oc v  . .  .  xax^veYxav,  p.  56, 10 :  xtc,  . . .  xöv  noxfc 
xo|i(xo)v  oxpaxsöoaj  4v  x<p  v  oou-4  pq>  xäW MapjiapixÖv,  p.  70, 3 :  Mrj  d  vvö  va: 
tyjubv  sXsuftfcv  9\  xd  ß  i  o  x  t  a  (=  vestinienta)  x.  x.  X.,  p.  70^  25 :  x*^xo0v 
o  ü  |i  d»  i  X  t  o  v  (a.  1. :  o  o  u  ß  o  s  X  X  i  o  v),  p.  72, 4 :  dvaxtüpifaac  xoO  oexpi- 
x  o o  ijX&sv  elg  xö  n  aX  d  x  t  o  v  (Decius),  p.  74, 27:  xal  Xsysi  x$  anexou- 
Xdxopi,  etc.  —  Acta  S.  Marinae  ed.  üsener  ibid.  p.  17,11:  ixl^xidiou 
(a.  1.  0sö(ou),  p.  36, 9 :  dxTfraY8V  el€  x6  «patxcbptov;  cf.  ibid.  Einl.  8. 1 1 
und  d.  Register  s.  v.  Mapiva.  —  Evangelium  Nicodemi  A.  prol. :  'Avavia« 
«poxixxwp  dxo  indpxwv,  A  1,2:  xo6po»p,  xpaixwv,  A  1,5:  xö» 
otyvocpdpcov  xaxsxövxwv  xd  a { yv  a'  AI,  6:  IßtoxoO  npaixopiou,  A 
IX,  5 :  ixäXsooev  ö  HiXdxoc  xöv  ß  %  X  o  v  sXxuo^vou.  xoö  ß^pacxoc,  A  X,  1 : 
rcsptsfcowav  aöxöv  X  i  v  x  t  o  v  ,  A  XIII,  1 :  xivsg  xifcxoooxtD&eac,  A  XV, 
5:  oooödptov  etc.  —  Acta  S.  Anastasii  Persae  ed.  H.  Üsener,  Bonn 
1894,  Index,  und  üsener.  Beitr.  zur  Gesch.  der  Legendenliteratur  in  den 
Jahrbüchern  f.  prot.  Theol.  XIII  (1887)  8.  245.  —  Marci  Diaconi  vita 


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Sprachenkampf  im  römischen  Reich.  711 

Sprache  aber  vielfach  durch  Zusätze  und  Umarbeitungen  aus 
späterer  Zeit  verändert  ist,  bis  auf  die  Zeit  Justinians  nicht 
zu  Gebote  119).  Einigermaßen  Ersatz  dafür  bieten  die  Papyri. 
In  den  Papyri  des  2.  Jahrh.  finden  sich  beispielsweise  folgende 
Latinismen:  ouexpav6;,  xopvtxouXctpco;,  SooTcXtxipiog,  xouputy 
äAfy  x^P^i  <*XTötpio;,  ßevetpixutpioc,  dvvu>va,  ßtatixov,  tycrytoupep, 
xaaxpa,  xfiXXripio;,  xoXovefa,  xwötxtXXo;,  Xeyiüwapios  etc.,  Aus- 
drücke, die  zum  Teil  auch  in  Inschriften  12°)  vorkommen.  Man 
darf  wohl  annehmen,  daß  die  in  Aegypten  im  2.  Jahrh.  üb- 
liehen  Latinismen  schon  um  ein  Jahrhundert  vorher  auf  der 
Balkanhalbinsel  und  in  Kleinasien  im  Gebrauche  waren. 

Ein  wichtiges  Zeugnis  für  den  Uebergang  lateinischer 
Wörter  ist  die  griechische  Uebertragung  des  im  J.  301  er- 
lassenen Edictum  Diocletiani  de  pretiis  rerum  venalium.  Das 
zeigen  Ausdrücke  wie  ctuptxaiacop,  tpoOpxa,  Xißpiptoc,  voxcEpto;, 
oxootXäiov,  7tXoo|iapio£,  7iot>Aße£vo£,  f>fjy\a,  ndXo^  dxxoußtxov, 
8opjietxü)ptov,  cpißouXaxwptov,  xat|>apto$,  xappoöx«,  xaxfjva,  cpouX- 
Xcöv,  ßexxoöp«,  fcarcuXubv,  [fatöa,  odyo;]  etc.121). 

Das  Aufkommen  des  Christentums  war  für  die  Volks- 
sprachen günstig,  wie  überhaupt  die  christliche  Mission  auch 
heute  noch  die  Einzelsprachen  gegen  die  Weltsprachen  schützt. 
Man  findet  in  den  Schriften  auch  attizistisch  gerichteter  Kir- 
chenväter manche  Latinismen,  so  bes.  in  den  Briefen  m). 


Porphyrii  episcopi  Gazensis  edd.  societatis  philologae  Bonnensis  sodales, 
Leipz.  1895  (Anf.  d.  5.  Jh.)  18,166  xooßtxouXdptoC,  25,6ff.  €IXdptoc 
oooßaöiooßa  xoö  (laytoxpoo,  84, 1  xaoxp^otog,  44, 5  8  o  ö  g , 
44, 17  xotJ  xuvoiotoplou  etc.  —  Legenden  der  Pelagia  v.  H.  Uaener 
(fiexdvota  xf)g  &rfac  IIsXaYtat  vom  Diakon  Jakob),  Bonn  1879,  S.  5,  19:  iv 
x$xsXXd<o,  12,16:  iv  ßeoxiapiq>  etc.  [2.  Vierteid.  5.JhJ.  —  Rud. 
Knopf,  Ausgewählte  Miirtyrerakten,  Tüb.  u.  Leipz.  1901  p.  III,  38.  43. 
44.  64.  70.  72.  78.  74.  88.  89.  90. 

xl9)  üeber  den  gewaltigen  Unterschied  zwischen  der  attizistischen 
Kunstsprache  der  Gelehrten  und  der  Sprache  des  gemeinen  Mannes  im 
griechischen  Sprachgebiet  hat  schon  Kreuser  (a.  o.  a.  O.  S.  49.  55  ff. 
74  ff.  83  ff.  102.  104  ff.  118  ff.)  in  geistvoller  Weise,  wenn  auch  allzu- 
radikal sich  ausgesprochen. 

»")  Cf.  Magie  s.  v. 

m)  Vgl.  CIL.  III  2  p.  800  ff.  und  „Der  Maximaltarif  des  Diokletian* 
herausg.  von  Th.  Mommsen,  erläutert  von  H.  Blümner,  Berl.  1898. 
Viele  der  im  Ed.  Diocl.  sich  findenden  Latinismen  sind  noch  im  Neu- 
griech.  üblich;  cf.  Gnst.  Meyer  s.  v. 

m)  Vgl.  z.  B.  die  in  Job.  Chrysostomos'  opp.  III  epist  14  (J.  404) 
enthaltenen  lat.  Wörter :  xpißoövos,  X  s  x  x  t  x  t  o  v ,  p  { X  t  o  v ,  x d- 
oxsXXov,  ßixipioc,p"r^,  (d  p  o  ö  fr  0  «)• 


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712  Ludwig  Hahn, 

Eine  Quelle  juristischer  Latinismen  sind  die  zumeist 
griechisch  abgefaßten  Novellen  Justinians,  dann  enthält  eine 
große  Anzahl  solcher  die  Paraphrase  der  Institutionen  von 
dem  sogenannten  Theophilos,  die  ebenfalls  ins  6.  Jahrh.  fallt. 
In  den  Novellen  findet  sich  z.  B.  aßonvaieua),  ££xouae6(t>,  foöyov, 
froTpoOxxov,  ß(vo*t$,  xaXoOpvia,  ddruwv,  xayxeXAapio;,  ßixapfa, 
xovotaxd)ptovt  oxpi'vtov  etc.,  ans  Theophilos  verdienen  bes.  Verba 
wie  xpaxTaflJw^xofiiAtTeuWjiraxTeuü),  navSaxopeua)  Erwähnung 12S). 
Neben  juristischen  Termini  finden  sich  Bezeichnungen  aus  dem 
Heeres-  und  Beamten wesen  in  Inschriften m)  und  Papyri  des 
4. — 6.  Jahrhunderts,  so  Xt^gstov,  xo(i7tp6(uo9ov ,  xü>5il;  etc., 
ßrj^tXaxtwv  (=  vexillatio),  6o05,  ixoxouß'Twp,  ßouxeXXapioc  etc., 
voxapto;,  ivStxtCcov,  &XouoTptos  etc.126).  Wenn  dagegen  bei 
Prokopios  die  Latinismen  verhältnismäßig  etwas  zurücktreten  — 
Beispiele  sind  nwrpixfc  (arc.  27, 17  Bonn),  5o0?  (bell.  Pers. 
89,  5),  aiXevxtdcptoc  (bell.  Pers.  243, 13),  TCpattwp  und  xota'arwp 
(arc.  116, 10),  rcpoUT&ptoi  und  xerrnvapia  (arc.  119, 1),  fia^toxpo;, 
rcaXaxtvoi,  npißaExa  und  7caxpt(t6vtov  (arc.  124,23),  6ouioxi- 
xot  xe  val  rcpoxVjxxopes  (arc.  136,  23),  xaßeXX(a>v  (arc.  154, 13), 
<pot8epÄxot,  fatcpepevSoSpioc,  uiXtxes,  aar^xpfjxi;  etc. l2Ä)  — , 
wenn  er  als  verschämter  Attizist  zu  denselben  noch  hanfig 
ein  Xey6|uvog  oder  xaXoujievo;  beisetzt127),  so  zeigt  hin  wiederum 
der  bedeutendste  Vertreter  des  Vulgärgriechischen  in  der  Zeit 


Vgl.  Lexique  des  mota  Latins  dans  Thäophile  et  les  novelles 
de  Justinien  par  C.  G.  Triantaphyllides  in  Jean  Psicharis  Etudes  de 
Philologie  neo-grecque,  Par.  1892,  S.  159  ff.  255  ff.  —  Vgl.  auch  C.  Fer- 
rini,  Byz.  Zeitschr.  VI  (1897)  548  ff. 

"<)  Vgl.  z.  B.  CIG.  III  5187  aus  Ptolemais  in  Cyrene  das  Edikt 
des  Kaiser«  Anastasios  (491 — 518)  de  ordinandis  stipendiis  müitam  in 
griech.  Sprache.  Als  Latinismen  kommen  vor  doOg  und  douxtxöc. 
Avvtova,  xdxixa,  xdoxpa,  xauoapioij  XP*)0**1  TOtC  vö^o;;, 
tpooo&xov,  ic  p  a  ( <p  s  x x  o  c,  öojisoxtxöc,  osiXivxiipto;, 
ßouxivdxcop  etc.  Dazu  bemerkt  Joh.  Franz  „de  singulis  vocabulis 
huius  barbariei  non  operae  pretiam  est  dicere*,  eine  Ansicht,  die  jetzt 
hoffentlich  Uberholt  ist 

"*)  Vgl.  Wessely  a.  o.  a.  0.  —  Wilcken  führt  auch  solche  Latinis- 
men auf  Gstraka  an;  cf.  U.  Wilcken,  Griech.  Ostraka  aus  Nubien  und 
Aegypten  Bd.  II,  Leipz.  1901,  Nr.  1128  (J.  205):  Äxxtwvt,  Nr.  1143: 
xsaospdpios  dxxieovt  x*ipstv  (=  CIG  III  5109,  15;  Anf.  d.  3.  Jahrh); 
vgl.  Nr.  1144,  1146,  1224,  1476,  1611  etc.  und  Bd.  I  Leipz.  1899  S.  IX 
und  Nr.  762  f.  —  Vgl.  Bury  a.  o.  a.  O.  167  ff. 

IIfl)  Vgl.  noch  Weber  II  31. 

,,?)  Vgl.  auch  Bury  a.  o.  a.  O.  S.  169  f.  —  Thumb  a.  o.  a.  0.  S.  159  f. 


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Sprachenkampf  im  römischen  Reich. 


713 


Justinians,  Malalas,  eine  solche  Fülle  lateinischer  Lehnwörter128), 
daß  man  daraus  ersieht,  daß  dieselben  in  der  Sprache  des 
Volkes  fast  ebenso  üblich  waren,  wie  bei  uns.  zumal  in  den 
rheinischen  Gegenden  z.  6.  in  der  Rheinpfalz  französische 
Ausdrücke12*).  Die  dem  Latein  entlehnten  Verba  auf  -stiu)130) 
scheinen  in  der  späteren  Gräzitat  fast  eine  ähnliche  Rolle  ge- 
spielt zu  haben  wie  unsere  mit  dem  Suffix  -ieren  gebildeten 
Gallizismen.  Eine  Uebersetzung  der  im  Kanzleigriechisch  der 
JustinianeiBchen  Zeit  geschriebenen  Biographie  des  Joh.  Lau- 
rentius Lydus131)  oder  des  Werkes  des  Kaisers  Konstantinos 
Porphyrogennetos  über  das  Zeremoniell  am  byzantinischen  Hofe 
in  das  ä  la  mode  -Deutsch,  wie  es  in  den  Kanzleien  und 


'")  Gesammelt  von  Körting,  Index  lect.  Monast.  1879.  Vgl.  dazu 
C.  Wagener  im  Philol.  Ans.  X  92  f. 

iwj  Vgl.  z.  B.  Französische  Familiennamen  in  der  Pfalz  und  Fran- 
zösisches im  Pfalzer  Volksmund  von  Phil.  Keiner,  Progr.  Zweibrücken 
1891.  —  Französisches  im  mecklemburgischen  Platt  und  in  den  Nach- 
bardialekten, I  und  II  von  Rieh.  Mentz,  Programme  des  Realprogym- 
nasiums in  Delitzsch  1897.  1898.  —  Oallicismen  in  den  niederrheinischen 
Mundarten  von  J.  Lei th äußer,  Progr.  des  Kealgymn.  Barmen  1891  u.  1894. 

I9°)  Vgl.  z.  B.  xoupocxopsuo)  («Rom  und  Romanismus"  S.  228). 
dvvcovtuo)  Wessely  124,  xpouxoot xsöü)  ibid.  144,  Xriyotitiitii  Marci 
Diac.  v.  Porphyrii  a.  a.  0.  46,17  und  82,8,  ui)xax8ua>  ibid.  52, 11  f., 
IvOixsüo)  Lafoscade,  Infi.  133  Fußn.  3,  8tj9ev8söü)  Mauric.  11,1, 
7ipatosvxsuw  Malalas  176,8,  ÖT]ptY«i>ä>  ibid.  322,10  (u.  Const. 
Porphyrog.  Oer.  I  70),  4£xoootöü>  ibid.  356, 19,  d  x  X  t  x  •  ö  a>  ibid. 
333,15,  xpai8süa>  ibid.  30, 21,  otjxp tjxsuo)  Laur.  Lyd.  de  mag.  III 27. 
Bury  a.  o.  a.  O.  II  c.  7  p.  173  sagt,  daß  die  lat.  Verba  auf  -ari  zu 
solchen  auf-  euo)  wurden  wie  xpatÖsOo),  epötviuco,  dxXtxsua>. 

,Sl)  Laur.  Lyd.  mag.  III  26  ff.  ;  vgl.  z.  B.  c.  27:  ot  8s  npöt  xö  ßor^Iv 
!mb  xoö  XsYOuivou  d  ß  d  x  x  i  c  xaXoüjitvov,  xo  ji^xoxs  fs.vö\xtvov,  xapaxa- 
Xoövxtc  xpoceXdßovxö  |ie  tt;  xpöxov  xaP<t0ü^^Pl0V''«'  6jio(ü>s  xouöv 
dvx*  aoxßv  xö  Xeyou4vov  xtpocovdXiov  xai  xoxxtöiavöv,  xepl  5>v 
dpxt  ÖttgfjXd-ov,  oo  uyf  toiitovoiz  Ix&iprp,  &v  b  XöyoC  ÄÖe  ■  xdvxsc  uiv 
dvixa&sv  o£  xapd  rg  xoxk  xprirrg  xöv  dpx&v  ßor^oövxsc  xotg  xpix^uot 
o  x  p  i  v  L  o  i  €  öti  TcoXXf^  4giXauxov  xai&etas  •  xepl  fis  xijv  Tauatov  ?  o)vt,v 
xö  xXiov  §x«iv  4axo68a£ov  •  xpuu>&%  y*p  V  aöxotc  xaxd  xdvaYxsTov  .  .  .  . 
oovixaxxe  xt(v  Xeyouivyjv  oouyfioxi&vaL  —  dvxl  xoO  ÖidaoxaXtav  ....  ä>{ 
ixnX^xtsiv  xöv  xs  xffc  ßouXffc  xuatoxopa  xal  xoug  X^youivoi^  ndXou  uiv 
dvxex^voo^otc,  xad-'  <judc  84  dvxiYpotcpalc(l).  .  .  oö  (lovov  4xXY,pouv  xdg 
elpijuivas  Xe'.xot>pY£ag  4x1  xoO  cxpiv(oi),  dXXd  ixijv  ixeotjxp^xsuov 
xapd  xoTg  xaxuYP*?01«»  1x1  ^  ßoTj^Äv  4x4poi{  4v  x$  xtuivst  xf)c  8(x>jg 
xaxuYPatf -oflotv,  fi  xaXttxai  o^xpTjxov  ....  iv&tv  d&axep  dvaxxepwfreic  4x1 
xou$  XsYO{iivoi>c  d  o  tj  x  p  x  i  c  xfjg  a&Xf}c  Ixsiy^V*  Die  zahlreichen  lat. 
Wörter  und  Ausdrücke  in  diesem  Werk  s.  im  Index  der  Ausg.  von 
Rieh.  Wuensch,  Leipz.  1903  S.  173  ff.  Vgl.  auch  O.  Crusius,  Röm. 
Sprichwörter  ...  bei  Jo.  Laur.  Lyd.,  Philologus  LV1I  (1898)  501—503. 
—  Ueber  lat.  Beamtentitel  im  byz.  Reich  s.  auch  Krauser  a.  o.  a.  O. 
S.  100  u.  u.  A.  132.  —  Immisch  a.  o.  a.  O.  S.  358  f. 


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714  Ludwig  Hahn, 

an  den  Höfen  des  17.  Jahrh.  üblich  war,  würde  klar  zeigen, 
daß  anch  die  griechische  Sprache,  die  uns  als  die  reinst« 
erscheint,  eine  Periode  gehabt  hat,  in  der  sie  der  Ausländerei 
und  Barbarei  verfiel132).  Dies  gilt  besonders  auch  für  die 
Sprache  des  Heeres.  Das  atpatrjyixöv  des  Kaisers  Maurikios 
(t  603)  wimmelt  von  lateinischen  militärischen  Ausdrücken  ,,s). 

Wie  viele  lateinische  Wörter  durch  Vermittlung  des  Grie- 
chischen in  die  durch  das  Christentum  zu  neuem  Leben  er- 
weckten Sprachen  der  orientalischen  Völker,  in  das  Syrische l84), 
Armenische  l36),  Arabische 180),  Persische 137),  Koptische ,S8),  über 
gingen139),  dies  nach  dem  Vorgang  von  Samuel  Krauß139*), 

,st)  Wie  sehr  die  offizielle  Sprache  mit  Latinismen  versetzt  gewesen 
ist,  erkennt  man  an  der  Sprache  des  Werkes  des  Kaisers  Eonstantinos 
Porphyrogennetos  De  caerimoniis,  die  von  Latinismen  wimmelt.  —  Paul 
Koch,  Die  byzant.  Beamtentitel  von  400 — 700.  Diss.  Jena  1903.  —  S. 
auch  Kreuser  100.  —  Die  Latinismen  drangen  in  die  vulgäre  Verkehrs- 
sprache des  Mannes  aus  dem  Volke  ein,  wie  im  Westen;  die  Gräzismen 
in  der  latein.  Sprache  dagegen  gehören  zum  größten  Teil  der  Gelehr- 
tensprache an  (vgl.  ,Rom  und  Romanismus"  265  f.).  Der  großen  Zahl 
der  lat  Lehnwörter  im  Neugriechischen  (cf.  Gustav  Meyer  a.  a.  O.)  stehen 
nur  wenige  altgriech.  Wörter  gegenüber,  die  sich  in  den  romanischen 
Sprachen  im  Volksmunde  erhalten  haben  (cf.  Fr.  Diez,  Gr.  d.  roman 
Spr.«  57—61). 

m)  Z.B.  dTjuoxdtot,  dvtixdvowpsc»  uivocopsc,  xavtdttup, 
06 ya.  Das  Latein  war  auch  noch  in  Kommandoworten  in  Gebrauch 
z.  B.  Sta!  Ad  latus  stringe!  Cf.  Bury  a.  o.  a.  O.  S.  172.  Vgl.  die 
Parole  voßioxouu.  Äioug  Mauric. 2, 17.  7, 16.  —  Zacharias  von  Lingen- 
thal,  Byz.  Zeitschr.  III  437  ff.  —  Aussaresses,  l'auteur  du  Strategicon,  Rev. 
6t  anc.  VIII  23  ff.  —  Lafoscade,  Infi.  142.  —  Immisch  a.  o.  a.  O.  S.  359  f. 

"«)  Bruns-Sachau,  Syr.-röm.  Rechtsbuch,  Leipz.  1880,  Kommentar 
S.  347 ;  cf.  155  ff.  —  Gust.  Meyer  a.  o.  a.  O.  III  2  f. 

"*)  Vgl.  C.  Brockelmann,  Die  griech.  Fremdwörter  im  Armenischen, 
Zeitschr.  d.  deutschen  morgenländischen  Gesellschaft  XLV1I  (189') 
S.  lff.,  H.  Hübschmann,  Armenische  Grammatik,  Leipz.  1895  S.  322  ff., 
A.  Thumb,  Die  griech.  Lehnwörter  im  Armenischen  in  der  Byzant 
Zeitschr.  IX  (1900)  S.  388  ff. 

IM)  8.  auch  die  Angabe  der  baskischen  uud  keltischen  Wörter,  die 
ins  Arabische  eindrangen,  von  Völlers  in  der  Zeitschr.  der  deutschen 
morgenliindischen  Ges.  LI  (1897)  S.  311  ff.  —  Siegmund  Frankel,  Die 
aramäischen  Fremdwörter  im  Arabischen,  Leyden  1886,  S.  191  f.  19o  f. 
197,  199,  201  ff,  278  ff.  und  passira. 

,,T)  Cf.  Procop.  bell.  Pers.  244, 17:  i  KccToctp,  o3xco  yty  töv  Tcouattov 
ßaoiAsa  xaXoÖoi  üipoou. 

Vgl.  W.  C.  Crum,  Coptic  ostraca.  Lond.  1902,  S.  23  <p  6  X  X  i  q  , 
S.  45icAouu-ap{Cstv,  S.  69  5  o  G  g  etc.  —  Osk.  v.  Lemm,  Kleine  kop- 
tische Studien  im  bull,  de  l'acade'mie  imp.  des  sciences  de  St.  Peterbourg 
V.  ser.  tome  XVIII  nr.  1  (1900)  p.  45  ff. 

Spftter  auch  ins  Russische  (cf.  Zar  von  Caesar  ==  Kottaap)  und 
in  andere  slavische  Sprachen,  wie  früher  schon  ins  Gotische  (cf.  v.  d. 
Gabelentz-Loebe,  ülfilas,  Lips.  1846,  II  2  S.  4.). 

"•»)  Griech.  und  lat.  Lehnw.  im  Talmud,  2  Bde,  Berl.  1898—99. 


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•  Sprachenkampf  im  römischen  Reich.  715 

der  bes.  das  Hebräische,  oder  Gustav  Meyer  I4°),  der  speziell 
das  Neugriechische141)  in  Betracht  zog,  zu  erweisen,  wäre 
eine  dankbare  Aufgabe  für  die  orientalistische  Philologie. 

Eine  zweite  Aufgabe  aber  ist  es  darzulegen,  wie  und  aus 
welchen  Gründen  es  der  griechischen  Sprache  möglich  war, 
den  Jahrhunderte  hindurch  dauernden  Ansturm  der  lateinischen 
ohne  bedeutendere  Schädigung  auszuhalten,  wie  seit  der  Zeit 
Justin i an s  das  Latein  im  Osten  immer  mehr  zurückgedrängt 
wird14*),  wie  eine  national-griechische  Reaktion  eintritt,  wie 
dann  aber  der  Hellenismus,  der  dem  Romanismus  so  erfolg- 
reich widerstanden  hatte,  durch  Araber  und  Türken  hinweg- 
gefegt wird148). 

Sitzb.  d.  Akad.  zu  Wien  1895,  Bd.  132,  Neugriech.  Stadien  III  1  ff. 

»*>)  Von  den  ebendort  (IV  1  ff.)  angegebeneu  romanischen  Lehn- 
wörtern im  Neugriechischen  dürften  einige  noch  als  lateinisch  bez.  vul- 
garlateinisch  in  Anspruch  genommen  werden,  so  uiXo  =  ßf)Xov,  velum, 
pepya  =  rirga,  ßior«  =  Testis,  jiixdp'.oG  =  vicarras,  ys>sAXoc  =  gemellus, 
JeTc^ctov  =  depositum,  xovÖIxoc.  =  condiium,  XtfltXXoc  =  iibellus,  \utx- 
pöva  =  matrona,  vor&poc,  =  notarius,  uavtpt  =  panarium  etc. 

us)  Uebrigens  dachte  noch  Constans,  der  Sohn  des  Kaisers  Kon- 
stantin III.  und  Enkel  des  Heraklius,  an  die  Wiederaufrichtung  des 
rOmischen  Reichs;  cf.  Theoph.  Gonf.  384,4:  ToÖTip  t$  Ittc  xataJUxcbv  Ö 
^aatXsug  KwvcxavuvoönoXiv  ustsoti)  sv  Xupaxoöcg  t?,c  SuUkia^  ßouÄrj&el; 
tv  'Pcomj  ttjv  ßaotXs(av  usracrrtjoat.  —  S.  auch  Sievers,  Libanius  12. 

1M)  Dazu  bedarf  es  noch  Qberall  der  grundlegenden  Arbeit  Denn 
der  Kampf  der  Nationalitäten  und  Sprachen  im  rOmischen  und  im 
byzantinischen  Reiche  ist  bisher  noch  wenig  beachtet  worden.  S.  auch 
Krumbacher,  Byzant.  Lit.1  S.  1136. 


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716 


Inhalt.  Sachregister. 


Inhalt. 


Seite 


L  Mittel  der  Romanisierung;  Krieg,  Gründung  von  Kolo- 
nien, Verleihung  der  civitas  

II.  Verbreitung  de»  römischen  Rechts  

III.  Das  römische  Heer  als  Romanisierungsfaktor  .... 

IV.  Der  Druck  des  römischen  Kapitalismus.  Die  , italischen* 
Kaufleute  im  Osten.    Reichsmaß  und  Reichsmünze  .  . 

V.  Roms  Bedeutung  in  der  Religion  .  Kaiserkult»  Papsttum 
VI.  Gebrauch  und  Verbreitung  der  lateinischen  Sprache  im 
Osten.  Das  Latein  als  Amte-,  Heeres-,  Rechts-  und  Kir- 
chensprache   

VII.  Latinismen  und  lateinische  Fremd«  und  Lehnwörter  im 
Griechischen,  bes.  in  Inschriften  und  Papyri,  bei  Poly- 
bios,  [Dionysios  Ton  Halikarnaß,  Plutarch],  im  N.  T.« 
(lateinische  Lehnwörter  in  der  Mischna),  in  Märtyrerle- 
genden, in  der  griechischen  UeberBetznng  des  Edictum 
Diocletiani,  in  den  Novellen  nnd  bei  Theophilos,  bei 
Prokopios,  Job.  Laur,  Lydus,  Malalas,  Maurikios.  Lat 
Wörter  in  orientalischen  Sprachen  698  f.  705 — 714 


678—688 
683-684 
684  -686 

688—691 
691—694 


694—705 


Berytos  S.  6SL  699. 

Christentum,  Einfluß  des  Romanis- 
mus auf  das  —  692  ff. 

civitas,  Verbreitung  der  —  im 
Osten  682  f. 

conventus  civium  Rom.  689.  fi9T. 

Diocletimt  701 ;  lat  Wörter  in  der 
griech.  Uebersetzung  des  Edic- 
tum Diocl.  711. 

Dionysios  von  Halikarnaß,  latein. 
Wörter  bei  —  708. 

Handelt  röm.  im  Osten  688  ff. 
Hellenismus  u.  Rom  im  Bunde  ge- 
gen Orient  u.  Christentum  681  f. 

Inschriften,  lat.  Wörter  in  griech. 

—  202  f.  212. 
Italizismen  in  der  griech.  Komödie 

206. 


Iustinian  und  die  Reichssprache 
202  f. 

Kaiserkult  691  f. 

Kolonien,  röm.  im  Osten  680  ff- 

Konstantin  d.  Gr.  692.  695,  201  f. 
.  Konstantinopel,  die  lat  Sprache 
in  —  202  f. 

Konstantinos  Porphyrogenneto*. 
lat  Formeln  bei  —  203.  713. 

Lateinische  Sprache,  Gebrauch  der 

 im  Osten  694  ff.,  als  AmU- 

und  Reichssprache  694  f.  701  ff  . 
als  Heeressprache  6J5  f.  701.  714. 
als  Rechtssprache  696  f.  IÜ1  ff  ., 
als  Kirchensprache  704  f.  — 
Fremd-  und  Lehnwörter  im 
Griech.  206  ff.  —  Formeln  im 
bvzant  Hofseremoniell  203,  TIA 

Latinismen  in  ins  Griech.  übersetz- 
ten Urkunden  o.  bei  den  griech. 
Historikern  ZÖlf.  712  ff. ;  cf.  628  f. 


Sachregister.  Sprachliches. 


717 


Lydus,  Lat.  Wörter  bei  Joh.  Laur. 
—  713. 


Märtyrerlegenden,  Lat.  Wörter  in 

griecb.  —  110,  A.  118, 
Maß,  röm.  —  alt  Reichsmaü  690. 
Maurikios,  lat  Wörter  im  <rcpa*nfj- 

Ytxöv  de«  —  714,  A.  132. 
Misch  na,  lat.  Wörter  in  der  —  709  f . 
Münze,  die  röm.  —  als  Reicht- 

münze  69LL 

Novellen,  lat.  Wörter  in  den  —  112, 

Orientalische  Sprachen,  lat.  Wörter 
in  den  7_Uf, 

Paulus,  Der  Apostel  —  als  röm. 

Borger  683 
Papsttum,  Entwicklung  des— 691  ff., 

Latein,  die  Sprache  des  —  194  f. 
Plutarch,  Lat.  Wörter  bei  —  20& 
Polybios,  Lat  Wörter  bei  —  70L 


Prusias  IL  von  Bitbynien  680. 
Recht,  Verbreitung  des  röm.  —  im 

Osten  683  f.  696  f. 
Römisches  Heer,  Bedeutung  des  — 

—  für  die  Romanisierung  685  ff. 
695  f. 

Römische  Literatur,  Verhältnis  der 
Griechen  sur  698  ff.  704  f. 

Rom,  Einfluß  der  Hauptstadt  auf 
die  Romanisierung  680.  697  ff. ; 
Bedeutung  in  der  Religion  691  ff. 

—  Metropole  des  Christentums 
692  ff. 

Sicilien  romanisiert  679. 

Testament,  Lat.  Wörter  im  N.  T.  209. 

Theophilos,  Lat  Ausdrücke  in  der 
Paraphrase  des  —  696,  712. 

Uebersetsungen  aus  dem  Lateini- 
schen ins  Griecb.  m  105. 

Zenobia  688. 


Sprachliches. 

(Verzeichnis  der  vichtigeren  hier  erwähnten  Lehn-  und  Fremd wör  - 
ter,  die  dem  Lateinischen  entnommen  sind.) 


dß  ftxttt  IIS  A.  1ÜL 

dXrj  (ala)  698  A.  61.  708,  HL 

710  A.  118.  711,  712  A.  124; 

Awmvtto  712  A.  131L 
dvxsx^vowp  (dvtix4voa)p)= anteceßsor 

713  A.  13L  TU  A.  m 
drcXtxsixD  (applicare)  713  A.  130. 
doodptov  (as)  708,  709. 
4xp[s]tov  707,  709, 
aöxT&pixat  698  A.  63. 

[ßdvöov  101). 
psvecptxtdptoc  711. 

ßiota  (yestis)  71h  A.  Uli  ßsrctdpiov 
(yestiarium)  711  A.  118i  ßiouov 
(vestimentum)  710  A.  1  ld. 

ßfjXov  71h  A.  UL 

ßiduxov  687  A.  26,  71L 

ßtxdpto«  71Q  A.  118,  711  A.  122, 
715  A.  Uli  ßtxapia  712. 

[ßoOpYOS  7071. 

ßpißiov  (breve)  699  A.  6k 

[yalooc  707]. 

Ösxo[o]pto)v  706,  108* 
Jenöcixov  (esuo^aov)  209  A.  116, 
A.  141. 

tojvdpiov  708,  709j  ötjvÄ>oc  700  A. 
72:  cf.  690, 


ötxxdttop  706 ;  Ötxxaxo>psuü>  698  A.  63. 
Öouionxoi  699  A.  66,  712j  Öojieoxi- 

x6;  712  A.  124. 
ÖoöS  (ÖoOg)  699  A.  65  und  66,  711 

A.  118.  712  n.  A.  124,  TIA  A. 

[«poO-rr«*]  107,  711  A.  122, 

sxoxoußfaap  712, 
ftgs|iicXkptov  709  A.  115. 
i§xooos6a>  712.  713  A.  130. 

tUoöoxptoc  710  A.  118.  712. 
tvöixsö»  713  A.  120. 
IvÖtxxtov  712. 

xataap  TU  A.  137  und  139. 
xaX(Ya  Z10i  xoXiy&wc  698  A.  63. 
xaXixtoc  (xdXuo;,  =  calceus)  680. 

706,  707. 
xdoxsXXov  711  A.  122. 
xdotpoc  711,  712  A.  124i  xcwxpifaioc 

711  A.  118, 
xsXXa  7M,  709;  xeXXiov  706  A.  109, 

711  A.  Iii;  xsXXdpioc  711. 
xsvxopüov  fx*vtup(a>v)  706,  708. 
xevxupla  708. 
xijvoog  7Q9. 
xXdoai)  708. 

xoiaiarop  (xuaCaxwp)  =  quaestor  699 


718 


Sprachliches. 


A.  66.  712,  218  A.  läL 
xcX«vt£a  708,  711. 
x<Hi>)C  21G  A.  US, 
xo'jßixGtjXäf/.QG  710  A.  IIS, 
xoupdxwp  HO  A,  118;  x&upaxopeüti) 

70g,  IIS  A.  130, 
xoup'.a  698  A.  62, 
xoooxu>e[d]ta  709,  HO  A.  IIS, 
xcüS{xiXXo(  711. 
xödtg  712. 

xa)vo;OTu>pi&v  III  A.  118,  712. 

Xtytcov  (X«yuov)  69S  A.  63,  099  A. 

65,  200  A.  72,  708,  709j  XEyto>- 

väfxoc  Z1L 
X^vxiov  2flö  n.  A.  115,  Ilü  A.  IIS, 
Xixp  a  70fi. 

ndyiaxpog711  A.  118,  712  ;  yix'.tov 

699  A.  GfL 
naxpwva  21£  A.  HL 
luXiap^aiov  691  A.  35. 
jiüLtov  £99  A.  G6.  2112  A.  8G,  707. 

708,  709,  III  A.  122, 
lidfiw;  706,  209, 

voxdptoc  ß99  A.  66,  710,  711,  712  ; 
voxftpoc  115  A.  HL 

oyx£a  (ancia)  706. 
dTuOov  212  A.  125, 
oottpavöc  708,  21L 

«aXittov  702  A.  86,  710  A.  118: 

rtaXaxtvog  712. 
«avdptov  709:    itavipt  (panarium) 

215  A.  HL 
7ca7ti>Xu6v  711. 

naxpixiog  699  A,  §6,  706:  «axpixicc 
212, 

itthpwv  706,  708. 

rcXoujiäptos  Hl ;  ttXoujiapKsiv  Iii 

a.  m 

Tcpcaösöo)  212  A.  IM. 
7ipa£x»p  712;  Ttpouxopwxvig  698  A. 
64.  699  A.  66i  npacwoptoi  712 ; 


xXdoorj  npaixcopia  708 ;  rcpcr/aiptc, 
702  A.  86,  709,  710  A.  11« 

«palsptxxo;  707,  112  A.  124, 

Tiptßixov  699  A.  65,  712. 

Ttpoxixxwp  (itpOT^XTOip)  710  A.  118, 
112. 

f(tal5a  Ulk  (5oaWov  7_lfi  A.  118]. 
Ml  699  A.  G6:  705  A.  106.  711  A 

122.  112, 
0dya  Iii  A.  133. 
'PtouÄta,  705:  'Pwfutfx^  IM, 
'Praevia  621  A.  L 

[odyoc  707,  7111. 

c[s]lX£VX'dptO£  112  u.  A.  12i, 

cexoOxtop  698  A.  63,  699  A.  68, 

oVjXpijxov  (aixptxov)  102  A.  8$,  71ü 
A.  213  A.  Uli  4  <nj*p**C 
712,  713  A.  13L  o-rixp^xeüo)  2Li 
A.  130,  imoijxpy^süo)  113  A.  L3L 

oxouTdptoc  6Ö8  A.  62,  699  A,  6tL 

oxp(viov  699  A.  65,  712.  713  A.  1SL 

aoußarcavxia  Ilü  A.  112. 

couddptov  210  A.  US, 

Oü|i^6X[>.]iov (subselliuui)  199  A.  IIA 
HO  A.  L18, 

xapeXXtov  712;  xaßXdpio;  708;  xapoOXij 

200  A.  IL 
xeacapdpiog  (isaoepap-.o;)  708,  712 

A.  125. 
xr,ßevva  (toga^  706, 
xCxAoc  (titnhu)  209. 
x[o|,jp^rJ  (turma)  711. 
xpißoövog  (199  A  66,  211  A.  122. 

&ooö{  (hasia)  706. 

cpouJUa  683  A.  IIa 
cptoxoc  699  A  68, 

(pcXXtc  691  A,  85,  699  A.  66,  Hl 

A.  138, 
cpdpo;  (forum)  102  A.  86, 
cpdooa  TOS  A.  lUi  ^oaodxov  212  A. 

121, 

cfpaysXXiov  (flagellum),  qfpaysXXtf> 
709. 


In  denselben  Verlage  ist  erschienen: 


Die  Französische  Sahara. 

Versuch 

einer  geographisch  wirtschaftlichen  Studie. 

Mit  einer  Kartenskizze  und  zwei  kleinen  Skizzen. 

von 

Oberstleutnant  z.  D.  Hübner. 

1907.   5  Bogen  8*.   M.  1.60. 

Bis  vor  wenigen  Jahren  noch  pflegte  man  oft  das  Urteil  zu  hören: 
„Die  Franzosen  verstehen  nicht  zu  kolonisieren".  Erst  die  letzten 
Zeiten  haben  gezeigt,  wie  grundfalsch  dieser  Ausspruch!  In  ihrem 
schönen  Kolonialbesitz  haben  unsere  Nachbarn  in  den  letzten  Jahr- 
zehnten Ausserordentliches  geschaffen  und  Ausserordentliches  geleistet. 
Im  besonderen  sind  sie  in  den,  den  deutschen  Kolonien  benachbarten 
westafrikanischen  Besitzungen  erfolgreich  tätig  gewesen  und  haben 
hier  in  Baumwoll-  und  Gummikultur  Erträge  erzielt,  die  es  wohl  be- 
gründen, wenn  man  ihnen  Aufmerksamkeit  schenkt,  wenn  man  dem 
Vorgehen  der  Franzosen  nachzueifern  sucht.  Diese  westafrikanischen 
Besitzungen  verdienen  umsom  ehr  all  gemeinstes  Bemerken,  weil  Frankreich 
jetzt  beginnt,  auch  auf  sie  lussend  gegen  das  Hinterland  von  Marokko 
vorzugehen.  Und  von  diesen  Gesichtspunkten  ausgehend,  unternimmt 
es  der  Autor  vorerwähnter  Broschüre,  der  allgemein  als  einer  der  besten 
Kenner  nordafrikanischer  Verbältnisse  gilt,  die  Sahara,  das  Land,  das 
die  Eingeborenen  als  „das  des  Hungers,  des  Durstes  und  des  Schreckens* 
bezeichnen,  in  ihrem  Werte  als  Hinterland  Algeriens  und  des  Senegals, 
uls  Hinterland  Marokkos  zu  kennzeichnen.  Die  Broschüre  ist  allen 
Politikern,  allen  Geographen  und  Kolonialfreunden,  allen  Lehrern  usw. 
auf  das  dringendste  zu  empfehlen. 


rÖmkrilP    Afrika  vou  Adolf  8chulteil>  Professor 
Udb   lUIUIKUie   iUIlKdan    der  Universität  Erlangen. 

1899.  Gr.  8°.    116  S.  mit  5  Tafeln  Abbildungen.    Geh.  M.  2. 

Aus  Besprcchutigen  : 

FF.in  treffliches  Buch,  welches  die  wissenschaftliche  Erforschung 
des  alten  Nordafrika  in  übersichtlicher  Weise  und  ansprechender  Dar- 
stellung vorführt.* 

Neue  philologische  Rundschau. 

«Man  darf  die  Schrift  als  ein  Muster  ihrer  Art  bezeichnen;  sie 
bietet  dem  Leser  eine  Fülle  ausgesuchter,  wohlbegründeter  und  sehr 
anschaulicher,  überall  aus  dem  Vollen  geschöpfter  Belehrung  darunter 
gewiss  für  manchen  wahre  Ueberrasehungen.* 

Neue  Jahrbücher  f.  d.  class.  Altertum. 

Eine  hübsche  Skizze,  an  der  viele  ihre  Freude  haben  werden. 

Zeitschrift  für  das  Gymnasialwescii. 

Vergleiche  ferner  Allgem.  Litteraturblatt  XI.  Jhrg.  Nr.  12.  — 
Tijdschrift  v.  Gesch.  Land-eu  Volkenk.  XVII  e  jaarg. 


Di 


In  demselben  Verlage  ist  erschienen: 


Die 

Entstehung  des  Altkatholizismus 


von 


Lic.  theol.  Karl  Dunkmann, 

Direktor  am  Königl.  I'redigerwciniiiar  tu  Wittoaborg. 

(Geschichte  des  Christentums  als  Religion  der  Versöhnung 

und  Erlösung  1,2) 

1907.    193/*  Bogen  gr.  8°.    M.  r». 

Der  Ausgangspunkt  der  historischen  Theologie  ist  im  19.  Jahr- 
hundert zweimal  das  Problem  von  der  Entstehung  des  Altkatholizisuw 
gewesen:  zum  erstenmal  bei  F.  Chr.  Baur,  der  überhaupt  das  Problem 
als  Erster  formuliert  und  behandelt  hat,  zum  andernmal  bei  A.  Ritsehl 
und  insbesondere  bei  M.  von  Engelhardt.  Jeder  Versuch  zur  Neuorien- 
tierung in  der  Geschichte  der  christlichen  Religion  wird  deshalb  mit 
derselben  Fragestellung  anheben  müssen.    Das  geschieht  in  dem  vor- 
liegenden 2.  Hefte  des  ersten  Bandes  einer  Geschichte  des  Christentum! 
unter  der  eigentümlichen  Gesichtspunkten  der  Versöhnung  und  Krlö- 
sung    Hatten  die  „Prolegomena*  diese  Gesichtspunkte  zur  kritisch« 
und  genetischen  Entwicklung  gebracht,  so  erfolgt  nunmehr  die  histo- 
rische Deduktion,  um  die  Richtigkeit  der  angewandten  Gesichtspunkt* 
zur  umfassenden  Kritik  des  Begriffs  der  christlichen  Frömmigkeit  fiter 
haupt,  historisch  und  grundlegend  am  Altkatholizismus  zu  erhärten 
In  der  Darstellung,  welche  im  Orient  und  Okzident  jedesmal  die  her- 
vorragendsten Theologen  zum  Gegenstand  macht  —  im  Orient 
Patres,  Justin,  Irenaus,  Origenes,  Athanasius,  im  Okzident:  Tertullian 
und  Auguatin  —  ist  jedesmal  unterschieden  zwischen  der  Frömmigkeit 
uud  der  —  sekundären  —  Theologie  der  betreffenden  Kirchenvater 
Augustins  Frömmigkeit  sowohl,  als  auch  Theologie  insbesondere  er&cbeiu 
dabei   als  Abschluss  der  gemeinsamen  altkatholischen  Entwicklung. 
Gerade  hier  war  das  Bestreben,  unter  den  neuen  Gesichtspunkten 
neues  und  zugleich  befriedigendes  Verständnis  dieses  grössten,  beute  »o 
viel  umstrittenen  Kirchenvaters  des  Allkatholizismus  zu  bieten. 


Druck  von  FI.  Lauj.p  jr  in  Ttlhingeit 


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